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Die schwarze Armee - Das Reich der Träume

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. ERSTES BUCH: Die Stiftung
    1. I Arquimaes,der Weiseste aller Weisen
    2. II Der Büchernarr
    3. III Unter dem Schutz des Grafen
    4. IV Hinaus in die Welt
    5. V Tödliche Wunden
    6. VI Der Besucher
    7. VII Ein Schwur wird gebrochen
    8. VIII Die neue Lehrerin
    9. IX Eine Armee zur Befreiungdes Weisen
    10. X Der Aasgeier von der Bank
    11. XI Die Belagerung
    12. XII Am Rande des Abgrunds
    13. XIII Herejios Macht
    14. XIV Die Eindringlinge
    15. XV Cromells Versprechen
    16. XVI Das Geburtstagsessen
    17. XVII Das Feuer des Herejio
    18. XVIII Der Sohn der Wüste
    19. XIX Arturos Ritt
    20. XX Die Geheimnisse der Stiftung
    21. XXI Der Sturmangriff
    22. XXII Arturos Enthüllung
  8. ZWEITES BUCH: Der Drachentöter
    1. I Es lauert der Tod
    2. II Held in einem Traum
    3. III In den gefährlichen Sümpfen
    4. IV Die Karten der Zukunft
    5. V Die Festung des Teufels
    6. VI Ein General in der Stiftung
    7. VII Die schwarze Prinzessin
    8. VIII Licht im Dunkel
    9. IX Arturos Buchstaben
    10. X Prügelei auf dem Schulhof
    11. XI Auf dem Weg in die Freiheit
    12. XII Der General übernimmt dasKommando
    13. XIII Der Drachentöter
    14. XIV Ein Geheimnis wird gelüftet
    15. XV Der Eingang zur Hölle
    16. XVI Der Überfall auf den Bettler
    17. XVII Im Wald der Geächteten
    18. XVIII Die Stiftung im Visier
    19. XIX Die Gegenwehr derBuchstaben
    20. XX Zurück ins Mittelalter
    21. XXI Der Traum des Arquimaes
    22. XXII Der Tätowierer
  9. DRITTES BUCH: Die Mächte des Bösen
    1. I Die Abtei am Ende der Welt
    2. II Eine Mauer stürzt ein
    3. III Das Wiedersehen der Brüder
    4. IV Der Schatzsucher
    5. V Graf gegen Ritter
    6. VI Diebe in der Stiftung
    7. VII Die schwarze Grotte
    8. VIII Der Büchernarr unterBeobachtung
    9. IX Fraß für die Geier
    10. X Schwerter und Schilde
    11. XI Rückkehr zum Schlossdes Königs
    12. XII Die Mutanten
    13. XIII Der Verrat des Königs
    14. XIV Ein schwarzer Helm
    15. XV Neuer Groll
    16. XVI Träume und Archäologie
    17. XVII Die Zeichnungen desArquimaes
    18. XVIII Der Helm der Zwietracht
    19. XIX Träume auf Pergament
    20. XX Eine Frau beschützt dieStiftung
    21. XXI Schach dem König
    22. XXII Der Traumdeuter
  10. VIERTES BUCH: Die Macht des Drachen
    1. I Das Trojanische Pferd
    2. II Ein überraschendesGeständnis
    3. III Das Herz der Königin
    4. IV Der zweite Keller
    5. V Eine Hexe wird gerettet
    6. VI Das Reich des Bettlers
    7. VII Der Giftpfeil
    8. VIII Die Zukunft wird verhandelt
    9. IX Die Hexe und der Ritter
    10. X Die Verlobungsfeier
    11. XI Ein Sohn für denFinsteren Zauberer
    12. XII Die Schlinge zieht sich zu
    13. XIII Ein Sklave für die Hexe
    14. XIV Der Traumdeuter
    15. XV Zeichnungen werdenentschlüsselt
    16. XVI Das Geheimnis desAlchemisten
    17. XVII Die Welt des Demónicus
    18. XVIII Ratten in der Stiftung
    19. XIX Arturos Drohung
    20. XX Unter Verdacht
    21. XXI Arquimaes, Émedi undArturo
    22. XXII Das Buchstabenmuseum
  11. FÜNFTES BUCH: Arquimia
    1. I Die Kriegsdrohung
    2. II Reise in die Vergangenheit
    3. III Rückkehr nach Ambrosia
    4. IV Die Bank fordert ihreRechte ein
    5. V Schwarzer Staub
    6. VI Übernatürliche Kräfte
    7. VII Das alchemistische Schwert
    8. VIII Das Geheimnis des Vaters
    9. IX Drachen am Himmel
    10. X Die Worte der Auferstehung
    11. XI Die kriegerische Königin
    12. XII Der Schatz des Generals
    13. XIII Die Attacke der Bestie
    14. XIV Der Palast des Lichtes
    15. XV Arturos Zorn
    16. XVI Die unterirdische Stadt
    17. XVII Der Rückzug
    18. XVIII Ein neuer Chef
    19. XIX Gedanken an die Zukunft
    20. XX Das Duell auf Leben und Tod
    21. XXI Auf dem Weg ins Exil
    22. XXII Arturos Tod
  12. Nachwort
    1. I Am Ende des Weges
    2. II Geheimnisse werden gelüftet

Über die Autorin

Santiago García-Clairac, wurde 1944 in Frankreich geboren und hat schon früh seine Leidenschaft fürs Geschichtenerfinden entdeckt. 1994 veröffentlichte er sein erstes Kinderbuch, danach folgten viele weitere. Santiago García-Clairac veranstaltet häufig Lesungen in Schulen, da ihm der direkte Kontakt zu seinen Lesern sehr wichtig ist.

Santiago García-Clairac

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Die schwarze
Armee

Das Reich der Träume

Aus dem Spanischen von
Hans-Joachim Hartstein

Wir leben in zwei Welten.
In der Realität formen wir unseren Charakter,
im Reich der Träume entdecken wir das Beste in uns.

Erstes Buch

Die Stiftung

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I
Arquimaes,
der Weiseste aller Weisen

Die erste Seite der Legende von Arturo Adragón, dem kühnen Ritter, dem Anführer eines sagenumwobenen Heeres, dem Begründer eines mythischen Reiches der Gerechtigkeit, eines Reiches frei von Kriegen, Tyrannei und Hexerei, wurde in jener Nacht geschrieben, als zwanzig Soldaten auf die Ortschaft Drácamont zuritten.

In schwere, weite Mäntel gehüllt, bis an die Zähne bewaffnet und geschützt durch Panzerhemd, Helm und Schild, waren die Reiter in einer Mission unterwegs, die nur im Schutz der Dunkelheit durchgeführt werden konnte.

Die Straßen waren schlammig und menschenleer. Ein paar Hunde kreuzten den Weg der Soldaten und ergriffen lautlos die Flucht, als witterten sie die nahende Gefahr. Ratten ließen von verfaulten Essensresten ab und verkrochen sich in dunklen Löchern, um den Reitern nicht zu begegnen. Der Geruch des Todes lag in der Luft.

Die Soldaten wussten, dass die Bewohner des kleinen Dorfes Drácamont sie durch die spaltbreit geöffneten Türen und Fenster beobachteten. Doch sie waren sich ihrer Macht so sicher, dass es sie nicht kümmerte.

Den schwierigsten Teil ihrer Mission hatten sie bereits hinter sich: Sie waren heimlich in König Benicius’ Ländereien eingedrungen, ohne von dessen Männern entdeckt zu werden. Noch immer schwebten sie in Lebensgefahr, doch derartige Risiken waren im Sold und in ihren Treueschwüren inbegriffen.

Die einfachen Bauern von Drácamont hielten sich lieber von den Soldaten fern. Sie wussten, dass es besser war, sich ihnen nicht in den Weg zu stellen. Stattdessen sandten sie in dieser finsteren, unheilvollen Nacht Stoßgebete zum Himmel, die Soldaten mögen schnell wieder abziehen.

»Wir werden bald nach Hause zurückkehren«, versprach Hauptmann Cromell seinen Leuten. »Wenn alles gut geht, bekommt jeder von euch eine ordentliche Belohnung.«

Zur selben Zeit wurde außerhalb des Dorfes, in der Nähe des Friedhofs, im Innern eines alten Turmes fieberhaft gearbeitet.

Die Gehilfen des Alchemisten Arquimaes hatten die Fensterläden geschlossen, damit das Kerzenlicht keine Aufmerksamkeit erregte und sie vor neugierigen Blicken geschützt waren.

Arturo, Arquimaes’ junger Schüler, goss eine zähe schwarze Flüssigkeit in einen kleinen Glasbehälter. Dann tauchte der Meister einen Federkiel in die Tinte und begann, auf das vor ihm liegende gelbliche Pergament zu schreiben.

Mit ruhiger, sorgfältiger Hand reihte Arquimaes stilvolle Buchstaben aneinander und erschuf ein harmonisches, wohlgeordnetes Ganzes voller Geheimnisse. Einen kryptischen Text, den kein Sterblicher je würde entziffern können, da Arquimaes ihn in einer von ihm selbst erdachten Geheimsprache verfasste – so wie es alle Alchemisten zu tun pflegten, wenn sie ihre Entdeckungen schützen wollten.

