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Die Speere Gottes

Über den Autor

Daniel Loy ist das Pseudonym eines erstklassigen deutschen Fantasy-Autors. Neben einer Vorliebe für Gothic Rock und Kampfsport zählt der studierte Historiker vor allem zu seinen Hobbies, sich in fremde Welten zu versetzen. In seinen zahlreichen, bereits veröffentlichten Erzählungen und Romanen nimmt er die Leser gern dorthin mit.

BASTEI ENTERTAINMENT

PRÄLUDIUM 1

Am Tage vor dem Vespertag des September im 946. Jahr der Entrückung Bponurs
(19. September 962 nach Horomischer Zeitrechnung)

In den westlichsten Ausläufern des Ephelgrat

Der Eispalast brannte.

General Marin hörte das Brausen der Feuersbrunst. Er spürte den heftigen Wind, der nach oben fegte wie in einem Schlot und der die Männer vorwärtstrieb und ihnen den Weg wies.

Von der letzten Brüstung aus hatte Marin das Feuer gesehen. Die Spitze der Zitadelle selbst stand in Flammen, der Sitz und der Thronsaal der weißen Hexe. Marin war entschlossen, sich dorthin durchzuschlagen. Er musste sichergehen, dass sie nicht entkam.

Die Zitadelle der Zauberin nahm das obere Drittel des Berges bis hinauf zum Gipfel ein. Vom Tal aus betrachtet glich sie einer silbernen Krone, deren Glanz im Sonnenlicht die göttliche Macht zu verhöhnen schien. Es war ein kunstvolles Gebilde mit Erkern und Schnörkeln und feinem Zierrat, ganz aus Eis geformt und allein zusammengehalten von der Kraft der weißen Hexe.

Das Innere war genauso prunkvoll. Die Wände waren mit Ornamenten verziert, Schmuckbänder verliefen unter der Decke. Bauchige Säulen säumten die Balkone, fantastische Tiere und Ungeheuer duckten sich in jeden Winkel. Alles war detailreich aus Eis gemeißelt. Marin wusste um die Verderbtheit dieses Ortes. Dennoch hatte der Eispalast eine Schönheit an sich, die die Sinne von Sterblichen bezaubern konnte.

In dem Korridor, dem sie jetzt folgten, gab es keine Fenster mehr, nur glatte, kalte Wände, die von innen heraus zu schimmern schienen. Es sah aus, als würde blaues Zauberfeuer durch das Eis hindurchflackern. Doch Marin wusste, es war das reine Licht der Abendsonne, das ihren Weg erhellte. Bponurs Auge reichte auch bis zu diesem Ort.

Er winkte mit dem Schwert und sah sich zu seinen Männern um.

»Vorwärts!«, stieß er schnaufend hervor und stapfte weiter.

Ein Rillenmuster im Boden gab den Füßen Halt. Auf dem ersten Wegstück hatten die Männer kaum gemerkt, dass sie auf Eis liefen. Aber jetzt zerfiel das Werk der Hexe. Ein feiner Wasserfilm rann herab und machte den Grund schlüpfrig. Das Feuer an der Spitze ließ das Schmelzwasser in die Gänge fließen.

Marin wurde langsamer.

Er wusste nicht, warum das Eis brannte. War es eine letzte Teufelei der weißen Hexe, mit der sie ihre Feinde zur Strecke bringen wollte? Oder hatten Marins eigene Leute das bewirkt, ohne es zu wollen, als sie den Berg erstürmten und den Irrgarten dort durchstreiften und alles Zauberwerk zerschlugen, das sie fanden?

Was auch immer der Grund war: Am Ende geschah es gewiss nach dem Willen Bponurs. Die funkelnde Festung der Zauberin würde keine weitere Nacht erleben. Sie würde zu Wasser zerfließen und den Berghang hinabrinnen, den sie einst gekrönt hatte, ausgebrannt vom eigenen Feuer wie eine schwärende Wunde.

Aber war ihre Aufgabe damit erfüllt?

Marin zögerte. Da drang ein Laut durch den Tunnel vor ihm. Er hörte platschende Schritte, schwere Atemzüge und einen unterdrückten Fluch. Dann kam ein zischendes Geräusch mit großer Geschwindigkeit auf sie zu.

Marin hob das Schwert. Er warf einen Blick über die Schulter zurück.

Acht Krieger gehörten zu seiner Schar, und Marin war der Einzige, der nach der Art eines Ritters bewaffnet war: mit einem Kettenhemd und einem Langschwert. Seinen Schild und einige Speere hatte er beim Kampf in den unteren Tunneln verloren.

Seine Männer hatten von Anfang an nicht mehr dabeigehabt als das, was sie jetzt trugen: eine zerschlissene bräunliche Tunika aus ungebleichtem Leinen, mancher dazu noch einen Speer, andere ein Kurzschwert. Hari, der am Ende der Gruppe ging, hielt einen kurzen Bogen in der Hand. Der Pfeil lag auf der Sehne, und Hari hob die Waffe und zielte an seinen Gefährten vorbei in den Korridor hinein.

Vor zehn Jahren war Marin ein ganz gewöhnlicher Ritter gewesen, mit einem adeligen Namen und mit einem Gut, das in der spärlich besiedelten Mitte des Reiches lag und seit Generationen im Besitz seiner Familie war. Damals hätte er jeden Kriegsknecht besser ausgestattet, bevor der zu Felde gezogen wäre.

Dennoch hätte keiner seiner damaligen Knechte erbitterter gekämpft als die Krieger, die er heute anführen durfte. Denn inzwischen war Marin der Feldherr des Mahdi in Zomer, dem heiligen Propheten Bponurs auf Erden, und die Männer in seinem Gefolge waren die heiligen Krieger des Gottes.

Sie würden niemals weichen.

Marin wandte sich wieder dem Korridor zu, bereit, sich allem zu stellen, was von dort auf sie zukommen mochte. Aruk, der hinter ihm stand, streckte den Speer vor.

Eine Gestalt sauste um die Biegung vor ihnen und schlitterte auf dem Hosenboden auf sie zu. Marin hielt den Atem an und holte aus … da erkannte er die Tunika!

Es war einer von seinen Leuten.

Marin hielt den rutschenden Mann mit dem Stiefel auf. Aruk stützte ihn von hinten, damit er nicht umgerissen wurde. Der Mann rappelte sich auf. Er sah zerzaust aus und verdreckt, und er war tropfnass. Feine Eiszapfen klirrten an seinen Haarspitzen. Doch er hielt sein Kurzschwert umklammert und grüßte seinen General.

»Wir waren im Thronsaal der Hexe«, meldete er. »Der obere Teil der Festung ist verlassen, aber Farik und Izu sind erschlagen worden, als das Feuer die Eisblöcke an der Decke gelöst hat und die Halle eingestürzt ist. Das Eis, das heruntergefallen ist – es brennt wie Holz!«

Marin blickte über den Krieger hinweg. Vier weitere Soldaten kamen um die Biegung. Sie traten vorsichtig auf. Das Wasser reichte ihnen bis zu den Knöcheln und machte den Grund tückisch glatt.

Marin wandte sich seinen Männern zu. »Wir ziehen uns in den steinernen Teil der Festung zurück – in die Höhlen im Berg. Wenn die Hexe noch lebt, wird sie genauso vor dem Feuer fliehen müssen. Wir bewachen die Ausgänge.«

Sie rannten den Korridor zurück. Hari, der nunmehr an der Spitze lief, kam ins Straucheln. Mit einem Aufschrei schoss er den Gang hinunter und war im Nu außer Sicht.

Marin suchte Halt an den Wänden. Das Eis dort brannte an den Fingern, aber es war glatt und bot keinen Griff.

»Vorsicht«, warnte Marin seine Leute. »Langsamer. Wir werden die weiße Hexe nicht erwischen, wenn wir aus einem Fenster gespült werden.«

Ein kleiner Seitengang mündete von rechts in den großen Korridor. Die Männer tasteten sich daran vorüber. Die halbe Schar war an der Einmündung vorbei, da schrie einer von Marins Kriegern auf: »Ihre Ungeheuer!«

Marin hob die Klinge und trat vor. Ein tierartiges Brüllen drang aus dem Zugang, und im selben Augenblick stürmten wilde Gestalten heraus: gedrungene Halbmenschen mit breiten Schultern, langen, behaarten Armen und platten Gesichtern. Sie schwangen Keulen mit Steinsplittern daran und Speere mit Spitzen aus Obsidian. Sie drängten Marins Begleiter zurück.

Marin stürzte sich in den Kampf.

»Die Missgeburten der Hexe«, rief er. »Auf sie, Männer. Lasst keinen von der Brut am Leben!«

Er wich einem Keulenhieb aus und trieb der höllischen Kreatur das Schwert in den Bauch. Er spürte den Widerstand der Muskeln. Sie waren hart wie Holz. Seine Klinge drang ein und blieb darin stecken.

Das Ungeheuer brüllte und schüttelte sich. Marin wurde die Waffe aus der Hand gerissen. Er rammte der Bestie das Knie in die Lenden, wich einem Speerhieb von links aus (er konnte nicht erkennen, ob es ein weiterer Gegner war oder der missgeleitete Angriff eines Kameraden), dann bekam er den langen Arm seines Feindes in einem Hebelgriff zu fassen und entwand ihm die Keule.

Mit einem Ruck befreite der Halbmensch seinen Arm. Er verpasste Marin einen Schlag ins Gesicht, der den Ritter mit brummendem Schädel zu Boden streckte.

Marin rollte sich außer Reichweite und hielt die Keule fest. Dann sprang er auf, noch halb blind und benommen von dem Treffer, und schlug zu. Er spürte, wie die Steinzacken der Waffe Haut und Fleisch aufrissen, und schlug abermals zu, wieder und wieder, bis der harte Schädel barst und das Geschöpf sterbend zu seinen Füßen lag.

Überall in dem Korridor kämpften nun Männer gegen Monster. Das Wasser am Boden mischte sich mit Blut. Es reichte Marin bis fast an die Knie. Der Wind, der nach oben brauste, wurde zum Sturm, und die Strömung an den Beinen zerrte in die andere Richtung. Die ganze Festung dröhnte, und mit jedem Donnerschlag bildeten sich neue Risse in dem Eis. Wie milchige Blitze durchzogen sie die klare Kristallwand.

Die Kämpfer wälzten sich im Schmelzwasser, das sie langsam den Gang hinuntertrug: Menschen und Halbmenschen, verstrickt in tödlicher Umklammerung.

Da verlor Marin den Halt. Er trieb an den Kämpfenden vorüber, zwischen ihren Beinen hindurch. Wild ruderte er mit den Armen und versuchte, auf die Füße zu kommen. Doch der Boden war viel zu glatt. Hilflos schoss Marin den Gang hinunter, an Abzweigungen vorbei.

Bald war der Kampf hinter ihm außer Sicht.

Das Wasser war überraschend warm. Es trug den Eispalast ab, wusch Löcher in die Wände und unterhöhlte sie, es spülte Säulen und Zierrat fort. Dann floss es schneller, es wirbelte und brodelte. Ein helles Licht schimmerte vor dem Ritter auf – und im nächsten Augenblick schoss Marin zappelnd und um sich schlagend durch eine Lücke in der Außenmauer hinaus in die strahlende Abendsonne.

Er flog durch die Luft, mitten in einem schäumenden Wasserfall. Ganz kurz. Dann landete er auf dem Berghang, überschlug sich und rollte weiter hinab.

Ein vorstehender Felsblock hielt seinen Sturz auf.

Marin blieb liegen und atmete keuchend. Vor dem Stein hatte sich ein Bett aus Schnee gebildet, und Marin war fast weich darauf gelandet und deshalb unversehrt geblieben.

Er seufzte, rappelte sich auf und legte den Kopf in den Nacken.

Über ihm ragte die Zitadelle der Zauberin auf, umspielt vom magischen Feuer wie von einem blauen Schleier. In den Flammen bog sich der hohe Turm, der ganze gewaltige Bau auf dem Gipfel neigte sich zur Seite, als wäre er aus zähem Haferbrei. Wasser schoss in Fontänen aus dem Eis und bildete gefrierende Bäche an den verschneiten Flanken des Berges.

