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Die Sonne bleibt nicht stehen

Gabriele Beyerlein/
Herbert Lorenz

Die Sonne bleibt
nicht stehen

Eine Erzählung aus der
Jungsteinzeit

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Gabriele Beyerlein
wurde 1949 in Roding (Oberpfalz) geboren und wuchs in
Kulmbach (Oberfranken) auf. Nach dem Psychologiestudium in
Erlangen und Wien arbeitete sie als wissenschaftliche Angestellte
in sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekten und später
freiberuflich als Dozentin in der Erwachsenenbildung.
Ihre in der heimischen Vorzeit spielenden Erzählungen verbinden
eine spannende Handlung mit historischer Genauigkeit.
Heute lebt Gabriele Beyerlein in der Nähe von Nürnberg.

 

 

 

 

 

»Was dagegen die Schriftstellerin Gabriele Beyerlein und der Archäologe
Herbert Lorenz für Zwölf- bis Vierzehnjährige verfasst
haben, das ist unterhaltsam und informativ zugleich.
Ihre „Erzählung aus der Jungsteinzeit“ verdeutlicht anschaulich
die Entwicklung von den nomadisierenden Jägern und
Sammlern hin zu den sesshaften Ackerbauern und Viehzüchtern:
den Beginn der neolithischen Revolution in Mitteleuropa vor
fünftausend Jahren.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Inhaltsverzeichnis

Übersicht über die Personen

Kapitel 1 Dilgo

Kapitel 2 Mirtani

Kapitel 3 Dilgo

Kapitel 4 Mirtani

Kapitel 5 Dilgo

Kapitel 6 Mirtani

Kapitel 7 Dilgo und Mirtani

Kapitel 8 Dilgo

Kapitel 9 Mirtani

Kapitel 10 Dilgo und Mirtani

Fantasie oder Realität?

Ergänzung des Nachworts

Übersicht über
die Personen
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Die »Waldmenschen«

Dilgo, ein Junge, der erwachsen wird

Endris, seine jüngere Schwester

Talgor, sein älterer Vetter

Labon, ein bedeutender Mann der Jägergruppe

Die »Bauern«

Mirtani, ein Mädchen, das erwachsen wird

Efnidi, ihre ältere Halbschwester

Sandor, ihr älterer Halbbruder

Lurini, ihre kleine Freundin, Schwester von Efnidis Mann

Tante Emonis, ihre Tante

Saito, ihr Nachbar, ein junger Hirte

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1 Höhle von Dilgo und Endris

2 Winterlager von Dilgos Leuten

3 Sommerlager der Waldmenschen

4 Felsen, auf die Dilgo mit Talgor kletterte

5 Felsen und Höhlen, bei denen Dilgo allein mit Mirtani lebte

6 Gebiet des Waldbrandes und anderer Bauerndörfer

7 Feuersteingrube

8 Bach, in dem Dilgo Forellen fängt

9 Mirtanis Dorf

Kapitel 1
Dilgo
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Dilgo schrie. Das Blut hämmerte in seinen Ohren. Er rannte bergauf, hetzte zwischen Felsbrocken und Bäumen hindurch, schlug mit seinem Knüppel gegen die Stämme und schrie aus Leibeskräften. Sein Schreien mischte sich mit dem Gebrüll der Männer: hohe, schrille Töne zwischen rauen und tiefen. Auch die Männer schlugen mit starken Ästen gegen die Bäume. Lärm erfüllte den Wald.

