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Die Stadt: zwölf Sprachen – fünf Bedeutungen

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[3]Uwe Prell

Die Stadt: zwölf Sprachen – fünf Bedeutungen

Ein Beitrag zur Theorie der Stadt

Verlag Barbara Budrich

Opladen • Berlin • Toronto 2017

[5]Die Stadt – Suche nach einem Phänomen oder:
Nach der Dekonstruktion ist vor der Konstruktion

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„Die große Erzählung hat ihre Glaubwürdigkeit verloren.“1 Diese Schlussfolgerung zieht der französische Philosoph Jean-François Lyotard 1986 aus seiner kritischen Analyse der Moderne. Nach wie vor wird Lyotards Diagnose häufig als Credo der Postmoderne zitiert und daraus ein „anything goes“ gefolgert.

Die beschleunigte digitale Globalisierung mit ihren Kurz-kurz-Mustern scheint diese Schlussfolgerung mehr denn je zu rechtfertigen.2 Insofern ist die Kritik an der Moderne berechtigt, nachvollziehbar und im Übrigen bei Lyotard weitaus komplexer und differenzierter als die sie oft verkürzende Rezeption. „Das Konzept der Postmoderne hat sich seit seiner Einführung in den gesellschaftspolitischen Diskurs durch Jean-François Lyotard vollkommen verselbständigt und wurde medial zum Synonym für alles und jedes Abweichende deformiert“,3 stellt Peter Engelmann schon vier Jahre später, 1990, fest. Fraglos befindet sich die Moderne nach wie vor in einer existenziellen Krise, und sie ist längst kein Heilsversprechen mehr.

Lyotard geht in seiner Kritik noch weiter. Seine „Annahme besteht darin, dass das Projekt der Moderne (die Verwirklichung der Universalität) nicht aufgegeben, sondern zerstört, ‚liquidiert‘ worden ist“.4 Das sind starke Worte, und wahrscheinlich ist diese Diagnose zu depressiv, um erträglich zu sein. Später relativiert sie der französische Philosoph in seinen „Randbemerkungen zu den Erzählungen“. Mit Blick auf die legitimierende Rolle der „großen Erzählung“ stellt er die Frage: „Wie können die großen Legitimationserzählungen […] noch glaubwürdig erscheinen?“,5 und kommt zu dem Ergebnis, dass er „die Bedeutung, die dem narrativen Genre zukommt, übertrieben“ habe.

So verständlich diese Revision oder zumindest Relativierung ist, mich interessiert an dieser Debatte ein grundsätzlicher Punkt. Wenn wir die Moderne als[6] eine Befreiung und Emanzipation aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“6 verstehen – eine Position, die ich vorschlage, unverändert als Anker zu nutzen –, dann lässt sie sich deuten als Bewegung; und zwar vor allem als eine Bewegung weg von einem nicht mehr haltbaren Zustand.7 So gesehen wird die Moderne zu einem Prinzip. Hier sympathisiere ich mit Hartmut Rosas Überlegungen. Er versteht die Moderne als Prinzip der Beschleunigung. Das ist eine so scharfe wie janusköpfige Diagnose. Trifft sie zu, dann ist die Moderne ein endlicher Zustand, denn unendliche Beschleunigung ist nicht möglich, weder technisch noch sozial.

Mit dieser Sicht lässt sich Lyotards Postulat vom Ende, zumindest von der Krise der „großen Erzählungen“ durchaus vereinbaren. Wenn die Fliehkräfte der Beschleunigung eine soziale Fragmentierung aller Lebensbereiche bewirken, dann ist es schlüssig, dass sich auch die „große Erzählung“ auflöst und zerlegt in immer kleinere Bruchstücke.

An dieser Stelle wird die Diskussion in der Regel normativ und entweder ein Gewinn gefeiert oder ein Verlust beklagt. Beides ist schwer widerlegbar und dennoch nicht überzeugend, weil weder das eine noch das andere Orientierung bietet. Diesen Konflikt zu lösen fällt deshalb so schwer, weil es an Kriterien mangelt, um die jeweilige Qualität der Argumentation zu ermessen. Wenn Beschleunigung das Prinzip der Moderne ist, was sind die Kriterien, beides zu bewerten?

