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Die Spur der Tränen



O Allah, ich suche Zuflucht bei Dir davor, dass ich irregehe oder irregeführt werde, dass ich Fehler begehe oder von anderen dazu gedrängt werde, dass ich anderen Unrecht zufüge oder mir von anderen Unrecht zugefügt wird und dass ich mich gegen andere töricht benehme oder andere sich mir gegenüber töricht benehmen. Mit dem Namen Allahs, auf Allah verlasse ich mich. Es gibt keine Macht noch Kraft außer bei Allah.

Islamisches Gebet vor dem Verlassen des Hauses*



* Ein Glossar mit den wichtigsten arabischen Begriffen befindet sich am Ende dieses Buches.

Inhalt

  1. Vorwort
  2. Teil 1: München–Agadir
  3. (17.–24. Dezember 2001)
  4. Der Tod meines Vaters
  5. Die Schatten der Vergangenheit
  6. Das Haus der Trauer
  7. Der Strand
  8. Teil 2: München
  9. (1993–1996)
  10. Die Ankunft
  11. Die Trauung
  12. Die Entjungferung
  13. Die Frau aus der elften Etage
  14. Wer ist dieser Mann?
  15. Seelische Grausamkeit
  16. Die Familie des Irakers
  17. Der Vater meines Sohnes
  18. Die Schwangerschaft
  19. Die Mutterschaft
  20. Alltäglicher Rassismus
  21. Teil 3: München–Agadir
  22. (1996–2007)
  23. Schwarze Magie
  24. Die Brasilianerinnen
  25. Die Marokkanerinnen
  26. »Die Katastrophe«
  27. Die Suche nach dem Sinn
  28. Der Angriff
  29. Der Aufbruch
  30. Tränenmond
  31. Der Bestseller
  32. Die Mutter der Kinder
  33. Das missbrauchte Mädchen
  34. Yamnas Geschichte
  35. Die kleine Sklavin
  36. Das Opfer der Ehre
  37. Das Kinderschutzzentrum
  38. Die Reise mit der Familie
  39. Das Lehmhüttendorf
  40. Wüstenkinder
  41. Zurück in Deutschland
  42. Die Wut kommt zurück
  43. Nachwort
  44. Glossar
  45. Stammbaum der Familie Saillo

Vorwort

Als ich vor vier Jahren Kraft genug hatte, um meine Lebensgeschichte aufzuschreiben, ahnte ich nicht, welche Folgen das haben würde. Ich hatte beschrieben, wie mein Vater am 19. September 1979 meine Mutter auf dem Dach unseres Hauses tötete. Ich war damals fünf Jahre alt.

In den Jahren danach lebten meine Geschwister und ich im Haushalt von Verwandten und erlebten schreckliche Demütigungen, Gewalt, sexuelle Übergriffe und Hunger. Unsere Nachbarn und Freunde waren ebenso wenig wie die Behörden gewillt, dagegen einzuschreiten. In jener Zeit galten Frauen und Kinder in meinem Heimatland nicht viel.

Erst als ich neunzehn Jahre alt war, gelang mir die Flucht aus Elend und Unterdrückung, weil mich ein Mann aus Deutschland heiratete und nach Europa mitnahm.

Das Buch, das aus meinem Bericht entstand, trägt den Namen Tränenmond. Die Arbeit daran half mir, meine Trauer und Wut über das, was damals geschehen war, zu verarbeiten. Beseitigen konnte sie die Narben an meiner Seele nicht. Auch wenn man den Schmerz versteht, der den Schlaf vertreibt und das Herz zerreißt, ist er dadurch nicht besiegt.

Tränenmond wurde ein Bestseller in Deutschland, in Holland und vielen anderen europäischen Ländern. Das hatte ich nicht erwartet und war deshalb überrascht, wie viele Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender über mich und mein Schicksal berichten wollten.

Zusammen mit meinem Mann Michael Kneissler, der als Journalist und Autor viel Erfahrung mit den Medien hat, beschloss ich, den Erfolg meines Buches Tränenmond und das Interesse der Öffentlichkeit zu nutzen, nicht nur über mich zu sprechen, sondern darüber, dass es auch heute noch sehr viele Kinder und junge Frauen gibt, die am Rand der marokkanischen Gesellschaft leben.

Ich habe beschlossen, mich für diese Menschen einzusetzen. Ich kann ihre Lebenssituation gut verstehen, schließlich bin ich in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen. Ich war die Sklavin meiner eigenen Verwandten, und ich wurde von meinen Cousins sexuell belästigt.

Auf das Schicksal dieser Frauen und deren Kinder und auf die Organisation Oum el Banine (Mutter der Kinder), die diesen Mädchen Zuflucht gewährt, werde ich in diesem Buch ausführlich eingehen.

Der Erfolg meines Buches Tränenmond hat es mir möglich gemacht, auf diese Missstände in meinem Mutterland hinzuweisen und Oum el Banine zu unterstützen. Dafür habe ich den Verein namens Tränenmond e.V. gegründet, der vom deutschen Finanzamt als mildtätig anerkannt ist und Oum el Banine bei ihrer wichtigen Arbeit hilft. Außerdem unterstützen wir das Kinderschutzzentrum in Agadir (ein Heim für Straßenkinder) sowie Schule und Kindergarten in Igraar, dem Lehmhüttendorf am Rande der Sahara, in dessen unmittelbarem Nachbarort ich das Licht der Welt erblickt habe. Wenn Sie mehr über diese Projekte wissen oder uns sogar helfen wollen, können Sie unsere Homepage www.traenenmond.de anschauen.

Die Entscheidung, nicht mehr über mein Schicksal zu schweigen, und der Erfolg von Tränenmond hatten aber auch negative Folgen. Im Islam ist es nicht gestattet, Schlechtes über die eigene Familie zu berichten. Das aber konnte ich nicht vermeiden, wenn ich ehrlich sein wollte: Schließlich passierte in meiner Familie ein Mord, ich wurde misshandelt und gequält an Leib und Seele und musste schon als Sechsjährige zusammen mit meinen Geschwistern um mein Leben und um meine Würde kämpfen.

