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Ashley

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Die Schlagzeile verriet alles: „Schuldiger freigesprochen!“ Albert „Tiny“ Slocum war ein durchtriebener Schurke, der seine Anwältin sowie die gesamte Jury mit seinem Charme dazu gebracht hatte, an seine Unschuld zu glauben. Da es nicht genug Beweise für seine Tat gab, verließ er dank Ashley D’Angelo, die in Boston als Retterin der Unschuldigen bekannt war, das Gericht als freier Mann.

Er besudelte seine weiße Weste allerdings selbst, als er beim Verlassen des Gerichtssaals – zudem noch in Anwesenheit des Richters – die Jury lautstark als Langweiler und Idioten bezeichnete. Dieser unverschämte Auftritt bewies, dass Tiny doch nicht ganz normal war, und sein Verhalten handelte ihm das Versprechen des Staatsanwaltes ein, er würde Tiny auf jeden Fall hinter Gitter bringen. Vielleicht nicht für den Mord an Letitia, von dem man ihn gerade freigesprochen hatte, aber es würden andere Straftaten aufgedeckt werden, dessen war sich der Staatsanwalt sicher.

So eine Szene war genau das, was jeder gewissenhafte Strafverteidiger mehr fürchtete als alles andere auf der Welt. Und Ashley D’Angelo war da keine Ausnahme.

Ashley hatte Tiny nicht besonders gemocht, aber sie hatte ihm geglaubt. Er hatte seine Unschuld absolut überzeugend beteuert. Seinen scharfen Verstand hatte er redegewandt und clever eingesetzt, um sie letztlich davon zu überzeugen, dass er unmöglich ein derart barbarisches Verbrechen begangen haben konnte.

Das Opfer, Letitia Baldwin, war von einem Handtaschendieb fast zu Tode geprügelt worden, weil sie nur wenige Dollars in ihrer Brieftasche gehabt hatte. In der Notaufnahme der Klinik war sie dann ihren Verletzungen erlegen. Tiny hatte behauptet, Frauen zu lieben und zu respektieren. Seine eigene Mutter hatte ihn geschützt und dem Gericht versichert, dass Tiny der beste Sohn wäre, den man sich vorstellen könne. Ashley, die sich den Ruf erworben hatte, Unschuldige zu verteidigen, nahm sich des Falles an.

Sofort hatte sie die Schwächen in der Anklageschrift des Staatsanwaltes erkannt und dann Monate damit verbracht, die Verteidigung minutiös aufzubauen. Bereits an den ersten Verhandlungstagen waren ihr schon leise Zweifel gekommen, aber das Ende des Prozesses brachte ihr dann tatsächlich die schreckliche Gewissheit, verhindert zu haben, dass ein Mörder seine gerechte Strafe erhielt.

Nicht mal ein sehr gutes Glas Cabernet Sauvignon konnte Ashley jetzt über diesen Kummer hinweghelfen. Die Polizeifotos des Opfers stiegen immer wieder vor ihrem geistigen Auge auf und ließen sie nicht zur Ruhe kommen.

Am Abend, nachdem das Urteil verkündet worden war, saß Ashley in ihrem eleganten Penthouse und musste sich eingestehen, schon lange geahnt zu haben, dass sie einen Mörder verteidigte. Und sie hatte es mit derselben offensiven Taktik getan, die ihr bisher immer den Erfolg gesichert hatte. Gerade weil sie so viel Erfolg hatte, suchte sie sich ihre Klienten immer besonders gut aus, doch dieses Mal hatte ihre Intuition versagt.

Jetzt, da sie die Wahrheit kannte, schrumpfte ihre Selbstachtung auf null. Ihr wurde geradezu übel bei dem Gedanken, dass das Gesetz versagt hatte und ein Mörder freigesprochen worden war. Ein Mann, der brutal und ohne Gewissen gehandelt hatte. Wie hatte das nur passieren können? Diese moralische Niederlage relativierte alle anderen Erfolge, die sie im Namen der Gerechtigkeit erkämpft hatte. Erfolge, auf die sie stolz gewesen war und die ihr in kurzer Zeit eine Partnerschaft in der hoch angesehenen Kanzlei beschert hatte, in der sie jetzt tätig war.

