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Die Sterne über Falkensee

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. 31. Kapitel
  38. 32. Kapitel
  39. 33. Kapitel
  40. 34. Kapitel
  41. 35. Kapitel
  42. 36. Kapitel
  43. Epilog
  44. Danksagung

Über dieses Buch

Westpreußen 1925: Nach einer stürmischen Romanze geben sich Isabella von Bargelow und Kaufmann Julius Kirchner auf Gut Falkensee das Jawort. Wenige Jahre später fällt auf ihr Glück ein Schatten. Julius schließt sich der NSDAP an, und Isabella versteht ihren Mann nicht mehr. Dann entdeckt sie versteckt im Gutshaus eine Fremde. Ist es Julius’ Geliebte? Als Isabella die Wahrheit erfährt, muss sie um ihre Familie bangen. Ist sie bereit, ihre Liebe und ihr Gewissen zu opfern, um Kinder und Heimat zu schützen?

Über die Autorin

Luisa von Kamecke wuchs mit den Erzählungen ihrer Mutter vom westpreußischen Drei-Werder-Land auf. Mit den Romanen um Gut Falkensee setzt die Autorin der Heimat ihrer Vorfahren ein literarisches Denkmal. Die dramatische Familiengeschichte der von Bargelows erzählt von Heimat, Liebe und Verlust vor dem Hintergrund eines Landstrichs voller Melancholie und Schönheit. Nach zahlreichen Romanen unter verschiedenen Pseudonymen ist dies Luisa von Kameckes persönlichstes Buch. Luisa von Kamecke schreibt auch unter dem Namen Elaine Winter.

L U I S A V O N K A M E C K E

DIE STERNE

ÜBER

FALKENSEE

WESTPREUßEN-SAGA

ROMAN

Gewidmet meinen westpreußischen Vorfahren aus Conradswalde nahe Bischofswerder – allen voran meiner Großmutter Hedwig, meiner Großtante Millie, meiner Tante Friedchen und natürlich wieder meiner lieben Mamms.

Ich danke euch von Herzen für die Erinnerungen, die ihr mit mir geteilt habt.

1. Kapitel

Isabella

Gut Falkensee, Westpreußen, Juni 1924

Isabella war ein wenig außer Atem, als sie die breite Freitreppe vor dem Eingang des Herrenhauses hinunterlief. Sie war in Eile, denn sie hatte in ihrem Zimmer eine Weile nach dem neuen Seidenschal suchen müssen. Die hellen Steinstufen reflektierten die Morgensonne, sodass Isabella die Augen mit der Hand abschirmen musste. Am Fuß der Treppe hob sich ihr Stiefvater wie ein Scherenschnitt vor den leuchtend bunten Sommerblumen des Rondells in der Einfahrt ab. Er hatte seinen Opel 10/30 bereits vorgefahren und stand wartend daneben.

»Tut mir leid, Papa.« Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, bevor sie sich eilig auf den Beifahrersitz setzte.

Konrad von Sandtberg murmelte etwas vor sich hin, lächelte jedoch, während er den Platz hinter dem Steuer einnahm. Er war Isabella so gut wie nie böse, und wenn er sich doch einmal über sie ärgerte, genügten ein unschuldiger Augenaufschlag und ein zerknirschtes Lächeln, um ihn zu besänftigen. Das hatte Isabella schon als kleines Mädchen von ihrer Mutter gelernt.

»Haben wir in Bischofswerder viel zu besorgen?«, erkundigte sie sich munter, während Konrad den Wagen die breite kiesbestreute Auffahrt entlangsteuerte.

»Dünger«, sagte ihr Stiefvater. »Vor allem brauchen wir einen guten Dünger.«

Obwohl sie gefragt hatte, hörte sie seiner Antwort nur mit halbem Ohr zu. Sie warf einen Blick zurück zum Herrenhaus, das in der Sonne schneeweiß leuchtete. Die langen Reihen blitzblanker Fenster des zweistöckigen Gebäudes schienen ihr zuzuzwinkern. Soeben trat Sabine, eines der Stubenmädchen, auf den kleinen Balkon über dem Eingang und schüttelte ein Kissen aus.

»Und ich muss mit dem Getreidehändler über den Verkauf der Ernte verhandeln«, fuhr ihr Vater fort. »Im Großen und Ganzen ist schon alles geklärt. Es sind nur noch einige Kleinigkeiten zu regeln.«

»Hmhm.« Mittlerweile waren sie durch das hohe schmiedeeiserne Tor gefahren und in die schmale Straße eingebogen. Durchs Wagenfenster betrachtete Isabella die weite Landschaft, die sich in sanften Wellen bis zum Horizont erstreckte. Einige hundert Meter entfernt funkelte der kleine See, in dem sie seit ihrer Kindheit an heißen Tagen badete, wie ein hellblaues Auge im Sonnenlicht. Die Zweige der Erlen und Buchen schienen ihr im sanften Wind fröhlich zuzuwinken.

Isabella spürte ein warmes Gefühl in der Brust. Wie immer, wenn sie sich im Automobil oder zu Pferd zwischen den Feldern und Wäldern des elterlichen Besitzes bewegte. Gut Falkensee war ihre Heimat – für sie der schönste Ort der Welt. Obwohl sie natürlich wusste, dass sie noch nicht allzu viel von der Welt gesehen hatte. Dennoch wollte sie nicht fort von hier.

Deshalb war sie froh, dass der Besitz von Arthurs Eltern nicht weit von Gut Falkensee entfernt lag. Wenn er sie tatsächlich heiratete, würde sie Falkensee oft besuchen können.

Ach, sie wünschte sich so sehr, dass Arthur ihr einen Antrag machte. Wie oft sie schon miteinander gelacht und gescherzt hatten, wenn sie sich bei Abendeinladungen und Festen ihrer gemeinsamen Bekannten begegnet waren … Erst neulich hatte er ihr Kleid bewundert und ihr gesagt, wie hübsch ihre Hände seien. Genau wie sie musste er doch einfach spüren, dass sie füreinander bestimmt waren. Mama sagte das auch immer wieder und vergaß nie zu erwähnen, dass es eine bessere Partie im ganzen Drei-Werder-Land nicht gab.

»Welche Besorgungen möchtest du denn machen, mein Kind?«, erkundigte sich ihr Vater. Konrad war erstaunt gewesen, als sie beim Frühstück verkündet hatte, dass sie ihn nach Bischofswerder begleiten wollte. Bisher hatte sie sich nie für seine wöchentlichen Ausflüge in die Stadt interessiert. Isabella wusste jedoch, dass donnerstags fast sämtliche Großgrundbesitzer aus der Umgebung ihre Geschäfte und Besorgungen in Bischofswerder zu machen pflegten. Und nachdem das erledigt war, trafen sich die Herren regelmäßig zu einem Umtrunk, tauschten Neuigkeiten aus und redeten über Aussaat und Ernte und was Männer sonst noch zu besprechen pflegten.

Deshalb hoffte sie, Arthur zu begegnen, wenn sie heute gemeinsam mit ihrem Vater in Bischofswerder unterwegs war. Als erstgeborener Sohn, der schon bald die Leitung des Besitzes übernehmen sollte, war Arthur schon jetzt in die Leitung von Gut Willinghausen eingebunden. Und da Isabella stets die Ohren weit aufsperrte, wenn von Arthur die Rede war, hatte sie gehört, dass meistens er die notwendigen Besorgungen in der Stadt erledigte.

Deshalb war ihr heute Morgen beim Aufwachen spontan der Gedanke gekommen, dass es sich um eine wunderbare Gelegenheit handelte, Arthur noch einmal mit ihrem Aussehen, ihrem Charme und ein paar geistreichen Bemerkungen zu beeindrucken. Ein prunkvolles Fest, wie Tante Charlotte es anlässlich ihres Hochzeitstags auf Gut Falkensee plante, wäre eine wunderbare Gelegenheit für Arthur, ihr im Laufe des Abends den ersehnten Antrag zu machen. Natürlich würde er ihr Tischherr sein, sie würden miteinander tanzen und irgendwann einen Spaziergang im Park machen, weil Isabella frische Luft brauchte.

Bei der Vorstellung, dass Arthur ihr im jasminduftenden Park unter dem Sternenhimmel seine Liebe gestehen und erklären würde, dass er sie gern als seine Frau nach Gut Willinghausen heimführen wollte, kribbelte es in Isabellas Bauch. Sie konnte es kaum erwarten, dass endlich ihr Leben als Ehefrau begann. Schließlich war es das, worauf sie sich all die Jahre vorbereitet hatte. Das erklärte Ziel der sorgfältigen Unterweisungen durch ihre Mutter: die Ehe mit einem wohlhabenden Mann.

Mama hatte besorgt die Stirn gerunzelt, als sie von Dora von Bernsdorffs Verlobung mit Siegfried von Sahlheim gehört hatte. Wieder ein Sohn aus reichem Hause, der nicht mehr als Heiratskandidat zur Verfügung stand. Dummerweise gab es in den Familien der westpreußischen Landjunker nur wenige Söhne, noch dazu wohlhabende, erstgeborene Söhne, die als Ehemänner für Isabella infrage kamen.

»Wenn es mit Arthur von Willinghausen nicht klappt«, hatte Isabellas Mutter mit einem tiefen Seufzer gesagt, »müssen wir uns unter den reichen Geschäftsleuten und den Fabrikerben umsehen. Das ist zwar längst nicht so erstrebenswert wie der Grafentitel der Willinghausens, aber es geht vor allem darum, dass du gut versorgt bist. Sehr gut, meine ich. Also streng dich an, dass es mit Arthur von Willinghausen etwas wird.«

Es wäre nicht nötig gewesen, Isabella extra darauf hinzuweisen, dass eine Ehe mit Arthur äußerst erstrebenswert war. Sie war ja längst verliebt in ihn! Natürlich gefiel es ihr, dass er in einem prächtigen Haus wohnte und seine Frau eine Gräfin sein würde. Doch sie mochte auch seine hochgewachsene, breitschultrige Statur, sein dichtes blondes Haar und sein hübsches Gesicht.

