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Die Sehnsucht der Nacht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel eins
  7. Kapitel zwei
  8. Kapitel drei
  9. Kapitel vier
  10. Kapitel fünf
  11. Kapitel sechs
  12. Kapitel sieben
  13. Kapitel acht
  14. Kapitel neun
  15. Kapitel zehn
  16. Kapitel elf
  17. Kapitel zwölf
  18. Kapitel dreizehn
  19. Danksagungen

Über die Autorin

Christine Feehan lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren elf Kindern in Kalifornien. Sie schreibt seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Romane stürmen regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten, und sie wurde in den USA bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Auch in Deutschland erfreut sich die Autorin einer stetig wachsenden Fangemeinde.

Auf Christine Feehans englischsprachiger Homepage
www.christinefeehan.com
erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

Für Brooke Borneman und Diane Stacey
Als Dank für alles, was ihr tut

Kapitel eins

Blitze durchzuckten die Wolken wie Peitschen aus weißglühender Energie, die den Nachthimmel erhellte. Die Erde grollte und schwankte verunsichert und ängstlich, als die Kreatur sich durch das Erdreich an die Oberfläche wühlte, wo sie augenblicklich jedes Lebewesen verdarb, das sie berührte. Blätter schrumpelten und verfärbten sich schwarz. Die Luft vibrierte vor Unruhe. Der Vampir hockte auf dem Boden, wandte den Kopf mal in diese, mal in jene Richtung, lauschte und wartete. Eine Mischung aus Triumph und Furcht brachte sein durchtriebenes Gehirn und sein verdorrtes Herz zum Rasen. Er war der Köder, und er wusste, dass der Jäger dicht hinter ihm war und seine Spur verfolgte, die ihn geradewegs in eine Falle führen würde.

Traian Trigovise grub sich durch die Erde und folgte dem Gestank des Untoten. Es erschien ihm jedoch viel zu leicht, die Spur zu deutlich. Kein Vampir würde solch offenkundige Hinweise auf seine Anwesenheit hinterlassen, sofern er nicht ein völlig unbedarfter Neuling war, und Traian war sicher, dass er es hier mit Kraft und Durchtriebenheit zu tun hatte. Er war ein uralter karpatianischer Jäger, Angehöriger einer nahezu unsterblichen Spezies, die gesegnet und verflucht war mit Langlebigkeit und zeitlosen Talenten. Wie jeder Karpatianer musste auch Traian eine Seelengefährtin finden, die ihn erst vervollständigen würde. Vor allem war er jedoch ein Raubtier, das imstande war, zum abscheulichsten und übelsten aller Geschöpfe, einem Untoten, zu werden. Nur pure Willenskraft und

Verantwortungsbewusstsein seiner Rasse gegenüber bewahrten ihn davor, dem heimtückischen Gewisper und dem Ruf der Macht anheimzufallen.

Als der Tunnel in Richtung Erdoberfläche abbog, wühlte Traian sich noch eifriger durch das Erdreich, ertastete sich den Weg nach oben und lauschte dem Herzschlag und der Energie des Erdbodens um ihn herum. Alles war still, sogar die Insekten, die von den Untoten oft angelockt und herbeigerufen wurden. Oben angekommen, ließ er den Blick über die Umgebung gleiten und entdeckte drei leere, kahle Stellen auf dem Boden, die deutliche Anzeichen dafür waren, dass sich mehr als ein Vampir in der Nähe aufhielt.

Er fand ein Gewirr von dicken, knorrigen Wurzeln, das bis tief in die Erde hineinreichte und in dem es nur so wimmelte von Leben. Mit einem leisen, respektvollen Flüstern berührte er die längste und tiefste Hauptader und spürte ihre Lebenskraft. Dann sang er ebenso leise in der alten Sprache, bat um Einlass und spürte, wie die Antwort durch den dicken alten Baum vibrierte. Laub erzitterte, als der Baum sich dem Mond entgegenstreckte und die Dunkelheit herabrief, obwohl auch er vor der Präsenz der abscheulichen Kreaturen zurückschreckte. Der Baum gab Geheimnisse preis und versprach zu helfen. Gleichzeitig breitete er seine Wurzeln aus, um Traian Zugang zu dem komplizierten Netzwerk zu verschaffen, das den mächtigen Stamm des Baumes schützte und ernährte.

Der Jäger achtete darauf, weder die Erde noch das Wurzelgeflecht durcheinanderzubringen, als er sich durch das Labyrinth bewegte und einen Platz suchte, von dem aus er seine Umgebung überschauen konnte. Zwischen den Wurzeln verborgen, die die Erde überlappten, wechselte er die Gestalt, bis er nur noch ein Schatten zwischen den dicken Ästen und Blättern war.

Für einen Moment konnte er einzig Gallents große, dünne Gestalt sehen. Er erkannte den Vampir, seine Beute, als einen der Uralten, die wie er vor so vielen Jahrhunderten von ihrem Prinzen in ferne Länder ausgesandt worden waren. Der Untote drehte sich unaufhörlich hin und her und schnupperte misstrauisch. Sein Blick huschte nervös über den Boden. Und die ganze Zeit über ließ Gallent in einem seltsam gleichmäßigen Rhythmus seine langen Fingernägel aneinanderklicken.

Der Wind fuhr durch das Wäldchen, und die Blätter raschelten und wisperten. Traian betrachtete prüfend die Gegend, die er in vier Bereiche einteilte, und suchte sie mehr mit seinem Geist als mit den Augen ab. Die Brise brachte das Echo dieses merkwürdigen klickenden Rhythmus mit, der eindeutig von seiner Linken kam. Die kahlen Stellen auf dem Boden, die die abscheuliche Gegenwart der Untoten verrieten, befanden sich zu seiner Rechten. Er brauchte ein paar weitere Momente, um die anderen beiden Vampire zu entdecken, die nur darauf warteten, sich auf ihn zu stürzen und ihn in Stücke zu reißen. Traian verwandelte sich wieder, schwebte mit der Brise durch den Wurzelkäfig und erhob sich als Moleküle in die Nacht, um sich von dem freundlichen Wind in den Schutz des Blätterdachs hinauftragen zu lassen.

Dunkle Wolken ballten sich am Nachthimmel zusammen, und Blitze schossen durch die trübe, schnell dahinziehende Masse. Mit einem kleinen humorlosen Lächeln hockte Traian da und rührte sich nicht von der Stelle. In manchen Situationen war Vorsicht eben wirklich der bessere Teil der Tapferkeit. Die Horde der Vampire hatte ihn verfolgt, zuerst eine Gruppe und dann eine weitere. Sie hatten ihn angegriffen und sich dann jedes Mal wieder zurückgezogen, wenn er die Oberhand im Kampf errungen hatte. Diesmal schienen sie ihm gegenüber jedoch im Vorteil zu sein, und außerdem war er bereits erschöpft. Wie eine Meute Hunde, die ihre Beute zu zermürben versucht, waren sie ihm tagelang auf den Fersen gewesen und hatten ihm auch die eine oder andere Verletzung beigebracht, nichts Schlimmes, aber doch genug, um ihn zu ermüden. Und deshalb würde er diesmal selbst das Schlachtfeld wählen.

Als Traian sich abwandte, konnte er wieder das Klicken der Fingernägel hören. Und es wurde immer lauter. Mit jedem Klicken fielen Wassertropfen aus den Wolken – winzige Tropfen, die es nicht einmal zum Boden schafften, sondern sich in der Luft ansammelten und dort einen großen glitzernden Wassertümpel bildeten. Schockiert stellte Traian fest, dass er sein eigenes Abbild in dem Wasser sehen konnte. Nicht die Moleküle oder irgendein anderes Trugbild, sondern den echten Mann zwischen dem Blattwerk. Und wenn er sich selbst sehen konnte, konnte der Feind es auch. Es war seine einzige Warnung, und sie kam nur einen Herzschlag vor dem Angriff.