Das ist in erster Linie ein methodisches Problem; und möglicherweise eines jener Probleme, die mit anderen methodischen Problemen vergleichbar sind und die vielleicht zu einem Muster führten. Die Aufgabe „großer Erzählungen“ aufgrund ihrer legitimierenden Bedeutung, die Lyotard so überzeugend begründet, hat in diesem Zusammenhang eine weitreichende Konsequenz. Sie führt dazu, dass wir nicht nur die Moderne als Flucht- und Orientierungspunkt aufgeben, sondern dass wir auch die Kriterien verlieren, um zu fundierten Bewertungen zu gelangen. Es scheint doch um mehr zu gehen als um Legitimation. Wenn wir Lyotard folgen, auf die „großen Erzählungen“ vollständig verzichten und stattdessen nur noch auf „kleine Erzählungen“ setzen, dann gelangen wir genau zu jenen zahlreichen Fragmenten, die für sich genommen schlüssig erscheinen mögen, über deren Bedeutung und Zusammenhänge wir jedoch nur spekulieren können.8 Mit anderen Worten: Wir verlieren unsere Urteilsfähigkeit.

[7]2

Ein vergleichbares Phänomen ist mir auf einem ganz anderen Feld begegnet – in der Stadtforschung. Das vielleicht eindrucksvollste und wichtigste Beispiel ist Saskia Sassens epochale Studie „The Global City“.9 Dieser Ansatz verändert die bis dahin geltenden Sichtweisen in mehrfacher Hinsicht. Am wichtigsten scheinen mir heute die Fragen nach der Bedeutung und Reichweite des von ihr konstruierten Stadttyps. Dass er existiert, steht längst außer Frage und ist in zahlreichen Forschungen belegt. Doch was ist die Global City? Eine große Erzählung? Eine kleine Erzählung? Oder eine große kleine Erzählung?

Bis heute ist jedenfalls nicht klar, welche Bedeutung das Global-City-Konzept in der gegenwärtigen Welt hat. Die Herausforderung, die Reichweite dieses Ansatzes zu ermessen, ist bislang noch nicht einmal angenommen worden. Wenn wir etwa auf die Internationalen Beziehungen blicken, die zu einer Antwort in der Lage sein müssten, dann kommt dort die Global City bislang nicht vor oder allenfalls als Fußnote.10

[8]Das hat mit einem grundlegenden Denkmodell dieser Disziplin zu tun. Die Politikwissenschaft verortet Städte, wie die meisten Disziplinen, stets auf der kommunalen Ebene. Dem liegt eine Denkfigur zugrunde, die den Aufbau der Welt in Ebenen konstruiert und die sich annähernd beschreiben lässt mit den Begriffen lokal, kommunal, regional, überregional, national, international und global. Doch schon dieses Modell kann die Realität nur zum Teil fassen. Es muss beispielsweise die Hauptstädte als Sonderfall konstruieren. Danach sind sie einerseits auf der kommunalen Ebene verortet, andererseits haben sie durch ihre Hauptstadtfunktion nationalstaatliche und sogar internationale Bedeutung.11 Beschrieben sind solche Doppelfunktionen immer wieder, aber sie sind noch nicht theoretisch gefasst, erklärt und gedeutet.

Der entscheidende Punkt ist meines Erachtens das Denken in Ebenen, das sich nach wie vor stark am Bild des Staates als zentralem Bezugspunkt orientiert. Ein möglicher Ausweg wäre ein revidierter Politikbegriff. Neuere Überlegungen haben mit dem Governance-Begriff versucht das Politikverständnis zu erweitern und zu differenzieren.12 So nachvollziehbar die Motive und so schlüssig die Argumentationen einerseits sind, so hoch ist andererseits der Preis. Nur noch ein kleiner Kreis von Eingeweihten versteht, was gemeint ist; die Begriffe und Erklärungen verlieren an Kraft und Relevanz.

