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Die Seelenquelle

Über den Autor

Stephen Lawheads Romane sind angesiedelt in jenem Zwischenreich, wo sich Historie, Mythos und Fantasie begegnen. Auch der Autor selbst ist ein Wanderer zwischen den Welten. Den gebürtigen Amerikaner zog es vor vielen Jahren nach England. Nach einem längeren Aufenthalt in Österreich wohnt er heute wieder in einem Vorort von Oxford.

Besuchen Sie den Autor auf seiner Webseite: www.stephenlawhead.com

Stephen R. Lawhead

Die schimmernden Reiche
Dritter Band

DIE
SEELEN-
QUELLE

Roman

Aus dem Englischen von
Arno Hoven

INHALT

Wichtige Figuren im Romanzyklus
Die schimmernden Reiche

Was zuletzt geschah

Die Seelenquelle

Nachwort von Stephen Lawhead:
On the Road Again

WICHTIGE FIGUREN IM ROMANZYKLUS

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Anen – Freund von Arthur Flinders-Petrie, Hoher Priester und Zweiter Prophet des Amun in Ägypten; lebte während der 18. Dynastie

Archelaeus Burleigh, Earl of Sutherland – Erzfeind von Flinders-Petrie, Cosimo, Kit und allen rechtschaffenen Menschen

Arthur Flinders-Petrie – auch bekannt als Der Mann, der eine Karte ist, Stammvater seines Geschlechts; zeugte Benedict, der einen Sohn namens Charles hatte, der wiederum Douglas zeugte

Bruder Roger Bacon – ein Philosoph, Wissenschaftler und Theologe, der etwa von 1240 bis 1290 arbeitete und lehrte – zuerst in Paris und dann in Oxford –; man nannte ihn Doctor Mirabilis (»wunderbarer Lehrer«) wegen seines wundervollen Unterrichts

Balthasar Bazalgette – Erster Oberalchemist am Hof des Kaisers Rudolf II. in Prag; Freund und Vertrauter von Wilhelmina

Benedict Flinders-Petrie – Sohn von Arthur und Xian-Li; Vater von Charles

Burley-Männer – Handlanger von Lord Burleigh: Con, Dex, Mal und Tav; halten sich eine steinzeitliche Höhlenlöwin namens Baby

Charles Flinders-Petrie – Sohn von Benedict und Vater von Douglas; ein Enkel von Arthur

Cosimo Christopher Livingstone der Ältere, wird oft nur Cosimo genannt – ein Gentleman aus dem Viktorianischen Zeitalter, der sich darum bemüht, die Einzelteile der Meisterkarte wieder miteinander zu vereinigen, und der den Schlüssel zur Zukunft begreift

Cosimo Christopher Livingstone der Jüngere, wird oft nur Kit genannt – Cosimos Urenkel

Dardok – Häuptling des Fluss-Stadt-Clans, dem Kit zuerst in der Steinzeit begegnet; er ist auch bekannt als Großer Jäger

Douglas Flinders-Petrie – Sohn von Charles und Urenkel von Arthur; er verfolgt still und leise seine eigene Suche nach der Meisterkarte, von der er ein Stück besitzt

Engelbert Stiglmaier, wird oft liebevoll Etzel genannt – Bäcker, der aus der deutschen Stadt Rosenheim kommt

En-Ul – Stammesältester des Fluss-Stadt-Clans

Giles Standfast – Sir Henry Fayths Kutscher und Kits Verbündeter

Gustavus Rosenkreuz – Assistent des Ersten Oberalchemisten des Kaisers und Wilhelminas Verbündeter

Lady Haven Fayth – Sir Henrys eigensinnige und wechselhafte Nichte

Sir Henry Fayth, Lord Castlemain – Mitglied der Königlichen Gesellschaft zur Förderung der Naturkunde; treuer Freund und Verbündeter von Cosimo sowie Onkel von Haven

Jakub Arnostovi – Vermieter und Geschäftspartner von Wilhelmina

Kaiser Rudolf II. – König von Böhmen und Ungarn, Erzherzog von Österreich und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs; ist ziemlich verrückt

Snipe – wildes Kind und heimtückische Hilfskraft von Douglas Flinders-Petrie

Turms – König von Velathri (Etrurien) und einer der Unsterblichen, ein Freund von Arthur; er überwacht die Geburt von Benedict Flinders-Petrie, als die Schwangerschaft von Xian-Li problematisch wird

Wilhelmina Klug, auch Mina genannt – in einem anderen Leben eine Londoner Bäckerin und Kits Freundin; in ihrem jetzigen Leben besitzt sie zusammen mit Etzel das Große Kaiserliche Kaffeehaus in Prag

Dr. Thomas Young – Arzt, Naturwissenschaftler und Universalgelehrter, wie allseits bestätigt worden ist, mit einem starken Interesse an der Archäologie des alten Ägypten; die erstaunliche Breite und Tiefe seiner Kenntnisse und Fähigkeiten haben dazu geführt, dass er als »der letzte Mensch in der Welt, der alles weiß«, bezeichnet worden ist

Xian-Li – Ehefrau von Arthur Flinders-Petrie und Mutter von Benedict; Tochter des Tätowierers Wu Chen Hu aus Macao

WAS ZULETZT GESCHAH

Das Phänomen, das als Ley-Springen oder Ley-Reisen bekannt ist, stellt ein Unterfangen voller Komplikationen und Irrtümer dar. Hierbei werden Ley-Linien benutzt, um zwischen den verschiedenen bekannten Welten des multidimensionalen Omniversums zu reisen. Diese Art der Fortbewegung ist weit davon entfernt, eine exakte Wissenschaft zu sein, und bestenfalls eine Kunst, die nur durch eine lange Ausbildung perfektioniert werden kann. Und selbst der fachkundigste Erforscher gerät häufig dabei auf Irrwege: eine Tatsache, die Kit Livingstone nur zu gut weiß.

Als er zuletzt eine Ley-Linie benutzte, die seine Exfreundin Wilhelmina entdeckt hatte, gelang es ihm, sich der Gefangennahme durch Lord Archelaeus Burleigh zu entziehen – ein skrupelloser und gewalttätiger Mann, der entschlossen ist, um jeden Preis in den Besitz der sagenhaften Meisterkarte zu kommen. Doch bei Kits verzweifelten Bemühungen, Burleighs Fängen zu entkommen, schlug etwas fehl; denn obwohl er am richtigen Ort landete, schien die Zeit völlig falsch zu sein. Zumindest die Epoche, in der sich Kit wiederfand, war sicherlich nicht diejenige, die Wilhelmina im Sinn gehabt hatte, als sie ihn anwies, diese spezielle Ley-Linie für seine Flucht zu benutzen. Es reicht wohl, wenn man sagt, dass Kit gegenwärtig und für die absehbare Zukunft in der Steinzeit festzusitzen schien. Kit, der das Beste aus seiner misslichen Lage machte, stolperte über eine Entdeckung, die sich als wichtig für die laufenden Geschehnisse erweisen könnte. Es wurde ersichtlich, dass er entgegen allen Erwartungen den sagenhaften Quell der Seelen entdeckte, der oft auch einfach als »Seelenquelle« bezeichnet wird.

Unterdessen erzielte Wilhelmina im Prag des siebzehnten Jahrhunderts mit ihren Unternehmungen immer größere Erfolge: Ihr Großes Kaiserliches Kaffeehaus war ein stürmischer Triumph und ein Segen für die Bevölkerung der Stadt. Minas Geschäftspartner, der Bäcker Engelbert – »Etzel« – Stiglmaier, versorgte ein extrem dankbares Publikum mit leckeren Backwaren und erquickendem Kaffee; darüber hinaus erwies er sich als unerschütterlicher Rückhalt für Wilhelmina. Da auf diese Weise ihr materielles Wohlergehen gewährleistet war, hatte Mina nunmehr Zeit und Geld genug, um der großen Aufgabe nachzugehen, die verstreuten Teile der Meisterkarte zu suchen. Zu diesem Zweck hat sie ein heikles Bündnis mit der wechselhaften Lady Fayth geschlossen – gegen ebenjenen Lord Burleigh und seine Bande von niederträchtigen Schlägern, den schändlichen Burley-Männern. Dennoch stellt sich uns die Frage, ob man Lady Fayth wirklich vertrauen kann!

Es sollte nicht vergessen werden, dass Giles Standfast, der Lakai und Kutscher des verstorbenen Sir Henry Fayth, in jener Nacht, als Kit verschwand, stark verwundet wurde beim Versuch, Burleigh zu entfliehen. Zur medizinischen Behandlung brachte man ihn ins Kaffeehaus. Der unglückselige Giles wurde nach England nach Hause zurückgeschickt, damit er sich erholte. Es bleibt abzuwarten, was ihm bevorsteht, doch es wird erwartet, dass er vollständig genesen wird.

Eine halbe Welt entfernt in Ägypten waren Dr. Thomas Young und sein neuer begeisterter Assistent Khefri stark in ihre Arbeit vertieft. Zuletzt wurden wir Zeuge, wie sie die Aufgabe in Angriff nahmen, einen erstaunlichen Schatzfund zu katalogisieren, den man aus dem versiegelten Grabmal des Anen geborgen hatte, des Hohen Priesters und Schwagers von Pharao Amenophis III. Einer der Gegenstände, die aus dem Grab geholt wurden, war ein Teil der Meisterkarte. Unser Thomas Young, wie wir uns entsinnen mögen, ist auch im Besitz einer sorgfältig erstellten Kopie der Karte und wird bestrebt sein, mit Khefris Hilfe ihre einzigartige Symbologie zu entziffern. Wir wünschen ihnen alles Gute und hoffen, dass sie sich weiterhin damit befassen und dies zu einem positiven Ergebnis führen wird.

Vollkommen unbekannt für die anderen hat ein rivalisierender Suchender in aller Stille Fortschritte bei der Jagd nach dem höchsten Schatz erzielt – und dabei handelt es sich um keinen anderen als Douglas Flinders-Petrie. Für diejenigen Leserinnen und Leser, die vielleicht eine gewisse Mühe empfinden, stets den Überblick bei dem sich ausdehnenden Flinders-Petrie-Geschlecht zu bewahren, gibt es eine einfache alphabetische Gedächtnisstütze. Die Geschlechterfolge beginnt mit einem A für Arthur, dem ein B für Benedict folgt, worauf sich ein C für Charles und dann ein D für Douglas anschließt. Der Letzte in dieser Reihe – Douglas, der Urenkel des unerschrockenen Arthur – besaß einen entwendeten Teil der Karte und setzte mit großem Eifer seine beträchtlichen Talente ein, um herauszufinden, wie sie zu interpretieren ist. Es gelang ihm, zu diesem Zweck einen ahnungslosen Helfer ausfindig zu machen und ihn zu verleiten, ihn in dieser Angelegenheit zu beraten – und zwar Bruder Roger Bacon, einen Gelehrten, Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler aus dem dreizehnten Jahrhundert. Achtsame Leserinnen und Leser erinnern sich vielleicht an den verwegenen Überfall auf das Britische Museum durch Douglas und seinen jungen Partner, den mürrischen und schweigsamen Snipe. Die zwei verschafften sich nach dem Ende der Öffnungszeit gewaltsam Zugang zu der altehrwürdigen Institution und deren »Raum der seltenen Bücher«; und nach einer kurzen Suche machten sie sich mit der Beute – einem aus der Sammlung gepflückten Band – aus dem Staub.