Trotzdem gab es in Marokko viele Anfeindungen. Ich bin stolz darauf, dass meine Schwestern zu mir stehen. Besonders meine mutige und kluge »kleine« Schwester Asia, die in Agadir eine Schule betreibt, ist zu meiner wichtigsten Verbündeten geworden. Obwohl sie verheiratet, berufstätig und Mutter eines wunderbaren Sohnes namens Suleiman ist, kümmert sie sich mit großer Energie um alle Belange von Tränenmond e.V. in Marokko. Nur mit ihrer Hilfe konnten wir so viel Leid lindern und sogar Menschenleben retten.

In Deutschland musste ich mich zunächst an die Reaktionen von Rassisten und Neonazis gewöhnen, die es nie wagten, mir auf meinen Lesungen direkt entgegenzutreten, dafür aber im Internet umso ekelhafter agierten. Speziell nach Lesungen im Osten Deutschlands fanden sich dann in Chatrooms und Foren Beiträge wie zum Beispiel dieser: »Schade, dass das Benzin so teuer ist, so viel ist es mir dann doch nicht wert, die schwarze Schlampe abzufackeln.«

So etwas zu lesen ist unangenehm, aber es berührt mich nicht wirklich. Für diese Menschen empfinde ich nichts als Verachtung. Tiefer getroffen haben mich die Anfeindungen von Muslimen in Deutschland, die mich telefonisch terrorisierten und bedrohten. Mich schmerzte, wie wenig Offenheit und Toleranz diese Personen haben. Sie empfanden mein Buch als Angriff auf die marokkanische Monarchie und den Islam im Allgemeinen. Wahrscheinlich haben sie es nie gelesen.

Viel häufiger als Drohungen und Verfluchungen waren aber die positiven Briefe und Mails aus ganz Europa. Vor allem die Briefe aus Marokko berührten mich sehr. Viele der Absenderinnen hatten Ähnliches erlebt wie ich und verstanden genau, warum ich über die Verhältnisse in meinem Land nicht mehr schweigen wollte.

Diese Reaktionen machen mich stolz auf mein Mutterland, das sich mit rasender Geschwindigkeit verändert. Es wird immer freier, gerechter und moderner. Der junge König Mohammed VI. hat die Rechte der Frauen gestärkt wie in kaum einem anderen islamischen Land, und jedes Mal wenn ich nach Hause komme, bin ich erstaunt, wie selbstbewusst und stark meine marokkanischen Schwestern unterdessen auftreten.

In diesem Buch will ich beschreiben, wie mein persönlicher Weg verknüpft ist mit dem Weg, den mein Land geht. Ich musste mich aus Abhängigkeiten und Ängsten befreien und meinen Platz in der modernen westlichen Welt erkämpfen, ebenso wie Marokko sich von den Fesseln der Vergangenheit befreien muss, um sich der Zukunft stellen zu können.

Für mich war es kein leichter Weg. Ich konnte ihn gehen, weil mein Sohn Samuel mir die Kraft gab, niemals aufzugeben, und weil mein Mann Michael zu mir stand. Ich habe meine Ausbildung zur Kinderpflegerin beendet und erfolgreich in meinem Beruf gearbeitet.

Jetzt habe ich die Energie, einen weiteren Schritt zu machen und zu beschreiben, wie es mir in Deutschland erging, warum ich im Frauenhaus Schutz suchen musste und wie ich den Weg zurückfand in jenes faszinierende und einzigartige Land zwischen Wüste, Bergen und Meer, in dem ich geboren wurde und dem mein Herz gehört.

Es ist eine schmerzhafte, grausame und harte Geschichte, die ich hier erzählen muss. Es ist meine Lebensgeschichte. Sie hat mich an meine Grenzen gebracht, aber ich bin mit ihr gewachsen. Es gibt deshalb keinen Grund zu klagen. Ganz im Gegenteil: Es gibt hundert Gründe, dankbar zu sein.

Al hamdu li-ilahi, »Lobpreis sei Allah«.

Teil 1:

München–Agadir

(17.–24. Dezember 2001)

Der Tod meines Vaters

Mein Vater starb am 17. Dezember 2001, zweiundzwanzig Jahre nachdem er meine Mutter auf dem Dach unseres Hauses in Agadir ermordet hatte. Er hatte sie erstochen, er hatte sie mit Sand erstickt, und er hatte sie verbrannt. Wie mein Vater den Tod fand, scheint niemand zu wissen. Wir wissen nur, dass er in Taroudant starb, einem malerischen Ort am Fuß des Antiatlas, und nicht in Essaouira am Atlantik, wo er seine Gefängnisstrafe verbüßte.

Ich war weit von ihm entfernt, als es passierte, unendlich weit. Bis nach Europa war ich geflohen vor dem, was mein Vater uns angetan hatte. Meinen Körper hatte ich in Sicherheit gebracht. Aber mein Herz war noch immer verwundet.

Seit neun Jahren lebte ich in München. Ich hatte geheiratet, ich war geschieden, ich hatte ein Kind bekommen. Jetzt war ich fast achtundzwanzig Jahre alt und besuchte wieder die Schule, um Kindergärtnerin zu werden. Es sah aus, als hätte ich die Schatten der Vergangenheit hinter mir gelassen.

Doch dann klingelte das Telefon: meine kleine Schwester Asia aus Marokko.

Ich hörte ihre vertraute Stimme.

»Ouarda? Ouarda, setz dich hin.« Meine Beine zitterten. »Möge Allah uns gnädig sein«, sagte Asia.

Ich fühlte meine Beine nicht mehr. Ich fühlte gar nichts mehr. Nur Schmerz. Einen Schmerz, der in meinem Innern wühlte, einen Schmerz, der das Herz aus meiner Brust reißen wollte. Einen Schmerz, der unerträglich war.

Ich wusste, was Asia sagen würde. Und als sie es sagte, lag ich auf der Straße, und mein Körper zitterte und wollte nicht mehr damit aufhören.

