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Die Stasi-Akte

Peter Bernhardt

Die Stasi-Akte

Oper und Spionage: Eine tödliche Kombination





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Kapitel 1








Sylvia Mazzoni trat aus dem Bühneneingang des Großen Hauses, wie die Einheimischen das Stuttgarter Opernhaus nannten. In Bluejeans und Sweatshirt gekleidet sah sie eher wie ein Mitglied der Putzkolonne aus als wie eine Sopranistin, die eine Probe verließ, die eigens für sie anberaumt worden war. Sie atmete mehrmals tief durch, um die nachklingende Anspannung zu überwinden.

Novemberböen peitschten die Bäume, sodass ihre Schatten im dämmrigen Schlossgarten einen wütenden Fechtkampf austrugen. Schaudernd zog sie einen langen Wollschal aus ihrer Schultertasche und wickelte ihn in Pavarotti-Manier um ihren Hals, da sie um jeden Preis ihre Stimme schützen musste. Sie löste die Haarspange und ließ ihre schweren, dunklen Haare auf ihre Schultern fallen.

Der Musikdirektor hatte sie für zwei Aufführungen von Carmen als Micaёla gebucht, nachdem er sie in dieser Rolle an der Ulmer Oper gesehen hatte. Der heutige Abend war gut gelaufen, aber würde sie auch die morgige Feuerprobe bestehen? Ihr Debüt an der renommierten Stuttgarter Oper konnte ihren Durchbruch bedeuten oder sie wieder in der Versenkung verschwinden lassen. Falls ihr Auftritt morgen nicht beeindruckte, müsste sie wieder Nebenrollen auf Kleinstadtbühnen übernehmen. Das durfte sie nicht zulassen. Sie hatte zu hart und zu lange gearbeitet, um jetzt zu versagen.

Der Park, der an das Theater grenzte und tagsüber vor Leben überschäumte, lag jetzt verlassen da. Sylvia überlegte, ob sie auf einen Kollegen warten sollte, der sie begleiten würde, aber sie wollte die nächste Straßenbahn erwischen. Also ignorierte sie ihr Unbehagen und betrat die gepflasterte Promenade am See. Die Lichter der Stadt drangen durch die entlaubten Äste riesiger Eichen und Ahornbäume. Schummrige Lampen am Weg warfen lange, krumme Finger über das dunkle Wasser. Um das bedrohliche Bild abzuschütteln, hielt sie Ausschau nach sanften Kräuselungen auf der Oberfläche, die schwimmende Enten und Schwäne ankündigten, aber selbst für Wasservögel war es schon spät.

Sie blickte den dunklen Pfad entlang. Ein paar Meter vor ihr raschelten die vertrockneten Blätter einer riesigen Pappel in der Nachtluft. Von hier aus brauchte sie nur noch ein paar Minuten bis zur Einkaufspassage und der Straßenbahnhaltestelle. Sie eilte weiter.

Ein stämmiger Mann kam um die Wegbiegung. Sylvia erschrak und spürte einen Adrenalinstoß. Sie umklammerte ihren Regenschirm fester und wich an den rechten Rand des Pfads, um Abstand zu halten, während er sie passierte. Seine rechte Hand steckte vorne in seiner Lederjacke. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine hastige Bewegung in ihre Richtung wahr. Sie wirbelte herum. Glänzendes Metall schnitt durch ihr Sweatshirt und schlitzte ihren linken Oberarm auf. Der Schmerz ließ sie zusammenzucken, mobilisierte aber auch ihre Reflexe. Sie stieß die Metallspitze ihres Regenschirms mit aller Kraft in die Brust ihres Angreifers. Er stöhnte und krümmte sich zusammen. Ihr wurde schwindlig. Bunte Punkte tanzten vor ihren Augen, und ihre Finger erschlafften. Der Schirm fiel klappernd auf den Boden. Warme Flüssigkeit lief ihren Arm hinab. Sylvia torkelte auf den Rasen. Sie rang um Gleichgewicht, rutschte aus und schlug hart auf.

Entsetzt blickte sie sich nach dem Regenschirm um, aber er war den Pfad entlanggekullert, außer Reichweite. Steh auf, befahl sie sich selbst in Panik, aber es war zu spät. Die hohe Gestalt kam auf sie zu. Mit wild klopfendem Herzen rutschte sie auf dem Rücken über das feuchte Gras – weg von ihm. Sie hörte sich schreien: »Hilfe, Hilfe … helft mir!«

Der Mann holte mit dem Messer aus, um nochmals auf sie einzustechen. Sie rollte herum. Ihr Gesicht drückte sich in den nassen Boden. Sie zerrte die Strähnen ihres zerzausten Haares beiseite und sah das Messer an der Stelle bis zum Griff in die Erde eindringen, an der sie vor einer Sekunde noch gelegen hatte.

»Verfluchte Verräterin!«

Die gutturale Stimme hatte sie schon einmal gehört. Sie hob den Kopf, drehte sich und starrte in hasserfüllte Augen. War es möglich …? Bevor sie den Gedanken zu Ende führen konnte, warf er sich mit seinem massigen Körper auf sie und quetschte ihr die Luft aus den Lungen. Sie öffnete den Mund, um erneut um Hilfe zu rufen, konnte aber nur Gras ausspucken. Kalte Finger gruben sich unter ihren Schal und legten sich um ihren Hals. Seine muskulösen Schenkel fixierten ihre Hüften. Gegenwehr war aussichtslos. Mit ihren Händen versuchte sie, seinen Griff zu lockern, aber er drückte umso fester zu.

»Bit …« Der Rest ihres Flehens endete in einem Gurgeln, als ihre Luftröhre erbarmungslos zugequetscht wurde. Blut rauschte in ihren Ohren. Das Gesicht des Mannes wurde zu einem verschwommenen Klecks. Panisch rang sie um Atem. Ihre Glieder wurden kraftlos. Dunkelheit umhüllte sie.

Dann durchbrach ein scharfer Knall die Nachtluft und holte sie aus ihrer Benommenheit. Eine reglose Last landete auf ihrer Brust. Der Schraubstock um ihren Hals lockerte sich.

Sie kämpfte gegen den Ballast an, der sie zu zermalmen drohte, und schnappte nach Luft, sog einen kleinen Atemzug in ihre Lungen, dann noch einen. Sie öffnete die Augen. Der Kopf des Angreifers lag in einem unnatürlichen Winkel auf ihrer Brust. Blut tröpfelte aus dem schlaffen Mund des Mannes. Angewidert schob sie sein stoppeliges Gesicht weg und mühte sich, den Körper beiseitezuschieben. Die Leiche kippte leicht, rollte dann aber zurück, zurück auf Sylvia. Sie schauderte. Sie nahm einige weitere hastige Atemzüge und sammelte ihre Kräfte, aber bevor sie einen neuen Versuch unternehmen konnte, hievte jemand den Körper von ihr herunter. Ihre Lungenflügel schienen sich in ihrer Brust erleichtert aufzublähen.

»Frau Mazzoni, sind Sie in Ordnung?«

Verwirrt musterte sie den Mann an, dann erkannte sie Nachrichtenoffizier Dieter Schmidt.

»Herr Schmidt. Was machen –?«

»Sie sind jetzt in Sicherheit.« Er fasste ihren rechten Arm, um ihr aufzuhelfen, dann deutete er auf den linken, blutgetränkten Ärmel. »Können Sie Ihren Arm bewegen?«

Behutsam hob Sylvia den verletzten Arm. Der Schmerz war zu ertragen. Der feuchte Stoff des Sweatshirts klebte an der Wunde und hemmte die Blutung. »Ja, scheint nicht so schlimm zu sein.«

»Gut.« Er zeigte zum leblosen Körper im Gras neben ihr. »Kennen Sie ihn?«

Sie zwang sich hinzusehen. »Er ist bei …« Sie atmete tief durch. »Er war bei der RAF. Manfred Klau, ein Freund von Horst.« Sie fröstelte. Jahrelang hatte sie ständig über ihre Schulter geblickt und erwartet, dass Terroristen der Roten Armee Fraktion sie erwischten. Es war nicht passiert. Warum jetzt, nach zwölf Jahren? Sie hatte gerade angefangen, sich vor ihrer Rache sicher zu fühlen.

Schmidt nickte. »Das habe ich befürchtet.«

Er bückte sich und fühlte nach einem Puls. Ein paar Sekunden später sagte er: »Seine Terroristentage sind vorüber.«

Sylvia starrte Schmidt an. »Haben Sie ihn erschossen?«

Er half ihr auf die Beine. »Darüber reden wir später. Sie müssen jetzt erst mal hier verschwinden – bevor die Polizei auftaucht.«

Er betrachtete eindringlich ihr Gesicht. »Schaffen Sie es allein bis zum Hotel?«

Benommen nickte sie.

»Ich muss mich hier um ein paar Dinge kümmern, aber ich werde so bald wie möglich nach Ihnen sehen.« Er sammelte ihre Tasche und den Schirm auf und drückte ihr beides in die Arme. »Kein Wort zu irgendwem, Frau Mazzoni. Gehen Sie. Jetzt!«

Sylvia stolperte in Richtung Einkaufspassage davon.









Kapitel 2







Rolf Keller war in Gedanken schon bei dem Antrag auf ein summarisches Urteil, den er heute fertigstellen musste, daher murmelte er seiner Sekretärin nur ein hastiges ›Guten Morgen‹ zu. Bevor er sein Büro jedoch betreten konnte, hob sie die Hand. Überrascht blieb er stehen. Sein Freitag würde nicht wie geplant verlaufen.

Mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen Neugier und Sorge schwankte, sagte Betty: »Steins Sekretärin hat bereits zweimal angerufen. Ich soll dich hochschicken, sobald du eintriffst.«

Betty Crandall konnte auf abwechslungsreiche zwanzig Jahre bei Stein & Weston zurückblicken. Anfangs hatte sie für Seniorpartner gearbeitet, war dann Juniorpartnern zugewiesen worden und schließlich angestellten Anwälten.

Als Rolf 1982 angefangen hatte, wurde Betty seine Sekretärin, ohne dass man ihm eine Wahl gelassen hätte. Man hielt sie für seltsam; sie war Mitte vierzig und unverheiratet. Sich lichtendes rotes Haar umrahmte ihre hohe Stirn und die eingefallenen Wangen. Eine spitze Nase ragte über kaum sichtbare, dünne Lippen. Sie verfehlte die Eins-achtzig um nur ein paar Zentimeter und war damit fast so groß wie Rolf. Ihre Kleidung musste noch aus den Sechziger Jahren stammen und passte problemlos, da sich ihr schlaksiger, spindeldürrer Körper zu weigern schien, mit fortschreitendem Alter Fett anzusetzen. Rolf konnte nicht entscheiden, ob Sparsamkeit oder Mangel an Geschmack ihre Aufmachung bestimmten.

Ihm war schnell klar geworden, warum die anderen Anwälte sie nicht mochten. Sie sprach unverblümt und wagte es, Wortwahl und Grammatik in rechtlichen Dokumenten infrage zu stellen. Gelegentlich beging sie sogar die unverzeihliche Sünde, auf einen inhaltlichen Fehler aufmerksam zu machen. Die aufgeblasenen Egos der meisten Anwälte konnten dieses Verhalten nicht ertragen, empfanden es als Anmaßung von Untergebenen. Rolf mochte ihre Direktheit. Deshalb war sie auch nach sieben Jahren noch seine Sekretärin.

Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. »Sie werden doch nicht in Schwierigkeiten stecken, Herr Anwalt?«

Rolf wusste die Stichelei zu schätzen. Im Gegensatz zur äußerst förmlichen Firmenkultur redeten sich Betty und Rolf seit Jahren mit Vornamen an und wichen davon nur in professionellem Umfeld ab, oder um einander aufzuziehen.

Harry Stein, der Gründer der Kanzlei, ließ einfache Anwälte gewöhnlich nicht bei sich antreten. Natürlich wusste Rolf, wo sich sein Büro befand – in der südöstlichen Ecke des zwölften Stocks – doch in den letzten sieben Jahren hatte er es nur zweimal betreten. Stein regierte die Firma mit autokratischer Hand durch seine Partner. Außer auf der Weihnachtsfeier mischte er sich nicht unter das einfache Volk.

»Hast du eine Ahnung, was er will, Betty?«

Sie zuckte die Schultern. »Nicht die blasseste.«

Rolf erblickte den Notizblock neben dem Posteingangskorb auf seinem Schreibtisch, nahm ihn jedoch nicht an sich. Stattdessen spähte er zum Kleiderständer, wo Hemd, Jackett und Krawatte für Gerichtstermine oder andere Anlässe mit Anzugpflicht bereit hingen.