Wenn man eine kleine Abschweifung gestattet, dann kann nun berichtet werden, dass das fragliche Buch lange Zeit ein Bestandteil der Familienbibliothek eines unbedeutenden Adligen aus dem Süden gewesen war. Entsprechend der Anweisung waren aus dem Nachlass des Verstorbenen diese Bücher zusammen mit seiner Sammlung von römischen Gläsern und von Tafelsilber aus der Tudorzeit zum Museum gelangt. Man glaubte, dieses Buch stammte aus dem späten sechzehnten Jahrhundert; es handelte sich um einen kleinen, gepflegten, ledergebundenen Band mit einem handgeschriebenen Text, der von seinem Autor als Inconssensus Arcanus oder Verbotene Geheimnisse betitelt wurde.

Dieses spezielle Werk wurde nicht wegen seines historischen Wertes, der minimal war, und auch nicht wegen seines Informationsgehaltes hoch geschätzt – der sogar noch geringer war, da es völlig unleserlich war. Das Buch wurde nur deshalb aufbewahrt, weil alles, was auf den Seiten mit dem dicht geschriebenen, mysteriösen Text entziffert werden konnte, der Name Roger Bacon war: Und das war kein anderer als der berühmte im Mittelalter lebende und an der Universität von Oxford lehrende Professor. Der Priester und Wissenschaftler – der berühmte Doctor Mirabilis – war der Autor von vielen gelehrten Büchern, einschließlich des legendären Opus Minus Alchemaie.

Jede Seite des Buches der verbotenen Geheimnisse, als das es bekannt wurde, war voller seltsamer Bildsymbole, die den Buchstaben eines unbekannten Alphabets ähnelten – des Alphabets einer Sprache, die niemand auf Erden jemals gesprochen gehört hatte. Ein geheimer Code? Eine okkulte Sprache? Wer wusste das schon? Douglas Flinders-Petrie hatte eine recht zuverlässige Vermutung, dass es sich weder um eine Sprache noch um einen Code handelte. Es war vielmehr nach seiner wohlüberlegten Meinung eine vollkommen symbolische Schrift, die Bruder Bacon irgendwann um das Jahr 1250 herum entwickelt hatte – dieselbe Symbologie, die seinen Urgroßvater Arthur Flinders-Petrie bei der Erstellung der Meisterkarte inspiriert hatte.

Kurz gesagt, Douglas war der Auffassung, dass das uralte Manuskript ein Verzeichnis von Experimenten und Koordinaten darstellte. Die Wiedergabe von Experimenten beschrieb demzufolge ausführlich alchemistische Prozesse; und die genannten Koordinaten waren die der Ziele von Ley-Linien. Ergo hatte Roger Bacon – zusätzlich zu seinen anderen, höher gelobten Leistungen – ebenfalls das Ley-Reisen entdeckt.

Über diese Angelegenheiten könnte noch viel mehr gesagt werden; man hat jedoch das Gefühl, dass dies für den Moment völlig genügt. Auf jeden Fall ist es genug, um damit voranzukommen. Also behalten wir diese Einzelheiten fest in unserem Gedächtnis und kehren zu unserer Geschichte zurück, worin Freitag sich freinimmt.

DIE SEELENQUELLE

ERSTER TEIL

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ERSTES KAPITEL

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Cassandra Clarke verdiente ihre Brötchen, indem sie Knochen ausgrub. Sie verbrachte jeden Sommer ihres Berufslebens damit, dass sie in Gräben verschiedener Tiefen hockte – mit einer Kelle in der einen Hand und einem Handbesen in der anderen – und die Skelettüberreste von lange verstorbenen Kreaturen ausgrub, von denen viele nur der Wissenschaft und einige überhaupt keinem bekannt waren. Das Graben lag ihr im Blut: Ihre Mutter war Alison Brett Clarke, eine Paläontologin von Weltruhm. Dennoch hatte Cassandra nicht die Absicht, ihr ganzes Leben mit einer Schutzbrille aus Plexiglas, Staub in den Haaren und einem feuchtem Taschentuch über der Nase zu verbringen. Ihr Ehrgeiz ging weit darüber hinaus, in Kisten Fossilien zu verpacken, die sorgfältig katalogisiert und dann in irgendeinem muffigen Museumsuntergeschoss weggeschlossen werden sollten.

Ihr Vater war der Astrophysiker J. Anthony Clarke III., dessen Theorie über den Ursprung des Universums durch Quantenschwankungen in einem Plasmafeld ihm eine Nobelpreisnominierung einbrachte. Er liebte es, den Leuten zu erzählen, dass seine altkluge Tochter mit ihren Füßen im Schmutz und mit ihrem Kopf in den Sternen geboren worden war. Diejenigen, die diese witzige Bemerkung hörten, nahmen an, es handelte sich um eine Anspielung auf ihre Herkunft und auf die Tatsache, dass sie so viel Zeit damit zubrachte, in Bodenlöchern herumzuwühlen. Das stimmte schon, doch es war auch eine heimliche Andeutung auf den Hang zu fantastischen Erfindungen, durch den sich seine geliebte Cassie auszeichnete.

Als Kind leitete Cass von einem Zelt im hinteren Garten aus eine Nachbarschaftstheaterkompanie: Zwei Sommer lang beschwatzte sie Kinder innerhalb eines Umkreises von sechs Blöcken zwischen der 8th Avenue und der 15th Street dazu, eine Serie von Dramen aufzuführen, die sie schrieb, produzierte und als Regisseurin inszenierte. Für gewöhnlich drehten sich die Stücke um schöne Prinzessinnen, die entweder von Dinosauriern oder von Aliens bedroht wurden – und manchmal auch von beiden. Später stieg sie zu einer Dichterin auf, die Gedichte und Kurzgeschichten für die Schulzeitung schrieb, und gewann in der Mittelstufe einen Preis für ein Gedicht über eine melancholische Wildblume, die auf einem Parkplatz wuchs.

Trotz dieser künstlerischen Neigungen wurde sie natürlich von der Wissenschaft angezogen. Gesegnet mit der geduldigen Beharrlichkeit ihrer Mutter und dem analytischen Talent ihres Vaters, zeichnete sie sich in ihrem Grundstudium aus. Sie entschied sich, in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten und sich auf die Fossiliensuche zu begeben. Ihre Sommer verbrachte sie damit, bei Ausgrabungen von China bis Mexiko zu assistieren, und verdiente sich dabei ihre Sporen. Jetzt wurde sie, die junge Doktorandin, als stellvertretende Direktorin bei einer bedeutenden Ausgrabung in Arizona eingesetzt, die das Potenzial besaß, ihre Karriere zu festigen.

In letzter Zeit jedoch begann die Routine sie zu langweilen. Fossilisierte Exkremente und Schnecken aus dem Jura übten nicht mehr länger die Faszination aus wie einst. Und das unentwegte Lästern und politische Taktieren, das in den oberen Rängen der akademischen Welt vorherrschte – sie hatte dies zwar stets gewusst, aber als Teil der Universitätskultur akzeptiert –, erwies sich mehr und mehr als eine belastende Ablenkung. Je weiter sie in die dunkelsten Promotionsterritorien reiste, desto stärker schwand die Faszination an fossilisierte Überreste ausgestorbener Geschöpfe dahin; und sie spezialisierte sich rasch, obschon ihr Thema sie nicht kümmerte. Welchen Unterschied machte das, ob die Welt nun erfuhr oder nicht, was der letzte jüngst entdeckte Megasaurus vor sechzig Millionen Jahren zum Mittagessen gefressen hatte? An schlechten Tagen, die in der letzten Zeit ziemlich oft zu kommen schienen, kam ihr alles so völlig sinnlos vor.

Immer häufiger ertappte sie sich dabei, wie sie auf die farbenprächtigen Sonnenuntergänge bei Sedona blickte und sich irrationalerweise nach einer leeren Leinwand und einer Garnitur Pinsel sehnte – oder wie sie einzelne Kakteen als surrealistische Skulpturen sah oder wie sie im Stillen von den hoch aufragenden, windgeschliffenen Felsen des Canyons schwärmte. Auf eine Art und Weise, wie sie es selbst nicht ganz beschreiben konnte, hatte sie die Empfindung, dass sie zu anderen Dingen hingezogen wurde – vielleicht zu einem anderen Leben jenseits der Wissenschaft. Dennoch war sie jetzt noch nicht gewillt, das Handtuch zu werfen. Es gab einen schwankenden Berg von Arbeit, die noch zu erledigen war, und sie befand sich, beinahe buchstäblich, bis zu den Hüften in unklassifizierten Fossilien.

Cass benutzte gerade einen Zahnstocher, um eine spiegelglatte Rundung aus mineralisiertem Gebein von der festgedrückten ziegelfarbigen Erde zu trennen. Das Stück löste sich und plumpste in ihre Hand: ein schwarzer, blattförmiger Stumpf aus Stein, der so glatt war, dass es aussah, als hätte man ihn poliert. Es handelte sich um den Zahn eines jungen Tarbosaurus – eines Theropoden, der während der Kreidezeit auf der Erde umherstreifte und dessen versteinerte Überreste bis genau zu diesem Augenblick ausschließlich in der Wüste Gobi gefunden worden waren. Cass hatte diese Lebewesen detailliert studiert und besaß jetzt den Beweis, den sie zur Untermauerung der Theorie benötigte, dass von ihnen eine weiter verstreute Population existiert hatte als zuvor gedacht. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte die Sicherstellung eines solchen Fundstücks sie dazu veranlasst, rund um das Lager Purzelbäume zu schlagen. Heute jedoch warf sie das Fossil bloß in einen Plastikeimer mit anderen Schätzen dieser Art, hielt inne und richtete sich auf. Sie drückte sich die Hand ins schmerzende Kreuz, seufzte auf und rieb sich den Schweiß aus dem Nacken. Dann schirmte sie ihre Augen vor der gnadenlosen Nachmittagssonne ab und murmelte: »Wo ist Freitag?«

Sie überflog rasch das sie umgebende Terrain. Ihr Blick traf auf dieselbe trostlose Landschaft, die in den einundzwanzig Tagen seit dem Beginn der Grabungssaison unverändert geblieben war – die seit Äonen unverändert geblieben war: blutrote, von der Sonne ausgelaugte Felsen, knorrige und verdorrte Kreosotbüsche, vielarmige Riesenkakteen, raue Yucca- und Choya-Pflanzen und waggonweise verschiedenartige Kakteen. Es gab keinerlei Anzeichen von Freitag, einem Yavapai-Indianer, der als Laufbursche und Kundschafter für die Ausgrabungsmannschaft arbeitete. Sie drehte sich nach Westen und erspähte ein verschossenes rotes Halstuch, das sich über einem Dunstschleier aus rotblauem Salbei auf und ab bewegte, während der arbeitsscheue Bursche heimlich im benachbarten Canyon verschwand.