Nun ging es steiler bergan. Dilgo rang nach Luft, nur noch heiseres Keuchen drang aus seiner Kehle. Erschöpft taumelte er gegen eine Eiche, hielt sich an ihr fest, aber schon war sein Vater neben ihm, riss ihn am Arm mit sich: »Weiter, Junge! Schrei!«

Angstvoll riss Dilgo die Augen auf und schrie gellend. Blankes Entsetzen gab seiner Stimme ungeahnte Kraft. Der Stier hatte sich umgewandt. Mit gesenkten Hörnern brach er bergab durch das Unterholz, genau auf Dilgo zu; ein schwarzzottiges, riesiges Ungeheuer, neben dem die kräftigsten Männer klein und zerbrechlich wirkten, eine unaufhaltsame Lawine aus Stärke und vernichtender Wut. Dilgo starrte den Auerochsenstier an, der ihm entgegentobte, das gefährlichste aller Tiere. Dilgo war unfähig, einen einzigen Gedanken zu fassen, unfähig, zur Seite zu springen. Da gab ihm sein Vater einen heftigen Stoß, sodass er nach rechts stolperte und hinter einem dicken Baumstamm auf die Knie fiel. Der Stier polterte an ihm vorbei, weiter den Hang hinunter.

Doch er sollte ja den Berg hinauf!

Der Onkel jagte hinter dem Stier her, hob im Laufen einen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn nach dem Tier. Am Nacken getroffen, fuhr der Auerochse herum und ging auf seinen Angreifer los. Der Onkel rannte vor ihm her zwischen den Bäumen den Hang hinauf, schreiend und lärmend folgten die anderen Männer mit Dilgo. So erreichten sie die Stelle, an der Talgor wartete.

»Talgor! So lauf doch weg! Der Stier nimmt dich auf die Hörner!«, schrie Dilgo außer sich. Fassungslos sah er, wie sein Vetter Talgor bewegungslos dastand, genau in der Bahn, die der Stier bergauf stürmte.

Der Onkel sprang hinter einen schützenden Baum, Talgor aber stand noch immer wie angewurzelt. Dilgo presste die Fäuste vor den Mund. Jetzt, Talgor, flehte er inständig. Aber dieser ließ den Stier immer näher herankommen. Talgors Körper war angespannt wie eine Sehne vor dem Losschnellen, bereit zum Berganlaufen, aber Kopf und Oberkörper waren bergab gerichtet, dem Stier entgegen, auf den er mit Pfeil und Bogen zielte.

Und endlich schoss er.

Der Pfeil fuhr dem Auerochsen in den gewaltigen Nacken und blieb stecken. Der Stier schnaubte und schüttelte heftig den Kopf. Als habe ihm die Verletzung neue Stärke verliehen, nahm er die Verfolgung des neuen Gegners auf.

Talgor rannte dem Berggipfel entgegen. Der Stier blieb ihm dicht auf den Fersen, ja, der Abstand verringerte sich immer mehr. Nicht mehr als zwei Schritte trennten Talgor noch von den gefährlichen Hörnern.

Dann hatte Talgor die Höhe erreicht. Mit großen Sprüngen hetzte er der Felsnase zu. Strahlend blau schien der Himmel zwischen den Bäumen hindurch. Die letzten Bäume – dahinter: nichts.

Verfolgt von dem Stier, lief Talgor mit äußerster Kraft dem Abgrund entgegen. Zwei Schritte noch! Danach die todbringende Tiefe.

Talgor, Talgor, hämmerte es in Dilgos Kopf. Kaum wagte er hinzusehen. Wenn Talgor das Seil verfehlte? Oder wenn es riss?

Da, zwischen den beiden letzten Bäumen am Abgrund war es gespannt, am einen Baum fest verknotet, am anderen nur locker über den untersten Ast gelegt. Mit einem Sprung fasste Talgor mit beiden Händen das Seil und hielt es fest. Unvermittelt wurde er in seinem rasenden Lauf gebremst und um den Baum herumgeschleudert, an dem das Seil befestigt war. Eine Handbreit vom Abgrund entfernt, kam Talgor zum Stehen. Der Stier aber stürmte blindwütig weiter, zwischen den beiden Bäumen hindurch, auf den Rand des Felsens zu und – stürzte hinunter.

