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Die Spy Girls

Lisa Lutz

Die Spy Girls

Eine schrecklich schräge Familie

Aus dem Amerikanischen von Patricia Klobusiczky

Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel

Curse of the Spellmans

erschien 2008 bei Simon & Schuster, New York.

ISBN 978-3-8412-0463-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 bei Gustav Kiepenheuer;

Gustav Kiepenheuer ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.

Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich

unter Verwendung von Motiven der Agenturen iStockphoto:

© Trapdoor Media, © fajean; Fotolia: © Tatyana Okhitina, © Forewer

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Prolog

MITTENDRIN ...

FESTNAHME NR. 2 (ODER 4)

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

I DER ANFANG

ZIELPERSON ZIEHT IN DIE CLAY STREET NR. 1797 EIN

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

EINE KURZE GESCHICHTE VON MIR

SAN FRANCISCO, ALLGEMEINES KRANKENHAUS

EINE KURZE GESCHICHTE VON HENRY UND RAE

WIE ICH HENRY STONES »VERLOBTE« WURDE

DIE STONE SPELLMAN SHOW

DIE STONE SPELLMAN SHOW – FOLGE 1: »Verhandelt wird nicht«

ZIELPERSON ZIEHT IN DIE CLAY STREET NR. 1797 EIN

PROTOKOLLE ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN

EIN GEBROCHENES VERSPRECHEN

DIE STONE SPELLMAN SHOW – FOLGE 27: »Gute Besserung«

ZIELPERSON BEIM MÜLLRAUSTRAGEN BEOBACHTET

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

DER TAG, AN DEM BERNIE PETERSON BEI MIR EINZOG

PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 2

DIE STONE SPELLMAN SHOW – FOLGE 32: »Englisch als Muttersprache«

ZIELPERSON WIRD BEIM GRABEN EINES LOCHS BEOBACHTET

VERBRECHEN GEGEN MRS. CHANDLER

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

ISABEL SPELLMAN, LIZENZIERTE PRIVATDETEKTIVIN

MILIFLIPS UND RENALFLIPS

RENALFLIP NR. 2 ODER PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 3?

EXFREUND NR. 9

IM PHILOSOPHER’S CLUB

DAS PETERSON-PROBLEM

PROTOKOLLE ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 4 UND 5

VERSCHWINDEN NR. 1: DER GAR NICHT GROSSARTIGE GRAND CANYON

ALLEIN ZU HAUS – KAPITEL 1

PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 6

PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 7

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

II MEHR VERSCHWINDEN UND NOCH MEHR PROTOKOLLE ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN

VERSCHWINDEN NR. 1

OPERATION BLAUBART

OPERATION GEBURTSTAGSSTÄNDCHEN

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

DIE ZIELPERSON IST DAD MIT DEM GEPÄCK BEHILFLICH

PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 8

UND WIEDER GRÜSST DAS MURMELTIER

DIE ZIELPERSON BETRITT DEN PHILOSOPHER’S CLUB

DAS MASSAKER AM VALENTINSTAG

IM ASHBY GEMEINSCHAFTSGARTEN

DER FALL CHANDLER – KAPITEL 1

PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 9

STONE UND SPELLMAN ... WIEDER VEREINT

DIE STONE SPELLMAN SHOW – FOLGE 18: »Testfall«

WIE ICH BEINAH EINEN RAUBÜBERFALL VORGETÄUSCHT HÄTTE

DER ZIELPERSON PLATZT DER KRAGEN

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 10

PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 11

DER FALL CHANDLER – KAPITEL 2

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

VERSCHWINDEN NR. 2 – SCHIFF AHOI!

PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 12

ALLEIN ZU HAUS – KAPITEL 2

WIE ICH BEINAH EINEN (ZWEITEN) DROGENDEAL VORGETÄUSCHT HÄTTE

EXFREUND NR. 10

IM PHILOSOPHER’S CLUB

DER FALL CHANDLER – KAPITEL 3

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

ALLEIN ZU HAUS – KAPITEL 3

MÜLLOLOGIE 101

OPERATION BLAUBART – TEIL 2

ALLEIN ZU HAUS – KAPITEL 4

DER MORGEN DANACH

DIE STONE SPELLMAN SHOW – FOLGE 33: »Die Beichte«

DIE STONE SPELLMAN SHOW – FOLGE 34: »Henrys Entscheidung«

DIE EWIGE FRAGE

INFORMATIONSGEWINNUNG

ALLEIN ZU HAUS – KAPITEL 5

PROTOKOLL ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN NR. 10.1

HEISSKALTER KAFFEE

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

DIE ZIELPERSON HÄLT SICH DREI TAGE BEDECKT

OPERATION BLAUBART – TEIL 3

ERSTE FESTNAHME – TEIL 1

III ECHTE MYSTERIEN UND WEITERE FESTNAHMEN

ERSTE FESTNAHME – TEIL 2

UNGETÜRKTER ZAHNARZTTERMIN NR. 7

STÄNDIG WECHSELNDER WOHNSITZ – TEIL 1

FESTNAHME NR. 2

ZIELPERSON FÄHRT MITTEN IN DER NACHT LOS

FESTNAHME NR. 3

STÄNDIG WECHSELNDER WOHNSITZ – TEIL 2

DOKTOR WER?

DIE STONE SPELLMAN SHOW– FOLGE 42: »Lesen macht schlau oder Rotz sammelt man nicht umsonst«

DAS EXPERIMENT

DIE RÜCKKEHR DES VERLORENEN WOCHENENDES

DIE RÜCKKEHR DES VERLORENEN WOCHENENDES – TAG 2

IM PHILOSOPHER’S CLUB

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

FRÖHLICHE OSTERKUGELEI

DIE UNÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN

DER TAG DANACH

DER ROTE PUNKT

VERSCHWINDEN NR. 3

TIEFER GRABEN

MITTENDRIN ...

DAS DAVID-SPELLMAN-PROBLEM

DIE BEICHTE

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

IM PHILOSOPHER’S CLUB

VOR GERICHT

MEINE LETZTE VERTEIDIGUNGSLINIE

MEINE BESENKAMMER

DER ROTE PUNKT WANDERT WEITER

NICHT GANZ SO SUESSE SECHZEHN

DIE TEPPICHTOUR

IM PHILOSOPHER’S CLUB

ROTER PUNKT ZIEHT AUS DER CLAY STREET NR. 1797 AUS

NACHSPIEL

DIE STONE SPELLMAN SHOW– FOLGE 48: »Bye Bye Baby«

Epilog

IM PHILOSOPHER’S CLUB

Anhang

Danksagung

Für Stephanie Kip Rostan
& Marysue Rucci

MITTENDRIN ...

Freitag, 21. April, 19.00 Uhr

»Hallo?«

»Hi, Mom.«

»Wer ist da?«

»Isabel, wer sonst.«

»Wer?«

»Mom, das ist nicht lustig.«

»Im Ernst, wer spricht da?«

»Für diese Spielchen hab ich jetzt keine Zeit.«

»Ich auch nicht«, sagte Mom und hörte endlich auf, Gedächtnisschwund zu simulieren. »Ich rufe dich in den nächsten Tagen zurück.«

»Nicht auflegen!!!«, brüllte ich in den Hörer.

»Schrei nicht so, Isabel.«

»Leg bitte nicht auf.«

»Warum nicht?«

»Weil ... ... mir nur ein Anruf zusteht.«

FESTNAHME NR. 2 (ODER 4)1

Diese Behauptung entsprach nicht ganz den Tatsachen. Es ging mir lediglich um den dramatischen Effekt. Laut Artikel 851, Absatz 5 des Kalifornischen Strafgesetzbuches hat jeder Festgehaltene das Recht auf drei Anrufe, und zwar bei: 1) einem Anwalt, 2) einem Kautionsbürgen und 3) einem Verwandten oder einer anderen Person seines Vertrauens. Aus der Formulierung geht nicht eindeutig hervor, ob pro Person nur einer der drei Anrufe erlaubt ist oder ob man eine der drei Personen zwei- oder dreimal anrufen darf.

So oder so war meine Mutter nicht meine erste Wahl. Vor Mom hatte ich es bei meinem Bruder David versucht (er ging nicht ran) und bei Mort Shilling, einem alten2 Freund, der früher Strafverteidiger war. Zum Zeitpunkt dieser Festnahme hatte ich mir noch keinen Stammkautionsbürgen zugelegt. Nachdem ich mein Adressbuch im Geist durchgeblättert und die Liste mit meinen neuen Freundinnen Scarlet und Lacey (ebenfalls in Gewahrsam, aber wegen anderer Vergehen) besprochen hatte, waren sie beide der Meinung, dass ich meine Mutter anrufen sollte.

»Wenn dich die eigene Mutter nicht aus dem Knast holt, wer dann?«, fragte Lacey.