Traian nahm eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr und reagierte sogleich mit einem gewaltigen Salto, bei dem er seine wahre Gestalt annahm und froh war über die Blätter, die das fast unsichtbare silbrige Netz behinderten, das dazu bestimmt gewesen war, ihn einzufangen. Speere und winzige Pfeile, deren Spitzen in das Gift des Baumfrosches getaucht worden waren, schossen durch die Luft, und es hagelte glühende Holzstückchen, die Traian in eine feurige Wolke hüllten und tief in seine Haut eindrangen, wo sie wochenlang noch brennen würden. Schmerz durchzuckte ihn, aber Traian blendete ihn aus, um sich dem Feind zu stellen. Wolken von Insekten bevölkerten den Himmel, und die ganze Zeit über setzte sich das nervige Klicken dieser Fingernägel unerbittlich fort.

Traian stürzte sich auf die schattenhafte Gestalt, die den Kampf begonnen hatte, und ignorierte die beiden unbedeutenderen Vampire. Gallent schien den Kampf zu leiten, ein Anführer des Bösen, so wie er früher auch unter den Karpatianern ein Anführer gewesen war. Der uralte, zum Vampir gewordene Karpatianer war ein Meister im Planen raffinierter Fallen, und Traian wusste, dass er mit dem Gift, das sich in seinem Organismus verbreitete, in ernsten Schwierigkeiten war. Er durfte Gallent keine Zeit zum Denken lassen. Die beiden geringeren Vampire waren nur Kanonenfutter, nicht mehr als Schachfiguren in Gallents Plan, einen karpatianischen Jäger zur Strecke zu bringen. Es war Gallent, der vernichtet werden musste.

Traian durchbrach die Wolken; dabei streckte er die Faust schon nach dem Brustkorb des Vampirs aus, um sie in die verrottende Hülle aus Knochen und Gewebe hineinzustoßen und Gallent das schwarze Herz herauszureißen.

Aber Gallent flimmerte, als wäre er durchsichtig, und Traians Faust durchstieß den Vampirkörper, ohne Schaden anzurichten, während der Untote den Angriff mit rasiermesserscharfen Krallen erwiderte. Die Hand kam von Traians Linker und mit der schnellen, sicheren Bewegung eines kampferprobten Meisters; die messerscharfen Fingernägel zerfetzten Traians Fleisch und Muskeln bis zum Knochen. Einer der geringeren Vampire warf sich auf Traians Rücken und bohrte die scharfen Zähne in den ungeschützten Nacken seines Opfers.

Nachdem Traian sich in Nebel aufgelöst hatte, stürzte er sich auf den alten, wichtigen Vampir, nahm im allerletzten Moment erst wieder Gestalt an und stieß die Faust in die Brust des Untoten. Gallent kreischte auf. Schwarzes, giftige Säure enthaltendes Blut besudelte den Jäger, lief über Traians Arm und Hand und brannte sich durch Haut und Fleisch bis auf die Knochen durch.

Gallent konterte, indem er mit seinen scharfen Krallen nach Traians Augen ausholte, um den Jäger blind zu machen. Ein brutaler Kopfstoß folgte, nach dem der Vampir blitzschnell ein wenig zur Seite auswich und seine Zähne direkt über der Schlagader in Traians Nacken schlug. Ein heißer Schmerz durchfuhr den Jäger und griff auf seinen ganzen Körper über, als die gezackten Zähne des Vampirs sich durch Fleisch und Gewebe sägten, um an den verlockenden Quell aus reinem altem Karpatianerblut heranzukommen.

Traian wappnete sich gegen den wahnsinnigen Schmerz und stieß die Faust noch tiefer in Gallents Brustkorb, um ihm das schwarze Herz herauszureißen. Aber der Vampir zerriss das Fleisch an Traians Nacken und spuckte es aus, um gierig das herausspritzende Blut zu schlucken. Die beiden unbedeutenderen Vampire kreischten vor Entzücken und sprangen Traian an, warfen ihn zu Boden und rissen seinen Arm von der Brust ihres Meisters weg. Dann schlugen auch sie ihre Zähne in den Jäger, um sich ihren Anteil des uralten Blutes zu nehmen. Gallent trat nach ihnen, als sie Traian fast in Stücke rissen, um an den kostbaren Quell heranzukommen.

Der Schmerz steigerte sich zu Todesqualen, die fast nicht mehr auszublenden waren. Traian wusste, dass er sich zurückziehen musste, um seinem Körper Zeit zu geben, die Verletzungen zu heilen. Mit einem solchen Blutverlust verlor er schnell an Kraft. Zweimal versuchte er, die geringeren Vampire abzuschütteln, aber die Kreaturen klebten an ihm wie Zecken. Auch Gallents wütende Befehle und harten Tritte konnten seine Helfer nicht vertreiben. Die Verlockung des reinen Blutes war einfach viel zu stark.

Schließlich gab Gallent seine Taktik auf. Roter Speichel tropfte ihm in langen, ekligen Rinnsalen aus dem Mund, als seine Gier nach karpatianischem Blut die Disziplin überwog, die er sich in Hunderten von Jahren des Vampirdaseins erworben hatte. Wie seine Handlanger stürzte er sich auf Traian, bereit, ihn mit Krallen und Zähnen zu bearbeiten und ihm das Fleisch vom Leib zu reißen, um an das ersehnte Blut heranzukommen. Dieses so reichhaltige und reine Blut würde den Vampiren nicht nur Kraft und einen zusätzlichen Vorteil geben, sondern auch den Anflug von Gefühl, den sie sich so verzweifelt wünschten.

Geschwächt wie Traian war, nahm er den einzigen Ausweg, der ihm blieb, und löste sich in Luft auf, um von den rasenden Untoten wegzukommen. Kreischend vor Wut verfolgten ihn die drei, die ihre Beute nicht verlieren wollten, jetzt, da der Sieg doch schon so nahe schien. Einen Jäger von Traians Format zu töten würde ein bedeutender Sieg sein, und da sie zudem auch schon den Geschmack seines Blutes auf der Zunge hatten, wollten sie eine solche Beute auf keinen Fall entkommen lassen. Traians Blut regnete auf die zitternden Blätter herab, und allein schon der Geruch der kostbaren Flüssigkeit trieb die Vampire vor Gier und Wut zur Raserei.

Traian hatte diese Kämpfe schon so lange geführt, dass ihn nun Überdruss erfasste, als er über den Nachthimmel jagte. Er war zur Flucht gezwungen wegen der giftigen Säure, die sich durch seinen Körper fraß. Sein Blut besprühte den Wald, während ihm die Höllenhunde auf den Fersen waren. Er blickte zum Himmel auf. Bis Sonnenaufgang war es noch eine gute Stunde. Die Vampire würden ihn verfolgen, bis ihnen keine andere Wahl mehr blieb, als sich unter die Erde zurückzuziehen, um nicht in der Sonne zu verbrennen.

Fluchend versuchte er, die Blutungen mit einem gewaltigen Energieaufwand zu stillen und seinen zerfetzten Nacken, so gut er konnte, wiederherzurichten. Er brauchte heilende Erde und Speichel, aber daran war nicht heranzukommen, solange er in Form von Nebel durch die Lüfte flog. Sich zu verwandeln kostete die gleiche Kraft, wie sich in der Luft zu halten, und da ihm kaum noch Energie geblieben war, musste er seine Verfolger schnellstens abschütteln. Die Hunde waren zu den Jägern geworden, und sie jagten im Rudel.

Traian blickte zum Himmel auf und sandte einen leisen Hilferuf hinauf. Sofort zogen schwere, dunkle Wolken auf. Sie schoben sich vor die Sterne und waren umrandet von aufpeitschenden Blitzen, die schnell an Kraft zunahmen und nach Zielen Ausschau hielten. Mit voller Absicht verlangsamte Traian seinen Flug ein wenig, gerade genug, um den geringeren Vampiren aufgeregte, triumphierende Schreie zu entlocken und sie ihr Tempo erhöhen zu lassen, um ihn einzufangen.

Als Traian auf die Erde zuhielt, schwärmten die von Gallent angeführten Vampire in V-Formation hinter ihm aus. Dichter Wald kam ihm entgegen, und der Erdboden war von einer Matte undurchdringlichen Nebels überzogen, der die üppige Vegetation von verrottenden Baumstämmen und Blättern vollständig verbarg. Traian tauchte in die Nebelschwaden ein und bog sofort scharf ab, um hinter einem großen, über einen Fluss hinausragenden Felsvorsprung zu verschwinden. Dann legte er eine falsche Fährte schneller Schritte, die von seiner Position wegführten, verhielt sich völlig ruhig und wartete darauf, dass die drei Vampire herunterkamen.

