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Die Sirius-Verschwörung

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitate
  8. Prolog
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Kapitel 8
  17. Kapitel 9
  18. Kapitel 10
  19. Kapitel 11
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14
  23. Kapitel 15
  24. Kapitel 16
  25. Kapitel 17
  26. Kapitel 18
  27. Kapitel 19
  28. Kapitel 20
  29. Kapitel 21
  30. Kapitel 22
  31. Kapitel 23
  32. Kapitel 24
  33. Kapitel 25
  34. Kapitel 26
  35. Kapitel 27
  36. Kapitel 28
  37. Kapitel 29
  38. Kapitel 30
  39. Kapitel 31
  40. Kapitel 32
  41. Kapitel 33
  42. Kapitel 34
  43. Kapitel 35
  44. Dichtung und Dank

Über den Autor

Uwe Schomburg, geb. 1957 in Bad Lauterberg, lebt mit seiner Familie in Brandenburg. Er ist leitender Angestellter eines mittelständischen Unternehmens und widmet sich in seiner Freizeit dem Schreiben.

Sirius ist sein erster Roman, für den er fast vier Jahre lang recherchierte.

Mehr und mehr Wissenschaftler fühlen, dass der Kontakt mit anderen Zivilisationen nicht mehr länger ein Traum ist, sondern ein natürliches Ereignis in der Geschichte der Menschheit, das möglicherweise in der Lebenszeit vieler von uns eintreten wird.

National Academy of Science, Auszug aus einem Bericht des Astronomie Survey Committee, 1972

Gibt es im Weltall intelligentes Leben?

… Bislang haben wir zwar keine gesicherten Erkenntnisse gewonnen, aber es hat beunruhigende ›Vorkommnisse‹ gegeben …

Carl Sagan

Prolog

25. Mai 1961

Der Präsident stand nachdenklich am Fenster und sah auf seinen Schreibtisch. Dort lag die Rede, die er in wenigen Minuten vor dem Kongress halten musste. Sie würden ihn feiern. Für die größte Täuschung, die jemals ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika verkauft hatte.

Die Tür ging auf. General Osmond von der Air Force betrat zackig das Oval Office. Unter seinem linken Arm trug er eine dünne lederne Mappe, mit der Rechten grüßte er militärisch.

John F. Kennedy sah auf und musterte den General kritisch. Seit rund vier Wochen hatte er heftige Aversionen gegen Militärs und alles, was auch nur annähernd unter diesem Begriff zusammengefasst werden konnte. Die Schweinebuchtaktion gegen Kuba und diesen Verbrecher Castro hatte vor einem Monat nach gut vier Tagen in einem Fiasko geendet. Und was hatten sie ihm nicht alle vorher erzählt.

Die Schweinebucht war die zweite empfindliche Niederlage in kürzester Zeit. Nur wenige Tage zuvor hatte eine andere Nachricht die Nation aufgeschreckt. Die Russen hatten das Raumschiff Wostok mit Juri Gagarin an Bord in den Weltraum geschickt. Der Triumph der Russen war grenzenlos.

Und jetzt noch dieser General. Mit seiner aufrechten, schlanken und mittelgroßen Statur und der korrekt sitzenden Uniform strotzte er vor Selbstsicherheit. Seine grünen Augen funkelten unternehmungslustig, und der freundliche, offene Gesichtsausdruck überspielte die scharfen Falten an den Mundwinkeln und auf der Stirn. Osmonds gesunde Gesichtsfarbe rundete das oberflächliche Bild des verständnisvollen Zuhörers ab, auf das schon so mancher hereingefallen war.

Kennedy sah ihn müde an. Wie konnte dieser Mann so frisch und dynamisch daherkommen? Er musste doch keine Nacht ruhig schlafen können. Schließlich war seine Wahrheit schlimmer als alle Demütigungen durch die Russen.

»Sie sind der Mann, der es vorantreiben muss«, hatte Osmond bei ihrem ersten Treffen nüchtern zu Kennedy gesagt. »Entweder wir handeln, oder es ist ein für alle Mal zu spät.«

Kennedy stöhnte innerlich auf. Mit den gleichen Worten hatte General Osmond seinen Vorgänger Präsident Dwight D. Eisenhower schließlich überzeugt. Kennedy dachte an das Gespräch mit Eisenhower. Der Ex-Präsident hielt immer noch nichts davon, Menschen in den Weltraum zu schicken. Es schien ihm sinnlos nach allem, was er wusste.

Doch die Tarnung war perfekt, und schließlich hatte Kennedys Vorgänger sein »Go« gegeben. Der siegreiche Fünf-Sterne-General des Zweiten Weltkriegs vertraute Osmond, den er selbst zum General gemacht hatte, noch immer.

Kennedy dachte zurück an das Gespräch mit Eisenhower, als dieser ihm die Einzelheiten erläutert hatte … General Osmond war jetzt fünfundvierzig Jahre und hatte im Zweiten Weltkrieg als junger Soldat in Deutschland gekämpft. Als Physiker gehörte er nach Kriegsende zu den Experten, die deutsche Raketenspezialisten aufspürten und in die usa brachten. Sein Organisationstalent und seine analytischen Fähigkeiten führten ihn Anfang der Fünfzigerjahre in geheime Forschungsprojekte. Dort traf er zufällig Eisenhower. Osmonds unerschütterliche Ruhe und sein unabhängiges Denken beeindruckten den Präsidenten.

Für Eisenhower wurde Osmond zu demjenigen, der sich abseits der Hierarchien mit heiklen Themen auseinander setzte und ihn auf diese Weise darin unterstützte, ein eigenes Bild zu gewinnen.

Aber trotz Osmonds Rat setzte der alte Fuchs seine eigene Duftmarke.

Zunächst sagte Eisenhower den Militärs die volle Zuständigkeit zu, um dann im April 1958 dem Kongress zu empfehlen, die Luft- und Raumfahrt einer zivilen Behörde zu übertragen. Dies war die Geburtsstunde der nasa.

Alle waren überrascht. Eisenhower entpuppte sich als strikter Anhänger einer klaren Trennung von militärischen und zivilen Interessen im Weltraum. Der Führer der demokratischen Opposition, Lyndon B. Johnson, und Sam Rayburn, Sprecher des Repräsentantenhauses, vollendeten in der folgenden politischen Schlacht die Niederlage des Verteidigungsministeriums. Schließlich waren die Militärs mit ihrer Vanguard-Rakete schuld daran, dass weltweiter Spott auf die Vereinigten Staaten niederprasselte. Nach dem erfolgreichen russischen Sputnik-Start präsentierte nur zwei Monate später das hoch angesehene Naval Research Laboratory eine Rakete. Sie war die Maus neben dem riesigen russischen Interkontinentalelefanten R-7. Vor versammelter Presse hob die Maus auf einem alten Raketenschießplatz in Cape Canaveral in Florida ab. Wenige Meter, dann rauchte, dampfte und explodierte sie. Der auf der Rakete montierte winzige Satellit, etwa halb so groß wie eine Bowlingkugel, polterte auf den Boden und kullerte davon. Die Presse bog sich vor Lachen, und die Regierung bezeichnete die Explosion als schnelle Verbrennung, womit sie sich endgültig lächerlich machte.

Kurz darauf war die Schlacht entschieden. General Medaris, der militärische Leiter des Testgeländes White Sands, entwickelte eine Rakete mithilfe von Wernher von Braun und William Pickering vom Jet Propulsion Laboratory, einem damals noch jungen und privaten Labor. Innerhalb von drei Monaten wurde mit der als Jupiter-C bezeichneten Rakete der erste eigene Satellit quasi unter ziviler Leitung in das All geschickt.

General Osmond kämpfte zu jener Zeit verbissen für die militärische Option. In endlosen Konferenzen arbeitete er an den Konzepten des Verteidigungsministeriums mit, ging Eisenhower auf die Nerven und versuchte, den widerborstigen Militär auf dem Präsidentenstuhl umzustimmen. Sogar eine zentrale Forschungsagentur gründeten die Militärs, die über den einzelnen Waffengattungen stand. Und trotzdem unterschrieb Eisenhower am 29. Juli 1958 den Space Act, die Geburtsurkunde der zivilen nasa.

Doch den letzten Schritt war Eisenhower danach trotzdem nicht bereit zu gehen – gegen Osmonds Rat, der die Möglichkeiten sofort erkannte, als die nasa im Herbst 1959 das mittelfristige Ziel einer Mondlandung festlegte.

Zwei Jahre, bevor er, Kennedy, als Präsident genau dies als nationales Ziel verkünden würde …

Kennedy musterte den General.

So selbstsicher, wie er dastand, wusste er ganz genau, dass seine Überzeugungsarbeit den Ausschlag gegeben hatte.

»Gibt es nichts, womit wir sie schlagen können?«, hatte Kennedy in einem Vermerk an seinen Vizepräsidenten geschrieben und dabei als Thema selbst konkret den Weltraum angesprochen. Als im Mercury-Programm der Autopilot einer unbemannten Atlas-Rakete versagt hatte, waren ihm wieder Zweifel gekommen. Der Sicherheitsoffizier hatte die Rakete in fünftausend Meter Höhe gesprengt.

Der erfolgreiche Flug von Mercury-Redstone 3 mit Alan Shepard an Bord am 5. Mai 1961 war dann der Boden gewesen, den General Osmond gebraucht hatte, um beim Präsidenten in einem vertraulichen Gespräch zu intervenieren.

»Träumer«, pflegte Osmond über die Leute von der nasa zu sagen, wenn Kennedy ihn auf die Konkurrenz ansprach. Osmonds Pläne erfassten ganz andere Dimensionen als das, was die Zivilisten im Auge hatten.

Dabei hatte sich Webb, Chef der nasa, längst den Einfluss von Verteidigungsminister McNamara und von Vizepräsident Johnson gesichert, der ein entschiedener Anhänger der Raumfahrt war.

Kennedy verzog bitter die Mundwinkel. Osmonds Gründe waren allerdings von ganz anderem Kaliber als der Vorsprung der Russen.

Sein Ja war unausweichlich.

Kennedy hatte sich am 10. Mai offiziell entschieden. Osmond hatte das Datum auch als Geburtstag des Air Force Space Bureau notiert. Wenn es irgendwann einmal jemanden interessieren sollte, wann die Entscheidung gefallen war, dann war es ihre Pflicht, auch dies festzuhalten.

»Grübeln Sie nicht zu viel«, sagte General Osmond zu John F. Kennedy, dem fünfunddreißigsten Präsidenten der usa. »Es ist an der Zeit, es muss getan werden. Sie müssen es tun.«

Kennedy ging zu seinem Schreibtisch und nahm seine Rede in die Hand.

»Jetzt ist es an der Zeit, größere Schritte zu machen. Zeit für ein neues amerikanisches Unternehmen. Zeit für diese Nation, eine eindeutig führende Rolle im Weltraum einzunehmen, der in vieler Hinsicht auch der Schlüssel für unsere Zukunft auf der Erde ist …«

General Osmond zog die Augenbrauen hoch. Ihm war jede Andeutung zu viel, mochte sie noch so vage und verklausuliert sein. In ihm glitt Furcht wie eine fette Schlange den Baum hinauf. Das Stück Papier in seiner Tasche musste noch unterschrieben werden, und er fürchtete sich davor, wenn es denn unterschrieben war.

»… Ich denke, diese Nation sollte sich dem Ziel verschreiben, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond zu landen und ihn sicher zur Erde zurückzubringen.«

Kennedy sah auf.

»Damit werden Sie in die Geschichte eingehen.«

»Mit Sicherheit.« Kennedy lachte böse auf. »Fragt sich nur, als was. Wahrscheinlich als größter Lügner.«

General Osmond verzog sein rundes Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Die vernarbte Stichwunde in der rechten Schulter schmerzte. Es war eine Erinnerung an den ersten und einzigen Nahkampf seines Lebens, in den letzten Tagen des Krieges nahe Hannover. Der letzte Stich eines deutschen Landsers, ehe er im Kugelhagel von Osmonds Kameraden starb.

Eines blieb noch zu tun, bevor der Präsident diesen Tag mit seiner Rede über »Dringende nationale Erfordernisse« zu einem denkwürdigen machen würde.

General Osmond holte das Schriftstück aus seiner Tasche und legte es sanft auf das Manuskript der Rede, die Kennedy in wenigen Minuten vor dem Kongress halten würde.

»Das Air Force Space Bureau ist arbeitsfähig«, sagte der General, während Kennedy auf das zweiseitige Papier starrte. Der Präsident berührte es mit den Fingerspitzen an der unteren rechten Ecke, als sei es mit einer hochgiftigen Substanz bestrichen.