Schon viele Nächte hatte Isabella damit zugebracht, sich vorzustellen, wie es wohl als Arthurs Frau sein mochte. Dann fragte sie sich auch immer wieder, ob er ebenso empfand wie sie. Mittlerweile war sie ziemlich sicher, dass er nur noch einen klitzekleinen Schubs in die richtige Richtung brauchte. Bisher hatte er zwar häufig mit ihr geflirtet, aber niemals deutlich gezeigt, dass sie die einzige junge Frau war, für die er sich interessierte. Bei Festen und Abendeinladungen scherzte und lachte er gern mit ihr, kümmerte sich aber immer auch um andere der anwesenden Heiratskandidatinnen. Dummerweise war deren Zahl deutlich höher als die der passenden jungen Männer.

Eine der Frauen, mit denen er sich gelegentlich unterhielt, war Margarete. Was Isabella ziemlich nett von Arthur fand. Schließlich weckte ihre unscheinbare Freundin mit der schüchternen Art wenig Interesse bei den heiratsfähigen jungen Männern. Umso netter also, dass Arthur sich ihrer annahm. Doch nun wurde es Zeit, dachte Isabella, dass er sich zu seinen Absichten bekannte und ihr einen Antrag machte.

Für den spontanen Ausflug nach Bischofswerder hatte Isabella ihr schönstes Sommerkleid angezogen. Es war aus hellem Chiffon mit kurzen, angeschnittenen Ärmeln und einer tief angesetzten Taille. Der Ausschnitt war mit einem blassblauen Band verziert, durch das zugleich die Weite reguliert wurde. So konnte Isabella sicher sein, dass der hässliche rote Fleck unter ihrem Schlüsselbein auf keinen Fall zu sehen war. Sie hoffte inständig, dass Arthur bei ihrem Anblick nur einen Gedanken hatte: Genau so soll die künftige Herrin von Gut Willinghausen aussehen.

»Oh, ich brauche nichts«, beantwortete sie etwas verspätet die Frage ihres Vaters. »Ich dachte, ich begleite dich bei deinen Erledigungen. Wo werden wir überall hingehen?«

»Wie ich schon sagte: Ich muss Dünger bestellen und in der Getreidehandlung vorbeischauen. Außerdem müssen wir Säcke für die Ernte nähen lassen, doch das ist nicht so dringend.« Konrad stockte und warf seiner Stieftochter einen Seitenblick zu. »Diese Dinge interessieren dich doch gar nicht.«

Er klang so ratlos, dass Isabella hell auflachte. »Ich dachte einfach, es könnte nett sein, dich zu begleiten. Schließlich hast du keinen Sohn, der das tun könnte.«

Sie hatte ein etwas schlechtes Gewissen, weil das nicht der wahre Grund war, aus dem sie neben ihrem Stiefvater im Auto saß. Aber es war auch nicht vollkommen gelogen. Sie war gern mit Konrad zusammen. Er hörte ihr immer aufmerksam zu, und – anders als ihre Mutter – kritisierte er sie nicht ständig oder sagte ihr, was sie tun und lassen sollte.

Eine Weile herrschte Schweigen in dem Opel, der leise brummend die schmale Straße entlangfuhr.

»Du bist verliebt, mein Kind, nicht wahr?«, sagte Konrad plötzlich leise. So leise, dass Isabella seine Frage notfalls hätte überhören können. Zumindest, wenn sie eine bessere Selbstbeherrschung gehabt hätte. Denn leider war sie bei Konrads Worten leicht zusammengezuckt. Ahnte er etwa, mit welchen Hintergedanken sie ihn begleitete?

Sie biss sich auf die Unterlippe. »Ich glaube schon«, sagte sie endlich zögernd und starrte auf die lackglänzende schwarze Kühlerhaube vor sich.

»Arthur von Willinghausen«, bemerkte Konrad. »Deine Mutter sagte mir, dass da von beiden Seiten Interesse besteht. Er ist ein fescher junger Mann und sehr freundlich noch dazu.«

Isabella kicherte verlegen. »Nicht nur das. Er ist die begehrteste Partie weit und breit. Ich könnte keinen besseren Ehemann finden. Mama meint das auch. Junge Männer aus so wohlhabenden Familien, noch dazu mit Grafentitel, gibt es hier in Westpreußen nicht gerade viele.«

Als sie Konrad einen Seitenblick zuwarf, bemerkte sie, dass er die Stirn runzelte.

»Aber du wählst deinen Zukünftigen nicht nur nach dem Vermögen und der gesellschaftlichen Stellung aus, hoffe ich?«

»Natürlich nicht.« Wieder kam ohne ihr Zutun das merkwürdige Kichern aus ihrem Mund. »Du hast doch selbst gesagt, dass er fesch ist.«

»In einer Ehe kommt es sehr darauf an, dass beide Partner bereit sind, sich aufeinander einzulassen. Dass sie ehrlich zueinander sind und natürlich, dass sie sich von Herzen lieben.« Konrad steuerte den Wagen um eine Kurve und schaute dabei angestrengt nach vorn. Seine Worte klangen gewichtig, aber auch ein wenig traurig.

»Aha«, machte Isabella und wusste nicht, was sie antworten sollte. Das Thema war ihr ein bisschen peinlich, und sie verstand nicht, warum Konrad sich in diese Sache einmischte. Normalerweise war ihre Mutter diejenige, mit der sie darüber sprach, welcher junge Mann aus ihrem Bekanntenkreis ein geeigneter Heiratskandidat sein könnte. Von Arthur waren sie beide hellauf begeistert. Seit er Interesse an Isabella zeigte und mit ihr flirtete, wusste ihre Mutter sich vor Freude kaum zu lassen.

»Wenn ich an Arthur denke, kribbelt es, als hätte ich zu viel Sekt getrunken«, fügte Isabella hinzu, als sie spürte, dass ihr Stiefvater eine ausführlichere Antwort erwartete.

Konrad nickte, und damit schien für ihn das Thema erledigt zu sein. Mittlerweile hatten sie Bischofswerder erreicht, und Konrad parkte den Wagen in der Graudenzer Straße in Zentrumsnähe. Isabella stieß die Beifahrertür auf, schwang die Beine aus dem Auto – und landete mit ihren hellen Lederschuhen in einer Lache, die nach dem gestrigen Sommerregen auf dem Gehweg stand. Hektisch sprang sie zur Seite, doch natürlich waren ihre Füße in den nagelneuen Seidenstrümpfen längst nass.

Isabella verrenkte den Kopf, um nach hinten über ihre Schulter zu schauen, und stellte erleichtert fest, dass das Wasser in der Pfütze offenbar recht sauber war. Ihre Schuhe zeigten lediglich einen feuchten Rand, und an den Strümpfen war kaum etwas zu erkennen.

Konrad, der das kleine Malheur nicht bemerkt hatte, kam um den Wagen herum und bot ihr seinen Arm. »Dann darf ich heute also überall mit meiner hübschen Tochter angeben«, stellte er fröhlich fest.

»Ich bitte darum«, erwiderte Isabella ebenso heiter und spazierte an seiner Seite die Straße entlang.

Zwar hatte Bischofswerder nicht einmal zweitausend Einwohner, Isabella war jedoch bei jedem Besuch von den zahlreichen prächtigen Gebäuden beeindruckt. Ins Hotel Europa und ins Deutsche Haus war sie mit ihrer Mutter schon mehrmals zum Mittagessen oder auf einen Tee eingekehrt. Gemeinsam mit ihren Eltern hatte sie auch schon Veranstaltungen in der Stadthalle besucht.

Die Großgrundbesitzer und Bauern kamen wegen ihrer Geschäfte und Verhandlungen mit der Dampfmolkerei, dem Schlachthaus und dem Getreidehändler nach Bischofswerder. Zudem gab es eine Maschinen- und eine Tuchfabrik und einige Läden für Landwirtschaftsbedarf.

Die Milch und ein großer Teil der Getreideernte wurden regelmäßig von den Gütern und Höfen aus der Umgebung nach Bischofswerder gebracht. Hier wurden die Produkte weiterverarbeitet, abgewogen, verpackt. Vom Bahnhof aus gelangten die Erzeugnisse der fruchtbaren westpreußischen Landschaft schließlich ins gesamte Deutsche Reich. Neben Bischofswerder gab es natürlich noch andere solcher kleinen Wirtschaftszentren, wie beispielsweise Marienwerder oder die Kreisstadt Rosenberg. Auch dort war Isabella schon einige Male gewesen. Doch sie liebte besonders Bischofswerder, das so etwas wie ihre Heimatstadt war.

»Nachher führe ich dich in die Konditorei am Markt aus«, versprach Konrad und lächelte Isabella stolz an. »Wie wäre es mit einem großen Stück Erdbeerkuchen mit Sahne? Das magst du doch so gern.«

»Jaaa«, erwiderte sie gedehnt. »Aber ich will nicht, dass du dir meinetwegen Umstände machst. Normalerweise triffst du dich doch mit deinen Bekannten im Königlichen Hof auf einen Schoppen Wein und ein Schwätzchen.«

»Aber das sind ausschließlich Herren. Du würdest dich schrecklich langweilen, und es wäre auch nicht ganz passend, dich dorthin mitzunehmen. Dieses eine Mal kann ich durchaus auf das Treffen verzichten.«

»Dann hätte ich aber ein schlechtes Gewissen«, beharrte Isabella. »Ich werde ganz still in einer Ecke sitzen und einen Tee trinken. Da bemerkt mich überhaupt niemand. Du wirst sehen.«

Konrad lachte amüsiert auf, sagte aber nichts weiter.

Natürlich wusste er, dass Isabella nicht zu den jungen Frauen gehörte, die übersehen wurden. Und genau darauf setzte sie. Arthur sollte sie bemerken, mit ihr reden, lachen und flirten. Er sollte sie bis zum Ball auf Gut Falkensee nicht mehr aus dem Kopf bekommen, damit er ihr den ersehnten Antrag machte.