Und dann, mit einem feuchten Ächzen, bog sich das weiche Eis noch weiter und brach. Die brennende Krone des Bauwerks riss ab und brauste als Lawine ins Tal.

Der Boden bebte, als die Eismassen sich talwärts wälzten. Der Palast der weißen Hexe riss die Schneedecke am Berghang mit sich, während er fiel. Schneebretter lösten sich, kleine Brocken rollten rings um Marin den Hang hinab.

Doch der Grund zu seinen Füßen hielt. Als das Donnern verhallte, war Marin unversehrt. Tropfnass stand er da, umtost von einem Wind, der das Wasser in seinen Brauen gefrieren ließ.

Von der Zitadelle der Zauberin waren nur noch ein paar Reste geblieben, aufgerissene Wandelgänge, die sich an den Berg klammerten und langsam zerfielen. Das letzte Schmelzwasser, das aus den Rissen lief, zog Eiszapfen hinter sich her.

Marin sah keine Bewegung in den Ruinen. Sein dampfender Atem trieb im Wind davon und verlor sich in den stillen Höhen des Ephelgrat.

Er zuckte die Achseln und stapfte den Berg hinab.

Bponur hatte ihm einen weiteren Tag geschenkt. Seine Arbeit auf dieser Welt war noch nicht getan. Es war an der Zeit, zum Sammelpunkt zurückzukehren und zu sehen, wer von seinen Leuten ihm geblieben war.

Zomer, im Monat darauf

»Die weiße Hexe ist entkommen.«

Marin kniete zu Füßen des Mahdi, im großen Tempel Bponurs, und berichtete seinem Herrn, was geschehen war.

Vor wenigen Jahren war Zomer nur eine unbedeutende Kleinstadt in der Provinz gewesen, als Wegstation nahe der wenig genutzten Straße zwischen dem Westen und dem Osten des Reiches. Dann war der Mahdi hier erschienen.

Heute nannte man den Tempel Bponurs an diesem Ort auch die »goldene Halle«, denn der Mahdi hatte die Kuppel über dem Gotteshaus vergolden lassen. Für den prachtvollen Ausbau des Gebäudes hatten sie die Baumeister nehmen müssen, die sie auf der Straße hatten finden können oder die sich aus anderen Teilen des Reiches herlocken ließen. Keiner von ihnen war in der Lage gewesen, eine Kuppel von dieser Größe freitragend zu schaffen. Das Innere der Halle war daher voll mit schlanken Säulen aus Holz, und unter dem Dach standen die tragenden Balken so dicht, dass von der Kuppel nichts mehr zu sehen war.

Dennoch wurde auch der Innenraum dem Namen gerecht: Die Holzbalken waren vergoldet, die Wände überzogen mit Blattgold. Jeder Erker und Alkoven dort, alle Galerien, die hoch oben um den weiten Raum liefen, glänzten hell oder in einem würdevollen Schimmer, je nachdem, wie das Licht in der Halle darauffiel.

»Wir haben die Einheimischen befragt«, fuhr Marin fort. »Die wandernden Stämme im Norden. Ein paar von ihnen haben die Hexe gesehen. Anscheinend konnte sie durch einen verborgenen Tunnel entkommen mit einem Haufen ihrer Missgeburten … und in einer goldenen Sänfte.«

Unsicher blickte Marin zu seinem Meister auf.

Für den Mahdi war Gold ein heiliger Stoff – ein Metall in den Farben der Sonne, die Tränen Bponurs, die auf der Erde erstarrt waren und die keinem anderen Zweck dienen durften als der Anbetung. Er selbst trug ein Gewand aus Goldbrokat und stand vor Marin in der Mitte der Halle, dort, wo die verborgenen Luken und Spiegel im Dach das Licht zu jeder Tageszeit zu einem scharfen Kreis bündelten. Bei der kleinsten Bewegung blitzte und glitzerte eine andere Stelle an seiner schweren Robe.

Aber der Mahdi nickte nur zu dieser letzten Gotteslästerung der Zauberin, und Marin berichtete weiter:

»Wie es hieß, ist sie in den Westen geflohen. Ich habe Trupps meiner Männer hinterhergeschickt, doch inzwischen muss sie die Lande der weltlichen Fürsten erreicht haben. Ich habe jedenfalls keine Nachricht erhalten, dass Eure Krieger sie eingeholt hätten.«

Unsicher verstummte er.

Er wagte nicht länger, zu seinem Herrn aufzusehen.

Auf den ersten Blick war der Mahdi eine plumpe Gestalt, ein massiger Mann von mittlerer Größe, mit mildem, aber ein wenig zu weichem Gesicht, der trotz seiner Leibesfülle kaum in der Lage schien, die prunkvollen Gewänder auszufüllen, die er zu Ehren des Gottes trug.

So hatte Marin ihn gesehen, als er zum ersten Mal vor den Mahdi geführt worden war – damals, als die Reiter dieses Mannes sein Landgut an den Nordufern des Altlandmeeres überrannt und seine ganze Familie getötet hatten.

Doch dann hatte er dem Mahdi in die Augen geblickt und den Schimmer des göttlichen Reiches darin erkannt, noch bevor der Prophet die Stimme erhoben hatte – eine Stimme, in der etwas lag, ein schwer zu beschreibender Klang, der allem Irdischen entrückt schien und der keinen Zweifel daran ließ, dass es Bponur selbst war, der hier zu den Menschen sprach.

Nur ein Augenblick, und Marin hatte an diesen Mann und dessen Botschaft geglaubt. In wenigen Jahren war Marin zum Heerführer des Mahdi aufgestiegen und wollte dabei doch nur eines: Einlass finden in das himmlische Reich, das er hinter den Augen des Propheten erkannt hatte.

Aber Bponur rief nur diejenigen zu sich, die ihm auf Erden treu gedient hatten, und dieser mühevolle Dienst war nun Marins Leben, bis zu dem Tag, da Bponur – endlich, endlich! – beschließen würde, dass es genug war und dass Marin sich als würdig erwiesen hätte.

»Ich könnte mehr Krieger zusammenrufen und ihr nachsetzen«, brachte er vor.

Der Mahdi verwarf den Vorschlag mit einer knappen Geste.

Seine Stimme klang sanft und ohne Zorn, als er antwortete.

»Lass sie ziehen. Es ist Bponurs Wille.«

Marin blickte wieder zu ihm auf. Der Mahdi lächelte.

»Bponur hat diese verderbte Hexe in den Westen ziehen lassen, damit sie dort unsere Feinde vergiftet«, fuhr der Mahdi fort. »Wir können uns später um das kümmern, was sie übrig lässt. Im Augenblick zählt nur, dass wir sie aus dem Norden vertrieben haben. Dieser Krieg, der uns seit Jahren gehemmt hat, ist vorüber – jetzt können wir uns den wichtigen Dingen zuwenden.«

»Herr?« Marin blickte den Mahdi fragend an.

Der sah über ihn hinweg, sein Blick verlor sich in der Leere außerhalb des Tempels, auf ein Bild gerichtet, das Marin nicht wahrnehmen konnte.

»Sammle mein ganzes Heer in Zomer«, befahl der Mahdi. »Du hast den Winter über Zeit, die heiligen Krieger neu auszubilden. Bringe ihnen bei, wie man gegen Ritter besteht.«

»Herr?«, wiederholte Marin. »Was habt Ihr vor?«

»Es ist der Wille Bponurs«, sagte der Mahdi. »Die Zeit ist gekommen, dass der Gott das Herz seines Reiches zurückfordert.«

PRÄLUDIUM 2

Am Mondtag des November, im 20. Jahr nach der Krönung von Agos I.
(31. November 962 nach Horomischer Zeitrechnung)

Barratain, Hauptstadt des Ostens

Die Kathedrale Bponurs in Barratain hatte wenig Ähnlichkeit mit den großen Tempeln im Westen. Es gab keine freitragende Kuppel, stattdessen bestimmten klare und gerade Linien den Raum. Der Grundriss war ein lang gezogenes Dreieck. Das Dach verjüngte sich zur Spitze, zum Altarraum hin, als wollte es sich in den Himmel bohren. Wie so viele Tempel im Osten hatte die königliche Kathedrale einen Turm an jeder Ecke. An der Südspitze blickte man vom Altar aus gleich in den Turm hinauf, ohne Zwischengeschosse bis zu den Fenstern an der Spitze, als hätten die Baumeister den Blick des Herrn in der Höhe einfangen und auf den Ort der Anbetung lenken wollen.

An diesem Tag schwebte ein getragener Choral in den hohen, freien Raum empor, vom Mittelschiff, wo sich die Ritter versammelt hatten, vorbei an den Emporen und Wandelgängen, wo der höhere Adel und die Geistlichkeit ihren Platz hatten, bis unter das Dach hinauf und in den Altarturm hinein.

Vilia von Blauenbach, die Kämmerin vom Orden der Heiligen Speere Bponurs und Priesterin im Rang einer Prälatin, stand in vollem Ornat – einer glutroten Robe mit goldgelbem Saum und einer Schärpe aus schwerem Goldbrokat – zwischen ihren Standesgenossen und bemühte sich, den Ton zu halten. Ihre Stimme zitterte. So ergriffen war sie in dieser Stunde, dass sie zu fühlen glaubte, wie das Lied hinaufstieg bis zum Gott selbst … ganz gewiss aber drangen die Klänge tief in ihr Herz. Ihr Blick jedoch, das musste sie zugeben, wollte sich nicht von der Erde heben. Immer wieder senkte er sich in den Altarraum hinab, als würde er von dort angezogen – von dort, wo ihr ältester Sohn auf den Stufen kniete und den Ritterschlag empfangen sollte.

Bennos hatte den gestrigen Tag mit Gebeten und Ritualen der Reinigung verbracht. Die ganze letzte Nacht hatte er mit den anderen Eleven in der Kathedrale ausgeharrt und auf der harten Treppe vor dem Altar gekniet, nur bekleidet mit einer weißen Kutte aus dünnem Leinen als Schutz vor der Kälte des November.

Dennoch hielt er sich an diesem Morgen ganz gerade, das Antlitz dem Prälaten zugewandt, der die Messe las. Die braunen Locken fielen ihm über die breiten Schultern, und die Muskeln unter der Tunika spielten im Takt des Gesangs. Vilia glaubte sogar, seine kraftvolle Stimme aus dem Chor herauszuhören.

Es mochte eine Sünde sein, mitten in der Kathedrale Bponurs und während eines Gottesdienstes solchen Gedanken nachzuhängen. Aber sie empfand Stolz auf ihren Sohn! Fast schmerzlich erinnerte er Vilia an seinen Vater, an jene Zeit vor mehr als zwanzig Jahren, als sie Bregar am Hof des Grafen an Fanuir kennengelernt hatte.

Ihr Blick wanderte zur Seite, dorthin, wo Bregar von Leutenfeld saß, der Großkomtur ihres Ritterordens, ein Berater des Königs – und ihr Mann. Auch dieser Gedanke mochte eine Sünde sein. Bponur war der Gott der Sonne und der Fruchtbarkeit, und seine Priester waren keineswegs zur Keuschheit verpflichtet. Aber sie heirateten nicht und gründeten keine Familie.

Dennoch hatte Bregar alle ihre Kinder anerkannt. Sie hatten sich die Freiheit genommen, ihre Söhne und ihre Tochter nicht in die Obhut der Kirche und des Grafen zu geben, sondern einen eigenen Hausstand zu gründen und sie dort zu erziehen. Schließlich hatte Bregar seinen ältesten Sohn sogar selbst zu seinem Knappen gemacht und ihn ausgebildet – bis zum heutigen Tage, an dem die Ausbildung vorüber war und er den Ritterschlag empfing.

Es mochte eine Sünde sein, und ganz gewiss widersprach es den Gepflogenheiten der Kirche und der geistlichen Ritterorden. Aber bewies der heutige Tag nicht, dass Bponur ihnen am Ende seinen Segen gespendet hatte?

