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Melanie

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Die Tränen auf ihrer Wange waren noch nicht getrocknet und die Wut noch nicht verraucht, als jemand – nein, nicht nur einfach jemand, sondern die halbe Sippe – an die Tür von Melanies Wohnung in Boston klopfte. Noch bevor sie sich von der Couch erhoben hatte, wurde die Tür bereits aufgestoßen, und ihre drei Schwestern stürzten wie zornige Furien in das kleine Apartment.

Wenn Melanie nicht so verzweifelt gewesen wäre, hätte sie über das entschlossene Verhalten ihrer Schwestern wahrscheinlich gelächelt. Und Jeremy konnte von Glück sagen, dass sie ihn bereits hinausgeworfen hatte. Die D’Angelo-Schwestern waren nämlich eindeutig etwas Besonderes. So unterschiedlich sie auch waren, zusammen waren sie eine geballte Energie, gegen die man nicht so leicht ankam. Nichts band sie außerdem enger zusammen als ein gemeinsamer Feind – und in diesem Fall war es der Mann, der Melanie sechs Monate lang belogen und betrogen hatte.

Maggie und Jo setzten sich neben ihre Schwester, tätschelten ihr die Hand – eine rechts, die andere links – und versuchten, sie aufzumuntern. Sie meinten, dass alles wieder gut werden würde, dass dieser Schuft sie sowieso nicht verdient hätte, und trösteten sie mit einer Flut gut gemeinter Worte. Leider redeten ihre Schwestern so lange auf sie ein, dass Melanie irgendwann am liebsten laut geschrien hätte.

Ashley war die Einzige, die nichts sagte, aber die leichte Röte auf ihren Wangen und die Tatsache, dass sie aufgeregt im Zimmer hin und her lief, verrieten nichts Gutes. Offensichtlich stand sie kurz davor zu explodieren. Ashley war die älteste der vier Schwestern und nahm ihre Verantwortung sehr ernst. Außerdem hatte sie das heftige Temperament des Vaters geerbt. Melanie beäugte sie daher misstrauisch.

„Ash, vielleicht solltest du mit diesem Hin- und Hergerenne aufhören und dich setzen“, schlug sie beschwichtigend vor. „Wir werden ja allein vom Zugucken nervös.“

Ihre Schwester zog die Brauen hoch. „Nein, ich versuche noch zu entscheiden, ob ich diesen Jeremy vor Gericht zerren oder ihn ausfindig machen und ihm eine ordentliche Tracht Prügel verabreichen soll.“

Die anderen Schwestern tauschten vielsagende Blicke. Bei Ashley war nämlich keine der beiden Optionen gänzlich auszuschließen. Sie war Anwältin, hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und wurde zur Löwin, wenn es darum ging, ihre Schwestern zu verteidigen.

„Und wozu wäre das gut, Ash?“, fragte Jo, die als die Friedensstifterin galt. „Wenn dein Name und das Motiv für deine Tat in die Schlagzeilen käme, würde das Melanies Schmerz nur noch verschlimmern und sie wäre vor der ganzen Welt blamiert. Dann wüssten alle, dass dieser Schuft es fertiggebracht hat, sie ein halbes Jahr lang anzulügen. Und willst du wirklich, dass Dad das herausfindet? Wahrscheinlich wirst du ihn dann wegen Mordes verteidigen müssen.“

Ashley seufzte. „Ihr habt ja recht.“

Die vier Schwestern schwiegen und dachten über Jos Warnung nach. Das Temperament ihres italienischen Vaters war berühmt-berüchtigt, und bisher hatte er den Männern, mit denen sie ausgegangen waren, immer wieder ordentlich Angst eingejagt. Ein Schuft und Lügner wie dieser Jeremy hätte nicht die geringste Chance gegen den Zorn ihres Vaters.