Auf einmal jedoch störten beunruhigende Geräusche die Stille: das aufgeregte Schlagen von Flügeln, das Geklapper von Pferdehufen auf dem Straßenpflaster, gebrüllte Befehle, das Scheppern von Rüstungen, Schwertern und Schilden …

Schlagartig begriffen die Bewohner des alten Turmes, dass Gefahr drohte. Der Klang von Stahl bedeutete immer Gefahr.

Arquimaes hörte auf zu schreiben, und schon wurde die Tür zu seinem Arbeitszimmer aufgestoßen. Eine Woge eiskalter Luft drang herein und mit ihr mehrere Soldaten, die die Gehilfen des Alchemisten grunzend aufscheuchten, vor sich her stießen und gefangen nahmen.

»Keine Bewegung!«, brüllte Hauptmann Cromell mit gezücktem Schwert und Zornesröte im Gesicht. »Wir handeln auf Befehl des Grafen Eric Morfidio!«

Ohne darüber nachzudenken, dass er gegen die erfahrenen Krieger keinerlei Aussicht hatte zu siegen, stellte sich der junge Arturo den Soldaten in den Weg.

»Was tut ihr da?«, schrie er aufgebracht. »Ihr könnt doch nicht einfach hier eindringen! Dieses Laboratorium ist heilig! Arquimaes steht unter dem Schutz von König Arco de Benicius!«

Einer der Soldaten hob sein Schwert, doch eine mächtige Stimme hinderte ihn daran, es auf den Jungen herabsausen zu lassen: »Halt ein! Wir sind nicht zum Töten gekommen! Nur wenn es nicht anders geht …«

Graf Morfidio hatte soeben den Raum betreten und damit dem Jungen in letzter Sekunde das Leben gerettet. Der stämmige Edelmann mit dem zerzausten Haar und dem dichten grauen Vollbart wandte sich langsam Arquimaes zu, der die Szene still beobachtet hatte. Cromells bewaffnete Männer warteten in Habachtstellung, jederzeit bereit, sich auf den Erstbesten zu stürzen, der es wagte, sich vom Fleck zu rühren.

»Deine Männer sollten lieber keinen Widerstand leisten, Alchemist«, drohte der Graf. »Meine Geduld ist begrenzt.«

»Was willst du, Graf?«, fragte der Weise in einem Ton, der die Anwesenden zusammenzucken ließ. »Was ist das für eine Art, in das Haus eines friedfertigen Mannes einzudringen? Hast du dich jetzt etwa darauf verlegt, unschuldige Menschen zu überfallen?«

»Wir wissen, dass du Magie betreibst. Es liegen Anschuldigungen gegen dich und deine Gehilfen vor. Wenn sich diese Vorwürfe als wahr erweisen, wirst du auf dem Scheiterhaufen brennen.«

»Magie? Die einzige Magie, die wir hier betreiben, ist die Herstellung von Medizin«, entgegnete Arquimaes spöttisch.

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass du eine wichtige Entdeckung gemacht hast. Du wirst auf der Stelle mit mir auf meine Burg kommen und von nun an unter meinem Befehl stehen.«

»Ich stehe unter dem Schutz von Arco de Benicius«, widersprach Arquimaes. »Ich werde nirgendwohin gehen!«

»Du wirst dein Verbrechen früher oder später gestehen. Diese geheime Formel, die du so gut zu schützen weißt, kommt einem Verrat gleich«, erklärte Morfidio.

»Meine Entdeckung verstößt gegen keines der Gesetze der Wissenschaft.«

»Das habe ich zu entscheiden, du verdammter Alchemist! Ich lasse nicht zu, dass deine Entdeckung in die falschen Hände gerät«, fauchte Morfidio und betrachtete dabei neugierig das Tintenfässchen, das Arquimaes eben noch benutzt hatte. »Du versuchst, dich gegen mich und gegen König Benicius, deinen Herrn, zu verschwören …«

»Ich verschwöre mich gegen niemanden!«

»… und wenn du erst mal unter meinem Befehl stehst, wirst du mir alles verraten … Wie ich sehe, ist auf der Feder noch frische Tinte«, sagte der Graf, ergriff den Federkiel und schwenkte ihn hin und her, sodass ein paar Tropfen auf den Boden fielen. »Was hast du da eben geschrieben?«

»Selbst wenn du es wüsstest, würde es dir nichts nützen«, antwortete Arquimaes in dem Versuch, den Grafen von seiner Idee abzubringen. »Deine teuflische Zauberformel suchst du hier vergeblich … Ich bin kein Zauberer und auch kein Hexenmeister. Ich bin Alchemist!«

»Mein Herr wird dir niemals eine seiner Formeln verraten!«, rief Arturo plötzlich, das Gesicht rot vor Empörung.

Kaum hatte Arturo diese Worte ausgesprochen, schlug ihm Cromell mit voller Wucht in den Magen, sodass der Junge auf die Knie fiel und ihm der Atem wegblieb.

Seiner Sache sicher, trat Morfidio an den Weisen heran, versetzte einem der Stühle einen heftigen Tritt und sagte dann leise, fast im Flüsterton: »Provoziere mich nicht, Verräter! Wenn du dich weiterhin weigerst, lasse ich alle deine Gehilfen vor deinen Augen köpfen, angefangen mit diesem aufsässigen Bengel da.«

Arquimaes begriff, dass der barbarische Graf nur einen Vorwand suchte, um seine Drohung wahr zu machen. Alle Welt wusste, dass Morfidio genauso blutrünstig war wie jene Bestien, die sich seit geraumer Zeit des Nachts auf die Suche nach Menschenfleisch machten und jede Gelegenheit nutzten, um ihren Appetit zu stillen.

»Lieber sterben wir, als deiner Forderung nachzugeben!«, sagte Arturo, der auf dem Boden lag. »Ich werde Arquimaes mit meinem eigenen Leben verteidigen, wenn es sein muss!«

»Das kannst du haben, mein Junge«, sagte Morfidio, packte Arturo, der immer noch nach Atem rang, und zog ihn gewaltsam hoch. »Sieh her, Arquimaes, ich meine es ernst!«

Mit diesen Worten zog er seinen Dolch aus der Scheide und stieß ihn Arturo mit einer raschen Bewegung in den Bauch. Vollkommen ungerührt, als schnitte er sich bei einem Festschmaus ein Stück Fleisch vom Braten ab.

Entsetzt musste Arquimaes mit ansehen, wie sein Schüler mit einem dumpfen Aufprall zu Boden stürzte.

»Das wird dir eine Lehre sein!«, sagte der Graf und richtete die Spitze des blutgetränkten Dolches auf den Alchemisten. »Rette ihm das Leben mit deiner Medizin, wenn du kannst. Überleg es dir gut! Es ist besser für dich, mir dein Geheimnis anzuvertrauen. Sonst bist du der Nächste!«

»Du bist ein Ungeheuer, Graf Morfidio!«, entgegnete Arquimaes, während er den Arm um Arturo legte und versuchte, das Blut zu stillen, das aus der tiefen Wunde floss. »Ich rufe die Mächte des Guten an! Mögen sie sich deiner Bosheit entgegenstellen! Möge dich deine verdiente Strafe ereilen!«

Graf Morfidio verzog das Gesicht zu einem hämischen Grinsen. Die Verwünschungen des Alchemisten beeindruckten ihn nicht. Er war ein Mann der Tat und erreichte immer, was er sich vornahm.

»Kraft meiner Autorität ordne ich an, dass all das hier beschlagnahmt ist!«, rief er. »Soldaten, nehmt alles, was diesem Mann gehört, und bringt es auf die Burg!«

»Hütet euch davor, irgendetwas anzurühren!«, knurrte Arquimaes, außer sich vor Zorn. »Der schlimmste Fluch wird denjenigen treffen, der es wagt, auch nur einen einzigen Gegenstand von seinem Platz zu bewegen!«

Die Soldaten rührten sich nicht, aus Angst, Arquimaes’ Drohung könne wahr werden. Da trat Graf Morfidio einen Schritt nach vorn und schlug mit seinem Schwert auf das Inventar ein. Dann setzte er dem Alchemisten die Spitze seiner Waffe an die Kehle und drückte so fest zu, dass sie drohte, sie zu durchbohren.

»Ich will, dass du freiwillig mitkommst. Es sei denn, du ziehst es vor, das Schicksal deines Schülers zu teilen!«

Als die Soldaten Zeuge wurden, wie unerschrocken ihr Herr war, gehorchten sie schließlich seinem Befehl und zwangen die Gehilfen, alles auf die Karren zu laden.

In kurzer Zeit war das Laboratorium so gut wie leer. Sämtliche Bücher und Pergamente, die der Alchemist im Laufe mehrerer Monate geduldig beschrieben hatte, befanden sich nun im Besitz des Grafen.

Zum ersten Mal befürchtete Arquimaes, Graf Morfidio könnte sich tatsächlich die Geheimformel aneignen. Beim bloßen Gedanken daran überlief ihn ein kalter Schauer.

»Tötet die Männer! Ich will keine Zeugen!«, brüllte Morfidio und stieß sein langes Schwert in die Brust eines der Gehilfen. »Und werft die Leichen in den Fluss!«

Die Soldaten stürzten sich auf die anderen Männer, die keinerlei Widerstand leisteten, spießten sie mit ihren spitzen Waffen auf und bereiteten ihrem Leben in wenigen Sekunden ein Ende.