Bponur hatte ihnen eine Gnade erwiesen. Und er tat es noch. Vilia wollte diesen Gedanken festhalten – gerade weil ihr das in den letzten Jahren immer schwerer fiel.

Ja, in dem jugendlichen Antlitz ihres Sohnes erkannte sie den Vater wieder, dessen breite Wangenknochen, das markante Kinn. Das Temperament und das Funkeln in den Augen, mit dem er für das focht, was er für recht hielt. Aber Bregars Gesicht war mit den Jahren hager geworden, sein Gemüt ruhiger. Sein Blick, wenn sie einander in diesen Tagen sahen, wirkte oft müde und abwesend. Und das blonde Haar, das immer schon heller gewesen war als das seines Sohnes, verlor allmählich den Schimmer und verblasste. Wie lange würde es dauern, bis sie beide grau waren?

Wie lange, bis ihnen nur noch ihre Ämter und Pflichten blieben und nichts mehr von der Familie, die sie einmal gewesen waren?

Vilia seufzte unwillkürlich. Der Stolz auf diesen Tag vermischte sich mit Wehmut. Sie dachte an Bregars Ritterschlag zurück, an einen anderen Jüngling an einem Frühlingstag. An eine Entscheidung, die sie einst getroffen hatte und die sich irgendwie zu verlieren schien im Strom der Jahre.

Es gab keinen Streit. Aber auch keine Leidenschaft mehr. Nichts als beständige Treue – die einfach nur alt und grau und leblos wurde mit den Menschen, die sie pflegten. Vilia fragte sich, wann es so weit gekommen war und ob es vielleicht schlicht der Lauf der Dinge war und ebenso eine Gnade Bponurs, für die sie dankbar sein sollte.

Immerhin war Bregar heute hier. Zusammen mit seinem Sohn. Gewiss empfand er genauso viel Stolz wie sie, und das verband sie doch. Am Abend, bei einem kleinen Festmahl nach dem Turnier und den offiziellen Feierlichkeiten, würden sie wieder ein wenig mehr eine Familie sein, als sie es in den letzten Jahren gewesen waren. Sie suchte Bregars Blick.

Dabei entdeckte sie einen kleinen Mann, der die blaue Livree des Königshofes trug und sich den Weg durch die versammelten Prälaten auf der Empore bahnte. Die Schärpe um seinen Leib wies ihn als einen vereidigten Boten des Thronrates aus.

Auch Bregar hatte den Mann inzwischen bemerkt. Er blickte dem Boten entgegen, der sich bis zu ihm durchdrängte. Unruhe entstand auf der Empore, und der Gesang begann zu schwanken, missbilligende Blicke und sogar die eine oder andere unterdrückte Beschimpfung folgten dem Hofbediensteten auf seinem Weg durch die Reihen. Vilia runzelte die Stirn.

Aus der Ferne verfolgte sie, wie Bregar und der Bote die Köpfe zusammensteckten und miteinander flüsterten. Etwas veränderte sich in Bregars Haltung. Vilia konnte nicht sagen, ob es ein erschrockenes Zusammenzucken war oder im Gegenteil ein Aufwallen von Energie – wie ein Anspannen der Muskeln vor dem Sprung.

Sie sah, wie Bregar an der Seite des Lakaien die Empore verließ. Plötzlich fehlte ihr der Atem für den Gesang. Sie verbarg es hinter einem Hüsteln.

Bregar entfernte sich aus dem Gottesdienst, mitten in der Andacht!

Was bei allen Heiligen konnte wichtiger sein als der feierliche Ritterschlag seines eigenen Sohnes und Knappen?

Noch spät saß Vilia im Empfangsraum ihrer Gemächer im Sitz des Ordens. Es war still geworden. Sie hatte sich früh von den Feierlichkeiten zurückgezogen, um auf Bregar zu warten. Nun fragte sie sich, ob er heute überhaupt nach Hause kommen würde.

Sie spähte zu dem kleinen Fenster des Raumes. Die Lücken in dem Bleigitter waren mit rotem und braunem Glas gefüllt, doch zu dieser Stunde wirkten sie bereits schwarz. Der Himmel war bedeckt, und kein Lichtstrahl stahl sich in den Hof, der jenseits der Scheiben lag.

In letzter Zeit blieb Bregar oft im Palast. Er hatte ein eigenes Zimmer dort und schlief inzwischen selten im Haus der Heiligen Speere – hier, wo er und Vilia und die Kinder ihre Räume zu einer kleinen Wohnung zusammengefasst hatten.

Vilia nippte an ihrem Wein. Die Flammen im Kamin waberten über der Glut und spendeten kaum noch Licht. Sollte sie neues Holz nachlegen?

Sie trank das Glas leer, und in diesem Augenblick hörte sie einen Laut an der Tür.

Sie stand auf.

Bregar trat ein. Er warf den Mantel über die Kommode, ging ein paar Schritte weiter ins Zimmer und zuckte zusammen, als er seine Frau neben dem kleinen Tisch bemerkte.

»Du bist hier«, sagte er. »Ist die Feier nach dem Turnier schon vorüber?«

»Ich weiß nicht«, sagte Vilia. »Ich habe auf dich gewartet.«

Bregar winkte ab. »Das wäre nicht nötig gewesen.«

»Das Gelage der jungen Ritter ist ohnehin nichts für uns.« Vilia rang sich ein Lächeln ab. »Und du hast das Turnier versäumt. Du hast den Gottesdienst verlassen.

Ich dachte, da gäbe es etwas Wichtiges, von dem du mir berichten willst.«

»Ach, das.« Bregar sah sich um. Er vergewisserte sich, dass die Tür geschlossen war. »Es ist noch nicht offiziell bekannt …«, fuhr er zögernd fort.

»Bregar!«

Beschwichtigend hob dieser die Hand. »Schon gut. Schon gut. Ein richtiges Geheimnis ist es ohnehin nicht. Bald wird jeder Krämer auf der Straße davon erzählen. Der Kaiser in Horome ist tot.«

Vilia hob eine Braue. »Und?«, fragte sie.

Bregar zuckte die Achseln. »Nichts ›und‹. Noch nicht, jedenfalls.«

»Dafür hast du den Ritterschlag deines Sohnes versäumt?«

Bregar seufzte. Er ging zum Tisch, betrachtete die Weinkaraffe prüfend und schenkte sich ein.

»Ich verstehe, dass es bedeutsam ist«, sagte Vilia. »Aber es ist eine Nachricht vom anderen Ende des Reiches, und wir haben die Truppen des Kaisers vor mehr als dreißig Jahren vertrieben. Inwiefern betrifft es uns also?«

»König Pleuras hat Barrat befreit«, berichtigte Bregar sie beiläufig. »Bponur habe ihn selig. Horome ist seither mit jedem neuen Kaiser schwächer geworden. Und jetzt gibt es überhaupt keinen mehr.«

»Keinen Kaiser?« Vilia runzelte die Stirn. Ihr fiel tatsächlich nicht ein, ob Aredrel vom Hause Callindrin einen Erben gehabt hatte. Das Reich war gespalten, und seit der Kaiser in Horome und der König in Barratain die Trennung und die Teilung der Macht verkündet hatten, war der Westen weit entfernt gewesen.

»Ich nehme an, irgendeinen Nachfolger werden sie bald krönen.« Bregar machte eine ausholende Geste mit dem Kelch, den er sich soeben vollgeschenkt hatte. »Der Bote ist losgeritten, bevor die Nachricht von Callindrins Tod offiziell war. Er wusste darum nicht, was danach geschah.

Aber wer auch immer den Thron besteigt: Einen unumstrittenen Anwärter gibt es nicht. Und der alte Callindrin war schon zu schwach, um seine Hälfte des Reiches zusammenzuhalten. Der Nachfolger wird Jahre brauchen, um sich Respekt zu verschaffen – wenn es ihm überhaupt gelingt.«

»Wer weiß?« Vilia war voller Zweifel. Was nutzte es, Mutmaßungen über die Politik am anderen Ende der Welt anzustellen? »Selbst wenn es dort zum Bürgerkrieg kommt, wird das nicht bis zu uns dringen … oder?«

Sie dachte an ihren eigenen König, Agos I., der nach einigen politischen Fehlschlägen so ziemlich allem den Rücken gekehrt hatte und kaum noch in Erscheinung trat. Ein bitteres Lächeln zog sich um ihre Lippen. Sie hatten wenig Grund, über den schwachen Kaiser in Horome zu spotten!

Was, wenn der Thronstreit im Westen die Fürsten des Ostens dazu ermutigte, ihre bisherige Eigenständigkeit noch angriffslustiger zu vertreten?

Sofort verwarf Vilia diesen Gedanken wieder.

Die Ritterorden waren stark. Sie sorgten für das Gleichgewicht in diesem Teil des Reiches. Die heiligen Ritter Bponurs würden niemals einen Aufruhr dulden, der die gottgewollte Ordnung in Frage stellte, und wer auch immer in Barrat die Schwäche des Königs ausnutzen wollte, der hätte einen Großteil des Landes gleich gegen sich.

»Nein«, bemerkte sie entschieden. »Der Streit im Westen betrifft uns nicht. Unsere Ritter werden den Frieden bewahren, in den Provinzen des Königs ebenso wie an den heiligen Grenzen unseres Reiches.«

»Allerdings.« Bregar hob den Kelch und lächelte. »Überall auf dem Boden des Königs. Überall auf dem Boden des Reiches.«

Es dauerte einen Moment, bis Vilia die Bedeutung dieser Worte erfasste.

»Du willst Ritter in den Westen schicken?«, fragte sie erschrocken. »Du willst dich in die Auseinandersetzungen am Ragnat einmischen?«

»Nicht nur das.« Bregar knallte den Kelch so schwungvoll auf den kleinen Tisch, dass der Wein überschwappte. In dem dunklen Raum sah das aus wie ein Spritzer Blut. »Das gottlose Kaisertum liegt am Boden. Die Provinzen im Westen sind entzweit. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, das Reich wieder zu vereinen.

Ich werde mich nicht einfach einmischen. Ich werde ein Heer in den Westen führen, die Grafen dort zur Gefolgschaft zwingen und dem König das ganze Reich zu Füßen legen.«

»Nein.« In Vilias Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. »Das ist unmöglich. König Agos hat davon geträumt, als er jung war. Aber schon der Versuch, seine Fürsten für einen gemeinsamen Heereszug zu vereinen, hat nichts als Streit und Zerrüttung über unser Land gebracht. Wie kannst du etwas wagen, woran der König selbst gescheitert ist?«

Bregar schnaubte. »Das ist doch schon eine Ewigkeit her. Die Zeiten haben sich geändert. Wir brauchen die Fürsten in Barrat nicht mehr. Ein Heer von aufrechten Rittern reicht aus, um den Sieg zu erringen. Und wenn der Westen wieder an der Seite des von Bponur gesalbten Monarchen steht, dann werden auch die Fürsten hier bescheidener auftreten.

Unser König Agos wird sich wieder vor seinen Großen zeigen und seine Krone zurückfordern. Die Fürsten werden das Knie vor ihm beugen, und es wird ihnen leidtun, dass sie vor fünfundzwanzig Jahren nicht zur Stelle waren, als ihr König sie gerufen hat und das Reich vereinen wollte. Überleg einmal …«

Erregt ging Bregar im Zimmer auf und ab und fuchtelte mit den Armen. Alle Müdigkeit schien von ihm abgefallen zu sein. »Überlege doch, Vilia, was das bedeutet: Der König wird seine Herrschaft und sein Reich zurückerhalten. Aus den Händen der Ritter wird er es empfangen, nicht aus den Händen seiner Grafen! Ein neues Zeitalter wird anbrechen. Ein neues Zeitalter des Glaubens und der Ordnung.«

»Und du willst der Ritter sein, der das alles herbeiführt?« Vilia blickte zweifelnd.

