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DIE STEAMPUNK-SAGA EPISODE 1

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„Verfluchtes Qualmluder!“

Die Stimme des wütenden Droschkenkutschers war so laut, dass sie sogar das Wiehern seiner erschrockenen Pferde und den Maschinenlärm von Kates Dampfkutter übertönte.

Doch die junge Frau am Ruder des eisernen Drehflüglers lachte nur. Während der massige Mann auf dem Kutschbock seine beiden unruhigen Gäule zu beruhigen versuchte, senkte Katherine Fenton mit viel weiblichem Feingefühl ihren eisernen Flugapparat hinunter auf die Marylebone Road im Herzen Londons. Sie drosselte den Motor, und die mächtigen eisernen Drehflügel ihres Dampfkutters kamen allmählich zur Ruhe.

Katherine Fenton pflegte ihr Fluggerät aus Prinzip selbst zu reparieren, was ihr den Spitznamen Tinker-Kate, also Kesselflicker-Kate, eingebracht hatte.

Kate sprang geschickt vom Führerstand ihres Lufttaxis hinunter auf das Kopfsteinpflaster unmittelbar vor dem Luxushotel The Landmark. Hier war ein guter Platz, um reiche Passagiere aufzunehmen. Das wussten die Droschkenkutscher – aber es war eben auch den Dampfkutter-Piloten bekannt.

Obwohl im Jahr 1851 die Dampfkutter und andere mechanische Flugapparate bereits seit einem Jahrzehnt den Himmel über London und dem britischen Empire bevölkerten, hatten sich die Fahrer der Pferdedroschken noch immer nicht an die Konkurrenz aus der Luft gewöhnt. London war die größte Stadt der Welt, und es gab genug Arbeit für die vielen tausend Droschkenkutscher und die wenigen hundert Dampfkutter-Piloten. Trotzdem herrschte offene Feindschaft zwischen beiden Gruppen, die teilweise mit brutaler Gewalt ausgetragen wurde.

London galt in jenen Jahren ohnehin in vielen Belangen als heißes Pflaster. Nachts war es auf den Straßen alles andere als sicher. Zwar besaß die Hauptstadt seit einigen Jahren eine Polizeitruppe, aber die Uniformierten konnten nicht überall gleichzeitig sein.

Viele Glücksritter strömten nach London. Die Metropole galt als ein Ort, an dem man im Handumdrehen reich werden konnte. Und wenn das mit legalen Mitteln nicht möglich war, dann probierte man es auf der illegalen Schiene.

Die Zeitungen der Hauptstadt schlachteten jede Bluttat genüsslich aus. Die Straßen wurden von Heerscharen schmutziger kleiner Jungen bevölkert, die ihre neuesten Nachrichten an den Mann zu bringen versuchten. Mit hellen Stimmen schrien sie die Sensationsmeldungen über Eifersuchtsdramen, Racheakte und politische Anschläge von Anarchisten. Je mehr Krach sie machten, desto besser schienen sie ihre Zeitungen zu verkaufen. Man wurde an jeder Straßenecke daran erinnert, in was für einer gefährlichen Welt man lebte. Die Schurken lauerten überall.

Von all dem ließ sich Kate nicht einschüchtern. Und schon gar nicht von rabiaten Droschkenkutschern und anderen üblen Kerlen. Sie war eine der wenigen Frauen, die am Ruder eines Flugapparates saßen. Kate fuhr sich mit der behandschuhten Rechten durch ihre langen roten Korkenzieherlocken, die sie jeden Morgen mit einer Brennschere in Fasson bringen musste. Mit wiegenden Hüften stolzierte sie lächelnd auf den immer noch zornigen Kutscher zu, der den obligaten Zylinderhut und einen Knebelbart trug.

William Connors kannte Kate schon. Aufgebracht starrte er vom Kutschbock seines schicken Hansom-Cabs auf Kate hinunter. Er musste sich widerwillig eingestehen, dass Tinker-Kate eine verdammt hübsche Frauensperson war. Sie konnte nicht viel älter als zwanzig Jahre sein. Ihr Gesicht mit den leuchtenden grünen Augen und dem kirschroten Mund kam bei vielen Gentlemen gut an. Gleiches galt für ihre schlanke Figur, die durch eine Korsage noch betont wurde. Über ihrem bodenlangen schlichten Krinolinenkleid trug Kate eine Lederschürze – neben der Schutzbrille war das die typische Berufskleidung der Dampfkutter-Piloten. Ihre männlichen Kollegen hatten unter der Schürze natürlich kein Kleid, sondern Hosen und Schaftstiefel. Die Lederschürze war jedenfalls für männliche und weibliche Piloten gleichermaßen Vorschrift und Standessymbol. Doch noch nicht einmal dieses unförmige Kleidungsstück konnte Kates Attraktivität mindern.

