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Die Söhne der Kings

Die Söhne der Kings

Emma Darcy

Nathan King – Der Rinderbaron

Aus dem Amerikanischen von Irmgard Sander

Emma Darcy

Tommy King – Der Playboy

Aus dem Amerikanischen von Irmgard Sander

Emma Darcy

Jared King – Der Unternehmer

Aus dem Amerikanischen von Irmgard Sander

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Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Die Geliebte eines verheirateten Mannes? Niemals!

Miranda spürte, wie sie allein bei dem Gedanken erneut die Zähne zusammenbiss, und versuchte, sich zu entspannen. Sie würde ihr Leben lang mit den Zähnen knirschen, wenn sie nicht endlich aufhörte, an Bobby Hewson zu denken und an seine ungeheuerliche Annahme, seine bevorstehende Heirat wäre kein Hindernis für eine Fortsetzung ihrer bisherigen Liebesbeziehung.

Nun, er musste sich eine andere suchen, die ihm das Bett wärmte, wenn er das nächste Mal nach Sydney kam. Ehebruch kam für sie nicht infrage. Sie war vielleicht dumm genug gewesen, sich von Bobby mit leeren Versprechungen drei Jahre lang hinhalten zu lassen, aber für sein außereheliches Vergnügen würde sie sich nicht missbrauchen lassen. Das Beispiel ihrer Mutter war ihr Warnung genug. Niemals würde sie, Miranda, den gleichen entwürdigenden und zerstörerischen Weg gehen.

“Miss Wade, Ihr Gin Tonic.”

Miranda blickte zu der freundlich lächelnden Stewardess auf, die ihr den bestellten Drink servierte. Wie angenehm, dass ihre neuen Arbeitgeber ihr einen Flug erster Klasse spendiert hatten! Miranda hoffte, der Drink würde ihr helfen, sich etwas zu entspannen. “Danke”, sagte sie, wobei sie das Lächeln erwiderte.

Die Stewardess warf einen interessierten Blick auf das Buch in ihrem Schoß. “‘King’s Eden’? Wollen Sie dorthin?”

Elizabeth King hatte ihr das Buch zur Hintergrundinformation gegeben, nachdem sie, Miranda, den Zweijahresvertrag als Managerin des Ferienparks im Outback unterschrieben hatte. Die Lektüre der Geschichte des Ortes und der Familie, in deren Besitz er sich seit Generationen befand, war vielleicht ein etwas trockener Lesestoff, aber unter den gegebenen Umständen ein absolutes Muss und überdies die sinnvollste Art, den mehrstündigen Flug nach Darwin zu nutzen. Miranda ermahnte sich streng, dass es höchste Zeit sei, sich auf ihre zukünftigen Pläne zu konzentrieren und die Vergangenheit ad acta zu legen.

“Ja, allerdings”, bestätigte sie. “Kennen Sie die Gegend?”

“Ich war schon dort”, antwortete die Stewardess enthusiastisch. “Es ist ein fast schon legendärer Ort in den Kimberleys, im Besitz der Kings, die dort als ungekrönte Könige der Rinderzüchter gelten. Nachdem sie jetzt den Wildpark für Touristen geöffnet und dort eine Ferienanlage gebaut haben, ist es ein sehr beliebtes Ziel im Outback.”

“Haben Sie in der Ferienanlage gewohnt?”

“Nicht im Gästehaus.” Die Stewardess verdrehte die Augen. “Viel zu teuer. Ich war mit einer Gruppe dort, und wir haben drei Tage in den Zelthütten an der Granny Schlucht gewohnt.”

Zelthütten, Campingplätze, Bungalows und Luxussuiten im Gästehaus – das waren vier verschiedene Unterbringungsstandards, um die Miranda sich in Zukunft würde kümmern müssen. Etwas ganz anderes als die Leitung eines Fünfsternehotels! War sie verrückt, sich darauf einzulassen – zwei Jahre in der Wildnis?

“Hat sich die Reise denn Ihrer Meinung nach gelohnt?”, fragte sie die Stewardess.

“Oh ja, mehr als das! Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Schmetterlinge gesehen. Die Bäume waren voll davon. Und wir haben in einem herrlichen Wasserloch mit kristallklarem, türkisblau schimmerndem Wasser gebadet, das von malerischen Wasserfällen gespeist wurde. Eine sagenhafte Art zu duschen!”

“Dann würden Sie den Ferienpark also empfehlen?”

“Unbedingt!”, bekräftigte die Stewardess. “Und lassen Sie sich auf keinen Fall die Höhlenschnitzereien der Aborigines entgehen, wenn Sie die Schlucht besuchen.”

Miranda nickte der Stewardess freundlich zu und nahm zur Kenntnis, dass “King’s Eden” zumindest dieser jungen Frau zugesagt hatte. Der einzige Reiz, den es augenblicklich auf sie, Miranda, ausübte, bestand in der Aussicht, ihr ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu ermöglichen.

Wenn sie bei der Regency-Hotelkette geblieben wäre, hätte sie vielleicht von der stellvertretenden Managerin in Sydney zu einer leitenden Position in Übersee aufsteigen können, was sie einmal angestrebt hatte. Doch dazu hätte sie sich weiterhin mit Bobby gut stellen müssen – daran hatte er keinen Zweifel gelassen. Er hatte ihr eine vielversprechende Karriere in Aussicht gestellt, um sie mit dem Gedanken an seine bevorstehende Heirat zu versöhnen, die, wie er behauptete, sowieso nur dem Zweck diene, die Allianz zwischen zwei großen internationalen Hotelketten zu zementieren.

Eine weitere Lüge! Ein Foto von seiner französischen Braut in der Zeitung war für Miranda Beweis genug gewesen, dass Bobby seine Flitterwochen nicht als Prüfung empfinden würde. Offensichtlich hatte er sie von Anfang an belogen – drei Jahre lang. Das Einzige, was sie ihm am Schluss noch geglaubt hatte, war seine Drohung, er würde verhindern, dass sie irgendwo anders in der Branche eine gute Stellung bekommen würde, wenn sie ihn jetzt verließe. Miranda hatte nicht daran gezweifelt, dass er alles tun würde, um seinen Kopf durchzusetzen.

“King’s Eden” bot ihr den perfekten Ausweg aus dieser Situation. Es war eine eigenständige Ferienanlage, die mit nichts und niemandem in Verbindung stand, worauf Bobby Hewson hätte Einfluss nehmen können. Miranda dachte mit einem bitteren Lächeln an eine der Fragen, die Elizabeth King ihr im Verlauf des Bewerbungsgesprächs gestellt hatte. “Sind Sie … ungebunden?”

“Ja, Mrs. King, ich bin völlig ungebunden”, hatte sie fest geantwortet. “Mein Leben gehört ganz allein mir.”

Und genauso würde es auf “King’s Eden” sein, schwor sich Miranda. Sie würde ihr eigenes Leben führen, ungeachtet der Probleme, mit der diese ungewohnte Umgebung sie konfrontieren würde. Ihre Selbstachtung verlangte von ihr, dass sie kraft ihrer eigenen Leistungen in ihrem Beruf Erfolg haben würde … und nicht weil sie die Mätresse irgendeines unverbesserlichen Playboys war.

Entschlossen öffnete Miranda das Buch in ihrem Schoß. Auf der ersten Seite war eine Landkarte der Kimberleys abgebildet, dreihundertzwanzig Quadratkilometer Land, die sich vom Seehafen Broome oben an der Nordwestküste Australiens bis hinunter zur Grenze des Northern Territory erstreckten. Das Gebiet von “King’s Eden” war grün unterlegt – ein gewaltiger Besitz mitten im Outback, der letzte Ort, an dem Bobby Hewson nach ihr suchen würde.

Es war vielleicht nicht unbedingt der Garten Eden, aber wenigstens gab es dort keine hinterhältige Schlange. In dieser Zuversicht blätterte Miranda weiter und begann zu lesen. Ihr war bewusst, dass sie in diesem Moment ein Kapitel in ihrem Leben abgeschlossen hatte und es für sie nur noch einen Weg gab: nach vorn.

“Sag mir nur eines, Mutter: warum eine Frau?”

Weil du eine brauchst. Und nachdem Susan Butler nun endlich aus deinem Leben verschwunden ist, suchst du vielleicht doch nach mehr als bloß einer neuen Geliebten. Dies waren Elizabeth Kings Gedanken, während sie versuchte, das Ausmaß der Verärgerung ihres ältesten Sohnes über ihre Entscheidung abzuschätzen. Sein gereizter Ton und die tiefe Furche zwischen den dunklen Brauen versprachen keinen guten Start zwischen Nathan und Miranda Wade, die er jeden Moment kennenlernen würde.

Die Leitung des Ferienparks gehörte zu Tommys Aufgabe. Nathans war die Leitung der Rinderfarm, und er legte Wert darauf, die beiden Unternehmungen streng getrennt zu halten. Sowieso blieb Nathan am liebsten für sich, doch Elizabeth war der Ansicht, dass sich das ändern müsse. Er war fünfunddreißig – höchste Zeit für ihn, zu heiraten und Kinder zu haben. Für Elizabeth war es keine Alternative, in diesem Punkt auf seine beiden jüngeren Brüder zu hoffen. Nathan war seinem Vater in jeder Hinsicht am ähnlichsten, und sie wollte das Erbe ihres geliebten Lachlan nicht derart vergeudet sehen.

“Ich habe die Person mit den besten Qualifikationen für die Leitung des Ferienparks gewählt”, antwortete sie bedächtig, wobei sie ihren Ältesten forschend betrachtete. “Es war mir nicht bewusst, dass du ein Vorurteil gegen Frauen in leitenden Positionen hegst, Nathan.”

Er hatte sich in den großen ledernen Lehnstuhl gesetzt, der selbst einem so stattlichen Mann wie ihm ausreichend Platz bot, und warf ihr einen spöttischen Blick zu. “Nicht einmal du hast es das ganze Jahr über hier ausgehalten.”

Das alte Argument, doch es stach nicht. “Ich musste mich noch um andere Interessen kümmern, wie du genau weißt.”

Seine Miene blieb skeptisch. “Der Punkt ist doch, dass wir uns darauf geeinigt hatten, ein Ehepaar sei am geeignetsten für diese Stellung.”

“Schön und gut, solange die Ehe intakt ist”, erwiderte Elizabeth bedeutsam. Nathan wusste genau, dass der letzte Manager gekündigt hatte, weil seine Frau ihm andernfalls mit Scheidung gedroht hatte. “Und wer kann nach einem Vorstellungsgespräch beurteilen, wie gut eine Beziehung ist? Damit sind wir doch schon reingefallen.”

“Dann würde meiner Ansicht nach aber ein alleinstehender Mann mit der Abgeschiedenheit dieser Gegend besser zurechtkommen als eine alleinstehende Frau”, gab Nathan zu bedenken.

Elizabeth ließ sich nicht beirren. “Die männlichen Bewerber haben mir nicht zugesagt. Sie waren ausnahmslos zu weich für meinen Geschmack.”