3

Das Global-City-Konzept wirft noch ein weiteres Problem auf: Selbst wenn es gelingt, die Global City in den Internationalen Beziehungen zu verorten und einen Konsens über die Verortung zu erzielen, ist immer noch nicht klar, welchen Stellenwert sie hat. Solange wir nicht dazu in der Lage sind, die Global City in[9] ein Verhältnis zur Stadt im Allgemeinen zu setzen, bleibt die Reichweite aller entsprechenden Überlegungen unklar. Dabei wird sofort deutlich, dass diese Fragestellung tiefer reicht und nicht nur die Global City, sondern alle Stadttypen betrifft. Hier kommt Max Webers Idee, die Bildung von Idealtypen auf die Stadt anzuwenden, an ihre Grenze. Erst wenn wir die verschiedenen Stadttypen ins Verhältnis zu der Stadt setzen können, lässt sich das Problem lösen. Im Kern geht es mir also um eine Frage der Deutung und Bewertung, die ich beispielhaft mit einem wichtigen Stadttyp verbinde.

Wir kommen somit nicht umhin, genau das zu versuchen, was die Stadtforschung seit langer Zeit vermeidet oder gänzlich verwirft, nämlich den Versuch zu unternehmen zu sagen, was eine Stadt ist. Gibt es eine Methode, um diese Herausforderung überzeugend zu bewältigen?

4

Beide Themen, die Frage nach dem Gehalt von Moderne und Postmoderne sowie die Frage nach dem Gehalt der Stadt sind umfassend diskutiert. Moderne und Postmoderne sind ausufernd und oft polemisch beschrieben, gelobt und kritisiert worden. Eher nüchterne und sachliche Auseinandersetzungen scheinen erst jetzt möglich, wie etwa Hartmut Rosas These von der Moderne als Prinzip der Beschleunigung.13 Wenn seine Argumentation schlüssig ist, was ist dann die Postmoderne? „Rasender Stillstand“, wie Paul Virilio diagnostiziert?14 Solche Fragen und die Antworten darauf haben enorme Bedeutung, denn sie entscheiden darüber, wie wir die Welt verstehen, wie wir auf sie zugreifen und vor allem wie wir sie mit unseren Handlungen und Unterlassungen gestalten.

Noch umfassender ist das Thema Stadt erforscht. Streng genommen haben mindestens 18 Disziplinen und Teildisziplinen sich mit diesem Gegenstand auseinandergesetzt: Urbanistik, Soziologie und Stadtsoziologie, Ökonomie und Stadtökonomie, Geographie und Stadtgeographie, Raumplanung und Stadtplanung, Architektur, Rechtswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Archäologie, Ethnologie, Kunstgeschichte, ferner die Philosophie und die Politikwissenschaft. Zu beachten sind schließlich auch die Untersuchungen, die unter dem Begriff Social Sciences erfolgen, die sich als Querschnittsdisziplin verstehen.

Auch wenn zahlreiche und umfassende Kenntnisse vorliegen, in theoretischer Sicht scheint die Stadtforschung – seltsam anders als die Erforschung der Staaten und der Staatenwelt – immer noch am Anfang zu stehen. Seit der Antike haben wir zahlreiche Staatsphilosophien entwickelt, getestet und verworfen, aber wir[10] verfügen über keine einzige Stadtphilosophie.15 Dies ist ein denkwürdiger Befund und möglicherweise ist für uns die Lebensform Stadt so selbstverständlich, dass die Wissenschaft kaum nach ihren Grundlagen fragt. Die Disziplinen sind sich jedenfalls nur darin einig, dass sie sich nicht einig sind und allenfalls noch einen Konsens darüber herstellen können, dass das Wort Stadt zu allgemein ist, um als analytischer Begriff zu tragen und sich bestenfalls noch als Residualkategorie eignet.

