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Die schwarze Armee – Das Reich des Lichts

Über den Autor

Santiago García-Clairac wurde 1944 in Frankreich geboren und hat schon früh seine Leidenschaft fürs Geschichtenerfinden entdeckt. Er war lange in der Werbebranche tätig. Seit vielen Jahren arbeitet er u. a. auch als Drehbuchautor für Werbe- und Kurzfilme. 1994 hat García-Clairac sein erstes Kinderbuch veröffentlicht. Seither folgten viele weitere. Für sein Gesamtwerk wurde er mit dem Cervantes-Preis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Santiago García-Clairac veranstaltet häufig Lesungen in Schulen, da ihm der direkte Kontakt zu seinen Lesern sehr wichtig ist.

www.loslibrosdesantiago.com

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SANTIAGO GARCÍA-CLAIRAC

Vignette

Die schwarze Armee

DAS REICH DES LICHTS

Aus dem Spanischen
von Hans-Joachim Hartstein

BASTEI ENTERTAINMENT

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Für Julia Santiago Martínez.

Für ihre Unterstützung und ihre Geduld

Wir alle tragen in uns

ein Reich der Liebe, der Gerechtigkeit,

des Mutes und der Ehre.

Es ist das Reich unserer Vernunft,

das Reich des Lichts.

Kämpfen wir dafür!

Ich heiße Arturo Adragón. Ich lebe in zwei Welten.

Mein Leben in der realen Welt ist furchtbar kompliziert geworden: Ich habe keine überzeugenden Beweise, aber meine Nachforschungen weisen darauf hin, dass zumindest Stromber und ein geheimnisvoller Mann mit nur einem Bein mehrmals versucht haben, meinem Dasein ein Ende zu setzen. Sie haben sogar eine Bombe geworfen, die unsere Stiftung und damit die mittelalterliche Bibliothek, die unserer Familie seit Generationen ein Heim gab, vollkommen zerstört hat. Doch das Schlimmste daran ist, dass mein Vater, Sombra, Mahania, Mohamed und Norma bei der Explosion schwer verletzt wurden.

Wenn ich noch lebe, dann nur dank Adragón, der Zeichnung auf meinem Gesicht. Wann immer ich mich in Gefahr befinde oder Hilfe brauche, erwacht er zum Leben und stellt sich an die Spitze der unglaublichen Armee aus mittelalterlichen Buchstaben, die allesamt meinen Körper bedecken, seit man mich am Tage meiner Geburt in das Pergament des Alchimisten Arquimaes gewickelt hat.

Durch die Explosion der Bombe wurde der Sarkophag meiner Mutter unter den Trümmern der Stiftung begraben. Jetzt bleibt mir nicht einmal mehr der Trost, mit ihr sprechen zu können. Ja, es stimmt, ich war sehr böse auf meinen Vater und auf Sombra, als sie mithilfe des Pergamentes versuchten, meine Mutter in Normas Körper wieder zum Leben zu erwecken; aber ganz tief in meinem Innern wünschte ich mir, dass sie es schaffen würden. Denn nach nichts auf dieser Welt sehne ich mich mehr, als meine Mutter bei mir zu haben, und sei es nur, um ihr einen Kuss zu geben.

Als wir vor einiger Zeit den Palast von Arquimia unter der Stiftung entdeckten, kam uns der Gedanke, dass Férenix in Wirklichkeit das Reich sein könnte, das Arquimaes vor tausend Jahren gegründet hat.

Hinkebein jedenfalls ist davon überzeugt, dass Férenix auf den Fundamenten Arquimias erbaut wurde und mit der Zeit zu der unabhängigen Stadt geworden ist, in der wir heute leben. Außerdem glaubt mein Freund, dass die Grenzen unseres kleinen Landes erst im Laufe der Jahrhunderte festgelegt wurden, während Arquimia zur Legende geworden und schließlich in Vergessenheit geraten ist. Férenix liegt am Rande eines Tales, das vom Monte Fer beherrscht wird, dem Berg, der unserer Stadt den Namen gegeben hat.

In diesen finsteren Tagen der Ungewissheit ist Metáforas Gesellschaft mein einziger Trost. Mit jedem Tag verliebe ich mich mehr in sie. Inzwischen verstehen wir uns prima. Bestimmt werden wir ein großartiges Paar.

In der anderen Welt, der Welt der Träume, geht es mir auch nicht besser.

Graf Morfidio, der sich jetzt König Frómodi nennt, hat mir die Augen ausgebrannt und mich geblendet. Seitdem versinke ich mehr und mehr in einem tiefen Loch der Verzweiflung, aus dem ich wohl nie wieder herausfinden werde.

Nachdem ich Carthacia aus den Klauen der Demoniquianer befreit hatte, begegnete ich der jungen Amarofet. Sie half uns, Alexia wieder zum Leben zu erwecken. Doch dann hat uns Alexander de Fer verraten. Er hat Königin Émedi entführt und sie an Demónicia ausgeliefert. Um sie zu befreien, sahen wir uns gezwungen, einen schrecklichen Krieg zu beginnen.

In ihrem Kampf gegen die Hexerei hat die Schwarze Armee einen großen Sieg errungen, indem sie Demónicias Hauptquartier zerstörte. Doch das kam uns teuer zu stehen. Das Unglück ist über uns hereingebrochen: Prinzessin Alexia und Königin Émedi wurden ermordet, ohne dass ich es hätte verhindern können!

Meine einzige Hoffnung besteht jetzt darin, Arquitamius zu finden, den großen Alchemisten und Meister von Arquimaes. Er ist der Einzige, der den beiden Frauen, die ich mehr als alles auf der Welt liebe, das Leben zurückgeben kann.

Wenn es mir nicht gelingt, sie wieder in die Welt der Lebenden zurückzuholen, werde ich mich im Abgrund des Todes mit ihnen vereinen. Darauf habe ich mein Wort gegeben.

ELFTES BUCH
Verschwörung

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I
ARTUROS REISE

DIE RUHMREICHSTE SEITE der Legende von Arturo Adragón, dem König von Arquimia und Anführer der Schwarzen Armee, wurde an dem Tag geschrieben, als er sich trotz seiner Blindheit auf die Suche nach Arquitamius machte. Der berühmte Alchemist sollte ihm helfen, Émedi und Alexia wieder zum Leben zu erwecken.

Nach der blutigen Schlacht um Demónika war Arturo in ein schwarzes Loch düsterer Erinnerungen gefallen und hatte sich in sich selbst zurückgezogen. Ganze Tage verbrachte er damit, gegen seine inneren Dämonen anzukämpfen. Es war ein harter Kampf.

Jetzt machte sich der junge Ritter auf den Weg. Crispín, sein treuer Knappe, begleitete ihn.

Arquimaes’ Rat befolgend, ritten die beiden Männer gen Süden, bis sie in ein Gebiet kamen, das zum Reich von König Rugiano gehörte und als „das Land des Feuers“ bekannt war.

Eines Abends, nach einem erschöpfenden Tagesritt, ließen sie sich am Rande einer Felsenkette nieder, die einen hervorragenden Schutz bot.

„Dieses Land ist verflucht“, sagte Crispín mit warnender Stimme. „Der Himmel ist tiefschwarz, der Mond ist kaum zu sehen, und auch die Sterne haben sich versteckt.“

„Das ist mir gleich“, erwiderte Ritter Adragón verbittert, „meine Sterne sind Alexia und Émedi. Alles, was ich fürchte, ist, sie nie mehr wiederzusehen.“

„Wir finden Arquitamius! Er wird sie wieder zum Leben erwecken, und das wird dir das Licht geben, das du brauchst.“

„Es wird schwierig sein, ihn unter diesen Umständen zu finden. Das Land des Feuers ist eine wahre Hölle … Und nicht genug damit“, fügte Arturo hinzu. „Rugiano soll ein blutrünstiger Herrscher sein, wie man hört …“

„Unsere Mission ist nicht einfach“, gestand Crispín ein, „aber wir werden sie erfüllen.“

Nachdem sie eine Kleinigkeit gegessen hatten, legten sie sich neben einem heimelig flackernden Lagerfeuer unter einem Felsendach nieder und wickelten sich in dicke Decken, um sich gegen die klirrende Kälte der Nacht zu schützen.

„Was tust du da eigentlich, Crispín?“, fragte Arturo nach einer Weile. „Was ist das für ein seltsames Geräusch, das uns jede Nacht begleitet?“

„Ich schnitze ein Holzschwert“, erklärte der Knappe. „Eine Nachbildung des Schwertes, das Arquimaes dir geschenkt hat.“

„Du fertigst eine Kopie des alchemistischen Schwertes an? Lass es mich berühren. Mal sehen, ob ich es erkennen kann.“

Arturo nahm das Holz in die rechte Hand und strich mit der Linken über den Griff.

„Ein Kunstwerk!“, rief er aus. „Adragóns Kopf ist dir hervorragend gelungen. Er ist vollkommen … Was hast du mit dem Schwert vor?“

„Ich hoffe, eines Tages zum Ritter geschlagen zu werden wie du. Ich möchte zur Schwarzen Armee gehören. Das Holzschwert gibt mir Hoffnung.“

„Du wirst schneller zum Ritter geschlagen werden, als du glaubst. Du bist an deinen Aufgaben gewachsen und hast es in der Reitkunst wahrhaftig zur Perfektion gebracht. Hab noch ein wenig Geduld.“

„Ja, Alexander de Fer war mein Lehrer …“ Crispín verstummte. Er hatte den Namen des Verräters ausgesprochen, den Arturo aus ganzem Herzen hasste. „Entschuldige, Arturo, ich rede zu viel …“

„Ich weiß, dass es keine Absicht war“, beruhigte ihn sein Herr. „Schlaf jetzt.“

Der Knappe lag still unter seiner Decke und beobachtete, wie Arturo einzuschlafen versuchte. Doch der junge Ritter fand keinen Schlaf. Alexanders Name hatte schmerzhafte Erinnerungen in ihm geweckt.

Arturo nahm die Silbermaske ab, die Arquimaes für ihn angefertigt hatte, um sein verbranntes Gesicht zu verbergen, und verwahrte sie in einem Lederbeutel. Er musste an Alexia denken, an Demónicus, an Demónicia und Alexander. Wie wütende Gespenster geisterten sie durch seine überbordende Fantasie.

Völlig erschöpft sank er schließlich in eine befreiende Bewusstlosigkeit. Er stürzte in einen tiefen Abgrund, in dem sich die Gespenster mit den Erinnerungen vermischten, und fiel unter dem besorgten Blick Crispíns in einen unruhigen, nervösen Schlaf.

Am nächsten Morgen setzten die beiden bei strömendem Regen ihren Weg fort. Arturo schien abwesend, versunken in seinen Erinnerungen.

„Gestern Nacht habe ich gehört, wie du mit jemandem gesprochen hast, den du sehr liebst“, unterbrach der Knappe schließlich das Schweigen.

„Das wirst du geträumt haben.“

„Du hast im Schlaf geredet“, beharrte Crispín. „Ich bin mir ganz sicher.“

„Und mit wem?“

„Mit deiner Mutter …“

„Das ist doch normal“, sagte Arturo. „Sprichst du nicht auch manchmal mit deiner Mutter?“

„Ich habe sie kaum gekannt. Aber du hast recht, ab und zu habe ich das Bedürfnis, mit ihr zu sprechen.“

„Wir alle haben das Bedürfnis, mit den Menschen zu sprechen, die wir lieben … Und bittest du deine Mutter manchmal um etwas, Crispín?“

„Ich bitte sie darum, meinem Vater zu helfen, jetzt, da er einen Arm verloren hat. Und ihm die Kraft zu geben, nach vorn zu schauen.“

„Ich könnte meine Mutter ja auch mal um etwas bitten.“

„Ja, sie soll uns helfen, Arquitamius zu finden! Das würde sie bestimmt tun.“

Arturo lächelte.

„Ich werde es versuchen. Ich werde sie um eine Landkarte bitten, um ihn ausfindig zu machen … Und ich werde ihr Grüße von dir bestellen.“

***

WEIT ENTFERNT BAHNTE sich die Schwarze Armee mühsam ihren Weg. Dichter Regen erschwerte ihr Vorankommen. Ritter Leónidas, der Arturo vertrat, ritt an ihrer Spitze. Weiter hinten überwachte Arquimaes den Transport der Särge von Alexia und Émedi, die während der Schlacht um Demónika von den Karren gefallen waren. Die Königin war durch Alexias Hand gestorben, und die Prinzessin war ihrerseits von Demónicia, ihrer eigenen Mutter, ermordet worden. Der Tod der beiden geliebten Frauen war für Arquimaes wie für Arturo eine Tragödie gewesen.

Nun ritten die Emedianer nach Ambrosia zurück. Dort wollte Arquimaes die beiden leblosen Körper vor etwaigen Überfällen der Finsteren Zauberin Demónicia, die ewige Rache geschworen hatte, beschützen.

Der Alchemist hatte die Absicht, die beiden Leichen in den Tiefen der schwarzen Felsengrotte zu verstecken, wo sie in Sicherheit sein würden.

Ganz in seiner Nähe, nur wenige Meter von Alexias Sarg, ritt Rías mit gesenktem Kopf. Er hatte der Prinzessin lange Zeit gedient, und ihr Verlust schmerzte ihn sehr. Arquimaes tat ihm unendlich leid. Der Alchemist weinte unaufhörlich, so wie er. Es war das zweite Mal, dass sein Herz um die Prinzessin trauerte.

Nun, nachdem er Arturo behilflich gewesen war, in die demoniquianische Festung einzudringen, um sie zu erobern, fühlte sich Rías nutzlos und einsam. Er musste seinem Leben eine neue Wendung geben, und vielleicht deshalb freundete er sich mit dem Gedanken an, für den Alchemisten zu arbeiten.

***

ARTURO UND CRISPÍN irrten mehrere Tage auf der Suche nach einer Spur umher, die sie zu Arquitamius führen könnte; doch bisher hatten sie keinen Erfolg. Sie fanden niemanden, der ihnen weiterhelfen konnte.

Die Suche wurde immer hoffnungsloser, und die beiden Männer waren nahe daran, den Mut zu verlieren. Eines Tages jedoch entdeckten sie fast zufällig einen schmalen Pfad, der sie in ein kleines Tal führte. Es herrschte Grabesstille. Nicht einmal Vogelgezwitscher war zu hören.

„Ein seltsames Tal“, bemerkte Arturo. „Noch nie war ich an einem so stillen Ort. Ich habe ein ungutes Gefühl.“

„Vielleicht begegnen wir irgendwo Menschen“, antwortete Crispín. „Wir brauchen Lebensmittel. Es wird bald dunkel, und außerdem kündigt sich ein Gewitter an.“

Sie folgten dem Weg in einen Wald, wo sie auf einen Mann stießen, der Schafe hütete.

„Kannst du uns einen Ort zeigen, wo wir übernachten können?“, fragte Crispín. „Gibt es ein Dorf in der Nähe?“

„Der Weg führt zu einem kleinen Nest, aber das kann ich euch nicht empfehlen. Es ist verhext!“

„Wie heißt das Dorf?“

„Niemand erinnert sich an seinen wirklichen Namen“, antwortete der Mann. „Alle nennen es nur die ‚Teufelsfratze‘. Es herrscht tiefstes Elend. Die Menschen dort sind verflucht, sie sind zum Abschaum von Rugianos Reich geworden. Die Erde bebt unaufhörlich, es bilden sich Risse, die schreckliche Gespenster und Ungeheuer ausspucken. Da unten könnt ihr es sehen …“

Crispín spähte durch die Bäume hindurch und erblickte die Dächer des Dorfes, das aus etwa dreißig Häusern bestand.

„Heute ist kein guter Tag, es zu besuchen. Zu eurem eigenen Wohl rate ich euch, es zu umgehen. Die ganze letzte Nacht habe ich Schreie gehört … Ein schlechtes Vorzeichen“, fügte der Schafhirte warnend hinzu.

„Danke für deinen Rat, guter Mann“, antwortete Arturo und gab seinem Pferd die Sporen, „aber wir fürchten weder Gespenster noch Hexenmeister.“

Der Schafhirte sah den beiden Reitern nach, die sich rasch entfernten. Als sie seinem Blick entschwunden waren, widmete er sich wieder seiner Arbeit und trieb die Schafe zusammen, die sich zu weit entfernt hatten.

„Kommt zurück!“, schrie er den Tieren zu. „Kommt her zu mir, bevor euch die Gespenster aus dem verdammten Dorf zerreißen!“

Als sie sich den ersten Häusern näherten, bemerkte Crispín, dass etwas Ungewöhnliches vor sich ging.

„Ich glaube, da sind Soldaten, Arturo“, sagte er. „Mir scheint, wir kommen im falschen Moment.“

„Sag mir, was du siehst“, forderte der blinde Ritter seinen Knappen auf.

Sie gelangten auf den Dorfplatz, auf dem soeben ein schauriges Schauspiel stattfand: Auf einem Scheiterhaufen stand ein blutüberströmtes Mädchen, das an einen Holzpfahl gekettet war. Der Folterknecht neben ihr hielt eine große Fackel in der Hand, um auf Befehl das Feuer zu entzünden.

Ungefähr dreißig Soldaten standen mit erhobenen Lanzen bereit, um ein eventuelles Eingreifen der Bewohner des Dorfes zu verhindern. Hauptmann Voracio saß, angetan mit einem Panzerhemd, auf seinem Pferd und schrie:

„Die Gefangene wurde für schuldig befunden, auf der Seite der Alchemisten zu stehen! Mit ihrer Hexerei lässt sie die Erde erzittern! Sie schickt uns die schrecklichen Wesen, die den Tiefen der Hölle entsteigen! Sie hat finstere Flüche gegen unseren König Rugiano ausgesprochen!“

Das blutunterlaufene Gesicht der jungen Frau deutete darauf hin, dass sie gefoltert worden war. Ihre Kleidung war zerrissen, der Blick leer. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten.

Crispín nutzte das kurze Schweigen des Hauptmanns, um Arturo zu beschreiben, was um sie herum vorging.

„Deswegen wurde sie zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt“, fuhr der Hauptmann fort. „Sie wird wegen Hexerei bei lebendigem Leibe verbrannt!“

Die präzise Beschreibung, die Crispín von der Szene gab, sowie die Schreie, die an sein Ohr drangen, weckten in Arturo lebhafte Erinnerungen. Für ihn nahm jene Frau, die hier hingerichtet werden sollte, sogleich Alexias Stelle ein. Er dachte daran, wie er die Prinzessin vor vielen Monaten in der Stadt Orinox befreit hatte, als sie kurz davor gestanden hatte, in den Flammen zu ersticken. Unbändiger Zorn stieg in ihm auf.

„Wenn jemand hier ist, der für sie eintreten und für ihre Unschuld bürgen will, so soll er dies jetzt tun!“, schrie Voracio, gewiss, dass keiner es wagen würde, der Frau beizustehen.

Niemand erhob seine Stimme.

„Scharfrichter! Halte dich bereit!“

„So wartet!“, rief Arturo und hob den rechten Arm. „Ich bürge für die Frau!“

Der Hauptmann, der dem Scharfrichter gerade den tödlichen Befehl geben wollte, erstarrte.

„Was?! Wer wagt es, die Vollstreckung eines Urteils durch die Soldaten des Königs zu unterbrechen?“

„Ich, Herr!“, antwortete der blinde Ritter. „Ich heiße Arturo Adragón und möchte die Beweise hören, die zu der Verurteilung der Frau geführt haben.“

„Warum verbergt Ihr Euer Gesicht hinter einer Maske? Werdet Ihr womöglich vom Gesetz verfolgt?“

„Ich bin ein Ritter, der nichts zu verbergen hat“, erwiderte Arturo. „Nennt mir die Beweise!“

Lautes Gemurmel erhob sich unter der Bevölkerung. Der unerwartete Zwischenfall konnte für das gesamte Dorf üble Folgen haben.

„Sie bringt die Erde mithilfe der Alchemisten zum Beben!“, schrie der Hauptmann sichtlich verärgert. „Wir haben die Beweise geprüft und die Frau für schuldig befunden! Ihr solltet wissen, dass Ihr Gefahr lauft, sie in den Tod zu begleiten, Ritter Adragón!