“Ach ja? Und was haben wir stattdessen? Eine Frau wie Stahl?” Nathan winkte spöttisch ab. “Es wäre ihr zu wünschen, denn ich habe nicht vor, ihr zu Diensten zu stehen und ihr die Probleme aus dem Weg zu räumen. Wenn sie jemand braucht, der ihr die Hand hält, soll Tommy es tun.”

“Das kannst du ihr bestimmt klarmachen, Nathan.” Elizabeth unterdrückte ein befriedigtes Lächeln, als sie hinzufügte: “Falls du es wünschst.”

Sofort horchte er auf. “Was soll das heißen?”

“Ich bezweifle, dass Miranda Wade sich von irgendeinem Mann die Hand halten lässt.” Und das, mein Sohn, könnte für dich eine Herausforderung darstellen, der du nur schwer widerstehen kannst, dachte Elizabeth.

“Das passt ja wie die Faust aufs Auge: Eine militante Feministin soll für unsere anspruchsvollen Feriengäste die charmante Gastgeberin spielen!”, bemerkte Nathan verächtlich.

“Oh, ich glaube, jemand, der seit zwölf Jahren in der Hotelbranche ist, weiß, wie man Gäste behandelt”, widersprach Elizabeth unbeirrt. “Aber mach dir selber ein Bild, Nathan. Es hört sich an, als wäre Tommys Jeep gerade vorgefahren. Ich nehme doch an, dass du dich wenigstens um Höflichkeit bemühen wirst.”

Nathan verdrehte die Augen. “Sicher ist Tommy wie stets gut in Form. Er wird bestimmt jedes mögliche Versagen meinerseits in diesem Punkt doppelt wettmachen.”

Zweifellos, dachte Elizabeth. Ihr in hohem Maß extrovertierter mittlerer Sohn flirtete vermutlich in diesem Moment bereits nach allen Regeln der Kunst mit Miranda. Tommy liebte es, sich in der Bewunderung der Frauen zu sonnen. Aber an der kühlen Blondine, die sie, Elizabeth, bei dem Vorstellungsgespräch kennengelernt hatte, würde sein Charme vermutlich wirkungslos abprallen. Der Blick ihrer grünen Augen war seltsam nach innen gerichtet gewesen, als wollte sie sich irgendetwas beweisen.

Es blieb abzuwarten, ob Nathan dieser Blondine einen Funken Interesse entlocken konnte. Nathan, der sich stets so gab, wie er war, ob es einem gefiel oder nicht, stellte ebenfalls eine Herausforderung dar – eine Herausforderung, vor der die meisten Frauen kapitulierten. Doch Elizabeth hielt Miranda Wade nicht für eine Frau, die so leicht aufgab. Damit die Rechnung aufging, musste allerdings die Chemie zwischen den beiden stimmen, und das war etwas, was sich nicht forcieren ließ. Elizabeth konnte nur hoffen …

Miranda hatte den Besitz, der den Ferienpark und die Rinderfarm umfasste, am Morgen bereits aus der Luft gesehen. Erst da war ihr klar geworden, dass die Gebäude, die zu den beiden Geschäftszweigen der Kings gehörten, völlig getrennt voneinander lagen. Das Gästehaus des Ferienparks war ein eleganter, moderner Bau, dazu angelegt, den gut betuchten Gästen selbst hier im Outback jeden erdenklichen Luxus zu bieten. Das alte Farmhaus, dem sie sich jetzt über die Zufahrt näherte, besaß dagegen einen Reiz, der eine ungestillte Sehnsucht in Miranda ansprach.

Die Menschen, die dieses Haus gebaut hatten und bewohnten, waren mit dem Land hier tief verwurzelt – etwas, das Miranda so nie kennengelernt hatte. Im Leben ihrer Mutter hatte es nichts Festes oder Dauerhaftes gegeben, und Miranda war froh gewesen, daraus zu verschwinden. Sowieso war sie für ihre Mutter stets nur der lebende Beweis für deren größten Fehler und deren Alter gewesen und hatte die Aufmerksamkeit der Männer abgelenkt, von denen ihre Mutter sich hatte aushalten lassen.

Mit sechzehn war Miranda von zu Hause fort und hatte seitdem stets in den Hotels gewohnt, in denen sie arbeitete. Ihre wechselnden Unterkünfte hatte sie nur als ein Dach über dem Kopf betrachtet und nichts davon persönlich an sich herangelassen. Begriffe wie Zuhause, Familientradition oder Zugehörigkeit besaßen für sie keine Bedeutung. Sie gehörte ganz allein sich selbst.

So war es ein seltsames Gefühl, plötzlich mit etwas konfrontiert zu werden, was so ganz anders war als ihre persönlichen Erfahrungen. Die stattlichen Bäume, die sowohl zum Schutz als auch zum Schmuck gepflanzt worden waren, hatten schon mehr als ein Menschenleben überdauert, und auch die dichte, prachtvoll blühende Bougainvillea-Hecke, die das Haus umgab, war bestimmt schon Generationen alt. Frei stehend erhob sich das weiße Farmhaus auf einer grasbewachsenen Anhöhe über dem Fluss und wirkte mit seinen kunstvollen schmiedeeisernen Balustraden vor den Veranden wie eine strahlende Krone auf dem Haupt des gewaltigen Anwesens, über das es herrschte.

Als Tommy King den Jeep vor den Eingangsstufen vorfuhr, erkundigte Miranda sich, beeindruckt von den imposanten Ausmaßen des Gebäudes: “Wann ist es erbaut worden?”

“Vor ungefähr neunzig Jahren”, antwortete er mit einem gewinnenden Lächeln. “Ich glaube, es war Gerald, einer der ersten der King-Brüder hier, der in Queensland die Villa eines hohen Regierungsbeamten gesehen hatte und davon so beeindruckt gewesen war, dass er den Entwurf kopieren und die erforderlichen Materialien per Schiff nach Wyndham bringen ließ.”

Geld spielte keine Rolle, dachte Miranda. In dem Buch hatte sie gelesen, dass die ersten Pioniere der King-Brüder in den Goldminen von Kalgoorlie ein Vermögen gemacht hatten, bevor sie dieses Land gekauft hatten.

“Wirklich sehr beeindruckend”, sagte sie bewundernd.

“Nun, in den alten Zeiten diente es vielen Zwecken”, erläuterte Tommy ihr bereitwillig. “Alle Familienangehörigen lebten hier, und Durchreisende blieben oft mehrere Tage, um sich auszuruhen. Gastfreundschaft wurde hier im Outback immer großgeschrieben.”

“Was vermutlich half, das Gefühl von Isolation zu durchbrechen”, warf Miranda verständnisvoll ein.

“Ein Problem, das sich heute durch das Flugzeug als Transportmittel erledigt hat”, ergänzte Tommy zufrieden.

Miranda wusste aus ihrer Reiselektüre, dass er eine Fluggesellschaft besaß, die er von Kununurra aus leitete, wobei ein Großteil seines Geschäfts mit dem Ferienpark verknüpft war und in Charterflügen mit kleinen Maschinen und Hubschraubern bestand. Tommy King war mit Anfang dreißig der dynamische, junge Unternehmertyp, selbstbewusst, sympathisch und mit einer Redegewandtheit begabt, die einem alles verkaufen konnte – vor allem sich selber.

Doch Miranda war nicht anfällig für seinen Playboy-Charme, der durch sein angenehmes Äußeres unterstützt wurde: dichte schwarze Locken, die ihm jungenhaft in die Stirn fielen, funkelnde braune Augen, die stets zum Flirten bereit schienen, und ein schlanker, durchtrainierter Körper, der Kraft und Sex-Appeal ausstrahlte. Miranda hatte seine Gesellschaft genossen, seit er sie am Morgen am Flughafen von Kununurra abgeholt hatte. Er hatte sich als ein ausgezeichneter, höchst informativer Fremdenführer erwiesen, aber sie war fest entschlossen, persönlich strikt Distanz zu ihm zu wahren. Männer wie Tommy King konnten sie nicht in Versuchung führen, Geschäft mit Vergnügen zu mischen. Sie hoffte, dass er diese Botschaft auch verstand, damit sich erst gar keine missverständliche Situation zwischen ihnen entwickeln konnte.

“Was mit dem großen Farmhaus heute passiert, kann man nur als Verschwendung betrachten”, bemerkte Tommy, als er den Motor des Jeeps ausschaltete. “Viele Feriengäste würden vermutlich sonst was darum geben, hier einquartiert zu werden, aber Nathan will nichts davon hören.” Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. “Mein großer Bruder ist unzugänglich wie ein Fels.”

Nathan King, der älteste Sohn von Elizabeth und Lachlan. Miranda war froh, den Stammbaum in dem Buch über “King’s Eden” studiert zu haben, denn die Leute hier gingen einfach davon aus, dass man alles über die Kings wusste.

“Nun, es ist doch verständlich, wenn er mit seiner Familie ungestört bleiben will.”

“Dem würde ich zustimmen, sollte er jemals heiraten und eine Familie haben”, entgegnete Tommy wie aus der Pistole geschossen. “Tatsächlich lebt er hier aber die meiste Zeit ganz für sich, und es sieht nicht so aus, als würde sich das bald ändern.”

Er stieg aus und kam um den Jeep herum, um Miranda die Tür aufzuhalten. Sie war ein wenig konsterniert. Als sie eingeladen worden war, an diesem Abend mit der Familie in dem alten Farmhaus zu essen, war sie davon ausgegangen, nicht nur zwei alleinstehende Männer als Gesellschaft vorzufinden.

“Ich dachte, Mrs. King würde auch hier leben”, sagte sie, als sie aus dem Wagen stieg.

“Nicht ständig. Mum hat sehr viel mit der Leitung der Zuchtperlenfarm in Broome zu tun.” Tommy lächelte gewinnend. “Aber sie ist gestern hergeflogen, um Sie zu begrüßen und dafür zu sorgen, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit ist.”

Miranda atmete auf. Sie würde also nicht die einzige Frau bei Tisch sein. “Wie nett von ihr!”

Tommy lachte. “Mum ist die geborene Diplomatin.”

Während Miranda mit Tommy die Eingangsstufen hinaufging, überlegte sie, wie unterschiedlich die beiden Brüder vermutlich waren. “Gibt es nicht noch einen dritten Sohn?”, fragte sie zögernd. Nathan, Thomas und Jared – die Namen waren ihr aus der Lektüre des Buches im Gedächtnis geblieben.

“Jared? Oh, der kümmert sich um die Minen und die Vermarktung der Perlen. Er ist ständig auf Achse”, lautete Tommys lakonische Antwort. “Sie werden ihn sicher irgendwann kennenlernen, aber nicht heute Abend. Ich glaube, im Moment ist er in Hongkong.”