»Ziehst du dich für den großen Boss etwa um?«

Rolf hörte die Herausforderung in ihrer Frage. »Anzug und Krawatte wären wohl übertrieben, oder?«

Einer weiteren ihrer satirischen Bemerkungen entfloh er in den Flur, wo er an den Schreibtischen der Assistenten und den Büros der Anwälte vorbeilief. Er erreichte die interne Wendeltreppe, welche die drei Stockwerke verband, die Stein & Weston im Bürogebäude im Zentrum von Washington belegten, und zögerte. Dann entschied er sich, den Aufzug zu nehmen. Natürlich fragte er sich, warum er antreten sollte. Ab seinem achten Jahr bei der Kanzlei würde man ihn für eine Partnerschaft in Erwägung ziehen und deshalb unter genauer Beobachtung halten. Das ungeschriebene Gesetz für eine Partnerschaft besagte, dass man sie spätestens im zehnten Jahr angeboten bekam – oder gar nicht. In letzterem Falle wurde erwartet, dass man die Firma von selbst verließ.

Auf der Fahrt nach oben erinnerte sich Rolf an Geschichten, die Betty ihm erzählt hatte. Mitarbeiter, die blieben, obwohl ihnen keine Partnerschaft angeboten wurde, hatten wieder Anfängeraufgaben wie Bibliotheksrecherche zu übernehmen und wurden von Partnern und Nichtpartnern gleichermaßen gemieden. Das Getuschel wurde dann allmählich so laut, dass es selbst die arglosesten oder stursten Anwälte kapieren mussten.

Das durfte ihm nicht passieren. Eine Partnerschaft in der Kanzlei bedeutete nicht nur Prestige und einen Wettbewerbsvorteil, sondern vor allem finanzielle Anreize – ein entscheidender Faktor. Von seinem Gehalt könnte er nicht mehr lange den Unterhalt für sein Kind, Alimente und die Miete für seine Wohnung zahlen sowie die Hypothek aufs Haus abstottern. Er musste Partner werden – lange vor seinem zehnten Jahr.

Als Rolf im zwölften Stock aus dem Aufzug in den holzgetäfelten Korridor trat, fragte er sich, ob Stein ihn gerufen hatte, um ihm die Partnerschaft anzubieten. Er hatte gute Arbeit geleistet, aber gut genug, um schon nach sieben Jahren Partner zu werden? Unwahrscheinlich.

Die großzügigen Räumlichkeiten der Partnerbüros betonten, dass nicht alle Anwälte gleich waren, nicht in den Augen von Stein & Weston. Als er sich zur südöstlichen Ecke geschlängelt hatte, erkannte Rolf das Namensschild aus Messing, in das ›Harold Stein, Seniorpartner‹ graviert war. Darunter prangte ein Zweites mit der Inschrift ›Mildred Reid, Sekretariat‹. Die dunkle Holztür stand offen.

Rolf spähte hinein und klopfte halbherzig an die Täfelung. Alle Wege zu Stein führen über seine Sekretärin, dachte er. Dem Blick zufolge, den ihm Mildred zuwarf, waren die Wege manchmal steinig. Innerhalb einer Nanosekunde ermittelte die Frau in den Fünfzigern mit der stiernackigen Statur eines Linebackers seinen Status innerhalb der Firma und deutete ein Nicken an, womit sie ihm wohl zu verstehen geben wollte, seine Anwesenheit werde toleriert.

»Setzen Sie sich, Mr. Keller. Ich werde Mr. Stein Bescheid geben, dass Sie hier sind.«

Ihr Ton klang eher nach einem Befehl als einer Einladung. Während er sich auf den Rand des schwarzen Lederstuhls gegenüber ihrem Kirschholztisch sinken ließ, fragte er sich, was wohl passieren würde, falls er nicht gehorchte. In ihrer Stellenbeschreibung stand bestimmt nichts von freundlichem Umgang mit angestellten Anwälten.

Kaum hatte sie ihn am Telefon angekündigt, sagte sie auch schon: »Mr. Stein empfängt Sie jetzt.« Sie öffnete die hohe Tür hinter ihrem Schreibtisch und bedeutete ihm, einzutreten.

Die Tür schloss sich hinter ihm, und sofort überfiel ihn das Gefühl, ein Schuljunge zu sein, der in das Büro des Direktors zitiert worden ist. Seine Schuhe sanken bei jedem seiner Schritte in den dicken, beigefarbenen Teppich. Das geräumige Büro bot neben dem üblichen Schreibtisch mit Besucherstühlen auch noch Platz für einen Konferenztisch mit sechs Lederstühlen und einem übergroßen Schlafsofa, ohne vollgestopft zu wirken.

Dank der wandhohen Fensterreihen an zwei Seiten war es sehr hell. Die Morgensonne drang durch die halb geöffneten Jalousien hinein und warf ein Streifenmuster auf den Boden. Sobald ihn die Strahlen trafen, musste Rolf die Augen zusammenkneifen. Der Seniorpartner wirbelte in seinem Lederstuhl zu Rolf herum und richtete sich aus seiner weit zurückgelehnten Position auf. Ein ungezwungenes Lächeln breitete sich über sein hageres Gesicht, das von einer langen Nase, großen Ohren und einer hohen Stirn akzentuiert wurde. Als er aufstand, um Rolf mit einem festen Händedruck zu begrüßen, wirkte er in seinem maßgeschneiderten Anzug sehr fit, besonders für einen Mann, der auf die Sechzig zuging. Er mochte wohl bei einer Größe von etwa 1,80 m höchstens siebzig Kilo wiegen, schätzte Rolf.

»Schön Sie zu sehen, Rolf. Wie geht es Ihnen?«

Überrascht von der herzlichen Begrüßung stammelte Rolf: »Gut …, Sir.«

»Setzen Sie sich. Kaffee?«

Er würde hier wohl einige Zeit festsitzen, schwante es Rolf. Also antwortete er: »Danke gerne.«

Stein setzte sich wieder hinter seinen riesigen Schreibtisch und drückte den Knopf für die Gegensprechanlage des Telefons. »Mildred, bringen Sie bitte Kaffee.« Ohne auf Antwort zu warten, wandte er sich Rolf zu. »Ich habe es sehr bedauert, zu erfahren, dass Sie und Lynn sich haben scheiden lassen. Es ist nicht einfach, wieder allein zu sein, auch wenn es so am besten ist, oder?«

Fassungslos rang Rolf um eine Antwort. Er hatte nicht erwartet, dass sein Privatleben Gesprächsthema werden könnte. Glücklicherweise wurden sie von einem Klopfen an der Tür unterbrochen, und Mildred schob einen kleinen Servierwagen herein. Ihrem Chef reichte sie schwarzen Kaffee, dann schob sie das Wägelchen neben den Besucherstuhl. Rolf schenkte sich aus der Kanne ein und rührte dann Sahne und Zucker in seine Tasse. Er wartete, bis sich die Tür hinter Mildred geschlossen hatte, bevor er Stein antwortete: »Eigentlich habe ich kaum Zeit, darüber nachzudenken.«

Stein nickte. »Ihre abrechenbaren Stunden im letzten Quartal waren unter den höchsten in der Kanzlei. Das gefällt den Partnern natürlich sehr.« Er beugte sich vor und legte seine Arme auf die Mahagonioberfläche des Schreibtisches. »Aber ich wundere mich über den plötzlichen Anstieg.«

Rolf spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Jetzt nur nicht erröten! Er schätzte es gar nicht, sich wie ein Zeuge im Kreuzverhör zu fühlen. Um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, stellte er die Tasse auf dem Wagen ab. Stein war kein Narr und würde alle Beschwichtigungsversuche durchschauen. Seine Antwort musste eine anständige Portion Wahrheit enthalten. »Um ehrlich zu sein, die letzten paar Monate waren hart. Es gab keinen Grund, nach Hause zu gehen, in eine leere Wohnung, also habe ich mich in die Arbeit vergraben. Und ich dachte mir, jetzt wäre eine gute Zeit, meine in Rechnung stellbaren Stunden zu erhöhen.«

Stein lehnte sich in seinem Stuhl zurück, als ließe er die Antwort auf sich wirken, und nahm einen Schluck Kaffee. Die Tasse auf die Armlehne gestützt, schwang er seinen Stuhl zum Eckfenster, musterte anscheinend die Bürogebäude, die in der Morgensonne förmlich glühten.

Rolf fragte sich, ob seine fast aufrichtige Antwort seinen Chef zufriedenstellte. Warum sollte er ihm auf die Nase binden, wie sehr er die Partnerschaft brauchte?

Der Senioranwalt schwang zurück und stellte die Tasse auf das Ausziehtablett. »Sie sind von der unabhängigen Sorte, nicht wahr?«

So, wie ihn Stein jetzt musterte, wünschte sich Rolf beinahe, sein Jackett und die Krawatte angezogen zu haben. Hier geht es sicher nicht um das Angebot einer Partnerschaft, dachte er und fühlte sich wie ein Trottel, weil er die Möglichkeit überhaupt in Erwägung gezogen hatte.

Deshalb überraschten ihn Steins nächste Worte umso mehr. »Nach allem, was ich über Ihr Auftreten bei Gericht höre, behaupten Sie sich auch gegen tyrannische Bundesrichter. Ihre Schriftsätze sind hervorragend, eingehend recherchiert, gut geschrieben und zeugen von kreativem Denken.«

Jetzt war Rolf völlig verwirrt. Zeichnete sich doch seine Partnerschaft ab?

Als hätte er seine Gedanken gelesen, fuhr der Senioranwalt fort: »Sie sind jetzt seit sieben Jahren bei uns. Wie Sie wissen, wartet die Kanzlei gewöhnlich zehn Jahre, bevor einem Anwalt die Partnerschaft angeboten wird.«

Rolf wurde das Herz schwer.

»In Ihrem Fall allerdings werde ich eine Ausnahme machen.«

Eine Last fiel von Rolf ab. Er maß der von Stein gewählten Formulierung besondere Bedeutung bei. Dieser hatte von der Kanzleipraxis im Allgemeinen gesprochen, aber sich allein die Entscheidung vorbehalten, von der Norm abzuweichen.

»Einem Anwalt an der Schwelle zur Partnerschaft wird normalerweise ein komplizierter Fall übertragen.« Stein warf ihm einen strengen Blick zu. »Der Auftrag, den Sie übernehmen sollen, ist extrem sensibel. Es handelt sich nicht wirklich um eine rechtliche Angelegenheit, aber sie erfordert außergewöhnliche Fähigkeiten von der Art, die ich bei einem Partner erwarte. Sie sind auf einzigartige Weise dafür qualifiziert. Wenn Sie die Aufgabe zu meiner Zufriedenheit erledigen, werden Sie unser neuester Partner.« Er musste nicht aussprechen, was passierte, falls Rolf versagte. Harry Stein schlug einen gewichtigen Ton an. »Bevor ich Ihnen Details gebe, muss ich Sie fragen, wie Ihre Suchttherapie läuft.«

Rolf fiel die Kinnlade herab. Gab es irgendetwas in seinem Privatleben, das diesem Mann nicht bekannt war? Bevor er seinen Ärger unter Kontrolle bekam, brachen die Worte aus ihm heraus: »Die Anonymen Alkoholiker sind genau das, anonym. Ich werde nicht mit Ihnen darüber sprechen.« Sein Körper katapultierte sich aus dem Stuhl hoch.

»Bitte setzten Sie sich. Ich will nicht in Ihrem AA-Programm herumschnüffeln, aber ich muss wissen, ob Sie nüchtern bleiben.«

Wie hatte Stein herausgefunden, dass er zu den Treffen ging? Hatte ihn jemand bei AA verraten? Rolf versuchte, seinen Zorn zu zügeln. Sein Chef wusste Bescheid. Wenn er jetzt aus dem Büro stürmte, änderte das auch nichts. Er rang um Fassung. »Wer die zwölf Schritte befolgt, bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit nüchtern. Wer sich allerdings nicht durchs Programm kämpft, wird meist rückfällig.«

»Ich kenne die Statistiken. Ich frage Sie. Werden Sie nüchtern bleiben?« Stein fixierte ihn mit dem Blick eines Anklägers.

Rolf konnte ihm nicht ausweichen. Er atmete tief durch und ließ sich auf den Stuhl sinken. »Jeder neue Tag ist ein Kampf, den ich gewinnen werde.« Das war die Wahrheit, und der Anwalt hinter dem Schreibtisch schien es ebenfalls zu spüren.

