Logo weiterlesen.de
Maggie

Image

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Sie musste sexsüchtig sein. Warum wohl sonst glaubte sie, in einen Mann verliebt zu sein, den sie kaum kannte? Sie war jetzt siebenundzwanzig, und in den letzten Jahren hatte sie es ohnehin zu häufig zugelassen, dass die Lust ihren Verstand regierte. Zu oft hatte sie deshalb ihre Wahl bitter bereuen müssen. Solch einen Fehler würde sie nicht noch ein weiteres Mal machen.

Und dem Fotografen Rick Flannery stand das Etikett „falsche Wahl“ sozusagen auf der Stirn geschrieben. Man brauchte keine besondere Menschenkenntnis zu haben, um das zu erkennen. Der Mann war ein hoch talentierter, weltbekannter Modefotograf, und es war ein totaler Zufall, dass Maggie ihm überhaupt begegnet war. Unter normalen Umständen hätten sich ihre Wege nie gekreuzt, denn sie organisierte Fototermine für Rezeptreportagen. Das Spannendste auf ihren Seiten des Journals waren Torten und aufwendige Braten, nicht aber langbeinige Schönheiten, die Mode präsentierten. Rick war lediglich in letzter Sekunde eingesprungen, um einen verhinderten Freund zu vertreten.

Maggie war der Meinung, dass sowieso jede Beziehung früher oder später zum Scheitern verurteilt war. Also erst recht eine Beziehung mit Rick Flannery, der fast jeden Tag von den schönsten Frauen der Welt umgeben war. In der Regenbogenpresse sah man beinahe jede Woche Fotos von ihm mit einem neuen hübschen Model am Arm. In Klatschkolumnen wurde er ständig mit Frauen aus der ganzen Welt in Zusammenhang gebracht, und selten war es zwei Mal der gleiche Name. Das konnte wirklich kein gutes Vorzeichen für eine Beziehung sein.

Doch glücklicherweise hatte Maggie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas begriffen, und sie hütete sich davor, leidenschaftlichen Sex mit echter Liebe zu verwechseln. Dieses eine Mal würde sie einen Mann verlassen, bevor er ihr das Herz brechen konnte. Ihr gesunder Menschenverstand mochte sich nicht sofort eingeschaltet haben, als sie mit ihm ins Bett ging, doch zumindest jetzt hatte sie wieder einen klaren Kopf und würde das Schlimmste zu verhindern wissen.

Stolz, eine so intelligente Entscheidung getroffen zu haben, und fest entschlossen, sie in die Tat umzusetzen, betrat sie das Anwaltsbüro ihrer Schwester, das sich in einer der bekanntesten Kanzleien von Boston befand.

„Gib mir den Schlüssel“, forderte sie ohne Umschweife.

Ashley sah erstaunt von den Papieren auf und schaute Maggie verständnislos an. Es war offensichtlich, dass sie in Gedanken noch bei dem Fall war, den sie gerade bearbeitete.

„Was für einen Schlüssel?“, wollte Ashley wissen.

„Den für Rose Cottage natürlich!“ Das Landhaus ihrer Großmutter lag weit entfernt von Boston, im Norden von Virginia. Rick kannte es nicht, und Maggie hatte sich vorgenommen, sich dorthin zurückzuziehen, bis diese Anziehung oder Sucht, oder was immer es sein mochte, verflogen und nur noch eine vage Erinnerung war.

„Warum?“, fragte Ashley erstaunt.

„Ich möchte Urlaub machen, deshalb“, erwiderte Maggie kurz angebunden.

Ashley war völlig verblüfft. Maggie nahm nur selten Urlaub. Ihre Schwester mochte nicht so arbeitswütig sein wie sie selbst, aber trotzdem blieb sie ihrem Büro im Verlag nur selten fern.

„Setz dich“, befahl Ashley und wartete dann geduldig, bis Maggie ihrer Aufforderung gefolgt war. „Worum geht es, Maggie? Du hast doch was!“

„Es geht um Rick Flannery“, stieß Maggie hervor, ohne an die Folgen zu denken. Ashley nahm sofort die Rolle der älteren Schwester ein, und diese Rolle nahm sie sehr ernst.