Krank vor Selbstvorwürfen hatte sie sich inzwischen vierundzwanzig Stunden allein in ihrem Apartment aufgehalten und sich hartnäckig geweigert, das Telefon abzunehmen oder die Tür zu öffnen. Sie hatte eine kurze Pressekonferenz abgehalten, in der sie erklärte, wie bestürzt sie über den Ausgang des Prozesses war. Dann hatte sie sich sofort zurückgezogen, um weiteren Fragen der Journalisten aus dem Wege zu gehen.

Im Moment konnte sie sich nicht vorstellen, überhaupt noch mal in der Öffentlichkeit aufzutreten, gleichzeitig war ihr jedoch klar, dass sie irgendwann wieder die Kraft haben musste, sich der Realität zu stellen. Im Grunde war sie eine geborene Streiterin, nur war sie momentan noch nicht wieder kampfbereit. Es brauchte ein wenig Zeit, um die Wunden zu heilen.

Unglücklicherweise besaßen alle ihre Schwestern Schlüssel zu ihrem Apartment, und vor fünf Minuten waren sie zusammen erschienen, um sie aufzumuntern. Ashley wusste diese Geste zu schätzen, doch die Bemühungen ihrer Schwestern waren nutzlos. Sie hatte einen Mörder freigesprochen, und sie würde für den Rest ihrer Tage mit dieser Schuld leben müssen. Ihre Karriere hatte einen Knick bekommen, der Stolz auf ihre bisherigen Erfolge war erheblich gemindert.

„Es ist doch nicht deine Schuld“, tröstete Jo, nachdem sie sich mit einer Tasse Kaffee zu ihr gesetzt hatte. „Du hast doch nur deinen Job getan.“

„Ja, ich habe großartige Arbeit geleistet“, erwiderte Ashley mit bitterem Spott und hob ihre Tasse.

„Hör sofort damit auf!“, befahl Maggie verärgert.

Maggie und Melanie, die in Virginia lebten, waren sofort nach Boston gekommen, als sie erfahren hatten, was im Gerichtssaal passiert war. Auf dem Weg zu Ashley hatten sie dann noch Jo abgeholt.

Jetzt saßen sie in Ashleys Penthouse, an dessen Wänden teure moderne Kunst hing und von dem man einen atemberaubenden Blick auf die Skyline von Boston hatte. Im Moment bedeutete das alles Ashley jedoch nichts – nicht mal die liebevolle Unterstützung ihrer Schwestern. Loyalität war Familientradition. Ashley wusste, dass ihre Schwestern und ihre Eltern immer für sie da sein würden, ganz egal was auch passieren mochte.

„Sie hat recht“, pflichtete Maggie ihrer Schwester bei. „Du hast nur deine Arbeit getan. Nicht jeder, der vorgibt, unschuldig zu sein, ist es auch. Und nicht jeder, der angeklagt ist, ist schuldig. Aber jeder hat ein Recht auf eine faire Gerichtsverhandlung und eine gute Verteidigung.“

Wie oft habe ich genau das gesagt? dachte Ashley. Sie hatte fest an dieses Prinzip geglaubt, aber das Wissen, dass sie einem brutalen Mörder zur Freiheit verholfen hatte, machte sie regelrecht krank.

„Dieser Mann hat mich zum Narren gehalten“, erklärte Ashley ihren Schwestern. „Wie soll ich jemals wieder meinem Urteil trauen? Wie soll es irgendjemand noch tun können? Und was soll ich von den Klienten erwarten? Die werden mich jetzt bestimmt voller Skepsis betrachten. Wahrscheinlich nehmen sie mich überhaupt nicht mehr für voll.“

„Jetzt hör doch auf. Das hier war ein Fall wie viele andere“, verteidigte Maggie ihre Schwester und sah sie besorgt an. „Hör auf, dich selbst fertigzumachen. Du hast schon so viele Erfolge gehabt, Ashley. Die Zeitungen haben dich immer in den höchsten Tönen gelobt.“