»Ouarda, unser Vater …« Ihre Stimme wurde leiser. »Unser Vater. Er ist tot.«

Fremde Menschen schoben mich in ein Taxi. Es fuhr mich nach Hause, zu meinem Mann, zu meinem Sohn. Ich liebte sie, aber jetzt konnte ich die Liebe nicht spüren. Wie kann man überhaupt etwas spüren, wenn man sich selbst nicht mehr spürt?

Ich wusste, dass dieser Moment mein Leben verändern würde wie jener damals, als die verbrannte Leiche meiner Mutter an mir vorbeigetragen wurde und ich die Hand meiner kleinen Schwester so fest umklammerte, dass meine Knöchel schmerzten. Nun war ich wieder mit dem Tod konfrontiert. Er hatte mich bis nach Europa verfolgt.

Jetzt zog er mir den Boden unter den Füßen weg, stahl mir die Sicherheit der Entfernung und des Erwachsenseins und machte mich wieder zu dem Kind, das ich war, als er mir die Mutter genommen hatte.

In meinem Kopf breitete sich das Summen aus, das ihn auch damals erfüllte, als ich mit Tränen in den Augen durch Agadir stolperte, jene Stadt am Meer, in der ich aufgewachsen bin.

Doch nun blieben meine Augen trocken, und das Summen verwandelte sich in eine fordernde, dröhnende Stimme, die meinen Schädel zu spalten drohte: »Geh nach Hause! Geh nach Hause! Geh nach Hause!«

Ich hatte keine Chance. Ich musste Deutschland verlassen. Ich musste mein Kind und meinen Mann zurücklassen, ich musste dorthin gehen, wo der Tod war. Ich musste nach Hause. Ich musste Schmerz und Trauer erleiden, wo sie am stärksten waren. Ich musste mich von meinem alten Leben verabschieden. Erst dann konnte ich ein neues beginnen.

Ohne nachzudenken, machte ich mich auf den Weg.

Die Schatten der Vergangenheit

Die Reise zurück war beschwerlich. Es gab keine Direktflüge nach Agadir. Ich musste in Frankfurt, Paris und in Casablanca umsteigen. Mit jeder Station kam ich meiner eigenen, schrecklichen Vergangenheit näher.

Die Welt veränderte sich. Oder war ich anders geworden? Die Menschen nahmen mich scheinbar nicht mehr wahr. In den Gängen der Flughäfen wichen sie mir nicht aus, an den Gates wurde ich ignoriert, als sei ich unsichtbar. Ich war kaum in der Lage, auf mich aufmerksam zu machen. Dazu fehlte mir die Kraft.

In Paris ging ich auf die Flughafentoilette und betrachtete mich im Spiegel. Ein fremdes Gesicht schaute mich an. So bleich, so durchsichtig, so unendlich traurig. Ich musste weinen, als ich mich sah.

Später, in der Warteschlange am Gate, schaute ich zu Boden. Ich hatte mich verkrochen in meiner verwundeten Seele. Die Schatten der Vergangenheit hüllten mich ein.

In der Erinnerung sah ich meinen Vater vor mir, bei unserer letzten Begegnung in der Gefängniskantine von Essaouira, seinen ausgemergelten Körper, seinen kraftlosen Blick, den Mund ohne Zähne. Ich fühlte seine verzweifelte Umarmung, die mich nicht tröstete, ich roch seinen schlechten Atem, der mich nicht abstieß. Ich zitterte. Ich war traurig, und ich war wütend, weil er gegangen war, ohne mit mir zu reden über das, was geschehen war.

Vater war zu früh gestorben. So wie er mir vor über zwanzig Jahren die Mutter genommen hatte, so hatte er mir jetzt die Möglichkeit genommen, mich zu verabschieden. Ich wollte ihm verzeihen, bevor er starb. Ich wollte ihn lieben. Ich wollte ihn hassen. Ich wollte, dass er mich kennenlernt, dass er mich versteht. Ich wollte ihm meine Trauer zeigen, meine Wut, meine Einsamkeit. Ich hatte nur diesen Vater. Und wieder ließ er mich im Stich.

Plötzlich spürte ich einen fremden Blick in meinem Rücken. Ich drehte mich um – und zuckte zusammen. Die Augen meines Vaters blickten mich an. Sie gehörten einem alten Mann, den ich nicht kannte. Ich starrte zurück, ohne etwas zu sehen. Wieder musste ich weinen. Als ich die Tränen weggewischt hatte, war der Mann verschwunden. Das Entsetzen in meinem Gesicht hatte ihn in die Flucht getrieben.

Auf dem Weg von Paris nach Casablanca, als das Flugzeug Europa verließ, das Mittelmeer überquerte und Afrika am Horizont auftauchte, war ich mir plötzlich sicher, dass Vater nicht einfach so aus dem Leben gegangen war. Er musste uns etwas hinterlassen haben! Eine Botschaft? Einen Brief? Vielleicht einen letzten Satz, der mir Ruhe geben würde?

In Casablanca rief ich Asia an. »Hat Vater etwas gesagt, bevor er starb? Gibt es eine Nachricht für uns?«

»Nein«, sagte Asia, und meine Hoffnung starb, »es gibt keine Nachricht. Vater hat gar nichts hinterlassen außer den Briefen unserer Schwester Rabiaa, die sie ihm geschickt hat. Das Gefängnis hat mir ein ganzes Paket davon übergeben.«

Ich konnte meine Schwester kaum verstehen, weil mich eine Gruppe von Frauen und Männern umringte, die von der Reise nach Mekka zurückkam. Eigentlich war es nicht die Zeit für den Hadsch, die große Pilgerfahrt, zu der jeder Muslim verpflichtet ist. Die findet im heiligen zwölften Monat des islamischen Jahres statt, dem dhu l’hiddscha. Jetzt war aber erst shawwal, der zehnte Monat. Trotzdem hatte diese Gruppe die Heiligtümer in Saudi-Arabien besucht. Eine Pilgerreise außerhalb des zwölften Monats nennt man umrah, kleine Reise. Sie ist freiwillig, unterliegt aber denselben strengen Regeln wie der Hadsch.