Eine Weile gingen Isabella und ihr Vater schweigend nebeneinanderher. Dann sagte Konrad nachdenklich: »Manchmal frage ich mich, was geworden wäre, wenn die Abstimmung von 1920 ein anderes Ergebnis gehabt hätte. Ob es dann hier genauso zuginge und aussähe wie jetzt auch.«

»Du meinst, als in unserer Gegend abgestimmt wurde, ob wir weiter zu Deutschland gehören wollen oder lieber zu Polen?« Isabella erinnerte sich nur noch vage an die Aufregung nach dem verlorenen Krieg, als sich die Bevölkerung im Abstimmungsbereich Marienwerder, zu dem sowohl Bischofswerder als auch Gut Falkensee gehörten, für eines der beiden Länder entscheiden sollte.

Sie runzelte die Stirn. »Wenn die Abstimmung anders geendet hätte, wären wir dann heute Polen? So wie der Mann von Tante Charlotte?«

»Nicht ganz. Wir wären weiterhin Deutsche, aber Gut Falkensee läge in Polen.«

Isabella blieb mitten auf dem Gehweg stehen. »Das wäre seltsam. Wir sind doch Westpreußen. Schon immer.«

»In unseren Herzen wären wir ganz sicher Westpreußen geblieben. So wie dein Onkel Karol immer Pole war, auch als es kein freies Land Polen gab.«

»Ein komischer Gedanke.« Langsam ging Isabella weiter. Für einen Moment fühlte es sich an, als könnte sie dem Boden unter ihren Füßen nicht trauen. Offenbar war es gar nicht so selbstverständlich, dass sie eine Westpreußin war, die in Westpreußen lebte. »Diese Abstimmung – war das Ergebnis denn knapp? Ich war noch fast ein Kind und kann mich kaum erinnern.«

»Nein, es war nicht knapp«, sagte Konrad mit entschiedener Stimme.

Der Boden unter Isabella fühlte sich augenblicklich wieder fester an.

»Siebenundneunzig Prozent der Stimmberechtigten sprachen sich für eine Zugehörigkeit Westpreußens zu Ostpreußen und damit zum Deutschen Reich aus«, erklärte Konrad feierlich.

Sie pustete erleichtert die Luft aus. »Das kann man wirklich nicht knapp nennen. Nicht dass ich etwas gegen Polen hätte. Onkel Karol ist ein sehr netter Mensch. Aber wir sind doch nun mal Westpreußen, nicht wahr?« Sie drückte den Arm ihres Vaters.

»Das sind wir. Aber da wir den Krieg verloren haben, hätte es uns durchaus passieren können, dass wir plötzlich in Polen gelebt hätten. Falls die Polen uns hier weiterhin hätten wohnen lassen. Vor dem Krieg hat sich die deutsche Regierung gegenüber den Polen in unserem Land schließlich nicht besonders freundlich verhalten. Ihnen wurde verboten, ihre Kinder in polnischer Sprache unterrichten zu lassen. Und zeitweise durften sie keine Häuser auf deutschem Land bauen, obwohl sie hier Grundstücke besaßen und dieses Land ursprünglich ihnen gehört hatte. Dein Onkel Karol kann dir eine Menge darüber erzählen. Er war während der ersten dreißig Jahre seines Lebens ein Mann ohne Vaterland.«

»Dann ist er sicher froh, dass er jetzt wieder eine richtige Heimat hat«, stellte Isabella zufrieden fest. Sie konnte sich nicht vorstellen, ohne Zuhause zu sein. Es war für sie immer selbstverständlich gewesen, einen Ort zu haben, an den sie gehörte. Nicht nur das: Falkensee war das Eigentum ihrer Familie. Die Felder und der kleine Wald, der See, die Wirtschaftsgebäude, der Park und natürlich das Herrenhaus – all das umgab sie seit ihrer Geburt wie eine schützende Hülle.

Auch wenn sie hoffte, bald Herrin eines anderen Besitzes zu werden, würde Falkensee immer der Ort sein, an den sie zurückkehren konnte, wenn sie Kummer hatte und sich vor der Welt verstecken wollte. Der sichere Hafen, wenn sonst alles zusammenbrach. Weil sie das wusste, konnte sie getrost in ein anderes Haus ziehen.

Inzwischen hatten Isabella und ihr Stiefvater den Marktplatz erreicht. Hier kauften nicht nur die Bürgersfrauen aus Bischofswerder ein, sondern auch die Köchinnen und Küchenmädchen von den umliegenden Gütern. An zahlreichen Ständen boten Bauern und Händler aus der Umgebung ihre Produkte feil. Viele von ihnen hatten auf kleinen Handkarren nur ein wenig Gemüse ausgelegt – drei oder vier Bund Möhren und einige Knollen Kohlrabi etwa. Ein alter Mann wartete neben einer Kiste mit Frühkartoffeln auf Kundschaft. Eine verhärmt wirkende Frau bot Papiertüten mit Kirschen und den ersten Johannisbeeren an. Auf den großen Verkaufstischen dazwischen türmten sich jedoch unter buntgestreiften Markisen die verschiedensten Obst- und Gemüsesorten. Vereinzelt gab es auch Töpferwaren, Streichwurst in Dosen und grob gewebte Stoffe zu kaufen.

Isabella blieb neben der Frau mit den Kirschen stehen, griff nach einer der Tüten und sah Konrad fragend an. Er zog seinen Geldbeutel hervor und bezahlte das Obst. Die Händlerin bedankte sich mit heiserer Stimme und entblößte beim Lächeln eine große Zahnlücke. Erst jetzt sah Isabella das Kleinkind, das zu ihren Füßen hockte und sich mit schmutzigen Fingern am Rock der Mutter festkrallte. Ebenso wie die Frau trug das Mädchen zerschlissene Kleidung. Aus weit aufgerissenen Augen starrte die Kleine Isabella ängstlich an.

Die Inflation, die erst im vergangenen Jahr durch die Währungsreform gestoppt worden war, hatte Arm und Reich hart getroffen. Doch den meisten Landwirten waren nach der schwierigen Zeit ihr Land, die Gebäude und das Vieh geblieben. Sie hatten sich und ihre Tiere von ihren eigenen Erträgen ernähren können. Wer selbst Weizen anbaute, konnte schließlich so viel Brot backen, wie er brauchte, um seinen Hunger zu stillen.

Die Arbeiter und Tagelöhner jedoch hatten schon vorher Schwierigkeiten gehabt, sich und ihre Familien durchzubringen. Und während der furchtbaren Zeit der Inflation, als ein Brot bis zu einhundertfünf Milliarden Mark gekostet hatte, hatten sie alles eintauschen müssen, was irgendwie entbehrlich war. Geld wollte niemand, denn es war nichts wert und taugte quasi nur zum Feueranzünden. Also gaben arme Leute buchstäblich ihr letztes Hemd, nachdem Tischtücher und Bettlaken, das Silberkettchen von der Konfirmation und oft sogar die Eheringe gegen Essbares eingetauscht worden waren. Mit dem kleinen Geldbetrag, der im Rahmen der Währungsreform pro Kopf ausgezahlt worden war, konnten Leute, die sonst nichts hatten, keinen Neuanfang finanzieren. Die Frau mit den Kirschen hatte offenbar immer noch kein neues Kleid für sich und ihr Kind kaufen können. Ihre gute Kleidung, falls sie denn welche besessen hatte, hatte sie während der Zeit der Inflation wahrscheinlich gegen ein Stück Brot für ihr Kind eintauschen müssen.

Entschlossen holte Isabella den kleinen Lederbeutel aus ihrer Handtasche. Sie bekam von ihren Eltern monatlich eine großzügig bemessene Summe für Schals, Gürtel, Schuhe, Bücher und andere Kleinigkeiten, nach denen ihr der Sinn stand. Die Schneiderin und die Kleidung an sich bezahlte ihre Mutter.

Isabella fischte einige Münzen aus dem Beutel und betrachtete sie auf ihrer Handfläche. Zwischen den Pfennigen schimmerten zwei Silbermünzen. Eine zu einer und eine zu zwei Reichsmark. Sie hatte ihr Portemonnaie für den Fall eingesteckt, dass sie in der Stadt etwas Schönes sah, was sie sich kaufen wollte. Da der Monat sich dem Ende entgegenneigte, war nicht mehr allzu viel Geld übrig. Trotzdem gab sie der Frau alles, was sie besaß.

»Kaufen Sie etwas Schönes für Ihr Kind«, murmelte sie verlegen, denn in diesem Moment schämte sie sich, dass es ihr so gut ging. Selbst wenn sie all ihr Geld weggab, würde sie bekommen, was sie wollte. Denn dann zahlte ihr Vater für sie.

Die Händlerin wurde rot, als sie ihr das Geld in die Handfläche schüttete. Ob aus Freude oder aus Scham, weil sie Almosen annehmen musste, wusste Isabella nicht zu sagen.

»Dafür können Sie all meine Kirschen haben«, murmelte die Frau und sah auf die Münzen in ihrer Hand hinunter.

»So viele Kirschen kann ich nicht essen«, lachte Isabella, schob wieder die Hand unter Konrads Arm und zog ihn mit sich.

»Danke. Vielen Dank«, rief die Frau hinter ihnen her.

»Du hast ein gutes Herz«, sagte Konrad leise. »Ich habe ihr schon viel mehr gegeben, als sie für das Tütchen haben wollte.«

»Das Kind tat mir leid«, erwiderte Isabella.

»Wenn du nachher etwas einkaufen möchtest, gebe ich dir Geld«, unterbrach Konrad ihre Gedanken.

»Ich brauche nichts.« Isabella ließ ihren Blick suchend über den belebten Platz wandern. In dem Gewimmel auf dem Marktplatz würde es schwierig sein, Arthur zu entdecken. Wenn sie ihm wie erhofft begegnete, dann wahrscheinlich dort, wo auch ihr Vater seine Erledigungen machte. Oder anschließend beim Treffen der Herren im Königlichen Hof.

Bei diesem Gedanken fing es in ihrem Bauch an zu vibrieren. Andere Mädchen sprachen von Schmetterlingen, doch bei Isabella war das Gefühl nicht so zaghaft wie der Hauch zarter Flügel. Bei ihr war es ein ganzer Schwarm summender Hummeln.