„Aber nicht heute“, erwiderte Ashley und wies auf den Stapel Zeitungen, die auf ihrem Tisch lagen. Sie hatte sie alle gelesen, ebenso wie sie sich die Nachrichten von verschiedenen Fernsehsendern angeschaut hatte. „Heute dagegen fragen sie sich, wie vielen anderen Kriminellen ich in den letzten Jahren wohl zur Freiheit verholfen habe. Ich muss zugeben, dass ich mich das selbst auch gefragt habe.“

Jo schaute sie entrüstet an. „Glaubst du denn tatsächlich auch nur eine Minute, dass du bewusst einem Kriminellen geholfen hast?“, fragte sie. „Wenn das so wäre, dann hättest du nämlich recht. Dann solltest du schleunigst deinen Beruf aufgeben und mit etwas anderem dein Geld verdienen. Etwas, wo die Fehler, die du machst, nicht so schwerwiegend sind.“

„Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen und was ich jetzt machen soll“, erwiderte Ashley. Unsicherheit war ein völlig neues Gefühl für sie, und es gefiel ihr absolut nicht. Sie war immer die ältere, selbstbewusste Schwester gewesen, die ihre jüngeren Geschwister beschützt hatte. Jetzt selbst Hilfe annehmen zu müssen, das behagte ihr gar nicht.

„Noch gestern habe ich gedacht, dass ich die Wahrheit gepachtet hätte“, fügte sie hinzu. „Jetzt frage ich mich, ob ich vielleicht nur eine clevere Anwältin bin, die sich leichtfertig von einem gerissenen Kriminellen hat blenden lassen. Von einem Mörder, der ein bisschen Charme und ein großes schauspielerisches Talent hat.“ Sie schaute sich im Raum um. „Guckt euch doch mal um, was ich alles gekauft habe, nur weil ich einen gut bezahlten Job habe. Als ich dem Sohn und der Tochter des Opfers in die Augen schaute und ihnen sagte, wie leid mir das Ganze tut, kam ich mir vor wie eine Betrügerin.“

Ihre Schwestern wechselten Blicke untereinander und schienen gemeinsam zu einer Entscheidung zu kommen.

„So, jetzt reicht es aber mit dem Selbstmitleid, Ashley. Das Büßerhemd steht dir nicht. Du wirst mit uns nach Virginia kommen“, erklärte Melanie entschlossen. „Was dir fehlt, ist ein Monat Ruhe und Entspannung im Rose Cottage. Du hast Maggie sowieso versprochen, dass du uns nach dem Abschluss dieses Falls besuchen würdest. Jetzt wirst du einfach ein wenig länger bleiben, damit du wieder Boden unter die Füße bekommst.“

Ashley sah ihre Schwester fassungslos an. Schon eine Woche ohne Arbeit war für sie absolut unvorstellbar, ganz zu schweigen von einem Monat. Arbeit war ihr Leben. Sie definierte sich über ihren Beruf. Allerdings hatte diese Definition einen argen Knacks bekommen.

„Das kommt gar nicht infrage“, erwiderte sie schroff. „Ich weiß zwar, wie ihr beide im Rose Cottage aufgeblüht seid. Aber ich bin anders als ihr. Ich brauche meine Arbeit. Ein Wochenende zum Ausruhen reicht völlig.“ Sie sah Maggie leicht verärgert an. „Ich dachte, ich hätte dir das bereits klar und deutlich gesagt.“

„Ach, hör doch auf. Du bist diejenige, die all die Jahre den Schlüssel für Rose Cottage als Talisman mit sich herumgetragen hat“, erinnerte Maggie sie. „Jetzt ist es an der Zeit, dass du ihn auch benutzt. Melanie hat recht – du musst eine Weile weg von hier. Du musst nachdenken, musst zur Ruhe kommen. Du musst dir klar werden, was falsch gelaufen ist, damit du diesen Fehler nicht noch mal machst. Oder du kannst dir überlegen, ob du vielleicht die Justiz verlassen und etwas anderes machen willst. Auf keinen Fall jedoch werden wir zulassen, dass du hier bleibst und in Selbstvorwürfen erstickst.“