„Lasst sie augenblicklich frei!“, forderte Arturo.

„Was gibt Euch das Recht, so zu sprechen?!“

„Jene Kraft, auf die mein Name hinweist. Und die meines Schwertes!“

„Und die Kraft meiner Keule“, fügte Crispín hinzu.

„Nehmt die Komplizen der Verurteilten fest und bindet sie neben sie an den Pfahl!“, befahl der Hauptmann seinem Offizier.

Arturo zog das Schwert aus der Scheide und hielt seinen Schild schützend vor den Körper. Crispín zu seiner Linken nahm ebenfalls Kampfhaltung ein.

„Es sind nur etwa dreißig Soldaten“, flüsterte der Knappe seinem Herrn zu. „Und ein Scharfrichter … und der Hauptmann …“

„Wir werden es nicht erlauben, dass Ihr diese Frau in unserer Gegenwart hinrichtet“, rief Arturo. „Nicht wahr, Crispín?“

„Jawohl, Herr. Wir werden es nicht erlauben.“

Der Offizier kam auf sie zu, gefolgt von zehn Soldaten, die bereit waren, die Fremden mit ihren Lanzen zu durchbohren, falls sie Widerstand leisten sollten.

„Ihr habt die Wahl, Caballeros!“, rief der Offizier ihnen zu. „Entweder Ihr steigt sofort von Euren Pferden, oder ich befehle meinen Männern, Euch dazu zu zwingen!“

„Warum kommt Ihr nicht selbst her, um Eure Drohung wahrzumachen?“, schrie Arturo zurück.

„Wir wollen niemanden töten“, beteuerte Crispín. „Besser, Ihr lasst die Frau frei, so wie es mein Herr von Euch verlangt hat!“

„Wir befolgen nur die Befehle unseres Königs!“, erwiderte der Hauptmann. „Ergebt Euch auf der Stelle!“

Die Soldaten traten einen Schritt vor. Das alchemistische Schwert sauste durch die Luft und hieb mit einem Schlag die Spitzen der Lanzen ab. Währenddessen schlug Crispín mit seiner Keule auf die Hand eines Soldaten, der sich zu weit vorgewagt hatte.

„Los!“, befahl der Offizier. „Nehmt sie fest!“

Die Soldaten, die die wilde Grausamkeit ihres Hauptmanns kannten und fürchteten, stürzten sich entschlossen auf die beiden Fremden, überzeugt davon, dass sie mühelos mit ihnen fertig werden würden. Arturo und Crispín trieben ihre Pferde an und zwangen die Soldaten, zur Seite zu springen. Und dann begann der Kampf.

Obwohl Arturo und Crispín ihren Gegnern zahlenmäßig weit unterlegen waren, gelang es ihnen, sie zurückzudrängen. Der Offizier rief sechs weitere Soldaten zur Unterstützung herbei. Sie gaben die Bewachung der Hexe auf und stellten sich energisch den Fremden entgegen.

Arturo und Crispín hatten sich bisher darauf beschränkt, ihre Gegner auf Distanz zu halten. Sie wollten niemanden töten, waren aber auch nicht bereit, sich abschlachten zu lassen. Ein Soldat wurde von Arturos Schwert durchbohrt, und zwei weitere stürzten, getroffen von der Keule des Knappen, bewusstlos zu Boden. Als die Soldaten ihre Kameraden in einer Blutlache liegen sahen, gerieten sie in Panik.

„Tötet sie!“, schrie der Hauptmann. „Tötet die beiden Verbrecher!“

Arturo ging zum Angriff über. Unerbittlich machte er dem Leben zwei weiterer Soldaten ein Ende. Crispín tötete einen dritten.

Als Hauptmann Voracio sah, dass die Dinge schlecht standen, traf er eine furchtbare Entscheidung:

„Scharfrichter!“, schrie er. „Wirf deine Fackel auf den Scheiterhaufen! Die Hexe soll brennen! Sie wird von niemandem befreit werden!“

Der Folterknecht führte den Befehl aus und warf die Fackel der Gefangenen vor die Füße. Flammen und schwarzer Rauch hüllten die junge Frau ein. In wenigen Augenblicken würde sie ersticken.

„Sie haben den Scheiterhaufen in Brand gesteckt, Herr!“, rief Crispín. „Wir müssen das Mädchen befreien!“

„Adragón!“, schrie Arturo, indem er seine Gesichtsmaske etwas anhob, um dem Drachen den Weg freizumachen. „Rette sie!“

Während sich die Menge noch fragte, was auf der Stirn des Ritters mit der Maske vor sich ging, löste sich der Drache und flog auf das Feuer zu. Einige glaubten an eine Sinnestäuschung, andere meinten, einen Vogel zu sehen; nur wenigen war sofort klar, dass es sich um Zauberei handelte.

„Du bist ein Hexenmeister!“, schrie der Hauptmann, als er das schwarze Tier auf die Frau zufliegen sah, die nun ganz von Flammen und Rauch eingehüllt war. „Du wirst auf dem Scheiterhaufen enden wie sie!“

„Ich werde von dem Großen Drachen beschützt!“, erwiderte Arturo wütend. „Ein Ritter lässt nicht zu, dass eine wehrlose Frau getötet wird!“

Inzwischen war Adragón bei der Verurteilten angelangt. Mit seinen Zähnen bog er die Ketten auseinander, bis sie schlaff herunterhingen. Crispín wusste, dass die Frau jeden Moment das Bewusstsein verlieren konnte, und näherte sich dem Scheiterhaufen. Dort angekommen, sprang er vom Pferd, stürzte sich in die Flammen und nahm die Gefangene auf die Arme. Die Soldaten, die seinen Mut bewunderten, ließen die Waffen sinken. Doch Voracio versuchte, sie wieder anzutreiben:

„Tötet sie und werft sie ins Feuer!“, befahl er ihnen. „Ich will sie brennen sehen!“

„Hauptmann!“, rief Arturo. „Kommt zu mir, wenn Ihr Euch traut! Kommt her!“

Behutsam ließ Crispín die junge Frau auf den Boden gleiten, während Adragón die Soldaten in Schach hielt. Die noch immer verwirrten Männer wagten nicht, sich dem Schwarzen Drachen zu nähern, der ihnen die Zähne zeigte.

Simbolius, der Offizier, versuchte das Blut zu stillen, das aus der Wunde rann, die Arturo ihm am Arm beigebracht hatte.

„Ich komme, du verdammter Aufschneider!“, schrie der Hauptmann, der Arturos Aufforderung nicht unbeantwortet lassen konnte. „Ich werde dich töten!“

„Du bist nicht imstande, mit einem bewaffneten Mann fertig zu werden, du Feigling!“, schrie Arturo zurück, während er all seine Sinne schärfte, um herauszufinden, wo sich sein Gegner gerade befand und was seine Absichten waren.

Mit lautem Getöse kreuzten sie die Klingen. Dem Hauptmann gelang es, Arturo die Maske vom Gesicht zu schlagen. Mit einem metallenen Geräusch fiel sie auf das Pflaster.

Arturos Gesicht rief ein erschrockenes Stimmengewirr auf dem Platz hervor. In panischer Angst starrten die Leute den Fremden an. Der ganz in Schwarz gekleidete Ritter hatte keine Augen! Ein blinder Mann, der mit einer solchen Geschicklichkeit zu kämpfen wusste, musste verhext sein!

Der Hauptmann überwand den Ekel, den Arturos Gesicht in ihm hervorrief, und griff noch energischer an. Der Kampf wurde so heftig geführt, dass die Klingen Funken sprühten.

Ein starker Schmerz ließ den Hauptmann zurückweichen. Arturo hatte soeben sein Panzerhemd durchstoßen und ihm die Seite aufgeschlitzt.

„Stirb, du Hund!“, brüllte Voracio und schwang sein Schwert, allerdings mit mehr Wut als Bedacht. „Niemand verletzt ungestraft einen Hauptmann des Königs!“

„Versuch es nur, Hauptmann!“, brüllte Arturo, immer noch aufgebracht durch den grausamen Befehl an den Scharfrichter, das Mädchen zu verbrennen.

Arturo ließ seinen Gegner in dem Glauben, dass er sein Schwert nur mit der Rechten zu führen wisse. Der tumbe Hauptmann fiel auf den Trick herein, und kurz darauf schlitzte ihm ein von links geführter Hieb die Kehle auf. Zuerst saß er wie gelähmt aufrecht im Sattel, doch dann verlor er das Gleichgewicht und stürzte vom Pferd. Der gepanzerte Körper schlug mit einem ohrenbetäubenden Lärm auf dem Pflaster auf.

Sogleich eilte Simbolius seinem Hauptmann zu Hilfe, doch Voracio war bereits tot. Keiner der Soldaten sagte ein Wort. Schweigend warteten sie auf einen Befehl. Sie waren nicht gewillt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, es sei denn, man befahl es ihnen.

In diesem Augenblick fing die Erde zu beben an.

II
EINE ILLEGALE FESTNAHME

Ich heiße Arturo Adragón und habe seit jeher in der Stiftung Adragón gelebt, einer großen mittelalterlichen Bibliothek, die seit Hunderten von Jahren meiner Familie gehört. Jetzt liegt mein Vater im Krankenhaus, und ich wohne bei Metáfora.

ICH BIN SOEBEN aufgewacht und versuche, mich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Doch die ist nicht gerade anregend, und es kostet mich große Mühe, aus meinen Träumen in die Realität zurückzukehren. Hoffentlich werde ich nicht verrückt wie mein Großvater.

Mein Kopf ist angefüllt mit mittelalterlichen Schlachten, mit Entführungen, Verrat, Mord, Hexerei und Verzweiflung … Ich glaube, Arturo Adragón, die zentrale Figur in meinen Träumen, ist noch schlimmer dran als ich.

Gestern Abend hat Metáfora mir die Buchstaben auf ihrem Oberkörper gezeigt. Sie sehen genauso aus wie meine. Ich habe nicht herausfinden können, woher sie stammen. Nicht einmal Metáfora selbst weiß es.

Jetzt sitzen wir beim Frühstück. Wir haben vor, meinen Vater und Norma im Krankenhaus zu besuchen. Bei dem bloßen Gedanken daran, dass Papa dem Tod so nahe war, zittern mir die Knie.

„Ich mache mir Sorgen um General Battaglia“, sage ich, während ich mir einen Donut aus der Schachtel nehme. „Wir haben schon lange nichts mehr von ihm gehört.“

„Dem geht es bestimmt gut“, antwortet Metáfora und gießt mir Kaffee ein. „Irgendwann steht er wieder vor der Tür, wirst schon sehen.“

„Du hast sicher recht … Nur dass ich manchmal seine Ratschläge vermisse …“

„Ich weiß, Arturo, aber wir können nicht die Arme verschränken und auf ihn warten. Wir müssen uns überlegen, wie es weitergehen soll. Was hältst du davon, wenn wir nach dem Krankenhaus zum Friedhof gehen? Die Suche nach dem Grab meines Vaters raubt mir den Schlaf.“

„Nur keine Panik, wir finden es schon, das verspreche ich dir.“

Metáfora schaut mich dankbar an und legt ihre Hand auf meine.

„Und, was gibt’s Neues von deinem Freund Horacio?“, frage ich scherzend, um sie ein wenig aufzuheitern.

„Du weißt ganz genau, dass ich nichts mit ihm habe!“, erwidert sie, wobei sie so tut, als wäre sie böse. Auch ihr ist nach Scherzen zumute.

„Aha!“, rufe ich mit breitem Grinsen. „Dann hast du ihn nur benutzt, um mich eifersüchtig zu machen!“

„Und du hast mit Mireia rumgemacht! Oder hast du das schon wieder vergessen?“

Ich will ihr gerade die passende Antwort geben, da klingelt es an der Wohnungstür.

„Komisch! Wer kann das sein, um diese Zeit?“, wundert sich Metáfora und steht auf.

Sie geht zur Tür und öffnet. Ich höre eine Männerstimme fragen:

„Wohnt hier Arturo Adragón?“

„Ja, was wollen Sie von ihm?“

„Ist er zu Hause?“

„Ja, aber …“

Seltsam, dass mich jemand hier sucht. Es weiß doch so gut wie niemand, dass ich bei Metáfora wohne. Vielleicht jemand von der Schule …

„Arturo, kannst du mal bitte einen Moment kommen?“, ruft Metáfora.

Vor der Wohnungstür warten zwei uniformierte Polizisten mit einem Schreiben in der Hand.

„Arturo Adragón?“, fragt einer der beiden.

„Ja, das bin ich.“

„Würden Sie uns bitte aufs Kommissariat begleiten? Inspektor Demetrio möchte mit Ihnen sprechen.“

„Ist es denn so dringend?“

„Sie müssen mitkommen“, sagt der andere Polizist und wedelt mit dem Papier. „Wir haben einen Haftbefehl gegen Sie.“

Metáfora und ich schauen uns verständnislos an.

„Ich habe doch nichts getan …“, stammele ich.

„Wir haben den Befehl, Sie aufs Kommissariat zu bringen“, bellt der erste Polizist mich unfreundlich an. „Entweder Sie kommen freiwillig mit, oder wir legen Ihnen Handschellen an. Was ist Ihnen lieber?“

„Ich komme auch mit“, sagt Metáfora. „Das ist sicher ein Missverständnis, das sich schnell aufklären lässt.“

„Ich versteh gar nichts mehr“, brumme ich. „Es gibt doch gar keinen Grund für so etwas.“

„Passen Sie auf, was Sie sagen“, warnt mich der zweite Polizist. „Besser, Sie schweigen jetzt. Auf dem Kommissariat können Sie dann dem Inspektor alles sagen, was Sie wollen.“

„Ruf Adela an“, bitte ich Metáfora. „Sie soll mich abholen kommen.“

***

INSPEKTOR DEMETRIO MUSTERT mich verächtlich, so als wäre ich an allem Übel der Welt schuld.

„Señor Stromber hat dich angezeigt. Du sollst ihn bedroht haben“, sagt er und zeigt auf einen Aktenordner. „Er hat Zeugen, die bestätigen, dass du gedroht hast, ihn umzubringen.“

„Das ist doch Unsinn“, entgegne ich. „Ich habe niemanden bedroht. Stromber lügt!“

„Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ich sperre dich ein, bis dir der Prozess gemacht wird, oder ich lasse dich gehen, aber nur unter der Bedingung, dass du dich von Stromber fernhältst.“

„Genauso gut kann ich beantragen, dass ihm verboten wird, sich der Stiftung zu nähern … oder dem, was von ihr übrig geblieben ist.“

„Du hast keinen Grund, dich darüber lustig zu machen, Arturo. Diese Anzeige kann dich teuer zu stehen kommen“, warnt mich der Inspektor in väterlichem Ton.

„Sie wissen ganz genau, dass die Beschuldigung haltlos ist“, erwidere ich. „Ich habe ihn nicht bedroht, weder mit dem Tod noch mit sonst was.“

„Du weißt mal wieder von nichts, wie immer“, sagt er ironisch. „Und dass gestern Nacht ein Auto explodiert ist, ganz in eurer Nähe, das weißt du wohl auch nicht, stimmt’s?“

„Wollen Sie mich jetzt für alles verantwortlich machen, was in Férenix passiert, Inspektor?“

„In Férenix treibt sich in letzter Zeit alles mögliche Gesindel herum. Spitzbuben, die meinen, sie könnten tun, was immer sie wollen“, antwortet er, nachdem er einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse getrunken hat. „Aber da sind sie schiefgewickelt! Férenix legt viel Wert auf Ruhe, und niemand wird diese Ruhe stören!“

„Und was hab ich mit all dem zu tun?“

„Das werde ich dir erklären!“, ruft er und richtet sich in seinem Sessel auf. „In letzter Zeit geschehen äußerst merkwürdige Dinge. Erst die Bombe in der Stiftung, dann das Auto, das explodiert ist … Mein Riecher sagt mir, dass du bis zum Hals in diese Vorfälle verwickelt bist.“

„Das ist doch dummes Zeug, Inspektor! Sie fantasieren!“

„Nein! Ich weiß genau, was ich sage! Und ich weiß auch, was du vorhast! Gott sei Dank gibt es Leute wie Stromber, Del Hierro und einige andere, die uns vor dir und deinen Freunden gewarnt haben.“

„Vor meinen Freunden? Was für Freunden? Wen meinen Sie damit? Wovon sprechen Sie?“

„Tu nicht so unschuldig, du weißt sehr gut, wen ich meine … Du weißt es ganz genau!“

Ein Beamter klopft an die Bürotür und tritt ein.

„Verzeihen Sie, Inspektor, aber da ist eine Frau, die zu Ihnen möchte … Sie heißt Adela …“

Demetrio grinst süffisant.

„Adela Moreno … Ja, die ist mir bestens bekannt. Sagen Sie ihr, sie soll reinkommen.“

Der Beamte bittet Adela herein. Sie ist außer sich.

„Ich will den Haftbefehl sehen!“, schreit sie. „Zeigen Sie ihn mir, sofort!“

„Den Haftbefehl? Sie irren sich, es handelt sich lediglich um eine Vorladung“, erklärt Inspektor Demetrio.

„Aber der Polizist hat gesagt, sie wollten mich verhaften“, widerspreche ich.

„Das ist Amtsmissbrauch, Inspektor!“, schreit Adela. „Ich werde mich bei Ihren Vorgesetzten beschweren!“

„Aber hören Sie“, wiegelt Demetrio ab, „machen Sie doch nicht gleich so ein Theater! Das muss ein Missverständnis sein. Regen Sie sich ab, Señorita Adela. Ihr Chef, Señor Stromber, wird nicht sehr erfreut sein, wenn er hört, wie Sie sich hier aufführen.“

„Und unsere Anwälte werden nicht erfreut sein, wenn sie hören, dass Sie einen Minderjährigen verhaftet haben“, erwidert Adela. „Das ist illegal! Sie werden jede Menge Ärger bekommen!“

„Verhaftet? Ich sage Ihnen doch, dass Sie sich irren“, versichert Demetrio. „Ich wollte dem jungen Mann nur ein paar Fragen stellen, nichts weiter.“

„Gut, und was haben Sie jetzt mit mir vor? Wollen Sie mich einsperren lassen, oder was?“, sage ich provozierend. Ich möchte, dass dieser Albtraum so schnell wie möglich aufhört. „Sagen Sie’s mir endlich!“

„Ich lasse dich laufen. Deine Anwälte würden dich sowieso nach wenigen Stunden wieder freibekommen. Aber du darfst die Stadt nicht ohne meine Erlaubnis verlassen. Wir wissen, was du vorhast, Arturo Adragón! Aber wir werden dir das Handwerk legen! Adiós, Señorita Adela. Guten Tag.“

***

METÁFORA, ADELA UND ich sind in ein Café gegangen, um unsere Gedanken zu ordnen. Auch Hinkebein sitzt bei uns. Er ist sofort gekommen, als wir ihn angerufen haben. Wir haben unsere Bestellung aufgegeben und warten nun auf unsere Getränke.

„Das ist unerhört“, empört sich Adela. „So etwas habe ich noch nie erlebt! Und zu allem Überfluss sagt er auch noch, es habe sich nur um eine Vorladung gehandelt.“

„Ich habe ganz genau gehört, wie der Polizist gesagt hat, sie hätten einen Haftbefehl“, versichert Metáfora.

„Hat man ihn euch gezeigt?“, fragt Hinkebein.

„Nein, aber …“

„Dann kann man nichts machen“, stellt Hinkebein lakonisch fest. „Sie werden behaupten, dass ihr euch verhört habt.“

„Aber ich versichere euch, dass sie Arturo verhaftet haben“, beharrt Metáfora.

„Lassen wir das mal für einen Augenblick beiseite“, sagt Adela. „Wichtig ist jetzt herauszufinden, was der Inspektor damit bezweckt hat. Offensichtlich hat er etwas Bestimmtes vor.“

„Oder er handelt auf Anweisung von jemand anderem“, sage ich.

„An wen denkst du da?“, fragt Hinkebein.

