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Jo

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Pack deine Sachen, und komm nach Virginia“, forderte Ashley ihre kleine Schwester Jo auf, deren Welt gerade wie ein Kartenhaus zusammengebrochen war. Die jüngste der D’Angelo-Schwestern hatte am Tag zuvor erfahren, dass ihr Verlobter sie betrogen und belogen hatte.

Jo seufzte. Sie hatte vorgehabt, den ganzen Tag im Bett zu verbringen, vor sich hin zu grübeln und vielleicht die Packung Eiscreme aufzuessen, die sie noch im Gefrierschrank hatte. Doch dieser Plan war von dem Anruf ihrer drei Schwestern rasch vereitelt worden. Jo ahnte nämlich, dass die anderen beiden mithörten, obwohl Ashley bisher die Einzige war, die mit ihr gesprochen hatte.

„Wie hast du das herausgefunden?“ Sie hatte geglaubt, ihren Eltern unmissverständlich klargemacht zu haben, dass ihre aufgelöste Verlobung etwas war, was sie ihren Schwestern selbst sagen wollte – vielleicht im Juni, wenn sie den ersten Schock überwunden hatte.

Unglücklicherweise fiel es Max und Colleen D’Angelo sehr schwer, den Mund zu halten. Sie fanden, dass Familien in Krisenzeiten zusammenhalten sollten, und Jos größere Schwestern hatten diese Lektion offenbar gut verinnerlicht.

„In dieser Familie kann man eben nichts lange geheim halten“, erwiderte Ashley trocken und bestätigte damit Jos Vermutung. „Ich verstehe allerdings nicht, warum du es uns nicht selbst gesagt hast. Du hättest uns sofort anrufen sollen, als du entdeckt hast, dass James dich betrügt.“

„Warum?“, brummte Jo. „Damit ihr nach Boston kommt und ihn persönlich lyncht?“ Erschrocken stellte sie fest, dass dieses Bild ihr eine gewisse Genugtuung bereitete. Seit wann – um Himmels willen – war sie so blutrünstig?

„Nun ja, wäre doch angebracht, oder?“, meinte Ashley sarkastisch.

„Das ist genau der Grund, warum ich euch nicht angerufen habe“, erklärte Jo, während ihr ein Schauer über den Rücken lief. Bei Ashley konnte man nie wissen, sie war zu allem fähig. „Ich gehe mit Krisensituationen gern auf meine Weise um. Außerdem bin ich nicht wild auf euer Mitgefühl und habe schon gar nicht vor, einfach davonzulaufen. Es war schon demütigend genug, James mit einer anderen Frau im Bett zu erwischen. Ich werde mich nicht auch noch von ihm aus der Stadt jagen lassen. Mein Leben ist hier in Boston, und das werde ich nicht irgendeines Schuftes wegen ändern.“

James’ Betrug machte sie erst recht entschlossen, in Boston zu leben. Viel zu lebhaft hatte er die Erinnerung an einen anderen Mann geweckt, den sie einst geliebt und der sie damals ebenfalls betrogen hatte. Im Übrigen war jener Mann auch der Grund dafür, warum sie niemals mehr ins Rose Cottage, das Haus ihrer Großmutter in Virginia, zurückkehren wollte.

„Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich nachgeben und herkommen“, schaltete Maggie sich jetzt ein.

„Ja“, fügte Melanie hinzu. „Sonst fahre ich nach Boston und hole dich persönlich.“

Jos Lachen ging in ein Schluchzen über. Auch sie hatte seinerzeit jede der drei Schwestern gedrängt, ins Rose Cottage zu fahren, als sie eine Krise durchstehen mussten. Jetzt bereute sie es. Wie sollte sie ihren Schwestern erklären, dass die Dinge bei ihr anders lagen? Dass ein Rückzug ins Rose Cottage ihr nicht helfen, sondern alles nur noch schlimmer machen würde? Dann müsste sie das Geheimnis preisgeben, das sie so viele Jahre vor ihnen verborgen hatte, und der Ärger würde erst richtig beginnen.