Bregar hielt unvermittelt inne und sah sie an. »Ich bin genauso gut dafür geeignet wie jeder andere«, sagte er. »Und ich bin derjenige, den Bponur an die richtige Stelle gesetzt hat. Wir haben den ganzen Winter über Zeit, diesen Feldzug zu planen …«

»Glaubst du wirklich, du kannst alle Ritterorden dafür vereinen? Ich weiß einfach nicht, wie du ein Heer zusammenbekommen willst, das groß genug ist für eine solche Aufgabe.«

Bregar starrte sie an. Einen Moment lang bemerkte Vilia das wilde Funkeln in seinen Augen, das sie so fasziniert hatte – damals, in ihrer Jugend. Heute fragte sie sich, ob es tatsächlich Leidenschaft war, was damit zum Ausdruck kam, oder nicht vielmehr Besessenheit. Der Drang, etwas zu beweisen.

Vilia seufzte. Sie musste zugeben, nicht nur Bregar hatte sich verändert. Früher hatte sie weniger gezweifelt.

»Ich weiß bereits, wo ich ein Heer dafür finde«, verkündete Bregar. »Bponur selbst hat es für mich bereitgestellt, genau zur richtigen Zeit.

Ich muss es nur noch abholen und in den Westen führen.«

I. TEIL

FRÜHLING

Speere

1. KAPITEL

Am Tag vor dem Fest des Lebens, im 21. Jahr nach der Krönung von Agos I.
(29. März 963 nach Horomischer Zeitrechnung)

Talheim

Talheim war der Sitz eines Grafen im Osten des Amradim, der westlichsten Provinz von Barrat. Zugleich war die Kleinstadt eine geschäftige Wegstation an der alten Reichsstraße. Sie lag direkt am großen Strom, und manch ein Kartenzeichner war zu dem Schluss gekommen, dass sie den geografischen Mittelpunkt der östlichen Reichshälfte überhaupt darstellte. Im städtisch geprägten Westen des Reiches hätten alle diese Eigenschaften ausgereicht, um eine Metropole zu prägen. Im Osten war gerade einmal eine Residenzstadt mit mehreren Hundert Einwohnern daraus geworden.

Heute jedoch, am Vorabend der Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche, brodelte der Ort vor Leben, und das lag nicht nur an den bevorstehenden Festlichkeiten. Auf den Feldern vor der Stadt erstreckte sich ein Meer von Zelten. Bunte Flaggen und Wimpel knatterten darüber in der feuchten Frühlingsluft. Knechte und Mägde eilten geschäftig umher, auf den freien Flächen maßen Ritter ihre Kräfte in allen möglichen Kampfspielen, auch wenn das Turnier zu Ehren der Gottheit erst in zwei Tagen anstand. Marketender und fahrende Händler hatten zwischen dem Lager und dem Ort endlose Reihen von Tischen aufgestellt, mit Verkaufszelten und mit Ständen in festen Pferdewagen dazwischen. Laute Stimmen hallten über den Platz, Gelächter und Rufe und Flüche, das Wiehern der Pferde und das Hämmern der Schmiede, die Waffen und Rüstungen ausbesserten.

Hragaud an Dantuir, der Marschall vom Orden der Flamme Bponurs, ein stämmiger Ritter mit bereits ergrauendem Haar und Vollbart, stand vor seinem blau und weiß gestreiften Zelt und ließ den Blick über das Werk schweifen, das er geschaffen hatte. Über ihm, zu beiden Seiten des Eingangs, wehten die Flaggen mit dem Wappen seiner Familie und dem seines Ordens: ein aufgespießter Eber auf grünem Grund und die rote Flamme vor dem goldenen Sonnenkreis am lichtblauen Firmament. Ein Knappe und ein Diener warteten neben ihm. Hinter ihm waren ein Tisch aufgestellt und einige Stühle, aber Hragaud wollte sich nicht niederlassen. Er wollte so viel sehen, wie er nur konnte – hier, wo der gewaltige Heerzug sich sammelte –, ein Heer, das er in Bewegung gesetzt hatte.

Das Fest der Freude hatte er noch in Horome verbracht, als Adjutant des Eutychus vom Eiselstein, der die geistlichen Ritterorden des Reiches am Hofe des Kaisers vertrat. Eine langweilige Stelle, die weder Ruhm noch Aufstieg verhieß. Die einen verachteten die »Sesselreiter«, die wie Schreiber oder Fürsten ihre Tage im höfischen Leben zubrachten, die anderen blickten mit Misstrauen auf die Ritter, die ihren Dienst in der angeblich gottlosen Hauptstadt des Westens leisteten.

Es war ein notwendiges Übel, so hatte Hragaud es von allen Seiten gehört, als er die Stelle angetreten hatte. Die Orden brauchten eine Stimme im Umfeld des sittlich verderbten Kaiserhofs. Zugleich jedoch war jeder überzeugt, dass jeder, den man dorthin schickte, auf verlorenem Posten stand. Niemand konnte dort etwas erreichen, nicht einmal einen ehrenvollen Tod.

Hragaud hatte das Gegenteil bewiesen.

Er hatte seine Zeit in Horome genutzt und unter den Rittern des Westens für seinen Feldzug geworben. Er hatte auch die Unterstützung vieler Priester gewonnen – von Grafen und Metropoliten und Prälaten –, und endlich, nach Jahren der Planung, sammelten sie sich hier, all die frommen Streiter von edler und unedler Abkunft, die seinem Ruf gefolgt waren.

Es war der größte Heilige Krieg, seit das Reich die Ronurer und deren Hexenmeister niedergeworfen hatte. Damals, vor achthundert Jahren, waren die Ritter des Omukchar in den Westen gezogen und hatten im Schwarzen Gebirge alle erschlagen, die zweihundert Jahre davor die Heiligen Lande überfallen hatten. Heute gingen sie in die andere Richtung, über die Berge und die Grenzen des Reiches hinaus, um auch im Osten jedes gottlose Ungeheuer auszumerzen, das die Länder der Menschen bedrohte.

Nur zwei solche Feldzüge in achthundert Jahren, und er, Hragaud an Dantuir, ein einfacher Ritter aus altem Geschlecht, führte einen davon! Natürlich empfand er Stolz bei diesem Gedanken, obwohl noch viel zu tun blieb, bevor er diesen Dienst an der göttlichen Ordnung erfüllt hatte.

»Es müssen Tausende sein, Herr«, sagte Madivan, sein Knappe.

»Ein paar Hundert Ritter vielleicht.« Hragaud kniff die Augen zusammen und versuchte, die Wappen im Lager auszumachen. »Und allerhand Volk. Aber es werden mehr kommen, bevor die Festtage vorüber sind. Und weitere werden sich uns anschließen, wenn wir durch Barrat in den Osten ziehen.«

Tatsächlich waren weniger Ritter hier, als er gehofft hatte. Es waren hauptsächlich die Truppen, die er aus dem Westen mitgebracht hatte, und viele darunter waren einfache Krieger. Söldner, die einmal im Leben etwas Heiliges tun wollten; Bauern, die sich zu diesem Zweck dem Gefolge eines Herrn angeschlossen hatten. Vermutlich kamen eine Menge Kämpfer von ritterlicher Abkunft hinzu, die man kaum als solche erkennen konnte – die Traditionen im Westen hatten eine lange Zeit des Niedergangs hinter sich. Hragaud hätte sich etwas Besseres gewünscht für seinen Feldzug.

Aber er hatte auch gehört, dass alle großen Ritterorden des Ostens beachtliche Abordnungen geschickt hatten; dass viele Lehnsritter aus Barrat sich sammelten. Noch wollten sie sich nicht mit dem Heer vereinigen, das Hragaud von Horome aus herangeführt hatte, und lagerten in Alzerat – einen knappen Tagesmarsch entfernt. Doch sie würden kommen. Wie hätten die großen Ritterorden einem Heiligen Krieg fernbleiben können?

Und wenn der Westen und der Osten sich erst einmal unter einem Banner vereint hatten und gemeinsam für das Reich und für die Menschen kämpften, hatte er, Hragaud, dann nicht mehr für die Einheit des Reiches getan als all die Fürsten mit ihren zahllosen Kriegen in den letzten Jahrhunderten?

»Da kommt jemand«, meldete Madivan.

Hragaud schaute in die Richtung, die sein Knappe ihm wies. Eine größere Gruppe bahnte sich dort den Weg durch das Gewimmel des bunten Feldlagers. Sie hielten auf sein Zelt zu, das auf einem kleinen Hügel genau in der Mitte stand. Ein hochgewachsener Mann mit blondem Haar ging an der Spitze. Hragaud sah Stahl unter einem roten Überwurf glänzen. Er erkannte das Wappen, noch bevor er das Gesicht erkannte.

Drei gekreuzte Speere in dem goldenen, dreigezackten Bponurskreis.

Bregar!

Widerstreitende Gefühle regten sich in Hragauds Brust. Freude und ein wenig Bitterkeit. Doch gab es einen besseren Zeitpunkt, um an die Tage der Freundschaft anzuknüpfen? Jetzt, wo alle Ritter ihre Kräfte zu einem gemeinsamen Unternehmen bündelten?

»Hol die anderen«, befahl er dem Diener. »Wo treiben sie sich herum? Wir haben Gäste. Besorgt Wein, und zwar den besten.«

Dann streckte er die Arme aus und ging den Besuchern entgegen.

»Bregar!«, rief er aus. »Willkommen bei unserem Krieg. Du führst die Abordnung der großen Orden?«

Hragaud erkannte die Meister und die Komture unter Bregars Begleitern. Die Ritter des Ostens waren erschienen, wie er es erwartet hatte. Bregar legte Hragaud die Hände auf die Schultern und begrüßte ihn. Er hatte ein schiefes Lächeln auf den Lippen. Hragaud nahm an, dass in Bregar dieselben Gefühle miteinander rangen wie in ihm selbst.

»Hragaud an Dantuir«, sagte Bregar förmlich. »Es ist lange her.«

»Aber jetzt seid ihr gekommen«, erwiderte Hragaud. »Wir werden Großes erreichen.« Einladend wies er auf sein Zelt.

Ein paar Knechte waren herangekommen und schafften den Tisch nach drinnen. Hragaud sah Qualm aus dem Rohr in der Dachklappe steigen, als die Bediensteten den Ofen im Inneren des Zeltes weiter anheizten.

Bregar warf einen knappen Blick in die Richtung und schüttelte den Kopf.

»Ich würde einen Spaziergang über die Felder vorziehen. Abseits des Lagers.«

»Warum?«, fragte Hragaud überrascht. Der Wind blies frisch, wenn man aus dem Schutz der Zeltwand trat. Die Wolken kündigten Regen an. Er sah keinen Grund, wieso die künftigen Führer des Heiligen Krieges ihr erstes Treffen auf so unbequeme Weise halten sollten.

»Unter Bponurs freiem Himmel sind wir vor ungebetenen Lauschern besser geschützt als hinter den dünnen Planen eines Zeltes.«

Hragaud lachte. »Ich habe alle Berichte studiert, die wir über unsere Feinde bekommen konnten. Es sind primitive Ungeheuer ohne Kultur. Sie haben gewiss keine Spione in unser Lager eingeschleust. Wir sind einen vollen Monat von ihrer Grenze entfernt. Sie ahnen nicht einmal, dass wir kommen!«

»Du hast viele Männer aus dem Westen hergeführt. Selbst deine Diener hast du in Horome angeworben!«

Hragaud bezweifelte, dass Bregar jedem Diener aus zehn Schritt Entfernung dessen Herkunft ansehen konnte. Aber er wollte nicht darüber streiten.

»Du hast recht«, sagte er nur. »Und wir werden die nächsten Monate zusammen marschieren und zusammen kämpfen. Wir gehören alle zum selben Reich, vereint gegen einen gemeinsamen Feind.«

Bregar zuckte die Achseln und ging weiter, rechts an seinem Zelt vorbei. Hragaud folgte ihm, und die anderen Ordensherren schlossen sich in ein paar Schritt Abstand an. Hragaud wunderte sich, wie schweigsam sie waren.

Bregar warf einen Blick über die Schulter zurück und wies auf Hragauds Knappen. »Ohne den«, sagte er.