Nach Connors’ Meinung war es ungerecht, dass Kate wegen ihrer Schönheit so viele Fuhren bekam. Und das ließ er sie spüren.

„Eines Tages werden meine Gäule noch am Herzschlag sterben, wenn du mit deiner Höllenmaschine landest, Kate. Aber dann verklage ich dich vor dem höchsten Gericht und ziehe dir noch den letzten Penny aus der Tasche.“

„Connors, wieso hast du an diesem schönen Frühlingstag so schlechte Laune? In einer Woche wird unsere geliebte Monarchin Queen Victoria die Weltausstellung eröffnen. Die Bauarbeiten am Crystal Palace laufen wie geschmiert. Die Arbeiter bevölkern den Hyde Park wie ein Ameisenheer, und der Luftraum über der Grünanlage ist schwarz vom Rauch der vielen Kranschuten und Transport-Drehflügler. Und auch die Gerüstbau-Roboter leisten ganze Arbeit.“

Tinker-Kate musste diese modernen Transportmittel und Apparate nur erwähnen, um die schlechte Laune des Droschkenkutschers erneut zu befeuern.

„Ja, dieses Teufelswerk ist einfach überall! Bist du eigentlich schon wahnsinnig, Kate? Ich habe neulich in der Times gelesen, dass kein Mensch eine Geschwindigkeit von mehr als vierzig Meilen pro Stunde aushalten kann. Dann verliert er nämlich endgültig seinen Verstand.“

Kate schüttelte den Kopf, dass ihre langen roten Locken flogen.

„So schnell bewegt sich mein Dampfkutter gar nicht fort. Außerdem gewöhnt man sich an alles, sage ich immer. – Du bist ein Spießer, Connors. Den Fortschritt kannst du nicht aufhalten. Außerdem ist es ja noch gar nicht so schlimm, wie du meinst. Wer kann sich denn überhaupt eine Fahrt mit dem Dampfkutter oder der Pferdedroschke leisten? Wir reden doch hier nur über die Reichen. Und von denen gibt es nur sehr wenige in London, das weißt du so gut wie ich. Die normalen Arbeiter haben noch nicht einmal Geld für ein eigenes Hochrad, sondern müssen zu Fuß gehen. Deren Hungerlöhne reichen gerade für Miete und Essen.“

„Das wird ja immer schlimmer“, stöhnte der Kutscher. „Du bist nicht nur ein technikversessenes Qualmluder, sondern auch noch eine gottlose Sozialistin!“

„Ich muss keine Sozialistin sein, um das Elend im East End zu sehen. Ich fliege oft genug dort entlang, wenn ich Passagiere vom Victoria Flugfeld abhole.“

Diese Bemerkung war ein rotes Tuch für Connors. Das Flugfeld für die interkontinentalen Luftschiffe befand sich weit vor den Toren Londons. Es gab noch keine Eisenbahnanbindung. Und weil den meisten Reisenden eine Droschkenfahrt in die City zu lange dauerte, brachten meist nur Dampfkutter die Touristen von dort aus in die Innenstadt.

„Auch ich werde bald der städtischen Fürsorge auf der Tasche liegen, wenn es immer mehr Drehflügel-Taxis gibt“, knurrte Connors. „Und wie soll ich dann meine sechs Kinder ernähren? – Was ist überhaupt mit dir, Kate? Du siehst doch ganz adrett aus. Warum verkaufst du nicht deinen rußigen Dampfkutter? Dann hättest du eine Mitgift und könntest endlich heiraten und Kinder zur Welt bringen, wie es deine Bestimmung ist.“

Kate lachte lauthals.

„Wir schreiben das Jahr 1851, nicht etwa 1751. Manche Frauen können selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen, stell dir vor. Aber wenn die Regierung Ernst macht mit ihren Plänen einer Untergrundbahn für die Hauptstadt, dann sind wir beide arbeitslos, du und ich.“

Der Droschkenkutscher schüttelte grimmig den Kopf. Es war für ihn unvorstellbar, dass sich Menschen durch unterirdische Tunnel wühlen sollten. London war doch schließlich kein Ameisenhaufen! Niemals würden Eisenbahnzüge unter der Erdoberfläche fahren, das konnte sich Connors nicht vorstellen.

Er wechselte das Thema: „Dieses Vorhaben ist verrückt, ebenso irrsinnig wie dieser Killer, der noch immer frei herumläuft. Ich hoffe, dass die Polizei ihn bald fängt. Die Menschen haben Angst, und das ist schlecht für das Geschäft.“

„In diesem Punkt sind wir uns ausnahmsweise einmal einig, Connors. Ich will auch Neuigkeiten über den Mörder erfahren, deshalb wollte ich mir im Hotel kurz eine Zeitung holen. Falls in der Zwischenzeit ein Passagier für mich kommt, kannst du mir ja Bescheid geben.“

Dem Droschkenkutscher quollen angesichts von Kates Dreistigkeit ...

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