„Der Fotograf?“, fragte Ashley, umfasste ihren Kugelschreiber ein wenig fester und sah aus, als wollte sie eine Anklageschrift gegen diesen Mann aufsetzen, sollte Maggies Antwort nicht befriedigend ausfallen. „Der, von dem du so begeistert warst, als er für die Juli-Ausgabe deines Magazins Fotos gemacht hat? Derjenige, der einen gewöhnlichen Cheeseburger wie ein Gourmetessen aussehen lassen kann, obwohl er seine Linse normalerweise auf hübsche Frauen richtet? Der Mann, der stahlblaue Augen und einen unverschämt knackigen Po hat? Meinst du diesen Rick Flannery?“

„Ja, genau diesen Rick Flannery“, bestätigte Maggie. Als ob es einen anderen geben würde, dachte sie verärgert. War es denn nicht schon schlimm genug, dass es einen von dieser Sorte gab? Und musste ihre Schwester sich unbedingt an jedes einzelne Wort erinnern, das sie je über ihn gesagt hatte?

Zu Maggies Entsetzen lehnte Ashley sich zurück und lächelte. „Dieser Mann hat deine Gefühlswelt ganz schön durcheinandergebracht, nicht wahr? Warum habe ich das nicht gleich bemerkt, als du ihn das erste Mal erwähnt hast? Mir hätte es wie Schuppen von den Augen fallen müssen, als du von seinem Körper geschwärmt hast.“

Maggie schwieg betreten.

„Also?“, bohrte Ashley weiter. „Ist es nicht so, dass dein Herz bei seinem Anblick schneller klopft und auch sonst noch einige Reaktionen in deinem Körper ablaufen?“

„Und wenn es so wäre? Was bedeutet das schon? Das führt ja doch zu nichts.“

Nun, eigentlich hatte es schon zu etwas geführt. Einige wunderbare Tage und Nächte voller Leidenschaft hatte sie mit ihm verbracht. Und das war ja gerade das Problem, aber davon brauchte Ashley nichts zu wissen. Ebenso wenig mochte Maggie erzählen, dass er sie seit einer endlosen Woche nicht mehr angerufen hatte.

„Warum nicht? Gibt es irgendeinen Grund, warum ihr beide keine Beziehung miteinander eingehen könnt?“, fragte Ashley.

„Ja, er ist nämlich Rick Flannery, verdammt! Er arbeitet täglich mit den schönsten und attraktivsten Frauen der Welt, und ich werde mich auf keinen Fall solch einer Anfechtung aussetzen.“ Selbst die leidenschaftlichste Beziehung würde bei so viel Konkurrenz in die Brüche gehen. Maggie hatte noch nie eine Beziehung aufrechterhalten können, nachdem der Sex abgekühlt war. Und konnte man nicht in jeder Zeitschrift lesen, dass Rick keiner Versuchung widerstehen konnte?

„Du warst schon mit ihm im Bett, nicht wahr?“ Ashley musterte sie ahnungsvoll. „Und es war super. Ansonsten hättest du nicht solche Angst.“

Dass Ashley mich auch immer durchschauen muss, ärgerte sich Maggie. Sie hatte gehofft, diese Unterhaltung mit einem Minimum an Würde überstehen zu können, aber das war ihr wohl nicht vergönnt.

„Könntest du mir jetzt endlich den blöden Schlüssel geben?“, verlangte sie missmutig.

„Du willst dich also in Großmutters Haus verstecken, bis die Anziehung abgeklungen ist?“, folgerte Ashley.

