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Die Schwester der Königin

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Sommer 1532

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Sommer 1535

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Winter 1535

Frühling 1536

Mai 1536

Anmerkung der Autorin

 

|5|Für Anthony

|7|Frühling 1521

Ich hörte gedämpften Trommelwirbel. Sehen konnte ich nichts außer der Schnürung am Mieder der Dame vor mir, die mir den Blick auf das Schafott versperrte. Ich war nun schon über ein Jahr am Hof und hatte Hunderte von Festlichkeiten miterlebt, aber noch keine wie diese.

Wenn ich ein wenig zur Seite trat und den Hals reckte, sah ich, wie der Verurteilte in Begleitung seines Priesters langsam vom Tower zu der Wiese schritt, wo die hölzerne Plattform wartete und mitten darauf der Holzblock. Der Scharfrichter trug schon die Kleidung seines Amtes, stand in Hemdsärmeln da, mit der schwarzen Kapuze über dem Kopf. Alles schien eher ein Maskenspiel als Wirklichkeit zu sein. Ich schaute zu, als würde ein Theaterstück für den Hof gegeben. Der König saß auf dem Thron und wirkte zerstreut, als ginge er im Kopf noch einmal die Rede durch, mit der er die Begnadigung verkünden würde. Hinter ihm standen mit ernster Miene William Cary, mein Ehemann seit einem Jahr, mein Bruder George und mein Vater, Sir Thomas Boleyn. Ich wackelte in meinen Seidenschuhen mit den Zehen und wünschte mir, der König würde sich beeilen und endlich seinen Gnadenerlaß aussprechen, damit wir alle frühstücken gehen konnten. Ich war erst dreizehn Jahre alt und hatte ständig Hunger.

Am anderen Ende des Holzgerüstes legte der Herzog von Buckinghamshire seinen dicken Umhang ab. Wir waren nah genug miteinander verwandt, daß ich ihn Onkel nennen durfte. Er war zu meiner Hochzeit gekommen und hatte mir ein goldenes Armband geschenkt. Mein Vater erklärte mir, er hätte den König auf ein Dutzend verschiedene Arten beleidigt: In seinen Adern floß königliches Blut, und er hielt sich ein viel zu großes Gefolge, als daß es einem König gefallen |8|konnte, der sich seines Throns noch nicht vollkommen sicher war. Am schlimmsten aber war, daß er angeblich gesagt hatte, der König habe bis jetzt keinen Sohn und Erben, würde auch sicher keinen mehr bekommen und wahrscheinlich ohne männlichen Thronfolger sterben.

Derlei Gedanken durfte man nicht laut äußern. Der König, der Hof, das ganze Land wußten, daß die Königin unbedingt einem Sohn das Leben schenken mußte, und zwar bald. Etwas anderes auch nur anzudeuten, das war der erste Schritt auf dem Pfad, der zu den hölzernen Stufen des Schafotts führte, die mein Onkel, der Herzog, jetzt gerade furchtlos und mit festen Schritten hinaufstieg. Ein guter Höfling spricht niemals unbequeme Wahrheiten an. Bei Hof hatte man stets fröhlich zu sein.

Onkel Stafford trat vorne an die Plattform, um ein paar letzte Worte zu sprechen. Ich war zu weit weg, um sie hören zu können. Ich hatte ohnehin nur Augen für den König, der sicherlich auf das Stichwort wartete, um endlich vorzutreten und den königlichen Gnadenerlaß zu geben. Dieser Mann, der da im Sonnenlicht des frühen Morgens auf dem Schafott stand, hatte gegen den König Tennis gespielt, war in Turnieren gegen ihn geritten, war sein Kumpan bei Hunderten von Trinkgelagen und Glücksspielen gewesen. Seit ihrer Kinderzeit waren die beiden Freunde. Der König wollte ihm gewiß nur eine Lektion erteilen, eine eindrucksvolle öffentliche Lektion, und dann würde er ihn begnadigen, und wir konnten alle frühstücken gehen.

Die kleine, ferne Gestalt des Herzogs wandte sich jetzt dem Beichtvater zu. Er beugte den Kopf, um den Segen zu empfangen, und küßte den Rosenkranz. Er kniete sich vor den Block, umfaßte ihn mit beiden Händen. Ich fragte mich, wie es wohl sein mußte, die Wange an das glatte, gewachste Holz zu schmiegen. Selbst wenn er wußte, daß alles nur eine Maskerade war und nicht die Wirklichkeit, mußte es doch für meinen Onkel ein seltsames Gefühl sein, den Kopf auf den Block zu legen und zu wissen, daß hinter ihm der Scharfrichter stand.

Der Henker hob das Beil. Ich blickte zum König. Sein Einspruch |9|ließ sehr lange auf sich warten. Ich schaute auf das Gerüst zurück. Mein Onkel, den Kopf auf dem Block, breitete die Arme weit aus, als Zeichen der Zustimmung, als Zeichen, daß das Beil fallen konnte. Ich blickte wieder zum König, der jetzt sofort aufspringen mußte. Aber er saß immer noch da, das hübsche Antlitz zu einer grimmigen Miene verzerrt. Und während ich auf ihn blickte, erscholl ein weiterer Trommelwirbel, der plötzlich abbrach. Dann hörte man den dumpfen Schlag des Beils: einmal, dann noch einmal und ein drittes Mal. Das Geräusch klang heimelig und vertraut wie Holzhacken. Ungläubig starrte ich auf den Kopf meines Onkels, der ins Stroh rollte, und auf den blutroten Strom aus dem Hals. Der Scharfrichter mit der schwarzen Kapuze legte das große, blutverschmierte Beil aus der Hand und hob den abgeschlagenen Kopf am dicken, lockigen Haar hoch, so daß wir ihn alle sehen konnten: Eine schwarze Binde verdeckte Stirn und Nase, darunter waren die Zähne zu einem letzten trotzigen Grinsen gefletscht.

Langsam stand der König auf, und ich dachte in meinem kindlichen Gemüt: Großer Gott, wie furchtbar peinlich das wird. Er hat zu lange gewartet. Es ist alles schiefgegangen. Er hat vergessen, rechtzeitig einzugreifen.

Aber ich irrte mich. Er hatte nicht zu lange gewartet, er hatte nichts vergessen. Er wollte, daß mein Onkel vor den Augen des gesamten Hofstaats starb, damit alle wußten, daß es nur einen König gab, nämlich Henry. Es konnte nur einen König geben, nämlich Henry. Und diesem König würde ein Sohn geboren werden – etwas anderes auch nur anzudeuten, bedeutete einen schmählichen Tod.

Schweigend ließ sich der Hofstaat in drei Barken flußaufwärts zum Palast von Westminster zurückrudern. Einige Männer am Flußufer zogen den Hut und fielen auf die Knie, als die königliche Barke mit flatternden Wimpeln rasch an ihnen vorüberglitt. Ich saß mit den Hofdamen in der zweiten Barke, der Barke der Königin. Meine Mutter war in meiner Nähe. In einem seltenen Augenblick der Anteilnahme blickte sie zu mir herüber und bemerkte: »Du bist sehr blaß, Mary, ist dir übel?«

|10|»Ich hätte nicht gedacht, daß er wirklich hingerichtet würde«, erwiderte ich. »Ich dachte, der König würde ihn begnadigen.«

Meine Mutter beugte sich ganz nah zu meinem Ohr, damit niemand uns über das Knarren des Bootes und die Trommeln der Ruderer hinweg hören konnte. »Dann bist du eine Närrin«, meinte sie knapp. »Und schlimmer noch, du sprichst es auch noch aus. Schau nur gut hin und lerne, Mary. Bei Hof kann man sich keinen Fehler leisten.«

|11|Frühling 1522

»Morgen reise ich nach Frankreich und bringe deine Schwester Anne mit nach Hause«, verkündete mir mein Vater auf den Stufen des Palastes von Westminster. »Sie soll in den Hofstaat der Königin Mary Tudor aufgenommen werden.«

»Ich dachte, sie würde in Frankreich bleiben«, erwiderte ich. »Sie würde einen französischen Grafen heiraten oder so.«

Er schüttelte den Kopf. »Wir haben andere Pläne mit ihr.«

Ich wußte, es wäre sinnlos, ihn nach der Art dieser Pläne zu fragen. Am meisten befürchtete ich, daß die Familie für Anne eine bessere Heirat plante als meine. Dann müßte ich den Rest meines Lebens dem Saum ihres Kleides folgen, während sie vor mir herstolzierte.

»Schau nicht so mißmutig«, sagte mein Vater bissig.

Sofort setzte ich mein Höflingslächeln auf. »Selbstverständlich, Vater«, antwortete ich gehorsam.

Er nickte, und ich machte einen tiefen Knicks, während er sich bereits von mir abwandte. Ich erhob mich wieder und ging langsam zum Schlafgemach meines Mannes. An der Wand hing ein kleiner Spiegel, und ich stellte mich davor und starrte mein Ebenbild an. »Es wird alles gut«, flüsterte ich mir zu. »Ich bin eine Boleyn, und das ist keine Kleinigkeit. Meine Mutter ist eine geborene Howard, stammt aus einer der großartigsten Familien im Lande. Ich bin ein Howard-Mädchen, ein Boleyn-Mädchen!« Ich biß mir auf die Lippen. »Anne allerdings auch.«

Ich lächelte mein leeres Höflingslächeln, und das Spiegelbild lächelte zurück. »Ich bin zwar das jüngste Boleyn-Mädchen, doch bei weitem nicht das geringste. Ich bin mit William Carey verheiratet, einem Mann, der hoch in der Gunst des Königs steht. Ich bin der Liebling der Königin, ihre jüngste |12|Hofdame. Das kann mir niemand verderben. Nicht einmal sie kann mir das nehmen.«

 

Anne und Vater wurden durch Frühjahrsstürme aufgehalten. Ich hegte die kindische Hoffnung, ihr Schiff würde sinken und Anne würde ertrinken. Beim Gedanken an ihren Tod verspürte ich eine seltsame Mischung aus aufrichtiger Trauer und Freude. Ich konnte mir keine Welt ohne Anne vorstellen, und doch war auf dieser einen Welt auch kaum Platz für uns beide.

Schließlich traf sie unversehrt ein. Ich sah, wie mein Vater mit ihr vom königlichen Landesteg über die kiesbestreuten Pfade zum Palast schritt. Sogar aus dem Fenster im ersten Stock konnte ich den Schwung ihres Kleides und den eleganten Schnitt ihres Umhangs erkennen, und ich verspürte einen Augenblick lang puren Neid, als ich sah, wie weich der Stoff ihre Gestalt umspielte. Ich wartete, bis die beiden aus meinem Blickfeld verschwunden waren. Dann eilte ich an meinen Platz im Audienzsaal der Königin.

Anne sollte gleich sehen, wie sehr ich in den reich mit Wandteppichen ausgehängten Gemächern der Königin zu Hause war. Ich würde mich außerordentlich erwachsen und elegant erheben und sie begrüßen. Doch als die Tür aufging und sie hereintrat, überwältigte mich die Freude, und ich rief unwillkürlich laut »Anne!« und rannte mit wehenden Gewändern auf sie zu. Und Anne, die mit hoch erhobenem Kopf eingetreten war und mit ihren arroganten dunklen Augen pfeilschnell den ganzen Raum überflogen hatte, fiel genauso aus der Rolle, war plötzlich keine großartige junge Dame von fünfzehn Jahren mehr und breitete die Arme aus.

»Du bist gewachsen«, sagte sie atemlos, während sie mich fest umarmte und ihre Wange an die meine drückte.

»Ich trage so hohe Absätze.« Ich sog ihren vertrauten Duft ein: Seife und Rosenessenz auf der warmen Haut, Lavendel aus ihrer Kleidung.

»Geht es dir gut?«

»Ja. Und dir?«

»Bien sûr! Und wie ist es? Der Ehestand?«

|13|»Nicht schlecht. Schöne Kleider.«

»Und er?«

»Sehr vornehm. Immer beim König, hoch in seiner Gunst.«

»Hast du es schon mit ihm gemacht?«

»Ja, vor Ewigkeiten.«

»Hat es weh getan?«

»Sehr.«

Sie trat ein wenig zurück, um mein Gesicht zu mustern.

»Nicht zu sehr«, wandte ich ein. »Er versucht, sanft mit mir zu sein. Er gibt mir immer Wein. Es ist eigentlich alles ziemlich scheußlich.«

»Wieso scheußlich?«

»Er pißt in den Topf, gleich neben mir, wo ich es sehen kann.«

Sie bog sich vor Lachen. »Nein!«

»Nun, Kinder«, sagte mein Vater, der hinter Anne auftauchte. »Mary, stelle der Königin deine Schwester Anne vor.«

Gehorsam führte ich sie durch das Gedränge der Hofdamen zur Königin, die aufrecht auf einem Stuhl beim Kamin saß. »Sie ist sehr streng«, warnte ich Anne. »Hier geht es nicht zu wie in Frankreich.«

Katherine von Aragon musterte Anne mit ihren klaren blauen Augen, und plötzlich durchfuhr mich beinahe schmerzlich die Angst, sie könnte mir meine Schwester vorziehen.

Anne sank vor der Königin in einen tadellosen französischen Hofknicks und erhob sich, als läge ihr der ganze Palast zu Füßen. In ihrer Stimme schwangen verführerische Untertöne mit, jede ihrer Gesten kündete vom französischen Hof. Voller Freude stellte ich fest, daß die Königin auf Annes elegante Manieren mit eisiger Ablehnung reagierte. Ich führte meine Schwester zu einem Fenstersitz.

»Sie haßt die Franzosen«, erklärte ich. »Sie wird dir niemals erlauben, dich in ihrer Nähe aufzuhalten, wenn du so weitermachst.«

Anne zuckte die Schultern. »Das ist die neueste Mode in der Etikette. Ob es ihr gefällt oder nicht. Was denn sonst?«

»Spanisch?« schlug ich vor. »Wenn du dich unbedingt verstellen mußt.«

|14|Anne lachte lauthals auf. »Und diese scheußlichen Hauben tragen! Sie sieht aus, als hätte ihr jemand ein Dach auf den Kopf gesetzt.«

»Psst«, zischte ich tadelnd. »Sie ist eine wunderschöne Frau. Die schönste Königin Europas.«

»Sie ist eine alte Frau«, erwiderte Anne grausam. »Trägt wie eine alte Frau die häßlichsten Kleider Europas, kommt aus der dümmsten Nation Europas. Wir haben für die Spanier nichts übrig.«

»Wer ist wir?« fragte ich kühl. »Nicht die Engländer.«

»Les Français!« sagte sie zu meinem Ärger. »Bien sûr! Ich bin inzwischen beinahe selbst Französin.«

»Du bist in England geboren und aufgewachsen, genau wie George und ich«, antwortete ich nüchtern. »Und ich wurde genau wie du am französischen Hof erzogen. Warum mußt du immer so tun, als wärst du etwas Besseres?«

»Weil jeder schließlich irgend etwas tun muß.«

»Was meinst du damit?«

»Jede Frau braucht etwas, das sie von allen anderen unterscheidet, etwas, das ins Auge fällt, das sie in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Ich werde eben Französin sein.«

»Du gibst also vor, etwas zu sein, was du nicht bist«, sagte ich mißbilligend.

Sie funkelte mich an, musterte mich mit ihren dunklen Augen, wie nur sie es konnte. »Ich verstelle mich nicht mehr und nicht weniger als du«, erwiderte sie ruhig. »Meine kleine Schwester, meine kleine goldene Schwester, meine Milch-und-Honig-Schwester.«

Ich schaute mit meinen helleren Augen in ihre dunklen und begriff, daß ich ihr Lächeln lächelte, daß sie mein dunkler Spiegel war. »Oh, das«, meinte ich und weigerte mich, den Treffer anzuerkennen. »Oh, das.«

»Genau«, antwortete sie. »Ich werde dunkel und französisch und modisch elegant und kapriziös sein, du dagegen lieb und nett und naiv und englisch und blond. Was wir für ein Paar abgeben! Welcher Mann könnte uns wohl widerstehen?«

Ich lachte. Sie brachte mich immer zum Lachen. Ein Blick |15|aus dem bleiverglasten Fenster verriet mir, daß die Jagdgesellschaft des Königs in den Stallhof zurückkehrte.

»Ist das der König? Kommt er hierher?« fragte Anne. »Sieht er so gut aus, wie man sagt?«

»Er ist wunderbar. Wirklich. Er tanzt und reitet und – oh, ich kann dir gar nicht sagen, was alles noch!«

»Kommt er jetzt her?«

»Wahrscheinlich. Er kommt immer zu ihr.«

Anne schaute abschätzig dorthin, wo die Königin mit ihren Hofdamen saß und nähte. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum.«

»Weil er sie liebt«, antwortete ich. »Es ist eine wunderbare Liebesgeschichte. Er hat sie seinem Bruder zur Frau gegeben, und sein Bruder ist ja so früh gestorben, so jung, und dann wußte sie nicht, was sie machen und wohin sie gehen sollte, und da hat er sie zu seiner Frau und Königin gemacht. Es ist eine wunderbare Geschichte, und er liebt sie immer noch.«

Anne zog eine ihrer vollkommen geschwungenen Augenbrauen hoch und schaute sich im Raum um. Alle Hofdamen hatten den Lärm der zurückkehrenden Jagdgesellschaft gehört, ihre Gewänder um sich ausgebreitet und sich auf ihren Stühlen zurechtgesetzt, so daß sie wie ein lebendes Bild da saßen, das man vom Eingang her gut betrachten konnte. Da flog die Tür auf, und Henry, der König, stand auf der Schwelle und strahlte in der übermütigen Freude eines verwöhnten jungen Mannes. »Jetzt habe ich euch alle überrumpelt!«

Die Königin fuhr auf. »Was für eine Überraschung!« erwiderte sie herzlich. »Und was für eine Freude!«

Das Gefolge und die Freunde des Königs traten hinter ihrem Herrn in den Raum. Zuerst kam mein Bruder George, hielt beim Anblick von Anne auf der Schwelle inne, verbarg seine große Freude hinter seiner hübschen Höflingsmaske und neigte sich tief über die Hand der Königin. »Majestät.« Er hauchte einen Kuß auf ihre Finger. »Den ganzen Morgen habe ich mich in der Sonne aufgehalten, aber erst jetzt bin ich geblendet.«

Die Königin lächelte höflich, während sie auf seinen |16|gebeugten dunklen Lockenkopf blickte. »Ihr dürft jetzt Eure Schwester begrüßen.«

»Mary ist hier?« fragte George gleichmütig, als hätte er uns nicht beide längst gesehen.