Voller Entsetzen versuchte der älteste Diener, über die Treppe zu flüchten und nach draußen zu entkommen. Doch Cromell verfolgte ihn laut brüllend. Kurze Zeit später kam er zurück. Die Klinge seines Schwertes war blutgetränkt.

»Das hier hatte er unter dem Hemd versteckt«, sagte er zu seinem Herrn. »Ein Pergament.«

Morfidio entrollte das Dokument und betrachtete es eingehend.

»Aha, jetzt haben wir einen weiteren Beweis für deine Schuld!«, sagte er triumphierend zu Arquimaes.

Vier Soldaten zwangen den Weisen und seinen Schüler, auf einen Karren zu klettern. Sie standen ihrem barbarischen Herrn in seiner Brutalität in nichts nach.

»Zurück zur Burg!«, befahl Graf Morfidio, als ein wildes Heulen durch die Nacht drang. »Es ist dunkel und in der Dunkelheit ist dieses Land gefährlich. Hier ist nichts mehr zu tun … Brennt den Turm nieder! Es soll nichts übrig bleiben von diesem vergifteten Tempel der Hexerei!«

Arquimaes musste mit ansehen, wie mehrere Männer unter Hauptmann Cromells Führung das Labor, das er mit so viel Mühe aufgebaut hatte, niederbrannten. Schweigend sah er zu, wie sein Werk ein Raub der Flammen wurde. Wut und Verzweiflung stiegen in ihm auf.

Der Weise presste eine Hand auf die Wunde des Jungen. Tränen traten ihm in die Augen, als er sah, wie die Soldaten die Leichen der anderen Gehilfen in den Fluss warfen.

Dann machte sich der Tross auf den Weg zur Burg des Grafen Morfidio. Zurück blieben Verwüstung und eine Rauchsäule, die bis zum Himmel reichte.

Nicht ein einziges Fenster der umliegenden Häuser hatte sich geöffnet, niemand war ihnen zu Hilfe geeilt. Das Dorf lag in tiefster Dunkelheit da, als trüge es Trauer. Niemand wagte es, dem Grafen Morfidio die Stirn zu bieten. Niemand stand dem Alchemisten bei, der mehr als einmal das Leben von Kranken oder Verletzten gerettet hatte.

Während sich die Soldaten entfernten, schwang sich ein schmächtiger Mann mit Froschaugen und riesigen Ohren, der sich bis dahin im nahen Wald im Unterholz verborgen gehalten hatte, auf sein Pferd und ritt auf König Benicius’ Schloss zu.

Noch ahnte Graf Morfidio nicht, dass seine Schandtat eine Reihe schrecklicher Ereignisse entfesseln würde, die den Lauf der Geschichte verändern und eine außergewöhnliche Legende hervorbringen sollte.

II
Der Büchernarr

Ich heiße Arturo Adragón und lebe mit meinem Vater in Férenix in einer Stiftung. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, heute ist ein normaler Tag und ich muss zur Schule.

Jeden Morgen, wenn ich aufwache, rufe ich mir diese Sätze laut in Erinnerung, damit ich weiß, wo ich bin. Meine Träume sind so unglaublich echt, dass es mir manchmal schwerfällt, mich in der Wirklichkeit zurechtzufinden.

Letzte Nacht hatte ich wieder so einen Traum. Mit Soldaten, mittelalterlichen Burgen, Zauberern, Alchemisten; ich erlebe diese Traumgeschichten so intensiv, dass ich beim Aufwachen jedes Mal total erschöpft bin – als wäre das alles wirklich passiert. Es ist furchtbar … Und ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll.

Manchmal glaube ich, ich werde langsam verrückt.

Während mein Kopf noch voll ist von den Erinnerungen an letzte Nacht, gehe ich unter die Dusche, drehe den Hahn auf und warte darauf, dass mich das warme Wasser aus dem Reich der Träume in die Wirklichkeit zurückholt, aus dem Mittelalter in die Gegenwart.

Ich blicke in den Spiegel. Der Drachenkopf ist natürlich noch da: auf meiner Stirn, zwischen den Augenbrauen. Genauso wie die merkwürdigen schwarzen Flecken auf meinen Wangen.

Ich sehe damit ziemlich seltsam aus, als wäre ich tätowiert, und meine Mitschüler sorgen täglich dafür, dass ich auch ja nicht vergesse, dass ich nicht dazugehöre. Auch die Leute, denen ich auf der Straße begegne, erinnern mich daran, wenn sie sich hinter meinem Rücken zuflüstern: »Der arme Junge!« Das Schlimmste daran ist, sie haben recht: Ich sehe wirklich furchtbar aus.

»Hallo, Drache«, begrüße ich ihn dennoch wie jeden Tag. »Alles in Ordnung? Wirst du denn nie verschwinden?«

Wahrscheinlich bin ich dazu verurteilt, mein Leben lang ein Außenseiter zu sein. Die Einzigen, die mich ertragen, sind mein Vater und die Menschen, die zusammen mit uns in der Stiftung leben. Meine einzigen Freunde.

Ich schrubbe mir gründlich Wangen und Stirn, in der Hoffnung, dass diese verdammten schwarzen Flecken und der Drachenkopf endlich verschwinden. Aber ich weiß, dass es aussichtslos ist. Ich weiß, dass sie mich bis ans Ende meines Lebens begleiten werden.

Manchmal denke ich, ich sollte zum Zirkus gehen. Wenigstens würden die Leute mich dann als »normal« ansehen. Einen Jungen, der aussieht wie ein Werbeplakat, mit einem Drachen auf der Stirn, würden die Zuschauer interessant finden. Sie würden Eintritt bezahlen, um über ihn zu lachen, wie über Clowns oder missgebildete Menschen. Bestimmt hätte ich mehr Erfolg als die Frau mit Bart und der Elefantenmensch zusammen.

Ich spüre seit ein paar Tagen am ganzen Körper ein Kribbeln, das ich nicht loswerde und das mich langsam nervös macht. Meine Haut ist gerötet, weil ich mich die ganze Zeit kratze. Es ist komisch, aber irgendwie habe ich das Gefühl, die Flecken haben sich weiter ausgebreitet, sind mehr geworden … Jetzt bedecken sie schon den äußeren Rand meiner Wangen und auch auf der Nase gibt es schon welche. Es wird immer schlimmer!

Während ich mich anziehe, muss ich wieder an meinen Traum von letzter Nacht denken. Was haben diese Träume zu bedeuten? Sie sind wie die Hieroglyphenschriften, die mein Vater seit Jahren sammelt und vergeblich zu entziffern versucht. Meine Träume sind fantastische Abenteuer, die ich mit niemandem teilen kann. Das Merkwürdige ist, dass es darin immer um dieselben Figuren und Themen geht … Als wären es Kapitel von einem Fantasy-Roman. Die letzte Nacht war jedoch die schlimmste von allen. Noch nie habe ich von etwas so Schrecklichem und Gefährlichem geträumt!

Ich mache meinen Rucksack auf und sehe nach, ob ich alles für die Schule eingepackt habe. Die Bücher, die ich heute nicht brauche, nehme ich raus. Hefte und Stifte sind drin, alles in Ordnung.

Bei meiner täglichen Kontrolle stelle ich mir gerne vor, ich würde meine Siebensachen packen und einfach abhauen. Aber ich weiß, dass ich es nicht kann. Es gibt hier einiges, das mir sehr wichtig ist: mein Vater, die Erinnerung an meine Mutter, die Stiftung, Sombra … Vielleicht ist es nicht viel, aber es bedeutet mir alles. Es ist das Einzige, was mich interessiert. Ansonsten würde ich dieses triste Leben nur zu gerne hinter mir lassen.

Bevor ich gehe, nehme ich noch das Buch vom Nachttisch, das ich gestern zu Ende gelesen habe. Es ist die Geschichte von König Artus, eines meiner Lieblingsbücher.

Langsam gehe ich die Treppe hinunter. Plötzlich stürmt mir Sombra, der Assistent meines Vaters, wie ein Wirbelwind entgegen und rennt mich fast über den Haufen.

»Was ist los, Sombra?«, rufe ich entgeistert.

Er beachtet mich gar nicht und läuft einfach weiter, als wäre er hinter etwas her.

»Du verfluchte Ratte!«, brüllt er und schlägt dabei immer wieder mit einem Besen auf den Boden. »Wenn ich dich noch einmal hier erwische, schlag ich dich tot!«

Völlig außer Atem bleibt er auf dem Treppenabsatz stehen, lehnt sich gegen die Wand und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

»Es werden immer mehr. Wir müssen was dagegen tun«, brummt er nach Atem ringend. »Diese Ratte hat sich über ein Manuskript aus dem 10. Jahrhundert hergemacht! Zum Glück bin ich gerade noch rechtzeitig gekommen.«

»Na, so schlimm ist das doch nicht.«

»Nicht so schlimm? Soll das ein Witz sein? Findest du es etwa in Ordnung, dass diese Biester unsere Bücher auffressen?«

»Nein, natürlich nicht …«

»Als ich gesehen habe, wie die Ratte das Pergament angenagt hat, bin ich so wütend geworden, dass ich …«

»Sag mal, Sombra, hast du meinen Vater heute schon gesehen?«, unterbreche ich ihn.