„Genau.“

„Du erinnerst dich, was mit Melanie geschehen ist, als sie vor ein paar Monaten dort hinging, nicht wahr? Sie war genauso fest entschlossen wie du, Männern aus dem Weg zu gehen. Trotzdem ist einer aufgetaucht, und jetzt ist sie mit ihm verheiratet.“

„Reiner Zufall. Ein Blitz kann nie zwei Mal einschlagen“, wehrte Maggie ab. „Die Stadt ist ziemlich klein. Wie viele attraktive Männer wie Melanies Mike kann es dort wohl schon geben?“

Ashley lachte. „Einer reicht, meine Süße.“ Dennoch griff sie in ihre Handtasche und holte den altmodischen Schlüssel heraus. Sie bewahrte ihn als eine Art Talisman auf. Wahrscheinlich betrachtete sie ihn als Symbol dafür, dass es noch ein anderes Leben außerhalb der Kanzlei und des Gerichtes gab. Sie hielt ihn Maggie hin. „Fahr los, und genieß deinen Urlaub.“

„Danke“, sagte Maggie, nahm den Schlüssel und ging zur Tür.

„Gern geschehen. Aber falls du in Versuchung kommen solltest, denk daran, dass ich dich gewarnt habe!“

Maggie warf ihr einen finsteren Blick zu. „Halt deine Zunge im Zaum.“

Falls sie in Versuchung käme? Pah! Genau deswegen ging sie ja ins Exil, damit sie die Versuchung einige Hundert Kilometer hinter sich ließ.

1. KAPITEL

Rick kam um drei Uhr nachts erschöpft, aber sehr zufrieden mit seiner Arbeit aus der Dunkelkammer. Die Fotos für das Bostoner Journal Cityside waren fantastisch geworden. Maggie würde begeistert sein, wenn sie die Abzüge sah. Wenn es nicht so spät wäre, hätte er sie jetzt angerufen und wäre zu ihrem Apartment gefahren. Dann hätte sie selbst sehen können, wie gut sie bei seinem ersten Shooting zusammengearbeitet hatten, in dem es ausnahmsweise mal nicht um hübsche Models ging. Er war auf diese Fotos ebenso stolz wie auf seine preisgekrönten Modeaufnahmen. Es hatte Spaß gemacht, mal etwas Neues auszuprobieren. Es hatte allerdings noch mehr Spaß gemacht, Maggie D’Angelo kennenzulernen.

Er liebte das gemütliche Zuhause, das sie sich in einer geräumigen Dachwohnung mit hohen Decken und großen Fenstern eingerichtet hatte. Sie hatten leidenschaftliche Stunden in den Satinlaken ihres riesigen Bettes verbracht, und allein der Gedanke daran erregte ihn bereits.

Nicht heute Nacht, Junge, rief er sich zur Ordnung. Er bezweifelte, dass er die Energie aufbringen könnte, jetzt noch quer durch die Stadt zu fahren, um seine aufregenden Fantasien auszuleben. Der nächste Tag wäre immer noch früh genug, um mit Maggie erneut in ein Universum der Lust einzutauchen. Nie zuvor hatte er eine Frau getroffen, die so gut im Bett und gleichzeitig eine so fantastische Köchin war. Sie wusste, wovon sie in ihrer Zeitschrift schrieb, und vermutlich verbrachte sie viele Stunden in ihrer Testküche.

Sie war aber nicht nur unglaublich sexy, sondern auch eine fantastische Köchin. Außerdem hatte sie einen messerscharfen Verstand, und sie konnten stundenlang über Gott und die Welt diskutieren. Manchmal stimmte er mit ihrer Meinung überein, aber oft hatten sie hitzige Wortgefechte geführt, die dann jedoch immer im Bett endeten. Er hatte nicht gewusst, wie stimulierend eine Unterhaltung sein konnte. Guter Sex begann vor allen Dingen im Kopf, nicht nur in gewissen Körperteilen.

Er musste lächeln, als er an ihre letzte, vehement geführte Diskussion dachte, die dann in einer ebenso heißen Liebesnacht endete.

Verflixt. Es war bereits eine Woche vergangen, und sein Körper hatte offensichtlich Entzugserscheinungen. Er musste unbedingt die Gedanken von Maggie ablenken und sich auf etwas konzentrieren, das ihn beruhigen würde, sonst würde er in dieser Nacht wohl kaum ein Auge zubekommen.

Wie er es bereits in den letzten Tagen gemacht hatte, schleppte er sich zu der Schlafcouch hinüber, die in seinem Atelier stand, und ließ sich in die zerwühlten Laken fallen. Wenige Minuten später war er eingeschlafen. Unglücklicherweise jedoch verfolgte Maggie ihn bis in seine Träume und bescherte ihm auf diese Weise eine unruhige Nacht.