»Madivan stammt aus dem Amfurther Land. Amradim. Aus dem Osten.«

»Was wir zu besprechen haben, ist nicht für Knappen bestimmt.«

Hragaud spürte, wie Zorn sich in ihm regte. Nicht für Knappen bestimmt, hatte Bregar gesagt. Aber Hragaud spürte, dass mehr dahintersteckte. Madivan hatte die letzten Jahre mit Hragaud in Horome gelebt. Glaubte Bregar, dass man dem Jungen darum nicht mehr trauen konnte? Dass der Westen seine Gedanken vergiftet hatte?

Dachte er womöglich dasselbe über Hragaud?

Er und Bregar hatten ihre Jugend gemeinsam verbracht. Sie waren Freunde gewesen. Ihr Abschied, wie auch die letzten gemeinsamen Monate, war nicht ungetrübt gewesen, aber der Gedanke, dass Bregar vielleicht auch ihm misstraute, dass er nur darum mit Hragaud sprach, weil er den Feldherrn des Kriegszuges nicht einfach fortschicken konnte, der Gedanke kränkte ihn.

Hragaud ballte die Hände zu Fäusten.

»Madivan«, stieß er hervor. »Warte beim Zelt.«

Geduld, ermahnte er sich. Geduld war eine Tugend. Wenn Bregar das Vertrauen in ihn verloren und ihre Freundschaft vergessen hatte, dann bot der Feldzug genug Gelegenheiten, beides wiederzugewinnen.

Hragaud wollte das große Ereignis nicht mit einem Streit beginnen.

Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie das Treiben im Lager hinter sich gelassen hatten. Die Ordensmeister in ihren bunten Wappenröcken folgten ihnen wie eine Leibwache.

Hragaud wurde sich bewusst, dass er in der Schar wohl der einzige gebürtige Ritter war. In den geistlichen Ritterorden waren sie alle Brüder. Sie waren alle Ritter, und wer von fürstlichem Geblüt war und in einen Orden eintrat, der legte die Vorrechte seines Standes ab. Dennoch waren es meist die Ritter aus gräflicher Familie, die es bis in die höheren Ämter schafften.

Hragaud fragte sich, ob es wohl darum ging. Wollten sie daran zweifeln, dass er sie führen durfte? Er spannte sich an.

Als sie auf freiem Feld waren und allein, ergriff Bregar das Wort.

»Der Kaiser in Horome ist gestorben.«

Hragaud wandte überrascht den Blick zu ihm. Das hatte nichts mit seinem Feldzug zu tun, auch wenn es ihm auf andere Weise genug Probleme bereitet hatte.

»Dort regiert jetzt eine Kaiserin«, antwortete er so nüchtern wie möglich.

»Nicht unumstritten, wie man hört«, stellte Bregar fest.

»Es gibt wohl eine Art Auseinandersetzung«, räumte Hragaud widerstrebend ein. »Womöglich sogar einen richtigen Krieg. Der Kanzler der neuen Kaiserin jedenfalls hat mir in den letzten Wochen vor dem Aufbruch allerhand Steine in den Weg gelegt, damit ich ihm nicht die Krieger abwerbe. Ich nehme an, er hätte alle waffenfähigen Männer am Ragnat gern für sein eigenes Heer behalten.«

Bregar blickte sich zum Feldlager um. »Dennoch hat Bponur es gefügt, dass eine Menge Männer dir gefolgt sind.«

Hragaud verstand nicht, worauf Bregar hinauswollte. »Viele aufrechte Gläubige haben es vorgezogen, den Feinden des Reiches entgegenzutreten, anstatt sich am Hauen und Stechen der Fürsten des Westens untereinander zu beteiligen, das ist wahr«, sagte er. »Aber ich nehme an, es sind genug Leute geblieben, die lieber das Gold der Fürsten einstecken und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, als für Gottes Lohn in die Fremde zu ziehen.«

Bregar wischte den Einwand zur Seite. »Mit Bponurs Hilfe hast du die Krieger des Westens fortgeführt«, wiederholte er. »Und deinen Plänen haben wir es zu verdanken, dass hier an diesem Ort viele Ritter zusammenkommen. Man könnte geneigt sein, darin ein göttliches Zeichen zu sehen.«

»Das hoffe ich doch«, erwiderte Hragaud.

»Der Kaiser ist tot«, sagte Bregar. »Das Heer steht hier bereit. Du willst es in die Wüste führen. Aber ich sage dir, wir führen es in den Westen. Wir treffen die Gefolgsleute des gottlosen Kaisers, während sie sich noch um den Ketzerthron streiten. Wir einen das Reich im Namen Bponurs und des Königs.«

Hragaud blieb stehen. Er schaute sich zu den Vertretern der übrigen Orden um. »Ist es das, was ihr wollt?«, fragte er. »Ihr wollt die Krieger des Glaubens nehmen, die sich zum Kampf gegen die Kreaturen der Höllen gesammelt haben? Und dann wollt ihr sie in einen Bürgerkrieg gegen ihre eigenen Brüder führen?«

»Nicht alle denken so«, knurrte ein Fürstkomtur hinter ihnen.

Bregar sah den Mann an und kniff die Augen zusammen. »Nicht alle denken so«, bestätigte er. »Manch einer deutet Bponurs Zeichen auf seine eigene Weise.«

»Ich deute keine Zeichen«, sagte Hragaud. »Ich habe alles gegeben für diesen Zug, für einen gerechten Krieg. Diese Kräfte nun einzusetzen, um das Reich auseinanderzureißen … das wäre ein Frevel!«

»Ich will sie einsetzen, um das Reich zu einen«, sagte Bregar. »Aber wie wir gerade gehört haben: Nicht alle Ritter wollen mir auf diesem Weg folgen. Sie sind deinetwegen hier. Du hast deinen Krieg seit Jahren geplant und diesen Zeitpunkt und diesen Ort festgelegt, und dein Ruf hat sie hergeführt.

In den letzten Monaten habe ich mit vielen Ordensführern gesprochen. Manche stehen auf meiner Seite, manche wollen sich lieber dir anschließen. Und wieder andere sind unentschlossen.«

»Und was erwartest du von mir?«, fragte Hragaud. »Willst du meinen Zug spalten, sodass am Ende keiner genug Truppen hat, um sein Ziel zu erreichen?«

»Ich will, dass du dich meiner Sache anschließt«, sagte Bregar.

»Du bist verrückt.« Hragaud trat einen Schritt von seinem alten Freund weg.

»Dein Plan ist verrückt«, sagte Bregar. »Er war von Anfang an verrückt. Wir wissen nichts über das Land jenseits der Berge im Westen. Du führst das edelste Blut des Reiches in die Ödnis, obwohl es in der Heimat viel mehr bewirken kann.

Besinne dich, Hragaud! Wenn du dich entscheidest, werden auch die Unentschlossenen nicht anders können, als zu tun, was Bponur uns bestimmt hat – genau wie jene, die ohnehin auf deiner Seite stehen: Wir können die Teilung des Reiches überwinden und den Westen wieder zur Krone führen.«

Hragaud schüttelte den Kopf. »Bponur hat uns verkündet, wer unsere Feinde sind«, sagte er. »Und es sind nicht die Menschen und ihre Fürsten, ob sie nun am Ragnat im Westen oder am Barrat im Osten leben. Ich werde keinen Frevel begehen, indem ich im Namen Gottes ein Heer sammele und es dann in einen Bürgerkrieg schicke anstatt gegen die Feinde des Glaubens.«

»Was glaubst du, warum Bponur es so gefügt hat?«, fragte Bregar. »Dass der Westen schwach ist und die Blüte der Ritterschaft hier zusammenkommt. Bponur spricht jeden Tag aufs Neue zu uns. Wir müssen seinen Zeichen vertrauen, statt irgendwelchen Plänen zu folgen, die wir uns vielleicht vor Jahren zurechtgelegt haben.«

»Und du kannst seine Zeichen deuten?«, entgegnete Hragaud spöttisch. »Willst du etwa sein Prophet sein, wie dieser verrückte Prediger in Zomer?«

»Nein.« Bregar zog sein Schwert und richtete die Klinge vor Hragaud zu Boden. »Jeder kann Bponurs Zeichen deuten. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind und du dich meiner Sache nicht anschließen willst, dann soll Gott selbst darüber entscheiden.

Ich fordere dich morgen zum Zweikampf. Wem Bponur auf dem Turnierplatz seine Gunst schenkt, dem sollen auch die Ritter folgen.«

Es war spät, als Bregars Trupp zurück nach Alzerat kam. Sie lagerten nicht bei den übrigen Rittern in den Zelten, sondern hatten Quartier auf einem Gutshof genommen. Der Hausherr hatte für die hohen Gäste die Nebengebäude räumen lassen, und eine riesige Scheune diente als Unterstand für die Pferde.

Linos, Bregars jüngster Sohn und sein Knappe, ritt hoch zu Ross durch das zweiflügelige Tor in den behelfsmäßigen Stall, Abalonde, das Pferd seines Vaters, am Führstrick hinter sich. Es war längst dunkel, und Linos döste schon halb. Er blickte kurz auf und wunderte sich, dass das Tor noch offen stand.

Ein Schatten raste aus der Finsternis auf ihn zu.

Erschrocken duckte sich Linos im Sattel. Er versuchte, auszuweichen und sein Pferd als Deckung zwischen sich und den Angreifer zu bekommen … doch seine unentschlossene Bewegung verwirrte das Tier nur, und es tänzelte schnaubend auf der Stelle.

Das Ding aus dem Dunkel traf Linos mit der Wucht eines Hammerschlags mitten auf die Brust. Die Luft wich aus seinen Lungen, und er keuchte. Rücklings flog Linos aus dem Sattel und landete auf dem Gesäß. Er spürte den Aufprall die Wirbelsäule hoch bis in die Zähne. Der Geruch nach Blut fuhr ihm in die Nase, und benommen tastete er mit den Händen nach einem Halt.

Mit einem schrillen Schrei sprang eine schlanke Gestalt aus der Scheune, trat ihm mit bloßen Füßen gegen den Oberkörper und drückte ihn zu Boden. Linos spürte kaltes Eisen an seiner Kehle.

»Geworfen, Herr Ritter!«, rief eine helle Stimme triumphierend.

Instinktiv fuhren Linos’ Hände zu der Waffe an seinem Hals. Seine Fingerspitzen ertasteten die Zähne eines Rechens. Sein Blick klärte sich, und ganz langsam schälte sich ein Gesicht aus dem Nebel, der seit dem Sturz seinen Blick trübte.

Schmutzige Wangen, langes, schwarzes Haar, das wirr in alle Richtungen abstand … Eine dürre Gestalt stand mit dem Stiel des Rechens in der Hand da. Ein Mädchen, etwa vierzehn Jahre alt, und es grinste triumphierend. Über ihre Schulter hinweg erblickte er ein Strohbündel, das an einem Strick vor dem Scheunentor baumelte. Jetzt wusste er auch, was ihn getroffen hatte.

Linos hustete und würgte. Das Mädchen zog den Rechen zurück und ließ ihm ein wenig Luft.

»Niki!«, stieß er hervor. »Was machst du hier?«

»Ich kümmere mich um die Pferde. Was sonst?«

Wie es aussah, hatte sie seine beiden Pferde stattdessen vertrieben. Linos seufzte. »Wir ziehen in den Krieg«, erklärte er. »Du bist ein Mädchen. Da hat dich bestimmt keiner mitgenommen.«

»Ich bin einfach selber mitgekommen.« Sie hielt Linos die Hand hin. »Hab ich dich überrascht?«

Linos beschloss, erst einmal liegen zu bleiben und darüber nachzudenken, welcher Teil seines Körpers nicht schmerzte.

»Überrascht trifft es nicht ganz«, sagte er.

Niki beugte sich vor. Sie fasste ihn an der Hand und zog ihn gegen seinen Willen hoch. »Komm schon«, sagte sie. »Ein Ritter muss immer aufmerksam sein. Ich dachte mir, wir könnten uns ein wenig im Kampf üben, bevor wir in die Schlacht reiten. Seite an Seite als Knappen, die sich ihre Sporen verdienen.«

»Du bist Stallmädchen«, sagte Linos.