Perlen, Minen … Miranda überschlug rasch, was sie bislang über die Kings wusste. Es handelte sich hier um eine sehr reiche Familie, ähnlich vermögend, wenn nicht vermögender als die Hewsons. Alle drei Brüder waren vermutlich genau wie Bobby daran gewöhnt, stets zu bekommen, was sie wollten. Wenn sie einmal heirateten, dann vermutlich in Familien, die auf die eine oder andere Weise mit ihren geschäftlichen Interessen in Verbindung standen. So funktionierte das in diesen Kreisen. Sie, Miranda, war eine Außenseiterin, eine Angestellte, die von gewissem Nutzen war. Doch sie war fest entschlossen, diesen “Nutzen” diesmal ganz klar abzustecken. Egal, wie attraktiv die drei King-Brüder auch sein mochten, sie würden für sie in persönlicher Hinsicht tabu sein.

Niemals würde sie sich von Tommys Charme einwickeln lassen, und wenn Nathan unzugänglich wie ein Fels war, dann würde sie nicht versuchen, diese Wand zu durchbrechen. Da Jared anscheinend die meiste Zeit unterwegs war, würde er sowieso kein Problem für sie darstellen. Am besten, sie konzentrierte sich an diesem Abend ganz auf Elizabeth King.

Mit diesem festen Vorsatz betrat Miranda das Haus und blickte sich neugierig um. Große, bleiverglaste Fenster zu beiden Seiten der massiven Eingangstür ließen warmes Licht in eine geräumige Eingangshalle, deren Wände mit gerahmten Fotografien geschmückt waren. Es handelte sich offenbar um eine Darstellung der Geschichte von “King’s Eden”, doch Miranda blieb keine Zeit, sich die Fotos genauer anzusehen, denn Tommy führte sie geradewegs weiter ins Wohnzimmer. Bewundernd ließ Miranda den Blick über die üppige Einrichtung schweifen. Eine Vielzahl von Kunstschätzen überwiegend asiatischer Herkunft verbanden sich zu einem faszinierenden Gesamteindruck.

Im nächsten Moment jedoch wurde Mirandas Aufmerksamkeit ganz von dem Mann in Anspruch genommen, der sich bei ihrem Eintreten aus einem großen Ledersessel erhob. Er musste gut einen Meter neunzig groß sein und war mit seinen breiten Schultern und seiner kraftvollen Statur einer der stattlichsten Männer, die Miranda je gesehen hatte. Mit jeder seiner Bewegungen strahlte er eine unbezwingbare Kraft aus.

Unwillkürlich jagte ihr ein kleiner Schauer über den Rücken. Die Gegenwart dieses Mannes übte ohne ersichtlichen Grund eine beunruhigende Wirkung auf sie aus. Dabei bedrohte er sie doch keineswegs, sondern war aus Höflichkeit aufgestanden, sodass sie keinen Grund hatte, sich so … verletzlich zu fühlen.

Ganz bewusst suchte Miranda seinen Blick und rang sich ein höfliches Lächeln ab. Die markanten Züge ihres Gegenübers wirkten wie aus Granit gemeißelt. Nein, Nathan King hatte nichts “Hübsches” oder “Playboyhaftes” an sich.

Sein dichtes schwarzes Haar war glatt, die dunklen Brauen gerade. Und der Blick seiner blauen Augen, die überraschend hell und klar aus seinem gebräunten Gesicht leuchteten, war durchdringend und unergründlich. Miranda fühlte sich wie gebannt, unfähig, sich diesem Blick zu entziehen, bis Elizabeth King sie ansprach.

“Willkommen in ‘King’s Eden’…”

Miranda wandte sich der ihr vertrauten Stimme zu. Die Frau, die mit ihr das Vorstellungsgespräch geführt hatte, saß in einem kunstvoll geschnitzten Brokatsessel, ein Bild vollendeter Eleganz: Das weiße Haar gepflegt frisiert, trug sie einen cremefarbenen Hosenanzug, in dessen Ausschnitt eine kostbare Perlenkette schimmerte.

“Es ist mir ein Vergnügen und eine Ehre, Mrs. King”, erwiderte Miranda höflich. “Vielen Dank für die Einladung.”

Elizabeth King lächelte und deutete mit einem befriedigten Ausdruck auf ihren ältesten Sohn. “Darf ich Ihnen Nathan vorstellen? In seiner Hand ist die Leitung der Rinderfarm. Nathan, das ist Miranda Wade, die neue Managerin unseres Ferienparks.”

Er rührte sich nicht von der Stelle, sondern begutachtete sie stumm und herausfordernd. Miranda war es in ihrem Beruf gewöhnt, auf Menschen zuzugehen und sie zu begrüßen. Fast immer war es ein bewährtes Mittel, das Eis zu brechen, wenn man die Initiative ergriff, und sie war für die Zukunft sicher gut beraten, mit diesem Mann ein einvernehmliches Auskommen anzustreben. Doch trotz dieser Überlegungen zögerte sie, auf ihn zuzugehen. Nathan King war zweifellos ein Mann, der alles beherrschte, was er berührte … und sie stand im Begriff, ihm die Hand zu reichen.

2. KAPITEL

Nathan war beeindruckt. Er hatte schon viele schöne Frauen kennengelernt, aber keine davon ließ sich mit dieser vergleichen. Sämtliche weibliche Reize vereinigten sich bei ihr zu etwas ganz Besonderem.

Sie war fast so groß wie Tommy, was bedeutete, dass sie annähernd einen Meter achtzig groß sein musste. Ihr schulterlanges blondes Haar war eine seidige Verlockung. Schimmernd umschmeichelte es ein Gesicht, dessen klassisch schöne Züge durch das kleine Grübchen im Kinn erst richtig zur Geltung kamen. Sie trug ein hochgeschlossenes, ärmelloses Kleid, das ihre schlanke, wohlgerundete Figur umspielte und kurz über dem Knie endete. Der betont dezente Schnitt stand in lebhaftem Kontrast zu dem auffälligen abstrakten Blumenmuster des Stoffes in Gelb, Orange, Grün, Türkis und Blau auf schwarzem Untergrund. Dazu trug sie zierliche gelbe Sandaletten.

Eine sehr selbstbewusste Frau, dachte Nathan, die eher bereit ist, sich aus der Masse hervorzuheben, als darin zu verschwinden. Eine starke Persönlichkeit. Ganz bestimmt kein scheues Reh und auch keine Klette. In Nathan regte sich ein Gefühl, das er lange nicht verspürt hatte. Diese Frau war es vielleicht wert, dass man sie näher kennenlernte … eine Erfahrung, die sich lohnen konnte.

Ihr Anblick bereitete ihm ein solches Vergnügen, dass er sich nicht davon lösen wollte, nachdem seine Mutter sie einander vorgestellt hatte, sondern sie weiter studierte, als sie auf ihn zukam. Wunderschöne, mandelförmige grüne Augen, umrahmt von honigbraunen Wimpern. Ob das Blond ihres Haares echt war?

“Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. King”, sagte sie ruhig und streckte ihm die Hand entgegen.

Ganz bewusst darauf bedacht, persönliche Distanz zu wahren. Das war ihm nur recht, bis er sich über seine weitere Vorgehensweise im Klaren sein würde. Höflich lächelnd nahm er die dargebotene Hand. “Selbst die Kinder auf der Farm nennen mich Nathan”, lud er sie unkompliziert ein. “Und da man sich im Ferienpark auch mit dem Vornamen anspricht, darf ich Sie wohl Miranda nennen, ja?”

“Natürlich”, antwortete sie gelassen, wobei sie ihm ihre Hand entzog.

Nathan ließ es geschehen, vermerkte jedoch interessiert, wie eilig sie es hatte, den physischen Kontakt mit ihm zu unterbrechen. Spürte sie vielleicht, welche Wirkung sie auf ihn ausübte? Ging es ihr vielleicht ähnlich? Ihr Blick verriet lediglich das höfliche Interesse der Angestellten gegenüber einem ihrer Arbeitgeber, nichts darüber hinaus.

Er musste wieder an die Worte seiner Mutter denken: Ich bezweifle, dass Miranda Wade sich von irgendeinem Mann die Hand halten lässt … War sie wirklich eine militante Feministin?

Nathan besann sich auf seine Gastgeberpflichten. “Was darf ich Ihnen zu trinken anbieten? Champagner, vielleicht, wie meiner Mutter …?”

“Ein Glas Wasser genügt”, antwortete Miranda rasch.

Sie will also einen klaren Kopf bewahren, registrierte Nathan und wandte sich seinem Bruder zu. “Du ein Bier, Tommy?”

“Ja, gern”, lautete die prompte Antwort.

Nathan ließ die anderen einen Moment allein, um aus der Bar im angrenzenden Billardzimmer die Getränke zu holen. Miranda Wade war offensichtlich eine Frau, die man nicht drängen durfte. Er hatte den Eindruck, dass sie eine Persönlichkeit mit vielen Facetten war, nicht leicht einzuordnen.

Wie Tommy wohl mit ihr klargekommen war? Sein Bruder hatte den größten Teil des Tages in ihrer Gesellschaft verbracht. Hatte er ihr etwas Interesse entlocken können? Nathan beschloss, sich erst einmal zurückzuhalten und das Miteinander der beiden zu beobachten. Als er das Tablett mit den Getränken ins Wohnzimmer zurücktrug, überlegte er amüsiert, welchen unerwarteten Ausgang dieses Treffen doch genommen hatte. Seine Verärgerung über die Entscheidung seiner Mutter war in dem Moment, als Miranda Wade auf der Türschwelle erschienen war, wie weggeblasen gewesen.

Tommy hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht und vielleicht insgeheim darauf gehofft, dass Miranda sich neben ihn setzen würde. Doch ihr schöner Gast hatte sich stattdessen dafür entschieden, in einem Sessel neben seiner Mutter Platz zu nehmen – genau gegenüber und möglichst weit entfernt von dem Lehnstuhl, in dem Nathan zuvor gesessen hatte. Sie bedankte sich mit einem freundlichen Lächeln, als Nathan ihr das Glas Wasser auf einen kleinen Beistelltisch stellte, bevor sie das unterbrochene Gespräch mit seiner Mutter wieder aufnahm.

Höflich, aber distanziert, notierte Nathan. Er hielt sich nicht weiter in ihrer Nähe auf und versuchte auch nicht, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ein Zwei-Jahres-Vertrag gab ihm genug Zeit, sie näher kennenzulernen. Lässig ging er zu Tommy und reichte ihm das Bier,

“Und? Bist du zufrieden mit der Wahl?”, erkundigte er sich forschend.

“Bist du zufrieden?”, gab Tommy die Frage zurück, wobei seine dunklen Augen schalkhaft blitzten.

Nathan zuckte die breiten Schultern. “Das ist allein deine Angelegenheit, Tommy.”

“Ich glaube, sie ist ein Gewinn.” Tommy warf Miranda einen bewundernden Blick zu und fuhr ironisch lächelnd fort: “Ihre Interessen sind ganz auf den Job ausgerichtet.”

“Freut mich zu hören.” Nathan ging zu seinem Sessel und setzte sich zufrieden. Wie es aussah, hatte der Charme seines Bruders ausnahmsweise einmal nicht gewirkt. Es versprach, ein höchst interessanter Abend zu werden. Predigten Feministinnen nicht, dass man Männer zwar begehren konnte, aber sie nicht brauchte? Sexuelle Freiheit für Frauen? Sich zu nehmen, was man wollte? Was, wenn Miranda genau das wollte?

