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Die Soldaten des Kreises Hoya im Ersten Weltkrieg

Jan H. Witte

Die Soldaten des Kreises Hoya im Ersten Weltkrieg

Einsätze, Gefechte, Verluste

Vorwort

Vor einhundert Jahren kehrten die letzten kriegsgefangenen deutschen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg in die Heimat zurück. Darunter befanden sich auch etliche aus dem damaligen Kreis Hoya. Denjenigen, die nicht aus dem Krieg zurückkehrten, wurden in ihrer Heimat Denkmäler gesetzt. Die Denkmäler sind noch vorhanden, doch heute, drei bis vier Generationen später, steht der geneigte Betrachter zumeist ratlos vor einer Liste von Namen und Daten, die für sich genommen wenig aussagekräftig sind. Die zugehörige Geschichte vom Einsatz und Verlust der Hoyaer Soldaten zu erzählen, soll Aufgabe dieser kleinen Darstellung sein.

Der Erste Weltkrieg war mehr als ein ereignisloser und schier endloser Stellungskrieg. Männer aus dem Kreis Hoya kämpften in China, Afrika und Palästina. Sie dienten bei der Infanterie, als Jagdflieger und als U-Bootbesatzungen. Ihr Weg in und durch den Krieg ist nicht einfach nachzuvollziehen. Im Heimatmuseum Grafschaft Hoya lagert – weithin unbekannt und vergessen - das sogenannte „Eiserne Buch“; ein Foliant, versehen mit einem „genagelten“ Einband und dem schlichten Titel: „Dem Andenken der im Weltkriege 1914/1919 Gefallenen aus dem Kreise Hoya gewidmet“. In diesem Buch listeten die alphabetisch geordneten 60 Gemeinden des damaligen Kreises ihre Gefallenen und Vermissten auf. Anhand dieser Aufzeichnungen und der mittlerweile „online“ zugänglichen Verlustlisten kann der Weg der kreisangehörigen Soldaten in und durch den langen und verlustreichen Krieg zumindest in den Grundzügen dargestellt werden. Ausgestellt war das Eiserne Buch – verwahrt in einem ebenholzfarbenen mannshohen Schrein - wahrscheinlich im damaligen Kreishaus in Hoya. Auch der Schrein befindet sich inzwischen im Heimatmuseum.

Angesichts der im Eisernen Buch verzeichneten über eintausend Gefallenen kann im Rahmen der hier vorgelegten Studie nicht auf jedes Schicksal eingegangen werden. Stattdessen soll v.a. anhand derjenigen Einheiten, in denen relativ die meisten Soldaten aus dem Kreis Hoya dienten und fielen (also den Einheiten der niedersächsischen Armeekorps), der Weg der Ereignisse nachvollzogen werden.

Hoya, im Mai 2020

Dr. Jan H. Witte

Inhaltsübersicht

I. Quellenlage

II. Die deutschen Streitkräfte

1. Armeegliederung

2. Mobilmachung

III. Der Krieg 1914

1. Vormarsch im August

a) Der Angriff auf Lüttich

b) Vormarsch zur Sambre

c) Schlacht bei Charleroi und Namur

d) Die Schlacht von St. Quentin

e) Andere Fronten im August 1914

2. Schicksalsmonat September

a) Die Schlacht an der Marne

b) Die Stellung bei Reims

c) Andere Fronten

3. Stellungskrieg im Oktober

a) Entwicklung bei der 2. Armee

b) Der Wettlauf zum Meer

c) Die erste Flandernschlacht

4. Der Ausgang des Jahres

a) Im Westen nichts Neues

b) Die Ostfront

c) Hoyaer in Übersee

IV. Ordensverleihungen

1. Die ersten Orden

2. Das Eiserne Kreuz 1. Klasse

3. Die ranghöchsten Orden

V. Hoyaer im Krieg zur See

1. Das Seegefecht vor Texel

2. Marineinfanterie

3. Der Untergang von U 58

4. Sonstige Marineangehörige

VI. 1915: Das Jahr der vielen Fronten

1. Winterschlacht in der Champagne

2. Der Feldzug im Osten

3. Das Alpenkorps in Italien und Serbien

4. Das X. RK an der Vogesenfront

5. Herbstschlacht in der Champagne

6. Die übrige Westfront 1915

VII. 1916: Verdun, Somme, Rumänien

1. Verdun

2. Somme

3. Das Alpenkorps in Rumänien

4. Der Feldzug in Mazedonien

5. Die Ostfront

VIII. 1917: Verteidigung im Westen, Angriff im Osten 235

1. Die aktiven Regimenter

a) Champagne

b) Nordfrankreich

c) Verdun

d) In den Osten und nach Flandern

2. Das Alpenkorps

3. Die Reserve-Regimenter

IX. Offiziere aus dem Kreis Hoya

X. 1918: Bis zum Waffenstillstand

1. Die letzten deutschen Offensiven

2. Die Jägerbataillone

3. Die alliierte Schlussoffensive

a) August

b) September

c) Ein Grab in Nahen Osten

d) Die letzten Gefallenen

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang: Das Eiserne Buch

I. Quellenlage

Die Quellenlage zu den militärischen Ereignissen des Ersten Weltkriegs ist als „mäßig gut“ zu bewerten. Die Personalunterlagen der Preußischen Armee, zu der die Masse der Hoyaer Soldaten gehört haben, sind - ebenso wie die Gefechtsberichte und Truppentagebücher der einzelnen Einheiten - im Zweiten Weltkrieg größtenteils verloren gegangen. Gesammelt waren sämtliche Truppenunterlagen der preußischen Armee im „Reichsarchiv“ in Potsdam, das aber 1944 durch Bombenangriffe weitgehend zerstört wurde. Erhalten geblieben sind im Bundesarchiv lediglich kleine Reste von Unterlagen der einzelnen Regimenter, Divisionen und Korps. Die Mannschaftsstammrollen und Einberufungslisten - aus denen man den genauen Werdegang der einzelnen Hoyaer Soldaten hätte entnehmen können - sind dagegen beinahe restlos vernichtet.

Eine solche Zuordnung der aus unserer Region stammenden Soldaten zu einzelnen Einheiten ist aber zumindest teilweise über die erhalten gebliebenen (und als Amtsblatt täglich herausgegebenen) „Deutschen Verlustlisten“, in denen sämtliche Verwundeten, Vermissten und Gefallenen, überwiegend auch mit dem jeweiligen Geburtsort, genannt sind, möglich. Diese Listen gaben, getrennt nach den preußische, bayerischen, württembergischen und sächsischen Truppen – sowie einer Marineliste - in den ersten zwei Kriegsjahren Sammelmeldungen der einzelnen Regimenter zu den jeweiligen Verlusten in Zeitabschnitten von etwa sechs bis acht Wochen heraus. So meldete das Reserve-InfanterieRegiment (RIR) Nr. 74 aus Hannover, bei dem viele Hoyaer Soldaten dienten, erstmals am 25. Oktober 1914 alle Verluste für die Gefechte ab dem ersten Einsatz am 22. August bis zum 20. September 1914. Soweit man hier also einen Hoyaer Namen findet, beispielsweise in der 6. Kompanie den des Reservisten Ernst Meyer aus Bücken mit der Angabe „verwundet“, so ist damit zumindest belegt, dass er innerhalb des genannten Zeitraums an einem der Gefechte dieses Regiments teilgenommen hat.