„Ich kann nicht“, flüsterte sie. Für Ashley, Maggie und Melanie mochte das Rose Cottage in den schwierigen Momenten der richtige Platz gewesen sein. Das Haus ihrer Großmutter war jedoch der Ort, an dem ihr Herz zum ersten Mal gebrochen worden war. Wie konnte es dort heilen, wenn die Schatten der Vergangenheit sie dort verfolgen würden? Und nicht nur die Schatten – sie lief auch Gefahr, dem Mann, den sie mehr als ihr Leben geliebt hatte, tatsächlich zu begegnen.

„Ich hätte gern gewusst, warum nicht“, erwiderte Ashley. „Wenn du keinen Urlaub nehmen kannst, dann kündige eben.“

„Meine Arbeit ist nicht das Problem“, meinte Jo kläglich, obwohl es sie nicht überraschte, dass ihre älteste Schwester daran als Erstes dachte. Selbst jetzt, da sie verheiratet war, hatte Arbeit noch immer einen großen Stellenwert in Ashleys Leben.

„Was ist es dann?“, fragte Ashley.

„Ich bin hier einfach besser aufgehoben“, behauptete Jo und wusste, wie wenig überzeugend ihre Antwort klingen musste. Auf keinen Fall jedoch wollte sie die Wahrheit erzählen. Ihre Schwestern wussten nichts von der großen Liebe in jenem Sommer, den sie im Rose Cottage verbracht hatte. Alle drei hatten damals Sommerjobs in Boston gehabt, während sie den ganzen Sommer bei ihrer Großmutter – und mit Pete – verbracht hatte.

Sie war sich damals absolut sicher gewesen, dass Pete der Mann ihres Lebens wäre. Sie hatte ihm geglaubt, als er sagte, er würde sie lieben, glaubte ihm, als er ihr versprach, er würde bis zum folgenden Jahr auf sie warten.

Doch bereits als die ersten Blätter fielen, erwähnte ihre Großmutter wie nebenbei, dass Pete geheiratet hätte. Einige Monate später wurde dann ein Baby geboren. Ein Junge.

Sie und ihre Großmutter hatten vor den anderen den Schein aufrechterhalten, dass sie nur ein wenig Klatsch über einen Bekannten weitergaben, aber Jo hatte das Mitgefühl in Grannys Worten herausgehört. Ihre Großmutter hatte nur zu gut gewusst, dass diese Nachricht ihre Enkelin am Boden zerstören würde.

Jo hatte sich zutiefst verraten gefühlt, besonders, weil der junge Mann, den sie liebte und dem sie vertraut hatte, noch nicht mal den Mut aufgebracht hatte, ihr persönlich zu gestehen, wie grundlegend sein Leben sich verändert hatte. Das hätte zwar den Schmerz nicht erträglicher gemacht, hätte ihr aber gezeigt, dass sie sich nicht ganz in ihm geirrt und dass sie ihm mal etwas bedeutet hatte.

Sie hatte Jahre gebraucht, bis sie den Mut fand, ihr Herz ein zweites Mal zu verschenken. Und jetzt war ihr genau das Gleiche wieder passiert.

Nein, Virginia war eindeutig nicht der Ort, an den sie gehörte. Sie musste zu Hause in Boston bleiben und sich in ihrer Arbeit vergraben. Jo liebte ihren Beruf als Landschaftsarchitektin, und sie hatte Freunde, wenn die ihr auch nicht so nahestanden wie ihre Schwestern.

„Ich kann nicht kommen“, wiederholte sie mit ausdrucksloser Stimme.

Melanie seufzte theatralisch. „Das bedeutet, dass wir morgen früh abfahren müssen. Nicht wahr, Ash und Maggie?“

„Ich werde um fünf Uhr reisefertig sein. Wie steht es mit euch?“

„Fünf ist eine ausgezeichnete Zeit.“

„Nein!“, protestierte Jo, obwohl sie wusste, dass es vergebens war. Ihre drei Schwestern würden keine Ruhe geben, bevor sie ihr Nesthäkchen nicht wenigstens ein paar Tage lang bemuttert hatten. Das war der Fluch, die Jüngste zu sein.

