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Die Stadt und die Stadt

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Danksagungen
  6. Zitat
  7. I - BESZEL
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  1. II - UL QOMA
  2. 12. Kapitel
  3. 13. Kapitel
  4. 14. Kapitel
  5. 15. Kapitel
  6. 16. Kapitel
  7. 17. Kapitel
  8. 18. Kapitel
  9. 19. Kapitel
  10. 20. Kapitel
  11. 21. Kapitel
  12. 22. Kapitel
  1. III - GRENZBRUCH
  2. 23. Kapitel
  3. 24. Kapitel
  4. 25. Kapitel
  5. 26. Kapitel
  6. 27. Kapitel
  7. 28. Kapitel
  1. CODA - IM GRENZBRUCH
  2. 29. Kapitel
  1. Über den Autor

Danksagungen

Mein herzlicher Dank für die Unterstützung bei diesem Buch gilt Stefanie Bierwerth, Mark Bould, Christine Cabello, Mic Cheetham, Julie Crisp, Simon Kavanagh, Penny Haynes, Chloe Healy, Deanna Hoak, Peter Lavery, Farah Mendlesohn, Jemima Miéville, David Moench, Sue Moe, Sandy Rankin, Maria Rejt, Rebecca Saunders, Max Schaefer, Jane Soodalter, Jesse Soodalter, Dave Stevenson, Paul Taunton sowie meinen Lektoren Chris Schluep und Jeremy Trevathan. Ein großes Dankeschön an alle bei Del Rey und Macmillan. Dank auch an John Curran Davis für seine großartige Übersetzung von Bruno Schulz.

Von den unzähligen Schriftstellern, in deren Schuld ich stehe, waren es unter anderem Raymond Chandler, Franz Kafka, Alfred Kubin, Jan Morris und Bruno Schulz, die mir speziell bei der Arbeit an diesem Buch »über die Schulter geschaut haben«.

»Es öffnen sich in der Tiefe der Stadt
sozusagen Zwillingsgassen, Doppelgängergassen,
Lügengassen und Scheingassen.«

Bruno Schulz, Die Zimtläden und alle
anderen Erzählungen

1. Kapitel

Man konnte von hier aus weder die Straße sehen, noch die Siedlung in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken. Wir waren umgeben von schmutzgrauen Wohnblocks; in den Fenstern lehnten morgendlich leicht bekleidete Männer und Frauen mit unfrisiertem Haar und Kaffeebechern, frühstückten und beobachteten unser Tun. Diese Freifläche zwischen den Gebäuden war so wellig wie ein Golfkurs oder wie der Versuch eines Kindes, Landschaft zu gestalten. Sie schien als Grünanlage konzipiert gewesen zu sein, doch man war über den Anfang nicht hinausgekommen. Wahrscheinlich hatte man vorgehabt, Bäume zu pflanzen und einen Teich anzulegen, davon kündete ein Wäldchen, aber die Setzlinge waren mangels Pflege verdorrt.

Trampelpfade und tief eingeprägte Reifenspuren durchzogen die verkrautete Grasfläche. Polizisten waren mit verschiedenen Aufgaben beschäftigt. Ich war nicht der erste Kriminalbeamte vor Ort - ich entdeckte Bardo Naustin und ein paar andere -, aber ich war der Dienstälteste. Ich folgte dem Sergeanten zu der Stelle, wo die meisten meiner Kollegen in einer Gruppe zusammenstanden, zwischen einem nur wenige Stockwerke hohen, heruntergekommenen Mietshaus und einer von fassförmigen Mülltonnen umfriedeten Skateboardanlage. Gleich dahinter hörte man den Lärm des Hafens. Ein paar Jugendliche saßen, bewacht von Polizisten, nebeneinander auf einer Mauer. Über dem Ganzen zeigten Möwen ihre Flugkünste.

»Inspektor.« Ich nickte ohne hinzuschauen in Richtung des Sprechers. Jemand bot mir einen Kaffee an, aber ich schüttelte den Kopf und betrachtete die Hauptperson der Szene.

Die Frau lag in der Nähe der Skateboardrampen. Nichts liegt so still da wie die Toten. Der Wind spielt mit ihrem Haar, doch sie regen sich nicht.

Wir sahen sie in einer unvorteilhaften Haltung vor uns, auf dem Bauch liegend, die Beine angewinkelt, wie im Begriff aufzustehen, die Arme seltsam gebogen. Ihr Gesicht war dem Boden zugewandt.

Eine junge Frau. Braunes Haar, zu kleinen Zöpfen geflochten, die sich in die Höhe reckten wie sprießende Pflänzchen. Sie war fast nackt, und ich fand es traurig, ihre Haut so glatt zu sehen, unberührt von der Morgenkälte. Die Toten frieren auch nicht. Als einzige Kleidung trug sie Strümpfe, zerrissen, und einen einzelnen Schuh. Mein suchender Blick wurde bemerkt: Eine Beamtin winkte mir von der Stelle, wo sie bei dem vom Fuß gefallenen zweiten Schuh Wache hielt.

Die Tote war bereits vor einigen Stunden gefunden worden. Ich musterte sie, bückte mich endlich mit angehaltenem Atem, um ihr ins Gesicht zu schauen, doch nur ein geöffnetes Auge starrte mich an.

»Wo ist Shukman?«

»Noch nicht hier, Inspektor …«

»Jemand soll ihn anrufen und ihm Beine machen.« Ich tippte auf meine Armbanduhr. Ich war der Verantwortliche für das, was wir in unserem Jargon Mise-en-crime nennen. Niemand würde unsere Tote bewegen, bevor nicht Shukman, der Pathologe, sie begutachtet hatte. Doch es gab noch anderes zu tun.

Ich überprüfte die Einsehbarkeit der Stelle. Die Leiche lag etwas abseits, und Müllcontainer verdeckten die Sicht, aber ich spürte eine gespannte Aufmerksamkeit aus allen umliegenden Häusern wie das Krabbeln von Ameisen auf der Haut. Und emsig wie Ameisen wimmelten wir durcheinander.

Zwischen zwei Containern lehnte eine feuchte Matratze neben einem Gebilde aus rostigen, mit ebenfalls rostigen Ketten verwobenen Eisenteilen. »Die hat auf ihr gelegen.« Die Frau, die das sagte, war Constable Lizbyet Corwi, eine smarte junge Frau, mit der ich schon einige Male zusammengearbeitet hatte. »Man kann nicht sagen, dass jemand sich große Mühe gegeben hat, sie zu verstecken. Aber von weitem muss das Ganze ausgesehen haben wie ein beliebiger Haufen Sperrmüll.« In einem Rechteck um die Tote herum war die Erde dunkler als außerhalb - unter der Matratze war der Tau nicht verdunstet. Naustin hockte dort, starrte sinnend auf den Boden.

»Die Kids, die sie gefunden haben, haben sie halb von ihr heruntergezogen«, erklärte Corwi.

»Wodurch sind sie aufmerksam geworden?«

Corwi zeigte auf den Boden, auf kleine Abdrücke von Tierpfoten.

»In jedem Fall haben sie das Opfer davor bewahrt, angeknabbert zu werden. Die Kids sind abgehauen wie von Furien gehetzt, als sie sahen, was sie da gefunden haben. Riefen uns an. Unsere Leute, als sie eintrafen …« Sie richtete den Blick auf zwei Streifenpolizisten, die ich nicht kannte.

»Sie haben die Matratze weggenommen?«

Corwi nickte. »Wollten nachschauen, ob die Frau noch lebt, sagen sie.«

»Ihre Namen?«

»Shushkil und Briamiv.«

»Und das sind die glücklichen Finder?« Ich deutete mit dem Kopf auf die Jugendlichen bei der Mauer. Es waren zwei Mädchen und zwei Jungs. Um die sechzehn, siebzehn Jahre alt, verfroren, hängende Köpfe.

»Ja. Kauer.«

»Auf der Suche nach frühmorgendlicher Erfrischung?«

»Echte Hingabe, nicht? Vielleicht bewerben sie sich für den Titel Junkies des Monats oder so ähnlich. Kurz vor sieben waren sie hier. Die Skateranlage scheint nach einem festen Terminplan organisiert zu sein. Sie wurde erst vor ein paar Jahren gebaut, war nicht der große Hit, aber die Leute in der Gegend haben die Termine verinnerlicht. Mitternacht bis neun Uhr reserviert für Kauer, neun bis elf, die regionale Gang plant das Tagesgeschäft, von elf bis Mitternacht, Skateboards und Rollerblades.«

»Hatten sie was bei sich?«

»Einer der Jungs ein kleines Messer, ein besserer Kartoffelschäler, könnte keiner Maus was damit zuleide tun. Und jeder hatte was für die Backe.« Corwi zuckte die Achseln. »Sie hatten den Stoff nicht in der Tasche, wir haben ihn am Fuß der Mauer gefunden. Aber« - Achselzucken - »außer ihnen war keiner hier.«

Sie winkte einen von unseren Kollegen heran und öffnete den Beutel, den er ihr reichte. Kleine Bündel von Blättern, die mit einer klebrigen Substanz überzogen waren. Felid heißt es auf der Straße - eine robuste Abart von Catha edulis, verschnitten mit Tabak und Koffein und Stärkerem, und mit Schnipseln von Glasfasern oder Ähnlichem durchsetzt. Letztere haben den Zweck, beim Kauen das Zahnfleisch und den Gaumen aufzuscheuern, damit die Droge ins Blut gelangt. Der Name ist ein dreisprachiges Wortspiel: Kath heißt die Pflanze dort, wo sie wächst, und das Tier, das im Englischen »cat« heißt, heißt in unserer Sprache »Felid«. Ich roch an den Blättern. Eine ziemlich gute Qualität. Ich ging zu den vier Teenagern hinüber, die in ihren voluminösen Jacken bibberten.

»Sup, policeman?«, fragte einer der halbwüchsigen Knaben in einer Nachahmung englischen Hip-Hop-Slangs mit unüberhörbarem Besź-Akzent. Er hob den Kopf und begegnete meinem Blick. Er war blass. Auch seine Kumpel sahen nicht gut aus. Obwohl man von dort, wo sie saßen, die Leiche nicht sehen konnte, schauten sie krampfhaft in eine andere Richtung.

Sie mussten sich darüber im Klaren gewesen sein, dass wir das Felid finden und messerscharf folgern würden, dass es zu ihnen gehörte. Sie hätten sich aus dem Staub machen können, ohne den Leichenfund zu melden.