Gallent hielt sich mit seiner langjährigen Erfahrung im Hintergrund und ließ seine Hunde den Erdboden abschnüffeln, um die Witterung des verwundeten Karpatianers aufzunehmen. Begierig, den Quell des guten, energiereichen Blutes zu finden, krochen die zwei grotesken Kreaturen über den Boden. Einer jaulte auf vor Eifer, als er die schwache Spur des aufgewühlten Laubs entdeckte, und eilte seiner Beute nach. Der andere gab die Schnüffelei nur wenige Schritte von Traians Versteck zwischen den Nebelschwaden auf. Er hatte es geschafft, das aus seinem zerfetzten Nacken spritzende Blut zu stoppen, aber sein Körper war mit Hunderten von blutigen Bissen übersät, und der Vampir hätte nur noch ein paar Schritte weitergehen müssen, um ihn aufzuspüren. Zum Glück war der Untote viel zu gierig, um seinem Kameraden einen Vorsprung einzuräumen.

Gallent zögerte, hin- und hergerissen zwischen Gier und Vorsicht. Der erste der geringeren Vampire kreischte wieder vor Begeisterung, als er ein losgerissenes Stück Moos am Flussufer entdeckte. Nun gab es auch für Gallent kein Halten mehr, und er ließ sich auf die Erde herabfallen und schob seine beiden Helfer beiseite, um sich die Spur genauer anzusehen.

Und da schlug Traian schnell und hart zu. Er schickte Blitz um Blitz auf den Bereich herunter und beschoss Wald und Fluss mit grellen weißen, glühenden Speeren, die den Himmel erhellten und alles, was sie trafen, in Flammen setzten. Die Bäume erglühten in gespenstischem Orange und Rot. Donner erschütterte den Wald und schallte durch die Nacht.

Die drei Vampire kreischten fürchterlich, als das Feuer, das zunächst die Erde um sie herum verwüstete, auf sie übergriff und sie vernichtete. Auf der anderen Seite des tobenden Gewitters erhob sich Traian wieder in die Luft und machte sich auf, um einen Ort zu finden, an dem er ruhen und seine Wunden heilen konnte, bevor er sich wieder auf die Jagd begab. Das war seine Lebensweise – und er hatte schon viel zu lange keine andere mehr gekannt.

So schnell er konnte, bewegte er sich durch die Nacht. Die Karpaten waren mit Netzwerken von Höhlen durchzogen, deren heilende, vitalisierende Erde nur darauf wartete, ihn aufzunehmen. Es war auch nicht mehr weit bis zu seinem Zuhause. Als er den Vampiren begegnet war, war er unterwegs zu seinem Heimatland gewesen, um seinen Prinzen aufzusuchen, durch die Kreaturen dann jedoch aufgehalten worden. Die vergangenen Nächte hatte er damit verbracht, sie von dem Gebiet fortzulocken, in dem sich Mikhail Dubrinsky und Raven, die Seelengefährtin des Prinzen, für gewöhnlich aufhielten.

Traians Schulter pochte und brannte, sein Nacken bereitete ihm unerträgliche Qualen. Es gab hundert Stellen an seinem Körper, die von den glühenden Holzstückchen, Pfeilen und furchtbaren Bissen schmerzten, bei denen ihm ganze Fetzen Fleisch herausgerissen worden waren. Traian fand einen Eingang zu dem kühlen Inneren des Berges und drang durch ein Labyrinth von Tunneln noch tiefer in die Erde ein. Dann ließ er sich in ein Bett aus heilender Erde sinken, wo er still in der Fülle revitalisierender Mineralien liegen blieb und endlich ein Gefühl des Friedens und des Trostes verspürte.

Er würde Blut benötigen, um sich vollständig zu erholen. Im Augenblick jedoch überließ er sich der einladenden Erde, die ihr Bestes tun würde, um an seiner Heilung mitzuwirken. Erschöpft schloss er die Augen und versank in einen tiefen Schlaf.

Österreich

Die Türen des Theaters öffneten sich, um die elegant gekleidete Zuschauermenge hinauszulassen. Lachend und plaudernd strömten sie hinaus, ein Schwarm fröhlicher Menschen, die zufrieden waren mit der Aufführung, die sie gesehen hatten.

In einem brillanten, überwältigenden Schauspiel von Naturgewalten zuckten Blitze über den Himmel, und für einen Moment wurden die langen, paillettenbesetzten Abendkleider, Pelze und Anzüge wie von einem Scheinwerfer erleuchtet. Donner, der die Erde und die Gebäude erbeben ließ, krachte direkt über den Theatergästen. Das Licht verblasste, bis die Nacht fast völlig schwarz war und man so gut wie nichts mehr sehen konnte. Die Menge löste sich auf und eilte in Paaren oder Grüppchen zu Limousinen und Wagen, während Diener und Chauffeure sich abhetzten, um ihre Herrschaften ins Trockene zu bringen, bevor es zu regnen anfing.

Senator Thomas Goodvine, der unter dem Eingangsbogen stehen geblieben war, neigte sich seiner Frau zu, um sie über den Lärm der Menge zu verstehen. Er lachte über ihre leisen Worte und nickte zustimmend. Beschützend hakte er sie unter, damit sie nicht von dem stetigen Strom von Menschen angerempelt wurde, die sich beeilten, dem schlechten Wetter zu entkommen.

Zwei Bäume, deren Zweige zum Schutz gegen die Elemente miteinander verflochten waren, bildeten diesen einzigartigen Bogengang zu dem Theater. Die Blätter raschelten, und die Äste knackten in dem starken Wind. Dunkle Wolken ballten sich zusammen und warfen unheimliche schwarze Streifen über den Mond.

Ein weiterer greller Blitz beleuchtete zwei hochgewachsene Männer, die sich dem Strom der Theaterbesucher entgegendrängten, als wollten sie Schutz in dem Gebäude suchen. Als der Blitz verlosch, blieb nur noch die schwache Beleuchtung des Eingangsbogens, und auch die Straßenlaternen flackerten bereits bedenklich. Thelma Goodvine zupfte am Ärmel ihres Mannes, um seine Aufmerksamkeit wiederzugewinnen.

»Waffen! Runter! Alle runter!« Mit ausgestreckten Armen stürzte Joie Sanders sich auf den Senator und seine Frau und riss sie mit sich zu Boden. In einer blitzschnellen Bewegung rollte sie sich herum und hockte sich, eine Waffe in der ausgestreckten Hand, vor ihnen auf die Knie. »Schusswaffen – alle auf den Boden!«, schrie sie.

Orangerote Flammen explodierten in schneller Folge aus zwei Revolvern, die auf das Paar gerichtet waren, das zu schützen Joie beauftragt worden war. Sie erwiderte das Feuer mit gewohnter Ruhe und tödlicher Zielsicherheit, und einer der Männer begann zu taumeln, wie in Zeitlupe schon fast. Er feuerte noch immer seine Waffe ab, jetzt allerdings nur noch in die Luft.

Leute rannten schreiend in alle Richtungen, stürzten zu Boden und kauerten sich hinter Mülleimer und Sträucher, die so gut wie keine Deckung boten. Der zweite Schütze packte eine Frau in einem langen Pelzmantel und zog sie vor sich wie einen Schild. Joie stieß den Senator und seine Frau an, um sie dazu zu bringen, in die relative Sicherheit des Theaters zurückzukriechen. Der Schütze stieß die schluchzende Frau im Pelzmantel vorwärts und feuerte dabei auf Joie, die sich wieder zur Seite warf, um den Rückzug ihrer Schützlinge zu sichern.

Eine Kugel traf sie an der Schulter, was höllisch wehtat. Blut spritze auf die Hose des Senators. Joie schrie auf, ignorierte aber die in ihr aufsteigende Übelkeit und zielte sehr genau. Ihre Welt verengte sich auf einen Mann, ein Ziel. Langsam und präzise betätigte sie den Abzug und beobachtete zufrieden, wie ihre Kugel ein hässliches kleines Loch in die Stirn des Mannes riss. Er fiel wie ein Stein und riss seine Geisel mit sich, sodass die beiden in einem Durcheinander aus Armen und Beinen auf dem Boden landeten.