Harry Stein erhob sich, ging zu einer der holzgetäfelten Wände und schob zwei der Paneele auseinander, hinter denen sich ein großer Safe verbarg. Sein Oberkörper schirmte das Kombinationsschloss ab. Nach einer Reihe von Klicks und dem Geräusch sich bewegender Scharniere griff Stein in den offenen Safe. Er schloss ihn wieder, brachte einen Ordner zum Konferenztisch und winkte Rolf heran.

»Wann haben Sie Ihre deutsche Staatsbürgerschaft aufgegeben, um ein Bürger der Vereinigten Staaten zu werden?«

Obwohl Stein die Antwort wahrscheinlich bereits kannte, antwortete er gehorsam: »Das war 1982.«

»Empfinden Sie immer noch Gefolgstreue gegenüber dem Land, in dem Sie geboren und aufgewachsen sind?«

Rolf versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass Stein ihn schon wieder auf dem falschen Fuß erwischt hatte. »Nicht die Art von Loyalität, die ich für die USA hege, aber ich bleibe auf dem Laufenden, was drüben passiert, so wie man mit alten Freunden in Kontakt bleibt, nachdem man weggezogen ist. Seit dem Fall der Mauer wird natürlich viel darüber spekuliert, ob das geteilte Deutschland geeint werden könnte.«

»Was glauben Sie? Wird Deutschland wiedervereinigt?«

»Ich würde sagen, die Chancen stehen gut, wenn die Deutschen die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs überzeugen können, dass von einem vereinten Deutschland keine Gefahr ausgehen wird. Dazu wird Kanzler Kohl politisch geschickt lavieren und taktieren müssen.«

»Trauen Sie ihm das zu?«

Steins Frage überraschte Rolf und schmeichelte ihm. Nur, weil er gebürtiger Deutscher war, musste er noch lange kein Experte für deutsche oder globale Politik sein. »Ich weiß nur, was in den Zeitungen steht, und halte Helmut Kohl für einen fähigen Politiker. Wenn es jemand schafft, dann er.«

Harry Stein nickte. »Ja, mein Mandant denkt auch, dass die Wiedervereinigung Deutschlands unmittelbar bevorsteht.«

Steins Verwendung von Wiedervereinigung hörte sich an, als solle Deutschland in den Grenzen von vor dem Zweiten Weltkrieg wieder hergestellt werden, aber das stand völlig außer Frage. Nur die DDR und die Bundesrepublik standen zur Debatte, also sollte man lieber von einer Vereinigung sprechen.

Steins Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. »Sie müssen heute Abend den Flug nach Frankfurt erwischen und am Morgen nach Stuttgart weiterfliegen.

»Aber dieses Wochenende ist Ashley bei mir … meine Tochter.« Die Klarstellung war vermutlich überflüssig, da sich Stein bestens mit seinen familiären Verhältnissen auskannte.

»Tut mir leid, aber es ist dringend.«

Die Firma würde keine Ablehnung einer Aufgabe akzeptieren, egal wie schwierig sich das Privatleben eines Anwalts gestaltete. Stein hatte offensichtlich alles organisiert, ohne eine Weigerung Rolfs überhaupt in Erwägung zu ziehen. Abgesehen von einer Kündigung gab es keine realistischen Alternativen zu seiner Abreise.

»Sie können doch sicherlich andere Vorkehrungen für Ihre Tochter treffen, oder?«

Rolf lieferte die erwartete Antwort auf die rhetorische Frage. »Ja, Sir.« Dabei graute ihm davor, Ashley zu sagen, dass er ihr gemeinsames Wochenende ausfallen lassen musste. In letzter Zeit hatte sie sich immer mehr von ihm zurückgezogen, und er fragte sich, ob sie ihn für die Trennung verantwortlich machte. Falls es einen Weg gab, einer Siebenjährigen eine Scheidung zu erklären, hatte er ihn noch nicht gefunden. Vielleicht fehlte es ihm an Mut.

Als Stein zu seinem Schreibtisch ging, um seinen Kaffee zu holen, ergriff Rolf die Gelegenheit, einen Blick auf die Akte zu werfen. Er mühte sich, die auf dem Kopf stehenden Druckbuchstaben der Beschriftung zu entziffern, erkannte aber nur, dass es drei waren.

Steins Stimme erfüllte den Raum. »Ich nehme an, Sie wissen, was die Stasi ist?«

Rolf wirbelte herum und stellte erleichtert fest, dass Stein ihm den Rücken zugewandt hatte. Bemüht lässig antwortete er: »Ja, die ostdeutsche Geheimpolizei.«

»Was wissen Sie über die?«

»Sie versuchen, durch Indoktrination, Erpressung und Bestechung Ostdeutsche dazu zu bewegen, dass sie einander ausspionieren und verraten. Paare einander, die Kinder ihre Eltern. Sie lesen die Post und hören Anrufe ab. Sie haben die Methoden der Gestapo weiterentwickelt, von Staatsfeinden Geständnisse zu erzwingen, und auf ein neues Niveau von Raffinesse gehoben. Nicht nur physische, sondern auch psychische Qualen werden bei der Folter angewendet.«

Stein kehrte zum Konferenztisch zurück und stellte seine Tasse und Untertasse neben die Akte. »Ihnen ist klar, dass es sich nicht nur um eine Polizeibehörde handelt?«

Rolf nickte. »Sie spionieren national und international. Vielleicht gehört auch Terrorismus zu ihren Aufgaben.«

»Sie kennen sich ziemlich gut aus.« Steins Miene war die eines Lehrers, dessen Schüler gerade eine Prüfung bestanden hat. »Und jetzt fragen Sie sich bestimmt, was das alles mit Ihrem Auftrag zu tun hat.« Er nahm einen Schluck Kaffee und stellte die leere Tasse mit lautem Klappern auf die Untertasse. Dann legte er seine Hände auf dem geschlossenen Ordner ab. »Es gibt da einen Stasi-Offizier, der zur selben Schlussfolgerung gekommen ist wie wir, was die Wahrscheinlichkeit einer Wiedervereinigung betrifft. Er hat den westdeutschen Bundesnachrichtendienst kontaktiert und Dokumente aus den Stasi-Akten angeboten.«

Rolf wunderte sich, wie ein Partner einer Anwaltsfirma über Angelegenheiten von internationalen Geheimdiensten Bescheid wissen konnte, aber er stellte eine andere Frage: »Was will er im Gegenzug?«

»Ich bin nicht über die Verhandlungen eingeweiht. Ich nehme an, er will sich schützen, falls Deutschland geeint und die sozialistische Regierung mitsamt Stasi aufgelöst wird. Vielleicht versucht er, überzulaufen.«

»Warum wollen die Geheimdienstleute Zivilisten in Spionageaktivitäten involvieren?« Jetzt hatte er es doch noch geschafft, die Frage zu stellen, ohne dass sein Chef sie persönlich nehmen würde.

»Nun, das möchten sie natürlich nicht, aber dieser Stasi-Informant scheint darauf zu bestehen, dass die Übergabe der Dokumente zu einem bestimmten Zeitpunkt an eine gewisse Person erfolgt.«

»Ich verstehe nicht, was das mit mir zu tun hat.«

»Die Westdeutschen haben anscheinend Informationen, die sie glauben lassen, Sie seien die ideale Person, um den Empfänger der Dokumente im Auge zu behalten.«

»Ich kapierʼs immer noch nicht.« Gereiztheit schwang in Rolfs Stimme mit. »Wozu brauchen sie einen amerikanischen Anwalt, um die Übergabe der Dokumente zu beobachten?«

Stein blieb geduldig. »Ich verstehe Ihre Frustration. Es klingt verrückt, ich weiß. Es wird mehr Sinn ergeben, wenn Sie die Details kennen.«

»Und wann wird das passieren?«

»Ein Herr Schmidt wird in Ihrem Stuttgarter Hotel mit Ihnen Kontakt aufnehmen.«

»Und wen soll ich beobachten?«

»Das wird Schmidt Ihnen sagen.«

»Sie wissen nicht, was in den Stasi-Dokumenten steht?«

»Nein, aber genau darauf müssen Sie sich konzentrieren. Mein Mandant muss es wissen, und Ihr Auftrag ist es, das herauszufinden.«

»Und wie soll ich das schaffen?«

»Sie werden die besonderen Fähigkeiten einsetzen, die von einem Partner erwartet werden.«

»Weiß Schmidt, dass ich mir die Papiere ansehen werde?«

»Nein, in seinen Augen stellen Sie nur sicher, dass ihm der Empfänger die Dokumente übergibt. Es gibt keinen Grund, ihm mehr zu erzählen. Halten Sie sich an seine Anweisungen, aber irgendwann müssen Sie den Inhalt der Dokumente herausfinden und sie sogar kopieren.«

»Warum interessiert sich Ihr Mandant dafür?«

»Das ist vertraulich. Und Schmidt geht es nichts an, dass Sie mehr als nur die Dokumente im Auge behalten.«

Rolf hob eine Hand. »Mr. Stein, haben Sie eine Ahnung, wie rücksichtslos die Stasi vorgeht? Warum sollte ich in der DDR Spion spielen und mein Leben riskieren? Ich würde mir lieber meine Partnerschaftssporen mit einem heiklen Rechtsfall verdienen.«

Stein sah ihn direkt an. »Ich biete Ihnen drei Jahre früher eine Partnerschaft an, das sollte doch wohl das Risiko wert sein.«

Rolf rutschte auf seinem Stuhl herum. »Ich denke drüber nach.«

»Ich brauche Ihre Antwort jetzt.« Steins Stimme wurde weicher. »Schauen Sie, ich weiß, dass Sie unter einigem finanziellen Druck stehen. Nach einer Scheidung ist das ganz normal. Wenn heute Abend das Flugzeug mit Ihnen an Bord in Richtung Frankfurt abhebt, wird ein ansehnlicher Vorschuss auf Ihre Einnahmen als Partner auf Ihr Konto eingezahlt.«

Rolf blickte zur Decke hoch. Er musste nachdenken, aber die Zeit bekam er nicht. Er starrte Stein an. Wenn er schon gekauft wurde, wollte er auch seinen Preis kennen. »Wie viel?«

»Fünfzigtausend ist eine nette, runde Summe.«

»Gut, aber nicht als Vorschuss.«

Stein musterte ihn. Sein Gesichtsausdruck sagte Nein. Dann hellte ein Lächeln seine Miene auf. »Sie sind ein harter Verhandlungspartner. Das weiß ich zu schätzen. Hier ist mein Angebot. Wenn Sie Ihre Aufgabe meinen Erwartungen entsprechend erfüllen, gehört Ihnen das Geld. Wenn nicht, werden Sie es zurückzahlen.«

Mehr würde er aus Stein nicht rausholen können. Rolf nickte. »Einverstanden.«

»Gut, das hätten wir geklärt. Jetzt zu ein paar Grundregeln. Sie berichten direkt an mich und niemandem sonst in der Firma. Ich will umgehend über alle Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten werden. Sie erreichen mich Tag und Nacht unter einer dieser Nummern.« Stein fischte eine Karte aus seiner Jackentasche und reichte sie Rolf. »Lernen Sie die auswendig. Benutzen Sie die Erste während der Geschäftszeiten, ansonsten die Zweite. Und melden Sie sich täglich, egal, ob es etwas Besonderes zu berichten gibt oder nicht.«

»Woher weiß ich, was ich berichten soll, wenn ich keine Ahnung habe, was ich genau machen soll?«

»Das werden Sie schon herausfinden.«

Stein wollte ihn eindeutig abschrecken, weitere Fragen zu stellen, aber er sondierte trotzdem weiter. »Unter welchem Mandantennamen soll ich meine Arbeitsstunden erfassen?«

»Schicken Sie mir die Aufstellung, dann kümmere ich mich um den Rest.« Stein erhob sich. »Ich halte Sie nicht länger auf. Mildred hat alle nötigen Vorkehrungen getroffen.« Er streckte seinen Arm über den Schreibtisch. »Viel Glück.« Während sie sich die Hände schüttelten, fügte er mit gesenkter Stimme hinzu: »Rolf, Sie sind sich Ihrer Mission bewusst. Schützen Sie den Empfänger der Dokumente und bringen Sie ihren Inhalt in Erfahrung – jedes kleinste Detail. Egal, mit welchen Mitteln.«

»Jawohl, Sir.« Rolf spürte, wie sich ein enormes Gewicht auf ihn legte. Er zog sich in Richtung Tür zurück. Dabei fühlte sich jeder Schritt an wie Waten durch nassen Sand.