„Du wirst uns nicht aufhalten können“, drohte Ashley ihr an. „Es sei denn, du entscheidest dich, freiwillig zu uns zu kommen. Bleib doch den ganzen Winter bei uns. Du wirst sehen, wie friedvoll und ruhig es hier ist. Wir werden dich auch nur stören, wenn du es möchtest.“

„Das soll wohl ein Witz sein. Als ob ihr Rücksicht nehmen würdet“, erwiderte Jo. „Vielleicht komme ich für ein Wochenende, damit ihr seht, dass ich kein Häufchen Elend bin. James ist es nicht wert, dass ich seinetwegen auch nur eine Träne vergieße.“

Sie würde ihre Abneigung gegen Rose Cottage einige Tage verdrängen können und dann so schnell wie möglich wieder nach Boston zurückkehren. Sie würde sich einfach, so gut es ging, im Haus aufhalten, damit sie Pete ja nicht über den Weg lief. Doch allein auf der Fahrt nach Irvington würde sie sich an ihre erste große Liebe erinnern. Ihre Schwestern hatten ihr berichtet, dass er der größte Bauunternehmer am Ort geworden war. Er hatte sich einen Namen gemacht. Plakate und Tafeln zeugten an allen Ecken und Enden der Region davon, wie viele Aufträge er übernommen hatte. Sein Traum, über den sie damals so viel gesprochen hatten, war Wirklichkeit geworden – allerdings mit einer anderen Frau an seiner Seite.

„Ein paar Tage werden nicht reichen“, antwortete Melanie bestimmt. „Sogar Ashley, unsere Arbeitswütige, hatte seinerzeit drei Wochen geplant. Du wirst es also doch wohl schaffen, einen Monat bei uns zu bleiben.“

„Genau“, pflichtete Ashley ihr bei. „Außerdem bist du Landschaftsarchitektin. Ich glaube kaum, dass du im Winter in Boston sehr viel Arbeit hast. Vielleicht könnte Mike dir etwas Arbeit beschaffen. Er hat sowieso mehr Aufträge, als er im Moment bewältigen kann.“

„Ihr habt euch das alles bereits ausgedacht, bevor ihr angerufen habt, nicht wahr?“, fragte Jo resigniert. „Ihr habt auch sicher schon mit Mike gesprochen.“

„Natürlich“, erwiderte Ashley fröhlich. „Ich gehe schließlich auch nie in den Gerichtssaal, ohne mich vorbereitet zu haben. Außerdem war das sogar Mikes Idee, nicht wahr, Melanie? Er sucht dringend eine talentierte Landschaftsarchitektin.“

„Stimmt“, bestätigte Melanie, „er hat mehr Arbeit, als er verkraften kann, Jo. Du würdest ihm einen riesengroßen Gefallen tun. Und mir auch. Ich würde wirklich gern mehr Zeit mit meinem Mann verbringen. Komm schon. Sag bitte Ja, Jo.“

Jo seufzte.

„Ruf uns an, wenn du unterwegs bist“, meinte Maggie, die offensichtlich davon überzeugt war, schon gewonnen zu haben. „Wir werden im Rose Cottage ein Feuer machen und dir etwas Gutes kochen. Der Ortswechsel wird dir guttun. Schließlich hat er uns auch geholfen. Ich kann mir nichts Gemütlicheres vorstellen, als vor dem flackernden Kaminfeuer zu sitzen und nachzudenken, während draußen der Schnee fällt.“

„Es schneit auch in Boston“, entgegnete Jo lakonisch. „Außerdem hasse ich Schnee.“

„Stimmt ja gar nicht“, sagte Melanie. „Du weißt, der Schnee hat hier fast etwas Magisches. Du wirst schon sehen. Vielleicht folgst du sogar der Familientradition und triffst hier den Mann fürs Leben.“

„Was auch immer“, meinte Jo ausweichend. Sie hatte nicht vor, die Vorstellungen ihrer Schwestern zu zerstören. Sie glaubten an die Magie, die Rose Cottage umgab. Und Magie hin, Magie her – alle drei hatten tatsächlich dort den Mann fürs Leben gefunden.

