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Die Spur des Fuchses

Über den Autor

Andrea Camilleri, geboren 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur und lehrt seit über zwanzig Jahren an der Accademia d’arte drammatica Silvio D’Amico in Rom. Mit seinem vielfach ausgezeichneten literarischen Werk löste er in Italien eine Begeisterung aus, die DIE WELT treffend als »Camillerimania« bezeichnete.

Neben seinen historischen Romanen waren es vor allem die Kriminalromane um Commissario Salvo Montalbano, die ihn zum gefeierten Bestsellerautor machten.

Andrea Camilleri

Die Spur des Fuchses

Commissario Montalbano
lässt den Blick in die Ferne schweifen

Übersetzung aus dem Italienischen
von Moshe Kahn

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Eins

Er öffnete die Augen und machte sie gleich wieder zu.

Das ging schon eine ganze Weile so, dass er sich dem Aufwachen verweigerte. Grund dafür war nicht, dass er weiterträumen wollte, denn er hatte mittlerweile immer seltener angenehme Träume. Nein, es war schlicht und einfach die Lust, noch ein wenig länger in der dunklen, tiefen, wohlig warmen Höhle des Schlafs zu verweilen, die sich ganz weit unten verbarg, wo niemand ihn finden konnte.

Doch er wusste, dass er hoffnungslos wach war. Und so lauschte er weiter mit fest geschlossenen Augen auf das Rauschen des Meeres.

An diesem Morgen war das Rauschen ganz leicht und leise, fast wie das Rascheln von Blättern, und wiederholte sich auf die stets gleiche Art, was ein Zeichen dafür war, dass die Rollbrandung mit ihrem Vor und Zurück ruhig atmete. Und daher würde es ein schöner Tag werden, windstill.

Er schlug die Augen auf und sah auf die Uhr. Es war sieben. Er wollte gerade aufstehen, da fiel ihm ein, dass er einen Traum gehabt hatte, von dem ihm jedoch nur noch einzelne verschwommene zusammenhangslose Bilder in Erinnerung geblieben waren. Eine ausgezeichnete Entschuldigung, um das Aufstehen noch einen winzig kleinen Augenblick hinauszuzögern. Er legte sich wieder hin, schloss die Augen noch einmal und versuchte dabei, die durcheinandergewirbelten Fotogramme in die Abfolge des Traums zu bringen.

Die Person, die auf einer weitläufigen Grasfläche neben ihm stand, war eine Frau. Jetzt erkannte er, dass es Livia war – und auch wieder nicht. Sie hatte lediglich Livias Gesicht, aber ihr Körper war zu massig, entstellt durch zwei Pobacken von derartigem Ausmaß, dass die Frau nur mit Mühe gehen konnte.

Im Übrigen fühlte er sich so müde wie nach einem ausgedehnten Spaziergang, obwohl er keine Vorstellung davon hatte, wie lange sie eigentlich schon unterwegs waren.

Da fragte er sie:

»Ist es noch weit?«

»Bist du etwa schon müde? Nicht mal ein kleines Kind würde so schnell müde werden! Wir sind fast da.«

Die Stimme war nicht die von Livia, sie war blechern und viel zu schrill.

Nach etwa hundert Schritten kamen sie an ein offen stehendes schmiedeeisernes Tor. Auf der anderen Seite des Tors setzte sich die grasbewachsene Fläche fort.

Was machte dieses Tor hier, wo doch weit und breit weder eine Straße noch ein Haus zu sehen war? Das wollte er die Frau fragen, tat es dann aber doch nicht, um nicht wieder ihre unangenehme Stimme hören zu müssen.

Die Absurdität, durch ein Tor zu gehen, das keinen Zweck erfüllte und nirgends hinführte, kam ihm so lächerlich vor, dass er einen Schritt zur Seite tat und darum herumging.

»Nein!«, rief die Frau. »Was machst du denn da? Das ist nicht erlaubt! Das könnte die Herrschaften erzürnen!«

Ihre Stimme war so schrill, dass sie jeden Augenblick sein Trommelfell zu durchbohren drohte. Von welchen Herrschaften sprach sie da überhaupt? Dennoch gehorchte er. Sobald sie durch das Tor gegangen waren, veränderte sich die Landschaft, sie wurde zu einer Pferderennbahn, zu einem Hippodrom mit einer Rennstrecke. Aber es war kein einziger Zuschauer da, die Tribünen waren menschenleer. Da merkte er, dass er statt Schuhen gespornte Stiefel trug und ganz wie ein Jockey gekleidet war. Heilige Muttergottes, was wollte man da von ihm? Noch nie in seinem Leben hatte er ein Pferd bestiegen. Oder vielleicht doch, als er zehn Jahre alt war und sein Onkel ihn aufs Land mitgenommen hatte, wo …

»Besteig mich«, sagte die raue Stimme.

Er drehte sich um und sah die Frau an.

Sie war keine Frau mehr, sondern eher ein Pferd. Sie hatte sich auf alle viere niedergelassen, doch die Hufe an Händen und Füßen waren eindeutig unecht, sie bestanden aus Knochen, und sie war mit ihren Füßen da hineingeschlüpft, als wären es Pantoffeln.

Sie trug Sattel und Zaumzeug.

»Besteig mich schon, los«, wiederholte sie.

