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Die Spieler

ÜBER DEN AUTOR

David Baldacci, geboren 1960, war Strafverteidiger und Wirtschaftsanwalt, ehe er 1996 mit Der Präsident (verfilmt als Absolute Power) einen Weltbestseller veröffentlichte. Mit jedem seiner folgenden Romane war er auf der Bestsellerliste der New York Times vertreten und international gleichermaßen erfolgreich. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und erschienen in einer Gesamtauflage von über fünfzig Millionen Exemplaren. David Baldacci lebt mit seiner Familie in Virginia, nahe Washington, D.C.

David Baldacci

DIE SPIELER

Roman

Übersetzung aus dem amerikanischen
Englisch von Uwe Anton

BASTEI ENTERTAINMENT

– Für Bernard Mason – zuverlässig, aufrecht und geradeheraus.

– Zum Gedenken an Frank L. Jennings, der sehr vielen Menschen sehr viel bedeutet hat.

KAPITEL 1

Harry Finn stand wie üblich um halb sieben auf, kochte Kaffee, ließ den Hund wie jeden Morgen auf den eingezäunten Hinterhof hinaus, duschte, rasierte sich, weckte die Kinder, damit sie pünktlich in die Schule kamen, und überwachte in der nächsten halben Stunde die komplizierte Morgenroutine, bei der das Frühstück verschlungen, Schultaschen und Schuhe gesucht und Streitigkeiten vom Zaun gebrochen und beigelegt wurden. Harrys Frau gesellte sich zu ihm, noch ein bisschen verschlafen, aber dennoch bereit für einen weiteren Tag als Mutter und Mama-Taxi von drei Kindern, darunter einem frühreifen, nach Unabhängigkeit strebenden Jungen im Teenageralter.

Harry Finn war in den Dreißigern, ein Mann mit jungenhaften Gesichtszügen und klaren blauen Augen, die nichts übersahen. Er hatte jung geheiratet und liebte seine Frau und seine drei Kinder. Sogar dem Hund der Familie, einem schlappohrigen, goldenen Labrador-Pudel-Mischling namens George, brachte er aufrechte Zuneigung entgegen. Finn war eins fünfundachtzig groß und hatte einen langgliedrigen Körper, wie geschaffen für Geschwindigkeit und Ausdauer. Wie üblich trug er verblichene Jeans und ein Freizeithemd. Die Brille mit den runden Gläsern und der kluge, betuliche Gesichtsausdruck verliehen ihm das Aussehen eines Buchhalters, der es nach einem Tag voller ermüdender Zahlen genoss, Hardrock à la Aerosmith zu hören. Finn war athletisch, brachte aber nicht mit den Muskeln, sondern mit seinem Grips das Brot auf den Tisch und die iPods in die Ohren seiner Kinder. Er war sehr gut in seinem Job. Nur wenige Menschen konnten, was Harry Finn konnte, und überlebten auch noch dabei.

Er gab seiner Frau einen Abschiedskuss, drückte die Kinder, sogar den Teenager, und schnappte sich eine Stofftasche, die er am Abend zuvor neben die Haustür gestellt hatte. Dann stieg er in seinen Toyota Prius und fuhr zum National Airport am Potomac River, direkt am Stadtrand von Washington, D. C. Der offizielle Name des Flughafens war in Ronald Reagan Washington National Airport geändert worden, doch für die Einheimischen würde er immer der »National« bleiben. Finn fand einen Parkplatz in der Nähe des Hauptterminals, dessen auffälligstes architektonisches Merkmal eine Reihe von Kuppeln war, die Thomas Jeffersons geliebtem Monticello nachempfunden waren. Mit der Tasche in der Hand ging er über einen Bürgersteig in das elegante Gebäude. In einer Kabine der Herrentoilette öffnete er die Tasche, zog eine dicke blaue Jacke mit reflektierenden Streifen an den Ärmeln und blaue Arbeitshosen an, legte sich orangefarbene Ohrenschützer um den Hals und befestigte einen offiziell aussehenden Ausweis an der Jacke.

Um das Drehkreuz zu überwinden, schloss er sich einer Gruppe Flughafenangestellter an, die durch eine spezielle Sicherheitsschleuse gingen. Es war die reinste Ironie, doch hier kam nicht einmal die oberflächliche Sicherheit zur Anwendung, die gewöhnlichen Passagieren auferlegt wurde. Als Finn auf der anderen Seite der Schleuse war, bestellte er eine Tasse Kaffee und folgte dann beiläufig einem anderen Arbeiter durch eine Sicherheitstür in den Außenbereich. Der Mann hielt ihm tatsächlich die Tür auf.

»In welcher Schicht arbeitest du?«, fragte Finn.

Der Mann sagte es ihm.

»Ich fange gerade an«, sagte Finn. »Wäre ja kein Problem, wenn ich nicht wegen dem verdammten Football-Spiel so lange aufgeblieben wäre.«

»Wem sagst du das?«, pflichtete der Mann ihm bei.

Finn stieg die Metalltreppe hinunter und ging zu einer 737, die für einen Kurzstreckenflug nach Detroit mit Anschlussflug nach Seattle vorbereitet wurde. Unterwegs kam er an mehreren Leuten vorbei, darunter einem Tankwart, zwei Gepäckbeladern und einem Mechaniker, der die Reifen einer Maschine mit Flugziel Michigan überprüfte. Niemand sprach ihn an, weil er aussah und sich auch so verhielt, als hielte er sich völlig rechtmäßig hier auf. Während er um das Flugzeug herumging, trank er seinen Kaffee aus.

Er ging weiter zu einem Airbus A320, der sich in ungefähr einer Stunde auf den Weg nach Florida machen würde. Ein Gepäckwagen stand neben der Maschine. Mit einer geübten Bewegung zog Finn das kleine Päckchen aus seiner Jacke und schob es in eine Seitentasche eines der Koffer auf dem Wagen. Dann kniete er sich neben einen der Reifen am Fahrwerk der riesigen Maschine und tat so, als würde er das Profil überprüfen. Wieder nahmen die anderen Arbeiter keine Notiz von ihm, da Finn den Eindruck erweckte, als fühle er sich in seiner Umgebung vollkommen heimisch. Eine Minute später plauderte er mit einem Mechaniker der Bodenmannschaft, analysierte die Chancen der Washington Redskins und die bedauernswerten Aussichten für die Beschäftigten in der Luftfahrtindustrie.

»Nur den hohen Tieren geht’s richtig gut«, sagte Finn. »Die drucken geradezu Geld.«

»Stimmt genau«, sagte der andere. Beide klatschten sich ab, um einander zu zeigen, dass sie einer Meinung waren, was die Gier der Reichen und Skrupellosen betraf, die den gar nicht so freundlichen Himmel beherrschten.

Finn bemerkte, dass die hintere Frachtschleuse der Maschine nach Detroit mittlerweile offen war. Er wartete, bis die Gepäckträger mit ihrem Wägelchen-Kordon losgefahren waren, um andere Koffer zu holen, und kletterte dann auf den Hubwagen, der dort stand. Er schlüpfte ins Frachtabteil und zwängte sich in sein Versteck. Er hatte es ausgesucht, nachdem er Pläne der Frachträume einer 737 studiert hatte – Unterlagen, die problemlos verfügbar waren, wenn man wusste, wo man suchen musste. Finn hatte bei seiner Internetrecherche außerdem erfahren, dass dieses Flugzeug nur zur Hälfte beladen sein würde, sodass sein zusätzliches Gewicht im Frachtraum nicht die geringste Rolle spielte.

Während er in seinem Versteck lag, wurde das Flugzeug mit dicken Koffern und gestressten Passagieren beladen, und dann ging es auch schon auf die Reise nach Detroit. Finn reiste relativ bequem im Frachtraum, obwohl es hier entschieden kälter war als im Passagierraum, sodass er froh war, die dicke Jacke zu tragen. Nach ungefähr einer Stunde Flugzeit landete die Maschine und rollte zum Terminal. Ein paar Minuten später wurde die Frachtluke geöffnet und das Gepäck entladen. Finn wartete geduldig, bis der letzte Koffer von Bord war; dann verließ er sein Versteck und spähte durch die geöffnete Heckluke: Es waren ein paar Leute in der Nähe, aber niemand schaute in seine Richtung. Finn kletterte aus der Maschine und ließ sich auf den Asphalt fallen. Eine Minute später bemerkte er zwei Sicherheitsbeauftragte, die in seine Richtung kamen, dabei Kaffee tranken und sich unterhielten. Er griff in seine Tasche, holte ein Lunchpaket heraus, nahm ein Schinkensandwich und biss hinein, wobei er sich vom Flugzeug entfernte.

Als die zwei Wachmänner an ihm vorbeigingen, nickte er ihnen zu. »Ist das normaler Kaffee oder entkoffeinierter Karamell-Latte mit Schuss und vier Tropfen Was-weiß-ich?« Er grinste mit vollem Mund. Die beiden Uniformierten kicherten über seine Bemerkung, und er ging weiter.

Finn betrat das Terminal, ging auf eine der Toiletten, legte Jacke, Ohrenschützer und Ausweis ab, telefonierte kurz und machte sich dann auf den Weg zum Sicherheitsbüro des Flughafens.

»Ich habe eine Bombe in eine Tasche gepackt, die heute Morgen auf dem National Airport in einen A320 verfrachtet wurde«, sagte er zu dem wachhabenden Beamten. »Und ich bin soeben im Laderaum einer 737 von D. C. hierhergeflogen. Ich hätte den Vogel jederzeit zum Absturz bringen können.«

Der Beamte, der keine Waffe trug, reagierte augenblicklich und sprang über den Schreibtisch, um Finn zu Boden zu reißen. Finn wich geschickt zur Seite. Der Mann schlug der Länge nach hin und rief um Hilfe. Andere Beamte stürmten aus dem Hinterzimmer herbei und näherten sich Finn mit gezogenen Waffen. Doch Finn hatte sein Beglaubigungsschreiben schon gezückt, ehe die Männer ihre Waffen in den Händen hielten.