Das bereits ab dem 5. August in Kämpfe v e r s t r i c k te „ a k t i ve “ h a n n o ve r s c h e Infanterieregiment (IR) Nr. 74 berichtete dagegen schon erstmals am 4. Oktober (allerdings nur für das I. und II. Bataillon) über die Verluste aus dem August 1914. Das III. Bataillon des IR 74 veröffentlichte dagegen erst am 7. (für die 9. und 10. Kompanie) und 17. Oktober (für die 11. und 12. Kompanie) die Namen der in den Augustgefechten als „Verlust“ gemeldeten Soldaten. Am 29. Oktober erschien dann eine weitere Meldung des IR 74 für den Zeitraum September 1914 und Ende November wiederum für die Verluste des Oktobers. Dazwischen erschienen immer wieder kurze Berichtigungsangaben, da manche Namen zunächst falsch gedruckt erschienen oder zunächst als „vermisst“ gemeldete Soldaten sich wieder bei der Truppe einfanden (oder doch gefallen oder in Gefangenschaft geraten waren). Da die Meldungen aber stets gesammelt für mehrere Gefechtshandlungen abgegeben wurden, lässt sich daraus zumeist nicht eindeutig entnehmen, an welchen Tagen genau welche Verluste eintraten.

Ab Ende 1916 wurden die Verlustlisten dann aus Gründen der Geheimhaltung verändert. Nun erschienen lediglich noch Name, Vorname und Geburtsdatum (ohne Jahreszahl) sowie der Geburtsort. Eine Zuordnung der Soldaten zu den einzelnen Einheiten erfolgte dagegen in den Listen

nicht mehr. Die Verlustliste vom 2. September 1918 gibt also beispielsweise Auskunft darüber, dass ein Leutnant der Landwehr namens Konrad Jürns, gebürtig aus Hoya, in Gefangenschaft geraten ist. Unklar bleibt aber, wann, wo und bei welcher Einheit das geschehen ist. Hintergrund dieser Umstellung war die Befürchtung, dass gegnerische Aufklärungsdienste die Höhe der eigenen Verluste - bei den an bestimmten Kampfhandlungen beteiligten Regimentern - ansonsten einfach anhand der Listen auswerten und dadurch auch eine Einschätzung hinsichtlich der Kampfkraft des Deutschen Heeres errechnen könnten. Erst mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 wurden dann wieder vollständige Angaben (über die jetzt noch nachträglich einlaufenden Meldungen) gemacht. Insoweit lässt sich also für die zweite Kriegshälfte deutlich weniger an Informationen gewinnen, als für die ersten zwei Kriegsjahre.

Die Verlustlisten wurden bis zum Herbst 1919 (v.a. mit Korrekturen früherer Angaben) noch weiter geführt. Sie sind mittlerweile online abrufbar und können über Suchfunktionen ausgewertet werden. Insoweit ist also für die ersten zwei Kriegsjahre eine Zuordnung der Hoyaer Soldaten zu den Einheiten, bei denen sie dienten - abgesehen von den durchaus häufigen Fällen der Falschschreibung der Namen oder Geburtsorte (neben „Hoia“ findet sich auch gerne die Schreibweise „Hoyer“ oder etwa auch „Hoienhagen“, „Hoiahagen“ und „Brücken“ statt Bücken) - recht einfach möglich.

Eine weitere Quelle – zumindest für die Gefallenen – sind die Denkmäler und vor allen Dingen das im Heimatmuseum Grafschaft Hoya verwahrte „Eiserne Buch“, das Ehrenbuch für sämtliche Gefallenen des damaligen Kreises Hoya.

Hier sind für jede kreisangehörige Ortschaft die Gefallenen, teils mit Berufs- und Regimentsangabe, teils aber auch ohne jegliche Zusatzdaten, eingetragen. Wer dieses Buch wann gestaltet und die Einträge für die einzelnen Ortschaften vorgenommen hat, wird im Buch selbst nicht erwähnt. Interessanterweise sind die Einträge im Eisernen Buch auch nicht ganz deckungsgleich mit den auf den einzelnen Orts-Denkmälern des Ersten Weltkriegs eingravierten Namen. So ist der Steinmetz Michael Heininger etwa für den Flecken Hoya im Eisernen Buch als Gefallener des Infanterie-Regiments Nr. 78 unter dem 29. August 1914 verzeichnet. Auf dem im Bürgerpark in Hoya errichteten Denkmal findet er sich aber nicht. Der Grund für diese Abweichung wird wohl darin liegen, dass Heininger aus Rosenheim in Bayern stammte und bei Kriegsausbruch in Hoya als „Steinmetzgehülfe“ bei der Firma Josef Gründel arbeitete. Immerhin war er im Sommer 1914 aber zumindest bereits solange in Hoya ansässig, dass er, der seinen Wehrdienst vor dem Krieg in einem bayerischen Regiment abgeleistet haben dürfte, bereits einem „hannoverschen“ Regiment, dem IR 78, als Reservist zugewiesen war. Für die Verfasser des Eisernen Buches galt er als „Hoyaer“. Das Denkmalkomitee sah das offenbar anders.

Umgekehrt findet sich der neunundvierzigjährige Major Hugo Reinhardt, gebürtig aus Westfalen und Berufssoldat beim Infanterie-Regiment Nr. 77 in Celle (wo er seinen ständigen Wohnsitz gehabt haben dürfte), zwar mit dem Todesdatum 22. August 1914 auf dem Hoyaer Denkmal, dafür fehlt sein Name aber im Eisernen Buch. Reinhardt war mit einer Hoyaerin verheiratet. Sein Leichnam wurde von der Front nach Hoya überführt und dort auch beigesetzt.

Hans Hartje, geboren am 7. März 1890 in Hoya, gefallen als „Kriegs-Freiwillig-Einjähriger“ Student („cand. phil.“) am 17. November 1914 in Flandern, fehlt sowohl im Buch wie auf dem Denkmal. Sein Schicksal ist daher nur den Verlustlisten (da er dort mit dem Geburtsort Hoya verzeichnet ist) und einer Todesanzeige der Familien Hartje-Uelzen und Hartje-Hoya im Hoyaer Wochenblatt zu entnehmen. Wahrscheinlich wuchs er in Uelzen auf, so dass für einen Eintrag im Eisernen Buch oder auf dem Gefallenendenkmal – trotz des Geburtsortes in Hoya - der nötige Bezug zur Heimat fehlte. Dafür ehrte ihn die „Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide“ vom 12. Juli 1919 als gefallenen Uelzener.

