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Die Sehnsucht des Pferdeflüsterers

Stella Bagwell

Die Sehnsucht des Pferdeflüsterers

1. KAPITEL

Was zum Teufel machst du eigentlich hier?

Gabriel Trevino hob die Bierflasche an die Lippen und ließ den Blick über die Menschenmenge auf der weiten Rasenfläche wandern. Normalerweise beschränkte sich seine Teilnahme an gesellschaftlichen Ereignissen auf ein Bier mit seinen Freunden beim Rodeo.

Aber das hier war nicht zu vergleichen mit jener Art von Unterhaltung, bei der Kautabak gespuckt und deftig geflucht wurde. Selbst die steifen, offiziellen Partys, auf die Sherleen ihn während ihrer unglückseligen Beziehung geschleift hatte, verblassten im Vergleich zu diesem rauschenden Fest auf der Ranch Sandbur.

Es gab von allem nur das Beste: Das Essen, die Getränke, die fünfköpfige Band, die funkelnden Diamanten an den Hälsen und Handgelenken der Frauen – all das war auserlesen.

Das gibt es nur in Texas, dachte Gabe spöttisch, dass Frauen ihre besten Klamotten und größten Klunker zu einem Barbecue unter freiem Himmel tragen.

Er lehnte sich an den Stamm einer riesigen Lebenseiche und beobachtete das Treiben auf dem mobilen Tanzparkett, das einige Meter vom Haus entfernt aufgestellt worden war. Gerade tummelten sich darauf zahlreiche Paare. Einige waren alt, andere jung, aber alle hatten einen Mordsspaß daran, die Fersen im Rhythmus des Countrysongs Cotton Eyed Joe hochzuwerfen.

„Was ist mit Ihnen, Gabe? Tanzen Sie nicht gern?“

Er blickte über die Schulter und sah seine Chefin Geraldine Saddler auf sich zukommen. Die elegante Frau mit dem silbernen Haar wirkte nicht wie eine Person, die fähig war, Rindern ein Brandzeichen zu verpassen. Doch seit er vor zwei Monaten auf die Ranch gekommen war, hatte er sie Dinge tun sehen, bei denen sogar manchem Cowboy nicht ganz wohl war. „Manchmal schon“, erwiderte er.

„Aber momentan nicht?“

Es war ihm peinlich, dass ihm sein Unbehagen anzumerken war. Er stieß sich von dem Baumstamm ab und drehte sich zu ihr um. „Momentan reicht es mir, einfach zuzusehen, Ma’am.“

Sie strahlte Liebenswürdigkeit und Anmut aus, und einen Moment lang fragte er sich, wie das Leben seiner Mutter wohl verlaufen wäre, wenn auch sie im Wohlstand statt in Armut gelebt hätte.

„Das ist die erste Party, die wir geben, seit Sie auf der Ranch sind“, bemerkte Geraldine. „Ich möchte, dass Sie sich amüsieren.“

„Na ja, es ist eine nette Feier, Mrs Saddler. Wirklich nett.“

Schmunzelnd hakte sich bei ihm unter. „Kommen Sie mit, Gabe. Ich will Sie jemandem vorstellen.“

Um sie nicht zu beleidigen, ließ er sich durch das Gedränge ausgelassener Partygäste zu einem Patio führen, auf dem mehrere Leute im Kreis standen.

Lex Saddler zählte zu ihnen. Er war ihr Sohn und verantwortlich für den Viehverkauf auf Sandbur. Anscheinend sagte er gerade etwas Lustiges, denn die große blonde Frau neben ihm lachte lauthals. Sie trug ein knappes weißes Sommerkleid mit leuchtenden tropischen Blumen. Das Oberteil wurde von hauchdünnen Spaghettiträgern gehalten. Im Gegensatz zu den meisten anwesenden jungen Frauen war sie nicht spindeldürr, sondern versteckte unter dem Kleid verführerische Kurven.