In ihrer momentanen Situation konnte sie allerdings nicht glauben, dass es auf der ganzen Erde – ganz zu schweigen vom Rose Cottage – so viel Magie gab, wie sie brauchte, um sich besser zu fühlen. Ganz davon zu schweigen, sich zu verlieben.

1. KAPITEL

Eine Stunde nach Jos Ankunft im Rose Cottage begann es tatsächlich zu schneien. Sie stand am Fenster, starrte durch die Scheiben hinaus auf die dicken Flocken und musste ein Schluchzen unterdrücken.

„Was ist denn?“, fragte Ashley und legte tröstend den Arm um ihre Schulter.

Jo blinzelte rasch die aufsteigenden Tränen fort und sah ihre Schwester an. „Müsst ihr eigentlich immer recht haben?“, fragte sie gereizt.

Ashley lächelte. „Klar. Warum?“

„Der Schnee fällt wie auf Kommando. Kann es sein, dass ihr auch das Wetter kontrolliert?“

Melanie und Maggie hörten, was sie sagte, und kamen ebenfalls zum Fenster hinüber.

„Oh, es wird wundervoll aussehen“, schwärmte Ashley und schlang den Arm um die Taille ihrer jüngsten Schwester. „Morgen früh wirst du draußen eine Wintermärchenlandschaft vorfinden.“

„Schrecklich. Ich bin darin gefangen“, stöhnte Jo voller Selbstmitleid, „und habe nichts zu tun, außer nachzudenken.“ Sie erschauerte. Im Moment hatte sie nicht gerade die glücklichsten Gedanken, und mit denen wollte sie nicht allein sein.

„Wir werden dich erretten“, versprach Ashley.

„Ich werde dir Jessie bringen, damit ihr beide Schlitten fahren könnt“, schlug Melanie vor. Ihre energiegeladene kleine Stieftochter würde ihre Schwester schon unterhalten. „Das wird ein wenig Farbe auf deine Wangen zaubern.“

„Es ist kalt draußen.“

„Ach, ich bitte dich“, bemerkte Melanie. „Verglichen mit Boston ist das Klima hier fast tropisch. Außerdem bist du doch immer so gern Schlitten gefahren!“

„Als ich acht war“, murmelte Jo.

„Okay, wenn dir das nicht gefällt, könnten wir ja auch alle hier vor dem Feuer sitzen, heiße Schokolade trinken und Marshmallows essen“, erwiderte Ashley beruhigend, als ob sie spürte, dass Jo kurz davor war, in Tränen auszubrechen. „Maggie könnte uns auch einen Kuchen backen. Das ganze Haus würde dann danach duften, so wie es früher war, als Mom an Schneetagen mit uns Kekse backte.“

Jo wusste, dass ihre Schwestern jeden Morgen vor ihrer Tür stehen würden, wenn sie sich jetzt nicht zusammenriss. „Okay, es reicht“, erklärte sie entschlossen. „Ich höre jetzt auf, den Kopf hängen zu lassen. Ihr könnt nicht euer ganzes Leben auf mich einstellen, nur weil es mir mal schlecht geht. Ich weiß eure Besorgnis sehr zu schätzen, aber eigentlich geht es mir schon wieder ganz gut. Sollte ich irgendwann erneut in trübe Gedanken versinken, kann ich ja einen Spaziergang machen.“

„Natürlich kannst du das. Und es gibt außerdem noch einige Dinge in und an diesem Haus, um die man sich kümmern müsste“, erwiderte Ashley. „Da ich die Letzte war, die sich vor dir hier im Cottage aufgehalten hat, werde ich dir eine Liste der Dinge aufstellen, zu denen ich nicht gekommen bin. Außerdem werde ich Handwerker anrufen. Du musst nur hier sein, wenn sie kommen.“

„Ich kann es mir nicht leisten, ein Vermögen für Reparaturen auszugeben“, wandte Jo ein. „Ich habe unbezahlten Urlaub genommen.“