Das Abendessen war köstlich: Garnelen mit Kokosnuss in Mangosauce, gefolgt von einem Barramunda, der auf der Zunge zerging, und schließlich einer Passionsfrucht-Mousse, die ein wahres Gedicht war. Für Miranda war das Essen mit den Kings dennoch eine Prüfung, vor allem angesichts ihres Gastgebers, dessen bloße Anwesenheit sie entschieden nervös machte. Doch sie war der Meinung, sich bis zum Dessert gut gehalten zu haben.

Zwar hatte sich Nathan kaum am Tischgespräch beteiligt, aber ihr war nicht entgangen, dass er jedes ihrer Worte aufmerksam verfolgt hatte. Sie spürte, dass er versuchte, sich aus ihren Fragen, Antworten und Ansichten ein Bild von ihrer Person zu machen, ohne von sich selber etwas preiszugeben.

Zu ihrem Leidwesen musste sie immer wieder daran denken, wie sich ihre Hand in seiner angefühlt hatte. Vielleicht lag es daran, dass er der Rinderzüchter unter den Kings war, aber sie hatte den Eindruck, als hätte er sie mit seinem Brandzeichen versehen. Nathan King erinnerte sie in einem Maß an ihre Weiblichkeit, wie es nicht einmal Bobby Hewson getan hatte.

Glücklicherweise sorgten Tommy und Elizabeth King mit ihrer lockeren, informativen Unterhaltung dafür, dass sie sich etwas entspannen konnte. Und die geschmackvolle Einrichtung des Esszimmers war auch geeignet, von dem Mann abzulenken, dessen Gegenwart den Tisch beherrschte. Immer wieder ließ Miranda den Blick bewundernd über die schönen Möbel aus poliertem Mahagoniholz und die dekorativen Vogelbilder an den Wänden schweifen. Alles wirkte makellos gepflegt, und sie fragte sich unwillkürlich, wie viel Angestellte nötig waren, um dieses große Haus in Ordnung zu halten. Bislang hatte sie nur Nancy kennengelernt, die das Abendessen serviert hatte.

“Ich denke, es wäre gut, wenn Miranda selber die üblichen Touristenausflüge machen würde, bevor die Saison im Ferienpark richtig beginnt”, schlug Elizabeth King plötzlich vor. “Sie sollte das, was sie den Gästen empfiehlt, persönlich kennen.”

Tommy machte ein nachdenkliches Gesicht. “Sam ist immer noch durch ihren verstauchten Knöchel außer Gefecht gesetzt …”

Samantha Connelly gehörte als Hubschrauberpilotin zum Stammpersonal des Ferienparks. Miranda hatte sie bereits kennengelernt – eine hübsche, sehr sympathische junge Frau, die jedoch empfindlich auf Tommys Neckereien wegen ihrer vorübergehenden Behinderung reagiert hatte.

“Ich fliege übermorgen zur Bungle Bungle Range. Miranda kann mich begleiten, wenn sie möchte.”

Diese beiläufigen Worte, so unerwartet aus Nathans Mund, ließen alle erstaunt aufblicken.

Tommy sah seinen Bruder entgeistert an. “Du?”

Seine Verblüffung vermehrte Mirandas Panik. Sie musste sich zwingen, den Mann anzublicken, der ihr gerade seine Begleitung angeboten hatte. Doch nichts in seinem Gesicht verriet irgendein spezielles Interesse an ihr.

Im Gegenteil, sein Blick drückte milde Verwunderung aus, als er sich an Tommy wandte: “Hast du ein Problem damit?”

“Und nie werden die beiden zusammenfinden außer beim Auftrieb der Herden im Juni”, meinte Tommy neckend. “He, es ist erst März, und du bietest mir deine Hilfe für mein Geschäft an?”

“Das hat kaum etwas mit Geschäft zu tun”, erwiderte Nathan unbeirrt. “Ich fliege sowieso, sodass sich die Gelegenheit anbietet … falls Miranda sie ergreifen möchte.” Er sah sie fragend an.

Allein mit ihm in einem kleinen Flugzeug oder Hubschrauber? Miranda zerbrach sich fieberhaft den Kopf nach einer plausiblen Ausrede.

“Weshalb fliegst du denn dorthin?”, fragte Tommy neugierig und verhalf ihr damit zu einem Aufschub.

Nathan wandte sich wieder seinem Bruder zu. “Der oberste Parkranger möchte sich Sarah Kings Tagebücher über die hiesigen Stämme der Aborigines ausleihen, als Hintergrundinformation sozusagen. Ich habe versprochen, sie ihm vorbeizubringen.”

“Schön, dann steht der erste Ausflug ja schon für Sie fest, Miranda”, verkündete Elizabeth King lächelnd und sichtlich zufrieden.

“Aber, Mrs. King, schon übermorgen …” Miranda machte ein zweifelndes Gesicht. “Ich denke, ich werde diese Woche sehr viel damit zu tun haben, mich mit den Abläufen in dem Ferienpark vertraut zu machen und mir einen Überblick über die nötigen Einstellungen für die Saison zu verschaffen. Ich weiß Ihr Angebot wirklich zu schätzen, Nathan …”, sie sah ihn entschuldigend an, “… aber ich bin gerade erst angekommen und werde kaum die Zeit haben …”

“Es ist besser, Sie ergreifen die Gelegenheit beim Schopf, wie sie sich bietet, Miranda”, mischte Elizabeth sich energisch ein. “Außerdem ist es die wirtschaftlichste Lösung, denn auf diese Weise wird weder Samantha noch einer von Tommys Piloten beansprucht.”

Womit Mrs. King ihr sauber den Boden unter den Füßen entzogen hatte. Hätte Miranda auf einem anderen Termin bestanden, wäre damit unnötig das Budget des Ferienparks belastet worden.

“Ein Ausflug im Morgengrauen, Nathan?”, wandte Elizabeth King sich nun unbeirrt an ihren Ältesten.

“Nun, ich denke, wir sollten uns den Sonnenaufgang nicht entgehen lassen”, antwortete er.

Miranda hatte Mühe, ihre Verärgerung zu verbergen, als die beiden über ihren Kopf hinweg entschieden, egal, ob es ihr passte oder nicht. Die Arroganz der Reichen, die es gewöhnt sind, die Menschen ganz nach Belieben wie Schachfiguren herumzuschieben, dachte sie resigniert. Aber sie konnte sich nur schlecht dagegen auflehnen, denn das Outback war wirklich Neuland für sie, und für ihren Job war es natürlich wichtig, dass sie sich gleich persönlich mit den Sehenswürdigkeiten des Parks vertraut machte.

Normalerweise hätte sie sich auch gar nicht dagegen gewehrt, wenn nicht ausgerechnet Nathan ihr seine Begleitung angeboten hätte. Dieser Mann verunsicherte sie. Reiß dich zusammen, Miranda!, ermahnte sie sich streng. Ob es ihr gefiel oder nicht, sie musste mit Nathan King klarkommen. Vielleicht verlor er ja seinen besonderen Reiz, wenn sie ihn näher kennenlernte.

“Ich werde Sie bis mittags wieder im Ferienpark abgesetzt haben”, versicherte er ihr jetzt.

Was mindestens sechs Stunden allein in seiner Gesellschaft bedeutete. “Vielen Dank”, sagte sie ruhig, obwohl ihr Herz klopfte.

“Was halten Sie davon?”

“Wie bitte?” Worauf wollte er hinaus?

Das spöttische Funkeln in seinen Augen machte sie nur noch nervöser. Spürte er, wie sehr er sie durcheinanderbrachte?

“Nun ja, der Ferienpark. Da Sie bislang immer in der Stadt gearbeitet haben, frage ich mich, welchen Eindruck die Anlage auf Sie macht. Ich nehme an, Tommy hat Sie heute Nachmittag schon etwas herumgeführt.”

“Die verschiedenen Bereiche von Unterkünften sind außerordentlich gut geplant”, antwortete sie selbstsicher. “Das Gästehaus ist ideal gelegen und in seiner Ausstattung sehr attraktiv. Die gesamte Anlage macht einen erstklassigen Eindruck.”

“Keine kalten Füße?”, fragte er herausfordernd. “Keine Zweifel nach dem Motto: Was habe ich nur getan?”

Miranda schüttelte lachend der Kopf. “Eher das Gefühl: wie wundervoll! Ich freue mich wirklich darauf, die Leitung zu übernehmen und mein Bestes zu geben.”

“Eine ganz neue Welt für Sie?”

“Ja.”

“Die meisten Leute halten sich lieber an die Welt, die sie kennen.”

“Nun, dann zähle ich wohl nicht zu den ‘meisten Leuten’.”

“Eine Abenteurerin? Auf der Suche nach dem anderen?”

“Eher, die sich das Bedürfnis nach etwas anderem erfüllt.”

“Dann hoffe ich, dass all Ihre Bedürfnisse hier Erfüllung finden werden.”

“Dann wäre es tatsächlich der Garten Eden.”

Nathan lachte, so unerwartet und gewinnend, dass Miranda völlig fasziniert davon war. Der kleine Wortwechsel zwischen ihnen schien ihn genauso angeregt zu haben, wie er sie belebt hatte. Seine Augen funkelten vor Vergnügen, als er bemerkte: “Ich neige zu der Ansicht, dass es an jedem Einzelnen liegt, sich seinen eigenen Garten Eden zu schaffen. Das scheint mir der eigentliche Sinn unserer Willensfreiheit: sich so zu entscheiden, dass wir glücklich sind.”

Miranda hatte plötzlich das Gefühl, dass dieses Gespräch eine gefährlich vertrauliche Wendung genommen hatte. Die Vernunft verlangte von ihr eine Korrektur. “Nur leider können wir die Entscheidungen anderer Menschen nicht kontrollieren”, sagte sie betont kühl, “und das kann uns die Hölle auf Erden bereiten.”

“Man hat immer die Möglichkeit wegzugehen.”

“Aber wird man das auch respektieren?”

“Sorgen Sie dafür.”

“Ich bin nicht ganz so groß und stark wie Sie, Nathan”, erwiderte sie locker.

Er lächelte. “Aber Sie haben einen eigenen Kopf, Miranda. Und der ist sogar sehr interessant.”

“Vielen Dank.”

“Oh, ich sollte Ihnen danken. Unser gemeinsamer Trip wird bestimmt nicht langweilig werden.”

Miranda hielt den Atem an. Sie spürte, dass Nathan King mit seiner Bemerkung nicht nur auf den geplanten Flug zur Bungle Bungle Range anspielte. Nein, er meinte offensichtlich eine viel längere gemeinsame Wegstrecke über die zwei Jahre, die sie in “King’s Eden” sein würde … eine höchst beunruhigende Vorstellung.

“Vergiss bloß nicht, dass du auch den Fremdenführer spielen musst, Nathan”, warf Tommy bedeutsam ein. “Schließlich geht es ums Geschäft.”