„An Stromber. Er hat seinen Namen erwähnt. Die beiden kennen sich. Ich bin sicher, Demetrio ist in seine Pläne eingeweiht. Sie sind Freunde und Komplizen.“

„Aber warum?“, fragt Adela. „Was suchen sie? Was haben sie vor? Warum tun die das?“

„Stromber möchte Arturo sein“, erinnert uns Hinkebein. „Wir wissen, dass er seinen Platz einnehmen will.“

„Das sind doch Hirngespinste“, sagt Metáfora. „Er meint das nur sinnbildlich, nichts weiter. Was soll das überhaupt heißen, Stromber will Arturo sein?“

„Er will sich in der Stiftung einnisten“, antworte ich kurz und bündig. „Das heißt das.“

„Die Stiftung existiert nicht mehr“, sagt Hinkebein. „Bestimmt hat er etwas anderes im Sinn.“

„Was meinst du damit, Juan, Liebling? Was hat er deiner Meinung nach im Sinn?“

„Den Familiennamen!“, ruft Metáfora plötzlich. „Er will sich den Namen der Familie Adragón aneignen!“

„Dazu braucht er Demetrio nicht“, folgert Adela. „Solche Fragen regelt das Gesetz, und dazu braucht man Anwälte. Tut mir den Gefallen und schweift nicht vom Thema ab, sonst werden wir noch alle verrückt.“

„Verrückt?“, rufe ich. „Wenn man von zwei Polizisten verhaftet wird, ist man dann gleich verrückt?“

„Ich will doch nur damit sagen, dass wir uns an die Fakten halten sollten“, erklärt Adela. „Stromber will etwas ganz Bestimmtes. Und wenn Demetrio ein Freund von ihm ist, dann muss es um etwas Handfesteres gehen als um einen Familiennamen oder eine Persönlichkeitsstörung. Versteht ihr, was ich meine?“

Adela hat recht. Aber sie weiß nicht, was wir wissen. Und es ist sehr schwer, ihr das zu erklären. Wenn wir ihr alles erzählen, wird sie uns tatsächlich für verrückt halten.

„Adela, glaubst du an die Unsterblichkeit?“, frage ich sie.

Sie sieht mich verständnislos an.

III
DIE HEXE

DAS ERDBEBEN WURDE von einem ohrenbetäubenden Lärm begleitet, und obwohl es nur wenige Augenblicke andauerte, breitete sich überall Panik aus. Die Leute schrien wild herum und liefen in alle Richtungen davon. Manch einer fiel auf die Knie und flehte den Himmel um Gnade an. Einige Dächer flogen davon, und die aufgeschreckten Pferde hörten nicht auf zu wiehern.

„Die Hexe ist schuld!“

„Und der blinde Hexenmeister!“

„Verflucht seien sie!“

„Wir werden alle sterben!“

Das kurze Erdbeben weckte die schlimmsten Befürchtungen der abergläubischen Menschen. Die Dorfbewohner waren fest davon überzeugt gewesen, dass die schrecklichen Erschütterungen mit dem Tod des Mädchens aufhören würden. Doch nun war die Hinrichtung durch die Ankunft der beiden Fremden verhindert worden.

Als die Erde schwieg und die Lage sich langsam beruhigte, stieg Arturo vom Pferd und setzte sich die silberne Gesichtsmaske wieder auf. Dann ging er langsam zu Crispín, der sich schützend vor das Mädchen gestellt hatte.

„Soldaten!“, rief Arturo. „Es ist besser, wenn ihr von hier verschwindet. Nehmt eure Toten und Verwundeten mit. Der Kampf ist zu Ende!“

„Wenn unser König hört, was Ihr getan habt, wird er seine Truppen schicken, um Euch festnehmen zu lassen“, drohte Simbolius. „Ihr könnt ihm nicht entkommen.“

„Ich werde den Kampf nicht scheuen. Aber lasst euch sagen, euer Sinn für Gerechtigkeit lässt viel zu wünschen übrig. Man darf keinen Menschen ohne Prozess verurteilen, und schon gar nicht zum Tode! Das Mädchen kann unmöglich die Schuld an den Erdbeben tragen.“

„Doch!“, schrie eine Frau aus dem Volk. „Sie steht mit dem Teufel im Bunde!“

„Wenn wir sie nicht verbrennen, wird unser Dorf vom Erdboden verschwinden!“

„Verbrennen! Verbrennen!“

Arturo hob das Schwert, und die aufgebrachte Menge verstummte.

„Niemand wird hier verbrannt!“, rief der schwarze Ritter. „Ich werde es nicht zulassen!“

Zögernd beruhigten sich die erhitzten Gemüter.

„Zieht mit Euren Männern ab!“, befahl er dem Offizier. „Verschwindet von hier!“

Der Offizier, der inzwischen jedes Interesse an der Hexe und dem Ritter mit dem unbesiegbaren Schwert verloren hatte, befahl seinen Leuten, die Leichen des Hauptmanns und der Soldaten auf einen Karren zu laden und aus dem Dorf abzuziehen.

Plötzlich trat ein Mann aus der Menge hervor und umarmte die junge Frau, die langsam wieder zu sich kam.

„Amedia, meine Tochter!“, rief er gerührt. „Meine über alles geliebte Tochter!“

„Vater! Vater!“

„Ganz ruhig, meine kleine Amedia, es kann dir nichts mehr geschehen“, versicherte ihr der Mann. „Die beiden Ritter haben dich gerettet.“

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Arturo das Mädchen. „Können wir etwas für dich tun?“

„Ich will nach Hause“, sagte Amedia. „Der ganze Körper tut mir weh. Ich fühle mich schwach.“

Dédalus – so hieß der Vater des Mädchens – und Crispín stützten sie. Sie überquerten den Platz und gingen ans Ende des Dorfes, von wo aus sie beobachten konnten, wie die Soldaten sich langsam entfernten.

„Wir sind da“, sagte Dédalus und wies auf ein kleines Haus, neben dem, wenige Schritte entfernt, ein halb verfallener Stall stand. „Hier wohnen wir.“

Crispín band die Pferde an einen eisernen Ring, der in eine Mauer eingelassen war. Dann betraten die vier die Hütte.

„Ich kann Euch etwas zu essen anbieten“, sagte Amedias Vater.

„Vielen Dank, Freund Dédalus“, antwortete Arturo. „Aber das Wichtigste ist jetzt erst einmal, dass deine Tochter sich von der Folter erholt.“

Erschöpft sank Amedia auf ihr Lager. Dédalus untersuchte die Wunden.

„Ihr Körper ist übersät von den Spuren der Schläge und Peitschenhiebe“, stellte er fest. „Sie braucht unbedingt Ruhe.“

„Du wirst dich davon erholen, Amedia“, sagte Arturo aufmunternd zu ihr. „Du warst sehr tapfer!“

„Vielen Dank für Eure Hilfe, Caballero“, antwortete das Mädchen. „Niemand sonst hätte das für mich getan.“

„Welche Beweise gab es für deine Schuld?“

„Keine! Mir wurde gesagt, die Dorfbewohner hätten mich beschuldigt. Ich sei eine Hexe, haben sie behauptet, und mein Vater beherrsche die alchemistischen Künste. Schon seit einiger Zeit wirft man uns vor, Freunde der Alchemisten zu sein.“

„Und?“, fragte Arturo. „Seid ihr es?“

„Einmal habe ich einen von ihnen kennengelernt. Seinen Namen hat er mir nicht gesagt, aber ich habe ihm Unterschlupf gewährt“, gestand Dédalus. „Das haben mir die Leute aus dem Dorf nie verziehen.“

„Praktizierst du Alchemie?“, wollte Crispín wissen.

„Aber nein, ich kann weder schreiben noch lesen“, antwortete Amedias Vater. „Wie soll ich eine Kunst praktizieren, deren Geheimnisse mir unbekannt sind? Glaubt mir, ich sage die Wahrheit.“

„Die Zauberer wollen den Leuten weismachen, dass die Alchemisten böse sind“, sagte Amedia.

„Es tut mir leid, dass du den Preis für diese gemeine Lüge bezahlen musstest. Ich wünsche dir, dass du dich bald wieder erholst“, erwiderte Arturo. „Hoffentlich hast du keine Verbrechen gestanden, die du nicht begangen hast.“

„Sie haben mich stundenlang gefoltert, bis ich gesagt habe, was sie von mir hören wollten“, berichtete Amedia. „Mehrmals habe ich das Bewusstsein verloren. Mein Körper ist eine einzige Wunde.“

„Diese Soldaten haben es ernst gemeint“, sagte Crispín. „Sie hätten dich bei lebendigem Leibe verbrannt.“

„In diesen schrecklichen Zeiten wird jeder auf dem Scheiterhaufen verbrannt, der im Verdacht steht, aufseiten der Alchemisten zu stehen. Es heißt, sie suchen nach einem Weisen, der den König verhext hat und für die Erdbeben verantwortlich ist“, erklärte Dédalus. „Sie sind so verzweifelt, dass sie sämtliche Hexenmeister zusammengerufen haben, um den Fluch vom Königreich abzuwenden und wieder Normalität herzustellen. Sie hassen und fürchten die Hexenmeister, aber sie sind auf sie angewiesen.“

„Ja, einerseits werfen sie sie auf den Scheiterhaufen, und andererseits bedienen sie sich ihrer Zaubermittel“, klagte Crispín. „Das ist heller Wahnsinn!“

„Eine merkwürdige Art, Probleme zu lösen“, bemerkte Arturo. „Heutzutage sucht alle Welt nach Hexenmeistern, Zauberern, Hexen … oder eben Alchemisten.“

„Ihr auch?“, fragte Amedias Vater. „Seid Ihr auch auf der Suche nach Zauberern? Oder seid Ihr Freunde der Alchemisten?“

„Wir suchen einen Zauberer, der angeblich imstande ist, ein Gesicht wie das meine wiederherzustellen“, sagte Arturo. „Ich muss ihn unbedingt finden.“

„Es gibt viele Zauberer und Hexenmeister, die das können, Caballero. Und das für wenig Geld.“

„Derjenige, den ich suche, ist ein besonderer Zauberer. Mir wurde gesagt, dass er mir das Augenlicht wiedergeben kann“, erwiderte Arturo, darauf bedacht, nicht zu viel zu verraten.

Amedia schwieg. Arturo hatte das seltsame Gefühl, dass sie etwas sagen wollte.

„Kennt Ihr ihn vielleicht?“, fragte er.

„Nein, aber wenn Ihr ihn findet, schickt ihn zu mir, vielleicht kann er ja auch meinen ramponierten Körper wiederherstellen“, lachte Amedia bitter. „Braucht Ihr sonst noch etwas?“

„Essen“, antwortete Crispín.

„Und ein Dach über dem Kopf für diese Nacht“, fügte Arturo hinzu.

„Essen können wir Euch geben“, versicherte der Alte. „Aber das andere würde Euch schlecht bekommen. Die letzten Reisenden, die in diesem Dorf übernachtet haben, sind für immer geblieben … auf dem Friedhof. Besser, Ihr reitet weiter.“

„Wir möchten uns nur ein wenig ausruhen“, entgegnete Arturo. „Gleich morgen setzen wir unsere Reise fort.“

„Wenn Ihr über Nacht bleibt, werdet Ihr Eure Reise nicht fortsetzen können“, beteuerte der Mann. „Das könnt Ihr mir glauben.“

„Wer oder was könnte uns davon abhalten?“

„Die Nacht, Ritter mit der Maske“, antwortete Dédalus. „Die Nacht!“

„Die Nacht allein tötet niemanden“, sagte Arturo.

„Aber die Nächte der Teufelsfratze sehr wohl! Sie sind unerbittlich. Wilde Bestien kommen aus ihren Löchern und machen sich auf die Jagd nach frischem Fleisch. Es ist, als wüssten sie, wenn jemand von außerhalb kommt. Uns, die wir hier leben, lassen sie in Frieden. Es reicht ihnen, uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Damit machen sie uns gefügig.“

„Wir bleiben auf jeden Fall“, entschied Arturo. „Sollen die Bestien ruhig kommen!“

„Wir mögen es gar nicht, wenn sie unseren Schlaf stören“, fügte Crispín lachend hinzu.

„Ihr lauft Gefahr, im ewigen Schlaf zu versinken, ohne etwas zu merken“, prophezeite Dédalus. „Es ist gefährlich, hier im Dorf zu übernachten.“

„Wo können wir unterkommen?“, fragte Arturo, ungeachtet der Warnung. „Alles deutet darauf hin, dass es bald regnen wird. Wir brauchen ein Dach über dem Kopf.“

„Es wäre uns eine große Ehre, Euch in unserem Hause aufzunehmen“, sagte Amedia. „Auch wenn es sehr klein ist, wie Ihr seht. „Und morgen geben wir Euch etwas zu essen mit … Brot, Käse, Fleisch und Obst.“

„Vielleicht können wir im Stall unterkriechen“, schlug Crispín vor. „Wir werden die Tiere nicht stören, und nebenbei könnten wir sie bewachen.“

„Macht Euch keine falschen Vorstellungen“, seufzte Amedia. „Schon stärkere Männer als Ihr sind in die Klauen der Bestien geraten.“

„Morgen früh werdet ihr diese silberne Maske auf meinem Gesicht blinken sehen“, versicherte Arturo.

„Das hoffen wir.“

„Ach, übrigens, ich habe von einem Alchemisten namens Arquimaes gehört“, sagte der Alte. „Vielleicht ist es der, den Ihr sucht. Er soll sich nach Ambrosia zurückgezogen haben, zusammen mit Königin Émedi.“

„Arquimaes ist nicht der Mann, den wir suchen“, sagte Arturo. „Und Königin Émedi … ist tot.“

„Das tut mir leid. Sie war eine gerechte Herrscherin“, sagte Dédalus bekümmert. „Sie hat viel leiden müssen. Es heißt, sie hatte einen Sohn, der bei der Geburt gestorben ist.“

„Ich versichere dir, dass ihr Sohn wohlauf ist“, erwiderte Arturo. „Daran besteht keinerlei Zweifel.“

***

VÖLLIG ERSCHÖPFT ERREICHTEN die Emedianer Ambrosia. Die Nachricht von ihrem Sieg war bis hierher gedrungen, und so wurden sie von den überglücklichen Menschen freudig willkommen geheißen.

Manche jedoch hatten den Verlust eines geliebten Angehörigen zu beklagen. Die Schlacht um Demónika war blutig gewesen, und viele Soldaten der Schwarzen Armee hatten ihr Leben lassen müssen.

„Ruft zehn Tage Trauer aus“, wies Arquimaes seine Generäle an. „Die Schlacht hat viele Männer das Leben gekostet. Wir mussten unseren Sieg teuer bezahlen.“

„Auch unsere geliebte Königin Émedi hat ihr Leben für uns gelassen“, fügte Ritter Eisenfaust hinzu. „Wie könnten wir das vergessen?“

„Wir werden ihren Leichnam wie unseren wertvollsten Schatz hüten“, versicherte Arquimaes, „zusammen mit Alexia. Denn auch sie ist ein Opfer des Krieges gegen die Hexerei geworden.“

Als die Versammlung vorüber war, trat Rías zu dem Weisen.

„Wenn Ihr wollt, Meister, kann ich Wache halten“, bot er sich an. „Ich habe der Prinzessin zu ihren Lebzeiten gedient, und ich würde es gern auch weiterhin tun.“

„Danke, Freund Rías“, erwiderte der Alchemist. „Ich weiß, dass du Arturo geholfen hast, in die Festung von Demónika einzudringen. Du hast mein vollstes Vertrauen.“

„Wenn Ihr damit einverstanden seid, könnte ich Euch als Gehilfe dienen. Die Alchemie fasziniert mich, seit ich die Buchstaben auf Arturo Adragóns Körper und den Drachen auf seiner Stirn gesehen habe. Ich kenne mich in der Kunst der Kalligraphie aus und bin in der Lage, wunderschöne Zeichnungen anzufertigen.“

„Ich werde sehen, was sich machen lässt. Doch jetzt müssen wir uns erst einmal um die beiden Toten kümmern. Vielleicht, wenn diese finstere Zeit nur noch bloße Erinnerung ist …“

„Ich werde mich in Geduld üben, Meister“, sagte Rías. „Ich hoffe, dass ich Euch dienlich sein kann.“

***

NACH DEM ESSEN bestand Amedia darauf, Arturo und Crispín in den Stall zu begleiten. Sie hatte große Schmerzen, und ihr Vater, der sie vergeblich umzustimmen versucht hatte, musste sie stützen.

„Dieses Loch ist bei den ersten Erdbeben entstanden“, erklärte sie ihnen draußen. „Von Zeit zu Zeit kommen dort die Bestien heraus und schnappen sich Menschen. Es ist schrecklich.“

„Und was machen sie mit ihnen?“, erkundigte sich Crispín. „Wo bringen sie sie hin?“

„In die Hölle, nehme ich an“, antwortete das Mädchen in aller Unschuld. „Es heißt, dieses Dorf wurde von Hexenmeistern gegründet. Es ist verflucht, glaubt mir.“

„Und was hat König Rugiano damit zu tun?“, wollte Arturo wissen.

„Er ist ein Betrüger!“, rief Dédalus. „In seinen Adern fließt kein königliches Blut, er entstammt einer gottlosen Sippe von Mördern. Er ist es, der den Zorn der Natur entfacht hat. Ich glaube, er ist für die Erdbeben verantwortlich. Es geht das Gerücht, dass er sich von Blut ernährt.“

„Ich kenne viele Könige, die sich selbst die Krone auf den Kopf gesetzt haben“, bemerkte Crispín. „Könige, die zu Tyrannen geworden sind und ihr Volk unterdrücken. Mein Vater musste in die Wälder fliehen, um der Grausamkeit eines solchen Tyrannen zu entgehen. Und vergessen wir nicht unseren Freund Frómodi.“

„Ein König ohne königlichen Stammbaum ist ein Fluch für das Volk“, sagte Amedia. „Bald wird dieses Land im Chaos versinken, in dem gottlose und korrupte Hexenmeister das Sagen haben werden. Immer mehr solcher Erdlöcher werden entstehen, und die Bestien aus der Hölle werden uns am Ende alle verschlingen.“

„Wir werden sie davon überzeugen, dass es besser für sie ist, in ihren Löchern zu bleiben“, beteuerte Crispín.

„Habt ihr schon einmal versucht, den Krater zuzuschütten?“, fragte Arturo.

„Ja, wir haben es immer wieder versucht“, antwortete der Vater des Mädchens, „aber ohne Erfolg. Es ist, als hätte er keinen Boden. Man kann ihn einfach nicht zuschütten.“

„Gibt es jemanden, der diese Bestien gesehen hat?“, fragte Crispín.

„Wer sie gesehen hat, lebt nicht mehr, um davon zu berichten“, sagte das Mädchen.

„Das bedeutet, dass niemand sie gesehen hat“, folgerte Arturo. „Es handelt sich also um eine Legende.“

„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden“, sagte Crispín. „Nicht wahr, Arturo?“

„Ja, du hast recht. Heute Nacht werden wir gut aufpassen in unserem Stall. Von dort aus können wir beobachten, was da vor sich geht. Wenn die Bestien aus ihren Löchern kommen, werden sie es mit uns zu tun bekommen.“

„Ihr spielt mit Eurem Leben, wenn Ihr im Stall schlaft“, warnte Amedia die beiden.

„Kuriere du deine Wunden, wir kümmern uns um den Rest“, erwiderte Arturo zuversichtlich. „Nicht wahr, Crispín?“

„Jawohl, Herr.“

IV
AASGEIER IN DER STIFTUNG

WIR GEHEN ZUR Stiftung oder besser gesagt zu dem, was von ihr übrig geblieben ist. Sombra kommt uns entgegen, um uns zu begrüßen. Wir haben alles versucht, um ihn zu überreden, die Ruine zu verlassen. Doch trotz der Einsturzgefahr war er nicht davon abzubringen, sich eine kleine Hütte zu bauen, in der er zu leben beabsichtigt.

„Wie geht’s denn so, Sombra?“, frage ich ihn.