„Mach dir keine Sorgen ums Geld“, warf Melanie dazwischen. „Mike sagt, du wärst sehr talentiert. Du wirst bei ihm noch genug verdienen. Du musst ihm einfach nur Bescheid geben, ab wann du mitarbeiten willst.“

„Und in der Zwischenzeit mach dir keine Sorgen um die Handwerkerrechnungen“, beruhigte Ashley sie. „Melanie hat die Räume gestrichen und im Garten gearbeitet. Maggie hat die Küche auf Vordermann gebracht und neue Elektrogeräte angeschafft.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Da Josh mir beigebracht hat, wie man sich entspannt, habe ich keinen großen Beitrag geleistet, also werde ich für die Reparaturen aufkommen, die noch zu machen sind. Alle Rechnungen werden an mich gehen. Du müsstest nur anwesend sein, wenn die Handwerker kommen.“

Jo sah sie nachdenklich an. „Warum wollt ihr denn noch mehr Geld in dieses Haus stecken? Ihr habt doch alle eure eigenen Häuser, und Mom war seit Großmutters Tod immer nur kurz hier, um euch zu sehen. Warum wollt ihr ein Vermögen ausgeben, um Rose Cottage zu erhalten?“

„Es ist kein Vermögen. Wir sind der Ansicht, dass Rose Cottage unbedingt in Familienbesitz bleiben sollte. Also müssen wir auch dafür sorgen, dass es in gutem Zustand erhalten wird“, erwiderte Ashley. „Du kannst darin wohnen, solange du willst.“

„Danke“, meinte Jo mit erstickter Stimme. Bevor sie nach Virginia kam, war ihr gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie ihre Schwestern vermisst hatte. „Ihr seid wirklich Schätze.“ Sie schluchzte leise und wischte sich heimlich eine verräterische Träne von der Wange.

„Fang jetzt bloß nicht an zu heulen“, rügte Maggie sie und reichte ihr ein Taschentuch. „Oder wir müssen im Rose Cottage bleiben, bis du dich wieder beruhigt hast, und bis dahin könnten wir eingeschneit sein. Sosehr du uns im Moment auch zu lieben scheinst, ich glaube nicht, dass du uns alle über Nacht hier haben willst.“

Unter Tränen zwang Jo sich zu einem Lächeln. „Das stimmt.“ Sie wollte ihren Schwestern nicht noch mehr Gelegenheit geben, sie auszufragen. „Fahrt nur, solange es noch möglich ist. Aber ruft mich bitte an, wenn ihr zu Hause ankommt, damit ich mir keine Sorgen machen muss, ob ihr irgendwo im Graben gelandet seid.“

Ihre Schwestern gaben widerwillig nach, und Jo blickte ihnen hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Dann stieß sie einen schweren Seufzer aus. Der Boden war bereits mit Schnee bedeckt, und der graue, verhangene Himmel drohte, dass es so schnell nicht wieder aufhören würde zu schneien.

Es sieht tatsächlich aus wie ein Wintermärchen, dachte Jo, während sie versonnen über die Chesapeake Bay schaute.

Vor Jahren, als sie noch voller Hoffnung und unsterblich verliebt gewesen war, hatte sie geglaubt, dass dies der Ort wäre, an dem sie den Rest ihres Lebens verbringen würde. Jetzt kam er ihr eher wie ein schönes Gefängnis vor.

Sie würde einfach eine Weile aushalten und so tun, als ob sie nie etwas von Pete Carlett gesehen oder gehört hätte. Von jenem Mann, der ihr damals das Herz gebrochen hatte.

Am späten Nachmittag fand Pete auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht vor, dass die Veranda des Rose Cottage repariert würden müsste und dass er am nächsten Morgen jemanden vorbeischicken sollte. Der Anrufer hatte seinen Namen nicht genannt, doch er vermutete, dass es Ashley war.

