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Die Schwarzen Perlen - Folge 01

Die Frau in Schwarz

Von O. S. Winterfield

Die Nacht senkte sich auf Ferrymoore Castle herab. Es war ein trauriger Tag gewesen. Stella Douglas hatte ihren Vater, Sir Henry, zu Grabe getragen – 16 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter Olivia. Die junge Frau war jetzt ganz auf sich allein gestellt. Unwillkürlich dachte Stella an die Gemächer ihrer Mutter, die seit deren Tod verschlossen waren und die auf Geheiß ihres Vaters niemand mehr hatte betreten dürfen. Was war damals nur so Schreckliches geschehen, dass Lady Olivia auf Ferrymoore auch in der Erinnerung nicht mehr leben durfte?

Stella wollte es herausfinden. Jetzt konnte sie niemand mehr daran hindern, diesen Teil des Schlosses zu betreten. Unsicher überschritt sie die Schwelle in das verbotene Reich. Ihr Blick fiel auf ein großes Portrait ihrer Mutter. Es zeigte eine wunderschöne Frau, um deren Hals eine Kette aus schwarzen Perlen lag …

Der Sarg war tiefschwarz. In seinen mattsilbernen Beschlägen spiegelte sich das Kerzenlicht aus den hohen Kandelabern. Kein Kranz lag vor diesem Sarg, keine Blume schmückte ihn. Seine einzige Zierde war ein zerknittertes Tuch mit dem Wappen der alten schottischen Adelsfamilie Douglas.

Zwei Männer in grün-braun karierten Kilts, den Farben des Douglas-Clans, hielten die Totenwache. Sie standen breitbeinig auf dem Steinboden, die Hände an der Dachsfelltasche am Gürtel. Ihre vom rauen Wetter des schottischen Hochlandes gegerbten Gesichter wirkten maskenhaft starr.

Die schwere Eichentür der Grabkapelle quietschte in den Angeln. Eine junge Frau trat ein. Sie kam aus dem hellen Tag draußen und musste sich nun erst an das düstere Licht in diesem Raum gewöhnen. Zögernd, unsicher ging sie auf den Sarg zu und blieb an seinem Fußende stehen.

Die beiden Männer im Kilt blickten noch immer starr geradeaus. Sie schienen nicht bemerkt zu haben, dass Stella Douglas die Grabkapelle betreten hatte und nun vor dem Sarg ihres Vaters stand.

Mit zitternden Händen strich sich die achtzehnjährige Stella über das lange rotblonde Haar und sah sich mit ihren dunklen Augen verstört um. Am liebsten wäre sie aus diesem düsteren, modrigen Raum wieder geflohen. Aber der Tote in dem Sarg war ihr Vater, Sir Henry Douglas.

Man hatte Stella aus ihrem Internat in Lausanne zurückgerufen, damit sie Sir Henry die letzte Ehre erweisen konnte – hier auf Ferrymoore Castle, dem Stammsitz ihrer Familie.

Stella fröstelte, jedoch nicht nur, weil es feucht und kalt in der Grabkapelle war. Sie fürchtete sich auch. Bisher war sie nie mit dem Tod in Berührung gekommen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Vater, dieser große stämmige und herrschsüchtige Mann, nicht mehr leben sollte.

Stella trat jetzt an die Längsseite des Sarges und sah die beiden Männer an.

»Ich möchte meinen Vater noch einmal sehen«, bat sie.

Sie bekam keine Antwort. Nur das leise Knistern der Dochte war zu hören.

Nun trat Stella an einen der beiden Männer ganz nahe heran und wiederholte ihre Bitte.

»Das ist unmöglich.« Die Stimme des Mannes hallte von den kahlen Wänden der Grabkapelle zurück.

Stella zuckte zusammen, sie trat wieder einige Schritte zurück.

»Wieso sollte das unmöglich sein? Ich bin die einzige Tochter des Toten, ich habe ein Recht darauf, meinen Vater noch einmal zu sehen.« Stellas Stimme klang fest, ganz im Widerspruch zu ihrer verängstigten Haltung.

»Uns wurde verboten, den Sarg noch einmal zu öffnen, Miss Douglas.« Der Mann bewegte die Lippen kaum, als er das sagte.

»Und wer hat es verboten?«, fragte Stella.