»Dann gehen wir erst einmal in die Getreidehandlung«, beschloss Konrad. »Ich bin mir mit dem Händler zwar so gut wie einig, aber ein paar Kleinigkeiten gibt es noch mit Kirchner zu besprechen. Dann kann ich nächste Woche unseren Notar beauftragen, den Vertrag über den Verkauf der diesjährigen Weizenernte aufzusetzen. Dieses Mal werde ich im Voraus an Kirchner verkaufen. Das mindert das Risiko und lässt mich ruhiger schlafen. Kirchner scheint eine gute Ernte zu erwarten und erhofft sich den entsprechenden Gewinn bei dem Geschäft. So ist uns beiden geholfen.«

Seite an Seite gingen sie auf die Getreidehandlung Julius Kirchner zu. »Julius Kirchner hat im vergangenen Jahr die Geschäftsräume vom alten Bunthoff übernommen«, erzählte Konrad. »Bevor ich ihn kennenlernte, hatte ich Sorge, so einem jungen Mann könnte die Erfahrung fehlen. Doch er ist äußerst fachkundig und sicher in dem, was er tut. Es ist fast angenehmer, mit ihm Geschäfte zu machen, als mit dem alten Bunthoff. Wobei Kirchner durchaus auf seinen Vorteil bedacht ist. Doch solange er sich an die Absprachen und Verträge hält und bei den Verhandlungen keine Finten nutzt, ist es genau so, wie es sein soll.«

»Stammt dieser Julius Kirchner aus Bischofswerder?«, erkundigte sich Isabella interessiert.

»Er ist in Marienburg geboren und aufgewachsen. Nach dem Unfalltod seiner Eltern hätte Kirchner sich ein bequemes Leben machen können, indem er von dem kleinen Vermögen lebte, das sie hinterlassen haben. Es war nicht viel, doch es sicherte der Familie ein bescheidenes Auskommen. Er zog es jedoch vor, von dem Geld die Getreidehandlung zu kaufen. So lebt er von seiner Arbeit und kann das ererbte Vermögen vermehren, wenn er gut wirtschaftet. Eine lobenswerte Einstellung, will ich meinen.«

Isabella nickte, obwohl sie nicht recht verstand, was so löblich daran sein sollte, eine Getreidehandlung zu führen.

Sie betraten die Geschäftsräume, in denen ihnen der typische Geruch von reifem Korn entgegenschlug. Isabella war mit diesem Duft aufgewachsen. Während der Erntezeit wehte das Aroma der Ähren an warmen, sonnigen Tagen durch die geöffneten Scheunentüren über den ganzen Hof. Für Isabella war es der Duft des scheidenden Sommers. Schon als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte Konrad ihr erklärt, dass Getreide wie Gold war, das Gold von Gut Falkensee. Neben der Pferdezucht lebten sie davon, dass sie Weizen verkauften.

Isabella füllte ihre Lunge mit dem vertrauten Duft. Der große Raum an der Vorderseite der Getreidehandlung war warm und lichtdurchflutet. Im Eingangsbereich standen ein Tresen und einige ledergepolsterte Stühle.

»Einen guten Tag den Herrschaften!« Ein Männlein im grauen Kittel tauchte hinter einer der halbhohen Zwischenwände auf und huschte wie ein Wiesel hinter den Tresen, von wo aus es nach den Wünschen der Kunden fragte.

Erstaunt starrte Isabella den Mann an. War das der junge Getreidehändler, über den ihr Vater sich so anerkennend geäußert hatte? Er wirkte gar nicht wie ein erfolgreicher Kaufmann.

»Ich würde gern Herrn Kirchner persönlich sprechen«, sagte Konrad freundlich. »Es geht um den Verkauf unseres Weizens.«

»Selbstverständlich. Ich sage Herrn Kirchner Bescheid, dass der Herr von Sandtberg ihn zu sprechen wünscht.« Ebenso rasch, wie der kleine Mann aufgetaucht war, verschwand er wieder.

»Kirchners Gehilfe«, erklärte Konrad mit gesenkter Stimme. »Sehr bemüht, aber er darf so gut wie nichts entscheiden. Kirchner gehört zu den Geschäftsleuten, die gern alles selbst in der Hand haben.«

Isabella trat von einem Fuß auf den anderen. Ihr taten jetzt schon die Füße weh, was weniger am Weg durch die Stadt lag, als an der schmerzhaften Eleganz ihres Schuhwerks.

»Herr von Sandtberg! Was kann ich für Sie tun?«

Der junge Herr im hellen Sommeranzug, der nun auf sie zutrat, besaß eine dunkle, volltönende Stimme. Er überragte Isabella um fast zwei Köpfe, und sie war immerhin nicht so klein wie ihre zierliche Mutter. Seine glatten, seitlich gescheitelten Haare schimmerten goldbraun wie reifer Roggen in einem sehr trockenen Sommer. Trotz seines schlanken Körperbaus wirkte er kräftig und zupackend.

»Wie ich sehe, sind Sie heute in reizender Begleitung.« Der junge Kaufmann verzog den Mund zu einem Lächeln, das von einem kaum merklichen Augenzwinkern begleitet wurde.

Isabella zog die Brauen hoch, denn schließlich gehörte es sich nicht, fremden jungen Damen zuzuzwinkern. Dennoch ertappte sie sich dabei, dass sie das Lächeln des Händlers erwiderte.

»Das ist Herr Julius Kirchner. Und das ist meine Tochter, Isabella von Bargelow«, stellte Konrad sie einander vor. Dabei ließ er wie üblich eine Erklärung weg, warum Isabella einen anderen Nachnamen trug als er. Sie war seine Tochter, mit dieser Information musste der Gesprächspartner sich begnügen.

»Sehr erfreut, Fräulein von Bargelow.« Der Getreidehändler deutete eine knappe Verbeugung an. Dabei musterte er sie aufmerksam, und obwohl sie nichts zu verbergen hatte, machte sein Blick sie unsicher. Er hatte kein Recht, sie so anzusehen.

Sie wollte ihn zornig anfunkeln, doch dann erinnerte sie sich, was ihre Mutter ihr schon als kleines Mädchen eingeschärft hatte. »Eine Dame erreicht sehr viel mehr mit einem charmanten Lächeln als mit bösen Blicken und scharfen Worten.«

Auch wenn sie längst nicht alle Ratschläge ihrer Mutter annahm, hatte sich dieser als sehr wirkungsvoll erwiesen. Also verzog sie den Mund zu einem Lächeln, senkte anmutig den Kopf, blinzelte unter ihren Wimpern hervor und hauchte: »Angenehm, Herr Kirchner. Es ist ja so interessant hier.«

»Tatsächlich?« Der Kaufmann kniff überrascht die Lider zusammen.

Isabella verlieh ihrem Lächeln noch ein wenig mehr Strahlkraft. Dieser Mann forderte ihren Ehrgeiz heraus. Es wäre doch gelacht, wenn sie ihn nicht dazu bringen konnte, etwas mehr Begeisterung über ihren Besuch in seinem staubigen Laden an den Tag zu legen.

»Was kann ich für Sie tun?« Julius Kirchner wandte sich wieder Konrad zu.

2. Kapitel

Isabella

Getreidehandlung Julius Kirchner, Bischofswerder, Westpreußen, Juni 1924

Während Konrad und Kirchner über die bevorstehende Weizenernte fachsimpelten, stand Isabella gelangweilt daneben und fragte sich, wie lange man eigentlich über Getreide reden konnte. Außerdem war sie ein bisschen ungehalten darüber, dass Kirchner sie derart ignorierte. Aus irgendeinem Grund hatte sie geglaubt, so ein junger Händler müsste ziemlich aus dem Häuschen sein, wenn sich eine hübsche Frau in seinen Laden verirrte. Zumal sich besagte Frau an diesem Tag sehr viel Mühe mit ihrem Äußeren gegeben hatte. Zumindest einen Stuhl und etwas zu trinken hätte er ihr anbieten können.

Auf der Suche nach einer Beschäftigung schaute sie sich um und entdeckte auf dem Tresen einen kleinen Stapel bedruckter Blätter. Einladung lautete die fett gedruckte Überschrift. Neugierig trat Isabella näher und überflog den Text auf dem obersten Zettel.

Am 26. Juni um 20:00 Uhr findet, wie aus früheren Zeiten gewohnt, im Hinterzimmer des Gasthauses Biedermann eine politische Versammlung statt. Es soll über die Möglichkeiten diskutiert werden, die Belange des zur Festungshaft verurteilten Adolf Hitler zu vertreten. Erscheinen Sie zahlreich! Deutschland muss eine neue starke Regierung erhalten, wenn nicht heute oder morgen, dann übermorgen!

Isabella kräuselte die Nase. Ihr Stiefvater hatte schon mehrmals beim Abendessen abfällige Bemerkungen über Hitler gemacht. Was er wohl dazu meinte, dass Julius Kirchner in seiner Getreidehandlung solche Zettel auslegte? Ob der Händler selbst auch zu der Versammlung gehen würde? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieser ruhige, selbstsichere Mann etwas mit Hitler zu tun haben wollte, den sie schon einmal in der Wochenschau gesehen hatte. Dort hatten sie eine Versammlung gezeigt, wo Adolf Hitler mit schnarrender Stimme herumgebrüllt hatte. Er war ein kleiner, eher unansehnlicher Kerl, ganz anders als Julius Kirchner. Bestimmt hatte Kirchner anderes im Kopf, als sich für Hitlers Belange einzusetzen, der noch dazu wegen eines Putsches inhaftiert worden war.

»Dann werde ich veranlassen, dass mein Notar Ihnen einen Vertrag zukommen lässt. Und da ich gerade hier bin … Ich würde gern noch etwas Kraftfutter für die Pferde hinzukaufen«, sagte Konrad soeben. »Unser Hafervorrat wird nicht bis zur nächsten Ernte ausreichen.«

»Ich habe hinten im Lager Goldhafer und Schwarzhafer«, erklärte der Händler sofort. »Beides gereinigt. Der Goldhafer ist zusätzlich entspelzt und deshalb auch für empfindliche Pferde bestens geeignet.«

Du liebe Güte. Isabella unterdrückte einen Seufzer. Dieser Mann schwärmte von langweiligen Haferkörnern wie von einer Geliebten.