Schwang da eine Spur von Verärgerung in seiner Stimme? Brüderliche Rivalität? Rasch wandte sich Miranda dem Mann zu, dessen Interessen sie vorrangig zu vertreten hatte. “Ich werde den Ausflug so gewinnbringend wie möglich nutzen, Tommy”, versprach sie sofort. “Ich weiß, wie wichtig das für meinen Job ist.”

Er nickte, und Elizabeth King fügte zustimmend lächelnd hinzu: “Es wird ganz sicher ein wundervolles Erlebnis für Sie werden.”

Miranda konnte das nur hoffen. Sie würde jede Ablenkung nötig haben, um Nathan King auf Distanz zu halten.

3. KAPITEL

Um Nathan King aus ihren Gedanken zu verdrängen und sich das Gefühl zu geben, alles im Griff zu haben, setzte Miranda gleich für den ersten Morgen nach ihrer Ankunft in “King’s Eden” eine Personalbesprechung an. Da der Ferienpark nur von Anfang April bis Ende November geöffnet war, fehlten noch die vielen saisonbedingten Zusatzkräfte, sodass sich nur das Stammpersonal sowie die Leiter der jeweiligen Unterbringungsbereiche eingefunden hatten, um die neue Managerin zu begutachten.

Miranda war sich bewusst, dass sie im Gegensatz zu den übrigen Anwesenden das Outback nicht aus eigener Erfahrung kannte. Sie hatte auch noch nicht die große Regenzeit erlebt, in der der Monsunregen einen Großteil der Straßen im Norden Australiens während der Sommermonate in Schlammwüsten verwandelte. Aber die drückende Hitze draußen war ihr Beweis genug, dass es nicht ratsam war, in der Zeit zwischen Dezember und März diesen Teil des Outbacks zum Vergnügen zu bereisen. Glücklicherweise besaß das Gästehaus eine erstklassige Klimaanlage.

Man hatte sich in dem großen Aufenthaltsraum des Gästehauses versammelt, der sonst der Entspannung und dem Vergnügen der Gäste in der obersten Preiskategorie diente. Ein blaugrüner Schieferboden verbreitete eine angenehm kühle Atmosphäre, Rattanmöbel mit bunt gemusterten Kissen verliehen dem Raum ein lockeres, tropisches Ambiente. Kunstgegenstände und Gemälde nach der Tradition der Aborigines erinnerten die Gäste an die unmittelbare Nähe zu einer uralten Kultur. Durch die voll verglaste Stirnseite blickte man auf die geräumige Terrasse, und dahinter funkelte der Swimmingpool einladend in der Sonne.

Miranda hatte sich ganz bewusst für diesen ansonsten ausschließlich den Gästen vorbehaltenen luxuriösen Freizeitraum als Versammlungsort entschieden, um eine zwanglose Atmosphäre und Teamgeist zu erzeugen. Während der Saison wurden die regelmäßigen Personalbesprechungen üblicherweise im Parkrestaurant abgehalten, aber hier handelte es sich nur um den engsten Mitarbeiterstab, der ihr persönlich verantwortlich sein würde, und sie wollte diese Leute von Anfang an auf ihre Linie einschwören.

Sie waren alle zwanglos gekleidet in Shorts und T-Shirts und boten somit einen ganz anderen Anblick als das Personal in Uniform, das Miranda aus dem “Regency” gewöhnt war. Sie selbst hatte sich für ein enges, ärmelloses limonengrünes Leinenkleid entschieden, das ebenso elegant wie schlicht wirkte, doch ihr wurde rasch klar, dass in Zukunft auch für sie hier im Ferienpark schicke Safarishorts und eine Bluse angemessener sein würden.

Abgesehen von einigen Männern aus dem Wartungsdienst waren alle jünger als sie – sehr jung für leitende Angestellte. Doch das war hier im Outback wohl verständlich. Wahrscheinlich hatte die Abenteuerlust sie hierher verschlagen – das Gefühl, das Erlebnis “Outback” mitzunehmen, solange sie noch frei und ungebunden waren.

Miranda verbrachte den größten Teil der Besprechung damit, Fragen zu stellen, den Berichten zuzuhören und Lösungsvorschläge für anstehende Probleme zu sammeln. Als ein immer wiederkehrendes Problem wurde von verschiedenen Seiten die Isolation hier draußen im Outback genannt. Vor allem unter dem Saisonpersonal sank die Arbeitsmoral, wenn ihnen nicht regelmäßig freie Tage eingeräumt wurden, an denen sie aus der Routine des abgeschiedenen Ferienparks ausbrechen konnten. Miranda ließ keinen Zweifel daran, dass sie dieses Problem sehr ernst nahm.

Unwillkürlich dachte sie an die Kings – diese Familie führte seit hundert Jahren ein Leben in der Einsamkeit. Nathan King, beispielsweise, leitete die Rinderfarm allein und unverheiratet. Hatte er je das Gefühl, ausbrechen zu müssen? Würde sie, Miranda, hier in “King’s Eden” vielleicht von diesem Wunsch gepackt werden?

Paradies oder Hölle? Miranda rief sich energisch zur Ordnung. Es war zu spät für einen Rückzieher. Sie würde sich den Problemen ihres neuen Jobs stellen und die Sache durchziehen. Hatte Nathan nicht gerade das gestern Abend mit leisem Spott infrage gestellt? Sie würde es ihm zeigen!

Zum Abschluss der Besprechung wandte Miranda sich noch einmal mit einer kurzen, persönlichen Erklärung an ihre Untergebenen, in der sie zum einen die Rolle einer funktionierenden Kommunikation als Basis für jede gute Gastlichkeit hervorhob und zum anderen betonte, wie viel Wert sie darauf lege, dass das Personal eines von ihr geführten Hauses den Wünschen der Gäste, wo immer dies möglich sei, zuvorkommen würde. Durch regelmäßige Überprüfungen würde sie dafür Sorge tragen, dass gerade diesen Punkten genügend Beachtung geschenkt würde.

Allseits zufrieden, ging man schließlich auseinander. Ganz bewusst verabschiedete sich Miranda von jedem Einzelnen persönlich und mit Namen. Nur Samantha Connelly, die verletzte Hubschrauberpilotin, blieb sitzen, das Bein mit dem verstauchten Knöchel auf einen Fußschemel gestützt.

“Soll ich Ihnen helfen?”, fragte Miranda freundlich.

“Ich bin hier, um Ihnen zu helfen”, lautete die prompte Antwort, “bis ich diese verdammten Krücken endlich wegwerfen kann.”

Sie beugte sich hinunter und angelte nach den ihr so verhassten Gehhilfen. Miranda versuchte nicht, ihr zuvorzukommen, denn sie spürte, wie wichtig der jungen Frau ihre Selbstständigkeit war. Bewundernd ließ sie den Blick über Samanthas kupferrote Locken und die muskulösen Arme schweifen. Samantha Connelly war zwar kleiner und zierlicher als Miranda, aber zweifellos durchtrainiert und kräftig.

“Ich hasse es.” Samantha blickte auf und seufzte. “Ich meine, hier im Büro festzusitzen, anstatt über den Wolken zu fliegen.”

“Ich wusste nicht, dass Sie auch Büroarbeiten erledigen”, sagte Miranda überrascht.

“Ach, ich helfe aus, wo es nötig ist, und übernehme zum Beispiel die Ferienparkbuchungen im Hauptbüro in Kununurra während der Regenzeit. Da ist im Charter-Geschäft nicht so viel los. Ich habe alle Daten und Zahlen in den Computer in Ihrem Büro eingegeben und stehe Ihnen zur Verfügung, bis Ihre Sekretärin eintrifft.”

“Vielen Dank”, sagte Miranda erfreut.

“Keine Ursache.” Samantha hob den verletzten Fuß vorsichtig vom Schemel und richtete sich mit Hilfe der Krücken auf.

Wieder spürte Miranda den unbändigen Stolz der jungen Pilotin und deren Drang nach Unabhängigkeit. Samantha besaß ein schmales, fast jungenhaftes Gesicht, die kleine Stupsnase war mit Sommersprossen übersät, aber der forsche Blick ihrer klaren blauen Augen hätte es jedem verboten, sie als “niedlich” zu bezeichnen.

“Wie sind Sie zum Fliegen gekommen?”, fragte Miranda, als sie langsam die große Eingangshalle durchquerten, um in den Bürotrakt zu gelangen.

“Ich wurde dazu geboren”, lautete die lakonische Antwort. “Ich nehme an, da ich augenblicklich aus dem Verkehr gezogen bin, hat Tommy sich wohl angeboten, Sie herumzufliegen und Ihnen die üblichen Touristentouren zu zeigen?” Samantha warf Miranda einen spöttischen Blick zu. “Ich wette, er ist ganz wild darauf, Ihnen die Sehenswürdigkeiten der Gegend zu zeigen.”

Miranda horchte auf. “Warum sollte er so wild darauf sein, Samantha?”

“Nennen Sie mich Sam. Jeder tut das hier.” Die junge Frau warf ihr erneut einen spöttischen Blick zu. “Und wenn es Ihnen nicht aufgefallen ist, wie Tommy gestern hinter Ihnen hergehechelt ist, mir schon. Um ganz ehrlich zu sein, Miranda, Sie sind von der Natur freigiebig mit den nötigen weiblichen Reizen ausstaffiert worden, also erzählen Sie mir nicht, er hätte sich nicht an Sie herangemacht.”

Eifersucht? Der Unterton in Sams Worten warnte Miranda, sehr vorsichtig zu taktieren. “Wenn dem so wäre, dann ohne Erfolg”, antwortete sie bestimmt. “Ich bin nicht interessiert an einer persönlichen Beziehung zu Tommy King.”

“Nicht?” Sam blieb stehen und sah Miranda erstaunt an. “Die meisten Frauen fliegen auf ihn.”

Miranda zuckte die Schultern. “Dann vermerken Sie mich als die Ausnahme.”

Ein spitzbübisches Lächeln huschte über Sams Gesicht. “Es wäre das erste Mal, dass Tommy nicht bei einer landet. Was für eine wundervolle Delle in seinem Ego!”

“Kennen Sie ihn sehr gut?”

“Zu gut.” Sam seufzte. “Wir sind praktisch zusammen aufgewachsen. Ich bin sozusagen die kleine Schwester, die er sich immer gewünscht hat. Schon Jahre bevor der Ferienpark aufgemacht worden ist, habe ich auf der Farm der Kings beim Zusammentreiben der Herden geholfen.”

Was den vertraulichen, neckenden Ton zwischen Tommy und Sam erklärte, den Miranda tags zuvor hatte beobachten können. “Dann kennen Sie bestimmt auch Nathan sehr gut.” Die Worte waren heraus, ehe Miranda es verhindern konnte. Sie wollte keine Neugier in Bezug auf diesen Mann zeigen. Sie wollte nicht einmal an ihn denken.

“Ich kenne alle Kings nur zu gut.” Sam seufzte resigniert und humpelte langsam weiter. “Wenn ich es genau bedenke …” Sie sah Miranda fragend an. “Eigentlich ist es nicht Tommys Art, so leicht aufzugeben. Hat er sich nicht wenigstens zu einem Ausflug mit Ihnen verabredet?”