»Er sitzt in seinem Arbeitszimmer, ist früh aufgestanden …«

»Wie geht es ihm?«

»Genauso wie gestern. Ist nicht besser geworden, glaub ich. Aber er will partout keine Medikamente nehmen, deshalb …«

»Ich werd gleich zu ihm gehen, vielleicht kann ich ihn ja überreden.«

»Hast du gut geschlafen, Arturo?«, fragt Sombra mich unvermittelt.

»Ja, sehr gut … Wie immer.«

Ein leichtes Lächeln huscht über sein Gesicht und ich weiß, dass er meine Botschaft verstanden hat. Sombra ist wie ein zweiter Vater für mich. Manchmal habe ich das Gefühl, er versteht mich sogar besser als mein Vater.

»Schönen Tag noch«, sagt er und eilt mit seinem Besen in der Hand davon.

Ich gehe in die große Bibliothek im zweiten Stock. Die Regale dort sind vollgestopft mit wertvollen und unersetzlichen Büchern, die meine Familie im Laufe vieler Jahre gesammelt hat. Es ist wirklich ein außergewöhnlicher Ort, eine Bibliothek voller Werke aus dem Mittelalter. Hier habe ich den größten Teil meines Lebens verbracht. Das ist meine Welt.

Ich stelle das Buch über König Artus an seinen Platz im Regal zurück und nehme eins über Königin Ginevra mit, das ich bereits mehrmals gelesen habe. Ich finde ihre Geschichte toll. Vielleicht werde ich eines Tages ja einen Roman mit denselben Figuren schreiben.

Dann gehe ich zum Arbeitszimmer meines Vaters. Er sitzt in der hintersten Ecke, über den langen Holztisch gebeugt, umgeben von Büchern und Blättern, in der Hand einen Füller. Er redet mit sich selbst – oder mit den Büchern, was fast dasselbe ist – und sieht furchtbar aus. Er hat sich seit Tagen nicht rasiert und seine Haare stehen wirr vom Kopf ab. Irgendwie erinnert er mich an einen dieser Weisen aus den Fantasy-Geschichten. Er scheint ganz in seine Arbeit versunken, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.

»Wie geht es dir, Papa?«, frage ich und gehe zu ihm.

Etwas überrascht, mich zu sehen, hebt er den Kopf.

»Arturo, was machst du denn schon hier, um diese Zeit?«

»Papa, es ist schon fast neun …«

Wie ein Kind, das bei etwas Verbotenem erwischt wurde, steht er auf und zieht die langen Vorhänge zurück. Das grelle Licht blendet ihn und er muss die Hand schützend vor seine Augen legen.

»Es geht mir gut, mein Sohn. Wirklich.«

»Gestern Abend hattest du Fieber. Du musst etwas dagegen nehmen, sonst wird es schlimmer.«

»Kein Grund zur Sorge. Ich fühle mich ausgezeichnet. Außerdem kann ich es mir nicht erlauben, krank zu werden. Ich muss die Arbeit hier zu Ende bringen … Ich bin fast fertig!«

»Kannst du mir nicht endlich sagen, was das für eine Arbeit ist, an der du schon so lange sitzt?«, frage ich.

»Wenn ich etwas Konkretes habe, wirst du der Erste sein, der es erfährt.«

»Versprochen?«

»Versprochen.«

»Papa, ich mache mir Sorgen um dich. Ich hab Angst, dass du irgendwann durchdrehst.«

Er streicht mir über den Kopf, wie immer, wenn er mir etwas sagen will. Dann berührt er die Flecken auf meinem Gesicht, als wolle er sie wegwischen.

»Du brauchst dich nicht zu sorgen, mein Junge, es ist alles in Ordnung. Es geht mir wunderbar. Du solltest so was nicht denken.«

»Ich weiß …«

»Hör zu! Wir beide wissen Dinge, von denen andere keine Ahnung haben. Wir sind keine Hexenmeister und auch keine Zauberer … Wir sind Wissenschaftler, Forscher. Wir wissen, dass es unbekannte Mächte auf dieser Welt gibt, die Einfluss auf uns haben, ohne dass wir es verhindern können. Ich spreche nicht von Hexerei und solchen Dingen, ich spreche von dem, was wir denken, was wir fühlen und was wir wissen. Und das alles steht hier drin!« Er zeigt auf die Holzregale. »All das Wissen befindet sich in diesen Büchern!«

»Übertreibst du da nicht ein bisschen?«

»Was nicht in diesen Büchern steht, existiert nicht«, sagt er mit einer Bestimmtheit, die mich zusammenzucken lässt. »Was nicht in diesen Büchern geschrieben steht, ist es nicht wert, dass man darüber spricht. Bücher sind die Seele und das Gedächtnis der Welt.«

Ich wage nicht, ihm zu widersprechen. Ich weiß, dass die Leidenschaft meines Vaters für Bücher stärker ist als jedes Argument. Sein Leben ist mit ihnen verbunden. Einerseits bewundere ich ihn dafür, aber andererseits erschreckt es mich auch. Manchmal habe ich Angst, genauso zu werden wie er: ein Büchernarr.

»Ich muss zur Schule«, murmele ich.

»Gut, dann wünsche ich dir einen schönen Tag. Wenn es so weit ist, werde ich dir von meinen Fortschritten erzählen«, sagt mein Vater leise. Dann taucht er wieder ein in die Welt der Pergamente und Buchstaben. »Früher oder später werde ich finden, wonach ich suche!«

Bevor ich hinausgehe, drehe ich mich noch einmal um. Ich weiß, dass sich mein Vater längst wieder in der geheimnisvollen Welt der Buchstaben befindet, im Universum der Wörter. Manchmal glaube ich, dass er eigentlich einem Buch entstammt, dass er im Arbeitszimmer eines Schriftstellers geboren wurde … oder in einem Tintenfass.

»Ach, übrigens, du hast ja bald Geburtstag«, ruft er mir nach, als ich schon die Türklinke in der Hand habe. »Wünschst du dir etwas Besonderes?«

»Och, nein, ist mir egal … Irgendwas …«

Ich schließe die Tür und lasse ihn allein in seiner Welt.

Unten treffe ich Mahania, die Frau von Mohamed, unserem Hausmeister. Sie öffnet gerade die große Eingangstür. Mahania ist eine kleine, zierliche Person, die ihre Arbeit aber noch immer mit derselben Energie verrichtet wie früher, als sie noch jung war. Ich habe sie immer bewundert, irgendwie erinnert sie mich an meine Mutter. Das ist seltsam, denn ich habe meine Mutter nie kennengelernt. Sie starb kurz nach meiner Geburt. Mahania ist neben meinem Vater der letzte Mensch, der sie lebend gesehen hat. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich sie so gern habe.

Außer durch die Geschichten meines Vaters kenne ich meine Mutter eigentlich nur durch das, was mir Mahania über sie erzählt hat. Offenbar gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen uns. Unsere Augen hätten denselben traurigen Ausdruck, sagt sie. Deshalb glaube ich, dass meine Mutter ähnlich viel gelittten hat wie ich.

»Morgen, Mahania«, begrüße ich sie.

»Wird’s nicht langsam Zeit für die Schule?«

»Ja, ich bin schon spät dran. Papa geht es nicht so gut, Mahania. Ich glaube, er hat immer noch Fieber.«

»Ich weiß, Sombra hat mir erzählt, dass es ihm gestern schlecht ging. Keine Sorge, ich kümmere mich um ihn«, beruhigt sie mich. »Geh nur, ich bin ja hier, ich pass schon auf, dass nichts passiert. Du weißt ja, wie er sich aufregt, wenn der Tag näher kommt …«

»Danke … Und Mohamed?«

»Er ist zum Flughafen gefahren, um einen neuen Gast abzuholen. Einen Antiquitätenhändler, glaub ich.«

»Ach ja, Señor Stromber. Papa hat ihn eingeladen, einige Tage in der Stiftung zu wohnen. Ich glaube, es geht um etwas Geschäftliches.«

»Hoffentlich kommt was dabei raus. Bei der finanziellen Situation gerade …«, seufzt Mahania. »Wollen wir hoffen, dass dieser Señor Strumbler alles in Ordnung bringt.«

»Stromber, Mahania, der Mann heißt Frank Stromber. Und um das Geld müssen wir uns keine Sorgen machen, das wird sich bald regeln. Ganz sicher. Papa kennt sich aus.«

»Ja, und die von der Bank auch.«

»Die von der Bank? Von was für einer Bank?«

»Ach, nichts, nichts … War nur so dahergesagt. Los, ab in die Schule mit dir, um deinen Vater kümmere ich mich schon. Mach’s gut.«

Ich sehe Mahania neugierig an und warte auf eine Erklärung. Aber sie lässt mich einfach stehen, summt irgendein Lied, das ich nicht kenne, und verschwindet in ihrer Hausmeisterwohnung.

Was verheimlicht sie mir? Setzt die Bank meinen Vater etwa unter Druck?

Der Straßenlärm draußen holt mich in die Realität zurück und erinnert mich daran, dass es außerhalb der Stiftung noch ein anderes Leben gibt. Dass die Welt sehr viel größer ist als das Gebäude, in dem ich lebe und in dem ich mich eigentlich sicher fühle.