Der Mann sah sie jetzt aus zusammengekniffenen Augen an. »Bei uns in Ferrymoore stellt man keine Fragen. Auch der Tochter des Schlossherrn muss die Antwort genügen, dass es verboten ist.«

Stella atmete schwer, ihre Augen sahen noch dunkler aus als sonst, ihre Stimme vibrierte, als sie hervorstieß: »Mein Vater ist tot, ich bin die Herrin von Ferrymoore, ich bestimme von jetzt an.«

Ihre Hände griffen nach dem Sargdeckel, als hoffe sie, ihn selbst hochheben zu können.

In beide Männer der Totenwache kam plötzlich Bewegung. Sie drängten Stella rücksichtslos vom Sarg weg.

»Verlassen Sie sofort die Grabkapelle«, forderte einer der beiden, umfasste Stellas Arm mit robustem Griff und schob sie quer durch den Raum vor sich her, zum Ausgang der Kapelle.

Stella wagte keinen Widerstand gegen den starken Mann. Als er die Eichentür aufriss, taumelte sie ins Freie. Zitternd vor Erregung, lehnte sie sich an die raue Steinwand. Es vergingen einige Minuten, ehe die junge Frau den Schock überwunden hatte.

Verzweifelt sah sie sich um. Ihre Blicke gingen über den kleinen Friedhof. Hier, zwischen den verfallenen Gräbern mit den windschiefen und verwitterten Kreuzen, hatte sie sich schon als Kind gefürchtet – genauso wie vor der trostlosen Weite des Hochmoors, das sich hinter dem Friedhof ausbreitete.

Das wilde Gekrächze der Raben hatte ihr immer Angst eingeflößt. Auch heute flatterten sie um die verkrüppelten Kiefern, setzten sich auf die abgestorbenen Weidenstümpfe und reckten die Hälse.

Totenvögel, dachte Stella schaudernd. Sie presste die Hände an die Brust und wandte ruckartig den Kopf auf die andere Seite. Sie konnte den Anblick dieser bedrückenden Landschaft nicht länger ertragen.

Stattdessen betrachtete sie jetzt den wuchtigen Bau von Schloss Ferrymoore. Es stand auf schroffen, fast schwarzen Uferklippen, umspült vom Wasser eines Fjords. Schmale Türmchen wirkten verspielt auf dem grobklotzigen Unterbau, viele der Fenster waren blind vom Staub unzähliger Jahre.

Ist dieses Schloss Ferrymoore überhaupt noch meine Heimat?, fragte sich Stella. Sie dachte daran, dass sie seit acht Jahren stets nur wenige Ferientage hier verbracht hatte. Die übrige Zeit war sie in Internaten gewesen – auf Wunsch ihres Vaters.

Sir Henry hatte ihr nicht einmal gegönnt, längere Zeit in einem Internat zu bleiben. Ihm war es gleichgültig gewesen, dass sie sich immer wieder von kaum gewonnenen Freundinnen hatte trennen müssen. In England, in Deutschland und in Frankreich.

Seit zwei Jahren lebte Stella in einem Schweizer Internat, in Lausanne. Aber auch dort hätte sie der Vater sicher bald wieder fortgeholt, wenn er jetzt nicht gestorben wäre.

Ich bin ein Kind dieses kargen Landes, Ferrymoore ist meine Heimat, aber ich bin eine Fremde hier, erkannte die junge Frau ängstlich. Ich bin allein, verlassen und stehe einer feindseligen Umgebung gegenüber.

Stellas Blick suchte die kleine Senke zwischen Klippen und Moor. Dort lag das Dorf Ferrymoore mit seinen geduckten, eng aneinandergedrängten Häusern. Es sah aus, als suchten sie Schutz vor der Bedrohung durch das wuchtige Schloss über ihnen.

Langsam und erschöpft ging Stella auf das Schloss zu. Vor dem Portal stand der alte Rolls Royce »Silver Ghost« ihres Vaters. Mit diesem Wagen hatte der Butler Jock sie vom Bahnhof abgeholt.

Warum war Jock so schweigsam gewesen, warum hatte er ihre Fragen nicht beantworten wollen? Was war auf Ferrymoore geschehen, welches Rätsel umgab den Tod ihres Vaters?

Jock hatte Stella allein in die Grabkapelle geschickt, noch bevor sie das Schloss betreten hatte.