Einen Becher mit Maggies Lieblingskaffee in der rechten Hand, betrat Rick am nächsten Morgen erwartungsvoll ihr Büro, musste jedoch leider feststellen, dass sie weggefahren war. Ziel unbekannt.

„Aber ich bin ja hier“, bot Veronica ein wenig aufdringlich an und klapperte mit den Wimpern, auf die sie mindestens vier Lagen Wimperntusche aufgetragen hatte. „Vielleicht kann ich Ihnen helfen?“

Der Ton des letzten Satzes war unmissverständlich, doch Rick ignorierte das Angebot. „Ist es normal, dass Maggie einfach so verschwindet?“, fragte er ihre Assistentin.

„Nein“, gab Veronica beleidigt Auskunft. Offensichtlich hatte es sie gekränkt, dass er nicht auf ihre Flirtversuche einging.

„Wo ist sie denn hingefahren?“

„Ich weiß es nicht.“

„Und wann wird sie zurückerwartet?“

Veronica zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Rick gab sich Mühe, seine Ungeduld zu verbergen. „Sie haben nicht mit ihr gesprochen?“

„Sie hat nur eine Nachricht hinterlassen. Sie meinte, dass sie sich hin und wieder melden würde und dass wir sie per E-Mail erreichen könnten, wenn etwas Dringendes anstehen sollte. Das ist alles, was ich weiß.“

Da Veronica ihm keine weiteren Informationen mehr geben wollte, legte er die Fotos für die Zeitschrift auf ihren Schreibtisch und ging dann hinunter, um im Café das Frühstück einzunehmen, das er eigentlich in der Gesellschaft von Maggie hatte genießen wollen.

Maggies plötzliches Verschwinden kam ihm seltsam vor. Obwohl er sie noch nicht sehr lange kannte, sagte ihm sein Instinkt, dass Maggie normalerweise nicht so handelte. Irgendwie passte das nicht zu ihr.

Sie ging ein Problem grundsätzlich an, wenn es auftauchte, und traf dann beherzt Entscheidungen. Als ihr Fotograf sie im Stich ließ und er für seinen Freund einsprang, hatte sie sich, ohne zu zögern, auf ihn eingestellt. Doch obwohl er sich weltweit einen Namen als Modefotograf gemacht hatte, schien sie von seinem Können nicht sehr überzeugt gewesen zu sein.

Er musste lächeln, wenn er daran dachte, wie wenig sie ihm vertraut hatte. Sie war ständig an seiner Seite gewesen und hatte immer wieder selbst einen Blick durch die Linse geworfen, um sich zu überzeugen, dass er die Kompositionen auch tatsächlich so fotografierte, wie sie es wollte. Normalerweise wäre Rick über diese Einmischungen verärgert gewesen, aber er hatte den engen Kontakt mit ihr zu sehr genossen, als dass er sich beschwert hätte.

Jetzt stellte sich die Frage, was eine so unabhängige und willensstarke Frau veranlasst haben könnte, sich plötzlich in Luft aufzulösen. Und Rick kam zu dem Entschluss, dass es Angst sein musste. Er selbst hatte einige Male in seinem Leben einen hastigen Rückzug angetreten, wenn ihm eine Bindung zu eng wurde. Er war also mit den Symptomen vertraut. Und tatsächlich hatte ihre Beziehung dermaßen rasch eine Intensität angenommen, dass es gefährlich werden konnte. Aber zum ersten Mal kam er nicht auf die Idee, schleunigst davonzulaufen. Umso mehr ärgerte es ihn, dass Maggie es getan hatte.

Wenn er es allerdings genauer betrachtete, hätte er es eigentlich ahnen können. Hin und wieder hatte er in ihren Augen eine Verletzlichkeit entdeckt, auf die er hätte eingehen müssen. Leider hatte er es jedoch nicht getan.