»Ich bin Inspektor Borlú«, sagte ich. »Mordkommission.«

Ich sagte nicht: Ich bin Tyador. Schwierig, für diese Altersgruppe den richtigen Ton zu treffen - zu alt für Vornamen, Euphemismen und Spielzeug, noch nicht alt genug für ein reguläres Verhör, wo alle wissen, wie der Hase läuft. »Wie heißt du?« Der Junge zögerte, überlegte garantiert, ob er mir den Szenenamen anbieten sollte, mit dem er sich schmückte, entschied sich dagegen.

»Vilyem Barichi.«

»Ihr habt die Tote gefunden?« Er nickte, seine Kumpel, männlich wie weiblich, folgten der Reihe nach seinem Beispiel. »Erzähl's mir.«

»Wir kommen her, um …« Vilyem wartete, aber ich sprach ihn nicht auf die Drogen an. Er schlug die Augen nieder. »Wir sehen diese Matratze und das, was drunter liegt, und heben sie hoch. Da waren ein paar …«

Seine Freunde blickten auf, als Vilyem stockte, offenbar von einer abergläubischen Furcht am Weitersprechen gehindert.

»Wölfe?«, fragte ich. Die vier tauschten Blicke.

»Ja, Mann. Ein paar räudige Viecher haben da rumgeschnüffelt und …«

»Da haben wir gedacht, dass …«

»Wie lange vorher wart ihr schon hier?«, warf ich ein.

Vilyem hob die Schultern, ließ sie fallen. »Keine Ahnung. Paar Stunden?«

»Habt ihr sonst noch jemanden gesehen?«

»Ein paar Typen. Da hinten. Ist 'ne Weile her.«

»Dealer?« Vierfaches Schulterzucken.

»Und ein Lieferwagen ist quer über die Wiese gefahren, nach da hinten, und etwas später wieder zurück. Gesprochen haben wir mit keinem.«

»Wann war das mit dem Lieferwagen?«

»Keine Ahnung.«

»Es war noch dunkel.« Von einem der Mädchen.

»Okay. Vilyem, ihr alle, wir spendieren euch ein Frühstück, was zu trinken, wenn ihr wollt.« Ich wandte mich an ihre Bewacher. »Haben wir mit den Eltern gesprochen?«

»Sind im Anmarsch, Inspektor. Nur ihre …«, er zeigte auf eins der Mädchen, »… können wir nicht erreichen.«

»Versucht es weiter. Jetzt begleitet unsere jungen Freunde erst einmal aufs Revier.«

Die vier Halbwüchsigen schauten sich an. »Das ist scheiße, Mann«, äußerte der Junge, der nicht Vilyem war, unsicher. Er wusste, gewisse Regeln verlangten, dass er sich meiner Anordnung widersetzte, andererseits war es ihm ganz recht, von den Uniformierten in Obhut genommen zu werden. Schwarzer Tee und belegte Brote und Papierkram, Langeweile und Neonbeleuchtung, alles ganz, ganz anders als das Aufheben dieser nässeschweren, sperrigen Matratze hinter den Müllcontainern, in der Dunkelheit.

Inzwischen waren Stepan Shukman und sein Assistent Hamd Hamzinic eingetroffen. Ich schaute vielsagend auf die Uhr. Shukman ignorierte mich. Als er sich zu der Leiche hinunterbeugte, schnaufte er. Er bestätigte die Tatsache ihres Todes. Er äußerte Beobachtungen, die Hamzinic notierte.

»Todeszeitpunkt?«, fragte ich.

»Um die zwölf Stunden her.« Shukman drückte prüfend auf eine der Gliedmaßen der Toten. Die Leiche wackelte. Ihre instabile Lage ließ vermuten, dass sie bei Eintreten der Totenstarre gelegen hatte. »Sie wurde nicht hier getötet.« Ich hatte mehr als einmal gehört, Shukman wäre gut in seinem Job; ich persönlich fand ihn ausreichend kompetent, mehr nicht.

»Fertig?«, fragte er eine Technikerin mit Kamera. Sie machte noch zwei Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln und nickte. Mit Hamzinics Hilfe drehte Shukman die Tote um. Sie schien sich mit ihrer verkrampften Reglosigkeit gegen ihn zu sträuben. Auf dem Rücken liegend, bot sie einen grotesken Anblick, wie jemand, der toter Käfer spielt: mit angewinkelten Gliedmaßen und sacht auf der gebogenen Wirbelsäule schaukelnd.

Unter einem flatternden Pony hervor blickte sie mit überraschter Miene zu uns auf, endlos erstaunt über sich selbst. Sie war jung. Dickes Make-up, verschmiert über ein übel zugerichtetes Gesicht. Unmöglich zu erkennen, wie sie aussah, welche Züge jene, die sie kannten, vor sich sehen würden, wenn sie ihren Namen hörten. Später ließ sich vielleicht mehr sagen, wenn sie sich ihrem Tod ergeben hatte. Blut auf dem Oberkörper, dunkel wie Schmutzflecken. Blitz, Blitz von Fotoapparaten.

»Na, hallo Todesursache«, sagte Shukman zu den Wunden in ihrer Brust.

Ein dünner roter Schnitt in der linken Wange reichte bis unter das Kinn. Man hatte ihr das halbe Gesicht der Länge nach aufgeschlitzt.

Die ersten paar Zentimeter war die Wunde glatt, präzise wie ein mit ruhiger Hand geführter feiner Pinselstrich. Dann endete oder begann sie mit einem tiefen, hässlichen Loch in dem weichen Gewebe hinter dem Kieferknochen. Ihre blinden Augen starrten mich an.

»Macht auch ein paar Aufnahmen ohne Blitz«, sagte ich.

Wie einige andere schaute ich zur Seite, während Shukman seine Kommentare murmelte - offenbar wäre nicht nur ich mir vorgekommen wie ein Voyeur.

Uniformierte Kriminaltechniker, verantwortlich für die Tatort-Rekonstruktion, suchten in immer größeren Kreisen das Gelände ab. Sie drehten Abfall um, untersuchten die Reifenspuren, sie nummerierten und fotografierten.

»Na gut dann.« Shukman erhob sich. »Bringen wir sie weg.« Ein paar Männer hoben die Tote auf eine Bahre.

»Verdammt noch mal«, entfuhr es mir. »Könnt ihr sie nicht zudecken?«

Einer zauberte ein Laken herbei, keine Ahnung woher, und sie machten sich mit der Bahre auf den Weg zu Shukmans Vehikel.

»Ich nehme sie mir heute Nachmittag vor«, verkündete er. »Kann ich mit Ihrer Anwesenheit rechnen?« Ich wiegte zweifelnd den Kopf, wandte mich ab und steuerte auf Corwi zu.

»Naustin«, rief ich unterwegs und wartete auf ihn an einem Punkt, den ich so gewählt hatte, dass auch Corwi hören konnte, was gesprochen wurde. Sie hob den Kopf und kam ein paar Schritte näher.

»Inspektor«, grüßte Naustin.

»Tatortbefund.«

Er nippte an seinem Kaffee und musterte mich nervös.

»'ne Professionelle?«, sagte er. »Erster Eindruck, Inspektor. Die Gegend, verprügelt, nackt? Und …« Er zeigte auf sein Gesicht: ihr übertriebenes Make-up. »Nutte.«

»Auseinandersetzung mit einem Freier?«

»Ja, aber … Wenn es nur die Verletzungen am Körper wären, dann könnte man annehmen, dass sie nicht so wollte wie er oder was weiß ich. Er schlägt zu. Aber das hier?« Wieder berührte er seine Wange, diesmal mit Unbehagen. »Das ist was anderes.«

»Ein Psycho?«

Er zuckte die Achseln. »Möglich. Schlitzt sie auf, bringt sie um, lädt sie hier ab. Ganz schön frech, der Kerl, schert sich nicht drum, dass man sie früher oder später finden wird.«

»Frech oder dämlich.«

»Oder frech und dämlich.«

»Also ein frecher, dämlicher Sadist«, sagte ich. Er hob den Blick: Vielleicht.

»Okay.« Ich seufzte. »Eine Möglichkeit von vielen. Mach die Runde bei den hiesigen Schwalben. Die uniformierten Kollegen kennen sich wahrscheinlich hier aus und können dir Tipps geben. Finde heraus, ob die Damen vom Strich in letzter Zeit mit jemandem Ärger hatten. Zeig ihnen ein Foto, damit wir herauskriegen, wer unsere Fulana Ix ist.« Ich benutzte die übliche Bezeichnung für weiblich, unbekannt. »Bevor du das in Angriff nimmst, möchte ich, dass du Barichi und seine Kumpels da drüben befragst. Sei nett zu ihnen, Bardo, sie hätten auch abhauen können und darauf warten, dass ein anderer Idiot die Bullen ruft. Ich meine das ernst. Und nimm Yaszek mit.« Ramira Yaszek verstand sich ausgezeichnet darauf, Leute auszufragen. »Höre ich heute Nachmittag von dir?«

Sobald er außer Hörweite war, bemerkte ich zu Corwi: »Vor ein paar Jahren hätten wir für den Mord an einer Nutte nicht halb so viele Leute in Trab gesetzt.«

»Wir haben's weit gebracht«, meinte sie. Corwi war nicht viel älter als unsere Tote.

»Naustin ist garantiert nicht entzückt darüber, den Straßenstrich abklappern zu müssen, aber Sie dürften bemerkt haben, dass er keine Einwände erhebt.«

»Wir haben's weit gebracht«, wiederholte sie.

»Und?« Ich hob eine Augenbraue. Schaute in Naustins Richtung. Wartete. Ich erinnerte mich an Corwis Mitarbeit im Fall Shulban, der sich entgegen dem ersten Anschein im Lauf der Ermittlungen als ausgesprochen harte Nuss erwiesen hatte.

»Ich finde nur, wir sollten uns nicht zu früh festlegen«, meinte sie.

»Lassen Sie hören.«

»Ihr Make-up. Ausschließlich Erd- und Brauntöne. Dick aufgetragen, aber nicht, Sie wissen schon, ordinär. Und haben Sie ihre Haare gesehen?« Hatte ich. »Nicht gefärbt. Fahren Sie mit mir die GunterStrász entlang, in der Gegend um die Arena, zu allen Plätzen, wo die Mädchen stehen. Zwei Drittel Blondinen, grob geschätzt. Und die nicht blond sind, sind schwarz oder blutrot oder sonstwie knallig gefärbt. Und …« Sie rieb die Finger gegeneinander, als befühlte sie eine Haarsträhne. »Es ist schmutzig, aber viel besser in Schuss als meins.« Sie fuhr mit der Hand durch ihre eigenen splissigen Haarspitzen.