Aber jetzt musste er ihr Rede und Antwort stehen. Auch er wusste doch, dass sie die Nachfolgerin ihres Vaters war, die Herrin von Ferrymoore.

In diesem Schloss war es nie üblich gewesen, dass sich die Dienerschaft oder die Bewohner des Dorfes gegen ihre Herrschaft aufgelehnt hatten. Auch wenn die neue Herrin erst achtzehn Jahre alt war, würde man ihr den Respekt nicht versagen können.

Durch diese Gedanken war Stella etwas sicherer geworden. Sie betrat die Halle von Ferrymoore und rief laut nach Jock.

Er ließ sie nicht lange warten und kam auf schon etwas altersschwachen Beinen und mit vorgebeugter Haltung die breite Treppe aus dem ersten Stock herunter. Seine dunkelbraune Livree mit den grünen Aufschlägen war abgenutzt.

Auf diese Hausfarben der Familie Douglas hatte der Vater immer noch Wert gelegt. Um Jock eine neue Livree anzuschaffen, schien er zu knauserig gewesen zu sein.

Stella ärgerte sich, dass sie solche Gedanken hatte. Sie sah in Jocks gerötetes Gesicht und auf seine spiegelnde, von einem weißen Haarkranz gesäumte Glatze.

Ein zaghaftes Lächeln legte sich um Stellas Lippen. Bei Jocks Anblick hatte sie Erleichterung verspürt. Er war ihr Vertrauter gewesen, solange sie auf Ferrymoore gelebt hatte. Auch in den Ferien war sie immer wieder zu ihm geflüchtet, wenn sie hatte erleben müssen, dass der Vater keinen Wert auf ihre Gesellschaft legte.

Jock musste ihr auch jetzt beistehen. Sicher war er nur so schweigsam gewesen, weil er über den Tod des Vaters so bedrückt war.

Stella legte ihre Hand auf den Arm des alten Mannes. »Kommen Sie, Jock, wir gehen ins Kaminzimmer. Dort ist es noch am gemütlichsten. Wir müssen miteinander sprechen.«

»Worüber, Miss Stella?«, fragte Jock. »Wenn der Tod eingekehrt ist, gibt es nichts mehr zu reden. Wir haben uns mit ihm abzufinden.« Er wich Stellas Blicken aus.

Stella schüttelte den Kopf. »Nein, Jock, jetzt können Sie mir nicht wieder ausweichen.«

Sie nahm den alten Mann an der Hand und zog ihn durch die Halle in ein großes Zimmer.

Im Kamin knisterten Buchenscheite.

Erstaunt sah Stella den Butler an. »Sie sind ein eigenartiger Mensch, Jock. Sie wollen nicht mit mir reden, aber Sie haben für das Feuer im Kamin gesorgt. Haben Sie doch damit gerechnet, dass wir hier miteinander sprechen würden?«

Jock nickte. »Ja, weil ich Ihre Hartnäckigkeit kenne, Miss Stella.« Ein flüchtiges Lächeln huschte über Jocks faltiges Gesicht. »Schon als kleines Kind haben Sie jeden verfolgt, bis er Ihnen eine Antwort auf Ihre Fragen gegeben hat.«

Stella rückte sich einen schweren Ledersessel nahe an den Kamin.

»Setzen Sie sich zu mir, Jock, bitte.« Sie zeigte auf einen zweiten Sessel.

Mit einem Seufzer ließ sich der Butler in den Sessel fallen.

»Seufzen und Stöhnen erweichen mich heute nicht, Jock. Ich habe ein Recht, zu erfahren, was in Ferrymoore geschehen ist. Wer sollte es mir besser sagen können als Sie?« Stella beugte sich zu dem alten Mann. »Woran ist mein Vater gestorben, Jock?«

»Es war ein Jagdunfall, Miss Stella.« Aus Jocks Stimme war noch immer zu hören, wie widerwillig er antwortete. »Sir Henry war ins Moor gegangen, um Schnepfen zu schießen. Sie wissen ja, die Jagd war seine große Leidenschaft.«

»Und wie ist es passiert?«, fragte Stella.

Jock blickte durch das große Fenster ins Freie. Er zuckte mit den Schultern.