Ach, verflixt, es ist noch nicht zu spät, entschied er, nachdem er seinen Kaffee ausgetrunken hatte. Es durfte einfach noch nicht zu spät sein. Vor seinem nächsten Auftrag standen ihm noch ein paar freie Tage zur Verfügung, und das Jagdfieber hatte ihn bereits gepackt. Wo immer Maggie sich versteckt hielt, er würde sie finden.

Vielleicht verflüchtigte sich die Anziehungskraft zwischen ihnen mit der Zeit genauso, wie es in seinen anderen Beziehungen geschehen war, aber ein winziger Teil von ihm hoffte, dass es in diesem Fall anders sein würde.

Maggie saß auf der Gartenschaukel von Rose Cottage, hielt ein Glas Merlot in der Hand und wartete darauf, dass endlich die Gelassenheit einkehren würde, die sie sich von diesem Aufenthalt erhofft hatte. Das Meer war ruhig, der Abend mild. Sie war jetzt seit gut zwei Stunden hier und wollte ihren inneren Frieden zurück.

Unglücklicherweise stieg jedoch ständig das Bild von Rick Flannery vor ihrem geistigen Auge auf, und sie hatte das Gefühl, die liebkosenden Berührungen seiner geschickten Hände auf ihrer Haut zu spüren. Trotz des lauen Sommerabends fröstelte sie.

Das musste aufhören. Sie würde nicht eine von Ricks Eroberungen werden. Nun ja, dafür war es bereits zu spät, doch sie würde auf keinen Fall zu jenen naiven Dummchen gehören, die glaubten, dass mehr als unglaublich guter Sex aus ihren Begegnungen werden könnte. Sie würde sich nicht auf ihn einlassen. In den Zeitschriften der Regenbogenpresse konnte man genug Fotos von Frauen finden, denen er das Herz gebrochen hatte. Und sie hatte zu viel Stolz, um sich in diese Liste einzureihen.

Normalerweise, wenn Maggie etwas bedrückte, zog sie sich in die Küche zurück und kochte, aber selbst dazu konnte sie im Moment keine Energie aufbringen. Außerdem lag die Hitze des Tages noch in der Luft. Die Klimaanlage von Rose Cottage war so veraltet, dass sie das Haus kaum kühlte. Melanie hatte sie gewarnt und gemeint, dass sie vor ihrer Ankunft zuerst die Klimaanlage erneuern müsste, aber sie hatte die Bedenken ihrer Schwester einfach in den Wind geschlagen.

Maggie seufzte, nahm noch einen Schluck von dem ausgezeichneten Wein und starrte die Chesapeake Bay an, als ob die unschuldige Bucht etwas dafür konnte, dass sie keinen inneren Frieden fand.

Motorengeräusch drang an ihr Ohr, aber sie machte sich nicht die Mühe aufzustehen. Sie rührte sich auch nicht, als sie zwei Türen schlagen hörte. Es waren Melanie, Mike und Jessie, Mikes sechsjährige Tochter. Maggie hatte gewusst, dass sie sich nicht lange vor ihnen würde verstecken können.

Normalerweise war Melanie zurückhaltend, wenn es um neugierige Fragen ging. Und Mike war ohnehin kein Mann der vielen Worte. Mit etwas Glück würde nur das kleine Plappermaul Jessie sie ausfragen. Das Mädchen hatte sich bereits bei Melanies Hochzeit in Maggies Herz geschlichen.

Natürlich war es auch Jessie, die als Erste um die Ecke des Hauses gelaufen kam. „Tante Maggie!“, rief sie aufgeregt. „Ich wusste gar nicht, dass du kommst.“ Sie kletterte auf die Schaukel und schlang die Arme um Maggies Hals. „Hast du mir etwas mitgebracht?“

Maggie lachte. „Natürlich habe ich das. Wie könnte ich nach Rose Cottage kommen, ohne meiner Lieblingsnichte etwas mitzubringen?“

„Wo ist es?“, fragte Jessie.