Ashley sah Melanie prüfend an. „Bist du sicher, dass ich nichts unternehmen soll? Es gibt diverse Wege, es diesem Kerl heimzuzahlen. Es muss nicht unbedingt Blut fließen.“

„Ja, ich bin ganz sicher“, beeilte sich Melanie rasch zu sagen. „Es ist schon schlimm genug, wenn ihr wisst, dass es Jeremy ein halbes Jahr lang gelungen ist, eine Frau und zwei Kinder vor mir geheim zu halten. Ich schäme mich, dass ich seinen Lügen so blind geglaubt habe.“

„Und warum hat er es dir dann heute gestanden? Hatte er ein schlechtes Gewissen?“, fragte Maggie.

„Wohl kaum“, bemerkte Melanie. „Ich bin ihm über den Weg gelaufen, als er gerade mit seiner Frau neue Sportschuhe für die Kinder kaufte. Und selbst in dieser Situation hatte er noch die Frechheit, mich beiseitezuziehen und mir Lügen aufzutischen. Ihr kennt schon dieses Blabla, wie sehr ihn seine Ehe erdrücken würde und dass er nur noch aus Verantwortungsbewusstsein bei seiner Frau bliebe. Ich wäre wahrscheinlich sogar so dumm gewesen und hätte ihm auch das noch geglaubt, wenn seine Frau uns nicht entdeckt und ihm einen Blick zugeworfen hätte, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Man konnte ihr ansehen, dass sie die Situation sofort erfasst hatte. Es war bestimmt nicht das erste Mal, dass er eine Geliebte hatte. Ich frage mich bloß, was für eine Lüge er erfunden haben muss, damit sie ihn heute noch mal wegließ. Er kam, um zu retten, was noch zu retten war.“

„Du hast doch hoffentlich kein Wort von dem geglaubt, was er dir erzählt hat, oder?“, fragte Ashley.

„Natürlich nicht. Außerdem wusste ich, dass ihr inzwischen auf dem Weg zu mir wart, und habe ihn so schnell wie möglich hinausgeworfen.“ Sie seufzte. „Mensch, wie dumm ich war! Ich hätte bereits vor Monaten begreifen müssen, was da vor sich ging.“

Jo lächelte und stieß Melanie freundschaftlich in die Rippen. „Du bist wohl doch leicht begriffsstutzig, was? In Mathe warst du auch keine Leuchte.“

„He, das ist nicht lustig, kleine Schwester“, protestierte Melanie. „Was soll ich bloß tun? Ich kann doch jetzt bei Rockingham Industries nicht mehr weiterarbeiten. Ich hätte mich niemals mit einem Kollegen einlassen sollen. Allein bei dem Gedanken, dass ich ihn dort wieder sehen werde, krampft sich mir der Magen zusammen. Oh verflixt, noch gestern habe ich alles getan, um ihm so oft wie möglich zu begegnen. Unter allen möglichen Vorwänden bin ich in sein Büro gelaufen.“

„Was du im Moment brauchst, ist Abstand“, riet Maggie mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. „Und ich weiß auch schon, welcher der geeignete Ort dafür ist.“

„Ich muss einen anderen Job finden“, korrigierte Melanie ihre Schwester. „Ich weiß, dass ich bei Rockingham nicht gerade Karriere gemacht habe, aber immerhin konnte ich mit diesem Sekretärinnenjob meine Miete bezahlen.“

„Du musst dich nicht sofort auf die Suche begeben“, warf Ashley ein. „Falls du knapp bei Kasse bist, leihe ich dir gern etwas.“

„Das sagt die gut verdienende Anwältin, die sich vor Geld nicht mehr retten kann und keine Zeit hat, es auszugeben“, bemerkte Jo. „Aber von uns kannst du natürlich auch etwas bekommen.“

„Klar“, stimmte Maggie sofort zu.