»Eure andere Schwester Anne«, verbesserte ihn die Königin. Mit einer winzigen Bewegung ihrer mit Ringen überladenen Hand gebot sie uns beiden vorzutreten. George verneigte sich in unsere Richtung, ohne von seinem bevorzugten Platz gleich beim Thron zu weichen.

»Findet Ihr sie sehr verändert?« erkundigte sich die Königin.

George lächelte. »Ich hoffe, sie wird sich noch mehr verändern, jetzt, da sie Euch als Beispiel vor Augen hat.«

Die Königin ließ ein kleines Lachen hören. »Sehr hübsch«, meinte sie anerkennend und hieß ihn sich zu uns gesellen.

»Seid gegrüßt, mein kleines Fräulein Wunderhübsch«, sagte er zu Anne. »Seid gegrüßt, gnädige Frau Wunderhübsch«, warf er mir zu.

Anne blickte ihn unter ihren dunklen Wimpern hervor an. »Ich wünschte, ich könnte dich umarmen«, sagte sie.

»Wir verlassen den Raum, sobald es geht«, bestimmte George. »Gut siehst du aus, Annamaria.«

»Es geht mir auch gut«, erwiderte sie. »Und dir?«

»So gut wie nie.«

»Wie ist denn der Mann unserer kleinen Mary?« erkundigte sie sich neugierig und beobachtete William, der gerade eintrat und sich über die Hand der Königin beugte.

»Urenkel des dritten Grafen von Somerset und sehr hoch in der Gunst des Königs.« George verriet nur die Dinge, die für ihn von Interesse waren: die Familie und die hervorragende Stellung bei Hof. »Sie hat es gut getroffen. Wußtest du, daß man dich nach Hause geholt hat, um dich zu verheiraten, Anne?«

»Vater hat nicht gesagt, mit wem.«

»Ich glaube, Ormonde soll dich bekommen«, antwortete George.

»Herzogin«, meinte Anne mit einem triumphierenden Lächeln in meine Richtung.

|17|»Aber nur in Irland«, konterte ich unverzüglich.

Mein Mann trat einen Schritt vom Stuhl der Königin zurück, erblickte uns und zog dann unmutig eine Augenbraue in die Höhe, weil Anne ihn so durchdringend und provozierend anstarrte. Der König nahm seinen Platz neben der Königin ein und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.

»Die Schwester meiner lieben Mary Carey hat sich zu uns gesellt«, sagte die Königin. »Das ist Anne Boleyn.«

»Georges Schwester?« fragte der König.

Mein Bruder verneigte sich. »Jawohl, Majestät.«

Der König lächelte Anne zu. Sie versank kerzengerade in einen Hofknicks, hoch erhobenen Hauptes und mit einem kecken kleinen Lächeln auf den Lippen. Der König war davon sichtlich nicht sonderlich eingenommen. Er bevorzugte entgegenkommende Frauen, freundlich lächelnde Frauen. Frauen, die ihn mit finsterem Blick herausforderten, mochte er dagegen nicht.

»Seid Ihr glücklich, wieder mit Eurer Schwester vereint zu sein?« fragte er mich.

Ich machte einen tiefen Hofknicks und errötete ein wenig. »Natürlich, Eure Majestät«, antwortete ich liebreizend. »Welches Mädchen würde sich nicht nach der Gesellschaft einer solchen Schwester sehnen?«

Er runzelte über diese Worte ein wenig die Stirn. Der offene, derbe Humor der Männer war ihm lieber als der stachelige Witz der Frauen. Er blickte von mir zu Annes leicht fragendem Gesichtsausdruck, verstand dann meinen Scherz und lachte lauthals, schnippte mit den Fingern und streckte mir die Hand entgegen.

»Keine Sorge, mein Herz«, sagte er. »Niemand vermag eine junge Ehefrau in den ersten Jahren ehelichen Glücks in den Schatten zu stellen. Und Carey und ich, wir beide haben eine Vorliebe für blonde Frauen.«

Darüber lachten alle, ganz besonders Anne, die dunkles Haar hatte, und die Königin, deren rötliches Haar inzwischen zu einem Gemisch aus braun und grau verblichen war. Sie wären Närrinnen gewesen, wenn sie sich nicht herzlich über |18|den Scherz des Königs mitgefreut hätten. Und ich fiel ebenfalls ein, wenn auch mit mehr Freude im Herzen als sie, denke ich.

Die Musikanten spielten einen Tusch, und Henry zog mich zu sich. »Ihr seid ein sehr hübsches Mädchen«, lobte er mich. »Carey sagt mir, er fände an seiner jungen Braut solchen Gefallen, daß er in Zukunft nur noch mit zwölfjährigen Jungfrauen das Bett teilen will.«

Es fiel mir schwer, mit hoch erhobenem Kopf weiterzulächeln. Wir drehten uns im Tanz, und der König blickte freundlich zu mir herunter.

»Er hat Glück«, sagte er gnädig.

»Er hat Glück, weil er in Eurer Gunst steht«, stolperte ich ungelenk in ein Kompliment.

»Mehr Glück, weil er in Eurer Gunst steht, denke ich!« erwiderte er und lachte plötzlich lauthals los. Dann zog er mich an sich, und ich wirbelte durch die Reihe der Tanzenden und bemerkte den anerkennenden Blick meines Bruders und, was noch schöner war, Annes neiderfüllte Augen, als der König von England an ihr vorbeitanzte und mich in den Armen hielt.

 

Anne fügte sich rasch in das Alltagsleben des englischen Hofes ein und wartete auf ihre Vermählung. Noch hatte sie ihren zukünftigen Gatten nicht kennengelernt, und die Verhandlungen über die Mitgift schienen sich endlos hinzuziehen. Nicht einmal der Einfluß von Kardinal Wolsey, der wie in jeder anderen Angelegenheit im großen, weiten England seine Finger auch hier im Spiel hatte, konnte die Sache beschleunigen. Inzwischen flirtete Anne mit der Eleganz einer Französin, bediente die Schwester des Königs mit nonchalanter Anmut und vertrödelte jeden Tag viele Stunden mit Klatschgeschichten, Reiten und Glücksspielen mit George und mir. Wir hatten den gleichen Geschmack und waren uns im Alter recht nah: Ich war mit meinen vierzehn Jahren das Nesthäkchen, jünger als Anne mit ihren fünfzehn und George mit seinen neunzehn Jahren. Wir waren die engsten Verwandten und einander doch beinahe fremd. Ich war mit Anne am französischen Hof gewesen, |19|während George in England den Beruf des Höflings erlernt hatte. Jetzt waren wir wieder vereint und bei Hof schon bald als die drei Boleyns bekannt, die drei wunderbaren Boleyns. Der König rief oft, sobald er seine Privatgemächer erreichte, nach seinen drei Boleyns. Und dann kam jemand zum anderen Ende des Schlosses gerannt und holte uns.

Unsere wichtigste Aufgabe im Leben war, die vielen Feste des Königs durch unsere Gegenwart zu bereichern: Lanzenstechen, Tennis, Reiten, Jagen, Falknerei, Tanz. Henry liebte es, in einem ständigen Taumel der Erregung zu leben, und wir hatten dafür zu sorgen, daß er sich niemals langweilte. Aber manchmal, selten genug, in der ruhigen Zeit vor dem Abendessen oder wenn es regnete und er nicht jagen konnte, kam er in die Gemächer der Königin. Dann legte sie ihre Näharbeit oder ihre Lektüre aus der Hand und entließ uns mit einem einzigen Wort.

Wenn ich mir beim Gehen ein wenig Zeit nahm, konnte ich manchmal noch einen Blick darauf erhaschen, wie sie ihn anlächelte wie sonst niemanden, nicht einmal ihre Tochter, Prinzessin Mary. Einmal, als ich ins Zimmer getreten war, ohne zu wissen, daß der König bei ihr weilte, sah ich ihn wie einen Liebenden zu ihren Füßen sitzen. Sein Kopf ruhte in ihrem Schoß, und sie strich ihm die rotgoldenen Locken zart aus der Stirn und wand sie sich um die Finger, wo sie so strahlend leuchteten wie die Ringe, die er ihr geschenkt hatte, als sie noch eine junge Prinzessin war, deren Haar so hell glänzte wie das seine, und als er dem Rat aller getrotzt und sie geheiratet hatte.

Ich schlich mich auf Zehenspitzen wieder fort, ehe sie mich gesehen hatten. Sie waren so selten zusammen allein, und ich wollte den Zauber nicht zerstören. Ich machte mich auf die Suche nach Anne. Sie spazierte gerade mit George durch den kalten Garten.

»Der König ist bei der Königin«, sagte ich, als ich mich zu ihnen gesellte. »Allein.«

Anne zog fragend eine Augenbraue hoch. »Im Bett?« erkundigte sie sich neugierig.

|20|Ich errötete. »Natürlich nicht. Es ist zwei Uhr nachmittags.«

Anne lächelte. »Mußt du aber eine glücklich verheiratete Frau sein, wenn du glaubst, daß man nicht vor Einbruch der Dunkelheit ins Bett gehen kann.«

George streckte mir seinen freien Arm entgegen. »Sie ist eine glücklich verheiratete Frau«, antwortete er für mich. »William hat dem König erzählt, er habe nie ein lieberes, süßeres Mädchen gekannt. Aber was haben die beiden gemacht, Mary?«

»Sie saßen einfach nur zusammen«, erwiderte ich. Ich hatte das Gefühl, daß ich Anne die Szene lieber nicht beschreiben sollte.

»So bekommt sie niemals einen Sohn«, meinte Anne derb.

»Still«, sagten George und ich gleichzeitig. Wir drei rückten näher zusammen und flüsterten.

»Sie muß allmählich die Hoffnung verlieren«, vermutete George. »Wie alt ist sie jetzt? Achtunddreißig? Neununddreißig?«

»Erst siebenunddreißig«, erwiderte ich entrüstet.

»Hat sie noch Monatsblutungen?«

»O George!«

»Ja, die hat sie«, antwortete Anne sachlich. »Aber das nutzt ihr wenig. Es liegt an ihr. Ihm kann man keinen Vorwurf machen, denn sein Bankert mit Bessie Blount lernt schließlich gerade auf einem Pony das Reiten.«

»Es ist immer noch viel Zeit«, verteidigte ich sie.

»Zeit, daß sie stirbt und er sich wieder verheiratet?« überlegte Anne laut. »Ja. Ihre Gesundheit ist nicht besonders robust, oder?«

»Anne!« Diesmal war meine Abscheu echt. »Das ist widerwärtig!«

George blickte sich noch einmal um, ob sich auch niemand im Garten in unserer Nähe aufhielt. Ein paar Seymour-Mädchen spazierten mit ihrer Mutter umher, doch wir schenkten ihnen keine Beachtung. Die Seymours waren die größten Rivalen unserer Familie im Kampf um Macht und Ansehen bei |21|Hof. Wir taten gern so, als nähmen wir sie überhaupt nicht zur Kenntnis.

»Abscheulich, aber wahr«, sagte George knapp. »Wer soll denn der nächste König sein, wenn Henry keinen Sohn bekommt?«

»Prinzessin Mary könnte doch heiraten«, schlug ich vor.

»Einen ausländischen Prinzen, der dann England regiert? Das würde niemals gutgehen«, erwiderte George. »Und noch einen Krieg um die Thronfolge dürfen wir auf keinen Fall zulassen.«

»Prinzessin Mary könnte unverheiratet bleiben und selbst Königin werden«, antwortete ich wütend. »Sie könnte das Land regieren.«

Anne schnaufte ungläubig. »Ach ja«, meinte sie spöttisch. »Sie könnte im Herrensattel reiten und Turniere fechten. Ein Mädchen kann ein Land wie das unsere nicht regieren. Die großen Lords würden sie bei lebendigem Leibe auffressen.«

Wir drei blieben vor dem Brunnen mitten im Garten stehen. Anne ließ sich mit gekünstelter Anmut am Beckenrand nieder und schaute ins Wasser. Ein paar Goldfische näherten sich ihr hoffnungsfroh, und sie zog den bestickten Handschuh aus und plätscherte mit den langen, schlanken Fingern im Wasser. Mit weit aufgerissenen kleinen Mäulern schwammen die Fische herbei, um an der Luft zu knabbern. George und ich beobachteten Anne, wie sie ihr eigenes bebendes Ebenbild betrachtete.

»Denkt der König über diese Dinge nach?« fragte sie ihre Spiegelung.

»Ständig«, erwiderte George. »Ihm ist nichts auf der Welt wichtiger. Ich glaube, er würde sogar Bessie Blounts Jungen anerkennen und zum Erben machen, wenn die Königin keine weiteren Nachkommen zur Welt bringt.«

»Ein Bankert auf dem Thron?«

»Man hat den Jungen nicht ohne Grund auf den Namen Henry Fitzroy getauft«, antwortete George. »Der König hat ihn als Sohn anerkannt. Wenn Henry lange genug lebt, um dem Land Sicherheit zu verschaffen, wenn ihn die Seymours unterstützen und wir Howards uns hinter ihn stellen, wenn |22|Wolsey es schafft, die Kirche und vielleicht noch ausländische Mächte auf seine Seite zu ziehen … Was sollte ihn dann noch daran hindern?«

»Nur ein einziger kleiner Junge, und der ist ein Bankert«, sagte Anne. »Dazu ein kleines Mädchen von sechs Jahren, eine alternde Königin und ein König in der Blüte seiner Jahre.« Sie blickte zu uns beiden auf, riß die Augen nur mit Mühe von ihrem bleichen Ebenbild im Wasser los. »Was wird wohl geschehen?« fragte sie. »Es muß etwas geschehen. Aber was?«

 

Kardinal Wolsey schickte der Königin eine Botschaft und lud uns alle zu einem Maskenspiel ein, das er am Fastnachtsdienstag in seinem Haus veranstalten wollte. Die Königin bat mich, den Brief vorzulesen. Meine Stimme bebte vor Erregung bei den Worten über ein großes Maskenspiel, eine Festung namens Château Vert und fünf Hofdamen, die mit den fünf Rittern tanzen sollten, die diese Festung belagern würden. »Oh! Eure Majestät …« begann ich und verstummte dann.

»Oh! Eure Majestät was?«

»Ich habe mich eben nur gefragt, ob ich wohl die Erlaubnis bekomme, dort hinzugehen«, antwortete ich sehr bescheiden. »Um die Festlichkeiten zu sehen.«

»Ich glaube, Ihr habt Euch ein bißchen mehr als nur das gefragt?« erwiderte sie mit einem Funkeln in den Augen.

»Ich habe mich gefragt, ob ich eine der Tänzerinnen sein dürfte«, gestand ich. »Es klingt wirklich wunderbar.«

»Ja, das dürft Ihr«, sagte sie. »Wie viele Tänzerinnen fordert der Kardinal von mir an?«

»Fünf«, antwortete ich leise. Aus dem Augenwinkel sah ich Anne, die sich auf ihrem Stuhl zurücksetzte und kurz die Augen schloß. Ich wußte genau, was sie machte. Ich konnte ihre innere Stimme so laut hören, als hätte sie geschrieen: »Nimm mich! Nimm mich! Nimm mich!«

Ihr Wunsch ging in Erfüllung. »Mistress Anne Boleyn«, sagte die Königin nachdenklich. »Königin Mary von Frankreich, die Herzogin von Devon, Jane Parker und Ihr, Mary.«

Anne und ich warfen einander einen flüchtigen Blick zu. |23|Wir würden ein bunt zusammengewürfeltes Quintett sein: die Tante des Königs, seine Schwester Königin Mary und die Erbin Jane Parker, die unsere Schwägerin werden würde, falls die Väter sich je auf die Mitgift einigten, und dazu wir beide.

»Werden wir Grün tragen?« fragte Anne.

Die Königin lächelte ihr zu. »Oh, das würde ich wohl meinen«, antwortete sie. »Mary, warum schreibt Ihr nicht dem Kardinal einen Brief und teilt ihm mit, daß wir seine Einladung mit Freuden annehmen. Bittet ihn, uns seinen Festmeister zu schicken, damit wir unsere Kostüme auswählen und unsere Tänze einstudieren können.«

»Das mache besser ich.« Anne erhob sich und ging zu dem Tisch, auf dem Feder, Papier und Tinte bereitlagen. »Mary hat eine solche Krakelschrift, daß der Kardinal wahrscheinlich glaubt, wir hätten ihm eine Absage geschickt.«

Die Königin lachte. »Ah, ganz die französische Gelehrte«, sagte sie sanft. »Dann schreibt eben Ihr an den Kardinal, Mistress Boleyn, in Eurem wunderschönen Französisch. Oder möchtet Ihr ihm lieber auf Latein schreiben?«

Annes Blick wankte nicht. »Was immer Eure Majestät vorziehen«, sagte sie standhaft. »Ich spreche beide Sprachen leidlich fließend.«

»Teilt ihm mit, daß wir alle darauf brennen, unsere Rolle im Château Vert zu spielen«, antwortete die Königin geschickt. »Wie schade, daß Ihr nicht auch Spanisch könnt.«

 

Mit der Ankunft des Festmeisters, der uns die Tanzschritte beibringen sollte, entbrannte eine erbitterte Schlacht um die Rollen im Maskenspiel, die mit Lächeln und den süßesten Worten ausgetragen wurde. Schließlich griff die Königin ein und wies uns unsere Rollen zu, ohne Widerspruch zu dulden. Sie gab mir den Part der Güte, die Schwester des Königs erhielt die wunderbare Rolle der Schönheit, Jane Parker sollte die Treue verkörpern. »Na ja, sie hängt ja wirklich wie eine Klette an einem«, flüsterte mir Anne zu. Anne selbst spielte die Ausdauer. »Da siehst du, was sie von dir hält«, flüsterte ich zurück. Anne machte gute Miene und kicherte.

|24|Wir sollten von indischen Frauen angegriffen werden – in Wirklichkeit waren das Chorsänger der Königlichen Kapelle –, ehe uns der König und einige ausgewählte Freunde retteten. Man warnte uns, der König werde sich ebenfalls kostümieren, und sagte uns, wir sollten sorgsam darauf achten, seine durchsichtige Verkleidung nicht zu schnell zu durchschauen: Er würde eine goldene Maske tragen, größer als die Masken aller anderen im Raum.