Miranda zögerte. Doch es hatte keinen Zweck, zu verschweigen, was sowieso bald allseits bekannt sein würde. “Nathan fliegt mit mir morgen zur Bungle Bungle Range”, antwortete sie ruhig.

“Nathan?” Wieder blieb Sam stehen und sah Miranda mit großen Augen an. “Nathan fliegt mit Ihnen?”

“Er wollte sowieso dorthin, um einem der Parkranger irgendwelche alten Tagebücher über die Aborigines zu bringen”, erklärte Miranda ihr so gelassen wie möglich.

Um Sams Mundwinkel zuckte es belustigt. “Und es hat natürlich nicht das Geringste mit Ihnen zu tun.” Sie lachte fröhlich. “Ach, ich hätte zu gern Tommys Gesicht gesehen, als Nathan ihn ausgestochen hat!”

Vergnügt vor sich hin lachend, begleitete sie Miranda zu ihrem Büro. Miranda versuchte, ihre Verärgerung zu verbergen, und zog es vor, auf Sams ganz persönliche Schlussfolgerungen nichts zu erwidern. Aber Tommys missmutiges Gesicht gestern Abend bei Tisch ging ihr nicht aus dem Sinn. Sie hoffte, sie würde nicht zum Zankapfel zwischen den beiden King-Brüdern werden. Würden Nathan und Tommy ihre Entscheidung akzeptieren, sich mit keinem von beiden persönlich einzulassen? Andernfalls konnte die Situation sehr ungemütlich für sie werden.

Mit einem unguten Gefühl nahm Miranda neben Sam an ihrem Schreibtisch Platz und schaltete den Computer ein. Sie musste sich unbedingt auf ihren Job konzentrieren. Die Sache mit Nathan King stand erst morgen früh an. Bis dahin wollte sie sich nicht den Kopf darüber zerbrechen.

“Er ist noch frei”, sagte Sam, wobei sie ihr einen vielsagenden Blick zuwarf.

“Wie bitte?”, fragte Miranda zerstreut, den Blick fest auf den Computerbildschirm gerichtet.

“Nathan … er ist im Augenblick solo. Die Frau, mit der er zuletzt zusammen war, hat geheiratet, und er hat noch keine neue Beziehung angefangen.”

“Dann fühlte er sich wohl abgewiesen”, erwiderte Miranda möglichst beiläufig. Insgeheim aber fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, dass irgendeine Frau Nathan King wegen eines anderen Mannes sitzen gelassen hatte.

“Oh, sie hat ihn nicht abgewiesen. Die beiden führten eine ziemlich offene Beziehung … allerdings immerhin über mehrere Jahre.”

Miranda presste wütend die Lippen zusammen. Eine offene Beziehung, pah! Es klang eher nach dem typischen Fall einer Geliebten, die doch noch klug geworden war und sich einen Mann gesucht hatte, der sie wirklich liebte. Wenn Nathan King etwa in Erwägung zog, dass sie, Miranda, diese Lücke nun praktischerweise ausfüllen könnte, irrte er sich gewaltig. So oder so würde sie ihm morgen früh ihre Haltung unmissverständlich deutlich machen.

“Können wir uns jetzt dem geschäftlichen Teil zuwenden?”, fragte sie so kühl, dass Sam sie verwundert ansah.

“Aber natürlich! Ich dachte nur, das mit Nathan hätte Sie vielleicht interessiert.”

“Ich weiß bereits alles über ihn, was ich wissen muss. Er ist ein Mitglied der Familie King. Okay?”

Sam begegnete Mirandas eisigem Blick mit unverhohlener Neugier. “Schön.” Sie wandte sich dem Computerbildschirm zu. “Die Buchungen sind nach zeitlichen Abschnitten sortiert …”

Endlich auf sicherem Boden! Miranda fiel ein, dass Tommy seinen älteren Bruder als “unzugänglich wie ein Fels” bezeichnet hatte. Sie schwor sich, dass Nathan King morgen bei ihr auf eine Stahlwand gekrönt von Stacheldraht treffen würde, um jeden einzelnen Versuch, sie zu bezwingen, schon im Ansatz abzuwehren.

4. KAPITEL

Miranda wartete bereits am Hubschrauberlandeplatz des Ferienparks, als Nathan in seinem Jeep vorfuhr. In einem der Gepäck-Buggies, den sie sich für ihren persönlichen Gebrauch reserviert hatte, war sie absichtlich etwas zu früh hinausgefahren, weil sie so das Gefühl hatte, auf die Begegnung mit Nathan King besser vorbereitet zu sein.

Trotzdem hielt sie den Atem an, als Nathan aus dem Jeep stieg. Ungeachtet ihrer festen Vorsätze, war sie gegen die Wirkung seiner geballten Männlichkeit nicht immun. Genau wie sie war er mit Safarishorts, einem leichten Baumwollhemd und robusten Wanderschuhen bekleidet. Von der einen Schulter baumelte ein Rucksack, in der einen Hand hielt er einen breitkrempigen Hut. Er strahlte eine unbezwingbare Vitalität aus, als er mit großen Schritten auf Miranda zukam, während sie wie angewurzelt dastand.

“Guten Morgen.” Er schenkte ihr ein Lächeln, bei dem ihr Herz Purzelbäume schlug. “Wir haben Glück. Der Himmel ist wolkenlos. An so einem klaren Morgen sind die Farben des Sonnenaufgangs noch intensiver.”

“Ja, es ist ein schöner Morgen”, pflichtete sie ihm bei, obwohl es ein sehr heißer Tag zu werden versprach. Und das in mehr als einer Hinsicht, wenn sie daran dachte, wie heftig sie auf Nathan King reagierte.

“Haben Sie schon etwas über die Bungle Bungle Range gelesen?”, fragte er, als sie zum Hubschrauber gingen.

“Nur, was in der Ausflugsbroschüre steht.”

“Nun, man muss es mit eigenen Augen gesehen haben.”

Nathan war offensichtlich nicht daran interessiert, viel zu erzählen und mit seinem Insider-Wissen zu prahlen. Dagegen verriet das Leuchten in seinen Augen sein Interesse an ihr, Miranda, was sie entschieden nervös machte.

“Hatten Sie Probleme einzuschlafen?”, fragte er.

“Nein”, leugnete sie prompt, wobei sie sich fragte, ob ihr anzusehen war, dass sie die halbe Nacht wach gelegen hatte aus Sorge wegen des Ausflugs. “Warum sollte ich?”, fragte sie, entschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen.

“Oh, viele Leute aus der Stadt kommen mit der Stille und Ruhe hier draußen nicht klar. Sie vermissen die beständige Geräuschkulisse … und andere Dinge, an die sie gewöhnt sind.”

Wie zum Beispiel Sex? Miranda ermahnte sich sofort, nicht so überempfindlich zu reagieren. Oberflächlich betrachtet, war seine Bemerkung ja völlig vernünftig. Oberflächlich betrachtet, hatte er nichts gesagt, woran sie hätte Anstoß nehmen können. Doch sie spürte die unterschwellige Anspielung, die alles andere als unschuldig war.

“Ich denke, ich hatte in den letzten beiden Tagen so viel zu tun, dass mir die Stille noch gar nicht bewusst geworden ist”, antwortete sie ruhig.

“Das kommt noch”, sagte Nathan überzeugt. “Und dann wird Ihnen die Ruhe hier gefallen, oder Sie werden sie hassen. Eines lässt sich ganz bestimmt über das Outback sagen: Es trennt ganz schnell die bloßen Besucher von denjenigen, die bleiben.”

“Das ist mir auch schon klar geworden. Ich habe mir sagen lassen, dass auch das Personal eine Art Outback-Koller bekommt, wenn man ihm nicht regelmäßige Auszeiten einräumt.”

Wenn Miranda geglaubt hatte, das Gespräch damit auf eine unpersönlichere Ebene gelenkt zu haben, wurde sie durch Nathans nächste Bemerkung eines Besseren belehrt. “Nicht nur das Personal”, erwiderte er trocken, “sondern auch die meisten Frauen, die ich bislang kennengelernt habe.”

Der Blick, den er ihr dabei zuwarf, schien abschätzen zu wollen, ob sie den nötigen Mumm hatte, um zu bleiben. Unwillkürlich fiel Miranda die Frau ein, die es vorgezogen hatte, einen anderen zu heiraten. Hatte sie ihr Leben nicht auf einer Rinderfarm im Outback verbringen wollen? Aber warum hätte Nathan King die Beziehung über Jahre fortführen sollen, wenn sie ihm nicht gepasst hätte?

“Es gibt sicher auch Frauen, die für ein Leben im Outback geboren worden sind so wie Sie”, beharrte Miranda. “Sam zum Beispiel.”

“Ach, Sam …” Er sah sie spöttisch an. “Glauben Sie mir, es gibt nicht viele Frauen wie Sam, und sie hat nur Augen für Tommy. Eines Tages hört er vielleicht endlich auf, dem falschen Flitter nachzujagen, und erkennt das Gold direkt vor seiner Nase.”

Miranda nahm diese Information über Sam und Tommy aufmerksam zur Kenntnis, wandte jedoch ein: “Vielleicht will er ja gar nicht genau hinsehen. Manche Männer wollen sich nicht wirklich an eine Frau binden.”

“Sprechen Sie aus persönlicher Erfahrung?”

Sie kämpfte die Erinnerung an ihre persönliche Demütigung nieder, denn sie wollte nicht vor einem Mann das Gesicht verlieren, der sich zwei Jahre mit einer Frau vergnügt hatte, die ihm offensichtlich zum Heiraten nicht gut genug gewesen war. Warum sonst hätte er sie an einen anderen Mann abgeben sollen? Nach dem Motto, dass Angriff die beste Verteidigung ist, drehte sie den Spieß bewusst um. “Mir drängt sich da die Frage auf, warum Sie nicht irgendwo in der Weite der Kimberleys längst auf Gold gestoßen sind.”

Um seine Mundwinkel zuckte es belustigt. “Das ist so eine besondere Sache mit Gold. Es besitzt eine ganz bestimmte chemische Zusammensetzung. Wenn die entscheidenden Komponenten fehlen, ist es nur Katzengold.”

“Nun, vielleicht fehlen ja genau diese Komponenten für Tommy”, warf sie ein. Was die Chemie zwischen ihr und Nathan betraf … darüber wollte sie lieber nicht nachdenken!

“Nein. Er versteckt sich hinter seinen Neckereien, Sam versteckt sich hinter ihrer Aggressivität. Und natürlich steht Tommy seine verdammte Eitelkeit im Weg. Wenn er könnte, würde er auch Sie gern der Liste seiner Eroberungen hinzufügen.”