Für die meisten Prostituierten in Besźel, besonders in Gegenden wie diesen, standen Nahrung und Kleidung für ihre Sprösslinge an erster Stelle, dann folgten Felid oder Crack für sie selbst und ihr eigenes Essen. Alles andere kam danach, eine Liste, auf der Haarconditioner ziemlich weit unten stand. Ich ließ den Blick über die emsig tätigen Beamten wandern, zu Naustin, der im Begriff war, sich auf den Weg zu machen.

»Bedenkenswert«, sagte ich. »Kennen Sie sich hier aus?«

»Na ja, es ist nicht unbedingt der Mittelpunkt des Universums. Genau genommen kann man das hier kaum noch Besźel nennen. Mein Bezirk ist Lestov. Man hat ein paar von uns hergeschickt, als die Meldung kam. Aber ich habe vor ein paar Jahren eine Zeitlang hier Dienst geschoben und weiß in etwa, was Sache ist.«

Lestov war selbst schon fast Vorstadt, ungefähr sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Wir befanden uns südlich davon, auf einem über die Yovic-Brücke erreichbaren Stück Land zwischen dem Bulkya-Sund und der Flussmündung. Theoretisch eine Insel, allerdings so nahe am Festland und durch verfallene Industrieanlagen damit verbunden, dass man es nie vermuten würde, bestand Kordvenna aus Wohnsiedlungen, Lagerhäusern und billigen Kneipen, geeint durch endlose Graffiti-Friese. Das ganze Elend war weit genug vom Herzen Besźels entfernt, dass man es vergessen konnte, im Gegensatz zu den meisten innerstädtischen Slums.

»Wie lange waren Sie hierher abgeordnet?«, forschte ich.

»Sechs Monate, wie üblich. Was man erwarten kann: Diebstahl, zugedröhnte Halbstarke, die sich gegenseitig den Schädel einschlagen, Drogen, Prostitution.«

»Mord?«

»Zwei oder drei während meiner Zeit. Drogengeschichten. Meistens kommt es nicht so weit. Die Gangs beherrschen die Kunst, sich wechselseitig Mores zu lehren, ohne die Mordkommission auf den Plan zu rufen.«

»Dann hat jemand über die Stränge geschlagen.«

»Ja. Oder es war ihm egal.«

»Oder das. Ich hätte Sie gern im Team. Woran arbeiten Sie momentan?«

»Nichts Wichtiges. Kann warten.«

»Ich möchte, dass Sie für die nächste Zeit wieder zu uns kommen. Haben Sie noch Kontakte hier?« Sie schürzte die Lippen. »Zapfen Sie sie an, falls möglich. Falls nicht, sprechen Sie mit den hiesigen Kollegen, lassen Sie sich die Namen ihrer Informanten geben. Ich brauche Sie vor Ort. Hören Sie sich um, klopfen Sie an die Türen - wie heißt die Anlage hier noch?«

»Pocost Village.«

»Richtig. Jedenfalls, sehen Sie zu, was Sie herausfinden können.«

»Meinem Vorgesetzten wird das nicht gefallen.«

»Ich rede mit ihm. Kommissar Bashazin, richtig?«

»Sie regeln das? Ich werde abgeordnet?«

»Inoffiziell, vorläufig. Fürs Erste bitte ich Sie nur darum, dass Sie sich um diesen Fall kümmern, ausschließlich. Sie berichten nur mir.« Ich gab ihr die Nummer meines Handys und meines Büroanschlusses. »Später können Sie mir die Sehenswürdigkeiten Kordvennas zeigen. Und …« Ich richtete den Blick auf Naustin, sie bemerkte es. »Achten Sie darauf, dass sich keiner verrennt.«

»Wahrscheinlich hat er recht. Wahrscheinlich ist es die Tat eines Sadisten.«

»Mag sein. Finden wir heraus, weshalb sie so viel Wert auf Haarpflege gelegt hat.«

Mit dem Instinkt in der Kriminalistik ist das so eine Sache. Es gab eine Rangliste. Während Kommissar Kerevan in seiner aktiven Zeit nicht wenige Fälle dadurch löste, dass er wider jede Vernunft völlig absurd erscheinende Spuren verfolgte, hatte Chefinspektor Marcoberg, dem plötzliche Erleuchtungen versagt blieben, sich seine beachtlichen Erfolge mit Beharrlichkeit und stoischem Fleiß erarbeitet. In unseren Reihen war es verpönt, unerklärliche kleine Geistesblitze als »Intuition« zu bezeichnen, um nicht die Aufmerksamkeit des Universums auf sich zu ziehen. Aber es gab sie, und wenn man sah, wie ein Kollege oder eine Kollegin seine oder ihre Fingerspitzen küsste und sich an der Brust berührte, wo möglicherweise ein Warsha, ein dem Schutzheiligen rätselhafter Inspirationen geweihtes Amulett, hing, dann wusste man, dass einer dieser Geistesblitze ganz in der Nähe eingeschlagen hatte.

Die Polizisten Shushkil und Briamiv waren verdutzt, dann aufgebracht, endlich gekränkt, als ich wissen wollte, was sie sich verdammt noch mal dabei gedacht hätten, die Matratze wegzunehmen und damit den Tatort zu verändern. Ich nahm mir vor, sie zu melden. Hätten sie sich entschuldigt, hätte ich die Sache auf sich beruhen lassen. Leider war es ein alltägliches Ärgernis, das Sohlenprofil eines Polizeistiefels im Blut eines Mordopfers zu finden, verschmierte und damit unbrauchbare Fingerabdrücke, verunreinigte oder verlorengegangene Faser-, Gewebe- und sonstige Proben.

Eine kleine Gruppe von Reportern sammelte sich am Rand der Freifläche. Petrus Sowieso, Valdir Mohli, ein junger Kerl namens Rackhaus und noch ein paar andere.

»Inspektor!« »Inspektor Borlú!« Sogar: »Tyador!«

Früher waren die Vertreter der Presse zumeist höflich gewesen und kooperativ, wenn ich darum bat, diese oder jene Information zurückzuhalten. In den letzten Jahren hatten neue, schlüpfrige und aggressive Gazetten den Markt erobert, lanciert und in manchen Fällen kontrolliert von Pressemagnaten aus Großbritannien oder Nordamerika. Eine unvermeidliche Entwicklung, und um der Wahrheit die Ehre zu geben, unsere etablierten Zeitungen waren bieder bis langweilig. Störend wirkte nicht so sehr der Trend zu reißerischer Berichterstattung, auch nicht das oft nassforsche Auftreten der jungen Reporter, sondern vielmehr deren Tendenz, an Floskeln festzuhalten, die lange vor ihrer Geburt geprägt worden waren. Rackhaus zum Beispiel, der für ein Wochenmagazin namens Rejal! schrieb. Jedes Mal, wenn er mich wegen Fakten bekniete, von denen er wusste, dass ich sie ihm nicht geben würde, jedes Mal, wenn er versuchte, jüngere Beamte zu bestechen, hin und wieder mit Erfolg, diente ihm als Argument und universelle Rechtfertigung der alte Schlachtruf: »Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information!«

Als er mir das zum ersten Mal entgegenschleuderte, hatte ich nicht einmal verstanden, was er damit meinte. In Besź ist »Recht« ein relativ polysemisches Wort, und mir erschloss sich nicht auf Anhieb die dezidierte Bedeutung, die er im Sinn hatte. Ich musste den Spruch in Gedanken ins Englische übersetzen, das ich einigermaßen fließend beherrsche, um zu begreifen, was er mir sagen wollte. Das Klischee war ihm wichtiger als die Kommunikation. Wahrscheinlich war er erst zufrieden, wenn ich mit den Zähnen knirschte und ihn einen Geier schimpfte, einen Leichenfledderer.

»Ihr wisst, was ihr von mir zu hören bekommt«, begrüßte ich sie. Wir standen uns vom Flatterband getrennt gegenüber. »Heute Nachmittag findet eine Pressekonferenz statt, im Präsidium.«

»Um welche Uhrzeit?« Kameras klickten.

»Man wird sie informieren, Petrus.«

Rackhaus sagte etwas, das ich überhörte. Als ich mich abwandte, geriet das von schmutzigen Backsteinhäusern gesäumte Ende der GunterStrász in mein Blickfeld. Dreck tanzte im Wind. Gesichtslose Trostlosigkeit, die überall auf der Welt hätte sein können. Eine ältere Frau entfernte sich langsam schlurfend. Sie wandte den Kopf und schaute mich an. Die Bewegung erregte meine Aufmerksamkeit, ich erwiderte ihren Blick. Es kam mir vor, als ob sie mir etwas sagen wollte. Mein Blick erfasste ihre Kleidung, ihren Gang, die Haltung, das Mienenspiel.

Mich durchfuhr ein Ruck, als mir klar wurde, dass die Frau sich nicht auf der GunterStrász befand, dass ich sie nicht hätte sehen dürfen.

Sofort und erschrocken wandte ich den Blick ab, sie ebenso. Ich hob den Kopf, verfolgte den Landeanflug eines Flugzeugs. Als ich nach einigen Sekunden den Kopf wieder senkte, schaute ich konzentriert statt auf die alte, schweren Schrittes ihren Weg fortsetzende Frau in der fremden Straße, auf die Fassaden der nahen und hiesigen GunterStrász in der ganzen Pracht ihrer grauen Freudlosigkeit.

2. Kapitel

Ich ließ mich von einem Constable im Norden von Lestov absetzen, in der Nähe der Brücke. In dieser Gegend kannte ich mich kaum aus. Selbstverständlich war ich auf der Insel gewesen, hatte die Ruinen besichtigt, als Schüler und einige Male danach, aber meine Kreise waren anderswo. An der Front von Pastetenbäckern und kleinen Handwerksbetrieben angebrachte Schilder wiesen die Richtung zu örtlichen Zielen, und ich folgte ihnen zu einer Straßenbahnhaltestelle auf einem hübschen Marktplatz. Ich wartete zwischen einem Pflegeheim, dessen Logo ein Stundenglas war, und einem Gewürzladen, aus dem es betörend nach Zimt duftete.

Blechern klingelnd kam die Tram. Ich stieg ein, und obwohl der Wagen halb leer war, blieb ich stehen. Auf der Fahrt Richtung Norden, ins Zentrum von Besźel, würden noch weitere Passagiere zusteigen. Ich stand am Fenster und schaute auf die vorbeiziehenden, unbekannten Straßen.

Die Tote, ihre unansehnlich verkrümmte Gestalt unter der alten Matratze, von Aasfressern beschnüffelt. Ich nahm mein Handy und rief Naustin an.

»Wird die Matratze nach Spuren untersucht?«

»Denke schon, Sir.«

»Haken Sie nach. Nach dem Patzer von Briamiv und seinem Kollegen heute Morgen möchte ich sichergehen, dass sie nicht noch einen Bock geschossen haben.« Vielleicht war unsere Fulana Ix neu im Geschäft. Vielleicht, wenn wir sie eine Woche später gefunden hätten, wäre ihr Haar wasserstoffblond gewesen.

Diese Gebiete am Flussufer sind labyrinthisch, viele Gebäude sind hundert oder mehrere hundert Jahre alt. Die Tram ratterte auf ihrem Gleis durch Seitenstraßen, wo Besźel - etwa die Hälfte von allem, an dem wir vorbeikamen - sich von beiden Seiten über uns zu neigen schien. Wir schaukelten im Schneckentempo hinter hiesigen Autos und solchen anderswo, kamen zu einer Deckungsgleiche, wo die zu Besźel gehörenden Häuser Antiquitätenläden waren. Dieses Gewerbe hatte floriert, wie jedes andere in der Stadt, wenigstens ein paar Jahre lang, als die Leute nach und nach ihre Familienerbstücke poliert und aufgehübscht für ein paar Besźmark zum Kauf anboten.

Einige Leitartikler verbreiteten Optimismus. Während die politischen Führer sich im Rathaus beharkten wie eh und je, arbeiteten viele aus der jüngeren Generation aller Parteien gemeinsam daran, Besźel voranzubringen. Jeder Tropfen ausländischen Investments - und zur allgemeinen Verwunderung wurde investiert - stärkte die Wirtschaft. Sogar ein paar Hightech-Firmen hatten sich kürzlich angesiedelt, wenn auch schwerlich angelockt von Besźels pompöser Selbstbeschreibung als »Siliziumdelta«.

Bei der Statue von König Val stieg ich aus. Das Stadtzentrum war belebt: Ich manövrierte im Zickzack durch das Menschengewimmel, entschuldigte mich bei Einheimischen und Touristen, nichtsah geflissentlich die anderen und hatte endlich den Betonklotz des Präsidiums erreicht. Zwei Touristengruppen trabten hinter ihren Fremdenführern her. Ich blieb auf halber Treppe stehen, schaute die EropaStrász hinunter und kramte nach meinem Handy. Erst nach mehreren Versuchen bekam ich ein Signal.

»Corwi?«

»Chef?«

»Sie kennen die Gegend um den Tatort: Ist es möglich, dass wir Grenzbruch in Betracht ziehen müssen?«

Kurzes Schweigen.

»Unwahrscheinlich. Das Areal ist weitgehend total. Und Pocost Village, der gesamte Komplex, ist hundertprozentig Besźel.«

»Aber die GunterStrász …«

»Ein großes Aber. Die nächste Deckungsgleiche ist ein paar hundert Meter weit weg. Sie hätten unmöglich …« Es wäre für den oder die Täter ein außerordentliches Risiko gewesen. »Meiner Meinung nach können wir getrost annehmen, dass nein«, sagte sie.

»In Ordnung. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Ich melde mich wieder.«

Auf meinem Schreibtisch stapelten sich die Akten anderer Fälle, die ich aufschlug, überflog und in Warteschleifen ablegte, ähnlich Flugzeugen, die auf Landeerlaubnis warten. Eine Frau, totgeprügelt von ihrem Freund, der uns bis jetzt noch nicht ins Netz gegangen war, trotz intensiver Fahndung und seiner am Flughafen hinterlegten Fingerabdrücke. Styelim, ein älterer Herr, überrascht in seiner Wohnung einen Einbrecher, einen Junkie, und wird mit dem Schraubenschlüssel erschlagen, mit dem er sich zu seiner Verteidigung bewaffnet hat. Diese Akte würde nie geschlossen werden. Ein junger Mann namens Avid Avid, tot aufgefunden, nachdem Rassisten ihm den Kopf an der Bordsteinkante zerschmettert und ihn sterbend liegengelassen haben; über ihm an die Mauer geschmiert steht Ébru-Schwein. In diesem Fall arbeitete ich mit einem Kollegen der Spezialabteilung zusammen, Shenvoi, der bereits einige Zeit vor dem Mord an Avid undercover in Besźels extrem rechte Szene eingeschleust worden war.

Ramira Yaszek rief an, als ich an meinem Schreibtisch einen kleinen Mittagsimbiss zu mir nahm. »Wir haben soeben die Befragung dieser Jugendlichen abgeschlossen, Sir.«

»Und?«

»Wir können froh sein, dass sie ihre Rechte nicht besser kennen, sonst hätte Naustin jetzt eine Anklage am Hals.« Ich rieb mir die Augen und schluckte den Bissen hinunter, auf dem ich herumgekaut hatte.

»Was hat er getan?«

»Barichis Kumpel Sergev hat eine dicke Lippe riskiert, und Naustin hat dafür gesorgt, dass sie jetzt noch ein bisschen dicker ist.« Ich fluchte. »Halb so wild, und für mich war es einfacher, den guten Bullen zu spielen.« Wir hatten das Konzept und die Vokabeln guter Bulle/böser Bulle von den englischen Kollegen übernommen. Naustin war einer, dem bei Verhören leicht die Hand ausrutschte, vorzugsweise zur Faust geballt. Es gibt Verdächtige, bei denen die Methode funktioniert, die man etwas weich klopfen muss, aber ein bockiger jugendlicher Kauer gehörte gewiss nicht zu der Sorte.

»Wie auch immer, der Junge hat's überlebt«, sagte Yaszek. »Und ihre Geschichten stimmen überein. Sie waren in diesem Wäldchen, alle vier. Zu gynäkologischen Studien, vermutlich. Ein paar Stunden haben sie mindestens da gesteckt. Irgendwann - du kannst fragen und fragen, aber du kriegst nichts anderes zu hören als »es war noch dunkel« - sieht eins der Mädchen diesen Lieferwagen über die Grünfläche in Richtung des Skater-Parks fahren. Sie denkt sich nichts dabei, weil sich zu jeder Tages- und Nachtzeit dort Leute herumtreiben, dealen, Müll abladen, was immer. Der Van fährt einen Bogen, um den Skater-Park herum, kommt zurück. Nach einer Weile fährt er a tempo davon.«

»A tempo?«

Ich kritzelte in mein Notizbuch, versuchte gleichzeitig, einhändig meine E-Mails herunterzuladen. Die Verbindung brach mehr als einmal zusammen. Großen Datenmengen war das System nicht mehr gewachsen.

»Ja. Der Fahrer hatte es offenbar eilig und nahm keine Rücksicht auf seine Stoßdämpfer. Deshalb hat sie überhaupt nur gemerkt, dass er wegfuhr.«

»Fahrzeugbeschreibung?«

»Grau. Sie kennt sich nicht aus mit Lieferwagen.«

»Zeigt ihr ein paar Bilder. Vielleicht kann sie den Wagentyp identifizieren.«

»Schon veranlasst, Sir. Ich gebe Ihnen Bescheid. Später sind noch wenigstens zwei weitere Autos oder Lieferwagen aufgetaucht, mit wer weiß was für Absichten. Geschäfte, laut Barichi.«

»Das erschwert die Untersuchung der Reifenspuren.«

»Nach einer Stunde oder so fröhlicher Fummelei erzählte die Kleine den anderen von dem Lieferwagen, und sie gehen nachsehen, ob er vielleicht Sperrmüll abgeladen hat. Sie sagen, manchmal findet man alte Stereoanlagen, Schuhe, Bücher, alles Mögliche, was die Leute wegwerfen.«

»Stattdessen finden sie die ermordete Frau.« Einige meiner Nachrichten waren inzwischen auf dem PC angekommen. Eine stammte von der Kriminaltechnik; ich öffnete sie und scrollte durch die Fotos vom Tatort.

»Stattdessen finden sie die ermordete Frau.«

Kommissar Gadlem rief mich in sein Büro. Seine kultivierte Theatralik, seine manierierte Höflichkeit wirkten plump, aber er hatte mir immer freie Hand bei meinen Ermittlungen gelassen. Ich saß da, während er auf seiner Tastatur klimperte und fluchte. Am Rand seines Monitors sah ich kleine Zettel kleben, wahrscheinlich Passwörter für die Datenbanken.

»Also?«, fragte er. »Die Wohnsiedlung?«

»Ja.«

»Wo liegt sie?«

»Süden. Vorstadt. Junge Frau, Stichwunden. Shukman hat sie in Arbeit.«

»Prostituierte?«

»Möglich.«

»Möglich, so, so.« Er legte die gewölbte Hand hinter das Ohr. »Ich höre den zweifelnden Unterton. Nun gut, weitermachen, folgen Sie Ihrer Nase. Lassen Sie's mich wissen, wenn Ihnen danach zumute ist, mich in das Warum, Weshalb, Wieso einzuweihen. Wer ist Ihr zweiter Mann?«

»Naustin. Und ich habe eine Kollegin von der uniformierten Truppe mit ins Boot geholt, Corwi. Sie besitzt Ortskenntnisse, die uns nützlich sein können.«

»Es ist ihr Revier?« Ich nickte. Mehr oder weniger. »Was liegt außerdem noch an?«

»Was ich auf dem Schreibtisch habe?« Ich setzte ihn ins Bild. Trotz der offenen Fälle gab er mir freie Hand, mich weiter um das Schicksal von Fulana Ix zu kümmern.

»Und? Waren Sie während der ganzen Prozedur dabei?«

Es ging auf zehn Uhr abends zu, seit dem Fund der Leiche waren mehr als vierzig Stunden vergangen. Corwi saß am Steuer, in Uniform, obwohl wir in einem Zivilfahrzeug unterwegs waren. Sie chauffierte uns durch die Gegend um die GunterStrász. Ich war gestern erst spät nachts nach Hause gekommen und nach einem morgendlichen Streifzug, allein, durch eben diese Straßen, nun schon wieder hier.

In den Hauptstraßen gab es stellenweise Deckungsgleichen, einige weitere hier und da verstreut. Aber so weit außerhalb war die Gegend größtenteils total. Wenige Stilmittel antiker Besź-Architektur, wenige steile Dächer oder bleiverglaste Fenster: Das waren unterhalb der Gewinnspanne krebsende Fabriken und Lagerhallen; ein paar Jahrzehnte alt, eingeworfene Fenster, auf halber Kapazität fahrend, falls überhaupt noch produzierend. Mit Brettern vernagelte Fassaden. Lebensmittelläden hinter Schutzgittern. Gebäude in Besźels klassischer Architektur, jedoch halb verfallen. Manche Häuser besetzt und zu religiösen Stätten und Drogenkneipen umfunktioniert, manche ausgebrannt und nur mehr rudimentäre Kohleskizzen ihrer selbst.

Auch wenn kein Gedränge herrschte, waren doch Passanten unterwegs. Sie wirkten wie Teile der Landschaft, als wären sie immer da. Am Vormittag war es ruhiger gewesen, aber nur wenig.

»Haben Sie zugesehen, wie Shukman die Leiche ausgebeinelt hat?«

»Nein.« Ich schaute aus dem Fenster, suchte das, woran wir vorbeifuhren, auf meinem Stadtplan. »Als ich kam, war schon alles vorbei.«

»Zimperlich?«, fragte sie.

»Nein.«

»Tja …« Sie griente und lenkte den Wagen um eine scharfe Kurve. »Das müssen Sie sagen, auch wenn's anders wäre.«

»Stimmt«, sagte ich, obwohl es nicht so war.

Sie machte mich auf diesen oder jenen Orientierungspunkt aufmerksam. Ich sagte ihr nicht, dass ich früher am Tag bereits in Kordvenna gewesen war und mir alles angeschaut hatte.

Corwi hatte nichts unternommen, um ihre Uniform zu tarnen. Niemand, der Grund hatte, misstrauisch zu sein, sollte auf den Gedanken kommen, wir wollten ihn hinters Licht führen. Und die Tatsache, dass wir nicht in einem Brikett unterwegs waren - so nannten wir die schwarzblauen Einsatzfahrzeuge -, signalisierte, dass auch keine Verhaftungen oder Razzien ins Haus standen. Komplexe Abmachungen!

Die meisten Menschen in unserer Umgebung befanden sich in Besźel, deshalb sahen wir sie. Was Kleidung anging, waren hierzulande von jeher einförmige, nichtssagende Schnitte und Farben vorherrschend. Nicht umsonst sprach man von Besźel als der Stadt, in der Mode nicht nur konservativ ist, sondern konserviert. Wirtschaftliche Not verstärkte die Tendenz zu äußerlicher Tristesse. Von den Ausnahmen waren einige, stellten wir bei genauerem Hinschauen fest, anderswo, deshalb nichtsahen wir sie geflissentlich, aber die jüngeren Besź waren ebenfalls bunter ausstaffiert als ihre Eltern, gaben lebhaft gemusterten Stoffen den Vorzug.

Die Mehrheit der Einheimischen, Männer wie Frauen, taten nichts anderes, als sich von hier nach da zu bewegen, von der Spätschicht heimwärts, von Häusern zu anderen Häusern oder zu Geschäften. Trotzdem, für unsere geschulten Blicke ergab sich daraus eine bedrohliche Geografie, und mit der Normalität verwoben gab es so viele verstohlene Aktionen, dass wir nicht befürchten mussten, an grundlosem Verfolgungswahn zu leiden.

»Heute Vormittag habe ich ein paar Leute von hier getroffen, mit denen ich früher zu tun hatte«, berichtete Corwi. »Habe mich erkundigt, ob ihnen etwas zu Ohren gekommen ist.« Wir passierten eine dunkle Zone, wo die Anteile der Deckungsgleiche sich verschoben, und wir schwiegen, bis die Straßenlaternen links und rechts wieder das gewohnte Aussehen hatten: übermannshoch und im Besź-deco-Stil verschnörkelt. Unter diesen Laternen, an der Mauer, standen Frauen und boten ihren Körper feil. Sie verfolgten unser Näherkommen mit Misstrauen. »Allerdings ohne nennenswerten Erfolg«, schloss Corwi.

Bei ihrem ersten Vorstoß, noch ohne Fotografie des Opfers, waren es seriöse Kontakte gewesen, die sie anzapfte: Verkäufer in Spirituosenläden, die Seelsorger klobiger hiesiger Kirchen, darunter die letzten Überlebenden der Arbeiterpriester, tapfere alte Männer mit der Tätowierung von Sichel und Kreuz auf Bizeps und Unterarm und auf den Regalen hinter ihnen die ins Besź übersetzten Bücher von Gutiérrez, Rauschenbusch, Canaan Banana. Nicht zu vergessen die Stufenhocker. Corwi hatte sich notgedrungen darauf beschränkt, sie zu fragen, was sie über die Vorgänge in Pocost Village erzählen konnten. Sie hatten von dem Mord gehört, aber wussten nichts.

Diesmal konnten wir mit einem Foto aufwarten. Shukman hatte es mir gegeben. Ich zückte es beim Aussteigen, präsentierte es unübersehbar, damit die Frauen wussten, dass ich ihnen etwas zeigen wollte, dass wir etwas von ihnen wissen wollten und nicht vorhatten, ihnen Schwierigkeiten zu machen.

Corwi kannte einige von ihnen. Sie rauchten und beobachteten uns. Es war kalt, und wie jeder, der sie sah, staunte ich über ihre nylonbestrumpften Beine. Unsere Anwesenheit beeinträchtigte verständlicherweise ihr Geschäft - zahlreiche Passanten musterten uns, wandten den Blick ab und gingen weiter. Ich sah, wie sich hinter einem Brikett der Verkehr staute, als es langsam vorbeirollte. Wahrscheinlich freute man sich auf zwei leichte Verhaftungen, dann aber erspähten der Fahrer und sein Partner Corwis Uniform, sie grüßten und gaben wieder Gas. Ich konnte nur noch ihren Rücklichtern winken.

Eine der Frauen sprach uns an. »Was wollt ihr?« Sie trug billige Stiefel mit hohen Absätzen. Ich zeigte ihr das Foto.

Gesäubert, ohne das verschmierte Make-up, wirkte Fulanas Gesicht nackt, Kratzer und Schürfwunden traten deutlich hervor. Man hätte sie wegretuschieren können, aber der Schock, den diese Spuren von Gewalt bei dem Betrachter auslösten, erwies sich häufig als nützlich bei Befragungen. Das Foto war gemacht worden, bevor man ihr den Kopf rasierte. Sie sah nicht friedlich aus. Sie wirkte ungeduldig.

»Keine Ahnung, wer das ist.« »Nie gesehen.« Kein Gesicht verriet rasch unterdrücktes Wiedererkennen. Sie versammelten sich - zur Konsternation der am Rand der hiesigen Dunkelheit lungernden Freier - im grauen Schein der Laterne, ließen das Foto von Hand zu Hand gehen und, ob mit Lauten der Bestürzung oder ohne, kannten Fulana Ix nicht.

»Was ist ihr zugestoßen?« Ich gab der Frau, die fragte, meine Karte. Sie war dunkelhäutig, semitische oder türkische Vorfahren irgendwo in ihrer Ahnenreihe. Ihr Besź war akzentfrei. »Das versuchen wir herauszufinden.«

»Müssen wir Angst haben?«

»Ich …«

Als ich stockte, sprang Corwi ein: »Wir geben euch Bescheid, wenn wir glauben, es besteht Grund zur Sorge, Sayra.«

Unser nächster Halt war bei einer Gruppe junger Männer, die vor einer Billardhalle Wein tranken und die Zeit totschlugen. Corwi duldete eine Weile ihre Anzüglichkeiten, dann ließ sie das Foto herumgehen.

»Weshalb sind wir hier?«, fragte ich sie halblaut.

»Das sind die harten Jungs von Morgen«, erklärte sie. »Achten Sie auf ihre Reaktionen.« Aber die glatten, kalten Gesichter blieben ausdruckslos. Die Nachwuchsgangster schauten das Foto an, nahmen meine Karte und verzogen keine Miene.

Wir wiederholten das Prozedere bei noch einigen Gruppen. Jedes Mal warteten wir anschließend hinter der nächsten Ecke ein paar Minuten im Auto, lange genug, falls ein Angehöriger der jeweiligen Clique von Mitteilungsdrang ergriffen würde und sich kurz absentierte, um zu uns zu kommen und unter Missachtung der Ganovenehre die Informationen auszuplaudern, die uns Stück für Stück und auf verschlungenen Wegen zu Namen und Lebenslauf der toten Frau führen mochten. Wir warteten vergebens. Ich gab meine Karte vielen Leuten und notierte mir die Namen derer, von denen Corwi sagte, sie seien wichtig.

»Das waren so ziemlich alle meine Kontakte von früher«, meinte sie schließlich. Einige der Männer und Frauen hatten Corwi erkannt, doch mir war nicht aufgefallen, dass sie deswegen zugänglicher gewesen wären. Gegen zwei Uhr morgens gelangten wir übereinstimmend zu der Feststellung, dass man die Aktion als beendet betrachten konnte. Unter einem verwaschen aussehenden Halbmond standen wir in einer auch von den ausdauerndsten Nachtschwärmern verlassenen Straße.

»Sie ist nach wie vor ein Fragezeichen.« Corwi war erstaunt über unseren Mangel an Erfolg.

»Ich werde veranlassen, dass man überall in der Gegend Plakate mit ihrem Foto aufhängt.«

»Wirklich, Chef? Wird der Kommissar das genehmigen?« Wir unterhielten uns halblaut. Ich flocht meine Finger in die Maschen eines Drahtzauns um ein Gelände, auf dem es nichts anderes als Schutthügel und Gestrüpp gab.

»Wird er«, antwortete ich. »Er wird sich breitschlagen lassen. So happig ist es nicht.«

»Immerhin müssen mehrere Polizisten etliche Stunden lang für die Aktion abgeordnet werden. Er wird Ihnen was husten. Viel zu viel Aufwand für eine …«

»Wir müssen erfahren, wer sie ist. Und wenn ich die Dinger höchstpersönlich anbringen muss.«

Ich stellte mir vor, dass jedes Revier eine gewisse Anzahl Plakate erhielt und aufhängte. Gelang es uns, die Tote zu identifizieren, und stellte sich heraus, dass Fulana das war, was wir - unter Vorbehalt - vermuteten, würde man uns die bescheidenen Ressourcen streichen, über die wir jetzt verfügten. Erfolg bedingte Scheitern.

»Sie sind der Chef, Chef.«

»Strenggenommen nicht, aber was diesen Fall angeht, ja, wenigstens vorübergehend.«

»Sollen wir?« Sie zeigte auf das Auto.

»Ich nehme die Tram.«

»Im Ernst? Kommen Sie, das dauert ja ewig.« Ich winkte ab und schlug den Weg zur nächsten Haltestelle ein. Verfolgt vom Geräusch meiner eigenen Schritte und dem hysterischen Kläffen eines Wachhunds ging ich ein Stück weit durch fremdes orangefarbenes Licht, das den fahlen Schein unserer eigenen Laternen überlagerte.

An seinem Arbeitsplatz gab Shukman sich zurückhaltender als in der Oberwelt. Ich hatte Yaszek am Telefon und fragte nach dem Videomitschnitt von der Befragung der Jugendlichen am Tag zuvor, als Shukman sich meldete und mich aufforderte, zu ihm zu kommen.

Erwartungsgemäß war sein Reich ein kaltes Reich, in der Luft waberten chemische Dünste. In dem großen fensterlosen Raum befand sich ebenso viel dunkles, fleckiges Holz wie Edelstahl. An den Wänden hingen von Zetteln überwucherte Pinnbretter.

Der Raum machte einen vage schmuddeligen Eindruck, aber als ich einmal die Probe aufs Exempel machte und mit dem Finger durch eine schmierig aussehende Rille beim Überlauf strich, musste ich feststellen, dass der Eindruck täuschte. Alles war peinlich sauber. Shukman stand am Kopfende eines stählernen Seziertischs, auf dem unsere Fulana lag. Sie war mit einem leicht fleckigen Tuch bedeckt, das sich an die Konturen ihres Gesichts schmiegte, und schien still auf das zu lauschen, was wir über sie redeten.

Ich schaute zu Hamzinic. Nach meiner Schätzung war er nur wenig älter als die tote Frau. Er stand respektvoll, die Hände gefaltet, in unserer Nähe. Zufällig oder auch nicht hatte er sich neben einer Pinnwand postiert, an der zwischen Postkarten und Memos eine kleine bunte Schahada hing. Hamd Hamzinic wäre in den Augen der Mörder von Avid Avid ebenfalls ein Ébru gewesen. Heutzutage war der Ausdruck nur noch bei den Gestrigen in Gebrauch, bei den Rassisten oder, als umgekehrte Provokation, bei denen, auf die das Schimpfwort gemünzt war: Eine der besten Hip-Hop-Gruppen von Besźel nannte sich Ébru W A.

Strenggenommen war die Vokabel in absurder Weise unzutreffend für Pi mal Daumen die Hälfte der damit Bezeichneten. Doch seit wenigstens zweihundert Jahren, seit Flüchtlinge aus der Balkanregion bei uns Asyl suchten und dadurch der muslimische Bevölkerungsanteil der Stadt nicht unerheblich anschwoll, hatte man Ébru, das uralte Besź-Wort für »Jude«, auf die neuen Immigranten ausgeweitet. Außerdem ließen die muslimischen Zuwanderer sich in Besźels ehemaligem Juden-Ghetto nieder.

Schon vor der Ankunft der Flüchtlinge pflegten die beiden traditionellen Minderheiten Besźels sich zu verbünden, in guten wie in schlechten Zeiten, abhängig von der jeweiligen politischen Situation. Wenige Bürger sind sich bewusst, dass unsere volkstümlichen Witze über die Dummheit des mittleren Kindes ihren Ursprung in einem jahrhundertealten humorigen Dialog zwischen Großrabbiner und Chef-Imam haben, in dem sie spitzzüngig über den ungehobelten Eifer der orthodoxen Kirche von Besźel herziehen. Sie besaß, stimmten sie überein, weder die Weisheit der ältesten abrahamischen Religion noch die Vitalität der jüngsten.

Fast seit den Anfängen von Besźel war das DöplirCaffé das Paradebeispiel für interkulturelle Harmonie: ein muslimisches und ein jüdisches Kaffeehaus Seite an Seite, jedes mit eigener Theke und Küche, halal und koscher. Sie teilten sich einen Namen, ein Schild und den Gastraum. Die Zwischenwand wurde entfernt. Gemischte Gruppen kamen, man begrüßte die beiden Inhaber, saß zusammen, trennte sich nur, um auf der jeweils relevanten Seite die erlaubten Speisen zu ordern, beziehungsweise im Fall von Freidenkern ostentativ die der »anderen«. Ob das DöplirCaffé ein Etablissement war oder zwei, hing von der Sichtweise ab. Für den Beamten von der Einkommenssteuerstelle beim Finanzamt war es eins.

Das Ghetto von Besźel war heute lediglich noch kenntlich durch seine Architektur und keine politische Enklave mehr, heruntergekommene alte Häuser mit neuem Schick, eingezwängt zwischen sehr andersgestaltigen Fremdräumen. Trotzdem, das war nur die Stadt, keine Allegorie, und man durfte annehmen, dass Hamd Hamzinic bei seinem Studium mancher Stein in den Weg gelegt worden war. Meine Meinung über Shukman besserte sich ein wenig: Offenbar sah Hamzinic wenigstens an seinem Arbeitsplatz keine Veranlassung, ein Hehl aus seiner Religionszugehörigkeit zu machen.

Shukman deckte Fulana nicht auf. Sie ruhte zwischen uns. Sie hatten etwas mit ihr angestellt, denn sie lag wie schlafend ausgestreckt da, mit ihrem Schicksal versöhnt.

»Ich habe Ihnen den Bericht gemailt«, begann Shukman. »Eine Frau von etwa vier- oder fünfundzwanzig Jahren. Guter Allgemeinzustand, bis auf die Tatsache, dass sie tot ist. Zeitpunkt des Todes gegen Mitte der vorletzten Nacht, mit etwas Spielraum natürlich. Todesursache Stiche in die Brust, vier insgesamt, von denen einer das Herz durchbohrt hat. Eine schmale, spitze Klinge. Sie hat außerdem eine hässliche Kopfverletzung und eine große Anzahl eigentümlicher Schürfwunden.« Ich schaute ihn an. »Teils unter dem Haar verborgen.« In Zeitlupe führte er die Bewegung vor. »Ein Schlag gegen die linke Kopfseite. Ich würde sagen, sie hat das Bewusstsein verloren oder war zumindest benommen und wehrlos, als man ihr die Stiche in die Brust versetzte, den Coup de grâce.«

»Mit was wurde sie geschlagen?«

»Mit einem schweren, stumpfen Gegenstand. Könnte eine Faust gewesen sein, falls sie groß war, die Faust, aber ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich.« Er lüpfte eine Ecke des Tuchs, entblößte geschickt die in Rede stehende, von einem großflächigen Bluterguss entstellte Kopfseite. »Et voilà!« Mit einer Handbewegung forderte er mich auf, mir eine bestimmte Stelle auf ihrer rasierten Kopfhaut anzusehen.

Ich bückte mich in die Schwaden von Formaldehyd. Zwischen den brünetten Stoppeln entdeckte ich eine Vielzahl winziger, verschorfter Einstiche.

»Was ist das?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Shukman. »Sie sind nicht tief. Vielleicht ist sie auf etwas gefallen, was diese Verletzungen verursacht hat.« Die Wunden waren etwa so groß wie von Pieksern mit einem spitzen Bleistift, verteilt auf einer etwa handbreiten Fläche. Stellenweise bildeten sie mehrere Millimeter lange Linien, in der Mitte tiefer als zu den Enden hin, wo sie verschwanden.

»Hinweise auf Geschlechtsverkehr?«

»Nicht in letzter Zeit. Falls sie wirklich eine Prostituierte gewesen ist, hat sie sich womöglich geweigert, eine bestimmte Leistung zu erbringen, und das hat sie das Leben gekostet.« Ich nickte. Er wartete. »Wir haben sie gewaschen«, bemerkte er schließlich. »Sie war von Kopf bis Fuß bedeckt mit Erde, Staub, Grasflecken, wie nicht anders zu erwarten in Anbetracht des Fundorts. Und mit Rost.«

»Rost?«

»Rost. Jede Menge Abschürfungen, Schrammen, Kratzer, hauptsächlich post mortem, und jede Menge Rost.«

Wieder nickte ich. Legte die Stirn in Falten.

»Abwehrverletzungen?«

»Fehlanzeige. Die Attacke erfolgte schnell und unerwartet, oder sie hatte dem Angreifer den Rücken zugewendet. Am Körper finden sich noch zahlreiche weitere oberflächliche Läsionen.« Shukman deutete auf die entsprechenden Stellen. »Anzeichen dafür, dass sie über den Boden geschleift wurde. Die Schrift der Gewalt.«

Hamzinic öffnete den Mund und klappte ihn wieder zu. Ich schaute zu ihm hin. Er schüttelte bedauernd den Kopf: Nein, nichts.

3. Kapitel

Die Plakate waren aufgehängt. Die meisten in der Umgebung des Fundorts unserer Fulana, einige auch in den Hauptstraßen, den Einkaufspassagen, in Kyeszov und Topisza und vergleichbaren Gegenden. Ich stieß mit der Nase darauf, als ich meine Wohnung verließ.

Die lag in einiger Entfernung vom Zentrum, östlich und etwas südlich der Altstadt, das zweitoberste Apartment in einem sechsstöckigen Mietshaus in der VulkovStrász. Die Vulkov ist eine stark deckungsgleiche Straße - Block um Block unterbrochen von Enklaven, an einigen Punkten sogar Haus um Haus. Die hiesigen Gebäude sind zwischen ein und drei Stockwerke höher als die externen, darum gemahnt die Silhouette des Straßenzugs an Reihen mittelalterlicher Zinnen. Gemustert vom Schatten der Stahlfachwerktürme, die man über ihr aufragen sehen würde, wären sie denn hiesig, steht am Ende der VulkovStrász die Himmelfahrtskirche. Trotz der schützenden Gitter sind einige Scheiben der Buntglasfenster zerbrochen.

Alle paar Tage war Fischmarkt, dann verzehrte ich mein Frühstück zum Geschrei der Händler bei ihren Eiskübeln und Gestellen mit Mollusken. Die jungen Frauen, die dort arbeiteten, standen in der Tracht ihrer Großmütter hinter den Tischen, mit einem Kopftuch im Küchenkaro und großen Schürzen, in deren rot-grauem Muster die Flecken vom sudeligen Geschäft des Fische-Ausnehmens untergingen. Die Männer sahen aus, als kämen sie stracks vom Boot, wackere Kerle, die ihren Fang auf den breiten Schultern meeresfrisch zu den Ständen auf dem Kopfsteinpflaster unter meinem Fenster trugen. Die Kunden schlenderten herum, blieben hier und da stehen und berochen die Ware.

Morgens fuhren Züge auf einem Hochgleis nur wenige Meter vor meinem Fenster vorbei. Vor meinem Fenster, aber nicht in meiner Stadt. Natürlich tat ich es nicht, aber ich hätte in die Wagen schauen können, so gering war der Abstand, und in die Augen der fremden Reisenden.

Sie ihrerseits hätten einen hageren Mann in mittleren Jahren gesehen, im Morgenmantel bei Frühstücksjoghurt und Kaffee sitzend und eine Zeitung schüttel-faltend - Inkyistor oder Iy Déurnem oder ein abgegriffenes Besźel Journal, Letzteres zur Pflege meiner englischen Sprachkenntnisse. Gewöhnlich allein - ab und zu könnte die eine oder andere von zwei Frauen ungefähr in seinem Alter anwesend sein (eine Wirtschaftshistorikerin, eine Journalistin eines Kunstmagazins. Sie wussten nicht voneinander, aber auch wenn, es hätte sie nicht gestört).

Als ich das Haus verließ, sprang mich von einer Plakatwand Fulanas Gesicht an. Ihre Augen waren geschlossen, aber man hatte an dem Bild herumgefeilt, bis sie nicht mehr tot aussah, sondern erstaunt. Kennen Sie diese Frau?, stand darunter. Das Plakat war schwarz-Weiß gedruckt, auf mattem Papier. Rufen Sie die Mordkommission an, unsere Nummer. Das Vorhandensein des Plakats mochte ein Beweis dafür sein, dass die Polizisten dieses Reviers besonders tüchtig waren und bereits ihrer Pflicht genügt hatten. Oder sie wollten sich bei mir in ein gutes Licht setzen, und weil sie meine Adresse kannten, platzierten sie ein oder zwei Plakate genau vor meiner Nase.

Das Präsidium lag einige Kilometer entfernt. Ich ging zu Fuß, an den Backsteinarkaden entlang: Oben, wo die Gleise verliefen, waren sie extern, aber nicht bei allen reichte das Fremde bis ganz nach unten. Die, die ich sehen durfte, beherbergten kleine Läden und besetzte Wohnungen, alles mit künstlerisch wertvollen Graffiti dekoriert. In Besźel war es eine ruhige Gegend, aber die Straßen wimmelten von denen anderswo. Ich nichtsah sie, aber es kostete Zeit, sich zwischen ihnen hindurchzuschlängeln. Bevor ich die Einmündung der Via Camir erreichte, durch die mein täglicher Weg zur Arbeit führte, rief Yaszek mich auf dem Handy an.

»Wir haben den Lieferwagen gefunden.«

Ich nahm ein Taxi, das stop-and-go im großen Verkehrsstrom mitschwamm. Auf der Pont Mahest ging gar nichts mehr, hüben wie anderswo. Ich hatte Muße, in die trüben Fluten hinunterzuschauen, während wir uns im Schneckentempo dem Westufer näherten, dem Qualm und den schmierigen Werftbooten im reflektierten Licht verspiegelter Bürotürme an einem fremden Gestade - ein Neid erregendes Viertel der Hochfinanz. Besź-Schlepper schaukelten im Kielwasser nichtsehbarer Wassertaxis.

Der Lieferwagen stand mit Schlagseite in dem schmalen Durchlass zwischen den Hallen einer Import-Export-Firma und einem Bürohochhaus, eine Kluft voller Müll und Wolfsscheiße, Verbindungsglied zwischen zwei größeren Straßen. Flatterband sperrte beide Enden ab - ein minderschwerer Verstoß gegen die Vorschriften, weil die Gasse eigentlich Deckungsgleiche war, allerdings wenig benutzt. Man pflegte in solchen Situationen beiderseits ein Auge zuzudrücken. Meine Kollegen machten sich an und in dem Fahrzeug zu schaffen.

»Chef.« Das war Yaszek.

»Ist Corwi unterwegs?«

»Ja. Ich habe sie benachrichtigt.« Yaszek äußerte sich nicht zu meiner eigenmächtigen Requirierung der jungen Beamtin. Sie ging voraus. Es war ein alter, ramponierter VW in sehr schlechtem Zustand. Er war eher cremefarben als grau, doch wegen der dicken Dreckschicht sah er dunkler aus.

»Fertig mit den Fingerabdrücken?«, fragte ich und streifte Latexhandschuhe über. Die KTler nickten und arbeiteten um mich herum.

»Er war unverschlossen«, sagte Yaszek.

Ich öffnete die Fahrertür und bohrte den Finger in die rissigen Sitzbezüge. Kitsch auf dem Armaturenbrett - eine Hula tanzende Heilige. Ich warf einen Blick ins Handschuhfach, fand einen zerfledderten Straßenführer und Schmutz. Ich blätterte den Führer durch, aber nichts: Es war der normale Stadtplan Besźels für Autofahrer, allerdings eine uralte Ausgabe, noch in Schwarz-Weiß.

»Und woher wir wissen, dass es der gesuchte Wagen ist?« Yaszek führte mich nach hinten und öffnete die Türen. Ich schaute in den Laderaum und sah noch mehr Dreck, Nylonschnur, Müll, überlagert von einem muffigen, aber nicht abstoßenden Geruch, zu gleichen Teilen Rost und Moder. »Was ist das für ein Zeug?«

Ich schaute mir das Sammelsurium näher an. Ein paar unidentifizierbare Einzelteile. Ein kleiner Motor von irgendwas, ein kaputter Fernseher, Reste von diesem und jenem, spiralförmige Überbleibsel von wer-weiß-was auf einem Bett aus alten Decken und Staub. Rost, Rost, Rost und Krusten aus Eisenoxid.

»Sehen Sie das?« Yaszek wies auf Flecken auf der Ladefläche. Bei flüchtigem Hinsehen hätte ich gesagt, es wäre Öl. »Ein paar Leute aus dem Bürogebäude haben ihn gemeldet, ein verlassener Lieferwagen. Die uniformierten Kollegen stellen fest, dass die Türen offen sind. Ich weiß nicht, ob sie ihre Meldungen auswendig lernen oder ob sie einfach besonders gründlich sind, wenn sie Unerledigtes durchgehen, in jedem Fall profitieren wir davon.«

Yaszek bezog sich darauf, dass man gestern Morgen - so das normale Prozedere - alle Streifen über Funk angewiesen hatte, Fahrzeuge grauer Farbe zu überprüfen und zu melden, und der Mordkommission Bericht zu erstatten. Wir konnten uns glücklich schätzen, dass die Kollegen nicht einfach den Abschleppdienst gerufen hatten.

»Wie auch immer, sie entdeckten auf dem Boden des Laderaums etwas, das wie Blut aussah, nahmen eine Probe und ließen sie testen. Die Ergebnisse werden noch verifiziert, aber wir können zu neunundneunzig Prozent sicher sein, dass es sich um Fulanas Blutgruppe handelt. Bald wissen wir's genau.«

Ich schob mich in den Laderaum wie ein Maulwurf unter einen Hügel Abraum, stöberte behutsam in dem Unrat, hob mit einem Finger die Metallteile an. Als ich meine Hand anschaute, war sie rot. Ich betrachtete ein Stück nach dem anderen, prüfte die größeren auf Masse und Gewicht. Zu dem Motordings gehörte ein Stück Rohr, das als Handgriff dienen konnte, und es war auch schwer und kompakt genug, um gehörigen Schaden anzurichten, wenn man jemanden damit schlug. Allerdings waren keine Spuren daran zu entdecken, kein Blut, keine Haare, keine blanke Stelle. Als Mordwaffe fand ich es nicht überzeugend.

»Ihr habt nichts entfernt?«

»Nein, keine Papiere, kein gar nichts. Es war nichts drin, außer diesem Geraffel. In ein, zwei Tagen kriegen wir die Ergebnisse der KTU.«

»Eine Unmenge Zeug«, sagte ich. Corwi war gekommen. An beiden Enden der Passage stauten sich Neugierige, schauten den Technikern bei der Arbeit zu. »Diesmal haben wir nicht das Problem von zu wenig Spuren, diesmal sind es zu viele.

Also. Nehmen wir einfach mal als gegeben an, dass Fulana hier drin transportiert wurde, und der Rost, den Shukman von ihr abgewaschen hat, stammt von diesem Schrott und dieser Ladefläche.«

Die entsprechenden Anhaftungen hatten sich in ihrem Gesicht befunden und überall an ihrem Körper, nicht vornehmlich an den Händen. Daraus folgte, sie hatte nicht versucht, den gegen sie rollenden Müll abzuwehren oder ihren Kopf zu schützen. Sie war bewusstlos oder tot gewesen, als sie in dem Lieferwagen lag und mit dem ganzen Gerümpel hin und her geworfen wurde.

»Warum karrt jemand diesen ganzen Dreck durch die Gegend?«, wunderte sich Corwi.

Nachmittags hatten wir Namen und Adresse des Fahrzeughalters und am nächsten Morgen die Bestätigung, dass es sich bei dem Blut um das Fulanas handelte.

Der Mann hieß Mikyael Khurusch. Er war der dritte Besitzer des Lieferwagens, offiziell wenigstens. Er war vorbestraft, hatte zwei Mal wegen Körperverletzung gesessen und wegen Diebstahl, das letzte Mal vor vier Jahren. Und - »Sieh an!«, sagte Corwi - er war wegen unzüchtigen Verhaltens verhaftet worden, hatte eine Polizistin angesprochen, die undercover auf dem Straßenstrich Dienst tat. »Wir wissen also, er ist ein Freier.«

Seither hatte er sich nichts mehr zuschulden kommen lassen, jedenfalls nach unseren Akten, und verdiente seinen Lebensunterhalt als Geschäftsmann, der auf den zahlreichen Märkten der Stadt allerlei Kram und Krempel verkaufte und an drei Tagen die Woche auch in einem Laden in Mashlin, im Westen Besźels.

Wir hatten eine Verbindung zwischen ihm und dem Lieferwagen und dem Lieferwagen und Fulana - was wir brauchten, war eine direkte Verbindung zwischen ihm und ihr. Ich ging in mein Büro und hörte meine Nachrichten ab. Etwas Arbeitsbeschaffung im Fall Styelim, ein Update von der Einsatzzentrale, was die Plakate anging, und zwei Anrufer hatten wortlos aufgelegt. Seit zwei Jahren versprach unsere Vermittlung, das System zu optimieren und Anruferkennung möglich zu machen. Ha!

Wie erwartet, hatte es auf die Plakataktion hin viele Anrufer gegeben, die behaupteten, Fulana zu kennen, aber nur wenige erweckten den Eindruck, sie seien ernst zu nehmen - die Leute, die diese Anrufe entgegennahmen, verstanden sich darauf, die Spinner und die Böswilligen auszusortieren und waren zu einem erstaunlichen Grad korrekt in ihrem Urteil. Die Tote war eine Rechtsanwaltsgehilfin in einer kleinen Kanzlei im Bezirk Gyedar, die man seit Tagen nicht gesehen hatte, oder sie war, behauptete eine anonyme Stimme, »eine Schlampe namens Rosyn, genannt ›Die Schnute‹, und mehr erfahrt ihr nicht von mir«. Die uniformierten Kollegen gingen den Hinweisen nach.