 

Es wurde schließlich ein ungeheures, wildes Vergnügen, ein viel größerer Spaß, als ich je erwartet hätte, eher ein gespielter Kampf als ein Tanz. George überschütte mich mit Rosenwasser. Die Chorsänger waren kleine Lausbuben, die sich so sehr in die Sache hineinsteigerten, daß sie die Ritter wütend angriffen und dann vom Boden hochgehoben, herumgewirbelt und schwindelig und kichernd wieder auf die Beine gestellt wurden. Als wir Damen aus der Burg hervortraten und mit den geheimnisvollen Rittern tanzten, schritt der größte Ritter, der König selbst, auf mich zu und führte mich zum Tanz. Ich war noch außer Atem von meinem Kampf mit George, hatte Rosenblätter im Kopfputz und im Haar. Ich lachte, reichte ihm die Hand und tanzte mit ihm, als wäre er ein ganz gewöhnlicher Mann und ich kaum mehr als eine Küchenmagd auf einem ländlichen Tanzvergnügen.

Als das Signal zur Demaskierung hätte kommen sollen, rief der König: »Spielt weiter! Laßt uns noch ein wenig tanzen!« Anstatt sich umzudrehen und eine neue Partnerin zu wählen, führte er wieder mich zum Tanz, einem Bauerntanz, bei dem wir uns an der Hand hielten und ich seine Augen durch die Schlitze in der goldenen Maske funkeln sehen konnte. Selbstvergessen lächelte ich zu ihm auf und spürte, wie die Sonne seiner Wertschätzung meine Haut wärmte.

»Ich beneide Euren Ehemann, wenn Ihr heute abend Euer Gewand abstreift und ihn mit Süßigkeiten überschüttet«, sagte er mit leiser, verführerischer Stimme, als der Tanz uns gerade wieder einmal nebeneinander brachte.

Mir fiel keine witzige Antwort ein. Dies waren nicht die |25|förmlichen Komplimente der höfischen Liebe. Das Bild von meinem Ehemann, der mit Süßigkeiten überschüttet wurde, war zu intim, zu erotisch.

»Ihr solltet doch sicher niemanden beneiden«, erwiderte ich. »Euch gehört schließlich alles.«

»Wieso sollte das so sein?« fragte er.

»Weil Ihr der König seid«, begann ich und vergaß, daß er angeblich eine undurchschaubare Verkleidung trug. »König des Château Vert«, berichtigte ich mich. »König für einen Tag. König Henry sollte Euch beneiden, denn Ihr habt heute Nachmittag eine große Belagerung gewonnen.«

»Und was haltet Ihr von König Henry?«

Ich schaute mit Unschuldsmiene zu ihm auf. »Er ist der größte König, den dieses Land je hatte. Es ist eine Ehre, sich an seinem Hof aufzuhalten, und ein Privileg, in seiner Nähe zu sein.«

»Könntet Ihr ihn als Mann lieben?«

Ich senkte den Blick und errötete. »Daran würde ich nicht zu denken wagen. Er hat noch nicht einmal in meine Richtung geblickt.«

»Oh, geblickt hat er schon«, erwiderte der König mit fester Stimme. »Des könnt Ihr sicher sein. Und wenn er mehr als einmal blickte, Fräulein Güte, würdet Ihr dann Eurem Namen alle Ehre machen und gütig zu ihm sein?«

»Eure …« Ich biß mir auf die Lippen und unterdrückte gerade noch ein »Majestät«. Ich hielt Ausschau nach Anne. Mehr als alles andere wünschte ich mir, daß sie jetzt an meiner Seite wäre und mir mit ihrem wachen Verstand zu Hilfe käme.

»Ihr nennt Euch doch Güte«, erinnerte er mich.

Ich lächelte ihn an, blinzelte durch meine goldene Maske zu ihm auf. »Das stimmt«, erwiderte ich. »Und ich denke, ich wollte ihn wohl gütig behandeln.«

Die Musikanten beendeten den Tanz und warteten gespannt auf die weiteren Befehle des Königs. »Die Masken ab!« rief er und riß sich die Maske vom Gesicht. Vor mir stand der König von England, und ich keuchte vor Entzücken und Verwunderung und geriet ins Taumeln.

|26|»Sie fällt in Ohnmacht!« rief George. Es war eine schauspielerische Glanzleistung. Ich sank dem König in die Arme, während Anne schnell wie eine Schlange meine Maske losband und – großartig – meinen Kopfschmuck löste, so daß mein goldenes Haar sich wie ein Wasserfall über den Arm des Königs ergoß.

Ich schlug die Augen auf, sein Gesicht war mir sehr nah. Ich konnte das Duftwasser auf seinem Haar riechen, und sein Atem streifte meine Wange. Ich blickte auf seine Lippen. Er war mir nah genug, um mich zu küssen.

»Ihr müßt gütig zu mir sein«, erinnerte er mich.

»Ihr seid der König …«, erwiderte ich in ungläubigem Staunen.

»Und Ihr habt mir versprochen, gütig zu mir zu sein.«

»Ich wußte nicht, daß Ihr es wart, Majestät.«

Er hob mich sanft auf und trug mich zum Fenster. Er öffnete es mit eigener Hand, und kühle Luft strömte herein. Ich schüttelte den Kopf und ließ mein Haar in der Brise wehen.

»Ist Euch vor Schreck schwindelig geworden?« fragte er nun mit sehr leiser Stimme.

Ich senkte die Augen auf die Hände. »Vor Entzücken«, flüsterte ich, unschuldig und süß wie eine Jungfer bei der Beichte.

Er neigte den Kopf herab und küßte mir die Hände, erhob sich dann wieder. »Jetzt wollen wir dinieren!«

Ich blickte zu Anne. Sie band ihre Maske los und beobachtete mich mit einem langen, abschätzenden Blick, dem Boleyn-Blick, dem Howard-Blick: Was ist hier geschehen, und wie kann ich daraus meinen Vorteil ziehen? Es schien mir, als wäre unter ihrer goldenen Maske noch eine weitere wunderschöne Maske und erst darunter die wirkliche Frau. Als ich sie anschaute, warf sie mir ein winziges Verschwörerlächeln zu.

Der König reichte der Königin den Arm. Sie erhob sich und war so unbekümmert, als hätte sie es genossen, mit anzusehen, wie ihr Mann mit mir schäkerte. Aber als er sich abwandte, um sie fortzugeleiten, hielt sie ein wenig inne und |27|blickte mich mit ihren blauen Augen lange und durchdringend an, als verabschiedete sie sich von einer lieben Freundin.

»Ich hoffe, Ihr erholt Euch bald von Eurem Unwohlsein, Mistress Carey«, sagte sie sanft. »Vielleicht solltet Ihr Euch in Euer Gemach zurückziehen.«

»Ich glaube, ihr war nur schwindelig, weil sie nicht genug gegessen hat«, warf George rasch dazwischen. »Darf ich sie zu Tisch führen?«

Anne trat vor. »Der König hat sie erschreckt, als er die Maske abgenommen hat. Niemand hätte auch nur einen Augenblick lang vermutet, daß Ihr es wart, Eure Majestät.«

Entzückt lachte der König, und der ganze Hofstaat lachte mit. Nur die Königin hatte bemerkt, daß wir drei Boleyns ihren Befehl so geschickt gewendet hatten, daß ich nun entgegen ihrem ausdrücklichen Wunsch doch am Essen teilnahm. Sie schätzte unsere Stärke ab: Ich war nicht Bessie Blount, die war beinahe ein Niemand. Ich war eine Boleyn, und die Boleyns hielten immer zusammen.

»Kommt mit uns speisen, Mary«, sagte sie. Die Worte waren eine Einladung, aber es lag keinerlei Wärme darin.

 

Wir sollten uns hinsetzen, wo es uns gefiel. Die Ritter des Château Vert und die Damen sollten eine bunt gemischte Tischrunde bilden. Kardinal Wolsey, der Gastgeber, saß beim König und der Königin am Tisch. George zog mich neben sich, und Anne rief meinen Ehemann an ihre Seite und lenkte ihn ab, während der König, der mir gegenübersaß, mich anstarrte und ich sorgsam bedacht war, in eine andere Richtung zu schauen. Anne zur Rechten saß Henry Percy von Northumberland. Auf Georges anderer Seite hatte Jane Parker Platz genommen, die mich eingehend musterte, als wolle sie ergründen, wie man es anstellte, eine so begehrte junge Frau zu werden.

Ich aß nur wenig, obwohl Pasteten, Gebäck und Wild gereicht wurden. Ich nahm nur ein wenig Salat, das Lieblingsgericht der Königin, und trank Wein und Wasser. Während des Essens gesellte sich mein Vater zu uns an den Tisch und setzte |28|sich neben meine Mutter, die ihm rasch etwas ins Ohr flüsterte. Ich sah, wie sein Blick kurz zu mir wanderte, der Blick eines Pferdehändlers, der den Wert eines Fohlens abschätzt. Immer wenn ich aufschaute, bemerkte ich, daß die Augen des Königs auf mich gerichtet waren, und sogar wenn ich den Blick abwandte, war mir noch bewußt, daß er mich anstarrte.

Nach dem Essen schlug der Kardinal vor, wir sollten uns in den Saal begeben und der Musik lauschen. Anne ging an meiner Seite und dirigierte mich so, daß wir beide auf einer Bank an der Wand saßen, als der König eintraf. Nun konnte er ganz ungezwungen und selbstverständlich bei mir stehenbleiben und sich nach meinem Befinden erkundigen. Und es war nur natürlich, daß Anne und ich uns erhoben, als er an uns vorüberschritt, daß er sich auf die nun frei gewordene Bank setzte und mich einlud, neben ihm Platz zu nehmen. Anne schlenderte davon und schwatzte mit Henry Percy, schirmte den König und mich vor den Blicken des Hofstaats ab, besonders vor dem lächelnden Blick Königin Katherines. Mein Vater trat zu ihr hin und sprach mit ihr, während die Musikanten spielten. Alles geschah mit vollkommener Leichtigkeit und Ruhe. Der König und ich saßen so in einem Raum voller Menschen beinahe im Verborgenen. Die Musik war laut genug, um unser Flüstern zu übertönen, und alle Mitglieder der Familie Boleyn waren so geschickt plaziert, daß sie alles abschirmen konnten, was geschah.

»Geht es Euch jetzt besser?« erkundigte sich der König mit einem liebevollen Unterton in der Stimme.

»So gut wie noch nie, Sire.«

»Ich reite morgen aus«, sagte er. »Würdet Ihr mir die Freude machen und mitkommen?«

»Wenn Ihre Majestät, die Königin, auf meine Dienste verzichten kann«, erwiderte ich, entschlossen, nicht das Mißfallen meiner Herrin zu erregen.

»Ich werde die Königin bitten, Euch für den Morgen aus Euren Pflichten zu entlassen. Ich werde ihr sagen, daß Ihr frische Luft braucht.«

Ich lächelte. »Was für ein guter Arzt Ihr wärt, Majestät. Ihr |29|stellt die Diagnose und bietet die Medizin – und alles an einem Tag.«

»Ihr müßt eine artige Patientin sein, was immer ich Euch anrate«, warnte er mich.

»Das will ich versprechen.« Ich senkte die Augen auf die Hände, spürte, wie sein Blick auf mir ruhte. Meine Seele schwang sich hoch in die Lüfte, höher, als ich je zu träumen gewagt hätte.

»Vielleicht verschreibe ich Euch ganze Tage Bettruhe«, murmelte er sehr leise.

Ich erhaschte einen kurzen Blick auf seine unverwandt starrenden Augen, spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoß, stammelte ein paar Worte und verstummte. Unvermittelt hörte die Musik auf. »Spielt weiter!« befahl meine Mutter. Königin Katherine hielt Ausschau nach dem König und sah ihn bei mir sitzen. »Wollen wir tanzen?« fragte sie.

Es war ein königlicher Befehl. Anne und Henry Percy nahmen ihre Plätze ein, die Musikanten begannen zu spielen. Ich erhob mich, und Henry verließ mich, um sich neben seine Frau zu setzen und uns zuzusehen. George war mein Partner.

»Kopf hoch«, herrschte er mich an, als er meine Hand nahm. »Du siehst aus wie ein begossener Pudel.«

»Sie beobachtet mich«, flüsterte ich zurück.

»Natürlich. Aber viel wichtiger: Er beobachtet dich. Und am wichtigsten: Vater und Onkel Howard beobachten dich auch, und sie erwarten von dir, daß du dich benimmst wie eine junge Frau, deren Stern aufgeht. Hoch hinauf, Mistress Carey, und wir alle steigen mit auf.«

Ich hob den Kopf und lächelte meinen Bruder an, als hätte ich keine Sorgen auf der Welt. Ich tanzte so anmutig, wie ich nur konnte, ich knickste und drehte mich und wirbelte unter Georges geschickter Führung herum. Sooft ich zum König und zur Königin aufblickte, ruhten beider Blicke auf mir.

 

Im großen Londoner Haus meines Onkels Howard tagte der Familienrat. Wir versammelten uns in seiner Bibliothek, die mit ihren dunklen Bänden vom Lärm der Straße abgeschieden |30|war. Zwei unserer Männer in der Livree der Howards standen vor der Tür Wache, um Unterbrechungen zu unterbinden und sicherzustellen, daß niemand stehenblieb und lauschte. Wir wollten Familienangelegenheiten, Familiengeheimnisse besprechen. Außer den Howards durfte sich niemand in der Nähe aufhalten.

Anlaß und Thema dieser Versammlung war ich. Um mich würden sich die Ereignisse drehen. Ich war der Boleyn-Bauer, der in diesem Schachspiel so vorteilhaft wie möglich eingesetzt werden mußte. Alles konzentrierte sich auf mich. Ich spürte, wie mir der Puls in den Handgelenken pochte – ich fühlte mich wichtig und hatte gleichzeitig Angst, zu versagen und alle zu enttäuschen.

»Ist sie fruchtbar?« fragte Onkel Howard meine Mutter.

»Ihre Monatsblutungen sind regelmäßig, und sie ist gesund.«

Mein Onkel nickte. »Wenn sie mit dem König schläft und seinen Bankert empfängt, steht für uns viel auf dem Spiel.« Mit ängstlicher Konzentration betrachtete ich den Pelz am Saum seines Ärmels, der über das Holz des Tisches strich, den üppigen Stoff seiner Jacke, der satt im Flammenschein des Feuers leuchtete. »Sie darf jetzt nicht mehr in Careys Bett liegen. Diese Ehe muß ruhen, solange ihr der König seine Gunst schenkt.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, wer meinem Ehemann diese Mitteilung machen würde. Außerdem hatten wir vor Gott geschworen, daß wir stets zusammenbleiben würden, daß die Zeugung von Nachkommen der Zweck unserer Ehe war, daß Gott uns vereint hatte und kein Mensch uns trennen sollte.

»Ich kann nicht …«, hob ich an.

Anne zerrte unsanft an meinem Kleid. »Psst«, zischte sie. Die Staubperlen an ihrer französischen Haube zwinkerten mir zu wie Mitverschwörer.

»Ich rede mit Carey«, sagte mein Vater.

George nahm mich bei der Hand. »Wenn du ein Kind bekommst, muß der König sicher sein, daß es seines ist.«

|31|»Ich kann nicht seine Mätresse werden«, flüsterte ich.

»Du hast keine Wahl.«

»Ich kann das nicht«, sagte ich laut. Ich drückte ganz fest die tröstende Hand meines Bruders und schaute über den langen dunklen Holztisch hinweg zu meinem Onkel, der einem Falken glich, dessen scharfen schwarzen Augen nichts entging. »Sir, ich bin zutiefst betrübt, aber ich liebe die Königin. Sie ist eine große Dame, und ich bringe es nicht übers Herz, sie zu hintergehen. Ich habe vor Gott versprochen, treu zu meinem Ehemann zu stehen, und sicherlich sollte ich auch ihn nicht betrügen? Ich weiß, der König ist der König, aber das könnt Ihr doch nicht von mir verlangen? Gewiß nicht? Sir, ich kann das nicht tun.«

Er antwortete mir nicht. Seine Macht war so ungeheuer, daß er eine Antwort nicht einmal in Erwägung zog. »Was soll man nur mit einem so überempfindlichen Gewissen machen?« fragte er in die Luft über dem Tisch hinein.

»Überlaßt das nur mir«, sagte Anne schlicht. »Ich kann Mary die Lage erklären.«

»Ihr seid doch wohl ein wenig zu jung dazu.«

Sie hielt seinem Blick mit ruhigem Selbstvertrauen stand. »Ich bin am elegantesten Hof der Welt aufgewachsen«, sagte sie. »Und ich bin dort nicht untätig gewesen. Ich habe alles genau beobachtet. Ich habe alles gelernt, was es zu lernen gab. Ich weiß, was hier not tut, und ich kann Mary beibringen, wie sie sich zu verhalten hat.«

Er zögerte einen Augenblick. »Ich hoffe, Ihr habt die frivole Tändelei nicht aus allzu großer Nähe studiert, Miss Anne.«

Sie behielt die heitere Gelassenheit einer Nonne. »Natürlich nicht.«

Ich spürte, wie sich meine Schultern hoben, als wollte ich Anne mit einem Achselzucken abtun. »Ich sehe nicht ein, daß ich machen soll, was Anne mir sagt.«

Ich war unsichtbar geworden, obwohl es bei der ganzen Versammlung angeblich nur um mich ging. Anne hatte die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen. »Nun, ich vertraue |32|Euch die Aufgabe an, Eure Schwester zu unterweisen. George, Euch auch. Ihr wißt, wie der König mit Frauen umgeht. Haltet Mary immer in seinem Blickfeld.«

Sie nickten. Einen Augenblick lang herrschte Stille.

»Ich werde mit Careys Vater sprechen«, erbot sich mein Vater. »William wird es nicht anders erwarten. Er ist kein Narr.«

Mein Onkel warf einen Blick über den Tisch hinweg zu Anne und George, die neben mir standen, eher Gefängniswärter als Geschwister. »Ihr helft Eurer Schwester«, befahl er ihnen. »Was immer sie braucht, um den König einzufangen, ihr gebt es ihr. Welche Künste ihr fehlen, welche Güter sie braucht, welche Talente ihr noch mangeln, ihr verschafft sie ihr. Wir verlassen uns darauf, daß ihr beide sie in sein Bett bekommt. Vergeßt das nicht. Der Lohn ist groß. Aber wenn ihr versagt, stehen wir alle mit nichts da. Vergeßt das nie.«

 

Der Abschied von meinem Ehemann fiel mir seltsam schwer. Ich kam in unser gemeinsames Schlafzimmer, als meine Zofe gerade meine Sachen packte, um sie in die Gemächer der Königin zu bringen. Inmitten der Unordnung befand sich mein Mann, auf sein junges Gesicht stand der Schreck geschrieben.