Sie blickte auf ihre Armbanduhr. Es ging auf sechs Uhr zu; und sie hatten noch eine weitere gute Stunde vor sich, bis sie ihre Werkzeuge aufsammeln, die Vans beladen und in die Stadt zurückkehren würden.

»Wie läuft’s denn da unten?«

Cass drehte sich um. Die Stimme gehörte zu Joe Greenough, ihrem Kollegen, Teamleiter und wichtigsten Ansprechpartner für das Feldteam der Universität. Joe, ein leutseliger Kerl Anfang dreißig, schlenderte mit den Händen in den Taschen herbei.

»Irgendwas Interessantes?«, fragte er und spähte in den Graben hinab, in dem Cass stand.

»Alles beim Alten.« Sie streckte eine Hand nach oben. »Hier. Hilf einer Dame nach draußen.«

»Jederzeit.« Er ergriff ihre Hand, hielt sie fest und lächelte, machte jedoch keinerlei Anstalten, ihr herauszuhelfen.

»Heute wäre nicht schlecht«, sagte sie ihm. »Jederzeit … vielleicht jetzt?«

Er legte eine Hand unter ihren Arm und zog, während sie an der Seite des Loches hochkletterte. »Ich habe gehört, dass es eine neue Erfindung gibt, die Leiter genannt wird«, erklärte er und sah zu, wie sie den Hosenboden ihrer Cargojeans abwischte. »Ist großartig fürs Klettern. Wenn du jemals in eine Stadt kommst, in der man welche verkauft, solltest du dir eine besorgen.«

»Du kennst mich«, erwiderte sie und ging fort. »Ein altmodisches Mädchen, das nur für seine fossilisierten Knochen da ist. Komm mir nicht mit diesen neumodischen Vorrichtungen.«

»He!«, rief er. »Wohin gehst du?«

»Freitag hinterher. Ich bin gleich zurück.«

»Ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen«, hob er hervor. »Nicht um zu schreien.«

»Was denn? Trägst du Schuhe aus Zement?«

»Cass, hör mir doch zu.« Er joggte ihr hinterher. »Mach mal kurz langsamer. Es ist wichtig.«

»Dann werd mal schneller.« Sie behielt den rasch entschwindenden Indianer im Auge. Es war schon seltsam, wie die Ureinwohner so rasch größere Strecken zurücklegen konnten, ohne dass es den Anschein hatte, sie würden sich dabei überhaupt anstrengen. »Freitag hat sich verdünnisiert, und ich will ihn nicht verlieren.«

»Es geht um die Ausgrabung …« Joe hielt inne, als müsste er sich erst daran erinnern, was er sagen wollte.

»Ja«, sagte sie und warf ihm von der Seite einen Blick zu. Sie sah, dass sich seine für gewöhnlich sonnigen Gesichtszüge umwölkten. »Du meine Güte! Es muss sich wirklich um irgendwas Wichtiges handeln, wenn es dazu geführt hat, dass dir die Worte fehlen.«

»Es ist nur …« Er seufzte. »Es gibt keine gute Art und Weise, dies zu sagen.«

»Dann sag es auf eine schlechte Art und Weise«, drängte sie ihn. »Nur sag es schon.«

»Es gibt Schwierigkeiten.«

»Okay … und?« Bevor er antworten konnte, fuhr sie fort: »Erzähl mir nicht, dass die Fakultät wieder unseren Zuschuss zurückfährt.« Sie blieb stehen und wandte sich Joe zu. »Ich glaub das nicht! Nach all dem, was ich getan habe, um sie zu überzeugen –«

»Nein, nein«, fiel er ihr rasch ins Wort. »Mit dem Zuschuss ist alles in Ordnung. Der Ausschuss ist begeistert von den Ergebnissen.«

»Nun denn.« Sie zuckte mit den Schultern und begann wieder weiterzugehen.

»Es sind die Indianer«, platzte es aus ihm heraus.

»Amerikanische Ureinwohner.«

»Sie sind auf dem Kriegspfad.«

»Warum? Was hast du ihnen denn dieses Mal erzählt?« Sie ging um einen großen Feigenkaktus herum und schritt leichthin über den herabgefallenen Ast eines Riesenkaktus hinweg. Ungeachtet der Versicherungen und des gezeigten Wohlwollens der Universität hatte der Arizona Native American Council – der Rat der amerikanischen Ureinwohner in Arizona – vor langer Zeit beschlossen, jede archäologische Tätigkeit in der Region zu missbilligen. Bislang waren die Projektleiter in der Lage gewesen, den ANAC zu beschwichtigen, indem sie Leute vor Ort anheuerten, um bei der Grabung zu helfen und sie über die indigene Kultur zu beraten – was etwas außerhalb des Aufgabengebiets eines paläontologischen Projekts war, jedoch half, den Frieden zu bewahren.

»Es ist nichts, was mit mir zu tun hat«, protestierte Joe. »Allem Anschein nach steht ein bedeutendes Fest bevor – ein heiliger Tag oder so etwas. Die Stammesältesten nehmen das gesamte Tal als eine Stätte von besonderer kultureller Bedeutung für sich in Anspruch – eine heilige Landschaft.«

»Ist das wirklich so?«

»Wer weiß das schon.« Joe zuckte die Schultern. »Jedenfalls haben sie ein Mitglied im Senat von Arizona auf ihrer Seite. Er stellt sich für seine baldige Wiederwahl auf, und daher hat er fixe Ideen. Senator Rodriguez: Er schlägt einen ziemlichen Radau deswegen und lässt sich in Interviews darüber aus, dass wir alle ein Haufen kalter, herzloser Wissenschaftler sind, die die Landschaft aufreißen und indianische Begräbnisstätten schänden.«

»Das hier war niemals eine indianische Begräbnisstätte!«, hob Cass hervor. Auf jeden Fall graben wir nicht das ganze Tal um, nur ein paar besondere Stellen – und zwar dieselben, an denen wir die vergangenen zwei Jahre gearbeitet haben. Hast du ihnen das erzählt?«

Joe betrachtete sie mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck. »Du glaubst, Logik und Vernunft hätten irgendetwas damit zu tun? Das ist politisch, und es stinkt zum Himmel.«

»Na, das ist ja echt spitze!«, grollte sie. »Als ob wir nicht schon genug Schwierigkeiten mit dem Touristenbüro von Sedona und den New-Age-Leuten gehabt hätten. Das wird uns kein kleines bisschen helfen.«

»Wem sagst du das. Ich habe für morgen beim Sedona Observer ein Gespräch mit dem Redakteur arrangiert und gebe unseren Fall zu Protokoll.«

»Merk dir, wo wir stehen geblieben sind«, sagte sie und nahm die Verfolgung des eigensinnigen Freitag wieder auf, der hinter einem Felsbrocken am Fuße einer Ausschwemmung aus dem Blickfeld verschwunden war.

»Wir müssen mit dem Graben aufhören, bis das bereinigt ist!«, rief Joe ihr hinterher. »Hol dir Freitag und seine Mannschaft, damit sie euch helfen, alle Sachen festzuzurren und eine Abdeckplane über die Aushebung zu legen.«

»Kann dich nicht hören!«, erwiderte sie laut.

Sie ließ Joe Greenough allein zurück, umging einen Kugelkaktus von der Größe eines Kürbisses und hastete los. Mit einem stets wachsamen Blick für Klapperschlangen – den ständigen Schreckgespenstern bei Ausgrabungen in der Wüste – marschierte sie in scharfem Tempo weiter, wobei sie den Borsten, Stacheln und gezähnten Rändern der örtlichen Flora auswich, die alle, wie es schien, ausschließlich dazu bestimmt waren, etwas zu durchstechen, aufzuschlitzen, zu zerreißen oder jemanden auf die eine oder andere Art vom Weitergehen abzubringen. Merkwürdig, dachte sie, wie still es wurde und wie schnell sie vorankam.

Kaum war ihr dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, als sie das seltenste aller Geräusche in der Wüste vernahm: Donner. Das entfernte Poltern, klar und deutlich anwesend in der heißen, trockenen Luft, ließ sie kurz auffahren.

Sie blickte hoch und sah, dass der Himmel über den hoch aufragenden Hügeln aus rotem Felsgestein und über den Canyons des Verde Valley sich verdunkelt hatte und voller schwarzer, schwerer, zornig aussehender Wolken war. Sie hatte ihren Blick so selbstvergessen auf den Boden gerichtet, dass ihr das sich rasch ändernde Wetter nicht aufgefallen war. Böiger Wind kam auf, und Cassandra witterte Regen. Ein Gewitter in der Wüste war zwar nicht gänzlich unbekannt, jedoch so selten, dass es sie immer noch faszinierte und sie sich auf die damit einhergehenden Gerüche freute. Der Duft von gewaschener Wüstenluft mit einem Anflug von Ozon war mit nichts zu vergleichen. Es würde jedoch überhaupt nicht faszinierend sein, überlegte sie, wenn der Gewittersturm sie weit draußen erwischte. Sie beschleunigte ihre Schritte und rief der sich rasch zurückziehenden Figur vor ihr zu: »Freitag!«

Das Echo ihres Schreis kam von den umgebenden Canyonwänden zu ihr zurückgeflogen. Direkt voraus erhob sich ein turmhoher Felsstapel – ein vielfach gestreifter Haufen aus dem charakteristischen rötlichen Sandstein der Sedona-Region. »Hab dich«, murmelte Cass, die sich sicher war, dass ihre »Jagdbeute« sich hinter dem gewaltigen, vom Wind geformten Gesteinsblock geduckt hatte und so aus ihrem Sichtfeld verschwunden war. Sie eilte weiter. Die Wolken am Himmel hingen immer tiefer; der brummelnde, polternde Donner wurde immer lauter und aufdringlicher. Der auffrischende Wind ließ Staubteufel durch die Salbeisträucher und Mesquitebäume fortwirbeln.