Eine kurze Stille entstand. Nur die in einem seltsam irritierenden Rhythmus knackenden Bäume waren noch zu hören. Joie blinzelte, um klarer sehen zu können. Es war fast so, als blickte sie in einen großen schimmernden Teich und starrte einen Mann mit kalten, ausdruckslosen Augen und etwas metallisch Glitzerndem in der Hand an. Plötzlich fuhr er aus der Menge auf und warf sich auf Joie, bevor sie ausweichen konnte. Sie duckte sich gerade noch schnell genug, um der tödlichen Klinge zu entkommen, schlug dem Mann den Kolben ihrer Waffe ans Kinn und ließ ihn dann auf seine Hand, die das Messer hielt, hinuntersausen. Er schrie auf; die Klinge entglitt ihm und rutschte scheppernd den Bürgersteig hinunter. Aber dann traf seine Faust Joie im Gesicht und schleuderte sie zu Boden. Das Gesicht verzerrt vor Hass, warf der Mann sich auf sie.

Irgendetwas traf ihn jedoch hart am Hinterkopf, und als Joie aufblickte, sah sie einen ihrer eigenen Männer. »Danke, John. Ich glaube, er hat mir sämtliche Knochen gebrochen, als er auf mich gefallen ist.«

Sie ergriff Johns ausgestreckte Hand und ließ sich von ihm unter dem stämmigen Körper hervorziehen. Obwohl sie bereits von Schwäche überwältigt wurde, trat sie noch die Waffe aus der schlaffen Hand des ersten Mannes, den sie erschossen hatte. Dann setzte sie sich abrupt, weil ihre Beine plötzlich wie aus Gummi waren. »Bring den Senator und Mrs. Goodvine in Sicherheit, John!« Aus der Ferne war schon das Heulen von Sirenen zu vernehmen. »Und jemand soll dieser armen Frau aufhelfen.«

»Alles unter Kontrolle, Joie«, beruhigte sie einer der Agenten. »Wir haben den Fahrer. Wie schlimm bist du verletzt? Wie oft bist du getroffen worden? Gib mir deine Waffe.«

Joie blickte auf die Schusswaffe in ihrer Hand und stellte verwundert fest, dass sie sie auf den reglos daliegenden Angreifer gerichtet hielt. »Danke, Robert. Ich glaube, für eine Weile werde ich einfach dir und John die Sache überlassen.«

»Ist sie okay?«, konnte sie die besorgte Stimme des Senators fragen hören. »Sanders? Sind Sie verletzt? Ich will sie nicht einfach hierlassen! Wohin bringen Sie uns?«

Joie versuchte, den Arm zu heben, um zu zeigen, dass es ihr gut ging, doch er war schwer und wollte ihr nicht gehorchen. Für einen Moment schloss sie die Augen und atmete tief durch. Sie musste nur für kurze Zeit in ein Krankenhaus, damit die Ärzte sie wieder zusammenflicken konnten. Es war nicht das erste Mal, dass sie angeschossen worden war, und sie bezweifelte, dass es das letzte Mal sein würde. Sie hatte gewisse Instinkte, die sie in ihrem Beruf bis ganz nach oben gebracht hatten, und ganz oben war es nun mal sehr gefährlich.

Joie verstand es sehr gut, sich anzupassen. Einige ihrer Kollegen nannten sie deswegen »das Chamäleon«. Sie konnte hinreißend attraktiv, völlig unscheinbar oder auch einfach nur ganz durchschnittlich aussehen. Sie schaffte es, sich in der Gangsterszene zu bewegen, ohne aufzufallen, unter Obdachlosen oder auch unter den Reichen und den Schönen. Es war ein wertvolles Talent, das sie gern einsetzte. Sie wurde fast immer für die schwierigen Aufträge herangezogen, bei denen Action unvermeidlich war. Nur wenige andere konnten so gut wie sie mit Messern oder Schusswaffen umgehen, und niemand konnte in einer Menge untertauchen, wie sie es fertigbrachte.

Jetzt benutzte Joie eine andere ihrer Gaben und verließ ihren Körper, um für ein paar Minuten interessiert das hektische Treiben um sie herum zu beobachten. Die Kollegen, die dem Senator zugeteilt waren, und die österreichischen Agenten hatten alles unter Kontrolle. Sie selbst wurde in einen Krankenwagen verfrachtet und schnell vom Tatort weggebracht. Dabei hasste sie Krankenhäuser mehr als alles andere. Sie hatte zu viele von ihnen gesehen und verband die Gerüche dort mit Tod. Mehr als nur ein paar ihrer Mitarbeiter und Freunde waren durch Krankenhaustüren gegangen – oder geschoben worden – und nie wieder herausgekommen.

Joie wusste nicht, ob sie wirklich an Astralreisen glaubte, doch sie hatte schon als Kind aus ihrem Körper heraustreten können. Über die Jahre hatte sie die Kunst perfektioniert und gelernt, davonzufliegen und ihr körperliches Ich zurückzulassen, wenn sie irgendwo war, wo sie nicht sein wollte. Es war ein nützliches und aufregendes Talent, und sehr real. Manchmal zu real. Oft waren die Orte, an denen sie sich wiederfand, weitaus interessanter als die, an denen sie ihren Körper zurückgelassen hatte, und es bestand natürlich auch immer die Gefahr, dass sie den Weg zurück nicht finden würde.

Sie hatte viele Artikel über Astralreisen gelesen, und die meisten schienen aufgeklärte, gläubige Menschen zu erleben, die an ein höheres und besseres Reich glaubten. Joie war erheblich pragmatischer veranlagt, da sie so oft mit den düstereren Seiten des Lebens konfrontiert wurde und ihren Glauben in der Natur und Schönheit wilder, unberührter Orte fand, die sie sowohl auf einer astralen Ebene als auch mit ihrem körperlichen Ich aufsuchte, wenn ihre Zeit es ihr erlaubte.

Der Krankenhausgeruch war so überwältigend, dass er ihr den Magen umdrehte. Leute eilten um sie herum, gaben ihr Spritzen und redeten mit leiser Stimme, während sie ihr das Hemd aufschnitten. Joie nahm in der Regel keine Schmerzmittel und versuchte, es dem Klinikpersonal zu sagen, aber niemand hörte ihr zu. Eine Sauerstoffmaske wurde ihr über das Gesicht gestülpt. Was nützte es, an einem Ort zu bleiben, an dem sie nicht sein wollte, wenn sie im Geist die Welt durchstreifen konnte? Ob sie wirklich dort war oder nicht, war nicht so wichtig. Es fühlte sich auf jeden Fall sehr real an, wenn sie ihr körperliches Ich von sich abfallen ließ. Also nahm sie einen tiefen Zug von dem Sauerstoff und löste sich von ihrem Körper.

Frei wie ein Vogel, entfernte sie sich einfach von dem Krankenhaus und allem, was sie daran so hasste. Sie wollte im Freien sein, am Himmel oder unter der Erde in einer Welt von unterirdischer Schönheit – es spielte keine Rolle, wo die Reise hinging, solange sie nur nicht innerhalb der Mauern eines Krankenhauses bleiben musste.

Joie fühlte sich gewichtslos und frei auf dem Weg durch die Berge, über die sie schon so viel gelesen hatte. Während sie losgelöst in schwindelerregende Höhen stieg, plante sie einen Höhlentrip mit ihrem Bruder und ihrer Schwester, sobald der Senator und seine Frau wieder sicher zu Hause waren. Sie legte große Strecken zurück, roch den Regen und fühlte sich angenehm erfrischt im feuchten Dunst der Berge. Tief unter sich sah sie den Eingang zu einer Höhle. Er war von einem schmalen Streifen Mondlicht erhellt. Lächelnd ging sie herunter und betrat eine Welt aus Kristall und Eis. Ob sie träumte oder halluzinierte, spielte keine Rolle; das einzig Wichtige war, ihren Schmerzen und dem Geruch des Krankenhauses zu entkommen.