III
Unter dem Schutz des Grafen

Drei kräftige Soldaten schubsten Arquimaes so brutal in Morfidios Gemach, dass er beinahe zu Boden stürzte.

Der Graf saß mit einem Glas Wein in der Hand in seinem mächtigen holzgeschnitzten Armsessel und musterte den Alchemisten mit einem höhnischen Grinsen. Auf dem reich verzierten Sessel prangte sein Wappen: ein Bär mit einer Goldkrone, in den Tatzen ein Schwert als Zeichen der Stärke – die einzige Macht, an die Morfidio glaubte.

»Hast du dich entschlossen zu reden, oder willst du weiter eingesperrt bleiben, während dein Gehilfe mit dem Tode ringt?«, fragte Morfidio seinen Gefangenen, nachdem er einen ordentlichen Schluck dunkelroten Wein getrunken hatte.

»Arturo geht es mit jedem Tag schlechter! Ich brauche Medizin, um ihn zu heilen! Sonst stirbt er!«

»Er selbst hat um seinen Tod gebettelt, vergiss das nicht. Gib mir also nicht die Schuld an seinem Unglück.«

»Du bist ein elender Schuft, Morfidio!«, rief Arquimaes erzürnt. »Wenn König Benicius davon erfährt, wird er dich zur Rechenschaft ziehen! Du wirst deine niederträchtige Tat teuer bezahlen!«

»Mach dir deswegen keine Sorgen. Denk lieber daran, deine eigene Haut zu retten. Ich möchte dich daran erinnern, dass schwere Anschuldigungen gegen dich erhoben werden. Man erzählt sich, dass die Bestien, die uns des Nachts angreifen, das Ergebnis deiner Experimente sind und dass du die schrecklichen Drachen erschaffen hast, die unsere Gegend verwüsten!«

»Ich experimentiere nicht mit Tieren! Ich widme mich der Wissenschaft, nicht der Hexerei!«

»Schon gut. Kommen wir zur Sache. Wenn du mir die geheimnisvolle Rezeptur, die mich unsterblich machen wird, nicht endlich verrätst, werde ich dich auf dem Scheiterhaufen verbrennen und deine Asche im Tal verstreuen lassen. Hast du mich verstanden?«

»Du jagst mir keine Angst ein, Morfidio. Ich habe nichts, was dich zu einem mächtigen König machen könnte!«

»Unterschätze mich nicht, Arquimaes! Ich sage es noch einmal: Es ist zu deinem Besten«, antwortete Eric Morfidio und schwenkte ein Pergament. »Erkläre mir genau, was es mit deiner Entdeckung auf sich hat, dann will ich dir die nötige Medizin geben, um den Jungen zu retten. Und ich werde euch beiden die Freiheit schenken. Wenn nicht, endest du auf dem Scheiterhaufen wie alle Hexenmeister!«

»Ich werde niemals für einen machtgierigen Herrscher wie dich arbeiten!«, erwiderte Arquimaes entschlossen und blitzte den Grafen zornig an. »Meine Bemühungen dienen dazu, dass andere Weise, Wissenschaftler und Alchemisten Nutzen aus meiner Arbeit ziehen, um Menschen helfen zu können. Ich will nicht, dass mein Wissen nach meinem Tod verloren geht.«

»Der Tag deines Todes könnte näher sein, als du glaubst, Arquimaes«, zischte Morfidio drohend. »Ich warne dich, meine Geduld ist bald am Ende.«

Der Weise hob die Hand und zeigte durch das Fensterloch auf den bewölkten Himmel.

»Sämtliche Verwünschungen des Himmels werden über dich kommen, wenn du es wagst, Hand an mich zu legen. Schon der erste Tropfen meines Blutes, den du vergießt, wird sich gegen dich und die Deinen wenden, mit einer Heftigkeit, die du dir nicht einmal vorstellen kannst, Graf Morfidio!«

»Du bist ein verfluchter Dickschädel! Entweder du redest endlich oder ich übergebe dich Leuten, die schlimmer sind als ich!«

»Auch tausend machtbesessene Könige werden meine Zunge nicht lösen! Mein Geheimnis ruht in den unerreichbaren Tiefen meines Geistes.«

»Ich habe Beweise für deine Hexerei!«, rief Morfidio aus und schwenkte erneut das Pergament, das Cromell im Turm gefunden hatte.

»Dieses Pergament ist belanglos.«

Morfidio rollte das Papier auseinander, lächelte bösartig und las ein paar Zeilen laut vor: »Das Herz eines Menschen wiegt schwerer als Gold, wann immer er vermag, es mit Weisheit zu füllen. Was bedeutet dieser Satz?«

»Genau das, was da steht: dass die Unwissenden nichts sind.«

»Derjenige, dem es gelingt, einen Menschen mit Wissen anzufüllen, wird ihm den größten Reichtum dieser Welt schenken. Er wird ihm grenzenlose Macht verleihen … Erkläre mir, was es damit auf sich hat. Kannst du etwa den Geist eines Menschen mit Wissen und Weisheit füllen? Hast du eine Formel gefunden, um aus einem Unwissenden einen Weisen zu machen? Ist die Macht, von der du sprichst, die Unsterblichkeit? Werde ich den Tod besiegen können?«

»Hör zu, Morfidio. Du bist unwissend und wirst es dein Leben lang bleiben«, erklärte Arquimaes ungerührt. »Ich kann nichts für dich tun. Du bist ein zu eitler Despot, als dass man dich in einen weisen Mann verwandeln könnte.«

»Und du, Alchemist des Teufels, bist zu wertvoll, als dass ich dich freilassen könnte. Du wirst in meinen Kerkern verfaulen, bis du gewillt bist zu reden. Vielleicht siehst du das Licht der Sonne heute zum letzten Mal …«, drohte Morfidio zornig und öffnete die Tür. »Wache! Bringt diesen Mann fort und sperrt ihn mit seinem Diener in das tiefste und dunkelste Verlies! Sie sollen Tag und Nacht bewacht werden, und niemand, absolut niemand, darf mit ihnen sprechen! Niemand!«

Arquimaes erschrak, als er hörte, was der Graf befahl, denn er wusste, dass dies das Todesurteil für Arturo bedeutete. Einen Atemzug lang überlegte er, ob er die Geheimformel preisgeben sollte, um das Leben seines Schülers zu retten. Doch er wusste, dass sie zu kostbar war, um sie diesem machthungrigen und skrupellosen Grafen anzuvertrauen. In Morfidios Händen würde sie zu einer furchtbaren, zerstörerischen Waffe werden.

»Wenn du wüsstest, worum es sich handelt …«, murmelte Arquimaes, als er alleine war, »… dann würdest du nicht zögern, mich in Stücke zu hauen, um meinem Herzen das Geheimnis zu entreißen.«

* * *

Als Arturo die Augen öffnete, sah er Arquimaes, der sich über ihn beugte und ihm den Schweiß von der Stirn wischte.

»Bewege dich nicht«, sagte der Weise zu ihm. »Du hast hohes Fieber.«

»Werde ich sterben, Meister?«

»Das bewahre Gott. Wir wollen hoffen, dass die Infektion zurückgeht und die Blutung endgültig zum Stillstand kommt. Aber du hast sehr viel Blut verloren.«

»Morfidio darf die Geheimformel nie bekommen!«

»Keine Sorge, Arturo. Nicht einmal unter Folter wird er mir auch nur ein Wort entreißen«, versprach Arquimaes. »Und jetzt ruh dich aus.«

»Die Formel ist viel zu wichtig. Wir müssen unbedingt verhindern, dass sie Morfidio in die Hände fällt!«, flüsterte Arturo, bevor er die Augen schloss und in die Welt der Dunkelheit eintauchte.

IV
Hinaus in die Welt

Ich heiße Arturo und lebe in der Stiftung Adragón, einem alten Palast, der sich mit den Jahren in eine außergewöhnliche Bibliothek verwandelt hat. Sie ist voller Bücher und Pergamente aus dem Mittelalter, 150.000 Exemplare, die meine Familie nach und nach gesammelt hat. Die Stiftung ist eine der meist geschätzten und am häufigsten besuchten Bibliotheken der Welt. Manche Werke hier sind so alt, dass man nicht einmal das genaue Erscheinungsdatum bestimmen kann. In der Stiftung Adragón gibt es Bücher, die so wertvoll sind, dass viele Experten aus dem Ausland hierherkommen, um sie zu studieren … So wie dieser Stromber.

Das Schuljahr hat angefangen, und obwohl es schon Mitte Oktober ist, scheint draußen die Sonne, und es ist noch gar nicht kalt. Ich sammle ein paar Blätter vom Boden auf, die ich als Lesezeichen benutzen will. Ich stelle mir vor, dass sich diese Blätter ausgezeichnet mit den Seiten der Bücher verstehen werden. Der Gedanke gefällt mir. Schließlich wird Papier aus Bäumen gemacht, und auch wenn manche Leute das schlecht finden, fällt mir keine bessere Verwendung für Holz ein, als es zu Büchern zu verarbeiten.

Wie immer treffe ich auf meinem Weg zur Schule Hinkebein, den Bettler, der jeden Tag stundenlang an der Ecke sitzt und um Almosen bittet. Er ist der einzige Freund, den ich außerhalb der Stiftung habe.

»Hallo, Hinkebein«, begrüße ich ihn.