„In meinem Koffer. Wir gehen gleich ins Haus und holen das Geschenk.“

Jessie strahlte. „Ich habe dich vermisst“, erklärte das Mädchen und schmiegte sich an sie. „Ich bin froh, dass ich eine Mom habe, die viele Schwestern hat. Jetzt seid ihr alle meine Tanten.“

Maggie seufzte, als sie den kleinen warmen Körper spürte. Ihre Schwester hatte großes Glück gehabt, einen Mann wie Mike zu finden, der dazu noch eine so wunderbare Tochter mit in die Ehe brachte. Sie waren eine richtige Familie, und eine Familie war das, was Maggie sich mehr wünschte als alles andere. Das war vermutlich auch der Grund, warum sie sich stets so heftig verliebte. Sie suchte verzweifelt nach einem Mann, mit dem sie endlich eine Familie gründen könnte. Leider ließ sie sich jedoch regelmäßig mit den falschen Männern ein. Außerdem wusste sie, dass Verzweiflung kein guter Start für eine Beziehung war. Sie würde wirklich einiges ändern müssen.

„Hat sie denn schon nach einem Geschenk gefragt?“, rief Melanie, als sie mit Mike um die Ecke kam.

Der leichten Röte auf Melanies Wangen nach zu urteilen, hatten sie sich gerade geküsst. Schließlich hatten sie sich in diesem Haus kennengelernt und sich sofort verliebt. Da durfte man ein wenig nostalgisch werden, besonders in dem Garten, der sie zusammengeführt und in dem sie geheiratet hatten.

„Ich habe Jessie gesagt, dass wir gleich ins Haus gehen und das Geschenk holen“, meinte Maggie und lächelte amüsiert. „Keine Angst, ihr bekommt auch etwas.“

„Einen Kuchen?“, fragte Mike erwartungsvoll.

Maggie musste lachen. Ihre schlechte Laune hatte sich bereits gebessert. „Bäckt deine Frau denn nicht für dich?“

„Nein, glücklicherweise nicht“, erklärte er.

„Tut sie doch“, warf Jessie ein. „Sie bäckt Kekse.“

Melanie nahm Jessie auf den Arm und drückte sie an sich. „Danke, mein Engel. Ich habe schon lange nichts mehr anbrennen lassen, nicht wahr?“

„Nur die Ränder“, meinte Jessie und erntete dafür einen dankbaren Blick von Melanie.

Maggie lächelte. „So kommt also die Wahrheit heraus.“ Sie betrachtete ihren Schwager amüsiert. „Was bietest du mir an, wenn ich dir einen Kuchen backe?“

„Ich komme vorbei und sprenge den Rasen.“

Maggie schüttelte den Kopf.

„Ich werde ihn auch mähen.“

„Nein.“

Mike zog die Augenbrauen hoch. „Was willst du denn?“

„Den Namen einer Firma, die im Haus eine neue Klimaanlage einbauen kann.“

„Abgemacht.“

Jessie, die erstaunlich lange ihren Mund gehalten hatte, meldete sich wieder zu Wort. „Kann ich jetzt bitte mein Geschenk haben?“

Maggie erhob sich und hielt ihr die Hand entgegen. „Da du so lieb gefragt hast, werden wir jetzt gehen.“ Sie sah zu ihrer Schwester hinüber. „Wollt ihr beide mitkommen?“

„Wir warten hier“, wehrte Melanie ab und sah ihren Mann an, als ob sie ihr Glück immer noch nicht fassen könnte.

„Soll ich euch ein Glas Wein bringen, oder ist es euch lieber, wenn ich mich im Haus aufhalte? Sagen wir eine Stunde oder so?“

Melanie überhörte die Andeutung geflissentlich. „Vergiss es. Bring einfach den Wein“, erwiderte sie. „Dann kann Mike mit Jessie zum Wasser hinuntergehen, und wir beide können uns in aller Ruhe unterhalten.“

Im Haus holte Maggie das hübsch eingepackte Geschenk aus ihrem Koffer und reichte es Jessie. „Für dich.“

Ihre Nichte setzte sich sofort auf den Boden und begann, das Geschenkpapier aufzureißen. Als sie den pinkfarbenen Make-up-Koffer sah, stieß sie einen Jubelschrei aus. „Woher wusstest du, dass ich mir den mehr als alles andere auf der Welt gewünscht habe?“, fragte sie und schaute voller Begeisterung auf die pastellfarbenen Lippenstifte, die dazu passenden Nagellackfläschchen und den beleuchteten Kosmetikspiegel.