Das war ein schlagendes Argument. Ich rief Mom an, aber eigentlich eher, weil ich fand, dass sie mir nach Festnahme Nr. 1,5 (oder Nr. 3, je nachdem, wie man’s zählt) etwas schuldete. Unser Gespräch verlief in der Folge so:

MOM: »Nicht schon wieder, Isabel. Erklär mir bitte, was los ist.«

ICH: »Ich erklär’s dir, wenn du mich abholst.«

MOM: »Wir sind schon unterwegs, Schätzchen. Ich werde unser Verschwinden3 nicht abblasen, nur weil du im Knast sitzt.«

ICH: »Oh, das Verschwinden hatte ich vergessen.«

MOM: »Du bist ganz auf dich gestellt, meine Liebe.«

ICH: »Nein, Mom! Du musst jemanden auftreiben, der mich rausholt. Hier will ich auf keinen Fall die Nacht verbringen.«

MOM: »Könnte dir aber guttun. Erinnerst du dich an Scared Straight! – Alltag im Gefängnis

ICH: »Allerdings. Mindestens zehn Mal musste ich mir zu Highschool-Zeiten diese Sendung ansehen, du hast mir ja damals keine Wahl gelassen.«

MOM: »Die Mühe hätte ich mir schenken können.«

ICH: »Komm schon, versuch’s noch mal bei Morty. Lass es so lange klingeln, bis er abhebt. Er ist zu Hause. Er hört bloß das Telefon nicht.«

MOM: »Ich finde nicht, dass er nachts Auto fahren sollte.«

ICH: »Mom, bitte.«

MOM: »Tagsüber eigentlich auch nicht.«

OFFICER LINDLEY: »Wird’s bald, Spellman?«

ICH: »Ich muss aufhören. Bitte sorg dafür, dass mich jemand hier rausholt.«

MOM: »Ich tu mein Bestes. Bis Montag, Isabel.«

ICH: »Schönes Verschwinden.«

Drei Stunden später schlug Officer Lindley mit seinem Gummiknüppel gegen die Gitterstäbe und sagte: »Spellman, Sie sind raus.« Nachdem ich meine persönlichen Wertgegenstände beim Schalterbeamten abgeholt hatte, wurde ich in ein Wartezimmer geführt.

Morty saß zusammengesackt auf einem der grünen Vinylstühle und schlief. Die dünnen Haare hingen ihm ungekämmt über die viereckigen, colaflaschendicken Brillengläser. In seinem Schoß lag eine zerknüllte Brötchentüte. Die Geräusche, die er beim Schnarchen von sich gab, alternierten zwischen Küchenmixer und energiesparendem Geschirrspüler.

»Wach auf, Morty.« Ich rüttelte ihn sanft an der Schulter.

Morty zuckte zusammen, ehe er sich mir lächelnd zuwandte.

»Wie geht’s meiner Lieblingsstraftäterin?«, fragte er.

»Es ging ihr schon mal besser«, antwortete ich.

»Ist das jetzt nicht schon die vierte Festnahme?«

»Findest du es fair, die zweite und dritte mitzuzählen?«

»Lassen wir sie beiseite, wenn du willst. Ich dachte, du hast vielleicht Hunger, und hab dir ein Sandwich mitgebracht.« Morty reichte mir die lädierte Papiertüte. »Deine Lieblingssorte. Pastrami auf Roggen.«

»Nein, Morty, das ist deine Lieblingssorte, darum ist auch bloß noch die Hälfte übrig.«

»Über eine Stunde musste ich warten!«, brachte Morty zu seiner Verteidigung vor.

Ich legte den Arm um meinen winzigen greisen Freund und küsste ihn auf die Wange. »Ich wusste, du würdest mich hier nicht versauern lassen.«

»Wir sollten kurz zum Geschäftlichen kommen«, sagte Morty.

»Schieß los.« Ich ahnte, dass die Aktien schlecht standen.

»Montag wirst du dem Haftrichter vorgeführt. Ich werde sie kaum davon überzeugen können, die Anklage fallenzulassen. Vier Festnahmen in knapp zwei Monaten. Die haben deine Visage hier allmählich satt. Du hast gegen eine gerichtliche Verfügung verstoßen, Izzele4, was hast du dir eigentlich dabei gedacht?«

»Die zweite und dritte Festnahme zählen wirklich nicht, Morty. Was die beiden anderen angeht, denke ich, dass es uns gelingen wird, die Vorwürfe zu entkräften. Allerdings brauche ich dafür mehr Beweise.«

»Gerade weil du Beweise sammelst, bist du doch in diesen Schlamassel geraten. Damit ist jetzt Schluss. Außerdem soll ich dir von deiner Mutter ausrichten, dass du Hausarrest hast.«

»Ich bin dreißig Jahre alt. Sie kann mir keinen Hausarrest geben.«

»Sie könnte dich vor die Tür setzen«, entgegnete Morty. »Und was machst du dann?«

Mortys Einwand schien durchaus berechtigt. Aber ich war mir sicher, dass ich all meine Sorgen los wäre, sobald ich das ursprüngliche Rätsel gelöst hatte. Also durfte ich auf keinen Fall eine Gefängnisstrafe aufgebrummt kriegen. Wir mussten uns eine clevere Verteidigungsstrategie überlegen.

Am Montagmorgen um neun wurde ich dem Haftrichter vorgeführt, in Saal 4 des Strafgerichtsgebäudes von San Francisco. Mortys Vorhersage bestätigte sich: Die Anklage wurde nicht fallengelassen und meine erste Anhörung für den darauffolgenden Montag angesetzt. Morty und mir blieb also eine ganze Woche, um an der Verteidigung zu feilen. Am späten Vormittag setzten wir uns in Mortys Büro zusammen und gingen meinen Fall Punkt für Punkt durch.

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

Montag, 24. April, 10.00 Uhr

Morty lochte das Festnahmeprotokoll und heftete es in seiner ofenfrischen Akte über Isabel Spellman – oder besser: Spellman, Isabel (Fall 25 ) – ab. Meiner Akte.

»Nummer zwei und drei brauchen wohl nicht vor Gericht verhandelt zu werden. Ich kann darlegen, dass sie nichts mit dem aktuellen Fall zu tun haben.«

»Gut.«

»Was?«

»GUT!«

»Du hast mir beim Mittagessen6 zwar immer wieder ein paar Häppchen hingeworfen, aber um dich vor Gericht angemessen zu vertreten, muss ich die ganze Geschichte kennen.«

»Glaubst du wirklich, dass es zum Prozess kommt?«

»Wie bitte? Du musst lauter sprechen.«

»GLAUB ST DU WIRKLICH, DAS S ES ... MORTY, NIMM DEIN HÖRGERÄT!«

Morty griff in die Schreibtischschublade, stöpselte sein Hörgerät ein und drehte am Lautstärkeregler.

»Dieses Ding macht mich wahnsinnig. Was hast du eben gesagt?«

»Glaubst du wirklich, dass es überhaupt zum Prozess kommt? Ich meine, wir können dem Staatsanwalt doch die Beweise vorlegen, vielleicht ermitteln sie dann endlich gegen diesen Typen.«

»Immer schön der Reihe nach, Isabel. Zuallererst halten wir die Geschichte jetzt mal schriftlich fest, und dann überlegen wir uns, wie wir mit dem Staatsanwalt umgehen. Also, erzähl mir bitte alles, und zwar lückenlos. Ich brauche sämtliche Details, und ich hab den ganzen Tag Zeit. Das gilt auch für morgen und übermorgen, so Gott will.«

»Aber ich weiß doch schon, was ich zu meiner Verteidigung vorbringen werde.«

»Klär mich auf«, sagte Morty.

»Ich bin unschuldig«, sagte ich.

»Du gibst aber zu, dass du gegen eine Unterlassungsverfügung verstoßen hast?«

»Das ja.«

»Wie kannst du dann auf unschuldig plädieren?«

»Weil der Mann, der die Unterlassungsverfügung erwirkt hat, nicht derjenige ist, der er zu sein vorgibt. Darum ist die Verfügung nicht wirksam.«

»Bitte, fang von vorn an, Isabel.«

I

DER ANFANG

ZIELPERSON ZIEHT IN DIE CLAY STREET NR. 1797 EIN

Sonntag, 8. Januar, 11.00 Uhr

Der Anfang fällt mir immer schwer. Zum einen finde ich es gar nicht so spannend, wenn Geschichten von vorn beginnen. Dass es sich überhaupt um eine Geschichte handelt, merkt man doch erst, wenn man mittendrin steckt. Zum anderen ist es fast unmöglich, den Anfang genau zu bestimmen. Im Grunde fangen alle Geschichten mit dem Urknall an. Weil Morty aber schon zweiundachtzig und unsere Zeit beschränkt ist, lasse ich diese Geschichte am Tag beginnen, an dem ich »John Brown« (nachfolgend »Zielperson« genannt oder »der Nachbar« oder meinetwegen auch »John Brown«) kennenlernte oder, besser gesagt, das erste Mal zu Gesicht bekam.

