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DIE STEAMPUNK-SAGA EPISODE 3

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Kate hatte ihre Angst vor den Vampiren verloren. Sowohl im Britischen Museum als auch im Xerxes Club hatten die Blutsauger den Kürzeren gezogen. Gewiss, sie selbst hatte keine Waffe, mit der sie die Untoten besiegen konnte. Aber Raja Singh und vor allem James wussten, wie sie mit diesen Kreaturen umspringen mussten! Nach James’ Kuss fühlte sich Kate ohnehin, als ob sie Bäume ausreißen und jede Schwierigkeit bewältigen könnte.

„Wieso können Sie sich eigentlich in einen Fuchs verwandeln, Sir?“, fragte Kate Singh übermütig, während sie gemeinsam mit dem Inder und James zu ihrem Dampfkutter zurückging.

„Das ist eine lange Geschichte, Miss Fenton. Diese Gabe wurde einst meinen Vorfahren von dem Gott Brahma verliehen, um das Böse zu bekämpfen. Ich kann diese Fähigkeit nur anwenden, um gegen Kräfte der Finsternis zu kämpfen. Einem Menschen gegenüber ist meine Göttergabe sinnlos – selbst dann, wenn er sich in den Dienst des Bösen gestellt hat.“

„Und es gibt leider genügend Männer und Frauen, die den Verführungskünsten eines Vampirs nicht widerstehen können“, warf James düster ein. „Und nicht immer ist es möglich, sie rechtzeitig zu erkennen. Manche von ihnen haben sich eine sehr geschickte Tarnung zugelegt.“

Kate warf ihm einen verliebten Blick zu. „Aber du lässt dich von so einem Dämonendiener nicht austricksen, James. Oder?“

„Das will ich hoffen. Aber ich habe mich schon einmal geirrt, als ich dich für eine Erfüllungsgehilfin von Merrick Grim und seinen Kreaturen hielt.“

Kate lachte unbeschwert. Es kam ihr im Rückblick völlig albern vor, wie sie und James sich ineinander getäuscht hatten. Sie hatte in ihm einen Vampir gesehen, und Kate war in James’ Augen eine Handlangerin der Blutsauger gewesen. Das war ein denkbar schlechter Start, aber dafür waren ihre Gefühle jetzt nur umso stärker.

Da Kate innerlich auf den höchsten Wolken schwebte, bemerkte sie gar nicht, dass James immer angespannter und unruhiger wurde. Auch Singh blieb wachsam, als sie sich wieder an Bord des Drehflüglers begaben.

Zunächst flogen sie zu einem der vielen Londoner Kohlendepots, wie Kate es angekündigt hatte. Ihre Bordvorräte reichten nämlich für die Reise nach Aylesbury nicht aus. Doch schon bald senkte sich das große schwarze Blechrohr des Kohlenbunkers auf den Rand von Kates Vorratstender, und inmitten einer beachtlichen Kohlenstaubwolke rumpelte die Kohle in Kates Brennstofftank.

O’Leary heizte das Kesselfeuer kräftig an. Kate drückte die Steuerhebel nach vorn, und ihr Dampfkutter erhob sich klirrend und scheppernd in die rußgeschwängerte Londoner Luft.

Obwohl Kate eine gebürtige Hauptstädterin war und London liebte, freute sie sich doch auf die kleine Landpartie. Aylesbury war eine verschlafene Ortschaft, die sich einige Meilen jenseits der Londoner Stadtgrenze mitten in der Provinz befand. Und hier draußen erregte der Anblick eines Drehflüglers immer noch viel mehr Aufsehen als in der Metropole des britischen Weltreichs. Schreiende barfüßige Kinder liefen begeistert über die Felder, als sie die eiserne Flugmaschine haushoch über sich erblickten. Kate winkte ihnen lachend zu. Wahrscheinlich bot sie mit ihrem wehenden Krinolinenkleid und ihrer roten Haarmähne sowie ihrer dunklen Schutzbrille für diese Landkinder einen ziemlich abenteuerlichen Anblick.

Plötzlich ertappte sich Kate bei dem Gedanken, selbst Kinder zu bekommen. Bisher hatte sie davon nichts wissen wollen, denn es gab ja keinen passenden Mann in ihrem Leben. Dabei galt Kate mit ihren dreiundzwanzig Jahren schon beinahe als alte Jungfer. Gleichaltrige Freundinnen hatten bereits zwei oder drei Söhne und Töchter. Kate wurde rot und warf unwillkürlich über die Schulter einen Blick zurück auf James, der mit Singh auf dem Passagiersitz hockte und die Umgebung genau beobachtete. Sie war froh, dass er in diesem Moment nicht ihre Gedanken lesen konnte. War es nicht grenzenlos übertrieben, nach einem einzigen Kuss diesen Mann als den Vater ihrer zukünftigen Kinder zu sehen?