Ein Brüllen, ein Poltern und Krachen, ein entsetzlicher Aufprall, dann Stille. Eine tiefe Stille, in der der Wald den Atem anzuhalten schien. Dann sprang Talgor hinter seinem Stamm hervor, riss die Arme in die Höhe und stimmte ein wildes Triumphgeschrei an.

Dilgo und die Männer fielen ein. Sie rannten zueinander, umarmten sich, hoben Talgor in die Höhe und feierten ihn. Dann wurden sie wieder ruhig und machten sich an den Abstieg, den Felshang neben der Steilwand hinunter. Das Opfer war geglückt, nun musste es vollendet werden. Und das erforderte Ernst.

Am Fuß der hohen weißen Felswand, auf der Plattform vor der Höhle, lag der schwarze Stier mit zerschmettertem Schädel. Ehrfürchtig schweigend, starrten Dilgo und die Männer auf das massige Tier.

Die Jagd auf einen Auerochsenstier, das war etwas anderes als die Jagd auf Rehe, Hirsche oder Vögel. Die Pfeile mit den scharfen Steinspitzen, die das Rotwild töteten, konnten den Stier nur reizen. Diesem starken Tier war nur mit vereinten Kräften und nur unter Einsatz des eigenen Lebens beizukommen. Und nun war es gelungen, als Opfer für den großen, den göttlichen Stier, der das Himmelsgewölbe auf seinem starken Nacken trug und dessen schwaches Abbild das erlegte Tier bildete.

*

Das Fest war zu Ende, drei Tage, in denen viel erzählt, gelacht und getanzt worden war und in denen jeder, vom Ältesten bis zum Jüngsten, so viel Fleisch gegessen hatte, wie er konnte. Grund zum Feiern gab es oft, jedes Jagdglück war Anlass eines Festes, aber diesmal war es doch etwas Besonderes. Einen Auerochsen erlegte man nicht alle Tage und dann feierte man auch den Abschied vom Winter. Vorbei war die Zeit der kühlen Nässe, des ewigen Regens, die Zeit, in der das Jagen unangenehm und das Sammeln von Pflanzen mühsam war.

Dilgo hockte an der großen Feuerstelle in der Mitte des Lagers und schnitt mit einem scharfen Steinmesser Fleisch von der Hüfte des Stiers in feine Streifen. Der Vater errichtete über dem Feuer ein Stangengerüst, an dem er einen Hinterschinken des Stiers in den Rauch hängte. Die Mutter legte frische Eichenzweige über die Glut, damit ein schöner Qualm entstand, und fügte reichlich Wacholderzweige zur Geschmacksverbesserung hinzu.

»Wacholderschinken«, sagte Großvater genüsslich. »Wacholderschinken ist nicht zu übertreffen.«

Die Mutter lachte: »Den gibt es aber erst unterwegs, Großvater! Endris, sind die Fleischstücke schon in der Sonne getrocknet?«

Endris, Dilgos kleine Schwester, lief zu den Steinen, die hier und da auf sonnigen Fleckchen zwischen den zeltartigen Hütten lagen, und wendete die hauchdünnen Fleischstreifen. »Ein bisschen noch!«, sagte sie, dann legte sie sich wieder neben Dilgo ins Gras und sah ihm beim Schneiden zu. Die Erwachsenen unterhielten sich; für heute war genug gearbeitet. Die Kleinen spielten Fangen. Sie rannten zwischen den fünf Hütten des Lagers hin und her, die im Halbkreis um die Quelle errichtet waren, versteckten sich zwischen den Bäumen, sprangen über den schmalen Bach.

Jetzt ging das wilde Treiben wieder auf die Hütten zu. Der kleine Rion rannte vornweg, dicht verfolgt von drei Kameraden. Er wollte einen Haken schlagen, bekam die Kurve nicht mehr und rannte in eine Hüttenwand, die anderen hinterher. Es knirschte und knisterte. Trockene Äste brachen.