Als Cassandra den Sockel des Sandsteinhaufens umrundete, sah sie, dass er sich zu einer der vielen Zuleitungsrinnen des größeren Systems hin öffnete, das die Einheimischen Secret Canyon – Geheimer Canyon – nannten. Sie glaubte, eine Gestalt zu erspähen, die in einiger Entfernung vor ihr durch die Schatten der Schlucht huschte. Sie rief erneut, erhielt jedoch keine Antwort; daraufhin erhöhte sie weiter ihr Tempo und drang tiefer in die gewaltige Felsspalte ein.

Ihr Yavapai-Kollege war auf eine höchst charakteristische Weise ein Stereotyp des roten Mannes: arbeitsscheu, wortkarg bis hin zur Einsilbigkeit, anmaßend, verstohlen und zu merkwürdigen Launen geneigt. Gewöhnlich trug er verschossene Jeans, deren Aufschläge er oben in seine abgewetzten Cowboystiefel stopfte. Das glatte schwarze Haar hatte er sich zu einer einzigen Flechte nach hinten gebürstet, die das Rückenteil seines sonnengebleichten blauen Hemds hinabfiel. Das Haarende hatte er mit einem Lederriemen zusammengebunden, der mit einem Stück roten Lappen oder einer Wachtelfeder geschmückt war. Sowohl in seiner Kleidung als auch in seinem Verhalten präsentierte er ein so offensichtlich klischeehaftes Bild, dass Cass zu der Auffassung gekommen war, es sei mit Absicht einstudiert worden, und Freitag arbeite sehr hart daran, es aufrechtzuerhalten. Niemand konnte zufälligerweise so viele dieser Eigenschaften aus Groschenromanen miteinander kombiniert haben.

Freitag, schlussfolgerte sie, wollte mit voller Absicht als Inbegriff des amerikanischen Ureinwohners der Volksromantik gesehen werden. Er lebte dieses Klischee sogar bis zu dem Punkt, dass er an den Wochenenden draußen vor der Walgreens-Filiale in der Main Street stand – mit zwei Adlerfedern im Haar und gekleidet in ein hirschledernes Gewand mit Fransen sowie in perlenbesetzten Mokassins – und dort für Touristen posierte, die ihn gegen ein Trinkgeld fotografierten: Sedonas ureigener indianischer Drugstore. Alles, was ihm fehlte, war eine Handvoll Zigarren.

Was den Grund für dieses Verhalten anbelangte, so hatte sie bis jetzt keine Ahnung. Warum sollte man eine Rolle spielen, die so offenkundig lächerlich und unter seiner Würde war? Warum unterwarf man sich einem erniedrigenden Klischee, das einer rückständigen, weniger aufgeklärten Zeit angehörte? War es Masochismus oder irgendeine Art von ausgeklügeltem Witz? Cass konnte auch nicht ansatzweise erraten, was der Grund war.

»Freitag!«, schrie sie und bewegte sich immer noch vorwärts. »Komm raus! Ich weiß, dass du hier drinnen bist.« Sie hielt inne und fügte dann hinzu: »Du bist nicht in Schwierigkeiten. Ich möchte nur mit dir sprechen.«

Die Felswände aus sich wellendem Gestein, das aus Schichten sich abwechselnder Farbbänder bestand, erhoben sich senkrecht aus dem Boden der Rinne, die bei näherer Betrachtung unnatürlich gerade erschien: eine seltsame Eigenschaft, die Cassandra zwar bemerkte, jedoch einer optischen Täuschung zuschrieb, die durch die unklaren Lichtverhältnisse und die merkwürdig geformten Steinwände hervorgerufen wurde. Ein plötzlicher Windstoß fegte lockere Kieselsteine von weiter oben herab, und mit ihnen kamen die ersten Regentropfen.

»Freitag!«

Der Klang ihrer Stimme schwirrte entlang der Sandsteinmauern, doch es kam keine Antwort aus den schwärzer werdenden Schatten vor ihr. Der Himmel wurde finster, er verdunkelte sich wie ein Bluterguss; und die niedrig hängenden Wolken bewegten sich heftig. Die Luft prickelte vor aufgestauter Energie; sie fühlte sich an, als würde sie unter Spannung stehen und gleich ein Blitz einschlagen.

Cassandra raste los. Eine Hand hielt sie dabei flach über ihren Kopf, um sich vor den herabstürzenden Kieselsteinen zu schützen. Der Wind umtoste sie mit einem gewaltigen Lärm und schickte ein Regentuch vor sich her, das sich über die ganze Rinne legte und alles auf seinem Weg durchnässte.

Cassandra war gefangen. Der Wind, der vom Canyon eingesogen wurde, brandete über sie hinweg und schleuderte ihr kaltes Wasser in das Gesicht. Geblendet vom Regen, schöpfte sie sich das Wasser von den Augen und stürzte schutzsuchend auf die überhängenden Felsvorsprünge zu, welche spärliche Deckung sie auch immer zu bieten vermochten. Ein eiskalter Windstoß schlug mit der Gewalt eines Düsentriebwerks in sie hinein, raubte ihr die Luft aus den Lungen und trieb sie den Canyon-Boden entlang. Sie taumelte weiter nach vorn, stolperte, streckte die Hände aus, um den Sturz aufzufangen, und biss die Zähne zusammen – doch der erwartete Stoß blieb aus.

Zu ihrem Entsetzen gab der Boden unter ihr nach, und sie taumelte fallend weiter.

Von einem Schritt zum nächsten befand sie sich plötzlich in der Luft und stürzte in eine unsichtbare Leere. Als die Landung kam, erfolgte sie sehr abrupt, doch mit ihr ging keine knochenbrechende Erschütterung einher, wie Cass instinktiv befürchtet hatte. Der Boden, auf dem sie landete, war merkwürdig schwammig.

Ihr erster Gedanke war, dass sie irgendwie durch das Dach einer Kiva gefallen war – eines der unterirdischen Zeremonienhäuser, die bei den in Pueblos wohnenden Ureinwohnern der Vergangenheit beliebt gewesen waren. Kivas waren oft versteckt, und von den Dächern wusste man, dass sie unter dem Gewicht von unachtsamen Wanderern zusammenbrachen. Aber wer hatte schon von einer Kiva gehört, die in einem Canyon-Boden versteckt war?

Ihr zweiter Gedanke war, dass ein Tornado sie hochgerissen hatte und sie Meilen entfernt fallen gelassen hatte – eine absurde Möglichkeit. Aber hatte sie nicht das Gefühl gehabt, dass sie flog? Wie sonst sollte sie sich erklären, was sie nun sah? Vor ihr erstreckte sich eine ungeheuer große, unfruchtbare Ebene aus vulkanischem Schotter auf der kein einziger Kaktus oder Mesquitebaum zu sehen war. Die hoch aufragenden roten Felsen von Sedona waren verschwunden, und weit entfernt säumte ein Band aus schwarzen Hügeln den Horizont.

Und das war alles.

Was war mit Arizona passiert?

Cass starrte auf die fremdartige Landschaft und wirbelte panisch in Pirouetten herum – wie eine Tänzerin, die auf unerklärliche Weise ihren Partner verloren hatte. Die Panik verstärkte sich. Sie schluckte Luft in dem vergeblichen Bemühen, sich zu zwingen, ruhig zu bleiben. Ihr schwirrte der Kopf, und zwei Gedanken jagten sich darin gegenseitig umher: Was war passiert? Wo bin ich?

Cass presste sich den Handrücken in den Mund, um den Schrei zu ersticken, der, wie sie spürte, sich darin bildete. Heroisch kämpfte sie darum, aus dieser äußerst fremdartigen Wende der Ereignisse schlau zu werden. Sie stand kurz davor, auf dem Pfad zusammenzubrechen und sich wie ein Fötus eng zusammenzukauern, als eine barsche, verärgerte Stimme sie aufschreckte.

»Was machst du denn hier?«

Augenblicklich war sie von ihrer Panik abgelenkt. Sie wirbelte herum, um zu sehen, wer sie von hinten ansprach. »Freitag!« Erleichterung breitete sich in ihr aus. »Gott sei Dank, du bist’s. Hast du vorhin nicht gehört, dass ich dich gerufen habe?«

»Nein.« Er legte die Hand auf seinen Oberarm. »Du musst zurückgehen.«

Sie blickte sich um, und im nächsten Moment verstärkte sich das Gefühl der Fremdartigkeit dieser Situation. »Wo sind wir? Was ist passiert?«

»Das ist nichts für dich.« Er begann zu gehen und zog Cassandra mit sich.

Sie entwand sich seinem Griff. »Ich werde nirgendwo hingehen, bis du mir sagst, was passiert ist«, beharrte sie und starrte ihn wütend an. »Nun?«

Eine unbestimmte Mischung aus Groll und Erheiterung huschte über die von der Sonne gerunzelten Gesichtszüge des amerikanischen Ureinwohners. »Dies ist Tsegihi«, antwortete er. »Du gehörst nicht hierhin.«

Cassandra legte die Stirn in Falten. Falls sie jemals zuvor das Wort gehört hatte, so konnte sie es doch nicht einordnen. »Ich verstehe nicht.«

»Du hast die Coyote-Brücke auf der Geisterstraße überquert.«

»Es hat hier weder eine Straße noch eine Brücke gegeben. Ich –«

»Im Canyon.« Erneut wollte er ihren Arm ergreifen, doch Cass trat von ihm fort. »Wir müssen zurückgehen, bevor es zu spät ist.«

»Warum?« Ihr Blick glitt über die bis ins Detail leere Landschaft hinweg. »Was könnte passieren?«

»Schlechtes.«

Cassandra erlaubte es dem Indianer, ihren Arm zu nehmen. Er drehte sie um und begann, einen Pfad entlangzugehen, der in die kleinen Bimssteinstücke hineingekratzt war, welche die Ebene mehrere Zoll dick bedeckten. So weit das Auge reichte, erstreckte sich der Pfad in einer absolut geraden Linie durch die leere Landschaft.

»Ist das etwa die Geisterstraße? Wie bin ich überhaupt hierher –«, begann sie, doch ihre nächsten Worte wurden von dem Wind geschluckt, der aus dem Nirgendwo herbeiwehte. Er schnappte sich ihre Stimme aus der Luft, als von einem Schritt zum nächsten ihre Füße den Kontakt zum Boden verloren.

ZWEITES KAPITEL

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Als Cassandra wieder sehen konnte, befand sie sich abermals im Geheimen Canyon. Sie war triefnass, und ihr Kopf pochte vor Schmerz. Es waren so bösartige Kopfschmerzen, dass sie nicht mehr geradeaus sehen konnte. Mit den Händen an den Hüften stand sie vornübergebeugt, schluckte Luft und bekämpfte ein flaues Gefühl von Übelkeit.