Die Männer trugen deshalb lange Bärte, wie es sich für Gläubige auf dem Weg zum Allerheiligsten der Muslime gehört, denn man darf auf der Pilgerfahrt weder Haare noch Fingernägel schneiden. Tücher umhüllten ihren Leib, weil man den schwarzen Stein, die Kaaba, nicht mit gesäumter Kleidung anbeten soll. Die Tücher waren weiß wie Bettlaken und erinnerten mich an die Stoffbahnen, in welche man die Toten vor der Beerdigung hüllt.

Zwei Stunden war ich von den Hadschis umringt, bis der Flug der Royal Air Maroc nach Agadir endlich aufgerufen wurde. Das Einsteigen erwies sich als nicht so einfach. Die alten Männer drängelten nach vorn, wie sie es von den überfüllten Bussen in ihren Heimatdörfern gewohnt waren. Als ich endlich das Flugzeug betrat, gab es einen Aufruhr in der Businessclass. Anscheinend hatten ein paar alte Männer die besten Plätze besetzt. Geschäftsleute fuchtelten mit ihrer Bordkarte und riefen nach der Stewardess.

»Hadschi«, sagte die Stewardess mit der Ehrfurcht, die einem Rückkehrer von Mekka gebührt, zu einem der alten Männer, »kann ich bitte einmal Ihre Bordkarte sehen?«

»Tochter«, antwortete der Hadschi, »ich bin ein alter Mann, und mir gefällt dieser Platz hier sehr gut. Ich brauche keine Papiere, Allah beschütze dich und unseren Flug.«

Die Stewardess deutete mit dem Kinn auf einen gut gekleideten Herrn mit Krawatte. »Hadschi, es tut mir leid, aber auf Ihrem Platz sollte dieser Herr sitzen. Er hat dafür bezahlt.«

»Tochter«, sagte der alte Mann, »sag dem Herrn mit der schönen Krawatte, dass er heute freie Platzwahl hat. Er kann sich hinsetzen, wo er will. Meine Knochen schmerzen von der langen Reise zu unserem Propheten, ich kann heute nicht mehr aufstehen, Allah sei mein Zeuge.«

Wenn Hadschis in flatterigen weißen Tüchern Allah zum Zeugen anrufen, wird es schwierig für Stewardessen und Krawattenträger. Ein großes Palaver brach in der Businessclass von Royal Air Maroc los. Jeder hatte etwas zur Diskussion beizutragen. Elegante Frauen gaben ihre Meinung zum Besten, Kinder begannen zu weinen, und schließlich kam sogar der Pilot aus dem Cockpit, um die Ruhe wiederherzustellen.

»Wir können nicht losfliegen, wenn Sie hier sitzen bleiben, Hadschi«, sagte er.

»Ach, Sohn«, rief der alte Mann, »vertraue auf den Barmherzigen. Er wird uns schon sicher nach Agadir bringen.«

Schließlich verzogen sich die Geschäftsleute auf die billigen Plätze im Heck des Flugzeugs, der Pilot ging zurück ins Cockpit, und die alten Männer machten sich triumphierend in den ersten Reihen breit.

Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal spürte, dass ich wieder zu Hause war, in dem chaotischen und liebenswerten Land am Atlantik, das ich Jahre zuvor verlassen hatte. Ich musste an den beliebten marokkanischen Witz über den Berber im Flugzeug denken und konnte zum ersten Mal seit der Todesnachricht wieder ein wenig lächeln.

Berber sind die Ostfriesen Marokkos. Der Witz geht so: Ein Berber fliegt von Agadir nach Casablanca. Weil er Sorge hat, nicht mitzukommen, drängelt er sich als Erster in die Maschine und setzt sich ganz vorne hin. Die Stewardess macht ihn darauf aufmerksam, dass sein Platz in der letzten Reihe sei. Aber der Berber will davon nichts wissen. Er zwinkert der jungen Frau verschwörerisch zu und sagt: »Schwester, guter Trick. Aber ich lass mich nicht reinlegen. Ich bin zu schlau dafür.« Die Stewardess denkt kurz nach. Dann sagt sie: »Sidi, ich weiß, dass Sie klug sind. Aber die erste Reihe in dieser Maschine fliegt gar nicht nach Casablanca, die landet in Rabat.« Und noch bevor sie den Satz ganz ausgesprochen hat, ist der Berber schon unterwegs zur letzten Reihe …

Der Flug von Casablanca nach Agadir verlief ohne besondere Vorkommnisse, wenn man davon absieht, dass Marokkaner sich auch von Lautsprecherdurchsagen kaum abhalten lassen, die ganze Zeit lauthals zu telefonieren.

Gut eine Stunde später flogen wir dicht an der mächtigen Kasbah vorbei, die hoch über Agadir thront. Es war dunkel, die Leuchtschrift auf der Flanke des Berges blinkte zum Flugzeug empor. Sie verkündete die Parole meiner Stadt und meines Landes. Allah, Al Watan, Al Mallik, »Gott, das Land, der König.«

Kurz darauf landeten wir auf dem Flughafen Al Massira. Hinter der Absperrung wartete Asia auf mich. Sie trug ihre dschellaba und das dunkle Kopftuch. Ich stürzte mich in ihre Arme, und wir hielten uns so fest umschlungen, dass wir kaum atmen konnten.

Schließlich löste Asia die Umarmung. »Schön, dass du da bist, Schwester«, sagte sie, »und jetzt beeil dich, die Totenmesse hat schon begonnen.«

Das Haus der Trauer

Die Straßen von Agadir waren dunkel, als wir das bescheidene Haus in der Rue el Ghazoua Nummer 23 erreichten, das für mich mehr mit Tod und Trauer in Verbindung steht als jedes andere Gebäude. Hier hatte mein Vater meine Mutter getötet. Hier waren wir von unseren eigenen Verwandten gedemütigt, misshandelt und im Stich gelassen worden. Hier hatte ich um meine Würde, meine Unversehrtheit und mein Leben kämpfen müssen. Als ich Marokko verließ, hatte ich geschworen, nie wieder an diesen Ort zurückzukehren.