»Ich sehe, Madam, Euer Stern geht auf.«

Er war ein gutaussehender junger Mann, dem jede Frau gern ihre Gunst geschenkt hätte. Hätten uns nicht unsere Familien in diese Heirat hineingedrängt und jetzt aus dieser Heirat befohlen, überlegte ich, dann hätten wir einander liebgewinnen können. »Es tut mir leid«, sagte ich verlegen. »Ihr wißt, daß ich tun muß, was mir mein Onkel und mein Vater befehlen.«

»Das ist mir bekannt«, antwortete er barsch. »Ich muß auch tun, was angeordnet wird.«

Zu meiner Erleichterung erschien Anne mit ihrem kecken, strahlenden Lächeln in der Tür. »Nun, William Carey! Wie schön, Euch zu sehen!« Es bereitete ihr offenbar größte Freude, ihrem Schwager mitten zwischen den Trümmern seiner Hoffnung auf eine Ehe und einen Sohn gegenüberzustehen.

»Anne Boleyn.« Er verneigte sich kurz. »Seid Ihr gekommen, um Eurer Schwester bei ihrem Aufstieg zu helfen?«

|33|»Natürlich.« Sie strahlte ihn an. »Wie wir das alle machen sollten. Keiner von uns wird zu leiden haben, wenn Mary die Gunst des Königs genießt.«

Sie hielt unerschrocken seinem Blick stand, bis er sich schließlich abwandte, um aus dem Fenster zu schauen. »Ich muß fort«, sagte er. »Der König hat mich gebeten, mit ihm auf die Jagd zu gehen.« Er zögerte einen Augenblick, dann kam er durch das Zimmer zu mir, die ich inmitten meiner verstreuten Habe stand. Sanft nahm er meine Hand und küßte sie. »Es tut mir leid um Euretwegen. Es tut mir leid um meinetwegen. Wenn man Euch zu mir zurückschickt, vielleicht in einem Monat, vielleicht in einem Jahr, werde ich versuchen, mich an den heutigen Tag zu erinnern, als Ihr aussaht wie ein kleines Mädchen und ein wenig verloren zwischen all diesen Kleidern standet. Ich werde versuchen, mich daran zu erinnern, daß Ihr an diesen Intrigen keinen Anteil hattet, daß Ihr zumindest heute mehr Mädchen als Boleyn wart.«

 

Wortlos nahm die Königin zur Kenntnis, daß ich nun eine alleinstehende Frau war und mir mit Anne einen kleinen Raum in der Nähe ihrer Gemächer teilen würde. Nach außen hin änderte sich ihre Einstellung mir gegenüber nicht im geringsten. Sie sprach weiterhin leise und höflich mit mir. Wenn sie wollte, daß ich ihr einen Gefallen tat – eine Notiz schrieb, sang, ihren Schoßhund aus dem Zimmer führte oder jemandem eine Botschaft überbrachte –, bat sie mich so höflich darum, wie sie das immer getan hatte. Aber nie wieder ließ sie sich von mir aus der Bibel vorlesen, nie wieder bat sie mich, zu ihren Füßen zu sitzen, während sie stickte, nie mehr segnete sie mich, ehe ich zu Bett ging. Ich war nicht mehr ihre liebste kleine Hofdame.

Ich war immer erleichtert, wenn ich abends mit Anne zu Bett gehen konnte. Dann zogen wir die Vorhänge rings um uns zu, so daß wir im Dunkeln miteinander flüstern konnten, ohne belauscht zu werden. Es war wie in unserer Kinderzeit in Frankreich. Manchmal kam George aus den Gemächern des Königs und gesellte sich zu uns, kletterte auf das hohe Bett, |34|stellte die Kerze gefährlich schwankend auf das Kopfende und hatte Karten oder Würfel dabei, um mit uns zu spielen, während in den Nebenräumen die anderen Mädchen schliefen und nicht ahnten, daß wir in unserer Kammer einen Mann verbargen.

Die beiden hielten mir keine Vorträge darüber, wie ich meine Rolle zu spielen hatte. Schlau warteten sie, bis ich ihnen von mir aus zu verstehen gab, daß ich mich überfordert fühlte.

Ich sagte nichts, als meine Kleider von einem Ende des Palastes zum anderen geräumt wurden. Ich sagte nichts, als der Hofstaat seine Sachen packte und im Frühjahr in den Lieblingspalast des Königs nach Eltham in Kent zog. Ich sagte nichts, als mein Ehemann im königlichen Troß neben mir ritt und freundlich mit mir über das Wetter und den Gesundheitszustand meines Pferdes plauderte, das mir Jane Parker widerwillig geliehen hatte, als ihren Beitrag zu den ehrgeizigen Zielen unserer Familie. Aber als ich im Garten von Eltham Palace endlich George und Anne für mich allein hatte, sagte ich zu George: »Ich glaube nicht, daß ich es fertigbringe.«

»Daß du was fertigbringst?« fragte er. Eigentlich sollten wir den Hund der Königin ausführen, der von dem Tagesritt auf dem Sattelknauf noch völlig durchgeschüttelt war und sehr elend aussah. »Komm schon, Flo!« ermunterte George das Tier. »Such! Such!«

»Ich kann nicht gleichzeitig mit meinem Ehemann und dem König zusammen sein«, erwiderte ich. »Ich kann nicht mit dem König schäkern, während mein Mann zusieht.«

»Warum nicht?« Anne rollte einen Ball über den Boden, den Flo jagen sollte. Der Hund schaute ihm teilnahmslos nach. »Ach, mach schon, du dummes Ding!« rief Anne ihm zu.

»Weil es mir ganz verkehrt scheint.«

»Du weißt es also besser als deine Mutter?« fragte Anne barsch.

»Natürlich nicht!«

»Besser als dein Vater? Als dein Onkel?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Sie planen eine großartige Zukunft für dich«, verkündete |35|Anne feierlich. »Jedes Mädchen in England würde sein Leben darum geben, deine Möglichkeiten zu haben. Du bist auf dem besten Weg, die Favoritin des Königs von England zu werden, und du jammerst herum. Du hast ungefähr soviel Verstand wie Flo hier.« Mit der Spitze ihres Reitstiefels versetzte sie Flos widerspenstigem Hinterteil einen kleinen Tritt und schob das Hündchen sanft vorwärts. Flo hockte sich hin, genauso störrisch und unglücklich wie ich.

»Sachte«, ermahnte George sie. Er nahm meine kalte Hand und schmiegte sie in seine Armbeuge. »Es ist alles halb so schlimm«, sagte er. »William ist heute neben dir geritten, um dir zu zeigen, daß er seine Zustimmung gibt, nicht um dir Schuldgefühle einzuflößen. Er weiß, daß man dem König seinen Willen lassen muß. Das wissen wir alle. William ist ganz zufrieden damit. Auch er wird Gunstbezeugungen genießen, die er dir zu verdanken hat. Du erfüllst auch ihm gegenüber deine Pflicht, indem du seine Familie voranbringst. Er ist dir dankbar. Du tust nichts Unrechtes.«

Ich zögerte. Ich blickte von Georges aufrichtigen braunen Augen zu Anne, die ihr Gesicht abgewandt hatte. »Da ist noch etwas«, bekannte ich widerwillig.

»Was?« fragte George. Anne folgte Flo mit den Augen, aber ich wußte, daß ihre ganze Aufmerksamkeit auf mich gerichtet war.

»Ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll«, gestand ich leise. »Wißt ihr, William hat es ungefähr einmal in der Woche mit mir gemacht, und immer im Dunkeln und ganz schnell, und ich habe nie besonderen Spaß daran gehabt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was da von mir erwartet wird.«

George lachte kurz auf, legte mir den Arm um die Schultern und drückte mich fest an sich. »Oh, es tut mir leid, daß ich lache. Aber du hast alles ganz falsch verstanden. Er will keine Frau, die weiß, was sie zu tun hat. Davon gibt es in jeder Badestube der Stadt Dutzende. Er will dich. Dich mag er. Und es wird ihm gefallen, wenn du ein wenig schüchtern und ein bißchen unsicher bist. Das ist gut so.«

»Hallo!« rief jemand hinter uns. »Die drei Boleyns!«

|36|Wir wandten uns um und sahen auf der oberen Terrasse den König, der noch seinen Reiseumhang trug und den Hut keck auf dem Kopf sitzen hatte.

»Los geht’s.« George machte eine tiefe Verneigung. Anne und ich sanken in den Hofknicks.

»Seid ihr nicht müde von der Reise?« fragte der König. Die Frage war allgemein gestellt, aber mich schaute er dabei an.

»Überhaupt nicht.«

»Ihr reitet da eine sehr hübsche kleine Stute, aber sie ist doch ein wenig kurz in der Hinterhand. Ich werde Euch ein anderes Pferd schenken.«

»Majestät sind zu freundlich«, erwiderte ich. »Ich habe mir das Pferd nur geliehen. Es würde mich freuen, ein eigenes zu haben.«

»Ihr sollt Euch in meinem Stall eines nach Eurem Geschmack aussuchen«, versprach er. »Kommt mit, wir wollen uns die Pferde gleich ansehen.«

Er reichte mir den Arm, und ich ließ die Finger sanft auf dem kostbaren Tuch seines Ärmels ruhen.

»Ich spüre Eure Berührung kaum.« Er legte seine Hand über die meine und drückte sie fest. »So. Ich möchte doch wissen, ob ich Euch bei mir habe, Mistress Carey.« Seine Augen strahlten sehr blau, und er blickte auf meine französische Haube, mein zurückgekämmtes goldblondes Haar und dann auf mein Gesicht.

Ich merkte, wie mein Mund ganz trocken wurde, und lächelte, obwohl ich zwischen Furcht und Verlangen schwankte. »Ich freue mich, bei Euch zu sein.«

»Wirklich?« fragte er plötzlich sehr eindringlich. »Wirklich? Von Euch möchte ich keine falsche Münze. Viele drängen Euch, bei mir zu sein. Ich möchte, daß Ihr aus freien Stücken kommt.«

»Oh, Majestät! Als hätte ich nicht bei Kardinal Wolsey mit Euch getanzt, ohne überhaupt zu ahnen, daß Ihr es wart!«

Er freute sich an dieser Erinnerung. »O ja! Und Ihr seid beinahe in Ohnmacht gefallen, als ich die Maske abnahm und Ihr erkanntet, daß ich es war. Für wen hattet Ihr mich denn gehalten?«

|37|»Ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Ich weiß, das war töricht von mir. Ich hielt Euch wohl für einen Fremdling bei Hof, einen neuen, gutaussehenden Fremdling, und es bereitete mir solches Vergnügen, mit Euch zu tanzen.«

Er lachte. »Oh, Mistress Carey, so ein süßes Gesichtchen und so unartige Gedanken! Ihr hattet gehofft, ein gutaussehender Fremdling sei an den Hof gekommen und habe Euch zum Tanze aufgefordert?«

»Ich wollte nicht unartig sein.« Einen Augenblick lang befürchtete ich, meine Antwort sei selbst für seinen Geschmack zu süßlich gewesen. »Ich habe einfach nur meine gute Erziehung vergessen, als Ihr mich zum Tanz aufgefordert habt. Ich bin sicher, ich würde niemals etwas Unrechtes tun. Es war nur einen Augenblick lang so, daß ich …«

»Daß Ihr was?«

»Daß ich es vergessen habe«, sagte ich leise.

Wir erreichten den steinernen Torbogen, der zu den Ställen führte. Im Schutz des Bogens hielt der König inne und drehte mich zu sich herum. Ich spürte, wie mein ganzer Körper zu prickelndem Leben erwachte.

»Würdet Ihr es wohl noch einmal vergessen?«

Ich zögerte. Und dann trat Anne vor und sagte leichthin: »An welches Pferd hatten Eure Majestät denn für meine Schwester gedacht? Ich glaube, Ihr werdet feststellen, daß sie eine gute Reiterin ist.«

Henry ließ mich los und ging in die Stallungen voraus. George und er schauten sich zusammen ein Pferd an, dann ein anderes. Anne trat an meine Seite.

»Du mußt ihn an dich herankommen lassen«, sagte sie. »Laß ihn immer näher heran, aber vermittle ihm nie den Eindruck, daß du auf ihn zugehst. Er möchte das Gefühl haben, daß er dich verfolgt, nicht, daß er dir in die Falle geht. Wenn du die Wahl hast, ob du auf ihn zugehst oder wegläufst, wie gerade eben – dann mußt du immer weglaufen.«

Der König wandte sich um und lächelte mich an, als George einem Stallburschen befahl, ein schönes kastanienbraunes Pferd aus dem Stall zu führen. »Aber lauf nicht zu schnell«, |38|mahnte mich meine Schwester. »Vergiß nicht, er muß dich fangen können.«

 

An diesem Abend tanzte ich vor versammeltem Hofstaat mit dem König. Am nächsten Tag ritt ich an seiner Seite auf meinem neuen Pferd zur Jagd aus. Die Königin, die am Ehrentisch saß, beobachtete uns beim Tanz, und als wir losritten, winkte sie dem König zum Lebewohl vom Hauptportal des Palastes aus zu. Alle wußten, daß er mir den Hof machte, alle wußten, daß ich ihn erhören würde, sobald man mir den Befehl dazu gab. Die einzige Person, die es nicht wußte, war der König. Er wähnte, die Geschwindigkeit seiner Werbung werde einzig und allein durch seine Begierde bestimmt.

Einige Wochen später kam im April der erste Zahltag: Mein Vater wurde zum Schatzmeister des königlichen Haushalts ernannt. Auf diesem Posten hatte er Zugriff auf die täglichen Einnahmen des Königs, die er nach seinem Gutdünken verteilen konnte. Mein Vater wartete auf mich, als wir zum Abendessen gingen, und bat mich aus dem Gefolge der Königin zur Seite, um in aller Ruhe mit mir zu reden, während Ihre Majestät, die Königin, zu ihrem Platz am oberen Ende des Tisches schritt.

»Dein Onkel und ich, wir sind sehr zufrieden mit dir«, sagte er knapp. »Laß dich stets von deinem Bruder und deiner Schwester leiten. Sie berichten mir, daß du dich gut führst.«

Ich machte einen kleinen Knicks.

»Das ist erst der Anfang«, erinnerte er mich. »Du mußt ihn auch halten, in guten und in schlechten Tagen, vergiß das nicht.«

Ich zuckte ein wenig zusammen, als ich diese Worte aus der Trauzeremonie hörte. »Ich weiß«, erwiderte ich. »Ich vergesse es nicht.«

»Hat er schon irgend etwas gemacht?«

Ich warf einen Blick in den großen Saal, wo der König und die Königin gerade Platz nahmen. Die Trompeter hatten sich schon aufgestellt, um die lange Prozession von Servierenden aus der Küche anzukündigen.

|39|»Noch nicht«, antwortete ich. »Nur mit Blicken und Worten.«

»Und wie reagierst du?«

»Mit Lächeln.« Ich erzählte meinem Vater nicht, daß ich beinahe trunken vor Wonne war, weil mir der mächtigste Mann im Königreich den Hof machte. Es fiel mir nicht schwer, dem Rat meiner Schwester zu folgen und ihn immer und immer wieder anzulächeln. Es fiel mir nicht schwer, zu erröten und das Gefühl zu haben, daß ich gleichzeitig weglaufen und ihm näherkommen wollte.

Mein Vater nickte. »Das reicht. Du kannst dich jetzt auf deinen Platz setzen.«

Ich knickste noch einmal und eilte gerade noch vor den Servierern in den Saal. Die Königin warf mir einen ziemlich scharfen Blick zu, als wolle sie mich zurechtweisen, doch dann schaute sie zur Seite und sah das Gesicht ihres Mannes. Sein Blick war starr auf mich geheftet, während ich durch den Saal schritt und meinen Platz unter den Hofdamen einnahm. Seine Miene war konzentriert, als könnte er sonst nichts hören und sehen, als wäre der gesamte große Saal für ihn zu nichts zerschmolzen, als könnte er nur noch mich in meinem blauen Kleid, mit meiner blauen Haube wahrnehmen, mit dem bebenden Lächeln, das über mein Gesicht huschte, als ich seine Begierde spürte. Die Königin bemerkte die Hitze dieses Blicks ebenfalls, sie preßte die Lippen zusammen, lächelte ihr dünnes Lächeln und wandte die Augen ab.

 

An jenem Abend kam er in ihre Gemächer. »Wollen wir Musik hören?« fragte er sie.

»Ja, Mistress Carey kann für uns singen«, erwiderte sie freundlich und winkte mich nach vorn.

»Ihre Schwester Anne hat die lieblichere Stimme«, widersprach der König. Anne warf mir einen raschen, triumphierenden Blick zu.

»Singt Ihr uns eines Eurer französischen Lieder, Miss Anne?« bat der König sie.

Anne versank in einem anmutigen Knicks. »Wie Eure Majestät befehlen«, sagte sie mit starkem französischem Akzent.

|40|Die Königin beobachtete diesen Wortwechsel. Ich konnte sehen, daß sie sich fragte, ob die Gunst des Königs nun auf das andere Boleyn-Mädchen überging. Aber er hatte sie überlistet. Anne hatte auf einem Schemel mitten im Raum Platz genommen, die Laute auf dem Schoß, und ihre Stimme klang süß – wie er gesagt hatte, süßer als meine. Die Königin saß auf ihrem üblichen Sessel mit den bestickten Armlehnen und der gepolsterten Rückenlehne, die sie nie berührte. Der König ließ sich nicht auf dem Sessel neben dem ihren nieder, sondern spazierte zu mir herüber, setzte sich an den Platz, den Anne frei gemacht hatte, und blickte auf meine Näherei.

»Sehr schöne Arbeit«, bemerkte er.

»Hemden für die Armen«, erklärte ich. »Die Königin ist sehr mildtätig zu den Armen.«

»Wahrhaftig«, erwiderte er. »Wie schnell Eure Nadel in den Stoff hinein- und wieder herausgeht. Ich würde da ein übles Fadengewirr anrichten. Wie klein und geschickt Eure Finger sind.«

Er hatte den Kopf zu meinen Händen herabgebeugt, und ich schaute auf seinen Nacken und überlegte, wie gern ich das dicke, lockige Haar berühren würde.