»Hat es so ein Papier in der amerikanischen Geschichte schon einmal gegeben?«

»Nicht, dass ich wüsste, Mr. President.«

»Und ich muss das wirklich unterschreiben?«

»So haben wir es abgestimmt.«

»Ich habe Angst.«

»Die habe ich auch. Jeden verdammten Tag, seitdem ich mich damit beschäftigen muss.«

»Ich habe Angst, das Falsche zu tun.«

»Es kann nicht das Falsche sein. Wenn Sie nichts täten, wäre es falsch. So tun Sie, was man tun kann.«

Kennedy setzte sich an seinen Schreibtisch und las. Wort für Wort. Langsam. Sehr langsam. General Osmond stand die ganze Zeit still und straff vor dem Schreibtisch. Die letzten Sätze las der Präsident immer wieder.

»Ein perfides System, diese Genehmigung.«

»Konsequent.« General Osmond spürte Schweißperlen auf seiner Stirn. Mit der Unterschrift würde eine fürchterliche Verantwortung auf ihm lasten. Selbst der Chef der Vereinigten Generalstäbe wollte keine Einzelheiten wissen. »Diejenigen, die eingeweiht sind, müssen schweigen. Das System gilt für alle. Uns beide eingeschlossen.«

»Es ist ein furchtbares System.« Kennedy schüttelte den Kopf.

»Es ist der Bedeutung angemessen. Alles andere wäre falsch.«

Die Stille hing wie Nebel im Oval Office. General Osmond musterte den nachdenklichen Präsidenten.

»Wollen Sie ihn aufbewahren?«

»Ich?« Kennedy schrak aus seinen Gedanken hoch und starrte den General an. Erst jetzt begriff er, dass Osmond das Thema gewechselt hatte. Er meinte den Beweis. »Sie meinen, ich sollte ihn bei mir …?«

»Ja. Ich habe ihn dabei.«

»Nein.« Der Präsident schüttelte ernst den Kopf. »Vielleicht sollte ich es tun. Vielleicht müsste ich es sogar. Und vielleicht will es ein anderer Präsident nach mir tun. Ich will es jedenfalls nicht.«

»Gut, dann bewahre ich ihn auf.« General Osmond ließ mit keiner Miene erkennen, was er von der Entscheidung des Präsidenten hielt. »Sie haben mit ihm darüber gesprochen?«

»Nur kurz.« Kennedy starrte auf die dunkle Schreibtischplatte. »Er will nicht darüber reden. Alles sei gesagt, geschrieben.« Kennedy sah auf. Seine Augen funkelten angriffslustig. »Bei Ihrer Ehre: Es war wirklich so!«

»Ich war dabei. Es stimmt. Ja.« Die Stimme des Generals war fest.

Kennedy nickte.

»Sie müssen noch die Verfügung …«

Nochmals las der Präsident das Papier auf seinem Schreibtisch, das unter die höchste Geheimhaltungsstufe fiel.

Er setzte zur Unterschrift an, zögerte.

»Wo werden Sie alles konzentrieren?«

»Sie meinen den Standort?«

Kennedy nickte.

»Nevada, in der Nähe des ehemaligen Atombombentestgeländes. Eine Sicherheitszone in der Sicherheitszone.«

»Haben Sie schon einen Codenamen?«, fragte der Präsident.

»Nein.«

»Aber ich. Nennen wir es Area 51«, sagte Kennedy plötzlich und lachte laut und bitter auf, als habe er einen ganz bösen Witz gemacht.

General Osmond erschrak.

Aber Kennedy nickte nur. »So nennen wir es.« Er sah Osmond in die Augen, bis dieser nickte. Dann setzte er wieder an und unterschrieb.

General Osmond nahm die zwei Seiten an sich und steckte sie in den Umschlag. Dann verklebte er diesen und legte ihn an den Rand des Schreibtischs. Er holte ein Siegel und Siegelwachs aus der Tasche. Mit einem Feuerzeug erhitzte er das Wachs und ließ es an den Klebestellen auf den Umschlag tropfen. Mehrfach drückte er das Siegel mit dem Weißkopfadler in das warme Wachs.

Der Präsident beobachtete den General ernst. Der Beweis für die Geschichte. Seine Entscheidung war dokumentiert.

Osmond verstaute die Utensilien in seiner Tasche. Einen kleinen Rest Wachs, der auf den Schreibtisch des Präsidenten gespritzt war, kratzte er mit dem Fingernagel seines rechten Zeigefingers ab. Er wartete, bis das Wachs erkaltet war, dann packte er den Umschlag in seine lederne Tasche.

»Sie und Ihre Männer haben eine unglaubliche Aufgabe zu bewältigen. Möge Gott Sie dabei schützen. Und Ihnen die Kraft geben, immer das Richtige zu tun.«

»Ich wünsche mir, dass bestimmte Situationen niemals eintreten werden«, sagte der General mit rauer Stimme. »Wenn es aber sein muss, werde ich meine Pflicht erfüllen.«

Am 5. August des darauf folgenden Jahres beging die zeitweilige Geliebte des Präsidenten John F. Kennedy, die Schauspielerin Marilyn Monroe, angeblich Selbstmord mit einer Überdosis Schlaftabletten. Die wahren Umstände ihres Todes sind bis heute nicht geklärt. John F. Kennedy wurde ein weiteres Jahr später getötet. Am 22. November 1963 trafen ihn in Dallas tödliche Schüsse. Auch dieser Tod ist bis heute nicht geklärt.

General Osmond widmete sich mit aller Konsequenz seiner Aufgabe bis zu seinem letzten Atemzug. Er blieb zeitlebens allein. Bis zu seinem Tod empfing jeder Präsident General Osmond zu mindestens einem Gespräch. Einige zweifelten, andere unterstützten und forcierten Osmonds Bemühungen.

Der General starb mit fünfundsiebzig Jahren im August 1991 während einer Hitzeperiode in Kalifornien an einem Schlaganfall. Er verschied in der Gewissheit, alles in seiner Macht Stehende getan zu haben.

KAPITEL 1

Dienstag, 30. Mai 2000

Die Motoren des Sikorsky HH-60G Black Hawk dröhnten gleichmäßig und beruhigend. General Vernon Porters genoss das Geräusch. Das Brummen der Wellenturbinen ließ ihn für eine Weile die Anspannung vergessen, unter der er stand.

Er war von Washington nach Anchorage geflogen, wo er seine Begleiter getroffen hatte. Dort waren sie in den Helikopter der Air National Guard umgestiegen.

Der Helikopter gehörte zu den zweiundneunzig Auslieferungen für die Air Force, die aus Kostengründen zunächst in einer abgespeckten Variante bestellt und dann nachgerüstet worden waren, ohne jedoch den bei der Army im Einsatz befindlichen Standard zu erreichen – ganz zu schweigen von einem Vergleich mit den Maschinen des Präsidenten, die mit einer Funkerstation, einer schallisolierten Kabine, vip-Einrichtung und Schutzmaßnahmen gegen den elektromagnetischen Impuls ausgestattet waren.

In einer dieser Maschinen, die auf dem Marinefliegerhorst Quantico in Virginia stationiert waren, war Porters schon geflogen. Aber das war Jahre her. Es war zu einer Zeit gewesen, als der Präsident und seine Berater noch Wert auf sein Urteil gelegt hatten. Mittlerweile hatten sie seine Macht beschnitten und ließen ihn überwachen.

Der Helikopter fasste elf Infanteristen mit voller Kampfausrüstung, das Cockpit war für eine Zwei-Mann-Besatzung mit kompletter Doppelsteuerung ausgerüstet. Und mit seiner Reichweite von 600 Kilometern und einer Höchstgeschwindigkeit von 300 Stundenkilometern war es der richtige Transporter für die neunköpfige Reisegruppe durch die Weiten Alaskas.

Porters sah durch die großzügigen Fensterflächen hinaus auf das grüne Meer der endlosen Wälder. Hemlocktannen, Sitkafichten und Weißtannen, für ihn sahen sie alle gleich aus. Selbst wenn er direkt vor ihnen stünde, könnte er sie nicht voneinander unterscheiden.

Im Hintergrund tauchten die schneebedeckten Gipfel der Alaska Range auf. Der Gebirgszug trennt den Süden Alaskas von der Inlandtafel mit eher niedrigen Bergen und dem Tal des Yukon River. Die sich anschließende Polarregion, die im Norden mit der Brooks Range beginnt, ist an den Nordhängen kahl und läuft allmählich in die flache und weite Tundra aus. Im Sommer verwandelt sich die Tundra in unwegbares Sumpfland. Die obere Bodenschicht taut auf und wird zu einem Morast, in dem alles versinkt.

Porters rief vor seinem geistigen Auge die Landkarten ab, die er über Alaska gespeichert hatte. Die Ausläufer der Alaska Range im Pazifischen Ozean waren die Aleuten, jene Perlenkette von Inseln, die die Bering-See im Süden begrenzten und nach den Behauptungen der Anthropologen jenen Weg bildeten, auf dem die ersten Menschen nach Amerika gekommen waren. Wenn er die Entfernungen richtig im Kopf hatte, flogen sie unweit von Gakona, etwa 320 Kilometer nordöstlich von Anchorage.

Eine leichte Berührung am Arm ließ ihn zur Seite blicken. Leutnant Sheela Kramer, seine Assistentin, die hervorragende Noten in der Kampfausbildung bekommen hatte, zupfte am Ärmel seines grauen Anzugs und deutete hinaus. In dem grünen Meer aus Bäumen waren zwei weiße Punkte zu erkennen; dahinter erhob sich die majestätische Kulisse des schneebedeckten Mount Drum aus der bewaldeten Ebene.

Langsam vergrößerten sich die beiden weißen Punkte. Der eine wandelte sich zu einem Rechteck, auf dem eine besondere Art von Wald wuchs: Rund sechzig grau-weiße Antennenmasten ragten auf einer in den Wald geschlagenen Schneise in den Himmel. Jeder der Masten war vierundzwanzig Meter hoch und trug zwei Kreuzdipolantennen. In der Endausbaustufe sollten es einhundertachtzig Masten mit dreihundertsechzig Antennen sein.

Porters bemerkte den aufmerksamen Blick, mit dem Lieutenant Sheela Kramer die mitfliegenden Gäste musterte, und spähte durch halb geschlossene Augenlider zu den Mitreisenden.

Die wichtigste und einflussreichste, aber auch schwierigste Person unter ihnen war Sam Cushing. Der Milliardär, dessen Vermögen in unzähligen Rüstungsfirmen steckte, welche alle so etwas wie Hauslieferanten des Pentagon waren, unterhielt sich trotz des Motorenlärms angeregt mit seinem Nachbarn Tyler Williams. Cushing war knapp sechzig und von unbändiger Vitalität. Mit der wettergegerbten Haut und dem schlohweißen Haar hätte man in ihm eher einen Cowboy vermutet, der die meiste Zeit seines Lebens unter freiem Himmel verbrachte und nach den unnachgiebigen Regeln der Natur lebte.

In gewisser Weise stimmte das auch. Jedenfalls, was das Wertesystem des Milliardärs anging. Er verstand sein ganzes Handeln als einen permanenten darwinistischen Auswahlprozess, bei dem der Stärkere, Bessere gewann. Und der war bisher immer er selbst gewesen.

Tyler Williams, der gerade bissig auflachte, war ein begnadeter Physiker und auf dem Gebiet der Waffentechnologie das, was Cushing in Wirtschaftskreisen verkörperte. Der große Kopf auf dem kleinen, zähen Körper ließ den Mann seltsam unproportioniert erscheinen.

Während die beiden den Flug offensichtlich genossen, wirkte Ned Lewis, einer der stellvertretenden Direktoren der National Security Agency, verkrampft und blass. Nur zu gern hätte er das Rütteln des Helikopters mit dem Bürostuhl hinter einer Computerkonsole getauscht. Auch den beiden Senatoren Frank Kershaw und Robert Rosen schien der Flug auf den Magen zu schlagen. Ihre kalkigen Gesichtszüge wurden bei jedem Schwenk der Maschine noch blasser. Ron Quest am Ende der Reihe ertrug den Flug mit stoischer Ruhe. Kein Muskel regte sich in seinem kantigen Gesicht, und er ertrug jedes Wegsacken des Helikopters mit gewohnter Disziplin.

Der zweite weiße Punkt ein paar hundert Meter weiter verwandelte sich beim Näherkommen in ein klassisches Verwaltungsgebäude, vor dem der Sikorsky landete.

Porters’ Beine waren steif, als er als Letzter aus der Maschine stieg und den Boden betrat. Gebückt eilte er mit den anderen auf das Verwaltungsgebäude zu, während hinter ihnen der Rotor des Helikopters pfeifend die Drehzahl steigerte.