Ashley nickte. „Also gut, das wäre geklärt. Und ich weiß auch schon, an welchen Ort Maggie denkt. Du solltest in Großmutters Cottage fahren, Melanie. Du weißt doch, wie gut es uns dort gefallen hat. Es gibt keinen besseren Platz auf der Welt, um seine Gedanken und Gefühle zu ordnen.“

„Damals waren wir Kinder“, wandte Melanie ein. „Wir haben unsere Sommerferien dort verbracht. Kein Wunder, dass es uns dort gefallen hat. Aber seit wir erwachsen sind, ist keiner von uns mehr hingefahren. Nicht mal Mom. Wahrscheinlich sind Garten und Haus in einem erbärmlichen Zustand.“

„Das wäre doch nur ein weiterer Grund, dort endlich mal Urlaub zu machen“, erwiderte Ashley, die sich offenbar für Maggies Idee erwärmt hatte. „Ein paar Renovierungsarbeiten sind genau das, was deine Laune aufbessern würde. Das Haus ist bestimmt ein Vermögen wert. Vielleicht könnten wir Mom überreden, es zu verkaufen.“

„Das wird sie nicht tun“, sagte Maggie. „Du weißt doch, wie sehr sie daran hängt.“

„Nun, das ist im Moment auch nicht so wichtig“, wehrte Ashley ab.

„Was ist denn wichtig?“, fragte Jo. „Ich verliere langsam den Überblick.“

„Dass Melanie etwas zu tun hat. Das Haus zu renovieren und den Garten in Ordnung zu bringen, das wird sie am Tag beschäftigen, und abends wird sie dann so erschöpft sein, dass sie sofort einschläft“, erklärte Ashley. „Und wir werden sie abwechselnd am Wochenende besuchen, um ihr Gesellschaft zu leisten.“

„Falle ich euch so zur Last, dass ihr es kaum erwarten könnt, mich loszuwerden?“, fragte Melanie.

Sie war nicht sicher, ob sie in einem Haus wohnen wollte, in dem sie sich und ihren Gedanken ganz allein überlassen war. Das Landhaus ihrer Großmutter lag an den Ufern der Chesapeake Bay in Virginia. Obwohl sich die Region in den letzten Jahren weiterentwickelt hatte, war dort nach Bostoner Standard noch immer tiefste Provinz. Sie bezweifelte, dass es dort ein Kino oder gar ein vernünftiges Einkaufszentrum gab.

„Es ist doch keine Verbannung“, scherzte Ashley.

„Aber warum sollte ich Jeremy die Genugtuung geben und davonlaufen?“, widersprach Melanie. „Er ist doch derjenige, der gegen jegliche Regeln der Moral verstoßen hat.“

„Das stimmt“, warf Jo ein.

Ashley warf beiden Schwestern einen strengen Blick zu. „Was schlagt ihr also vor? Soll sie ihm Tag für Tag bei der Arbeit begegnen? Hört sich das für euch etwa nach Spaß an?“

Melanie musste zugeben, dass sich das eher nach Hölle anhörte.

„Nun komm schon, Melanie. Du weißt, dass ich recht habe“, beharrte Ashley. „Du brauchst Abstand. Und es gibt dir Gelegenheit, in aller Ruhe zu überlegen, was du als Nächstes tun willst. Es wird langsam Zeit, dass du etwas mit deinem College-Abschluss anfängst. Du hast dein Talent bei Rockingham nur verschwendet. Glaub mir, so eine Auszeit ist das Beste, was dir passieren kann. Vielleicht kommst du so auf neue Ideen und wirst endlich einen Job finden, der wirklich für dich passend ist.“

Mit all dem Liebeskummer und ihrem verletzten Stolz konnte Melanie im Moment nicht so recht sehen, wieso diese erzwungene Auszeit ihr etwas Gutes bringen sollte. Sie musste allerdings zugeben, dass Ashley oft recht hatte. „Wenn du das sagst“, meinte sie ohne rechte Überzeugung.

„Ist es dir lieber, wenn du hier in dieser Wohnung herumhängst und dich in Selbstmitleid ertränkst?“

„Nein“, erwiderte Melanie bestimmt. Sie hatte noch nie etwas von Selbstmitleid gehalten und würde ganz bestimmt nicht jetzt damit anfangen. Schon gar nicht wegen Jeremy, diesem Schuft und Lügner. Wie hatte sie bloß so auf ihn hereinfallen können? Charme und gutes Aussehen bedeuteten noch lange nicht, dass ein Mann Charakter besaß.