»Nun.« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Dann muss es dir aber sehr weh tun, dass ich dich geworfen habe, Herr Knappe!«

Linos streckte sich. »Glaub mir, es tut weh«, sagte er. Er ging ein paar Schritte und schaute sich um. Zum Glück standen die Pferde noch in der Nähe. Abalonde war die Lieblingsstute seines Vaters, ein ausgebildetes Streitross von ausgeglichenem Gemüt. Die ließ sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen, und Linos’ eigenes Tier folgte gottlob deren Beispiel.

»Im Ernst«, sagte er. »Du willst nicht wirklich mit in den Westen kommen.«

»Warum nicht?«, erwiderte Niki. »Ich habe deinen Vater reden hören. Es ist der größte Krieg seit dem Ende des Alten Reiches. Das bietet ganz ungewöhnliche Gelegenheiten. Dein Vater hofft auf einen frühen Ritterschlag für dich. Und wenn solche Wunder erwartet werden, dann kann ich mich gewiss auch als Knappe verdient machen.«

»Du bist nicht von Stand«, sagte Linos.

»Ach?«, fragte Niki. »Und wie ist dein ehrbarer Name?«

Linos hätte die Zähne aufeinandergebissen, wenn die ihm nicht von dem Sturz noch Schmerzen bereitet hätten. Als Priesterin und Ordensritter war seinen Eltern eine formelle Ehe verwehrt geblieben. Normalerweise sah man das nicht so eng – die Bastardsöhne von Edlen galten überall genug, um in den Ritterstand einzutreten. Niemand hätte etwas eingewandt, wenn sie den Namen eines Elternteils annahmen, der Ritter von Geburt war.

Aber Linos’ Eltern entstammten beide einer fürstlichen Familie, und mit dem Eintritt in den Orden hatten sie den Geburtsstand abgelegt und waren Ritter geworden. Da war es undenkbar, dass sie den eigenen fürstlichen Namen an ihre Kinder weitergaben, die von niederer Geburt waren. Linos würde beim Ritterschlag einen Namen annehmen müssen. Doch ob er diesen frei wählte oder ob er in irgendeinem Nebenzweig seiner Verwandtschaft etwas fand, woran er sich anlehnen konnte – am Ende blieb seinem Namen nur die Ehre, die er sich selbst verdiente.

Linos hatte sich oft gefragt, ob das wohl der Grund dafür war, warum so viele Ordensritter so verwegen darauf aus waren, durch ihre Taten zu glänzen. Als Ordensritter ließ man seine Familie hinter sich wie ein Priester und führte sie auch nicht in Kindern fort. Der persönliche Ruhm, der sich mit dem eigenen Namen verband, war das Einzige, was durch die Jahrhunderte von einem bleiben mochte.

Aber er würde Niki niemals eingestehen, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte. »Außerdem bist du ein Mädchen«, sagte er einfach nur.

»Na und?« Sie hob den Rechen wieder an und fuchtelte mit den Zinken vor Linos’ Gesicht herum. »Es sind schon Frauen aufgenommen worden.«

Linos hob die Hände und wich einen Schritt zurück, aus Sorge um seine Augen. »Die meisten Damen treten als Priesterinnen in den Orden ein«, sagte er.

»Trotzdem gibt es Ritterinnen!«

»Ja, ja«, murmelte Linos. »Es soll schon vorgekommen sein. Es gibt kein heiliges Gesetz, das es verbietet. Aber man braucht Kraft, um in voller Rüstung zu kämpfen.« Er musterte Niki von Kopf bis Fuß.

Sie schnaubte und erwiderte den Blick. »Du siehst auch so aus, als könntest du die Armschiene deines Vaters als Brustpanzer tragen. Trotzdem nehmen sie dich als Knappen mit.«

Linos seufzte. Was sollte er ihr sagen? Eine Frau mochte vielleicht Ritter werden, wenn sie es durchsetzen konnte. Doch es gab heilige Gesetze, die verhinderten, dass ein Stallmädchen je in einen Orden aufgenommen wurde – zumindest ungeschriebene.

»Ich habe nicht um dieses Schicksal gebeten«, sagte er stattdessen. »Wenn ich es mir aussuchen dürfte, dann würde ich in Barratain bleiben und studieren und Priester werden. Aber mein Vater …«

»Dein Vater … dein Vater …«, äffte sie ihn nach. »Dich will er mitschleppen. Mich will er nicht dabeihaben. Aber ich bin trotzdem hier. Tust du etwa immer, was dein Vater will? Geh, sag es ihm einfach: Herr Vater, tut mir leid. Ich bin ein schwächlicher Bücherwurm, den jedes Stallmädchen mit einem Strohballen vom Pferd werfen kann. Ich will lieber bei meiner Mama bleiben und Bücher lesen …«

»Du …!« Er packte den Rechen und riss ihn ihr aus der Hand. Sie sprang zurück und kicherte.

Er lief hinter ihr her und stach mit dem Stiel in ihre Richtung, aber sie wich aus und tauchte ins Dunkel der Scheune ein. Er hob den Rechen und sah sich nach ihr um. Wer weiß schon, was für eine Teufelei dieses Mädchen noch ausgeheckt hatte?

Er dachte an ihre gemeinsamen Fechtübungen auf dem Hof des Ordenshauses in Barratain. Sie hatte ihn dazu überredet. Hatte er sie durch diese Spiele etwa erst bestärkt in ihren wahnsinnigen Plänen?

»Hast du mit ihm gesprochen?«, fragte er und blickte sich weiter suchend nach ihr um. Er sah nur die Pferdeleiber als Schattenrisse in der Finsternis, aufgetürmtes Stroh und Ausrüstung auf Holzböcken.

»Ich bin doch nicht verrückt.« Die Stimme erklang hinter ihm. Lautlos war sie an ihn herangeschlichen, und jetzt spürte er die Spitze eines Messers im Rücken.

»Wir reiten zwei Monate, heißt es«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Zeit genug, einen Ritter zu finden, der ein wenig zugänglicher ist als dein alter Herr. Dem geh ich lieber aus dem Weg.«

Der Druck der Messerspitze verschwand, und im nächsten Augenblick stand Niki neben ihm. Sie hielt kein Messer in der Hand, sondern eine Schere – ein grobes Gerät, mit dem man sonst den Pferden die Mähne stutzte.

»Ich habe mir also überlegt, dass ich lieber nicht auffallen sollte, wenn ich im Tross mitreise. Ich wollte dich fragen, ob du mir die Haare schneiden kannst, damit ich ein bisschen mehr nach einem Stallknecht ausschaue?«

Bregar und Hragaud trafen sich auf einem Feld mit Wintergerste, ein paar Wegstunden von beiden Lagern entfernt. Bregar hatte darauf gedrungen. Je weniger die Ritter aus dem Westen, die Hragaud hergebracht hatte, von ihrer Begegnung erfuhren, umso weniger fragten sie nach den Hintergründen.

Hragaud brachte einen Karren, seinen Knappen und mehrere Knechte mit. Die bauten ein Zelt am Rand des Feldes auf, und Hragaud ließ sein erstes Schlachtross zäumen und kleidete sich umständlich in seine schwere Stechrüstung.

Bregar war schon früher eingetroffen. Auch er hatte Knechte dabei, und Linos begleitete ihn. Er trug nur ein Kettenhemd, das ihm bis zu den Knien reichte und so kunstvoll geflochten war, dass die Brünne sich fast wie ein weicher Stoff an seinen Körper schmiegte. Ungeduldig wartete Bregar am Feldrain, während sein Gegner sich bereit machte und auch sein eigenes erstes Schlachtross, Lundar, in eine gepanzerte Schabracke gehüllt wurde.

Für sich selbst mochte Bregar zwar eine leichte Rüstung gewählt haben. Aber seine besten Pferde wollte er nicht für einen bloßen Schaukampf aufs Spiel setzen.

Er sah zum Himmel auf, wo Bponurs Antlitz unbarmherzig gen Mittag wanderte. Die meiste Zeit hüllte es sich in Wolkenschleier, und die Luft war kühl und trocken. Bregar war deswegen zwiegespalten. Ein Lanzengang im Schlamm wäre für beide Kämpfer gleichermaßen mühsam gewesen, insgesamt allerdings rechnete Bregar sich auf unsicherem Grund einen Vorteil aus. Ein wärmerer Tag hätte gleichfalls zu seinen Gunsten gewirkt. Doch wie es schien, wollte Bponur im Vorfeld nicht Partei ergreifen und keinen der Kämpfer begünstigen.

Die Vorbereitungen waren beendet. Die Kontrahenten trafen sich ein letztes Mal zum gemeinsamen Gebet in der Mitte des Platzes. Hragaud stapfte schwerfällig heran und sank, gestützt von seinem Knappen, auf die Knie. Bregar hielt Abstand von ihm. Die Führer der Orden, die das Gottesurteil bezeugen sollten, versammelten sich um die beiden Ritter, genau wie ein paar weitere Ritter und Fürsten von Barrat, die sich Bregar angeschlossen hatten. Ein Fürstkomtur im geistlichen Rang eines Prälaten las eine kurze Messe und erbat Bponurs Segen für diese Begegnung.

Die Bauersfamilie, der das Feld gehörte, verharrte unglücklich abseits der Ritterschar. Als der letzte Choral verklungen war, schickte Bregar seinen Sohn Linos mit einer kleinen Börse zu den Landleuten und ließ die Knechte die Bahnen abstecken.

Dann wandte er sich Hragaud zu, der inzwischen wieder aufgestanden war. Hragauds Rüstung war geschwärzt und so eigentümlich geschliffen, dass sie gleichmäßige Streifen in unterschiedlichen Schattierungen aufwies. Auf der Brust blitzte ein Flammensymbol, als wäre es aus winzigen Edelsteinen gefügt. Aber Bregar nahm an, dass Hragaud nur Schmucksteine aus Glas in die Panzerung hatte einsetzen lassen – schmückende Pracht ohne Substanz, wie es zu der Stadt Horome passte, in der sein Gegner die letzten Jahre verbracht hatte.

»Du kleidest dich leicht«, stellte Hragaud fest.

Bregar musterte das ergrauende Haar und den Bart seines Gegners. Er dachte daran, wie lange es her war, dass sie zuletzt gegeneinander geritten waren. »Ich verlasse mich auf Bponurs Schutz«, sagte er. »Und darauf, dass du die Lanze noch so geschickt zu führen verstehst wie einst. Brust und Helm und Schild sind die Ziele eines Ritters, und wenn ich mich recht entsinne, verfehlst du dein Ziel niemals.«

»Fünf Treffer also?«, fragte Hragaud.

»Nein«, sagte Bregar. »Das ist kein Turnier. Ich kämpfe um die Zukunft des Reiches. Der Kampf ist erst vorüber, wenn einer sich ergibt oder sich nicht mehr erheben kann.«

Hragaud schwieg.

»Ich nehme an«, fügte Bregar hinzu, »du möchtest deine Pläne ebenso ungern aufgeben wie ich die meinen. Oder hast du es dir überlegt und schließt dich mir an?«

»Nein«, erwiderte Hragaud. »Ich plane diesen Feldzug schon seit Jahren. Es ist ein Heiliger Krieg. Wenn du ihn mir verwehren willst, musst du mich erst zu Boden strecken.«

»Das dachte ich mir.« Bregar nickte. »Nur abzuzählen, wie oft die Lanze auf ein Stück Eisen knallt – das ist ein Spiel. Was ich mit Bponurs Hilfe erreichen möchte, das ist es nicht.«

Ohne ein weiteres Wort schritt Hragaud zu seinem Pferd zurück. Seine Knechte eilten geschäftig um ihn herum, zogen Schnallen nach und halfen ihrem Herrn. Bregar ließ sich noch eine Halsberge und einen Brustpanzer anlegen. Letzterer war aus einer einzelnen Stahlplatte getrieben und bedeckte die Vorderseite vom Hals bis zum Bauch. Er war ein wenig schräg gearbeitet, so dass Lanzenstiche am Körper und an den Gliedmaßen vorbeigeleitet wurden. Neben dem schweren Stechhelm war dies Bregars einziges Zugeständnis an seine Sicherheit beim Lanzengang.