Das Jaulen der Triebwerke schwoll an, als die beiden General-Electric-T700-G-Wellenturbinen Fahrt aufnahmen. Luftwirbel zerrten an Porters’ Kleidung, und er beeilte sich, die anderen einzuholen, nachdem er mit dem Heben der rechten Hand einen Gruß in Richtung Pilotenkanzel geschickt hatte.

»Ein ausgezeichnetes Fluggerät«, lachte Cushing, als der rund zwanzig Meter lange Helikopter wieder abhob. Cushings Augen blitzten, als Porters ihn vor dem Verwaltungsgebäude einholte. Mit dem sich rasch entfernenden Helikopter sank auch der Lärmpegel, und die Stille Alaskas gewann nach und nach wieder die Oberhand. »Schade nur, aber an der Firma besitze ich kein Aktienpaket.«

»Man kann nicht alles haben.« Porters lachte ebenso breit, aber die harten, unnachgiebigen Gesichtszüge mit den herabgezogenen Mundwinkeln wurden dadurch nicht weicher. Porters war Mitte fünfzig, und die Verantwortung, die auf ihm lastete, zehrte an seinem Körper. Obwohl er seine Muskeln ständig trainierte, spürte er die Belastung nur allzu deutlich. Bei der letzten Feldübung vor drei Monaten hatte er zum ersten Mal nur mit Mühe die vorgegebenen Zeiten seiner Altersgruppe geschafft, und sein ansonsten so zäher Körper hatte ihm beinahe die Folgschaft verweigert. Sein hageres Gesicht mit den klaren und tiefen Furchen besaß etwas Diabolisches, denn seine schwarzen Augen wurden von dunklen Ringen umrahmt, die die Augen optisch noch weiter in die Höhlen zurückdrängten. Sein Stoppelhaarschnitt verstärkte den Ausdruck von Härte nur noch. Früher hatten die, die ihn ärgern wollten, ihn immer wieder gefragt, ob er krank sei. Aber einen General fragte man das nicht mehr.

Entschlossen wandte er sich dem Mann zu, der sie erwartete.

Oberst Dan Wright leitete das Air-Force-Team vor Ort, das eng mit der Industrie und verschiedensten Instituten der Universität von Alaska in Fairbanks zusammenarbeitete. Er führte die Neuankömmlinge durch mehrere Sicherheitsschleusen. Ron Quest – Cushings Sicherheitschef – weigerte sich, seine Waffe abzugeben, und starrte mit düsterer Miene auf Wright, als sei der gleich Hundefutter. Quests tote Augen erinnerten Porters immer an Mumien. Der General winkte schließlich zustimmend, als Cushing mit seinem Schweigen Quests Weigerung unterstützte, und Quest durfte seine Waffe behalten.

Keiner von ihnen musste seine Identität preisgeben. Der Besuch fand offiziell gar nicht statt.

Endlich betraten sie einen großen und hellen Raum. Wright postierte sich an der vorderen Frontseite des Besprechungstisches und bat seine Gäste, sich bei den Getränken selbst zu bedienen.

»Wenn es Ihnen recht ist, werde ich zunächst einen kurzen Vortrag über das halten, was wir hier eigentlich tun, und dann können Sie in einem zweiten Teil Fragen stellen.« Er sah in die Runde und wartete, bis sich alle mit Tee, Kaffee oder Wasser versorgt hatten.

»Verraten Sie bei Ihrem Vortrag bitte alle Geheimnisse.« Tyler Williams lachte wiehernd und zugleich herablassend. Er war der Leiter des eigenen Forschungslaboratoriums, das an den Grundlagen der neuen Waffe entscheidend mitgearbeitet hatte. Seine unbestrittenen wissenschaftlichen Fähigkeiten kompensierten sich in einer verletzenden Art, die er in Häme und boshafte Kommentare verpackte.

»Aber bitte verständlich«, warf Senator Rosen ein. Verhaltenes Gelächter ertönte. Die Spannung, die sich infolge der kleinen Machtprobe an der ersten Sicherheitsschleuse aufgebaut hatte, ebbte langsam ab.

Mit ihm und Frank Kershaw hatte Cushing zwei der einflussreichsten Kongressmitglieder unter Vertrag, wie der Milliardär es selbst immer zu nennen pflegte. Sie waren seit ewigen Zeiten im Kongress und fungierten als Multiplikatoren und Horchposten für die Meinung der Leute, die für Cushing von Bedeutung waren. Beide hatten für diese Reise ihre eleganten grauen Anzüge gegen Alaska-taugliche Freizeitkleidung getauscht.

Oberst Dan Wright verdunkelte den Raum. Er stellte sich breitbeinig auf, und sein Gesichtsausdruck wurde ernst.

»Um es einfach auszudrücken und den Kern unserer Experimente zu beschreiben: Mithilfe der Antennen, die Sie dort draußen bei Ihrem Anflug gesehen haben, erzeugen wir Radiowellen. Die schicken wir gebündelt und punktgenau in die Ionosphäre, um dort das vorhandene Energieplasma aufzuheizen. Hindurchfliegende feindliche Raketen werden vernichtet, wenn sie mit der von uns hochenergetisch aufgeheizten Teilchenenergie kollidieren.«

Porters musterte die anderen. Noch waren sie wenig beeindruckt. Immerhin hatten die Russen genau wie die Amerikaner in den Fünfzigerjahren Atombomben in der Atmosphäre explodieren lassen und später im Weltraum mit Satelliten Partikel abgeschossen, um die Teilchendichte in der Atmosphäre zu erhöhen und zu sehen, was dann geschah.

»Neu an unseren Tests ist die Tatsache, dass wir es nun von der Erde aus versuchen und Energiemengen ausstrahlen können, die in der Endausbaustufe der Anlage bei zehn Milliarden Watt liegen könnten.«

»Was bedeutet das?«, warf Senator Rosen ein. General Porters registrierte im Stillen, dass der Senator ebenso wenig mit Technik vertraut war wie er selbst.

Porters war kein Physiker. In dem Projekt, dem er sein Leben verschrieben hatte, war er für die Gesamtkoordination verantwortlich. Er war derjenige, der für die Drecksarbeit den Kopf hinhielt, wie früher General Osmond. Inzwischen war er seit gut zwanzig Jahren dabei. General Osmond persönlich hatte ihn rekrutiert. Porters war wie Osmond der Meinung, dass die Vereinigten Staaten von Amerika diejenigen waren, auf die es ankam.

»Wie soll ich einen Vergleich ziehen?« Oberst Wright überlegte kurz. »Bei solch einem Verfahren wird in einer Betriebsstunde die Energiemenge einer Hiroshima-Bombe in die Atmosphäre gestrahlt.«

Das verstand Senator Rosen. Er nickte.

»Vielleicht noch etwas zum Hintergrund. Wie Sie wissen, ist die Erde von einem Magnetfeld umgeben, das uns vor dem Sonnenwind schützt – also dem Teilchenstrom, der uns permanent von der Sonne her ins Gesicht bläst. Das Magnetfeld wird dadurch auf der jeweils sonnenzugewandten Seite permanent gestaucht. Mal mehr, mal weniger. Je nachdem, wie heftig die Eruptionen auf der Sonne sind. Auf der sonnenabgewandten Seite haben wir einen langen Magnetschweif, und an den Polen dringen immer wieder Teilchen des Sonnenwindes in unsere Erdatmosphäre ein – das Phänomen des Polarlichts. Das sind nichts anderes als sichtbare Teilchen des Sonnenwindes, die auf die Ionosphäre treffen.«

Wright blickte kurz in die Runde seiner Zuhörer, um zu sehen, ob alle verstanden, was er sagte. Als er keine Reaktion feststellte, fuhr er fort.

»Wir bauen praktisch einen neuen Strahlengürtel innerhalb unseres Magnetfeldes auf. Zirkular polarisierte, elektromagnetische Wellen werden entlang den magnetischen Feldlinien des Erdmagnetfeldes gesendet. Diese Wellen heizen das Plasma in der Ionosphäre auf und transportieren es auch in höhere Regionen, bis etwa 1500 Kilometer hoch. Die Elektronen werden durch die gesendeten Wellen so beschleunigt, dass sie in der Van-Allen-Zone zwischen den Polen mit einer Energie zwischen zwei und fünf Mega-Elektronen Volt hin und her driften. Die Elektronenkonzentration wird bei einer Milliarde Teilchen pro Kubikzentimeter liegen. Dieses Plasma aus hochenergetischen Teilen zerstört alles, was hindurch will. Aber auch alles.«

»Niemand kommt rein, aber auch niemand kommt raus«, sagte Senator Kershaw spontan und nickte anerkennend.

Stille hatte sich über den Raum gelegt. Die Mitglieder der Gruppe starrten gebannt von ihren weichen Ledersesseln aus auf die vier mal fünf Meter große Fläche mit den Bildschirmen.

Mehrere kleine Bildausschnitte zeigten die verschiedenen Standorte der Testreihe. Mit einer Fernbedienung konnte Oberst Wright jederzeit den Ort auf den Hauptbildschirm bringen, an dem sich etwas tat.

Porters hatte geplant, seinen Gästen einen beeindruckenden Einblick in die Fähigkeiten der amerikanischen Militärtechnologie zu geben und sie später am Abend mit dem Gefühl zu verabschieden, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Er spürte die Spannung, die alle erfasst hatte. Er selbst hatte seine Zweifel, ob es richtig war, nach den ersten erfolgreichen Versuchen schon jetzt so weit vorzupreschen.

Aber die Zeit lief ihm davon. Er durfte nicht mehr warten. Er brauchte die Waffe.

Die Bilder auf dem Hauptmonitor zeigten einen besonders abgeschotteten Teil des Kontrollzentrums des Air Force Space Command auf der Peterson Air Force Base östlich von Colorado Springs. Ursprünglich Anfang der Vierzigerjahre als Air Support Command Base gegründet, war sie im Lauf der Jahrzehnte zu der zentralen Anlage für die Kommandozentralen der Luftverteidigung geworden. Die Kommandobasis selbst lag in Colorado tief unter der Erde in den Cheyenne Mountains.

Die Hauptkonsole mit den Operatoren war zu sehen. Die Männer hatten Bildschirme vor sich und blickten auf die riesige Darstellung der Welt an der Wand. Signale kennzeichneten die jeweiligen Standorte aller beobachteten Militärbewegungen. Das ausgeklügelte System der Überwachung wurde aus den unterschiedlichsten Quellen gespeist. Neben den stationären Horchposten in aller Welt basierte die Überwachung insbesondere auf Daten von Spionagesatelliten und denen von awacs-Systemen, die in umgebauten Großraumflugzeugen die Krisenherde der Welt und die definierten Sicherheitszonen überwachten.

»Ich schalte jetzt um«, sagte Oberst Wright.

Unmittelbar darauf erschien der nördliche Teil der Erdkugel oberhalb des 60. Breitengrades mit dem Nordpol und den umgebenden Eismassen auf dem Bildschirm. Den Hintergrund bildete das tiefe Schwarz des Weltraums.

»Das Bild ist aufgenommen von einem Satelliten, der sich über dem nördlichen Pazifik in einer derzeit geostationären Position befindet.«

Der nordamerikanische Kontinent war zu erkennen; Wolkenformationen verhüllten Teile der Landmassen. Mancherorts lagen weiße Schleier wie Spinnennetze über dem Kontinent.

Porters machte sich nichts aus der majestätischen Erhabenheit des Anblicks. Er sah nicht die Unschuld, die diese blaue Hülle aus der Ferne vermittelte. Für ihn war sie eine billige Fata Morgana. Er kannte die Unterwelt dieser Verheißung, er hatte den Dreck des Krieges geschmeckt. Für ihn gab es nur eine Farbe für diese Hülle: rot, blutig rot. Und er verstand auch nicht die Jungs, die dort oben schwebten und grenzenlose Einsamkeit spürten. Sie stiegen das erste Mal auf und kamen mit einer vollkommen anderen Dimension des Begreifens und Verstehens zurück.

In seinen Augen waren sie damit verdorben. Infiziert. Keiner dieser Träumer diente in seiner Einheit.

Der Weltraum war lebensfeindlich. Kalt, ein Vakuum, unendliche Schwärze, unerforscht, der dunkle Schlund eines Ungeheuers. Und ein Schlachtfeld. Das Schlachtfeld von morgen. Deshalb musste man sich damit beschäftigen.

Oberst Wright schaltete wieder das Lagezentrum von Air Force Space Command auf den Hauptbildschirm. Die Operatoren arbeiteten ruhig und gelassen an ihren Computerterminals, während die Lagezentrale in leichtem Halbdunkel lag. Da der Ton abgeschaltet war, wirkte die Szenerie geradezu gespenstisch.

Über Porters’ Rücken lief ein wohliger Schauer, als er sich vorstellte, mit welcher Macht dort hantiert wurde. Ein tief zufriedenes Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit durchströmte ihn.