„Gut. Dann wäre ja alles geklärt“, fand Ashley. „Wir werden dir packen helfen. Du kannst gleich morgen früh abreisen. Es ist eine lange Fahrt, und du willst doch bestimmt bei Tageslicht ankommen.“

„Ich habe ja noch nicht mal meine Kündigung eingereicht“, protestierte Melanie, obwohl sie absolut keine Lust hatte, sich in der Firma zu zeigen und sich der Gefahr auszusetzen, Jeremy in die Arme zu laufen.

„Du kannst die Kündigung faxen“, bemerkte Ashley knapp. „Falls jemand Fragen stellt, kann er sich ja an Jeremy wenden. Der kann bestimmt einiges erklären. Vielleicht feuern sie diesen Windhund sogar. Oder sag ihnen, sie sollen mich anrufen. Ich werde denen ein paar Dinge über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erzählen.“

„Es war keine …“, begann Melanie, wurde jedoch sofort von ihrer großen Schwester unterbrochen.

„Aber es war nahe dran“, korrigierte Ashley. „Hat er dir nicht immer wieder die Aussicht auf eine Arbeit in deinem Bereich vor die Nase gehalten?“

„Ja“, gab Melanie zu, war jedoch immer noch nicht überzeugt. „Aber …“

„Kein Aber“, meinte Ashley und beendete damit das Thema.

Melanie seufzte. „Also gut. Wie soll ich es aber anstellen, von Mom den Schlüssel zu bekommen, ohne ihr die ganze hässliche Geschichte erzählen zu müssen?“ Diese Frage war der letzte Strohhalm, an den sie sich klammerte, um dieser Reise vielleicht doch noch ausweichen zu können. Ihre Mutter mochte zwar nach außen wie eine sanfte Südstaatenschönheit wirken, sie hatte aber den gleichen eisernen Willen wie ihr Vater. Auch sie könnte Jeremys Leben in eine Hölle verwandeln. Sie hatte sich so von dem Film Vom Winde verweht beeinflussen lassen, dass sie drei ihrer Töchter mit Namen der Filmfiguren bedacht hatte. Nur Jo war diesem Schicksal entgangen. Wahrscheinlich war ihr der Name Scarlett erspart geblieben, weil ihre Mutter sich selbst stets in der Rolle der Scarlett gesehen hatte.

„Mach dir keine Sorgen um Mom.“ Ashley öffnete ihre Handtasche und zog einen Schlüssel heraus. „Ich habe den Ersatzschlüssel“, erklärte sie triumphierend.

Melanie, Jo und Maggie sahen sie überrascht an. „Warum?“

„Er ist so eine Art Talisman für mich“, erklärte sie. „Wenn mein Leben zu stressig und hektisch wird, schaue ich den Schlüssel an und sage mir, dass es noch ein anderes Leben außer dem im Gericht gibt. Wisst ihr, es gibt Tage, an denen ich auch am liebsten in Grandmas Landhaus fahren würde, wenn ich nur könnte.“

„Aber du bist seit Jahren nicht mehr dort gewesen“, warf Melanie ein.

Ashley winkte ab. „Es reicht schon zu wissen, dass das Haus noch existiert.“

Melanie seufzte. Sie hoffte, dass auch ihr das Haus helfen würde. Bei der Erinnerung an den verächtlichen Blick von Jeremys Frau zweifelte sie allerdings daran.

1. KAPITEL

Jeden Morgen, wenn Mike mit seiner Tochter zur Arbeit fuhr und sie am alten Lindsey-Landhaus vorbeikamen, bedrückte ihn der jämmerliche Zustand dieses Anwesens. Die Fliegengittertür auf der Veranda war von Vandalen beschädigt worden, die Farbe blätterte ab, und wenn der Wind wehte, klapperte ein schlecht befestigter Fensterladen.