Ich teilte Kommissar Gadlem mit, dass ich Khurusch in seinem Haus einen Besuch abstatten wollte, mit ihm reden, ihn überreden, sich freiwillig Fingerabdrücke abnehmen zu lassen, eine Speichelprobe abzugeben, überhaupt zu kooperieren. Sehen, wie er reagierte. Weigerte er sich, konnten wir uns per Vorladung seiner dann unfreiwilligen Mitarbeit versichern und ihn im Auge behalten.

»In Ordnung«, meinte Gadlem. »Aber lassen Sie uns keine Zeit verschwenden. Wenn er sich stur stellt, nehmen Sie ihn in Gewahrsam und bringen ihn her.«

Ich nahm mir vor, auf diese Maßnahme tunlichst zu verzichten, auch wenn das Gesetz von Besźel uns die Möglichkeit an die Hand gab. »Gewahrsam« bedeutete, wir durften einen nicht aussagewilligen Zeugen oder eine »verdächtige Person« sechs Stunden lang festhalten, zwecks vorläufiger Befragung. Wir durften keine physischen Beweismittel abnehmen, noch - offiziell - aus Schweigen oder der Weigerung zu kooperieren nachteilige Schlüsse ziehen. Traditionell machte man Gebrauch von dieser gesetzlichen Handhabe, um Verdächtige, zu deren Verhaftung die Beweislage nicht ausreichte, zu einem Geständnis zu bewegen. Je nachdem war sie auch nützlich, um Personen, bei denen nach unserer Meinung Fluchtgefahr bestand, daran zu hindern, sich aus dem Staub zu machen.

Doch in jüngerer Zeit war zu beobachten, dass Geschworene wie auch Anwälte der Maßnahme ablehnend gegenüberstanden, und ein in Gewahrsam Genommener, der nicht gestand, hatte später bessere Chancen vor Gericht, weil es aussah, als wären wir übereifrig gewesen. Gadlem, vom alten Schlag, scherte sich nicht um neumodische Empfindlichkeit, und ich hatte meine Anweisungen.

Khurusch hatte seine Basis in einem von zahlreichen nur tageweise geöffneten Ladenlokalen in einem wirtschaftlich unterprivilegierten Bezirk. Unsere Aktion war auf die Schnelle organisiert. Beamte des zuständigen Reviers hatten sich unter einem Vorwand vergewissert, dass Khurusch anwesend war.

Wir holten ihn aus seinem Büro, einem stickig-warmen staubigen Raum über dem Laden, Industriekalender und verblasste Stellen an der Wand zwischen Aktenschränken. Seine Sekretärin gaffte einfältig und räumte ziellos auf ihrem Schreibtisch herum, als wir ihren Chef aus dem Zimmer eskortierten.

Er sah mich und wusste, was die Uhr geschlagen hatte, noch bevor Corwi und die anderen Uniformierten in der Tür auftauchten. Die Erfahrungen seiner bewegten Vergangenheit sagten ihm vermutlich, dass er nicht verhaftet war, dass er sich weigern konnte, mitzukommen - dann hätte ich Gadlems Anweisung befolgen und ihn in Gewahrsam nehmen müssen. Einen Augenblick lang sah es so aus, als wollte er es darauf ankommen lassen und fliehen - nur wohin? -, dann stieg er mit uns die wacklige Eisentreppe an der Außenmauer hinunter, dem einzigen Eingang. Ich sprach leise in mein Funkgerät und gab Anweisung, dass die bewaffneten Beamten, die wir mitgebracht hatten, sich im Hintergrund halten sollten. Er bekam sie gar nicht zu Gesicht.

Khurusch war von muskulöser Statur, wenn auch mit den Jahren etwas schwammig geworden; sein kariertes Hemd wirkte ebenso verblasst und staubig wie die Wände seines Büros. Er musterte mich über den Tisch in unserem Befragungsraum hinweg. Yaszek saß auf dem einzigen anderen Stuhl; Corwi hatte Anweisung, sich nicht einzumischen, nur zu beobachten. Ich ging auf und ab. Der Rekorder war aus. Dies war ein Gespräch, kein Verhör, theoretisch.

»Weißt du, weshalb du hier bist, Mikyael?«

»Keine Ahnung.«

»Weißt du, wo dein Lieferwagen ist?«

Er hob ruckartig den Kopf, sah mich scharf an. Seine Stimme klang plötzlich anders - hoffnungsvoll.

»Darum geht es?«, fragte er. »Um den Lieferwagen?« Er stieß ein Ha! aus und lehnte sich zurück. Immer noch wachsam, aber entspannter. »Habt ihr ihn gefunden? Ist das …«

»Ihn gefunden?«

»Er wurde gestohlen. Vor drei Tagen. Habt ihr? Ihn gefunden? Steht er hier bei euch? Kann ich ihn wiederhaben? Was ist passiert?«

Ich schaute Yaszek an. Sie stand auf, flüsterte mir etwas ins Ohr, setzte sich wieder hin und fixierte Khurusch.

»Ja, genau darum geht es, Mikyael«, sagte ich. »Um deinen Lieferwagen. Was hast du geglaubt? Nein, langsam, schön sitzen bleiben und halt den Mund, ich will nichts hören. Hier kommt nämlich der springende Punkt, Mikyael. Ein Mann wie du, jemand der Waren transportiert und ausliefert, braucht einen Lieferwagen. Da wundert es uns schon, dass du deinen nicht als gestohlen gemeldet hast.« Ich schaute kurz zu Yaszek. Sicher nicht? Sie nickte. »Du hast ihn nicht als gestohlen gemeldet. Nun will ich glauben, dass der Verlust dieser traurigen Rostlaube dir keinen unüberwindbaren Kummer bereitet hat, nicht auf der Ebene menschlicher Gefühle. Trotzdem wüsste ich gern, wenn er denn gestohlen wurde, was dich davon abgehalten hat, den Diebstahl zur Anzeige zu bringen und vor allen Dingen deine Versicherung davon in Kenntnis zu setzen. Wie funktioniert das mit deinem Job, ohne fahrbaren Untersatz?«

Khurusch zuckte die Achseln.

»Ich bin nicht dazu gekommen, zur Polizei zu gehen. Ich hatte es vor. Ich war beschäftigt.«

»Wir wissen genau, wie viel du zu tun hast, Mikyael, und dennoch wiederhole ich meine Frage: Warum hast du den Diebstahl deines Transportfahrzeugs nicht angezeigt?«

»Ich bin nicht dazu gekommen. Ehrlich. Einen anderen Grund gibt …«

»Drei Tage lang hast du keinen Moment Zeit gefunden, um bei deinen Freunden und Helfern vorzusprechen?«

»Habt ihr ihn? Was ist los damit? Man hat ihn für etwas gebraucht, stimmt's? Für irgendein krummes Ding?«

»Kennst du diese Frau? Wo warst du Dienstagabend, Mik?« Er starrte auf das Foto.

»Um Himmels willen.« Er wechselte wahrhaftig die Farbe. »Ein Mord. Um Himmels willen. Wurde sie überfahren? Mit meinem Lieferwagen? Um Himmels willen.« Er zog einen zerkratzten PDA aus der Tasche, dann blickte er auf, ohne ihn einzuschalten. »Dienstag? Da war ich bei einem Treffen. Dienstagabend? Halleluja, ich war bei einem Treffen.« Ihm fiel sichtlich ein Stein vom Herzen. »Das war der Abend, an dem der gottverdammte Lieferwagen geklaut wurde. Ich war bei einem Treffen, und zwanzig Leute können das bezeugen.«

»Was für ein Treffen? Wo?«

»In Vyevus.«

»Wie bist du hingekommen, zu deinem Treffen, ohne den Lieferwagen?«

»In meinem verdammten Auto! Das wurde nicht geklaut. Ich war bei den Anonymen Glücksspielern.« Ich machte große Augen. »Verflucht ja, da gehe ich jede Woche hin. Seit vier Jahren schon.«

»Seit deinem letzten Gefängnisaufenthalt.«

»Ja, seit meinem letzten gottverdammten Gefängnis auf enthalt. Jesus, weshalb bin ich wohl im Knast gelandet?«

»Körperverletzung.«

»Genau. Ich habe meinem verfluchten Buchmacher die Nase gebrochen, weil ich mit den Zahlungen im Rückstand war und er mir gedroht hat. Aber was interessiert euch das? Ich war Dienstagabend in einem Raum voller Menschen.«

»Und wenn schon. Wie lange hat eure Sitzung denn gedauert? Höchstens zwei Stunden.«

»Aber nachher, um neun, sind wir in die Bar gegangen - es sind die GA und nicht die AA. Da war ich bis nach Mitternacht und bin nicht allein nach Hause gegangen. Da ist eine Frau in meiner Gruppe … Alle werden bestätigen, dass es genau so gewesen ist.«

Da irrte er. Von den achtzehn Mitgliedern der GA-Gruppe wollten elf anonym bleiben. Der Leiter der Treffen, ein drahtiger Mann mit Pferdeschwanz, der sich als Zyet vorstellte, »Kumpel«, weigerte sich, uns ihre Namen zu geben und tat recht daran. Wir hätten ihn zwingen können, aber wozu? Die sieben Personen, die bereit waren auszusagen, untermauerten Khuruschs Alibi.

Die Frau, mit der er nach Hause gegangen sein wollte, gehörte nicht zu Letzteren, aber einige von ihnen bestätigten, dass es sie gab. Wir hätten es herausfinden können, aber wiederum, wozu die Mühe? Die KTler gerieten in freudige Erregung, als wir Khuruschs DNS an Fulana fanden, aber es waren nur ein paar Härchen von seinem Unterarm, und wenn man bedachte, wie oft er den Wagen be- und entlud, bewiesen sie gar nichts.

»Aber warum hat er mit niemandem darüber gesprochen, dass der Wagen verschwunden ist?«

»Das hat er«, warf Yaszek ein. »Nur eben nicht mit uns. Ich habe mich mit seiner Sekretärin unterhalten, Ljela Kitsov. Er hat die ganzen letzten paar Tage deswegen gejammert und geflucht.«

»Nur um es der Polizei zu melden, hat er keine Zeit gehabt? Wie kommt er zurecht ohne sein Transportfahrzeug?«

»Kitsov sagt, er vertickt seine Ware den Fluss hinauf und hinunter und von einem Ufer zum anderen. Der gelegentliche Import, aber kaum der Rede wert. Macht Abstecher ins Ausland und lädt ein, was sich hier wieder verscherbeln lässt: billige Klamotten, CDs, die auf dem Index stehen.«

»Wohin ins Ausland?«

»Varna, Bukarest. Manchmal Türkei. Ul Qoma, natürlich.«

»Dann ist er schlicht zu zerstreut, um den Diebstahl zu melden?«

»So was kommt vor, Chef.«

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