In diesem Augenblick wurde die Tür aufgestoßen. Drei weitere Männer kamen herein und hielten die Marken ihrer Bundesbehörde wie königliche Zepter in die Höhe.

»Homeland Security!«, blaffte einer von ihnen die Wachen an und zeigte auf Finn. »Dieser Mann arbeitet für uns. Und irgendjemand steckt bis zum Hals in Schwierigkeiten.«

KAPITEL 2

»Gut gemacht, Harry, wie immer«, sagte der Chef des Homeland-Security-Teams später und gab Finn einen Klaps auf den Rücken. Berichte waren ausgefüllt, E-Mails abgeschickt und Handyakkus geleert worden, während man die gravierenden Verstöße gegen die Flughafensicherheit, von Harry Finn aufgedeckt, an die zuständigen Stellen weitergeleitet hatte. Normalerweise hätte Finn vom Heimatschutzministerium – oder DHS, wie das Department of Homeland Security allgemein bekannt war – niemals den Auftrag bekommen, einen Verstoß gegen die Flughafensicherheit zu begehen; die Bundesluftfahrtbehörde FAA grenzte ihren Verantwortungsbereich sorgsam nach außen ab. Finn glaubte den Grund dafür zu kennen: Bei der FAA wusste man genau, wie viele Schwächen im System es gab, und so wollte man natürlich nicht, dass ein Außenstehender dahinterkam.

Finn war kein Angestellter des DHS; vielmehr war die Firma, für die er arbeitete, von der Behörde beauftragt worden, die Sicherheitsvorkehrungen staatlicher und privater Einrichtungen in den gesamten USA zu überprüfen, indem man versuchte, die Sicherheitsmaßnahmen zu unterlaufen, wo man nur konnte. Das DHS verteilte viele solcher Aufträge; bei einem jährlichen Budget von 40 Milliarden Dollar musste man das Geld ja irgendwie unter die Leute bringen. Finns Firma bekam nur wenig aus diesem Topf, doch selbst ein winziger Bruchteil von 40 Milliarden war ein schönes regelmäßiges Einkommen.

Normalerweise hätte Finn den Flughafen verlassen, ohne zu enthüllen, was er getan hatte, und den Dingen ihren Lauf gelassen. Doch das DHS hatte offensichtlich die Nase voll vom Zustand der Sicherheitsvorkehrungen auf Flughäfen und wollte ein deutliches Zeichen setzen. Daher hatte man ihn angewiesen, sich in das Büro zu begeben und ein falsches Geständnis abzulegen, damit die DHS-Agenten ihren dramatischen Auftritt hatten. Den Medien würde das Wasser im Mund zusammenlaufen, die Fluggesellschaften würden schäumen vor Wut, und das DHS würde als sehr effizient und heldenhaft dastehen. Finn selbst gab keine Interviews, und sein Name stand niemals in den Zeitungen. Er erledigte nur unauffällig seinen Job.

Er würde jedoch ein abschließendes Briefing für das Sicherheitspersonal des Flughafens, das er soeben aufgescheucht hatte, vornehmen und dabei versuchen, bei der Einschätzung ihrer Leistung ermutigend und diplomatisch vorzugehen und Veränderungen für die Zukunft vorzuschlagen. Diese Briefings waren mitunter das Gefährlichste an seinem Job. Die Leute konnten sehr angefressen sein, wenn sie herausfanden, dass man sie hereingelegt und bloßgestellt hatte. Finn hatte sich mehr als einmal buchstäblich aus einem Besprechungsraum herauskämpfen müssen.

»Wir werden die Leute schon irgendwie in Form bringen«, sagte der Mann vom DHS.

»Ich hab meine Zweifel, dass das in diesem Leben noch klappt«, erwiderte Finn.

»Sie können mit uns nach D. C. zurückfliegen«, sagte der Mann. »Wir haben einen Falcon des Ministeriums bereitstehen.«

»Danke, aber ich möchte hier noch jemanden besuchen. Ich fliege morgen zurück.«

»Okay. Dann bis zum nächsten Mal.«

Als der Mann gegangen war, besorgte Finn sich einen Leihwagen, fuhr in einen Vorort von Detroit und hielt an einem Einkaufszentrum. Aus seinem Rucksack holte er eine Mappe und eine Aktenmappe mit einem Foto darin. Der Mann auf dem Foto war dreiundsechzig Jahre alt, glatzköpfig, hatte mehrere auffällige Tätowierungen und war als Dan Ross bekannt.

Das war nicht sein richtiger Name – aber Finn hieß auch nicht Finn.

KAPITEL 3

Arthritis. Darüber hinaus der verdammte Lupus. Das war ein hübsches Duo, perfekt aufeinander abgestimmt, sein Leben zu einer schmerzhaft pochenden Hölle zu machen. Jeder Knochen knarrte, jede Sehne kreischte, und jede Bewegung fühlte sich an, als würde ihm ein Maultier in den Bauch treten. Dennoch ging er weiter, denn wenn man stehen blieb, blieb man für immer stehen. Er schluckte starke Tabletten, die er eigentlich gar nicht hätte haben dürfen, stülpte sich eine Baseballkappe auf den haarlosen, bleichen Kopf, zog die Krempe tief über die Augen und setzte sich eine Sonnenbrille auf. Er mochte es nicht, wenn die Leute sahen, wohin er schaute. Und er wollte nicht, dass die Leute einen guten Blick auf ihn werfen konnten.

Er stieg in seinen Wagen und fuhr zum Laden. Unterwegs setzte die Wirkung der Medikamente ein, und er fühlte sich besser, was zumindest ein paar Stunden so bleiben würde.

»Danke, Mr. Ross.« Der Verkäufer las den Namen von der Kreditkarte, ehe er sie ihm zusammen mit den Einkäufen zurückgab. »Schönen Tag noch.«

»Ich habe keine schönen Tage mehr«, erwiderte Dan Ross. »Ich habe nur noch letzte Tage.«

Der Verkäufer warf einen Blick auf den Hut, der den haarlosen Kopf bedeckte.

»Kein Krebs«, las Ross die Gedanken des Mannes. »Auch wenn’s vielleicht sogar besser wäre. Würde schneller gehen, wenn Sie wissen, was ich meine.«

Der Verkäufer, Anfang zwanzig und natürlich noch unsterblich, sah nicht so aus, als wüsste er, was Ross meinte. Er nickte unbeholfen und wandte sich dem nächsten Kunden zu.

Ross verließ den Laden und überlegte, was er nun tun sollte. Geldsorgen hatte er nicht. Vater Staat kümmerte sich in seinen alten, elenden Tagen um ihn. Die Pension war erstklassig, die Krankenversicherung ebenso. Wenigstens das bekamen die Bundesbehörden auf die Reihe, wenn schon sonst nichts.

Ross’ Sorgen waren akuter Natur: Er hatte zu viel freie Zeit. Das war sein Hauptproblem. Was als Nächstes unternehmen? Nach Hause fahren und an die Decke starren? Sich ins Restaurant setzen und sich den Bauch vollschlagen? Den Sportsender ESPN gucken und mit den hübschen Kellnerinnen flirten, die ihm dann doch nicht den Tag verschönten? Na ja, träumen durfte er noch – Träume von einer Vergangenheit, als die Ladys ihm mehr als ihre Zeit geschenkt hatten.

Ein tolles Leben führte Ross nicht mehr, das musste er sich eingestehen, während sein Blick unauffällig in sämtliche Richtungen schweifte: Selbst heute konnte er noch immer nicht dem Verlangen widerstehen, seine Umgebung zu beobachten, um festzustellen, ob er beschattet wurde. So wurde man nun mal, wenn über Jahrzehnte hinweg jemand versuchte, einen umzubringen. Gott, wie sehr sehnte er das Ende herbei, einen Schlussstrich unter diese erbärmlichen Tage des ausweglosen Dilemmas, sich zwischen Restaurant und Zuhause entscheiden zu müssen, das seine »Goldenen Jahre« ausfüllte. Mehr als dreißig Jahre lang hatte er sich jeden Monat in einem anderen Bundesstaat aufgehalten. Mit dem Flugzeug, frischem Mut und einer Waffe seiner Wahl die Welt sehen – das war seine Maxime gewesen. Ross erlaubte sich ein wehmütiges Lächeln. Erinnerungen waren alles, was ihm geblieben war. Und der beschissene Lupus. Vermutlich gibt es doch einen Gott. Eine ziemliche Scheiße, das jetzt auf die harte Tour zu erfahren.

Zu Ross’ Pech war sein Beobachtungsvermögen zwar noch gut, aber nicht mehr unfehlbar. Ein Stück entfernt saß Harry Finn in einem Leihwagen und behielt den unverwechselbaren Mr. Ross im Auge. Wohin, Danny? Nach Hause oder ins Restaurant? Ins Restaurant oder nach Hause? Wie tief du gesunken bist.

Finn beobachtete diesen inneren Widerstreit bei Dan Ross schon seit längerer Zeit, und in drei Vierteln aller Fälle hatte Ross sich für das Restaurant entschieden. So auch heute wieder. Er machte kehrt, ging die Straße hinunter und betrat das Edsel Deli, das glänzend lief – seit 1954 schon, wie das Reklameschild über dem Eingang besagte, womit es das Automodell, nach dem es benannt war, eine berüchtigte Schrottmühle aus dem Fünfzigern, um Jahrzehnte überlebt hatte.