Verflixt, dachte er, und seine Gedanken gingen sieben Jahre zurück zu jenem Sommer, als Rose Cottage ein zweites Zuhause für ihn gewesen war. Vielleicht hatte er sich dort sogar noch mehr zu Hause gefühlt als in seinem eigenen Elternhaus. Mrs Lindsey hatte ein herzliches, ausgeglichenes Wesen gehabt, während ihm das cholerische Temperament seiner Mutter oft auf die Nerven ging.

Und dann war da natürlich noch Jo gewesen. Jo – mit ihren großen blauen Augen, den Sommersprossen auf ihrer hübschen Nase und dem vollen Mund, der so sinnlich war, wenn sie lächelte.

Sie hatten in jenem Sommer so viele Hoffnungen und Träume geteilt, und er war sicher gewesen, dass sie für immer zusammenbleiben würden. Er hatte damals viele Versprechungen gemacht, die er auch vorgehabt hatte zu halten.

Dann hatte er, wenige Wochen nachdem Jo nach Boston zurückgegangen war, einen dummen, unverzeihlichen Fehler gemacht, und sein Leben hatte sich in eine völlig andere Richtung gedreht.

Er hätte Kelsey Prescott gern die Schuld dafür gegeben, dass sie plötzlich schwanger geworden war, aber er war zu ehrlich, um sich vor seiner Verantwortung zu drücken. Außerdem hatte er sich, als seine Mutter seinen Vater verließ, geschworen, dass er niemals ein Kind im Stich lassen würde. Er hatte die Mutter des noch ungeborenen Kindes nicht geliebt, aber für ihn war klar gewesen, was er zu tun hatte, auch wenn er seine Träume dafür opfern musste.

Und er hatte wirklich versucht, alles noch zum Besten zu wenden, aber Kelsey hatte ihn genauso wenig geliebt wie er sie, und sie fühlte sich von Anfang an gefangen. Es war ihr großer Traum gewesen, irgendwann aus der Provinz weggehen und in einer Großstadt leben zu können. Weder das Kind noch Petes Geduld und Fürsorge hatten diesen Traum vergessen lassen.

Fünf Jahre lang hatte er darum gekämpft, sie und den Sohn zu behalten. Doch jetzt lebte sie mit Davey in Richmond, und Pete sah sein Kind nur an wenigen Wochenenden sowie zwei kostbare Wochen im Sommer. Letztendlich war alles so gekommen, wie er es nie hatte haben wollen. Wenn er jetzt zurückschaute, wusste er, dass er einiges hätte anders machen sollen. Vielleicht hätte er damals mit Jo sprechen sollen. Vielleicht hätte sie ihm verziehen und den Jungen mit ihm zusammen aufgezogen. Dann wäre Kelsey frei gewesen, das Leben zu führen, das sie sich immer gewünscht hatte, und der kleine Davey hätte eine feste Familie gehabt und sich nicht zwischen Vater und Mutter hin und her gerissen gefühlt.

Pete hatte jedoch damals nicht den Mut gehabt, sich Jo zu stellen. Er wusste, dass sie niemals verstehen würde, warum er einige Wochen nachdem sie gegangen war, mit einer anderen Frau geschlafen hatte, obwohl er Jo liebte und ihr ewige Treue geschworen hatte. Verflixt, er verstand das ja selbst nicht. Er war eben jung und unbeherrscht gewesen, und genau das hatte er auch Cornelia Lindsey zu erklären versucht. Doch obwohl kein hartes Wort über die Lippen der lebensklugen Frau gekommen war, hatte er doch die maßlose Enttäuschung in ihrem Blick gesehen, und er hatte sich fast zu Tode geschämt. Er hätte es nicht ertragen, diesen Ausdruck auch in Jos Augen zu sehen, also hatte er geschwiegen und es anderen überlassen, ihr die bitteren Neuigkeiten zu überbringen.

Im vergangenen Jahr hatte er mitbekommen, wie Leute im Rose Cottage ein und aus gingen. Er wusste, dass Jos Schwestern, eine nach der anderen, nach Irvington gekommen waren, sich verliebt und dann geheiratet hatten. Alle drei lebten jetzt hier in der Gegend. Jo dagegen hatte er nie gesehen.

Er hatte bereits einige Aufträge für Ashley und ihren Mann, Josh Madison, erledigt und sich dabei jedes Mal sehr unwohl gefühlt. Da Ashley das Thema Jo jedoch nie angesprochen hatte, vermutete er, dass sie von seinem Verrat an Jos Herz gar nichts wusste.

Nachdem er einige seiner Baustellen inspiziert hatte, machte er sich schließlich auf den Weg zum Rose Cottage, um nachzuschauen, was getan werden musste. Auch jetzt noch, nach so vielen Jahren, klopfte sein Herz immer wieder ein wenig schneller, wenn er auch nur in die Nähe dieses Hauses kam.

Schnee lag einige Zentimeter hoch auf dem Boden, auf der Verandatreppe und auf den nackten Zweigen der Bäume. Er konnte zwar in dem weißen Teppich keine Fußspuren entdecken, aber Rauch stieg aus dem Kamin auf, und im Wohnzimmer sowie in der Küche brannte Licht.

Pete saß im Wagen und überlegte, ob er einfach weiterfahren sollte. Er war nicht sicher, ob er sich in der Lage fühlte, einer der D’Angelo-Frauen gegenüberzutreten. Vor allem nicht hier im Rose Cottage. Er wusste, dass alte Wunden wieder aufgerissen würden, wenn er die Schwelle dieses Hauses betrat.

„Benimm dich nicht so albern“, murmelte er trotzdem nach einer Weile. Es war doch nur ein Auftrag. Keine große Sache. Wahrscheinlich hatten sie das Haus an irgendeinen Fremden vermietet. Es gab nichts, wovor er Angst zu haben brauchte. Pete rügte sich selbst für seine Feigheit, ging zur Tür und klopfte an.

Als die Tür geöffnet wurde, wusste er nicht, wer überraschter war, er und oder die schmale, blasse Frau, die ihn mit traurigen, schmerzerfüllten Augen ansah.

„Was machst du denn hier?“, stießen er und Jo gleichzeitig aus.

Pete versuchte zu lächeln. „Entschuldige. Man hat mich angerufen, dass hier einige Reparaturen zu erledigen wären. Ich hatte keine Ahnung, dass du hier bist. Ganz ehrlich, ich kann nicht fassen, dass du mich angerufen hast.“

Sie sah ihn bestürzt an. „Das habe ich auch nicht. Was für Reparaturen? Ashley erwähnte etwas davon, aber ich wusste nicht, dass sie den Auftrag bereits erteilt hat. Wir sind ja noch nicht mal die Liste durchgegangen, was dringend getan werden muss.“

„Wer auch immer angerufen hat, es ging um morsche Verandabretter.“

„Als ich ankam, war es dunkel. Ich habe nichts bemerkt.“

„Du bist gerade erst angekommen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Gestern Abend.“

„Und du warst den ganzen Tag nicht draußen?“

Sie betrachtete ihn misstrauisch. „Woher weißt du das?“, fragte sie barsch.

„Keine Sorge, niemand beobachtete dich. Zumindest ich nicht.“ Er wies auf die Verandatreppe. „Aber die einzigen Fußstapfen dort sind meine.“

Ihr Ärger verschwand sofort. „Entschuldige“, bemerkte sie steif.

Pete zögerte. „Hättest du es lieber, wenn einer meiner Männer vorbeikommt, um sich die Veranda anzuschauen? Deine Schwester wusste offensichtlich nicht, dass sie dir Probleme bereitet, wenn sie mich schickt.“

Jo sah ihn unentschlossen an und wirkte so verloren und unglücklich, dass Pete sie am liebsten in seine Arme gezogen und getröstet hätte. Aber dazu hatte er kein Recht mehr.

„Nein“, entschied sie schließlich. „Nun bist du ja schon hier. Ich will Ashley nicht erklären müssen, warum ich dich weggeschickt habe. Ich werde das Verandalicht einschalten, damit du besser sehen kannst, in welchem Zustand die Bretter sind.“

Pete nickte. „Danke.“

Einen Moment später wurde das Verandalicht eingeschaltet und die Tür zugezogen.

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