Es ist, als sei die Zielperson erst gestern in das Haus neben meinem Elternhaus gezogen, so gut kann ich mich an diesen Tag erinnern. Der Mann übernahm in der zweiten Etage des dreistöckigen Gebäudes das Apartment, das zuvor fast dreißig Jahre lang Mr. Rafter bewohnt hatte. David kannte Mr. Rafter besser als ich, weil zwischen seinem Zimmer und dem Wohnzimmer des alten Herrn keine zwei Meter lagen und sie sich gegenseitig, da sich ihre Fenster ungefähr auf derselben Höhe befanden, anstarren konnten wie zwei Goldfische im Glas. Da Rafter meistens vor dem Fernseher und David meistens am Schreibtisch hockte, um seine Schulaufgaben zu machen, entwickelten sie mit der Zeit eine stille und leise Vertrautheit zueinander (von den Fernsehgeräuschen einmal abgesehen).

Aber ich schweife ab. Wie gesagt, der Tag, an dem die Zielperson nebenan einzog, ist mir lebhaft in Erinnerung – was an den Ereignissen liegen mag, die sich kurz zuvor am selben Tag abgespielt und dazu geführt hatten, dass ich mich just in dem Augenblick in meinem Elternhaus aufhielt, als der Möbelwagen der Zielperson in zweiter Reihe parkte. Vielleicht sollte ich also weiter ausholen und besagte Ereignisse schildern.

9.00 Uhr

Ich wachte in meinem Bett auf, besser gesagt im Bett von Bernie Peterson, Lieutenant a. D. des San Francisco Police Department, der mich als Untermieterin aufgenommen hatte. Mein nicht ganz legaler Wohnsitz im Richmond-Bezirk ist genau 2,8 Meilen und einen Riesenhügel von meinem Elternhaus entfernt, aber es genügt ein Anruf, um die Distanz zu überwinden.

Wie immer klingelte das Telefon, ehe ich genug Kaffee getankt hatte, um den Tag in Angriff zu nehmen.

»Hallo.«

»Isabel, hier spricht Mom.«

»Wer?«

»Lass den Unsinn.«

»Ich hab echt keinen Schimmer. Kennen wir uns?«

»Hör mir jetzt gut zu, ich werde es nicht wiederholen. Du musst Rae im Krankenhaus abholen.«

»Was ist mit ihr?«, fragte ich besorgt.7

»Sie ist wohlauf. Was man von Henry8 nicht behauptenkann.«

»Was ist passiert?«

»Sie hat ihn überfahren.«

»Wie?«

»Mit einem Auto, Isabel.«

»Danke, Mom, das habe ich mir fast gedacht.«

»Izzy, ich stecke mitten in einem Auftrag. Ich muss los. Bitte finde heraus, was genau vorgefallen ist. Wie üblich, jedes Detail zählt. Ruf mich an, wenn du nach Hause kommst.«

San Francisco, Allgemeines Krankenhaus, 10.00 Uhr

Die Frau am Empfangsschalter teilte mir mit, dass nur engste Familienangehörige Zutritt zu Henrys Zimmer hätten. Ich hielt ihr meinen viertelkarätigen Verlobungsring unter die Nase und fragte, ob zukünftige Gattinnen zum erlesenen Kreis dazugehörten.

Eine Krankenschwester wies mir den Weg zu Zimmer 873 und erklärte, sein Zustand sei ernst, aber stabil.

»Können Sie mir sagen, was passiert ist?«

»Ihre Tochter ist gerade bei ihm. Sie wird es Ihnen erzählen.«

»Meine Tochter?«

Meine Schwester Rae saß am Bett von Inspektor Henry Stone und starrte auf die elektronischen Vorrichtungen, die seine Vitalfunktionen überwachten.

Die zuständige Krankenschwester versuchte, ihren Ärger über Raes penible Ansagen mit einem Lächeln zu überspielen.

»Zweiundsiebzig. Seine Herzfrequenz ist um fünf bpm gestiegen«, verkündete Rae, als ich ins Zimmer trat. Ihre Augen waren blutunterlaufen, und die roten Flecke auf ihren Wangen verrieten, dass sie eben erst geweint hatte.

Die Krankenschwester schien erleichtert, mich zu sehen. Sie sagte zu Rae: »Wie schön. Deine Mutter ist hier.«

»He«, meinte ich beleidigt. »Ich bin nicht ihre Mutter. Sehe ich etwa alt genug aus, um die Mutter einer Fünfzehnjährigen zu sein?«

»Das habe ich nicht bedacht«, erwiderte die Frau.

»Ich bin seine Verlobte«, erklärte ich knapp und wandte mich dem Inspektor zu.

In ein Krankenhausnachthemd gehüllt lag Henry Stone da, sein Körper war über ein buntes Knäuel aus Schläuchen mit etlichen Monitoren verbunden. Dachte man sich das unvorteilhafte Outfit und den Mullverband weg, der seine linke Schläfe zierte, sah er eigentlich so aus wie immer: gepflegt, etwas untergewichtig und auf eine leicht zu verkennende Weise attraktiv. Sein graumeliertes Haar, das er normalerweise kurzgeschoren trug, war in den letzten Wochen ein bisschen gewachsen, was ihn jünger erscheinen ließ als vierundvierzig. Ein Vorzug, den die dunklen Augenringe und der verzerrte Gesichtsausdruck umgehend zunichtemachten.

»Wie geht es ihm?«, fragte ich die Krankenschwester und versuchte, möglichst betroffen zu wirken, wie es sich für eine Verlobte gehört.

»Die Beine haben unterhalb des Knies ein paar Schrammen abbekommen, aber es ist nichts gebrochen. Was uns Sorgen macht, ist die Gehirnerschütterung. Er war fünf Minuten bewusstlos und verspürt Übelkeit. Der CT nach ist alles in Ordnung, aber wir müssen ihn achtundvierzig Stunden zur Beobachtung hierbehalten.«

»Wird er bleibende Hirnschäden davontragen?«, erkundigte sich Rae.

Henry packte mich am Handgelenk. Alles andere als sanft. »Ich muss dich unter vier Augen sprechen«, sagte er.

Ich drehte mich zu Rae um: »Geh raus.«

»Nein«, gab sie zurück und legte alle Verzweiflung der Welt in diese einzige Silbe. Es war herzzerreißend.

»Raus mit dir«, forderte Henry, den ihre Gefühlsaufwallung völlig kaltließ.

»Wirst du mir jemals verzeihen?«, fragte sie ihn.

»Es ist erst zwei Stunden her, dass du mich überfahren hast«, antwortete er.

»Aus Versehen!«, schrie sie.

Da warf Henry ihr einen Blick zu, der mehr Wirkung zeitigte als alles, womit meine Eltern Rae je traktiert hatten, ob Gardinenpredigt, Nachtischentzug oder Ausgangssperre.

»Zweieinhalb Stunden«, murrte Rae, als sie würdevoll aus dem Zimmer schritt.

Kaum war sie außer Hörweite, krallte sich Henry noch fester an meinen Arm.

»Du tust mir weh, Henry.«

»Was meinst du, was ich für Schmerzen habe.«

»Ach ja. Tut mir leid.«

»Du musst mir einen Gefallen tun.«

»Nichts lieber als das.«

»Halte sie von mir fern.«

»Wie lange?«

»Ein paar Wochen.«

»Träum weiter.«

»Bitte, Isabel. Ich brauche eine Pause.«

»Ich werde sehen, was ich tun kann, aber ...«

»Deine Schwester hat mich heute fast umgebracht!«

»Aus Versehen!«, brüllte Rae hinter der Tür.

»Ich brauche Ferien9 von Rae. Bitte. Hilf mir.«

IN DER »RECHTSANWALTSKANZLEI« VON MORT SHILLING

Montag, 24. April, 10.15 Uhr

»Seit wann bist du mit Inspektor Stone verlobt?«

»Wir sind nicht verlobt. Wir sind sozusagen verlobt«, sagte ich und malte Gänsefüßchen in die Luft.

»Du trägst gar keinen Verlobungsring.«

»Den brauche ich nicht mehr.«

»Erzähl.«

»Das ist eine ellenlange Geschichte. Bist du sicher, dass du sie hören willst?«

»Ich will jede Geschichte hören, die uns hilft, dich von dieser erdrückenden Beweismasse zu entlasten.«

»Das kann ein Weilchen dauern.«

Morty zuckte mit den Schultern. Das beschauliche Rentnerdasein hatte ihm noch nie zugesagt. Er wollte auf Trab gehalten werden.

Wie ich bereits erwähnte, ist der Anfang der Geschichte schwer zu bestimmen. Damit sie – und das, was ich zu meiner Verteidigung vorzubringen habe – nachvollziehbar wird, muss ich einige Details aus meiner Vergangenheit ergänzen, die lange vor meinen Problemen mit »John Brown« eine Rolle spielten.