Insoweit stellte sich also sowohl dem Komitee zur Errichtung eines Denkmals (wie auch den Verfassern des Eisernen Buches) die Frage, wer denn eigentlich als „Hoyaer“ gelten und gewürdigt werden sollte: Sollten die erst kurz vor Kriegsbeginn zugezogenen Bürger berücksichtigt werden? Und oder auch die kürzere oder längere Zeit vor Kriegsausbruch weggezogenen Bürger?

Deutlich wird aus diesen Beispielen, dass die jeweiligen Angaben weder unbedingt stimmig noch vergleichbar sind. Nicht nur im Eisernen Buch und den Verlustlisten, sondern selbst auf manchen Ortsdenkmälern sind Namen, Daten und Einheiten zudem falsch geschrieben oder unvollständig angegeben. Zudem nennen einige Denkmäler (wie in Hassel) lediglich Vor- und Nachnamen sämtlicher Gefallenen ohne jegliche Daten. Andere weisen dagegen sogar Dienstgrad, Regiment, Todesort und Todesdatum auf (wie bspw. Schweringen). Jeder Ort hat nach Kriegsende für sich entschieden, welche Namen auf den Denkmälern verewigt werden sollten. So wurde durchaus diskutiert, ob die erst kurz vor Kriegsausbruch zugezogenen, die vor Kriegsausbruch weggezogenen und die nur zeitweilig im Ort wohnenden Bürger aufgenommen werden sollten oder nicht. Der in Hoya geborene und zur Schule gegangene Leutnant der Reserve Adolf Schmalgemeyer, der bei Kriegsbeginn längst als Zollsekretär in Köln wohnte und mit einem rheinischen InfanterieRegiment in den Krieg zog, ist auf dem Hoyaer Denkmal aufgenommen worden. Das Eiserne Buch hat dagegen auf seine Nennung verzichtet. Umgekehrt finden sich auch dieselben Namen auf verschiedenen Denkmälern wieder: So wird dem Reservist Wilhelm Kammann, gefallen am 23. August 1914, etwa sowohl auf dem Bücker Denkmal (als Altenbücker, gefallen am 23. September 1914) wie auch auf dem Gandesberger Denkmal (jeweils als Angehöriger des ReserveInfanterie-Regiments Nr. 74, in dem ausweislich der Regimentsgeschichte nur ein Wilhelm Kammann fiel, so dass es sich um denselben Soldaten handeln muss) gedacht.

Am unerklärlichsten ist die Eintragung des posthum literarisch bekannt gewordenen Studenten Hellmut Wolfgang Zschuppe im Eisernen Buch unter den hiesigen Gefallenen. Der Eintrag zum Flecken Hoya lautet knapp: „Student, gefallen am 18. September 1917 bei Moronvilliers“. Helmut Zschuppe wurde am 29. Dezember 1898 in Wien geboren und fiel, nachdem er bereits 1916 zweimal verwundet worden war, am 18. September 1917 bei Maronviller in der Champagne (unweit Reims) als Gefreiter im sächsischen Garderegiment „Leib-Grenadier-Regiment 100“. Er war an der Universität Leipzig als „stud.phil.“ eingeschrieben, bevor er 1916 an die Front ging. Sein Name findet sich zwar nicht auf dem Denkmal in Hoya, dafür aber auf dem Gefallenendenkmal der Stadt Meißen. Bekannt wurde Zschuppe durch einen seiner von der Front an seine Eltern geschriebenen Briefe, der in dem verbreiteten Buch „Kriegsbriefe gefallener Studenten“ des Literaturprofessors Philipp Witkop abgedruckt wurde (Philipp Witkop, Kriegsbriefe gefallener Studenten, München, 1928). Witkop hatte noch während des Krieges im Auftrag der Unterrichts-Ministerien - und unter Mitwirkung der Universitäten in ganz Deutschland - dazu aufgerufen, ihm die schönsten Briefe gefallener Studenten zwecks Abdrucks zukommen zu lassen. Aus mehr als zwanzigtausend Zuschriften hatte er dann eine kleine Auswahl von 121 Studenten getroffen, deren Briefe er veröffentlichte. Darunter finden sich auch fünf Briefe Zschuppes aus dem Zeitraum Oktober 1916 bis September 1917. Dessen Schilderungen („Und nach einem Angriff in einem Laufgraben mit Handgranaten und Flammenwerfern ist man gebrandmarkt in der Seele.“) werden bis heute zumindest im angloamerikanischen Raum zitiert (Mark Hewitson, A war of words: the cultural meaning oft he First World War in Britain and Germany, in: European Review of History, 2018, S. 746-777). Unklar bleibt aber, welchen Bezug Zschuppe zu Hoya hatte, ob er, der gebürtige Wiener, dessen Familie offenbar aus Sachsen stammte, vor dem Krieg in Hoya lebte und warum sich sein Name im Eisernen Buch (aber nicht auf dem Denkmal im Bürgerpark) findet. Der einzige sichtbare Berührungspunkt liegt darin, dass der gleichaltrige, in Hoya 1898 geborene Emil Maas im selben sächsischen Leib-Grenadier-Regiment 100 wie Zschuppe diente. Der Dienst im selben Regiment mag Zufall gewesen sein, ist aber dennoch ungewöhnlich, da die Kreis-Hoyaer Wehrpflichtigen grundsätzlich zu regionalen Regimentern der preußischen und nicht der sächsischen Armee eingezogen wurden. Emil Maas wurde 1917 schwer verwundet, kam 1918 zur Truppe zurück und geriet Ende September 1918 in Gefangenschaft.

Das Leib-Grenadier-Regiment Nr. 100 hat, wie viele andere der bei Kriegsausbruch knapp vierhundert Infanterie-Regimenter, nach dem Krieg als Bücher veröffentlichte Regimentsgeschichten verfasst, von denen – trotz der in der Regel geringen Auflage - heute noch das ein oder andere Exemplar in Bibliotheken vorhanden ist. Anhand dieser zumeist chronologisch aufgebauten Kriegshistorien lässt sich in einigen Fällen ebenfalls nachvollziehen, wie sich die Geschehnisse aus Sicht der Hoyaer Soldaten darstellten.

Endlich sind auch die Tageszeitungen als Quelle dieser Geschichtsforschung nützlich. Es finden sich dort neben den regelmäßigen Todesanzeigen zwar nur spärliche Einsatzberichte, dafür wurde aber vielfach über Ordensverleihungen berichtet, wodurch neben den namentlich weitgehend bekannten Gefallenen zumindest auch einige der überlebenden Kriegsteilnehmer identifiziert werden können. Nicht zu fassen sind dagegen diejenigen Kriegsteilnehmer, die niemals verwundet waren (bzw. in Gefangenschaft gerieten oder fielen) oder ansonsten (etwa über Ordensverleihungen) gemeldet worden sind. Insoweit bleibt auch diese Darstellung selbstverständlich nur ein unvollständiges Stückwerk der regionalen Geschichtsaufarbeitung.