»Eure Hände sind höchstens halb so groß wie meine«, sagte er leichthin. »Streckt sie einmal aus und zeigt sie mir.«

Ich stach die Nadel in das Hemd für die Armen und streckte ihm meine Hand mit der Handfläche nach oben entgegen. Sein Blick wich nicht von meinem Gesicht, als er mir seine Hand entgegenhielt, Handfläche gegen Handfläche, aber ohne mich zu berühren. Ich spürte die Wärme seiner Hand an der meinen, konnte aber meine Augen nicht von seinem Gesicht losreißen. Sein Schnurrbart kräuselte sich ein wenig um seine Lippen, und ich überlegte, ob er wohl weich sein würde wie die dunklen Locken meines Mannes oder drahtig wie gesponnenes Gold. Er sah so aus, als könnte er rauh und kratzig sein, als könnte sein Kuß mein Gesicht rot und wund schaben, so daß jedermann wissen würde, daß wir uns geküßt hatten. Unter dem Schnurrbart lockten sinnliche Lippen. Ich konnte den Blick nicht von ihnen wenden, mußte unaufhörlich daran denken, wie sie sich wohl anfühlen würden.

|41|Langsam näherte der König seine Hand der meinen, sein Handballen streifte den meinen. Ich zuckte ein wenig zusammen und sah, wie sich seine Lippen verzogen, als er merkte, wie sehr mich das aufwühlte. Mit Mühe riß ich meine Augen von seinen Lippen los und betrachtete sein ganzes Gesicht, seinen hellwachen Blick, der sich auf mein Gesicht richtete, spürte die Begierde, die wie Hitze von ihm ausging.

»Eure Haut ist so weich.« Seine Stimme war sehr leise. »Und Eure Hände sind so winzig, wie ich es vermutet hatte.«

Längst war der Vorwand erschöpft, daß wir die Länge unserer Finger vergleichen wollten, aber wir verharrten weiter, Handfläche an Handfläche, die Augen aufeinander gerichtet. Dann legte der König ganz langsam und unwiderstehlich seine Hand um die meine und hielt sie sanft, aber fest umfangen.

Anne beendete ein Lied und begann in der gleichen Tonart und ohne Übergang gleich das nächste, wahrte den Zauber dieses Augenblicks.

Die Königin unterbrach sie. »Majestät, Ihr stört Mistress Carey«, sagte sie mit einem kleinen Lachen, als sei der Anblick ihres Gatten, der die Hand einer anderen, dreiundzwanzig Jahre jüngeren Frau hielt, amüsant. »Euer Freund William wird es Euch nicht danken, wenn Ihr seine Gattin zur Untätigkeit ermuntert. Sie hat versprochen, diese Hemden für die Nonnen des Klosters Whitchurch zu säumen, und noch ist nicht einmal die Hälfte fertig.«

Der König ließ mich los. »William wird mir verzeihen«, antwortete er sorglos.

»Ich spiele jetzt Karten«, sagte die Königin. »Spielt Ihr mit, lieber Ehemann?«

Einen Augenblick lang dachte ich, sie hätte es geschafft, hätte ihn an seine alte Zuneigung erinnert und so von mir entfernt. Doch als er sich erhob, um ihrem Geheiß zu folgen, blickte er zurück und sah, wie ich zu ihm aufschaute. Es lag beinahe keine Berechnung in meinem Blick – beinahe keine. Ich war nur eine junge Frau, die zu einem Mann aufblickt und der das Verlangen in die Augen geschrieben steht.

»Ich hätte gern Mistress Carey als Partnerin. Laßt Ihr |42|George holen, dann habt Ihr auch einen Boleyn zum Partner. Und wir geben zwei passende Paare ab.«

»Jane Parker kann mit mir spielen«, sagte die Königin kühl.

 

»Das hast du sehr gut gemacht«, lobte mich Anne an diesem Abend. Sie saß in unserem Schlafzimmer am Kamin und bürstete sich das lange dunkle Haar. Sie hatte den Kopf so geneigt, daß ihr die Locken wie ein duftiger Wasserfall über die Schultern wallten. »Das mit den Händen war sehr gut. Wie hast du das hingekriegt?«

»Er hat meine Handlänge mit seiner verglichen«, antwortete ich. Ich flocht meinen blonden Zopf, setzte mir die Nachthaube auf und band die weißen Bänder. »Als unsere Hände einander berührten, hatte ich das Gefühl …«

»Was?«

»Es war, als stünden meine Hände in Flammen«, flüsterte ich. »Wirklich, als könnte mich seine Berührung versengen.«

Anne blickte mich skeptisch an. »Wie meinst du das?«

Die Worte sprudelten mir nur so aus dem Mund. »Ich möchte, daß er mich berührt. Ich verzehre mich danach, daß er mich berührt. Ich ersehne seinen Kuß.«

Anne war ungläubig vor Staunen. »Du begehrst ihn?«

Ich schlang die Arme um den Körper und sank auf dem steinernen Fenstersitz nieder. »O Gott, ja. Mir war nicht klar, daß es darauf hinauslief. O ja. O ja.«

Anne verzog die Mundwinkel nach unten. »Das läßt du Vater und Mutter besser nicht hören«, warnte sie mich. »Sie haben dich angewiesen, ein kluges Spiel zu spielen, nicht zu schwärmen wie ein liebeskrankes Mädchen.«

»Aber meinst du nicht, daß er mich begehrt?«

»Oh, im Augenblick schon. Aber nächste Woche? Nächstes Jahr?«

Es klopfte an der Tür, und George steckte den Kopf herein. »Kann ich hereinkommen?«

»Von mir aus«, sagte Anne unfreundlich. »Aber du darfst nicht lange bleiben. Wir gehen gleich ins Bett.«

»Ich auch«, erwiderte er. »Ich habe mit Vater einiges getrunken. |43|Ich gehe ins Bett, und morgen, wenn ich wieder nüchtern bin, stehe ich früh auf und erhänge mich am nächsten Baum.«

Ich hörte ihn kaum, starrte nur aus dem Fenster und dachte an die Berührung von Henrys Hand auf meiner.

»Warum?« wollte Anne wissen.

»Nächstes Jahr soll ich Hochzeit feiern. Beneide mich ruhig, du!«

»Alle heiraten, nur ich nicht«, maulte Anne gereizt. »Mit den Ormondes haben sie sich nicht geeinigt, und jemand anderen finden sie nicht für mich. Wollen sie etwa, daß ich Nonne werde?«

»Warum nicht?« meinte George. »Meinst du, sie würden mich auch nehmen?«

»In einem Frauenkloster?« Ich hatte mitbekommen, wovon sie redeten, und wandte mich um. »Du würdest eine feine Äbtissin abgeben.«

»Besser als die meisten«, antwortete George fröhlich. Er wollte sich auf einen Schemel setzen, verfehlte ihn aber und donnerte auf den Steinboden.

»Du bist ja betrunken.«

»Ja, und ganz schlecht gelaunt obendrein.«

»Irgend etwas an meiner Zukünftigen kommt mir überaus merkwürdig vor«, sagte George. »Sie riecht ein bißchen …«, er suchte nach dem passenden Wort, »… ranzig.«

»Unsinn«, erwiderte ihm Anne. »Sie hat eine ausgezeichnete Mitgift und gute Verbindungen, sie steht in der Gunst der Königin, und ihr Vater ist eine geachtete Persönlichkeit und reich. Warum sich sorgen?«

»Sie hat einen Mund wie eine Karnickelschlinge und Augen, die zugleich heiß und kalt sind.«

Anne lachte. »Du Dichterling!«

»Ich weiß, was George meint«, sagte ich. »Sie ist leidenschaftlich und doch irgendwie heimtückisch.«

»Sie ist einfach nur diskret«, meinte Anne.

George schüttelte den Kopf. »Heiß und kalt zugleich. Alle Körpersäfte durcheinander. Es wird ein Hundeleben werden mit ihr.«

|44|»Oh, heirate sie und schlafe mit ihr und schicke sie dann aufs Land«, fuhr Anne ungeduldig dazwischen. »Du bist ein Mann, du kannst tun und lassen, was du willst.«

Er blickte schon fröhlicher drein. »Ich könnte sie nach Hever verfrachten.«

»Oder nach Rochford Hall. Und der König wird dir gewiß zur Hochzeit noch ein neues Anwesen schenken.«

George setzte seinen Steingutkrug an die Lippen. »Möchte sonst noch jemand etwas?«

»Ich«, antwortete ich, nahm den Krug und kostete den würzigen roten Wein.

»Ich gehe ins Bett«, sagte Anne steif. »Du solltest dich schämen, Mary, daß du in der Nachthaube noch Wein trinkst.« Sie deckte das Bett auf und kletterte hinein. Sie schaute George und mich durchdringend an, während sie sich das Leintuch um die Hüften schlang. »Ihr beide seid einfach viel zu frivol«, verkündete sie.

George verzog das Gesicht. »Da hat sie’s uns aber gegeben«, warf er mir fröhlich zu.

»Sie ist wirklich schrecklich streng«, flüsterte ich in geheucheltem Respekt. »Man sollte nicht meinen, daß sie ihr halbes Leben am französischen Hof vertändelt hat.«

»Sie gleicht eher einer Spanierin als einer Französin, würde ich meinen«, erwiderte George provozierend.

»Und sie ist nicht einmal verheiratet«, flüsterte ich zurück. »Eine spanische Duenna.«

Anne legte sich auf das Kissen, hob die Schultern und zog die Bettdecke zurecht. »Ich höre euch nicht zu. Ihr könnt euren Atem sparen.«

»Wer würde sie denn nehmen?« fuhr George fort. »Wer würde sie wollen?«

»Sie finden schon jemanden für sie«, sagte ich. »Irgendeinen jüngeren Sohn oder einen völlig verarmten, heruntergekommenen Landedelmann.« Ich gab George den Krug zurück.

»Wartet nur ab«, kam es vom Bett. »Ich werde eine bessere Partie machen als ihr alle beide. Und wenn sie mir nicht bald einen Mann suchen, dann tue ich es selbst.«

|45|George reichte mir den Steingutkrug zurück. »Hier, trink aus«, forderte er mich auf. »Ich hab schon mehr als genug.«

Ich trank den letzten Schluck Wein und ging dann zur anderen Seite des Bettes. »Gute Nacht«, sagte ich zu George.

»Ich bleibe noch eine Weile hier am Kamin sitzen«, antwortete er. »Wir schlagen uns prächtig, nicht wahr, wir Boleyns? Ich bin verlobt, und du bist auf dem besten Weg ins Bett des Königs, und die kleine Mademoiselle Parfait hier ist frei auf dem Markt, und alle Türen stehen ihr offen.«

»Ja«, sagte ich. »Wir schlagen uns prächtig.«

Ich dachte an den intensiven Blick des Königs auf meinem Gesicht, an die Art, wie seine blauen Augen von meinem Haarschmuck zum Dekolleté meines Kleides wanderten. Ich drückte mein Gesicht ins Kissen, so daß mich keiner der beiden hören konnte. »Henry«, flüsterte ich. »Majestät. Liebster.«

 

Am nächsten Tag sollte im Park von Freason House, einem Herrenhaus, das sich unweit von Eltham Palace befand, ein Turnier ausgetragen werden. Es war ein großes, prächtiges Haus, die Gärten umgaben es wie ein Schachbrett aus Grün und Weiß: weiße Steine und Wege und Begrenzungen um niedrige Labyrinthgärten aus grünem Lorbeer. Der Park mit dem Jagdwild schloß sich an, und zwischen den Gärten und dem Wildpark gab es eine wunderschöne Rasenfläche, die das ganze Jahr über als Turnierplatz für den König bereitgehalten wurde.

Das Zelt für die Königin und ihre Hofdamen war mit kirschroter und weißer Seide drapiert, und die Königin trug ein dazu passendes kirschrotes Gewand und wirkte in dieser strahlenden Farbe jung und rosig. Ich trug Grün, das Kleid, das ich am Fastnachtsdienstag zum Maskenspiel angehabt hatte, als der König mich unter allen anderen erwählt hatte. Die Farbe ließ mein Haar noch mehr erstrahlen, und meine Augen leuchteten. Ich stand neben dem Stuhl der Königin und wußte, daß jeder Mann, der seinen Blick von ihr zu mir schweifen ließ, denken mußte, daß sie zwar eine wunderbare Frau war, aber doch alt genug, um meine Mutter zu sein.

|46|Die ersten drei Zweikämpfe wurden zwischen Männern der unteren Ränge bei Hof ausgetragen, die dadurch Aufsehen zu erregen suchten, daß sie Kopf und Kragen riskierten. Sie waren recht geschickt, und es gab einige interessante Lanzenstöße und einen aufregenden Augenblick, als ein kleinerer Mann seinen größeren Gegner vom Pferd stieß, was die gemeinen Leute, die zuschauten, zu lautem Jubel bewegte. Der kleinere Mann stieg vom Pferd und setzte seinen Helm ab, um den Applaus entgegenzunehmen. Er war attraktiv, schmal und blond. Anne stieß mich in die Seite. »Wer ist das?«

»Einer von den Seymour-Jungen.«

Die Königin wandte den Kopf zu uns um. »Mistress Carey, würdet Ihr gehen und den Stallmeister fragen, wann mein Mann heute reitet und welches Pferd er gewählt hat?«

Ich drehte mich um, um ihrem Befehl Folge zu leisten, und sah, warum sie mich wegschickte. Langsamen Schrittes kam der König über den Rasen zu unserem Pavillon geschlendert, und sie wollte mich aus dem Weg haben. Ich knickste und trödelte zum Eingang, paßte es so ab, daß der König mich unter der Markise bemerken mußte. Sofort ließ er seinen Gesprächspartner stehen und kam zu mir. Seine Rüstung war gleißend hell poliert wie Silber, die Verzierungen waren golden. Die Lederriemen, die seinen Brustharnisch und seinen Armschutz hielten, waren rot und glatt wie Samt. Er wirkte größer, wie ein strahlender Held aus längst vergangenen Kriegen. Die Sonne ließ das Metall hell aufblitzen, so daß ich einen Schritt zurück in den Schatten treten und die Hände schützend vor die Augen legen mußte.

»Mistress Carey, in Dunkelgrün.«

»Ihr strahlt so sehr«, erwiderte ich.

»Und Ihr würdet selbst im schwärzesten Schwarz alle blenden.«

Ich antwortete nichts. Ich schaute ihn nur an. Wenn Anne oder George in der Nähe gewesen wären, hätten sie mir ein Kompliment einflüstern können. Mir jedoch war der Verstand abhanden gekommen, von der Begierde völlig verdrängt. Ich konnte kein Wort hervorbringen, nichts tun, ihn nur ansehen, |47|und ich wußte, daß mir das Verlangen ins Gesicht geschrieben stand. Er schwieg ebenfalls. Wir standen da, blickten einander unverwandt an.

»Ich muß Euch allein sprechen«, sagte er schließlich.

»Majestät, ich kann nicht.«

»Ihr wollt nicht?«

»Ich wage es nicht.«

Bei dieser Antwort sog er die Luft tief ein, als wollte er meine Lust einatmen. »Ihr könnt mir vertrauen.«

Ich riß meine Augen von seinem Gesicht los, wandte den Blick ab, sah nichts mehr. »Ich wage es nicht«, wiederholte ich schlicht.

Er streckte den Arm aus, führte meine Hand an die Lippen und küßte sie. Ich spürte seinen warmen Atem an den Fingern und – endlich – das sanfte Streicheln seines lockigen Schnurrbarts.

»Oh, weich.«

Er blickte von meiner Hand auf. »Weich?«

»Euer Schnurrbart«, erklärte ich. »Ich hatte überlegt, wie er sich wohl anfühlen würde.«

»Ihr habt überlegt, wie sich mein Schnurrbart wohl anfühlen würde?« fragte er.

Ich spürte, daß mir die Hitze ins Gesicht stieg. »Ja.«

»Wenn Ihr von mir geküßt würdet?«

Ich senkte den Blick auf die Füße, so daß ich ihm nicht in die strahlend blauen Augen sehen mußte, und nickte unmerklich.

»Ihr habt Euch gewünscht, von mir geküßt zu werden?«

Da schaute ich auf. »Majestät, ich muß gehen«, sagte ich verzweifelt. »Die Königin hat mich auf einen Botengang geschickt und wird sich schon fragen, wo ich bleibe.«

»Wohin hat sie Euch geschickt?«

»Zu Eurem Stallmeister, um herauszufinden, welches Pferd Ihr reitet und wann Ihr reiten sollt.«

»Das kann ich ihr selbst mitteilen. Warum solltet Ihr in der glühenden Sonne herumlaufen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Es macht mir nichts aus, für sie Botengänge zu machen.«

|48|Er schnalzte mißbilligend mit der Zunge. »Und sie hat genügend Dienstboten, die für sie über das Turniergelände laufen können, weiß Gott. Sie hat ihren vollständigen spanischen Hofstaat, während mir nicht einmal mein kleiner Troß gegönnt wird.«

Aus dem Augenwinkel erblickte ich Anne, die eben durch die Tücher trat, die man im Zelt der Königin drapiert hatte, und wie angewurzelt stehenblieb, als sie den König und mich so nah beieinander sah.

Sanft ließ er mich los. »Ich gehe jetzt zu ihr und beantworte ihre Fragen zu meinen Pferden. Was macht Ihr?«

»Ich komme bald nach«, antwortete ich. »Ich brauche ein wenig Zeit, ehe ich hineingehe, ich fühle mich sehr …« Ich brach ab, weil es mir unmöglich war, meine Gefühle auszusprechen.

Er blickte mich zärtlich an. »Ihr seid sehr jung für dieses Spiel, nicht wahr? Boleyn oder nicht. Sie sagen Euch wohl, was Ihr zu tun habt, schieben und drängen Euch in meine Richtung, nehme ich an.«

Wenn Anne nicht im Schatten des Turnierzeltes gelauert hätte, ich hätte ihm den Plan meiner Familie gestanden. Da sie mich aber beobachtete, schüttelte ich nur den Kopf. »Für mich ist es kein Spiel.« Ich wandte den Blick ab, ließ meine Lippen ein wenig beben. »Ich versichere Euch, für mich ist es kein Spiel, Majestät.«

Er hob die Hand, faßte mich unters Kinn und drehte mein Gesicht zu sich hin. Einen atemlosen Augenblick lang dachte ich voller Furcht und Wonne, er würde mich vor aller Augen küssen.