EINE KURZE GESCHICHTE VON MIR

Ich bin das zweite Kind von Albert und Olivia Spellman. Seit meinem zwölften Lebensjahr bin ich für das Familienunternehmen tätig, die Privatdetektei Spellman Investigations. Firmensitz ist das Haus meiner Eltern in San Francisco, Kalifornien. Mein Bruder David ist zwei Jahre älter und meine Schwester Rae gut vierzehn Jahre jünger als ich.

Ich war eindeutig das problematische Kind (und der problematische Teenager und die problematische junge Erwachsene). Meine Terrorherrschaft im Hause Spellman währte fast zwanzig Jahre. Oft habe ich darüber spekuliert, dass ich nur deswegen in die Rolle des schwarzen Schafs geschlüpft bin, weil die perfekte Schönheit und die glanzvollen intellektuellen Leistungen meines Bruders nicht zu übertreffen waren. Weil ich mit David nicht mithalten konnte, habe ich mich bemüht, das genaue Gegenteil zu vollbringen, hinterließ auf Schritt und Tritt eine Spur der Verwüstung und schwänzte mit großem Eifer die Schule. Dabei gab mir David immer wieder Rückendeckung, indem er die meisten meiner Missetaten unter den Teppich kehrte, aber irgendwann hatte sogar er die Nase voll. Jetzt ist David Rechtsanwalt und mit meiner besten Freundin Petra10 verheiratet. Ihn verbindet mit dem Familienunternehmen in erster Linie, dass er uns laufend mit Arbeit versorgt.

Meine Schwester Rae, fünfzehn Jahre (und sechs Monate) alt, sieht aus wie höchstens dreizehn. Von unserer Mutter hat sie die zierliche Figur geerbt, die aschblonden Haare und die Sommersprossen sind jedoch einzigartig. Die grenzenlose Loyalität, die meine Schwester der Familie, insbesondere dem Familienunternehmen entgegenbringt, unterscheidet sie von David und mir. Als Rae anfing, für Spellman Investigations zu arbeiten, war sie sechs Jahre alt und offensichtlich der Überzeugung, ihr Lebensglück gefunden zu haben. Was für sie durchaus zutreffen könnte, vielleicht hatte sie sich tatsächlich genau die richtige Familie ausgesucht.

Mit Mitte zwanzig dämmerte mir allmählich, dass mein Verhalten einem leicht beeinflussbaren kleinen Mädchen als Vorbild diente. Das und noch einige andere läuternde Faktoren brachten mich dazu, endlich erwachsen zu werden. Eine Verwandlung, so schnell und plötzlich, dass ein ungeschultes Auge annehmen musste, ich sei als Gaunerin eingeschlafen und als halbwegs verantwortungsbewusstes soziales Wesen wieder aufgewacht.

Anschließend erlebte meine Familie die längste Phase von Normalität, sie dauerte etwa vier Jahre. Bis vor zwei Jahren mein Onkel Ray11 bei uns Einzug hielt und dafür sorgte, dass tausendundein Konflikt zwischen mir, meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Bruder und meiner besten Freundin Petra aufloderten. Und die führten eines Tages unweigerlich zum Krieg.

Der Krieg begann, als ich hinter dem Rücken meiner Mutter eine Beziehung mit einem Zahnarzt einging. Dazu muss man wissen, dass meine Mutter Zahnärzte hasst. Oder hasste, damals, als die Wunden noch nicht verheilt waren, die sie von ihrem V-Einsatz in einem Fall von sexuellem Missbrauch davongetragen hatte. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass Mom und Dad den Krieg angezettelt haben. Sie erteilten meiner Schwester (zu diesem Zeitpunkt war Rae vierzehn Jahre alt) den Auftrag, mich zu beschatten, und erfuhren auf diesem Weg, dass ich mit Daniel Castillo, Doktor der Zahnheilkunde (Exfreund Nr. 9 – siehe Anhang), ausging. Nach einem desaströsen Zusammentreffen von Ex Nr. 9 mit meiner Familie beschloss ich, aus dem Familienunternehmen auszusteigen.

Da eskalierte die Situation vollkommen. Meine Eltern fingen an, mir rund um die Uhr aufzulauern (dafür setzten sie vorwiegend meine Schwester ein), und gerade als wir dachten, dieses Katz-und-Maus-Spiel hätte seinen absoluten Tiefpunkt erreicht, verschwand Rae spurlos.

Später fanden wir heraus, dass Rae sich selbst entführt hatte, um dem Krieg gewissermaßen mit einem Präventivschlag ein Ende zu setzen. Und tatsächlich erreichte sie damit alles, was sie gewollt hatte: Der Krieg war vorbei, und meine Familie kehrte zur früheren Normalität zurück. Auch wenn der dramatische Einsatz meiner Schwester nicht straflos ausging.

In ihrer Bewährungszeit wurde es ihr zur lieben Gewohnheit, Henry Stone aufzusuchen – den Hauptermittler in ihrem eigenen Vermisstenfall. Was im Präsidium des San Francisco Police Departments in der Bryant Street als wöchentlicher Besuch bei dem auffallend gepflegten Inspektor mit den hehren Moralvorstellungen begann, sollte achtzehn Monate später damit enden, dass meine Schwester ihn mit seinem eigenen Auto fast ermordete.

SAN FRANCISCO, ALLGEMEINES KRANKENHAUS

Sonntag, 8. Januar, 10.05 Uhr

Hätte meine Mutter gewusst, wie lange ich mich schon in diesem Krankenhauszimmer aufhielt, ohne das Aufnahmegerät einzuschalten12, hätte sie mich umgebracht. Bevor ein weiteres Wort fiel, ließ ich meine Hand in die Tasche gleiten und schaltete den kleinen Rekorder ein.

Hier ist die Transkription:

[Rae kommt ins Zimmer zurück, als Schwester Stinson das Krankenblatt von Inspektor Stone zu Ende ausfüllt. Mit einem professionellen Lächeln geht die Schwester zur Tür.]

SCHWESTER: Sollten Sie noch einen Wunsch haben, Inspektor, drücken Sie bitte den Klingelknopf. [Sie wendet sich mir und Rae zu.] Meine Damen, die Besuchszeit ist in zwei Stunden vorbei.

HENRY: Ich bin sehr müde. Es ist sicher besser, wenn die beiden jetzt gehen.

ISABEL: In ein paar Minuten sind wir weg.

HENRY: Nein. Ihr sollt jetzt gehen. Bitte. Schwester?

RAE: Seine Herzfrequenz ist eben wieder gestiegen. Jetzt sind’s vierundsiebzig bpm.

SCHWESTER: Es ist alles in bester Ordnung. In einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen. [Schwester Stinson verlässt den Raum.]

ISABEL: Henry, wir verschwinden gleich wieder. Aber Mom will ganz genau wissen, wie es dazu gekommen ist, und das bedeutet, sie muss es von dir erfahren. Ich nehme es übrigens auf. Erzähl mir, was passiert ist.

HENRY: Deine Schwester hat mich überfahren ...

RAE: Aus Versehen!

ISABEL: Das versteht sich von selbst, Rae. Ich möchte aber wissen, wie das passieren konnte. Du hast eine Lernfahrerlaubnis, keinen Führerschein. Ohne Begleitung eines Erwachsenen mit Führerschein darfst du auf keinen Fall hinterm Steuer sitzen. Und wenn du Henry überfahren hast, muss er sich wohl außerhalb des Autos befunden haben.

HENRY: Leiser, bitte. Mein armer Kopf.

ISABEL: Tut mir leid. [Zu Rae] Raus mit der Sprache.

RAE: Wir wollten gerade das Präsidium verlassen, damit Henry mir Fahrunterricht gibt.

HENRY: Ich hoffe, du hast es genossen, es war nämlich das letzte Mal, dass ich dir Fahrunterricht gegeben habe.

RAE: Da spricht sicher nur die Kopfverletzung.

HENRY: Wirst schon sehen.

ISABEL: Kann ich jetzt mal die ganze Geschichte hören?

RAE: Henry trug eine Kiste, und dann ist er stehengeblieben, um mit diesem Typen zu sprechen, der nach Fisch riecht.

HENRY: Captain Greely.

ISABEL: Warum riecht er nach Fisch?

RAE: Keine Ahnung.

ISABEL: Riecht er denn immer nach Fisch?

RAE: Jedes Mal, wenn ich ihn rieche, riecht er nach Fisch.

HENRY [schroff]: Er nimmt Fischölpräparate, für sein Herz. Bringen wir’s endlich hinter uns?

ISABEL: Sicher. Also, was ist dann passiert?

RAE: Ich bin zum Auto vorgerannt, hab mich hinters Steuer gesetzt und auf Henry gewartet. Aber er trug noch immer diese Kiste und sprach mit dem Fischtypen.

HENRY: Captain Greely.

RAE [patzig]: Captain Greely.

HENRY: Junge Dame, wenn du mich schon überfahren musst ...

RAE: Aus Versehen!