Auf halbem Weg wandte er sich um. »Wie lange werde ich dort bleiben?«

Stein wirkte amüsiert. »Schwer zu sagen. Packen Sie mehr als Freizeitkleidung ein, vielleicht etwas Passendes für einen Opernbesuch. Sie mögen doch Oper, Rolf?«












Kapitel 3








Oberst Heinz Dobnik lehnte an seinem Fenster im vierten Stock und beobachtete den Freitagabend-Exodus der Belegschaft aus dem Stasi-Hauptquartier in Ostberlin. Die Gestalten unten duckten sich gegen einen steifen Novemberwind, der durch die Normannenstraße fegte. Mit einem Anflug von Zynismus erinnerte sich Dobnik daran, dass er jetzt für das Amt für Nationale Sicherheit arbeitete, nicht mehr für die Stasi.

Angesichts von Massendemonstrationen, die noch vor ein paar Wochen in diesem totalitären Staat unvorstellbar gewesen wären, klammerte sich die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik verzweifelt an die Macht. Letzten Freitag, acht Tage nach der Maueröffnung, hatte das Parlament die Stasi, die am meisten gefürchtete und gehasste Behörde, in ›Amt für Nationale Sicherheit‹ umbenannt. Man hatte Erich Mielke nach zweiundreißig Jahren als ihren Leiter entlassen – in der Hoffnung, diese kosmetischen Eingriffe würden den Volkszorn besänftigen.

Die Öffentlichkeit ließ sich aber nicht so leicht an der Nase herumführen. Ihre Forderungen wurden jeden Tag kühner, und die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands distanzierte sich von der Stasi. Dennoch hatte Mielke versucht, die Woge der Demoralisierung aufzuhalten, die über die Behördenmitarbeiter hereinbrach. Vergeblich. Sein Nachfolger, immer auf die unsichere politische Lage bedacht, befahl den Außenstellen, Berge von Dokumenten zu vernichten. Darin standen unzählige Informationen, die durch das Abhören von Telefongesprächen und abgefangene Post gewonnen worden waren.

»Brauchen Sie noch etwas, bevor ich gehe, Herr Oberst?«

Oberst Dobnik drehte sich um und sah seine Sekretärin müde an. »Nein danke, Frau Ammer. Schönes Wochenende.«

»Auf Wiedersehen.«

Dobnik nickte zum Abschied, während seine Gedanken sich schon wieder mit dem Plan beschäftigten. Noch einmal spielte er ihn durch und fragte sich, ob er etwas übersehen hatte. Der kleinste Fehler konnte monatelange Vorbereitungen zunichtemachen und bei den Westdeutschen Verdacht erregen, ihn gar als Verräter entlarven. Er wollte keine Kugel in den Hinterkopf bekommen wie die zwei Stasi-Offiziere und der Hauptmann der Volksmarine, die vor Kurzem erwischt worden waren, als sie mit dem Westen in Kontakt treten wollten.

Mit Einbruch der Dunkelheit überlagerte sein Spiegelbild den Ausblick auf die Straße. Was er sah, gefiel ihm gar nicht: eine kleine, gedrungene Figur, ein aufgedunsenes Gesicht mit Hängebacken, schweren Tränensäcken, Doppelkinn und wachsenden Geheimratsecken. Mit vierundvierzig sah er um eine Dekade älter aus. Die Jahre verbissener Arbeit hatten ihren Tribut gefordert, nicht nur von seinem Körper, sondern auch von seiner Ehe. Angesichts seines Vorhabens konnte er sich allerdings glücklich schätzen, nicht mehr für eine Familie verantwortlich zu sein.

Die Absätze seiner Schuhe klickten auf dem Parkettboden, als er seinen üblichen Trampelpfad zwischen Schreibtisch und Fenster entlanglief. Der Reinigungsmannschaft schien es nicht zu gelingen, das abgewetzte Holz in diesem Bereich wieder auf Hochglanz zu polieren.

Dobnik hatte vor ein paar Jahren angefangen, hin und her zu tigern, als er herausfand, dass die DDR Terroristen beherbergte und ausbildete. War er zuvor nur ein Arbeitstier gewesen, wurde er nun zum Besessenen, der sein Land vom Aufpäppeln von Terroristen abzubringen versuchte. Doch wie konnte er hoffen, in einem System, das keine abweichende Meinung duldete, politische Veränderungen zu bewirken?

Dobnik blieb vor seinem Schreibtisch stehen und strich mit den Fingern durch sein sich lichtendes Haar. Er fragte sich, warum gerade er für dieses Projekt ausgewählt worden war. Angeblich stammte die Idee dafür von Generalmajor Holger Frantz, dem Leiter der Gegenspionage. Dieser hatte ihn an einem schwülen Nachmittag im vergangenen September zu sich bestellt, und Dobnik erinnerte sich daran, wie sehr ihn die Worte des Generalmajors verblüfft hatten.

»Herr Oberst, Sie gehören zu unseren klügsten Offizieren, deshalb wird es Sie nicht überraschen, was ich Ihnen zu sagen habe.«

Dobnik traute keinen Komplimenten von Vorgesetzten. Oft folgte ein ›aber‹ mit unangenehmen Konsequenzen. Da er nicht wusste, was er antworten sollte, schwieg er.

»Seit einiger Zeit beobachten wir die Situation in der Sowjetunion. Leider sind Glasnost und Perestroika keine simplen Schlagworte. Gorbatschow scheint es ernst zu meinen.«

Dobnik hielt dem Blick des Generals stand. Auch er hatte nach Hinweisen auf den Untergang des Kommunismus Ausschau gehalten. Seit Michail Gorbatschows Andeutung, die Sowjetunion werde das totalitäre Regime in Ostdeutschland nicht länger mit militärischen Mitteln stützen, sah Dobnik das Ende der Deutschen Demokratischen Republik kommen. Aber natürlich hätte er es niemals gewagt, mit irgendjemandem über seine Einschätzung der Lage zu sprechen.

Der General fuhr fort: »Unsere Regierung könnte stürzen oder wird sich vielleicht zu radikalen Änderungen gezwungen sehen. Wir können es uns nicht leisten, das zu ignorieren.«

Wie offen der General über so ein Tabuthema sprach! Dobnik konnte es nicht fassen. Er sah sich im Zimmer um. Hörte jemand mit und wartete darauf, dass er sich verriet? Er hielt den Mund.

Frantz erhob sich von seinem Schreibtischstuhl und baute sich vor Dobnik auf. »Es wird bereits über eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten diskutiert.«

Dobnik hörte Unglauben und Abscheu aus der Stimme des Generals.

Zu seinem Stuhl zurückgekehrt, schlug Frantz mit der Faust auf die Schreibtischoberfläche. »Das dürfen wir nicht zulassen! Verstanden?«

»Jawohl, Herr General.« Er hoffte, seine Antwort klang ausreichend begeistert.

Frantz ließ seinen mächtigen Körper in den Stuhl sinken. Selbst im Sitzen gab er eine imposante Erscheinung ab. Da fiel Dobnik der Kontrast zwischen der schweren Hornbrille und der leuchtenden Glatze des Generals auf.

»Herr Oberst, Sie werden uns helfen, diesen Unfug aufzuhalten. Es wird keine Vereinigung geben.«

Dobnik verließ der Mut. Was auch immer der General vorhatte, es konnte seine persönlichen Pläne, an denen er seit Monaten arbeitete, gefährden.

»Sie werden dem Bundesnachrichtendienst Informationen zuspielen.«

»Wie bitte?«

Der General schien Dobniks Betroffenheit zu genießen. »Sie werden denen Geheimnisse verraten, die wir ihnen zukommen lassen wollen.«

»Falschinformation?«

»Genau.« Frantz nahm eine nachdenkliche Haltung an. »Zuerst geben Sie echte Informationen weiter, um ihr Vertrauen zu gewinnen und ihren Appetit anzuregen. Wecken Sie deren Gier auf das, was Sie zu bieten haben, wenn Sie ›überlaufen‹.«

Dobnik wand sich auf seinem Stuhl.

»Nur drei Leute sind über diese Sache informiert, General Mielke, Sie und ich. Wie Sie wissen, haben wir ein paar Spione im Westen eingeschleust, und wir müssen davon ausgehen, dass sie uns ebenfalls infiltriert haben. Deshalb dürfen Sie mit niemandem über diese Angelegenheit sprechen. Sie werden alle Vorkehrungen selbst treffen. Nicht einmal Ihre Sekretärin dürfen Sie einweihen. Verstanden?«

»Alles klar.«

Der General zog einen Umschlag aus der mittleren Schublade und warf ihn über den Schreibtisch. »Hier sind Ihre Reiseunterlagen. Morgen früh fliegen Sie nach Triest. Ihr Rückflug ist für den nächsten Tag gebucht.«

»Ich soll nach Italien?«

»Ja, um überzeugend zu wirken, müssen Sie außerhalb der DDR Kontakt herstellen. Drüben weiß man bestimmt, dass bei uns Telefone abgehört werden.«

»Was, wenn ich länger als einen Tag brauche, um Kontakt aufzunehmen?«

Frantz starrte ihn an. »Der Agent, an den Sie sich wenden sollen, ist Dieter Schmidt. Er ist in den nächsten Tagen in seinem Hauptquartier. Falls Sie ihn nicht erreichen können, rufen Sie mich an.«

Auf dem Heimweg fragte sich Dobnik, woher der General so genau wusste, wo sich der westdeutsche Agent in den nächsten Tagen aufhalten würde. Das konnte ihm nur ein Stasi-Maulwurf beim Bundesnachrichtendienst verraten haben. Also würde Frantz von jedem Abkommen erfahren, das Dobnik mit dem westdeutschen Geheimdienst zu treffen versuchte.


♫ ♫ ♫


Die bevorstehende heikle Aufgabe hatte ihn nachts nicht zur Ruhe kommen lassen, und noch beim Abheben der Maschine von der Berlin-Schönefelder Startbahn fühlte sich Dobnik unbehaglich. Das Gefühl hielt während des ganzen Fluges an. Er hätte die Turbulenzen dafür verantwortlich machen können, aber er wusste es besser.

Während sich der Taxifahrer durch den dichten Verkehr im Zentrum von Triest kämpfte, dachte Dobnik, dass Frantz vermutlich eine billige Absteige für ihn gebucht hatte. Deshalb traute er kaum seinen Augen, als er die Lobby des Hotels Lombardi betrat. Die holzgetäfelten Wände und lachsfarbenen Granitoberflächen versprachen Luxus, wenn nicht gar Opulenz. Während er sein Handgepäck auspackte, erinnerte ihn sein knurrender Magen daran, dass er das Mittagessen hatte ausfallen lassen. Doch um Viertel nach fünf würde er kein Restaurant finden, das bereits für den Abendbetrieb geöffnet hatte. Eigentlich hatte er Schmidt erst morgen kontaktieren wollen, aber vielleicht konnte er ihn ja um diese Zeit noch im Büro erreichen.

Dobnik nahm den Hörer vom Telefon neben dem Bett, ließ ihn dann jedoch wieder auf die Gabel sinken. Frantzʼ Buchung in diesem Nobelhotel konnte auch ein verwanztes Zimmer und Telefon einschließen. Er gab den Schlüssel an der Rezeption ab, ignorierte die Telefonzellen an einer Wand der Lobby und reihte sich in den quirligen Menschenstrom auf dem Gehsteig ein. Die üppigen Auslagen in den Schaufenstern zogen seinen Blick auf sich. So etwas gab es in Ostberlin nicht, außer man gehörte zu den Parteifunktionären, die in Wandlitz lebten.

Unter Zeitdruck beschleunigte er seine Schritte und fand bald, was er suchte: ein Hotel mit schalldichten Telefonkabinen in der Empfangshalle. Er ließ sich mit dem BND in Pullach bei München verbinden.

Eine Frauenstimme meldete sich mit »Bundesnachrichtendienst.«

Er bat er darum, zu Dieter Schmidt durchgestellt zu werden. Nach allem, was er wusste – und die Stasi hatte Unmengen an Informationen über ihre westdeutsche Schwesterorganisation gesammelt – erfüllte der langjährige BND-Agent Dieter Schmidt, eher gewissenhaft als brillant, ihre Anforderungen bestens.