Sie waren beim Hubschrauber angelangt, und Nathan öffnete Miranda die Tür. Doch Miranda rührte sich nicht. Sie dachte plötzlich an das Abendessen bei den Kings. Nathan hatte sich den ganzen Abend herausgehalten, abwartend beobachtet und sich erst eingemischt, als Tommy erwogen hatte, ihr die üblichen Ausflugsrouten der Touristen zu zeigen. Hatte sie Nathans Intention, was sie betraf, vielleicht völlig missverstanden? Hatte es vielleicht gar nichts damit zu tun, dass er sich sexuell zu ihr hingezogen fühlte?

Sie sah ihn direkt an. “Ist das vielleicht der Grund, warum Sie mich heute mitnehmen, Nathan? Wollen Sie sich zwischen mich und Tommy stellen, um Sams Gefühle zu schützen?”

Das Aufleuchten in seinen Augen verriet, dass er ihre Offenheit zu schätzen wusste. “Nun, nach meiner bisherigen Beobachtung fühlen Sie sich nicht besonders zu ihm hingezogen, Miranda. Aber Tommy gibt nicht so leicht auf … und mit der Zeit, wenn Sie anfangen, sich hier im Outback zu langweilen, sehen Sie in ihm vielleicht eine willkommene Ablenkung.”

“Ich verstehe. Sie warnen mich also, die Finger von ihm zu lassen.”

“Nein. Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Ich halte nichts davon, mich in die Entscheidung anderer Menschen einzumischen. Aber es würde mir sehr leidtun, wenn Sams Gefühle verletzt werden sollten. Es ist eine Sache, zu wissen, dass Tommy eine Affäre nach der anderen hat, und eine ganz andere Sache, eine solche Affäre aus nächster Nähe mit ansehen zu müssen.”

“Ich akzeptiere, was Sie sagen wollen”, gestand Miranda ihm zu, wohl wissend, dass sie sowieso nicht daran interessiert war, sich mit Tommy King einzulassen.

Nathan nickte und lächelte plötzlich. “Außerdem würde ich es viel lieber sehen, wenn Sie sich die Langweile mit mir vertreiben würden.”

“Wie bitte?” Miranda sah ihn wie vom Donner gerührt an.

Doch sie hatte kaum Zeit, die Bedeutung seiner Worte zu begreifen, geschweige denn, seinen Absichten zuvorzukommen. Schon umfasste er ihr Gesicht. Seine blauen Augen leuchteten einladend und begehrlich, als er flüsterte: “Wollen wir es ausprobieren?”

Dann küsste er sie, so zärtlich und verführerisch, dass sie überrascht stillhielt. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Gerade seine Zärtlichkeit verwirrte und verlockte sie. Sicher, er nahm sich diesen Kuss, ohne zu fragen, doch es war nichts wirklich Anstößiges daran, wie er zart ihre Lippen liebkoste. Andererseits hatte er kein Recht, das einfach zu tun. Sie sollte es unterbinden. Wo würde das hinführen? Wo konnte es hinführen?

Miranda hob beide Hände, um ihn fortzustoßen. Aber als sie die Wärme seines muskulösen Oberkörpers fühlte, konnte sie nicht anders … sie ließ die Hände über seine breiten Schultern gleiten. Es war für sie eine neue Erfahrung, dass sie zu einem Mann hochlangen musste, und sie fühlte sich in diesem Moment unglaublich weiblich. Dieser Mann schien wie für sie geschaffen.

Die Verlockung auszuprobieren, wie es mit einem Mann wie Nathan King sein würde … nur dieses eine Mal … fegte alle Gegenargumente davon. Es war doch nur ein Kuss, eine zarte Einladung, ihre Neugier zu befriedigen. Ganz ohne Zwang, ohne Gefahr. Sie konnte jederzeit aufhören und die kleine Episode vergessen.

Nathan küsste gut. So gut, dass Miranda es kaum registrierte, als er ihre Taille umfasste und sie an sich presste. An diesem Punkt war sie längst so weit, dass sie mehr von diesem aufregenden Mann spüren wollte. Ihre Küsse wurden inniger, leidenschaftlicher. Miranda legte Nathan die Arme um den Nacken, schob die Finger in sein dichtes Haar und schmiegte sich an ihn. Überwältigt vom Ansturm ihrer Gefühle, kam sie erst zur Besinnung, als sie deutlich Nathans wachsende Erregung fühlte.

Erschrocken umfasste sie sein Gesicht und zwang ihn aufzublicken. In seinen Augen leuchtete ein wildes Verlangen, während er sie immer noch fest an sich presste. Miranda wurde von kalter Panik gepackt. Wie hatte sie dieses … törichte Experiment nur so weit kommen lassen können?

“Du hast recht”, flüsterte Nathan rau, “es ist weder der rechte Zeitpunkt noch der passende Ort.”

Ehe sie etwas erwidern konnte, hob er sie hoch und setzte sie in den Hubschrauber. “Wirf deinen Hut und die Tasche auf den Rücksitz”, sagte er noch, bevor er die Tür zuschlug.

Miranda zitterte innerlich. Fassungslos suchte sie nach einer Erklärung für ihr ungeheuerliches Verhalten. Wie hatte sie sich derart schamlos in die Arme eines Mannes werfen können, den sie weder kannte noch kennenlernen wollte? Und nicht genug, selbst jetzt sehnte sie sich noch in diese Arme zurück!

Die geheimnisvolle Chemie zwischen Mann und Frau … wie ließ sie sich neutralisieren? Ihr erster Gedanke war, einfach wieder aus dem Hubschrauber auszusteigen. Schließlich musste sie Nathan ja nicht begleiten. Doch ihr Stolz hielt sie davon ab. Davonlaufen war zweifellos die schlechteste Lösung.

Sie, Miranda, musste eine Entscheidung treffen und Nathan King dazu bringen, ihre Entscheidung zu respektieren. Ihr Vertrag für “King’s Eden” belief sich auf zwei Jahre, und sie konnte ihm unmöglich zwei Jahre lang aus dem Weg gehen. Ja, sie musste ihm ihren Standpunkt klarmachen, ihn überzeugen, dass für das, was er von ihr wollte, nie der rechte Zeitpunkt kommen würde. Es würde keinen zweiten Bobby Hewson in ihrem Leben geben!

Miranda hatte gerade ihren Hut und ihre Tasche auf den Rücksitz geworfen, als Nathan in den Hubschrauber stieg und sich an den Steuerknüppel setzte. Seine Nähe brachte sie sofort wieder aus der Fassung, doch sie gab sich alle Mühe, es zu ignorieren, und schnallte sich an.

“Wir müssen uns beeilen, wenn wir den Sonnenaufgang noch erwischen wollen”, sagte Nathan, reichte ihr Kopfhörer und begann, verschiedene Schalter zu betätigen.

Miranda setzte sich die Kopfhörer auf, sagte jedoch kein Wort. Sie würde erst mit ihm reden, wenn sie sich beruhigt hatte und ihre Worte mit Sorgfalt auswählen konnte. Entschlossen, Nathan für die Dauer des Fluges zu ignorieren, wandte sie den Blick zum Seitenfenster hinaus. Sie war hier, um sich die Landschaft anzusehen, die Gegend, die sie ihren Gästen empfehlen würde … und genau das würde sie tun.

Doch auch, als sie in der Luft waren und Miranda auf die scheinbar unendliche Weite gelbbraunen Grases, hier und da durchsetzt vom Grün der kleinen Outback-Bäume, blickte, blieben ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Sie wartete darauf, dass Nathan etwas sagte, und sie hasste die Vorstellung, dass er sich vielleicht insgeheim gratulierte, ihr diesen Kuss entlockt zu haben, und für die Zukunft womöglich noch mehr von ihr erwartete.

“Du wirst den Anflug auf die Range verpassen, wenn du weiter zum Seitenfenster hinausblickst, Miranda.”

Der Klang seiner Stimme über die Kopfhörer riss sie aus ihren Grübeleien.

“Dort, direkt vor uns beginnt die Bungle Bungle Range.”

Sein sachlicher Ton machte es ihr leichter. Und als sie in die angegebene Richtung blickte, vergaß sie erst einmal alles andere, überwältigt von dem Ausblick, der sich vor ihr eröffnete.

Sie hatte Fotos vom Ayers Rock gesehen, einem gewaltigen Monolithen, der sich aus einer endlosen Ebene erhebt. Die Bungle Bungle Range weckte in dem Betrachter dasselbe Gefühl, irgendwie nicht in diese Landschaft zu gehören. Sie wirkte wie die uralten Relikte einer verlorenen Zivilisation, die Verkörperung von Geheimnissen, deren Lösung keiner mehr kannte.

Die Fotos in der Touristenbroschüre hatten dieses Wunder in all seiner Größe und Faszination nicht einfangen können. Scheinbar aus dem Nichts erhob sich vor dem Auge des Betrachters eine gewaltige Ansammlung von massiven Felsformationen, horizontal orange und schwarz gestreift. Das Licht der aufgehenden Sonne brachte das Orange zum Leuchten und ließ den Kontrast zu den schwarzen Bereichen noch krasser wirken.

Miranda hatte in der Broschüre die geologischen Erklärungen für die auffälligen Farben und Formen gelesen. Dennoch schienen die Streifen so gleichmäßig, wie von Künstlerhand entworfen, und einige der massiven Felsgewölbe am Rand der Formation wirkten durch ihre eigentümliche Maserung wie gemauerte Bauten … wie Pyramiden, deren scharfe Ecken und Kanten über Jahrtausende hinweg abgetragen worden waren. Natürlich ließ sich das Expertenwissen nicht ignorieren – all das war solider Sandstein, und die gesamte Formation war dreihundertfünfzig Millionen Jahre alt. Trotzdem drängte sich Miranda die Vorstellung von uralten Herrschern auf, die in diesen Felsgewölben begraben lagen.

“Genug? Oder willst du noch mehr sehen?”, fragte Nathan sie.

“Noch mehr, bitte”, antwortete sie sofort.

Nathan flog im Zickzack über die Range, sodass Miranda sie von allen Seiten bestaunen konnte. Sie blickte auf enge Schluchten, die, wie sie wusste, das Wasser in den Fels gegraben hatte, doch die Felswände waren stellenweise so glatt, dass sich der Eindruck von engen Straßen tief unten zwischen versteinerten, fensterlosen Wolkenkratzern aufdrängte – ein unglaubliches Wunderwerk der Natur.

“Es wird Zeit, dass wir landen, wenn wir unseren Zeitplan einhalten wollen”, sagte Nathan schließlich.

“In Ordnung.” Miranda war klar, dass er das alles schon unzählige Male gesehen und nur ihr zuliebe die zusätzlichen Runden über die Range geflogen hatte. Glaubte er vielleicht, sie würde später zugänglicher sein, wenn er ihr diesen Gefallen tat?

Nathan landete den Hubschrauber in der Nähe einer Gruppe von Gebäuden jenseits des Massivs, dem Hauptquartier der Parkrangers, wie Miranda vermutete. Sie löste ihren Sicherheitsgurt, nahm die Kopfhörer ab und kletterte aus dem Hubschrauber, bevor Nathan den großen Macho spielen und ihr beim Aussteigen helfen konnte.