Die Kinder strampelten. Eines der Felle war vom Dach abgerissen und über ihre Köpfe gefallen, nahm ihnen die Sicht. Nun schüttelten sie es ab und befreiten sich von den Reisigbüscheln, zwischen denen sie steckten. Ängstlich schauten sie zu den Erwachsenen am Feuer.

Labon, Rions Vater, stand auf und besah sich den Schaden. Eine der Stangen, die das Traggerüst der mannshohen Hütte bildeten, war zerbrochen, einige der Reisigbüschel, mit denen sie gedeckt war, herabgerissen. Prüfend glitt sein Blick über die schräge Wand. »Seht zu, dass ihr hier wegkommt!«, drohte er den Kindern lachend. Dann kam er zum Feuer zurück.

»Zum Glück ziehen wir in wenigen Tagen weiter! So lange wird die Hütte schon noch halten«, erklärte er.

»Schade«, sagte Dilgo, »dass wir hier weggehen.«

»Ja«, fiel Endris ein, »hier war es schön.«

»Überall ist es schön«, antwortete die Mutter.

»Nein, im Süden ist es nicht schön!«, widersprach Dilgo heftig. »Ich bin beim Jagen schon weit mit im Süden gewesen und überall war es langweilig. Keine Berge und keine Felsen und keine Höhlen. Nichts als Wald.«

»Nichts als Wald!«, entrüstete sich der Vater. »Der Wald ist unser Leben. Wenn du keine Achtung vor dem Wald hast, so werde ich sie dir beibringen!«

»Lass nur«, begütigte der Großvater. »Kinder haben andere Vorstellungen vom Wald als wir. Für sie ist es eben wichtiger, was er ihnen für Möglichkeiten zum Spielen, zum Klettern und für Abenteuer bietet, als dass er uns ernährt und beschützt. Dafür sind sie Kinder.«

Dilgo spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Die Entrüstung des Vaters hatte ihn nicht berührt, aber die freundliche Beschwichtigung des Großvaters traf ihn. Dafür sind sie Kinder – also hatte er sich wie ein Kind betragen und man hielt ihn noch immer für ein Kind! Dabei wurde seine Stimme schon heiser und brüchig! Und er war kaum kleiner als Talgor. Und er hatte bei der Jagd auf den Stier dabei sein dürfen. Wann würden sie endlich begreifen, dass er kein Kind mehr war? Die Probe – ob er erst die Probe machen musste?

Beinah hätte er verpasst, was der Großvater weiter sagte: »Du täuschst dich übrigens, Dilgo, wenn du meinst, weiter im Süden sei es überall so wie in dem südlichen Wald, den du kennst. Du wirst schon auf deine Kosten kommen! Wir ziehen bis an den Fluss, den du nur als Säugling gesehen hast, der noch auf dem Rücken der Mutter getragen wurde. Dort gibt es nicht nur Fische und Wild im Überfluss, sondern auch Schönheiten und Wunder, die dich das Staunen lehren werden.«

Dilgo stand auf und wusch sich an der Quelle das heiße Gesicht. Also zogen sie in diesem Sommer in ein Gebiet, das er noch nicht kannte. Das wäre die richtige Voraussetzung für die Probe. Ob er es wagen sollte? Talgor hatte die Probe schon vor drei Jahren bestanden. Wer sich der Probe nicht unterzog, konnte nie der Held einer Stierjagd sein. Wie Talgor…

*

»Gib mir die Hand, ich helfe dir!« Dilgo zog Endris das letzte steile Stück bis zur Plattform vor der Höhle den Berghang hinauf. Groß und gewaltig wölbte sich das Höhlentor in der Felswand. Dilgo blickte stumm den Felsen hinauf. Von dort oben war der Stier herabgestürzt, aber nun waren die Spuren des Stieropfers wieder beseitigt.