»Hallo, Arturo, alles klar?«

»Ja, ich muss zur Schule. Wie geht’s dir? Hier, ich hab dir eine Apfelsine mitgebracht.«

»Danke, Kleiner. Du hast ein gutes Herz und eines Tages wirst du dafür belohnt werden. Großzügige Menschen wie du haben einen Platz im Himmel sicher!«

»Red keinen Unsinn«, antworte ich. »Sag mir lieber, wie es dir heute geht.«

»In letzter Zeit schlafe ich schlecht. Das ist der Wetterumschwung, er macht meinem Bein zu schaffen, dem verdammten Bein … Es tut weh«, sagt er und fährt sich mit der Hand über den Stumpf. »Die Teufel verschwören sich gegen mich.«

»Jetzt redest du schon wieder Unsinn. Ein Bein, das man nicht hat, kann einem nicht wehtun«, sage ich. »Das ist unmöglich.«

»Nicht für alles, was auf dieser Welt passiert, gibt es eine Erklärung«, entgegnet Hinkebein. »Wenn ich sage, es tut mir weh, dann tut es mir weh, klar?«

»Natürlich, natürlich.« Mein Blick fällt auf die Weinflasche, die aus seinem Mantel hervorlugt. »Ich glaube, heute wird ein schöner Tag«, sage ich.

»Für mich wird’s kein schöner Tag, da hab ich keine Hoffnung. Die Leute werden immer knickeriger, denen sitzt das Geld nicht mehr so locker wie früher. Vielleicht weil sie kein Mitleid mehr haben mit so armen Krüppeln wie mir.«

»Komm schon, hör auf zu jammern.«

»Hoffentlich kommst du niemals in so eine Lage, mein Junge. Das wünsche ich dir wirklich nicht. Es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt, als auf dem Bürgersteig zu liegen und Leute anzubetteln, die über dich hinwegsehen.«

Während er die Apfelsine schält, murmelt er etwas, das ich nicht verstehe.

»Tu nicht so geheimnisvoll, Hinkebein«, sage ich.

»Im Viertel geht es drunter und drüber«, flüstert er. »Ziemlich drunter und drüber.«

»Drunter und drüber? Was soll das heißen?«

»Überfälle, Prügeleien … Randale. Wenn du wüsstest …«

»Was soll ich denn wissen? Ist dir was passiert?«

»Gestern Abend … Ein paar Typen haben versucht, mich zu überfallen … mir meine Sachen zu klauen.«

»Bist du sicher, dass sie dich beklauen wollten?«

»Alles, was ich sagen will, ist: Nimm dich in Acht! In letzter Zeit seh ich hier merkwürdige Leute. Böse Geister, die aus den Kloaken hervorgekrochen kommen. Sie fallen über uns her. Seit Tagen treiben sie sich hier rum.«

»Geister? Auch in der Nähe der Stiftung?«

»Gerade da. Ich rate dir, Arturo, pass auf dich auf, pass gut auf dich auf …«

»Danke, du bist ein echter Freund … Auch wenn du manchmal ein bisschen verrückt bist.«

»Verrückt? Ich? Wenn du mich besser kennen würdest, würdest du so was nicht sagen!«

Ich gehe weiter, um mir sein Gejammer nicht länger anhören zu müssen. Ich weiß, dass er sauer wird, wenn man ihn als verrückt bezeichnet. Obwohl er im Grunde gerne so tut, als wäre er’s.

* * *

Vor der Schule begegne ich ein paar Mitschülern, die wie ich zu spät dran sind. Aber sie grüßen mich nicht; das tun sie nie.

Obwohl das jetzt schon seit einigen Jahren so geht, kann ich mich einfach nicht damit abfinden. Es macht mich traurig, wenn sie mich wie Luft behandeln. Ich weiß zwar, dass sie genau das beabsichtigen, aber ich kann nichts dagegen tun.

Wie oft schon wollte ich meinem Vater davon erzählen, aber er hat genug Probleme, mit denen er sich herumschlagen muss. Da möchte ich ihn nicht noch mehr belasten. Mit dieser Sache muss ich alleine fertig werden.

Mercurio, der Hausmeister der Schule, begrüßt mich wie immer mit einem aufmunternden Lächeln: »Hallo, Arturo, schön dich zu sehen. Gut siehst du aus.«

»Guten Morgen, Mercurio.«

»Wie geht’s deinem Vater?«

»Oh, gut, sehr gut! Danke.«

»Dann grüß ihn von mir. Und jetzt beeil dich, du bist schon spät dran.«

Ich winke ihm zum Abschied zu und betrete das Gebäude. Gerade als der Lehrer die Klassentür schließen will, komme ich angehetzt.

»Du bist immer der Letzte, Arturo«, sagt er anstelle einer Begrüßung.

»Ja, Señor, entschuldigen Sie.«

»Los, komm rein und setz dich auf deinen Platz, wir wollen anfangen.«

Normalerweise teilen sich immer zwei Schüler eine Bank. Ich bin der Einzige in der Klasse, der alleine sitzt. Niemand will den Platz neben mir haben.

Kaum habe ich mich hingesetzt, geht die Tür auf, und der Schuldirektor stürmt herein. Alle schauen erschrocken auf, denn es ist nicht üblich, dass er in eine Klasse kommt, ohne seinen Besuch vorher anzukündigen.

»Guten Morgen!«, ruft er gut gelaunt.

Wir grüßen ihn im Chor zurück, dann wird es still. Gespannt warten wir auf das, was er uns zu sagen hat.

»Ich habe gute Nachrichten für euch«, beginnt er. Wir lauschen ihm aufmerksam. »Euer Spanischlehrer, Señor Miralles, hat bereits seit Langem den Wunsch, in seine Heimatstadt zurückzugehen. Er hat nur noch darauf gewartet, dass wir einen Nachfolger für ihn finden. Und das haben wir jetzt.«

Allgemeines Gemurmel.

Na toll! Señor Miralles verlässt uns! Für mich ist das alles andere als eine gute Nachricht. Außer Mercurio ist er der Einzige in der Schule, der nett zu mir ist.

»Am nächsten Montag werdet ihr eure neue Lehrerin kennenlernen. Ich möchte, dass ihr ihr einen herzlichen Empfang bereitet. Und ich hoffe, dass ihr Señor Miralles für seine Mühe danken werdet, die er sich im vergangenen Monat mit euch gemacht hat. Habt ihr mich verstanden?«

Señor Miralles applaudiert den Worten des Direktors und auch wir fangen an zu klatschen.

»Gut, also dann, bis Montag«, verabschiedet sich der Direktor noch, bevor er das Klassenzimmer verlässt.

Alle sind erleichtert, wie immer, wenn sich herausstellt, dass der Direktor nicht gekommen ist, um jemanden zu bestrafen oder irgendwelche Hiobsbotschaften zu verkünden.

Señor Miralles stellt sich vor uns hin und sagt: »Sind das nicht wunderbare Neuigkeiten für uns alle?«

Wieder allgemeines Gemurmel. Señor Miralles wartet ein paar Sekunden, dann fährt er fort: »Und jetzt wollen wir den Stoff von gestern wiederholen. Wir waren bei den romanischen Sprachen stehen geblieben. Mal sehen … Wer möchte uns erklären, was die romanischen Sprachen sind?«

Alle sehen ihn stumm an.

Ich weiß die Antwort, will mich aber eigentlich nicht melden. Damit würde ich nur riskieren, von meinen Mitschülern noch mehr angefeindet zu werden als sowieso schon. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass es besser für mich ist, den Mund zu halten. Heute aber fühle ich mich mutig … und hebe die Hand.

»Ich weiß es!«, melde ich mich mit lauter Stimme.

»Bist du sicher?«, fragt der Lehrer, der ahnt, welche Folgen das für mich haben wird.

»Ja, Señor.«

Er nickt mir aufmunternd zu. Die gesamte Klasse starrt mich ungläubig an. Aber diesmal lasse ich mich nicht einschüchtern. Im Gegenteil, ich stehe auf und gehe entschlossen an die Tafel. Ich nehme ein Stück Kreide in die Hand und zeichne die Umrisse Europas.

»Die romanischen Sprachen stammen vom Lateinischen ab. Sie werden in einigen europäischen Ländern gesprochen, wie zum Beispiel in Spanien, Frankreich, Portugal, Italien … Genau genommen sind sie als Folge des Zerfalls des Römischen Reiches entstanden. Im Mittelalter passte das einfache Volk der jeweiligen Länder die lateinische Sprache ihrer natürlichen Umgebung an und entwickelte so seine eigene Sprache.«

Ich zeichne ein paar Grafiken an die Tafel und füge einige zusätzliche Erklärungen hinzu.

»Man kann also sagen, dass sich das Lateinische in mehrere Sprachen aufgespalten hat, die lateinische oder romanische Sprachen genannt werden.«

»Richtig«, sagt der Lehrer. »Sehr gut.«

Um seine Worte zu unterstreichen, fängt er an, mir zu applaudieren, und erwartet, dass die anderen Schüler dasselbe tun. Aber er irrt sich.

In der Klasse herrscht eisiges Schweigen.

Da meldet sich plötzlich Horacio.