Mindestens eine Stunde lang würde Ross im Edsel Deli bleiben, seine Mahlzeit zu sich nehmen und die niedliche Kellnerin mit Blicken verschlingen. Für die anschließende Autofahrt nach Hause brauchte er zwanzig Minuten. Dort setzte er sich in den Garten hinter dem Haus und las Zeitung; danach ging er hinein, machte ein Nickerchen, bereitete sich ein bescheidenes Abendessen zu, sah fern und spielte dann Solitär an dem Tischchen am Vorderfenster, wo ihm eine Lampe die Karten beleuchtete. Damit klang sein Abend aus. Um 21 Uhr erlosch in dem Häuschen das Licht. Dan Ross legte sich schlafen, um am nächsten Morgen aufzuwachen, und dann fing alles wieder von vorne an. Finn konnte sämtliche Alltagshandlungen, mit denen der Alte sein dürftiges Leben gestaltete, im Geiste herunterbeten.

Nachdem Finn den Mann bis in diese Ortschaft verfolgt hatte, waren mehrere Fahrten zu dem Haus erforderlich gewesen, um Ross’ Routineabläufe auszukundschaften. Diese Observation hatte ihm geholfen, den perfekten Plan zur Erledigung seiner Aufgabe auszuhecken.

Ungefähr fünf Minuten bevor Ross voraussichtlich das Edsel Deli verließ, stieg Finn aus dem Wagen, überquerte die Straße, schaute durchs Fenster ins Restaurant und sah Ross hinten an seinem gewohnten Tisch sitzen, den Blick auf die soeben erhaltene Rechnung geheftet. Finn schlenderte zu der Stelle, wo Ross’ Auto parkte. Zwei Minuten später saß er wieder im Mietwagen. Nochmals drei Minuten später kam Ross aus dem Restaurant, schlurfte langsam die Straße entlang, stieg in seinen Wagen und fuhr los.

Finn fuhr in die entgegengesetzte Richtung.

Am Abend wickelte Ross seine üblichen Belanglosigkeiten ab und krönte sie mit einem drei Fingerbreit hoch gefüllten Glas Johnnie Walker Black, das er entgegen aller Warnungen der Beipackzettel mit einer starken Mischung von Schmerzmitteln kombinierte. Nur knapp schaffte er es bis zum Bett, ehe die Lähmung einsetzte. Zuerst erklärte er sie sich durch die Medikamente und empfand die Taubheit sogar als willkommen. Doch als er auf dem Bett lag, befiel ihn mit gelinder Panik der Verdacht, der Lupus könnte mittlerweile zu einer schlimmeren, bösartigeren Form ausgeartet sein. Doch als er plötzlich Atemnot bekam, begriff er, dass ihn etwas anderes ereilt hatte. Eine Herzattacke? Doch wo blieb der Druck auf der Brust, der stechende Schmerz im linken Arm? Ein Schlaganfall? Er konnte noch denken und reden. Er sprach ein paar Sätze, und sie klangen keineswegs genuschelt. Sein Gesicht fühlte sich nicht verzerrt an. Abgesehen von den ständigen Beschwerden hatte er vorher keine Schmerzen gehabt. Das war das Problem; er spürte seine Gliedmaßen nicht mehr. Ross schaute am Arm hinunter auf die linke Hand. Er wollte die Finger aneinanderreiben, doch anscheinend erreichte der Befehl des Gehirns sie nicht.

Doch er hatte im Verlauf des Tages etwas an den Fingern gehabt. Glitschig wie Vaseline war es gewesen. Er hatte gewischt und gewischt, ohne dass die Haut trocken geworden wäre. Zu Hause hatte er sich die Hände gewaschen, und das endlich schien genützt zu haben. Die Finger waren nicht mehr schlüpfrig gewesen. Ross wusste nicht, ob er den Erfolg Wasser und Seife verdankte oder ob der unbekannte Glibber verdunstet war.

Dann erkannte er die Wahrheit, als träfe ihn ein 50er Kaliber. Oder der Glibber ist von meinem Körper aufgenommen worden.

Wo hatte er sich die Finger befeuchtet? Angestrengt dachte er nach. Nicht am Morgen. Nicht im Geschäft, und auch nicht im Restaurant. Danach? Vielleicht, als er sich in den Wagen gesetzt hatte? Am Türgriff! Wäre Ross noch dazu fähig gewesen, hätte das Aha-Erlebnis ihn in die Senkrechte gescheucht. Aber er schaffte es nicht mehr. Er kriegte kaum noch Luft. Aus seinem Mund drang nur noch ein abgehackter Japser. Der Türgriff seines Autos war mit irgendetwas eingeschmiert worden, das ihn nun das Leben kostete. Ross blickte zum Telefon auf dem Nachttisch. Nur ein halber Meter trennte ihn von dem Apparat, doch er nutzte ihm jetzt so wenig, als stünde er in China.

Im Dunkeln erschien eine Gestalt an seinem Bett. Der Mann trug keine Maske. Trotz des Zwielichts konnte Ross seine Gesichtszüge erkennen. Er sah jung und ganz normal aus. Ross hatte schon Tausende solcher Gesichter gesehen und ihnen kaum Beachtung geschenkt. In seinem Beruf war es nie um Normales gegangen, immer nur um Außergewöhnliches. Nicht zu fassen, dass es jemandem wie diesem Mann gelingen sollte, ihn zu töten.

Während Ross immer gequälter atmete, zog der Fremde etwas aus der Tasche und hielt es ihm vors Gesicht. Es war ein Foto, doch Ross konnte nicht erkennen, wen es zeigte. Als Harry Finn das merkte, schaltete er eine kleine Stablampe ein und richtete den Lichtstrahl auf das Foto. Ross’ Blick erforschte das Bild. Trotzdem erkannte er die Person nicht, bis Finn ihm den Namen nannte.

»Jetzt weißt du Bescheid«, sagte Finn leise. »Jetzt weißt du’s.«

Er steckte das Foto weg, verharrte stumm an Ross’ Bett und betrachtete ihn, während die Lähmung sich im Körper des Sterbenden ausbreitete. Finns Blick ruhte auf Ross, bis dieser einen letzten, verkrampften Atemzug tat, ehe die Augen glasig wurden.

Wenige Minuten später durchquerte Finn den Wald hinter Ross’ Haus. Früh am nächsten Morgen saß er in einem Flugzeug, diesmal in der Passagierkabine. Vom Flugplatz aus fuhr er heim, küsste seine Frau, spielte mit dem Hund und holte die Kinder von der Schule ab. Am Abend gingen sie gemeinsam zum Essen aus, um zu feiern, dass die Jüngste, die achtjährige Susie, bei einer Theateraufführung an der Schule einen sprechenden Baum spielen durfte.

Gegen Mitternacht schlich Harry Finn die Treppe hinunter und ging in die Küche, wo George, der treue Labrador-Pudel-Mischling, aus seinem weich gepolsterten Hundekorb sprang und ihn begrüßte. Während er am Küchentisch saß und den Hund streichelte, strich er im Geiste Dan Ross von seiner Liste.

Nun konzentrierte er sich auf den nächsten Namen: Carter Gray, ehemaliger Chef des amerikanischen Geheimdienstimperiums.

KAPITEL 4

Annabelle Conroy streckte die langen Beine und betrachtete die Landschaft, die am Fenster des Amtrak-Acela-Waggons vorüberzog. Sie nahm fast nie die Eisenbahn; im Normalfall reiste sie in achttausend Meter Höhe, naschte Erdnüsse, schlürfte gepanschte Sieben-Dollar-Drinks und brütete den nächsten Coup aus. Heute nahm sie den Zug, weil ihr Begleiter, der eins achtzig große Milton Farb, keinen Fuß in ein Vehikel setzte, das die Fähigkeit und Absicht hatte, vom Boden abzuheben.

»Ein Flugzeug ist das sicherste Reisemittel, Milton«, hatte Annabelle ihn aufgeklärt.

»Nicht, wenn es sich in einer Spirale abwärts schraubt. Dann beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass man ins Gras beißt, satte hundert Prozent. Und diese Aussicht behagt mir überhaupt nicht.«

Mit Genies ließ sich nur schwer diskutieren, hatte Annabelle herausgefunden. Dessen ungeachtet hatte Milton, der Mann mit dem fotografischen Gedächtnis und dem blühenden Talent, Zeitgenossen auf geradezu brillante Weise anzulügen, hervorragende Arbeit geleistet. Nach einer erfolgreichen Aktion waren sie aus Boston abgereist. Ein bestimmter Gegenstand befand sich wieder da, wo er sein sollte, und niemand war auf die Idee gekommen, die Polizei zu rufen. In Annabelles Welt höchst riskanter Gaunereien war so etwas beinahe schon Perfektion.

Als der einzige Stromlinienzug der Amtrak auf dem verschlungenen Weg zur Ostküste dreißig Minuten später in einen Bahnhof rollte, blickte Annabelle aus dem Fenster und erschauderte unwillkürlich, als der Zugführer die Ankunft in Newark/New Jersey bekannt gab. Jersey war Jerry-Bagger-Land, doch zum Glück hielt der Acela nicht in Atlantic City, wo der brutale Kasinokönig seinen Stammsitz hatte. Andernfalls hätte Annabelle den Zug nicht genommen.

Außerdem hatte sie genug Verstand, um zu wissen, dass Jerry Bagger allen Grund hatte, Atlantic City zu verlassen und ihr nachzujagen, ganz gleich, wo sie steckte. Wenn man einen Verrückten wie Bagger um 40 Millionen Dollar beschiss, musste man damit rechnen, dass er keine Kosten und Mühen scheute, einen in die Hände zu bekommen, um ihm tausend Fetzen Fleisch gleichzeitig aus dem Leib zu reißen.

Annabelle sah Milton an, der mit seinem jungenhaften Gesicht und längeren Haaren einem Achtzehnjährigen glich. In Wirklichkeit ging der Mann auf die fünfzig zu. Er beschäftigte sich an seinem Notebook und stellte Berechnungen an, die weder Annabelle noch sonst jemand begreifen konnte, der unter dem geistigen Niveau eines Genies blieb.