„Als ob ich mit meinem Beruf große Wahlmöglichkeiten hätte“, wehrte Ashley ab. „Ich bin Anwältin, was anderes kann ich nicht.“

Maggie verdrehte die Augen. „Wenn du intelligent genug warst, mit Auszeichnung dein Jurastudium abzuschließen, würdest du es auch in einem anderen Bereich zu etwas bringen, wenn es hart auf hart käme. Du musst unbedingt eine Pause einlegen, Ashley, das bist du dir selbst schuldig. Du bist ausgebrannt. Seit deinem Studium und erst recht seit dem Eintritt in diese Kanzlei hast du nur gearbeitet. Es ist an der Zeit, dass du dein Leben mal gründlich überdenkst.“

„Da stimme ich dir zu“, sagte Jo. „Melanie und Maggie sind nur noch zwei Tage in Boston, aber ich lebe hier. Und ich schwöre dir, ich werde dich nicht in Ruhe lassen, sondern dir so lange zusetzen, bis du freiwillig Urlaub machst.“

Ashley wusste, dass sie keine Wahl hatte, wenn sogar Jo, die jüngste der vier Schwestern, so bestimmt war. „Zwei Wochen“, schlug sie vor. „Mehr Ruhe kann ich nicht verkraften.“

„Zwei Monate“, protestierten die anderen im Chor.

„Drei Wochen“, lenkte sie ein. „Und dabei bleibt es. Das ist mein Limit. Ich werde verrückt, wenn ich auch nur einen Tag länger Urlaub machen soll.“

„Abgemacht. Drei Wochen.“ Maggie und Melanie tauschten einen amüsierten Blick aus.

„Was ist?“, fragte Ashley argwöhnisch, denn der zufriedene Gesichtsausdruck der beiden gefiel ihr gar nicht.

„Wir waren sicher, dass du uns auf eine Woche herunterhandeln würdest“, meinte Maggie. „Du hast deinen Biss verloren.“

Ashley lachte, doch es klang eher wie ein tiefer Seufzer. War das nicht genau der Punkt? Sie hatte ihren Biss verloren. Und in diesem Moment konnte sie sich nicht vorstellen, wie sie ihn jemals wieder zurückbekommen sollte.

1. KAPITEL

Das ist nicht unbedingt das Schlimmste, was mir je im Leben zugestoßen ist, entschied Ashley, als sie ihre Einkäufe im Kühlschrank verstaute.

Zwei ihrer Schwestern mit ihren Ehemännern wohnten in unmittelbarer Nähe. Sie war also nicht allein und einsam hier im Norden von Virginia. Sie konnte sich einen Kabelanschluss legen lassen, damit sie den Gerichtssender und CNN empfangen konnte. Außerdem hatte sie sich eine Kiste ihres Lieblingsweines mitgebracht sowie reichlich Lesestoff über Fälle von den bekanntesten Anwälten des Landes. Sie hatte sogar einige Romane in ihren Koffer gepackt. Alles Bücher, die in irgendeiner Weise mit Prozessen und Justiz zu tun hatten.

Sie musste einfach nur ihren Tag straff durchorganisieren, damit sie genug Zeit hätte, um darüber nachzudenken, was eigentlich im Gerichtssaal in Boston passiert war. Und im Organisieren war Ashley absolute spitze. Da machte ihr keiner was vor. Ihr Arbeitspensum war dermaßen umfangreich, dass sie eine Woche gebraucht hatte, um die laufenden Fälle für die Dauer ihrer Abwesenheit auf ihre Kollegen zu übertragen.

Nach dem Stress der vergangenen Woche, der psychischen Belastung und der langen Fahrt von Boston hierher nach Irvington fühlte sie sich ziemlich mitgenommen. Nun, das war aber auch zu erwarten gewesen. Wenn sie erst einmal richtig ausgeschlafen hätte, würde sie sich wahrscheinlich wie neugeboren fühlen. Vermutlich wäre sie dann versucht, alle fünf Minuten in der Kanzlei anzurufen, um sicherzugehen, dass ihre Fälle auch richtig bearbeitet wurden. Da sie ihre Kollegen damit jedoch bestimmt nerven würde, musste sie alles tun, um dieser Versuchung zu widerstehen.