Freitag ragte über sie und runzelte die Stirn.

»Was?«, fragte sie herausfordernd. »Du hättest mich warnen können, dass dies passieren würde.«

»Du bist schwach«, erwiderte Freitag und blickte zum Himmel. Die aufgewühlten schwarzen Wolken lösten sich bereits auf, während der Sturm in die Ferne davonjagte.

»Und du bist sowohl dickköpfig als auch arrogant«, entgegnete sie und wischte sich mit beiden Händen ihr Gesicht ab.

»Wir werden jetzt zur Ausgrabung zurückkehren.« Er warf ihr einen flüchtigen Blick zu und begann in Richtung Grabungsstätte zu gehen. Als sie ihm nicht folgte, hielt er an und schaute zurück.

»Ich werde keinen einzigen Schritt gehen, bevor ich nicht ein paar Antworten bekomme, Mister.«

»Okay«, schnaubte er. »Du kannst hierbleiben.«

Er marschierte wieder los.

Cass sah zu, wie er davonging, und erkannte an der entschlossenen Haltung seiner Schultern, dass er sich kein zweites Mal umdrehen würde. Sie hastete der schlaksigen Gestalt hinterher. »Hör zu«, sagte sie, während sie zu ihm aufschloss und seinen Schrittrhythmus aufgriff. »Ich möchte eine Erklärung. So viel schuldest du mir zumindest.«

»Du bist mir einfach gefolgt.« Er blickte sie nicht an, sondern marschierte weiter. »Ich schulde dir überhaupt nichts.«

»Der Ort, wo wir gerade waren – wo war das? Wie sind wir dorthin gekommen? Hatte es irgendetwas mit dem Sturm zu tun?«

»Du stellst eine Menge Fragen.«

»Mir ist niemals etwas Vergleichbares wie das passiert.«

»Es wird nicht wieder passieren.«

»Hey!«, rief sie. »Ich will wissen, was los ist. Ich habe vor, der Sache auf den Grund zu gehen.«

»Willst du nicht.«

»Wetten, dass«, entgegnete sie in scharfem Tonfall.

»Du weißt nicht, wonach du fragst.«

»Dann sag es mir. Erklär es einfach, sodass ich es verstehe.«

»Die Leute werden glauben, du wärst verrückt.«

»Na und?«

Freitag wandte ihr sein breites, wettergegerbtes Gesicht zu. Lächelnd fragte er: »Dir macht es nichts aus, wenn die Leute dich für verrückt halten?«

»Sehe ich wie jemand aus, der sich darum kümmert?«, erwiderte sie. »Gib’s auf. Was ist vorhin dort hinten passiert?«

»Ich habe es dir schon gesagt.«

»Du hast gesagt, es wäre … was? Zeh-gieh-hie?«

»Tsegihi«, bestätigte er. »Das ist richtig.«

»Was bedeutet das?«

»Auf Deutsch?«

»Wenn möglich.«

Freitag nickte gedankenverloren. »Du würdest sagen, es ist die Geisterwelt.«

»Das war keine Geisterwelt. Das war real.«

»Ich hab ja gesagt, du würdest es nicht glauben.« Er ging wieder weiter.

»Okay, es tut mir leid.« Cass eilte hinter ihm her. »Fahr bitte fort. Wie sind wir dorthin gekommen?«

»Ich habe es dir schon gesagt.«

»Ich weiß, ich weiß: die Coyote-Brücke auf der Geisterstraße.«

Freitag erwiderte darauf nichts.

»Aber das ist bloß ein … Wie nennst du das doch gleich noch mal – ein Mythos oder eine Metapher oder etwas dergleichen?«

»Wenn du es so sagst.«

»Nein, erklär es mir. Ich möchte es wissen. Was ist die Geisterstraße?«

»Es ist der Weg, den das Medizinvolk benutzt, um die Überquerung von dieser Welt zur Geisterwelt vorzunehmen.«

»Du meinst dies wortwörtlich – eine leibhaftige Überquerung?«

»Richtig.«

»Das ist unmöglich.«

»Wenn du es so sagst.«

Sie hatten beinahe die Mündung des Canyons erreicht. Dahinter konnte Cass die Wüste mit Riesenkakteen und Mesquitesträuchern sehen, die lange Schatten warfen. Demnach ging der Nachmittag nun in den Abend über.

»In meinem Volk gibt es Leute, die in die Geisterwelt reisen, um heilige Pflichten zu verrichten.« Er hielt kurz inne und fügte dann hinzu: »Ich bin keiner von ihnen.«

»Und was bist du dann? Ein Tourist?«

Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. »Kann schon sein.«

»Ein Tourist«, brummte sie missbilligend. »Ich glaube dir nicht.«

»Das liegt bei dir.«

»Okay, tut mir leid. Du bist also ein Tourist in der Geisterwelt.«

»Wir nennen jemanden, der auf Geisterstraßen reist, einen Weltenwanderer.«

»Also gut. Aber wie machst du das? Dieses Weltenwandern – bringst du es mir bei?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Es ist nicht für dich bestimmt.«

Trotz weiterer Versuche mehr aus ihm herauszubekommen – wobei sie ihn bedrängte, ihm drohte und ihn sogar mit der Ankündigung von Schikanen einzuschüchtern versuchte –, weigerte sich Freitag, ihr mehr zu erzählen. Schlussendlich war sie gezwungen, ihre Bemühungen aufzugeben und zur Ausgrabung zurückzukehren, um deren Absicherung zu überwachen.

Während der Rückfahrt zur Stadt war Cassandra geistesabwesend und verwirrt – ein Verhalten, das von ihren Mitarbeitern im Van nicht unbemerkt blieb.

»Du bist ja heute so still«, stellte Anita fest, eine der Studentinnen, auf die die Ausgrabung angewiesen war, um die Drecksarbeit zu erledigen.

»Wirklich?«, fragte Cass. »Tut mir leid.«

»Hast du was?«

»Vermutlich bin ich nur ein wenig müde.«

»Wem sagst du das! Mac hat uns den ganzen Nachmittag mit Beuteln voller Schutt kämpfen lassen.«

»Hm.« Cassandra blickte aus dem Fenster des Vans und betrachtete die vorüberziehende Landschaft – alles war rot, golden und purpurn im Licht des frühen Abends. »Es ist wirklich eine wunderschöne Gegend«, sagte sie geistesabwesend.

Anita starrte sie einen Augenblick lang an. »Bist du sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?«

»Ja, mir geht’s gut. Warum sollte es anders sein?«

»Ich dachte, Greenough wäre eventuell mit diesen Nachrichten über die Stilllegung der Ausgrabung zu dir gekommen.«

»Das ist wohl anzunehmen …« Sie wandte sich wieder der Betrachtung des Horizonts mit seinen monumentalen Sandsteinfelsen zu.

Nach einer Weile fuhr der Van-Konvoi auf den Parkplatz des Motels.

»Hey, Cass – gehst du mit uns ins Red Rocks?«, rief Anita, als das Team ausstieg und sich auf den Weg über den Parkplatz machte. Das Red Rocks bot billige Tacos und kaltes Bier an und war das offizielle Lokal für Ausgräber.

»Ja, später, denke ich«, erwiderte Cassandra, während sie fortging. »Ihr macht erst mal ohne mich weiter.«

Am Empfang holte sie sich ihren Schlüssel ab und schlenderte zu ihrem Zimmer. Das King’s Arms Motel erinnerte an ein langweiliges altes Flohkino, doch es war im Vergleich zu den Standardpreisen in Sedona ausgesprochen billig. Darüber hinaus handelte es sich um den einzigen Ort in der Stadt, der halbwegs gewillt war, auf die Belange von Ausgräbern einzugehen. In der Lobby roch es nach feuchtem Hund, was man erfolglos durch den Einsatz von Pine Sol zu kaschieren versuchte. Das Ergebnis war ein beißender Geruch. Das stinkt aber, dachte sie nicht zum ersten Mal. Entgegen jeglicher Erwartung war es kein Zuckerschlecken, als arme Wissenschaftlerin in einem Urlaubsort für reiche Touristen zu leben. Man konnte sich nicht umdrehen, ohne daran erinnert zu werden, dass man nicht dazugehörte und obendrein einen Raum beanspruchte, der sich besser durch lukrative Gäste nutzen ließe.

Sobald sie in ihrem Zimmer war, warf sie sich auf das durchhängende Bett und starrte zur Decke hoch. Ihre Gedanken drehten sich im Einklang mit dem knarrenden Deckenventilator. Sie ließ sich Zeit mit Duschen und Umziehen, und als sie im Red Rocks eintraf, war die Party in vollem Gange. Die Arbeitsbienen der Ausgrabung feierten, dass sie gerade mindestens zwei, vielleicht sogar drei Tage frei bekommen hatten. Aus Rücksicht auf die Befindlichkeit der amerikanischen Ureinwohner und aus dem Wunsch heraus, eine Konfrontation mit Senator Rodriguez zu vermeiden und ihm so eine Bühne für Agitationen zu verwehren, hatte Joe Greenough angekündigt, dass sie über das Wochenende die Arbeiten unterbrechen würden. Nach einem Bier und einer Handvoll Nachos machte Cassandra Schluss für heute, entschuldigte sich und schlich davon. Sie spazierte allein zum Hotel zurück; äußerlich war sie ruhig, doch in ihrem Innern tobte ein Chaos aus halb fertigen Gedanken und wilden Spekulationen.

Nachdem sie ihre Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, ergriff sie das Telefon, wählte und drückte den Hörer an ihr Ohr, während das Freizeichen wieder und wieder ertönte. Als sich niemand meldete gab sie auf, unterbrach die Verbindung und schaltete das Fernsehen ein. Sie setzte sich auf das Bett und schaute sich etwa eine Stunde lang geistlose Sitcoms an; dann nahm sie erneut das Telefon in die Hand.

Diesmal wurde nach dem vierten Klingelton abgenommen. »Hallo, hier ist Tony.«

»Dad?«

»Cassie? Bist du das? Was ist los?«

»Ja, ich bin’s. Muss irgendetwas los sein, wenn eine Tochter ihren Vater anruft?«

»Nein, nein – keineswegs, Liebling«, erwiderte er rasch. »Es ist nur … Weißt du, wie viel Uhr es ist?«

»Äh …« Cass hielt inne. »Ist es etwa spät? Tut mir leid, ich hab den Zeitunterschied vergessen.«

»Kein Problem, Schatz. Ich bin froh, dass du mich angerufen hast. Was gibt’s?«

»Nichts. Es tut mir leid. Leg dich wieder schlafen. Alles ist in Ordnung. Ich werde dich ein anderes Mal wieder anrufen.«

»Cassandra«, sagte ihr Vater in einem Tonfall, den er für gewöhnlich anschlug, wenn er ein ernstes Gespräch führen wollte. »Was gibt’s? Ich möchte dir helfen.«

Sie holte tief Luft. »Dad, hattest du jemals einen dieser Tage, an dem die ganze Welt auf den Kopf gestellt wurde?«

»Natürlich, mein Herzstück. Das ist mir erst letzten Donnerstag passiert.«

Cass konnte hören, wie er sich durch das Zimmer bewegte und sich dann in seinem großen Ledersessel niederließ.