Gelangweilt stand Annabelle auf, wechselte hinüber in den Bordimbiss und kaufte ein Bier sowie eine Tüte Chips. Als sie wieder gehen wollte, sah sie auf einem Tischchen eine herrenlose New York Times liegen. Sie setzte sich, trank das Bier und aß Chips, während sie gemächlich die Seiten durchblätterte und nach irgendeiner Information suchte, die der Auslöser zu ihrem nächsten Abenteuer sein könnte. Sobald sie in Washington eintraf, musste sie wichtige Entscheidungen treffen, darunter die, ob sie im Lande bleiben oder ins Ausland verschwinden sollte. Sie wusste genau, wie die Antwort lauten müsste. Derzeit wäre eine unbekannte Insel im Südpazifik der richtige Aufenthaltsort für sie; dort ließe sich der Tsunami namens Jerry Bagger in aller Ruhe aussitzen. Bagger war Mittsechziger, und da sie, Annabelle, eine solche Riesensumme bei ihm abgezockt hatte, war sein Blutdruck wahrscheinlich gewaltig in die Höhe geschnellt. Mit ein bisschen Glück gab er demnächst bei einem Herzinfarkt den Löffel ab, und dann wäre Annabelle wieder frei wie ein Vogel. Aber sie durfte nicht darauf bauen, dass es so kam: Bei jemandem wie Jerry musste man stets damit rechnen, dass einen das Glück verließ.

Die Entscheidung hätte ihr nicht schwerfallen dürfen, und doch hatte sie ihre Probleme damit. Annabelle war mit einem sonderbaren Grüppchen von Männern vertraut geworden – zumindest so vertraut, wie jemand ihres Schlages es sich erlaubte –, das sich Camel Club nannte. Beim Gedanken an dieses Quartett schmunzelte sie vor sich hin. Einer der Männer trug den Namen Caleb Shaw und arbeitete in der Kongressbibliothek. Caleb erinnerte sie stark an den feigen Löwen im Zauberer von Oz. Plötzlich aber schwand das Lächeln aus ihrem Gesicht. Oliver Stone, der Anführer dieses kleinen Klüngels von Außenseitern, war ein gänzlich anderes Kaliber. Er musste eine höllische Vergangenheit hinter sich haben, eine Lebensgeschichte, die sogar Annabelles Werdegang übertraf, der sehr bewegt und ungewöhnlich war, zumal für eine Sechsunddreißigjährige. Sie bezweifelte, dass sie je wieder einem Mann wie ihm begegnen würde.

Annabelle hob den Blick zu einem jungen Mann, der eben an ihr vorüberging und sich keine Mühe gab, seine Bewunderung für ihre hochgewachsene, kurvenreiche Gestalt, die langen blonden Haare und das hübsche Gesicht zu verhehlen, dessen Attraktivität auch nicht von der kleinen, fischförmigen Narbe unter dem Auge beeinträchtigt wurde, ein Andenken an ihren Vater Paddy Conroy, den besten Kleinbetrüger seiner Generation und – jedenfalls nach dem Urteil seines einzigen Kinds – miesesten Vater der Welt.

»Hallo«, sagte der junge Mann. Mit seiner schlanken, sportlichen Figur, dem zerzausten Haar und den teuren Klamotten, die allerdings schon vom Design her billig aussahen, hätte der Bursche einer Reklame von Abercrombie & Fitch entsprungen sein können. Annabelle durchschaute ihn sofort als privilegierten College-Jungen mit weit mehr Geld, als ihm guttat, und dementsprechendem unerträglich schnöselhaften Benehmen.

»Hallo«, antwortete sie und blickte wieder in die Zeitung.

»Wohin fahren Sie?«, fragte er und setzte sich neben sie.

»Nicht dahin, wohin Sie fahren.«

»Aber Sie wissen doch gar nicht, wohin ich fahre«, entgegnete er verschmitzt.

»Genau das ist der springende Punkt, oder?«

Er kapierte gar nicht, was sie meinte, und es interessierte ihn auch nicht. »Ich bin Student. In Harvard.«

»Oh! Darauf wäre ich nie gekommen.«

»Aber ich stamme aus Philly. An der Main Line. Meine Eltern haben dort ein Anwesen.«

»Hui, hui«, gab Annabelle eindeutig desinteressiert zur Antwort. »Es ist nett, Eltern mit einem Anwesen zu haben.«

»Ja, vor allem, wenn die Eltern die halbe Zeit außer Landes sind. Ich gebe heute Abend eine kleine, aber wilde Party. Haben Sie Lust zu kommen?«

Annabelle spürte, wie der Blick des Bürschchens sie von oben bis unten musterte. Na gut. Also ist es wieder mal so weit. Sie wusste, dass es klüger wäre, sich zusammenzureißen, doch bei solchen Typen konnte sie sich einfach nicht zurückhalten.

Sie faltete die Zeitung zusammen. »Keine Ahnung. Wenn Sie wild sagen, wie wild meinen Sie?«

»Wie wild möchten Sie’s denn haben?«

Annabelle sah dem Jungen an, dass ihm das Wort »Schätzchen« auf der Zunge lag, doch er verkniff es sich; auf jeden Fall jetzt noch, am Anfang der Konversation.

»Ich erlebe ungern Enttäuschungen.«

Er berührte sie am Arm. »Ich glaube nicht, dass Sie enttäuscht sein werden.«

Sie lächelte und tätschelte ihm die Hand. »Wovon reden wir eigentlich? Schnaps und Sex?«

»Versteht sich von selbst.« Er drückte ihren Arm. »Übrigens, ich reise Erster Klasse. Wollen Sie sich nicht zu mir setzen?«

»Geht da noch mehr ab außer Schnaps und Sex?«

»Sie wüssten vorher gerne Einzelheiten?«

»Auf die Details kommt es nun mal an, äh …«

»Steve. Steve Brinkman.« Er lachte gekünstelt auf. »Einer von den Brinkmans. Mein Vater ist Vorstandsvorsitzender einer der größten Banken des Landes.«  

»Damit Sie Bescheid wissen, Steve, sollte es auf Ihrer Party bloß Coke geben – und ich meine nicht den Softdrink –, wäre ich bitter enttäuscht.«

»Auf was stehen Sie denn? Ich kann es garantiert besorgen. Ich habe Beziehungen.«

»Goofballs, Dollys, Hog, dazu anständiges Zubehör. Bloß keine Limonade.« Mit dieser Einschränkung meinte sie Drogen minderwertiger Qualität. »Limonade zieht mich immer runter.«

»Wow, Sie kennen sich ja gut aus«, sagte Steve und ließ den Blick nervös über die anderen Fahrgäste im Bordimbiss streifen.

»Schon mal auf Drachenjagd gewesen, Steve?«, fragte Annabelle.

»Äh … nein.«

»Das ist ’ne irre Methode, sich Heroin reinzuziehen. Falls es einen nicht umbringt, geht man auf den tollsten Trip der Welt.«

Er nahm die Hand von ihrem Arm. »Klingt nicht besonders verlockend.«

»Wie alt sind Sie?«

»Zwanzig. Warum?«

»Eigentlich suche ich mir lieber jüngere Männer. Ich finde, wenn ein Typ achtzehn wird, hat er Saft und Kraft schon zum Großteil verspritzt. Kommen auch Minderjährige zu der Party?«

Steve stand auf. »Vielleicht war mein Vorschlag doch nicht so toll.«

»Ach, ich bin nicht wählerisch. Es dürfen gern auch Mädels sein. Ich meine, wen stört es, wenn man vom Crystal Meth nicht mehr richtig aus der Wäsche gucken kann?«

»Ich glaube, wir lassen es lieber gut sein«, sagte Steve ernüchtert. »Tja, dann will ich mal wieder …«

»Eins noch.« Annabelle zückte die Damenbrieftasche und zeigte einen gefälschten Dienstausweis vor. »Kennen Sie das Kürzel DEA?«, fragte sie halblaut. »Drogenfahndung?«

»O Gott!«

»Dank der Angaben, die Sie mir über das Anwesen der Brinkmans an der Main Line gemacht haben, fällt es meinem Einsatzteam bestimmt nicht schwer, diesen Wohnsitz zu finden. Das heißt, sollten Sie noch immer die Absicht verfolgen, Ihre geile Party zu schmeißen.«

»Scheiße … oh, bitte, ich schwör’s bei Gott, ich hab bloß …« Er hob eine Hand, um sich an den Kopf zu fassen. Annabelle packte sie und quetschte ihm die Finger zusammen.

»Studier in Harvard, Steve. Sobald du fertig bist, kannst du dir von mir aus nach Lust und Laune das Leben versauen. Aber sei in Zukunft vorsichtig, wenn du in der Eisenbahn fremde Frauen anbaggerst.«

Annabelle sah ihm nach, während er durch den Gang hastete und endlich wohlbehalten in der Ersten Klasse verschwand. Sie leerte das Bier und las gelassen die letzten beiden Seiten der Zeitung. Dann war plötzlich sie diejenige, der das Blut aus dem Gesicht wich.

In einer Villa an der portugiesischen Küste war ein halbtot geprügelter Amerikaner aufgefunden worden, den man als Anthony Wallace identifiziert hatte. Drei weitere Personen hatte man ermordet in der Villa aufgefunden, die an einem einsamen Strandabschnitt lag. Man hielt Raub für das Motiv. Zwar lebte Wallace noch, befand sich aufgrund schwerer Hirnverletzungen jedoch im Koma, und die Ärzte hatten keine große Hoffnung, dass er durchkam.

Annabelle riss den Bericht aus der Zeitung und kehrte unsicheren Schrittes an ihren Platz zurück.