Er stieg auf, und sie galoppierte davon wie der Blitz. Putupùm, putupùm, putupùm …

»Stehen bleiben, stehen bleiben!«

Doch sie lief nur noch schneller. Irgendwann stürzte er zu Boden, sein linker Fuß hing immer noch im Steigbügel, aber die Stute wieherte nur, nein, sie lachte und lachte und lachte … Dann stolperte die Stutenfrau plötzlich über die Vorderläufe, stieß einen Wiehern aus, und er, so unversehens frei, floh Hals über Kopf davon.

Er mochte sich noch so sehr den Kopf zerbrechen, an mehr konnte er sich nicht erinnern. Er machte die Augen wieder auf, ging zum Fenster und stieß die Läden auf.

Und das Erste, was er sah, war ein Pferd. Es lag seitlich auf dem Sand und rührte sich nicht.

Für einen Augenblick stand er völlig fassungslos da. Er glaubte immer noch zu träumen. Dann wurde ihm klar, dass das Tier auf dem Sand Wirklichkeit war. Aber warum war das Pferd ausgerechnet vor seinem Haus gestorben? Mit Sicherheit hatte es ein schwaches Wiehern von sich gegeben, als es gestürzt war, und das hatte ihn dazu gebracht, im Schlaf den Traum von der Stutenfrau zusammenzufantasieren.

Er beugte sich aus dem Fenster, um besser sehen zu können. Weit und breit keine Menschenseele. Der Fischer, der jeden Morgen dort unten mit seinem Boot ablegte, war inzwischen zu einem schwarzen Punkt weit draußen geschrumpft. Auf dem festen Teil des Sandstrands, nahe dem Meeressaum, hatten die Hufe des Pferdes eine Reihe von Abdrücken hinterlassen, deren Anfang man nicht ausmachen konnte.

Das Pferd war von weit her gekommen.

Schnell zog er sich Hose und Hemd über, öffnete die Glastür und stieg von der Veranda zum Strand hinunter.

Als er unmittelbar vor dem Tier stand und es genauer betrachtete, packte ihn unbändiger Zorn.

»Bastarde! Scheißkerle!«

Das Tier war blutüberströmt, man hatte ihm den Schädel mit einer Eisenstange zertrümmert, der ganze Körper war von einer Reihe brutaler Schläge gezeichnet. An mehreren Stellen klafften tiefe offene Wunden, aus denen Fleischstücke heraushingen. Offenbar war es dem Pferd, obwohl es derart zerschunden war, trotzdem gelungen zu fliehen, und in seiner Verzweiflung war es gerannt, bis es vor Erschöpfung zusammenbrach.

Montalbano war vor Wut so außer sich, dass er, wenn er einen von denen, die dieses Pferd umgebracht hatten, in die Finger bekommen hätte, ihm genau das gleiche Ende bereitet haben würde. Er folgte den Spuren.

Manchmal waren sie unterbrochen, und man sah statt dessen Abdrücke, die darauf hindeuteten, dass das arme Tier auf die Knie gesunken war, nachdem ihm die Vorderläufe versagt hatten.

Montalbano ging fast eine Dreiviertelstunde, bis er schließlich an die Stelle kam, an der das Pferd massakriert worden war.

Die Oberfläche des Sands war hier wegen des gewalttätigen Angriffs fest wie der Boden einer Zirkusmanege, auf dem sich überlagernde Schuh- und Hufabdrücke erkennbar waren. Ringsum verstreut lagen da auch ein langes abgerissenes Seil, mit dem sie das Tier gehalten hatten, und drei blutverkrustete Eisenstangen. Er fing an, die Abdrücke der Schuhe zu zählen, was alles andere als einfach war. Er kam zu dem Schluss, dass das Pferd von höchstens vier Leuten getötet worden sein musste. Aber noch zwei weitere hatten, reglos am Rand des Sandstreifens stehend, dem grausamen Schauspiel beigewohnt und dabei die eine oder andere Zigarette geraucht.

Montalbano kehrte wieder zu seinem Haus zurück und rief von dort aus das Kommissariat an.

»Hallo? Hier spricht …«

»Catarella, Montalbano hier.«

»Ah, Dottori! Sie sind’s? Was ist passiert, Dottori?«

»Ist Dottor Augello da?«

»Noch ist er nicht anwesend.«

»Dann gib mir Fazio, wenn der da ist.«

»Unverzüglichgleich, Dottori.«

Nicht einmal eine Minute verging.

»Dottore, da bin ich.«

»Hör zu, Fazio, komm sofort her zu mir nach Marinella und bring auch Gallo und Galluzzo mit, wenn sie da sind.«

»Ist was passiert?«

»Ja.«

Er ließ die Haustür offen und machte einen langen Strandspaziergang. Angesichts des barbarischen Mords an dem armen Tier hatte ihn blindwütiger Zorn gepackt. Er kehrte zu dem Pferd zurück und setzte sich in den Sand, um es aus nächster Nähe zu betrachten. Sie hatten ihm mit den Stangen auch auf den Bauch geschlagen, vielleicht als das Pferd sich aufbäumte. Dann bemerkte er, dass sich eines der Hufeisen fast vollständig vom Huf gelöst hatte. Er legte sich bäuchlings auf den Sand, streckte einen Arm aus und berührte es. Es baumelte herunter, nur noch von einem einzigen Nagel gehalten, der zur Hälfte aus dem Huf herausgetreten war. In diesem Moment trafen Fazio, Gallo und Galluzzo ein, gingen auf die Veranda, erblickten den Commissario und stiegen die Stufen zum Strand hinunter. Sie sahen das Pferd und stellten keine Fragen.