„Schlecht. Die Mauern können jeden Moment einstürzen“, erklärt er. „Unmöglich, sie abzustützen. Die Stiftung ist endgültig verloren.“

„Deswegen solltest du besser zu uns kommen“, legt Metáfora ihm wieder einmal nahe. „Dein Leben ist hier in Gefahr.“

„Die Gefahr für die Stiftung ist noch viel größer“, entgegnet er. „Ich gehe hier nicht weg. Niemand soll sagen, ich hätte die Stiftung im Stich gelassen. Manche Dinge sind zu wichtig, als dass man sie den Aasgeiern überlassen sollte.“

„Ich glaube, morgen kommen die Abrissbagger“, sagt Hinkebein. „Sie werden alles niederreißen.“

„Ich werde sie an ihrer Arbeit hindern. Das ist unser Zuhause, und niemand wird die Mauern anrühren“, antwortet Sombra entschieden.

„Das Wichtigste ist, dass die Bücher in Sicherheit sind“, sage ich. „Wir haben fast alle retten können.“

„Ich habe auch noch einige Reste eingesammelt, aber ich konnte nicht verhindern, dass sich die Aasgeier ein paar Exemplare unter den Nagel gerissen haben“, sagt er. „Die Bücher sind überall verstreut. Was für eine Katastrophe! Die Arbeit von Jahrhunderten, einfach so zunichtegemacht!“

„Ich muss unbedingt da rein“, sagt Hinkebein. „Das ist eine einmalige Gelegenheit für meine Nachforschungen! Man muss das Chaos ausnutzen.“

„Sei vorsichtig, Liebling“, ermahnt ihn Adela. „Wenn du dabei erwischt wirst, kriegst du Probleme. Außerdem ist es sehr gefährlich.“

„Wenn es einen Ort gibt, an dem ich mich zu bewegen weiß, dann hier. Vergiss nicht, ich kenne mich mit Ruinen aus. Mir wird schon nichts passieren.“

„Wann gehen wir runter in den Keller, Hinkebein?“, frage ich ihn.

„Bitte, Arturo, hör endlich auf, ihn so zu nennen“, drängt Adela. „Du weißt doch, dass ich das nicht mag … Nenne ihn Juan.“

„Meine Freunde können mich nennen, wie sie wollen“, protestiert Hinkebein. „Und außerdem gefällt es mir, wenn sie mich Hinkebein nennen.“

„Aber Liebling …“, versucht Adela zu widersprechen.

„Adela, mein Engel, was ist schon dabei, wenn sie mich Hinkebein nennen? Mir gefällt das.“

„Also, was tun wir?“, frage ich.

„Unsere Arbeit“, antwortet Hinkebein, aus dem jetzt wieder der ernsthafte Archäologe spricht. „Da unten liegen viele Antworten auf unsere Fragen, und ich will sie finden. Morgen Abend gehen wir runter.“

„Ich will auch mit“, sagt Metáfora. „Ich möchte gern sehen, was sich unter der Stiftung verbirgt. Ich will den Palast von Arquimia sehen.“

„Also gut, dann gehen wir also zu dritt.“

„Vielleicht sollte ich euch begleiten“, mischt sich Sombra ein. „Ich könnte euch eine große Hilfe sein.“

Hinkebein schaut mich an. Er will meine Meinung hören.

„Es ist sehr gefährlich, Sombra“, sage ich. „Die Mauern könnten einstürzen, und du …“

„Ja, ja, ich weiß, ich bin ein alter Sack! Aber ich bin auch ein guter Führer. Ich kenne viele Geheimnisse.“

„Gut, schließlich ist es da unten nicht gefährlicher als hier oben. Wenn alles einstürzt, ist es wohl egal, ob man sich unten oder oben aufhält.“

„Ihr seid verrückt!“, ruft Adela. „Die Mauern stürzen bei der geringsten Erschütterung ein! Ich erlaube euch nicht, in den Keller hinunter zu steigen! Hörst du, Juan?“

„Ja, Liebling, ich habe gehört“, antwortet Hinkebein. „Aber ich bin Archäologe und kann mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Versteh mich doch!“

„Dann geh ich auch mit“, entscheidet Adela. „Alle zusammen oder keiner!“

„Adela, bitte“, fleht Hinkebein, „mir ist es lieber, wenn du hier bleibst, Liebling. Mir zuliebe, ja?“

***

IM KRANKENHAUS ANGEKOMMEN, gehen wir hinauf in Papas Zimmer. Adela und Hinkebein wollten unbedingt mitkommen.

„Hallo, Papa! Wie geht’s dir?“

„Gut, Arturo, ich fühle mich schon viel besser“, sagt mein Vater mit einem Lächeln. „Diesmal hätte es mich beinahe erwischt.“

„Er macht sehr gute Fortschritte“, berichtet Norma. „Doktor Batiste hat hervorragende Arbeit geleistet.“

„Doktor Batiste?“, frage ich ein wenig überrascht. „Hat er ihn behandelt?“

„Ja … Er hat deinen Vater sogar operiert.“

„Aber ich dachte, dass … Na ja, egal, das Wichtigste ist, dass er außer Lebensgefahr ist“, sage ich erleichtert. „Ich bin so froh.“

„Es gab Momente, in denen ich glaubte, ich sei tot“, gesteht mein Vater. „Ich dachte schon, ich würde euch nie mehr wiedersehen. Wenn Doktor Batiste nicht gewesen wäre …“

„Jetzt übertreiben Sie mal nicht, Señor Adragón“, lacht Adela. „Es heißt, wenn jemand glaubt, tot zu sein, interessieren ihn die Dinge dieser Welt nicht mehr.“

„Sie irren sich! Gerade dann will man unbedingt in sie zurückkehren, zu den Menschen, die man liebt“, versichert Papa.

„Niemand weiß, was passiert, wenn man stirbt“, sagt Metáfora. „Das ist ein Geheimnis.“

„Wichtig ist jetzt nur, dass alles gut ausgegangen ist“, erwidert ihre Mutter.

„Stimmt es, dass die Stiftung völlig in Trümmern liegt?“, fragt Papa.

„Wir kommen gerade von dort. Es wird nichts anderes übrig bleiben, als das Wenige, was noch steht, einzureißen“, berichte ich. „Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll.“

„Vielleicht sollten wir aus Férenix fortgehen“, antwortet mein Vater. „Wir könnten ein neues Leben beginnen.“

„Was? Was sagst du da?“

„Manchmal muss man eben drastische Einschnitte machen“, erklärt mein Vater. „Immer, wenn etwas zu Ende ist, fängt etwas Neues an.“

„Und warum bauen wir die Stiftung nicht wieder auf?“, frage ich. „Wir errichten sie auf ihren eigenen Ruinen! Ja, genau das machen wir! Sie wird sich erheben wie Phönix aus der Asche!“

„Ich glaube, dafür ist es zu spät, Arturo“, sagt mein Vater. „Ich bin müde, sehr müde.“

„Unser Leben ist untrennbar mit der Stiftung verbunden“, widerspreche ich. „Wenn sie stirbt, sterben wir auch.“

„Die Stiftung, das ist doch nur ein Gebäude, nichts weiter.“

„Und unser Name? Lohnt es sich nicht, dafür zu kämpfen?“

„Der Name Adragón wird überleben, mein Sohn“, versichert er. „Wir werden ihn niemals aufgeben. Er ist das Einzige, was uns geblieben ist.“

„Du weißt doch, dass Stromber ihn haben will, Papa“, erinnere ich ihn.

„Ja, er hat mir Geld dafür angeboten, aber ich habe abgelehnt.“

„Er will euren Namen kaufen?“, fragt Metáfora empört.

„Ja, aber ich werde ihn nicht verkaufen“, versichert Papa noch einmal. „Ihr könnt ganz beruhigt sein.“

Die Tür öffnet sich, und herein kommt eine Krankenschwester. Sie hält ein Tablett in den Händen, auf dem eine Spritze liegt.

„Zeit für die Medizin“, verkündet sie fröhlich. „Verlassen Sie bitte für einen Moment das Zimmer, damit ich Señor Adragón ein wenig Gesundheit einspritzen kann. Machen Sie Ihren Hintern frei, Señor!“

Wir gehen auf den Korridor hinaus, damit die Schwester ungestört ihre Arbeit tun kann.

„Er sieht prächtig aus“, bemerkt Adela. „Dabei ist es ein Wunder, dass er überlebt hat.“

„Es ist überhaupt ein Wunder, dass niemand bei dieser schrecklichen Explosion getötet wurde“, sagt Metáfora. „Wir können von Glück reden.“

Ihre Worte erinnern mich an den Moment, als die Bombe explodierte. Sofort habe ich das schreckliche Bild wieder vor Augen. Mir dreht sich der Magen um.

„Ich geh mal kurz runter, Doktor Batiste guten Tag sagen“, entschuldige ich mich. „Bin gleich wieder da.“

„Ich komme mit“, sagt Metáfora.

Wir fahren mit dem Aufzug hinunter ins Erdgeschoss. Am Informationsschalter sagt man uns, dass Doktor Batiste in der Cafeteria zu finden sei.

„Vielleicht sollten wir ihn lieber in Ruhe lassen“, gibt Metáfora zu bedenken.

„Ich muss aber unbedingt mit ihm sprechen“, entgegne ich. „Los, komm.“

Doktor Batiste sitzt allein an einem der hinteren Tische, vor sich eine Tasse Kaffee. Er telefoniert. Eine gute Gelegenheit.

Wir gehen zu ihm, bleiben aber ein paar Meter vor seinem Tisch stehen, nah genug, um von ihm bemerkt zu werden.

„… In Ordnung, Horacio. Ich muss jetzt Schluss machen … Hallo, Arturo! Hallo, Metáfora!“, begrüßt er uns, nachdem er das Handy ausgeschaltet hat. „Wie geht es euch?“

„Gut. Ich möchte mich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie meinem Vater das Leben gerettet haben. Er hat mir erzählt, was Sie für ihn getan haben, Doktor.“

„Oh, das war doch selbstverständlich“, erwidert er und trinkt einen Schluck Kaffee. „So schwer war dein Vater nun auch wieder nicht verletzt. Ich habe nur meine Arbeit gemacht. Hab getan, was getan werden musste, nicht mehr und nicht weniger.“

Wir setzen uns ihm gegenüber.

„Mein Vater sagt, Sie haben ihn wieder zum Leben erweckt, Doktor. Er hat schon geglaubt, er sei tot …“

„Das stimmt nicht“, widerspricht Doktor Batiste. „Dein Vater war keinen Augenblick tot. Er hat einen schweren Schock erlitten, das ist alles.“

„Er behauptet das Gegenteil, und ich glaube ihm. Ich bin mir sicher, dass Sie ihn wiederbelebt haben, Doktor Batiste.“

„Glaubst du wirklich, ich verfüge über die Fähigkeit, Tote zum Leben zu erwecken? Das Einzige, über das wir Ärzte verfügen, sind Elektroden und starke Medikamente. Aber wir sind keine Götter. So viel Macht haben wir nicht …“

„Señor Adragón hat uns soeben erklärt, dass er tot gewesen ist“, beharrt Metáfora. „Und dass ihn etwas ins Leben zurückgeholt hat, in die reale Welt. Wir glauben, dass Sie …“

„Es kann schon mal vorkommen, dass jemand meint, er sei gestorben. Die Patienten berichten dann von einem hellen Licht, das sie gesehen haben. Aber in Wirklichkeit haben sie die Jupiterlampen über dem Operationstisch gesehen. Wenn das Licht dort grün wäre, würden sie sagen, sie hätten ein grünes Licht am Ende eines langen Tunnels gesehen. Die Erklärung ist also ganz simpel.“

„Ich glaube Papa“, wiederhole ich. „Ich kenne ihn und weiß, dass er keine Geschichten erfindet.“

„Das tut er auch nicht. Es handelt sich um einen falschen Eindruck, der für ihn ganz real war. Dein Vater hat das nicht erfunden, aber in Wirklichkeit existierte es nur in seiner Fantasie.“

„Señor Adragón ist kein Fantast“, sagt Metáfora.

„Das weiß ich. Man muss keine ausschweifende Fantasie haben, um so etwas zu behaupten“, erklärt Doktor Batiste und trinkt seinen Kaffee aus. „Möglich, dass er das Gefühl hatte, tot zu sein, aber das ist darauf zurückzuführen, dass er sehr geschwächt war, oder es lag an den schmerzstillenden Mitteln, die wir ihm verabreicht haben. Völlige Erschöpfung, Schwindel … Es gibt Fälle, in denen es möglich ist, jemanden wiederzubeleben, aber dafür braucht man bestimmte technische Hilfsmittel. Bei Señor Adragón war das nicht erforderlich. Ihr könnt mir glauben.“

„Sie wollen nur von dem ablenken, was Sie für ihn getan haben, Doktor“, entgegne ich. „Aber uns können Sie nichts vormachen.“

„Nein, mein Junge, ich mache euch nichts vor … Aber wer kennt schon die ganze Wahrheit?“, seufzt er und steht auf. „Entschuldigt mich jetzt bitte, ich muss zurück in den OP.“

„Übrigens, Doktor, wir waren auf dem Friedhof, aber wir konnten das Grab nicht finden, für das wir uns interessieren. Wir suchen nämlich das von Román Drácamont, nicht das von Román Caballero.“

„Tut mir leid, aber ich habe dir gesagt, was ich weiß.“

„Román Drácamont ist mein Vater“, erklärt Metáfora. „Wenn Sie wissen, wo sich sein Grab befindet, müssen Sie es uns sagen, bitte …“

„Soweit ich weiß, wurde er auf dem Friedhof von Férenix begraben. Allerdings … Fragt doch mal den Abt des Klosters vom Monte Fer.“

„Warum sollte ausgerechnet Bruder Tránsito wissen, wo mein Vater begraben liegt?“

„Die Mönche haben eine Liste aller Personen, die in Férenix leben oder gestorben sind. Kann sein, dass sie etwas über deinen Vater wissen. Mehr kann ich euch nicht sagen.“

V
DIE NACHT DES SCHRECKENS

DIE NACHT WURDE von Blitzen und Donnern begleitet, die das Tal erzittern ließen. Das Gewitter entlud sich mit aller Gewalt über Teufelsfratze. Man konnte das Gefühl haben, es wolle das Dorf verschlingen.

Arturo und Crispín hatten mit gutem Appetit gegessen. Dédalus hatte einen schmackhaften Eintopf für sie bereitet. Nach dem Essen hatten sie sich in dem Stall eingerichtet, zusammen mit zwei Zugpferden, vier Kühen, ein paar Schafen sowie mehreren Hühnern und Enten. Außerdem leisteten ihnen zwei Hunde Gesellschaft, die sie nicht aus den Augen ließen.

„Schlafen wir, oder warten wir auf den Besuch der Bestien?“, witzelte Crispín.

„Ich lege mich schlafen, und du übernimmst die erste Wache“, antwortete Arturo. „Weck mich, wenn sie kommen.“

„In Ordnung, Herr. Dein treuer Knappe wird deinen Schlaf bewachen. Und wenn die Bestien kommen, werde ich sie höflich auffordern zu verschwinden, um deinen Schlaf nicht zu stören.“

Arturo überhörte Crispíns scherzhafte Bemerkung, ließ sich ins Stroh fallen, schlüpfte unter eine dicke Decke und versuchte einzuschlafen.

Crispín nahm seine unersetzliche Keule in die Hand und legte Pfeil und Bogen in Reichweite bereit. Dann unternahm er mehrere Kontrollgänge, wobei er keinen Punkt außer Acht ließ. Er war überzeugt, dass eine mögliche Gefahr vor allem vom nahen Wald drohte, dem dunkelsten Teil der Umgebung. Die Hunde, die ihn schweigend begleiteten, beobachteten alles durch den dichten Regenvorhang.

„Wenn ihr etwas seht, müsst ihr laut bellen“, flüsterte er ihnen zu, „auch wenn ihr das ganze Tal aufweckt. Wer sich in der Dunkelheit leise anschleicht, führt meistens nichts Gutes im Schilde. Das weiß ich aus Erfahrung.“

Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, als die Stille und die heimelige Atmosphäre in der Nähe der Tiere bei Crispín zu wirken begannen. Seine Muskeln entspannten sich, und ohne es zu merken, schlief er ein.

Die nächtliche Stille, die nur hin und wieder durch fernes Donnergrollen gestört wurde, hüllte das Dorf ein. Es war, als gehörte es nicht zu dieser Welt. Die Nächte der Teufelsfratze schienen anders zu sein als an anderen Orten, genauso wie Amedia gesagt hatte.

Plötzlich fuhr Arturo aus dem Schlaf hoch und sprang auf. Er packte sein alchemistisches Schwert und starrte lauernd in die Dunkelheit.

„Was ist los?“, fragte er schlaftrunken. „Was geht hier vor?“

Crispín schlief wie ein Baum und hörte nichts. Er sah aus wie ein unschuldiges Kind, das man verzaubert hatte.

Arturo stolperte über etwas. Er beugte sich hinunter und stellte fest, dass es die beiden Hunde waren. Sie lagen tot im Schlamm. Da begriff er, dass es ihr letztes Bellen gewesen sein musste, das ihn geweckt hatte. Er war alarmiert.

Plötzlich trat ein Wesen in menschlicher Gestalt aus dem Regendunst hervor. Es war von einem hellen Lichtschein umgeben und trug ein Schwert am Gürtel.

„Bei allen Toten des Abgrunds!“, rief Arturo erschrocken aus. „Wer bist du? Was bist du? Was willst du?“

„Ich bin einer deiner Dämonen“, antwortete das Wesen in verführerischem, lockendem Ton. „Ich bin gekommen, um dich zu holen.“

„Ich habe dich nicht gerufen!“, entgegnete Arturo.

„Aber du kennst mich. Wir sind uns auf dem Weg zum Abgrund des Todes begegnet. Erinnerst du dich?“

„Das ist lange her. Geh weg! Ich habe dich nicht hergebeten!“

„Du tust es jede Nacht, Arturo Adragón. Du träumst von uns, du suchst uns und liebst uns. Du bist mehr tot als lebendig! Deine Gewissensbisse verfolgen dich!“

„Ich will nichts von euch wissen!“, rief Arturo.

„Aber nun sind wir hier“, sagte ein zweites Wesen und trat ebenfalls aus dem Dunst hervor. „So leicht wirst du dich nicht von uns befreien können.“

„Verschwindet von hier, bevor ich …“

„Was?“, fragte ein dritter Schatten.

„Willst du uns etwa drohen? Du träumst von uns, verleihst uns Leben, und jetzt willst du uns loswerden“, fügte ein weiterer Geist hinzu. „Komm, wir führen dich an einen Ort, an dem du deinen Schlaf finden wirst. Das Leben hat dir nichts mehr zu bieten. Wirf es von dir!“

„Haut ab!“, schrie Arturo.

Er spannte die Muskeln an und schwang sein todbringendes Schwert.

„Wir bringen dich zu Émedi und Alexia. Du wirst dich nie mehr von ihnen trennen müssen. Mit dieser Welt hast du nichts mehr zu schaffen. Du hast alles verloren, sogar das Augenlicht … Nicht einmal die Hoffnung ist dir geblieben … Komm, wir wollen dir helfen zu sterben.“

„Kommt bloß nicht näher!“, rief Arturo mit erhobenem Schwert. „Sonst garantiere ich für nichts!“

Die Schatten lachten über Arturos Drohungen. Sie wussten, dass er gegen sie machtlos war.

„Wir werden ja sehen, ob ihr in der Lage seid, mich gewaltsam mitzunehmen, ihr verdammten Gespenster!“, brüllte Arturo. „Adragón!“

Sein Schlachtruf klang so bedrohlich, dass die Gespenster unwillkürlich zurückwichen. Doch dann hoben sie ihre langen Schwerter und machten sich zum Kampf bereit.

Arturo trat einen Schritt auf die nächtlichen Besucher zu, die vor dem Stall auf ihn warteten. Der Regen hatte den Boden aufgeweicht.

„Wer will der Erste sein?“, fragte er unerschrocken.

„Ich!“, rief einer der Schatten und stürzte sich sogleich wie eine Furie auf ihn, um ihn mit seinem Schwert zu durchbohren. „Mach dich bereit zum Sterben!“

Das alchemistische Schwert schlitzte dem verwegenen Schatten den Hals auf. Er fiel in den Schlamm … und löste sich in ihm auf.