Jerry Bagger hatte Tony erwischt, einen ihrer Komplizen bei der Das-Große-Geld-Nummer! In einer Villa? Annabelle hatte Tony ausdrücklich eingeschärft, sich bedeckt zu halten und nicht mit Geld um sich zu werfen. Der Trottel hatte nicht auf sie gehört, und jetzt war er hirntot. Normalerweise ließ Jerry keine Zeugen am Leben.

Was hatte Jerry aus Tony herausprügeln können? Annabelle kannte die Antwort auf diese Frage. Alles.

Milton hörte auf, die Tasten des Notebooks zu quälen, und hob den Blick zu Annabelles Gesicht, als sie zurückkam. »Fühlen Sie sich nicht wohl?«

Sie sagte nichts. Während der Zug in Richtung D. C. jagte, schaute sie wieder aus dem Fenster, sah die Landschaft von Jersey aber nicht mehr. All ihre Zuversicht war verflogen, all ihre Gedanken kreisten nur noch um die drastischen Einzelheiten des qualvollen Todes, den Jerry Bagger für sie plante.

KAPITEL 5

Es gelang Oliver Stone, den alten, bemoosten Grabstein in die Senkrechte zu stemmen. Anschließend drückte er ringsum Erde in den Untergrund, damit der Stein aufrecht stehen blieb. Stone kauerte sich hin und wischte sich den Schweiß von der Stirn. In der Nähe stand ein Kofferradio, das einen Lokalsender empfing. Stone lechzte so sehr nach Informationen, wie andere Menschen Sauerstoff benötigten. Während er den Meldungen lauschte, durchfuhr ihn unerwartet ein Ruck. Am Nachmittag sollte im Weißen Haus feierlich eine Auszeichnung, der höchste zivile Orden, verliehen werden, die Presidential Medal of Freedom, und zwar an Carter Gray, den kürzlich zurückgetretenen Chef der US-Geheimdienste. Gray habe fast vier Jahrzehnte lang dem Vaterland hervorragende Dienste geleistet, erklärte der Sprecher und zitierte den Präsidenten dahingehend, Carter Gray sei ein Mann, auf den ganz Amerika stolz sein dürfe, ein wahrer Patriot und Mann des Volkes.

Dieser Einschätzung stimmte Stone nicht gerade zu. In der Tat war er sogar dafür verantwortlich gewesen, dass Carter Gray unvermittelt von seinem Posten als Geheimdienstzar der Nation zurückgetreten war.

Wenn der Präsident doch nur wüsste, dachte Stone, dass der Mann, dem er heute den Orden verleiht, derselbe ist, der ihm eine Kugel in den Kopf jagen wollte.

Aber für diese Wahrheit war die Nation keinesfalls reif.

Stone blickte auf die Uhr. Sicherlich kamen die Toten ein Weilchen ohne ihn zurecht.

Als er eine Stunde später geduscht und sich umgezogen hatte, verließ er das Friedhofsgärtnerhäuschen in seiner besten Kleidung, die einem Secondhandladen der Heilsarmee entstammte, denn als Friedhofsgärtner des Mt. Zion Cemetery, der letzten Ruhestätte berühmter Afroamerikaner des 19. Jahrhunderts, waren Stones Einkünfte nicht gerade üppig. Den Weg vom Rande Georgetowns bis zum Weißen Haus legte Stone dank der langen Schritte seiner hageren Hünengestalt zügig zurück.

Trotz seiner einundsechzig Jahre hatte er nur wenig von seiner Vitalität und Spannkraft verloren. Mit seinem kurzen weißen Haar hätte er ein pensionierter Kompaniechef der Marines sein können, und in gewisser Weise war er das auch, bloß hatte sein buntscheckiges Regiment, das sich Camel Club nannte, einen vollkommen inoffiziellen Status. Es bestand aus ihm und drei anderen Männern: Caleb Shaw, Reuben Rhodes und Milton Farb.

Mittlerweile könnte Stone einen weiteren Namen hinzufügen: Annabelle Conroy. Das letzte Abenteuer hätte nicht nur die Clubmitglieder, sondern auch Annabelle beinahe das Leben gekostet. Sie war die geistig flexibelste, tüchtigste und verwegenste Frau, die Stone je kennengelernt hatte. Doch sein Gefühl sagte ihm, dass diese Frau, die sich derzeit mit Milton Farb um eine unerledigte Angelegenheit kümmerte, ihnen in Kürze den Rücken zukehren würde. Jemand hatte es auf Annabelle abgesehen; das wusste Stone – jemand, vor dem sie schreckliche Angst hatte. Unter solchen Umständen war es das Klügste, das Weite zu suchen; eine derartige Reaktion konnte Stone nachvollziehen.

Vor ihm befand sich nun das Weiße Haus. Niemals würde man ihm gestatten, das beinahe heilige Eingangstor zu durchqueren; er durfte nicht einmal die dortige Straßenseite der Pennsylvania Avenue betreten. Aber er konnte auf der gegenüberliegenden Seite im Lafayette Park lauern. Dort hatte er sogar ein Zelt stehen gehabt, bis er vor Kurzem vom Secret Service genötigt worden war, selbiges zu entfernen. Doch sein Schild stand noch da: Zwischen zwei in den Rasen gerammten Eisenstangen prangte nach wie vor die Aufschrift: Ich will die Wahrheit wissen. Gerüchten zufolge dürsteten vor Ort noch ein paar andere Leute nach der Wahrheit. Allerdings hatte Stone bislang nie gehört, dass jemand sie in der Welthauptstadt des Lugs und Trugs gefunden hätte.

Er vertrieb sich die Zeit, indem er mit einigen ihm bekannten, uniformierten Secret-Service-Agenten ein Schwätzchen hielt. Als das Tor des Weißen Hauses geöffnet wurde, beendete er das Gespräch und beobachtete die schwarze Limousine, die das Gelände verließ. Durch die dunklen Fahrzeugfenster konnte er nichts erkennen, doch aus irgendeinem Grund wusste er, dass in dem Viertürer Carter saß. Vielleicht lag es am Geruch, den der Kerl verströmte.

Stones Gespür erwies sich als richtig, als sich das Seitenfenster senkte und er sich mit einem Mal Auge in Auge mit dem ehemaligen Geheimdienstchef, neuen Medal-of-Freedom-Träger und ausgesprochenen Oliver-Stone-Hasser sah.

Als das Auto verlangsamte, um auf die Straße einzubiegen, starrte Grays bebrilltes Mondgesicht Stone ausdruckslos an. Dann hob Gray die große, glänzende Medaille hoch, um sie Stone zu zeigen.

Da er mit keinem eigenen Orden kontern konnte, beschloss Stone, mit dem Stinkefinger zu antworten. Grays Lächeln verwandelte sich in ein Zähnefletschen, und das Seitenfenster schloss sich.

Stone wandte sich ab und trat den Rückweg zum Friedhof mit dem Gefühl an, dass der Ausflug sich gelohnt hatte.

Als Carter Grays Wagen in die Siebzehnte Straße abbog, nahm ein anderes Auto die Verfolgung auf. Es gehörte Harry Finn, der am Morgen in den D. C. gefahren war. Auch er hatte von Grays großem Tag im Weißen Haus gehört, und so wie Oliver Stone hatte er sich dort eingefunden, um den Mann zu beobachten. Doch während Stone dem verabscheuten Politfunktionär bloß seinen Trotz bekunden wollte, wollte Finn weiter daran arbeiten, ein geeignetes Vorgehen zur Liquidierung Grays zu ersinnen.

Die Fahrt führte aus dem D. C. nach Maryland, zum Küstenort Annapolis an der Chesapeake Bay, die unter anderem bekannt war für ihre Krabbenkuchen und den Sitz der US-Marineakademie. Kürzlich hatte Carter Gray seinen Wohnsitz im fernen Virginia veräußert und stattdessen ein abgelegenes Haus an der Bucht erworben, idyllisch auf einer Klippe gelegen. Da er nicht mehr zum Regierungsstab zählte, genoss er heute erheblich weniger Personenschutz als früher. Allerdings erhielt er als vormaliger Chef der Central Intelligence nach wie vor täglich Lageberichte. Und man hatte ihm zwei Bodyguards zugeteilt, da er durch seine einstige Tätigkeit viele Feinde Amerikas vor den Kopf gestoßen hatte, die ihm nun nur allzu gern eine Kugel ins Hirn gejagt hätten.

Finn war sich bewusst, dass es wesentlich schwieriger sein würde, Gray zu töten, als jemanden wie Dan Ross. Eben wegen dieser erhöhten Anforderungen war seine heutige Fahrt nur eine von unzähligen, die er unternommen hatte, um Gray zu observieren. Jedes Mal hatte er ein anderes Fahrzeug benutzt, alle unter falschen Namen gemietet, und Verkleidungen getragen, um der Erstellung eines Bewegungsprofils vorzubeugen. Selbst wenn er hin und wieder im Stadtverkehr den Anschluss an die Limousine verlor, kannte er deren Ziel doch genau. Er brach die Verfolgung erst ab, als der Wagen auf einen privaten Kiesweg abbog, an dessen Ende Grays Haus und die Klippe standen, an deren Fuß, zehn Meter tiefer, die Brandung gegen den Fels anrollte.

Später observierte Finn, während er in einem Baum kauerte, durch ein Fernglas gewisse Vorgänge in Grays Villa, deren Kenntnis es ihm vielleicht ermöglichten, den Mann zu töten. Er schmunzelte vor sich hin, als ziemlich schnell ein brauchbarer Plan in ihm heranreifte.

Am Abend fuhr er seine Tochter Susie zum Schwimmunterricht. Während er auf der Zuschauerbank saß und voller Stolz ihren kleinen Körper mit vollendeten Bewegungen durchs Schwimmbecken gleiten sah, malte er sich die letzten Sekunden in Carter Grays Leben aus. Sie sollten ihm all die Mühe wert sein.