Die beiden traten in den weiten, hohen Höhlenraum und warfen ihre großen Fellbeutel ab. Sie waren den Nachmittag über mit den Frauen und den anderen Kindern durch den Wald gestreift und hatten gesammelt, was der Frühling Essbares bescherte: Knospen und zarte Sprösslinge, Wurzeln und Zwiebeln, Kräuter und Blätter. Zusammen mit dem getrockneten und geräucherten Stierfleisch würde das genügen, damit sich die ganze Gruppe während der Wanderung nicht um Nahrung kümmern musste.

Jetzt wollten sie der Höhle einen letzten Besuch abstatten. Es galt, Abschied von ihrem Lieblingsplatz zu nehmen. Wie oft hatten sie hier in den endlosen Wochen der vergangenen regnerischen Zeit im Schutz der Höhle gespielt und beieinandergesessen. Nun mussten sie fort.

Dilgo kniete im hintersten Winkel der Höhle nieder und tastete nach den Steinen. Er schloss die Augen, damit sie sich schneller an die Dunkelheit gewöhnten. Jetzt konnte er schwach das Versteck seiner Schätze erkennen. Er entfernte den obersten Stein und fasste in die Höhlung. Behutsam holte er hervor, was darinnen verborgen lag; die scharfe Schneide, die er im Winter nach langen fehlgeschlagenen Versuchen selbst von einem Feuerstein abgeschlagen und mit Harz in einem Griff aus Hirschgeweih befestigt hatte, die versteinerte Schnecke, die grün schimmernde Schwanzfeder eines Auerhahns, den durchbohrten Bärenzahn an der schmalen Lederschnur.

Messer, Schnecke und Feder ließ er in den kleinen Beutel an seinem Gürtel gleiten, das Band mit dem Zahn aber legte er an seinen Platz zurück und bedeckte das Versteck sorgfältig mit dem Stein.

»Warum legst du das Amulett zurück?«, wunderte sich seine kleine Schwester.

»Ich will es hierlassen. Später, wenn wir wieder einmal in dieser Gegend unser Lager aufschlagen, werde ich es wieder finden. Dann weiß ich, dass dies ein guter Ort ist.«

»Ja, das ist wahr«, nickte Endris. »Klettern wir noch auf unseren Felsen?«

»Natürlich! Komm!«

Dilgo zog sich auf die Felsspitze hoch, die seitlich vom Höhleneingang vor der großen Felswand aufragte, kniete sich hin und streckte Endris die Hand entgegen. Aber Endris schüttelte den Kopf und bemühte sich, allein hinaufzugelangen. Sie strahlte über das ganze Gesicht, als es ihr gelungen war.

Dilgo strich ihr zärtlich die wirren braunen Locken aus dem erhitzten Gesicht und legte ihr den Arm um die Schultern. Sie mussten sich eng aneinanderdrängen, um beide auf diesem schmalen Felsen Platz zu finden.

Die Abendsonne schien ihnen ins Gesicht und vergoldete das Land. Sie schauten schweigend. So schön wie heute war es hier noch nie gewesen. Sie kannten den Ausblick von hier bei klarem Winterwetter, wenn sich die Berge und das weite Land blendend weiß aneinanderreihten, und vor allem kannten sie ihn grau in grau, nebelverhangen, regenverschleiert.

»Es gibt kein größeres Wunder als den Frühling«, flüsterte Endris.

Dilgo nickte. Er verstand, was sie meinte. Jedes Jahr, wenn der lange Regen aufhörte und unter den warmen Strahlen der Sonne in wenigen Tagen der Wald zu sprießen, zu grünen und zu blühen begann, fühlte er das Gleiche: Staunen, Dankbarkeit und Lust.

Soweit das Auge reichte, erstreckte sich in allen Schattierungen zarten Grüns der Wald – auf dem Berg ihrem Felsen gegenüber, im weiten Bachtal, an dessen Quelle das Lager aufgeschlagen war, auf den weiter entfernten Höhenzügen und auf der Hochebene im Süden, die weit in der Ferne mit dem Himmel verschmolz.