Der Kreis Hoya, für dessen Gefallene das „Eiserne Buch“ (im Folgenden kurz: EB) gefertigt worden ist, bestand von 1885 bis 1932 und setzte sich zusammen aus den zuvor bestehenden Ämtern Hoya und Bruchhausen. Er umfasste die vier Flecken:

Bruchhausen

Bücken

Hoya und

Vilsen

Daneben bestanden 56 selbständige Gemeinden:

Altenbücken, Anderten, Asendorf

Berxen, Brebber

Calle

Dedendorf, Doenhausen, Duddenhausen

Eitzendorf, Engeln, Essen, Eystrup

Gandesbergen, Graue

Hämelhausen, Haendorf, Haßbergen, Hassel, Heesen, Heiligenberg, Helzendorf, Hilgermissen, Hohenholz, Hohenmoor, Holtrup, Homfeld, Hoyerhagen, Hustedt

Kampsheide, Klein-Borstel, Kuhlenkamp

Loge

Magelsen, Mahlen, Martfeld, Mehringen

Nordholz

Ochtmannien, Oerdinghausen, Oiste

Scholen, Schwarme, Schweringen, Stendern, Süstedt

Tuschendorf

Ubbendorf, Uenzen, Uepsen

Warpe, Wechold, Weseloh, Wienbergen, Windhorst und Wöpse.

Kreissitz war Hoya. Das Kreishaus wurde 1914 an der Stelle, wo zuvor das durch einen Brand vernichtete Rathaus des Fleckens Hoya stand, neu erbaut. Dort fungiert es heute als Verwaltungssitz der Samtgemeinde Grafschaft Hoya sowie wiederum als Rathaus der Stadt Hoya. Die Einwohnerzahl des Kreises Hoya belief sich 1910 auf 27.360 Menschen. 1932 wurde der Kreis Hoya mit dem Kreis Syke zum neuen Landkreis Grafschaft Hoya zusammengelegt. Der Sitz des Kreises wechselte nach Syke.

Insgesamt weist das Eiserne Buch für den Ersten Weltkrieg die Namen von 1177 Gefallenen auf. Das entspricht 4,3 % der Gesamtbevölkerung oder 8,6 % aller männlichen Einwohner von 1910. Bereits im Jahre 1914 sind nach den Einträgen im Eisernen Buch 119 Soldaten aus dem Kreis Hoya gefallen (nach Abzug der vier doppelt eingetragenen Namen). Diese 119 Männer lassen sich den Einheiten in denen sie dienten - und den jeweiligen Gefechtshandlungen an denen sie beteiligt waren - relativ gut zuordnen, so dass deren Geschichte den Schwerpunkt der Darstellung ausmacht. Für die Folgejahre wird die Zuordnung schwieriger, so dass v.a der weitere Werdegang derjenigen Einheiten näher beleuchtet werden soll, in denen die relativ meisten Soldaten des Kreises dienten. So starben knapp ein Viertel aller gefallenen kreisangehörigen Soldaten bei nur vier (von insgesamt über 500 aufgestellten) Regimentern.

Die Eintragungen des Eisernen Buches sind im Anhang komplett abgedruckt. Dabei wurden sämtliche Eintragungen „unbereinigt“ (also auch bezüglich der eindeutig fehlerhaften Daten) übernommen und lediglich einige erkennbare Fehler über Anmerkungen kenntlich gemacht.

II. Die deutschen Streitkräfte

1. Armeegliederung

Während die Marine einen einheitlichen Truppenkörper des gesamten Kaiserreichs darstellte, existierten bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch vier verschiedene deutsche Landheere, gestellt von den Königreichen Preußen, Sachen, Württemberg und Bayern, die unter einheitlichem Oberkommando in acht Armeen gegliedert waren. Die Armeen Nr. 1 bis 7 wurden bei Kriegsbeginn im August 1914 an der Westfront und lediglich die 8. Armee an der Ostfront versammelt. Die „Oberprovinz“ Hannover war Teil des Königreichs Preußen. Die bis 1866 zur Armee des Königreichs Hannover gehörenden niedersächsischen Regimenter, zu denen der Großteil der Wehrpflichtigen aus den Hoyaer Landen eingezogen war, waren von Preußen übernommen worden und bildeten überwiegend einen Teil der 2. (preußischen) Armee. Diese 2. Armee verfügte bei Mobilmachung 1914 über sechs Armeekorps und insgesamt etwa 250.000 Soldaten.

Die Wehrpflichtdauer betrug bei Kriegsausbruch zwei Jahre. Allerdings gab es in den Jahren vor Kriegsbeginn pro Jahrgang regelmäßig mehr wehrpflichtige Männer, als überhaupt zu den Regimentern eingezogen und ausgebildet werden konnten. Dementsprechend wurde das Heer unmittelbar nach Kriegsausbruch um eine Vielzahl neuer Regimenter, die aus dem Potential der bislang ungedienten Männer aufgestellt werden konnten, vermehrt.

Die Gebiete der heutigen Landkreise Nienburg und Diepholz gehörten in der Friedensgliederung zum in Hannover stehenden X. Armeekorps (AK), welches aus zwei Infanteriedivisionen (19. und 20. ID) mit zusammen acht Infanterie-Regimentern (IR) bestand. Jedes Regiment (geführt von einem Oberst) verfügte in Friedenszeiten über etwa eintausend, im Krieg aber über dreitausend Soldaten, gegliedert in drei Bataillone zu je vier etwa 250 Mann starken (von einem Hauptmann geführten) Kompanien. Die zu dieser Zeit dienstpflichtigen Männer des Kreises Hoya waren ganz überwiegend zu diesem hannoverschen X. Armeekorps eingezogen worden. Dessen Gliederung war folgende (Reichsarchiv, Der Weltkrieg 1914 bis 1918, 1. Band, Berlin 1925, Anlage 1):

19. Infanteriedivision mit

- dem 1. Hannoverschen Füsilier-Regiment (FR) Nr. 73 Prinz Albert von Preußen, Standort Hannover

- dem 1. Hannoverschen Infanterieregiment (IR) 74, Hannover,

- dem IR 78 Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig, Osnabrück und

- dem Braunschweigischen IR 92 in Braunschweig

20. Infanteriedivision mit

- dem 2. Hannoverschen IR 77 in Celle,

- dem 3. Hannoverschen IR 79 Voigt-Rhetz in Hildesheim

- dem Oldenburgischen IR 91 in Oldenburg und

- dem 4. Hannoverschen IR 164 in Hameln und Holzminden

Jedes Regiment gliederte sich in drei Bataillone (I., II., III.) zu je vier Kompanien zuzüglich (zunächst) einer (später drei) Maschinengewehr-Kompanie.