Er kehrte mit seiner Tochter nach Hause zurück, half dabei, sie und ihren zehnjährigen Bruder Patrick ins Bett zu bringen, hatte anschließend Streit mit seinem älteren Sohn David, dem Teenager, und spielte später auf der Zufahrt zum Haus mit dem Jungen Basketball, bis sie beide schwitzten. Danach schlief er mit seiner Frau Amanda, die alle nur Mandy nannten. Um Mitternacht stand er aus Ruhelosigkeit wieder auf und machte die Pausenbrote für den nächsten Schultag. Außerdem unterschrieb er für seinen Ältesten eine Einverständniserklärung für die Teilnahme an einer Klassenfahrt zum Capitol und anderen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Im nächsten Jahr sollte David zur High School gehen. Der Junge beschäftigte sich gerne mit Mathematik und anderen wissenschaftlichen Fächern. Vielleicht, überlegte Finn, wird er mal Ingenieur. Da er ebenfalls entsprechende Neigungen besaß, hätte er beinahe selbst diese Laufbahn eingeschlagen, hätte sein Leben nicht einen ganz anderen Verlauf genommen: Er war zur Marine gegangen, zu einer Eliteeinheit.

Finn war ehemaliger Navy-SEAL und konnte auf heikle Spezialaufträge und gefährliche Kampfeinsätze zurückblicken. Zudem verfügte er dank der Immersionsschule in Kalifornien über einzigartige Fremdsprachenkenntnisse, darunter Arabisch, sogar in mehreren Dialekten, die er sich angeeignet hatte, als er später in verschiedenen Teilen der arabischen Welt eingesetzt worden war. In seinem derzeitigen Beruf reiste er viel, war aber auch häufig zu Hause. Er versäumte kaum ein sportliches Großereignis und selten eine wichtige Schulveranstaltung. Er war stets für seine Kinder da und hoffte, dass sie später für ihn da sein würden.

Nachdem er die Pausenbrote geschmiert hatte, zog er sich in sein kleines Arbeitszimmer zurück und machte sich daran, seine Planung bezüglich Carter Gray zu konkretisieren. Schon aus praktischen Erwägungen durfte sein Vorhaben keinerlei Ähnlichkeiten mit dem Vorgehen gegen Dan Ross aufweisen. Doch Finn hatte noch nie Äpfel mit Birnen verwechselt. Als Killer musste man besonders flexibel sein.

Finns Blick fiel auf die Fotos seiner drei Sprösslinge, die am Schreibtischrand aufgereiht standen. Geburt und Tod. Für jeden lief es gleich ab. Am Anfang begann man zu atmen, zum Schluss hörte man damit auf. Was man in der Zwischenzeit tat, bestimmte darüber, wer und was man war. Doch Harry Finn hätte Probleme gehabt, sich in eine bestimmte Kategorie einzuordnen. Manchmal verstand er sich selbst nicht richtig.

KAPITEL 6

Der Leihwagen hielt vor dem Friedhofstor, als Oliver Stone gerade mit der Arbeit fertig war. Als er sich die Hose abklopfte, wobei er das Auto im Auge behielt, hatte er ein Déjà-vu-Erlebnis: Schon einmal hatte sie sich so verhalten und war schließlich zurückgekehrt. Irgendwie hatte Stone nicht damit gerechnet, dass dies noch einmal geschehen würde.

Annabelle Conroy stieg aus dem Wagen und ging durch das offene Friedhofstor. Ihr langer schwarzer Mantel wogte im Wind und gab den Blick frei auf ein knielanges braunes Kleid und Stiefel; ihr Haar blieb unter einem breitrandigen Schlapphut verborgen. Stone machte die Tür des kleinen Schuppens zu, der nahe seines Friedhofsgärtnerhäuschens stand, und verriegelte das Vorhängeschloss.

»Milton hat mir erzählt, die Reise nach Boston war ein großer Erfolg«, sagte Stone. »Ich bezweifle, dass ich die Bezeichnungen ›brillant‹, ›umwerfend‹ und ›unschlagbar‹ im Zusammenhang mit ein und derselben Person jemals in einem Atemzug gehört habe. Ich hoffe, Sie erkennen sich wieder.«

»Milton wäre ein großartiger Schwindler. Aber das soll nicht heißen, dass ich so ein Leben jemandem empfehlen würde, für den ich ehrlich etwas übrig habe.«

»Er sagte, auf der Rückfahrt hätten Sie einen besorgten Eindruck gemacht. Ist etwas passiert?«

Annabelle richtete den Blick auf das Häuschen. »Können wir uns da drin unterhalten?«

Das Innere von Stones Friedhofsgärtnerhäuschen als spartanisch zu beschreiben wäre eine großzügige Übertreibung gewesen. Ein paar Sitzmöbel, ein paar alte Tische, durchhängende Regale voller Bücher in zahlreichen Sprachen und ein antiker, wurmstichiger Doppelschreibtisch, dazu eine kleine Einbauküche, ein Schlafzimmer und ein winziges Bad ergaben auf insgesamt 60 Quadratmeter Stones häusliches Domizil.

Sie setzten sich an den kalten Kamin, wo die bequemsten, weil einzigen gepolsterten Sitzgelegenheiten standen.

»Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass ich abreise«, sagte Annabelle. »Aber nach allem, was geschehen ist, schulde ich Ihnen wohl eine Erklärung.«

»Sie schulden mir gar nichts.«

»Kommen Sie mir bloß nicht so!«, maulte sie ihn an. »Es fällt mir schwer genug. Also, hören Sie zu.« Stone lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und wartete. Annabelle zog einen ausgerissenen Zeitungsartikel aus der Jacketttasche und reichte ihn Oliver. »Lesen Sie zuerst mal das hier.«

»Wer ist dieser Anthony Wallace?«, erkundigte sich Oliver, nachdem er den Text gelesen hatte.

»Jemand, mit dem ich zusammengearbeitet habe«, antwortete sie ausweichend.

»Bei einem Schwindel?« Zerstreut nickte Annabelle. »Und nun gab es drei Tote, und dieser Wallace ist auch so gut wie hinüber?«

Annabelle erhob sich und ging auf und ab. »Das ist es ja, was mich schier in den Wahnsinn treibt. Ich hatte Tony geraten, sich bedeckt zu halten und nicht mit Geld um sich zu werfen. Und was hat er getan? Das genaue Gegenteil. Jetzt sind drei Unschuldige tot. Drei Menschen, denen nichts hätte zustoßen dürfen.«

Stone tippte mit dem Finger auf den Zeitungsartikel. »Wenn ich das hier richtig verstehe, wird Mr. Wallace demnächst wohl ein Quartett daraus machen.«

»Tony war kein Unschuldslamm. Er wusste genau, worauf er sich einließ.«

»Und worauf hat er sich eingelassen?«

Annabelle blieb stehen. »Oliver, ich mag Sie und achte Sie. Nur ist es so, dass diese Sache ein bisschen … nun ja …«

»Ein bisschen illegal war? Ich hoffe, Ihnen ist klar, dass mich so etwas nicht aus den Latschen haut.«

»Es stört Sie nicht?«

»Nichts, was Sie möglicherweise angestellt haben, kann etwas von dem übertreffen, was ich im Leben schon gesehen habe.«

Sie hob den Kopf. »Gesehen oder getan?«

»Wer ist hinter Ihnen her? Und warum?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Doch, durchaus – wenn Sie möchten, dass ich Ihnen helfe.«

»Ich möchte keine Hilfe. Ich will lediglich, dass Sie verstehen, weshalb ich fortmuss.«

»Glauben Sie wirklich, dass Sie allein sicherer sind?«

»Ich glaube, Sie und Ihre Freunde sind sicherer, wenn ich mich nicht in Ihrem Dunstkreis aufhalte.«

»Danach habe ich nicht gefragt.«

»Ich habe schon oft in der Klemme gesteckt, Stone, und es noch jedes Mal geschafft, mich herauszuwinden.«

»Auch aus einer so gefährlichen Klemme?« Stones Blick streifte den Zeitungsbericht. »Offenbar versteht Ihr Widersacher keinen Spaß.«

»Tony hat einen Fehler begangen, einen schweren Fehler. Das habe ich nicht vor. Ich halte mich bedeckt, solange nötig, und bleibe so weit von hier weg wie möglich.«

»Bloß wissen Sie nicht, was Tony alles ausgeplaudert hat. Hat er gewusst, womit man Sie aufspüren kann?«

Annabelle setzte sich auf eine Kante des Kamins. »Kann sein«, antwortete sie angespannt. »Wahrscheinlich.«

»Dann haben Sie umso mehr Grund, sich auf keinen Fall allein der Gefahr zu stellen. Wir können Sie beschützen.«

»Oliver, ich weiß Ihren Vorschlag zu schätzen, aber Sie haben keine Ahnung, was für ein Risiko Sie eingehen würden. Dieser Kerl ist der schlimmste Abschaum. Und er hat Geld und Macht. Außerdem war es gesetzwidrig, was ich getan habe. Sie würden sich in Lebensgefahr bringen, wenn Sie mir helfen. Und mehr noch: Sie würden eine Kriminelle begünstigen.«

»Beides wäre nicht das erste Mal«, gab Stone zur Antwort.

»Wer sind Sie?«, fragte Annabelle.