Jetzt stand ich im Dunkel der Nacht vor jenem Haus, das für mich ein Ort des Schreckens geworden war. Es war als Einziges in der Straße hell erleuchtet. Aus den offenen Fenstern und Türen hörte man die Geräusche der Trauergemeinde. Sie wurden übertönt von der talba, einer Gruppe Männer in weißen dschellabas mit über den Kopf geschlagener Kapuze, die den Koran rezitierten und Gebete sprachen:

O Allah, gib Deine Vergebung den Lebenden und den Toten, den Anwesenden und Abwesenden, den Jungen und Alten, Männern und Frauen. O Allah, der Du uns leben lässt, lasse uns im Islam leben, und der Du uns abrufst, lasse uns im Glauben sterben. O Allah, verweigere unseren Verstorbenen die Belohnung nicht und setze uns keinen Prüfungen aus nach unserem Tod.

Zwischen den Gebeten und Koransuren riefen sie die rituelle Formel Allah’u akbar, »Allah ist groß«, bevor ihr melodischer Singsang wieder einsetzte.

Ich war als Letzte in Agadir eingetroffen. Meine Geschwister Jamila, Jaber, Ouafa und Asia lebten in Agadir. Meine älteren Schwestern Rabiaa und Mouna-Rachida waren nicht nach Marokko gekommen. Rabiaa, die in den Vereinigten Emiraten geheiratet hatte, war hochschwanger, und Mouna aus Belgien hatte kaum noch Kontakt zu uns.

Der Nachtwind trug den Geruch des Meeres in unsere Straße, und in mir wurden Erinnerungen wach, die lange Zeit geschlummert hatten. Hier hatte die Spur der Tränen ihren Anfang genommen und mich nie wieder verlassen.

Vor dem Haus standen Menschen, sie rauchten, sprachen leise miteinander, schwiegen. Als unser Auto hielt, löste sich ein alter Mann aus der Ansammlung und kam auf mich zu.

Es war Onkel Hassan, der Bruder meines Vaters, der Mann, in dessen Familie ich die schlimmsten Jahre meines Lebens verbracht hatte. Er wohnte noch immer mit seiner Frau und seinen inzwischen erwachsenen Kindern im Haus meines Vaters. Nur das Erdgeschoss hatte er geräumt für meinen Bruder Jaber, der dort auf engstem Raum mit Frau und Sohn hauste.

»Allah sei deinem Vater gnädig«, murmelte Onkel Hassan und breitete die Arme aus. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keine Angst vor ihm. Es war, als hätte alles Brutale, alles Ungerechte ihn verlassen. Er kam mir plötzlich klein und schwach und armselig vor. Und ich konnte seine Seele fühlen; sie war zerbrochen, so wie er einst versucht hatte, meine Seele zu zerstören. Aber jetzt, im Augenblick der größten Trauer, war ich stärker als er.

Ich ließ es geschehen, als er mich in den Arm nahm, und ich spürte seine Tränen an meiner Wange. Dann hörte ich dieses Geräusch, das tief aus seinem Innern kam. Es begann mit einem Wimmern und steigerte sich zu einem Schluchzen, in dem der furchtbare Schmerz lag, der uns von jeher verband.

Ganz still stand ich in seiner Umklammerung, und erst als sein Weinen so laut wurde, dass es die Gesänge der talba übertönte, nahm auch ich ihn in meine Arme. Es war ein ungewohntes Gefühl, meinem Onkel so nah zu sein, aber es war ein gutes Gefühl. Wir waren vereint in einem kurzen Augenblick der Ruhe und des Friedens inmitten der Trauergemeinde, die den Tod meines Vaters beklagte.

»Geh, Tochter«, sagte er, »geh hinein ins Haus. Dort wartet man auf dich.«

Asia war an meiner Seite, als wir das Haus betraten. Obwohl sie meine jüngste Schwester ist, denke ich manchmal, dass sie mehr innere Kraft hat als wir anderen zusammen. Sie ist das eigentliche Oberhaupt der Familie, regelt alle bürokratischen Dinge (und das erfordert in Marokko gelegentlich viel Geduld, Diplomatie und Energie) und hat eigentlich immer alles im Griff. Inzwischen ist sie verheiratet mit einem Busschaffner und hat einen kleinen Sohn namens Suleiman, aber das hindert sie nicht daran, weiterhin ihre eigene Schule für Sprach- und Nähkurse zu leiten.

Asia nennt mich liebevoll Tasuk’hit – das bedeutet in Tashl’hit, der Berbersprache meiner Mutter, »Neger« –, weil ich die dunkelste Haut in der Familie habe. Und ich nenne sie Bubi, Hund, weil sie wie ein Straßenköter ständig unterwegs ist, um hier etwas zu erledigen, dort etwas zu organisieren und ihre Schule am Laufen zu halten.

Nun spürte ich ihre kräftige Hand an meinem Oberarm. »Komm schon, Neger«, flüsterte sie mir ins Ohr, »wir ziehen das jetzt durch.«

Die Männer hatten sich im Erdgeschoss versammelt und rezitierten zusammen mit der talba Koranverse. Die Frauen waren im Obergeschoss. In der Moschee und bei Trauerfeiern verlangt der Islam eine strikte Trennung der Geschlechter.

Ich ging durch den Flur mit dem Mosaik, in dem ich früher oft die Hausaufgaben gemacht hatte, weil es nur dort elektrisches Licht gab. Damals war er mir groß vorgekommen. Jetzt erschien er mir winzig und eng. Am Ende des Flurs führte eine schmale Treppe hinauf in die erste Etage mit dem offenen Innenhof, in dem sich die Frauen versammelt hatten.

Khalti Zaina kam auf mich zu, Hassans Frau. Ihre Missgunst und ihr Hass hatten mich während meiner Kindheit ständig verfolgt.

Jetzt säuselte sie: »Hallo, Ouarda, schön, dass du da bist.« Ihr Gesichtsausdruck zeigte mir, dass sie genau das Gegenteil meinte. »Bitte setz dich doch.«

Wie immer tat sie so, als sei es ihr Haus und ich der Gast. Aber es war nicht ihr Haus, sondern das meines Vaters und meiner Familie. Khalti Zaina und Onkel Hassan hatten es uns weggenommen. Ich fühlte Zorn in mir aufsteigen, aber Asia verstärkte den Druck ihrer Hand an meinem Oberarm, und ich nahm mich zusammen.