»Wen soll ich melden?«

Dobnik zögerte. »Sagen Sie ihm, ich habe die Informationen, nach denen er sucht.«

Nur leises Knistern in der Leitung. Er fragte sich, wie er sie überzeugen könnte, ihn zu verbinden, da sagte sie: »Einen Moment bitte.«

Dobnik lauschte gefühlte Minuten der Wartemusik. Würde die Frauenstimme ihm mitteilen, Schmidt sei nicht zu sprechen? Gerade, als er zu dem Schluss kam, sein Köder sei nicht explizit genug ausgefallen, fragte eine raue Männerstimme: »Was für Informationen haben Sie?«

»Herr Schmidt?«

»Ja. Und wer sind Sie?«

Dobnik überging die Frage. »Ich kann Ihnen Dokumente überlassen. Zu verschiedenen Themen, die Sie interessieren dürften.«

»Zum Beispiel?«

»Wo sich die Verstecke von gesuchten Terroristen befinden.«

Schmidt schnappte hörbar nach Luft. Eine Sekunde später fragte er: »RAF?«

»Ja.«

»Und woher wissen Sie das?«

»Ich habe Kopien von Akten, in denen steht, wo sie ausgebildet worden sind und was sie vorhaben.«

Erst nach einer langen Pause, in der Schmidt vermutlich versuchte, das Gehörte zu verarbeiten, fragte er: »Stasi-Akten?«

Beeindruckt fragte sich Dobnik, ob die Stasi-Analysten die Fähigkeiten des Mannes eventuell unterschätzt hatten.

»Ja«, antwortete Dobnik.

»Und wie sind Sie an die rangekommen?«

»Ich arbeite da.«

»Ich brauche Beweise.«

»Das erste Päckchen wird den Beweis liefern.«

Noch eine lange Pause. Würde Schmidt den Köder schlucken?

»Was verlangen Sie?«

Dobnik zögerte keine Sekunde. »Ich will mich nach Westdeutschland absetzen. Bayern wäre schön – und ein paar Zusatzleistungen, die wir später besprechen können. Und Immunität.«

»Sind Sie bereit, sofort überzusiedeln?«

»Erst in ein paar Wochen. Wie stehtʼs mit der Immunität?«

»Dazu muss ich erst prüfen, was Sie für uns haben.« Schmidts Stimme klang unnachgiebig.

Dobnik dachte einen Moment nach. »Gut, ich organisiere eine erste Übergabe und rufe Sie wegen der Details noch mal an.«

»Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit. Die Tage des sozialistischen Regimes sind gezählt.«

Dobnik atmete tief durch. Als sein Ärger über Schmidts Stichelei verflogen war, antwortete er mit ruhiger Stimme: »Da wäre ich mir nicht so sicher.«

»Wie schnell können Sie liefern?«, drängte Schmidt.

»Bald«, antwortete Dobnik.

Anscheinend spürte Schmidt, dass er auflegen wollte, denn er sagte: »Warten Sie. Rufen Sie mich unter folgender Nummer an.«

Dobnik fummelte nach einem Stift und schrieb die Nummer auf eine Seite des Telefonbuchs, das aufgeschlagen vor ihm lag. »Hab sie notiert.« Er legte auf und riss die Ecke mit seinem Gekritzel ab. Mit dem Zettel in seinem Besitz in die DDR einzureisen, stand außer Frage, aber die fünfstellige Telefonnummer mit der vierstelligen Vorwahl für Pullach war leicht zu merken.

Da er seinen Auftrag erfüllt hatte, gönnte sich Dobnik ein üppiges italienisches Abendessen mit mehreren Gängen, das auch noch seiner Tarnung diente. Zufrieden rieb er sich den prallen Bauch. Anschließend machte er einen Verdauungsspaziergang durch Triest. An der Promenade fand er eine Bank, von der aus er das geschäftige Treiben im Hafen beobachten konnte, während er die Abendsonne genoss und dabei das intensiv schmeckende Himbeereis schlemmte, das er von einem Straßenhändler gekauft hatte. Sobald sich seine Sorgen über die Organisation der Übergabe regten, verscheuchte er diese. Die Planung konnte bis zu seiner Rückkehr nach Ostberlin warten. Er würde sich den Rest seiner Reise davon nicht verderben lassen.

Die salzige Brise, die Schreie der Möwen, die zwischen den Masten der auf dem öligen Wasser tanzenden Fischkutter und Segelbote herumschwirrten, und die Lebhaftigkeit der Italiener faszinierten ihn derart, dass er die Zeit vergaß. Als der Schatten der Bank sich über den gesamten Weg erstreckte, stand er auf. Er hatte so viel Atmosphäre aufgesogen, wie er nur konnte. Auf dem Weg zum Hotel sinnierte er über den erfolgreichen und äußerst angenehmen Tag nach.


♫ ♫ ♫


Zurück in Ostberlin machte sich Dobnik ernsthaft an die Planung. Je mehr er über die Details nachdachte, desto größer wurden seine Sorgen. Er wusste nicht genau, was ihn störte. Vielleicht war es die Art, wie Frantz ihm die Idee unterbreitet hatte. Sein Auftrag stellte ein hohes Risiko dar. Er konnte durch die Westdeutschen als Schwindler bloßgestellt oder durch seine eigenen Leute verraten werden.

Die Dokumente nach Westberlin zu schmuggeln, war zu gefährlich. Falls Frantz ihn auf der Abschussliste hatte, würde er ihn als Doppelagenten verhaften lassen. Die Übergabe musste in Ostberlin stattfinden. Aber wer sollte das Material in Empfang nehmen? Bestimmt kein BND-Agent. Er hatte keinen Grund, Schmidt oder einem seiner Handlanger zu vertrauen. Außerdem schaffte es ein Spion aus dem Westen nicht so einfach nach Ostberlin, ohne von der Stasi bemerkt zu werden. Er musste jemand anderen finden, aber wen?

Wochenlang zerbrach er sich den Kopf, ohne dass ihm ein geeigneter Kandidat einfiel. Eines Nachmittags schweiften Dobniks Gedanken ab in Erinnerungen an seine Studentenzeit, in der er oft mit Horst Kreuzer und seinen linken Freunden gezecht hatte. Sowie er an Horst dachte, tauchte das Bild von Sylvia Mazzoni vor seinem inneren Auge auf. Sie würde sich vermutlich nicht mehr an ihn erinnern, schließlich war er während der wilden Uni-Tage in Westberlin nur einer von vielen Saufkumpanen ihres Freundes Horst gewesen. Wie hätte sie Verdacht schöpfen sollen, dass er mit Horst mehr gemein hatte als eine Vorliebe für Berliner Weiße, nämlich eine politische Gesinnung, die im kapitalistischen Westdeutschland als linksradikal galt? Sie hatten sich für verschiedene Wege entschieden, um ihre politischen Ziele zu verfolgen. Kreuzer trat der Roten Armee Fraktion bei, um die westdeutsche Gesellschaft durch Terrorismus zu bekämpfen. Er dagegen hatte sich in den Osten abgesetzt und wurde Stasi-Agent.

Was wohl aus Sylvia geworden war? Über die Geliebte eines RAF-Terroristen gab es bestimmt eine Stasi-Akte. Kaum hatte er den Gedanken gefasst, stürmte Dobnik aus seinem Büro. Der Archivar brauchte weniger als eine Minute, um ihre Akte zu finden. Dobnik brachte den Ordner in sein Büro, schloss die Tür und schlug ihn auf. Das oben abgeheftete Dokument beantwortete ihm sofort die Frage, was aus ihr geworden war: eine aufstrebende Operndiva, die für eine Schlüsselvorstellung in der Oper Stuttgart gebucht war.

Dobnik lehnte sich im Stuhl zurück und starrte an die Decke. Könnte sie als Überbringerin fungieren? Er blätterte den Rest des Ordners durch, in dem ihre und Horsts Aktivitäten seit ihrer Studienzeit in den Siebziger Jahren dokumentiert waren. Er lächelte. Ja, sie würde den perfekten Kurier abgeben. Langsam nahm eine Idee Gestalt an, wie er sie nach Ostberlin bringen könnte. Falls sie sich weigerte, lieferte ihre Akte genug Munition, um sie unter Druck zu setzen.

Er machte Frantz die Idee schmackhaft, indem er Sylvias Verbindungen zur linken Szene an der Freien Universität Berlin ausschmückte und den Generalmajor in dem falschen Glauben ließ, sie sei an den Terroranschlägen ihres Freundes beteiligt gewesen. Dobnik brauchte sie und war bereit, alles Erforderliche zu tun, um ihre Mitarbeit zu gewährleisten. Eine Tagung der Kommunistischen Partei Mitte Oktober in Belgrad bot Dobnik die perfekte Gelegenheit, Schmidt zu kontaktieren und die erste Übergabe zu arrangieren. Frantz genehmigte die Reise.

Trotz seiner Ungeduld, Schmidt anzurufen, musste Dobnik das übliche gemütliche Beisammensein und Essen am ersten Abend ertragen. Er konnte es sich nicht leisten, Verdacht zu erregen, indem er sich so etwas entgehen ließ. Am zweiten Tag schwänzte er die Nachmittagssitzung und begab sich zu einem nahe gelegenen Hotel, in dem es, wie er von früheren Besuchen wusste, Telefone in der Eingangshalle gab.

Er ließ sich mit der auswendig gelernten Nummer, die Schmidt ihm gegeben hatte, verbinden. Zu seiner Überraschung antwortete eine Frau. »Wiedenmaier.«

Verdattert fragte er: »Ist das der Anschluss von Dieter Schmidt?«

»Ja, aber er ist nicht im Büro. Soll ich ihm etwas ausrichten?«

Dobnik wusste nicht, was er sagen sollte.

»Hallo? Sind Sie noch dran?«

»Ähm … ja. Wann erwarten Sie ihn zurück?«

»Morgen früh.«

»Sagen Sie ihm, es geht um eine Umsiedlung. Ich rufe morgen Nachmittag noch mal an.« Er knallte den Hörer auf die Gabel. Noch ein Tag verschwendet. Statt zur Tagung zurückzukehren, lief er ein paar Häuserblocks entlang, bis er für den morgigen Anruf ein anderes Hotel mit Telefonzellen fand.

Am Mittwochnachmittag nahm Schmidt nach dem ersten Klingeln ab.

Dobnik kam sofort zur Sache. »Ich habe alles für die erste Übergabe organisiert. Sie wird am Montag, den 27. November, in der Ostberliner Oper stattfinden.«

»In der Oper?«

Dobnik genoss Schmidts hörbare Verblüffung und konnte es kaum erwarten zu hören, wie er auf seine nächsten Worte reagieren würde. »In der Oper an eine Opernsängerin.«

Nach einer beträchtlichen Pause sagte Schmidt: »Meinen Sie das ernst?«

»Der Name der Sängerin ist Sylvia Mazzoni.« Dobnik wartete. Die ausgedehnte Stille sagte ihm, dass er einen Knüller gelandet hatte. Er fuhr fort: »Sie erinnern sich? Horst Kreuzers Kleine. Sie haben sich an sie herangemacht, und sie hat ihn ans Messer geliefert.«

»Sie hat ihre Schuld vor zwölf Jahren abgetragen.« Schmidt klang verärgert. »Selbst wenn ich bei dieser Farce mitmachen wollte, wie zum Teufel sollte ich sie überreden, in Ostberlin Spionin zu spielen?«

Dobnik hatte mit diesem Einwand gerechnet. »Ihr Verein war noch nie zimperlich, wenn es darum ging, angemessene Überredungsmethoden anzuwenden. Die Frau blickt einer vielversprechenden Opernkarriere entgegen. Falls aber ihre Verbindung zu einem RAF-Terroristen bekannt werden sollte …« Er musste den Satz nicht beenden. Schmidt konnte seine eigenen Schlüsse ziehen.

»Erpressung?« In Schmidts Stimme schwang ein Hauch von Abscheu mit. »Aber ich sehe keine Möglichkeit, sie nach Ostberlin zu schleusen.«

»Darum kümmere ich mich. Machen Sie ihr einfach nur klar, was aus ihrer Karriere wird, wenn sie nicht mit uns zusammenarbeitet.«

»Hören Sie, das ist doch verrückt. Sie sollten das einem Profi überlassen, keinem Amateur.«

»Vielleicht ist es verrückt, aber nur so bekommen Sie zu sehen, was ich für Sie habe.«

Nach weiterem Schweigen hörte Dobnik ein schwaches Seufzen. »Na gut, wie Sie wollen. Ich kümmere mich um alles auf unserer Seite. Da Sie ein Freund der Oper sind, benutzen Sie den Decknamen Mozart, wenn Sie Kontakt aufnehmen.«

»Wir sprechen uns.« Dobnik legte auf und verließ das Hotel.