Den Wegen der Disziplinen, die Stadtforschung betreiben, bin ich gefolgt in der Untersuchung „Theorie der Stadt in der Moderne. Kreative Verdichtung“.16 Dort habe ich begründet, weshalb mich die herrschende Meinung, der Begriff Stadt sei analytisch belanglos, nicht überzeugt, und versucht die Gegenthese zu belegen, um auf ihr die Umrisse einer Theorie mit einer neuen Sicht auf die Stadt zu konstruieren.

Auf den Erfahrungen dieser Arbeit, die immer wieder Fragestellungen nach dem Gehalt der Moderne berührt, basieren die folgenden Überlegungen. Dabei konzentriere ich mich auf ein einziges Wort, in dem sich die Themen bündeln – das Wort Stadt. Es bezeichnet eine so alte wie ständig sich erneuernde und immer wieder junge Form des Zusammenlebens, die als Keimzelle menschlicher Zivilisation gilt und die trotz aller kommenden und gehenden Trends, Bewegungen, Epochen seit über achttausend Jahren besteht. Unabhängig von allen Entwicklungen hat die Stadt bis heute keine attraktivere Alternative gefunden.

Den vielfach verworfenen Stadtbegriff betrachtet diese Arbeit noch einmal anders, und zwar auf eine Weise, wie sie meines Wissens lediglich Werner Sombart einmal Anfang der 1930er Jahre ernsthaft erwogen hat.17 Bei mir hat sich diese Idee ganz anders und aus einem doppelten Scheitern entwickelt: Zum einen hat der Vergleich wichtiger theoretischer Arbeiten kein überzeugendes Ergebnis gebracht. Die Analyse des Stadtverständnisses von Aristoteles, Werner Sombart, Max Weber, Louis Wirth, Jürgen Friedrichs, Saskia Sassen sowie Ash Amin und Stephen Graham, die exemplarisch und repräsentativ für wichtige Argumentationsrichtungen stehen, erbringt zwar eine Vielzahl interessanter Ansätze, aber ihre Reichweite ist in allen Fällen lediglich immanent zu bewerten.18 Kriterien zu[11] einer vergleichenden Bewertung ergeben sich aus diesen Betrachtungen nicht. Zum anderen führt ein aussichtslos erscheinender Pfad zu einem unerwarteten Ergebnis. Eine Analyse gängiger Stadtbegriffe der Disziplinen, die Stadtforschung betreiben, ergibt mehr Gemeinsamkeiten, als diese Fächer selbst annehmen. Entgegen des Postulats, der Stadtbegriff selbst enthalte keine klaren Kriterien, um zu ermessen, was Stadt ausmache, lassen sich im interdisziplinären Quervergleich zwei Merkmale identifizieren, über die in allen Disziplinen ein meines Wissens nie ausgesprochener Konsens besteht: Dichte und Vielfalt. Beide Merkmale begründen zwar noch keinen trennscharfen Stadtbegriff, widerlegen aber die Annahme von der Gehaltlosigkeit des Stadtbegriffs.

5

Das Wort Stadt ist ergiebiger als angenommen. Wenn meine Argumente überzeugen, führt von dieser Erkenntnis ein Weg zurück zu Lyotard. Während er im Anschluss an Wittgensteins Sprachspiele19 den Versuch unternimmt, Gesellschaft neu zu konstruieren, geleitet mich die sprachanalytische Philosophie auf einen anderen Pfad und in eine Richtung, die etwa der Linguist und Mathematiker Guy Deutscher in seinem Buch „Die Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht“20 vertritt. Für ihn ist Sprache nicht nur ein Mittel zur Konstruktion der Gesellschaft, sondern das entscheidende Mittel zur Konstruktion und Gestaltung von Weltbildern. Dabei greift er auch auf aktuelle Forschungen der Genetik zurück und vertritt die These, dass Sprache eine genetische Möglichkeit und ihre Ausprägung eine kulturelle Realität ist.