»Danke«, sagte ich kurz. Ich hatte mich geweigert, sie Mama zu nennen, als ich ein Kind war. Und jetzt, als erwachsene Frau, weigerte ich mich, sie Khalti zu nennen. Khalti bedeutet Tante und ist ein Ehrentitel. Wer Khalti sagt, zeigt seinen Respekt. Aber vor dieser Frau hatte ich keinen Respekt.

Es blieb nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn nun kam das, was für mich eine Tortur war: die Begrüßung aller anwesenden Frauen. Es waren Dutzende. Und jede wollte mich küssen, und jede wollte von mir geküsst werden. Sie saßen auf den Polstern an der Wand entlang, aufgereiht wie Hühner auf der Stange: Tanten, Cousinen, Nachbarinnen, Bekannte, Freundinnen, Kinder und jede Menge wildfremder Gesichter.

Alle wandten sich mir erwartungsvoll zu, und ich ergab mich in mein Schicksal. Es war so skurril, dass ich für einen Moment fast die Trauer um meinen Vater vergaß. Es ist nicht einfach, in Marokko richtig zu küssen. Die Zahl und die Intensität der Küsse hängen stark von der Art der persönlichen Beziehung ab. Aber ich erinnerte mich an viele dieser Frauen nicht mehr. Deshalb ließ ich mich treiben von Umarmung zu Umarmung, von den tränenerstickten Worten, die mir ins Ohr geflüstert wurden, von den Küssen an meinen Schläfen, meinen Wangen, meinem Hals.

Die Nachbarsfrau, die uns damals, als wir hungerten, ab und zu ein Brot zusteckte, küsste mich. Meine Cousine, die Lehrerin, herzte mich. Die Nachbarin, die meine Schwester Jamila hochhielt, damit sie besser sehen konnte, wie unsere Mutter verbrannte, küsste mich nicht nur, sie heulte mir auch ins Ohr. Lala Sahra, die uns aufnahm, als die Leiche unserer Mutter weggekarrt wurde, drückte mich an ihren mächtigen Busen. Und als alle mich umarmt, geküsst, bemitleidet und mit ihren Tränen benetzt hatten, gab es etwas zu essen. Dann beteten die Frauen:

Im Namen Gottes, des sich Erbarmenden, des Barmherzigen. Allah, gib diesen armen Waisenkindern Deine Gnade, jetzt, wo auch der Vater gestorben ist, der dieser Familie so viel Leid zugefügt hat. Halte Deine schützende Hand über sie, und achte darauf, dass das Leben ihnen künftig Freude und Ehre zuteilwerden lässt. Der Allerbarmer möge diese jungen Frauen beschützen auf ihrem schwierigen Weg. Allah ist groß. Amen.

Es war sehr berührend. Trotzdem verabschiedeten meine Schwestern und ich uns schon bald und fuhren in Jamilas Wohnung im Stadtteil Dscheira, einem südlichen Vorort von Agadir. Dort bauten wir uns ein Matratzenlager, zogen unsere Nachthemden an, kuschelten uns zusammen und begannen hysterisch zu lachen.

Wir lachten, bis wir nicht mehr konnten. Dann begannen wir zu reden. Wir redeten über Vater, der innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach seinem Tod in Taroudant begraben wurde, wie es der Brauch im Islam ist. Nur Onkel Hassan und mein Bruder Jaber waren dabei, als der in weiße Tücher eingenähte Leichnam in die staubige Erde des Gräberfeldes gesenkt wurde.

Wir hofften, dass irgendjemand ihn im Moment des Sterbens an das islamische Glaubensbekenntnis erinnert hatte, das notwendig ist, um das Paradies zu erlangen: »Es gibt nur einen Gott, Mohammed ist sein Prophet.« Und wir wünschten uns, dass jemand sein Gesicht gegen Mekka ausgerichtet hatte, als er die letzten Worte sprach, die jeder Muslim sprechen soll, bevor er abgerufen wird: Aschadu-anna la ilaha illa-llahu, »Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott.«

Aber wir wussten nichts darüber, wie er zu Tode kam. Bis heute haben wir nur ermitteln können, dass er wegen seiner Zuckerkrankheit in die Klinik von Taroudant verlegt und dort angeblich operiert worden war.

Wir redeten und redeten, obwohl wir todmüde waren. Mit letzter Kraft fragte ich: »Wer von euch kann Vater verzeihen, wer kann ihn in Frieden gehen lassen?«

Ich war noch nicht bereit dazu, Ouafa auch nicht. Asia weigerte sich, eine Antwort zu geben. Nur Jamila, meine große, starke Schwester, die immer etwas zu sagen hat, hatte auch jetzt die richtigen Sätze parat: »Allah sei gnädig mit ihm. Ich lasse ihn gehen. Ich verzeihe Vater. Allah kümmert sich um alles. Inshallah

Ich schlief einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Der Strand

Agadir liegt an der schönsten Küste der Welt. Jenseits des weiten Strandes mit den hohen goldenen Dünen brechen sich die mächtigen Wellen des Atlantiks. Die riesigen, luxuriösen Hotelanlagen am Strand wirken bescheiden angesichts der gewaltigen Dünen und endlosen Sandflächen, die der Ozean in Millionen von Jahren geschaffen hat.

Auf mich übte das Meer schon immer eine seltsame Faszination aus. Am Tag nach der Trauerfeier für Vater zog es mich dorthin. Ich ging den Weg, den ich als Kind tausendmal gegangen war, vorbei an den bescheidenen Häusern der Siedlung Talborjt, durch den Park mit den armseligen grauen Bäumen, über die große Straße und zwischen den Hotels hindurch. Die Sonne schien so klar vom Himmel, wie sie es nur im Winter tut, und mit jedem Schritt wurde der Geruch des Meeres stärker. Als ich den Schatten der letzten Hotelanlage vor dem Strand verließ, lag der Ozean vor mir. Sein Blau war so dunkel wie die Tücher der Nomaden aus der Wüste, seine Wellen unaufhaltsam wie der Lauf der Zeit und seine Weite unendlich wie der Himmel.