»Sir Henry scheint mit dem entsicherten Gewehr gestürzt zu sein«, erklärte er. »Oder vielmehr nur gestolpert.«

»Das soll meinem Vater passiert sein?« Stella sah den alten Mann mit großen fragenden Augen an. »Er ist nie mit entsichertem Gewehr durchs Moor gegangen. War denn niemand in seiner Nähe?«

»Nein, Miss Stella. Sir Henry ist immer allein auf die Jagd gegangen. Er wollte ja niemanden bei sich haben. Das Alleinsein draußen im Moor war ihm noch wichtiger als die Jagd. Erinnern Sie sich daran nicht mehr?«

»Doch, ich erinnere mich daran«, sagte Stella leise.

Es drängte sie jetzt nicht, Jock weiter auszufragen. Ihre Gedanken waren mit der Erinnerung an den Vater ausgefüllt.

Er war ein Einzelgänger gewesen, ein Mensch, der niemandem vertraut und keine Freunde gesucht hatte. Anders hatte sie ihn nicht gekannt. Aber sie hatte gehört, dass er nicht immer so gewesen war.

Erst seit ihrem zweiten Lebensjahr hatte er sich von aller Welt abgeschlossen. Seit dem Tod ihrer Mutter. Damals hatte er das Personal entlassen. Nur Jock und die alte Martha hatten bleiben dürfen.

Deshalb war Ferrymoore auch so vernachlässigt. Die meisten Räume waren unbewohnt. Sir Henry hatte sich mit seinem Schlafzimmer, dem Esszimmer und einem Arbeitsraum begnügt. Selbst dieses schöne gemütliche Kaminzimmer hatte er nur während Stellas Ferien benutzt – weil sie es so liebte.

Nun sollte der Vater so gestorben sein, wie er gelebt hatte – in selbst gewählter Einsamkeit?

Ein Verdacht stieg in Stella auf.

»Jock«, begann sie langsam, »hat Vater vielleicht … ich meine, halten Sie es für möglich, dass er sich selbst …« Sie brach ab und sah Jock entsetzt an.

»Ob er Selbstmord begangen hat, Miss Stella? Wollten Sie das fragen? Nein, das halte ich für vollkommen ausgeschlossen. Das heißt …« Jock sah sich unsicher um. »Wer kann schon wissen, was in einem anderen Menschen vorgeht?« Der Butler hatte das sehr leise gesagt. »Eines steht fest, Sir Henry war sofort tot. Er hat nicht leiden müssen.«

Stella sah nicht so erleichtert aus, wie Jock nach seiner Versicherung erwartet hatte. Auf ihrem jungen schönen Gesicht lag ein gequälter Zug.

»Und wenn es weder Selbstmord noch ein Jagdunfall war, sondern …« Sie brach ab und hielt eine Hand vor den Mund.

Jock war zusammengezuckt, doch jetzt sah er Stella betont gleichgültig an. Er fragte nicht, was sie hatte sagen wollen.

Und Stella vollendete den begonnenen Satz nicht. Sie wusste niemanden, der ihrem Vater hätte nach dem Leben trachten können. Sir Henry hatte zwar keine Freunde gehabt, aber wahrscheinlich auch keine Feinde. Man war ihm aus dem Weg gegangen und hatte ihn als verschrobenen Menschen angesehen.

Die Bewohner des Dorfes Ferrymoore mochten gedacht haben, dass sich ein so vermögender Mann auch Marotten leisten konnte. Gehasst hatten sie ihn deshalb nicht.

»Weiß Martha auch nicht mehr?«, fragte Stella jetzt. »Warum kommt sie nicht, um mich zu begrüßen?«

»Martha wird nicht gemerkt haben, dass Sie gekommen sind, Miss Stella. Sie hört schon ein bisschen schlecht. Immerhin ist sie siebzig. Sie wird von Tag zu Tag wunderlicher.«

Stella sah enttäuscht aus. »Ich kann von Ihnen also nichts erfahren, Jock.« Sie erhob sich und ging auf die Tür zu. »Ich muss noch eine halbe Stunde ins Freie gehen. Haben Sie mein Gepäck schon aus dem Wagen geholt?«

Auch Jock stand auf. »Ja, Miss Stella, die Koffer sind in Ihrem Zimmer. Falls Sie Ihren Mantel suchen, er hängt in der Garderobe. Sie werden ihn brauchen, es ist kühl draußen.«

Stella verließ vor Jock das Kaminzimmer. Sie gab ihm keine Gelegenheit, ihr in den Mantel zu helfen.