Akzeptiert man Deutschers Aussage, dann ist das, was einzelne Begriffe bedeuten, in ihnen selbst verankert. Wittgensteins Argumentation läuft auf den gleichen Schluss hinaus, wenn er sagt: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“21 Das eröffnet einen interessanten Weg, Stadt noch einmal neu zu betrachten. Der Historiker Peter Johanek hat ihn wie folgt formuliert: „Die Frage, was eine Stadt bzw. was mit dem Begriff ‚Stadt‘ in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen bezeichnet wird, kann geradezu als Musterbeispiel für eine Gebrauchstheorie der Sprache gelten.“22

Wer also wissen will, was ein Begriff meint, muss die in ihm enthaltenen Bedeutungen untersuchen. Das ist die gleiche Idee, die Sombart bei der Suche nach einem neuen Stadtbegriff bereits 1931 verfolgt, allerdings kommt er zu dieser Idee auf einem anderen Weg.

[12]6

An dieser Stelle betritt der gelernte Politikwissenschaftler Glatteis – und es bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Genau davon handelt dieses Buch. In der Einleitung begründet es die Notwendigkeit, sich aufs Glatteis begeben zu müssen, wenn neue Erkenntnisse gewonnen werden sollen, und berichtet von den Möglichkeiten, ein unmögliches Forschungsprogramm umzusetzen.

Die folgenden Kapitel beschreiben die Erkenntnisse, die sich auf diesem Weg gewinnen lassen, und bieten Skizzen des Wortes Stadt in den Sprachen Ägyptisch, Griechisch, Latein, Spanisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Russisch, Arabisch, Hindi, Chinesisch/Mandarin und Japanisch. Dabei interessierte nur eine einzige Frage: Was bedeutet Stadt in der jeweiligen Sprache? Es sei ausdrücklich betont, dass dies die Betrachtungen eines interessierten Laien sind. Sie wären unmöglich gewesen ohne die Hilfe von zahlreichen Experten. In Gesprächen, Brief- und E-Mail-Wechseln entstanden die erforderlichen Rechercheaufträge, deren Ergebnisse ausgewertet und hier in der knappest möglichen Form verarbeitet sind. Keine der Skizzen ist länger als neun Seiten, Tabellen inbegriffen, die meisten Rechercheergebnisse sind auf vier bis fünf Seiten verdichtet. Auch wenn mir zahlreiche Menschen bei dieser Arbeit geholfen haben, Fehler und Fehldeutungen verantwortet der Autor ganz allein, auch wenn er mangels Wissen nicht einmal immer dazu in der Lage ist, sie zu erkennen.

7

Insofern ist dieses Buch, im Sinne des französischen Philosophen Lyotard, eine Sammlung „kleiner Erzählungen“. Es folgt allerdings einer großen Idee und hofft, dass am Ende mehr entsteht als die Summe dieser Erzählungen. So wie Lyotard letztlich mit seiner Philosophie der Postmoderne die Moderne nicht verwirft, sondern „die Wiederaufnahme der Grundideen der Moderne“23 versucht, so vertrete ich die These, dass wir zumindest die Vorstellung der „großen Erzählung“ – in diesem Fall die Vorstellung von der Stadt – benötigen, um von den endlosen Fragmenten, mit denen wir unsere Gegenwart versuchen zu fassen, nicht nur den Preis zu kennen, sondern auch den Wert.

Berlin, Frühjahr 2017

Lyotard, Jean-François (1986), Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien, S. 99. Burke, Edmund (2015, Original 2012), Explosion des Wissens. Von der Encyclopädie bis Wikipedia. Bonn, S. 96.

Rosa, Hartmut (2005), Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main.

Engelmann, Peter (1990), Einführung. Postmoderne und Dekonstruktion, in: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart, S. 17.

Lyotard, Jean-François (1990), Randbemerkungen zu den Erzählungen, in: Engelmann, Peter (1990), S. 50.

Lyotard, Jean-François (1990), S. 51.

Kant, Immanuel, (1784), Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, Heft 2, S. 481.

In dieser Sicht lässt sich die Moderne als Flucht deuten. Der Ausgangspunkt verschwindet – wo ist ihr Ziel?