Als Gabe und seine Chefin sich der Gruppe näherten, drehte sich die Blondine zu ihnen um. Ein unbehaglicher Ausdruck huschte über ihr Gesicht, als sähe sie in ihm einen Wolf im Schafspelz.

„Mercedes, komm mal her!“, rief Geraldine ihr zu. „Ich möchte dir jemanden vorstellen.“

Das ist also Geraldines Tochter. Die Schwester von Lex und Nicci.

Sie war der Grund dafür, dass scharenweise Gäste auf die Ranch geschwärmt waren. Sie löste sich aus dem Kreis und näherte sich.

Der dezente Duft eines teuren Parfums stieg ihm in die Nase. Es kostete ihn Mühe, den Blick auf ihr Gesicht zu heften, anstatt ihre üppigen Rundungen zu begaffen.

„Gabe, das ist meine Tochter Mercedes. Und das ist Gabriel Trevino. Er ist unser neuer Pferdetrainer.“

Die Frau wirkte jung, viel jünger als er mit seinen fünfunddreißig Jahren. Aber ihre tiefblauen Augen musterten ihn mit einem Scharfsinn, der von ungewöhnlicher Reife kündete. Sie war eine verführerische Schönheit mit starker Anziehungskraft.

Er schob die Krempe seines Strohhuts zurück und nickte ihr zu, woraufhin sie ihm die Hand reichte.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Trevino.“

Er schloss die Finger um ihre und staunte, wie fest ihr Händedruck war. „Die Freude ist ganz meinerseits, Ms Saddler.“

Sicher, dachte Mercedes ironisch. Denn ihm stand Langeweile ins Gesicht geschrieben. Aber was für ein Gesicht es war! Die markante Kieferpartie, das eckige Kinn mit Grübchen und die klassische römische Nase kündeten von Arroganz. Wolkengraue Augen blickten sie unter dichten schwarzen Brauen an. Und sein Mund – nun, er könnte verführerisch sein, würde ein Lächeln um die Mundwinkel spielen. Stattdessen war er zu einer abschätzigen Linie zusammengekniffen.

Sehr zu ihrem Missfallen erweckte sein Verhalten ihre Neugier, und sie hielt seine Hand weiterhin fest. Teilweise, weil sie die Berührung als angenehm empfand, aber auch, weil sie wusste, dass es sein Unbehagen verstärkte. „Sie haben also den Job meines Cousins Cordero übernommen“, überlegte sie laut. „Wie gefällt es Ihnen hier auf Sandbur?“

Er schaute zu Geraldine, und über ihr Gesicht huschte ein warmes Lächeln. Anscheinend sah sie in diesem Mann mehr als nur einen gewöhnlichen Pferdetrainer. Sie war nun einmal eine Person, die zu all ihren Angestellten eine enge Beziehung entwickelte und sich immer auf das Gute statt auf das Schlechte im Menschen konzentrierte.

„Es gefällt mir gut“, antwortete er ruhig. „Ihre Familie hat mich sehr großzügig und liebenswürdig aufgenommen.“

Seine Stimme hatte eigentlich nichts Außergewöhnliches an sich, doch etwas an dem tiefen Klang machte Mercedes ein wenig atemlos. Albern, sagte sie sich selbst. Sie wollte dem Gefühl nicht nachgeben.

Es wird verschwinden – genau wie dieser Mann. Früher oder später verlässt er die Ranch wieder. Er wirkt eindeutig nicht wie der Typ, der Wurzeln schlägt.Sandbur hat einen ausgezeichneten Bestand an Pferden“, bemerkte sie. „Es wird Ihnen sicher Spaß machen, mit ihnen zu arbeiten. Onkel Mingo ist legendär im Umgang mit ihnen.“

„Ihr Onkel ist ein ganz besonderer Mensch.“

Ihre Finger begannen zu schwitzen, sodass sie sich gezwungen sah, seine Hand loszulassen.