HENRY: ... solltest du nicht in diesem Ton mit mir reden.

RAE: Und du solltest dich allmählich abregen. Inzwischen beträgt deine Herzfrequenz achtzig bpm.

HENRY: Isabel, sorg dafür, dass sie aus dem Zimmer geht.

ISABEL: Nur noch eine Minute. Versprochen. Erzähl schon, Rae, wie ging’s weiter?

RAE: Er hatte also diese schwere Kiste und sprach mit ... Captain Greely, und ich dachte, wenn ich den Wagen nur ein paar Meter näher ranfahre, tut es keinem weh, und er braucht die Kiste nicht den ganzen Weg bis zum Auto zu tragen. Ich hab’s doch nur gut gemeint. Und so habe ich den Zündschlüssel gedreht und fing an zu fahren, und dann habe ich Henry gesehen, und er schien furchtbar wütend und ist vor das Auto getreten und schrie, ich soll anhalten, und ich hab Panik bekommen ... ich wollte auf die Bremse treten, aber ich hab das Gaspedal erwischt. [Reuetränen steigen in Raes Augen auf.]

ISABEL: Du weinst doch nicht?

RAE: Ich hätte heute aus Versehen fast meinen besten Freund ermordet. HENRY UND ISABEL: Hör auf damit!

Auch wenn Morty mich nicht unterbrochen hat, um sich eingehender nach der merkwürdigen Beziehung zu erkundigen, die meine fünfzehneinhalbjährige Schwester zum vierundvierzigjährigen Inspektor unterhält, denke ich, dass ein paar Hintergrundinformationen dazu beitragen könnten, die Situation im Krankenzimmer und viele der folgenden Ereignisse zu erhellen.

EINE KURZE GESCHICHTE VON HENRY UND RAE

Erinnern Sie sich an die Kriege, die ich weiter oben erwähnt habe? Sie spielten sich nicht allein zwischen meinen Eltern und mir ab. Meine Schwester focht gegen Onkel Ray ihren eigenen Kampf aus. Onkel Ray war der große Bruder meines Vaters. Vor etwa siebzehn Jahren bekam er Krebs, wurde von seiner Frau verlassen, segnete beinahe schon das Zeitliche und erholte sich dann wieder – das alles innerhalb von sechs Monaten. Der einst gesund lebende, verantwortungsvolle, vielbewunderte Onkel Polizeiinspektor war danach nur noch ein schlampiger Schatten seines früheren, aus dem Ei gepellten Selbst. Der neue Onkel Ray verschwand immer wieder auf Sauftouren, die meine Familie »Verlorene Wochenenden« nannte. Jedes Mal, wenn er verschwand, machten wir ihn wieder ausfindig, beglichen seine Spielschulden, sorgten dafür, dass er nüchtern genug wurde, um sich wie ein zivilisiertes Wesen zu waschen und zu kleiden, und behielten ihn so gut es ging im Auge, bis zum nächsten Verlorenen Wochenende.

Aufgrund von Raes Jugend und ihrer hohen Arbeitsmoral war das Verhältnis zu ihrem Quasi-Namensvetter bestenfalls gespannt. Als ihr aber klar wurde, dass ihr Onkel kein egoistischer alter Narr, sondern ein einsamer Mensch war, der nicht wusste, wie er seine Schicksalskarten ausspielen sollte, fiel ihr Urteil über ihn milder aus, und so schlossen sie am Ende Frieden.

Kaum hatte sich meine Schwester allerdings an ihren neuen Gefährten gewöhnt, der regelmäßig mit ihr fernsah und Süßigkeiten in sich hineinstopfte und Karten spielte, gab Onkel Ray in einer Badewanne den Geist auf, in einem Kasinohotel in Reno, Nevada, nach einem langen Tag voller verlorener Pokerspiele und ungeheurer Mengen Alkohol.

Von uns allen litt meine Schwester am meisten unter Onkel Rays Tod, und ihre Besuchsfrequenz im Polizeibüro von Henry Stone stieg bald von zweimal im Monat auf zweimal pro Woche an. Henry versuchte zwar, sie zu vergraulen, aber sie kehrte immer wieder zurück, trotz seiner wiederholten Aufforderung, sich in ihrer Altersgruppe nach Freunden umzusehen. Nach einer Weile fand Stone sich mehr oder minder damit ab, dass meine Schwester zu einem festen Bestandteil seines Lebens geworden war; vermutlich dachte er, wenn er sie schon nicht loswurde, konnte er sie wenigstens dazu anhalten, ihre Hausaufgaben zu machen.

Zunächst fand ich es merkwürdig, dass ausgerechnet der zugeknöpfte Saubermann Stone als Ersatz für Onkel Ray herhalten sollte. Aber dann erklärte mir meine Mutter, dass Henry Stone die Idealbesetzung sei: Er war genau wie Onkel Ray, bevor dieser zugrunde ging. Onkel Ray gab den Löffel in der Badewanne ab; Henry Stone übernahm die Staffel, als er die Leiche fand.

Raes erste Besuche beim Inspektor liefen stets so ab, dass sie sich in den Ledersessel vor seinem Schreibtisch setzte und Hausaufgaben machte. Ihre Konversation nahm höchstens fünf Minuten in Anspruch, die gemeinsam in Stones Büro verbrachte Zeit allerdings belief sich oft auf Stunden. Da unsere Mutter nur selten erlebt hatte, dass Rae sich sorgfältig ihren Hausaufgaben widmete, tat sie nichts, um sie von diesen Besuchen abzubringen, griff auch dann nicht ein, als Henry Mom anrief und um Gnade bat. Moms Antwort lautete, sie könne Rae kaum Hausarrest geben, solange ihre Tochter zur verabredeten Zeit heimkam, nur weil sie einen Freund besuchte, insbesondere einen Freund, der an einem so sicheren Ort arbeitete wie einem Polizeipräsidium.

Ich hingegen empfand durchaus Mitleid für den geplagten Inspektor und holte Rae des Öfteren in seinem Büro ab, wenn er mich anrief. Je nachdem, was ich gerade für einen Auftrag ausführte, musste der arme Henry Stunden warten, bis ich ihn von meiner Schwester erlöste.

Der Hauptstreitpunkt zwischen Henry und Rae betraf die Frage, wie sie ihre Beziehung definieren sollten – nicht unter sich, sondern gegenüber Dritten. Ein Problem, das zum ersten Mal auftrat, als Henrys Vorgesetzter, Lieutenant Osborn, in sein Büro kam, kurz nachdem Rae eingetroffen war.

»Henry«, sagte der Lieutenant leutselig, »ist diese reizende junge Dame eine Informantin?«

Worauf Rae, die sich aufrichtig geschmeichelt fühlte, erwiderte: »Nein. Wir sind nur gute Freunde.«

Der Lieutenant sah Inspektor Stone scharf an, überreichte ihm einen Aktenordner und verließ das Büro mit einem freundlichen Nicken.

»In Zukunft wäre es mir lieber, wenn du mich nicht als deinen Freund bezeichnen würdest, Rae.«

»Aber wir sind doch Freunde, oder?«

»Wahrscheinlich schon«, antwortete Stone, sosehr es ihm widerstrebte, fiel ihm keine andere Definition ein. »Aber sprich besser nicht darüber.«

Ungefähr sechs Monate nach Beginn ihrer Bürobesuche beschloss meine Schwester, die Beziehung zu intensivieren.

Sie bat Henry, sie von der Schule nach Hause zu fahren, nachdem sie zwei Stunden nachsitzen musste und ein heftiger Regen eingesetzt hatte. Dafür hatte sie Stone auf seinem Handy angerufen, ich nehme an, die Nummer hatte er ihr in einem schwachen Moment verraten. Sie musste ihm drei Nachrichten hinterlassen und eine ganze Reihe von Verhandlungen führen13, bis Henry sich breitschlagen ließ. Eine Dreiviertelstunde später tauchte Inspektor Stone mit einem zusätzlichen Polizeiregenmantel in Raes Klassenzimmer auf.

»Na endlich«, sagte Rae, während sie ihre Sachen wahllos im Schulranzen verstaute.

Mrs. Collins, Raes Klassenlehrerin, Englischlehrerin und strafende Instanz, trat mit wacher Neugier und regem Misstrauen auf das seltsame Paar zu.

»Rae, würdest du mir bitte diesen netten jungen Mann vorstellen, der so freundlich ist, dich abzuholen.«

»Das ist mein ... Kollege, Henry Stone.«

Henry rang sich ein Lächeln ab und schüttelte Mrs. Collins die Hand.

»Wir sind doch keine Kollegen, Rae.«

»Partner?«, fragte meine Schwester.

»Auch nicht.«

»Dann sind wir also doch Freunde.«

»Ich bin ein Freund der Familie«, sagte Stone zu Mrs. Collins, da er ihren Argwohn spürte. »Inspektor Henry Stone.«

»Ein neuer Freund?«, fragte die ältere Frau und kniff die Augen zusammen.

»Wenn Sie so wollen«, antwortete Stone. Dann wandte er sich meiner Schwester zu. »Fertig?«

»Nichts wie raus aus diesem Loch«, sagte Rae und stürmte zur Tür.

»Achte ein bisschen auf deine Ausdrucksweise«, mahnte Henry, während er Mrs. Collins zum Abschied winkte und Rae zu seinem Auto folgte.

WIE ICH HENRY STONES »VERLOBTE« WURDE

Kaum hatte sie den Inspektor erblickt, fuhr Mrs. Collins ihre Antennen aus. Ein Vertreter des männlichen Geschlechts, der nicht zur Familie gehörte, holte ein junges, leicht zu beeindruckendes Mädchen ab – das wirkte auf die erfahrene Pädagogin wie der Strahl einer Taschenlampe bei Stromausfall. Zudem ihr Misstrauen in ihrer Eigenschaft als Raes Englischlehrerin noch mehr Nahrung fand. Unlängst hatte Mrs. Collins ihre Schüler dazu verdonnert, einen fünfseitigen Aufsatz über einen Menschen zu verfassen, den sie bewunderten. Wie man sich denken kann, schrieb Rae über Henry Stone. An sich nichts Verfängliches, bis auf die Tatsache, dass sie diesen Mann als ihren besten Freund bezeichnete. Anschließend überraschte Mrs. Collins Henry und Rae auf dem Parkplatz, als er sie wieder einmal von der Schule abholte. Rae hatte ihn ein paar Schulfreunden als ihren »Onkel Henry« vorgestellt.

Was Mrs. Collins allerdings nicht zu hören bekam, war die Auseinandersetzung, die während der Autofahrt entbrannte.

»Warum hast du mich Onkel genannt? Ich bin nicht dein Onkel.«

»Du hast gesagt, ich darf dich weder Kollege noch Partner oder Freund nennen. Was bleibt mir anderes übrig?«

»Sag einfach, ich sei ein Freund der Familie.«

»Aber du bist doch mit mir viel enger befreundet als mit meiner Familie.«

»Rae, die meisten Leute finden es sicher unpassend, wenn ein vierundvierzig Jahre alter Mann mit einem fünfzehnjährigen Mädchen befreundet ist.«

»Na und? Wenn Mom und Dad nichts dabei finden, ist es doch egal.«

Henry gab es auf, mit Rae über dieses Thema zu diskutieren. Stattdessen setzte er sie zu Hause ab und führte die Diskussion mit unserer Mutter fort. Da bekam er das Gleiche zu hören.

»Wenn ich nichts dagegen habe und Albert nichts dagegen hat, ist es mir egal, was andere davon halten«, sagte Mom.

Leider konnte sie sich nicht ganz über das hinwegsetzen, was andere dachten. In der folgenden Woche zitierte Mrs. Collins Mom und Dad in die Schule. Meine Mutter, stets auf der Hut vor der Schulverwaltung,14 nahm die komplette Sitzung auf.

Hier ist die Transkription:

MRS. COLLINS: Mr. und Mrs. Spellman, ich habe Sie hierher gebeten, weil Ihre Tochter eine ungewöhnliche Beziehung zu einem Herrn reiferen Alters namens Henry Stone unterhält.

OLIVIA SPELLMAN: Inspektor Henry Stone.

ALBERT SPELLMAN: Was ist schon dabei?

MRS. COLLINS: Nun, ich denke, Sie sollten besser darauf achten, mit wem Ihre Tochter Umgang pflegen darf.

OLIVIA: Wie bitte?

MRS. COLLINS: Mir ist zu Ohren gekommen, dass Rae Inspektor Stone als ihren – ich zitiere – »besten Freund« bezeichnet. In meinen Augen ist diese Beziehung ausgesprochen unziemlich.

OLIVIA: Bei allem Respekt, Mrs. Collins, würde ich es doch als Erste merken, wenn Ihre Annahme begründet wäre. Ich kann Ihnen versichern, dass Henry Stone keine schändlichen Absichten hegt.

MRS. COLLINS: Sie heißen diese Beziehung also gut?

OLIVIA: Inspektor Stone hat den denkbar besten Einfluss auf meine Tochter.

ALBERT: Das ist nicht zu leugnen.

MRS. COLLINS: Wie kommen Sie darauf?

OLIVIA: Ich weiß gar nicht mehr, wann Rae mich das letzte Mal gefragt hat, ob ich auf Crack bin, so lange ist das schon her. Mindestens drei Monate.

ALBERT: Eher sechs.

MRS. COLLINS: Sie behandelt ihn so, als stünden sie beide auf gleicher Stufe. Das gehört sich einfach nicht.

OLIVIA: Haben Sie die Unterlagen meiner Tochter parat?

MRS. COLLINS: Ja.

OLIVIA: Wie war Raes Notendurchschnitt vor zwei Jahren? [Mrs. Collins sieht in der Akte nach.]

MRS. COLLINS: Drei Komma vier.

OLIVIA: Und im letzten Halbjahr?

MRS. COLLINS: Zwei Komma sieben.

OLIVIA: Mrs. Collins, vor Rae habe ich bereits einen Sohn und eine Tochter großgezogen, die beide keinem Kinderschänder zum Opfer gefallen sind. Ich garantiere Ihnen, dass ich die Alarmzeichen auf Anhieb erkennen würde – und ich weiß, was für meine Tochter am besten ist. Sosehr ich Ihr Engagement zu schätzen weiß, hoffe ich doch, dass wir diese Frage ein für alle Mal geklärt haben.

[Ende der Aufnahme.]

Wie sich herausstellte, war die Frage noch längst nicht geklärt. Zwei Wochen später bekam Mom Besuch von einer Sozialarbeiterin. Mrs. Collins, durch das Treffen mit meinen Eltern keineswegs beruhigt, hatte den Fall beim Jugendamt gemeldet.

Jetzt, da die Staatsgewalt eingeschaltet war und meine Mutter befürchtete, dass die Ermittlungen dem Ruf von Inspektor Stone schaden könnten, beschloss sie, der unliebsamen Besucherin schnell den Wind aus den Segeln zu nehmen, und zwar mit folgender Aussage:

»Henry Stone ist mit meiner ältesten Tochter Isabel verlobt, die übrigens bereits dreißig ist. Ich verstehe nicht, was für ein Problem Mrs. Collins hat. Henry ist wie ein Sohn für mich, und bald wird er tatsächlich mein Sohn sein. Und wenn mein künftiger Schwiegersohn sich hin und wieder bereit erklärt, seine künftige Schwägerin von der Schule abzuholen und ihr bei den Hausaufgaben zu helfen, so zeugt das doch nur von ausgeprägtem Familiensinn, oder was meinen Sie?«

Die überrumpelte Sozialarbeiterin schaute in ihrer Akte nach.

»Es tut mir leid«, sagte sie. »Hier ist nirgendwo vermerkt, dass Henry Stone mit Ihrer ältesten Tochter verlobt ist. Sehr eigenartig. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Es kann sein, dass wir Sie ein weiteres Mal zwecks Überprüfung dieses Details aufsuchen. Das ist Vorschrift. Davon abgesehen, können wir die Sache sicher auf sich beruhen lassen.«

»Danke«, antwortete meine Mutter. »Allerdings möchte ich, dass eine klitzekleine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Mrs. Collins in die Akte aufgenommen wird. Mit ihren grundlosen Beschuldigungen hätte sie leicht den Ruf und die Karriere eines unbescholtenen Mannes ruinieren können.«

Diese Geschichte erzählte Mom bei einem Abendessen, das weniger Gäste als sonst um den Tisch versammelte – nämlich bloß Henry, Dad und mich. Rae hatte sie zu David und Petra geschickt, unter dem Vorwand, sie solle ihnen dabei behilflich sein, ihre Festplatte zu löschen.15

Henry und ich rochen von Anfang an Lunte, allein dieses Essen im kleinen Kreis erregte massiv Verdacht. Ich nahm das Gespräch von A bis Z auf.

Hier ist die Transkription:

OLIVIA: Ihr fragt euch sicher, warum ich euch zusammengetrommelt habe.

ALBERT: Zum Essen, dachte ich. Reich mal das Steak rüber.

OLIVIA: Nein, Al. Fang mit dem Salat an, wie es sich für zivilisierte Menschen gehört.

ALBERT: In Frankreich essen sie den Salat erst zum Schluss.

OLIVIA: Sobald du fließend Französisch parlierst, darfst du den Salat zum Dessert essen. Bis dahin ...

ALBERT: Henry, gib das Steak her.

OLIVIA: Henry, gib das Steak nicht her. [Henry gehorcht meiner Mutter. Albert lädt sich Salat auf den Teller und reicht die Schüssel herum.]

OLIVIA: Wie ich schon sagte, ehe mir der Herr mit dem Cholesterinwert von 227 ins Wort fiel ...

ALBERT: 223 bitte.

OLIVIA: Und darauf bist du stolz?

ISABEL: Mom, Dad. Das mag noch angehen, wenn wir unter uns sind, aber vielleicht können wir Henry diesen zwei Jahrzehnte währenden Streit ersparen?

OLIVIA: Danke für den Hinweis. Kommen wir jetzt zum Anlass dieser vertraulichen Zusammenkunft ... Also, ich hatte da eine kleine Auseinandersetzung mit Raes Englischlehrerin, Mrs. Collins. Du hattest mit ihr schon das Vergnügen, Henry?

HENRY: Kann man wohl sagen.

OLIVIA: Mrs. Collins macht sich Sorgen, weil Rae so eine starke Bindung zu dir entwickelt. Ich habe ihr erklärt, dass, solange Albert und ich darin kein Problem sehen, es für sie erst recht kein Problem sein sollte. Aber diese alte Schlampe ...

ALBERT: Reg dich ab, Olivia.

OLIVIA: Diese Person traute meinen mütterlichen Instinkten wohl nicht und hat dem Jugendamt einen Hinweis gegeben.

HENRY: Wie bitte? Meinetwegen?

OLIVIA: Na ja, sie war besorgt, weil Rae so engen Kontakt zu einem Mann deines Alters pflegt, der nicht zur Familie gehört. Jedenfalls hat mich eine Sozialarbeiterin aufgesucht ...

HENRY: Olivia, das könnte in der Tat Ärger geben.

OLIVIA: Ja, Henry, ich weiß. Aber ich habe die Situation entschärft.

ISABEL: Wie denn?

OLIVIA [plötzlich nervös]: Na ja, ich habe erklärt, dass Henry zur Familie gehört.

HENRY: Das können sie leicht überprüfen.

OLIVIA: Das habe ich vorausgesehen, und so bist du auch nicht blutsverwandt.

HENRY: Ich kann dir nicht folgen.

ALBERT: Olivia, das ist wie wenn man einen Verband abreißt. Je schneller du’s machst, desto weniger schmerzt es.

OLIVIA [extrem schnell]: Ich sagte, dass du mit meiner ältesten Tochter Isabel verlobt bist.

ISABEL: Bist du auf Crack?

OLIVIA: Ich hatte wirklich keine Wahl.

HENRY: Das kann nicht sein. Es hätte mit Sicherheit eine Alternative gegeben!

ALBERT: Henry, du musst Isabel doch gar nicht heiraten. Du brauchst nur so zu tun, als würdest du sie heiraten.

ISABEL: Was ist, wenn ich mich mit einem anderen verlobe?

OLIVIA: Mit wem?

ISABEL: Keine Ahnung. Das ist eine rein hypothetische Frage.

OLIVIA: Du brauchst es nur zweieinhalb Jahre durchzuziehen, bis Rae achtzehn wird. Ich glaube kaum, dass du dich bis dahin verloben wirst. Komm schon, Isabel, du hast zurzeit nicht mal einen Freund.

ISABEL: Hör auf zu lachen, Dad!

HENRY: Es gefällt mir nicht, dass wir das Problem mit einer Lüge lösen.

OLIVIA: Es ist mir ganz spontan eingefallen. Und als ich es ausgesprochen hatte, fand ich es einfach genial. Das ist doch die Lösung. Es tut keinem weh. So halten wir uns das Jugendamt vom Hals. Und angesichts deiner Position beim

SFPD ist das auch für deine Karriere das Beste. [Mom überreicht mir ein kleines Samtkästchen.]

OLIVIA: Isabel, du kannst meinen alten Verlobungsring tragen.

ISABEL: Legt eigentlich irgendjemand Wert auf meine Meinung?

ALBERT: Nein, mein Schatz.

HENRY: Olivia, Al, bitte. Vielleicht sollte Rae einfach ihre Besuche bei mir einstellen.

OLIVIA: Du kannst es ja versuchen, Henry. Aber wenn das nicht klappt, halten wir uns an meinen Plan.

DIE STONE & SPELLMAN SHOW

Vor etwa sechs Monaten, irgendwann zwischen dem ersten Treffen meiner Eltern mit Mrs. Collins und dem Besuch der Sozialarbeiterin, fing meine Mutter an, die Gespräche zwischen Henry und Rae aufzunehmen, wenn sie zufällig in Hörweite war. Zunächst sollte ihr diese Verletzung der Privatsphäre zu entlastenden Beweismitteln verhelfen, für den Fall, dass Mrs. Collins oder andere übereifrige Bürokraten energischere Nachforschungen anstellten. Niemand kann das Verhalten solcher Menschen besser vorhersehen als Mom.

Nach und nach erfolgten die Aufnahmen der Gespräche von Henry und Rae jedoch zum puren Zeitvertreib. Zu Dad sagte Mom, wenn man ihnen lausche und dazu ein Sandwich äße, sei es wie ein Event-Dinner. Sie betrachtete die Bänder als Fotoalben fürs Ohr und beschriftete jedes einzelne sorgfältig mit Titel und Datum. Sollte jemals ein Fremder auf diese Sammlung stoßen, würde er sie für eine längst vergangene Radiosendung halten.

DIE STONE & SPELLMAN SHOW – FOLGE 1:
»Verhandelt wird nicht«

Hintergrund: Als Rae acht Jahre alt war, brachte mein Bruder ihr bei, was Verhandeln heißt, um seinen Alltag als Jurist zu veranschaulichen. Er sollte bald bereuen, ihr diese Lektion erteilt zu haben, genau wie der Rest der Familie. Rae hatte daraus den Schluss gezogen, dass alles – von simpler Körperpflege über Hilfe im Haushalt bis zu den Schulaufgaben – zu ihren Gunsten verhandelt werden konnte.

Aktueller Kontext: Nachdem er meine Schwester von der Schule aufgelesen hat, erklärt sich Stone bereit, Olivia in die Werkstatt zu fahren, damit sie ihr Auto abholen kann. Rae will die beiden begleiten.

Hier ist die Transkription:

RAE: Ich sitz vorne!

HENRY: Rae, lass deine Mutter vorne sitzen.

RAE: Mom hat nichts davon gesagt, dass sie vorne sitzen will. Oder bin ich vielleicht taub?

HENRY: Wie war das noch mal mit dem Sarkasmus? Was habe ich dir erklärt?

RAE: Das er die billigste Form von Humor ist. Aber da irrst du dich. Es heißt: »Der Kalauer ist die billigste Form von Humor.«

HENRY: Ein Kalauer verlangt immerhin ein Mindestmaß an Kreativität. Sarkasmus verlangt bloß einen ätzenden Ton. [Henry öffnet für Rae die hintere Tür.]

HENRY: Du nimmst den Rücksitz.

RAE: Ich bin bereit, zu verhandeln. Ich nehme den Rücksitz, wenn du mir zwei Fahrstunden gibst.

HENRY: Rae, entweder du nimmst den Rücksitz oder du bleibst zu Hause. Was anderes kommt nicht in Frage. [Rae steigt hinten, Olivia vorne ein.]

OLIVIA: Das war eine Meisterleistung. Ich gehe ihrer Strategie immer auf dem Leim.

HENRY: Meine Strategie lautet, mich gar nicht erst auf eine Verhandlung mit Rae einzulassen.

OLIVIA: Wirklich? Ich bin schwer beeindruckt.

RAE: Mach das Radio an, Henry.

HENRY: Wie bitte?

RAE: Bitte.

HENRY: Danke.

RAE: Du bist echt ein Dinosaurier. [Henry lacht.]

HENRY: Wie hast du mich eben genannt?

RAE: Das weißt du ganz genau.

Henry Stone lacht eigentlich nicht. Später sollte meine Mutter behaupten, dass das Archivmaterial der Stone & Spellman Show beweist, wie sehr Henry und Rae gegenseitig von ihrer Freundschaft profitierten. In diesem Moment sah sie jedenfalls bestätigt, dass die Aufnahme von Henry Stone in unseren Familienkreis keine Nötigung oder Grausamkeit darstellte (wie mein Vater vermutet hatte); es war nicht nur so, dass Henry einen guten Einfluss auf Rae ausübte, sondern vielleicht auch umgekehrt. Falls Mom jemals Bedenken gehegt hatte, weil Rae nach und nach Henrys Leben infiltrierte, waren sie hiermit hinweggefegt. Inspektor Stone war schließlich erwachsen, und wenn er wollte, dass Rae aus seinem Leben verschwand, sollte er gefälligst selbst dafür sorgen.

Und so wurde Henry Stone zum Familienangehörigen ehrenhalber erklärt. Was mich zum Anfang dieser Geschichte zurückführt – der Geschichte von, mit und über »John Brown«.

ZIELPERSON ZIEHT IN DIE CLAY STREET NR. 1797 EIN

Sonntag, 8. Januar, 11.00 Uhr

Eine Viertelstunde nachdem wir Henry im Krankenhaus verlassen hatten, fuhr ich mit Rae bei meinen Eltern in der Clay Street Nr. 1799 vor – gerade als ein Möbelwagen in zweiter Reihe vor dem dreistöckigen Nachbarhaus parkte.