Zwei weitere Dämonen wollten sich auf Arturo stürzen, um ihn zu töten; doch der schwarze Ritter reagierte blitzschnell, sodass ihnen kaum Zeit blieb, einen zweiten Schritt zu tun. Drei neue Schatten traten mit gezückter Waffe vor, aber sie kamen nicht weit. Mit großem Geschick wusste sich Arturo ihrer zu erwehren. Im Handumdrehen schlitzte er sie auf.

Auch den nächsten beiden Gespenstern stieß er seine Klinge in den Hals.

Doch trotz seiner erfolgreichen Gegenwehr wurden die Schatten nicht weniger, ganz im Gegenteil, es schienen immer mehr und mehr zu werden. Löste einer sich auf, nahmen drei andere sogleich seinen Platz ein.

„Was wollt ihr von mir?“, fragte Arturo. „Warum wollt ihr mich in eure Welt bringen?“

„Um zu verhindern, dass du diesen Alchemisten triffst“, antwortete einer von ihnen.

„Damit Alexia und Émedi für immer im Abgrund des Todes bleiben“, fügte ein anderer hinzu. „Zusammen mit dir!“

„Damit du aufhörst, nach diesem … wie heißt er noch gleich? … ach ja, Arquitamius … nach diesem Arquitamius zu suchen.“

„Arquitamius, der Erwecker der Damen!“, lachte ein viertes Gespenst.

„Der unsichtbare Alchemist!“

„Der verschwundene Alchemist!“

„Habt ihr Angst, dass ich ihn finde?“, fragte Arturo lauernd. „Dann bin ich wohl auf dem richtigen Weg, nicht wahr?“

„Das wird dir aber nichts nützen. Heute Nacht verlässt du die Welt der Lebenden und kommst mit uns in die Welt der Toten!“

„Wenn dein Knappe aufwacht, wird er deinen noch warmen Körper vorfinden … neben den beiden Hundekadavern. Töte dich, solange du noch die Gelegenheit dazu hast!“

„Jetzt bin ich mehr denn je entschlossen, in dieser Welt zu bleiben!“, entgegnete der blinde Ritter, während er mit verdoppelter Kraft Hiebe austeilte.

Und dann fügte er hinzu: „Ihr werdet mich nicht kriegen!“

„Dein Mut wird dir nichts nützen“, warnte ihn ein weiterer Schatten und führte einen Schlag, der direkt auf sein Herz zielte. „Wir sind zu viele!“

Arturo reagierte mit der Schnelligkeit einer Gazelle. Mit einer geschickten Bewegung seines Schwertes wehrte er den tödlichen Stoß ab.

Als die Schatten sahen, dass ihre Anstrengungen erfolglos blieben, scharten sie sich um den Geist, der sie zu befehligen schien.

„Heute Nacht werden wir nichts erreichen“, gestand der Anführer ein. „Du vertraust noch immer darauf, dass du Arquitamius finden wirst, und das verleiht dir Kraft. Aber dein Vertrauen wird mit jedem Tag schwächer werden, und dann werden wir dich holen kommen, das garantiere ich dir!“

Arturo bemerkte, dass irgendetwas vor sich ging. Die Stille, die ihn nun wieder umgab, deutete darauf hin, dass die Geister verschwunden waren.

„Crispín! Crispín! Wach auf!“

„Was ist passiert?“, fragte Crispín, plötzlich hellwach. „Was machst du da draußen, Arturo, mit dem Schwert in der Hand? Bist du überfallen worden? Was ist mit den Hunden geschehen?“

„Ich weiß es nicht … Ich weiß nicht, was passiert ist …“

„Komm wieder rein, hier ist es warm“, forderte der Knappe seinen Herrn auf und wickelte ihn in eine Decke. „Bald wird es hell, und der neue Tag wird dir helfen, wieder zu dir zu kommen.“

In diesem Augenblick drang ein Brüllen aus dem Innern der Erde und ließ die Nacht erzittern.

***

KÖNIG FRÓMODI HIELT die Lanze in der rechten Hand. Sein neuer Arm strotzte vor Kraft. Nach allem, was er erlitten hatte, fühlte er sich nun wieder rundum glücklich. Wie Górgula ihm versprochen hatte, war der Heilungsprozess schnell und unkompliziert verlaufen.

Er wusste, dass das Wildschwein, auf das er wartete, jeden Moment aus dem Unterholz hervorbrechen würde. Er war bereit, es zu erlegen. Jeder einzelne seiner Muskeln war angespannt, er schwitzte und wartete mit angehaltenem Atem.

Die Jagd hatte seit jeher zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. Jetzt, da es ihm wieder möglich war, ging er ihr nach, wann immer sich ihm die Gelegenheit dazu bot. Es war ein gute Möglichkeit, seine Sorgen zu vergessen.

„Wildschwein kommt!“, rief einer der Treiber.

Frómodi richtete sich auf, die Lanze zum Wurf bereit. Schon konnte er das Grunzen hören, und er sah, wie sich die Büsche bewegten.

Das Tier war ungewöhnlich groß, größer, als er erwartet hatte. Der König bekam einen Schrecken; doch dann, nach der ersten Überraschung, beschloss er, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

Mit aller Kraft schleuderte er die Lanze auf das Tier.

Das Wildschwein wälzte sich am Boden und stieß ein markerschütterndes Grunzen aus. Die Lanzenspitze steckte zwischen seinen Augen.

„Ihr habt es getötet, Majestät!“, rief einer der Diener aus. „Ihr habt es voll erwischt!“

„Ich hätte es nicht ertragen, zu versagen!“, rief Frómodi zurück, noch immer am ganzen Körper zitternd. Er rieb sich den rechten Arm, der ihn nach der Anstrengung schmerzte. „Ein Riesenvieh! Woher kommt das Biest?“

„Aus dem tiefsten Urwald. Ab und zu kommen solche Prachtexemplare zum Vorschein.“

„Beim nächsten Mal seid ihr gefälligst vorsichtiger mit dem, was ihr mir vor die Lanze treibt! Sonst glaub ich noch, dass ihr das absichtlich macht! Sag das den Treibern“, fügte er drohend hinzu. „Ich will mir das lieber gar nicht vorstellen!“

„Es war reiner Zufall, das versichere ich Euch“, antwortete ein Ritter in unterwürfigem Ton. „Diese Tiere sind unberechenbar. Sie stoßen vor, wenn man es am wenigsten erwartet. Niemand kann das vorhersagen.“

Frómodi gab keine Antwort. Er beugte sich über die Beute, packte die Lanze, stellte einen Fuß auf den mächtigen Hals des Tieres und zog die Waffe mit einem Ruck heraus. Das Wildschwein grunzte ein letztes Mal und rollte zur Seite. Da riss der ehemalige Graf seinen Dolch aus der Scheide und stieß ihn dem Tier immer wieder in den Nacken. Ein Schwall dunklen Blutes schoss hervor und färbte das Gras rot.

„Du verdammte Bestie!“, rief König Frómodi, während er die Klinge an dem haarigen Körper abwischte. „Du hast mir einen schönen Schrecken eingejagt!“

Die Umstehenden starrten ihn wie versteinert an. Die blinde Wut, die Frómodi dem Tier gegenüber zeigte, war unter Jägern nicht üblich. Der König legte eine unnötige Grausamkeit an den Tag, die seine Untergebenen beunruhigte.

„Zieht ihm das Fell ab!“, befahl er und rieb sich den Hals. Der schwarze Fleck, der immer größer wurde, juckte gehörig. „Ich werde dich als Bettvorleger benutzen! Und heute Abend werde ich dein Fleisch essen, du widerliches Vieh!“

Ein Diener kam eilig herbei und reichte seinem Herrn einen großen Becher Wein.

„Her damit, du Hund!“, schrie Frómodi und riss dem Diener den Becher aus der Hand. „Mehr Wein!“, grölte er, nachdem er ihn auf einen Zug geleert hatte. „Ich will mehr Wein! Los, ihr faulen Kerle!“

In diesem Augenblick näherte sich ein Reiter im Galopp.

„Herr!“, rief Escorpio und brachte sein Pferd direkt vor Frómodi zum Stehen. „Ich bringe wichtige Nachrichten!“

„Was für Nachrichten?“, fragte der König, indem er sich den Mund mit dem Ärmel seines Jagdrocks abwischte. „Gute oder schlechte?“

„Es geht um Arturo Adragón!“, antwortete der Spion. „Alexia und Émedi sind tot!“

„Bist du sicher?“, fragte Frómodi und warf den leeren Becher ins Gras, um einen zweiten, vollen entgegenzunehmen. „Kann man deinen Informanten trauen?“

„Ganz und gar, Herr. Arquimaes hat die Leichen der beiden Frauen nach Ambrosia gebracht.“

„Und wo ist Arturo Adragón?“

„Das weiß niemand. Er soll vor Kummer umgekommen sein und ist verschwunden. Aber ich werde seine Spur schon finden, seid unbesorgt.“

„Dann beeil dich! Ich will wissen, wo diese Missgeburt steckt!“, schrie der König und leerte auch den zweiten Becher in einem einzigen Zug. „Wo ist Górgula? Sie soll zu mir kommen! Wo ist diese dreimal verfluchte alte Hexe?“

***

DAS SCHRECKLICHE GEBRÜLL hatte Amedia und ihren Vater geweckt. Dédalus bewaffnete sich mit einer Sichel und stürzte hinaus. Und auch Amedia beschloss trotz ihrer Erschöpfung, den neuen Freunden zu Hilfe zu eilen.

„Was ist los?“, fragte sie, als sie zum Stall kam. „Wer war das?“

„Was ist passiert?“ Dédalus stand wie versteinert vor den Kadavern seiner beiden treuen Wachhunde. „Wer hat sie getötet?“

„Wir wissen es nicht“, antwortete Crispín. „Sie waren schon tot, als wir aufgewacht sind. Es ist meine Schuld, ich bin während der Wache eingeschlafen.“

„Vorsicht!“, rief Arturo plötzlich. „Irgendetwas geht hier vor!“

Aus dem Innern des Kraters war ein Bellen und Grunzen zu hören.

„Die Bestien aus der Hölle!“, rief Amedia. „Sie kommen uns holen!“

„Das werden sie nicht“, beruhigte Crispín das Mädchen. „Mal schauen, wie diese Bestien aussehen.“

Zwei Tiere zeigten sich am Rand des Kraters und stießen ein schreckliches Brüllen aus. Ihre Augen waren blutunterlaufen, und ihre Klauen verhießen nichts Gutes.

„Sie kommen, Arturo!“, warnte Crispín seinen Herrn. „Gleich sind sie hier!“

„Ich kann ihre Schritte hören“, sagte Arturo. „Sie kommen direkt auf uns zu.“

Kaum waren die ersten beiden Ungeheuer aus dem Loch gekrochen, sah man auch schon die Hörner von zwei weiteren Bestien.

Arturo hob sein alchemistisches Schwert, bereit, sich zu verteidigen. Eine der Bestien kam wie eine Schlange auf ihn zugekrochen, doch bevor sie ihm ihre furchtbaren Eckzähne ins Bein stoßen konnte, ließ er das Schwert auf ihren Schädeln niederkrachen.

Das zweite Ungeheuer hatte sich Amedia genähert. Dédalus sprang hinzu und säbelte ihm mit seiner scharfen Sichel den Hals durch.

Währenddessen hielt Crispín auf ein weiteres Ungeheuer zu, auch wenn seine Keule gegenüber dem schrecklichen Gebiss armselig wirkte. Arturo, der ahnte, dass sich sein Knappe in Gefahr befand, drehte sich zu ihm um und schätzte die Entfernung ab, die ihn von der Bestie trennte. Dann streckte er sie mit einem Schlag ins Genick nieder.

„Es kommen noch mehr!“, schrie Dédalus und stürzte sich auf ein weiteres Ungeheuer. „Es sind ganz viele!“

Und tatsächlich krochen immer mehr Furcht einflößende Wesen aus dem Höllenloch. Während Crispín versuchte, sie zurückzuschlagen, riss sich Arturo die Maske vom Gesicht und entledigte sich seines Panzerhemdes, um seinen magischen Kräften den Weg freizumachen.

„Adragón!“, rief er mit ausgebreiteten Armen.

Der Drache und die schwarzen Buchstaben lösten sich von seinem Körper.

Amedia starrte Arturo überrascht an. Zwar hatte sie bereits geahnt, dass der blinde Ritter über magische Kräfte verfügte, doch mit solch einem beeindruckenden Schauspiel hatte sie nicht gerechnet.

„Adragón!“, befahl Arturo. „Heb mich hoch!“

Die Buchstaben breiteten sich um ihn herum aus und bildeten zwei riesengroße Flügel auf seinem Rücken. Arturo erhob sich ein paar Schritte über den Boden, und von dieser Position aus gelang es ihm, mehrere Ungeheuer in schneller Folge zu erledigen.

Doch immer mehr wilde Bestien krochen aus dem Krater hervor. Es schien so, als würden sie vom Blut ihrer Artgenossen angelockt.

„Zurück in die Hölle mit euch!“, schrie Arturo. „Adragón, lass mich runter!“

Die Buchstaben setzten ihn neben den Felsen ab.

„Adragón! Verschließe das Loch!“

Die Armee der schwarzen Buchstaben schütteten Unmengen von Erde und Steinen in den Krater. Immer noch versuchten einige Bestien, an die Erdoberfläche zu kriechen; doch die Waffen der drei Männer überzeugten sie davon, dass es besser für sie war, sich zurückzuziehen, wenn sie nicht den Tod finden wollten.

Die vier nutzten die Ruhepause, die ihnen die Bestien gönnten, um mithilfe der magischen Buchstaben den Höllenschlund zu schließen. Die schlammige Erde rutschte in die Öffnung, und zum ersten Mal hatten Dédalus und Amedia das Gefühl, das Ende des Albtraums zu erleben.

Wenig später war es ihnen mit vereinten Kräften gelungen, den Krater vollkommen zuzuschütten.

Einige Dorfbewohner, die vom Kampfgetümmel angelockt worden waren, näherten sich mit Fackeln. Sie sahen, wie sich mehrere Bestien im Todeskampf auf dem Boden wälzten, während andere bereits tot neben der zugeschütteten Teufelsfratze lagen.

„Was ist geschehen?“, fragte einer, der eine Sense in der Hand hielt. „Wie habt ihr das geschafft?“

„Mit Wagemut“, antwortete Crispín und schwang seine Keule. „Wir haben uns gegen die Bestien gewehrt und sie getötet. Sie werden euch nicht mehr terrorisieren.“

„Das war Hexerei!“, kreischte eine Greisin. „Die Soldaten hatten recht. Ihr seid Hexenmeister! Ihr sollt auf dem Scheiterhaufen brennen!“

„Ich bin Ritter Arturo Adragón, der Anführer der Schwarzen Armee, Herrscher über das zukünftige Reich von Arquimia! Ich versichere euch, dass wir weder Hexenmeister noch Zauberer sind.“

„Sie haben die Teufelsfratze geschlossen!“, rief Amedia. „Das ist das Wichtigste für uns!“

„Warum seid ihr so undankbar?“, schimpfte Dédalus. „Sie haben euch von den Bestien befreit, und ihr wollt sie verbrennen! Ihr seid schlimmer als wilde Tiere!“

Die Dorfbewohner tuschelten miteinander. Nach einer Weile sagte der Mann mit der Sense:

„Wir wollen, dass sie aus unserem Dorf verschwinden! Sie sind verflucht und werden uns nur Ärger einbringen.“

„Seid ihr verrückt?“, schrie Amedia. „Seht ihr nicht, dass sie uns gerettet haben? Sie haben die Soldaten fortgejagt und diesen verdammten Krater zugeschüttet! Seid ihr euch nicht im Klaren darüber, was sie für euch getan haben?“

„Uns ist nur eines klar: Wir werden Ärger mit König Rugiano kriegen. Die Bestien werden zurückkommen, und dann werden sie sich rächen. Die Fremden haben uns nichts als Unglück gebracht!“

Crispín wollte etwas entgegnen, doch Arturo kam ihm zuvor.

„Wir gehen fort“, verkündete er. „Wir werden unseren Weg fortsetzen. Wir haben eine sehr wichtige Mission zu erfüllen und haben schon viel zu viel Zeit verloren.“

„Ihr undankbaren Feiglinge!“, rief Amedia ihren Nachbarn zu. „Ihr verdient ihre Hilfe nicht!“

Arturo und Crispín sattelten ihre Pferde. Dann saßen sie auf und ritten langsam aus dem Dorf hinaus.

„Wartet!“, rief Amedia. „Wir kommen mit!“

„Wir haben einen weiten Weg vor uns“, antwortete Arturo. „Vielleicht werden wir lange umherirren müssen. Ihr könnt uns nicht begleiten, unsere Reise ist zu gefährlich.“

„Dieses Dorf ist verflucht. Bestimmt kommen die Soldaten zurück, und dann seid Ihr nicht mehr hier, um mich zu beschützen. Und ich glaube nicht, dass unsere Nachbarn sich für mich einsetzen würden“, wandte das Mädchen ein. „Ich möchte von hier fort, solange ich es noch kann.“

„Wir reiten mit Euch“, entschied Dédalus.

„Also gut, wir begleiten euch an einen sicheren Ort, an dem ihr euch niederlassen könnt“, willigte der schwarze Ritter ein.

„Lasst uns nur schnell unsere Habseligkeiten zusammenpacken“, bat Amedia. „Es dauert nicht lange.“

Wenig später saßen Amedia und ihr Vater auf einem kleinen Karren, der von zwei Pferden gezogen wurde. Eine Kuh und einiges Federvieh folgten ihnen.

„Jetzt können wir fahren“, sagte Amedia. „In diesem Dorf hält uns nichts mehr.“

Später, als sie oben auf dem Hügel vor dem Dorf angelangt waren und sich noch einmal umschauten, sahen sie eine dunkle Rauchwolke aus ihrer Hütte aufsteigen.

„Sie brennen euer Heim nieder“, sagte Crispín ein wenig traurig.

„Nein, das war ich“, antwortete das Mädchen. „Ich habe das Feuer gelegt. Ich möchte nichts hinterlassen. Nur Asche.“

„Ich hoffe, sie vergessen uns“, brummte Dédalus und zog heftig an den Zügeln, um seine Pferde anzutreiben. „Für immer!“

VI
SCHLECHTE NACHRICHTEN

WIR SIND WIEDER ins Krankenzimmer gegangen, um uns zu verabschieden, als Norma uns auf das Fernsehen aufmerksam macht. Hinkebein und Adela, die schon hinausgehen wollten, machen auf dem Absatz kehrt.

„Das ist ja Stromber!“, rufe ich erstaunt. „Was macht er da?“

„Er wird interviewt“, erklärt Norma. „Anscheinend ist er die Sensation in den Nachrichten.“

Papa und ich sehen uns besorgt an. Wir wissen, dass uns das, was wir gleich hören, nicht gefallen wird.

„Verehrte Zuschauer, bei uns ist ein Repräsentant der Stiftung Adragón, der mittelalterlichen Bibliothek, die durch eine schreckliche Explosion fast vollständig zerstört wurde“, sagt die Sprecherin. „Señor Stromber ist der Geschäftsführer und wird uns mit ein paar Fakten vertraut machen. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, Señor Stromber.“

„Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir die Möglichkeit geben, hier in Ihrem Programm zu sprechen“, antwortet der Antiquitätenhändler. „Ich glaube, es ist wichtig, dass die Welt aus erster Hand erfährt, was in der Stiftung passiert ist. Es bedeutet einen großen Verlust für Férenix.“

„Weiß man schon etwas über die Täter?“, fragt die Frau, die ihn interviewt.

„Es gibt verschiedene Spuren … Vermutungen … Die Polizei ist damit beschäftigt, Licht in diese tragische Angelegenheit zu bringen. Obwohl ich glaube, dass die Täter in unserer unmittelbaren Umgebung zu suchen sind.“

„Haben Sie konkrete Anhaltspunkte?“

„Ich kann keine Namen nennen, aber ich habe eine ungefähre Vorstellung von dem, was passiert ist. Ich weiß, wer hinter dem Anschlag steckt. Da bin ich mir ganz sicher.“

„Haben Sie das der Polizei mitgeteilt?“

„Ich habe ihnen von meinem Verdacht erzählt, jawohl. Es ist nur eine Frage von Tagen, bis sie die nötigen Beweise gefunden haben … Alles zu seiner Zeit. Es wird sich bald klären“, sagt Stromber zuversichtlich.