Ferner verfügte das X. AK über vier mit Kanonen ausgestattete Feld-Artillerie-Regimenter (FAR Nr. 10 Hannover, Nr. 26 Verden, Nr. 46 Wolfenbüttel und Nr. 62 Oldenburg), ein mit schweren Haubitzen bestücktes sogenanntes FußArtillerie-Regiment (FußArtReg) Nr. 10, ein Jägerbataillon (Nr. 10 in Goslar), ein Pionierbataillon (Nr. 10 in Minden) und ein als Aufklärung fungierendes Kavallerieregiment (Husarenregiment Nr. 17 in Braunschweig).

Neben diesen „aktiven“ Regimentern wurden mit der Mobilmachung eine gleiche Zahl von in Friedenszeiten inaktiven Reserve-Regimentern aufgestellt, die im Wehrbereich des X. AK zusammen das X. Reservekorps (RK) bildeten. Die Stäbe dieser Einheiten wurden von den aktiven Regimentern gestellt, die Mannschaften setzten sich dagegen i.d.R. (allerdings mit vielen Ausnahmen) aus gedienten Reservisten zusammen, deren Ausbildung nicht länger als fünf Jahre zurücklag. Zum niedersächsischen X. RK gehörten:

19. Reserve-Infanteriedivision (RID)

- Reserve-Infanterieregiment (RIR) 73, mit je einem Bataillon in Braunschweig, Celle, Hannover

- RIR 74 in Hannover, Nienburg und Oldenburg

- RIR 78 in Lüneburg und Braunschweig und

- RIR 92 in Osnabrück und Lingen

2. Garde-Reserve-Infanteriedivision (GRID) mit

- RIR 77 in Hildesheim und Hameln

- RIR 91 in Göttingen und Hameln und

- RIR 15 in Minden, Bielefeld und Detmold und

- RIR 55 in Soest und Paderborn (das RIR 55 verfügte nur über zwei Bataillone)

- sowie ein selbständiges ostfriesisches Reserve-Bataillon, das III./RIR 79.

Auch bei der Artillerie (Reserve-Feldartillerie-Regimenter Nr. 19 in Wolfenbüttel, Nr. 20 in Hannover und Oldenburg), den Jägern (ReserveJägerbataillon Nr. 10 in Goslar), Pionieren und Kavallerie gab es entsprechende dem X. RK zugeordnete Reserve-Regimenter.

Diese Reservetruppen waren hinsichtlich Größe (ca. 40.000 Mann je Korps) und Bewaffnung gleich den aktiven Regimentern ausgestattet, lediglich artilleristisch war das X. Reservekorps dem X. Armeekorps um die Hälfte unterlegen (72 statt 144 Feldkanonen und keine Haubitzen). Auch die Aufgabenstellung und der Kampfwert beider Truppen waren ansonsten nahezu identisch; beide Einheiten wurden nebeneinander an vorderster Front eingesetzt.

Insgesamt bestanden bei Kriegsausbruch damit 204 „aktive“ Infanterie-Regimenter sowie 100 Reserve-Infanterie-Regimenter. Im weiteren Kriegsverlauf wurden dann immer weitere Einheiten aufgestellt, so dass sich am Ende eine Zahl von über 500 Regimentern ergab.

Eher nachrangige Aufgaben wurden dagegen den älteren Reservistenjahrgängen der „Landwehr“ (im sogenannten „ersten Aufgebot“ bis zum 39. und im zweiten Aufgebot bis zum 45. Lebensjahr) und des „Landsturms“ (ungediente Wehrpflichtige bis zum 45. Lebensjahr) überlassen. Die Landwehr war gleichfalls in Regimenter (für den Wehrbereich Hoya v.a. das LandwehrRegiment Nr. 74) mit einer Stärke von gut 3000 Mann gegliedert, während der „Landsturm“ zunächst lediglich in Orts-Bataillonen (so etwa das heimische „Landsturm-Bataillon Nienburg“) aufgestellt wurde. Die Landwehr, deren Kampfwert gegenüber den jüngeren Soldaten in den aktiven und den Reserveregimentern schon deutlich zurückblieb, wurde zwar auch in vorderster Front, wenn möglich aber nur an „ruhigen“ Frontabschnitten im Westen oder gegen die vermeintlich weniger kampfkräftigen russischen Truppen eingesetzt. Der vom Gefechtswert her noch geringer einzuschätzende Landsturm sollte dagegen – sowohl in der Heimat wie in den rückwärtigen Frontgebieten – allein zur Objektsicherung von Bahnhöfen, Munitionsdepots und anderen wichtigen Einrichtungen Verwendung finden. Lediglich bei ganz unvorhergesehenen Lageänderungen konnten und wurden auch diese Einheiten „zur Not“ für einige Tage oder Wochen in der Front verwendet, wobei sich manche Landsturmeinheiten wohl durchaus bewährt haben.

Einige der heimischen Wehrpflichtigen dienten aber auch bei dem zur 1. (preußischen) Armee gehörenden bremischen IR Nr. 75, bei den in Potsdam und Berlin stationierten königlichen Garde-Regimentern (die bei Mobilmachung der 2. Armee angehörten), bei der Marine oder anderen spezialisierten Einheiten. Von den 69 bis zum 30. September gefallenen Kreis-Hoyaer Soldaten lassen sich 68 einem bestimmten Regiment zuordnen. Von diesen fielen 51 in den „regionalen“ Einheiten des X. AK und X. RK. Weitere acht Gefallene gehörten dem bremischen IR 75 und sechs den Gardetruppen aus Berlin/Potsdam an. Lediglich weitere drei Gefallene fanden bei anderen Einheiten den Tod, dabei handelte es sich um zwei aus dem Kreis Hoya gebürtige Reserveoffiziere, die ihren Wohnsitz bei Kriegsbeginn schon seit längerem nicht mehr in Niedersachsen hatten, und die mit einem rheinischen bzw. einem bayerischen Regiment ins Feld zogen sowie einen Angehörigen eines sächsischen Regiments.

Ab September 1914 schuf die Heeresleitung dann ganz neue Truppenteile, in denen v.a. die bereits wehrpflichtigen aber bislang nicht zum Dienst herangezogenen jüngeren Männer sowie eine große Anzahl von „Kriegsfreiwilligen“ eingestellt wurden. Bis Dezember 1914 konnten alleine sechzig neue Reserve-Infanterie-Regimenter aufgestellt und zum Einsatz gebracht werden. Später kamen auch neue Garde-, Landwehr- und aktive Infanterie-Regimenter hinzu, so dass sich die Zahl der Regimenter schließlich fast verdoppelte. Dabei kam es dann gehäuft auch zum Einzug der hiesigen Wehrpflichtigen in regional ganz „fremde“ Einheiten.