»Sie wissen alles über mich, was Sie wissen müssen.«

»Und ich dachte, ich wäre eine Weltklasselügnerin.«

»Wir verschwenden Zeit. Erzählen Sie mir etwas über den Mann.«

Annabelle rieb die langen, schmalen Finger aneinander und holte tief Atem. »Sein Name ist Jerry Bagger. Ihm gehört das Kasino Pompeji, das größte in Atlantic City. Vor Jahren hat man ihn aus Vegas verjagt, weil er als Brutalo galt. Ohne Übertreibung – er reißt Ihnen die Eingeweide aus dem Leib, wenn Sie versuchen, in seinem Kasino auch nur einen Fünf-Dollar-Chip zu klauen.«

»Um wie viel haben Sie ihn erleichtert?«

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Um beurteilen zu können, wie stark seine Motivation ist, Ihnen nachzujagen.«

»Vierzig Millionen Dollar. Betrachten Sie das als ausreichende Motivation?«

»Ich bin beeindruckt. Ich kann mir denken, dass jemand wie Bagger sich nicht so leicht über den Tisch ziehen lässt.«

Annabelle erlaubte sich ein Schmunzeln. »Ich gebe zu, es war eine meiner gelungensten Aktionen. Aber Bagger ist brandgefährlich, zumal er ein Irrer ist. Wenn er glaubt, dass dieser oder jener mir hilft, ist die betreffende Person ebenso gefährdet wie ich. Bagger unterzieht sie der gleichen Behandlung: Tod durch Qualen, große Qualen.«

»Weiß er, dass Sie im D. C. sind?«

»Nein. Die anderen ebenso wenig.«

»Also war noch jemand an Ihrem Coup beteiligt? Bagger könnte sich auch diese Leute vorknöpfen.«

»Vielleicht. Aber wie gesagt – auch sie wissen nicht, wo ich bin.«

Stone nickte. »Allerdings haben wir zurzeit keine Ahnung, was Bagger tatsächlich weiß oder nicht. Ich bin mir sicher, dass zu den Einzelheiten, die über unser kleines Abenteuer rund um die Kongressbibliothek an die Öffentlichkeit gelangt sind, weder Ihr Name noch Ihr Bild zählten. Trotzdem gibt es keine völlige Gewissheit, dass Sie nicht irgendeine Spur hinterlassen haben, die dem Kerl helfen könnte, Sie ausfindig zu machen.«

»Ursprünglich wollte ich mich in den Südpazifik absetzen.«

Stone schüttelte den Kopf. »Flüchtige verschwinden immer in den Südpazifik. Vermutlich wird Bagger genau dort zuerst nach Ihnen suchen.«

»Sie veräppeln mich.«

»Ein bisschen, ja. Aber nur ein bisschen.«

»In Wirklichkeit meinen Sie, ich sollte hierbleiben?«

»Ja. Ich unterstelle, dass Sie Ihre Spuren gut verwischt haben. Es gibt keine Hinweise auf Ihren jetzigen Aufenthaltsort, oder? Keine Namen, Reiseplanungen, Telefonnummern, eingeweihte Bekannte?«

Annabelle schüttelte den Kopf. »Es war ein ziemlich spontaner Entschluss, hierherzureisen. Alles lief unter falschem Namen.«

»Am klügsten wäre es, unauffällig herauszufinden, was Bagger weiß.«

»Sie können sich unmöglich in die Nähe dieses Verrückten wagen, Oliver. Das wäre Selbstmord.«

»Ich weiß, wie man sich informiert, also lassen Sie mich nur machen.«

»Ich habe noch nie jemand gebeten, mir zu helfen.«

»Bei mir hat es ebenfalls Jahrzehnte gedauert.«

Annabelle machte ein erstauntes Gesicht. »Aber inzwischen sind Sie froh, dass Sie es getan haben?«

»Ja. Denn nur deshalb bin ich noch am Leben. Ziehen Sie in ein anderes Hotel um. Geld genug scheinen Sie ja zu haben.«

»Geld spielt keine Rolle.« Annabelle erhob sich, ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, Oliver.«

»Hoffen wir, dass Sie das noch sagen können, wenn alles überstanden ist.«

KAPITEL 7

»Hältst du mich für bescheuert?«, brüllte Jerry Bagger, rammte den Mann gegen die Wand des luxuriösen Büros in der 23. Etage des Kasino Pompeji und drückte ihm mit dem Unterarm die Luft ab. Die Jalousien der Fensterfront waren geschlossen. Bagger schloss stets die Rollos, wenn er auf der Ledercouch eine willige Dame flachlegte oder jemanden, der es verdiente, windelweich prügelte. Nach seinem Empfinden gehörten solche Dinge zum Privaten. Das galt ihm als Ehrensache.

Der Mann gab auf Baggers Frage keine Antwort, vor allem deshalb nicht, weil er keine Luft mehr bekam. Bagger erwartete auch gar keine Antwort. Sein erster Hieb brach dem Mann die Nase. Der zweite Schlag kostete ihn einen Schneidezahn. Nun fing der Mann zu flennen an und sank in sich zusammen. Zur Abrundung trat Bagger ihm in den Leib, worauf der Mann sich würgend erbrach. Als sein Mageninhalt sich auf dem teuren Teppich aus Merinowolle ausbreitete, mussten Baggers Bodyguards eingreifen, um ihren wutentbrannten Boss von seinem Opfer fernzuhalten, ehe noch Schlimmeres geschah.

Man schleifte den Nichtsnutz aus dem Büro, wobei er schluchzte, blutete und um Entschuldigung nuschelte. Bagger nahm hinter dem Schreibtisch Platz und rieb sich die schmerzenden Handgelenke. »Bobby«, knurrte er und warf einen bitterbösen Blick auf seinen Sicherheitschef, »ich schwöre bei Gott, wenn du mir noch mehr solche Pisser herbringst, die behaupten, sie wüssten etwas über Annabelle Conroy, mir dann aber nur Scheiße erzählen und mich ausnehmen wollen, mach ich deine Mutter kalt. Ich mag die Alte, aber dann murks ich sie ab! Hast du kapiert?«

Der stämmige schwarze Sicherheitschef prallte einen Schritt zurück und schluckte nervös. »Soll nie wieder vorkommen, Mr. Bagger. Tut mir leid, Sir. Wirklich, Boss, tut mir echt leid.«

»Jedem Arsch tut immer alles leid!«, brüllte Bagger. »Aber kein Schwein unternimmt einen Scheiß, dass ich dieses Miststück in die Hände kriege!«

»Wir dachten, wir hätten einen Hinweis entdeckt. Eine vielversprechende Spur …«

»Ihr dachtet? Ihr dachtet? Dann hört lieber auf zu denken!« Bagger drückte auf dem Schreibtisch eine Taste, und die elektrischen Rollos öffneten sich. Er sprang auf und schaute aus dem Fenster. »Diese Nutte hat mich um vierzig Millionen Mäuse geschröpft. Dadurch könnte mein gesamtes Unternehmen pleitegehen, ist dir das eigentlich klar, Bobby? Ich habe nicht mal genügend Rücklagen, dass ich die Steuervorauszahlungen blechen kann. Käme uns jetzt so ein Erbsenzähler vom Finanzamt ins Haus, um die Bücher zu prüfen, könnte dieser Heini mir glatt den Laden dichtmachen. Mir! Früher hat man diese Arschlöcher geschmiert, aber heute? Heute werden die Fahnen der Korruptionsbekämpfung, der Wirtschaftsethik und ähnlicher Stuss hochgehalten, da läuft so was nicht mehr. Merk dir meine Worte: Dieser ganze Offenlegungswahn wird unsere Nation irgendwann kaputt machen!«

»Wir finden die Frau, Boss«, beteuerte der Sicherheitschef, »und holen Ihr Geld zurück.«

Bagger erweckte den Eindruck, als höre er gar nicht zu. »Überall sehe ich diese Schlampe vor Augen«, sagte er, während er tief hinunter auf die Straße starrte. »In meinen Träumen, in der Suppe, im Spiegel, wenn ich mich rasiere … verdammt, sogar beim Pinkeln sehe ich sie in der Kloschüssel. Es treibt mich noch in den Wahnsinn!« Er setzte sich auf die Couch und versuchte sich zu beruhigen. »Was gibt es für Neuigkeiten über unseren Freund Tony Wallace?«

»Inzwischen haben wir in Portugal einen Spitzel in der Klinik. Der Wichser liegt unverändert im Koma. Aber selbst wenn er wieder zu sich kommen sollte, hat er nicht viel davon. Unser Informant sagt, der Knabe behält einen bleibenden Dachschaden.«

»Den hatte er schon, bevor wir ihn uns zur Brust genommen haben.«

»Wissen Sie, Boss, wir hätten ihn abservieren sollen, so wie die anderen.«

»Ich habe dem Penner mein Wort gegeben. Er hat erzählt, was er wusste, also darf er weiterleben – so lautete unsere Abmachung. Ich finde, wenn einer hirntot ist, dann ist er durchaus noch am Leben. Manche Menschen leben in diesem Zustand noch vierzig, fünfzig Jahre. Es ist, als bliebe man Kleinkind, bis man achtzig ist. Man wird durch ’nen Schlauch ernährt, kriegt täglich den Hintern gewischt und spielt mit Bauklötzen. Zugegeben, das pralle Leben ist das nicht, aber ich hab mein Wort gehalten. Sollen die Leute mir ruhig nachsagen, ich wäre launisch oder gewalttätig, aber keiner kann mir nachsagen, ich hätte jemals mein Wort gebrochen. Und weißt du, warum das so ist?«

Unsicher schüttelte der Sicherheitschef den Kopf; offenbar konnte er nicht genau beurteilen, ob sein Boss eine Antwort hören wollte oder nicht.