»Fürchtet Ihr Euch vor mir?«

Wieder schüttelte ich den Kopf und widerstand der Versuchung, mein Gesicht in seine Hand zu schmiegen. »Ich fürchte mich vor dem, was geschehen könnte.«

»Zwischen uns?« Er lächelte das selbstsichere Lächeln eines Mannes, der weiß, daß die Frau, die er begehrt, nur wenige Augenblicke von seiner Umarmung entfernt ist. »Es wird Euch nichts Schlimmes daraus erwachsen, daß Ihr mich liebt, |49|Mary. Ihr habt mein Wort darauf, wenn Ihr wollt. Ihr werdet meine Herrin sein, Ihr werdet meine kleine Königin sein.«

Ich rang nach Luft.

»Gebt mir Euer Halstuch. Ich möchte es beim Turnier als Zeichen Eurer Gunst tragen«, sagte er plötzlich.

Ich schaute mich um. »Hier kann ich es Euch nicht geben.«

»Schickt es mir«, antwortete er. »Ich sage George, er soll es von Euch holen. Ich werde es nicht sichtbar tragen. Ich stecke es in meinen Brustharnisch. Ich werde es am Herzen tragen.«

Ich nickte.

»Ihr gebt mir also Euren Gunstbeweis?«

»Wenn Ihr es wünscht?« flüsterte ich.

»Ich wünsche es so sehr«, sagte er. Er verneigte sich und trat ins Zelt der Königin. Wie ein hilfreicher Geist war auch meine Schwester Anne verschwunden.

Ich gab ihnen einige Minuten Vorsprung, dann folgte ich ihnen ins Zelt. Die Königin warf mir einen scharfen, fragenden Blick zu. Ich versank in einen Hofknicks. »Ich habe gesehen, wie der König Euch die Fragen selbst beantwortet hat, Majestät«, sagte ich zuckersüß. »Also bin ich zurückgekommen.«

»Ihr hättet überhaupt einen Diener auf diesen Botengang schicken sollen«, fuhr der König barsch dazwischen. »Mistress Carey sollte bei diesem Sonnenschein nicht über das Turniergelände laufen müssen. Es ist viel zu heiß.«

Die Königin zögerte einen Augenblick. »Es tut mir so leid«, erwiderte sie dann. »Es war gedankenlos von mir.«

»Bei mir solltet Ihr Euch nicht entschuldigen«, antwortete der König spitz.

Ich dachte, diese Hürde würde sie nicht nehmen, und an der Anspannung von Annes Körper bemerkte ich, daß auch sie darauf lauerte, was die spanische Prinzessin und Königin von England als nächstes tun würde.

»Es tut mir leid, wenn ich Euch Unbehagen bereitet habe, Mistress Carey«, sagte die Königin gleichmütig.

Ich verspürte keinen Triumph. Ich blickte quer durch das üppig mit Teppichen ausgelegte Zelt auf eine Frau, die alt genug war, um meine Mutter zu sein, und spürte nichts als |50|Mitleid, weil ich ihr Schmerz zufügen würde. Einen Augenblick lang sah ich nicht einmal den König, ich sah nur uns beide.

»Es ist mir ein Vergnügen, Euch zu dienen, Königin Katherine«, sagte ich aufrichtig.

Sie blickte mich kurz an, als verstünde sie, was mir durch den Kopf ging. Dann wandte sie sich wieder ihrem Ehemann zu. »Und sind Eure Pferde heute bei guter Gesundheit?« fragte sie. »Seid Ihr siegesgewiß, Majestät?«

»Heute geht es um Suffolk oder mich«, antwortete er.

»Ich werdet doch vorsichtig sein, Sire?« sagte sie leise. »Es ist keine Schande, gegen einen Reiter wie den Herzog zu verlieren. Und es würde das Ende des Königreiches bedeuten, wenn Euch etwas zustieße.«

Es war ein liebevoller Gedanke, aber der König nahm ihn nicht sehr gnädig auf. »Das wäre es wirklich, da wir ja keinen Sohn haben.«

Sie zuckte zusammen, und ich sah, wie ihr das Blut aus den Wangen wich. »Es ist noch Zeit«, sagte sie, und ihre Stimme war so leise, daß ich sie kaum hören konnte. »Es ist immer noch Zeit …«

»Nicht mehr viel«, antwortete er ausdruckslos. Er wandte sich von ihr ab. »Ich muß mich jetzt fertigmachen.«

Ohne einen Blick ging er an mir vorüber, obwohl Anne und ich und alle anderen Hofdamen im Hofknicks versanken. Sobald ich mich wieder erhoben hatte, schaute die Königin zu mir herüber, als wäre ich nicht ihre Rivalin, sondern immer noch ihre liebste kleine Hofdame, die ihr ein wenig Trost schenken könnte. Sie blickte mich an, als suchte sie für kurze Zeit einen Menschen, der die schreckliche Lage einer Frau in dieser von Männern regierten Welt verstand.

George spazierte ins Zelt und fiel mit der ihm eigenen mühelosen Anmut vor der Königin auf die Knie. »Eure Majestät«, sagte er. »Ich bin gekommen, um der schönsten Frau Kents, Englands, ja der ganzen Welt meinen Besuch abzustatten.«

»Oh, George Boleyn, erhebt Euch«, erwiderte sie lächelnd.

|51|»Lieber würde ich zu Euren Füßen sterben«, antwortete er.

Sie klopfte ihm leicht mit dem Fächer auf die Hand. »Nein, aber Ihr könnt mit mir wetten, wie der Zweikampf des Königs ausgeht, wenn Ihr wollt.«

»Wer würde denn gegen ihn setzen? Er ist der beste Reiter. Ich wette mit Euch fünf zu zwei auf den zweiten Zweikampf. Die Seymours gegen die Howards. Ich hege keinerlei Zweifel, wer da der Gewinner sein wird.«

»Ihr würdet mir anbieten, auf die Seymours zu setzen?« fragte die Königin.

»Damit sie Euren Segen haben? Niemals«, erwiderte George rasch. »Ich wünsche mir, daß Ihr auf meinen Vetter Howard setzt, Majestät. Dann könnt Ihr Eures Gewinns sicher sein. Ihr könnt sicher sein, auf eine der besten und treusten Familien des Landes zu setzen, und Ihr habt noch dazu ausgezeichnete Gewinnchancen.«

Darüber lachte sie. »Ihr seid wirklich ein ganz hervorragender Höfling. Wieviel wollt Ihr gegen mich verlieren?«

»Sagen wir fünf Kronen?« schlug George vor.

»Abgemacht.«

George verbeugte sich und trat in den hinteren Teil des Zeltes zurück. Ich schlenderte hinter ihm her. »Gib es mir schnell«, sagte er knapp. »Er reitet als nächster.«

Mein Kleid war am Ausschnitt mit einer Länge weißer Seide verziert, die ich durch die grünen Schlaufen zog, bis sie frei war. Ich reichte George das Tuch, und er ließ es rasch in der Tasche verschwinden.

»Jane Parker sieht uns«, warnte ich ihn.

Er schüttelte den Kopf. »Das macht nichts. Ihre Interessen sind mit den unseren verquickt, ganz gleich, wie sie darüber denkt. Ich muß jetzt gehen.«

Ich nickte und ging ins Zelt zurück. Die Augen der Königin blieben kurz an den leeren Schlaufen am Ausschnitt meines Kleides hängen, doch sie sagte nichts dazu.

»Gleich fangen sie an«, verkündete Jane. »Der Zweikampf des Königs ist der nächste.«

Ich sah, wie man ihm in den Sattel half, wie zwei Männer |52|ihn stützten, da das Gewicht seiner Rüstung ihn beinahe zu Fall brachte. Charles Brandon, Herzog von Suffolk, der Schwager des Königs, rüstete sich ebenfalls. Die beiden Männer ritten zusammen hinaus und kamen am Eingang des Turnierplatzes vorbei zum Zelt der Königin. Der König senkte seine Lanze tief, um sie zu grüßen, und hielt sie gesenkt, während er am Zelt entlangritt. So wurde auch ein Gruß für mich daraus. Das Visier seines Helms stand noch offen, und ich konnte sehen, wie er mich anlächelte. Ein winziges Zipfelchen Weiß lugte an der Schulter aus seinem Brustharnisch hervor. Ich wußte, daß es mein Halstuch war. Hinter ihm ritt der Herzog von Suffolk, senkte die Lanze vor der Königin und nickte mir dann knapp zu. Anne, die hinter mir stand, schnappte nach Luft.

»Suffolk hat dich gegrüßt«, flüsterte sie.

»Das habe ich mir auch eben gedacht.«

»Ja, das hat er. Er hat den Kopf geneigt. Das bedeutet, daß der König mit ihm über dich gesprochen hat. Oder daß er mit seiner Schwester, Königin Mary, gesprochen hat, und sie hat es Suffolk erzählt. Er meint es ernst. Er muß es ernst meinen.«

Ich blickte zur Seite. Die Königin schaute zur Turnierschranke hinunter, wo der König sein Pferd zum Stehen gebracht hatte. Er saß leicht und elegant im Sattel, einen kleinen goldenen Reif um den Helm, das Visier zugeklappt, die Lanze vor sich ausgestreckt. Die Königin lehnte sich vor, um besser sehen zu können. Die Trompete erschallte, und die beiden Pferde preschten vorwärts. Die beiden Männer in ihren Rüstungen donnerten aufeinander zu. Grassoden stoben unter den Hufen der Pferde in alle Richtungen. Die Lanzen waren gesenkt, die Wimpel am Ende der Schäfte flatterten, während der Abstand zwischen den beiden Kämpfenden sich stetig verringerte. Da bekam der König einen Streifschlag ab, den er mit dem Schild parierte, aber sein Stoß traf Suffolk unter dem Schild und prallte ihm krachend auf dessen Brustharnisch. Die Gewalt des Aufpralls warf Suffolk auf dem Pferd zurück, die schwere Rüstung tat ein übriges und zog ihn über die Kruppe des Tiers, bis er mit schrecklichem Krachen zu Boden ging.

|53|Seine Frau sprang auf. »Charles!« Sie stob aus dem Zelt der Königin, raffte ihre Röcke zusammen und rannte wie jede gewöhnliche Ehefrau zu ihrem Mann, der reglos im Gras lag.

»Ich gehe besser mit«, meinte Anne und eilte ihrer Herrin nach.

Ich schaute hinunter zur Turnierschranke auf den König. Sein Schildknappe half ihm aus der schweren Rüstung. Als er ihm den Brustharnisch abnahm, flatterte mein weißes Halstuch zu Boden, aber der König sah es nicht fallen. Dann schnallten sie ihm die Beinschienen und den Armschutz ab, und er zog einen Umhang über, während er schnell auf den immer noch reglosen Körper seines Freundes zueilte. Königin Mary kniete neben Suffolk, hielt seinen Kopf in den Armen geborgen. Der Schildknappe nahm seinem Meister die schwere Rüstung ab. Königin Mary blickte auf, als ihr Bruder sich näherte, und sie lächelte.

»Es geht ihm gut«, sagte sie. »Er hat gerade Peter furchtbar verflucht, weil er ihn mit einer Gürtelschnalle gezwickt hat.«

Henry lachte. »Gott sei gepriesen!«

Zwei Männer kamen mit einer Trage gerannt. Suffolk setzte sich auf. »Ich kann selbst laufen«, sagte er. »Ich will verdammt sein, wenn ich vom Feld getragen werde, ehe ich tot bin.«

»Hier«, sagte Henry und half ihm auf die Beine. Ein zweiter Mann eilte herbei, und die beiden stützten den Herzog, der mit schweren Schritten vom Platz taumelte.

»Kommt besser nicht mit«, rief Henry seiner Schwester über die Schulter zu. »Wenn es ihm etwas besser geht, suchen wir einen Wagen oder etwas Ähnliches, mit dem wir ihn nach Hause bringen können.«

Sie blieb stehen, wie er ihr angeraten hatte. Der Page des Königs rannte mit meinem Halstuch in der Hand auf Henry zu. Königin Mary streckte die Hand aus. »Belästigt ihn jetzt nicht«, fuhr sie ihn an.

Der Junge kam schlitternd zum Stehen. Er hielt ihr mein Tuch hin. »Das hier hat er fallen lassen, Eure Majestät«, sagte er. »Er hatte es unter seinem Brustharnisch.«

Gleichgültig streckte Königin Mary die Hand nach dem |54|Tuch aus, und er gab es ihr. Sie blickte ihrem Bruder nach, der ihren Ehemann stützte und ins Haus geleitete. Sir John Lovick war ihnen vorausgeeilt. Er hielt ihnen nun die Türen auf und rief nach der Dienerschaft. In Gedanken versunken, ging Königin Mary zum Pavillon der Königin zurück. Mein Halstuch hatte sie immer noch in der Hand. Ich trat vor, um es ihr abzunehmen, zögerte aber, weil ich nicht wußte, was ich sagen sollte.

»Geht es ihm gut?« fragte Königin Katherine.

Königin Mary rang sich ein Lächeln ab. »Ja. Er ist klar im Kopf und hat sich nichts gebrochen. Der Brustharnisch ist kaum verbeult.«

»Ist das für mich?« fragte Königin Katherine.

Königin Mary schaute auf das zerknüllte Halstuch. »Das! Der Page des Königs hat es mir gegeben. Es war in seinem Brustharnisch«, sagte sie und reichte es der Königin. Sie hatte für nichts Augen und Ohren außer für ihren Ehemann. »Ich gehe jetzt zu ihm«, verkündete sie. »Anne, Ihr und die anderen, ihr könnt nach dem Abendessen die Königin nach Hause begleiten.«

Die Königin nickte zustimmend, und Königin Mary eilte aus dem Zelt und auf das Haus zu. Königin Katherine schaute ihr nach, mein Halstuch hatte sie immer noch in der Hand. Langsam, wie ich es nicht anders erwartet hatte, ließ sie die feine Seide durch die Finger gleiten. Am Fransensaum sah sie das leuchtende Grün des eingestickten Monogramms: MB. Sie wandte sich zu mir.

»Ich glaube, das gehört Euch«, sagte sie leise und voller Verachtung. Sie hielt mir das Tuch am ausgestreckten Arm hin.

»Los, geh«, flüsterte Anne. »Du mußt es holen.« Sie knuffte mich in den Rücken.

Die Königin ließ das Tuch fallen, ehe ich ganz bei ihr angekommen war. Ich konnte es gerade noch auffangen, bevor es zu Boden fiel. Es sah aus wie ein trauriger Lappen, mit dem man den Boden aufwischt.

»Vielen Dank«, murmelte ich untertänig.

 

|55|Beim Abendessen blickte mich der König kaum an. Der Unfall hatte ihn melancholisch gemacht. Solche plötzlichen Stimmungsumschwünge waren auch für seinen Vater typisch gewesen. Henrys Höflinge hatten sie zu fürchten gelernt.

Die Königin hätte kaum freundlicher und unterhaltsamer sein können. Doch keine Unterhaltung, kein bezauberndes Lächeln, keine Musik konnte die Laune des Königs aufhellen. Die Königin war ja einer der Gründe für seine üble Stimmung. Er betrachtete sie, eine Frau, die den Wechseljahren nahe war, und ihm schien es, als blickte ihr der Tod bereits über die Schulter. Die Königin wurde alt, und immer noch hatte sie ihm keinen Erben geboren. Sie mochten den lieben langen Tag Zweikämpfe ausfechten und singen und tanzen und spielen, doch wenn der König nicht einen Sohn als Prinzen von Wales einsetzte, dann hatte er seine größte und vornehmste Pflicht dem Königreich gegenüber nicht erfüllt. Ein Bankert von Bessie Blount war einfach nicht genug.

»Sicher geht es Charles Brandon schon bald wieder gut«, meinte die Königin. Auf dem Tisch standen Zuckerpflaumen und ein schwerer Süßwein bereit. Sie trank einen Schluck, würde ihn jedoch, so überlegte ich, wohl kaum genießen, solange ihr Ehemann mit finsterer Miene neben ihr saß. »Denkt nicht, daß Ihr Schuld daran tragt, Henry. Es war ein fairer Zweikampf. Und Ihr habt weiß Gott auch schon von ihm genug Schläge einstecken müssen.«

Henry schaute sie an. Sie hielt seinem Blick stand. Ich sah, wie ihr unter seinem eiskalten Starren das Lächeln auf dem Gesicht gefror. Sie war zu alt und zu klug, um einen wütenden Mann danach zu fragen, was ihn bekümmerte. Statt dessen lächelte sie beherzt und liebenswürdig und trank ihm zu.

»Auf Euer Wohl, Henry«, sagte sie mit warmer Stimme. »Ich danke Gott, daß heute nicht Ihr der Verwundete wart. Schon oft war ich es, die vom Zelt zu den Turnierschranken eilte und deren Herz sorgenschwer war. Eure Schwester tut mir leid, aber ich muß froh sein, daß heute nicht Ihr verwundet wurdet.«

|56|»Das«, flüsterte mir Anne ins Ohr, »das war ein meisterlicher Schachzug.«

Er verfehlte nicht seine Wirkung. Der Gedanke, eine Frau könnte krank vor Sorgen um ihn sein, betörte Henry, und sein finsterer Blick hellte sich auf. »Es läge mir fern, Euch jemals auch nur einen Augenblick der Unruhe bereiten zu wollen.«

»Mein lieber Mann, Ihr habt mir bereits ganze Tage und Nächte der Unruhe bereitet«, erwiderte Königin Katherine lächelnd. »Doch solange Ihr nur wohlauf und glücklich seid und solange Ihr schließlich wieder nach Hause zurückkehrt, warum sollte ich da klagen?«

»Aha«, murmelte Anne leise. »Sie erteilt ihm also gnädig die Erlaubnis, und dir nimmt sie jeden Stachel.«

»Was meinst du damit?« fragte ich.

»Wach doch endlich auf«, herrschte Anne mich an. »Begreifst du denn nicht? Sie hat ihn von seiner schlechten Laune erlöst und ihm mitgeteilt, daß er dich haben kann, wenn er nur hinterher artig wieder nach Hause kommt.«

Ich beobachtete den König, wie er sein Glas erhob und ihr seinerseits zutrank.