Auf diesen fernen Punkt zeigte Dilgo und sagte: »Siehst du, Endris, dahin brechen wir morgen auf.« Und rasch fügte er hinzu, wozu er sich in diesem Augenblick entschlossen hatte: »Wenn wir dort sind, wirst du eine ganze Weile ohne mich auskommen müssen. Ich mache die Probe.«

Endris drehte sich so heftig zu ihm hin, dass sie von der schmalen Fläche glitt. Dilgo hielt sie fest und zog sie wieder zu sich.

Endris presste seine Finger und stieß hervor: »Nein, Dilgo! Das nicht! Letztes Jahr hat Gebor die Probe machen wollen. Und er ist nicht zurückgekehrt!«

»Talgor ist zurückgekehrt!«

»Ja, Talgor!«

Nun war es Dilgo, der so erregt auffuhr, dass er beinahe ins Rutschen kam. Er rief empört: »Soll das heißen, dass du mir nicht zutraust, es Talgor gleichzutun?«

Endris drückte ihren Kopf an seine Brust. »So war es nicht gemeint, Dilgo. Ich habe eben Angst um dich. Du bist noch viel zu jung.«

Dilgo sprang auf. »Jetzt auch noch du!«, schrie er wütend.

Er rutschte den Felsen hinunter und begann, den steilen Berg hinabzulaufen. Erst als er Endris hinter sich rufen hörte: »Dilgo! Komm doch zurück! Ich trau mich hier nicht allein herunter!«, hielt er an, dann kehrte er mit finsterem Gesicht zurück und half seiner Schwester.

Schweigend nahm er seinen Beutel und machte sich auf den Heimweg zum Lager. Endris folgte ihm ratlos. Sie konnte nicht mit ihm Schritt halten und blieb weit zurück.

Dilgo stürmte auf dem kaum wahrnehmbaren Pfad dahin, der in den vergangenen Monaten im Wald entstanden war, denn nicht nur Endris und er hatten die Höhle oft aufgesucht. Im Sommer würde der Pfad längst wieder völlig überwuchert sein und nichts würde mehr daran erinnern, dass in diesem Waldgebiet einmal Menschen gelebt, ihre Nahrung gesammelt und gejagt hatten.

Als er etwa die Hälfte des Weges zum Lager zurückgelegt hatte, blieb er plötzlich stehen. Da war es wieder: ein fernes, lang gezogenes Heulen. Dilgo setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm. Er runzelte die Stirn vor angestrengtem Horchen. Immer und immer wiederholte sich dasselbe schauerliche Klagelied. In den kurzen Pausen dazwischen spürte Dilgo die Stille fast schmerzhaft. Jedes Mal hoffte er, er würde eine Antwort auf dieses Heulen hören. Aber die Antwort blieb aus.

Endris kam auf dem Pfad herbei, stutzte, als sie Dilgo sah, und setzte sich neben ihn. Dilgo sah auf. Seine Augen waren groß und dunkel und schimmerten feucht.

»Ein einsamer Wolf«, sagte er leise. »Er ruft sein Rudel, aber die anderen antworten ihm nicht. Sie haben ihn ausgestoßen. Jetzt ist er ganz allein. Allein im unendlichen Wald.«

Dilgo fröstelte. Er stand auf. »Gib mir deinen Beutel, Endris, ich trage ihn für dich!«, sagte er und streckte die Hand aus. Dicht hintereinander legten sie die letzte Wegstrecke zurück und Dilgo vergewisserte sich immer wieder, dass seine Schwester nachkam.

*

Dilgo hob Endris aus dem Wasser und warf sie im flachen Bogen zurück in den Fluss. Prustend tauchte sie aus den Fluten wieder auf und schüttelte sich das Wasser aus dem Haar. Die Tropfen funkelten im Sonnenlicht.