Sie seufzte, stellte ihren Laptop auf den Tisch und legte Block und Stift direkt daneben. Sie hatte sich wirklich beherrschen müssen, um ihre Gesetzesbücher zurückzulassen, aber schließlich konnte sie noch jede Menge Informationen aus dem Internet holen. Sie würde einige Fakten über demnächst anstehende Fälle klären und die Notizen dann zu gegebener Zeit an ihre Kollegen weiterleiten.

Allein der Gedanke, wenigstens ein paar Dinge tun zu können, gab ihr das Gefühl, ihr Leben wäre nicht vollkommen außer Kontrolle geraten.

Kaum jedoch betraten ihre Schwestern die Küche, räumten sie Laptop und Schreibzeug vom Tisch und verstauten beides – trotz Ashleys Protest – in einer Einkaufstüte.

„Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?“, schnaubte Ashley und versuchte, ihnen die Tüte zu entreißen. „Das ist mein Haus! Das sind meine Sachen!“

„Es ist Großmutters Haus“, verbesserte Maggie gelassen.

„Wenn du jetzt anfängst, jedes meiner Worte auf die Goldwaage zu legen, bin ich sofort weg“, fauchte Ashley.

„Nein, das bist du nicht“, beruhigte Melanie sie. „Du weißt selbst, dass dies hier im Moment der beste Ort für dich ist.“

„Und deine kostbaren Besitztümer werden bei mir in Sicherheit sein“, versprach Maggie. „Wenn du nach Boston zurückfährst, wirst du alles wieder zurückbekommen.“

„Wenn ich meine geistige Gesundheit nicht riskieren will, brauche ich sie aber“, protestierte Ashley.

„Vergiss es“, erwiderte Maggie streng. „Und wenn wir schon dabei sind. Dein Handy kannst du uns auch gleich noch aushändigen.“

Ashley fühlte, wie aufsteigende Panik ihr die Kehle zuschnürte. „Komm schon, Maggie“, bettelte sie. „Gib mir meine Sachen zurück. Und das Handy muss ich unbedingt behalten. Was ist, wenn jemand mich erreichen will?“

Maggie warf ihr einen sarkastischen Blick zu. „Glaubst du ehrlich, dass es in Boston außer Mom und Dad einen Menschen gibt, der unbedingt mit dir reden will? Du willst nur den Kontakt mit der Kanzlei wahren, und der ist im Moment verboten.“

„Schließlich bist du im Urlaub. Du sollst ausspannen“, erinnerte Melanie sie, während sie den Stapel Lektüre betrachtete, den Ashley auf ein Regal gelegt hatte. „Entschuldige, aber das hier muss ich auch mitnehmen.“ Sie nahm erst den Stapel Bücher, griff dann in Ashleys Tasche, wühlte ein wenig darin herum und holte das Handy heraus.

Finster blickte Ashley ihre Schwestern an. „Und was soll ich verflixt noch mal drei Wochen lang hier machen?“

Melanie kicherte. „Du sollst dich entspannen. Ich weiß, dass das im Moment noch ein Fremdwort für dich ist, aber du wirst schon noch begreifen, worum es geht.“

„Ich kann doch nicht den ganzen Tag hier herumsitzen und gar nichts tun“, protestierte Ashley. „Dabei werde ich ja verrückt!“

„Das haben wir auch mal geglaubt“, beruhigte Maggie sie und reichte ihrer Schwester eine große Tasche mit Videos und Taschenbüchern. „Komödien und Liebesromane“, verkündete sie.

Ashley stöhnte. „Du lieber Himmel, was habt ihr vor, mir anzutun?“

„Wir versuchen, etwas Gleichgewicht in dein Leben zu bekommen“, erklärte Melanie. „Es gibt außerdem eine Menge Arbeit im Garten zu erledigen. Die Tulpen- und Narzissenzwiebeln müssen etwas gelichtet werden, und ich habe neue Blumenzwiebeln für den Vorgarten gekauft, die noch gesetzt werden müssen.“

„Wir haben Spätsommer, nicht Frühling“, erinnerte Ashley ihre Schwester verwirrt. „Sollte man nicht besser im Frühling pflanzen?“

„Keine Zwiebeln. Die kommen doch schon sehr früh im Jahr. Vertrau mir, die Gartenarbeit wird dir guttun. Es ist unglaublich, wie heilsam körperliche Arbeit in der Sonne ist. Deine Probleme werden im Nu viel kleiner.“

„Außer im Fitnessstudio arbeite ich nie körperlich“, entgegnete Ashley, schaute auf ihre makellos manikürten Fingernägel und schüttelte sich bei dem Gedanken, wie ihre Hände wohl nach der Gartenarbeit aussehen könnten.

„Gartenarbeit ist besser als jedes Fitnessstudio, glaub mir. Außerdem kannst du hier stundenlang spazieren gehen. Die salzige Luft wirkt Wunder für deine Gesundheit.“

„Hier riecht es nach Fisch“, konterte Ashley trotzig, fest entschlossen, alles niederzumachen, was ihre schrecklichen Schwestern ihr schmackhaft machen wollten. Wie hatte sie all die Jahre übersehen können, wie hartnäckig und kontrollierend sie waren?

Melanie lächelte unbeeindruckt. „Nicht im Garten. Dort gibt es wunderbare Düfte. Großmutter hatte früher alles perfekt angelegt. Und Mike und ich haben den Garten wieder so erstehen lassen, wie er früher war.“

Geschlagen setzte Ashley sich an den Küchentisch und legte den Kopf auf die Arme. „Ich will nach Hause.“

„Hör auf zu jammern“, rügte Maggie sie. „Das steht dir nicht.“

Ashley fuhr hoch. „Du hörst dich schon genauso an wie Mom.“

„Natürlich, das tun wir doch alle“, meinte Maggie. „Mit einem großen Touch von Großmutter Lindsey. Die beiden waren immerhin unsere weiblichen Vorbilder. Das Einzige, was fehlt, ist der südliche Akzent.“

Ashley dachte zurück an die vielen Ferien bei ihrer Großmutter hier im Rose Cottage. Cornelia Lindsey war eine humorvolle, warmherzige Frau gewesen, und sie hatte immer großen Wert auf gutes Benehmen gelegt. Sie hatte ihnen die Bedeutung von Familie und Freundschaft, von Großzügigkeit, Toleranz und Höflichkeit beigebracht.

Ashley gab nach. „Also gut, kein Jammern mehr“, lenkte sie ein. „Aber ihr müsst mir versprechen, dass ich wieder abfahren kann, bevor ich komplett durchdrehe.“

„Du bist doch erst vor zwei Stunden angekommen“, erinnerte Melanie sie.

„Na und?“, konterte Ashley schnippisch. „In meinem Leben sind zwei Stunden hier eine halbe Ewigkeit.“

„Okay, lass uns Mittag essen gehen“, versuchte Maggie, ihre ältere Schwester zu beruhigen. „Aber es gibt keinen Wein.“

Ashley sah sie bestürzt an. „Wie bitte?“

„Weil du ihn nicht brauchst“, erwiderte Melanie. „Du willst doch einen klaren Kopf behalten, um all die Dinge aufarbeiten zu können, die in letzter Zeit passiert sind, oder nicht?“

„Dafür brauche ich ja gerade den Wein.“ Kaum waren die Worte ausgesprochen, wurde Ashley klar, wie verzweifelt sie sich anhörte. Sie seufzte, das war wohl Warnung genug. Seine Sorgen in Alkohol zu ertränken war noch nie eine Lösung gewesen. „Also gut, keinen Wein.“

Als sie zwei Stunden später wieder im Rose Cottage waren, umarmte Maggie ihre Schwester zum Abschied. „Du wirst sehen, der Aufenthalt hier wird dir guttun.“

„Wahrscheinlich“, brummte Ashley, obwohl sie das keine Minute lang glaubte.