»Wenn Arturo uns damit beweisen will, dass wir anderen dumm sind, kann ich nur sagen: Er täuscht sich«, erklärt er und steht auf. »Jeder von uns wusste die Antwort auf Ihre Frage. Wir haben nur nicht das Bedürfnis, uns hervorzutun und die anderen bloßzustellen.«

Ich habe die Botschaft verstanden und senke schweigend den Blick.

»Arturo wollte niemanden bloßstellen«, entgegnet Señor Miralles. »Er hat sich gemeldet, weil er die Antwort wusste. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Da bin ich anderer Meinung«, widerspricht Horacio. »Er weiß ganz genau, warum er uns immer wieder als Blödmänner hinstellt. Er ist ein Streber, der jedem zeigen will, wie schlau er ist. Das sieht man doch schon an seinem Gesicht!«

Bei seinem letzten Satz fängt die ganze Klasse an zu lachen.

»Nun, lassen wir es gut sein«, bittet Señor Miralles mit einer beschwichtigenden Handbewegung. »Niemand will irgendjemanden bloßstellen. Wir sind hier, um etwas zu lernen.«

»Und warum kommt er dann in die Schule, wenn er doch schon alles weiß?«

Jetzt reicht’s! Ich kann mich nicht länger beherrschen und schleudere ihm wütend entgegen: »Weil ich ein Recht darauf habe, etwas zu lernen! Ich bin hier, weil mich niemand daran hindern kann, so zu sein wie alle anderen!«

»Aber du bist nicht so wie alle anderen! Du bist anders!«, ruft Horacio.

»Jawohl, du bist ein Monster!«, schreit jemand von hinten.

»Schaut euch doch nur sein Gesicht an!«

»Ruhe!«, befiehlt der Lehrer. »Ich dulde es nicht, dass in dieser Klasse irgendjemand beleidigt wird!«

Aber meine Mitschüler lassen sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil, sie werden mutiger und schreien noch lauter. Einige pfeifen, andere lachen, bis sie es geschafft haben, mich völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen …

Ich merke, dass mein Gesicht anfängt zu brennen.

Und plötzlich starren mich alle mit weit aufgerissenen Augen an.

Borja zeigt mit dem Finger auf mich und ruft: »Seht mal, sie bewegen sich! Die schwarzen Punkte bewegen sich!«

»Stark!«, ruft jemand.

Auch ich spüre es jetzt ganz deutlich.

»Cool!«, sagt Marisa fasziniert. »Wie machst du das?«

Ich weiß, dass die schwarzen Flecken über mein Gesicht wandern. Ich weiß, dass sie sich ganz langsam bewegen, wie eine Schlange, die über einen Felsen kriecht.

»Er ist tatsächlich ein Monster!«, schreit Horacio.

»Wir sollten die Polizei rufen«, wirft Inés ein. »Das ist doch nicht normal.«

»Das ist Zauberei!«, schreit Alfonso.

»Ich bin kein Monster!«, brülle ich verzweifelt, immer wieder: »Ich bin kein Monster!« Doch meine Worte gehen im Gejohle meiner Mitschüler unter. »Ich bin kein Monster!«

Ich bedecke mein Gesicht mit den Händen, aber es ist zu spät. Die ganze Klasse hat es gesehen … Auch der Lehrer hat voller Entsetzen beobachten können, was man ihm schon oft erzählt hat und was nur sehr wenige bisher zu Gesicht bekommen haben.

Ich sehe flehend zu ihm hinüber. Stotternd frage ich ihn, ob ich kurz rausgehen darf.

»Geh zur Toilette«, sagt er, noch immer mit ungläubigem Staunen. »Wenn du dich beruhigt hast, kommst du zurück, in Ordnung?«

Ich gehe zu meinem Platz, nehme den Rucksack und verlasse, so schnell ich kann, die Klasse, während mir die anderen immer wieder dieses verdammte Wort hinterherrufen, das ich so sehr hasse: »Drachenkopf! Drachenkopf! Drachenkopf!«

Erst auf der Straße beruhige ich mich wieder ein bisschen.

Hoffentlich sieht mich hier niemand. Ich will nicht, dass man mich anstarrt, mit diesem Drachenkopf auf der Stirn und den verdammten Flecken, die auf meinem Gesicht hin und her wandern, wie sie wollen.

Ich betrachte mich im Seitenspiegel eines Autos und sehe, dass die Flecken ein großes A gebildet haben. Es bedeckt fast mein ganzes Gesicht. Ein furchterregender, aggressiv aussehender Buchstabe, mit Beinen und Klauen und einem Drachenkopf oben auf der Spitze. Er sitzt zwischen den Augenbrauen, direkt auf meiner Stirn …

Ich sehe wirklich gruselig aus! Kein Wunder, dass sich die Leute vor mir erschrecken.

Völlig fertig setze ich mich auf eine Parkbank. Dann schließe ich die Augen und fahre mir mit der Hand über das tätowierte Gesicht …

V
Tödliche Wunden

Arturos Wunde war tief. Morfidio konnte mit Waffen umgehen wie kaum ein anderer und hatte ihm die Klinge seines Dolches bis ans Heft in die Brust gestoßen. Zu allem Überfluss hatte sich der gefährliche Schnitt entzündet.

Arquimaes war gerade damit beschäftigt, Tuchfetzen auf die eiternde, übel riechende Wunde zu legen. Zuvor hatte er sie mit dem wenigen Wasser ausgewaschen, das die Kerkermeister gebracht hatten.

Der Junge wälzte sich unruhig auf seinem Lager hin und her. Das Fieber, das ihn schüttelte, stieg immer weiter, und sein schweißbedeckter Körper wand sich in unerträglichen Schmerzen. Arturo hatte die Augen halb geöffnet, doch er nahm kaum wahr, was um ihn herum geschah.

Aus dem kurzatmigen Stöhnen schloss der Meister, dass der Junge Höllenqualen litt. Außerdem quälten ihn offenbar Halluzinationen, denn er redete in unzusammenhängenden Sätzen. Der Fieberwahn hatte sich seines Geistes bemächtigt – ein untrügliches Zeichen dafür, dass er dem Tode nahe war.

Plötzlich verkrampfte sich Arturos Körper und er verlor das Bewusstsein. Arquimaes wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Der alte Mann war in höchstem Maße besorgt, denn er wusste, was diese Anfälle bedeuteten.

Zärtlich streichelte er den Kopf des Sterbenden, Tränen liefen über seine Wangen.

»Es tut mir so leid, Arturo«, flüsterte er. »Das ist alles meine Schuld. Ich hätte nie zulassen dürfen, dass du mich begleitest. Es wäre besser für dich gewesen, wenn du mich nie kennengelernt hättest. Ich hätte dich nicht zu meinem Gehilfen machen sollen. Alchemie zu betreiben ist gefährlich in diesen Zeiten.«

Als hätte Arturo seine Worte verstanden, fasste er nach der Hand seines Meisters und drückte sie, so fest er es vermochte.

* * *

Begleitet von zwei Soldaten ging der Mann mit den Froschaugen und den großen Ohren in den Pferdestall. In gebührendem Abstand blieb er vor König Benicius stehen, der sich gerade über sein Jagdpferd beugte und es liebevoll streichelte. Das Tier lag in einer Blutlache auf dem Boden. Sein Köper war mit grässlichen Bisswunden übersät, und es war offensichtlich, dass es trotz der Pflege, die die Tierärzte ihm angedeihen ließen, keine Rettung mehr für es gab.

»Was willst du, Escorpio? Hast du mir etwas Wichtiges mitzuteilen?«, fragte der Herrscher mit Tränen in den Augen, während er die Fliegen verscheuchte, die sich auf den Wunden des edlen Tieres niederlassen wollten. »Du kommst ungelegen. Mein bestes Pferd wurde gestern Nacht von einer dieser Bestien angefallen, die unser Land heimsuchen. Man erzählte mir, dass ein geflügelter Bär in die Stallungen eingedrungen sei und dieses Blutbad angerichtet habe.«

»Das tut mir leid, Majestät. Ich weiß, wie sehr Ihr dieses Tier geliebt habt.«

»Die Bestie hat ein Massaker angerichtet. Zwei Wachposten wurden getötet und mehrere Pferde angegriffen … Sieh nur, wie sie meinen armen Jagdgefährten zugerichtet hat!«

»Es tut mir sehr leid, dass ich Euch gerade in diesem Moment belästigen muss, aber …«

»Sprich nur, sprich! Keine schlechte Nachricht kann schlimmer sein als dies hier.«

»Ich habe die Pflicht, Euch von einem schrecklichen Vorfall zu unterrichten, der sich in Eurem Reich zugetragen hat. Graf Morfidio ist in Eure Ländereien eingedrungen und hat Arquimaes verschleppt, den Weisen, der unter Eurem Schutz steht und den ich, auf Euren Befehl hin, überwacht habe.«

»Und warum hat er dieses Verbrechen begangen?«, fragte Benicius beinahe unbeteiligt. »Weiß Morfidio etwa nicht, dass der Alchemist unter meinem Schutz steht?«

»Das weiß er sehr wohl, Majestät. Doch das kümmert ihn nicht. Er hat den Respekt vor Euch verloren.«

Benicius strich dem Pferd mit der rechten Hand über die Nüstern, liebevoll und behutsam.