In den Karpaten

Traian lag in der kühlen Erde und blickte zu der hohen, kathedralenähnlichen Decke auf. Sein Körper schmerzte an so vielen Stellen, dass Traian nur noch ruhen wollte. Die atemberaubende Schönheit der Höhle lenkte ihn von seinen Schmerzen ab. Das Netzwerk von Höhlen tief unter der Erde, in das er sich zurückgezogen hatte, war wie ein Teil einer riesigen unterirdischen Stadt. Von der Decke fielen mächtige Wasserfälle aus Eis herab, von denen einige sich überkreuzten und wie prächtige Schleifen aus dickem Eis aussahen, als wäre die ganze Höhle, in der er lag, wie zu einem Geschenk verpackt.

Trotz der Kälte lebten einige Insekten und Fledermäuse in den höher liegenden Bereichen, aber er war noch viel tiefer hinabgestiegen, dorthin, wo nur noch sehr wenige Lebewesen existieren konnten. Die Kälte half, den Schmerz zu betäuben und Traian ein tröstliches Gefühl von Frieden zu vermitteln, das er auch dringend brauchte nach den vergangenen Nächten. In einer entfernten Ecke war die Höhle sogar so geformt, dass sie aus mit Eisnebeln bedeckten, massiven Eiswänden zu bestehen schien. Während Traian daran arbeitete, einige der noch immer glühenden Schlacken aus seinem Körper zu entfernen, versuchte er, sich die Kräfte vorzustellen, die es erfordern würde, etwas von solch dramatischer Schönheit tief unter der Erde zu erschaffen.

Als er den Kopf wieder zurücklegte, sah er sie. Bei ihrem Anblick stockte ihm das Herz, und dann begann es so wild zu schlagen, dass es ihm schier den Atem raubte. Sie schwebte direkt über ihm. Irgendwie hatte sie seine Schutzzauber überwunden und war völlig lautlos in die Höhle gekommen. Oder war er so erschöpft gewesen, dass er ein solch wichtiges, lebensrettendes Detail wie die Schutzzauber vergessen hatte? Nein, das war unmöglich. Er konnte deutlich das Gewebe dieser Zauber spüren, das stark genug und immer noch an Ort und Stelle war. Nichts und niemand dürfte in der Lage sein, an diesen Schutzzaubern vorbeizukommen.

Neugierig musterte er die Frau. Sie hatte kinnlanges dunkles Haar, dessen seidig glänzende Fülle einen Mann geradezu einlud, mit den Fingern hindurchzufahren. Der Gedanke ließ Traian innehalten. Er dachte nie so über Frauen – oder zumindest nicht, soweit er sich erinnern konnte –, und er hatte schon ein sehr, sehr langes Leben hinter sich. Sie hatte große graue, von dichten Wimpern gesäumte Augen, die mit unverhohlenem Erstaunen seinen Blick erwiderten.

»Sie sind verletzt«, sagte sie. »Wenn Sie real wären, würde ich einen Notarzt kommen lassen.«

Ihre Stimme schien ihm bis unter die Haut zu gehen, sich um sein Herz zu legen und so fest zuzudrücken, dass ihm der Atem stockte und seine Sicht verschwamm. Winzige Lichtpunkte explodierten hinter seinen Lidern wie ein Feuerwerk aus Farben. Anfangs waren sie nur pastellfarben, sodass einige der Eisgebilde zarte Blau- und Grüntöne vor seinen Augen annahmen.

Traian räusperte sich. »Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht real bin?«, fragte er, nicht sicher, ob sie real war oder nur seiner überreizten Fantasie entsprang. Aber er war schon tausendmal verwundet worden, und nichts dergleichen war ihm je passiert. Eine Frau, die über seinem Kopf schwebte? In der Luft hing wie ein Engel? Traian war so weit entfernt vom Himmel, dass nichts von alldem einen Sinn ergab. Als Mann, der nicht zur Panik neigte, war er jedoch gespannt zu sehen, was sie tun würde. Außerdem war er sich sicher, dass er sie töten könnte, falls sie eine falsche Bewegung machte.

»Weil ich nicht wirklich hier bin, sondern in einer Klinik liege, die viele Kilometer entfernt ist«, antwortete sie. »Ich weiß nicht einmal, wo hier ist.«

Traian runzelte die Stirn und rieb sich die Augen. Farben bombardierten ihn wie ein Feuerwerk von glühenden Funken, die hinter seinen Lidern explodierten. Na prima, dachte er. Das Letzte, was er angesichts einer neuen potenziellen Bedrohung brauchen konnte, war, jetzt auch noch blind zu werden. Die Frau machte allerdings gar keinen bedrohlichen Eindruck. Wenn überhaupt, wirkte sie eher belustigt und hatte etwas Heiteres und Gelassenes an sich. Sie war auch nicht durchsichtig, aber vielleicht sagte sie trotzdem die Wahrheit. Ihre Stimme hatte ein leises, wohlklingendes Echo, als wäre sie tatsächlich körperlos.

»Mir erscheinen Sie real genug.«

»Warum in Herrgotts Namen liegen Sie in einer Höhle im Schmutz herum?« Ihr leises Lachen ging ihm durch und durch. »Sie haben das hier doch wohl nicht mit einer Schönheitsfarm verwechselt?«

Traian blieb fast das Herz stehen, und er blinzelte ein paarmal, als die Farben hinter seinen Lidern zu einem spektakulären Schauspiel von schillernden Regentropfen wurden. Diese Frau anzusehen hob seine Welt aus den Angeln. Ihre simplen Fragen hatten eine Veränderung bewirkt, die nicht mehr rückgängig zu machen war.

Er war sich jeder Einzelheit bewusst – der Kühle im Inneren des Berges, des blau schimmernden Eises und der atemberaubenden, vor Tausenden von Jahren entstandenen Architektur der Höhle. Am faszinierendsten fand er jedoch das glänzende dunkle Haar der Frau, das von Strähnchen in so vielen verschiedenen Brauntönen durchzogen war, von denen er nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gab. Ihre Augen waren von einem kühlen Grau, während ihre Wimpern und Augenbrauen ihrer Haarfarbe entsprachen. Dazu hatte sie einen sinnlichen Mund mit kleinen, blendend weißen Zähnen. Die Lachfältchen um ihren Mund und ihre Augen deuteten darauf hin, dass sie Humor besaß. Ihre Haut war sonnengebräunt und schimmerte wie helles Gold.

Er sah Farben! Nach Hunderten von Jahren einer öden, grauen Existenz, in der er in einer Welt ohne Farben oder Emotionen gelebt hatte, war plötzlich sie da, die andere Hälfte seiner Seele, und blickte mit neugierigen Augen und einem amüsierten Lächeln um die Lippen auf ihn herab. Sie hatte Blut an ihrer Schulter und Prellungen im Gesicht, und bekleidet war sie mit einem dünnen, äußerst merkwürdig geschnittenes Kleid, das nicht allzu viel von ihr bedeckte.

Traian kniff die Augen zusammen, um zu sehen, was für Verletzungen sie hatte. Hatte sie nicht etwas von einem Krankenhaus gesagt? »Was ist Ihnen passiert?«

Sie lächelte ihn an, als wären diese Verletzungen völlig unwichtig, obwohl sie sein Herz vor Furcht zum Rasen brachten und sein Magen sich vor Schreck verkrampfte. Sie hatte ja keine Ahnung, wie wichtig sie für ihn war. Seine Seelengefährtin. Nach so vielen endlosen Jahren war sie endlich da!

»Ich wurde angeschossen.« Sie berührte ihr Gesicht und zuckte zusammen, als täte es weh. »Und jemand hat mich ins Gesicht geschlagen. Aber ich erinnere mich an all das nur verschwommen. Sie haben mir Medikamente gegeben, und auf die habe ich noch nie gut reagiert.«

Zum ersten Mal flimmerte ihr Körper ein wenig und begann, fast transparent zu werden.

»Warten Sie! Gehen Sie noch nicht!« Fast wäre er aufgesprungen, um sie zurückzuhalten, aber er wusste, dass seine Hand durch sie hindurchgehen würde, als wäre sie nicht wirklich da.