„Und wir erwarten dich um sieben Uhr zum Abendessen“, fügte Maggie hinzu. „Ich mache dir sogar dein Lieblingsessen. Erinnerst du dich noch an die leckeren Sachen, die Mom für uns gekocht hat und die du so gern gegessen hast, bevor du anfingst, dich ausschließlich von Salat und Joghurt zu ernähren?“ Sie winkte ab. „Benimm dich heute Abend gut, dann bekommst du sogar ein Glas Wein von mir.“

Ashley lachte. „Jetzt habe ich wenigstens einen Grund, mich auf einen Abend mit euch zu freuen.“

Melanie tätschelte ihr die Wange. „Schwesterherz, sieh das Ganze nicht so eng. Wir wollen doch nur, dass du wieder zu dir findest. Wir werden dich mit unserer Fürsorge nicht erdrücken, aber wir sind da, wenn du uns brauchst.“

„Ich weiß, und ich bin euch auch dankbar dafür, auch wenn ich mich eben wie ein Idiot benommen habe.“ Sie sah ihren Schwestern nach, wie sie samt Laptop, juristischer Lektüre sowie Schreibzeug verschwanden, und empfand eine Mischung aus Erleichterung und Furcht.

Ashley ging ins Haus und sah auf die Uhr. Es war erst zwei Uhr. Was um alles in der Welt sollte sie fünf Stunden lang tun? Was hatte sie an den Nachmittagen vor vielen Jahren hier getan? Plötzlich fiel ihr wieder ein, wie gern sie im Garten gelesen hatte, wenn sie nicht gerade mit ihren Schwestern unten am Meer schwimmen gewesen war.

Spontan griff sie in die Tüte, die ihre Schwestern ihr mitgebracht hatten, und holte sich einen der Romane heraus, ohne auf den Titel oder den Autor zu achten. Es spielte keine Rolle, was sie las. Bevor sie womöglich auf die Idee kam, zum Telefonhörer zu greifen oder sich Kabelfernsehen zu bestellen, ging sie hinaus zur Gartenschaukel. Sie war groß genug, um die Füße hochzulegen und es sich in den Polstern bequem zu machen. Es wehte eine leichte Brise, und sie wurde sanft hin und her geschaukelt.

Mit dem Vorbehalt, dass der Roman sowieso absolut langweilig sein würde, klappte sie das Buch auf und begann, die erste Seite zu lesen. Doch schon auf der zweiten Seite wurde sie von der Geschichte gefesselt, und sie erinnerte sich an die Zeiten, an denen sich die Tage endlos vor ihr ausdehnten und nur ein Buch genügte, um sie stundenlang zu unterhalten.

Sie las Seite um Seite und konnte den Roman nicht aus der Hand legen, bis sie – inzwischen steif vom Liegen – zur letzten Seite kam und das Buch dann langsam schloss. Ihre Augen waren feucht von Tränen. Wann hatte sie das letzte Mal etwas so berührt? Es war lange her, dass sie etwas lediglich der Unterhaltung wegen gelesen hatte.

Zum ersten Mal sah Ashley ihren Aufenthalt im Rose Cottage nicht als Fluch, sondern als ein wertvolles Geschenk. Vielleicht war es wichtig, dass sie sich an das Mädchen erinnerte, das sie einst gewesen war – ein Mädchen voller Träume und Hoffnungen. Vielleicht konnte sie auf diese Weise herausbekommen, wo sie den rechten Pfad verlassen hatte, und noch mal von vorne beginnen. Vielleicht konnte sie wieder zu dem Menschen werden, der sie gewesen war, bevor sie sich nur noch auf ihren Verstand und reines Kalkül verlassen hatte.

Auf keinen Fall jedoch wollte Ashley ihren Schwestern erzählen, dass sich ihre Einstellung zu dem Aufenthalt im Rose Cottage bereits geändert hatte. Sie hatte keine Lust, den triumphierenden Ausdruck auf Maggies und Melanies Gesichtern zu sehen.

„Oh, verdammt, das Abendessen“,

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