Das Haus befand sich auf einem Grundstück, von dem man einen wundervollen Ausblick direkt auf die Chesapeake Bay hatte. Dass jemand solch ein Anwesen einfach sich selbst überließ und schutzlos Wind und Wetter aussetzte, war in seinen Augen eine sträfliche Schande. Wenn die Besitzer es nicht mehr nutzen wollten, sollten sie es an jemanden verkaufen, der sich anständig darum kümmerte.

Doch wenn schon der Zustand des Hauses Mike bedrückte, so trieb ihm der verwilderte Garten fast die Tränen in die Augen. Am liebsten wäre er sofort mit Gartenschere, Harke und Spaten aus dem Wagen gestiegen. Gartenarchitektur war seine Leidenschaft, und er wusste, dass dieses Fleckchen Erde mal ein Prachtstück von Garten gewesen sein musste. Jemand hatte sich einst liebevoll um die Rosen gekümmert, die jetzt mühsam um ihr Überleben kämpften. Jemand hatte lange darüber nachgedacht, wo die Lilien stehen sollten, und sich für einen Platz unter den nach Osten gerichteten Fenstern entschieden, damit ihr Duft im Frühling in das Haus strömte.

Doch jetzt wurden die Rosen, die lange nicht mehr geschnitten worden waren, von wilden Ranken fast erstickt, und Geißblatt machte sich bei den Lilien breit. Die Farbe des Holzzaunes blätterte ab, und an einigen Stellen war er von Büschen beschädigt, die sich hemmungslos ausbreiteten. Einige Blumen kämpften noch gegen das wuchernde Unkraut. Doch das Unkraut brauchte nur auf die Zeit zu setzen, um den Kampf zu gewinnen. Es brach Mike fast das Herz, die Verwahrlosung dieses einst so wunderschönen Gartens mit ansehen zu müssen.

Bereits vor sechs Jahren hatte er es kaufen wollen, doch der Makler meinte damals, der Besitzer wäre nicht an einem Verkauf interessiert. Aber wie es aussah, war der Besitzer überhaupt nicht an dem Haus und dem wundervollen Grundstück interessiert …

„Daddy“, begann Jessie plötzlich neben ihm, „warum hältst du hier an? Dieses Haus macht mir Angst.“

Mike schaute zu seiner sechsjährigen Tochter hinüber, die im Moment wie das Ebenbild eines blauäugigen, blondhaarigen Engels wirkte. Ihr Gesicht war sauber, die Haare gekämmt, und die Kleidung war weder verschmutzt noch zerrissen. Der Morgen hatte ausnahmsweise richtig gut begonnen. Es hatte noch nicht mal Probleme bei der Auswahl der Kleidung gegeben und auch keine Diskussion über die Rühreier, weil die Cornflakes ausgegangen waren. Tage wie diese waren selten, und Mike hatte gelernt, dafür dankbar zu sein.

Das bedeutete natürlich nicht, dass er auch nur eine Sekunde der Zeit hergeben würde, die er mit seiner Tochter bisher verbracht hatte. Jessie war sein Ein und Alles. Sie hatte schon viel zu viel in ihrem jungen Leben mitmachen müssen. Da ihre Mutter sogar in der Schwangerschaft Drogen genommen hatte, musste sie bereits als untergewichtige Neugeborene einen Entzug durchmachen. Mike war schockiert gewesen, als der Arzt ihn mit der Wahrheit konfrontiert hatte. Er hatte nicht bemerkt, dass seine Frau Linda drogensüchtig gewesen war. Geschickt hatte sie das vor ihm geheim gehalten.

Nach der Geburt von Jessie hatte er sechs Monate lang darum gekämpft, dass Linda eine Entziehungskur machte. Immer wieder versuchte er, ihr zu erklären, dass sie nicht nur ihr eigenes Leben zerstörte, sondern auch das ihrer Tochter und das ihres Ehemannes. Doch die Drogen waren mächtiger als die Liebe zu ihm und ihrem Kind.

Irgendwann hatte er dann zermürbt aufgegeben. Er reichte die Scheidung ein, bekam das Sorgerecht für Jessie und verließ seine Frau. Lindas Familie wusste, wo er und das Kind zu finden waren, aber Linda selbst war nicht mehr Teil seines Lebens.