»Dilgo! Mit mir auch!«, krähte der kleine Rion und streckte ihm vom Ufer seine Ärmchen entgegen. Dilgo lachte und warf Labons jüngsten Sohn hoch in die Luft, fing ihn auf und tauchte mit ihm in den Armen ins kalte Wasser, denn Rion konnte noch nicht schwimmen. Dann brachte er ihn zurück ans Ufer.

»Jetzt wollen wir mal sehen, ob wir das auch mit Dilgo können!«, rief Dilgos Freund Falbo und winkte einem anderen Jungen, ihm zu helfen. Gemeinsam stürzten sie sich auf Dilgo. Die beiden waren kleiner und schmächtiger als er und er wehrte sie ab. Bald tauchte er einen, bald den anderen unter Wasser. Aber sie gaben nicht auf. Immer wieder versuchten sie, ihn hochzuheben, und als sie einsehen mussten, dass ihnen das nicht gelang, drückten sie ihn wenigstens mit vereinten Kräften unter Wasser. Dilgo schluckte eine Menge Wasser und kam prustend wieder an die Oberfläche.

»Jetzt habe ich wenigstens keinen Durst mehr!«, lachte er. Er schwamm dorthin, wo ein kleiner Bach in den Fluss mündete. In dem sprudelnden Bachwasser watete er bis zu der Stelle, an der ihre Hütten auf einer Terrasse am trockenen Hang etwas oberhalb des Baches erbaut waren. Die Hütten waren an einem einzigen Tag errichtet gewesen, denn sie waren noch leichter gebaut als die des verlassenen Winterlagers und nach Südosten hin ganz offen. Dilgo ließ sich auf den Waldboden fallen, stützte die Arme auf und schaute seinem Großvater zu, wie dieser mit seinem feinen Steinmesser aus einem Knochenstück eine Harpunenspitze für den Fischfang schnitzte.

»Großvater, du hattest recht! Ich glaube, an einer so schönen Stelle wie dieser hier haben wir noch niemals unser Sommerlager aufgeschlagen! Die Berge, der Bach, das Flusstal und vor allem das Wasser!«, sagte Dilgo, während er beobachtete, wie der alte Mann geschickt den dritten Widerhaken aus dem Knochen schnitt.

Der Großvater hielt die Harpunenspitze zwischen Zeigefinger und Daumen am ausgestreckten Arm in die Sonne und betrachtete sie prüfend. Dann hob er eine Feuersteinklinge auf, die er sich zurechtgelegt hatte, und begann damit, die Spitze zu glätten.

»Wohin fließt der Fluss eigentlich?«, fragte Dilgo nach einer Weile.

»Erst gegen Mittag, dann ziemlich genau nach Sonnenaufgang, wenn man von seinen Biegungen absieht. Mehr als einen Tagesmarsch von hier entfernt mündet er in den Großen Fluss. Aber das ist nicht mehr unser Gebiet. Ich war selbst sehr lange nicht mehr dort. Doch die Gegend südlich von hier suchen wir gelegentlich auf.«

»In diesem Sommer auch?«

»Nein, in diesem Sommer nicht. Warum interessiert dich das?«

»Weil ich …« Dilgo brach ab und schwieg.

Der Großvater ließ die Arbeit sinken und sah Dilgo aufmerksam an. »Na?«, fragte er schließlich.

Dilgo setzte sich auf. Er biss sich auf die Lippen. Jetzt musste es heraus. Aber wenn es heraus war, dann war es endgültig. Bisher wussten nur er und Endris davon und seit jenem Streit auf ihrem Felsen vor der Höhle hatten sie nicht mehr daran gerührt. Er holte tief Luft und sagte dann viel zu laut: »Weil ich die Probe machen will!«

Gespannt schaute er seinen Großvater an.

Doch der nickte nur, nahm seine Arbeit wieder auf und meinte: »Das habe ich mir gedacht.«

Dilgo war enttäuscht. Was hatte er erwartet? Überraschung? Einwände? Anerkennung? Jedenfalls nicht das!