Nur Fazio machte eine Bemerkung.

»Es gibt echte Dreckskerle auf dieser Welt!«

»Gallo, meinst du, du schaffst es, das Auto hierherzubringen und dann am Ufer entlangzufahren?«, fragte Montalbano.

Gallo grinste süffisant.

»Was sollte dagegensprechen, Dottore?«

»Galluzzo, du fährst mit. Wenn ihr den Spuren des Pferdes folgt, werdet ihr ohne Probleme die Stelle finden, wo dieses Massaker stattgefunden hat. Da liegen Eisenstangen herum, Zigarettenstummel und möglicherweise auch noch andere Dinge. Seht euch einfach um. Sammelt alles mit äußerster Vorsicht ein, ich will Fingerabdrücke feststellen lassen, die DNA, einfach alles, was nötig ist, um herauszufinden, wer diese Schurken waren.«

»Und was machen wir dann? Zeigen wir sie beim Tierschutzbund an?«, fragte Fazio, während die beiden anderen losfuhren.

»Warum? Glaubst du, die Angelegenheit wäre damit erledigt?«

»Nein, das glaube ich nicht. Sollte nur ’n Witz sein.«

»Also, mir bleibt bei dieser Geschichte das Lachen im Hals stecken. Warum haben die das nur getan?«

Fazio machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Dottore, vielleicht wollten sie dem Besitzer einen Denkzettel verpassen.«

»Kann sein. Und das war’s dann?«

»Nicht doch, nein. Es gibt da etwas, das sehr viel wahrscheinlicher ist. Ich habe gehört …«

»Was?«

»Dass seit einiger Zeit illegale Rennen in Vigàta stattfinden.«

»Und deshalb denkst du, das tote Pferd könnte die Folge von etwas sein, das in diesen Kreisen passiert ist?«

»Was denn sonst? Wir müssen nur die Folge der Folge abwarten, die es unweigerlich geben wird.«

»Aber es wäre doch wohl besser, wenn wir dieser Folge zuvorkommen würden, oder nicht?«, sagte Montalbano.

»Sicher wäre das besser, aber das wird schwierig.«

»Na ja, fangen wir doch mal mit der Feststellung an, dass die das Pferd gestohlen haben müssen, bevor sie es umgebracht haben.«

»Dottore, machen Sie Witze? Da wird doch niemand eine Anzeige wegen Pferdediebstahls erstatten. Dann könnte er ja auch gleich zu uns kommen und sagen: Hallo, ich bin einer der Organisatoren der illegalen Rennen.«

»Ist das ein großes Geschäft?«

»Es geht um Wetteinsätze in Höhe von Millionen und Abermillionen Euro.«

»Und wer steckt dahinter?«

»Da wird der Name von Michilino Prestia genannt.«

»Und wer ist das?«

»Ach, irgend so ein Trottel, Dottore, muss so um die fünfzig sein und war bis vor einem Jahr Buchhalter in einer Baufirma.«

»Aber das hier sieht mir nicht nach der Angelegenheit eines vertrottelten Buchhalters aus.«

»Sicher nicht, Dottore. Aber Prestia ist ja auch nur ein Strohmann.«

»Für wen?«

»Weiß man nicht.«

»Dann sieh mal zu, dass man’s weiß.«

»Werd’s versuchen.«

Nachdem sie ins Haus zurückgekehrt waren, ging Fazio in die Küche, um einen Espresso zu machen, und Montalbano rief die Gemeindeverwaltung an, um mitzuteilen, dass auf dem Strand von Marinella der Kadaver eines Pferdes liege.

»Gehört das Pferd Ihnen?«

»Nein.«

»Lassen Sie uns offen miteinander reden, hochwerter Signore.«

»Wieso, wie rede ich denn? Geheimnisvoll?«

»Nein, es geht nur darum, dass Leute oft behaupten, ein totes Tier wäre nicht ihr Eigentum, damit sie die Kosten für den Abtransport nicht zahlen müssen.«

»Ich habe Ihnen gesagt, es gehört nicht mir.«

»Das glauben wir Ihnen. Wissen Sie, wem es gehört?«

»Nein.«

»Das glauben wir Ihnen. Wissen Sie, woran es gestorben ist?«

Montalbano überlegte hin und her und beschloss dann, dem Verwaltungsangestellten nichts zu erzählen.

»Ich weiß es nicht, ich habe den Kadaver von meinem Fenster aus gesehen.«

»Folglich waren Sie nicht dabei, als es gestorben ist.«

»Offensichtlich nicht.«

»Das glauben wir Ihnen«, sagte der Angestellte.

Und daraufhin fing er an, Tu che a Dio spiegasti l’ali aus Donizettis Oper Lucia di Lammermoor vor sich hin zu trällern.

Trauergesang für das Pferd? Eine freundliche Hommage der Gemeindeverwaltung zum Zeichen ihrer Anteilnahme?

»Also, was ist?«, fragte Montalbano.

»Ich habe nachgedacht«, sagte der Sachbearbeiter.