Lindas leidgeprüfte Eltern hatten schweren Herzens eingesehen, dass es keinen anderen Weg mehr gab. Sie besuchten ihn und ihr Enkelkind regelmäßig, doch Lindas Name wurde nur selten vor Jessie erwähnt. Jetzt, da sie älter war, versuchte Mike stets, ihre Fragen nach der Mutter so ehrlich wie möglich zu beantworten, aber es brach ihm fast das Herz, den Schmerz in den Augen seiner kleinen Tochter zu sehen.

Alleinerziehender Vater zu sein war schon schwer genug, aber mit Jessies launischem Temperament fertig zu werden, das war eine Herausforderung, die wirkliche Engelsgeduld erforderte. Als Baby hatte sie Tag und Nacht geschrien, jetzt war sie unberechenbar und zickig. Er wusste nie, wann ihre gute Laune in Hysterie oder Tobsuchtsanfälle umschlagen würde. Meistens brachte er die Kraft auf, ihre Capricen auszugleichen, doch auch für ihn gab es Momente, in denen er nahe an einem Zusammenbruch war. Was hatte man seiner wunderschönen Tochter nur angetan!

Das war auch einer der Gründe, warum er sich in Irvington an der Chesapeake Bay niedergelassen hatte. Hier ging alles noch ein wenig gemächlicher zu als in einer Großstadt. Da er sich am Ort einen guten Ruf aufgebaut hatte, suchte er sich nur die Kunden aus, die verstanden, dass Jessie für ihn immer an erster Stelle kam.

„Wir müssen uns jetzt beeilen!“, bemerkte Jessie streng. Obwohl sie erst sechs Jahre alt war, konnte sie Forderungen mit der Würde einer Königin stellen. Dann senkte sie die Stimme und fügte hinzu: „Ich glaube, hier gibt es Gespenster, Daddy!“

Mike lächelte sie an. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich negativ über dieses Haus äußerte, aber dass hier Gespenster hausen sollten, war etwas völlig Neues. „Wie kommst du denn darauf, Liebling?“

„Am Fenster hat sich etwas bewegt. Ich habe es genau gesehen.“ Ihre Unterlippe bebte, und Panik stand in ihrem Blick.

„Hier lebt niemand“, beruhigte Mike sie. „Das Haus steht leer.“

„Aber es hat sich etwas bewegt“, beteuerte Jessie mit erstickter Stimme. Offensichtlich war sie den Tränen nahe. Ob sie tatsächlich etwas gesehen hatte oder nicht – ihre Angst war echt. „Wir müssen jetzt fahren.“

Mike gab Gas und fuhr weiter in Richtung Schule. Jede noch so logische Antwort hätte die Anspannung jetzt nur erhöht, und die gute Stimmung, die zwischen ihnen geherrscht hatte, wäre zerstört gewesen.

Sobald sie sich ein Stück vom Haus entfernt hatten, entspannten sich Jessies Schultern, und sie lächelte zaghaft. „Jetzt sind wir in Sicherheit“, erklärte sie erleichtert.

„Wenn du bei mir bist, bist du immer in Sicherheit“, beruhigte Mike sie.

„Ich weiß, Daddy“, erwiderte sie. „Aber ich mag dieses Haus nicht. Ich möchte nicht mehr dorthin. Nie mehr. Versprochen?“

„Wir müssen aber doch jeden Tag dort vorbeifahren“, erinnerte Mike sie.