»Also erzähl mir davon. Was hat deine Welt auf den Kopf gestellt?«

»Nicht bloß meine Welt, Dad«, betonte Cass. »Die Welt von jedem. Genau genommen ist das ganze Universum aus den Angeln gehoben oder unterbrochen worden, oder … Ich weiß nicht, was es gewesen ist. Es ist bloß so sonderbar. Es ist unerklärlich.«

»Nun …« Sein Lachen war ein beschwichtigendes Geräusch, sanft und vertraut. »Du wirst es versuchen müssen, ansonsten werden wir nicht sehr weit kommen.«

»Das ist es genau. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll.«

»Okay.«

Sie konnte hören, wie er den Wissenschaftlerhut aufsetzte.

»Analysiere nichts, beginne einfach mit dem Anfang. Und lass nichts aus. Womit haben wir es zu tun?« Als sie weiterhin schwieg, fügte er hinzu: »Denk nicht nach – rede einfach. Tier, Pflanze oder Mineral?«

»Kennst du diese Wirbel beziehungsweise Vortexes?«, fragte sie. »Die berühmten Sedona Vortexes?«

»Der Ausdruck ist mir bekannt … Nach dem, was du mir erzählt hast, bin ich davon ausgegangen, dass es sich dabei um nichts anderes als einen Schwindel handelt, der von den Einheimischen aufgebauscht wurde, um die Tourismusbranche anzukurbeln – ein ausbeuterischer Unsinn.«

»Das nehme ich zumindest an …« Cassandra seufzte.

Es stimmte: Die Sedona Vortexes hatte man als langweiliges altes New-Age-Geschwätz abgetan. Welche wissenschaftliche Legitimität dieses Konzept auch immer besitzen mochte – falls überhaupt ein winziger Bruchteil von Realität darin steckte –, es war nun das Steckenpferd von alternden Hippies, Verehrern der Erdgöttin, Möchtegern-Mystikern sowie von verschiedenartigen Verrückten, Scharlatanen und Betrügern. Und ob sie existierten oder nicht, diese »Wirbel« waren gut für die Wirtschaft von Sedona: Von Vortex-Jeepfahrten und Vortex-Hubschrauberflügen über Vortex-Seelenlesungen bis hin zu den mit Vortex-Energie aufgeladenen Schmucksachen – all das war nur für einen hübschen Preis zu haben.

»Sprechen wir über dieselbe Sache?«, fragte ihr Vater.

»Ja, aber etwas ist heute geschehen – etwas wirklich Eigenartiges. Ich nehme an, du würdest es ein Naturphänomen nennen – jedoch von einer Art, wie ich es nie zuvor gesehen habe.«

»Hervorragend!« Bevor sie auf diesen Ausruf etwas erwidern konnte, wollte er rasch wissen: »Also, wo bist du gewesen? Und was hast du gemacht, als du dieses Phänomen beobachtet hast?«

Zunächst erzählte sie ihm von ihrem Arbeitsalltag – von der Ausgrabungsstätte und ihren Tätigkeiten dort – und beschrieb anschließend, wie sie Freitag in den Canyon gefolgt war. Als sie zu dem kam, was als Nächstes geschehen war, geriet sie ins Stocken.

»Ja, ja, mach weiter«, drängte ihr Vater sie. »Denk nicht nach, sondern spuck es einfach aus.«

»Du weißt sicherlich, dass all deine Kollegen dauernd über diese besonderen Dimensionen des Universums sprechen?«

»Mathematische Dimensionen, ja.«

»Nun … Was, wenn sie nicht bloß mathematisch wären?« Sie holte Atem und sprang ins kalte Wasser. »Dad, ich glaube, ich bin in eine andere Dimension gereist.«

Dieses Eingeständnis stieß am anderen Ende der Verbindung auf Schweigen.

»Dad? Bist du noch da?«

»Du meinst …«, begann er, hielt dann kurz inne und fing erneut an: »Was genau meinst du eigentlich?«

»Lediglich, dass ich in der einen Sekunde im Canyon war, wo Sand, Sturm und Regen auf mich einprasselten, und in der nächsten … Dad, ich stand auf einer Ebene, und die obere Bodenschicht war eine Ablagerung aus vulkanischer Schlacke. Es gab keinen Canyon mehr, keine Kakteen, rein nichts – nur Linien, die sich in entgegensetzten Richtungen bis zum Horizont erstreckten.«

»Definiere ›Linien‹«, forderte ihr Vater sie nach einem Moment auf.

»Linien … Du weißt schon. Als ob jemand eine Schneeschippe genommen und in der Schlacke auf der Ebene eine flache Mulde ausgeschaufelt hätte. Jedoch nicht willkürlich oder planlos: Diese Linien waren vollkommen gerade, und sie erstreckten sich meilenweit.«

Erneut trat Schweigen ein. Schließlich fragte ihr Vater: »War es heute heiß? Ich meine, heißer als gewöhnlich? Hast du da draußen genug Wasser getrunken?«

»Dad«, entgegnete Cassandra, in deren Tonfall eine gewisse Verbitterung mitschwang, »ich bin ein erfahrener Profi – ich habe keinen Sonnenstich bekommen. Okay? Du glaubst, ich hätte halluziniert?« Ihre Stimme wurde lauter. »Es war keine Halluzination oder Lebensmittelvergiftung oder Malaria. Ich habe auch nicht meine Periode. Es ist real gewesen. Es ist wirklich geschehen.«

»Ich habe kein Urteil über dich gefällt, Cass«, protestierte er. »Ich bin auf deiner Seite. Doch wir müssen jede Möglichkeit untersuchen. Und bestimmte Erklärungsansätze ausschließen.«

»Du hast recht«, sagte sie seufzend. »Es tut mir leid. Es ist nur – je mehr ich darüber nachdenke, desto verunsicherter werde ich. Zu dem Zeitpunkt, als ich es erlebte, war es schon eigenartig genug, aber jetzt …«

»Du hast erzählt, dass Freitag bei dir gewesen ist. Du bist ihm gefolgt und hast ihn in dieser anderen Dimension getroffen. Was ist dann passiert?«

»Er hat gesagt, dass ich nicht dort sein sollte. Anschließend hat er mich zurückgebracht.«

»Wie hat er das gemacht?«

Sie antwortete nicht sofort, sondern dachte kurz darüber nach. »Er drehte mich um, und wir begannen zu gehen … Wind kam auf … Staub blies mir in die Augen, und alles wurde ein bisschen verschwommen … Ich spürte im Gesicht, dass der Wind nun heftig blies … und dann fing der Regen an. Als ich wieder hochschaute, waren wir im Canyon zurück.«

»Derselbe Canyon wie zuvor?«, fragte ihr Vater.

»Ja, es war derselbe. Man nennt ihn den Geheimen Canyon.« Sie hielt inne. »Das ist alles. Genau das ist passiert.«

»Irgendwelche körperlichen Symptome? Oder irgendetwas anderes?«

»Ich wurde ein wenig seekrank: Mir war übel und schwindlig, und ich hatte schreckliche Kopfschmerzen. All das ging sehr schnell vorbei. Sonst geschah nichts – abgesehen davon, dass ich vom Wind durchgepustet wurde und der Regen auf mich prasselte.«

»War Freitag auch da?«

»Ja«, bekräftigte Cass. »Wie ich schon sagte, er brachte mich zurück. »Ich versuchte, ihn dazu zu bringen, mir zu erklären, was geschehen war, doch er schwieg sich darüber aus. Er sagte immer wieder, es sei nicht für mich bestimmt. Ich habe das so verstanden, dass er damit das weiße Volk im Allgemeinen meinte, nicht bloß mich im Speziellen. Und er benutzte Ausdrücke der amerikanischen Ureinwohner, um bestimmte Objekte zu bezeichnen. Er sprach von der Geisterstraße und der Coyote-Brücke und Ähnlichem. Außerdem sagte er, wir hätten die Geisterwelt besucht.«

»Klingt ungewöhnlich.«

»Du glaubst mir doch – nicht wahr, Dad?«

»Natürlich glaube ich dir, Cass«, antwortete er; seine Stimme drückt Zutrauen und Zuspruch aus. »Darüber hinaus denke ich, dass die Sache es wert ist, umfangreichere Untersuchungen vorzunehmen. Ich glaube, es ist besser, wenn ich einmal da draußen nachschauen würde.«

»Dad, du brauchst wirklich nicht …«

»Wir müssen es prüfen und dokumentieren. Ich werde ein paar Instrumente mitbringen.« Er hielt inne. »Ich wünschte, deine Mutter wäre hier. Sie würde es so richtig auskosten.«

Cass konnte hören, wie er nachdachte.

»Kannst du diesen Ort wiederfinden?«

»Sicher, kein Problem. Aber, hör mal zu, ich habe gedacht, dass …«

»Gut. Unternimm nichts, bis ich dort bin. Nicht das Geringste. Morgen Nachmittag werde ich einen Flieger dorthin nehmen. Kannst du mir da, wo du gerade wohnst, ein Zimmer besorgen?«

»Ja, aber … Dad, ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist …«

»Dann ist es abgemacht. Ich seh’ dich bald, mein Schatz. Also, sprich mit niemandem darüber. Okay? Das hast du doch noch nicht, oder?«

»Nein. Nur mit dir.«

»Die Sache ist die, mein Liebes – das Letzte, was wir gebrauchen können, ist ein Haufen von Amateuren und Spinnern, die herumstochern und die Angelegenheit erschweren. Nach dem, was du mir erzählt hast, ist Sedona voll von diesen Leuten.«

»Glaubst du wirklich …«

»Auf Wiederhören, Cassie. Ich muss ein paar Telefongespräche führen. Unternimm nichts, bis ich dort bin. Ich liebe dich!«

Klick. Die Verbindung war tot.

»Ich liebe dich auch, Dad.« Einen Augenblick hielt sie noch das Telefon in der Hand, dann klappte sie es zu und warf es auf den Nachttisch.

»Großartig«, murmelte sie. Dann dachte sie: Nun, du Depp, was hast du erwartet? Du wolltest, dass man dich ernst nimmt – was hast du geglaubt, wie das aussehen würde?