Als Kind war ich oft hinausgeschwommen, so weit ich nur konnte, um beschützt zu sein vor dem Bösen, das mir an Land widerfuhr. Im salzigen Wasser des Atlantiks, das meinen kleinen Körper trug, fühlte ich mich sicher und frei, auch wenn gelegentlich ein Fischerboot Kurs auf mich nahm und die Männer nach mir riefen.

»Brauchst du Hilfe?«

Ich schwieg.

»Wir können dich rausholen und an Land bringen.«

Ich antwortete nicht. Ich wollte nicht an Land gebracht werden. Ich wollte mich dem Meer ausliefern. Ich wollte allein sein und keine Menschen sehen.

Schließlich drehten die Fischer wieder ab, und irgendwann spülten die Wellen mich an den Strand.

Jetzt wandte ich mich zum Sommerpalast des Königs, weil es dort ruhiger ist als in der Richtung zum Hafen. Dort suchte ich mir einen Liegestuhl und setzte mich so hin, dass nichts in meinem Blickfeld lag außer dem Meer.

Gerade begannen meine Gedanken zu wandern, als mich eine Stimme unterbrach.

»Schwester, so geht das nicht. Du brauchst eine Matratze, dann ist dein Leben gleich doppelt so weich und angenehm.«

Der Liegestuhlwächter stand neben mir. Ein braun gebrannter Typ mit gegeltem Haar und blendend weißen Zähnen. Über der Schulter trug er ein Schaumgummipolster.

»Bruder«, sagte ich, »ich möchte gern, dass mein Leben künftig doppelt so angenehm wird wie bisher. Meinst du, deine Matratze kann mir dabei wirklich helfen?«

Der Liegestuhlwächter brauchte ein paar Augenblicke, um zu entscheiden, ob ich ihn veräppeln wollte oder nur die letzten Jahre im Ausland gelebt hatte und deshalb ein wenig seltsam redete.

Dann wurde sein Lächeln noch breiter. »Selbstverständlich, Schwester. Meine Matratze erleichtert dir das Leben. Und deine zwanzig Dirham machen mir das Leben leichter. Also tauschen wir Matratze und Geld und sind alle glücklich.«

Er kassierte seine Gebühren, ließ das Polster zurück und verschwand wortlos, was mich angenehm überraschte. Normalerweise hat man es als alleinstehende Frau am Strand nicht so leicht, Gesprächen mit interessierten jungen Männern aus dem Weg zu gehen. Aber anscheinend spürte er, dass ich keinen Wert auf Small Talk legte.

Ich weiß nicht, ob ich eingeschlafen bin auf der weichen Matratze des Liegestuhlwächters, aber als ich wieder aufschaute, neigte sich die Sonne bereits dem Horizont zu. Ich hatte die letzten Stunden in einer anderen Welt verbracht. Ich war in Gedanken zurückgekehrt in meine Kindheit, in eine Zeit, in der mein Vater meine Mutter noch nicht getötet hatte und wir auf den ersten Blick eine ganz normale Familie zu sein schienen.

Die dunklen Schatten, die damals schon auf der Seele meines Vaters lagen und ihn schließlich in den Wahnsinn und in den Mord an seiner Frau trieben, konnten wir nicht ahnen.

Vater war ein Saharaoui, einer jener wilden und stolzen Männer aus der Wüste. Sein vollständiger Name lautete Houssein Ben Mohammed Ben Abdallah: Houssein, der Sohn Mohammeds, welcher der Sohn des Abdallah ist. Er reparierte Radiogeräte, Fernsehapparate, Schreibmaschinen und Telefone. Sein Geschäft lief sehr gut, bis er anfing, immer mehr von dem bitteren Hanfgras aus dem nördlichen Rif-Gebirge in seine Zigaretten zu drehen.

Mutter war elf Jahre jünger als Vater. Ihr Name war Safia el Fakhir. Sie stammte aus dem Dorf E-Dirh am Fuß des Antiatlas-Gebirges und war die Tochter einer sherifa, einer weisen und heilkundigen Frau. Als sie Vater heiratete, war sie siebzehn. Elf Jahre später lag ihr Leichnam auf dem Dach unseres Hauses, und in ihrem Leib starb mit ihr das siebte Kind, das sie Vater schenken wollte.

Nach dem Mord war Vater dorthin gegangen, wo ich mich jetzt befand: zum Meer. In der Vernehmung durch die Polizei sagte er, er habe sich im salzigen Wasser des Atlantiks stundenlang das Blut vom Körper geschrubbt. War das alles? Oder versuchte er, sich dadurch auch von der Schuld reinzuwaschen, die er auf sich geladen hatte?

Ich stellte mir diese Frage auf der Matratze des Liegestuhlwächters, während meine Gedanken weit zurückgingen in die Vergangenheit. Aber ich wusste keine Antwort. Ich wusste auf viele Fragen keine Antwort.

Wer war dieser Mann, der mich Ouarda-ti, meine Wüstenblume, nannte und mir das Liebste nahm, was ich hatte – meine Mutter? Wer war dieser Mann, der so klug und mutig war und dennoch nicht zu erkennen vermochte, dass ein böser Dämon in ihm wohnte?

Ich kannte ihn nicht.

Jetzt, wo er tot war, wurde mir klar: Dieser Mann war stets ein Fremder in meinem Leben gewesen. Er hatte mich auf seinen Armen getragen, ohne meine Seele zu berühren. Ich hatte ihn im Gefängnis besucht, ohne ihm näherzukommen. Er hatte mein ganzes Leben bestimmt, aber niemals hatte er sich mir offenbart. Ich kannte nicht Houssein Ben Mohammed Ben Abdallah, der mein Vater war. Ich kannte nur den Schatten dieses Mannes.

Er hatte mir keine Chance gegeben, ihn zu verstehen. Und nun war es zu spät. Er hatte mir die Mutter genommen und jetzt auch den Vater. Er war verschwunden aus meiner Welt, ohne sich zu erklären, ohne sich zu verabschieden.