„Ich glaube, Sie haben uns darüber hinaus etwas Wichtiges mitzuteilen.“

„Vor allem möchte ich etwas klarstellen“, antwortet Stromber. „Ich habe beschlossen, gewissen Gerüchten entgegenzutreten. Es geht um die Herkunft meines Namens. Hiermit versichere ich, dass mein wirklicher Name Adragón ist und dass ich der rechtmäßige Besitzer der Stiftung bin.“

Wir sind sprachlos. Mein Vater fordert uns mit einer Handbewegung auf, dem Interview weiter zuzuhören. Natürlich will er wissen, wie Stromber seine Behauptung begründet.

„Bestimmt haben Sie dafür Beweise, nicht wahr?“, fragt die Journalistin.

„Ich kann es durch notariell beglaubigte Dokumente belegen“, erklärt Stromber. „Die Dokumente sind echt, sie befinden sich in meinem Besitz.“

„Wenn Sie also jetzt der einzige rechtmäßige Besitzer der Stiftung Adragón sind, was geschieht dann mit Señor Adragón und seinem Sohn Arturo?“

„Sie werden wohl gehen müssen. Ich bin der wahre Erbe der Familie Adragón! Ich repräsentiere das adragonianische Geschlecht! Die anderen sind Hochstapler.“

„Na ja, eigentlich ist das Geschlecht einer Familie nichts, was man einklagen könnte. Es ist nur so etwas wie ein Ehrentitel.“

„Das kann man nie wissen … Jedenfalls sprechen Sie mit dem einzig wahren Nachkommen von Arturo Adragón, dem Gründer von Arquimia!“

„Wenn Sie ein Adragón sind, warum haben Sie bisher den Namen Stromber getragen?“

„Wir haben herausgefunden, dass meine Familie vor mehreren Jahrhunderten aus noch unbekannten Gründen auf den Namen Adragón verzichtet hat. Der Name galt als verflucht. Deswegen habe ich den Namen Stromber angenommen“, erklärt der Antiquitätenhändler. „Jetzt aber ist die Wahrheit ans Licht gekommen und zwar dank der minuziösen Nachforschungen von Genealogen, mit denen ich in Fällen, in denen es um das Sammeln antiker Objekte ging, häufig zusammengearbeitet habe.“

„Sie sind sich Ihrer Sache sehr sicher, nicht wahr?“

„Vollkommen! Meine Aussagen sind von renommierten Fachleuten bestätigt worden“, versichert Stromber. „Jeglicher Zweifel ist ausgeschlossen. Ich bin von Kopf bis Fuß ein Adragón.“

„Was haben Sie jetzt vor?“

„Ich kann mein Recht einklagen und die Stiftung sowie alles, was mit ihr zusammenhängt, übernehmen.“

„Und das gedenken Sie zu tun?“

„Selbstverständlich! Ich werde mich zum einzigen Nachkommen der Familie Adragón und zu ihrem alleinigen Erben erklären lassen!“, ruft Stromber im Brustton der Überzeugung. „Ich werde auf Herausgabe des gesamten Vermögens klagen. Ich werde alles verlangen, was mir gehört! Die Bücher, die Objekte, den gesamten Besitz!“

Das Interview ist beendet, die Journalistin verabschiedet sich. Wir sind wie vor den Kopf geschlagen.

„Der ist verrückt!“, ruft Hinkebein. „Vollkommen verrückt!“

„Unerhört! Er will sich die Stiftung unter den Nagel reißen!“

„Er, ein Adragón! Entweder er lügt, oder er weiß nicht, was er sagt …“

„Doch, das weiß er“, widerspricht Metáfora. „Und er weiß ganz genau, wie man so etwas anstellen muss.“

„Was meinst du damit?“, frage ich.

„Na ja, der Mann verfolgt einen konkreten Plan, um euch alles abzuknöpfen, was ihr habt … und seid.“

Ihre grausamen Worte versetzen mich in Panik. Ich sehe meinen Vater an und frage ihn:

„Wusstest du etwas davon, Papa?“

„Nein, nicht das Geringste“, antwortet er. „Ich hatte keine Ahnung.“

„Stimmt es, was dieser Betrüger sagt?“, fragt Adela. „Heißt er wirklich Adragón?“

„Ich weiß es nicht“, sagt mein Vater. „Ich glaube, er ist verrückt.“

„Er hat immer schon gesagt, dass er Arturo Adragón sein will“, brummt Hinkebein. „Jetzt verstehe ich, was er damit meinte.“

„Er will der alleinige Herrscher über die Stiftung sein!“, rufe ich. „Und über das, was darunter liegt!“

„Wenn er damit durchkommt, gehört ihm alles“, stellt Metáfora sachlich fest. „Wahnsinn!“

Metáfora hat recht: Das ist Wahnsinn. Aber ich kapiere immer noch nicht, was diese öffentliche Erklärung sollte. Was hat er vor? Warum dieses Interview?

Während wir noch reden, strahlt das Fernsehen eine Reportage über die Stiftung aus. Zum Abschluss werden die Ruinen der Bibliothek eingeblendet.

„Hoffentlich haben Mahania und Mohamed die Reportage nicht gesehen“, flüstert Metáfora.

„Lass uns zu ihnen gehen“, schlage ich vor. „Sie sollen wissen, dass wir auf ihrer Seite stehen und sie nichts zu befürchten haben.“

„Gute Idee“, stimmt Papa mir zu.

***

MAHANIA UND MOHAMED begrüßen uns mit einem Lächeln. Obwohl sie sich noch nicht völlig wieder erholt haben, bringen sie die Kraft auf, uns ihre Zuneigung zu zeigen.

„Wie geht es deinem Vater, Arturo?“, fragt Mahania, herzlich wie immer. „Und dir?“

„Mir geht es gut, und Papa geht es von Tag zu Tag besser. Und wie sieht’s bei euch aus?“

„So langsam kommen wir wieder auf die Beine“, antwortet Mohamed. „Ihr fällt es weniger leicht, sie hat es ja auch schlimmer erwischt als mich.“

„Jetzt übertreib mal nicht“, widerspricht Mahania. „Es geht mir schon wieder ausgezeichnet. Bald können wir hier raus.“

„Ja, zurück in die Stiftung, an unsere Arbeit!“, ruft Mohamed fröhlich.

„Ich fürchte, das wird nicht möglich sein“, sagt Metáfora. „Die Stiftung ist so gut wie zerstört. Da kann man nicht mehr wohnen.“

„Und was sollen wir tun?“, fragt Mohamed. „Wo sollen wir hin?“

„Macht euch darum mal keine Gedanken, wir werden schon einen Platz für euch finden“, beruhige ich die beiden. „Wenn ihr entlassen werdet, wird sich etwas finden, wo ihr bleiben könnt. Es wird euch an nichts fehlen.“

„Ihr werdet nicht auf der Straße stehen“, fügt Metáfora hinzu. „Das verspreche ich euch.“

„Danke, aber vielleicht sollten wir wieder in unser Land zurückgehen“, murmelt Mohamed. „Wir wollen euch nicht zur Last fallen.“

„Señor Stromber wollte uns sowieso entlassen“, jammert Mahania. „Besser, wir gehen nach Ägypten zurück, zu unserer Familie.“

„Ich kann euch nicht daran hindern“, sage ich. „Aber mir wäre es lieber, wenn ihr hierbleiben würdet. Ich würde euch sehr vermissen.“

„Wir würden auch lieber hierbleiben, Arturo“, gesteht Mohamed. „Aber es ist für uns sehr schwierig geworden. Alles hat sich verändert. Wir haben in Férenix nichts mehr verloren.“

„Also, zuerst suchen wir für euch eine sichere Bleibe“, verspricht Metáfora. „Danach könnt ihr euch immer noch entscheiden. Jetzt müsst ihr erst einmal wieder auf die Beine kommen.“

Ich sehe, dass Mahania den Tränen nahe ist. Nach kurzem Schweigen sagt Mohamed:

„Wir haben das Interview gesehen, das Stromber im Fernsehen gegeben hat. Es tut uns sehr leid.“

„Wir sollten den Blödsinn nicht zu ernst nehmen“, erwidere ich. „Es wird ihm niemals gelingen, uns die Stiftung wegzunehmen, das garantiere ich euch!“

„Aber er ist nicht alleine, Arturo“, erinnert mich Mohamed. „Diese Leute sind gefährlich! Vielleicht solltet ihr ihm alles überlassen, um wenigstens eure Haut zu retten.“

„Ja, Arturo, komm mit uns nach Ägypten!“, ereifert sich Mahania. „Da bist du in Sicherheit. Niemand wird dir etwas tun, deine Familie wird dich beschützen.“

„Meine Familie? Mahania, meine Familie ist hier! Mein Vater, der Leichnam meiner Mutter … und die Menschen, die ich liebe“, füge ich hinzu und schaue Metáfora an.

„Natürlich, natürlich … Aber du musst auf dich aufpassen. Sie wollen dir alles nehmen.“

„Sind die Bombenleger schon gefasst?“, erkundigt sich Mohamed, offenbar um das Thema zu wechseln. „Was sagt die Polizei?“

„Sie arbeiten dran. Sie werden die Verantwortlichen bestimmt finden.“

„Das ist alles sehr merkwürdig. Gestern Nacht wurde ein Mann getötet, als ein Auto explodiert ist. Das Auto soll durch die Luft geflogen sein …“, berichtet Mohamed.

„Ach, dummes Zeug“, antworte ich. „Du solltest nicht auf das hören, was die Leute reden. Autos fliegen nicht. Das sind Ammenmärchen.“

VII
SÄUBERUNGEN

ARTURO UND SEINE Freunde kamen durch trostlose Landschaften. Verfallene Häuser, verlassene Felder, riesige Gräben und tiefe Löcher, umgestürzte Bäume, zerstörte Dörfer … Viel Elend und kaum Leben.

Sie begegneten ziellos umherirrenden Menschen, die sich vor den Erdbeben in Sicherheit bringen wollten.

„Wir fliehen vor den Zauberern“, erklärte ein Bauer, der mit seiner gesamten Familie auf einem mit wenigen Habseligkeiten beladenen Karren hockte. „Sie haben das Land unter sich aufgeteilt. Sie wollen unser Blut! Sie verschleppen die Menschen und verwandeln sie in schreckliche Ungeheuer!“

Einmal kamen sie in eine Geisterstadt. Die Häuser waren entweder niedergebrannt oder vollkommen zerstört. Staub flog durch die Luft. Keine Menschenseele war zu sehen. Der Ort glich einem großen Friedhof. An den Bäumen, die noch nicht umgestürzt waren, hingen Reste gefolterter Körper, um die Aasgeier kreisten. Verwesungsgestank hing über der Stadt.

„Kein Wunder, dass die Leute sich zu Tode fürchten und vor den Zauberern fliehen“, bemerkte Crispín. „Das ist ein Albtraum!“

„Das ist der Fluch der Hölle“, sagte Dédalus. „Unsterbliche Dämonen haben das Land verhext!“

„Unsterbliche Dämonen?“, fragte Arturo. „Das musst du mir erklären. Was weißt du darüber?“

„Wenig. Ich weiß nur, dass es sie gibt. Sie sind bösartig und wollen sich rächen. Sie trachten uns nach dem Leben.“

„Woran wollen sie sich rächen?“

„An allem, was existiert. An allem, was atmet. Vor allem an den Menschen.“

Dédalus wollte lieber nicht weiter darüber reden. An den darauffolgenden Tagen durchquerten sie schweigend ganze Landstriche, die mit Leichen übersät waren. Alle wiesen Spuren von Folter auf.

An einem regnerischen Nachmittag versperrten ihnen zerlumpte Straßenräuber den Weg. Ein jämmerlicher Ritter, sein Knappe, ein Greis und ein junges Mädchen würden wohl kaum Widerstand leisten, so dachten sie.

„Wir brauchen Eure Lebensmittel, edler Ritter. Und gebt uns auch gleich Euer Geld, die Waffen und die Pferde“, forderte der Anführer der Gesetzlosen, der eine abgebrochene Lanze in der Hand hielt, Arturo auf. „Gebt uns alles, was Ihr habt, und Euch wird nichts geschehen. Wir wollen keine Gewalt.“

„Leider können wir deinem Wunsch nicht entsprechen“, erwiderte Arturo ebenso höflich und zückte sein Schwert. „Alles, was wir bei uns führen, brauchen wir, um in diesem unwirtlichen Land zu überleben.“

„Dann müssen wir eben doch Gewalt anwenden“, drohte der Wegelagerer.

„Ich bitte darum!“, forderte Arturo ihn auf. „Ein wenig Übung wird uns guttun. Wir sind tagelang geritten … Wer möchte der Erste sein?“

„Ich!“, rief der Mann und trat einen Schritt vor. „Meine Name ist Lucario. Ihr werdet ihn nie mehr vergessen!“

Überzeugt davon, den Ritter mit der silbernen Maske ohne Weiteres ausschalten zu können, stürzte er sich auf Arturo. Doch schon seine erste Bewegung verriet dem Ritter, von welcher Seite er angriff, und so wurde er mit einem Schlag auf die Stirn niedergestreckt.

„Ich will auch kämpfen!“, rief Crispín und schwang die Keule. „Wer ist der Nächste?“

Zwei weitere Männer versuchten ihr Glück, doch mit einigen gezielten Schlägen überzeugte Crispín sie und die anderen davon, dass es besser für sie war, ohne Beute von hier zu verschwinden, als weiterzukämpfen und das Leben zu riskieren. Als auch noch Amedia und Dédalus ihre Waffen zückten, beschlossen die Wegelagerer, die vier Reisenden unbehelligt ziehen zu lassen, und flüchteten unter Flüchen und Drohungen in den Wald.

„Es treibt sich viel Gesindel hier herum“, bemerkte Arturo. „Zu viel.“

„So ist das in einem schlecht regierten Land“, stellte Dédalus fest. „Je unfähiger der König ist, umso mehr Banditen gibt es.“

Unter erhöhter Wachsamkeit setzten sie ihren Weg fort. Die Wälder waren immer gefährlich, der Feind konnte einen jederzeit überfallen.

Nach zwei Tagen kreuzte ein Dutzend schwer bewaffneter Soldaten ihren Weg. Auf der Standarte, die sie mit sich führten, prangte ein rotes, mit einer Krone verziertes R: das Zeichen von König Rugiano. Die Männer hatten hässliche, wild dreinblickende Gesichter. Es waren kampferprobte Krieger, die aussahen, als zögen sie in die Schlacht. Der Zug wurde von einem Ritter angeführt. Hinten saß ein Scharfrichter bequem auf seinem Karren. Weniger bequem hatte es der arme Junge, der an den Karren angekettet war.

„Gebt Ritter Borgón den Weg frei!“, rief der Soldat, der die Standarte trug. „Lasst die Soldaten von König Rugiano durch!“

Arturo und seine Freunde gaben den Weg frei. Die Soldaten nahmen die gesamte Breite der Straße in Anspruch und schienen es eilig zu haben. Crispín grüßte sie mit einer leichten Verbeugung des Kopfes, während Arturo bemüht war, seine Gesichtsmaske unter der Kapuze zu verbergen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Die Soldaten folgten dem dreisten Ritter, der die Fremden keines Blickes würdigte.

„Die gehören zu den Säuberungstrupps!“, flüsterte Amedia ihren Freunden zu. „Schlimmer als die Pest! Das Übelste, was es gibt!“

„Sie richten mehr Unheil an als die Erdbeben“, fügte Dédalus hinzu und spuckte auf den Boden. „Sie hinterlassen nichts als Elend und Kummer. Der Teufel soll sie holen!“

„Der arme Junge“, seufzte Crispín mit einem Blick auf den Gefangenen, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. „Was er wohl verbrochen hat, dass sie ihn so behandeln …?“

„Was sind diese Säuberungstrupps?“, fragte Arturo.

„Sie machen Jagd auf Alchemisten“, erklärte Amedia. „Sie stehen im Sold der Zauberer. König Rugiano gibt ihnen freie Hand. Sie hassen die Wissenschaften und das Wissen überhaupt. Es sind grausame Barbaren. Seit es sie gibt, können die Leute nicht mehr ruhig schlafen. Sie sind schlimmer als die Steuereintreiber. Sogar ihren eigenen Scharfrichter haben sie dabei.“

„Scharfrichter?“, wiederholte Dédalus verächtlich. „Folterknecht wolltest du wohl sagen!“

Crispín tauschte einen flüchtigen Blick mit dem Gefangenen. Er sah sich selbst, in Ketten, gefoltert von Henkersknechten, und musste an sich halten, um nicht auf der Stelle die Freilassung des Jungen zu verlangen, der einer Ohnmacht nahe war. Es tat ihm in der Seele weh, die Soldaten einfach so ziehen zu lassen, ohne etwas für den Gefangenen tun zu können.

Als der Säuberungstrupp außer Sichtweite war, ließen die Freunde sich nieder, um sich von dem Anblick zu erholen. Sie wollten etwas essen, kriegten aber kaum einen Bissen hinunter. Die Begegnung mit den Soldaten hatte ihnen den Appetit verdorben.

Sie setzten ihren Weg fort, und am späten Nachmittag kamen sie in ein Dorf, in dessen Zentrum sich ein gepflasterter kleiner Platz befand. Sitzgelegenheiten waren direkt in den Felsen gehauen.

Die Angehörigen des Säuberungstrupps hatten sich bereits auf dem Platz eingefunden. Eine kleine Menschenmenge war um sie herum versammelt, um das zu erwartende Schauspiel zu genießen. Alle wollten sie den jungen Gefangenen sehen, der in Ketten vorgeführt worden war und nun auf den Urteilsspruch wartete. Das Tribunal bestand aus mehreren Richtern, die auf den steinernen Sitzen thronten.

„Er ist ein Alchemist!“, rief der Oberste Richter. „Ein Feind unseres Königs Rugiano!“

„Tod den Alchemisten!“, skandierten seine Kollegen. „Sie müssen alle ausgerottet werden!“

„Sie sind schuld an unserem Unglück!“, kam es aus der Menschenmenge. „Diese gottlosen Verbrecher lassen die Erde mit ihren Zaubersprüchen unter unseren Füßen erbeben!“

„Die Alchemisten sind verantwortlich für alles Übel in der Welt!“, schrie ein Greis.

„Tötet sie!“, keifte eine Frau und hielt ihren Säugling in die Höhe. „Befreit unsere Kinder von ihrer Anwesenheit!“

Mit einer Handbewegung brachte der Vorsitzende des Gerichtes die Menge zum Schweigen. Als wieder Ruhe eingekehrt war, rief er:

„Sie schreiben Bücher mit geheimen Botschaften! Sie stehen im Dienste des Teufels! An ihren eigenen Werken sollen sie ersticken! Lasst sie ausbluten und bringt ihr Blut zu unserem König!“

Obwohl Arturo nichts sah, ließen ihn die Worte erschaudern. Neben ihm stieß Crispín einen empörten Laut aus, was seinem Herrn eine Vorstellung von dem vermittelte, was auf dem Platz vor sich ging. Konnte ein arquimianischer Ritter, ein Verteidiger der Gerechtigkeit, es zulassen, dass ein junger Mensch hingerichtet wurde, nur weil er angeblich ein Freund der Alchemisten war?

Der Scharfrichter öffnete eine Holzkiste, in der sich verschiedene Folterinstrumente befanden. Er hielt einige Eisenpflöcke und Zangen hoch und schlug sie gegeneinander. Die makabre Sinfonie aus metallischen Klängen versetzte die Schaulustigen in Raserei.

„Jetzt werden wir ja sehen, ob deine alchemistische Magie dich retten kann!“, rief Ritter Borgón von seinem Pferd herab.

Amedia schob den Karren zwischen die Bäume, band die Pferde an und beruhigte die anderen Tiere..