»Noch Kaffee?«

Die Kannen standen auf dem Tisch. Kein Fremder sollte die Runde stören.

Die Gäste winkten mit kurzen Handbewegungen ab. Sie konzentrierten sich auf den Bildschirm.

»Für diesen Test haben wir uns einen Satelliten ausgesucht, den wir dort oben übrig haben und der noch genügend Treibstoff in den Tanks hat, um etwas zu sehen«, sagte Oberst Wright in die Stille hinein.

Er schaltete wieder den Orbit auf den Hauptbildschirm, wo jetzt der Beobachtungssatellit einen weiteren Satelliten erfasst hatte, der in einiger Entfernung Richtung Erde stürzte. »Für diesen Test eine Interkontinentalrakete abzuschießen schien uns dann doch etwas zu aufwändig. Dann hätten gleich wieder unzählige Horchposten aufgemerkt, und wir hätten unnötige Erklärungen abgeben müssen. uno, Russen, Umweltorganisationen, heutzutage hat jeder seine Überwachungsstationen.«

»Wie stellen Sie überhaupt die Geheimhaltung sicher?« Senator Kershaw sah in die Runde, sein Blick blieb an Porters hängen. »Was Sie vorhaben, lässt sich ja nur mit einem ganzen Haufen von Eingeweihten umsetzen. Wenn ich allein diesen Test sehe und die Leute dort im Kontrollzentrum, die daran beteiligt sind …«

»Das haben wir vollkommen im Griff.« Porters sah kurz zu Cushing hinüber, der unmerklich nickte. »Erst einmal muss man sagen, dass wir hier bei der Air Force sind, dazu noch in meinem Bereich. Der ist ganz besonders abgeschottet. Die Leute dort im Kontrollzentrum sind ausgesuchte Experten, die mir direkt unterstellt sind und die strengsten Geheimhaltungserklärungen unterschrieben haben.«

»… aber was ist mit dem North American Defense Command?«

»norad?« Porters lachte höhnisch.

Wie ahnungslos sie doch waren. norad war die Institution, die in der Öffentlichkeit genannt wurde, wenn es um die Sicherheit des nordamerikanischen Kontinents gegen feindliche Angriffe aus der Luft ging; betrieben wurde sie gemeinsam von den usa und Kanada. Dabei machten sich die wenigsten bewusst, woher die Daten kamen, die norad und auch das US Space Command verarbeiteten. Sie stammten vom Air Force Space Command.

»Seit dem seit 1. Juli 1993 ist das Air Force Space Command Hüterin der Sicherheit. Und zwar weltweit.« Porters war die tiefe Zufriedenheit anzumerken. »Sie kontrollieren den Luftraum, betreiben die Frühwarnsysteme, die Raketenwarnradars, die Satelliten, koordinieren alle Aktivitäten. Sogar die Satelliten des Verteidigungsministeriums werden von ihnen gesteuert.«

Als er die interessierten Blicke der Senatoren bemerkte, fuhr er fort: »Dieser Teil des Space Command hat mit der 14th Air Force seinen Hauptsitz in Vandenberg in Kalifornien auf der Air Force Base. Aber entscheidend ist die 21st Space Wing.« Er dachte an einen seinen größten Coup zur Vorbereitung auf das, was nun anstand. »Sie betreibt das gesamte Netzwerk der Raketenabwehr, der Kommunikation und Weltraummaßnahmen von der Peterson Air Force Base in Colorado. Sie wissen, östlich von Colorado Springs. Sie ist zwar der 14th Air Force in Vandenberg unterstellt, aber als wahrer Gralshüter sitzt sie in den Cheyenne Mountains.«

»Aber da sitzt doch auch norad!« Kershaw sah ihn verwundert an.

»Richtig. Und US Space Command. Und das Headquarter der US Air Force Space Command. Alles Institutionen, Befehlszentralen. Aber die operative Einheit ist und bleibt die 21st Space Wing, die mit mehr als fünfzig Satelliten, alle ausgestattet mit gps, die Grunddaten liefert, auf die sich jeder stützt.«

»Und die sorgen dafür, dass nur das weitergegeben wird an Daten, was Sie auch weitergeben wollen?«

»Richtig.« Porters’ Augen glänzten zufrieden. Es war ja so einfach. Ein paar Filter in die Computerprogramme, ein paar Eingeweihte, die zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet waren, und schon war die Manipulation perfekt. »Mit meinen Kompetenzen kann ich bestimmte Daten von der Weitergabe einfach ausschließen. Diese Leute dort von der 21st Space Wing sind unserem Projekt direkt zugeordnet. Handverlesene Leute.«

Er starrte die beiden Senatoren an, bis Oberst Wright die unangenehme Stille unterbrach. »Ziel ist, künftig alle möglichen Angriffsobjekte in allen Verteidigungsphasen zu killen«, erläuterte er.

»Ich dachte immer, man sei sich einig, die Raketen in der Boost-Phase abzuschießen. Also drei bis fünf Minuten nach dem Start, wenn sich die Rakete in eine Höhe von zweihundert Kilometern über der Erde katapultiert?« Senator Kershaw sah sich fragend um. »Je früher, desto besser und sicherer.«

»Ach, dieser ganze Unsinn«, höhnte Tyler Williams dazwischen und wackelte mit seinem großen Kopf, als sei er kaum auf den Schultern zu halten. Seine Stimme ätzte vor Überheblichkeit. »Immer die gleichen albernen Argumente. Und sollte das fehlschlagen, können weitere Maßnahmen in der Post-Boost-Phase und der Mid-Course-Phase ergriffen werden.«

Senator Kershaw hatte genug politische Schlachten erlebt, um sich nicht durch einen genialen Wissenschaftler erschrecken zu lassen. Bei Gelegenheit würde er es ihm heimzahlen. »Aber mit jeder späteren Phase wird doch das Risiko größer, bei einer Zerstörung der Sprengköpfe trotzdem vom Fall-out getroffen zu werden. Die Reaktionszeit sinkt mit jeder Sekunde, die die Rakete in der Luft ist.«

»Das geht doch alles nicht.« Williams verzog angewidert das Gesicht, als schmerzte ihn so viel Dummheit. »Wenn, dann gelingt das nur in der thermischen Verteidigungsphase, also in der letzten Phase des Anfluges. Damit gewinnt man Zeit, um gezielte Abwehrmaßnahmen zu ergreifen.«

Porters wies auf den Bildschirm. Alle konzentrierten sich auf das blinkende Signal des Satelliten, das auf der elektronischen Weltkarte im Lagezentrum erschien und nun über die Karte wanderte.

Die Männer in der Steuerungszentrale warfen sich Kommandos zu, hämmerten Befehle in ihre Tastaturen. Die Daten des Überwachungssatelliten flossen unablässig in die Computer ein. Die Hochleistungsrechner ermittelten in Sekundenbruchteilen die Flugbahn.

General Porters lehnte sich gelangweilt in seinen Ledersessel zurück. Er verstand nichts von Computern und vergleichenden Berechnungen. Und er hatte auch nicht die Fantasie, sich vorzustellen, wie Satelliten ihre Sensoren justierten, wie die von Sonnenpaddeln gewonnene Energie den Satelliten hoch oben im All neu ausrichtete, um mit den gewonnenen Daten die Flugbahn einer Rakete zu ermitteln.

»Sie haben uns immer noch nicht gesagt, worauf Sie nun in Zukunft die größten Hoffnungen legen: Laser oder elektromagnetische Railguns.« Senator Kershaw sah Porters an.

Tyler Williams stöhnte auf.

»Seit fast zwanzig Jahren laufen die Tests nun schon, seit Präsident Reagan das sdi-Programm ausrief. Und? Fast alles ist stecken geblieben.« Mit ausgebreiteten Armen schnarrte Williams den Politiker an. »Die chemischen Laser können die 25 Megawatt Energie nicht produzieren, die man zum Zerstören der Raketen benötigt. Außerdem kostet es einen Haufen Geld. Mit dem Energieverlust haben wir auch bei den im Weltraum postierten Spiegeln zu kämpfen, die mit einem Laserstrahl von der Erde beschossen werden sollen.«

Williams fing einen bösen Blick von Cushing auf, der die beiden Politiker nicht verärgern wollte. Aber der Wissenschaftler ließ sich nicht bremsen.

»Alle im Weltraum installierten Waffen haben den Nachteil, dass sie durch ihren Standort leicht verwundbar sind. Die Russen haben Abwehrwaffen erfolgreich getestet. Und bei elektromagnetischen Railguns wird mit der kinetischen Energie ein Projektil auf das Ziel geschossen. Dazu müssen aber Projektilgeschwindigkeiten von etwa 70 000 Stundenkilometern erreicht werden. Auch hier liegt das Problem darin, hunderte von Megawatt Elektrizität bereitzustellen.«

»Ich weiß, die Anfangsbeschleunigung ist ein unvorstellbarer Energiefresser.« Kershaw funkelte den Physiker böse an. »Aber genau die Tests laufen derzeit. Und es wird immer besser.«

Williams nickte herablassend. »Klar. Nur hat bei den bisherigen Versuchen praktisch nichts geklappt. Die Steuerung überstand die hohen Anfangsgeschwindigkeiten nicht. Die Erkennungssoftware arbeitete nicht einwandfrei und ließ sich von hitzegesteuerten Ablenkungsmanövern der Raketen in die Irre führen.«

»Sie sind neidisch, dass andere daran arbeiten, was?« Kershaws Augen blitzten zufrieden.

»Die Zukunft ist dies hier.« Williams starrte auf den Bildschirm, seine Stimme war voller Selbstsicherheit und Genugtuung.

»Richtig ist«, antwortete General Porters, »dass die Projektilabwehr immer noch sehr fehlerhaft ist. Mittlerweile sind wir hier mit den Wellen-Waffen deutlich weiter. Die elektromagnetischen Felder können die Steuerungssysteme anfliegender Objekte wirksam zerstören. Sie werden es gleich sehen. Aus dem Grund sind wir auch der Überzeugung, dass wir mit diesen Waffen schneller zum Ziel kommen werden als mit den ballistischen Projektilen.«

»Es geht los.« Oberst Wright hatte die ganze Zeit den kleinen Kontrollraum der Antennenanlage beobachtet, wo ein paar Zivilisten eher gelangweilt vor ihren Bildschirmen saßen und auf die Weisungen aus den Cheyenne Mountains in Colorado warteten.

»Schade, dass man nichts sieht«, knurrte Kershaw. »Wellen sind unsichtbar. Rein theoretisch können Sie an dem Satelliten vorher auch eine Sprengladung angebracht haben und diese zum richtigen Zeitpunkt auslösen.«

»Sie sind mehr als misstrauisch«, entgegnete Porters kalt und konzentrierte sich auf den Hauptbildschirm, wo jetzt wieder das Bild des Beobachtungssatelliten eingespielt wurde. Er fragte sich nicht zum ersten Mal, ob es richtig gewesen war, die beiden Politiker einzuladen. Aber Cushing hatte darauf bestanden. »Wir brauchen die beiden, wenn in Washington etwas schief laufen sollte«, hatte der Milliardär gesagt.

Auf dem Hauptmonitor war das Bild des Beobachtungssatelliten zu sehen. Sein Fokus fing den stürzenden Satelliten vor dem bläulich weißen Hintergrund der Erde ein.

»Die Wellen sind unterwegs.« Oberst Wright hatte ein Auge auf dem Kontrollzentrum. »In diesem Moment wird die Anlage auf volle Kapazität hochgefahren. Jetzt werden rund drei Millionen Watt in die Ionosphäre geschossen. Sie müssen sich das jetzt so vorstellen, dass durch die Radiowellen die Teilchen in der Ionosphäre angeregt werden, sodass sie sich in höhere energetische Zustände versetzen. Also Bewegung, Energie oder Hitze. Und damit wird …«

»Treffer!«

General Porters registrierte zufrieden die feuerrote Lichtquelle viele tausend Fuß über der Erde. Der Beobachtungssatellit übermittelte den kurzen Blitz, als der Treibstoff des geopferten Satelliten beim Zusammenstoß mit dem Hitzeplasma in der Ionosphäre explodierte.

Das Leuchten erlosch, und der Beobachtungssatellit übermittelte wieder das friedliche Bild der nördlichen Hemisphäre und des dunklen Hintergrundes. Nichts verriet, dass hier vor wenigen Sekunden ein einschneidender Erfolg erzielt worden war.

Im Kontrollzentrum von Space Command jubelte die Mannschaft. Das Signal des Satelliten war von den elektronischen Karten verschwunden.