2. Mobilmachung

Am 1. August wurde die Mobilmachung befohlen, der 2. August war erster Mobilmachungstag; die Urlauber und Reservisten wurden zu ihren Einheiten berufen. Während die Reservisten noch ihre Sache packten, beim Fotografen letzte Aufnahmen von sich machen ließen und sich alsdann zu ihren Sammelplätzen aufmachten, wurden die beiden aktiven hannoverschen Regimenter (deren Soldaten ohnehin bereits Urlaubssperre hatten), das FR 73 und IR 74, sofort alarmiert und bereits am zweiten August aus ihren Kasernen per Bahn von Hannover nach Westen abtransportiert. Diese beiden Regimenter und das Jägerbataillon 10 sollten nach den Mobilmachungsplänen bereits ab dem fünften des Monats einen frühzeitigen Angriff auf die starke belgische Grenzfestung Lüttich, die den Zugang nach Belgien hinein sperrte, durchführen. Diese Operation war Teil des „Schlieffen-Plans“, der geplanten Schwenkung des rechten deutschen Armeeflügels durch Belgien und Nordfrankreich.

Die übrigen Regimenter erhielten erst ab dem 4. August ihre vorgefertigten Marschbefehle und erfuhren erst jetzt aus den zuvor streng geheim gehaltenen Unterlagen, wann sie verladen und wohin sie transportiert werden würden. Am selben Tage trafen die Reserveoffiziere in den Kasernen ein. Ab dem 6. August waren auch die meisten Unteroffiziere und Mannschaften dort angekommen, so dass jetzt mit den letzten Vorbereitungen begonnen werden konnte. Am siebten Mobilmachungstag erfolgte der Waffen-, Munitions- und Verpflegungsempfang. Am Tag darauf standen ein Eingewöhnungsmarsch und ein Übungsschießen auf dem Programm. Dann erfolgte der Abtransport an die Front. Das II. Bataillon des RIR 74, das sich in Nienburg gesammelt hatte, verlud am Nachmittag des 10. August auf dem dortigen Bahnhof mit 22 Offizieren und 980 Mann auf einen Sonderzug und zog Richtung Westen in den Krieg.

III. Der Krieg 1914

1. Vormarsch im August

a) Der Angriff auf Lüttich

Die Festung Lüttich bestand aus mehreren im weiten Kreis um die Stadt herum verteilten modernen verbunkerten Sperrforts. Diese Festung beherrschte den Zugang nach Belgien und musste unbedingt, so denn der von der Obersten Heeresleitung verfolgte „Schlieffen-Plan“ durchgeführt werden sollte, rasch neutralisiert werden. Daher war bereits in Friedenszeiten geplant worden, diese Festung in einem Nachtangriff von insgesamt sechs deutschen Brigaden (bestehend aus je zwei IR, Jägern, Pionieren und Artillerie) unter dem Oberbefehl des hannoverschen Generals von Emmich an verschiedenen Stellen zu durchbrechen. Die aus den beiden hannoverschen Infanterie-Regimentern 73 und 74, dem Jägerbataillon Nr. 10 sowie Artillerie und Pionieren bestehende 38. Brigade, war ja bereits am 2. August in Hannover und Goslar per Bahntransport aufgebrochen und stand schon am 5. August angriffsbereit im Süden der Stadt Lüttich. Ihr Ziel war das etwa acht Kilometer südlich Lüttich liegende Sperrfort Boncelles. Die Brigade trat gegen Abend den Angriff gegen das Fort an. Dieser Nachtangriff missglückte allerdings vollkommen. Das Ziel der Unternehmung, das Panzerfort, thronte auf einem Hügel, der kilometerweit von dichtem Wald umgeben war. Die deutsche Brigade tastete sich gegen Abend über einige Feldwege langsam bergauf in den bis dahin stillen Wald vor. An der Spitze der sich durch den Wald tastenden Brigade marschierten die Jäger. In der Regimentsgeschichte des FR 73 (Hans Voigt, Geschichte des Füsilier-Regiment Generalfeldmarschall Prinz Albrecht von Preußen (Hann.) Nr. 73, Berlin, 1938, S. 51) heißt es dazu:

„Gegen 1.15 Uhr schlug dem am Anfang der Brigade marschierenden Jägerbataillon 10 plötzlich heftiges Gewehr- und MG-Feuer entgegen. Man war auf die Schanzen der Zwischenstellungen gestoßen. Starke Ast- und Drahtverhaue versperrten den Weg. Sofort wurde die Entwicklung der nachfolgenden IR 74 und Füsilierregiment 73 aus der Marschkolonne nach rechts und links in den dichten Hochwald befohlen. Sie misslang vollkommen. Alsbald trat ein Vermischen der Verbände ein, und die Führung musste verlorengehen. Die Truppe wusste weder, wo Lüttich lag, noch von wo das Infanteriefeuer kam. Ohne jeden Befehl wurde geladen und das Feuer erwidert, die Leute sahen förmlich Gespenster. Die aus überhöhenden Stellungen vielfach zu hoch gehenden Geschosse der Belgier schlugen in die hinteren Teile der Kolonne ein, die ihrerseits das Feuer eröffnete und so von hinten in die vorderen Teile schoss.“

In der Geschichte des Jägerbataillons Nr. 10 (die Jäger waren speziell für den Kampf in unübersichtlichem Gelände vorgesehen und zunächst nicht in Regimentern sondern in selbständigen Bataillonen gegliedert) werden die Geschehnisse ähnlich beschrieben (Fritz Jung, Das Hannoversche Jägerbataillon Nr. 10, Hildesheim 1933, S. 17):

„Alles hatte den Drang nach vorn, ran an den Feind. Es wird geladen. Mit Hurra geht es voran! Die 1. Kompagnie schwärmt mehr nach links aus, während die 2. und 4. nach vorn und rechts ausschwärmen. Infanteriefeuer schlägt uns entgegen. Die ersten Jäger fallen. Das Mündungsfeuer des Gegners, der gottlob meistens zu hoch schießt, ist gut sichtbar. Wir schießen auch zunächst blindlings darauf los. Allmählich wird man ruhiger, und es wird auf das Mündungsfeuer gezieltes Feuer abgegeben. Da stoßen die vorderen Wellen auf die Drahthindernisse. Ein Stocken! Drahtscheren nach vorn! Von dem zu hoch gehenden Infanteriefeuer der Belgier wurden die nachfolgenden Truppen der 38. und 43. Brigade getroffen. Welle auf Welle wurde eingesetzt. Die Verbände vermischen sich, und jede eingesetzte Welle hält sich für die vorderste Linie und feuert, so daß ein fürchterliches Rückenfeuer entsteht (…) Von allen Seiten pfiffen einem die Geschosse um die Ohren. Überall im Walde irrten einzelne Trupps umher, die gar nicht als Freund oder Feind zu erkennen waren.“