„Bleib hier, Vater“, sagte sie zu Dédalus. „Halte deine Waffe bereit, es könnte Ärger geben.“

„Ich gehe mit dir“, widersprach der Alte. „Ich werde dich nicht allein lassen. Außerdem bist du nicht in der Lage, dich zu verteidigen.“

„Ich möchte meine letzten Kräfte dazu benutzen, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen“, versicherte die junge Frau und verbarg die kleine Axt unter ihrem Umhang. „Bitte, Vater, bleib bei den Tieren.“

Nachdem Dédalus schließlich eingewilligt hatte, mischte sich das Mädchen heimlich unter die Menge. Auch Crispín und Arturo hatten ihre Pferde zwischen die Zuschauer gelenkt und verhielten sich still. Borgón warf ihnen einen argwöhnischen Blick zu, wandte sich dann aber wieder von ihnen ab.

„Sie wollen den Jungen ausbluten lassen, Arturo!“, flüsterte Crispín. „Sollen wir das hinnehmen?“

„Keine Sorge, Crispín“, beruhigte ihn Arturo. „Das wird nicht geschehen, glaube mir.“

In diesem Augenblick zeigte der Folterknecht eine Tonschale, was bei den Umstehenden Heiterkeit hervorrief und sie vor Entzücken aufschreien ließ.

„Unser König hat dir erlaubt, in seinem Land zu leben!“, rief Ritter Borgón. „Und was tust du, du Undankbarer? Du zahlst es ihm mit Verrat heim! Jetzt wirst du erleben, was mit denen geschieht, die die Kunst der Alchemie betreiben!“

„Erbarmen, Herr! Erbarmen!“, flehte der Junge, der nahe daran war, das Bewusstsein zu verlieren. „Ich wusste nicht, was ich tat! Ich schwöre der Alchemie ab!“

„Deine Reue kommt zu spät!“, erwiderte der Ritter. „Scharfrichter, tu deine Pflicht!“

Der Folterer ritzte die Brust des Gefangenen mit dem Eisenpflock, und das Blut begann zu fließen. Der Junge stieß einen markerschütternden Schmerzensschrei aus.

Die Schale füllte sich mit dem Blut des Opfers.

„Das Herz!“, befahl Ritter Borgón. „Reiß ihm das Herz heraus!“

„Halt!“, rief Arturo. „Halt ein, Scharfrichter!“

Überrascht drehte sich Borgón zu ihm um.

„Was?! Wer wagt es, sich den Anordnungen des Säuberungstrupps zu widersetzen?!“

„Ich heiße Arturo Adragón und verlange von Euch, dieses grausame Martyrium sofort zu beenden“, forderte der schwarze Ritter.

„Arturo Adragón?“, wiederholte Ritter Borgón. „Wer soll das sein?“

„Ich bin ein arquimianischer Ritter und erlaube es nicht, dass jemand gefoltert wird.“

Borgón zückte sein Schwert und richtete es auf Arturo.

„Auf Widerstand gegen die Soldaten des Königs steht die Todesstrafe“, zischte er drohend.

„Lasst den Jungen frei!“

„Steig sofort vom Pferd, du unverschämter Kerl!“, befahl Borgón. „Festnehmen!“

„Kommt doch selbst her, um mich festzunehmen!“, forderte Arturo den Anführer des Säuberungstrupps auf.

Ritter Borgón war sprachlos. Er sah Arturo an, als wäre er ein Gespenst. So etwas hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht erlebt.

„Ich befehle dir, auf der Stelle vom Pferd zu steigen und dein Schwert meinem Leutnant zu übergeben! Wir werden dich ins Schloss bringen, wo Gericht über dich gehalten wird!“

„Warum sollte über mich Gericht gehalten werden?“, erwiderte Arturo. „Ich bin nur ein Ritter, der Gerechtigkeit für einen Unschuldigen einfordert.“

„Auch ich verlange Gerechtigkeit!“, mischte sich Crispín ein.

Leutnant Fúrtago sah seinen Vorgesetzten an und wartete auf dessen Befehl.

„Nimm die Verräter fest!“, wies Ritter Borgón ihn an.

„Soldaten! Mir nach!“, brüllte Fúrtago, der sehr wohl wusste, dass einen Ritter zu entwaffnen nicht dasselbe war, wie einen Bauern in Gewahrsam zu nehmen. „Sechs Soldaten zu mir!“

Arturo zog sein alchemistisches Schwert aus der Scheide, und Crispín umklammerte seine Keule.

Der Leutnant hielt inne. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet. Der Mann mit der silbernen Maske hatte sie tatsächlich zum Kampf herausgefordert!

„Worauf wartet ihr noch, ihr tapferen Krieger?“, rief Crispín ihnen höhnisch zu. „Wir sind gewappnet!“

„Dieser Ritter und sein Knappe sind nicht allein!“, rief Amedia und holte ihre Axt aus dem Umhang hervor. „Ich fordere dasselbe wie sie!“

„Auch ich bin aufseiten der Gerechtigkeit!“, rief Dédalus, der wenige Schritte von Amedia entfernt stand, die Sichel in der Hand.

„Was geht hier vor?“, schrie Borgón. „Eine Rebellion? Ein Bauernaufstand?“

„Nein, Ritter Borgón, das ist ein Versuch, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen“, antwortete Arturo. „Und wenn Ihr nicht gewillt seid, auf uns zu hören, fordere ich Euch auf, dieses Dorf so schnell wie möglich zu verlassen!“

„Auf keinen Fall! Männer, mir nach!“

Blind vor Zorn lenkte Borgón mit erhobenem Schwert sein Pferd auf Arturo zu.

Arturo, der den Bewegungen des Streitrosses folgte, machte sich bereit, den Angriff abzuwehren.

„Ich bin kein einfacher Bauer!“, rief er, indem er den ersten Hieb des Ritters parierte. „Ich bin ein edler Ritter und dulde keine Ungerechtigkeiten.“

„Das wirst du teuer bezahlen!“, knurrte der Anführer des Säuberungstrupps. „Ich bin ein Vertreter des Königs!“

„Und ich bin der Anführer der Schwarzen Armee!“

Crispín, der sah, dass Arturo mit seinem Gegner vollauf beschäftigt war, gab seinem Pferd die Sporen und stürzte sich auf die Soldaten, die einen Kreis um den Gefangenen gebildet hatten.

„Um der Gerechtigkeit willen!“, rief der Knappe, während er auf alles einschlug, was sich ihm in den Weg stellte. „Für Arquimaes! Für Émedi!“

„Soldaten!“, schrie Leutnant Fúrtago. „Lasst euch nicht zurückdrängen! Attacke!“

Amedia und Dédalus kämpften Seite an Seite. Mehrere Männer und Frauen aus dem Volk kamen ihnen zu Hilfe, bewaffnet mit Arbeitsgeräten, Stöcken und Messern. Sie waren es leid, von den Zauberern unterdrückt und bis über die Grenzen des Erträglichen hinaus ausgebeutet zu werden.

Als Ritter Borgón sah, dass ein allgemeiner Aufstand drohte, setzte er alles daran, Arturo so rasch wie möglich zu besiegen. Doch wegen seiner mangelnden Erfahrung im Schwertkampf konnte er mit dem Anführer der Schwarzen Armee nicht mithalten. Schließlich schlug Arturo ihm das Schwert aus der Hand.

„Ergebt Euch, Ritter Borgón!“, rief Arturo und setzte ihm die Spitze seiner Klinge an die Kehle. „Ihr seid mein Gefangener!“

„Männer! Lasst die Waffen fallen!“, brüllte Borgón, der um sein Leben fürchtete. „Ritter Adragón hat den Kampf gewonnen … für dieses Mal.“

Leutnant Fúrtago hob die Arme und rief seinen Soldaten zu: „Gehorcht unserem Anführer!“

„Wenn Euch Euer Leben lieb ist, edler Ritter, dann lasst den Jungen frei“, verlangte Crispín mit ruhiger Stimme.

„Er ist ein gefährlicher Hexenmeister, der unseren König und seine Gesetze verhöhnt hat! Ein Freund der Alchemisten!“

„Was hat er getan?“, wollte Arturo wissen. „Welches Verbrechen hat er begangen?“

„Das schlimmste von allen! Er hat geholfen, unseren König zu verhexen! Er und seine Freunde sind verantwortlich für all unser Unglück! Die Alchemisten vergiften unser Land mit ihrer Hexerei! Dieser Junge ist der Schüler eines sehr gefährlichen Hexenmeisters!“

„Wie heißt du?“, fragte Arturo den Jungen.

„Horacles“, antwortete der Gefangene. „Ich bin unschuldig. Ich habe niemandem etwas Böses getan, und ich habe auch nicht geholfen, König Rugiano zu verhexen.“

„Ich glaube dir, Horacles. Wenn du willst, kannst du mit uns kommen.“

„Ihr erklärt Euch zum Freund der Alchemisten?“, fragte Borgón den blinden Ritter ungläubig.

„Selbstverständlich erkläre ich mich zu ihrem Freund! Und wenn Euch das missfällt, können wir gern jetzt gleich darüber sprechen.“

Ritter Borgón sah zu seinen Soldaten hinüber. Von ihren Gesichtern konnte er den Wunsch ablesen, sich schnellstens von dem Mann mit der silbernen Maske und seinem tapferen Knappen zu entfernen. Vor allem diejenigen, die mit dem alchemistischen Schwert und Crispíns Keule Bekanntschaft gemacht hatten, wünschten sich nichts sehnlicher als das.

„In Ordnung“, willigte Borgón ein. „Wir lassen ihn mit Euch ziehen. Aber es ist besser, wenn Ihr dieses Land so schnell wie möglich verlasst, sonst werdet Ihr bald am königlichen Galgen baumeln.“

„Wir werden in Frieden fortgehen“, versicherte Arturo.

„Ich rate Euch, Euren Männern zu befehlen, uns in Ruhe fortreiten zu lassen“, fügte Crispín hinzu und drohte mit seiner Keule. „Noch habt Ihr uns nicht richtig wütend erlebt!“

Eilig suchten die Soldaten des Säuberungstrupps ihre Siebensachen zusammen und ritten im Galopp davon. Sie wollten noch vor Einbruch der Nacht das königliche Schloss erreichen, um Rugiano zu berichten, was vorgefallen war. Sollten die Alchemisten die Herrschaft über das Reich übernehmen, dann würde das Chaos Einzug halten.

***

GÓRGULA, ESCORPIO UND Frómodi saßen hinter verschlossenen Türen in einem Zimmer des Schlosses. Der König hörte nicht auf zu trinken und zu rülpsen. Ein Hund, der ihm zu nahe kam, wurde mit einem Fußtritt verscheucht.

„Es ist Zeit zu handeln“, brummte Frómodi und rückte die Krone auf seinem Kopf zurecht. „Die Emedianer haben genug mit sich selbst zu tun und werden uns nicht beachten.“

„Ihr habt recht, mein König“, stimmte Górgula ihm zu. „Raubt ihnen die magische Tinte, ich kümmere mich um den Rest.“

„Bist du sicher, dass du das Pergament entziffern kannst?“, fragte Frómodi die Hexe.

„Natürlich bin ich das! Ich kenne die Alchemisten wie mich selbst. Ich bin in der Lage, ihre Zeichen zu entziffern und exakt zu kopieren.“

„Ich habe dir versprochen, dir alles zu geben, was du willst, Hexe“, erwiderte Frómodi. „Aber ich warne dich, wenn du versagst, wird es dich teuer zu stehen kommen! Ich brauche unbedingt die Formel der Unsterblichkeit!“

„Regt Euch nicht auf, Frómodi“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen. „Ich weiß, was ich tue.“

„Bisher haben wir nichts erreicht!“, schrie der König und sprang wütend auf. „Das Einzige, was wir geschafft haben, ist, diesem verdammten Alchemistensohn die Augen auszubrennen! Ich will die Geheimformel!“

„Wenn Ihr erlaubt, möchte ich Euch daran erinnern, dass ich Euch mit meiner Magie zu einem neuen Arm verholfen habe“, antwortete Górgula ruhig. „Und auch die Krone, die Euch dieser Verräter gestohlen hat, konnten wir wiederbeschaffen.“

„Das hat nichts mit Arturo Adragón zu tun!“, schrie Frómodi aufgebracht, während er mit dem Ersatzarm wild herumfuchtelte. „Mit diesem Arm werde ich ihn umbringen! Die Krone gehört mir, nur mir! Ich bin der König!“

Escorpio und Górgula, die die Wutausbrüche ihres Herrn nur allzu gut kannten, sahen sich schweigend an und warteten darauf, dass sich das Gewitter verziehen würde.

„Als Erstes sollten wir nach Ambrosia reiten“, sagte Escorpio nach einer Weile, als er sah, dass Frómodi sich wieder beruhigt hatte. „Wir müssen in die schwarze Grotte gelangen.“

„Wir werden dort eindringen und den Staub entwenden, den wir für die Herstellung der Tinte brauchen“, fügte die Hexe hinzu. „Ihr werdet Eure Geheimformel bekommen, Herr, das schwöre ich Euch!“

„Ich werde uns den Weg frei machen“, versicherte Escorpio. „Das ist nicht allzu schwer, schätze ich.“

„Wann werden wir zuschlagen?“, fragte Frómodi, während er mit langen Schritten im Zimmer auf und ab ging.

„So bald wie möglich …“

In diesem Augenblick flog ein Pfeil durchs Fenster und bohrte sich in einen der Holzbalken.

„Verräter!“, brüllte der König und zückte sein Schwert. „Ich schlage sie alle tot!“

„Sie werden immer dreister“, sagte Górgula. „Es gibt viel Unzufriedenheit in Eurem Reich, Frómodi.“

„Ich bringe die verdammten Rebellen um!“, schrie Frómodi, der ans Fenster getreten war, um zu zeigen, dass er keine Angst hatte. „Hier bin ich, ihr Feiglinge!“

Ein zweiter Pfeil flog ins Zimmer und drang neben dem ersten ins Holz.

„Lumpenpack!“, brüllte der König.

Als sich der dritte Pfeil in seine rechte Schulter bohrte, stieß er einen Schrei aus, der bis in den hintersten Winkel des Schlosses drang.

„Hängen werdet ihr alle!“, kreischte König Frómodi und riss sich den Pfeil aus dem Fleisch. „Ich habe keine Angst vor euch!“

Escorpio zog ihn vom Fenster fort und setzte ihn auf einen Holzsessel.

„Ich werde die Wunde heilen“, sagte Górgula. „Bewegt Euch jetzt nicht.“

Frómodi trank einen großen Schluck aus dem Becher, den Escorpio ihm in die Hand gedrückt hatte. Währenddessen streute Górgula ihm ein Pulver auf die Wunde, die daraufhin sogleich vernarbte.

„Ihr müsst unbedingt etwas unternehmen!“, drängte Escorpio seinen Herrn. „Das sieht nach einem Aufstand aus!“

„Undankbares Bauernpack!“, schrie der ehemalige Graf. „Ich gewähre ihnen Schutz, und sie danken es mir mit Verrat!“

„Man muss die Rädelsführer töten“, riet ihm der Spitzel, „sonst werden sie immer gefährlicher.“

„Nimm du das in die Hand, Escorpio“, befahl Frómodi. „Finde heraus, wer die Rädelsführer sind, und ich lasse sie hinrichten. Ich werde sie samt ihren Familien umbringen!“

VIII
DER FREUND VON DOKTOR VISTALEGRE

NACHDEM ICH MICH bisher standhaft geweigert habe, stimme ich schließlich einem Treffen mit Doktor Vistalegre und seinem Freund zu. Der Psychologe Julio Bern hat ebenfalls an der Konferenz über die Welt der Träume teilgenommen. Er zeigte sich an meinem Fall sehr interessiert und wollte unbedingt mit mir sprechen. Angeblich hat er mir etwas Wichtiges mitzuteilen, etwas, das für mich von größter Bedeutung sei, sagt er, und das mir helfen könne, mein Problem zu lösen.

Ich gehe also in die Praxis von Doktor Vistalegre, der mir persönlich die Tür öffnet.

„Hallo, Arturo! Ich habe meiner Sprechstundenhilfe freigegeben und alle anderen Termine abgesagt“, erklärt er. „So können wir in Ruhe reden. Niemand wird uns stören.“

Ich folge ihm in sein Sprechzimmer, das ich bereits kenne. Doktor Bern erwartet mich schon.

„Guten Tag, Arturo!“, begrüßt er mich und steht auf, um mir die Hand zu geben. „Danke, dass du gekommen bist. Ich bin dir wirklich sehr dankbar, dass du bereit bist, dich mit mir zu unterhalten.“

„Ich habe kein Problem, mit Ihnen zu sprechen, aber ich glaube nicht, dass ich Ihnen mehr sagen kann, als ich auf der Konferenz bereits erzählt habe.“

„Mach dir darüber keine Gedanken. Vielleicht sollten wir heute über die Schlussfolgerungen reden, zu denen ich gelangt bin“, schlägt er vor. „Ich habe über deine Geschichte lange nachgedacht und muss zugeben, dass sie mich fasziniert.“

Doktor Vistalegre schließt die Tür des Sprechzimmers, und wir setzen uns. Ich habe das seltsame Gefühl, dass sich hier irgendetwas verändert hat … Ich glaube, es ist das Licht. Es ist gedämmt, was dem Ganzen eine intimere Atmosphäre verleiht. Ich muss auf der Hut sein. Solche Tricks dienen nur dazu, einen in Sicherheit zu wiegen.

„Arturo, Doktor Bern hat sich die Aufzeichnungen von deinem Vortrag angehört …“

„Aufzeichnungen?“, frage ich überrascht. „Was für Aufzeichnungen?“

„Sämtliche Diskussionen und Vorträge, sogar einige Sitzungen mit Patienten, werden digital aufgezeichnet“, erklärt Doktor Vistalegre wie selbstverständlich. „Und manchmal erscheinen Beiträge darüber in Fachzeitschriften … Die Kopien liegen auf DVD vor.“

„Mir hat niemand gesagt, dass mein Vortrag aufgezeichnet werden sollte“, sage ich etwas verärgert.

„Tut mir leid, aber wir haben vollkommen vergessen, es dir zu sagen. Für mich ist das ganz normal. Ich messe dem keine Bedeutung mehr bei … Tut mir wirklich leid … Entschuldige.“

„Das muss dir nicht unangenehm sein, Arturo“, sagt Doktor Bern zu mir. „Zu diesen Aufzeichnungen haben nur wir Fachleute Zugang. Sieh es als unser Handwerkszeug an, das uns hilft, die Ergebnisse der Konferenzen zu analysieren. In deinem Fall zum Beispiel waren sie mir eine große Hilfe …“

Es hat keinen Zweck, darüber zu diskutieren.

„Hast du wieder deine Träume gehabt?“, fragt Doktor Bern, um endlich zum Thema zu kommen. „Lebst du weiter ein zweites Leben?“

„Ich habe immer Träume“, antworte ich. „Jede Nacht, jeden Tag. Sobald ich die Augen schließe, tauche ich in eine Welt ein, in der sich alles um Drachen, Mutanten, Zauberer und mittelalterliche Schlachten dreht … Ja, ich lebe ein zweites Leben, wie Sie es nennen.“

„Ich habe deinen Fall studiert und glaube, einen Weg gefunden zu haben, der uns hilft herauszufinden, worum es sich bei all dem handelt“, erklärt er sehr überzeugt.

„Den würde ich gern kennenlernen.“

„Du wirst sehen, es gibt verschiedene Möglichkeiten, deine Geschichte zu analysieren. Was mit dir geschieht, kann viele Ursachen haben, angefangen bei den einfachen, oberflächlichen, bis hin zu den höchst komplizierten. Man kann deine Träume für gewalttätig halten, für verrückt oder sinnlos; aber sie können auch einen tieferen Grund haben, eine ganz bestimmte Ursache …“

„Und Sie neigen zu der zweiten Theorie, nicht wahr?“, frage ich, überzeugt davon, dass er sie mir gleich erklären wird.