Jock sah ihr von der Halle aus nach. In seinen hellen Augen stand Gram.

»Herrin von Ferrymoore?«, sagte er leise. »Sie ist noch ein junges Mädchen, ein armes Mädchen.«

***

Stella erschrak, als sie vor das Portal trat. Es war inzwischen dunkel geworden, und der Mond stand bleich am Himmel. Langsam entfernte sich Stella vom Schloss.

Als sie ein Stück gegangen war und zurückblickte, erschien ihr die Silhouette von Ferrymoore Castle düster und drohend. Nur aus drei Fenstern fiel mattes Licht. Wie Irrlichter tanzte es über die feuchten, glänzenden Steine der Auffahrt.

Wann fürchtet man sich eigentlich hier nicht?, dachte Stella und war in Versuchung, wieder zurückzugehen. Da hörte sie neben sich ein Geräusch. Es kam aus den Krüppelkiefern.

Und nun erkannte Stella eine dunkle Gestalt, anscheinend eine Frau in einem schwarzen Kleid. Die Gestalt lief weiter in das Gestrüpp hinein, bis sie in der Nacht verschwunden war.

Ein höhnisches Lachen klang an Stellas Ohren und bewies ihr, dass sie nicht geträumt hatte.

Sie konnte sich nicht erklären, wer sich hier versteckt hatte. Die Furcht in ihr wurde noch größer und trieb sie in das Schloss zurück. Sie beschloss, in ihr Zimmer zu gehen und die Koffer auszupacken.

Als Stella ihren Mantel auf einen Haken in der Garderobe hängte, schrak sie von Neuem zusammen. Eine Hand hatte sich auf ihren Arm gelegt. Sie war knochig, mit dicken Gichtknoten und krallenartigen Fingernägeln.

Mit einem unterdrückten Aufschrei sprang Stella zurück. Sie erblickte das Gesicht einer kleinen, gebeugten Greisin. Listige Augen sahen Stella durch die verschmierten Gläser einer Nickelbrille an.

»Martha – Sie?«, fragte Stella. »Wie konnten Sie mich so erschrecken?«

Marthas zahnloser Mund verzog sich zu einem belustigten Grinsen.

Und nun lachte sie so laut, dass der unordentliche Knoten ihres weißen dünnen Haares wackelte.

»Bist du so schreckhaft, kleine Stella?«, fragte sie kichernd. Sie hob den Zeigefinger. »Nur wer ein schlechtes Gewissen hat, muss erschrecken.« Martha trat noch näher zu Stella. »Hast du etwa ein schlechtes Gewissen?«

»Aber, Martha«, sagte Stella hilflos. »Was willst du von mir? Ist das deine Begrüßung?«

»Begrüßung hin, Begrüßung her. Es geht um dein Gewissen. Natürlich quält es dich. Jeder Douglas hat ein schlechtes Gewissen. Es steht geschrieben …« Die Hände der Greisin erhoben sich beschwörend.

»Martha!«, schrie das junge Mädchen entsetzt auf. »Hast du den Verstand verloren?«

»Oh nein! Die alte Martha weiß noch, was sie redet. Aber sie kennt die Schuld aller Douglas, der auch du verfallen bist, mein Kind. Das Lachen des Teufels wird dich verfolgen, wie es noch jeden verfolgt hat, der den Namen Douglas trägt.«

»Hör auf, Martha, ich flehe dich an, hör auf!« Stella presste die Hände gegen die Ohren und sah die Alte entsetzt an.

War das noch die gutherzige, liebevolle Frau, die sie seit dem Tod der Mutter umsorgt hatte?

Martha ließ die Arme sinken, aber ihr Mund bewegte sich schon wieder.

Und Stella, die eben nichts mehr hatte hören wollen, lauschte ihr. Wie unter einer magischen Gewalt hatte sie die Hände wieder von den Ohren genommen.

»Die Sünden der Douglas«, flüsterte die Greisin. »Die Sünden eines schuldigen Geschlechts, keiner hat friedlich in seinem Bett sterben können. Auch er nicht, Sir Henry, dein Vater.« Martha drängte sich ganz dicht an Stella heran und flüsterte: »Es war kein Jagdunfall. Das weiß ich genau. Der Teufel hat sein Gewehr abgefeuert. Auch du kommst einmal dran.«

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