„Gabe arbeitet seit Jahren mit Problempferden“, verkündete Geraldine stolz. „Er hilft ihnen, schwierige Phasen zu überwinden, und bringt ihnen bei, sich mit dem Menschen zu verbinden, anstatt sich gegen ihn aufzulehnen. Wir können von Glück sagen, dass wir ihn bei uns haben.“

Er kann also verwundete Tiere zähmen. Was bringt er wohl bei Frauen zustande? Mercedes blickte zu seinen Händen. Seine Ringfinger waren nackt. Das überraschte sie nicht. Offensichtlich gab es keine Frau im Hintergrund, die seine Ecken und Kanten ausbügelte. Er wirkte hart wie Stahl und wild wie ein Mustang. „Das muss eine große Herausforderung sein.“

Seine Mundwinkel hoben sich ein wenig.

Beschämt und auch erschrocken stellte sie fest, dass ein Schauer durch ihren Körper rann. Jede Frau würde Gefallen an ihm finden, so ausgeprägt männlich und sexy, wie er wirkt. Das redete sie sich fest ein. Doch es war Jahre her, seit ein Mann auch nur einen Funken sexuelles Interesse bei ihr geweckt hatte. Warum also entfachte dieser Pferdekenner die längst erkaltete Glut?

„Genau deswegen tue ich es“, teilte er ihr mit.

Sie suchte in seinem Gesicht nach einem tieferen Sinn hinter seinen Worten, als Lex ihr unvermittelt zurief: „He, Mercedes, komm mal her! Hier ist jemand für dich!“

Sie drehte sich um und erkannte einen alten Mitschüler, den sie seit einer Ewigkeit nicht gesehen hatte. Er war nett, aber langweilig und dadurch ungefährlich. Und damit konnte sie momentan besser umgehen als mit Gabe, dem sie knapp erklärte: „Ein alter Freund ruft mich. Würden Sie mich bitte entschuldigen?“

Seine Miene blieb stoisch. „Gewiss, Ms Saddler.“

In den nächsten Stunden plauderte, lachte und tanzte Mercedes mit der Gästeschar, die ihr zu Ehren erschienen war. Sie war gerade erst wieder nach Sandbur zurückgekehrt. Eigentlich war ihr noch nicht danach zumute, an einer gesellschaftlichen Veranstaltung teilzunehmen. Sie hätte sich etwas mehr Zeit gewünscht, um sich wieder in der Zivilisation und auf der Ranch zurechtzufinden. Doch sie wollte ihre Mutter nicht enttäuschen, der diese Willkommensparty sehr wichtig war.

Außerdem sind das alles deine Freunde. Mit Ausnahme von Gabriel Trevino.

Trotz zahlreicher Zerstreuungen gelang es ihr den ganzen Abend nicht, den Pferdetrainer aus ihren Gedanken zu verdrängen. Was wirklich sehr töricht war. Sie hatten lediglich ein paar Sätze miteinander gewechselt, und sie konnte seine spärlichen Worte nicht anders als höflich bezeichnen. Da war nichts, was aus dem Rahmen fiel. Und doch glaubte sie, eine vage Herablassung ihr gegenüber in seiner Haltung bemerkt zu haben, als ob er sie für langweilig hielt – oder schlimmer noch, für eine verwöhnte Göre. Darüber ärgerte sie sich noch Stunden später, als ihr Bruder sie über das Parkett wirbelte.

„Du bist immer noch so leichtfüßig wie eh und je“, bemerkte Lex mit einem Grinsen. „Ich schätze, die vielen Ballettstunden in deiner Kindheit haben sich bezahlt gemacht.“

Sie lachte. „Unsere arme Mutter! Ich habe ständig mit ihr darüber gestritten.“

„Du wolltest Chaps statt Ballettröckchen tragen.“

Mercedes seufzte. Wie lange lag dieses unschuldige Alter schon zurück! Wäre ihr Leben nur so einfach und behütet geblieben! „Ich war eben ein Wildfang. Cowboyhosen waren mir wirklich lieber!“ Sie lachte leise. „Mom wollte ein feines Mädchen aus mir machen, wie Nicci eins ist. Bei Daddy war es auch so.“

„Das stimmt nicht. Dad hat dich so geliebt, wie du warst.“

Sie sah einen Schatten über das hübsche Gesicht ihres Bruders huschen. Er vermisste ihren Vater noch immer schmerzlich. Ihr selbst erging es nicht anders. Sie hätte alles dafür gegeben, ihn bei sich zu haben. Doch Paul Saddler war vor elf Jahren ums Leben gekommen.