Gegen Morgen gelang es dann, die Verbände neu zu ordnen und einige belgische Stellungen einzunehmen (Bericht des Fähnrichs Ernst Haccius im vorgenannten Buch. Haccius stammte aus Hannover und trat im Februar 1914 als Fahnenjunker in die Armee ein. Nach 1918 wurde er als Oberleutnant in die Reichswehr übernommen. Er fiel am 11. Februar 1943 als Divisionskommandeur im Kaukasus, wurde nachträglich zum Generalleutnant befördert und mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet):

„Wir greifen nun frisch in der alten Richtung an. Über uns hinweg schießt ununterbrochen, wie seit gestern Abend, belgische schwere Artillerie aus den Forts. Der Angriff geht gut vorwärts gegen die an sich stark ausgebauten, und durchweg verdrahteten Stellungen. Abwechselnd schießen und vorwärtslaufen – schießen, wenn die Belgier nach rückwärts wegspringen, - laufen, wenn die Kerle in den Gräben wieder Halt machen und selber schießen; vor dem drohenden Sturm kneifen sie dann wieder aus. Bei einer solchen Gelegenheit erhalte ich, geradestehend, hinter einem Baum Deckung suchend, einen Schuß durch die linke Brust, der mich auf die Erde zwingt. Meine Munition gebe ich noch ab, einige Jäger reden mir noch freundlich Mut zu, dann zieht sich das Gefecht weiter vorwärts und ich dämmere weg“

Mehrere belgische Verteidigungsanlagen, vor und um das Panzerfort herum, konnten zwar erobert werden, ein Durchbruch bis in die Stadt hinein war aber wegen starker belgischer Gegenangriffe und der in der Dunkelheit sich mehr und mehr verirrenden Truppe nicht möglich, so dass sich die niedersächsische Brigade am nächsten Tag auf ihre Ausgangsstellung zurückzog. Manche zu weit vorgeprellten Teile der deutschen Einheiten gerieten in Gefangenschaft. Schließlich wurde der Angriff an dieser Stelle aber ganz abgebrochen und der Rückzug angetreten. Die Verluste waren hoch, das Jägerbataillon 10 meldete 30 Verwundete, 10 Gefallen und 14 Vermisste. Beim FR 73 gab es 27 und beim IR 74 (das im Nachtgefecht auch seinen Kommandeur verlor) sogar 59 Tote. Darunter waren am 6. August, als erste Gefallene des Weltkriegs aus dem Kreis Hoya, der Knecht und Musketier Alex Konrad Röpe aus Eystrup und Dietrich Diers aus Martfeld, beide vom IR 74. Diers war in der amtlichen Verlustliste zunächst als verwundet, später aber als endgültig vermisst genannt worden. Ebenfalls vermisst blieb der Zimmermann und Füsilier Hermann Frühling aus Oerdinghausen vom FR 73. Frühlings sterbliche Überreste sind erst Jahre nach dem Krieg gefunden und auf dem Soldatenfriedhof in Langemark/ Belgien beigesetzt worden.

b) Vormarsch zur Sambre

Gleichfalls erfolglos blieb der Angriff von vier der fünf anderen eingesetzten deutschen Brigaden. Lediglich die im Nordwesten der Stadt angreifende sechste Brigade hatte Erfolg. Sie kämpfte sich durch mehrere Feldbefestigungen bis in den inneren Festungsring vor, so dass die Stadt Lüttich selbst bereits am Abend des 6. August in deutscher Hand war. Am selben Abend verließen dann große Teile der belgischen Armee die Stadt, um weiter westlich eine neue Abwehrstellung einzunehmen. Zurück blieben nur die Besatzungen der Sperrforts. Die deutschen Truppen beschränkten sich ab dem 7. August darauf, diese verbliebenen Festungen abzuriegeln und auf die schwere Artillerie zu warten. Nach wenigen Tagen konnten sämtliche Sperrforts dann durch Beschuss mit schweren Haubitzen (der berühmten „Dicken Bertha“ und österreichischen Motorhaubitzen) nach und nach zur Aufgabe gezwungen werden. Das von den Niedersachsen erfolglos bestürmte Fort Boncelles kapitulierte schließlich auch am 15. August. Die Besatzung von 300 Mann ging in Gefangenschaft. Damit war der weitere Weg nach Westen für das deutsche Heer geöffnet. In den Tagen zwischen dem 7. und 15. August hatten sich auch die nach und nach heran transportierten Hauptteile der 2. Armee im Raum zwischen Lüttich und Aachen eingefunden und zum Vormarsch bereit gestellt.

In der Zwischenzeit fühlten lediglich Kavallerieverbände weiter westlich vor, um aufzuklären, ob und welche feindlichen Armeen sich in der näheren und ferneren Umgebung befanden. Bei einer solchen Fernaufklärung fiel bei Houx an der Maas, gut 30 km westlich Lüttich, am 15. August der Schmiedegeselle Hermann Bolte aus Bruchmühlen/Vilsen, der beim 1. Garde-Ulanen-Regiment diente. Die Traueranzeige im Hoyaer Wochenblatt datiert vom 8. September. Seine Einheit gehörte zum 1. Kavalleriekorps, das von Luxemburg aus bereits ab dem 9. August Patrouillen bis zur Maas bei Namur vornahm. Dabei wurden am 14. August östlich Dinant zwei französische Kavallerie-Divisionen festgestellt. Diese hatten bereits den Maasabschnitt zwischen Yvoir und Houx besetzt. Am 15. August entschloss sich das 1. Kavalleriekorps zur gewaltsamen Erkundung der feindlichen Truppenstärke. Unter dem Schutz reitender Artillerie gingen fünf der Kavallerie zugeteilte Jäger-Bataillone zum Angriff gegen Dinant vor und drangen stellenweise bis zur Maas durch. Offenbar bei diesem Gefecht ereilte Hermann Bolte sein Schicksal. Das 1. Kavalleriekorps verblieb danach an der Maas und sicherte den in seinem Rücken stattfindenden Aufmarsch der 1. und 2. Armee.

Die Reserveregimenter, die ebenfalls ab dem 8. August mit einer Vielzahl von Bahntransporten an die deutsch-belgische Grenze befördert worden waren, versammelten sich auch nach und nach im Großraum Lüttich. Das IR 91 musste in der ersten Augustwoche – für den Fall feindlicher Landungen - vorerst sogar noch Wache auf der Insel Borkum schieben, bevor es hier von Landwehr abgelöst und gleichfalls an die deutschbelgische Grenze transportiert wurde. Das RIR 73 wurde am 9. August in Euskirchen ausgeladen und marschierte zunächst drei Tage lang, um über den Truppenübungsplatz Elsenborn erst am 14. August die belgische Grenze zu erreichen und dann nach Lüttich weiter zu ziehen. Das RIR 74 wurde am 11. August in Bettweis ausgeladen und marschierte durch die Eifel ebenfalls zunächst nach Elsenborn.