General Porters sah auf einem Bildschirmausschnitt den Kontrollraum der Anlage. Nur wenige Türen weiter saß ein Trupp aus Experten der Universität von Alaska, verschiedener Rüstungsfirmen und der Air Force. Sie schlugen sich ebenfalls hoch zufrieden auf die Schultern. Ihre theoretischen Überlegungen hatten sich in der Praxis als richtig erwiesen. Sie hatten mit Radiowellen, die elektrisch geladene Teilchen in der Ionospähre erhitzten, einen Schutzschild geschaffen, in dem ein einfliegender Gegner zerstört worden war.

»Damit sage ich: Go!« Cushing sprang auf. »Wir machen es! Sofort. Bei nächster Gelegenheit!« Seine Augen blitzten, als erobere er gerade die Welt.

»Auf jeden Fall beeindruckend«, meinte Senator Kershaw. »Aber sollten wir nicht noch einige Zeit warten? Clinton ist gerade unterwegs nach Moskau. Wenn wir jetzt vorpreschen, sind die Russen mehr als verschnupft.«

»Das Fenster öffnet sich in ungefähr einer Woche. Nach unseren bisherigen Beobachtungen. Wenn wir es nicht nutzen, kann es bis zu drei Jahren dauern, bis sich wieder so eine Möglichkeit auftut.« Porters sah Kershaw mit seinen dunklen Augen unverwandt an. »Und dann könnte es zu spät sein. Wir verlieren zu viel Zeit.«

Tyler Williams, der die ganze Zeit schweigend zugeschaut hatte, grinste Lieutenant Kramer an. »Passen Sie auf, schöne Frau, dass Sie jetzt nicht das Opfer eines Migräneanfalls werden.«

Lieutenant Kramer sah voller Unverständnis zu Porters.

»Er spielt darauf an, dass die hochgeschossenen Energien nun als extrem niederfrequente Wellen zur Erde zurückstrahlen, so etwa bis zum 100-Hertz-Bereich. Das ist der Wellenbereich, den auch das Gehirn von Lebewesen beansprucht. Diese Wellen können in lebende Zellen eindringen. Er will sagen, dass biologische Störungen nicht ausgeschlossen sind.« Mit einem kalten Lächeln klopfte General Porters seiner Adjutantin auf die Schulter und sah in das bleiche Gesicht von Ned Lewis, der die ganze Zeit still dabeigesessen hatte. Dem stellvertretenden Direktor der nsa war das erfolgreiche Experiment auf den Magen geschlagen.

KAPITEL 2

Mittwoch, 31. Mai 2000

Das Stimmengemurmel war schon von weitem zu hören. Alexander Cromwell schlenderte über den abgewetzten Teppichboden auf die beiden Flügeltüren zu, die Hände lässig in die Hosentaschen gesteckt. Er hasste diese Art von Großauftrieb. So etwas barg immer die Gefahr, vom Chefredakteur vorgeführt zu werden.

An der Tür blieb er stehen und warf einen Blick in den Raum. Er wurde von einem überdimensionalen Sitzungstisch beherrscht, buchefarben mit schwarz abgesetzten Kanten. Dazu Ledersessel. Der Verlag hatte sich nicht lumpen lassen.

Überall standen Grüppchen von Journalisten, Redakteuren und Volontären herum. Alle schienen bester Laune. Jedenfalls sprangen immer wieder Lachfetzen durch das Gemurmel zu ihm.

Cromwell suchte mit den Augen den Raum ab. Bei seinen eins neunzig Körpergröße war der Überblick kein Problem. Schließlich steuerte er einen Platz möglichst weit hinten an und nickte zwei Gruppen grüßend zu.

Typisch Müller, dachte er, als er die blank polierte Fläche des Konferenztisches musterte. Keine Getränke, nicht mal Kaffee oder Tee. Damit erst gar nicht der Eindruck von Gelassenheit und Entspannung auftrat.

»Alles klar?«

Neben Cromwell rutschte Sissi, eine junge Reporterin mit den schönsten Beinen der Redaktion, auf einen Sessel. Sie trug einen kurzen Mini aus dünnem schwarzen Stoff, sodass er ihre Beine bis weit nach oben sehen konnte. Sogleich kam er auf die wildesten Gedanken.

Aber Sissi hatte gleich zu Anfang allen klar gemacht, dass ihr Outfit lediglich dazu diente, den Herren der Schöpfung ein paar Informationen mehr zu entlocken. Nach zwei schallenden Ohrfeigen – eine davon hatte Cromwell kurz vor einer Redaktionskonferenz in aller Öffentlichkeit gegolten – hatte jeder begriffen, dass sie es ernst damit meinte. Es war der Beginn einer wahren Freundschaft gewesen.

»Was soll klar sein? Nichts ist klar.«

Sie musterte ihn kritisch. Er sah besser aus als noch vor Wochen. Die lockigen dunklen Haare waren kürzer und flotter geschnitten, und er trug Sakko und Leinenhose statt immer nur Jeans. Sogar die Gesichtshaut war leicht gebräunt, dachte sie zufrieden. Nach der Trennung von seiner Ex, die ihn nach sieben Jahren erst kürzlich wegen tausend störender Kleinigkeiten vor die Tür gesetzt hatte, hatte Sissi ein kostenloses Restaurationsprogramm durchgezogen. Er hatte zunächst nur widerwillig mitgemacht, dann aber umso konsequenter, als er die aufmerksamen Blicke spürte, mit denen ihn manche Frauen musterten.

Cromwell war knapp über vierzig und körperlich noch gut in Schuss. Sissi wusste, dass er seinen Körper jeden Morgen konsequent quälte.

»Ärger mit dem Projekt?« Er hatte ihr von seinem Buchprojekt über Geheimdienstoperationen während der Wende erzählt, mit dem er groß rauskommen wollte.

»Keine Informationen und keine weiteren Vorschüsse.« Seine dunkle und angenehme Radiostimme kippte, wurde rau. »Der Verleger will abspringen.«

»Ich konnte das mit den hohen Vorschüssen damals ohnehin kaum glauben. Aber ich weiß ja, wie nervig du sein kannst.«

»Übung.« Über Cromwells Gesicht huschte ein verlegenes Grinsen, das seinen Unmut überspielen sollte. Manchmal ärgerte ihn noch, dass sie von »Freundschaft« redete, wo er sich mehr vorstellen konnte.

»Die Vorschüsse sind weg, ja?«

Er drehte sich zu ihr. Die fünf Zentimeter lange Narbe auf der Stirn über seinem linken Auge, sonst blass und kaum sichtbar, glühte rot wie immer, wenn er sich ärgerte. Diese Narbe war die Erinnerung an eine nächtliche Messerstecherei in einem Heim für Kriegsflüchtlinge aus Bosnien. Cromwell hatte eine Reportage über die Lebensbedingungen der Menschen gemacht und war dabei zwischen die Fronten zweier Banden geraten, die die Heimbewohner terrorisierten.

Die Grüppchen an der Tür gerieten in Bewegung. Ein sicheres Zeichen, dass sich etwas tat. Dann stürmte Müller in den Saal, klatschte noch im Gehen in die Hände und setzte sich an die Spitze des Tisches. »Meine Damen und Herren. Wir haben wenig Zeit.« Die schlanke Gestalt des Chefredakteurs verriet tägliches und ausgedehntes Jogging.

»Was sonst?«, antwortete Cromwell auf Sissis Frage.

»Pferde oder Poker?«

»Alles Mögliche. Ein Freund hat einen neuen Privatclub in Friedrichshain aufgetan, der …«

Von gegenüber zischelte es. Mit seinen großflächigen Gesichtspartien wirkte Kronberg, der Lokalchef, wie eine Großbildleinwand, auf der Unmut als ständige Wiederholung lief. Seine Tränensäcke hingen tief herab, und es fehlten nur noch die blutunterlaufenen Augen, um bei seinem Anblick an einen Kampfhund denken zu müssen. Sein massiger Körper passte kaum in den Sessel.

Der ist stinksauer, dachte Cromwell, dem selbst noch die Wut wie eine Eisenkugel im Magen lag. Die Sitzung hatte ihrer beider Streit unterbrochen.

»Also. Außergewöhnliche Ereignisse. Darum diese Zusammenkunft.« Müller spulte vorn routiniert sein Programm ab. »Clinton kommt, danach kommt Putin, dann der chinesische Ministerpräsident. Drei der ganz wichtigen Männer innerhalb von gut drei Wochen in der deutschen Hauptstadt. Das ist natürlich auch eine Herausforderung für uns. Sie kennen die neuesten Verkaufszahlen vom Berliner Zeitungsmarkt?«

Cromwell hörte gelangweilt zu. »… immer noch nicht die meistverkaufte Zeitung der Stadt«, grummelte Müller zum wiederholten Mal. Mehr verkauft, aber noch nicht genug.

Die Konkurrenz durch die überregionalen Zeitungen wuchs. Sie waren mit dem Regierungsumzug nach Berlin gekommen und bissen sich jetzt mit großen Berlin-Teilen in der Hauptstadt fest. Schlagzeilen mussten her.

»Von daher sind diese Besuche die besten Gelegenheiten, uns weiter als die Pfiffigsten und Schnellsten zu positionieren.«

Cromwell sah hinüber zu Kronberg. Der nickte heftig. Damit war alles klar. Mit Müllers Worten würde er sie jagen und hetzen.

Müller hatte ein dünnes Pappmäppchen dabei, aus dem er einige Blätter holte. »Der übliche Müll. Ihr habt nichts wirklich Neues geschrieben. Aber wir gehen es kurz durch.«

Nun war Müller in seinem Element. Er würde jeden Artikel akribisch zensieren. Das würde dauern.

Cromwells Gedanken wanderten zu der Streiterei zurück, die er unmittelbar vor der Konferenz mit Kronberg ausgestanden hatte. Der Lokalchef hatte ihm ordentlich den Kopf gewaschen. Dabei hatte Cromwell nur versucht, eine Gehaltserhöhung durchzudrücken. Seit zweieinhalb Jahren war in dieser Hinsicht nichts mehr passiert, und auf seinem Konto herrschte chronische Ebbe. Zwar hatte er noch eine Reserve, aber an die ging er nicht ran. Die war für den neuen Geländewagen. Egal, was kam.

Kronberg sah das mit dem Geld natürlich anders. Cromwell sei ein Quereinsteiger, ohne richtige Reporterausbildung, und müsse schon deshalb weniger verdienen.

Als Cromwell darauf hingewiesen hatte, diese Argumentation widerspreche seinem üblichen Slogan »Gute Storys gleich gutes Geld«, hatte Kronberg erst richtig ausgeholt. Seine Leistungen seien in letzter Zeit sowieso nur mäßig gewesen, und das, was er derzeit abliefere, sei geradezu schwach.

»Wo sind denn die großen Kriminal- und Gerichtsfälle und die Enthüllungsstorys?«, hatte Kronberg gehässig gefragt. »Ich habe in letzter Zeit keine richtig spannenden Sachen mehr von Ihnen gelesen.«

»Soll ich die Russenmafia beim Kopfgeld überbieten, damit sie mal wieder einen abknallen?«, hatte Cromwell darauf erwidert.

»Aber was ist denn mit Ihren Geheimdienststorys? Den Waffenhändlerconnections? Dem Schwarzgeldthema? Früher hatten Sie richtige Knaller drauf. Heute kommen wir nicht einmal mehr an die Interna des Berliner Verfassungsschutzes heran. Und das, wo dort jeder jeden in die Pfanne haut.« Kronberg hatte es sich nicht nehmen lassen, auf die gut recherchierten Hintergrundstorys und Cromwells früheres Leben anzuspielen.

Cromwells Gedanken schweiften in die Vergangenheit … Bis zum Abzug der Alliierten aus Berlin war er als Zivilangestellter bei den amerikanischen Streitkräften als Dolmetscher und Übersetzer tätig gewesen. Dabei war auch so mancher Auftrag für die Geheimdienste seines Arbeitgebers zu erledigen. Es begann mit der Übersetzung decodierter Texte, die ostdeutsche Agenten verfasst hatten, ins Amerikanische. Zunächst war nichts wirklich Aufregendes dabei, aber mit der Zeit bezogen sie ihn immer mehr ein.

Dann musste er in den Achtzigern auch operative Aufgaben in Ost-Berlin übernehmen und an Agententreffs teilnehmen. Wenn ein Geheimdienstoffizier nur seine Landessprache beherrschte und der Spion nur seine eigene, dann brauchten sie eben einen Dolmetscher. Zweimal war Cromwell an der Glienicker Brücke dabei, als Agenten ausgetauscht wurden.

Sie brachten ihm in den Grundzügen bei, wie man sich selbst verteidigen konnte und mit einer Waffe umging. Bis zu einer unsichtbaren Grenze, deren Markierung von ihnen bestimmt wurde, wurde er Teil des geschlossenen Systems.