Lex wechselte das Thema. „Amüsierst du dich?“

Sie lächelte. „Natürlich. Es ist eine nette Party. Mom hat sich selbst übertroffen. Und Cook beherrscht immer noch ihre unvergleichliche Kunst. Die Rinderbrust ist mir förmlich auf der Zunge zergangen.“

„Ich wette, auf Diego Garcia hast du nie so etwas Gutes bekommen.“

„Das stimmt.“ Die Militärbasis auf der winzigen Insel im Indischen Ozean war nicht auf Partys oder texanische Hausmannsgerichte ausgerichtet. Mercedes hatte die letzten zwei Jahre ihres achtjährigen Einsatzes bei der Air Force dort verbracht und darüber fast vergessen, wie luxuriös das Leben hier auf Sandbur war. „Immerhin gab es Truthahn zu Thanksgiving“, sagte sie lachend. „Allerdings musste er extra eingeflogen werden.“

„Wir haben dich sehr vermisst und sind verdammt froh, dass du wieder zu Hause bist. Falls du vorhast, je wieder wegzugehen, kriegst du es mit uns allen zu tun. Denk daran, wenn dich die Reiselust wieder packt!“

Die Worte erweckten in ihr das Gefühl, willkommen zu sein, doch gleichzeitig erregten sie Unbehagen. Die ganze Familie ging einfach davon aus, dass sie zu bleiben gedachte. Aber sie war ganz und gar nicht davon überzeugt, dass es ihr bestimmt war, den Rest ihres Lebens auf der Ranch zu verbringen. Nicht, wenn alte Erinnerungen und vergangene Irrtümer sie auf Schritt und Tritt verfolgten.

Während sie versuchte, das verstörende Thema Zukunft zu verdrängen, glitt ihr Blick an Lex vorbei zu einem anderen Paar auf dem Parkett. Den ganzen Abend über hatte sie den Pferdetrainer nicht das Tanzbein schwingen sehen. Sie war schon davon ausgegangen, dass er sich nichts daraus machte, doch anscheinend war das ein Irrtum. Denn nun schmiegte sich Alice Woodson hingebungsvoll in seine Arme und schien jede Sekunde auszukosten.

Wen wundert’s? Das Biest war schon in der Highschool mannstoll.

„Hallo, Schwesterherz? Der Song ist vorbei. Willst du noch eine Sohle aufs Parkett legen?“

Mercedes schreckte aus ihren Gedanken auf. „Ich setze lieber eine Runde aus. Ich bin durstig.“

Lex legte ihr einen Arm um die Taille und schob sie vom Parkett zur Bar.

Unwillkürlich fragte sie: „Hast du eine Ahnung, warum Alice eingeladen wurde?“

„Sie ist eine alte Klassenkameradin von dir, oder etwa nicht?“

„Doch. Aber ich hab sie nie gemocht“, murrte Mercedes. „Auch wenn es anscheinend jemand hier tut.“

Er folgte ihrem Blick zu Gabe, der Alice gerade von der Tanzfläche zu einem Tisch führte, und lachte. „Er ist nur galant. Ich glaube nicht, dass er sich viel aus Frauen macht.“

Sie runzelte die Stirn und wählte eine Limonade aus dem reichhaltigen Getränkeangebot. „Was meinst du damit?“

„Ich glaube, er hat eine schlechte Erfahrung gemacht und will sie nicht unbedingt wiederholen.“

Das konnte sie allerdings nachvollziehen. Seit acht Jahren ging sie Männern aus dem Weg und redete sich ein, dass sie allein viel besser dran war.