♫ ♫ ♫


Im September hatte Frantzʼ Plan Oberst Dobnik nicht besonders gut gefallen. An diesem Freitagabend im November schmeckte er ihm noch weniger. Er stand in seinem Büro am Fenster und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Es waren die Motive des Generals, denen er nicht traute. Vielleicht sollten nicht nur die Westdeutschen hereingelegt werden. Er hatte Vorsicht walten lassen und Kopien nur nach den Bürostunden angefertigt. Aber der hohe Zählerstand am Kopiergerät könnte ihn verraten haben. Seine Sekretärin spionierte vielleicht für Frantz.

Noch etwas ließ ihm keine Ruhe. War dies wirklich eine von Mielke offiziell sanktionierte Operation? Falls ja, war sein Nachfolger darüber in Kenntnis gesetzt worden? Er musste herausfinden, ob dieser Auftrag autorisiert war, oder ob Frantz seine eigenen Ziele verfolgte.

Dobnik schloss seinen Schreibtisch ab, nahm seinen Mantel vom Haken an der Tür und verließ sein Büro. Während er vor dem Fahrstuhl wartete, dachte er darüber nach, wie einfach es gewesen war, die Übergabe der Dokumente für nächste Woche zu organisieren. Hoffentlich würde Sylvia morgen in Stuttgart gut genug singen, dass sich niemand über ihr Engagement an der Ostberliner Staatsoper Unter den Linden wundern würde.

Er hatte weder Skrupel, eine ahnungslose Sylvia für seine Zwecke einzuspannen, noch würde er zögern, sich ihrer zu bedienen, falls er abhauen musste.











Kapitel 4








Sylvia trat aus dem Schlossgarten und hielt auf die Läden zu. Ihre Sinne waren aufs Äußerste geschärft, um auch die kleinste Bewegung oder das geringste Geräusch wahrzunehmen. Die erhöhte Aufmerksamkeit gab ihr das Gefühl, sich in Zeitlupe zu bewegen, obwohl sie in Wirklichkeit in einen Laufschritt verfallen war. Ihre Gedanken schwirrten in viele Richtungen. Sann die Rote Armee Fraktion immer noch auf Rache für ihren Verrat vor zwölf Jahren? Was hatte den BND-Agenten Schmidt auf den Plan gerufen? Wurde sie von seiner Behörde beobachtet? Hatte er den Terroristen erschossen?

Sylvia fasste sich an den Hals und schluckte. Sie dachte an die morgige Abendaufführung. Ihre Stimme schien dem Würgegriff ohne ernsten Schaden entkommen zu sein. Sie würde sie nicht im Stich lassen – das durfte sie nicht. Inzwischen war sie fast Mitte dreißig, daher würde sie kaum noch eine Chance zum Durchbruch erhalten. Jahre an der Musikhochschule, während derer sie nachts als Kellnerin hatte arbeiten sowie auf Hochzeiten und Beerdigungen singen müssen – ihre harte Arbeit musste sich morgen auszahlen. Außerdem wagte sie nicht, ihre Mutter zu enttäuschen, ohne deren monatliche Zuschüsse sie es nie so weit gebracht hätte.

Sie passierte die Straßenbahnhaltestelle und eilte weiter zum Taxistand am Rand des Parks. Dabei verdeckte sie ihren blutigen Ärmel mit Tasche und Regenschirm. Ihre zittrigen Finger packten den Türgriff des Mercedes an der Spitze der wartenden Taxischlange und schafften es, die Tür zu öffnen. Sie schlüpfte auf den Rücksitz und achtete darauf, nicht den glänzenden Lederbezug mit Blut zu beschmieren. »Zum Hotel Schwäbischer Hof, bitte.«

Der korpulente Mann im Fahrersitz drehte sich mit vor Anstrengung verkniffenem Gesicht zu ihr um, bis sich sein Bierbauch ins Lenkrad drückte. Er warf ihr einen kurzen Blick zu, nickte, ließ den Motor an und brauste los. Als sich Sylvia zum Fenster wandte, um hinauszusehen, war der Obere Schlossgarten verschwunden wie ein schlechter Traum, nicht aber die Gedanken an den Überfall. Groteske Bilder des Messer schwingenden Angreifers, seines Würgegriffs, seines blutigen Körpers tauchten ungebeten in ihrem Kopf auf. Sylvia konnte sie nicht abschütteln, wurde während der zehnminütigen Taxifahrt von ihnen verfolgt.

Der Schwäbische Hof, ein traditionelles, deutsches Hotel, lag an der Ostseite des Unteren Schlossgartens. Als das Taxi vor dem Eingang hielt, drückte Sylvia dem Fahrer einen Zehnmarkschein in die Hand, stieg aus und konnte durch die Drehtür schlüpfen, bevor der Portier sie bemerkte. Wenn sie es doch bloß schaffen würde, auch die Eingangshalle zu durchqueren und den Schlüssel zu holen, ohne Fragen beantworten zu müssen.

Sylvia sah der jungen Frau hinter der Teakholztheke in die Augen und sagte in einem Ton, der zu keinem Schwätzchen einladen sollte: »Zimmer 785, bitte.«

Sie schnappte sich den Schlüssel, wirbelte herum und steuerte auf die Aufzüge zu, die sich auf der anderen Seite der Eingangshalle aneinanderreihten. Gerade als sie dachte, unbemerkt davongekommen zu sein, hörte sie eine Baritonstimme. »Frau Mazzoni, was haben Sie denn mit Ihrem Arm angestellt?«

Sylvia drehte sich um. Sie erkannte den Mann mit der beginnenden Glatze und hauchte einen Fluch. Was hatte der Geschäftsführer so spät noch im Hotel zu suchen? Sie rang sich ein Lächeln ab. »Oh, das ist nichts, Herr Grell. Nur ein kleines Missgeschick.«

»Soll sich das nicht lieber ein Arzt anschauen?«

»Nein.«

Ihre Barschheit schreckte ihn nicht ab. »Unsere Krankenschwester ist noch hier. Ich werde sie zu Ihrem Zimmer hochschicken.«

Da Widerspruch Verdacht erregen könnte, sagte sie: »Vielen Dank, Herr Grell.«

Er nickte und kehrte zum Empfang zurück.

In ihrem Zimmer streifte Sylvia vorsichtig das blutige Sweatshirt ab und entkleidete sich, um schnell zu duschen. Die Wunde war nicht ernst, und das Blut hatte bereits zu gerinnen begonnen. Im Taxi hatte sie fest auf die Wunde gedrückt. Das musste die Blutung gestillt haben, und das sprühende Wasser wusch nun die meisten Spuren von ihrem Arm. Ihre Angst um ihre Stimme konnte sie nicht einfach fortspülen. Sie kämpfte dagegen an, indem sie zögerlich ein paar Tonleitern sang. Erleichterung machte sich in ihr breit. Wie durch ein Wunder hatte ihre Stimme nicht unter der Tortur gelitten.

Ein paar Minuten später klopfte es. Sylvia hüllte sich in den Frotteebademantel des Hotels und öffnete die Tür. Eine üppige Frau in Schwesterntracht und flachen Schuhen musterte sie abschätzend, bevor sie ins Zimmer trat.

»Dann schauen wir uns Ihre Verletzung mal an.« Es war kein Ersuchen.

Sylvia entblößte ihren linken Arm.

Die Schwester inspizierte die Wunde und zog in alle Richtungen an der umgebenden Haut. »Aha«, machte sie. »Nicht sehr tief. Messer?«

Sylvia nickte.

»Was für eins?«

»Küchenmesser.«

»Schmutzig?«

»Meine Freundin hat Gurken geschnitten, als sie sich umdrehte und mich versehentlich erwischte.«

Sylvia meinte, Unglauben im Gesicht der Frau zu lesen, aber diese griff wortlos in ihre Tasche, fischte eine Flasche Jod heraus, tröpfelte etwas davon auf einen Wattebausch und betupfte die Wunde. Sylvia erinnerte sich daran, wie sie als Kind gekreischt hatte, wenn ihre Mutter das Zeug auf ihre vielen Kratzer und Schrammen strich.

Die Schwester legte einen Baumwollverband an. »Lassen Sie den über Nacht dran«, ordnete sie an. »Morgen werde ich mir das noch mal anschauen.« Ihr Gesichtsausdruck duldete keinen Widerspruch.

»Danke.«

»Und halten Sie sich von der Küche Ihrer Freundin fern«, murmelte die Schwester und verschwand.










Kapitel 5








»Möchten Sie einen Cocktail, Sir?«

Die Frage traf Rolf Keller unvorbereitet. Sonst flog er nicht erster Klasse. Die einladende Art der Stewardess schien nur eine Antwort zu erlauben, und beinahe wäre ihm ein Ja herausgerutscht. Er hatte einen grauenhaften Tag hinter sich, da hörte sich ein Scotch mit Wasser sehr verführerisch an. Er meinte schon zu spüren, wie das Brennen Mund und Rachen hinabwanderte, im Magen anlangte und jede Faser seines Körpers entspannte. Allerdings wusste er genau, was danach käme, und das konnte er sich nicht leisten.

Er presste ein »Nein danke« heraus und hoffte, seine Stimme signalisierte kein Bedauern. »Nur Wasser, bitte.«

Die Flugbegleiterin nickte und wandte sich an den Passagier am Fenster, einen großen Mann mit grobschlächtigen Zügen. Seine gestreifte Krawatte baumelte lose am offenen Kragen eines gestärkten weißen Hemdes – sein Zugeständnis an die Unbill des bevorstehenden Achtstundenflugs. Rolf schätzte ihn auf Ende vierzig und hielt ihn entweder für einen Geschäftsmann in leitender Funktion oder einen Anwaltskollegen. Rolf fühlte sich in Jeans und T-Shirt wohl. Warum sollte er sich durch seine Garderobe als Anwalt zu erkennen geben, ein Beruf, den die Öffentlichkeit auf die gleiche Stufe wie Politiker und Gebrauchtwagenhändler stellte?

Der steile Aufstieg der Boeing 767 in den Abendhimmel über dem Dulles Airport drückte Rolf in den Sitz. Er versuchte, sich zu entspannen, aber in seinem Kopf schwirrten zu viele Fragen herum. Warum hatte die Firma für seinen Flug nach Deutschland erste Klasse gebucht, obwohl sie sonst immer angehalten wurden, Touristenklasse zu fliegen? Warum hatte er diesen irrsinnigen Auftrag angenommen? Rolf ließ die Sitzlehne nach hinten gleiten und schloss seine Augen, aber er konnte immer noch Harry Steins unergründliches Lächeln sehen, als er ihm riet, für die Oper geeignete Kleidung einzupacken.


♫ ♫ ♫


Da manche Blenden vor den Fenstern nur halb geschlossen waren, drang das schwache Licht der Morgendämmerung in die Kabine der ersten Klasse. Die Passagiere begannen, sich zu regen. Rolf erwachte aus seinem Schlummer und rieb sich die müden Augen. Er hatte nach einem vierstündigen Nickerchen kaum ausgeschlafen. Vielleicht war es genug, um die Auswirkungen der Zeitverschiebung in Grenzen zu halten. Von früheren Reisen wusste er, dass mit dem Sonnenaufgang über dem Ozean bald Frühstück serviert werden würde. In ein paar Stunden würde der Anflug auf Frankfurt folgen.

Die Reisebegleiterin kam den Gang entlang und teilte Päckchen aus, die zu Rolfs Überraschung eine Zahnbürste und Zahnpasta enthielten. Da er nicht mit den Annehmlichkeiten der ersten Klasse vertraut war, hatte er beides mitgebracht.

Als er von der Toilette zurückkehrte, grüßte ihn sein Nachbar mit einem freundlichen: »Guten Morgen. Sieht so aus, als wären Sie gut ausgeruht.«

Rolf ließ sich in seinem Sitz nieder. »Ja, war nicht übel. Und Sie?«

»Nein, ich kann auf diesen Flügen keine Sekunde schlafen. Ich beneide Sie.« Der Mann reichte ihm die Hand. »Ich heiße Kent Ferguson.«

»Rolf Keller. Sehr angenehm.«

Sie schüttelten sich die Hände. Fergusons gestreifte Krawatte vom Vortag war verschwunden – zweifellos war sie Opfer des nächtlichen Ringens um eine Mütze Schlaf geworden, genau wie das ehemals steife weiße Hemd, das jetzt zerknittert über dem vorstehenden Bauch halb aus der Hose hing.

Eine Reisebegleiterin steckte Ablagetischchen in die Armlehnen ihrer Sitze. Nachdem sie weiße Tücher darüber gebreitet hatte, nahm sie Kaffeebestellungen auf und ging.