Traian war noch nie in seinem Leben in Panik geraten, oder jedenfalls nicht, soweit er sich erinnern konnte. Er hatte unzählige Kämpfe hinter sich, doch ob diese Frau nun real war oder nicht, er sah nun endlich wieder Farben und verspürte Emotionen. Gefühle, richtige Gefühle … Das zumindest war real. Aber war es möglich, dass er in einer Halluzination gefangen war? Er hatte sehr viel Blut verloren – zu viel –, und es gab nichts in dieser Höhle, um es zu ersetzen. Trotzdem konnte er sich nicht vorstellen, dass er sich eine Erscheinung wie diese Frau zusammenfantasieren könnte.

Furcht. Freudige Erregung. Schock … Diese Empfindungen waren viel zu stark, um nur Erinnerungen zu sein. Die Frau musste real sein. Traian hatte keine Ahnung, wie sie zu der Höhle gelangt war, aber sie war immerhin real genug, um ihm Farben und Emotionen zurückzugeben. Er durfte sie nicht verlieren. Nicht, nachdem er die ganze Welt nach ihr abgesucht hatte. Er musste unbedingt einen Weg finden, sie bei sich zu behalten.

Ein kleines Zittern durchlief sie, als sie sich sichtlich anstrengte, bei ihm zu bleiben. »Ich kann das nicht sehr lange. Aber Sie«, fügte sie stirnrunzelnd hinzu, »sind auch verletzt. Wieso legen Sie sich mit einer klaffenden Wunde an der Schulter in den Dreck? Sie haben doch sicher schon mal was von Blutvergiftung oder Infektionen gehört?«

»Ich hatte einen kleinen Zusammenstoß mit einer Bande zwielichtiger Gesellen und war ungewöhnlich langsam«, sagte er, um einen leichten Ton bemüht, um seinen eigenen Wunden das Gewicht zu nehmen.

»Kommt das öfter vor bei Ihnen?«

Sie besaß tatsächlich Sinn für Humor. Ihm gefiel ihr Mund und auch das spitzbübische kleine Lächeln, das in ihren Augen funkelte. »Sehr oft leider. Und bei Ihnen?« Er wunderte sich darüber, wie gespannt er auf ihre Antwort wartete.

»Auch. In meinem Beruf ist es eine der Gefahren, mit denen man leben muss.«

Traian holte tief Luft, konnte aber ihren Duft nicht wahrnehmen, was ihm sagte, dass ihr physischer Körper wirklich nicht in dieser Höhle war. »Dann kann unsere Arbeit nicht sehr unterschiedlich sein.«

»Aber«, entgegnete sie mit einem weiteren verschmitzten Lächeln, »Sie sind hier in dieser Höhle, und ich liege in einem Krankenhaus. Was sagt das über Sie aus?«

Nun fühlte auch Traian seinen Humor erwachen. Seit seiner Kindheit hatte er mit niemandem mehr gescherzt und konnte sich auch kaum noch daran erinnern, wie das einst war. »Dass ich ein Exzentriker bin?«

Ihr Lachen war wie eine wohlklingende Melodie, die über seinen Körper tanzte wie die Berührung sanfter Finger. »Finden Sie nicht, dass Sie ein bisschen underdressed sind für einen Besuch in einer Höhle?«, fuhr er schmunzelnd fort.

Joie blickte an sich herab, und eine ihrer Augenbrauen fuhr in die Höhe, als sie sah, dass sie in einem Krankenhaushemd steckte. Sie hatte vergessen, sich für ihre Astralreise richtig anzukleiden. Aber sie tat diesen kleinen Lapsus mit einem Schulterzucken und einem leisen Lachen ab. »Sie haben recht. Eine Frau möchte natürlich so gut wie möglich aussehen, wenn die Höhlengrillen zu Besuch erscheinen.«

Sie betrachtete den Mann auf dem Boden. Er war der bestaussehende, der ihr je begegnet war. Und sie trainierte mit einigen ganz schön heißen Männern. Aber dieser hier hatte jede Menge ausgeprägter Muskeln, und sie wusste solche Dinge verdammt gut zu beurteilen. Jeder Zentimeter seines stahlharten Körpers strahlte pure Kraft aus, auch wenn er offensichtlich schwer verwundet war. Er spielte es herunter, doch bei genauerer Betrachtung konnte sie einen hässlichen Riss an seinem Nacken und Bisswunden an seinen Armen und Schultern sehen. Als er seine Stellung leicht veränderte, entdeckte sie noch mehr davon an seinem Rücken.

»Sie sehen aus, als wären Sie einem Wolfsrudel begegnet.«

Joie biss sich auf die Lippe, während sie auf eine Antwort wartete. Sie hatte schon früher festgestellt, dass sie keinen Schmerz empfand, wenn sie ihren Körper verließ, Kälte jedoch schon, und diesmal war ihr noch kälter als gewöhnlich. Das hatte aber nichts damit zu tun, dass sie sich in einer Eishöhle befand. Sie hatte eine Astralreise noch nie über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten können, schon gar nicht über größere Distanz, und diesmal hatte sie sich für eine Bergkette entschieden, über die sie schon viel gelesen hatte, weil sie hier einmal Urlaub machen wollte.

Die Eiseskälte ging ihr durch und durch, doch sie war aufrichtig besorgt um diesen Mann. Während ihr Körper kaum vorhanden war und der Mann daher auch nicht wirklich ihre Verletzungen sehen konnte, sah sie die seinen nur zu gut. Und sie hatte auch die Blutspuren auf dem Eis bemerkt, wo er in die Höhle hereingekommen war. Er war wirklich schwer verletzt, doch solange sie sich außerhalb ihres Körpers befand, konnte sie ihm nicht helfen.

»Sie waren mehr Hunde als Wölfe. Ich würde meine Brüder niemals so beleidigen.«

Joie liebte den Klang seiner Stimme. »Sie haben einen unglaublich sexy Akzent. Liegen Ihnen die Frauen schon allein Ihrer Stimme wegen zu Füßen?« Sie verstand es sehr gut, Menschen nach ihren Akzenten einzuordnen, aber seiner war ganz anders als alle, die sie je gehört hatte, und er hatte auch eine äußerst angenehme Ausdrucksweise. Was Astralträume anging, war dieser ihr bisher faszinierendster. Je länger sie blieb, desto realer erschien ihr dieser Mann.

»Von einem solchen Phänomen habe ich bisher noch nichts bemerkt«, erwiderte er, und seine Augen blitzten vor Belustigung. »Doch ich werde in Zukunft darauf achten.«

Die Vorstellung, dass Frauen sich in ihn verliebten, irritierte Joie auf einer sehr ursprünglichen weiblichen Ebene, was sie erstaunte, weil es so gar nicht zu ihr passte. Sie arbeitete jeden Tag mit Männern zusammen und war nicht ein einziges Mal auf die Idee gekommen, dass sie auf Dauer einen an ihrer Seite haben wollte. Wie merkwürdig, dass sie ausgerechnet während einer Astralreise einem Mann begegnete, den sie attraktiv fand. Ihr gefielen seine sexy Stimme und sein kraftvoller, durchtrainierter Körper. Der Fremde war eindeutig Europäer, und obwohl sein Haar länger war, als sie es bei Männern normalerweise mochte, stand es ihm außergewöhnlich gut und passte zu seinem aristokratischen Gesicht.

Sein Alter konnte sie nicht bestimmen, doch er war ein Krieger. Die Art von Mann, die sie wirklich reizte. Als sie merkte, wie sie ihn anstarrte, rang sie sich zu einem Lächeln durch und versuchte zu vermeiden, dass ihre Zähne klapperten. Die Kälte in ihrem Innersten war schlimmer geworden, als wäre ihre Kerntemperatur beängstigend gefallen.

»Sie sind zu charmant, um es nicht bemerkt zu haben«, erklärte sie. »Auf mich wirken Sie jedenfalls wie ein sehr erfahrener Mann.« Sie sah sich um. »Hübsche Höhle. Ich mag Höhlen. Und diese sieht wie ein großartiger Ort zum Erforschen aus.«

»Ich glaube nicht, dass diese Höhle schon entdeckt worden ist«, entgegnete er freundlich.