Sie nahm einen Schluck aus der Dose und beobachtete den Pferdetrainer dabei verstohlen aus den Augenwinkeln. Er war groß, mit breiten Schultern und schmalen Hüften. Die Jeans und das karierte Flanellhemd entsprachen wahrscheinlich seiner alltäglichen Montur, und doch trug er die legere Kleidung mit so viel Klasse, dass alle anderen Männer im Vergleich lächerlich overdressed wirkten.

Sie presste die Lippen zusammen, als Alice ihm eine Hand auf den Arm legte und sich verführerisch zu ihm vorbeugte. „Dann sollte er sich lieber von ihr fernhalten. Sonst verschlingt sie ihn noch.“

Lex schmunzelte. „Wenn du dir solche Sorgen um ihn machst, dann geh ihn doch retten und fordere ihn auf.“

Damals in der Highschool war Mercedes kühn genug gewesen, um einen Jungen um einen Tanz oder sogar ein Date zu bitten. Aber seit sie erwachsen war, seit sie geliebt und verloren hatte, besaß sie Männern gegenüber keine Courage mehr. Und inzwischen verspürte sie nicht einmal das Bedürfnis, dem anderen Geschlecht nahezukommen. „Ich? Nein. Ich bin nicht der Typ, einen Mann um irgendwas zu bitten.“

„Wir werden wohl ein bisschen hochnäsig, wie?“, spottete Lex.

Ganz im Gegenteil. Es hätte ihn schockiert, wie unsicher sie war. Doch sie wollte ihn nicht wissen lassen, dass sich seine einst furchtlose Schwester in ein zaghaftes Wesen verwandelt hatte, das Männer als Bedrohung, nicht als Quelle der Freude und Kameradschaft ansah. „Nein“, sagte sie schroff. „Ich bin eher schlau geworden.“

Er verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Feigling.“

Sie seufzte und fragte sich, warum es ihm immer gelang, sie zu provozieren. Er hätte alles andere sagen können. Und es wäre von ihr abgeprallt. Aber seit der Rückkehr auf die Ranch war ihr klar geworden, dass eine Saddler zu sein bedeutete, sich Problemen zu stellen. Sie wollte ihm beweisen, dass sie des Familiennamens noch immer würdig war.

Mit einem Grinsen warf sie den Kopf zurück und machte sich auf den Weg zu Gabriel Trevino. Es geht schließlich nur um einen Tanz, sagte sie sich, da kann ich einen Korb verkraften. Zielstrebig trat sie an den Tisch.

Alice legte ein falsches Lächeln auf und fragte in zuckersüßem Ton: „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du fantastisch aussiehst? Wie nach einem ausgedehnten Kuraufenthalt. Die Air Force scheint lasch zu werden. Offensichtlich musstest du nicht mit einem Gewehr durch den Dschungel robben.“

„Wie schön, dich zu sehen. Ich bin froh, dass du kommen konntest“, erwiderte Mercedes betont höflich. Dann wandte sie sich an Gabe. „Darf ich um diesen Tanz bitten, Mr Trevino? Wenn die Band Western Swing von Bob Wills spielt, kann ich die Füße nicht stillhalten, und Lex ist leider total ausgepowert.“

Einen Moment lang spiegelte seine Miene Überraschung wider. Dann sagte er zu Alice: „Entschuldige mich bitte.“ Er stand auf, nahm Mercedes am Arm und führte sie zum Tanzboden. „Was sollte das? Haben Sie was gegen die Frau?“

„Nicht wirklich. Ich dachte nur, Sie sollten wissen, dass sie ein Vamp ist. Sie hat schon zwei Ehegatten hinter sich gebracht und ist noch nicht mal dreißig.“

Er schmunzelte. „Sehe ich etwa wie ein Mann aus, der nicht auf sich selbst aufpassen kann?“

Er sieht wie ein Mann aus, der alles bewältigen kann, dachte sie. Aber sie kannte ihn noch nicht lange genug, um ihm solche Komplimente zu zollen. „Das weiß ich nicht. Können Sie es?“

„Immerhin habe ich fünfunddreißig Jahre überlebt. Ich komme ganz gut klar.“

Als sie das Parkett erreichten, verklang der flotte Countrysong, und der Leadsänger stimmte eine romantische Ballade über eine verlorene Liebe an.