Die Wellen brachen sich am Strand, und ich fühlte in der unendlichen Weite des Ozeans die unendliche Einsamkeit meiner Seele.

Das Rund der Sonne am Horizont war nur noch halb zu sehen und rötete den Himmel über dem Meer, als mich ein Räuspern aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückholte. Es war der Liegestuhlwächter.

»Schwester«, sagte er, »es ist schön, dass meine Matratze dich so zu entspannen vermag, dass du gar nicht mehr aufstehen willst. Aber der Abend naht, und ich muss nach Hause gehen. Du kannst gern noch weiter hier liegen bleiben, aber ohne meine Matratze.«

Schnell gab ich ihm seine Matratze zurück und dankte ihm: »Shokran.«

Er konnte nicht wissen, dass ich damit nicht seine Matratze meinte, sondern die Tatsache, dass er mich aus dem Strudel meiner Erinnerungen zurückgeholt hatte, bevor ich darin unterging. Aber er schien etwas zu spüren.

»Keine Ursache«, sagte er, »Allah möge dich in seiner unermesslichen Güte und Barmherzigkeit beschützen vor dem Bösen, das unsere Seelen in Besitz nehmen will. Inshallah

»Amen«, sagte ich, »deine Wünsche kann ich gut gebrauchen.«

Dann zog der Liegestuhlwächter mit seiner Matratze ab. Als die Sonne endgültig unterging und die Kälte der kommenden Nacht von den Bergen herunterkroch, war ich allein am Strand. Hinter mir lagen die Lichter der Stadt, vor mir die Schwärze des Meeres. Aber es störte mich nicht. Ich fühlte mich wohl an diesem Ort zwischen den Welten.

Teil 2:

München

(1993–1996)

Die Ankunft

Am 17. Juli 1993 gegen Abend landete die Maschine der Royal Air Maroc in Frankfurt. Hart setzte sie auf, und ich klammerte mich an den Armlehnen meines Sitzes fest. In wenigen Minuten würde ich zum ersten Mal in meinem Leben ein fremdes Land betreten. Mein Herz schlug schneller vor Furcht und Erwartung.

Von meinem Fensterplatz aus hatte ich die gewaltige Stadt mit ihren Hochhäusern gesehen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Menschen hinter den hell erleuchteten Fenstern dieser schlanken Betonfinger arbeiten und leben konnten, so dicht unter dem Himmel.

Das einzige Hochhaus, das ich bisher kennengelernt hatte, war der plumpe Kasten im Zentrum von Agadir, in dessen Erdgeschoss die größte Buchhandlung meiner Stadt war. Sie hatte eine Sammlung wunderbarer Koranausgaben mit Goldschnitt und Ledereinband, und ich hatte mich manchmal in den düsteren Laden geschlichen, nur um diese schönen Bücher zu sehen und vielleicht ein einziges Mal zu berühren. Aber die strengen Männer in den dschellabas, welche die Bücher bewachten, scheuchten mich jedes Mal aus dem Laden, bevor ich auch nur in die Nähe der Koranbände kam. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, das heilige Buch vor schmutzigen Kinderhänden zu schützen.

Im Vergleich zu den Gebäuden, die ich aus dem Flugzeugfenster sah, war das Hochhaus in Agadir allerdings lächerlich in seinen Abmessungen. Es hatte nur zehn Stockwerke. Als Kind fand ich es aber extrem hoch. Manchmal fuhr ich heimlich mit dem Lift hinauf bis zum Dach. Von dort blickte ich hinunter auf die Straße, wo die Menschen und Autos ganz klein waren. Damals kam ich mir sehr groß und mächtig vor, wenn ich auf dem Dach stand. Während ich mich über die Brüstung beugte und die winzigen Menschen unten beobachtete, wurde es mir fast schwindlig vor Aufregung.

Als das Flugzeug endlich zum Stehen kam, hörte ich nichts mehr außer meinem rasenden Herzschlag, der mir in den Ohren dröhnte wie die peitschende Berbermusik, die bei Feiern nachts in den Dörfern am Rande der Wüste gespielt wird.

Ich presste meine Nase ans Fenster und beobachtete das Durcheinander auf dem Flugfeld: Flugzeuge fuhren hin und her, dazwischen flitzten Autos mit Blinklichtern von rechts nach links, und Menschen wuselten unter den Bäuchen der großen Maschinen herum. Es war unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit sich alles bewegte, und noch unglaublicher kam es mir vor, dass nirgends jemand herumstand und einfach nur faulenzte, wie ich es aus Marokko gewohnt war. In dem irrwitzig aussehenden Chaos schien es eine innere Ordnung zu geben. Das gefiel mir gut. In dieser Welt, in der selbst das Chaos sich an Regeln hielt, würde auch mein Leben in Ordnung kommen.

»Es kann nur besser werden«, flüsterte ich.

Das war mein Mantra in dieser Zeit.

»Es kann nur besser werden.«

Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. »Mademoiselle, hier ist die Endstation. Wollen Sie vielleicht bei Gelegenheit auch aussteigen? Oder gefällt es Ihnen bei Royal Air Maroc so gut, dass Sie sich gar nicht mehr von uns trennen können?«

Die Stewardess! Bestimmt eine der arroganten, gut aussehenden, selbstbewussten Frauen aus Casablanca! Ich packte schnell und wortlos meine Sachen zusammen und hastete hinter den anderen Passagieren her. Irgendwo musste der Mann sein, der mir versprochen hatte, mich zum Lufthansa-Schalter für die Maschine nach München zu bringen. Ohne ihn war ich verloren. Ich sprach kein einziges Wort Deutsch, ich war noch nie in einem fremden Land gewesen, und allein würde ich mich in dem gewaltigen Flughafengebäude bestimmt verlaufen.

Der Mann wartete auf mich. »Al hamdu li-ilahi«, sagte ich, »Lobpreis sei Allah.«

»Da bist du ja, Schwester«, sagte der Mann, »ich habe auch nicht ewig Zeit.«

Er ging mit mir durch die Passkontrolle, wo mir ein freundlicher Beamter in einer hässlichen beige-grünen Uniform in die Augen sah, bevor er noch einmal in meinen Pass blickte.

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