Er knüpfte Kontakte, schnappte Tratsch und Gerüchte auf und zog an den Zipfeln, die unter dem großen Betttuch hervorlugten. Mit diesem Hintergrund rettete er sich in den Reporterberuf, als klar wurde, dass die Amerikaner nach der Einheit aus Deutschland abziehen würden.

Einige tausend Arbeitsplätze sollten mit dem Abzug der Alliierten wegfallen. Die Politik verkündete damals lauthals, es werde jedem geholfen, aber Cromwell wollte sich nicht darauf verlassen und kümmerte sich lieber selbst um seine Zukunft. Rechtzeitig. Denn anfangs schwappte noch eine Solidaritätswelle durch die Stadt, die er ausnutzen konnte.

Mit seinem Hintergrundwissen hatte er keinen schlechten Einstieg, hatte er doch immer wieder schnell den Schnipsel einer Story in der Hand.

Bereitwillig gab ihm der verbliebene Horchposten auch weiter Schnipsel. Dass sie ihn damals durchaus benutzten, um bestimmte Fakten in der Öffentlichkeit zu lancieren, störte ihn nicht. Besser er als ein anderer.

Das Schreiben lernte er in der Redaktion und im Fernstudium. Insgesamt fuhr er in den ersten Jahren nicht schlecht.

Vor etwa drei Jahren wollten sie ihn anwerben. Er sollte in seiner neuen Aufgabe Hintergrundmaterial sammeln. Gegen Bezahlung selbstverständlich, so hieß es, und eigentlich ganz harmlos. Die Menschen, mit denen er zusammenkäme, wären in dem einen oder anderen Fall doch sicherlich einen Hinweis wert. Schließlich erfuhr man als Reporter doch so manches über die Schwächen seiner Zeitgenossen, was nicht in der Zeitung stand, aber sicherlich anders genutzt werden könnte.

»Warum kommt ihr jetzt erst?«, fragte er.

»Weil du inzwischen einen gewissen Namen hast. Unsere Aufbauarbeit hat sich gelohnt.«

Sie appellierten an seinen Patriotismus, seine jahrelange Zugehörigkeit zum System, seine Pflicht als amerikanischer Staatsbürger.

»Dann muss ich zugleich für den Bundesnachrichtendienst spionieren«, antwortete er. Schließlich war er auch deutscher Staatsbürger. Seine Mutter war Deutsche. Sie hatte einen in Berlin stationierten Army-Lieutenant geheiratet. Als sie schwanger war, kam der Versetzungsbefehl für den Vater in die usa. Geboren wurde er Huntington, Indiana. Damit besaß er die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten. Mit der erneuten Versetzung seines Vaters nach dem Mauerbau kehrte die Familie nach Berlin zurück. Als wenige Jahre später sein Vater wieder versetzt wurde, blieb er mit seiner Mutter in Berlin. Die Ehe war gescheitert, die Versetzung ließ die Fassade einstürzen. Als Cromwell aus der Schule kam und jobbte, lernte er die Feinheiten des besonderen Status von Berlin kennen. Als amerikanischer Staatsbürger war er Ausländer und musste sich wie alle anderen Ausländer alle paar Monate bei der Ausländerbehörde eine neue Arbeitserlaubnis holen. Dem Berliner Senat war es peinlich, die Angehörigen der Menschen, die sie schützten, solchen Regularien zu unterwerfen. Daher räumte der Berliner Senat den Alliierten und ihren Angehörigen die Möglichkeit ein, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben. Es kann nichts schaden, sagte Cromwell sich damals und beantragte die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach seiner Ausbildung zum Dolmetscher bewarb er sich bei den amerikanischen Streitkräften, die gern einen der ihren einstellten.

Seine Weigerung, sich anwerben zu lassen, machte sie wütend. Die Schnipsel wurden rar, und er verlor das Hintergrundwissen, das seine Storys so interessant machte.

Auf der deutschen Seite erinnerten sich seine Kontakte in der Berliner Verwaltung plötzlich an seine Zeit bei den Amerikanern. Einen ehemaligen Angestellten der Alliierten gingen die deutschen Interna nun wirklich nichts mehr an …

Cromwell wurde den Eindruck nicht los, als hätten sich beide Seiten abgesprochen, wie man mit ihm umzugehen habe. Das machte seine Situation in der Zeitung nicht gerade einfacher.

»Ich schreibe ja nun nicht nur über Geheimdienste und Kriminalfälle«, hatte er bei dem Streit auf Kronbergs Vorwurf geantwortet.

»Nein, aber der jämmerliche Kram aus dem allgemeinen Polizeialltag ist auf Dauer nun wirklich nicht genug, Cromwell. Und die meisten Gerichtssachen sind auch nicht so, dass sie einen vom Hocker reißen. Es fehlen knackige Hintergrundstorys. Insgesamt zu wenig.«

Cromwell zuckte aus seinen Erinnerungen hoch, weil sein Name gefallen war. Irritiert sah er sich um. Alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet.

»Haben Sie mich verstanden?«, fragte Müller zischend.

Die Augen seiner Kollegen brannten mit ihrer Schadenfreude Löcher in sein Leinensakko. Eigentlich müssten die Brandflecken auf dem sommerlichen Beige gut zu sehen sein.

»Nein, nicht ganz.« Die anderen sackten aufatmend zusammen, da Müller nun sein Opfer gefunden hatte.

»Hat man gesehen«, knurrte Müller. »Dabei habe ich Ihnen gerade den Auftrag gegeben, bei Ihren amerikanischen Freunden ein wenig das Sicherheitsumfeld zu analysieren. Bodyguards, Secret Service, Absicherung des Präsidenten, all der Scheiß um den Koffer für den Ernstfall.«

Cromwell nickte.

»Und vielleicht machen Sie mal eine Story über die Absicherung im Detail. Muss doch möglich sein, den Hotelfuzzis ein paar Einzelheiten aus der Nase zu ziehen.«

»Alles geheim. Nicht mal die Zimmernummer ist bekannt. Die haben wie schon mal ganze Etagen belegt, und irgendwo mittendrin, wie eine Bienenkönigin, schläft Clinton.«

Cromwell hatte bereits versucht, alte Kontakte anzuzapfen. Immerhin war er lange genug dabei, um zu wissen, womit der Chefredakteur ihm käme. Allerdings dachte niemand daran, den Secret Service zu verärgern, nur weil ein unterbezahlter Reporter mit amerikanischem Namen eine interessante Story brauchte.

»Lösungen, nicht Probleme«, ätzte Müller und warf einen bitterbösen Blick zu Cromwell und dann zu Kronberg.

Dann war die Politikredaktion an der Reihe. Auch ihnen schleuderte Müller eine Fülle von Themen hin, nachdem auf die Kritik von Müller ein Journalist mit dem Hinweis kam, dass man ja nicht mal so genau wisse, warum Clinton eigentlich Europa und insbesondere Deutschland besuche. Schließlich gebe es keinen aktuellen Anlass.

»Das allein könnte bereits eine Story sein«, schmiss Müller wütend in den Raum. »Wie gesagt, ich will Mann und Maus auf der Straße haben. Fotos von Clinton in der Menge, beim Essen, von allem, was er macht. Und wer ihn auf dem Klo erwischt, kriegt eine Prämie.«

Alle lachten pflichtschuldig, dann stürmte Müller hinaus. Cromwell beeilte sich davonzukommen, als Kronberg schnaufend wie eine Dampflok auf ihn zusteuerte. Er wusste, was ihn erwartete.

KAPITEL 3

Freitag, 2. Juni 2000

Einen letzten Drink?« Private First Class Rodriguez Garcia stand vor Todd Wiggins und hielt ihm ein kleines Tablett mit einem Cognacglas hin. »Er hat Ihnen doch so gut geschmeckt.«

Zu Beginn des Fluges hatte sich Wiggins einen Cognac bestellt, und Garcia hatte einen ganz besonderen Tropfen hervorgezaubert, weich und samtig im Geschmack. Wiggins schätzte Cognac seit seiner Dienstzeit in Berlin.

»Und Sie verraten mir immer noch nicht, was für einer das ist?«

Rodriguez lächelte. »Nein. Das bleibt mein Geheimnis.«

Wiggins starrte auf das Glas. Auch Rodriguez sah auf die bernsteinfarbene Flüssigkeit.

»Ich weiß nicht.« Wiggins zögerte. Der erste Cognac hatte ihn entspannt, den Stress der letzten Tage erträglicher gemacht. Er wollte bei klarem Verstand sein bei dem, was ihn erwartete.

»Sir, so einen bekommen Sie nie wieder. Das garantiere ich Ihnen.« Über Garcias Augen lag ein Schleier. Für einen Moment schien es, als schössen Pfeile auf Wiggins hinab. »Aus einer Privatbrennerei. Nirgends im Handel zu kaufen. Die Flugbereitschaft der US Air Force möchte, dass nur Gutes von ihr berichtet wird.« Er grinste breit.

Wiggins lachte. »Geben Sie her.«

Garcia reichte Wiggins das Glas und entfernte sich.

Wiggins schaute aus dem Fenster, während er den Cognac dicht unter seine Nase hielt und das Aroma schnupperte.

Der Learjet steuerte den Flughafen Tempelhof von Osten her an. Eine große Schleife führte die Maschine über das südöstliche Berlin und gab für die Insassen den Blick auf die Wälder und Seen in Köpenick frei. Sie überflogen Siedlungen mit Einfamilienhäusern und gerade gezogenen Straßen, dann Industrieflächen und schließlich die grauen Mietskasernen von Neukölln. Kurz vor der Landung konnten sie sogar Einzelheiten auf den Balkonen der Wohnungen erkennen.

Wiggins hörte das Pfeifen der Reifen auf dem Asphalt und öffnete den Sicherheitsgurt. Der Flug von Zürich hatte etwas mehr als eine Stunde gedauert.

»Sie waren schon früher in Berlin?«, fragte Garcia, als Wiggins zur Tür kam, wo der Gefreite ihn verabschiedete.

»Ist schon lange her«, log der General. »Zehn Jahre wohl.« Dabei war er erst vor wenigen Monaten in Berlin gewesen. Aber das ging den Mann nun wirklich nichts an.

Er nickte Garcia noch einmal kurz zu, als er die Treppe betrat und die wenigen Stufen hinunterging. Eine leichte Sommerbrise empfing ihn auf dem Flughafen Tempelhof, der in der geteilten Stadt der Flughafen der Amerikaner gewesen war und jetzt bevorzugt von kleinen Fluggesellschaften und Privatfliegern angeflogen wurde. In den Hangars, in denen früher Flugzeuge gewartet worden waren, führten sie heute Musicals auf und feierten wilde Partys.

Auf dem Rollfeld stand ein neutraler Mercedes mit einem Sergeanten als Fahrer und einem Major als Adjutanten.

Wiggins grinste zufrieden. Das waren die angenehmen Seiten seines Berufes. Die beiden Militärs grüßten zackig, und Wiggins nickte lässig zurück. Im Anzug militärisch zu grüßen wäre ihm albern vorgekommen.

Sie taten immer noch, als gehöre er dazu. Dabei war er vor gut acht Jahren aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Herzprobleme. Aber es galt eben noch: einmal dabei, immer dabei.

Nach seinem Einsatz in Vietnam hatte er Standorte in aller Welt gesehen, war nach Berlin gekommen und hatte hier dem Erzfeind das erste Mal unmittelbar gegenübergestanden. Seine letzte Station war Moskau selbst gewesen. Er hatte alle seelischen Phasen seines Berufes durchlaufen, um am Ende festzustellen, dass die andere Seite auch nur aus Menschen mit allen Stärken und Schwächen bestand.

Nach seinem Abschied war Langeweile bei ihm aufgekommen, und so hatte er beschlossen, sein Wissen in den Dienst eines Braintrusts zu stellen. In diesem unabhängigen Thinktank war er in Konkurrenz zu den Theoretikern getreten und hatte sich durch harte Arbeit und sichere Einschätzungen nach anfänglicher Herablassung bald Achtung und Respekt erworben. Genau wie jetzt, da er seit gut vier Jahren dem Nationalen Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten von Amerika zur Seite stand. Ein kleines, aber nicht zu kleines Rädchen im großen Getriebe des Weißen Hauses, mit praktischem Detailwissen, das manches Mal die Waagschale in eine andere Richtung beeinflussen konnte. Wiggins war zufrieden mit seiner Rolle, auch wenn einige seiner ehemaligen Kameraden im Pentagon Gift und Galle spuckten, wann immer er ihre Vorschläge und Behauptungen hinterfragte.

Der Wagen rollte ohne Formalitäten durch das Tor und reihte sich in den Berliner Stadtverkehr ein. Sie fuhren in Richtung Zoo zum Intercontinental Hotel.