In ihre Unterhaltung vertieft, setzten sich die beiden Männer in Bewegung und gingen in den hinteren Teil des riesigen Raums. Isabella folgte ihnen notgedrungen. Sie hatte keine Lust, allein und vergessen vorn im Empfangsbereich herumzustehen.

Schon nach wenigen Schritten stellte sie fest, dass ihre Schuhe, die von der unliebsamen Begegnung mit der Pfütze noch feucht waren, den Staub von den Bodendielen anzogen wie ein Magnet. Das feine Leder war innerhalb kurzer Zeit stumpf und grau. Blieb nur zu hoffen, dass Arthur von Willinghausen, wie die meisten Männer, keinen Blick für Details hatte. Falls sie jemals aus dieser staubigen Getreidehandlung herauskam und Arthur tatsächlich begegnete.

»Es tut mir leid, dass es heute so schmutzig ist«, riss Julius Kirchner sie aus ihren Gedanken. Hatte er ihren entsetzten Blick auf die Schuhe bemerkt? Dann schenkte er ihr mehr Aufmerksamkeit, als er sich anmerken ließ.

»Es ist tatsächlich etwas staubig«, sagte sie mit unbewegter Miene.

»Wir haben Getreide für eine größere Lieferung abgewogen, und Emil ist noch nicht zum Fegen gekommen. Das ist sicher unangenehm für Sie, Fräulein von Bargelow. Ich kann mich nur für die Unannehmlichkeit entschuldigen. Wenn Sie möchten, rufe ich ihn und lasse das sofort erledigen.«

Plötzlich so höflich und besorgt? Das gefiel ihr.

»Aber das ist doch kein Problem.« Sie belohnte ihn mit einem strahlenden Lächeln. »Ich begleite meinen Vater aus Interesse an seiner Arbeit. Und in einer Getreidehandlung staubt es nun einmal. Leider habe ich das bei der Wahl meiner Garderobe nicht bedacht.«

Kirchner lachte. »Das mag ärgerlich sein, doch ich weiß diesen Irrtum zu schätzen, denn sonst wäre mir ein zauberhafter Anblick entgangen.«

Isabella senkte mit einem gemurmelten Dank für das Kompliment den Kopf. Neben ihr räusperte sich Konrad. »Würden Sie mir dann bitte den Hafer zeigen, Herr Kirchner?«

Während sich die beiden Männer über einen offenen Sack beugten und in den Körnern wühlten, sah Isabella durch das schmale seitliche Fenster hinaus auf die Straße. Soeben überquerte ein Mann die Fahrbahn in Richtung der Getreidehandlung. Als Erstes fiel ihr sein außergewöhnlich gut sitzender Anzug auf. Dann trat er aus dem Schatten, und sie erkannte sein Gesicht unter der Hutkrempe.

Obwohl sie darauf gehofft hatte, Arthur zu begegnen, schnappte sie überrascht nach Luft. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, während sie überlegte, was sie tun sollte, wenn er auf der Suche nach dem Inhaber womöglich in den Lagerraum trat. Nervös zupfte sie an ihrem Kleid und strich sich das Haar glatt.

Sie hüstelte leicht, um ihre Stimme zu klären, damit sie hell und klar klang, wenn sie Arthur begrüßte. Offenbar hatte Julius Kirchner ihr Hüsteln gehört, denn er wandte den Kopf. »Möchten Sie ein Glas Wasser, Fräulein von Bargelow? Diese staubige Luft kann in der Kehle kratzen, wenn man sie nicht gewohnt ist.«

Sie wollte soeben verneinen, als sie aus dem Augenwinkel den Schatten in dem schmalen Durchgang bemerkte. Plötzlich fiel ihr ein, dass es nicht schaden konnte, Arthurs Eifersucht zu erregen.

»Das wäre schrecklich nett von Ihnen«, wandte sie sich mit ihrem strahlendsten Lächeln an Kirchner. »Es ist sooo interessant, Ihr Lager zu sehen und all die Getreidesorten, aber Sie haben recht – die Luft kratzt in meiner Kehle.«

Sie berührte den Ärmel des Händlers und sah ihm von unten in die Augen. In diesem Augenblick fiel ein Sonnenstrahl schräg durchs Fenster, und sie fuhr zusammen, weil das Nebelgrau seiner Iris grün aufleuchtete.

»Wo ist denn nur Emil? Er soll rasch …« Kirchner schaute sich suchend um.

»Ich hole Ihnen selbst ein Glas Wasser«, beschloss er gleich darauf. »Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment, Herr von Sandtberg?«

Konrad nickte. »Sicher. Vielen Dank, dass Sie meiner Tochter etwas zu trinken besorgen.«

»Darf ich Ihnen auch etwas mitbringen?«, erkundigte sich Kirchner höflich.

Isabella war angesichts seiner Zuvorkommenheit überrascht. Zu Beginn hatte er längst nicht so wohlerzogen auf sie gewirkt.

Konrad lehnte dankend ab, und der Getreidehändler wollte sich entfernen.

»Am besten komme ich gleich mit.« Isabella hüstelte noch ein bisschen, um die Dringlichkeit ihres Anliegens deutlich zu machen. Das geschah genau in dem Augenblick, in dem Arthur, den Hut in der Hand, zu der kleinen Gruppe trat.

»Oh«, machte Isabella und riss die Augen auf, als wäre sie höchst verwundert. »Guten Tag, Herr von Willinghausen. Was für ein Zufall! Ich hätte nie damit gerechnet, Sie hier in Bischofswerder zu treffen.«

»Ich bin jeden Donnerstag hier. Ebenso wie Ihr Herr Vater. Sie allerdings hätte ich nicht in einer Getreidehandlung vermutet, Fräulein von Bargelow.« Arthur strich sich über das Haar, als wollte er sichergehen, dass er einen erfreulichen Anblick bot.

»Meine Interessen sind vielfältig.« Sie erwiderte sein Lächeln bewusst verhalten, während sie gleichzeitig ihren Arm unter den von Julius Kirchner schob. »Wenn Sie dann bitte so freundlich wären, Herr Kirchner?«

Aus dem Augenwinkel registrierte sie befriedigt Arthurs erstaunte Miene. Sie lehnte sich ein wenig mehr in Kirchners Richtung und sah ihn von unten an. Zwar schien er ihren Blick nicht zu bemerken, aber das spielte keine Rolle. Es ging einzig und allein darum, was für einen Eindruck diese Szene auf Arthur machte.

»Gedulden Sie sich bitte einen Moment, Herr von Willinghausen? Wir sind gleich wieder da.« Kirchner setzte sich so hastig in Bewegung, dass Isabella fast ins Stolpern geraten wäre, hätte sie sich nicht ohnehin schon an ihm festgeklammert.

»Haben Sie hier so eine Art Küche oder einen Aufenthaltsraum?«, erkundigte sie sich im Plauderton bei ihrem Begleiter.

»Nun ja, Küche würde ich es nicht nennen. Es ist ein kleiner Raum, in dem wir gelegentlich einen Happen essen oder etwas trinken. Ich fürchte, auf Damenbesuch sind wir nicht vorbereitet. Aber ein Glas Wasser kann ich Ihnen anbieten.«

Nebeneinander gingen sie einen schmalen Gang entlang und durchquerten den hinteren Teil des Raums, in dem bis zur Decke gefüllte Säcke aufgetürmt waren. Hoch aufgestapelte Kisten bildeten parallel zur Wand eine mannshohe Mauer.

Isabella schaute sich überrascht um. »Was ist das alles?«

»Getreide«, erklärte Kirchner in heiterem Ton. »Ich bin Getreidehändler.«

Sie verdrehte die Augen. »Ich weiß. Aber so viel von dem Zeug?«

»Das hier ist schon bereit für die Auslieferung. Dieses Jahr wurde das Wintergetreide größtenteils schon im Juni geerntet. Die Witterung war günstig.«

»Ich weiß«, wiederholte Isabella und dachte, dass Kirchners Geschäfte sehr gut zu gehen schienen, wenn er derartige Mengen an Getreide kaufte und verkaufte.

»Zusätzlich habe ich Rohrzucker aus Übersee eingeführt. Nur versuchsweise. Das könnte eine interessante Einnahmequelle werden.« Im Vorbeigehen deutete Kirchner auf die Kisten.

Rohrzucker. Das klang schon spannender. Isabella liebte Süßes. »Schmeckt der anders als unser heimischer Zucker aus Rüben?«, erkundigte sie sich neugierig.

»Möchten Sie probieren? Ich habe hinten eine Probe abgefüllt, die …«

Kirchner kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, weil Isabella aufschrie, sich von ihm losriss und einen Sprung zur Seite machte. Mit zitternden Händen versuchte sie, den Stoff ihres Kleids vorn zusammenzuhalten. Das Oberteil war bis zur Taille aufgerissen, weil der zarte Stoff am rauen Holz einer Kiste hängengeblieben war und ein Span die Seide praktisch aufgeschlitzt hatte. Ihr Oberkörper wurde nur noch notdürftig von ihrem weißen Mieder bedeckt.

»Das tut mir wirklich leid.« Bestürzt betrachtete Kirchner sie. »Wie konnte das passieren?«

»Das war eine Ihrer Kisten«, erklärte sie mit schwacher Stimme. Sie presste die verschränkten Arme vor die Brust, weil sie wusste, dass ihr Mieder fast durchsichtig war.

Er zog die Brauen hoch und musterte sie schon wieder auf jene Weise, die sie von Anfang an irritiert hatte. Als wäre sie ein exotisches Tier im Zoo. Eine aussterbende Gattung. Was möglicherweise daran lag, dass er selten mit jungen Damen der guten Gesellschaft zu tun hatte.

»Kommen Sie mit«, kommandierte er schließlich. »Ich gebe Ihnen etwas zum Überziehen. Und natürlich das versprochene Glas Wasser.«

Isabella folgte ihm schweigend. Etwas zum Überziehen klang gut. Dieser Meinung war sie jedenfalls, bis er ihr in dem kleinen Kabuff, das als Pausenraum diente, einen langen grauen Kittel reichte. Genauso einen, wie sein Gehilfe Emil ihn trug.