»Tatsächlich? Dann sind Sie also gewissermaßen mit verbundenen Augen hineingestolpert? Interessante Art der Höhlenforschung. Wo bin ich? Ich würde gern noch mal hierher zurückkommen.«

»Wie konnten Sie diese Höhlen finden, wenn Sie nichts von ihnen wussten? Sind Sie mit verbundenen Augen durch die Luft geflogen und haben sich einfach treiben lassen?«

Sie grinste ihn an. »Das tue ich manchmal, wenn ich nicht sein will, wo ich bin. Eine schlechte Angewohnheit von mir.«

Traian betrachtete sie prüfend. Sie war schön, auch wenn ihre Gestalt bisweilen zu verblassen schien. »Sie befinden sich in einem Netzwerk von Eishöhlen in den Karpaten, einem Gebirge, das als die Heimat meines Volkes gilt. Wie die Wildnis der Wälder und die Tiefen dieser Erde.«

Joie runzelte die Stirn. »Ich mag die Art, wie Sie reden, wirklich, sehr altmodisch und höflich, aber Sie schaffen es auch immer wieder, meinen Fragen auszuweichen. Die Karpaten sind nämlich zufällig eine sehr lange Gebirgskette und verlaufen durch viele Länder.«

Solange Traian sich zurückerinnern konnte, war Täuschung ein wesentlicher Bestandteil seiner Lebensart gewesen. Karpatianer hinterließen keine Spuren, keine Anhaltspunkte, nichts, was darauf hindeuten könnte, dass sie nicht menschlich waren. Und schon gar nicht gaben sie die Lage ihres Heimatlandes preis. Deshalb zögerte Traian, ihre Frage zu beantworten, denn der Prinz befand sich in der Nähe und musste um jeden Preis beschützt werden.

Die Gestalt der Frau begann zu flimmern, und ihr Lächeln schwand. »In dieser Klinik tun sie irgendetwas Scheußliches mit mir; ich kann die Projektion nicht halten.«

Traian setzte sich auf und unterdrückte ein Stöhnen, als die Glut unter seiner Haut wieder zu brennen begann. »Bitte gehen Sie noch nicht!«

»Tut mir leid.« Sie blickte auf ihren Arm herab, und als sie sich Traian wieder zuwandte, waren ihre Augen feucht von Tränen. »Sie reinigen meine Wunde. Es tut irre weh.«

»Ich muss Sie finden können. Wo sind Sie?«

Sie runzelte erneut die Stirn. »Ich weiß nicht. Im Krankenhaus.«

»Rumänien. Diese Höhlen liegen in Rumänien. Ich darf Sie nicht verlieren«, sagte er und streckte die Hand aus, um sie aufzuhalten.

Sie versuchte es. Er konnte sehen, wie sehr sie sich bemühte. Aber ihr Körper zerfiel bereits, und was sie ihm noch sagte, konnte er nicht hören.

»Ich muss Sie wiedersehen. Verraten Sie mir Ihren Namen! Ihren Namen, schnell!« Damit würde er sie finden können.

Sie öffnete den Mund, aber kein Laut kam über ihre Lippen, und dann war sie auch schon fort. Spurlos verschwunden. So einfach. Von einer Sekunde auf die andere. Allein saß Traian im Dunkel der Höhle und staunte darüber, wie sich das Leben von einem Augenblick zum anderen ändern konnte. Sie war real, und ihre übernatürlichen Fähigkeiten waren stark. Er war im selben Raum mit ihr gewesen und hatte mit ihr kommuniziert, und da er den geistigen Pfad zu ihr nun kannte, konnte sie ihm nicht mehr entkommen. Doch es würde nicht leicht sein ohne ihren Namen und ohne einen Ansatzpunkt.

Er merkte, dass sein Herz vor Freude höher schlug. Eine Seelengefährtin war das Letzte, was er auf dieser langen Rückreise in sein Heimatland zu finden erwartet hatte. Dass sie keine Karpatianerin war, bestürzte ihn ein wenig, aber auch der Prinz war eine Verbindung mit einer menschlichen Frau eingegangen, sodass es also möglich war. Und Traian brauchte diese Frau zum Überleben. Er musste sie wiederfinden. Es fiel ihm nicht leicht, sich zu beherrschen und nicht wie ein Irrer aus der Höhle in die aufgehende Sonne hinauszustürmen.

In einem langen, herausfordernden Zischlaut stieß Traian den Atem aus. Die Frau gehörte ihm. Sie war die andere Hälfte seiner Seele. Er hätte sie auf der Stelle an sich binden sollen, doch die Entfernung zu ihr war zu groß, und falls es zu lange dauerte, bis er sie fand, würden die rituellen Worte eine verheerende Wirkung auf sie beide haben. Nein, zuerst musste er wieder auf die Beine kommen, und dann würde er sich voll und ganz darauf konzentrieren, sie zu finden.

Und so legte er sich wieder zurück und schwenkte die Hand, um die kleine Menge Schlamm und Erde, die er entdeckt hatte, über sich zu schließen, stellte die Tätigkeit von Herz und Lunge ein und ließ sich vom Gesang der Erde in einen tiefen, heilenden Schlaf versetzen.

Kapitel zwei

Jubal Sanders blickte zum Himmel auf, an dem sich schwere, dunkle Wolken türmten. Auch die Temperatur fiel in erschreckendem Maße, bemerkte er. »Es wird sehr schnell Nacht werden, wenn es so weit ist«, verkündete er. »Uns bleiben vielleicht noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang. Wenn wir nicht hier oben am Hang kampieren wollen, müssen wir den Abstieg beginnen.«

»Du bist verrückt, Joie, hier oben ist nichts.« Gabrielle Sanders ließ sich in einer anmutigen Bewegung auf dem Boden nieder, zog die Knie an und blickte aus kühlen grauen Augen zu ihrer Schwester auf. »Hör auf, dich verrückt zu machen, und genieß die Aussicht! Es ist atemberaubend schön hier oben. Du bist jetzt schon seit Stunden so nervös.« Gabrielle legte den Kopf zurück, um zum Himmel aufzuschauen. »Wir sind eine Ewigkeit geklettert. Wenn hier etwas zu finden wäre, hättest du es längst entdeckt.«

»Ich mache mich nicht verrückt, Gabrielle«, beharrte Joie. »Oder vielleicht bin ich es ja schon.«

Plötzlich trat Stille ein. Der Wind verstummte, und nur ein einsamer Habicht kreischte erbost, als er seine Beute nicht erwischte. Gabrielle wechselte einen langen Blick mit ihrem Bruder, und beide sahen ihre jüngere Schwester an, die völlig auf den Felsen konzentriert zu sein schien, den sie untersuchte.

»Nun, das beruhigt mich ja ungemein, nachdem ich die ganze Zeit gedacht hatte, ich sei es, die nicht normal ist«, erwiderte Gabrielle lachend.

Joie atmete langsam ein und wieder aus. Sie wusste, dass ihr Verhalten den anderen verrückt, ja fast schon durchgeknallt erscheinen musste. Aber was sollte sie Gabrielle und Jubal sagen? Dass sie in Wahrheit schon vor Wochen den Verstand verloren hatte und dies ein letzter verzweifelter Versuch war, sich ihre Zurechnungsfähigkeit zu bewahren? Dass sie nicht scherzte, sondern eigentlich irgendwo eingesperrt gehörte und mit Psychopharmaka behandelt werden müsste?

Sie war in diesem Krankenhaus in Österreich mit einem merkwürdigen Geräusch in ihrem Kopf erwacht, einer Art unaufhörlichem Gewisper, das die Stimme eines Mannes war, aber nicht irgendeines Mannes, sondern die ihres geheimnisvollen, sexy Fremden. Sie konnte sich nicht vorstellen, Gabrielle und Jubal zu erzählen, dass sie während einer ihrer Astralreisen einem superattraktiven Mann begegnet war. Oh ja, und nicht zu vergessen die Tatsache, dass er sich tief unter der Erde in einem Netzwerk unerforschter Höhlen in Rumänien befunden hatte. Sie würden sie einsperren und den Schlüssel wegwerfen.