Der Fremde wandte ihm sein fleischiges Gesicht zu, das von wulstigen Lippen und einer Stupsnase geprägt war. »Was führt Sie nach Deutschland?« Seine Augenbrauen hoben sich fragend in die große Stirn, die durch den rückläufigen Haaransatz noch prominenter wirkte.

»Geschäfte.« Rolf erwartete die übliche Frage nach seinem Beruf.

Aber Ferguson nickte. »Ja, November ist nicht gerade Urlaubssaison in Deutschland.«

Die Stewardess kehrte mit Tabletts zurück, die sie auf ihre Tischchen stellte. Dampfender Kaffee, Rühreier, Schinken, Croissants und Orangensaft sahen einladend aus. Als Rolf sich darüber hermachte, murmelte sein Sitznachbar zwischen zwei Bissen: »Sie müssen Deutscher sein.«

»Ich dachte, ich hätte keinen Akzent mehr.«

»Falls Sie einen haben, ist er mir nicht aufgefallen. Ich habe es an der Art gemerkt, wie Sie mit Messer und Gabel umgehen. Während wir Amerikaner die Hände wechseln, behaltet ihr Kontinentaleuropäer die Gabel in der linken Hand und das Messer in der rechten, während ihr esst.« Als ob er seine Aussage beweisen wollte, schnitt er ein Stück vom Schinken, legte das Messer weg und nahm die Gabel in die rechte Hand, um Schinken und Rühreier aufzuschaufeln.

»Ich nehme an, das ist eine Gewohnheit, die ich nie abgelegt habe.« Europäische Tischmanieren waren für ihn so natürlich, dass Rolf sich nicht vorstellen konnte, auf andere Weise zu essen. »Sie sind sehr aufmerksam«, lobte er Ferguson und fragte sich, was dieser wohl beruflich machte.

»Nun, ich bin ganz schön in Europa herumgekommen. Und ich erinnere mich an den alten Film mit Jimmy Stewart, Geheimagent des FBI, in dem der Spion in Ausbildung lernt, die Tischmanieren von Amerikanern, Kontinentaleuropäern und Briten zu unterscheiden.«

Das Geplauder verstummte, während sie ihr Frühstück fertig aßen. Danach fragte Ferguson: »Aus welcher Ecke Deutschlands stammen Sie?«

Rolf schob sein Tablett von sich. »Aus Stuttgart. Kennen Sie die Stadt?«

»Sie liegt doch im Südwesten, in der Nähe des Schwarzwalds. Porsche und Mercedes werden dort gefertigt.«

»Ja, es ist die Geburtsstätte des modernen Automobils. Gottlieb Daimler begründete so etwas wie eine Handwerkstradition, als er das erste Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor baute. Das können Sie übrigens im Daimler-Benz-Museum besichtigen.« Begeisterung schwang in Rolfs Stimme mit. »Was ich an Stuttgart am meisten mag, ist allerdings die Atmosphäre der Stadt.«

Ferguson zog die Augenbrauen hoch. »Was meinen Sie damit?«

»Die Art, wie sich Stuttgart über Täler und Hügel erstreckt, die alten Häuser und Schlösser, die Wälder und Weinberge – eine große Stadt mit Kleinstadt-Flair.« Seine frühere Heimat zu beschreiben, erfüllte Rolf mit eigenartigem Stolz. »Wissen Sie, Stuttgart ist fast so hügelig wie San Francisco.«

Ferguson reichte der Flugbegleiterin sein Tablett, während er zu Rolf sagte: »Hört sich nach einer netten Gegend an. Warum sind Sie weg?«

Rolf wurde nachdenklich und fragte sich, wie viel er dem Fremden erzählen sollte. Er wählte seine Worte mit Bedacht. »Oh, nachdem ich mit der Universität fertig war, wollte ich eine andere Kultur kennenlernen. Seit ich denken kann, haben mich die USA fasziniert. Als ich die Chance auf ein Visum bekam, ergriff ich sie.«

»Haben Sie noch Familie in Stuttgart?«

Rolf glaubte, mehr als beiläufiges Interesse in Fergusons Tonfall wahrzunehmen. »Niemand, mit dem ich in Kontakt geblieben wäre.« Er hoffte, seine knappe Antwort würde weitere Fragen nach seiner Verwandtschaft sinnlos erscheinen lassen. Rolf wollte nicht über seine verstorbenen Eltern sprechen. Noch weniger ging es den Fremden etwas an, dass mehr als Abenteuerlust hinter seiner Entscheidung steckte, auszuwandern. Er war nicht stolz darauf, trotz Sylvias Flehen um Hilfe abgehauen zu sein. Er hatte versucht, die nagende Schuld zu ersäufen, und einige Zeit hatte der Alkohol auch seinen Dienst getan. Aber egal, wie viel er trank, die Gefühle kehrten zurück, sobald er nüchtern wurde. Dann hatten ihm die Anonymen Alkoholiker seine Vorwände genommen, sich zu betrinken. Sie zwangen ihn, seiner Reue ins Gesicht zu blicken und auf andere Weise damit fertig zu werden.

Nach Deutschland zurückkehren zu müssen, hatte ihn mit Beklommenheit erfüllt. Jetzt überlegte er zum ersten Mal, ob dieser Auftrag ihm vielleicht eine einzigartige Gelegenheit bot, seinen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Er konnte die Schmerzen nicht ungeschehen machen, die er Sylvia zugefügt hatte, aber vielleicht konnte er auf irgendeine Weise Wiedergutmachung leisten.

Fergusons Stimme riss ihn zurück in die Gegenwart. »Was machen Sie beruflich?«

»Ähm … ich bin Anwalt.«

Fergusons Kinnlade fiel nach unten. »Oh, wirklich? Hätte ich nie erraten.«

Rolf wusste, dass es nicht nur an seiner legeren Kleidung lag. Viele Leute brachten ihren Unglauben zum Ausdruck, wenn er seinen Beruf erwähnte. Manche sagten ihm sogar, er sei zu nett für einen Anwalt. Jetzt, da der Fremde das Thema angeschnitten hatte, erlaubte sich Rolf zu fragen: »Und was ist mit Ihnen? Womit verdienen Sie ihren Lebensunterhalt?«

»Ich bin als Auslandskorrespondent für Europa bei mehreren Nachrichtenorganisationen tätig. Deshalb komme ich so viel herum.« Offensichtlich bemerkte er Rolfs Überraschung, denn er fuhr fort: »Zugegeben, ich kleide mich nicht gerade wie ein Journalist, aber Sie laufen auch nicht in Anwaltsuniform herum.«

»Nein, ich hasse Anzüge und Krawatten.«

Sie lachten, als sich ihre Blicke trafen.

Rolf fing sich zuerst wieder. »Worüber berichten Sie?«

»Wie Sie sicher wissen, ist die Wiedervereinigung Deutschlands ein angesagtes Thema. Im Moment suche ich nach Geschichten über menschliche Schicksale im Osten und Westen, die dadurch betroffen sind.«

»Und was haben Sie herausgefunden? Sind alle begeistert von der Aussicht, nach über vierzig Jahren bald wieder in einem Deutschland zu leben?«

»Die meisten schon, würde ich sagen, aber nicht alle. Im Osten machen sich einige Leute Sorgen, sie könnten ihre Arbeit verlieren. Die Westdeutschen dagegen fürchten sich vor hoher Arbeitslosigkeit und den Wiederaufbaukosten, die der Wirtschaft schaden. Es gibt also einen nicht unbeträchtlichen Widerstand gegen eine Wiedervereinigung.«

»Am Ende geht es immer um den Geldbeutel, stimmtʼs?«

Ferguson nickte. »Nicht nur das. Einige Leute sind ganz schön nervös wegen dem, was die Stasi-Akten zutage fördern könnten. Diese Menschen würden Kanzler Kohls Bestrebungen zur Wiedervereinigung lieber scheitern lassen. Und wenn das nicht klappt und es zur Wiedervereinigung kommt, hätten sie nicht das Geringste dagegen, sollten nicht mehr allzu viele Stasi-Dokumente übrig sein.«

Die Erwähnung der Stasi-Akten überraschte Rolf. Er musterte den Fremden eindringlich. Konnte dies mehr als eine Zufallsbekanntschaft sein? Dann erinnerte er sich an die zahlreichen Spekulationen in den Nachrichten, ob und wann die Stasi-Dokumente wohl öffentlich zugänglich gemacht würden. Als Journalist würde sich Ferguson natürlich mit dem Thema beschäftigen. Er entspannte sich und gab sich Mühe, gelassen zu klingen, als er fragte: »Wenn die Stasi-Akten öffentlich gemacht werden, wird wahrscheinlich mancher ostdeutsche Spion enttarnt.«

Ferguson sah sich um und sprach dann mit gedämpfter Stimme: »Nicht nur Spione, sondern auch Terroristen und andere Kollaborateure der sozialistischen Regierung. Keiner weiß sicher, wie viele es gibt, aber es gehen Gerüchte um, dass die westdeutsche Gesellschaft weitreichend infiltriert ist.«

Rolf schürzte die Lippen zu einem lautlosen Pfiff. »Klingt, als wären Sie bestens informiert.«

»Ich hab meine Quellen.« Er strahlte Selbstbewusstsein aus, ohne arrogant zu klingen. »Ich würde sagen, Kanzler Kohl wird es schwer haben, den Franzosen und Briten ein vereintes Deutschland schmackhaft zu machen. Die sind recht nervös bei der Aussicht, ihr Gegner aus dem Zweiten Weltkrieg könnte wieder erstarken, politisch und wirtschaftlich. Margaret Thatcher soll absolut dagegen sein, und Gorbatschow hat sich mit der Idee auch noch nicht so recht angefreundet.«

Nachdem er seinen Gurt gelöst hatte, verbog Ferguson mühsam seinen massigen Körper, der den Sitz der ersten Klasse beinah ausfüllte. Er schaffte es, in die Gesäßtasche seiner Anzughose zu fassen, holte seine Brieftasche heraus und reichte Rolf eine Visitenkarte. »Falls Sie über irgendwas stolpern, das in die Nachrichten kommen sollte, rufen Sie mich an.«

Rolf sah auf die Karte und steckte sie dann in die Tasche seiner Jeans. Er würde sicher nichts erleben, das den Journalisten interessieren mochte – zumindest nichts, das er ihm erzählen durfte. »Sie leben in Berlin?«

»Ich bin gerade erst hingezogen, denn da spielen sich die interessanten Dinge ab. Was ist mit Ihnen? Wohin führen Sie Ihre Anwaltsgeschäfte?«

Meinen Auftrag kann man wohl kaum als Anwaltsgeschäft bezeichnen, dachte Rolf. »Zuerst nach Stuttgart«, enthüllte er. Ferguson hielt ihn vermutlich für ziemlich verschlossen, aber tatsächlich wusste Rolf nicht, wohin ihn sein Auftrag führen würde.

Anscheinend störte Ferguson das wenig, denn er bemerkte: »Klingt, als würden Sie länger bleiben.«

»Ich weiß es wirklich noch nicht.« Das entsprach der Wahrheit, aber Rolf wollte auch deutlich machen, dass er keine weiteren Informationen preisgeben würde.

Ferguson fügte sich und beendete ihren Plausch. »Nun, was auch immer Sie vorhaben, ich wünsche Ihnen viel Glück.«

»Danke, das werde ich brauchen.« Rolf überraschte der Eifer in seiner eigenen Stimme. Wie viel Glück mochte er brauchen, um seinen sonderbaren Auftrag erfolgreich durchzuführen? Sein Unbehagen hatte sich noch nicht gelegt, als der Pilot den Anflug auf den Rhein-Main-Flughafen ankündigte.










Kapitel 6








Die Aufzugtüren schlossen sich bereits. Durch den schmaler werdenden Spalt erkannte Sylvia den Mann, der gerade die Hotellobby betrat. Horst Kreuzer. Aber war der nicht im Gefängnis gestorben? Vor Entsetzen wurden ihre Knie weich. Er sprintete auf sie zu. Ihre Blicke trafen sich. Sein wissendes Starren lähmte sie. Er hechtete vor – zu spät, um den Fahrstuhl anzuhalten. In dem Bruchteil einer Sekunde, bevor sich die Türen endgültig zusammenschoben, sah sie ihn herumwirbeln und in Richtung Treppen laufen.