»Es tut mir leid«, entschuldigte er sich, als er ihren entsetzten Blick sah. »Etwas anderes kann ich Ihnen leider nicht anbieten.«

Sie presste die Arme noch fester gegen ihre Brust und betrachtete unglücklich das sackartige Kleidungsstück.

Wortlos hängte Julius den Kittel zurück an den Wandhaken, schlüpfte aus seinem hellen Jackett und hielt ihr das hin. Wieder zögerte sie.

»Auch nicht besser?« Jetzt sah er fast unglücklich aus.

Plötzlich hatte Isabella eine ganz enge Kehle. Das hier war ein Albtraum. Sie stand halbnackt mit einem fremden Mann im Hinterzimmer einer Getreidehandlung, ihr Kleid war vollkommen zerrissen, und sie hatte keine Ahnung, wie sie jemals wieder dieses Gebäude verlassen sollte, ohne sich dem Spott der Öffentlichkeit preiszugeben.

»Geben Sie mir bitte die Jacke, und drehen Sie sich um.« Sie war den Tränen nahe und bemühte sich verzweifelt um Fassung.

Mit abgewandtem Kopf hielt Kirchner ihr das Jackett hin, und sie nahm es und schlüpfte hinein. Die helle Jacke war viel zu weit, und die Ärmel reichten bis zu den Fingerspitzen.

Hastig schloss sie die Knöpfe. Als ihr Blick zufällig auf den Spiegel an der Wand fiel, wandte sie sich schaudernd ab. Ihr schöner Plan, Arthur vor dem Ball noch einmal zu zeigen, wie begehrenswert sie war, war damit grandios gescheitert. Auf keinen Fall durfte sie ihm in diesem Aufzug unter die Augen treten.

Während sie mit bebenden Fingern an der Jacke herumzerrte, stieg ihr ein vager Geruch nach Tabak und Kernseife in die Nase. Ein sehr männlicher Duft. Für einen Moment hielt sie erschrocken die Luft an, dann atmete sie resigniert weiter, weil sie es ohnehin auf Dauer nicht vermeiden konnte. Inzwischen hatte Julius Kirchner sich im Hintergrund mit einer Wasserkaraffe zu schaffen gemacht. Auf dem Tisch stand die Erfrischung für sie bereit, die sie angeblich so dringend benötigte. Hastig griff sie nach dem Glas, stürzte die Hälfte des Wassers herunter und ließ sich anschließend auf einen der Stühle am Tisch fallen.

»Ich warte hier«, verkündete sie.

»Worauf?«, fragte Kirchner verblüfft.

»Darauf, dass Arthur … Herr von Willinghausen Ihre Getreidehandlung verlässt. Und wenn er fort ist, sagen Sie bitte meinem Vater, dass er den Wagen holen muss. Ich werde schwerlich in diesem Aufzug durch Bischofswerder bis zu unserem Parkplatz spazieren.«

»Und … Herr Kirchner.«

Der Getreidehändler stand schon in der Tür, als sie ihn nochmals ansprach.

»Ja?« Er drehte sich wieder um.

»Erzählen Sie bitte weder Herrn von Willinghausen noch sonst irgendjemandem außer meinem Vater hiervon«, sie deutete auf die Jacke, die an ihr herunterhing wie an einer Vogelscheuche.

»Oh.« Er runzelte die Stirn und starrte sie einen Moment verblüfft an. »Natürlich nicht. Ich werde schweigen wie ein Grab. Sie können sich auf mich verlassen.«

Bevor sie noch etwas sagen konnte, hatte er die Tür hinter sich ins Schloss gezogen, und sie fragte sich, ob sie ihm vertrauen konnte.

3. Kapitel

Linda

Gut Falkensee, Westpreußen, Juni 1924

Linda zupfte ihr weinrotes Kleid auf dem Bügel zurecht und hängte es in den schmalen Kleiderschrank, der in der engen Mansarde gerade eben Platz zwischen der Dachschräge und der Tür fand. Fräulein Bruhns, die Hausdame, hatte ihr vorhin ihre Unterkunft gezeigt. Dabei hatte die ältere Frau stolz betont, dass inzwischen jedes der Hausmädchen ein eigenes Zimmer bewohnte.

»Früher lebten immer zwei Frauen in einer Mansarde«, hatte sie verkündet. »Aber die Zeiten haben sich geändert. Es gibt insgesamt weniger Personal, und viele der Leute wohnen jetzt lieber im Dorf oder noch weiter weg.«

Linda hatte sich die Bemerkung verkniffen, dass sie im Grunde auch nicht freiwillig hier war. Sie hätte bei ihrer Mutter im Dorf wohnen können. Aber dann hätten sie beide sich die Schlafkammer teilen müssen. Ihre Mutter lebte in zwei Zimmern im Anbau ihres ehemaligen Hauses. Den kleinen Hof der Familie hatte sie verpachtet, weil sie immer älter wurde und die Arbeit allein nicht mehr schaffte. Also war das hier tatsächlich die bessere Lösung, so eng das Kämmerchen auch war.

Bevor Linda die Schranktür schloss, strich sie noch einmal fast verstohlen über den Ärmel ihres Sonntagskleids. Sie hatte es mit ihrem Personalrabatt im Kaufhaus Sternfeld in Danzig gekauft. Es war ein Kleid für die Großstadt. Um dort an einem Sommerabend die Straße entlangzuspazieren oder in einem Café zu sitzen. Hier auf dem Gut oder in dem kleinen Dorf Falkensee würde sie es kaum tragen können. Selbst für den sonntäglichen Kirchenbesuch war es viel zu elegant.

Linda unterdrückte einen Seufzer, während sie an das kleine Fenster trat und hinunter auf den Wirtschaftshof des Guts sah. Die Entscheidung, ihr altes Leben aufzugeben, hatte ihr fast das Herz zerrissen. Letztlich war ihr jedoch keine andere Wahl geblieben.

Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach gerade noch rechtzeitig ihre Gedanken, bevor sie wieder in Trübsinn versank.

»Ja?« Sie wandte sich um.

Die Klinke wurde heruntergedrückt, und eine Frau mit streng zurückgekämmten Haaren und einer fast knöchellangen weißen Schürze über dem grauen Kleid steckte den Kopf ins Zimmer.

»In zehn Minuten gibt’s Essen in der Leutestube. Möchten Sie mit nach unten kommen? Oder sind Sie noch nicht mit dem Auspacken fertig?« Ihr Blick wanderte neugierig zu dem offenen Koffer auf dem Bett, in dem noch etwas Unterwäsche lag.

»Das kann ich später machen.« Im Vorbeigehen klappte Linda den Kofferdeckel zu und trat zu der molligen Frau hinaus auf den fensterlosen Flur, der nur von einer schwachen Wandlampe beleuchtet wurde.

»Danke, dass Sie mir Bescheid sagen. Ich bin Linda.« Sie hielt der Frau die Hand hin. Der Griff, mit dem die neue Kollegin ihre Finger umklammerte, war so fest, dass Linda sich zusammennehmen musste, um nicht schmerzlich das Gesicht zu verziehen.

»Ich bin die Grete. Sag ruhig du. Ich bin Küchenhilfe hier auf Falkensee. Schon sehr lange bin ich das, aber nun …« Sie stockte und schüttelte mit unzufriedener Miene den Kopf.

»Hast du vor, in die Stadt zu ziehen?« Prüfend sah Linda sie von der Seite an, während sie nebeneinander auf die schmale Dienstbotentreppe zugingen.

»Himmel. Nein! Ganz sicher nie nich!« Dieses Mal war das Kopfschütteln sehr energisch. »Ich tät mich zu Tode fürchten in der großen Stadt. Du kommst aus Danzig, hat das Fräulein Bruhns gesagt.«

»Ja.« Linda unterdrückte einen sehnsüchtigen Seufzer. »Ich bin wegen meiner Mutter zurückgekommen. Sie lebt im Dorf und kann kaum noch etwas sehen. Grauer Star. Deshalb kommt sie nicht mehr allein zurecht. Ich wollte sie überreden, zu mir nach Danzig zu ziehen, aber das will sie nicht. Hat Angst vor der Stadt. Vielleicht wäre es auch schwierig geworden. Sie hätte den ganzen Tag allein in der Wohnung sitzen müssen, während ich im Kaufhaus gewesen wäre. Ich war dort Verkäuferin. Bei Sternfeld.«

»Sternfeld«, wiederholte Grete ratlos. Offenbar hatte sie noch nie etwas von diesem großen Kaufhaus gehört. »In Danzig is es schön, nich? Wenn ich jung wär und es schon dahin geschafft hätt, ich glaub, dann wär ich nich zurückgekommen. Ich mag es hier auf Falkensee, aber in Danzig, das is schon was anderes. Und dann in einem großen Laden arbeiten …«

Kurz vor der Treppe blieb Grete stehen und starrte eine Weile in die Luft, als würde sie dort Bilder von einem Leben sehen, das ihr auf ewig verwehrt bleiben würde.

»Na ja, es kann auch anstrengend sein. Die Kundinnen sind manchmal furchtbar unfreundlich.« Auch wenn Linda das Leben in Danzig gefallen hatte, wollte sie nicht, dass die Küchenhilfe sich eine Art Himmel auf Erden vorstellte. Tatsächlich hatten ihre Tage im Kaufhaus nicht selten aus schmerzenden Füßen, Kopfweh und einer unterdrückten Wut bestanden, weil die wohlhabenden Kundinnen sie teilweise schrecklich herablassend behandelt hatten. Trotzdem vermisste sie ihre Arbeit als Verkäuferin schon jetzt und war sicher, dass es ihr auf keinen Fall besser gefallen würde, hier im Herrenhaus zu putzen und die Familie zu bedienen.

»Hattest du in Danzig keinen Liebsten?«, erkundigte Grete sich neugierig.

Diese Frage ging entschieden zu weit. Linda zuckte mit den Schultern, dachte an Albert und schwieg. So wie er geschwiegen hatte, als sie ihn beim Abschied gefragt hatte, ob er auf sie warten würde. Denn sie hatte ihm nicht sagen können, wie lange es dauern würde, bis ihre Mutter sich an den Gedanken gewöhnt hatte, in Danzig zu leben. Oder bis irgendeine andere Lösung gefunden war.