Mercedes hatte nicht beabsichtigt, eng mit Gabe zu tanzen, doch ihr blieb nichts anderes übrig, als sich in seine Arme zu begeben und zur Musik zu wiegen.

Er legte ihr eine Hand in Taillenhöhe auf den Rücken und fragte unverhohlen: „Warum haben Sie mich aufgefordert?“

Seine Armmuskeln waren steinhart, und obwohl sie sich bemühte, Abstand zwischen ihren Körpern zu halten, streifte ihr Busen seine Brust, und ihr Schenkel glitt zwischen seine. Trotz der langsamen Schrittfolge fühlte sie sich atemlos, und ihr Körper prickelte vor Aufregung.

„Ehrlich gesagt hat Lex mich dazu herausgefordert. Ich war nämlich besorgt wegen Ihnen und Alice, und er meinte, ich sollte Sie retten. Also habe ich es getan.“

„Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt oder beleidigt fühlen soll.“

Und sie wusste nicht, warum dieser Fremde nach Jahren der Enthaltsamkeit ihre schlafende Lust erweckte. „Ich würde mich mit keinem von beidem abmühen. Es ist doch nur ein Tanz.“

Obwohl sie den Kopf zur Seite gedreht hielt, wusste sie, dass er sie musterte. Sie spürte seinen Blick über ihre Wange hinunter zum Ausschnitt ihres Kleides gleiten. Gleichzeitig rutschte die Hand auf ihrer Taille nach oben, bis seine Finger ihre nackten Schultern berührten.

Irgendwo tief im Innern erwachte unverhofft ein flackerndes Flämmchen und brach zu einem Inferno aus. Diese heftige Reaktion beunruhigte sie, und sie konnte nur beten, dass er ihr im schummrigen Licht der Dämmerung nichts davon ansah.

„Ich dachte, Sie wären einfach nur großmütig“, sagte er an ihrem Ohr, „und wollten dem Handlanger einen Tanz mit einer Hoheit gewähren.“

Sie legte den Kopf in den Nacken und starrte ihn finster an. „Nur zu Ihrer Information: Ich betrachte mich selbst nicht als Prinzessin und Sie nicht als Handlanger. Haben Sie etwa Minderwertigkeitskomplexe?“

Gabe hatte sich noch nie seiner Person oder Position geschämt. Er war vielmehr stolz darauf, wer und was er war. „Ich habe es nur nicht nötig, dass Sie mich bemitleiden, Mrs Saddler. Ich mag mich selbst.“

Sie lachte überraschend herzhaft und steckte ihn damit an.

„Bitte nennen Sie mich Mercedes. Und zu Ihrer Beruhigung: Sie sind der letzte Mensch, den ich für bemitleidenswert halte.“

Ihm ging durch den Kopf, wie fantastisch sie sich in seinen Armen anfühlte. Es war wie ein sanfter warmer Traum, in dem ein Vergnügen in das andere überging und jede Berührung die freudige Erregung steigerte.