DRITTES KAPITEL

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Die Kälte drang durch den gefrorenen Untergrund bis ins Mark seiner Knochen hoch, während Kit zitternd im Schnee lag. Er hatte das Gefühl, dass er seit Tagen, wenn nicht noch länger, dort zusammengekauert – als ein langsam sich abkühlenden Haufen – verweilt hatte. Doch es konnten höchstens nur ein paar Minuten gewesen sein. Beweg dich, sagte er zu sich selbst, oder du wirst dort, wo du liegst, erfrieren.

Ganz langsam rollte sich Kit auf die Seite und schaute sich um. Sein Kopf schmerzte, und seine Muskeln waren steif. Und er war zurück – zurück auf der Waldlichtung, zurück im tiefsten Winter, zurück in der prähistorischen Vergangenheit. Der Himmel war wolkenverhangen und dunkel; aus niedrigen, schweren Wolken rieselte sanft und leise Schnee herab, der die Umrisse des Knochenhauses weicher erscheinen ließ. Diese Konstruktion bestand vollständig aus ineinandergefügten Knochen: große, gekrümmte Mammutstoßzähne; Geweihe und Hörner, Wirbelsäulen und Becken von Elchen, Büffeln, Antilopen und Schweinen; mindestens ein Rhinozerosschädel; unzählige Rippen und Beinknochen von kleineren Tieren – und wer konnte schon wissen, von wem sonst noch Skelettteile da waren. Alle Knochen waren ineinander verschlungen wie bei einem verrückten Puzzlemuster und bildeten eine Behausung, die wie ein sanft ansteigender Erdhügel gestaltet war und die irgendwie mehr war als die Summe seiner verschiedenen Teile.

Errichtet im Zentrum einer kreisrunden Lichtung mitten im Wald, übte die merkwürdige, wie ein Iglu geformte Hütte eine unbestreitbare Kraft aus – eine erdhafte, urtümliche Macht wie der Magnetismus oder die Schwerkraft. Sie war unterschwellig, doch spürbar. Der bloße Anblick der Konstruktion brachte die Vision in all ihrer Herrlichkeit zurück: Kit hatte die Seelenquelle gesehen; und auf irgendeine Weise, die er noch nicht zu begreifen vermochte – und die er auch nicht ansatzweise beschreiben konnte –, wusste er, dass sich sein Leben verändert hatte.

Er schloss seine Augen, sodass er im Geiste alles von Anfang an wieder erleben konnte. Zuerst war er innen im Knochenhaus gewesen und hatte die Ley-Lampe gehalten: Er spürte, wie sie sich in seiner Hand erwärmte, als sie aktiv wurde. Erneut sah er, wie in dem eigenartigen Halbdunkel des Knochenhauses die kleinen Lichter hellblau leuchteten. Dann stürzte er auf unerklärliche Weise durch den schneebedeckten Boden und gelangte in ein Reich voller blendendem Licht und Wärme – ein Reich von atemberaubender Klarheit, wo selbst die kleinsten Dinge einen beinahe leuchtenden Glanz besaßen. Sein erster Eindruck war der einer Welt von solcher Schönheit, Eintracht und Harmonie, dass er einen schmerzhaften, sehnsuchtsvollen Stich in seinem Herz spürte. Kit, den die beinahe berauschende Stille ins Taumeln brachte, wankte einen Pfad entlang. Der Weg war von Pflanzen und Bäumen gesäumt, die sich durch ein erlesenes Ebenmaß und so strahlende Farben auszeichneten, dass seine Augen davon schmerzten. Jedes einzelne Blatt von jedem Baum und jeder Pflanze schien voller Lebenskraft zu schimmern; und jeder Grashalm strahlte die gleiche unauslöschliche Lebensenergie aus. In einem Zustand andächtigen Staunens spazierte Kit durch diesen üppigen grünen Garten-Wald und erreichte schließlich den Rand eines Sees, der jedoch keinem anderen Gewässer ähnelte, das er je zuvor gesehen hatte: eine Fläche aus einer durchsichtigen, gläsernen Flüssigkeit mit leicht zähflüssiger Beschaffenheit, wie die von Olivenöl oder Sirup. Der See strahlte ein schwaches milchiges Leuchten aus; und seine sich sanft kräuselnde Oberfläche schimmerte – es war die ruhelose Energie von lebendigem Licht.

Kit erinnerte sich, dass er die Hand ausgestreckt hatte, um diese wundersame Substanz zu berühren … und dann … war irgendetwas passiert … aber was?

Das Knacken eines Zweiges in der Nähe, der sich unter der kalten Schneelast krümmte, brachte Kit in die Gegenwart zurück: eine Realität aus Eis und Kälte und umherstreifenden Raubtieren. Er stand auf, klopfte Schneeklümpchen aus seinen Fellen und schlurfte vorwärts. Vor dem tunnelähnlichen Eingang der Hütte aus Knochen ließ er sich auf Hände und Knien fallen und kroch hinein. Im Innern war es dunkel, aber relativ warm – zumindest wärmer als draußen auf der Lichtung –, was zweifellos der Ausstrahlung des schlafenden Hausbewohners zu verdanken war. Spontan streckte Kit die Hand nach der sich zurücklehnenden Gestalt von En-Ul aus. Der greise Urmensch fühlte sich warm an, und Kit spürte unter seiner Hand, dass En-Ul sich bewegte. Der Alte war immer noch lebendig – und immer noch in der Traumzeit.

Dieser Begriff war Kits Versuch, ein Konzept zu übersetzen, dass er nicht exakt definieren konnte: eine Art von mystischer Meditation oder prophetischer Reise, die in irgendeiner Weise die Zeit einbezog. Andererseits … Vielleicht war es ja auch etwas völlig anderes.

Kit ließ sich neben En-Ul nieder und versuchte ein weiteres Mal nachzuvollziehen, was ihm passiert war. Nachdem er durch den Boden des Knochenhauses gefallen und ins Unbekannte gesprungen war, hatte er einen von der Sonne beschienenen, belaubten Pfad betreten. Er folgte diesem Weg durch eine paradiesische Welt, die wie ein Garten voller Wonnen war, und entdeckte schließlich die Seelenquelle. Irgendetwas geschah dort. Am mystischen Teich sah er Arthur Flinders-Petrie und … etwas so Unglaubliches, dass es selbst jetzt einen magischen Glanz auf ihn zu werfen schien – falls er sich nur erinnern konnte, was es war.

Konzentrier dich!, ermahnte Kit sich selbst. Was hast du gesehen?

Er presste die kalten Hände gegen seinen Kopf, drückte die Augen zu, und in seinem Bewusstsein tauchte das Bild seiner eigenen Füße auf jenem jenseitigen Pfad auf … die sich rasch bewegten, fast in einem Lauftempo … Er verfolgte seine Schritt zurück, die von dem Teich aus Licht wegführten … Und dann spürte er, wie er fiel: Sein Fuß blieb an irgendetwas auf dem Pfad hängen – vielleicht an einer Schlingpflanze oder einer Baumwurzel … er fiel hart und prallte mit dem Kopf auf …

Kit berührte mit der Hand seinen Hinterkopf und fühlte dort eine schmerzempfindliche Beule. Ja! Er war gefallen und hatte sich am Kopf gestoßen. Natürlich! Das bewies, dass es sich nicht um einen Traum handelte. Er war tatsächlich dort gewesen; er war tatsächlich Augenzeuge eines Wunders geworden. Das war es! Er hatte das Wunder einer Wiedergeburt oder Wiederauferstehung mit angesehen.

Augenblicklich kehrten die Erinnerungen zurück, und sein Gedächtnis war wieder auf die vergangenen Geschehnisse konzentriert; sein Bewusstsein füllte sich mit klaren, präzisen Bildern. Erneut sah er den wundersamen Teich; eine Bewegung am Rande des Gewässers hatte ihn alarmiert und ihn dazu gebracht, hinter Blattwerk in Deckung zu gehen. Er zog sich in den Schatten der Bäume zurück, und am Rande des Teichs erschien Arthur Flinders-Petrie, der eine Frau trug, die eindeutig tot war. Diese Frau wurde wieder ins Leben zurückversetzt durch das Leben einflößende Wasser jenes außergewöhnlichen Teichs. Ihre Leiche, die Arthur Flinders-Petrie vorsichtig in seinen Armen wiegte, wurde in das Wasser getragen und kam wenig später vollkommen lebendig wieder zum Vorschein. Kit hatte dies mit eigenen Augen gesehen – mit denselben Augen, die sich jetzt bei dem Gedanken trübten, dass die wunderschöne Welt, die er gefunden hatte, nun wieder verloren war.

Die Erinnerung an jenes Wunder, das er so flüchtig erblickt und miterlebt hatte, erfüllte ihn mit einem Verlangen von solcher Intensität, dass er kaum zu atmen vermochte. Kit ließ sich nach hinten fallen und hielt sich den pochenden Kopf. Er tat sich selbst ungeheuer leid, bis ihm der Gedanke kam, dass das, was einmal entdeckt worden war, erneut entdeckt werden konnte. Warum nicht? Das erste Mal war durch Zufall geschehen; er hatte noch nicht einmal gesucht. Der Quell der Seelen hatte sozusagen ihn gefunden. Dieses Mal würde er jenen wundersamen Teich finden und sich selbst in sein lebendiges, heilendes Wasser stürzen.

Mit dieser Überlegung im Hinterkopf holte Kit die Ley-Lampe aus der Innentasche hervor, die er in sein Hemd aus Hirschfell genäht hatte. Wilhelminas seltsames Messinggerät war jetzt dunkel; die kleine Reihe von Löchern, die in der Gegenwart von tellurischen Aktivitäten hellblau leuchteten, war schwarz und leer. Dadurch wusste Kit, dass das Ley-Portal, welches sich geöffnet und ihm so ermöglicht hatte, in die andere Welt hinüberzugehen, nicht mehr aktiv war. Nur um sicherzugehen, bewegte er den Apparat wellenförmig durch das Innere des Knochenhauses. Die Lampe blieb dunkel und kalt: ein unbeleuchtetes Stück gegossenes Metall. Das Verlustgefühl verstärkte sich, als er begriff, dass er nicht in der Lage sein würde, zur Seelenquelle zurückzukehren, zumindest jetzt noch nicht – nicht, bis sich der Ley oder das Portal abermals öffnete. Kit steckte das Instrument in die Tasche zurück; er würde es später erneut versuchen. Nachdem er sich damit abgefunden hatte, dass er warten musste, lehnte er sich zurück, lauschte dem langsamen, einfachen Rhythmus des schlafenden En-Ul und döste bald vor sich hin.