»Und was geschieht jetzt?« fragte ich. »Da du doch alles weißt?«

»Oh, du wirst eine Weile seine Favoritin sein«, sagte sie leichthin. »Aber zwischen die beiden drängen kannst du dich nicht. Du wirst ihn nicht halten können. Sie ist alt, das gebe ich dir gern zu. Aber sie kann ihm das Gefühl vermitteln, als betete sie ihn an, und das braucht er. Als er noch kaum der Kinderstube entwachsen war, da war sie die schönste Frau im ganzen Königreich. Es wird einer gewaltigen Anstrengung bedürfen, um das zu überwinden. Ich bezweifle, daß du das Zeug dazu hast. Du bist recht hübsch und in ihn vergafft. Das hilft, aber ich bezweifle, ob eine Frau wie du ihn beherrschen könnte.«

»Und wer könnte es dann?« fragte ich, zutiefst getroffen, weil sie mich so abtat. »Du wohl?«

Anne musterte das Königspaar wie ein Belagerungsingenieur, der eine Verteidigungsschanze taxiert. Auf ihrem Gesicht spiegelten |57|sich Neugier und kompetente Kennerschaft. »Ja, ich könnte es schaffen«, sagte sie. »Aber leicht wäre es nicht.«

»Aber er will mich, nicht dich«, erinnerte ich sie. »Mich hat er um eine Gunstbezeigung gebeten. Und mein Halstuch hat er unter dem Brustharnisch getragen.«

»Und fallen lassen und vergessen«, bemerkte Anne mit ihrer üblichen grausamen Präzision. »Es geht auch überhaupt nicht darum, was er will. Er ist gierig und verwöhnt. Man könnte ihn dazu bringen, beinahe alles zu wollen. Aber du würdest das niemals schaffen.«

»Und warum sollte mir das nicht gelingen?« fragte ich leidenschaftlich. »Wieso glaubst du, daß du ihn halten könntest und ich nicht?«

Anne sah mich mit ihrem vollkommenen, ebenmäßigen Gesicht an, das wunderschön war, wie aus Eis gemeißelt. »Weil eine Frau, die ihn beherrschen will, keinen Augenblick vergessen darf, daß sie nur aus taktischen Gründen bei ihm ist. Du bist allzu begierig auf die Freuden von Tisch und Bett. Doch eine Frau, die Henry beherrschen will, muß wissen, daß es für sie nur ein einziges Vergnügen geben darf: seine Gedanken zu beherrschen, in jeder einzelnen Minute des Tages. Diese Ehe würde nicht aus Sinnenlust geschlossen, obwohl Henry das sicherlich glauben würde. Nein, es würde dabei vielmehr nur um geschickte Taktik gehen, immer und überall.«

 

An jenem kühlen Aprilabend war das Abendessen gegen fünf Uhr zu Ende. Man führte die Pferde vor das Haus, damit wir nach dem Abschied von unserem Gastgeber aufsitzen und zum Eltham Palace zurückreiten konnten. Als wir uns vom Bankett erhoben, sah ich, wie die Diener die übriggebliebenen Brote und Fleischspeisen in große Körbe kippten, um sie an der Küchentür für billiges Geld zu verkaufen. Wenn der König reiste, zog sich hinter ihm eine breite Spur von Extravaganz, Betrug und Verschwendung durch das Land. Die Armen waren gekommen, um sich das Turnier anzusehen, waren geblieben, um dem Hof beim Essen zuzuschauen, und versammelten sich |58|nun an der Küchentür, um etwas von den Resten des Festmahls zu ergattern.

Genau deshalb war eine gute Position bei Hof eine solche Freude. Jeder Bedienstete konnte immer und überall mit kleinen Betrügereien ein wenig für sich auf die Seite schaffen. Selbst die niedrigste Küchenmagd trieb noch schwunghaften Handel mit Pastetenkrusten, mit Bratenschmalz, mit dem Saft der Bratensoßen. Und ganz oben auf diesem Haufen der übriggebliebenen Brocken hockte mein Vater als Haushaltsvorstand des Königs: Er beobachtete, was jeder in seinem Verantwortungsbereich für sich beiseite schaffte, und sorgte dafür, daß auch er seinen Anteil davon bekam. Sogar manche Hofdame, die scheinbar allein bei Hof weilte, um der Königin Gesellschaft zu leisten und kleine Dienste für sie zu verrichten, nutzte diese Stellung nur als gute Ausgangsposition, um den König vor der Nase ihrer Herrin zu verführen.

Auf dem Heimritt verblaßte bereits das Licht des Himmels, und es wurde grau und kühl. Ich war froh über meinen Umhang, in den ich mich fest hüllte. Die Kapuze setzte ich noch nicht auf, um den Weg und die Sterne, die wie kleine Nadelstiche am blaßgrauen Himmel auftauchten, besser sehen zu können. Wir hatten bereits die halbe Wegstrecke zurückgelegt, als das Pferd des Königs mit meinem gleichzog.

»Habt Ihr den Tag genossen?« fragte er.

»Ihr habt mein Halstuch fallen lassen«, schmollte ich. »Euer Page gab es Königin Mary, und die wiederum Königin Katherine. Sie wußte sofort alles. Sie hat mir das Tuch zurückgegeben.«

»Und?«

Ich hätte an die vielen kleinen Erniedrigungen denken sollen, mit denen sich Königin Katherine abfand. Sie trug ihren Kummer zu Gott, und selbst das tat sie nur in einem sehr leise geflüsterten Gebet.

»Es war entsetzlich für mich«, sagte ich. »Ich hätte Euch das Tuch niemals geben dürfen.«

»Nun, jetzt habt Ihr es ja wieder«, erwiderte er völlig ungerührt. »Wenn es Euch so kostbar war.«

|59|»Darum geht es nicht«, beharrte ich. »Es geht darum, daß die Königin zweifellos wußte, daß es mir gehörte. Sie hat es mir vor allen anderen Damen zurückgegeben. Sie hat es fallen lassen, und es wäre auf dem Boden gelandet, wenn ich es nicht aufgefangen hätte.«

»Und was ändert das?« wollte er wissen. Seine Stimme klang hart, und sein Gesicht war plötzlich häßlich, das Lächeln wie weggefegt. »Worin liegt die Schwierigkeit? Sie hat uns zusammen tanzen und reden sehen. Sie hat gesehen, daß ich Eure Gesellschaft suche. Ihr standet Hand in Hand mit mir vor ihren Augen. Damals kamen keine Beschwerden und Nörgeleien von Eurer Seite.«

»Ich nörgle nicht!« protestierte ich, zutiefst getroffen.

»O doch«, erwiderte er barsch. »Noch dazu ohne Grund und, mit Verlaub, auch ohne jegliches Recht. Ihr seid weder meine Mätresse, Gnädigste, noch meine Ehefrau. Und niemand sonst hat sich über mein Benehmen zu beschweren. Wenn Ihr keinen Gefallen an meinem Verhalten findet, dann wäre da ja immer noch Frankreich. Ihr könntet an den französischen Hof zurückgehen.«

»Majestät … Ich …«

Er gab seinem Pferd die Sporen, und es fiel in Trab und dann in einen leichten Galopp. »Ich wünsche Euch eine gute Nacht«, warf er mir noch über die Schulter hinweg zu und ritt mit wirbelndem Umhang und flatternder Hutfeder von mir fort. Mir blieben die Worte im Hals stecken.

 

An jenem Abend wollte ich nicht mit Anne sprechen, obwohl sie mich schweigend von den Gemächern der Königin in unser Zimmer führte und von mir erschöpfende Auskunft über alles Geschehene erwartete.

»Ich sage nichts«, erwiderte ich störrisch. »Laß mich in Ruhe.«

Anne nahm die Haube vom Kopf und begann ihre Flechten zu lösen. Ich sprang aufs Bett, riß mir das Kleid vom Leib, zog mein Nachthemd über und schlüpfte zwischen die Laken, ohne mir das Haar zu bürsten oder das Gesicht zu waschen. |60|»Du willst doch sicher nicht so zu Bett gehen«, tadelte

Anne mich entsetzt.

»Um Gottes willen«, sagte ich zu meinem Kopfkissen, »laß mich in Ruhe.«

»Was hat er …?« begann Anne, als sie neben mir ins Bett schlüpfte.

»Ich sage nichts. Frag also nicht.«

Sie nickte, drehte sich um und blies die Kerze aus.

In der Dunkelheit, die mich vor Annes prüfendem Blick schützte, drehte ich mich auf den Rücken, starrte an den Betthimmel und überlegte, was wohl geschehen würde, wenn der König nun so zornig war, daß er mich nie wieder ansehen würde.

Mein Gesicht war kalt. Als ich meine Wangen betastete, merkte ich, daß sie tränenfeucht waren. Ich wischte mir mit dem Laken übers Gesicht.

»Was ist denn jetzt schon wieder?« fragte Anne schläfrig. »Nichts«, erwiderte ich.

 

»Du hast ihn verloren«, beschuldigte mich Onkel Howard. Er blickte mich im Speisesaal von Eltham Palace über den langen hölzernen Eßtisch hinweg an. Hinter uns standen vor der Tür unsere Gefolgsleute Wache. Im Saal war sonst niemand, außer ein paar Wolfshunden und einem Jungen, der in der Asche des Feuers schlief. Auch am anderen Ende des Saals standen an den Türen Leute in der Livree der Howards. Der Palast, der Palast des Königs, war so abgesichert, daß wir Howards dort heimlich und ungestört unsere Pläne schmieden konnten.

»Du hattest ihn in der Hand und hast ihn doch verloren. Was hast du verkehrt gemacht?«

Ich schüttelte den Kopf. Das alles war zu geheim, als daß ich es hier ausbreiten, in Onkel Howards versteinertes Antlitz sagen wollte.

»Ich verlange eine Antwort«, beharrte er. »Du hast ihn verloren. Seit einer Woche hat er dich nicht mehr angeschaut. Was hast du verkehrt gemacht?«

»Nichts«, flüsterte ich.

|61|»Es muß doch irgend etwas gewesen sein. Beim Turnier trug er dein Halstuch im Brustharnisch. Danach mußt du ihn mit irgend etwas verärgert haben.«

Ich warf meinem Bruder George einen vorwurfsvollen Blick zu: Nur er konnte Onkel Howard von dem Halstuch erzählt haben. Er zuckte die Achseln und zog eine entschuldigende Grimasse.

»Der König hat mein Tuch fallen lassen, und sein Page hat es Königin Mary gegeben«, antwortete ich. Mir war der Hals vor Angst wie zugeschnürt.

»Und?« fuhr mein Vater barsch dazwischen.

»Sie gab es der Königin, und die reichte es mir zurück.« Ich schaute von einem strengen Gesicht ins andere. »Alle wußten, was das zu bedeuten hatte«, fügte ich verzweifelt hinzu. »Auf dem Heimritt habe ich ihm gesagt, wie unglücklich ich war, weil er zugelassen hatte, daß man meinen Gunstbeweis fand.«

Onkel Howard schnaufte, mein Vater hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. Meine Mutter wandte den Kopf ab, als könne sie meinen Anblick kaum noch ertragen.

»Um Gottes willen!« Onkel Howard funkelte meine Mutter wütend an. »Ihr habt mir doch versichert, daß sie eine angemessene Erziehung genossen hat. Sie hat ihr halbes Leben am französischen Hof verbracht und jammert doch herum wie ein im Heu verführtes Schäfermädchen!«

»Wie konntest du nur?« fragte meine Mutter mich schlicht.

Ich errötete und ließ den Kopf hängen. »Ich wollte doch nichts Verkehrtes tun«, flüsterte ich. »Es tut mir leid.«

»So schlimm ist es nun auch wieder nicht«, warf George ein. »Ihr seht die Sache zu düster. Er bleibt nie lange wütend.«

»Er schmollt wie ein Bär«, herrschte ihn mein Onkel an. »Vielleicht tanzen jetzt gerade die Seymour-Mädchen für ihn?«

»Keine ist so hübsch wie Mary«, behauptete mein Bruder standhaft. »Er vergißt sicher bald, daß sie je ein falsches Wort gesagt hat. Vielleicht mag er sie dafür nur um so lieber. Denn es beweist ja, daß sie nicht dressiert ist, daß echte Leidenschaft im Spiel ist.«

|62|Mein Vater nickte ein wenig versöhnt, aber mein Onkel trommelte immer noch mit seinen langen Fingern auf den Tisch. »Was sollen wir also machen?«

»Schickt sie weg«, mischte sich unvermittelt Anne ein. Sofort richteten alle ihre Aufmerksamkeit auf sie, ihre selbstbewußte Stimme fesselte alle.

»Weg?« fragte Onkel Howard.

»Ja. Schickt sie nach Hever. Sagt ihm, sie sei krank. Laßt ihn glauben, daß sie sich vor Gram verzehrt.«

»Und dann?«

»Dann wird er sie zurückhaben wollen. Sie wird ihm vorschreiben können, was immer sie will. Und dann« – Anne warf mir ein verächtliches kleines Lächeln zu –, »dann, wenn sie wiederkommt, muß sie sich nur noch so gut benehmen, daß sie den gebildetsten, geistreichsten und schönsten Fürsten der Christenheit bezaubert. Meint Ihr, das schafft sie?«

Es herrschte eisiges Schweigen, während meine Mutter, mein Vater und mein Onkel Howard, ja sogar mein Bruder George mich stumm musterten.

»Ich glaube es auch nicht«, sagte Anne selbstgefällig. »Aber ich kann sie so gut unterweisen, daß sie ihn in ihr Bett lockt. Was immer danach geschieht, liegt in Gottes Hand.«

Onkel Howard sah Anne durchdringend an. »Kannst du ihr beibringen, wie sie ihn zu halten vermag?« fragte er.

Sie hob den Kopf und lächelte ihn an, ein Bild des Selbstvertrauens. »Natürlich, wenigstens eine Zeitlang«, antwortete sie. »Schließlich ist er auch nur ein Mann.«

Onkel Howard lachte über diese gleichgültig hingeworfene Verurteilung seines Geschlechts kurz auf. »Du, nimm dich in acht«, riet er ihr. »Wir Männer sind nicht zufällig dorthin gelangt, wo wir heute sind. Wir haben beschlossen, zu den großen Zentren der Macht vorzudringen, allen Begierden der Frauen zum Trotz. Und wir haben ebenfalls beschlossen, diese Machtpositionen zu nutzen und Gesetze zu verfassen, die dafür sorgen, daß wir ewig dort bleiben.«

»Das mag sein«, gestand ihm Anne zu. »Aber hier geht es nicht um hohe Politik. Hier geht es darum, wie wir den König |63|mit seiner Begierde in eine Falle locken. Mary muß ihn nur einfangen und lange genug festhalten, daß er mit ihr einen Sohn zeugt, einen königlichen Howard-Bankert. Was mehr können wir verlangen?«

»Und das kann sie?«

»Sie kann es lernen«, antwortete Anne. »Sie ist auf dem besten Wege. Schließlich ist seine Wahl auf sie gefallen.« Mit einem kleinen Achselzucken deutete sie an, wie wenig sie von dieser Wahl hielt.

Es herrschte Schweigen. Onkel Howards schaute Anne an, als sähe er sie zum ersten Mal. »Nicht viele junge Mädchen in deinem Alter haben einen so klaren Kopf.«

Sie lächelte ihn an. »Ich bin eine Howard, genau wie Ihr.«

»Ich bin überrascht, daß du ihn nicht für dich selbst habenwillst.«

»Der Gedanke ist mir bereits gekommen«, sagte sie ehrlich. »Wie er wohl jeder Frau in England durch den Kopf geht.«

»Aber?« hub er an.

»Ich bin eine Howard«, wiederholte sie. »Worauf es ankommt, ist ganz allein, daß eine von uns den König einfängt. Es ist ziemlich gleichgültig, welche es ist. Wenn seine Wahl auf Mary fällt und sie ihm einen Sohn schenkt, den er anerkennt, dann ist meine Familie die erste im Lande. Ohne Rivalen. Und das können wir schaffen. Wir können den König beherrschen.«

Onkel Howard nickte. Er kannte den König, wußte, daß er sich wie ein gezähmtes Untier meist leicht am Zaum führen ließ, aber manchmal eben doch plötzlich störrisch wurde und ausbrach. »Mir scheint, wir haben dir zu danken«, sagte er. »Du hast unsere Strategie geplant.«

Sie nahm seinen Dank entgegen, aber nicht mit einer Verbeugung voller weiblicher Anmut, sondern mit einer ihrer arroganten Gesten. »Selbstverständlich will auch ich meine Schwester als Favoritin des Königs sehen. Diese Dinge betreffen mich genauso wie Euch.«

Onkel Howard schüttelte unwillig den Kopf, als meine Mutter ihre selbstbewußte älteste Tochter mit einem »pst« |64|zum Schweigen bringen wollte. »Nein, laßt sie sprechen«, sagte er. »Sie ist so gescheit wie wir. Und ich glaube, sie hat recht. Mary muß nach Hever gehen und dort warten, bis der König nach ihr schickt.«

»Er wird nach ihr schicken«, sagte Anne wissend. »Ganz gewiß wird er nach ihr schicken.«

 

Ich kam mir vor wie ein Paket, wie die Bettvorhänge oder die Teller für den Tisch des Königs. Ich sollte verpackt und als Köder für den König nach Hever geschickt werden. Ich sollte ihn nicht mehr sehen, ehe ich fortging, ich sollte mit niemandem über meine Abreise sprechen. Meine Mutter teilte der Königin mit, ich sei erschöpft, und bat sie, mich für einige Tage aus ihren Diensten zu entlassen, damit ich nach Hause reisen und mich ausruhen könne. Die Königin, die Ärmste, dachte, sie hätte den Sieg davongetragen. Sie glaubte, die Boleyns befänden sich auf dem Rückzug.

 

Es war kein langer Ritt, kaum mehr als zwanzig Meilen. Wir machten Rast, speisten am Wegesrand Brot und Käse, die wir mitgenommen hatten. Mein Vater hätte unterwegs die Gastfreundschaft jedes Herrenhauses in Anspruch nehmen können. Er war bekannt genug als Höfling, der hoch in der Gunst des Königs stand, und man hätte ihn aufs beste bewirtet. Aber er wollte die Reise nicht unterbrechen.

Die Landstraße war tief zerfurcht und voller Schlaglöcher, und ab und zu sahen wir am Weg ein zerbrochenes Wagenrad, wo eine Reisekutsche umgefallen war. Doch unsere Pferde schritten auf dem trockenen Boden zügig voran, und manchmal erlaubte das Terrain sogar einen leichten Galopp. Das Gemeindeland außerhalb der Dörfer war zumeist in schmalen Ackerstreifen angelegt. In den Dörfern quollen die Gärten der kleinen Häuser über von Blumen, Kräutern und Gemüsepflanzen. Wilde Bohnen rankten sich, Weißdornhecken blühten, hier und da war ein Teil des Gartens für ein Schwein abgezäunt, und auf dem Misthaufen vor der Hintertür krähte ein Hahn. Mein Vater ritt in zufriedenem Schweigen. Als wir unser |65|eigenes Land erreichten, trabten wir den Berg hinab, durch Edenbridge und quer durch die feuchten Wiesen auf Hever zu. Die Pferde verlangsamten ihren Schritt, als der Boden auf dem feuchten Pfad schwerer gängig wurde, aber nun, da wir uns unserem Gut näherten, bewies mein Vater Geduld.

Das Haus hatte schon seinem Vater gehört. Weiter reichte es jedoch nicht in der Familie zurück. Mein Großvater war ein Mann von bescheidenem Vermögen gewesen, der sich in Norfolk durch eigenes Geschick emporgearbeitet hatte, bei einem Textilhändler in die Lehre gegangen war und es dann schließlich zum Bürgermeister von London gebracht hatte. Sosehr wir uns an unsere Verbindung zu den Howards klammerten, so war sie doch erst durch meine Mutter zustande gekommen. Sie war Elizabeth Howard gewesen, Tochter des Herzogs von Norfolk und eine hervorragende Partie für meinen Vater. Er hatte sie erst in unser großartiges Herrenhaus in Rochford in Essex gebracht und dann nach Hever, wo sie entsetzt war, wie klein die Burg, wie winzig die gemütlichen Privatgemächer waren.

Sofort hatte er sich daran gemacht, das Haus nach ihren Wünschen umzubauen. Zuerst ließ er eine Decke in den großen Saal einziehen, der bisher bis zum Dachgebälk offen gewesen war. In dem so abgetrennten Raum wurden Privatgemächer eingerichtet, wo wir speisen und uns in größerer Bequemlichkeit zurückziehen konnten.

Mein Vater und ich bogen durch das Parktor ein. Der Torwächter und seine Frau kamen aus ihrem Haus gestürzt und verneigten sich. Wir winkten ihnen zu, folgten dem Lehmpfad und überquerten auf einer kleinen Holzbrücke den ersten Fluß. Meine Stute scheute beim hohlen Klang ihrer Hufschläge auf dem Holz.

»Närrin«, schalt mein Vater, und ich überlegte, ob er damit mich oder meine Stute meinte. Dann überholte er mich mit seinem Jagdpferd und trieb es über die Brücke. Meine Stute folgte willig, als sie begriffen hatte, daß ihr hier keine Gefahr drohte. So ritt ich hinter meinem Vater über die Holzbrücke der Burg und wartete. Unsere Leute kamen aus dem Wachraum, nahmen |66|uns die Pferde ab und führten sie in die hinter der Burg gelegenen Ställe. Nach dem langen Ritt waren meine Beine ganz schwach, doch ich folgte meinem Vater über die Zugbrücke in den Schatten des Torhauses und unter den furchteinflößenden dicken Zacken des Fallgatters hindurch auf den freundlichen kleinen Burghof.

Die vordere Tür der Burg stand offen, und der Oberhofmeister und die verschiedenen Haushaltsvorsteher kamen heraus und verneigten sich vor meinem Vater, gefolgt von einem halben Dutzend Bediensteter. Mein Vater ließ den Blick über die Leute schweifen: Einige trugen volle Livree, andere nicht, zwei Mägde banden sich gerade noch hastig die Sackleinwand ab, die sie zum Schutz über ihren guten Schürzen hatten. Irgendwo in einer Ecke des Hofes lungerte völlig verdreckt und verkrustet, halb nackt in seinen Lumpen, der Küchenjunge herum. Mein Vater betrachtete die allgemeine Unordnung und Vernachlässigung und nickte seinen Leuten zu.

»Nun gut«, sagte er vorsichtig. »Das ist meine Tochter Mary. Mistress Mary Carey. Habt Ihr Zimmer für uns vorbereitet?«

»O ja, Sir.« Der Vorsteher der Schlafgemächer verbeugte sich. »Es ist alles bereit. Das Gemach für Mistress Carey ist bereit.«

»Und Abendessen?« fragte mein Vater.

»Sofort.«

»Wir speisen heute in den Privatgemächern. Morgen esse ich im großen Saal, und die Leute können kommen und mit mir sprechen. Sagt ihnen, daß wir morgen öffentlich dinieren. Heute abend möchte ich jedoch nicht gestört werden.«

Eines der Mädchen trat vor und knickste vor mir. »Soll ich Euch Euer Gemach zeigen, Mistress Carey?« fragte sie.

Ich folgte ihr, nachdem mein Vater zustimmend genickt hatte. Wir gingen durch die breite Eingangstür und wandten uns dann in einem schmalen Flur nach links. Am anderen Ende führte eine winzige steinerne Wendeltreppe in ein hübsches Zimmer, in dem ein kleines Bett mit blauen Seidenvorhängen stand. Durch die Fenster blickte man über den Burggraben auf den Park. Eine Tür führte auf eine kleine Galerie |67|mit einem steinernen Kamin, das Lieblingszimmer meiner Mutter.

»Möchtet Ihr Euch waschen?« fragte die Magd verlegen. Mit einer Handbewegung deutete sie auf einen Waschkrug und eine Kanne mit kaltem Wasser. »Ich könnte Euch heißes Wasser holen.«

Ich zog meine Reithandschuhe aus und reichte sie ihr. »Ja«, erwiderte ich und dachte flüchtig an den Palast in Eltham, an die dort allgegenwärtige, schmeichelnde Dienerschaft. »Holt mir heißes Wasser, und seht zu, daß man mir meine Kleider heraufbringt. Ich möchte dieses Reitkleid ablegen.«

Sie verneigte sich und verließ den Raum über die kleine Steintreppe. Ich konnte hören, wie sie »heißes Wasser, Kleider« vor sich hin murmelte, um nur ja nichts zu vergessen. Ich ging zum Fenstersitz, kniete mich auf die Bank und blickte durch die bleiverglasten Scheiben.

Den ganzen Tag lang hatte ich krampfhaft versucht, nicht an Henry und an den Hof zu denken, die ich verließ, doch bei dieser spartanischen Heimkehr wurde mir klar, daß ich nicht nur die Liebe des Königs verloren hatte, sondern auch den Luxus, der mir so wichtig geworden war. Ich wollte nicht wieder Miss Boleyn von Hever sein. Ich wollte nicht die Tochter eines Landedelmanns auf seiner kleinen Burg in Kent sein. Ich war doch die am meisten vom Glück begünstigte junge Frau in ganz England gewesen. Ich hatte Hever weit hinter mir gelassen, und ich wollte nicht wieder dorthin zurück.

 

Mein Vater blieb nur drei Tage, gerade lange genug, um mit seinem Gutsverwalter und den Pächtern zu sprechen, die dringend mit ihm reden wollten. Lange genug, um eine Grenzstreitigkeit zu schlichten und seine Lieblingsstute einem Hengst zuzuführen. Dann war er wieder zum Aufbruch bereit. Ich stand beim Abschied auf der Zugbrücke und bot wohl einen sehr traurigen Anblick, denn sogar er bemerkte es, als er sich in den Sattel schwang.

»Was ist denn los?« fragte er aufmunternd. »Du wirst doch nicht etwa den Hof vermissen?«

|68|»Doch«, erwiderte ich knapp. Es hatte keinen Sinn, Vater zu erklären, daß ich tatsächlich den Hof vermißte, aber daß mir am allermeisten und am schmerzlichsten der Anblick Henrys fehlte.

»Daran bist du selbst schuld«, antwortete mein Vater barsch. »Wir müssen uns jetzt darauf verlassen, daß dein Bruder und deine Schwester alles für dich wieder einrenken. Wenn nicht, dann weiß Gott, was aus dir werden soll. Dann muß ich wohl Carey überreden, daß er dich zurücknimmt, und wir können nur hoffen, daß er dir vergibt.«

Er lachte lauthals, als er mein erschrockenes Gesicht sah.

Ich trat näher zum Pferd meines Vaters, legte eine Hand auf seinen Handschuh, der auf den Zügeln ruhte. »Falls der König nach mir fragt, würdest du ihm sagen, daß es mir sehr leid tut, wenn ich ihn beleidigt habe?«

Er schüttelte den Kopf. »Wir spielen das Spiel so, wie Anne es geplant hat«, erwiderte er. »Sie scheint zu glauben, daß sie weiß, wie man mit ihm umgehen muß. Du tust, was man dir sagt, Mary. Du hast es schon einmal verdorben, jetzt mußt du dich eben den Anweisungen anderer fügen.«

»Warum sollte ausgerechnet Anne bestimmen, was gemacht wird?« wollte ich wissen. »Warum hört ihr immer auf Anne?«

Mein Vater entzog mir seine Hand. »Weil sie einen klugen Kopf hat und ihren Wert kennt«, sagte er schroff. »Während du dich wie eine Vierzehnjährige benommen hast, die zum erstenmal verliebt ist.«

»Aber ich bin doch eine Vierzehnjährige, die zum ersten Mal verliebt ist!« rief ich.

»Eben«, antwortete er gnadenlos. »Und deswegen hören wir auf Anne.«

Er machte sich nicht die Mühe, Abschied von mir zu nehmen, sondern wendete einfach sein Pferd, trabte über die Zugbrücke und über den Pfad zum Tor hinab.

Ich hob die Hand, um ihm zuzuwinken, falls er sich noch einmal umdrehte. Aber er schaute nicht zurück. Er ritt hoch erhobenen Hauptes, den Blick nach vorn gerichtet. Er ritt wie ein Howard. Wir blicken niemals zurück. Für uns gibt es keine |69|Reue, keinen Zweifel. Wenn ein Plan gescheitert ist, machen wir einen neuen. Wenn uns eine Waffe in der Hand zersplittert, greifen wir nach der nächsten. Wenn vor uns Stufen nach unten führen, überspringen wir sie und steigen trotzdem nach oben. Für uns Howards geht es immer nur vorwärts und aufwärts. Mein Vater ritt wieder zum Hof und zum König, ohne auch nur einen Blick zu mir zurückzuwerfen.

 

Bereits nach der ersten Woche hatte ich alle Spazierwege abgeschritten, die der Garten bot, und hatte den Park in allen Richtungen erkundet. Ich hatte einen Gobelin für den Altar der Peterskirche von Hever angefangen und bereits einen halben Quadratmeter Himmel gestickt, der wirklich sehr eintönig war, nichts als Blau. Ich hatte drei Briefe an Anne und George geschrieben und sie von einem Boten an den Hof in Eltham schaffen lassen. Dreimal war er für mich dorthin geritten und hatte als Antwort nichts außer ihren besten Wünschen mit zurückgebracht.

Am Ende der zweiten Woche ließ ich mir am Morgen mein Pferd aus dem Stall bringen. Von nun an machte ich lange Ausritte ohne Begleitung, denn ich war zu mißmutig, um die Gesellschaft selbst der ruhigsten Diener zu ertragen. Ich versuchte meine Launen zu verbergen. Ich dankte der Magd für jeden kleinen Dienst, den sie mir erwies. Ich setzte mich vor mein Essen und neigte das Haupt, wenn der Priester das Tischgebet sprach, als hätte ich nicht den dringenden Wunsch, aufzuspringen und meinen Unmut in alle Welt zu schreien. Meinen Unmut darüber, daß ich hier in Hever gefangensaß, während der Hofstaat ohne mich von Eltham nach Windsor umzog. Ich versuchte mit aller Macht, den Zorn darüber zu unterdrücken, daß ich dem Hof so fern war, daß ich so weit weg von allem war, was dort geschah.

In der dritten Woche verfiel ich in resignierte Verzweiflung. Ich hatte von niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen gehört und schloß daraus, daß Henry nicht nach mir schicken würde, daß mein Ehemann störrisch war und wohl kaum eine Frau wiederhaben wollte, die mit der Schande behaftet war, |70|daß der König zwar mit ihr geflirtet, sie aber nicht zu seiner Mätresse gemacht hatte. Eine solche Frau konnte den Ruhm ihres Gatten nicht mehren. Eine solche Frau ließ man am besten auf dem Land. In der zweiten Woche schrieb ich zweimal an Anne und George, doch sie antworteten auch jetzt nicht. Aber dann, am Dienstag der dritten Woche, erhielt ich eine gekritzelte Notiz von George:

 

Nicht verzweifeln! Ich wette, Du glaubst, daß wir Dich alle im Stich gelassen haben. Er spricht ständig von Dir, und ich erinnere ihn an Deine unzähligen Reize. Ich glaube, er wird wohl noch diesen Monat nach Dir schicken. Sorge dafür, daß Du dann gut aussiehst.

Geo.

Anne läßt Dir ausrichten, daß sie Dir auch bald schreibt.

 

Georges Brief war die einzige Erleichterung während meiner langen Wartezeit. Inzwischen war der Mai gekommen, der glücklichste Monat bei Hof, weil mit ihm die Zeit der Picknicks und Reisen wieder anfängt.

Ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte. Ich hatte überhaupt keine nennenswerte Gesellschaft. Meine Magd schwatzte beim Ankleiden mit mir. Das Frühstück nahm ich allein am Ehrentisch ein, und ich sprach nur mit Bittstellern, die mir Geschäfte vortrugen, die mein Vater erledigen sollte. Ich spazierte ein wenig im Garten umher. Ich las verschiedene Bücher.

An den langen Nachmittagen ließ ich mir mein Jagdpferd bringen und durchstreifte die Landschaft in immer weiteren Bögen. Ich lernte allmählich die kleinen Straßen und Pfade kennen, die um mein Heim verliefen, und begann sogar einige Pächter auf ihren kleinen Höfen wiederzuerkennen. Ich lernte ihre Namen und zügelte das Pferd, wenn ich einen Mann auf dem Feld arbeiten sah, fragte ihn danach, was er anbaute und wie es ihm ging. Es war die beste Jahreszeit für die Bauern. Das Heu war gemäht und trocknete in langen Reihen, bis man es mit Gabeln zu großen Haufen auftürmte und abdeckte, damit |71|es als Winterfutter trocken lagerte. Auf den Feldern standen Weizen, Gerste und Roggen gut. Die Kälber wurden fett von der Milch ihrer Mütter, und in allen Bauernhäusern und Hütten des Landes zählte man den Erlös vom alljährlichen Holzverkauf.

Es war eine kurze Zeit der Muße, ein Verschnaufen von der harten Arbeit, und die Bauern hielten kleine Tanzfeste auf dem Dorfanger und Rennen und andere Belustigungen ab, ehe die Ernte begann.

Ich war inzwischen vertraut mit dem Land außerhalb der Gutsmauern, mit den Bauern und den Feldfrüchten, die sie anbauten. Als sie einmal zur Abendessenszeit vor mir erschienen und Beschwerde führten, daß ein bestimmter Mann das Stück Land, das man ihm überlassen hatte, nicht ordentlich beackerte, da wußte ich sofort, wovon sie sprachen, denn am Tag zuvor war ich dort vorbeigeritten und hatte gesehen, daß auf dem Feld Unkraut und Nesseln wuchsen, es war das einzige verwahrloste Feld inmitten der anderen, gut gepflegten Parzellen. Es war mir ein leichtes, diesen Pächter zu verwarnen, während ich dabei mein Abendessen zu mir nahm: Man werde ihm das Land wegnehmen, falls er es nicht besser nutzte. Ich kannte die Bauern, die Hopfen anbauten, und diejenigen, die Wein angepflanzt hatten. Ich traf eine Übereinkunft mit einem von ihnen: Falls seine Traubenernte gut ausfiel, würde ich meinen Vater bitten, einen Franzosen aus London kommen zu lassen, der ihn in der Kunst des Kelterns unterrichten sollte.

Es bereitete mir keine Mühe, jeden Tag über Land zu reiten. Ich war gern an der frischen Luft, hörte die Vögel singen, während ich durch den Wald ritt, roch den Duft des blühenden Geißblatts, das sich zu beiden Seiten des Wegs wie ein Wasserfall über die Hecken ergoß. Ich liebte meine Stute Jesmond, die mir der König geschenkt hatte: ihre Freude am leichten Galopp, ihre wachen Ohren, ihr Wiehern, wenn sie sah, daß ich mit einer Karotte in der Hand in den Stallhof trat. Ich liebte die üppigen Wiesen am Fluß, die mit weißen und gelben Blüten übersät waren, und ich liebte den flammenden |72|Mohn in den Weizenfeldern. Ich liebte das offene Land und die Bussarde, die höher noch als die Lerchen ihre großen, trägen Kreise am Himmel zogen, ehe sie auf den breiten Schwingen kehrtmachten und fortflogen.

Alles war nur Spielerei, nur Zeitvertreib, wenn ich schon nicht am Hof und bei Henry sein konnte. Doch wurde mir zunehmend bewußt, daß ich doch mindestens eine gute und gerechte Landherrin sein könnte, falls ich wirklich niemals wieder an den Hof zurückkehren sollte. Die pfiffigeren Bauern außerhalb von Edenbridge hatten begriffen, daß der Markt für Luzerne gut war. Sie kannten jedoch niemanden, der diese Pflanze anbaute, und wußten nicht, woher sie das Saatgut beziehen konnten. Ich schrieb in ihrem Namen an einen Bauern auf dem Landgut meines Vaters in Essex, der Saatgut und Ratschläge schickte. Die Bauern bestellten damit ein Feld, während ich noch dort war, und versprachen, ein weiteres Feld damit zu bepflanzen, sobald man herausgefunden hatte, wie die Pflanze den Boden vertrug. Ich mochte nur eine junge Frau sein, dachte ich mir, aber immerhin hatte ich doch etwas Wunderbares erreicht. Ohne mich hätten die Leute weiterhin nur im »Hollybush« gesessen, mit der Faust auf den Tisch geschlagen und heilige Eide geschworen, daß man mit den neuen Saaten ein Vermögen verdienen könnte. Durch meine Hilfe waren sie in der Lage, es damit zu versuchen, und wenn es ihnen wirklich ein Vermögen einbrachte, dann hatten eben wieder einmal zwei Männer ihren Weg in der Welt gemacht. Wenn man den Aufstieg meines Großvaters bedachte, so konnte man nie wissen, wie weit sie es noch bringen würden.

Sie freuten sich darüber. Wenn ich auf das Feld ritt, um zu sehen, wie gut sie mit dem Pflügen vorankamen, eilten sie zu mir herüber, traten sich den Lehm von den Füßen ...

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