Bregar saß auf. Er zog den Helm an, der ohne die volle Rüstung viel zu klobig wirkte. Die bloße Halsberge auf den Schultern fühlte sich ungewohnt an. Normalerweise trug er sie nur in Verbindung mit weiteren Rüstungsteilen, die ihr zusätzlich Festigkeit gaben. Bregar hoffte, dass sie trotzdem hielt.

Die Knechte reichten ihm Schild und Lanze, doch Bregar gab seinem Pferd die Sporen und drehte erst einmal eine Runde über das Feld. Lundar brauchte die Bewegung. Der Hengst war längst nicht so ruhig wie die Stute Abalonde, Bregars zweites Ross, und dazu war das Tier so schwer und so kräftig, dass es selbst mit einem voll gepanzerten Ritter auf dem Rücken alles andere als schwerfällig war.

Gerade deswegen liebte Bregar das Tier. Aber er ritt es nur im Kampf, und er spürte, wie Lundar nun auf die ungewohnt leichte Last mit Übermut reagierte. Also trieb Bregar den Hengst an und ließ ihm ein wenig Auslauf. Dabei prüfte er die Sicht durch den Helm und genoss den Luftzug im Trab und im kurzen Galopp.

Sie hatten sich für das Feld entschieden, weil es einen guten Untergrund bot. Die Gerste stand nicht so hoch, dass sie die Reiter behindert hätte. Zugleich hatte sich das Feld den Winter über gesetzt und bot nun eine leidlich ebene Fläche. Erdklumpen und kleine Gerstenbüschel flogen von den Hufen auf.

Auch Hragaud prüfte die Kampfbahn. In der Mitte des Feldes, zu beiden Seiten der abgesteckten Bahn, trafen sich die Kontrahenten.

»Bist du bereit?« Hragauds Stimme klang dumpf, und Bregar hatte das Gefühl, dass sie in der schweren Rüstung widerhallte. Er sah die Augen hinter den schmalen Schlitzen des Topfhelmes wie zwei Funken in der Finsternis.

Bregar versuchte zu nicken, aber der Helm ließ die Bewegung nicht zu. »Soll Bponur über unsere Sache entscheiden«, sagte er.

Er wendete das Pferd und trabte zum Ausgangspunkt zurück. Hragaud folgte seinem Beispiel. Als Bregar sich wieder zu seinem Gegner drehte, war Hragaud bereit – trotz voller Rüstung stand er Bregar an Beweglichkeit zu Pferde kaum nach.

Beide Kämpfer hielten kurz inne. Dann legten sie die Lanzen ein und ritten aufeinander zu. Bregar sah Hragaud heranpreschen. Wie ein eiserner Berg saß der im Sattel. Bregar nahm den Schild hoch und beugte sich ein wenig vor. Er zielte mit der Lanze und versuchte dabei, Hragauds Waffe im Blick zu behalten.

Im letzten Augenblick, unmittelbar vor dem Zusammenprall, sah er die Lanzenspitze aufblitzen. Er zuckte zusammen und verriss die eigene Waffe. Seine Lanze stellte sich quer, schrammte ungerichtet über Hragauds Rüstung und wurde Bregar aus der Hand geschleudert. Er schlug Hragauds Lanze mit dem Schild zur Seite, wich mit dem Oberkörper aus und wäre seiner Lanze fast hinterhergeflogen. Er hörte das Schnauben von Hragauds Pferd, das Donnern der Hufe, das Schlagen der Rüstung. Dann waren sie aneinander vorbei.

Hragaud benutzte keine Lanzenkrone!

Bregar sah, wie sein Knecht über das Feld lief, die Lanze aufhob und sie ihm wiederbrachte. Kurz blickte er auf die Spitze seiner Waffe. Dort saß die Krone fest auf der Spitze und machte die Lanze stumpf. Er hatte selbst gesagt, dass dieser Waffengang für ihn kein Spiel war, sondern ein ernsthafter Kampf. Anscheinend hatte Hragaud das wörtlich genommen.

Egal.

Bregar machte sich bereit. Er musste sich an seinen Plan halten.

Wieder ritten sie aufeinander zu. Hragaud benutzte eine spitze Lanze, aber er zielte genau auf Bregars Oberkörper und den Schild. Er gebrauchte die scharfe Waffe nicht, um einen Vorteil aus Bregars leichter Rüstung zu ziehen. Die unverhüllte Spitze war nur eine Geste, und zum Glück verfehlte Hragaud selten sein Ziel.

Bregar musste nur die Nerven behalten, damit er nicht durch eine unbedachte Bewegung selbst einen Unfall herbeiführte. Je schneller er den Kampf beendete, umso geringer die Gefahr, dass etwas fehlschlug.

Wieder legte er die Lanze ein und zielte nachlässig auf Hragauds Körpermitte. Er richtete das Augenmerk ganz auf seinen Schild und auf die Lanze des Gegners. Er zog die Füße in den Steigbügeln zurück, bis er nur noch mit den Stiefelspitzen darin stand, und im Augenblick des Aufpralls richtete er sich ganz leicht auf.

Seine Lanze erwischte Hragauds Leib und glitt über den Panzer. Hragauds Lanze traf Bregars Schild. Der Aufprall riss Bregar nach hinten, und die Spitze schrammte über den Stahl.

Und Bregar stieß sich ab und ließ sich fallen.

Er kam von den Steigbügeln frei und rollte sich ab. Sein Brustpanzer schlug ihm gegen den Oberarm, der Schild löste sich spät und verdrehte ihm den linken Arm. Er kam hart auf dem Rücken auf und rang einen Augenblick nach Luft.

Dann rappelte er sich auf. Er schüttelte den Kopf, um die Benommenheit zu vertreiben. Mit beiden Händen riss er den Helm herunter und warf ihn zu Boden. Dann hob er den Schild wieder auf.

Hragaud kam zurück. Zugleich lief Linos mit dem Schwert in der Hand auf Bregar zu. Unschlüssig blieb der Knappe stehen, als Hragaud sein Ross zu dem gefallenen Ritter lenkte und die Lanze sinken ließ. Aber zwei Schritte vor Bregar verhielt Hragaud das Pferd und sah auf ihn hinab.

»Du bist am Boden«, sagte er.

Trotzig hob Bregar den Schild. »Ich bin wieder aufgestanden.«

Bei der Bewegung schoss ihm der Schmerz durch den gezerrten Arm. Er starrte Hragaud an, ohne eine Miene zu verziehen. Dennoch wusste er, mit diesem Schildarm würde er keinen Schlag mehr abfangen.

Hragaud riss sein Ross herum. Er warf die Lanze zur Seite und rief seine Bediensteten herbei, während er langsam in Richtung des Zeltes trabte. Auf halbem Wege stieß Hragaud zu seinem Gefolge, und der Ritter stieg ab. Er ließ sich den Helm abnehmen und einen leichteren Schild reichen. Dann nahm er sein Schwert.

Linos, Bregars Sohn und sein Knappe, eilte heran und brachte das Schwert zu seinem Herrn. Er blieb vor Bregar stehen und starrte ihn an. »Vater«, sagte er.

Bregar winkte ab. »Schneide mir den Panzer herunter«, sagte er. »Schnell.«

Er griff nach dem Schwert und stieß seinen Jungen an, der wie erstarrt dastand. Endlich zog Linos den Dolch und säbelte an den Schnallen herum, die Bregars starren Brustpanzer hielten. Bregar stützte Schwert und Schild kurz gegen seine Beine und half mit. Er riss sich mit aller Macht die Rüstungsteile herunter, bis er nur noch im langen Kettenhemd auf dem Feld stand.

Er blickte Hragaud entgegen, gerade noch rechtzeitig. Sein Gegner stapfte auf ihn zu, immer noch in schwerer Stechrüstung. Zu Fuß machte der Panzer ihn unbeweglich. Aber Hragaud konnte seine volle Rüstung nicht so schnell loswerden wie Bregar.

Und Bregar hatte nicht vor, ihm die Gelegenheit dazu zu geben.

Die Knappen und die Knechte brachten die Pferde und die abgelegten Rüstungsteile ihrer Herren vom Platz. Bregar lächelte. Grüßend hob er das Schwert.

Hragaud war immer der bessere Lanzenreiter gewesen. Das hatte Bregar von Anfang an gewusst. Ein rascher wohlbemessener Sturz, bei dem er kampffähig blieb, war seine einzige Chance gewesen.

Es gab keine Regel, die Hragaud dazu gezwungen hätte, sich dem gefallenen Gegner Mann gegen Mann zu stellen. Aber Bregar kannte Hragaud gut und auch dessen Gefühl von Ehre. Er hatte gewusst, dass er auf diese Weise einen Schwertkampf erzwingen konnte.

Hragaud – der Ehrenvolle. Ein Bild von einem Ritter. Das hat er damals schon ständig vor sich hergetragen, und er hat sich nicht verändert in den Jahren. Bregar schnaubte.

Jetzt lag es an ihm, die größere Beweglichkeit zu nutzen, die ihm sein Kettenhemd gegenüber der Plattenrüstung verschaffte.

Wenn Hragaud die Finte durchschaut hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Drei Schritte von Bregar entfernt brüllte er plötzlich auf und machte einen Satz, der in der schweren Rüstung eigentlich unmöglich schien. Er hieb auf Bregar ein, und der wich der sausenden Klinge im letzten Augenblick aus.

Hragaud riss die Klinge zurück, bevor Bregar wieder festen Stand hatte. Sein Schwert traf Bregars Kettenhemd so wuchtig wie ein Keulenschlag und riss ihn zu Boden.

Bregar ließ den Schild los und rollte sich über den Boden.

Hragaud setzte ihm nach und versuchte, mit raschen Hieben die Entscheidung zu erzwingen. Im Liegen konnte Bregar dem schwerfälligen Hragaud nicht entkommen. Er wand sich und rollte sich zur Seite, er parierte einen Schlag, steckte einen weiteren Treffer ein und sah, wie durchtrennte Glieder seines Kettenpanzers zur Seite flogen.

Den Schmerz spürte er erst später.

Da hielt Hragaud inne und keuchte.

Bregar kroch hastig weiter und sprang auf, weit weniger behände, als er gehofft hatte. Seine Hüfte schmerzte, er hinkte, und sein Waffenrock war an der Seite blutgetränkt.

Mit einem Kampfschrei stürzte er auf Hragaud zu. Der riss die Klinge hoch, aber er war zu langsam. Bregars Schwert traf ihn an der Seite. Die Brünne des schwarzen Ritters tönte wie eine verstimmte Glocke, doch Bregars Schlag konnte die Rüstung nicht durchdringen.

Hragaud schlug zurück, aber Bregar humpelte eilig außer Reichweite.

Sie kämpften schwerfällig.

Wann immer Hragaud Luft holte, griff Bregar an. Er hieb nach seinem Kontrahenten und stach nach ihm, hielt aber Abstand. Das Brennen an seiner Seite wich einem Gefühl der Taubheit.

Mit raschen Hieben aus der Distanz konnte er Hragaud nicht verletzen. Aber er hielt den besser gerüsteten Gegner damit in Bewegung. Er zwang ihn zu Ausfällen. Hragaud wurde langsamer. Sein Atem ging schwer. Bregar sah, wie Hragauds Gesicht unter dem grau melierten Schopf immer dunkler wurde, bis er aussah wie ein gut gesottener Schinken.

Dann täuschte Bregar einen Hieb an, und Hragaud hob den Schild. Mit einem Ausfallschritt wich Bregar zur Seite, und Hragaud riss den Schild einen Augenblick zu spät an den Körper zurück. Mit aller Kraft hieb Bregar das Schwert auf Hragauds Schildarm.

Die Kraft des Schlages bebte bis in Bregars Ellbogen. Hragaud stieß einen Schmerzensschrei aus. Die geschwärzte Armschiene zeigte nicht einmal eine Delle, aber Hragaud ließ den Schild los, und sein Arm hing steif herab.

»Gibst du auf?«, fragte Bregar.

Hragaud fuhr herum und hieb mit dem Schwert nach ihm. Bregar ließ die Waffe fallen und duckte sich unter dem Schlag hindurch. Doch zu langsam. Etwas schrammte durch sein Gesicht und riss ihm die Haut auf.