In seinem traumartigen Zustand ließ Kit seinen Geist umherstreifen, wohin es ihn trieb, und er wanderte binnen Kurzem zu Wilhelmina. Kit fragte sich, was sie gerade tat. Suchte sie immer noch nach ihm? Hatte sie Angst um seine Sicherheit? Er selbst hatte keinerlei Angst um sich. Er hatte einen Platz unter den Fluss-Stadt-Bewohnern gefunden; und abgesehen vom offenkundigen Fehlen einiger weniger leiblicher Genüsse überlebte Kit nicht nur, sondern blühte geradezu auf. Er war auf eine Weise, die er nicht hätte vorhersehen können, tatsächlich zufrieden. Er wollte immer noch letzten Endes heimkehren, doch für jetzt schien es richtig, hier zu bleiben. Wenn dies sein Schicksal war, dann konnte er das akzeptieren.

Der Gedanke, dass Wilhelmina ihn unermüdlich suchte, ließ in Kit den Wunsch entstehen, ihr irgendwie zu versichern, dass er sich in Sicherheit befand und damit zufrieden war, zu warten, wie lange es auch immer dauern mochte. »Ich bin okay, Mina«, murmelte er, als er einnickte. »Mach dir keine Sorgen. Lass dir ruhig Zeit. Ich werde auf dich warten.«

Für eine Weile schlummerte Kit mit Unterbrechungen. Als er sich wieder rührte, war es dunkler im Knochenhaus als zuvor. Er gähnte, streckte sich und schaute um sich; dann bemerkte er, dass er beobachtet wurde.

»Du bist wach, En-Ul«, sagte er laut und erzeugte in seinem Bewusstsein das Bild eines Mannes, der gerade aufwachte.

Der Uralte stieß das übliche zufriedene Grunzen aus, das Kit mit Zustimmung assoziierte; und vor seinem geistigen Auge sah Kit den Clan, wie er an einem Feuer saß und Fleisch aß … gefolgt von dem Bild eines leeren Mundes, der sich weit öffnete.

»Bist du hungrig?«, fragte Kit und rieb sich den Bauch – eine pantomimische Geste für Hunger. »Sollen wir zum Lager zurückgehen?« Mit seinen Fingern, die auf der Handfläche »marschierten«, ahmte er symbolisch das Gehen nach und wies dann vage in Richtung der Schlucht.

Erneut kam als Antwort das zustimmende Grunzen, und der alte Stammesführer begann, sich zu erheben. Kit half ihm, sich aufzusetzen. »Wir können es langsam angehen«, riet er und formte ein mentales Bild von diesen Gedanken. »Das hat Zeit.«

Eine Weile saßen sie nur schweigend da; anschließend setzte sich En-Ul in Bewegung, um aus der Hütte hinauszukriechen. Kit folgte ihm und tauchte in das frühe Dämmerlicht ein. Eine Stille lag auf dem Wald, die immer wieder vom Schnee sanft unterbrochen wurde. Er konnte leise platschende Geräusche hören: Sie entstanden durch Schneeklumpen, die von den Bäumen in ihrer Umgebung herabfielen. Die Luft war frisch und duftete nach Kiefern. Kit holte tief Atem, sog die Luft in seine Lungen ein und stieß sie wieder aus, wobei er einen eisigen Geschmack auf seiner Zunge spürte. En-Ul blieb einen Augenblick stehen, schaute sich mit starrem Blick um und lauschte. Dann drehte er sich um und machte sich auf den Weg zurück zur Schlucht und in die Sicherheit des Felssimses, wo der Clan auf sie wartete.

Lange bevor sie den Talboden erreichten, senkte sich die Nacht herab. Auf dem Pfad zur Kalksteinfelswand erblickte Kit zwischen den Bäumen Fackellicht; und wenig später wurden sie von Mitgliedern des Fluss-Stadt-Clans begrüßt, die hinausgegangen waren, um sie willkommen zu heißen. Wieder einmal erlebte Kit den unheimlichen sechsten Sinn dieser Urmenschen; er stellte ihn sich als eine Art von mentalem Funk vor, der es ihnen erlaubte, augenblicklich und über eine beträchtliche Distanz hinweg miteinander zu kommunizieren. Sie mochten vielleicht das stimmliche Vermögen von intelligenten Kleinkindern haben, doch auf telepathischem Gebiet waren sie geniale Zauberer.

Ihr Aussehen war ebenfalls sehr irreführend. Ein flüchtiger Beobachter mochte nicht ohne Grund zu der Annahme gelangen, dass das typische Mitglied des Fluss-Stadt-Clans ein zotteliges, schwerfälliges Wesen war, von langsamer Beweglichkeit und Auffassungsgabe – ein ungeschlachter, tollpatschiger Rohling, dem jegliche menschliche Verfeinerung fehlte. In Wirklichkeit waren sie flink und geschmeidig und besaßen eine seltsame Anmut, die nur ihnen eigen war. Sie konnten sich durch ihre von Wäldern geprägte Welt vollkommen still und fast unsichtbar bewegen; sie wussten, wie man sich alle Nahrungsquellen zunutze machte, die im Erdboden verwurzelt waren oder sich auf Beinen oder in der Luft bewegten. Außerdem besaßen sie eine Güte, Geduld und eine langmütige Toleranz wie die eines Heiligen. Sie würden freilich niemals für elegant gehalten werden: Ihre stämmige, muskulöse Gestalt, ihre dicken Gliedmaßen und ihre breiten Körper waren nicht zum Tanzen bestimmt, sondern dienten der Ausdauer. Es stimmte, dass sie zottelig waren, doch in den Monaten, die Kit mit ihnen verbracht hatte, war er nicht weniger behaart geworden: In vielerlei Hinsicht war das Leben ohne Scheren einfacher.

Die Clanmitglieder waren froh, die beiden zu sehen. Sie klopften ihnen leicht auf Schultern und Rücken, tätschelten sie und gaben zufriedene Grunzlaute von sich; auf diese Weise wurden die zwei Neuankömmlinge wieder in den Schoß der Gemeinschaft aufgenommen. Für Kit fühlte es sich wie eine echte Heimkehr an: Ja, er hatte einen Platz in diesem Volk, doch im Lichte seiner Erlebnisse am Quell der Seelen kam er nicht umhin, zu denken, dass da noch etwas mehr war – dass er irgendeine bestimmte Aufgabe hier hatte. Worum es sich bei dieser Aufgabe handeln mochte, entzog sich ihm momentan, doch dieses Gefühl war echt und unausweichlich.

Die Worte von Sir Henry fielen ihm wieder ein: So etwas wie Zufall gibt es nicht.

Trotz allem – oder vielleicht auch aufgrund dessen –, was ihm passiert war, konnte Kit dies für bare Münze nehmen und denken: Ich bin dafür bestimmt, hier zu sein. Alles, was er nun tun musste, war herauszufinden, warum er hier war.

Der herzliche Empfang fand schließlich ein Ende, und die Begrüßungsgesellschaft führte sie ins Winterquartier zurück. Das leise Flackern der brennenden Fackeln und das gedämpfte Knarren von Schnee unter den in Bärenfellen gewickelten Füßen waren die einzigen Geräusche, die ihren Marsch begleiteten. Sie gingen am Rande des nun zugefrorenen Flusses entlang; zahlreiche schneebedeckte Steine bildeten kleine Erhöhungen, sodass sie sich auf einem unebenen Gebiet bewegten. Dann marschierten sie auf dem schmalen Weg entlang der Schluchtwand hoch zu dem großen Felssims, der im Winter das Zuhause des Clans war. Als sie taumelnd das Lager erreichten, war Kit völlig durchgefroren. Auf einer breiten, flachen Stelle am Rand des Simses hatte man ein Lagerfeuer errichtet, das regelmäßig gehütet wurde und Tag und Nacht brannte. Schlafmatten aus Bündeln getrockneten Grases, die mit Fellen und Pelzen bedeckt waren, lagen verstreut im Umkreis des Feuers. Im hinteren Bereich des Simses gab es zwei Höhlen – die eine für Lebensmittel, die andere für Wasser –, die es dem Clan ermöglichten, ganz in der Nähe Vorräte bereitzuhalten.

Kit schlängelte sich durch die Leute, die ihn willkommen hießen, und stellte sich so nahe an das Lagerfeuer, wie er es wagen konnte. Dort blieb er, bis die Flammen ihn gewärmt hatten. Fleischstreifen von einer Hirschkeule brutzelten auf Holzspießen und erfüllten die Luft mit dem Duft von röstendem Fleisch. Als es gebraten war, wurden die Spieße von Hand zu Hand weitergereicht. Nachdem sich alle satt gegessen hatten, ließ sich die Fluss-Stadt für die Nacht nieder. Kit saß lange Zeit aufrecht da, beobachtete das Feuer und dachte darüber nach, was er im Knochenhaus erlebt hatte und was es bedeuten könnte. Zu guter Letzt wurde auch er müde. Er suchte sich einen Platz zwischen den verstreut liegenden Körpern, zwängte sich hinein und schlief zu den bedächtigen Geräuschen der schwelenden Glut.

Es schneite die ganze Nacht durch. Und als sich am nächsten Morgen En-Ul erhob und sich vor den um das Feuer kauernden Clan stellte, fiel immer noch Schnee. Kit bemerkte wie die anderen sofort, dass es sich nicht um ein übliches Verhalten handelte; und alle blickten in gedämpfter Erwartung auf das, was der Uralte tun würde. En-Ul, der weiterhin vor seinem Volk stand, schaute sich um und gab dann ein Grunzen von sich. In Kits Bewusstsein gelangte das Bild von einem matt flackernden Licht und einer Hand. Die Hand war rot, und Blut tropfte davon herab. Dann sah er Tiere – ganze Herden von Rotwild und Antilopen sowie großen, langsam laufenden Mastodonten mit rötlichem Haar –, die alle auf einer großen Ebene mit hohem Gras in Bewegung waren.

Das Bild verblasste, und zu Kits Überraschung erhoben sich alle Jäger des Clans gleichzeitig und begannen, vor und zurück zu schwingen und mit Grunzlauten ihre Zustimmung kundzutun. Kit beobachtete sie und hoffte, irgendein anderes Zeichen zu sehen, doch nichts Weiteres erschien. Dardok, den Kit in Gedanken Großer Jäger nannte, nahm seinen Speer auf, streckte ihn hoch und stieß einen tiefen, grollenden Ruf aus, wie der eines Elchbullen oder Büffels. Die anderen Jäger begrüßten dies, indem sie ihre eigenen Speere hochstreckten und Bullengebrüll wiederholten. Dann verließen sie den Felsüberhang und stiegen den schmalen Weg hinab, der zum Talboden führte. Dardok brach als Letzter auf. Als er sich jedoch umdrehte, um fortzugehen, erzeugte En-Ul einen klickenden Laut in seiner Kehle. Dardok hielt inne; irgendetwas geschah zwischen dem alten Stammesführer und Großer Jäger.

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