Major Pennwood gab einige Kommentare zum Berliner Wetter und einer kommenden Hitzewelle ab, aber Wiggins hörte kaum zu. In Gedanken dachte er an all die schönen Dinge, die er in den nächsten Stunden erleben wollte. Nach der Scheiße, die er in den letzten Wochen durchgestanden hatte, und dem Ärger, den das noch bringen würde, brauchte er jetzt ein Ventil.

Der Höhepunkt war der Anruf vor zwei Tagen gewesen, der ihn in Zürich im Forschungsinstitut erreichte. Er steckte gerade in den entscheidenden Vorbereitungen für den Staatsbesuch in Moskau, sprach mit den russischen Kontaktleuten die letzten Einzelheiten ab, um den Besuch zu einem vollen Erfolg werden zu lassen. Der Anruf war wie eine Bombenexplosion.

Sein Informant wurde von Gewissensbissen getrieben. Nachdem Wiggins ihn über Monate bearbeitet hatte, war er endlich umgefallen. Der Mann berichtete Dinge, die alles gefährdeten.

Sie waren unverschämter, als er es jemals für möglich gehalten hatte. Sie ignorierten die Weisungen des Präsidenten und der uno. Sie zerstörten das Vertrauen, das zwischen den Russen und Amerikanern notwendig war, um gemeinsam erfolgreich zu sein.

Wiggins hatte den Gesprächsinhalt und einige weitere Zusatzinformationen in einem kurzen Memorandum zusammengefasst, das er auf einer cd-rom bei sich trug. Damit konnte er den Nationalen Sicherheitsberater und nötigenfalls den Präsidenten knapp ins Bild setzen und seine Aufzeichnungen dann mündlich ergänzen. Effizienz in der Unterrichtung war etwas, was zu den administrativen Grundlagen einer Regierung gehörte.

Clinton würde durchdrehen, wenn er davon erführe. Der Präsident war unbeliebt beim Militär und umgekehrt. Wenn er auch mit der Berufung eines Verteidigungsministers aus den Reihen der Opposition eine politische und strategische Meisterleistung vollbracht hatte, weil es eine Maßnahme der innerstaatlichen Deeskalation war, würden alle Vorurteile nun wieder hochkochen.

Das machte alles noch schwieriger. Auch wenn Clinton das Problem nicht lösen konnte. Wenn es überhaupt gelöst werden konnte. Aber zumindest schien er kurz davor, die Russen endgültig einzubinden. Es war nur schade, dass die Welt die wahre Bedeutung des Ganzen nicht erfahren würde.

Als sie den U-Bahnhof Nollendorfplatz passierten, wies der General den Fahrer an, weiter Richtung Wittenbergplatz zu fahren.

»Ich muss noch ein Geschenk für meine Frau besorgen. Und das ist im KaDeWe am einfachsten. Fahren Sie ins Hotel. Ich komme dann nach. Zu Fuß. Ist ja nicht weit.«

»Aber, Sir. Sie wissen doch, und Sie haben doch noch …«

Wiggins hatte die Tür bereits zugeschlagen und eilte über die Straße auf die andere Seite. Als er sich umschaute, sah er die dunkle Limousine wieder anfahren.

Vor dem Kaufhaus blieb er kurz stehen, dann stieg er in eines der wartenden Taxis und nannte sein Ziel.

Der Fahrer murrte, weil die Straße nicht allzu weit vom Zentrum entfernt lag. Er versuchte, Wiggins in ein Gespräch zu verwickeln, und lenkte dabei den Wagen leicht vom direkten Weg ab.

»Ich kenne mich sehr gut in Berlin aus. Bitte den direkten Weg«, sagte Wiggins trocken und in praktisch akzentfreiem Deutsch. Dann zwang er seine Gedanken ganz bewusst in Richtung der nächsten zwei Stunden.

Das Haus lag in einer ruhigen Seitenstraße. Sie war eng und beidseitig zugeparkt. Linden mit ausladendem Blätterwerk spendeten angenehmen Schatten.

Das Haus war ein typischer Berliner Bau der Jahrhundertwende mit fünf Geschossen und gelblicher Fassade.

Wiggins stand auf dem Gehweg und zögerte. Jedes Mal überkam ihn zunächst das schlechte Gewissen. Und jedes Mal siegte die Gier. Selbst als er seine zwei Jahre in Moskau gedient hatte, hatte er Wege gefunden herzukommen.

Aus den Achtzigerjahren, als alles anfing, kannte er bestimmte Telefonnummern und Adressen, die das Ganze dezent regelten. Hier war er so etwas wie ein guter Stammgast, der immer mal wieder vorbeikam, manchmal auch mit einer jährlichen Unterbrechung.

Er betrat den Hausflur. Mosaikmuster auf dem Fußboden und halbhoch tapezierte Flurwände vermittelten einen gutbürgerlichen Eindruck. Die Holztreppe war mit einem Teppich belegt und knarrte unter seinen Schritten. Die Tür zum Hof stand offen. Kindergeschrei drang herein.

Wiggins stieg in das Dachgeschoss und drückte die Klingel drei Mal kurz, dann zwei Mal lang.

Ein schlanker junger Mann von knapp über zwanzig öffnete die Tür. Lange blonde Haare, weiche Gesichtszüge, gebräuntes Gesicht.

»Hi.«

Wiggins lächelte, und der junge Mann trat ebenfalls lächelnd zur Seite.

»Schön, dich wieder mal zu sehen.«

Die Wände waren in Pastelltönen gestrichen, im Wohnzimmer setzte ein taubenblauer Teppichboden mit hohem Flor einen kräftigen Kontrast. Helle Möbel, skandinavisch. Nichts Besonderes, aber alles farblich aufeinander abgestimmt. Wiggins holte den Umschlag mit dem Geld aus der Tasche. Ein letztes Mal zögerte er.

»Ist was?«, fragte der junge Mann mit einem gewinnenden Lächeln und griff mit seiner rechten Hand Wiggins durch die Hose an die Geschlechtsteile.

Es war wie eine Eruption. Todd Wiggins spürte sofort die Beule in seiner Hose und die pulsierende Erregung, die ihn nun nicht mehr loslassen würde.

Eine Stunde später stöhnte Todd Wiggins im Rhythmus seiner Bewegungen, mit denen sein Glied den Darm des jungen Mannes bearbeitete.

Im Wohnzimmer war Wiggins vor Geilheit das erste Mal fast verrückt geworden. Der junge Mann mit dem schlanken Körper und der zarten, gepflegten Haut streichelte ihn zunächst sanft durch die Hose, um dann brutal und hemmungslos zuzugreifen und Wiggins schmerzvoll aufstöhnen zu lassen.

Dabei flüsterte er Wiggins mit zuckersüßer Stimme ins Ohr, was er noch alles mit ihm anstellen würde. Wiggins stieß den jungen Mann schließlich weg, als er spürte, wie kurz er vor dem Erguss stand.

Der General fühlte sich plötzlich seltsam unruhig. Leichte Schmerzen lenkten ihn ab. Für einen Moment sah er eine hässliche Fratze vor seinem Auge.

Er ging ins Bad, zog sich aus, und der Deutsche kam hinterher, ohne ihm Ruhe zu gönnen. Wieder peitschte er ihn hoch, streichelte ihn, griff ihm in den Hoden, bis Wiggins vor erregendem Schmerz aufschrie.

Der Deutsche flüsterte auf ihn ein, stöhnte. Dann zog er ihn ins Schlafzimmer. Sie knieten auf dem Teppich in der Mitte des Raumes vor dem Bett. Wieder begann der junge Deutsche ihn zu streicheln. Nichts konnte Wiggins mehr entspannen. Je älter und unansehnlicher seine Frau wurde, umso stärker meldeten sich seine homoerotischen Fantasien.

Begonnen hatte es hier in Berlin, Mitte der Achtzigerjahre. Er leitete als Oberst die lokale Station des Air-Force-Geheimdienstes, bevor er Ende der Achtziger für zwei Jahre nach Moskau wechselte.

Beim Besuch eines Nachtlokals gerieten er und sein Zechkumpan, ein Oberst der Bundeswehr, der sich inoffiziell in der Stadt aufhielt, in einen Homotreff am Nollendorfplatz. Sie waren beide stark angetrunken.

Während der deutsche Oberst noch die Kurve kriegte, riss bei Wiggins nach zwei weiteren Tequila der Erinnerungsfaden. Als er erwachte, lag er im Bett mit zwei jungen Männern, die gerade seine Brieftasche ausräumten und das Geld aufteilten.

Wiggins ließ sein Geld da, und die Burschen hielten den Mund. Erst später spülten Fetzen der Erinnerung in sein Hirn, und ihm wurde klar, dass er in jener Nacht zum ersten Mal mit einem Mann Geschlechtsverkehr gehabt hatte.

Zunächst hatte es ihn angewidert, dann brachen immer wieder wilde Fantasien in ihm durch. Sie wurden stärker und stärker, bis er sie nicht mehr zu bändigen vermochte – und es wieder tat. Und wieder, obwohl er dagegen ankämpfte. Und wieder. Schließlich kämpfte er nicht mehr, sondern suchte das Abenteuer. Er stellte fest, dass einer der größten Reize für ihn darin lag, mit einem völlig fremden Menschen zu schlafen, den er vorher nie gesehen hatte und hinterher nie wieder sehen würde.

Er kannte Adressen. Vertrauenswürdige Adressen. Eines Tages stieß er auf diesen jungen Burschen, der alles in den Schatten stellte, was er bisher erlebt hatte. Dieser Schweinehund gab ihm, was er sich ersehnte und doch nie aussprechen konnte.

Der Bursche wurde zur Sucht. Jedes Mal, wenn Wiggins in der Stadt war, versuchte er, ihn zu sehen. Er hatte schon Gründe erfunden, um wieder nach Berlin zu reisen. Wenn er ein paar Tage vorher anrief, war die Terminabsprache nie ein Problem.

»Los, mach schon!«, schrie plötzlich der Junge vor ihm. »Komm endlich!«

Todd Wiggins keuchte. Er verdammte seine sechzig Jahre. Trotz seines kräftigen Aussehens ließ die Kondition rapide nach. Aber diesen engen Kanal wollte er noch weiter genießen. Stöhnend und mit geschlossenen Augen gab er sich dem Rhythmus hin, den der junge Deutsche mit seinen Bewegungen vorgab.

Seine Hände lagen auf dem glatten und gebräunten Hintern des jungen Mannes, der bei jedem Stoß gegen seinen Unterleib prallte. Durch die halb geschlossenen Augenlider sah Wiggins seinen eigenen Bauchansatz.

Seine Oberschenkel zitterten. Die Anstrengung war zu groß für ihn. Aber der junge Bursche hörte nicht auf. Wiggins fühlte, wie der braun gebrannte, elastische Körper vor ihm das Stakkato der nun kurzen und hektischen Bewegungen noch weiter erhöhte.

Wiggins empfand es plötzlich als unangenehm.

»Shit!«, rief er. »Stop it!«

»Mach schon!«, schrie der Deutsche. Immer noch schien der junge Mann sein Tempo zu erhöhen.

Die Zeit, die bezahlt worden war, war um.

Wiggins strömte der Schweiß von der Stirn und aus den Achselhöhlen. Dann meldete sich tief im Unterbewusstsein eine Alarmglocke. Das Nervensystem reagierte auf kleinste Veränderungen und Transmitter. Ganz besonders im überreizten Zustand.

Urplötzlich schoss ein sengender Schmerz durch Wiggins’ Brust. Der Blutpfropfen in der rechten Herzkammer, der sich dort seit zwei Stunden aufbaute, ließ das Lebenselixier nicht mehr fließen. Das im Flugzeug mit dem Cognac eingenommene Gerinnungsmittel verdickte das Blut, und der Engpass am Herzen staute es zusätzlich.

Wiggins hörte wie durch Watte die Rufe seines Liebespartners und spürte dessen Hand auf seiner Wange. Es fühlte sich an wie ein Streicheln, obwohl der junge Bursche ihn heftig mit der flachen Hand ohrfeigte. Doch da war Wiggins schon längst umgekippt.

»Woodward!«

Der Brüller donnerte durch die gesamte Lokalredaktion bis zum letzten Schreibtisch.

Sissi blickte von ihrem Text auf und musterte Cromwell, der ihr gegenübersaß. Der jedoch rührte sich nicht, sondern tippte weiter im schnellen Vier-Finger-System seinen Text in den Computer. Er hatte nie die Ausdauer aufgebracht, mit zehn Fingern schreiben zu lernen.

Ein zweites Mal erscholl der Name des legendären Journalisten, der mit Bernstein zusammen den Watergate-Skandal in den Siebzigern aufgedeckt und damit Nixon zu Fall gebracht hatte.

»Alexander, der Alte ruft dich.« Sissi kannte Cromwell. Wenn der in die Arbeit vertieft war, hörte er mitunter nichts. Manchmal wollte er aber auch nichts hören.