»Weil ich noch Werte kenne, darum. Und nun raus mit dir.«

Als er allein war, nahm Bagger wieder an seinem Schreibtisch Platz und stützte den Kopf in die Hände. Nie hätte er es jemandem eingestanden, doch in all den Hass und all die Wut, die er für Annabelle Conroy empfand, mischte sich eine widerwillige, aber ehrliche Bewunderung. »Annabelle«, sagte er laut, »du bist die fähigste Trickserin der Welt. Mit dir zusammenzuarbeiten wäre ein Vergnügen gewesen. Und wahrscheinlich hast du den knackigsten Hintern, den ich je befummelt habe. Deshalb ist es eine Affenschande, dass du so blöd warst, dich mit mir anzulegen, denn jetzt muss ich dich leider kaltmachen. Ich muss ein Exempel an dir statuieren. Es ist eine Schande, aber es geht nicht anders.« Nicht allein der Verlust der 40 Millionen Dollar ärgerte Bagger. Seitdem die Sache sich herumgesprochen hatte, waren die Trickbetrüger in seinem Kasino immer dreister geworden. Und seine Geschäftspartner und Konkurrenten benahmen sich nicht mehr so respektvoll wie zuvor, weil sie spürten, dass Bagger nicht mehr unangefochten an der Spitze stand, dass auch er Schwachstellen hatte. Anrufen folgten keine sofortigen Rückrufe mehr. Aufträge, auf deren unverzügliche Erledigung er sich früher hatte verlassen können, wurden nicht mehr zuverlässig ausgeführt. »Ein Exempel«, wiederholte Bagger. »Um diesen Arschlöchern zu zeigen, dass ich noch immer der Größte bin und mit jedem Tag mächtiger werde. Und ich finde dich, Annabelle. Ich finde dich.«

KAPITEL 8

Der Kontaktmann, an den Oliver Stone sich zwecks Informationsbeschaffung wandte, war der ehemalige Secret-Service-Agent Alex Ford, Ehrenmitglied des Camel Clubs. Die beiden Männer vertrauten einander uneingeschränkt, und Stone wusste, Ford war die einzige Informationsquelle, die ihm diskret zu Aufschlüssen verhelfen konnte.

»Besteht irgendein Zusammenhang mit dieser Frau, mit der du kürzlich Umgang hattest?«, erkundigte sich Alex, als Stone anrief und ihm seine Bitte vortrug. »Sie hieß Susan, nicht wahr?«

»Es hat nichts mit ihr zu tun«, log Stone. »Sie reist in diesen Tagen ab. Es geht um etwas anderes, in das ich verwickelt bin.«

»Für einen Friedhofsgärtner kommst du ganz schön herum.«

»Es hält mich jung.«

»Das FBI kann auch ein bisschen aushelfen. Nach dem, was du beim letzten Mal für die Jungs geleistet hast, sind sie es dir schuldig. Wann musst du Bescheid wissen?«

»So schnell wie möglich.«

»Nur der Vollständigkeit halber, ich habe von diesem Jerry Bagger gehört. Das Justizministerium sucht schon seit Langem nach einer Handhabe, um den Burschen auszuhebeln.«

»Sicher nicht ohne Grund. Danke, Alex.«

Reuben Rhodes und Caleb Shaw besuchten Stone am Abend in seinem Friedhofsgärtnerhäuschen. Caleb stand vor einer wichtigen Entscheidung und war schrecklich aufgeregt.

»Man hat mich gefragt, aber ich weiß nicht, ob ich einwilligen soll«, jammerte er. »Ich weiß es einfach nicht!«

»Die Kongressbibliothek hat also vor, dich zum Leiter der Raritätenabteilung zu ernennen«, sagte Stone. »Für mich klingt das nach einer großartigen Beförderung, Caleb. Was gibt es da zu überlegen?«

»Na hör mal«, entgegnete Caleb unwirsch. »Wenn man bedenkt, dass der Posten nur deshalb frei geworden ist, weil der vorherige Abteilungsleiter der Bibliothek auf grässlichste Weise ermordet wurde und der diensthabende Leiter infolge der Ereignisse einen Nervenzusammenbruch erlitten hat – würdest da nicht auch erst mal nachdenken?«

»Ach was, Caleb, greif zu«, sagte Reuben. »Wer könnte denn gegen einen feschen jungen Platzhirsch wie dich irgendwelche Einwände haben?«

Als Mittfünfziger von mittlerer Größe und leicht schwammiger Gestalt, bar aller Sportlichkeit und jeglichen persönlichen Mutes, empfand Caleb diese Bemerkung keineswegs als lustig.

»Du sagtest, du kriegst mehr Geld«, rief Stone ihm in Erinnerung. »Sogar erheblich mehr.«

»Ja, aber wenn das bloß bedeutet, dass ich mir ein schöneres Begräbnis leisten kann, bin ich nicht interessiert.«

»Aber wenn jemand auch dich abmurkst, würdest du deinen Freunden mehr hinterlassen«, meinte Reuben bärbeißig. »Wenn das kein Trost ist, weiß ich auch nicht.«

»Ich kann selbst nicht begreifen«, erwiderte Caleb hitzig, »warum ich dich überhaupt nach deiner Meinung frage!«

Reuben wandte seine Aufmerksamkeit Stone zu. »Hast du in letzter Zeit Susan gesehen?« Annabelles richtigen Namen kannte ausschließlich Stone.

»Sie kam gestern vorbei, allerdings nur für ein paar Minuten. Sie und Milton haben den Fall sauber abgewickelt. Das gute Stück ist wieder da, wohin es gehört.«

»Ich gebe zu, sie hat Wort gehalten«, sagte Caleb.

»Wenn ich sie doch nur überreden könnte, mit mir auszugehen«, sinnierte Reuben. »Dauernd hat sie andere Pläne. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich abblitzen lässt oder nicht. Jedenfalls könnte ich es nicht nachvollziehen. Schaut mich doch an! Bin ich denn nicht liebenswert?«

Reuben zählte fast sechzig Jahre, hatte einen Vollbart und dunkles, krauses, grau gesträhntes Haar, das bis auf die Schultern reichte. Sein baumlanger Körper war muskulös wie der eines Footballstürmers aus der Profiliga. Reuben war Vietnamveteran und Inhaber etlicher Orden, hatte jedoch die meisten beruflichen Brücken hinter sich abgebrochen und wäre fast an Alkohol und Pillen zugrunde gegangen, hätte Stone ihn nicht aus dem Sumpf gezogen. Heute arbeitete er im Hafen als Schauermann.

»Wenn wir schon ironisch werden wollen – ich habe gesehen, wie euer Freund Carter Gray mit der Medal of Freedom ausgezeichnet wurde«, sagte Caleb, nachdem er Reuben einen ungläubigen Blick zugeworfen hatte. »Hätte er sich behauptet, könntet ihr beide euch jetzt die Radieschen von unten anschauen, und der Rest unseres Clubs würde in einer CIA-Folterkammer grausamen Wasserbett-Ritualen unterworfen.«

»Zum hundertsten Mal«, schnauzte Reuben, »die Methode heißt nicht Wasserbett, sondern Surfbrett.«  

»Na und? Ist doch egal. Der Kerl ist allemal ein Scheusal.«

»In Wirklichkeit ist er ein Mann, der seinen eingeschlagenen Weg für richtig hält, und da ist er nicht der Einzige«, sagte Stone. »Übrigens war ich vor dem Weißen Haus und habe ihn nach der Ordensverleihung abfahren sehen.«

»Du warst vorm Weißen Haus?«, rief Caleb.

»Klar, er hat mir den Orden gezeigt, und ich habe ihm … gewunken.«

»Ach, seid ihr auf einmal die besten Kumpel?«, schnaubte Reuben. »Ausgerechnet du willst der Busenfreund eines Politfunktionärs sein, der mehrmals versucht hat, dich umzubringen?«

»Er hat auch jemanden für mich gerettet«, sagte Stone mit gedämpfter Stimme.

»Würdest du mir das mal genauer erklären?«, fragte Reuben neugierig.

»Nein.«

Irgendjemand klopfte an die Haustür. In der Annahme, Milton oder vielleicht Annabelle könne gekommen sein, stand Stone auf und öffnete.

Der Mann vor der Tür trug einen dunklen Anzug und unter der Jacke eine Pistole, wie Stone bemerkte. Er händigte Stone ein Schriftstück aus und ging. Stone entfaltete das Schreiben.

Carter Gray wünschte, dass Stone ihn in zwei Tagen zu Hause besuchte. Ein Wagen sollte ihn abholen. Allem Anschein nach gab es keine Möglichkeit, dieser Aufforderung aus dem Weg zu gehen. »Oliver«, sagte Caleb, sobald Stone die Freunde eingeweiht hatte, »du darfst auf keinen Fall hin.«

»Selbstverständlich fahre ich hin«, antwortete Stone.

KAPITEL 9

Harry Finn atmete Sauerstoff, während er durch seine spezialgefertigte Kopfbedeckung spähte. Das Boot raste so schnell dahin, dass er kaum etwas sehen konnte. Ein Unwetter tobte, und die Besatzung auf Deck des Bootes wurde zweifellos durchgeschüttelt und klatschnass. Doch Finn hatte es keineswegs besser. Indem er von Neuem seine Vorliebe für ungewöhnliche Fortbewegungsmittel unter Beweis stellte, hing er mit einer speziellen Befestigungsvorrichtung, von der die Allgemeinheit nichts ahnte, in der Nähe des Bugs eng zusammengekauert seitlich am Bootsrumpf. Finn hatte im Aktionsbereich der Videoüberwachung und sonstigen Beobachtungsmaßnahmen eine Lücke entdeckt; darum klebte er jetzt als unsichtbarer Klumpen an der stahlgrauen Seite des Marine-Schnellboots, was sehr viel unbehaglicher war als im Frachtraum des Flugzeugs. Außerdem wäre Finn trotz der Spezialausrüstung zweimal um ein Haar ins Wasser geschleudert worden. Wäre dies geschehen, hätte sein Leben wahrscheinlich durch nähere Bekanntschaft mit den beiden Antriebsschrauben des Schnellboots ein Ende gefunden. Angefangen hatte die Fahrt an einem angeblich hochsicheren militärischen Pier der Marinebasis Norfolk. Allerdings hatte sich die »Hochsicherheit« als durch und durch löchrig entpuppt, als Harry Finn sie mit einer Verkleidung aus seinem umfangreichen Fundus und seinem Talent, ...

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