»Aber du weißt doch gar nicht, ob du überhaupt zurückkommst«, hatte er nach einer so langen Zeit gesagt, dass sie schon gar nicht mehr mit einer Antwort gerechnet hatte. »Wenn deine Mutter sich in einem Jahr immer noch weigert, mit dir in die Stadt zu ziehen, wirst du bei ihr bleiben. Sie ist dir wichtiger als ich.«

»Das ist sie nicht«, hatte Linda verzweifelt protestiert. »Aber sie ist meine Mutter. Sie hat mich nach dem Tod meines Vaters allein durchgebracht. Hat sich auf unserem kleinen Hof den Rücken krumm geschuftet, damit ich einen Schulabschluss machen konnte. Andere Kinder mussten während der Ernte und auch sonst zu Hause bleiben und helfen. Ich sollte anständig lesen, schreiben und rechnen lernen. Und sie hat niemals von mir verlangt, dass ich den Hof übernehme, weil sie wusste, dass ich mir für mein Leben etwas anderes erträume. Wenn sie mich nicht unterstützt hätte, hätte ich nie die Stelle hier in Danzig bekommen. Jetzt braucht sie mich, und ich kann sie nicht einfach im Stich lassen.«

Sein Bild war vor ihren Augen verschwommen, doch sie wusste auch so, dass Albert sie verständnislos angesehen hatte. Er konnte nicht begreifen, dass sie niemals mit ihm hätte glücklich werden können, während ihre Mutter blind und einsam, angewiesen auf die gelegentliche Hilfe der Nachbarn, in ihrer winzigen Wohnung dahinvegetierte.

Vielleicht hatte er geglaubt, sie würde sich umentscheiden, wenn er ihr sagte, dass er nicht vorhatte, auf sie zu warten. Aber sie war bei ihrem Entschluss geblieben. Auch wenn es noch so sehr schmerzte.

Seit dem Abschied sagte sie sich immer wieder, dass Albert nicht der Richtige für sie gewesen sein konnte, wenn er so leicht bereit war, ihre Liebe wegzuwerfen. Und das, obwohl sie geplant hatten, im Herbst zu heiraten. Sollte er doch eine andere nehmen! Auf einen Mann, der nicht zu ihr stand, konnte sie verzichten.

»Du hattest also einen«, stellte Grete vergnügt fest und ging mit festen Schritten vor Linda die Treppe hinunter.

»Was meinst du?« Verwirrt folgte Linda ihr.

»Einen Liebsten. Ich hab’s an deinem Gesicht gesehn. Bist du noch in ihn verliebt, oder hast du ihn schon vergessen?« Grete stellte über ihre Schulter hinweg weiter lästige Fragen. Dass sie nur ein Schweigen zur Antwort bekam, schien sie nicht zu stören.

Hinter der unablässig redenden Grete stieg Linda im rückwärtigen Treppenhaus unzählige Stufen hinab. Eine Extratreppe für die Angestellten hatte es im Kaufhaus auch gegeben. Aber sie war breiter und besser beleuchtet gewesen und hatte sich nicht in schmalen Kurven nach unten geschlängelt. Als sie endlich im Souterrain ankamen, wo die Küche und die Leutestube lagen, war Linda ganz schwindelig.

»Da ist sie ja! Die Bruhns hat mir gesagt, dass du heute ankommst.« Am Fuß der Treppe wartete Alex auf sie. Sie kannte ihn noch von früher aus dem Dorf. Er war der älteste Bruder ihrer ehemals besten Freundin Elli, die im vergangenen Jahr geheiratet hatte und nach Bischofswerder gezogen war.

Linda zwang sich zu einem Lächeln und blieb stehen, während Grete in Richtung Küche eilte, wo sie wohl gebraucht wurde. Schon als Kind hatte Linda den Bruder ihrer Freundin nicht sonderlich gemocht. Er war irgendwie großkotzig. Als wäre er etwas Besonderes, dabei war er letztlich genau wie alle anderen jungen Männer aus dem Dorf. Nur dass die meisten von ihnen sich eine Stelle in der Stadt gesucht hatten, während Alex es vorzog, im Herrenhaus als Diener zu arbeiten. Was natürlich keine Schande war. Sie selbst, dachte Linda, hatte ja auch hier eine Stellung angenommen. Weil es keine andere Arbeit in der Nähe gab, musste sie über diese Möglichkeit sogar froh sein.

»Nun, wie gefällt dir dein neues Zuhause?«, erkundigte sich Alex und rückte ihr dabei viel zu eng auf die Pelle.

Linda, die seinen Atem auf ihrer Wange spürte, versuchte auszuweichen, doch der Flur war zu eng. »Hm«, machte sie als Antwort auf seine Frage unbestimmt.

»Du kannst froh sein, dass sie dich hier genommen haben. Hast du nur mir zu verdanken.« Alex musterte sie mit zusammengekniffenen Augen und fuhr mit gesenkter Stimme fort: »Hab dich empfohlen und nicht etwa gesagt, was damals passiert ist. Du weißt schon. Dann hätten sie dich im Leben nicht eingestellt.«

»Danke«, sagte sie, ohne ihn anzuschauen. Immerhin lag Falkensee näher bei der Wohnung ihrer Mutter als alle anderen Gutshöfe in der Umgebung.

Kurz vor der offenen Tür, durch die Stimmengemurmel in den engen Flur drang, blieb Alex stehen und packte sie am Arm. »Ein bisschen Dankbarkeit hab ich schon erwartet.«

Sie wandte den Kopf ab, weil sie sich vor seinem Atem ekelte, der nach Zwiebeln und Leberwurst roch. Er hatte wohl zwischen den Mahlzeiten Brote gegessen.

»Ich hab doch danke gesagt«, erwiderte sie barsch und befreite sich mit einem Ruck aus seinem Griff.

»Du bist ein freches Luder«, rief er ihr hinterher, als sie schon fast in der Leutestube verschwunden war.

Sie kümmerte sich nicht um seine Worte, sondern trat an den großen Tisch. Die meisten Plätze waren schon besetzt.

Grete, die in diesem Moment mit einem großen Suppentopf in den Händen aus der Küche kam, übernahm die Vorstellung.

»Das is Linda«, rief sie in die Runde. »Das neue Stubenmädchen. Sagt ihr, wie ihr heißt!«

Offenbar hatte Grete hier etwas zu sagen, denn tatsächlich murmelten reihum die Diener und die Hausmädchen und auch diejenigen vom Stallpersonal, die mit im Haus aßen, ihre Namen. Die meisten sagten auch gleich dazu, wo sie auf dem Gut arbeiteten.

Linda lächelte und grüßte schüchtern zurück.

»Mich kennst du ja schon.« Als sich von hinten ein Arm um ihre Schultern legte, fuhr sie zusammen. Schon wieder Alex! Er hielt sie so fest, dass sie sich nur hätte befreien können, indem sie ihn mit Gewalt wegschupste. Und das wäre ihr vor so vielen fremden Gesichtern peinlich gewesen.

»Ja, Alex. Wir kennen uns schon lange«, sagte sie deshalb mit einem gezwungenen Lächeln. »Und du hast mich hier empfohlen. Vielen Dank dafür.«

»Gern geschehen«, erwiderte er fröhlich.

Wieder roch sie die Zwiebeln, und ihr wurde ein bisschen übel.

»Ist Fräulein Bruhns nicht da?« Suchend sah sie sich nach der ältlichen Hausdame um, die sie eingestellt hatte.

»Sie hat wahrscheinlich Migräne«, sagte Adam, der sich als »der alte Stallmeister« vorgestellt hatte, in mildem Ton. Er wirkte selbst im Sitzen so gebrechlich, dass Linda sich fragte, ob er überhaupt noch arbeiten konnte. Er war mindestens siebzig.

Seine Worte quittierten einige andere Bedienstete mit einem Prusten, das klang, als würden sie das Leiden der Hausdame nicht sonderlich ernst nehmen.

»Sie isst meistens in ihrem Zimmer«, bemerkte Grete. »Lange bleibt sie wohl nich mehr bei uns. Man munkelt, sie geht bald in den Ruhestand und zieht zu ihrer verheirateten Schwester nach Hamburg.«

»Und wo soll ich sitzen?« Linda war davon ausgegangen, dass die Hausdame ihr einen Platz am Tisch zuweisen würde.

»Du darfst neben mir sitzen«, erklärte Alex großspurig. Er wollte sie mit sich ziehen, doch Linda ignorierte seine Worte und eilte auf die andere Seite des Tischs, wo sie einen freien Stuhl erspäht hatte.

»Ist der Platz hier frei?«, erkundigte sie sich bei der etwa achtzehnjährigen Sabine, die wie sie Hausmädchen war, soweit sie sich von der flüchtigen Vorstellungsrunde her erinnerte.

Die Kleine nickte schüchtern und rutschte ein wenig zur Seite, damit Linda sich setzen konnte. Bevor diese jedoch ein Gespräch mit ihrer neuen Kollegin beginnen konnte, stapfte eine beleibte Frau mit einer bodenlangen weißen Schürze ins Zimmer.

»Wer wird haben die Klopse geklaut?«, rief sie mit dem Dialekt in den Raum, den in Marienwerder die alten Leute sprachen. Linda hatte dort eine Großtante, die fast ebenso klang. »Ich tät gern wissen, wer das wird gewesen sein. Dem würd ich dann tun die Hammelbeine langzieh’n.«

Linda sah sich verblüfft am Tisch um. Wurde hier tatsächlich Essen aus der Küche gestohlen? Die anderen Bediensteten schauten so gelassen drein, als würde das ständig geschehen.

»Wer ist das?«, flüsterte sie Sabine zu.

»Emma Schubbke, die Köchin«, kam es ebenso leise zurück.

Die alte Frau schien ein gutes Gehör zu haben. Sie richtete ihren drohenden Blick auf Linda. »Du da! Dich tu ich nich kennen. Wirst du so eine sein, die in meiner Küche rumschleichen tut und Sachen nimmt?«

Linda öffnete den Mund, um empört zu protestieren, doch Grete kam ihr zuvor. Sie trat neben die aufgeregte Köchin und nahm sie beruhigend beim Arm.