Ich zögere auch deshalb, die Moderne als Orientierungspunkt völlig zu verwerfen, weil ich nichts sehe, was in der Lage wäre, sie zu ersetzen. Wohin die Abwesenheit sinnstiftender Konstruktionen führt, erleben wir in der Gegenwart, die mehr ist als eine erneute Welle des Terrors (Neumann, Peter R. (2015), Die neuen Dschihadisten. IS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus. Bonn, S. 17–45.) Ohne übergreifende Sinngebung scheint die Zivilisation – im durchaus normativen Verständnis als Errungenschaft verstanden – nicht möglich.

Sassen, Saskia (1991), The Global City. Princeton.

10 So etwa: Badie, Bertrand; Berg-Schlosser, Dirk; Morlino, Leonardo (Hrsg.) (2011), International Encyclopedia of Political Science. Vol. 8. Los Angeles, London, New Delhi, Singapore, Washington DC. Calise, Mauro; Lowl, Theodore J. (2012), Hyperpolitics. An Interactive Dictionary of Political Science Concepts. Chicago, London. Hawkesworth, Mary; Kogan, Maurice (Ed.) (1992), Encyclopedia of Government and Politics. Vol. 1 and 2. London. Vol. 1 and Vol. 2. Vol. 1 enthält 38, Vol. 2 46 Aufsätze, keiner befasst sich mit dem Thema Stadt. Robertson, David (2002), A Dictionary of Modern Politics. London, New York. Das Stichwort cities kommt ebenso wenig vor wie Global Cities. Münkler, Herfried (Hrsg.) (2006), Politikwissenschaft. Ein Grundkurs. Hamburg. Der Band enthält 20 Aufsätze. Das Stichwort Stadt kommt nicht einmal im Register vor. Naßmacher, Hiltrud; Naßmacher, Karl-Heinz (2007), Kommunalpolitik. Wiesbaden. Nohlen, Dieter (Hrsg.) (1992–1998), Lexikon der Politik. München./Bd. 1 (1995), Politische Theorien. Hrsg. Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schulze./Bd. 2 (1994), Politikwissenschaftliche Methoden. Hrsg. Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schulze./Bd. 3 (1992), Die westlichen Länder. Hrsg. Manfred G. Schmidt./Bd. 4 (1997), Die östlichen und südlichen Länder. Hrsg. Dieter Nohlen, Peter Waldmann, Klaus Ziemer./Bd. 5 (1996), Die Europäische Union. Hrsg. Beate Kohler-Koch, Wichard Woyke./Bd. 6 (1996), Internationale Beziehungen. Hrsg. Andreas Boeckh./Bd. 7 (1998), Politische Begriffe. Hrsg. Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schultze, Suzanne S. Schüttemeyer. In Bd. 4 findet sich ein von Michael Windfuhr verfasster Text zur „Globalisierung, S. 229–236. Das „Lexikon der Politik“ ist die Fortschreibung des gut eine Dekade zuvor noch in sechs Bänden erschienenen „Pipers Wörterbuch zur Politik“. Dort ist der Befund ähnlich. Bd. 1 enthielt noch im Register die Begriffe „Städtebau, Städteplanung“ (Nohlen, Dieter (Hrsg.) (1989), Bd. 1, S. 1220). In Bd. 2 „Europäische Gemeinschaft“ gibt es noch einen kurzen Text zum Thema „Gemeindepartnerschaften“ (Nohlen, Dieter (Hrsg.) (1984), S. 351–353) und Bd. 4 über die „Sozialistischen Systeme“ verweist im Register wiederum auf die Begriffe Städtebau, -planung (Nohlen, Dieter (Hrsg.) (1986), S. 351–353). In Bd. 5 und 6 „Internationale Beziehungen“ und „Dritte Welt“ ist die Globalisierung noch nicht aufgenommen worden (Nohlen, Dieter (Hrsg.) (1984), Nohlen, Dieter (Hrsg.) (1987)). Ausnahmen: Lin, Jan; Mele, Christopher (2013), The Urban Sociology Reader. Milton Park, New York City. Sassen, Saskia (2007) Urban Sociology in the 21st Century, in: Bryant, Clifton D.; Peck, Dennis L. (Ed.) (2007), 21. Century Sociology. A Reference Handbook. Vol. 2. Thousand Oaks, London, New Delhi, S. 476–486. Gleichzeitig etabliert sich die Global-City-Forschung als eigener Forschungszweig. Beispielhaft: Brenner, Neil; Keil, Roger (Ed.) (2005), The Global Cities Reader. Milton Park, New York City. Einen interessanten Blick bietet: Arch+. Zeitschrift für Architektur und Städtebau. Heft 223. Mai 2016. Planetary Urbanism. The Transformative Power of Cities.