Aber sie konnte einfach nicht mehr aufhören, an ihn zu denken, und war sicher, dass sie krankhaft besessen von einem Hirngespinst, einem bloßen Fantasiebild war. Wie könnte er auch real gewesen sein? Die Ärzte hatten ihr gesagt, sie sei sehr lange bewusstlos gewesen. Wer wusste schon, was im Kopf eines Menschen vorging, wenn er unter Narkose stand? Wenn sie ihren Geschwistern gestünde, dass sie weniger nach der perfekten Höhle als vielmehr nach einem Mann in einer suchte, würden sie sie zweifellos zu einem Psychiater schleppen. Es war einfach unmöglich, jemandem ihr dringendes Bedürfnis zu erklären, den Mann zu finden.

Joie war beurlaubt worden, wie es so üblich war, wenn ein Personenschützer bei der Arbeit verwundet wurde. Sie war gar nicht erst in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, aber als Gabrielle und Jubal gekommen waren, um sie zu besuchen und ihr bei der Physiotherapie zu helfen, hatte sie sie überredet, mit ihr in die Karpaten zu fahren, um Höhlen zu erforschen.

Anfangs hatte sie noch versucht, das intime Geflüster in ihrem Kopf zu ignorieren, doch irgendwann war sie dem unwiderstehlichen Reiz des Mannes erlegen. Sie hatte Unterhaltungen mit ihm geführt, manchmal alberne, manchmal philosophische, aber auch – Gott stehe ihr bei! – sexy, schon fast erotische Gespräche, von denen sie sich nicht vorstellen konnte, sie mit irgendjemand anderem zu führen. Die Stimme in ihrem Kopf war stärker geworden, seit sie in Rumänien war, als wäre sie ihm schon sehr viel näher.

Was tust du?

Die Männerstimme kam aus dem Nichts heraus, unerwartet wie immer und völlig überraschend. Sie war tief und sehr männlich, manchmal belustigt, manchmal spöttisch, jedoch stets verführerisch. Joie versuchte, sie nicht zu hören und auch nicht zu antworten. Aber sie konnte sich nicht helfen und sprach jedes Mal mit ihm. Lachte mit ihm und begehrte ihn.

Obwohl seine Stimme schön wie immer war, klang er diesmal unendlich müde und angestrengt, als hätte er Schmerzen. Diesen Ton hatte sie noch nie gehört in seiner Stimme, und er beunruhigte sie. War er verletzt? Konnte er überhaupt verletzt sein? Denn falls sie nicht verrückt war, bedeutete das, dass er real war und sie nicht ständig das Gefühl zu haben brauchte, wirklich durchgedreht zu sein. Oder im Moment vielleicht ja doch ein bisschen.

»Ach kommt, ich bin dem Eingang schon so nahe, dass ich ihn bald sehen müsste. Jubal«, appellierte Joie an ihren Bruder, »du weißt, dass ich recht habe. Ich habe immer recht. Hier ist ein Netzwerk von Höhlen, von denen die meisten sogar noch unerforscht sind, und wir befinden uns direkt darüber.«

Okay, sie war nicht nur ein bisschen verrückt. Joie war sicher, dass sie ihren Abstieg in den Wahnsinn schon begonnen hatte. Sie war lieber bei dieser Stimme in ihrem Kopf als bei irgendeinem realen Menschen auf der Welt. Sie lebte, um diese Stimme zu hören, dachte Tag und Nacht an diesen Mann, war vollkommen beherrscht von ihm.

Joie schob trotzig das Kinn vor und versuchte, eine Verbindung zu ihm herzustellen – zu diesem imaginären Freund, der auf dem besten Wege war, ein imaginärer Liebhaber zu werden.

Ich werde beweisen, dass es dich nicht gibt, damit ich über dich hinwegkommen kann. Ich habe eine ellenlange Liste von Möchtegern-Lovern und hätte zur Abwechslung ganz gern auch mal ein bisschen Spaß.

Du bist zu nah. Ich kann dich spüren. Du musst von hier verschwinden. Dieser Berg ist gefährlich.

Joie runzelte die Stirn, als sie die schneebedeckte Felswand musterte. Sie war dem verborgenen Eingang schon so nahe! Der Berg musste atmen, und wenn er den leisesten Luftzug ausstieß, würde sie den Eingang finden.

Das war ja klar, dass du das sagen würdest. Weil ich nicht wissen soll, dass du nicht real bist. Joie wandte sich nach links und ging um eine Felszunge herum. Sie konnte den Eingang jetzt schon spüren. Ihr ganzer Körper reagierte mit Aufregung und Eifer. Und es hatte nichts mit diesem Mann zu tun. Hör mal, Süßer, es hat Spaß gemacht, aber jetzt müssen wir uns trennen. Ich kann keinen erfundenen Geliebten brauchen, selbst wenn du ein fabelhafter Liebhaber in meinen Träumen bist. Eine Frau will hin und wieder auch mal was Echtes. Und es ist ja auch nicht so, als könnte ich dich meiner Familie vorstellen. Hey, Leute, das ist mein unsichtbarer Freund Traian. Er hat einen Namen wie eine Lokomotive, aber auch der ist nur meiner eigenen absurden Fantasie entsprungen.

Traian ist ein sehr alter und angesehener Name.

Ein Anflug von Belustigung schwang in seiner Stimme mit, doch sie war trotzdem noch sehr angespannt, und eine furchtbare Eile, ihn schnell zu erreichen, krampfte Joie das Herz zusammen.

Geh von hier fort, Joie! Einen Kommentar zu deinem Namen werde ich mir ersparen, da er ausgesprochen rüde klingen würde.

Nur zu, Traian! Du bist nicht real, und diese Unterhaltung ist es auch nicht, also beleidige mich ruhig so viel, wie du willst.

»Du hast immer nach unten geschaut, wenn du nach oben blicken solltest, Joie«, bemerkte Gabrielle seufzend. »Vielleicht könntest du sogar eine Wolke einfangen, wenn du die Hand mal nach oben streckst. Hast du je die Blumen bemerkt? Sie sind wunderschön. Ich wünschte, ich wüsste, wie sie heißen. Denk doch ausnahmsweise mal an etwas anderes als an Höhlen!«, bat sie und deutete mit einer vielsagenden Handbewegung auf die Landschaft um sie herum. »Dies ist Dracula-Land. Wenn du deinen Höhlenfimmel mal vergessen würdest, könnten wir uns zur Abwechslung vielleicht auch mal die alten Burgen ansehen.«

Die rosafarbenen Blumen, die in der Mitte gelb sind, nennen sich Tratina. Die weißen sind Margeriten. Ich kann dir nicht aus dem Stegreif sagen, wie die blauen heißen, aber es wird mir schon noch einfallen.

Belauschst du etwa unsere Unterhaltung?

Du denkst laut – und verleugnest meine Existenz, was neuerdings eine Angewohnheit von dir zu sein scheint.

Joie zog die Nase kraus. Er war zwar nur ein Produkt ihrer Fantasie, aber er kannte die Namen der Blumen. Sie blickte sich nach ihrer Schwester um.

»Gabrielle, die pinkfarbenen Blumen sind Tratina und die weißen Margeriten. Wie die blauen heißen, weiß ich nicht.«

»Wow, du bist ja ein wandelndes Lexikon«, sagte Gabrielle beeindruckt.

»Das sollte dich lehren, mir nicht vorzuwerfen, ich hätte an nichts anderem Interesse als an Höhlen«, antwortete Joie. Sie fröstelte, obwohl sie der Kälte entsprechend angezogen war. Irgendetwas stimmte nicht an diesem Ort, und ein Teil von ihr hatte das Gefühl, als müssten sie tatsächlich schnellstens von dem Berg herunter. Prüfend blickte sie zum Himmel auf. Vielleicht nahte ja ein Sturm.

Jubal betrachtete die wilde Landschaft um sie herum und unter ihnen. Es gab hier viele tiefe Schluchten und mehrere Höhlen. Grüne Täler und Hochebenen boten eine atemberaubende Aussicht. Unter ihnen, in den Niederungen, waren durch das in die Erde eingedrungene Schmelzwasser der Berge Torfmoore entstanden. Strahlend grüne Moosflächen und zahlreiche flache Teiche schlängelten sich um Birken- und Kieferngruppen herum. Die Gegend war zauberhaft, und trotzdem fühlte sich Jubal gar nicht wohl in seiner Haut.

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