Der Aufzug begann seinen schleppenden Aufstieg. Konnte Horst vor ihr den siebten Stock erreichen? Sie hielt den Atem an, als könne sie dadurch irgendwie das uralte Gefährt beschleunigen. Die Anzeige an der Seite mühte sich von Ziffer zu Ziffer. Endlich jaulte der Motor und wurde langsamer. Die Nummer Sieben leuchtete auf, und die Kabine stoppte abrupt. Sie zwang sich, nicht an den zurückweichenden Stahltüren zu zerren, sonst würden sie vielleicht blockieren. Mit dem Schlüssel in der Hand quetschte sie sich durch die Öffnung und spähte in beide Richtungen den Korridor entlang. Als sie keine Regung wahrnahm, bog sie nach rechts und rannte an der Tür zum Treppenhaus vorbei. Ihr Zimmer war das Dritte links.

Während sie mit zitternden Fingern den Schlüssel umdrehte, schlug die Treppenhaustür gegen die Wand. Sylvia stürmte in ihr Zimmer, knallte die Tür zu und verriegelte sie. Einen Moment später hämmerte er gegen die Tür. Sie blendete die immer lauteren Schläge aus. Die Tür schien nachzugeben. Schrecken erfüllte sie. Sie konnte nirgends hin.

Schweißgebadet schreckte Sylvia aus dem Traum auf. Kurz wusste sie nicht, wo sie sich befand, dann fiel ihr Blick auf den Wecker auf dem Nachttisch. Er zeigte 23:37 Uhr an. Bevor sie auf die Matratze zurücksinken konnte, hörte sie ein Geräusch an der Tür. Es klopfte tatsächlich jemand. Benommen setzte sie ihre Füße auf den Teppichboden. Auf dem Weg zur Tür wurde sie sich ihrer Aufmachung bewusst und schnappte sich den Hotelbademantel, um ihr Nachthemd zu bedecken.

Durch den Türspion erkannte sie Dieter Schmidt. Sie schob den Riegel zurück und öffnete. Der stämmige Mann in den Vierzigern betrat eilig den Raum, schloss die Tür und machte eine entschuldigende Geste. »Tut mir leid, Sie so spät noch zu stören. Ich hatte gehofft, Sie würden noch wach sein.«

Ihr Protest blieb ihr im Hals stecken. Als sie das Licht einschaltete, sah sie Regentropfen in seinem Schnauzer und seinem feinen Haar glitzern. Er schlüpfte aus dem Regenmantel und faltete ihn über seinen Arm. Sein verkrumpeltes Hemd und das stoppelige Kinn zeugten von einem langen Tag.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Sylvia berührte ihren Oberarm. »Nur eine Fleischwunde. Ich denke, ich sollte Ihnen dafür danken, dass Sie ihn erschossen haben. Sie haben mir das Leben gerettet.«

»Ich habe ihn nicht erschossen.«

»Was?« Sie funkelte ihn an. »Was haben Sie denn dann dort gemacht?«

»Ich wollte Sie nach der Probe abfangen, um mit Ihnen über Berlin zu reden.«

»Aber wenn Sie ihn nicht getötet haben, wer war es dann?«

Er strich sich mit den Fingern durch seine vom Wind zerzausten Haare in einem halbherzigen Versuch, sie zu entwirren. »Daran arbeiten wir noch, aber es ist besser, wenn Sie nichts darüber wissen. Wichtig ist, wer der Tote war. Sie nannten ihn einen Terroristen der Roten Armee Fraktion.«

»Ja. Er hat früher viel Zeit mit Horst Kreuzer verbracht.« Ihre Wangen glühten, als sie an ihren früheren Geliebten dachte.

»Glauben Sie, er wollte eine alte Rechnung begleichen?« Schmidt sah besorgt aus.

»Ich habe mir damals gedacht, dass sie hinter mir her sein würden, aber warum sollten sie damit zwölf Jahre warten?«

Er tigerte auf dem abgenutzten Teppichboden hin und her. »Wenn es nicht um Rache geht, haben die Terroristen vielleicht von Ihrem Auftrag Wind bekommen.«

Sie schlang ihren Bademantel enger um sich, als könne sie damit seine angsterregenden Worte abwehren. »Wenn das stimmt, dann …« Sie sammelte ihre Kräfte. »Dann müssen Sie jemand anderen finden, der nach Ihrer Pfeife tanzt.«

»Das ist unmöglich, und Sie wissen das. Sie müssen die Sache erledigen. Aber seien Sie beruhigt, wir werden für die Operation größtmögliche Sicherheitsvorkehrungen treffen.« Schmidt legte seinen Mantel über die hohe Lehne eines Stuhls am Fenster. Er umkreiste den Stuhl und sank dann auf das Cordpolster.

»Bedeutet das, Sie werden einige Zeit hierbleiben? Ich habe morgen einen großen Tag vor mir und würde gerne weiterschlafen.«

»Wir müssen reden.«

Sie seufzte. »Worüber?«

»Haben Sie irgendjemandem von unserem Gespräch letzte Woche erzählt?«

»Auf keinen Fall.« Sylvia merkte, wie sich ihre Haltung unwillkürlich versteift hatte. »Wie viele von Ihren Leuten wissen, dass Sie mich zwangsrekrutiert haben? Haben Sie denen die gleiche Frage gestellt?«

»Sie wissen doch, dass der Stasi-Überläufer darauf besteht, nur mit Ihnen zu arbeiten und sonst niemandem. Ich hab getan, was ich tun musste.«

»Und das rechtfertigt, mich zu erpressen?«

Sylvia hatte keine Wahl. Sie musste kooperieren.

Als Schmidt an sie herangetreten war, um sie als Kurier zu gewinnen, hatte sie ihn anfangs zurückgewiesen: »Nein, ich will damit nichts zu tun haben.«

Sie konnte immer noch seine Drohung hören. »Mir scheint, jemand mit Ihrer Vergangenheit ist nicht in einer Position, abzulehnen.«

Ihr Magen verkrampfte sich. »Was meinen Sie damit? Ich habe nichts Falsches getan.«

»Sie haben es vielleicht geschafft, Ihre Verbindung zur Roten Armee Fraktion zu vergessen, aber ich versichere Ihnen, wir erinnern uns daran.«

Zorn stieg in ihr hoch. »Wer sind Sie? Für wen arbeiten Sie?«

»Meine Arbeit hat mit nationaler Sicherheit zu tun. Ich gehöre zum Bundesnachrichtendienst.«

»Wenn Sie wirklich beim Geheimdienst sind, dann wissen Sie ganz genau, dass ich nie etwas mit einer linksradikalen Gruppe zu tun hatte. Weder mit Baader-Meinhof noch mit der späteren RAF.«

»Sagt Ihnen der Name Horst Kreuzer etwas?«

»Er war ein Uni-Freund, na und?«

»Hören Sie auf damit, Frau Mazzoni. Er war ein Mitglied der RAF … und ihr Liebhaber.«

»Wenn Sie schon so gut informiert sind, erinnern Sie sich bestimmt auch daran, dass ich es war, die ihn hinter Gitter gebracht hat.« Ihr kam beim schieren Gedanken an ihren Verrat die Galle hoch.

»Deshalb sind Sie ja auch so glimpflich davongekommen.«

»Ich hatte keine Ahnung, in was Horst verwickelt war. Als ich davon erfuhr, habe ich mit ihm Schluss gemacht.«

Ihre Unschuldsbeteuerung schien Schmidt genauso wenig zu beeindrucken wie vor zwölf Jahren die Polizei. Ohne darauf einzugehen, fuhr er sachlich fort: »Meines Wissens werden Sie an der Oper Stuttgart auftreten.« Seine Augen verengten sich. »Das wollen wir doch nicht gefährden.«

Sylvia verstand. Erpressung hörte niemals auf. Wie hatte sie so naiv sein können, zu glauben, ihre mit zweiundzwanzig Jahren getroffene Fehlentscheidung würde sie nicht heimsuchen? Die Polizei hatte gedroht, sie als Mitschuldige strafrechtlich zu verfolgen, weil sie die Freundin eines Terroristen gewesen war. Ihre Beteuerungen, nichts über Horsts Aktivitäten zu wissen, waren nicht zur Kenntnis genommen worden, also hatte sie ihnen weniger bekannte Aufenthaltsorte ihres Ex-Freundes verraten.

Jetzt, zwölf Jahre später, befand sie sich in derselben Zwickmühle. Dieser Geheimagent hatte sie durch seine Drohungen zur Spionage gezwungen. Die Leitung der Oper Stuttgart würde auf ihre vergangenen Verfehlungen wenig wohlwollend reagieren, auch wenn sie selbst diese lediglich ihrem jugendlichen Leichtsinn zuschrieb. Die Oper wurde zu fünfundachtzig Prozent vom Staat subventioniert. Zweifellos würde man dort den Wünschen von Schmidts Arbeitgeber entsprechen. Mit anderen Worten, falls sie nicht mitspielte, konnte sie ihre Opernkarriere an den Nagel hängen, wenigstens in Stuttgart. Sylvia ließ sich auf einen leeren Stuhl fallen und wiegte ihren schmerzenden Arm.

Schmidt sprach jetzt im Tonfall eines reuigen Sünders bei der Beichte. »Es gibt da etwas, das ich Ihnen verschwiegen habe, aber es wird Zeit, dass Sie es erfahren. Ich erhoffe mir von den Stasi-Akten Hinweise auf ein geplantes Attentat. Vielleicht können wir den Mord an einem weiteren Industriellen oder einem Regierungsmitglied verhindern.« Er zögerte und schien nach den passenden Worten zu suchen. »Wir müssen uns dieser Dokumente bemächtigen. Die Zukunft Deutschlands könnte davon abhängen.«

»Ja klar, das erzählen Sie vermutlich all Ihren Rekruten.«

Sie schwiegen. Durch das halb geöffnete Fenster drang der weiche Klang von prasselndem Regen, regelmäßig durchbrochen von Reifen auf Asphalt, die den Gehweg bespritzten. Die Geräusche hatten eine beruhigende, fast hypnotische Wirkung.

Sylvia brach das Schweigen. »Ich nehme an, Sie haben einen Plan für die Übergabe der Dokumente.«

Nach einer langen Pause schüttelte Schmidt seinen Kopf, als wolle er seine Gedanken in den Griff bekommen. »Genau darüber müssen wir reden. Der Stasi-Informant hält sich bedeckt. Er wird Ihnen die Unterlagen zuspielen, während Sie an der Staatsoper in Ostberlin singen. Ich weiß weder, wann oder wo es sein wird, noch kenne ich Details darüber, was für Material Sie bekommen werden.«

»Und Sie haben keine Ahnung, wer es ist?«

»Nein. Ich habe ihm den Decknamen ›Mozart‹ gegeben, weil er von der Oper begeistert scheint.«

»Wissen Sie, warum er mich ausgewählt hat?«

»Nein, nicht wirklich. Vielleicht kennt er Sie von der Universität. Wäre das möglich?«

Sylvia zuckte die Schultern. »Horst hatte viele Freunde, und sie feierten alle gern Partys. Einige waren eher links, also würde es mich nicht überraschen, wenn einer von ihnen in den Osten gegangen wäre. Könnte jeder sein.« Sie lehnte sich zurück. »Wann wurden Sie zum ersten Mal wegen der Stasi-Dokumente angesprochen?«

Schmidt zögerte, wägte offensichtlich ab, ob er ihr antworten sollte. Schließlich sagte er: »Im September.«

»Und wann hat dieser Mozart zum ersten Mal meinen Namen erwähnt?«

Noch verblüffter antwortete Schmidt: »Vor einem Monat … Sind Sie schon einmal in Ostdeutschland aufgetreten? Ist das nicht ungewöhnlich für eine Sängerin aus dem Westen?«

Sie überging seine erste Frage. »Ich war verdutzt, als mir der Leiter der Oper Stuttgart mitteilte, dass man mich für zwei Vorstellungen in Ostberlin angefordert hat. Natürlich habe ich angenommen, man wolle mich dort, weil ich die Rolle hier singe.« Sylvias Gedanken überschlugen sich. »Sie haben mir noch etwas verschwiegen.« Sie suchte in seinem Gesicht nach Anhaltspunkten. »Woher wusste Ihr Informant, dass … Oh, natürlich. Mein Auftritt wurde letzten Monat arrangiert, also etwa um die Zeit, als er meinen Namen ins Spiel brachte. Er hat die ganze Sache angezettelt.«

Schmidt starrte sie voller Bewunderung an. »Nicht schlecht. Eine Opernsängerin mit einem Händchen für Spionage.«

»Ich denke, mit Spionage verhält es sich wie mit der Oper. Entweder hat man Talent dafür oder nicht. Viele Sopranistinnen können die Noten von Madame Butterflys Arie ›Un bel dì vedremo‹ singen, aber nur eine von Hunderten Künstlerinnen kann das verzweifelte Verlangen der Geisha nach Pinkertons Rückkehr voll zum Ausdruck bringen.«

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