»Was gibt’s denn da nachzudenken?«

»Wer für die Beseitigung des Kadavers zuständig ist.«

»Seid ihr denn nicht dafür zuständig?«

»Wir wären dafür zuständig, wenn es sich um einen Fall für Artikel 11 handeln würde. Wenn es sich hingegen um einen Fall für Artikel 23 handelt, ist die Provinzialbehörde für Hygiene zuständig.«

»Hören Sie, wo Sie mir bis jetzt alles geglaubt haben, sollten Sie das auch weiterhin tun. Eines kann ich Ihnen nämlich versichern: Wenn Sie den Kadaver nicht binnen einer Viertelstunde hier abgeholt haben, werde ich Sie …«

»Dürfte ich vielleicht erfahren, wer Sie überhaupt sind?« »Ich bin Commissario Montalbano.«

Auf der Stelle änderte sich der Ton des Sachbearbeiters.

»Es handelt sich um einen Artikel 11, kein Zweifel, Commissario.«

Da verspürte Montalbano mit einem Mal den Drang, den anderen ein bisschen zu foppen.

»Damit wärt ihr für die Beseitigung des Kadavers zuständig?«

»Sicher.«

»Ganz sicher?«

Der Verwaltungsangestellte wurde nervös.

»Wieso fragen Sie mich, ob …«

»Ich will nur nicht, dass die von der Provinzialbehörde für Hygiene nachher irgendwie eingeschnappt sind. Sie wissen doch, wie das läuft mit diesen Zuständigkeitsgeschichten … Das sage ich jetzt nur in Ihrem Interesse, ich will ja nicht, dass …«

»Keine Sorge, Commissario. Das ist ganz eindeutig ein Artikel 11. In einer halben Stunde kommt jemand vorbei, seien Sie unbesorgt. Meine Verehrung.«

Fazio und Montalbano tranken den Espresso in der Küche, während sie auf die Rückkehr von Gallo und Galluzzo warteten. Dann ging der Commissario unter die Dusche, rasierte sich, wechselte Hose und Hemd, weil sie schmutzig geworden waren, und als er wieder ins Esszimmer kam, sah er Fazio auf der Veranda im Gespräch mit zwei Männern, die gekleidet waren wie Astronauten unmittelbar nach Verlassen ihres Raumschiffs.

Auf dem Strand stand ein kleiner Fiat Transporter, dessen hintere Türen geschlossen waren. Das Pferd war nicht mehr zu sehen. Sie hatten es wohl schon eingeladen.

»Dottore, könnten Sie wohl mal einen Augenblick kommen?«, fragte Fazio.

»Bin schon hier. Buongiorno.«

»Buongiorno«, sagte einer der beiden Astronauten.

Der andere beschränkte sich darauf, ihn über den Rand der Maske hinweg schief anzuschauen.

»Sie finden den Kadaver nicht«, sagte Fazio verlegen.

»Wie denn das?«, sagte Montalbano völlig baff. »Aber der lag doch eben noch hier!«

»Wir haben überall gesucht, ihn aber nirgends gefunden«, sagte der Mitteilsamere der beiden Astronauten.

»Sollte das vielleicht ein Scherz sein? Wollen Sie uns zum Narren halten?«, fragte der andere drohend.

»Hier macht keiner Scherze«, sagte Fazio, dem das Ganze allmählich gewaltig auf die Nerven ging. »Was glaubst du eigentlich, wen du vor dir hast?«

Sein Gegenüber öffnete den Mund und wollte antworten, überlegte es sich dann aber doch anders und machte ihn wieder zu.

Montalbano stieg die Verandatreppe hinunter, um an der Stelle nachzusehen, an der vorher der Kadaver gelegen hatte. Die anderen folgten ihm.

Auf dem Sand sahen sie jetzt fünf oder sechs unterschiedliche Schuhabdrücke und die beiden parallel verlaufenden Spurrillen eines zweirädrigen Karrens.

Unterdessen stiegen die beiden Astronauten in ihren Transporter und fuhren davon, ohne sich zu verabschieden.

»Die haben den Kadaver geklaut, während wir unseren Espresso getrunken haben«, sagte der Commissario. »Und haben ihn dann auf einen Handkarren gehievt.«

»In der Gegend um Montereale, ungefähr drei Kilometer von hier, stehen an die zehn Baracken, in denen Leute aus Nicht-EU-Staaten untergebracht sind«, sagte Fazio. »Bei denen gibt’s heute Abend bestimmt ein Festmahl mit Pferdefleisch.«

In diesem Augenblick sahen sie ihr Auto wieder zurückkehren.

»Wir haben alles eingesammelt, was wir gefunden haben«, sagte Galluzzo.

»Und was habt ihr gefunden?«

»Drei Stangen, ein Stück Seil, elf Zigarettenstummel von zwei verschiedenen Marken und ein leeres Bic-Feuerzeug«, antwortete Galluzzo wieder.

»Dann machen wir jetzt Folgendes«, sagte Montalbano. »Du, Gallo, fährst zur Spurensicherung und gibst denen die Stangen und das Feuerzeug. Du, Galluzzo, packst das Seil und die Stummel ein und bringst sie in mein Büro. Danke für alles, wir sehen uns im Kommissariat. Ich muss noch ein paar private Telefongespräche führen.«

Gallo schien Zweifel zu hegen.

»Was ist?«

»Was soll ich denen von der Spurensicherung denn sagen?« »Dass sie die Fingerabdrücke nehmen sollen.«

Das schürte Gallos Zweifel noch mehr.

»Und wenn die mich fragen, was passiert ist, was sage ich denen dann? Dass wir wegen einem getöteten Gaul ermitteln? Die treten mir doch in den Hintern und schmeißen mich achtkantig raus!«

»Sag ihnen, es hätte eine Schlägerei mit mehreren Verletzten gegeben und dass wir jetzt die Angreifer identifizieren müssen.«

Als Montalbano wieder allein war, ging er ins Haus, zog Schuhe und Socken aus, krempelte die Hosenbeine hoch und ging noch einmal zum Strand hinunter.

Diese Geschichte mit den Leuten, die nicht aus der EU waren und das tote Pferd gestohlen haben sollten, um es zu essen, fand er wenig überzeugend. Wie lange hatten Fazio und er eigentlich mit dem Espresso in der Küche gestanden und sich unterhalten? Doch höchstens eine halbe Stunde.

Und in dieser halben Stunde sollen die Asylanten Zeit gehabt haben, auf das Pferd aufmerksam zu werden, zu ihren drei Kilometer entfernten Baracken zurückzulaufen, einen Karren zu organisieren, wieder herzukommen, das Tier aufzuladen und es wegzuschleppen?

Das wäre doch gar nicht möglich gewesen.

Es sei denn, sie hatten den Kadaver schon frühmorgens entdeckt, noch bevor er das Fenster öffnete. Als sie dann mit dem Karren zurückgekommen waren, hatten sie ihn bei dem Pferd gesehen und sich in der Umgebung versteckt, um auf einen günstigen Augenblick zu warten.

Nach ungefähr fünfzig Metern machten die Spurrillen eine Kurve und verliefen vom Meer weg in Richtung Landesinneres, wo sich ein offener Platz befand, dessen Betondecke ganz mit Rissen übersät war. Schon als Commissario Montalbano nach Marinella gekommen war, hatte es hier so ausgesehen. Von diesem Platz aus konnte man ohne größere Schwierigkeiten die Provinzialstraße erreichen.

»Augenblick mal«, sagte er zu sich. »Jetzt noch mal ganz genau nachdenken.«

Sicher, die Männer aus den Nicht-EU-Staaten wären auf der Provinzialstraße mit dem Karren besser und schneller vorangekommen als auf dem Sand. Aber war das klug, wenn sie von allen vorbeifahrenden Autos dort gesehen werden konnten? Und was, wenn unter diesen Autos eines von der Polizei oder den Carabinieri war?

Bestimmt wären sie dann angehalten worden und hätten eine Menge Fragen beantworten müssen. Und da hätte es leicht passieren können, dass dabei auch mit den Abschiebungspapieren gewedelt worden wäre.

Nein, so blöde waren die nicht.

Was denn dann?

Es gab noch eine andere mögliche Erklärung.

Dass nämlich diejenigen, die den Kadaver weggeschafft hatten, keineswegs von außerhalb waren, sondern vielmehr von ganz innerhalb, genauer gesagt, dass sie aus Vigàta stammten.

Oder aus der Umgebung.

Und warum hatten sie das gemacht? Um den Kadaver sicherzustellen und anschließend verschwinden zu lassen. Vielleicht hatte sich die Sache ja folgendermaßen abgespielt: Dem Pferd gelang es zu fliehen, und jemand rennt ihm nach, um es vollends zu töten. Doch er ist gezwungen, stehen zu bleiben, weil Leute wie etwa der frühe Fischer am Strand sind, die zu gefährlichen Zeugen werden könnten. Er kehrt um und verständigt den Boss. Der kommt zu dem Schluss, dass der Kadaver unbedingt weggeschafft werden muss. Und er organisiert die Sache mit dem Karren. Doch dann wacht er, Montalbano, auf und vermasselt ihm die Tour.

Diejenigen, die das Pferd beseitigt hatten, waren dieselben, die es auch getötet hatten.

Ja, genau so musste es gewesen sein.

Und ganz sicher hatte auf der Provinzialstraße, auf Höhe des offenen Platzes, ein Transporter bereitgestanden, um Pferd und Karren einzuladen.

Nein, die Typen aus den Nicht-EU-Staaten hatten mit der Sache gar nichts zu tun.

Zwei

Galluzzo legte auf den Schreibtisch des Commissario einen größeren Beutel, in dem das Seil steckte, und einen kleineren, in dem die Kippen waren.

»Von zwei verschiedenen Marken, hast du gesagt?«

»Ja, Dottore, Marlboro und Philip Morris mit Doppelfilter.« Ziemlich verbreitet, er hatte auf eine seltene Marke gehofft, die in Vigàta von höchstens fünf Personen geraucht wurde.

»Nimm das alles mit«, sagte Montalbano zu Fazio. »Und heb es gut auf. Könnte ja sein, dass es uns noch mal nützlich ist.«

»Hoffen wir’s«, sagte Fazio wenig überzeugt.

In diesem Augenblick schien es, als wäre hinter der Tür eine Bombe von hoher Sprengkraft gezündet worden. Als die Tür aufflog und gegen die Wand schlug, sah man Catarella mit zwei Briefumschlägen in der Hand ausgestreckt auf dem Boden liegen.

»Ich wollt die Post bringen«, sagte Catarella. »Und bin ausgerutscht.«

Die drei im Büro versuchten, sich von dem Schreck zu erholen. Ein Blick genügte, und sie waren sich einig. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder erschossen sie Catarella standrechtlich oder sie taten einfach so, als wäre nichts geschehen.

Sie entschieden sich für die zweite, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren.

»Tut mir leid, wenn ich mich wiederhole, aber ich glaube nicht, dass es so einfach sein wird, den Besitzer des Pferdes ausfindig zu machen«, sagte Fazio.

»Wir hätten es zumindest fotografieren sollen«, sagte Galluzzo.

»Gibt es denn kein Verzeichnis für Pferde, so wie bei Autos?«, fragte Montalbano.

»Keine Ahnung«, erwiderte Fazio. »Außerdem wissen wir ja nicht mal, was für eine Art Pferd das war.«

»Was meinst du damit?«

»Na ja, dass wir eben nicht wissen, ob es ein Zugpferd war, ein Zuchtpferd, ein Deckpferd, ein Rennpferd …«

»Pferde werden mackiert«, murmelte halblaut Catarella, der mit den Briefumschlägen in der Hand an der Tür stehen geblieben war, weil der Commissario ihn nicht aufgefordert hatte hereinzukommen.

Montalbano, Fazio und Galluzzo starrten ihn völlig verblüfft an.

»Was hast du gesagt?«, fragte Montalbano.

»Ich?! Kein Wort hab ich gesagt«, antwortete Catarella verunsichert, weil er es gewagt hatte mitzureden.

»Aber du hast doch gerade eben was gesagt! Was, hast du gesagt, wird mit Pferden gemacht?«

»Ich sagte, sie werden mackiert, Dottori.«

»Was heißt das, sie werden mackiert?«

Catarella schien zu zögern.

»Wenn sie mackiert werden, werden sie mackiert, aber was das ist, womit sie mackiert werden, wenn sie mackiert werden, das weiß ich nicht, Dottori.«

»Na gut, lass die Post hier, dann kannst du gehen.«

Völlig zerknirscht legte Catarella die Briefumschläge auf den Schreibtisch und ging mit gesenktem Blick hinaus. An der Tür stieß er fast mit Mimì Augello zusammen, der gerade hereingestürmt kam.

»Entschuldigt die Verspätung, aber ich musste mich um den Kleinen kümmern, der …«

»Du bist entschuldigt.«

»Und was sind das da für Fundstücke?«, fragte Mimì, als er das Seil und die Zigarettenstummel auf dem Schreibtisch sah.

»Ein Pferd wurde mit Eisenstangen totgeschlagen«, sagte Montalbano.

Und er erzählte ihm die ganze Geschichte.

»Verstehst du was von Pferden?«, fragte er ihn am Ende.

Mimì grinste ihn an.

»Die brauchen mich nur anzusehen, und schon bekomm ich’s mit der Angst zu tun, ob du’s nun glaubst oder nicht.«

»Aber gibt’s denn im ganzen Kommissariat keinen, der was von Pferden versteht?«

»Genau das scheint der Fall zu sein«, sagte Fazio.

»Dann belassen wir’s für den Augenblick dabei. Wie ist die Sache mit Pepè Rizzo ausgegangen?«

Das war ein Fall, um den sich Mimì kümmerte. Es bestand der Verdacht, dass Pepè Rizzo der Großhändler für sämtliche Straßenhändler der Provinz war, die bei ihm alles fanden, was man auf der Welt nur fälschen konnte, von der Rolex bis zu den Polohemden mit dem Kaiman, von CVDs bis zu DVDs. Mimì hatte das Lager ausfindig gemacht, und tags zuvor war es ihm gelungen, einen Durchsuchungsbefehl von der Staatsanwaltschaft zu bekommen. Bei der Frage fing Augello an zu lachen.

»Was wir da alles gefunden haben, Salvo! Da gibt’s Hemden mit Markenzeichen, die tatsächlich aussehen wie die Originale, also da fragt man sich doch …«

»Stopp!«, gebot der Commissario ihm Einhalt.

Alle sahen ihn verblüfft an.

»Catarella!«

Er rief so laut, dass Fazio die Beweisstücke zu Boden fielen, die er gerade einpacken wollte.

Catarella kam angerannt, rutschte erneut vor der offen stehenden Tür aus, konnte sich diesmal jedoch am Türrahmen festhalten.

»Catarella, hör mir jetzt gut zu.«

»Ganz zu Ihren Diensten, Dottori.«

»Als du gesagt hast, dass Pferde mackiert werden, meintest du damit, dass Pferde mit einem Brandzeichen markiert werden?«

»Ganz haargenau das meinte ich, Dottori.«

Deshalb also war es für die Peiniger so wichtig, den Kadaver verschwinden zu lassen!

»Danke, du kannst gehen. Habt ihr verstanden?«

»Nein«, sagte Augello.

»Catarella hat uns auf seine Weise daran erinnert, dass Pferde ein Brandzeichen bekommen, entweder mit den Initialen des Besitzers oder denen des Gestüts. Unser Pferd ist offensichtlich auf die Seite gestürzt, wo das Brandzeichen war, deshalb habe ich es nicht gesehen. Aber ehrlich gesagt ist mir auch überhaupt nicht in den Sinn gekommen, danach zu suchen.«

Fazio wurde nachdenklich.

»So langsam glaube ich, dass Leute aus den Nicht-EU-Staaten …«

»… gar nichts damit zu tun haben«, vervollständigte Montalbano den Satz. »Als ihr heute Morgen weggefahren seid, bin ich auch schon zu dem Schluss gekommen. Die Spuren des Karrens führen nämlich nicht zu den Baracken, sondern biegen nach ungefähr fünfzig Metern zur Provinzialstraße ab. Und dort hat mit Sicherheit ein Transporter auf sie gewartet.«

»Damit scheint festzustehen«, schaltete sich Mimì ein, »dass sie die einzige Spur, die wir hatten, beseitigt haben.« »Folglich wird es nicht gerade einfach werden, an den Namen des Besitzers zu kommen«, sagte Fazio abschließend.

»Es sei denn, wir landen einen Glückstreffer«, sagte Augello.

Montalbano fiel auf, dass Fazio seit einiger Zeit einen deprimierten Eindruck machte und dazu neigte, Dinge unnötig kompliziert zu machen. Vielleicht warf das Alter ja allmählich auch auf ihn seinen Schatten.

Doch sie täuschten sich, und zwar gründlich, hinsichtlich der Schwierigkeit, den Namen des Besitzers in Erfahrung zu bringen.

Als es Zeit zum Essen war, fuhr Montalbano zu Enzo, doch er erwies den Gerichten, die dieser ihm vorsetzte, nicht die Ehre, die sie verdient hatten. Seine Gedanken waren bei dem geschundenen Pferd, das da im Sand gelegen hatte. Irgendwann rutschte ihm eine Frage heraus, die ihn selbst überraschte:

»Wie schmeckt eigentlich Pferdefleisch?«

»Hab ich noch nie probiert. Soll süßlich schmecken, soweit ich gehört habe.«

Montalbano hatte wenig gegessen und verspürte daher kein Bedürfnis nach einem Spaziergang auf der Mole. Er kehrte ins Büro zurück, weil er noch Dokumente zu unterschreiben hatte.

Es war vier Uhr nachmittags, als das Telefon klingelte.

»Dottori, es wäre so, dass da so eine Signora Estera wäre.« »Ihr Name ist Estera?«

»Genau, Dottori, und mit Nachnamen heißt sie Manni.« »Hat sie dir gesagt, was sie will?«

»Nein, nicht.«

»Dann soll sie mit Fazio oder mit Augello reden.«

»Sind beide nicht anwesend, Dottori.«

»Na gut, dann lass sie reinkommen.«

»Ich heiße Esterman, Rachele Esterman«, sagte die Vierzigjährige in Blazer und Jeans, hochgewachsen, blondes Haar bis auf die Schultern, lange Beine, blaue Augen, straffer, athletischer Körper. Kurz gesagt, ganz wie man sich eine Walküre vorstellt.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz, Signora.«

Sie setzte sich und schlug die Beine übereinander. Wie war das nur möglich, dass die Beine übereinandergeschlagen noch länger wirkten?

»Was führt Sie her, Signora?«

»Ich bin hier, um Anzeige zu erstatten. Es geht um ein verschwundenes Pferd.«

Montalbano fuhr von seinem Stuhl hoch, versuchte diese jähe Bewegung aber mit einem vorgetäuschten Hustenanfall zu tarnen.

»Ich sehe, Sie rauchen«, sagte Rachele und deutete auf den Aschenbecher und die Zigarettenpackung auf dem Schreibtisch.

»Schon, aber ich glaube nicht, dass der Husten daher kommt, dass ich …«

»Ich meinte gar nicht Ihren Husten, der im Übrigen eindeutig vorgetäuscht ist, sondern dass ich hier rauchen kann, da Sie das ja offensichtlich auch tun.«

Und sie zog eine Schachtel aus ihrer Jackentasche.

»Eigentlich …«

»… ist es hier drinnen verboten? Was halten Sie dann davon, wenn wir uns auf eine Zigarettenlänge einfach darüber hinwegsetzen? Und danach machen wir das Fenster auf.«

Sie stand auf, ging zu der immer noch offen stehenden Tür, schloss sie, setzte sich wieder, schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und neigte sich Montalbano entgegen, um sich von ihm Feuer geben zu lassen.

»Na, dann schießen Sie mal los«, sagte sie und stieß den Rauch durch die Nase.

»Pardon, aber Sie sind doch hierhergekommen, um mir zu erzählen …«

»Das war vorher. Aber als Sie dann so merkwürdig auf meine Worte reagiert haben, war mir klar, dass Sie über das verschwundene Pferd bereits im Bilde sind. Stimmt’s?«

Womöglich konnte das Blauauge selbst das Vibrieren der Nasenhärchen seines Gegenübers wahrnehmen. Es war wohl besser, mit offenen Karten spielen.

»Ja, das stimmt. Aber wollen wir nicht der Reihe nach vorgehen?«

»Tun wir das.«

»Wohnen Sie hier?«

»Ich bin seit drei Tagen zu Besuch bei einer Freundin in Montelusa.«

»Wenn Sie in Montelusa wohnen, und sei es auch nur vorübergehend, müssen Sie dem Gesetz entsprechend die Anzeige in …«

»Aber das Pferd hatte ich jemandem in Vigàta anvertraut.« »Name?«

»Saverio Lo Duca.«

Ach, du große Scheiße! Saverio Lo Duca war zweifelsohne einer der reichsten Männer der Insel und besaß mehrere Gestüte, eines davon in Vigàta. Vier, fünf wertvolle Rassepferde, die er dort zu seinem ganz persönlichen Vergnügen hielt, einfach weil sie so schön waren, niemals würde er sie an irgendwelchen Rennen oder Wettkämpfen teilnehmen lassen. Hin und wieder kam er von außerhalb hierher und verbrachte einen ganzen Tag mit den Tieren. Er hatte mächtige Freunde, und daher war es immer ziemlich anstrengend, wenn man mit ihm zu tun hatte, weil man ständig Gefahr lief, ein Wort zu viel zu sagen und sich in die Nesseln zu setzen.

»Damit ich das richtig verstehe: Sie sind nach Montelusa gekommen und haben Ihr Pferd mitgebracht?«

Rachele Esterman sah ihn verblüfft an.

»Klar. Musste ich doch.«

»Und weshalb?«

»Weil übermorgen in Fiacca das Damenrennen stattfindet, das alle zwei Jahre von Barone Piscopo di San Militello veranstaltet wird.«

»Verstehe.«

Das war eine Lüge, er wusste nichts von diesem Rennen. »Wann haben Sie bemerkt, dass Ihr Pferd verschwunden ist?«

»Ich?! Ich habe überhaupt nichts bemerkt. Der Aufseher von Sciscìs Gestüt in Montelusa hat mich heute Morgen in aller Herrgottsfrühe angerufen.«

»Ich verstehe nicht …«

»Ach, Entschuldigung. Sciscì ist Saverio Lo Duca.«

»Aber wenn Sie doch schon in aller Herrgottsfrühe über das Verschwinden informiert worden sind …«

»… warum ich dann so lange gewartet habe, bis ich Anzeige erstatte?«

Intelligent war sie. Doch ihre Angewohnheit, Sätze für ihn zu vollenden, ging ihm auf die Nerven.

»Weil mein Fuchs …«

»Fuchs? Sie haben doch eben noch von einem Pferd gesprochen.«

Sie lachte tief aus dem Bauch heraus und warf den Kopf in den Nacken.

»Sie sind wohl absoluter Laie auf dem Gebiet, was?«

»Na ja …«

»Fuchs nennt man ein Pferd mit einem rötlich blonden Fell. Mein Pferd heißt übrigens Super. Hin und wieder reißt es aus, und dann muss man es suchen gehen. Sie haben es überall gesucht, und um drei haben sie mich angerufen, um mir zu sagen, dass sie es nicht gefunden haben. Daher habe ich gedacht, dass es wohl nicht weggelaufen ist.«

»Verstehe. Könnte es denn nicht sein, dass es in der Zwischenzeit …«

»Dann hätten sie mich auf dem Handy angerufen.«

Sie ließ sich eine weitere Zigarette anzünden.

»Und jetzt sagen Sie mir Ihre schlechte Nachricht.«

»Was veranlasst Sie zu der Vermutung, dass …«

»Commissario, Sie haben das sehr geschickt gemacht. Unter dem Vorwand, dass wir der Reihe nach vorgehen sollten, haben Sie meine Frage unbeantwortet gelassen. Sie wollten Zeit gewinnen. Und das kann doch nur eines bedeuten: Hat man es entführt? Muss ich damit rechnen, dass eine hohe Lösegeldforderung auf mich zukommt?«

»Ist es denn viel wert?«

»Ein Vermögen. Es ist ein Rennpferd, ein englischer Vollblüter.«

Was sollte er tun? Besser war es wohl, ihr alles zu erzählen, allerdings in kleinen Schritten. Aber sie würde ja ohnehin nach jedem Satz etwas sagen.

»Es ist nicht entführt worden.«

Rachele Esterman drückte sich an die Rückenlehne des Stuhls, ganz steif und unversehens blass.

»Wie können Sie das sagen? Haben Sie mit einem von dem Gestüt gesprochen?«

»Nein.«

Als er sie ansah, meinte Montalbano das Räderwerk ihres Gehirns zu hören, das sich offenbar mit hoher Geschwindigkeit drehte.

»Ist es … tot?«

»Ja.«

Rachele zog den Aschenbecher zu sich heran, nahm die Zigarette aus dem Mund und drückte sie mit größter Sorgfalt aus.

»Ist es mitgerissen worden von irgendeinem …«

»Nein.«

Sie hatte wohl nicht gleich verstanden, was das hieß, denn sie sagte noch einmal leise vor sich hin:

»Nein.«

Dann begriff sie schlagartig.

»Hat man es getötet?«

»Ja.«

Ohne ein Wort erhob sie sich, ging zum Fenster, öffnete es und stützte sich mit den Ellbogen auf die Fensterbank. Von Zeit zu Zeit bebten ihre Schultern. Sie weinte still vor sich hin.

Commissario Montalbano wartete, bis sie sich wieder ein wenig gefasst hatte, dann stand er auf und stellte sich neben sie ans Fenster. Er sah, dass sie immer noch weinte. Da holte er aus seiner Jackentasche ein Päckchen Tempotaschentücher und gab es ihr.

Danach schenkte er ihr aus einer Flasche, die er auf einem Aktenschrank stehen hatte, ein Glas Wasser ein und reichte es ihr. Rachele trank es in einem Zug aus.

»Möchten Sie noch eins?«

»Nein, danke.«

Sie kehrten wieder an ihre Plätze zurück. Rachele schien sich zwar beruhigt zu haben, doch Montalbano fürchtete sich vor den Fragen, die da noch kommen würden, wie zum Beispiel …

»Wie wurde es getötet?«

Da war sie, die ...

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