Nachdem der Aufmarsch beendet war, marschierten das X. AK und das X. RK sodann als Teil der 2. Armee, beginnend mit dem 17. August, und zunächst ohne auf feindlichen Widerstand zu stoßen, zu Fuß tief nach Belgien hinein. Die täglichen Marschleistungen waren enorm: Einige Regimenter legten bis zu 60 km am Tag zurück. Husaren, Ulanen und Dragoner ritten jeweils einige Kilometer vor den marschierenden Infanterieeinheiten, um die jeweils auf der Wegstrecke liegenden nächsten Dörfer zu erkunden. Sobald sie dabei Beschuss erhielten, wurde das der nachrückenden Infanterie gemeldet, die sich dann nach links und rechts von ihrer Marschstraße „entfaltete“, die Artillerie dahinter bereitstellte und in breiter Gefechtsformation gegen das betreffende Dorf vorging. In einigen Ortschaften wurde zwar vereinzelt auf die Kavallerie und die durchmarschierende Truppe geschossen, zu größeren Gefechten kam es aber zunächst nicht, da die Belgier sich weiter nach Westen, hauptsächlich mit dem Ziel ihrer weiteren Festung Antwerpen, zurückzogen.

Am 19. August meldeten die unmittelbar vor den Marschkolonnen aufklärenden Kavallerie-Patrouillen sodann erstmals Kontakt mit den Vorhuten französischer Truppen. Auch jetzt kam es aber noch zu keinen größeren Kampfhandlungen, da sich der Feind nach kurzen Feuerüberfällen rasch wieder zurückzog, nachdem er seinen Auftrag – den deutschen Vormarsch zu erkunden und zu verzögern – erfüllt hatte. Die französische 5. Armee, die ihre Mobilmachung mittlerweile gleichfalls beendet hatte, marschierte derweil von Nordfrankreich aus dem deutschen Schwenkungsflügel entgegen, um ihrerseits durch Belgien hindurch offensiv werden zu können.

Noch am 20. August blieb der deutsche Vormarsch ganz störungsfrei. Erst am 21. August trafen die deutsche 2. und die französische 5. Armee an der Sambre aufeinander. Die Franzosen hatten morgens mit Vorausabteilungen die Brücken über den Fluss zwischen den Industriestädten Charleroi und Namur besetzt. Die Masse ihrer 5. Armee war aber noch von Süden her im Anmarsch. Die deutsche 2. Armee, die von Nordosten her anmarschierte, erkannte rechtzeitig, dass ein sofortiger energischer Angriff gegen die französischen Voraustruppen zu einer erfolgreichen Wegnahme der Brücken führen könne. Allerdings war auf beiden Seiten unklar, über welche Truppenstärke der jeweilige Gegner verfügte, da die Luftaufklärung nur über wenige geeignete Flugzeuge verfügte, die seinerzeit weder mit Funkgeräten ausgestattet waren, noch eine „Allwetterfähigkeit“ besaßen.

Die deutsche 2. Armee unter Generaloberst von Bülow bestand zu diesem Zeitpunkt aus sechs Armeekorps: Das VII. AK und VII. RK aus Westfalen, das X. AK und X. RK aus Niedersachsen, das Gardekorps und das GardeReservekorps aus Berlin/Potsdam. Jedes Korps war etwa 40.000 Mann stark. Die ganze 2. Armee umfasste etwa 250.000 Mann. Nordwestlich der 2. Armee marschierte die 1. Armee, die am 22. August bei der belgischen Stadt Mons überraschend auf die dort gerade ausgeladene britische Armee traf. Östlich der 2. Armee ging die 3. (Sächsische) Armee gegen die Maas-Linie in südwestlicher Richtung vor. Die der 2. Armee gegenüberstehende französische 5. Armee unter General Lanrezac verfügte über etwa 380.000 Soldaten und war mithin deutlich überlegen.

Übersichtsskizze aus: von Kuhl, Der Marnefeldzug 1914, Berlin 1921, Skizze 1.

c) Schlacht bei Charleroi und Namur

(1) Der erste Tag der Schlacht

Nachdem es dem X. AK gelungen war, bereits am 21. August einige Brücken über die Sambre bei Pont de Loup und Tamines gegen schwache französische Sicherungskräfte in Besitz zu nehmen, setzte auch das X. RK am 22. August westlich des X. AK zum Flussübergang an. Ganz am rechten (westlichen) Flügel des X. RK griff die 2. GRID (RIR 15, 55, 77 und 91) westlich der Stadt Charleroi an und eroberte – zum Teil gegen heftigen Widerstand – das Südufer des Flusses bei der Ortschaft Monceau.

Gefechtsstreifen der vier deutschen Korps aus: von Bülow, Mein Bericht zur Marneschlacht, Berlin 1920, Anhang. G = Gardekorps, X = X. AK, XR = X. RK.

Östlich davon ging die 19. RID (RIR 73, 74, 78 und 92), teilweise unmittelbar durch die Stadt, v e r b u n d e n m i t k u r z e n a b e r h e f t i g e n Straßenkämpfen, gegen die französischen Vorausabteilungen vor. Sämtlichen Einheiten gelang es schließlich an diesem Tage – unter geringen eigenen Verlusten - die Sambre in südwestlicher Richtung zu überschreiten. Das RIR 73 etwa arbeitete sich, immer wieder von einzelnen Gewehrschüssen aufgehalten, langsam durch die am Südrand der Sambre liegenden Vororte Charlerois hindurch und gelangte erst gegen 18 Uhr an den südlichen Stadtrand. Eine Voraufklärung war auf dem weiteren Marsch nach Süden nicht vorhanden, da die wenigen Kavalleristen der Division anderweitig beschäftigt waren. Kaum waren die letzten Häuser am Südrand Charlerois erreicht, begann ein weiteres Gefecht (Voigt, a.a.O., S. 59):

„Plötzlich schlägt Gewehrfeuer in die Marschkolonne. Die Vorhut hält. Feind ist nicht zu erkennen. Der Regimentskommandeur reitet selbst zur Spitze der Kolonne vor. Ein Zug des RFAR 19 geht hinter RIR 73 am Friedhof von Couilett in Stellung. Die Erkundung der feindlichen Stellung ist infolge des lebhaften Feuers und der zahlreichen Häuser und Gärten erschwert. Schließlich werden französischen Stellungen am Nordrand des Waldes Bois du Prince erkannt. Der Regimentskommandeur schätzt den Feind auf zwei Bataillone und erteilt für das I. und III. Bataillon den Befehl zum Angriff. Das II. Bataillon wird als Reserve zurückgehalten.“

Die 19. RID konnte die erkannten französischen Stellungen bei Einbruch der Dunkelheit unter mäßigen eigenen Verlusten erobern. Der Gegner hatte sich zunächst zurückgezogen.

Weitere knapp acht Kilometer östlich griffen zeitgleich auch die aktiven Regimenter des X. AK an. Auf dem linken Flügel gingen die vier Regimenter der 20.

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