11 In einigen Hauptstädten kommt dies durch eine besondere Stellung im Staatsgefüge zum Ausdruck. Das bekannteste Beispiel ist „Washington D. C.“, wobei „D. C.“ für „District of Columbia“ steht. Dieser Distrikt ist eines jener „bundesunmittelbaren Gebiete“, von denen es auf der Welt einige gibt, etwa den „Bundesdistrikt Buenos Aires“ in Argentinien, den „Hauptstadtdistrikt“ in Australien oder den „Hautstadtdistrikt Venezuela“ und einige weitere. Ihr Status ist stets derselbe: Diese Gebiete unterstehen direkt dem Bund und nicht einem der Gliedstaaten. Im angeführten Beispiel Washington D. C. ist dieses Gebiet direkt dem Kongress der Vereinigten Staaten unterstellt.

12 Vgl. Haus, Michael (2010), Transformation des Regierens und Herausforderungen der Institutionenpolitik, Baden-Baden. Mayntz, Renate (2009), Governance. Frankfurt am Main. Sauer, Birgit (2010), Governance. Stuttgart. Schuppert, Gunnar Folke (2006), Governance im Spiegel der Wissenschaftsdisziplinen, in: Schuppert, Gunnar Folke (Hrsg.), Governance-Forschung. Baden-Baden, S. 371–469. Schuppert, Gunnar Folke (2007), Was ist und wozu Governance? In: Die Verwaltung. Zeitschrift für Verwaltung und Verwaltungswissenschaften. 40. Bd., S. 463– 511. Schuppert, Gunnar Folke (2008), Die Rolle des Gesetzes in der Governancetheorie, in: Trute, Hans-Heinrich; Groß, Thomas; Röhl, Hans Christian; Möllers, Christian (Hrsg.), Verwaltungsrecht – zur Tragfähigkeit eines Konzepts. Tübingen, S. 161–189. Hotchkiss, Dan (2016), Governance and Ministry. Rethinking Board Leadership. Lanham.

13 Vgl. insbes. Rosa, Hartmut (2005). Ferner: Rosa, Hartmut (2012), Weltbeziehung im Zeitalter der Beschleunigung. Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik. Frankfurt am Main. Rosa, Hartmut (2013), Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer Kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Berlin. Ferner: Kaschuba, Wolfgang (2004), Die Überwindung der Distanz. Zeit und Raum in der Moderne. Frankfurt am Main.

14 Virilio, Paul (1990), L’Inertie polaire. Essai. Bourgois. Paris (Deutsch: Rasender Stillstand. München 1992).

15 Allenfalls Aristoteles und Platons Überlegungen zur Polis – mit ihrer Doppelbedeutung von Stadt und Staat – lassen sich vielleicht heranziehen.