»Ich weiß.« Cromwell tippte zunächst weiter, dann sah er auf. »Aber auf dem Ohr bin ich taub. Noch bestimme ich, worauf ich höre. Und Woodward gehört nicht dazu.«

Der bullige Ressortchef für Lokales kam bereits den Gang zwischen den Schreibtischen heruntergestiefelt. Jeder seiner Schritte erinnerte an den Tyrannosaurus Rex aus Jurassic Park. Cromwell hasste schon jetzt die kommende Auseinandersetzung, denn sie hielt ihn von der Arbeit ab. Immerhin hatte er aus dem Waschzettel, den der Seniorenverein Pro vital anlässlich seiner Gründung der Redaktion unaufgefordert zugeschickt hatte, noch eine vernünftige Meldung zu machen.

»Woodward, warum kommen Sie nicht, wenn ich Sie rufe?« Der Tyrannosaurus stand jetzt mit seinem mächtigen Körper vor den Schreibtischen, mit rotem Gesicht und in die Hüften gestemmten Händen. In der Rechten hielt er dabei ein Stück Papier.

Cromwell hackte noch immer auf die Tastatur ein und zeigte seinem Chef den Rücken. Dann drehte er sich langsam um.

»Weil ich Cromwell heiße und nicht angesprochen war.« Seine blauen Augen funkelten streitlustig.

»Was soll denn der Scheiß?«, zischte Kronberg durch zusammengekniffene Lippen. Vorsichtig schielte er zu Sissi hinüber, die die Auseinandersetzung interessiert verfolgte. Es war eben spannend, ob Vorgesetzter oder Mitarbeiter die Schlacht gewann. »Bisher haben Sie immer reagiert, wenn ich Sie so gerufen habe.«

Cromwell sah ihn mit dem unschuldigsten Augenaufschlag der Welt an. »Es kotzt mich an, dass Sie mich immer dann so rufen, wenn Sie etwas zu mäkeln haben.«

Kronberg lachte rau auf. »Seit wann sind Sie denn so mimosenhaft?« Er stützte sich mit seinen Pranken auf die Schreibtischplatte. »Ich sehe mich als durchaus berechtigt an, Katastrophenreporter wie Sie, die in der Mehrzahl der Fälle nur noch Waschzettel umschreiben, anstatt richtige Geschichten zu finden, auf die Schippe zu nehmen.« Er ließ seine triefenden Augen auf Cromwell ruhen, als mustere eine Dogge das Gewicht des nächsten Steaks. »Mann, Cromwell, Sie müssen den Arsch wieder hochkriegen. Seit zwei Jahren geht es mit Ihnen bergab. Wenn ich noch an Ihre Storys über den Weg der Stasi-Millionen und die Wien-Connection denke. Oder an den Bericht über die Waffenfinanzierung im Bosnienkrieg.«

Cromwell sah seinen Chef lange an. Dann nickte er nachdenklich. All die Storys hatte er geschrieben, als seine alten Freunde ihn noch mit Informationen versorgt hatten. Er hatte ihre Absichten gekannt, aber bei kritischer Filterung war immer genug übrig geblieben, um eine gute Story daraus zu schreiben.

»Sie wissen doch selbst, mit welchem Preis wir uns so manche Informationen erkaufen«, sagte Cromwell ruhig zu Kronberg. Seine Ablehnung, weiter für sie zu arbeiten, schien ihm immer noch richtig.

»Ich bin ein paar Jahre länger im Geschäft. Mir brauchen Sie keine Vorträge zu halten. Man muss die Grenze erkennen.« Kronberg stierte ihn an, als wäre Cromwell das berühmte rote Tuch eines Toreros. »Hier zählt aber immer noch Leistung und nicht Ihre Gefühlswelt. Ich habe eben mit Müller telefoniert. Sie erinnern sich? Der war stinksauer, auch wenn er das in der Sitzung am Mittwoch kaum gezeigt hat. Sie wissen doch, wie er ist, wenn man ihm nicht zuhört.«

Kronberg legte eine Pause ein und schielte zu Sissi. Erst auf ihre Beine, die sie mittlerweile und mit Absicht gut drapiert hatte, dann in ihr Gesicht, um zu sehen, ob sie auch genau aufpasste.

»Er hat mir gesagt, dass Sie bei ihm auf der Abschussliste stehen, wenn nicht bald was Richtiges rüberkommt. Ihr Bonus ist aufgebraucht.«

Cromwell starrte Kronberg feindselig an. »Und du Arschloch kannst dir deine überhebliche Art sonst wohin schmieren!« Seine Stimme war teilnahmslos und kalt. »Vollidioten wie du, die mehr zu den Anzeigenaufträgen schielen und das Gleichgewicht in der Stadt beachten, sind doch der Tod eines freien Journalismus. Was verlangt ihr denn? Wir machen aus jedem Soundbite eines Staatssekretärs eine Staatsaffäre. Auch wenn sein Beitrag nur in einem Husten bestanden hat. Und wie wir aus einem Oneliner ganze Spalten produzieren müssen. Mein Gott, kotzt mich das an. Jeden Tag jazzen wir Halbsätze zu Schlagzeilen hoch, damit dann hinterher die Rechtsabteilung wieder was zu tun hat, um Gegendarstellungen abzuwehren.«

»Mein Gott – ein Idealist!«, schnaubte Kronberg. Schon immer hatte er die widerspenstige Art dieser deutsch-amerikanischen Genmischung gespürt. »Cromwell, wenn ich Sie heute rauswerfen würde, dann würden Sie trotzdem bis Mitternacht, bis zur letzten Minute, Ihren Vertrag erfüllen. Und wenn ich will, fahren Sie noch heute Abend zum Landwehrkanal und sehen nach, ob das Gerücht tatsächlich stimmt, dass die Leiche von Rosa Luxemburg erneut angeschwemmt worden sei.«

»Muss das jetzt sein?« Sissi sah beschwichtigend zu Cromwell hinüber, der in stoischer Ruhe abwartete. »Üblicherweise werden solche Gespräche doch unter vier Augen geführt, oder?«

Kronberg grinste zufrieden.

»Halt dich da raus, Sissi.« Cromwells Stimme war entschlossen. Die Blicke der beiden Männer verhakten sich ineinander. »Der Macho muss mir doch beweisen, dass er als Chef der Stärkere ist und mehr von dem Job versteht als ich. Wenn er mich kippen will, dann kippt er mich.«

»Ihr seid beide verrückte Sturköpfe.«

Cromwells Telefon klingelte. Kronberg machte den Mund wieder zu und schielte erneut auf Sissis Beine. Nach einem kurzen Zögern nahm Cromwell den Hörer ab.

Es war sein Halbbruder.

»Alexander, ich bin in Schwierigkeiten.«

»Ich auch«, knurrte Cromwell zurück, der die Schwierigkeiten seines Halbbruders hasste wie die Pest. Denn sie waren immer noch größer als seine eigenen.

»Kannst du gleich kommen?«

»Ich kann eigentlich nicht. Clinton ist in der Stadt.«

»Bitte!«

»So wichtig?«

»Schlimmer.«

Cromwell sah zu Sissi hinüber und zeigte mit dem Zeigefinger auf sich und dann zur Tür. Sie nickte. Kronberg stand immer noch ungeduldig wartend vor dem Schreibtisch.

»Wie schlimm?«

»Ist dir eine Leiche in meiner Wohnung schlimm genug?«

KAPITEL 4

Freitag, 2. Juni 2000

Die Leiche war nackt und lag auf dem Rücken. Die Augen starrten leer und mit einem ungläubigen Ausdruck an die weiß getünchte Decke.

Der Mund stand offen, die Arme waren seltsam abgewinkelt. Der Körper schien seltsam weiß, fast porzellanfarben. Als habe sich das Blut innerhalb von Minuten aus dem Körper gestohlen. Dabei sah Cromwell keine Wunde und keine Blutlache auf dem Teppichboden.

»Hast du ihn berührt?« Cromwell stand gut einen Meter entfernt und nahm die Einzelheiten in sich auf. Sein Bruder war dicht neben ihm.

»Nachdem er umgekippt ist, nein.«

Cromwell verzog das Gesicht.

»Wie ist es passiert?«

»Willst du das wirklich wissen?« Marc Semmler wischte sich mit der Hand eine blonde Strähne aus dem dezent geschminkten Gesicht.

Cromwells Blick fiel auf die manikürten Fingernägel. Sein Halbbruder pflegte seinen Körper mit Hingabe. Ein Fingernagel war abgebrochen. Wenn Marc richtig drauf wäre, bekäme er wegen solch einer Kleinigkeit einen Wutausbruch. Beim ersten Mal, als sein Bruder wegen einer falschen Bodylotion total abgedreht war, hatte er es noch als Show aufgefasst. Aber Marc war es mit so etwas ganz ernst, und er nahm es jedem übel, der ihn nicht verstand.

»Eher ungefähr«, antwortete Cromwell.

»Mitten beim Bumsen«, sagte Marc trocken und mitleidslos. »Hätte nie gedacht, dass man das Zittern des Körpers beim Herzinfarkt bis in den Schwanz spürt. Fast wie bei einem Orgasmus.«

Cromwell sah ihn ärgerlich an. Dem Tod sollte man mit Respekt begegnen. Er war der endgültige und absolute Gegenbeweis für die menschliche Illusion, sich selbst bestimmen zu können.

»Das Zittern, meine ich natürlich.«

Mit einem Seufzen drehte sich Cromwell ab. Das Zimmer war dem Zweck entsprechend eingerichtet. Es gab eine breite Liege, und an der Stirnwand hinter einem Vorhang war ein Andreaskreuz befestigt mit Schlaufen, um Arme und Beine festzuschnallen.

Cromwell war schon lange über den Punkt hinaus, sich über den Lebensstil seines Halbbruders aufzuregen. Wenn Marc schwul war und seinen Körper auch noch verkaufte, dann war das seine Sache.

Marc war ein Nachzügler, genau zwanzig Jahre später geboren als er selbst. Nachdem seine Eltern sich getrennt hatten, waren für Cromwell verschiedene Ersatzväter gefolgt, bis seine Mutter mit Robert Semmler, einem Beamten in einem der bezirklichen Liegenschaftsämter Berlins, eine endgültige Basis gefunden hatte. Da war Cromwell bereits achtzehn gewesen und von zu Hause ausgezogen.

Seine Mutter war neununddreißig gewesen, als Marc geboren worden war. Der Vater hatte nie eine Vertrauensbeziehung zu seinem Sohn aufbauen können, der schon früh in Berlin wie ein Rüde durch sein Revier gestreunt war. Erster Drogenkonsum, Verkauf des Körpers, um Geld zu beschaffen. Da war Marc vierzehn gewesen.

Cromwell erinnerte sich genau, wie er als großer Bruder Marc in einem Gespräch die Leviten hatte lesen und ihn auf den rechten Weg zurückbringen wollen. Marc hatte sich die Belehrungen still angehört und dazu gelächelt. Dann war er aufgestanden. Er hatte Cromwell mit zuckersüßem Lächeln an den Hoden gefasst, ihn geküsst und ihm die Zunge in den Mund gestoßen. Dabei hatte er gestöhnt: »Komm, ich zeig dir eine neue Welt. Ich bin gut. Und wenn du willst, mach ich es auch umsonst. Beim ersten Mal jedenfalls.«

Cromwell war ausgerastet und hatte Marc verprügelt. Seither sahen sie sich nur selten und meistens dann, wenn Marc Ärger hatte. Im letzten Jahr war das zweimal der Fall gewesen.

Marc war bei der Polizei von einem so genannten Freund angeschwärzt worden, er deale mit Drogen. Sie hatten seine Bude auf den Kopf gestellt und ihn eingebuchtet, obwohl sie keine Beweise gefunden hatten. Cromwell hatte ihm einen Anwalt besorgt.

Beim zweiten Mal hatte Marc mit einem seiner Freunde Fotos von einem Bundestagsabgeordneten beim Liebesspiel gemacht. Dann war er die Erpressertour geritten. Durch Zufall hatte Cromwell von einem Polizisten, den er gut kannte, Einzelheiten erfahren und noch rechtzeitig dafür gesorgt, dass Marc die Kiste abbrach, indem er einfach die Geldübergabe platzen ließ. Da Marc beim ersten Kontakt keine Fotos mitgeliefert, sondern nur gedroht hatte, hatte es außer dem ersten Erpresserschreiben keine Beweise gegeben. Zwar war die Polizei bei Marc aufgetaucht, aber sie hatten ihm nichts nachweisen können.

»Was machen wir nun?«

»Wir?« Cromwell lachte. »Du! Das ist ein Problem, bei dem ich dir auch nur noch bedingt helfen kann.

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