Augenblicklich rann ihm das Blut in die Augen.

Dennoch warf er sich in die Bewegung hinein. Er umklammerte Hragauds Arm und zerrte ihn zur Seite, sodass der vom eigenen Schwung mitgerissen wurde. Er tat einen Schritt nach vorn, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Bregars Griff zwang ihn in eine Drehbewegung, der er in der schweren Rüstung nicht folgen konnte.

Er stürzte zu Boden.

Bregar fiel mit ihm, aber er rollte sich rasch aus Hragauds Reichweite und suchte sein Schwert. Er wischte sich das Blut aus dem Gesicht. Immer noch sah er alles verschwommen. Bregar tastete nach der Klinge, fand sie, sah, wie Hragaud auf die Knie kam.

Er sprang auf ihn zu, trat auf dessen Schwert und stieß seinen Gegner auf den Rücken.

Hragaud schlug nach ihm, doch Bregar wich aus und nahm einen Treffer mit dem Panzerhandschuh am Bein hin. Er stellte Hragaud einen Stiefel auf die Brust, stützte sich darauf und hielt dem Gegner die Schwertspitze an die ungeschützte Kehle.

»Gib auf!«, rief er.

Hragaud hob die Arme, um ihn abzuschütteln, so unbeholfen wie eine Schildkröte auf dem Rücken. Bregar drückte mit der Schwertspitze so fest zu, dass die Haut sich darunter spannte.

Hragaud erstarrte. Er keuchte. Seine Arme fielen an den Seiten herab, als hätte er von einem Moment zum anderen alle Kraft verloren und könnte das Gewicht der eigenen Rüstung nicht länger tragen.

»Gib auf«, wiederholte Bregar und spürte mit einem Mal selbst die Müdigkeit. Sein Schwert an Hragauds Kehle kam ihm plötzlich vor wie eine Krücke, ohne die er selbst umsinken würde.

Er hatte sich darauf verlassen, dass Hragaud in seinem schweren Panzer nicht mithalten konnte, wenn er den Kampf in die Länge ziehen und den Gegner mürbe machen konnte. Aber es war knapp gewesen. Bregar hatte das Gefühl, als würden Schatten vor seinen Augen wabern … Doch vielleicht war es auch nur das Blut aus der Stirnwunde, das ihm die Sicht trübte.

Sein ganzer Körper schmerzte.

Hragaud würgte. »Du hast gesiegt«, stieß er hervor. »Das Heer gehört dir. Möge Bponur dem Reich gnädig sein.«

Bregar warf das Schwert zur Seite und half Hragaud auf. Hragaud folgte der Bewegung nur halb und blieb dumpf am Boden sitzen. Die Diener eilten herbei, Knechte von beiden Seiten, aber Bregar winkte sie zornig fort.

Hragaud starrte stumpf ins Leere.

Bregar kniete sich neben ihn hin. Er zuckte zusammen, als ihm der Schmerz durch die Hüfte schoss.

»Bponur hat es so gewollt«, sagte er leise.

»Das hat er wohl«, bestätigte Hragaud tonlos.

Einen Augenblick lang waren sie beide still. Hragaud sah zu Boden.

»Dennoch«, sagte er schließlich. »Mehr als fünf Jahre. Fünf Jahre der Planung und Vorbereitung. Der größte Feldzug des Reiches seit Menschengedenken. Es sollte ein Heiliger Krieg werden, der die Menschen gegen den wahren Feind vereint. Und in einem Augenblick wird mir das alles genommen. Ich kann nicht glauben … Ich will nicht glauben, dass mein ganzes Streben ein Irrtum war.

Bponur möge mir vergeben.«

»Hör zu.« Bregar senkte die Stimme. Misstrauisch sah er sich um. Keiner der Diener war in Hörweite. Er beugte sich dichter zu Hragaud und sprach weiter: »Ich will nicht, dass du dein Unterfangen aufgibst.«

Hragaud lachte bitter. »Ging es dir nicht genau darum? Dass du mein Heer für deine Zwecke nutzen kannst? Wie soll ich meinen Krieg weiterführen, wenn du mir die Krieger nimmst?«

»Du hast eine Menge Kriegsvolk aus dem Westen hergeführt«, sagte Bregar. »Soll ich etwa mit ihnen gegen ihre Heimat ziehen? Nein, ich will nur die Ritter aus Barrat, auch wenn du mir nach Ehre und göttlichem Urteil dein ganzes Heer schuldest.

Ich biete dir also an, sprich mit den Rittern des Ostens. Gewinne sie für meine Sache. Dann überlasse ich dir alle Krieger, die du im Westen gesammelt hast. Sollen sie ruhig die Dämonen in der Wüste erschlagen – so sind sie mir nicht im Weg, dort, wo ich hingehe. Am besten ist, wenn sie gar nicht von unserem Handel erfahren.«

»Du verlangst von mir, dass ich deine Feinde täusche? Ich soll sie weglocken, damit du ihre Heimat leichter überfallen kannst?«

»Ich stürze nur den falschen Kaiser. Deine Streiter werden die Grenzen des Reiches verteidigen, und wenn sie zurückkehren, finden sie ihre Heimat geeint. So gewinnen alle. Und in deinem Lager sehe ich ohnehin fast nur Söldner und bewaffnete Bauern. Es ist dein gutes Recht, für sie eine Entscheidung zu treffen.«

Hragaud schüttelte den Kopf. »Wenn es nur einfaches Volk ist, wie könnte ich sie dann auf einen Feldzug führen? Ohne die Verstärkung aus dem Osten ist mein Heer zu schwach für einen solchen Krieg.«

»Die Bestien der Wüste sind bloß Barbaren. Hast du das nicht gesagt? Ein Haufen von Kriegsknechten ist genug, um dort aufzuräumen. Und die Ritter deines eigenen Ordens werden bei dir sein – selbst der dümmste Bauer aus dem Westen würde Fragen stellen, wenn sie zurückbleiben. Hinzu kommen die Ritter, die mir trotz allem nicht folgen wollen. Ich kann sie nicht daran hindern, mit dir zu gehen. Was hältst du davon?«

Bregar reichte Hragaud die Hand. »Wir können beide unser Ziel erreichen. Du musst nur ein wenig kleiner weitermachen als erwartet. Mir wäre schon gedient, wenn du an meiner Seite in mein Lager reitest und wir mit einer Zunge sprechen, Bruder. Zeigen wir den Rittern Barrats, dass wir vereint stehen, auch wenn wir getrennte Wege gehen.«

Nach dem Mittag des April, im 21. Jahr der Krönung von Agos I.
(117. April 963 nach Horomischer Zeitrechnung)

Auf den Feldern vor Alzerat sammelte Bregar sein Heer. Hoch zu Ross stand er auf dem einzigen Hügel weit und breit. Seine Söhne, Bennos und Linos, warteten an seiner Seite – der eine ein Ritter, der mit seinem ersten Feldzug das Reich einen sollte; der andere als Knappe seines Vaters mit Aussicht auf einen frühen Ritterschlag. Es war ein gutes Gefühl, dass er seinen Söhnen dieses Geschenk machen konnte.

Bregars Arm und die Seite schmerzten immer noch vom Kampf gegen Hragaud, und die Risswunde im Gesicht heilte schlecht. Dennoch, diesen Tag, diesen Aufbruch wollte er sich davon nicht trüben lassen. Ihm blieben zwei Monate, um vor der nächsten Schlacht wieder zu Kräften zu kommen. Heute schien die Frühlingssonne hell vom wolkenlosen Himmel, als hätte Bponur selbst den Tag gesegnet. Viele Führer der Orden hatten sich rings um Bregar versammelt und verfolgten mit ihm den Aufmarsch des Heeres in der Ebene.

Die letzten Tage hatten sie in sicherem Abstand zu Hragauds Lager verbracht, und weit genug entfernt von der Reichsstraße, auf der weiterhin Nachzügler aus dem Westen zu Hragauds Heer stießen. Bregar hatte nach dem Frühjahrsfest abgewartet, bis Hragaud seine Truppen fortgeführt hatte. Aber jetzt hatte Hragaud den Fluss überquert, und die Männer, die er mitnahm, würden so schnell nicht mehr umkehren, um im Reich zu kämpfen. Es war an der Zeit für Bregar, seinen Schritt zu tun.

Die Haufen formierten sich. Bregar erkannte die Banner der Ritterorden. Die Speere Bponurs, seine eigenen Leute, standen gleich am Fuß des Hügels. Die Lehnsritter bildeten ihre eigenen Abordnungen, lose nach Grafschaften gruppiert. Die Kriegsknechte zu Fuß wimmelten rings um die Reiter herum – eine schier unabsehbare Schar. Ein Heer von tausend Mann, so hatten Bregar und die Ordensmeister nach der letzten Zählung gestern Abend geschätzt, zu dem dann noch die Massen an Leichtbewaffneten und die Hilfstruppen kamen.

Eudoxios an Cradin, der Marschall vom Orden der Drei Blutigen Tränen, drängte sein Streitross an Bregars Seite. Er trug einen dunkel lackierten Panzer mit dem Wappenrock seines Ordens darüber – weißer Stoff mit drei roten Kreisen darauf. Den schweren Helm hatte der alte Marschall vor sich auf den Sattel gelegt. Er warf einen kurzen Blick auf das zusammengerollte Banner, das Linos locker an der Seite trug.

»Ist das ein weißes Tuch, was Euer Knappe an seiner Lanze trägt?«, fragte er. »Das ist nicht die Farbe der Heiligen Speere.«

Bregar erwog einen Augenblick lang, was er antworten sollte. Eudoxios hatte die förmliche Anrede gewählt, wie sie für einen Ritter angemessen war, dabei waren sie beide von fürstlicher Abkunft. Bregar unterdrückte ein zorniges Aufwallen. Es war natürlich denkbar, dass Eudoxios durch die Anrede eine unterschwellige Geringschätzung ausdrückte – seine Familie war die ältere. Andererseits hatten sie mit dem Eintritt in den Orden alle ihrem Geburtsstand abgeschworen, und es war gut möglich, dass der alte Marschall von den Drei Blutigen Tränen einfach nur die Brüderlichkeit der Ordensritter beschwor.

Dennoch, Bregar entschied, mit einer fürstlichen Anrede zu antworten.

»Dies ist kein Feldzug der Heiligen Speere Bponurs, Marschall«, sagte er. »Ihr führt Euer Kontingent, aber ich gehe dem ganzen Heer voran. Da muss ich eine Flagge tragen, der alle folgen können.«

Das Heer schien vollständig angetreten. Immer noch liefen Männer durcheinander, kleinere Reitertrupps preschten durch die Lücken, suchten ihren Platz oder bewegten einfach ihre Pferde. Vermutlich war es nur die unvermeidliche Unruhe im Zug und nicht mehr Teil des Aufmarsches.

Sie waren bereit.

Er nickte Linos zu und streckte die Hand aus.

Sein Knappe senkte verlegen den Kopf. Er lenkte sein Pferd wieder an dem alten Marschall vorbei und reichte Bregar die Fahnenstange. So war es vereinbart. Bregar wollte die Fahne höchstselbst enthüllen und durch sein Heer tragen.

Sein Herz schlug schneller, als er die Lederriemen löste.

Er schüttelte den Stab, und die Flagge entrollte sich.

Bregar reckte die Lanze mit dem Tuch in die Höhe. Er gab seinem Pferd die Sporen und preschte den Hügel hinab. Das Banner entfaltete sich zur vollen Pracht und flatterte hinter ihm her: weißer Stoff mit dem goldenen Sonnenzeichen Bponurs in der Mitte, dem Kreis mit den drei Zacken.

Denn in diesem Augenblick erfüllte Bregar sich einen Traum. Ein Bild, das er sich bereits als Knabe ausgemalt hatte: er, wie er in voller Rüstung einem Heer vorangaloppierte. Mit der königlichen Kriegsflagge des Alten Reiches, die stolz über seinem Haupt wehte!

Das Alte Reich Bponurs, das er mit seinem Feldzug nach tausend Jahren wieder auferstehen ließ.

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