„Aber nur ganz, ganz schnell. Okay?“

Mike seufzte und wusste, dass Widerstand zwecklos war. „Also gut.“

„Ich wünsche dir einen schönen Tag, Liebling“, sagte er ein paar Minuten später, als er Jessie vor dem Schultor absetzte. „Ich hole dich heute Nachmittag hier wieder ab.“

Er hatte früh bemerkt, dass sie immer und immer wieder bestätigt haben wollte, dass er auch ganz bestimmt zurückkehren würde. Der Psychologe, mit dem er gesprochen hatte, war der Meinung, dass Linda der Grund für Jessies Unsicherheit wäre. Jessie war von ihrer Mutter im Stich gelassen worden, und das war nicht ohne Auswirkung auf ihr junges Leben geblieben. Mike hatte sich schon früher des Öfteren gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn man ihr erklärt hätte, ihre Mutter sei bei der Geburt gestorben. Aber er hätte diese Worte nie über seine Lippen gebracht. Vielleicht hatte er insgeheim gehofft, dass Linda ihr Leben doch noch in Ordnung bringen und zu ihnen zurückkehren würde.

„Bye, Daddy!“ Jessie lief ein paar Schritte vor und drehte sich dann noch ein letztes Mal um. „Du gehst doch nicht wieder zu dem alten Haus zurück, oder? Ich will nicht, dass dieses Gespenst dich holt.“

„Mich wird kein Gespenst bekommen“, versprach Mike und zeichnete mit dem Zeigefinger ein Kreuz über sein Herz zum Beweis, dass er wirklich meinte, was er sagte. „Ich habe mich mit Gespensterabwehrspray eingesprüht.“

Jessie kicherte. „So ein Blödsinn“, lachte sie, aber die Erleichterung war ihr anzumerken. Dann winkte sie ihm kurz zu und rannte einer Freundin hinterher. Mike schaute ihr nach und wünschte sich, er könnte ihre Ängste immer so leicht vertreiben. In manchen Nächten gab es keinen Trost. In manchen Nächten hatte sie Albträume, die so schlimm waren, dass sie unfähig war, darüber zu sprechen, und sie beruhigte sich erst wieder, wenn er sie einige Zeit in seinen Armen gehalten hatte.

Als Jessie aus seinem Blickfeld verschwunden war, setzte er sich wieder hinter das Lenkrad und ging in Gedanken seine Termine für den heutigen Tag durch. Statt jedoch zu dem neu gebauten Haus an der Bay zu fahren, dessen Garten er planen sollte, fuhr er noch mal zu dem Lindsay-Haus zurück.

Hatte Jessie tatsächlich jemanden gesehen in dem Haus, das ihn von Anfang an fasziniert hatte? Oder hatte Jessie ihn einfach nur mit ihrer blühenden Fantasie angesteckt? Was immer es war, es würde nur einige Minuten dauern, bis er Gewissheit hätte.

Melanie stand in der Küche ihrer Großmutter und versuchte gerade, die vielen Spinnweben zu entfernen, als sie das Gartentor quietschen hörte. Eine leichte Unruhe überfiel sie.

Bereits vor zehn Minuten hatte sie geglaubt, einen Wagen vor dem Haus vorfahren zu hören, doch als sie schließlich durch die Gardinen des Schlafzimmerfensters hinausgeschaut hatte, sah sie nur noch einen Wagen wegfahren. In Boston hätte sie diesem Vorfall keine Beachtung geschenkt, aber hier war das seltsam beunruhigend.

Mit klopfendem Herzen schlich sie sich zu dem Fenster im Wohnzimmer, das sie erst vor einer halben Stunde geöffnet hatte.

„Was ist denn hier los?“, hörte sie eine männliche Stimme rufen.

Erschrocken lehnte sie sich an die Wand.

„Ist jemand hier?“, rief der Mann und rüttelte am Türknauf.

Das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut. Ihr Handy lag noch im Schlafzimmer. Ein weiterer Beweis dafür, dass sie im Moment ihren Verstand nicht ganz beisammenhatte. Der nächste Nachbar wohnte gut vierhundert Meter entfernt, und obwohl heute Morgen einige Boote auf dem Wasser waren, war es fraglich, ob jemand früh genug zu ihr eilen könnte, sollte sie um Hilfe schreien müssen.

Sie überlegte, was Ashley wohl tun würde. Ihre furchtlose ältere Schwester hätte wahrscheinlich schon eine Lampe in der Hand und würde kampfbereit an der Tür stehen.

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