Nicht, wenn man so verliebt ist wie ich, dachte Kate schmunzelnd. Sie kannte sich selbst und ihre heftigen Gefühle. Wenn sie für einen Mann entflammte, dann brannte sie innerlich lichterloh wie das Feuer in einem gut angeheizten Dampfkessel. Und James entsprach einfach ihren Traumvorstellungen. Sie hatte sich immer schon gewünscht, von einem attraktiven Gentleman mit guten Umgangsformen umworben zu werden. Das war doch etwas anderes als jene stumpfen Kerle, die ihre Zuneigung zeigten, indem sie Kate einfach in den Hintern kniffen …

Und seit sie wusste, dass James trotz seines Aussehens nicht der Oberschicht entstammte, war Kate sehr beruhigt. Sie musste wieder an ihre Freundin Eileen denken, der die Affäre mit einem jungen Herrn aus der Oberschicht zum Verhängnis geworden war. Der Charmeur und Wüstling, auf den sie hereingefallen war, hatte Kates Freundin gegenüber niemals ernsthafte Absichten gehabt, dafür war der Standesunterschied zwischen ihnen zu groß.

James hingegen war ein moderner Mann, für den die Herkunft ebenso wenig zählte wie für Kate selbst.

Sie konnte sich sogar vorstellen, dass in Zukunft nur noch die Leistung eines Menschen zählte würde und nicht seine Geburt in den höheren Kreisen des Landes. Einer Maschine war es letztlich egal, ob sie von einem Bettler oder einem König bedient wurde. Ein Apparat fragte nicht danach, welches Geschlecht oder welche Hautfarbe sein Bediener hatte. Es kam nur darauf an, dass die Schwungräder funktionierten und immer genug Feuer unter dem Kessel war. Wenn es nach Kate gegangen wäre, hätte der technische Fortschritt sich gern mit noch viel größeren Schritten entwickeln können!

Kate navigierte mit Hilfe ihres Kreiselkompasses und einer Landkarte. Sie erblickte den Kirchturm von Aylesbury und zog südlich daran vorbei. Wolken türmten sich auf, die Sicht wurde schlechter. Aber das Ziel lag nicht allzu weit vor ihnen. Das Herrenhaus von Frawley Manor befand sich am Ende einer unbefestigten Straße im Moor außerhalb der Ortschaft.

Plötzlich begann die Maschine zu stottern. Kate war sofort alarmiert. Sie überprüfte ihre Instrumente. Der Drehzahlmesser für den hinteren Rotor spielte verrückt. Offenbar drehten sich die Blätter nicht regelmäßig. Der Drehflügler reagierte sofort, indem er an Stabilität verlor und gefährlich nach hinten sackte. Kate steuerte dagegen, aber es nützte nicht viel.

„Festhalten!“, rief sie mit gellender Stimme ihren Passagieren zu. Als Pilotin hatte sie natürlich immer die Verantwortung für ihre Fluggäste. Aber ausgerechnet bei diesem Maschinenschaden war der Mann an Bord, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte. Kate durfte nicht zulassen, dass James oder Singh etwas geschah. Für sie selbst und für O’Leary zählte ein Absturz hingegen zu den Berufsrisiken. Trotzdem, auch Kate hing natürlich an ihrem Leben.

Der hintere Rotor versagte nun völlig seinen Dienst. Der vordere Antrieb konnte diesen Verlust nicht ausgleichen. Einen schrecklichen Moment lang sah aus so aus, als ob der Drehflügler seitlich in eine Eiche rasen würde. Aber dann gelang es Kate im letzten Moment, die Kollision zu verhindern. Sehr eingeschränkt konnte sie die Maschine noch steuern. Nur gegen den drohenden Absturz konnte sie nichts mehr tun. Einen Steinwurf weit von dem einzeln stehenden Baum entfernt schaffte sie eine halbwegs glatte Notlandung, bei der das Heck deutlich früher aufsetzte als das Vorderteil des Fluggeräts – und deutlich härter als sonst.

Kate klammerte sich an der Eisenreling ihres Führerstandes fest. Alle Knochen ihres Körpers wurden beim Aufprall kräftig durchgeschüttelt. Sie spürte Blutgeschmack in ihrem Mund, als sie sich auf die Zunge biss. Dann erstarb das Motorengeräusch mit einem herzzerreißend schrillen metallischen Knirschen. Plötzlich herrschte Totenstille, nachdem auch die vorderen Rotorenblätter ihren letzten Schwung verloren hatten. Wie riesige Blätter eines Urweltbaums ragten sie still über Kate auf.

Kate kroch stöhnend aus dem Führerstand. „Ist jemand verletzt?“

Sie war selbst erschüttert darüber, wie zittrig und ängstlich ihre Stimme klang. Aber schließlich musste sie auch nicht jeden Tag eine Havarie ihres Dampfkutters verkraften. Die Flugmaschine war für Kate nämlich nicht einfach nur ein Mittel, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Drehflügler war auch die einzige wertvolle Hinterlassenschaft ihres Vaters. Wenn der Dampfkutter zu Bruch ging, dann war es für sie fast so, als ob ihr Dad noch einmal sterben würde. Aber jetzt ging es ihr erst einmal um die Menschen, die sich an Bord befanden.

Kate schaute nach hinten zur Passagierbank. Der Drahtsitz des Heizers war unterhalb des Führerstandes angeschraubt worden. Deshalb konnte Kate nicht sofort sehen, wie es O’Leary ging.

„Nein, mir fehlt nichts“,

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