»Die Klopse stehen zum Warmhalten im Backofen«, sagte sie ruhig. »Wir holen sie nachher. Wenn wir die Suppe gegessen haben.«

»Das kann nie nich sein! Wer sollt sie da hingestellt ham?« Frau Schubbke eilte zurück in die Küche, wohl um Gretes Behauptung zu überprüfen.

Nach ihrem Abgang herrschte sekundenlang Stille.

»Es wird immer schlimmer«, sagte Grete schließlich mit gesenkter Stimme und machte dabei ein besorgtes Gesicht. »Ich geb mir wirklich Mühe, aber sie vergisst einfach alles. Nur das mit dem Kochen funktioniert noch ganz gut. Ihre Rezepte, die sind in ihrem Kopf. Aber wo sie was hinstellt, oder was sie vor einer halben Stunde gemacht hat – das ist oft weg. Und dann regt sie sich auf und gibt mir die Schuld. Oder irgendjemandem, der angeblich in die Küche geschlichen is. Die Klopse hat sie vor zehn Minuten selbst in den Ofen gestellt.«

»Dann muss man das den Herrschaften sagen, damit die sie entlassen.« Alex machte sich nicht die Mühe, leise zu sprechen. »Eine Köchin, die nicht mehr weiß, wo sie die Klopse gelassen hat, ist keine müde Mark wert, will ich meinen.«

Wieder herrschte einen Moment ratloses Schweigen. Dann schüttelte Adam langsam den Kopf. »Unsere Frau Schubbke war fast ihr ganzes Leben Köchin hier auf Falkensee. Ich denk nich, dass die alte Gnädigste sie einfach wegschickt, wenn sie nicht mehr so funktioniert, wie es sein müsste.«

Alex kniff die Augen zusammen und starrte Adam mit einem seltsamen Blick an. »Nun ja …«, begann er, doch Grete kam ihm zuvor.

»Ich helf ihr ja, so gut ich kann.« Sie unterdrückte einen Seufzer. »Aber leicht is das nich.«

»Ich weiß, dass ich selber auch so ein altes Gerümpel bin«, sagte Adam langsam und sah Alex ruhig an. »Ich kann schon lange nicht mehr so zupacken, wie es sein müsste. Aber ich bin zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird. Und dankbar, dass ich hier noch wohnen darf. Es is mein Zuhause, so wie es das Zuhause von der Emma Schubbke is.«

»Wer tät hier reden über mich?«, kam die kräftige Stimme der Köchin aus dem Hintergrund. Sie war unbemerkt wieder eingetreten, und fast alle Köpfe am Tisch fuhren herum. Nur Alex betrachtete unbeteiligt den Suppentopf.

»Niemand. Ich red über mich«, erwiderte Adam ruhig. »Bin doch im Ruhestand und wohn noch hier.«

»Was mir gut gefällt«, ließ sich ein jüngerer Mann vernehmen, der nicht weit von Adam entfernt am Tischende saß.

Linda runzelte die Stirn. Dann erinnerte sie sich. Er hatte sich als Wilfried vorgestellt und etwas davon gemurmelt, dass er der zweite Stallmeister sei. Wie es aussah, war er eigentlich der erste und einzige Stallmeister. Da aber Adam noch da war und immer noch gelegentlich mit anpackte, waren die Verhältnisse kompliziert. Wenn es auch schien, als wäre die Situation in der Küche weitaus verfahrener.

»Ich hab aber meinen Namen gehört«, beharrte Emma Schubbke und stemmte die Hände in die breiten Hüften.

»Weil wir anfangen wollen. Die Suppe wird kalt.« Grete schob der Köchin einen Stuhl zurecht.

Die dachte aber nicht daran, sich zu setzen. Stattdessen runzelte sie die Stirn und zeigte auf den gedeckten Tisch. »Und das Brot? Wer …«

»Bitte, Frau Schubbke, setzen Sie sich doch. Ich hole das Brot. Es steht noch in der Küche.« Grete verschwand eilig, während Emma Schubbke immer noch den Kopf über ihr vermeintlich vergessliches Küchenmädchen schüttelte.

»Wer tät heut die Suppe auftun?«, fragte sie und blickte streng in die Runde.

Niemand rührte sich. Schließlich stand Linda auf. »Ich bin noch ganz neu, aber wenn es niemanden stört, mach ich das.«

Sie hörte, wie Sabine neben ihr aufatmete.

»Aber nichts verschütten tun«, sagte die Köchin streng.

Nun wusste Linda, warum keiner von den anderen Dienstboten diese Aufgabe übernehmen wollte. Sie ließ sich als Erstes den Teller der Köchin reichen und füllte ihn bis zu den blassblauen Ranken am Rand. Kein Tropfen Brühe ging daneben. Linda dachte nicht daran, sich von einer schlecht gelaunten alten Köchin ins Bockshorn jagen zu lassen.

4. Kapitel

Isabella

Gut Falkensee, Westpreußen, Juni 1924

»Eine Blume in meinen Haaren wäre schön. Vielleicht eine Rose?« Vorsichtig strich Isabella über den lockeren Dutt, den Linda ihr am Hinterkopf gesteckt hatte. Sie probierten verschiedene Frisuren für das Fest auf Falkensee aus. Nun waren es nur noch sechs Tage bis zu dem großen Abend.

Manchmal bedauerte Isabella, dass es keine Zofen mehr gab. Sie erinnerte sich an die junge Frau, die ihre Mutter selbst während des Kriegs noch beschäftigt hatte. Ilses einzige Aufgabe war es gewesen, sich um Alices Kleidung, ihre Haare und ihre persönlichen Bedürfnisse zu kümmern. Es hatte Zeiten gegeben, da war es Frauen aus ihren Kreisen kaum möglich gewesen, sich ohne die Hilfe einer Zofe an- und auszukleiden. Zum Glück waren die Korsetts mittlerweile viel leichter und wurden nicht mehr geschnürt, sondern vorn mit Häkchen geschlossen. Und in die modernen Kleider konnte eine Frau innerhalb von Sekunden schlüpfen.

Seit der schwierigen Nachkriegszeit und der großen Inflation gab es auf Falkensee ohnehin nicht mehr so viele Dienstboten. Auch die Anzahl der Hausmädchen und der Diener war dezimiert worden. Bei der Feldarbeit wurde ein Teil der Arbeit inzwischen durch Maschinen übernommen, und im Haus schränkte man sich eben ein. Selbst Alice hatte gelernt, ohne Zofe klarzukommen, wenn sie sich auch manchmal darüber beklagte, dass die Stubenmädchen niemals von allein ein Kleid bügelten oder einen Knopf annähten.

»Jede Kleinigkeit muss man ihnen extra auftragen«, pflegte sie in jenem selbstmitleidigen Ton zu bemerken, den sie kultiviert hatte. »Sie haben einfach keinen Blick dafür.«

Da es mittlerweile statt vier Stubenmädchen nur noch zwei gab, die beim großen Hausputz von einigen Frauen aus dem Dorf unterstützt wurden, war selbst Isabella klar, dass die Dienstboten sehr viel Arbeit hatten. Zu viel Arbeit, um nebenbei zu kontrollieren, ob die Kleidung in den Schränken der Hausherrin und ihrer Tochter eine Auffrischung benötigte oder ob ein Saum aufgerissen war.

Es war jedoch schwierig, ganz allein eine Abendfrisur hinzubekommen. Zum Glück hatte Isabella herausgefunden, dass das neue Stubenmädchen Linda sehr geschickt in solchen Dingen war und zudem über einen sicheren Geschmack verfügte. Vielleicht weil sie mehrere Jahre in Danzig gelebt hatte, bevor sie in ihren Geburtsort zurückgekehrt war, um bei ihrer Mutter nach dem Rechten zu sehen.

Linda trat einen Schritt zurück und betrachtete Isabella von hinten im Spiegel. »Die Blüte dürfte aber nicht zu groß sein.«

»Ich schaue mich nachher im Park um.« Isabella zog nachdenklich die Brauen zusammen. »Tragen die Frauen in der Großstadt Blumen im Haar, wenn sie abends ausgehen?«

Ein bisschen beneidete sie das Stubenmädchen, das mehr als fünf Jahre in der Stadt gelebt hatte. In einer großen Stadt wohlgemerkt, die auf Bildern sehr glanzvoll wirkte. »Oder ist in Danzig alles ganz anders als hier? Weil es doch heißt ›Freie Stadt Danzig‹ und Danzig seit dem Versailler Vertrag ein eigener kleiner Staat unter Aufsicht des Völkerbunds ist. Wenn man dort lebt, ist es vielleicht ein Gefühl, als wäre man im Ausland.« Isabella, die sich sonst nicht sehr für Politik interessierte, hatte vor einiger Zeit in einer Zeitschrift ihrer Mutter einen langen Artikel über das gesellschaftliche Leben in Danzig gelesen.

Linda zuckte mit den Schultern. »Es ist ’ne Stadt. Die Frauen sind ein bisschen eleganter als hier auf dem Land. Also, ich wollt nicht sagen, eleganter als die wohlhabenden Damen wie Sie oder Ihre Mutter … die gnädige Frau Mutter …« Sie stockte und verzog das Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Weil dies ihre erste Stelle in einem Herrenhaus war, kannte sie sich mit den Anreden und Gepflogenheiten noch nicht so gut aus.

Isabella winkte ab. »Das mit der gnädigen Frau und dem gnädigen Herrn ist nicht mehr so wichtig wie früher. Meine Großmutter wird noch so genannt, aber sogar meine Mutter kann es ertragen, wenn sie einfach mit Frau von Sandtberg angesprochen wird. Obwohl sie ab und zu auch gern die gnädige Frau ist.« Sie zwinkerte Linda zu. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich dem neuen Hausmädchen näher als den anderen Bediensteten. Was vielleicht daran lag, dass Linda ihr erfahrener und klüger erschien. Und natürlich verstand sie etwas von Mode und Frisuren.

»Es war schön, in Danzig zu leben«, sagte Linda leise. »Aber ich konnte meine Mutter nicht mehr allein lassen. So kann ich wenigstens jeden Abend nach ihr sehen.

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