„Ein kleiner Vogel hat es mir gezwitschert“, scherzte Maggie. „Aber denk daran, du darfst ihn nur benutzen, wenn du Verkleiden spielst.“

„Ich weiß“, erklärte Jessie und seufzte übertrieben. „Ich darf nicht geschminkt aus dem Haus gehen. Daddy würde die Krise bekommen.“

„Dein Dad hat recht“, meinte Maggie. „Freu dich, dass du noch ein Kind bist. Das Leben wird schon kompliziert genug, wenn du erwachsen bist.“

„Hm?“ Fragend sah Jessie sie an.

„Ist schon gut, Kleines. Nimm den Schminkkoffer mit, und zeig ihn deinen Eltern. Ich komme gleich mit dem Wein nach.“

Als Jessie das Haus verlassen hatte, lehnte Maggie sich gegen die Tür und schloss einen Moment lang die Augen. Sie hatte keine Eile, die Fragen ihrer Schwester zu beantworten. Sie glaubte nicht, dass Ashley Melanie etwas von Rick erzählt haben könnte. Ashley würde niemals etwas ausplaudern, was Maggie ihr im Vertrauen gesagt hatte. Aber sie hatte Melanie bestimmt darauf aufmerksam gemacht, dass es ihrer Schwester nicht so gut ging.

Doch schon allein Maggies Auftauchen hier im Rose Cottage musste Melanie Gedanken gemacht haben. Maggie war durch und durch ein Großstadtkind. Und so reizvoll die Landschaft hier im Norden von Virginia war, so war diese Gegend nach Maggies Geschmack doch viel zu weit ab von jeglicher Zivilisation.

Sie goss Wein für ihre Schwester und ihren Schwager ein und füllte dann ihr eigenes Glas nach. Sie fand die Tüte mit einigen Bostoner Spezialitäten, die sie für Melanie mitgebracht hatte, und hoffte, die Geschenke würden ihre Schwester für eine Weile ablenken.

Doch diese Taktik half nur kurz. Bereits nach fünf Minuten warf Melanie Mike einen bedeutungsvollen Blick zu, und Mike erhob sich, um mit Jessie zum Wasser hinunterzugehen.

„Und nun los, jetzt erzähl mal“, forderte Melanie sie auf.

„Was soll ich erzählen?“

„Warum du hier bist. Wovor du wegläufst? Oder sollte ich lieber fragen, vor wem?“

„Vielleicht war ich einfach nur urlaubsreif?“

„Wenn du Urlaub machen wolltest, wärst du woanders hingefahren.“

„Du bist doch auch hierher gekommen“, erwiderte Maggie spitz.

„Ich bin davongelaufen“, erinnerte Melanie sie. „Und genau deswegen erkenne ich die Symptome.“

„Oh, verflixt, kann man denn in dieser Familie nichts geheim halten?“

„Nein.“

Maggie lachte, aber sie selbst konnte die leichte Hysterie in ihrer Stimme heraushören.

„Komm, sprich mit mir“, bat Melanie erneut. Ihr geduldiger Gesichtsausdruck verriet, dass sie alle Zeit der Welt hatte, um zu warten, bis Maggie bereit war, sich ihr zu öffnen.

„Und ich dachte, wenigstens du würdest mich nicht mit Fragen quälen.“

„Du musst mich mit jemand verwechselt haben, der nicht als eine D’Angelo geboren ist“, scherzte Melanie liebevoll. „Los, erzähl schon.“

„Na gut, hier ist die Kurzfassung. Und glaube nicht, dass du mehr von mir erfährst. Ich habe einen Mann getroffen“, gestand Maggie schließlich. „Natürlich wieder den falschen. Aber dieses Mal habe ich es rechtzeitig gemerkt und bin abgehauen.“

Melanie betrachtete sie amüsiert.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Schwestern von Rose Cottage: Maggie" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen