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Die Schwarzen Perlen - Folge 06

Verwehte Spuren

Von O. S. Winterfield

Die Suche nach ihrer Mutter Olivia hat Stella Douglas zu Scheich Abdul-Rahman in die sagenumwobene Welt aus Tausendundeiner Nacht geführt, wo sie nun Fatima, der wunderschönen Gemahlin des Scheichs, gegenübersitzt.

Als die geheimnisvolle Frau ihren Schleier lüftet, wagt Stella kaum zu atmen. Gebannt starrt sie auf das kostbare Stirnband dieser orientalischen Schönheit. In dessen Mitte prangt eine Perle – eine schwarze Perle aus Lady Olivias Kette!

Und dann beginnt Fatima zu erzählen – von Olivia Douglas und ihrem bitteren Schicksal als weiße Sklavin im Harem des Scheichs …

Die Wagenkolonne des Scheichs Abdul-Rahman befand sich auf der Wüstenpiste von Riad nach Hofuf. Er und sein Gefolge hatten die Hauptstadt von Saudi-Arabien, nachdem sie mit dem Flugzeug von Beirut dort angekommen waren, vor einer halben Stunde hinter sich gelassen und langweilige Stunden durch eine immer gleiche Landschaft lagen vor ihnen.

Fatima, die Hauptfrau des Scheichs, saß im Fond eines der komfortablen Wagen. Und sie hatte auf dieser Reise zurück nach Hofuf einen Gast. Es war die achtzehnjährige Stella Douglas aus Ferrymoore in Schottland.

Das rotblonde Mädchen sah wie gebannt auf die schwarze Perle in Fatimas Stirngehänge.

Das etwas volle, aber noch immer schöne Gesicht der Hauptfrau des Scheichs war blass, ihre schwarzen Augen glühten. »Ja, Stella, es kann nur Ihre Mutter gewesen sein, die mir die schwarze Perle geschenkt hat. Unsere weiße Sklavin Olivia war damals mit einem Transport aus Europa nach Saudi-Arabien gekommen. Das ist nun etwas mehr als fünfzehn Jahre her. Zu jener Zeit war ich wohl die Lieblingsfrau des Scheichs, aber nur seine zweite Frau. Suleika war seine Hauptfrau, sie hatte ihm schon mehrere Söhne geboren. Einen davon haben Sie kennengelernt.«

»Sidi Hassan!«, stieß Stella hervor. In ihren Augen stand Angst.

Beschwichtigend legte Fatima ihre Hand auf Stellas Arm. »Denken Sie nicht mehr an ihn, Stella. Er wird Ihnen nie mehr etwas tun können.« Fatima sprach ein gutes Englisch. Ihr Blick ging jetzt durch das Wagenfenster hinaus in die endlos wirkende gelbgraue Wüste. »Wir waren nicht von Anfang an Freundinnen, Ihre Mutter und ich. Im Gegenteil.« Sie senkte die Lider über die Augen. »Ich sah in der schönen neuen Sklavin Olivia eine Rivalin um die Gunst des Scheichs. Ich war damals sehr stolz, sehr leidenschaftlich und ehrgeizig. Als Tochter eines Stammesführers wollte ich nicht Nebenfrau bleiben.«

»Sie haben Ihr Ziel erreicht, Fatima«, sagte Stella.

»Ja, als Suleika zu alt wurde und als ich dem Scheich nach zwei Mädchen endlich auch einen Sohn schenken konnte. Suleika ist inzwischen gestorben, deshalb vertrete ich auch an ihren Söhnen Mutterstelle. Aber davon wollten wir nicht sprechen, Stella. Sie suchen Ihre Mutter, und ich habe Ihnen versprochen, dass Sie von mir erfahren sollen, was ich von ihrem Schicksal weiß. Sie hat mir erzählt, wie man sie in Cannes überlistet und von der Seite eines Mannes gerissen hatte, der ihr ein väterlicher Beschützer war.«

»Ja, General Harold Sutton. Er hat mir erst vor kurzer Zeit von meiner Mutter erzählt. Auch ihn lernte ich wie durch ein Wunder kennen.« Stellas Stimme klang nachdenklich. »Und auch nur deshalb, weil ich eine schwarze Perle meiner Mutter an seiner Krawattennadel entdeckte.« Wieder heftete sich Stellas Blick auf Fatimas schwarze Perle. Sehr leise sagte Stella jetzt: »Immer bin ich allein, wenn ich eine solche Perle finde. Gaston wollte mir auf der Suche nach meiner Mutter helfen, aber es kam nie dazu. Es scheint mein Schicksal zu sein, dass ich um beide zittern muss – um den Mann, den ich so sehr liebe und um meine Mutter. Warum haben sie und General Sutton sich damals in Cannes von Prinz Ali Elschani und von Maggie Sutton überlisten lassen?«

»Nun, wenn ich mich richtig erinnere, war Maggie Sutton die Schwiegertochter des Generals und hatte Angst, dass ihr Mann und sie den alten Herrn nicht mehr allein würden beerben können.«

Stella nickte. »Ja, so war es. General Sutton wollte meine Mutter adoptieren, damit er sie besser beschützen kann. Jener Mann, der sich Prinz Ali Elschani nannte, in Wirklichkeit aber gar kein Prinz gewesen sein soll, kam Maggie gerade recht. Sie hatte durch Zufall erfahren, dass er Mädchenhändler war. Für Maggies Versprechen, ihn nicht zu verraten, entführte er meine Mutter. Arglos nahmen sie und der General eine Einladung auf die Jacht Ali Elschanis an.«

»Ja, auch das hat mir Ihre Mutter erzählt, Stella.« Fatimas Hand griff nach dem Gesichtsschleier. Mit entschuldigendem Ton in der Stimme sagte sie: »Alles, was ich Ihnen zu erzählen habe, Stella, spricht sich leichter hinter dem Schleier. Er ist nun einmal ein Teil unseres Lebens.«

***

Die Lichter von Cannes blieben zurück, als zwei Schwarze Lady Olivia mit Gewalt aus dem kleinen Boot auf die Jacht Prinz Ali Elschanis brachten. Maggie Sutton war in dem Boot zurückgeblieben. Sie würde man jetzt an eine entlegene Stelle des Strandes bringen, zum Schein betäuben und darauf hoffen, dass sie bei Anbruch des neuen Tages gefunden wurde.

Lady Olivia hatte versucht, sich zu wehren. Aber was waren ihre schwachen Kräfte gegenüber den starken Männern?

Ein trockenes Schluchzen schüttelte Lady Olivia, als sie an Deck stand und den Strand nur noch schemenhaft erkannte.

Harold!, schrie es in ihr. Was würde er jetzt tun? Er hatte mit seinem Sohn in einem anderen Boot gesessen. Wann würde er merken, was mit ihr geschehen war?

Jetzt trat Prinz Ali zu Lady Olivia. »Gefällt es Ihnen nicht auf meiner Jacht?«, fragte er spöttisch. »Sie haben sich doch freiwillig dazu entschlossen, meine Einladung anzunehmen.«

»Was haben Sie mit mir vor?«, fragte Olivia voller Todesangst. »Warum bringen Sie General Sutton nicht an Bord?«

Prinz Ali lachte laut. »Aber verehrteste Lady Olivia, General Sutton ist ein Mann in reifen Jahren. Sind Sie davon überzeugt, dass Sie an seiner Seite immer glücklich gewesen wären? Ich werde Sie zu anderen Männern bringen, die Ihnen mehr an Gefühl bieten können und die es nach schönen Frauen verlangt. Zwar ziehen meine Auftraggeber blonde Frauen vor, aber Sie sind eine rassige Schönheit, Sie werden auch Ihre Chancen haben.«

»Ich will von diesem Schiff«, schluchzte Lady Olivia. Sie hob die Hände. »Bitte, bringen Sie mich zurück nach Cannes.«

»Nach Cannes werde ich Sie nicht bringen. Ich bin nämlich kein Freund von nutzloser Arbeit. Aber das Schiff können Sie sehr bald schon wechseln. Ich habe keine Lust, in Richtung Saudi-Arabien zu fahren, mein Ziel liegt woanders. Sehen Sie die Lichter da draußen? Sie gehören zu einem Trampdampfer. Er wartet nur darauf, Sie und einige andere Frauen über das Meer zu schaukeln. Das wird zwar nicht so bequem wie auf dieser Jacht sein, aber man kann eben nicht immer im Leben hohe Ansprüche stellen.«

»Warum tun Sie das eigentlich?«, fragte Olivia tonlos. Sie war so verzweifelt, dass sie nicht einmal mehr wütend sein konnte. »Warum entführen Sie mich?«

»Warum wohl?« Ali Elschani lächelte. »Von irgendetwas muss der Mensch ja schließlich leben. Und Weiber sind gutgläubig und leichtsinnig. Ein Prinzentitel und eine Jacht ziehen immer.« Er steckte sich eine Zigarette an.

Also Arabien, dachte Olivia dumpf, und vor ihr stieg eine Vision dessen auf, was sie erwartete: Wüste, grelle Sonne und brutale, ungewaschene Männer.

»Und wenn ich …«

Ihre Perlenkette war ihr eingefallen.

»Wenn Sie was?«

»Nichts.«

Es hatte keinen Sinn, ihm die Kette anzubieten. Er würde sie ihr nur wegnehmen und sie trotzdem in die Sklaverei verkaufen. Außerdem hatte sie geschworen, sich niemals von der Kette zu trennen.

Olivia blickte starr zu dem uralten rostigen Trampdampfer hinüber, der außerhalb der Dreimeilenzone vor Anker lag.

»Wird auch Zeit!«, schrie ein Mann von Deck herunter. »Du denkst wohl, wir wollen hier Wurzeln schlagen, wie?«

Elschani deutete auf das Fallreep an der Seitenwand des Schiffes. Olivia kletterte an Deck und wurde dort von zwei dunkelhäutigen Matrosen in Empfang genommen. Wortlos führten sie Olivia eine Treppe hinunter. Sie sah gerade, noch, dass der Kapitän einen dicken Umschlag auf das Deck der Jacht warf.

»Deine Bezahlung!«, rief er Ali Elschani zu. »Mach dir ein paar schöne Tage damit!«

Für diese paar schönen Tage muss ich meine Freiheit opfern, dachte Olivia bitter, als sich die Gittertür einer Zelle hinter ihr schloss.

»He, Sie, Neue!«, schrie jemand. Es war eine Frauenstimme.

Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Olivia begriff, dass sie damit gemeint war.

»Ja, was ist? Wo sind Sie?«

»Hier drüben. Schräg gegenüber.«

Jetzt erst sah Olivia, dass sich links und rechts vom Gang mehrere vergitterte Zellen befanden. Wie Raubtierkäfige in einem Zirkus, dachte sie. Die schmalen Gittertüren waren gegeneinander versetzt, damit man sein Gegenüber nicht sehen konnte. Olivia sah nur einen blonden Frauenkopf, der in der rechts liegenden Zelle gegen die fingerdicken Gitterstäbe gepresst wurde.

»Wie hat man Sie erwischt?«, fragte die blonde Frau. »Auch ein Mann, wie? Ist doch immer dasselbe. Und ich habe ihn sogar ehrlich geliebt, diesen Schuft!« Die Frau sprach französisch.

»Genau wie ich«, sagte eine andere Frauenstimme in einer der Zellen. »Aber eins sage ich euch, falls ich heil aus dieser Sache herauskomme, legt mich kein Mann mehr rein. Ich werde die Männer nur noch ausnutzen und genauso hinterhältig ausbeuten, wie mich dieser Lump …« Der Rest ging in einem hemmungslosen Schluchzen unter.

»Wie viele sind wir hier eigentlich?«, erkundigte sich Olivia.

»Vier, nein, fünf mit Ihnen.«

»Und wo kommen Sie alle her?«

»Ich bin Deutsche. Ich komme aus einem kleinen Nest bei Bremen. Ich wollte mal raus aus dem Einerlei. Große weite Welt und so, verstehen Sie?« Die Frau lachte trocken. »Na ja, jetzt lernen wir sie ja kennen, wahrscheinlich gründlicher, als uns lieb ist.«

Auch diese Frau sprach Französisch, aber sehr gebrochen.

»Und die anderen?«, fragte Olivia zitternd vor Erregung.

»Weiß ich auch nicht«, sagte die blonde Deutsche. »Es ist, glaube ich, noch ein Mädchen aus Deutschland hier, und eine Spanierin. Die hat bis jetzt noch keinen Ton gesagt. Ich höre sie nur oft weinen. Vor allem nachts. Sie kam auch von der Jacht.«

Das Schiff erzitterte in allen Fugen, als der Schiffsdiesel auf Touren kam.«

»Gott sei Dank, es geht weiter!«, sagte die Blonde. »Ich dachte schon, wir würden ewig hier liegen bleiben.«

»Sie können es wohl überhaupt nicht erwarten, in einem Harem zu landen, wie?«, fragte eine der Frauen. »Ich wette, wir werden uns bald alle nach diesem Loch zurücksehnen. Hier wird man wenigstens in Ruhe gelassen.«

»Ein bisschen zu viel für meinen Geschmack. Ich brauche Leben in der Bude. Und ich werde mich schon durchmogeln. Bis jetzt hat das immer irgendwie geklappt.«

Olivia sank auf eine Pritsche, sie hörte nicht mehr, was um sie herum vorging, sie konnte nur hemmungslos schluchzen.

***

Das Schiff fuhr an Sizilien vorbei, an der nordafrikanischen Küste entlang. Die sengenden Strahlen der Sonne knallten auf das Stahldeck und verwandelten die Räume in Backöfen.

Die Frauen in ihren Käfigen litten entsetzlich unter der Hitze. Nachts kühlte sich der eiserne Schiffsrumpf nur sehr langsam ab, und wenn die Temperatur endlich einigermaßen erträglich geworden war, stand schon wieder die Sonne am Himmel, und die Qualen begannen von Neuem.

Die Frauen atmeten daher auf, als sie in der vierten Nacht endlich das Scheppern der Ankerkette hörten. Eine halbe Stunde später erschienen zwei Matrosen und brachten sie einzeln an Deck. Olivia kam als vorletzte an die Reihe. Tief sog sie die kühle, frische Seeluft ein, als die beiden Bewacher sie nach oben brachten.

»Nach Backbord!«, befahl einer der Matrosen und dirigierte Olivia mit einem leichten Rippenstoß in die gewünschte Richtung.

Neben dem großen Schiff schaukelte eine arabische Dau auf den Wellen, ein plumpes, hochbordiges Boot mit einem Lateinsegel. Olivia sah Männer geschäftig hin und her rennen und hörte arabische Wortfetzen und Befehle.

Sie zögerte, als ihr Bewacher sie anwies, das Fallreep hinab in die Dau zu klettern.

»Schneller! Nun mach schon!« Der Bewacher drängte Olivia auf das Fallreep.

Sie kletterte hinab und sprang auf das leicht schwankende Deck der Dau. Ein Araber packte sie am Arm und drängte sie zum Bug.

»Nummer fünf! Die letzte!«, rief eine Stimme.

Olivia sah ein blondes Mädchen das Fallreep hinabsteigen und jetzt, wo sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie auch die drei anderen Frauen, die in sicherem Abstand voneinander bereits an Bord der Dau saßen, zwei Blondinen und ein Mädchen mit dunklem schulterlangem Haar. Das musste die Spanierin sein, von der ihr die Blonde aus der gegenüberliegenden Zelle erzählt hatte.

»Na, Kinder, jetzt kann’s also losgehen«, sagte die blonde Frau, die als Letzte an Deck der Dau kletterte.

»Ruhe!«, schrie der Araber, der neben der Strickleiter stand. »Sklaven ist es verboten, zu reden.« Er sprach englisch.

»Man wird doch noch …«

»Nicht reden!«

Der Mann riss eine zusammengerollte Nilpferdpeitsche aus dem Gürtel und schlug damit auf die Blonde ein. Olivia sah den langen, schweren Riemen durch die Luft sausen und hörte die klatschenden Schläge und die gellenden Schmerzensschreie.

Die Frau brach unter der Wucht der gnadenlosen Hiebe zusammen. Olivia zitterte, und alles in ihr schrie danach, diesem Sadisten die Peitsche aus der Hand zu reißen, aber sie wusste, dass sie sich dadurch nur selbst in Gefahr bringen würde. Und dann trat glücklicherweise ein Araber auf den Kerl zu. Er packte den Peitschenschaft und schrie den Mann wütend an.

Die Dau glitt jetzt geräuschlos und ohne Lichter auf die Küste zu. Mit brennenden Augen sah Olivia zurück auf das alte Trampschiff, das sie bis hierher gebracht hatte.

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