Nachdem er ebenfalls ausgestiegen war, kam er um den Hubschrauber herum. “Du hast deinen Hut und deine Tasche vergessen.”

“Danke.” Miranda nahm die Sachen entgegen, verärgert, dass sie in ihrer Hast nicht selber daran gedacht hatte. “Es sah aus der Luft schon so fantastisch aus, dass ich es gar nicht erwarten kann, es vom Boden aus genauer anzusehen”, fügte sie hinzu, denn er sollte nicht denken, dass er der Grund für ihre Eile gewesen sei.

“Es hat sich also gelohnt, den Sonnenaufgang mitzubekommen?”, fragte er spöttisch.

“Ganz bestimmt.”

“Tut mir leid, dass ich dich eben so sang- und klanglos in den Hubschrauber gesetzt habe, aber die Zeit drängte. Die Natur wartet nicht. Wenn wir sie für unsere Zwecke nutzen wollen, müssen wir uns nach ihrem Diktat richten.”

Was für eine zweideutige Entschuldigung! Aber Nathan irrte sich gewaltig, wenn er glaubte, sie würde sich auch in sexueller Hinsicht nach dem Diktat der Natur richten! “Ich habe nicht um die Verzögerung unseres Abflugs gebeten, Nathan”, erwiderte sie spitz.

“Richtig.” Seine Augen blitzten amüsiert. “Aber eine ganze Weile hast du auch nicht protestiert … was uns ein vielversprechendes Feld für die Zukunft eröffnet, oder?”

“Nur, wenn man den Wunsch verspürt, es zu erkunden”, entgegnete sie eisig.

“Von meiner Seite sehe ich da kein Problem”, sagte er ungerührt. “Siehst du etwa eines?”

“Wohin könnte denn deiner Ansicht nach eine solche Erkundung führen?”, fragte sie nun ihrerseits spöttisch.

“Nun …”, er tat, als würde er angestrengt nachdenken, “… der Beginn deutete etwas Besonderes zwischen uns an. Jetzt streust du eine Prise Geheimnis hinein. Aufregend ist es allemal … Wer kann schon sagen, was daraus wird?”

Er machte sich über sie lustig, verspottete sie wegen ihrer möglichen Bedenken gegenüber einer Affäre, deren Ende offen war. Nur, dass Miranda dieses Ende nicht als offen betrachtete. Sie wusste ganz genau, wie eine solche Affäre ausgehen würde.

“Das klingt ja recht romantisch. Nur wissen wir beide ganz genau, dass es mit Romantik nichts zu tun haben wird. Ich wette, du malst dir im Moment eine bequeme Affäre für die Dauer von zwei Jahren aus. Aber ich sage dir hier und jetzt …”, ihre Stimme wurde hart, “… ich werde das Spiel nicht mitspielen.”

“Spiel?”

Der ungläubige Ton, in dem Nathan das Wort wiederholte, weckte flüchtige Zweifel in Miranda. Hatte sie sich durch ihre Ängste verleiten lassen, seine Absichten zu krass zu deuten?

Angstvoll beobachtete sie den raschen Wechsel in Nathans Gesichtsausdruck: Ungläubigkeit, Skepsis, Abscheu. Er konnte doch unmöglich etwas Ernstes mit ihr im Sinn gehabt haben, oder? Nein, es gefiel ihm nur nicht, dass seine zweifelhaften Motive so unverblümt aufgedeckt worden waren. Vermutlich war es eine völlig neue Erfahrung für ihn, so freiheraus von einer Frau zurückgewiesen zu werden.

Ehe aber einer von ihnen etwas sagen konnte, wurden sie durch ein Rufen unterbrochen. Sie drehten sich gleichzeitig um und sahen einen schlanken, bärtigen Mann, der auf sie zukam und ihnen grüßend zuwinkte. Insgeheim war Miranda froh über diese Störung, die ihr eine Atempause in ihrer Auseinandersetzung mit Nathan King verschaffte.

Miranda schätzte den Neuankömmling auf Anfang dreißig. Er betrachtete sie neugierig, als Nathan sie einander vorstellte. “Jim Hoskins, der Chef der Parkranger. Miranda Wade, die neue Managerin in ‘King’s Eden’.”

Freundlich lächelnd schüttelte Miranda Jim die Hand. Ehe sie jedoch ein Wort mit ihm wechseln konnte, nahm Nathan seine Aufmerksamkeit in Anspruch, indem er einige Bücher aus seinem Rucksack holte. “Hier sind die Tagebücher, Jim. Passen Sie gut darauf auf, ja?”

Der Parkranger nahm die alten Handschriften fast ehrfürchtig entgegen. “Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Nathan, und werde die Bücher mit größter Sorgfalt behandeln. Es ist schwer, historische Aufzeichnungen über diese Gegend zu bekommen.”

“Persönliche Tagebücher geben nicht unbedingt historische Fakten wieder”, warnte Nathan ihn. “Gut möglich, dass die Aborigines meiner Urgroßmutter ganz schöne Märchen aufgetischt haben. Es war nicht üblich, Weiße in Stammesgeheimnisse einzuweihen.”

“Na ja, interessant werden die Geschichten auf jeden Fall sein. Kommen Sie”, Jim deutete zum Haus, “ich mache Ihnen einen Tee oder Kaffee.” Er lächelte Miranda an. “Sind Sie zum ersten Mal hier?”

“Ja. Es ist ein erstaunlicher Ort.”

“Leider haben wir nicht viel Zeit, Jim”, mischte sich Nathan wieder ein. “Ich habe Miranda versprochen, ihr die Cathedral-Schlucht zu zeigen und sie bis zum Mittag wieder im Ferienpark abzusetzen. Sie kann es kaum erwarten, sich hier umzusehen, deshalb müssen wir Ihre freundliche Einladung leider ausschlagen. Ich habe selber eine Thermoskanne Kaffee dabei.”

Damit hatte er den Parkranger geschickt ausmanövriert. Offensichtlich hatte Nathan es sehr eilig, wieder mit ihr allein zu sein, und gönnte ihr nicht einmal eine kurze Verschnaufpause.

Jim Hoskins schien es ihm nicht übel zu nehmen. “Schade, dass Sie so in Eile sind”, sagte er nur und deutete auf einen schweren Geländewagen in der Nähe. “Der Wagen steht bereit, die Schlüssel stecken.”

“Danke, Jim. Dann machen wir uns gleich auf den Weg.”

“Viel Spaß.”

Der Parkranger winkte ihnen noch einmal freundlich zu, und Miranda musste sich damit abfinden, nun wieder allein mit Nathan zu sein.

Wortlos gingen sie zum Wagen. Doch Miranda machte sich nichts vor. Früher oder später würde Nathan sie wegen ihrer Entscheidung auf die Probe stellen. Aber solange er es bei Worten beließ, würde sie ihm – bei aller gebotenen Höflichkeit – die passende Antwort geben. Sollte er doch denken, was er wollte. Hauptsache, sie würde sichere Distanz zu ihm wahren.

Sie waren schon ein ganzes Stück Wegs gefahren, und das Schweigen im Wagen wurde immer bedrückender. Der schwere Geländewagen kämpfte sich durch unwegsames Gelände, durch tiefen Sand, über holprige Bodenwellen und Felsbäche, die den Pfad kreuzten. Es war eine karge, öde Landschaft. Nirgendwo eine Spur von menschlichem Leben, hier und da Büschel von Stachelkopfgras und die hohen, konisch zulaufenden Termitenhügel.

Eine ganz andere Welt. Und Miranda spürte allmählich, dass auch der Mann an ihrer Seite so ganz anders war, als sie es gewöhnt war. Ein Mann, der seine eigenen Regeln schrieb. Nicht sie bestimmte dieses Spiel, sondern er. Er setzte das Tempo fest und die Bedingungen. Eine Erkenntnis, die Miranda frösteln ließ. Nathans geduldiges Schweigen bei Tisch am ersten Abend, sein Schweigen während des Fluges mit dem Hubschrauber und jetzt im Geländewagen … er schien auf etwas zu warten. Auf was?

“Du hast recht”, sagte Nathan unvermittelt, “ich biete dir keine Romantik. Diesen Weg habe ich bereits mehrmals beschritten und bin jedes Mal mit leeren Händen zurückgekommen. Katzengold.”

Sein verächtlicher Ton ließ sie aufhorchen. Nathan warf ihr einen herausfordernden Blick zu. “Sieh dich um”, sagte er und deutete auf das karge, unwegsame Gelände. “Mein Leben ist mit diesem Land unauflösbar verknüpft. Hier reduziert sich alles auf ganz elementare Bedürfnisse. Ich achte die elementaren Bedürfnisse, und es erscheint mir sehr sinnvoll, sie mit anderen Menschen zu teilen.”

Miranda begriff, dass er von einer krassen Wirklichkeit sprach, mit der er Tag für Tag konfrontiert wurde. Hier war die Achtung … und das Teilen … elementarer Bedürfnisse nicht selten eine Frage des Überlebens. Immer wieder las man von Menschen, die im Outback umgekommen waren, weil sie die Einsamkeit und Weite dieser rauen Gegend unterschätzt hatten.

“Zwischen uns ist nun etwas ganz Elementares, das wir miteinander teilen könnten”, fuhr Nathan ruhig fort.

Aber man kann auch ohne Sex überleben, dachte Miranda insgeheim, hielt es jedoch für klüger, zu schweigen.

“Ein Miteinander-Teilen, kein bloßes Nehmen”, fügte Nathan hinzu.

Miranda schwieg beharrlich und wich seinem forschenden Blick aus.

“Die Spiele, die Männer und Frauen in der Welt spielen, aus der du kommst, interessieren mich nicht. Ich mache keine Versprechungen, die ich nicht halten kann oder will. Ich sage es, wie es ist: Ich will dich … und du willst mich, Miranda.”

Das endlich veranlasste sie zu einer Reaktion. “Oh nein, das stimmt nicht!”, widersprach sie heftig.

Seine Augen leuchteten verächtlich auf. “Du kannst es leugnen, soviel du willst, aber das ändert nichts.”

“Hast du so auch deine letzte … Mätresse überredet, mit dir ins Bett zu gehen?”

“Mätresse?”

Sein ungläubiger Ton war für Miranda Grund genug, ihre unbedachten Worte zu bedauern. Warum hatte sie sich dazu hinreißen lassen? Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Landschaft zu und hoffte, damit einer weiteren Diskussion aus dem Weg zu gehen.

Weit gefehlt! “Ich weiß nicht, wie das in deiner Welt ist, Miranda”, sagte Nathan scharf, “aber ich bin nicht verheiratet, und wenn ich eine Frau hätte, würde ich mir keine … Mätresse suchen.”

Mätresse, Geliebte … was war schon der Unterschied, wenn es im Grunde nur um Sex auf Abruf ging?

“Meine bisherigen Beziehungen waren ausnahmslos von beiden Seiten gewollt, und keine davon war ehebrecherisch”, fuhr Nathan verächtlich fort. “Ich respektiere nämlich zufällig das Band der Ehe. Zu schade, dass so etwas für dich anscheinend nicht gilt!”

“Wie bitte?”

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