Männerstimmen wurden hörbar. Zwischen den Bäumen tauchten der Vater, der Onkel und Talgor auf. An einer Stange festgebunden, trugen sie ein erbeutetes Reh. Neben der Feuerstelle vor dem Hütteneingang ließen sie es zu Boden.

Aus den Nachbarhütten traten zwei Frauen: »Fein!«, freuten sie sich, »heute gibt es Rehbraten!«

»Dilgo, komm her!«, rief der Vater. Mit einer Kopfbewegung wies er auf das tote Reh und sagte knapp: »Häute es ab!«

Dilgo sah seinen Vater unsicher an. Meinte er das ernst? Er hatte zwar schon einige Male beim Enthäuten eines Tieres mitgeholfen und unzählige Male zugesehen. Aber ganz allein eine solche Arbeit zu verrichten! »Allein?«, fragte er zweifelnd.

Der Vater nickte: »Allein!«

Dilgo überlegte. Er wusste, dass die Männer ein Reh zum Schlachten an den Hinterläufen an einem Baum aufhängen würden. Aber er ganz allein würde das wohl kaum schaffen. Ob er wenigstens zum Aufhängen um Hilfe bitten sollte? Nein – wenn der Vater ihm diese Arbeit zutraute, dann wollte er auch beweisen, dass er sie leisten konnte, auch ohne dass das Reh aufgehängt wurde! Endlich wurde er nicht mehr wie ein Kind behandelt. Wenn er nur keinen Fehler machte!

Er kniete sich hin und drehte das Reh auf den Rücken. Aus dem Beutel am Gürtel nahm er sein Feuersteinmesser. Zunächst schnitt er oberhalb der Hufe das Fell rundherum auf. Dann begann er am einen Hinterbein. Vorsichtig schob er das Messer zwischen Fell und Fleisch und trennte das Fell auf der Innenseite auf. Nun das andere Hinterbein, der Bauchschnitt, der Schnitt an den Vorderbeinen! Und bloß nicht das Fleisch verletzen!

Vor Anspannung bekam er einen ganz roten Kopf. Verstohlen schielte er zu seinem Vater hinüber. Da bemerkte er, dass dieser ihn beobachtete, auch wenn er so tat, als achte er gar nicht auf ihn. Dilgo grinste.

Der Vater, der Onkel und Talgor hatten sich zum Großvater um die Feuerstelle gesetzt, andere Männer und Frauen waren dazugekommen, sie unterhielten sich und lachten. Das Reh würde auf Tage hinaus für die ganze Gruppe zum Essen ausreichen, das war ein Grund zum Feiern. Nach den anstrengenden Tagen der Wanderschaft und des Lagerbaus begannen nun die freien und unbeschwerten Tage des Frühlings und des Sommers.

Das Aufschneiden war geschafft. Nun begann Dilgo, klopfend und ziehend das Fell vom Körper zu lösen. Und jetzt das Schwerste: das Herausnehmen der Innereien. Dilgo zerbiss sich die Lippen, während er den Bauch aufschnitt. Pass auf die Gallenblase auf, pass auf den Darm auf, hämmerte er sich selbst immer wieder ein. Es gelang. Aber der Brustkorb musste noch geöffnet werden! Das Messer blieb im Knochen stecken.

Schweiß strömte an Dilgo herab. So helft mir doch!, hätte er am liebsten geschrien. Er sah auf. Da begegnete sein Blick dem seines Großvaters. Der nickte ihm aufmunternd zu. Dilgo beugte sich wieder über seine Arbeit. Er bog die Knochen etwas auseinander, bis sich das Messer herausziehen ließ.

Und dann war es geschafft.

Dilgo richtete sich auf und trat zu den anderen. »Fertig!«, sagte er nur, aber er war so stolz, dass er laut hätte schreien mögen.

Der Vater begutachtete sein Werk und schlug ihm anerkennend auf die Schulter: »Na also! Du kannst es ja!«

»Das muss er wohl auch«,

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