Rae und ich registrierten das Fahrzeug beide aus dem Augenwinkel, aber uns beschäftigte etwas anderes.

»Steig aus«, sagte ich und entriegelte die Türen.

»Nein«, antwortete Rae stoisch.

»Willst du den ganzen Tag im Auto sitzen bleiben?«

»Nein. Ich will mit dem Bus zum Krankenhaus zurückfahren.«

So reglos Rae dasaß, wusste ich genau, dass sie im nächsten Moment losstürzen würde. Ich nahm mein Handy und wählte die Nummer meiner Eltern.

Mein Vater hob ab. »Hallo?«

»Dad, wir haben hier ein kleines Problem.«

»Wo steckst du?«

»Sozusagen vor eurer Haustür. Ich brauche Verstärkung. Schnell.«

Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, sprang Rae aus dem Auto und hechtete die Straße hinunter. Um ein Haar hätte sie es geschafft. Um ein Haar wäre sie ins Krankenhaus zurückgefahren, wäre wieder in Henry Stones Zimmer gestürmt, und ich hätte mein Versprechen gebrochen.

Das alles wäre passiert, wenn nicht unser neuer Nachbar dem armen Henry unbeabsichtigterweise zu einer zwölfstündigen Verschnaufpause verholfen hätte: Gerade als Rae auf dem Bürgersteig an dessen neuer Bleibe vorbeidüste, stieg das uns zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte männliche Wesen mit zwei Kisten voller Akten aus seinem Miet-Möbelwagen und verstellte ihr den Weg. Eine Sache von Sekunden. Körper prallten zusammen und stürzten zu Boden, Kisten kippten um, Akten wirbelten wie Spielkarten durch die Luft, und ein paar lose Blätter schwebten davon.

Meine Eltern kamen gerade noch rechtzeitig herbeigeeilt, um das Nachspiel mitzuerleben.

»Was ist passiert?«, fragte mich meine Mutter.

»Sie hat ihn buchstäblich überrollt«, antwortete ich.

»Nicht schon wieder.«

Mit bloßem Auge waren keine ernsthaften Verletzungen zu erkennen. Der Unbekannte hatte die volle Wucht des Zusammenstoßes abbekommen, während Rae wie eine Zeichentrickfigur seitlich an den Kisten abgeprallt war und eine saubere Polandung hingelegt hatte. Sie rappelte sich sofort wieder auf die Beine und klopfte sich ab.

Meinem ersten Eindruck nach hatte unser neuer Nachbar, wie er so auf dem Boden ausgestreckt lag, durchaus ein gewisses Etwas – in jedem Fall genug Potential, um als zukünftiger Exfreund in Betracht zu kommen. Dabei war er gar nicht mein Nachbar. Schließlich wohne ich nicht mehr bei meinen Eltern, aber vielleicht sollte ich häufiger zu Besuch kommen. Das Alter des potentiellen zukünftigen Exfreundes schätzte ich auf dreißig. Er war etwa 1,83 Meter groß, hatte sandblonde Haare, blaue Augen und eine leichte Sonnenbräune, wie sie mir nie gelingen wollte.

Was dann folgte, kam mir seltsam vor, nein, verdächtig: Der Unbekannte prüfte nicht nach, ob er sich Schrammen oder blaue Flecke zugezogen hatte. Er wandte sich nicht an seine Angreiferin (Rae), um eine Entschuldigung einzufordern. Das Einzige, was sein unruhig flackernder Blick wahrzunehmen schien, waren die ringsum verstreuten Papiere. Die sammelte er hastig ein, als handelte es sich um Aktienzertifikate oder Hundert-Dollar-Scheine, stopfte sie in die Kisten zurück und klappte die Deckel zu. Erst nachdem er wiederholt den Kopf gedreht und gewendet hatte, um seine unmittelbare Umgebung aus einem Winkel von 360 Grad zu rastern, und sich auf diese Weise vergewisserte, dass alle losen Blätter eingefangen waren, nahm er unsere Anwesenheit zur Kenntnis.

Zunächst fiel sein Blick, der eben noch angestrengt der Schatzsuche galt, auf Rae. Ein mildes Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Wohin so eilig?«, fragte er meine Schwester.

»Ich muss ins Krankenhaus zurück.«

»Warum?«, fragte der Unbekannte. Leider.

Rae, die auf Fragen stets nur ehrlich und direkt antworten kann, sagte: »Heute hätte ich aus Versehen fast meinen besten Freund ermordet.«

»Ich wusste gar nicht, dass man jemanden aus Versehen ermorden kann. Ich dachte, in solchen Fällen spricht man von fahrlässiger Tötung.«

»Danke«, sagte meine Mutter erfreut. Sie findet es großartig, wenn andere zur Erziehung ihrer Kinder beitragen, das ist Ihnen sicher nicht entgangen.

»Dann hätte ich heute eben aus Versehen fast meinen besten Freund fahrlässig getötet, und ich will wieder ins Krankenhaus zurück, um ihn zu besuchen.«

»Das war jetzt doppelt gemoppelt, Rae«, sagte Dad.

»Er will aber nicht, dass sie ihn besucht«, erklärte ich dem Unbekannten, der zusehends verwirrter schien.

»Wie kommst du darauf?«, warf Rae schnippisch ein.

»Ich weiß es eben«, sagte ich. »Er hat mich gebeten, dich von ihm fernzuhalten.«

»Das möchte ich sehen«, sagte meine Schwester und blickte sich rasch nach allen Seiten um. Gleich würde sie den nächsten Fluchtversuch wagen.

Auch mein Vater wusste Raes Körpersprache zu deuten, er nahm sie in den Arm, um sie festzuhalten. Dann endlich stellte er uns dem Unbekannten vor.

»Hi, wir sind Ihre neuen Nachbarn. Ich heiße Albert Spellman, das sind meine Frau Olivia und meine älteste Tochter Isabel, und hier haben wir Rae, die am liebsten wieder losstürmen würde.«

»Freut mich. Ich heiße John Brown.«

Mein Verdacht, ohnehin durch die manische Papiersammlerei geweckt, wuchs schlagartig, als ich diesen Namen hörte. John Brown. Ein Allerweltsname, viel zu gewöhnlich, vor allem so nutzbringend gewöhnlich. Für Privatdetektive bedeuten Allerweltsnamen praktisch das Aus. Wenn man weder die Sozialversicherungsnummer noch Ort und Datum der Geburt einer Person solchen Namens kennt, ist es so gut wie unmöglich, an brauchbare Hintergrundinformationen zu kommen.

John. Brown. Die Volkszählung von 1990 hat ergeben, dass »John« in den USA der zweitgebräuchlichste männliche Vorname ist, während »Brown« bei den häufigsten Nachnamen an fünfter Stelle rangiert. Nur »James Smith« wäre schlimmer gewesen ... Ich gebe ja zu, dass alles und jeder meinen Verdacht erregt.

An jenem Sonntag, dem 8. Januar, allerdings stand John Brown erstaunlicherweise ganz unten auf der Liste der Dinge, die meine Aufmerksamkeit verlangten. Priorität hatten meine Mutter, meine Schwester, mein Vater und das merkwürdige Verhalten meiner besten Freundin.

PROTOKOLLE ÜBER VERDÄCHTIGES VERHALTEN

Ich führe Listen. Sie ähneln To-do-Listen, und ich greife immer wieder darauf zurück. In diesen Listen werden Gewohnheiten festgehalten, Verbrechen oder Beziehungen (siehe die vollständige Liste meiner Ex-Freunde im Anhang). Ich habe schon als Kind festgestellt, dass mir dieses Genre liegt: Es ist einfach, klar und übersichtlich. In letzter Zeit ist mir häufiger in den Sinn gekommen, dass ich auch Listen über verdächtiges Verhalten anlegen sollte. Bisher hatte ich mir immer nur stichpunktartige Notizen gemacht, bevor ich ins Bett ging oder wenn ich mitten in der Nacht aufwachte. Und so sah ich mich am nächsten Morgen oft mit unverständlichen Post-its konfrontiert, die meinen Nachttisch bedeckten.

Dad. RENALFLIP Nr. 3?

Mom. Engländer im Auto.

Rae. Anruf. Wieso?

Zielperson. Dreck in Tüten.

Sie ahnen es schon. Meine Stichpunkte verlangten nach Ausarbeitung. Also kaufte ich mir ein richtiges Notizbuch und investierte mehr Zeit, um das Verhalten der Zielpersonen zu charakterisieren – in den meisten Fällen übrigens Familienangehörige. Den ersten ausführlichen Bericht über verdächtiges Verhalten verfasste ich in der Nacht, die auf die erste Begegnung mit dem Nachbarn – John Brown – folgte, auch wenn dieser Bericht gar nicht die Zielperson selbst betraf.

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