„Allerdings. Ich glaube, dass alle diese Träume ihren Ursprung in deinem Unbewussten haben. In deinem tiefsten Innern. In einem verborgenen Bereich, zu dem du bisher keinen Zugang hattest.“

„Und durch wen sind sie dahin gekommen – in mein Unbewusstes?“

„Diese Frage ist am schwierigsten zu beantworten. Es kann sich um einen deiner Vorfahren handeln, der …“

„Der genauso hieß wie ich, der dieselben Buchstaben auf dem Oberkörper hatte und einen Drachenbuchstaben auf der Stirn. Und der vor rund tausend Jahren gelebt hat. Wollten Sie das sagen?“

„Ich sage nur, dass das eine der möglichen Theorien ist“, antwortet er. „Allerdings die wahrscheinlichste. Wir wissen noch sehr wenig über die Welt der Träume, und das, was wir wissen, ist wissenschaftlich nicht abgesichert.“

„Doktor Bern hat eine These aufgestellt, die auf unseren Forschungsergebnissen basiert“, mischt sich Doktor Vistalegre ein. „Eine sehr stichhaltige These, wie ich finde. Ich stimme mit ihm überein.“

„Soll das ein Witz sein?“, erwidere ich. „Wie kann eine These stichhaltig sein, wenn sie auf etwas basiert, was man nicht genau weiß? Er selbst hat es eben gesagt. Man weiß so gut wie nichts über den Ursprung und die Bedeutung der Träume. Alles beruht auf Vermutungen. Oder etwa nicht?“

„Es stimmt, meine Annahme wird durch fast nichts gestützt“, gibt Bern zu. „Aber nach und nach sehen wir klarer. Einige von uns glauben, dass so etwas durchaus möglich ist.“

„Und Sie wollen mir einreden, dass diese Träume seit meiner Geburt in meinem Hirn eingepflanzt sind?“, lache ich. „Wie ein Samenkorn oder so was in der Art?“

„In deinem Unbewussten“, korrigiert er mich, „in dem tiefen und dunklen Abgrund, der von Fantasien, Erinnerungen und Wünschen bevölkert ist … Dort befindet sich alles, was wir über uns nicht wissen. Doch manchmal kann es vorkommen, dass es sich in unseren Träumen zeigt … oder in unseren Albträumen.“

„Gut, meine Träume haben sich also schon immer in meinem Unbewussten befunden. Und jetzt, nach vielen Jahren, sind sie zum Vorschein gekommen, so wie eine versunkene Insel aus dem Meer auftaucht. Meinen Sie das?“

„Genau so! Sie waren seit deiner Geburt in dir. Und jetzt endlich tauchen sie auf. Sie können dir helfen, dich selbst besser zu verstehen.“

„Ich bin doch kein Ritter aus dem Mittelalter! Ich begreife nicht, warum ich diese Träume habe.“

„Arturo, wärst du bereit, dich einer Hypnose zu unterziehen?“, fragt Doktor Bern. „Das könnte sehr nützlich sein.“

„Nützlich wofür?“

„Um das Ganze zu vertiefen. Möglicherweise entdecken wir dabei überraschende Dinge. Ich habe viel Erfahrung mit so etwas und versichere dir, dass eine Hypnose sehr aufschlussreich sein kann.“

„Aber was genau hoffen Sie zu finden, Doktor?“

Vistalegre und Bern schauen sich an. Sie zögern mit der Antwort, und dann sagt Doktor Bern schließlich:

„Wir vermuten, dass deine Träume eine Botschaft enthalten, die dir dein Vorfahre zukommen lassen will. Eine Hypnose würde das bestätigen. Wir könnten herausfinden, auf welche Weise die Träume in dein Inneres gelangt sind.“

„Eine Botschaft?“, frage ich verständnislos. „Was für eine Botschaft?“

„Das wissen wir nicht, aber es wird unter uns bleiben“, verspricht Doktor Vistalegre. „Niemand wird etwas davon erfahren. Es wird unser Geheimnis sein.“

„Ich muss darüber nachdenken. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das will. Es ist eine sehr schwierige Entscheidung. Ich werde Ihnen Bescheid geben.“

Die Sitzung war lang und kompliziert. Ich muss zugeben, dass ihr Vorschlag interessant ist. Wir könnten herausfinden, was mit mir los ist. Aber so sehr ich mir auch wünsche, die Wahrheit über meine Träume zu erfahren, so möchte ich doch auf keinen Fall, dass irgendjemand Zugang zu ihnen bekommt. Sie gehen nur mich etwas an, und ich bin nicht bereit, sie mit irgendjemandem zu teilen. Und schon gar nicht, wenn ich mir überlege, dass diese Leute alles aufzeichnen und verbreiten, wenn auch nur unter „Fachleuten“.

Als ich hinaus auf die Straße trete, steht Cristóbal vor mir.

„Ist das ein Zufall?“, frage ich ihn. „Oder bist du gekommen, um deinen Vater zu besuchen?“

„Sowohl als auch“, antwortet er ausweichend. „Solche Zufälle gibt es doch, oder?“

„Klar, genauso wie Feen und Gnome.“

„Ehrlich gesagt, ich wollte mit dir reden. Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen. Wo du doch zurzeit nicht in die Schule kommst …“

„Der Direktor hat mich beurlaubt. Nach dem, was in der Stiftung passiert ist, und weil Norma sich jetzt im Krankenhaus um meinen Vater kümmern muss, sind Metáfora und ich ganz und gar auf uns gestellt … Wie läuft es in der Schule?“

„Immer dasselbe. Na ja, sie haben mit den Ausgrabungen im Hof begonnen. Die Archäologen graben immer mehr mittelalterliche Kunstschätze aus. Angeblich soll Mercurio entlassen werden. Aber am meisten wird über dich geredet. Horacio hört nicht auf, über dich herzuziehen.“

„Und was sagt er?“

„Das Übliche. Er verbreitet, dass du etwas mit der Explosion zu tun hattest. Er sei an dem besagten Abend mit dir zusammen gewesen und habe alles mitgekriegt.“

„Aber warum erzählt er das? Das stimmt doch gar nicht!“

„Ich weiß, aber seine Freunde bestätigen es. Sie sagen, sie wären ebenfalls dabei gewesen.“

„Und die anderen glauben das?“, frage ich fassungslos.

„Nicht alle, einige sind skeptisch. Deswegen wäre es besser, wenn du zurückkommst und dich verteidigst“, rät er mir.

„Ich gehe erst wieder in die Schule, wenn ich meine Probleme gelöst habe … Übrigens, wie läuft es mit Mireia? Kommst du voran oder nicht?“

„Sie behandelt mich wie ein kleines Kind. Eigentlich beachtet sie mich überhaupt nicht.“

„Das tut mir leid.“

„Egal, ich bin das ja gewohnt … Und, wie war’s mit meinem Vater und seinem Freund? Hat es dir was genützt?“

„Sie helfen mir, mich zu erinnern. Aber es ist noch zu früh, um zu sagen, ob es was nützt. Mit Doktor Bern geht es vielleicht schneller. Jetzt wollen sie mich hypnotisieren.“

„Wirklich? Cool.“

„Ich muss es mir noch überlegen. Du darfst niemandem etwas davon erzählen, hörst du?“

„Mein Vater sagt immer, Hypnose sei die beste Technik, um ins Unbewusste vorzudringen.“

„Das genau ist das Problem. Ich will nämlich nur was über meine Träume erfahren, nicht über mein Unbewusstes.“

„Das ist doch dasselbe“, behauptet Cristóbal. „Die Träume kommen aus dem Unbewussten, das hat mir mein Vater oft erklärt.“

„Dann kann ich ja auch gleich wieder zu einer Wahrsagerin gehen!“, lache ich. „Bei der weiß ich wenigstens, dass das, was sie mir aus den Karten liest, nicht real ist. Und das finde ich sehr beruhigend.“

IX
DAS NEST DER HEXENMEISTER

DIE LETZTEN SONNENSTRAHLEN verloren bereits ihre Kraft, als Arturo und seine Freunde auf einen Weg einbogen, von dem aus man die makabren Umrisse der Festung von König Rugiano erkennen konnte. Mit ihren spitzen Zinnen, gewundenen Türmen und schroffen, abweisenden Mauern schien sie aus einem schlimmen Albtraum zu stammen. Sie glich einem trostlosen Friedhof, strahlte jedoch gleichzeitig Gefahr aus.

Die Festung stand auf einem steilen Felsenhügel und hob sich krass gegen den orangefarbenen Himmel ab. Ein düsteres Bild. Unterhalb, an den Ufern eines Flusses, standen einige wenige Häuser.

„Dieses elende Dorf heißt Coaglius“, klärte Horacles sie auf. „Ein verkommener Ort.“

„Hoffentlich können wir heute Nacht irgendwo unterkommen“, sagte Crispín, nachdem er Arturo berichtet hatte, was er sah.

„Es muss doch eine Herberge geben“, erwiderte der blinde Ritter.

„Ja, wir sollten uns unbedingt ausruhen“, pflichtete ihm Amedia bei. „Wir sind mit allem zufrieden, und wenn wir nichts finden, müssen wir eben im Freien schlafen.“

Am Wegesrand lagerten mehrere Menschengruppen, die sich an offenen Feuern wärmten. Wer keinen Karren besaß, auf dem er sich verkriechen konnte, hatte mit Stoffbahnen und Decken ein provisorisches Zelt errichtet, um sich vor der Kälte und dem Dauerregen zu schützen.

„Es ist nicht normal, so viele Menschen unter freiem Himmel zu sehen“, bemerkte Crispín. „Wirklich ein seltsames Land.“

Je näher sie kamen, desto mehr Gruppen konnten sie erkennen. Ganze Familien kauerten unter den Bäumen oder dicht an den Felsen. Am Flussufer reihte sich eine unendliche Schar von Menschen aneinander. Vor einige Zelten hatten sich lange Schlangen gebildet. Menschen, die Hühner, Schafe oder andere wertvolle Dinge auf dem Arm trugen.

„Sieht aus wie ein Markt“, sagte Crispín, „als ob diese Leute etwas kaufen oder verkaufen wollten …“

„Sie warten vor den Zelten der Hexenmeister“, erklärte Horacles. „Sie bezahlen mit Tieren oder Gegenständen dafür, dass sie von der Hexerei befreit werden.“

„Und von den Erdbeben“, ergänzte Dédalus.

„Niemand kann vor Erdbeben sicher sein“, sagte Crispín. „Anscheinend kommen sie von sehr weit her. Sie gehören nicht zum Königreich.“

„Die Hexenmeister sind schon seit Langem hier“, fuhr Horacles fort. „Sie haben diesen Landstrich unterworfen. Ich weiß, wovon ich spreche.“

Als Arturo, Crispín und die anderen nach Coaglius kamen, wurde ihnen sofort klar, dass hier etwas nicht stimmte. In keinem anderen Dorf stank es so penetrant. Überall herrschten Schmutz und Verzweiflung.

„Es liegt etwas Unheilvolles in der Luft“, sagte Arturo schnuppernd. „Ich rieche Dinge, die die schlimmsten Erinnerungen in mir wachrufen. Hier nistet das Böse. Ich fürchte, wir werden Ärger bekommen.“

„Ich sehe viele merkwürdige Leute auf den Straßen. Die Bauern blicken zu Boden und eilen vorüber, so als würden sie vor etwas fliehen. Sie scheinen panische Angst zu haben.“

„Sie werden unterdrückt. Dieser Ort ist durch und durch schlecht … Ich spüre, dass man uns beobachtet“, fügte Arturo hinzu.

Und tatsächlich waren viele neugierige Augenpaare auf sie gerichtet. Gefährliche Menschen, die sie feindselig beäugten.

Crispín sah sich aufmerksam um und musste Arturo recht geben. Die finsteren Blicke, die sie verfolgten, seit sie einen Fuß auf die verschmutzten Straßen von Coaglius gesetzt hatten, erinnerten ihn an Górgula, die Hexe, die sich mit König Frómodi verbündet hatte.

„Vielleicht sollten wir von hier verschwinden, bevor es brenzlig wird“, schlug er vor. „Das Dorf gleicht einem Schlangennest.“

„Im Gegenteil, ich bin sicher, dass wir hier etwas über Arquitamius in Erfahrung bringen können“, widersprach Arturo. „Diese Leute müssen von ihm gehört haben. Such uns eine Herberge.“

„Besser, wir machen uns aus dem Staub“, warnte Horacles. „Hier ist unser Leben in Gefahr.“

„Ich bin ganz deiner Meinung“, stimmte ihm Amedia zu. „Nicht wahr, Vater?“

„Ich würde auf der Stelle kehrtmachen“, antwortete Dédalus. „Hier riecht es gefährlich nach Unglück.“

Kurz darauf hielt Crispín sein Pferd vor einem Gasthaus an. Auf dem Schild stand Drachenklaue.

„Das sieht ja ganz annehmbar aus“, urteilte der Knappe. „Nicht gerade ein Palast, aber das Beste, was wir finden können.“

„Ich glaube, du hast recht“, antwortete Arturo. „Wir werden uns schon zurechtfinden.“

„Hoffentlich verspeisen sie nicht unsere Pferde, während wir schlafen“, scherzte Crispín.

„Oder uns“, lachte Amedia.

Sie stiegen ab, banden die Pferde an und betraten die Gaststube. Auf den ersten Blick wurde ihnen klar, dass die Wirtsleute nicht zu den Saubersten zählten. Das Lokal war so schmutzig und heruntergekommen und stank so fürchterlich, dass sie drauf und dran waren, wieder kehrtzumachen. Doch schon näherte sich ihnen der Wirt, der auf mögliche Gäste hoffte, und forderte sie auf, einzutreten.

„Caballeros, wenn Ihr eine Unterkunft sucht, so lasst Euch sagen, dass Ihr Euch im besten Gasthaus von ganz Coaglius befindet. Setzt Euch, ich lasse sofort etwas zu essen bringen.“

„Wir wissen noch nicht, ob wir hier bleiben wollen“, erwiderte Crispín mit angewidertem Gesicht.

„Ich versichere Euch, im ganzen Ort ist nichts mehr frei“, sagte der Mann, bemüht, sie zum Bleiben zu bewegen. „Zum Glück habe ich noch ein paar Zimmer frei. Ich mache Euch einen guten Preis.“

„Was nennst du einen guten Preis?“

„Zwei Silberlinge pro Person und Nacht“, antwortete Gramma, die Wirtin, die zu ihnen getreten war. „Verpflegung extra. Ich garantier Euch, dass Ihr zufrieden sein werdet.“

„Und wer garantiert uns, dass wir lebend erwachen?“, fragte Dédalus. „Es wimmelt hier nur so von gefährlichen Spitzbuben!“

„Ihr könnt sicher sein, dass Euch nichts geschehen wird, solange Ihr in meinem Hause weilt“, sagte Herminio, der Wirt. „Seid Ihr Zauberer?“

„Nein“, antwortete Crispín. „Wir sind Reisende, nichts weiter.“

„Seid vorsichtig, wenn Ihr aus dem Haus geht“, warnte Herminio. „Fremde werden hier nicht besonders geachtet. Und schon gar nicht, wenn sie aussehen, als hätten sie Geld.“

„Wir werden uns schon Respekt zu verschaffen wissen“, entgegnete Arturo und strich über den Griff seines Schwertes. „Da kannst du ganz sicher sein.“

„Was verbergt Ihr unter der Maske?“, wollte Gramma wissen. „Habt Ihr etwas zu befürchten?“

„Er verbirgt sein entstelltes Gesicht“, antwortete Crispín. „Mein Herr wurde von Mutanten angegriffen. Sie haben sein Gesicht zerfleischt.“

„Ihr könnt so lange bleiben, wie Ihr mögt.“

„Wenn Ihr im Voraus zahlt“, fügte Gramma hinzu. „Ihr werdet Euren Aufenthalt hier genießen.“

„Hier ist das Geld für diese Nacht“, sagte Crispín und legte zehn Silbermünzen auf den Tisch. „Wir brauchen Unterkunft für fünf Personen. Zwei Zimmer.“

„Meine Tochter wird Euch das Essen servieren“, kündigte Herminio an. „Macht es Euch schon mal bequem, wir werden inzwischen die Zimmer herrichten.“

Die Wirtsleute gingen hinaus, um für Essen und Getränke zu sorgen. Doch noch bevor sich die Freunde gesetzt hatten, trat ein furchtbar hässlicher Mann in den Schankraum. Eine breite Narbe verunstaltete sein Gesicht.

„Hallo, ich heiße Peter“, sagte er. „Woher kommt ihr?“

Crispín sah ihn an und überlegte, ob er ihm antworten sollte.

„Wollt ihr auch für unseren König arbeiten?“, fragte der Mann weiter.

„Nein, wir sind nur auf der Durchreise“, antwortete Crispín schließlich. „Wir wollen uns ausruhen und dann unseren Weg fortsetzen. Wir haben noch eine lange Reise vor uns.“

„Wollt ihr noch weit?“, erkundigte sich der Mann. „Wer seid ihr?“

„Das ist unwichtig“, antwortete der Knappe. „Übrigens würden wir gerne ungestört sein, wenn es dir nichts ausmacht.“

„Warum bedeckt er sein Gesicht mit einer Maske?“, fragte der Mann und zeigte auf Arturo. „Hat er Angst, dass er erkannt werden könnte?“

„Du hast schon genug Fragen gestellt, mein Freund“, mischte sich nun der blinde Ritter ein. „Es ist besser, du lässt uns jetzt allein.“

„Die Maske ist ja aus Silber …“, wunderte sich der Mann. „Ich glaube, ich hab sie schon mal irgendwo gesehen. Du wirst sie doch nicht geklaut haben?“

Arturo hob den rechten Arm und zeigte auf die Tür.

„Mach, dass du fortkommst!“, herrschte er ihn an.

„Ist ja gut, ist ja gut … Wollte doch nur helfen … Das hier ist ein gefährliches Pflaster, vielleicht braucht ihr einen Führer.“

Arturo berührte den Griff seines Schwertes. Die bloße Geste überzeugte den Mann davon, dass es höchste Zeit war, sich zurückzuziehen.

„Hier kommt Euer Essen, Caballeros“, sagte ein junges Mädchen mit lockigem Haar und einer fröhlichen Stimme. „Das Beste, was wir zu bieten haben.“

Crispín und sie tauschten einen flüchtigen Blick aus, sagten aber kein Wort. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte der junge Knappe das Gefühl, rot zu werden.

„Wie heißt du“, fragte Amedia sie. „Du bist die Tochter der Wirtsleute, nicht wahr?“

„Ja, das bin ich. Ich heiße Amarae. „Ich werde jetzt Eure Zimmer herrichten“, sagte die junge Frau, bevor sie hinausging. „Seid willkommen.“

***

KÖNIG FRÓMODI WAR vollkommen betrunken. Er sah fürchterlich aus. Sein halbnackter Körper war von einem grauen Schafspelz bedeckt. Wie gebannt starrte er auf den schwarzen Fleck, der sich auf seinem rechten Arm auszubreiten begann, dem Arm, den er Forester gestohlen hatte. Dann wandte er den Blick ab.

Auf eine Zinne gestützt, vom Hauptturm seines Schlosses herab, betrachtete er den nahen Wald, der im schwachen Schein des Mondes dalag. Er erinnerte sich nicht einmal mehr, dass die Aufständischen genau aus diesem Wald ihre Pfeile auf ihn abzuschießen pflegten, und dachte gar nicht daran, sich vor der Gefahr zu schützen.

„Vater! Vater!“, rief er. „Jetzt bin ich der König von elenden Bauern! Ich werde sie benutzen, um zu bekommen, was ich will! Und dann werdet Ihr mir verzeihen! Ihr werdet mir doch verzeihen, was ich getan habe, oder?“

Er taumelte und verschüttete etwas Wein aus seinem Becher, den er in der rechten Hand hielt. Im Mondschein sah die rote Pfütze aus wie eine Blutlache. Entsetzt wich er einen Schritt zurück.

„Ich werde bekommen, was ich will, und dann werde ich wieder der sein, der ich früher war!“, brüllte er, während er noch immer auf die blutrote Pfütze starrte. „Ich werde wieder ein unschuldiges Kind sein. Ein Kind, das ohne Sünde aufwächst. Glaubt Ihr mir das, Vater?“

Er meinte den Schatten seines Vaters auf der Mauer zu sehen und verhielt sich still, in Erwartung eines Zeichens.

„Seid Ihr gekommen, um mir zu sagen, dass Ihr mir verzeihen werdet?

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