Er rang um Zurückhaltung. Auch wenn sie eine Sünde wert war und seine letzte Affäre lange zurücklag, musste er nicht gleich zu einem Casanova mutieren. Schließlich hatte er auf die harte Tour gelernt, welchen Preis es für eine Frau wie sie zu zahlen galt. „Alice hat etwas über die Air Force gesagt. Waren Sie deswegen so lange von der Ranch fort?“

Sie nickte. „Acht Jahre. Ich war für Informationsbeschaffung zuständig.“

Das wunderte ihn. Eine Frau wie sie hatte es nicht nötig zu arbeiten, geschweige denn das strikte disziplinierte Leben beim Militär zu führen. Er musste sich eingestehen, dass er ihren Ehrgeiz bewunderte – und dass ihn brennend interessierte, was sich in den Tiefen ihrer blauen Augen verbarg. „Was hat Sie dazu gebracht, zum Militär zu gehen?“

Gelassen zuckte sie mit einer Schulter, doch sie wandte den Blick ab. „Wir beide sind uns ähnlicher, als Sie glauben. Ich mag auch Herausforderungen. Aber was ist mit Ihnen? Wie sind Sie hier auf Sandbur gelandet?“

„Ich habe Cordero auf einem Pferdeseminar in Louisiana kennengelernt. Ihm hat meine Arbeitsmethode gefallen, und er hat mich gefragt, ob ich interessiert wäre, hierherzukommen.“

„Offensichtlich waren Sie es.“

„Sieht ganz so aus.“ Der Song endete. „Möchten Sie noch eine Runde?“

„Ich sollte die anderen Gäste nicht länger ignorieren, die meinetwegen gekommen sind.“

„Dann bedanke ich mich für diesen Tanz.“ Er hob ihre Hand an die Lippen und küsste die zarte Haut.

Mit großen Augen fragte Mercedes: „Haben Sie das bei Alice auch gemacht?“

Er grinste. „Nein. Sie tanzt bei Weitem nicht so gut wie Sie.“

Sie musterte ihn einen spannungsgeladenen Moment lang und schmunzelte dann. „Wenn das so ist, werde ich den Kuss nicht wegwischen.“ Bevor er sich dazu äußern konnte, entzog sie sich seinen Armen und eilte vom Parkett.

Gabe blickte ihr nach und fragte sich, warum er sich fühlte, als wäre er gerade höchst unsanft aus dem Sattel gefallen.

2. KAPITEL

Es war weit nach Mitternacht, als die Party endete und Mercedes schließlich ins Bett kam. Doch obwohl sie erschöpft war, schlief sie unruhig und schreckte lange vor Tagesanbruch auf. Schweißgebadet und verwirrt setzte sie sich auf und legte sich eine Hand an die Stirn. Mit brennenden Augen ließ sie den Blick über Wände und Möbel gleiten, während sie darauf wartete, dass sich ihr Kopf klärte.

Es ist alles gut. Du bist auf Sandbur , in dem alten Zimmer, in dem du als Kind gespielt hast, in dem deine Freundinnen bei dir übernachtet haben.

Sie hatte geträumt. Von einem Mann und einem Pferd auf einer Koppel. Das Tier war auf ihn losgegangen, hatte sich aufgebäumt und mit den Vorderhufen auf ihn eingetreten.

Gabe!

Sie hatte von Gabriel Trevino geträumt. Diese Erkenntnis wühlte sie beinahe ebenso auf wie der lebhafte Traum an sich. Sie war nicht in Gedanken an ihn ins Bett gegangen. Vielleicht war ihr der Handkuss kurz vor dem Einschlafen flüchtig in den Sinn gekommen, aber sie hatte sich nicht darauf konzentriert.

Da sie auf keinen Fall wieder einschlafen konnte, stand sie mit einem Seufzen auf und ging ins Badezimmer.

Wenige Minuten später, gekleidet in Jeans, Stiefel und ein leichtes Sommerhemd, schlich Mercedes durch das stille Haus. In der Küche stellte sie fest, dass noch nicht mal die Köchin aufgestanden war.

Flüchtig überlegte sie, ob sie Kaffee kochen sollte. Dann beschloss sie zu warten, bis der Rest der Familie aufstand und ihr Gesellschaft leisten konnte.

Sie verließ das Haus durch den Hinterausgang und spazierte zum Pferdestall. Aus der Schlafbaracke sah sie einen schwachen Lichtschein fallen. Schon bald würden die Cowboys ihre Pferde einfangen und für den Arbeitstag satteln.

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