16 Prell, Uwe (2016), Theorie der Stadt in der Moderne. Kreative Verdichtung. Opladen, Berlin, Toronto.

17 Sombart, Werner (1931), Siedlungen. II. Städtische Siedlung. Stadt, in: Vierkandt, Alfred (Hrsg.) (1931), Handwörterbuch der Soziologie. Stuttgart, S. 527–532. Hätte ich seine Einschätzung zu Beginn meiner Arbeit gekannt, wäre sie sicherlich nicht zustande gekommen, denn seine Schlussfolgerung erscheint schlüssig. Dass sie auf einer zwar naheliegenden, aber viel zu geringen Fallzahl (drei Sprachen) und zudem unglücklichen Auswahl (Deutsch, Englisch, Französisch) beruht, wäre dabei wohl nicht aufgefallen. Stattdessen war meine Arbeit de facto schon abgeschlossen, als ich auf Sombarts leicht versteckten und so gut wie nie zitierten Text stieß.

18 Prell, Uwe (2016), S. 111–134.

19 Wittgenstein, Ludwig (2001, Original 1953), Untersuchungen. Kritisch-genetische Edition. Herausgegeben von Joachim Schulte. Frankfurt am Main.

20 Deutscher, Guy (2010), Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht. München, S. 15.

21 Wittgenstein, Ludwig (2001, Original 1953), Philosophische Untersuchungen. Frankfurt am Main, S. 41, § 43.

22 Johanek, Peter (2004), Vorwort, in: Johanek, Peter; Post, Franz-Joseph (Hrsg.), Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff. Köln, Weimar, Wien, S. VII.

23 Engelmann, Peter (1990), S. 12.

[13]Inhalt

Stadt – Suche nach einem Phänomen
oder: Nach der Dekonstruktion ist vor der Konstruktion

Einleitung
Stadt - Ein unterschätzter Begriff?

Kapitel 1
Ägyptisch – Stadt ist verdichtete Infrastruktur

Kapitel 2
Griechisch – Stadt ist Bürgerpolitik

Kapitel 3
Latein – Stadt ist Machtpolitik

Kapitel 4
Spanisch - Stadt ist strukturierte Verdichtung

Kapitel 5
Französisch – Stadt ist Lebensstil

Kapitel 6
Englisch - Stadt ist Bedeutung

Kapitel 7
Deutsch – Stadt ist Recht

Kapitel 8
Russisch – Stadt ist Zentrum

Kapitel 9
Arabisch – Stadt ist Zivilisation

Kapitel 10
Hindi – Stadt ist Wohlstand

Kapitel 11
Chinesisch – Stadt ist Wirtschaft

Kapitel 12
Japanisch – Stadt ist Knoten

[14]Die Stadt – zwölf Sprachen – fünf Bedeutungen

Die andere Erzählung

Abbildungen, Tabellen

Literatur

Dank

Sachregister

Ortsregister

Personenregister

[15]Einleitung
Stadt – ein unterschätzter Begriff?

„Die Polis und die Civitas, das Politische und das Zivile, diese bedeutungssatten, geschichtsmächtigen, diese großen Wörter, die all unser öffentliches Reden und Denken so tief und breit durchdringen, sie nehmen ihren Ausgang, haben ihre historische und sprachliche und institutionelle Heimat nirgend anders als in der Stadt.“24

Dolf Sternberger

„Was bedeutet Stadt für Sie?“ Wann und wo immer möglich, habe ich Menschen diese Frage gestellt – vom Soziologieprofessor in Darmstadt bis zum Bartender in Chicago, von der Politikprofessorin in Peking über den Hotelbesitzer in Havanna bis zum Tuk-Tuk-Fahrer in Siam Reap. Meist fanden diese Gespräche in Englisch statt, oft in Deutsch und schließlich noch, soweit die Kenntnisse es ermöglichen, in Französisch. Sie dauern zwischen wenigen Minuten und mehreren Stunden und trotz der sprachlichen Beschränkungen haben sich die Diskussionen stets gelohnt und zu dem Eindruck verdichtet, dass Stadt zwar überall Ähnliches bedeutet, aber doch nicht das Gleiche.

Verbirgt der Begriff Stadt etwas, das nicht schon beschrieben, analysiert, gedeutet ist? Die persönlichen Gespräche und die genauere Untersuchung des Wortes mit Hilfe von Übersetzern und Linguisten in einem Dutzend Sprachen sowie das oft langwierige Umkreisen ...

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