»Dieser Alchemist arbeitet für mich. Er hat den Auftrag, eine Formel zu finden, mit der wir uns gegen die reißenden Bestien verteidigen können, die unser Reich verwüsten.«

»Ich fürchte, Majestät, Morfidio kümmert das nicht«, sagte Escorpio mit leiser Stimme. »Arquimaes hat über etwas anderes geforscht, als Ihr ihm aufgetragen habt.«

»Willst du damit andeuten, dass er mich hintergangen hat?«

»Ich teile Eurer Majestät nur mit, was ich weiß. Ich bin sicher, er hat eine Geheimformel entwickelt, die den Menschen zur Unsterblichkeit verhilft. Und Morfidio will sie sich aneignen.«

Benicius war bestürzt, als er die Erklärungen seines Spitzels vernahm. Er ließ von seinem Pferd ab und wandte sich Escorpio zu.

»Geht alle hinaus und lasst mich mit diesem Mann alleine«, befahl er seinen Dienern und Soldaten. »Und nun erzähl mir genau, was du weißt, Escorpio!«

»Ich glaube, Arquimaes hat das Geheimnis der Unsterblichkeit entdeckt, Herr!«, wiederholte Escorpio. »Und Morfidio ist Euch zuvorgekommen!«

»Was kann ich tun? Wird er den Weisen freilassen, wenn ich es ihm befehle?«

»Das wird er nicht tun, Herr. Morfidio ist entschlossen, sich diese Geheimformel anzueignen, und nichts wird ihn davon abhalten … Außer Gewalt.«

»Ich hätte diesen verdammten Schlächter vor Jahren schon umbringen lassen sollen, als ich den Platz seines Vaters eingenommen habe.«

In diesem Augenblick stieß das elegante Pferd ein letztes erbärmliches Wiehern aus, streckte den langen Hals, und hob den Kopf. Leblos fiel er auf den Boden zurück. Benicius kniete neben dem Tier nieder und strich ihm mit der Hand über den blutüberströmten Hals.

»Gerechter Himmel! Die Welt ist verrückt geworden! Die Adligen werden ihrem König untreu. Die Hexenmeister hetzen uns ihre mörderischen Bestien auf den Hals. Die Bauern weigern sich, Steuern zu zahlen. Die Dorfbewohner jagen in unseren Wäldern. Die Geächteten leben am Rande des Gesetzes. Wir werden von Krankheiten heimgesucht … Und nun hintergehen die Alchemisten ihre Schutzherren … Was kann ich tun? Was soll ich deiner Meinung nach tun, Escorpio?«

»Befehle erteilen, Herr. Repressalien ausüben. Ihre Untertanen müssen begreifen, dass Ihr sie mit starker Hand regiert. Alle sollen wissen, dass die Verräter ihren Verrat teuer bezahlen müssen. Handelt, bevor sich Chaos und Gesetzlosigkeit in Eurem Reich ausbreiten, Herr.«

Benicius sah seinen treuen Diener nachdenklich an. Dann legte er ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, Escorpio. Dafür wirst du deinen Lohn erhalten. Ich glaube, ich werde auf dich hören …«

Er warf einen letzten Blick auf den Kadaver seines Lieblingspferdes, und noch während er aus dem Stall ging, leistete er einen Schwur: »Ich werde dich rächen, geliebter Freund. Es soll wieder Ordnung herrschen in meinem Reich. Und wer dich umgebracht hat, wird dafür büßen … Alle Verräter werden gehängt werden! Und wir werden die wilden Bestien vernichten! Meine Geduld ist am Ende!«

Escorpio lächelte zufrieden. Er sah dem König hinterher, der sich zu seinen Gemächern begab. Benicius, ein schlanker, zarter Mann, der noch immer unter den Folgen eines Lepraanfalls litt, war sichtlich niedergeschlagen. Eine leichte Beute für einen so ehrgeizigen Menschen wie ihn, Escorpio! Er war davon überzeugt, dass er alles erreichen konnte, was er wollte, wenn er es nur geschickt anstellte. Arco de Benicius war ein schwacher Mensch, der ihm blind vertraute.

»Ich werde mich in deine Augen und deine Ohren verwandeln und du wirst mir meine Dienste mit Gold aufwiegen«, murmelte Escorpio mit einem teuflischen Grinsen.

* * *

Morfidio beobachtete durch das Schloss der Kerkertür, wie Arquimaes verzweifelt nach den Wachen rief. Arturo lag im Sterben, und der Alchemist brauchte dringend Medizin, um die Wunden seines Schülers zu heilen.

Der Graf war sicher, dass der Weise schon bald bereit sein würde zu sprechen. Er lehnte sich gegen die Tür. Die Rufe des Alchemisten erfüllten ihn mit Genugtuung. Er befahl seinem Diener, das leere Weinglas zu füllen, und wartete geduldig.

In seiner Verzweiflung warf Arquimaes einen Schemel gegen die Kerkertür, sodass diese erzitterte. Morfidio entfernte sich lächelnd. Er war davon überzeugt, dass ihm der Alchemist spätestens morgen früh, noch bevor die Sonne im Zenit stand, die Geheimformel anvertrauen würde, nach der ihn so sehr verlangte … Es lag also im ureigensten Interesse des Grafen, dass Arturo die Nacht überlebte. Eine tiefschwarze Nacht, die wie fast alle Nächte vom Geheul der Wölfe und dem Gebrüll der Unheil bringenden Bestien erfüllt war.

Das wird wieder eine verdammt blutige Nacht werden, dachte Morfidio.

VI
Der Besucher

Es ist schon dunkel, als ich nach Hause komme. Mahania ist wütend.

»Wo bis du gewesen, Arturo?«

»Na ja, ich hab … ich bin spazieren gegangen.«

»Wir haben uns Sorgen um dich gemacht. Dein Vater wollte schon die Polizei rufen. Wir haben versucht, dich auf dem Handy zu erreichen, aber du bist nicht rangegangen.«

»Hab’s nicht gehört«, lüge ich. »Tut mir leid …«

»Los, geh schnell rauf zu ihm. Aber er hat Besuch, Señor Stromber ist bei ihm.«

Ich eile die Treppe zum Arbeitszimmer meines Vaters hinauf und klopfe an. Einen Moment später öffnet er die Tür.

»Arturo, wo bist du gewesen? Weißt du, wie spät es ist?«

»Tut mir leid, Papa. Ich hab nicht auf die Uhrzeit geachtet.«

»Schon gut … Komm rein, ich möchte dir jemanden vorstellen: Señor Stromber, einen der besten Antiquitätenhändler der Welt.«

Vor mir steht ein großer, schlanker und elegant gekleideter Mann. Er scheint ziemlich reich zu sein: goldene Ringe an den Fingern, Luxusuhr, teurer Anzug, Seidenhemd und Seidenkrawatte mit jeweils denselben Initialen, die auch auf den goldenen Manschettenknöpfen eingraviert sind. Und er trägt einen schmalen, messerscharf geschnittenen Schnäuzer, der seinen Worten etwas Bedrohliches verleiht.

»Das ist also der verlorene Sohn?«, fragt er mich mit einem aufgesetzten Lächeln. »Weißt du, dass dein Vater große Angst um dich hatte, junger Mann?«

»Ja, Señor, ich weiß. Es tut mir leid, wirklich sehr leid.«

»Arturo ist ein kleiner Träumer«, sagt mein Vater entschuldigend. »Manchmal bummelt er herum und vergisst dabei völlig die Zeit. Aber wir wollen ihm noch mal verzeihen.«

»Sie sind ein sehr nachsichtiger und verständnisvoller Vater«, sagt Stromber. »Ich hoffe, Arturo weiß das zu schätzen. Übrigens, was für ein hübsches Abziehbild hast du denn da auf der Stirn! Sieht richtig echt aus.«

»Nun ja, es … es ist echt«, stottere ich. »Ein Geburtsfehler.«

»Ein Geburtsfehler?«, wundert er sich. »Sieht eher aus wie aufgemalt. Niemand wird mit so etwas im Gesicht geboren, junger Mann …«

»Diese Zeichnung oder Tätowierung, oder was auch immer das ist, hat er tatsächlich schon seit seiner Geburt. Sie lässt sich nicht entfernen«, klärt mein Vater ihn auf.

»Vielleicht kann ich da was tun … Lass mal sehen. Äußerst merkwürdig, so etwas habe ich noch nie gesehen. Sieht aus wie ein Drachenkopf … Ist das ein Familienerbe?«

»Niemand in unserer Familie hatte je so eine Zeichnung auf der Haut. Jedenfalls ist mir kein früherer Fall bekannt.«

»Sehr originell«, murmelt Stromber.

»Etwas Vergleichbares gibt es nirgendwo auf der Welt. Arturo ist ein ganz besonderer Junge. Aber irgendwann wird es uns gelingen, es zum Verschwinden zu bringen, nicht wahr, mein Sohn?«

Mein Vater kommt zu mir und nimmt mich liebevoll in den Arm.

»Arturo ist das Beste, was ich habe«, sagt er. »Vor allem seit dem Tod meiner Frau. Ohne ihn hätte all das hier keinen Sinn.«

»Na, ich dachte, die Stiftung Adragón sei der Mittelpunkt Ihres Lebens. Man hat mir erzählt, dass Sie nur dafür leben, diese Bibliothek zu führen.«

»Nein, über alldem steht Arturo. Die Stiftung kommt erst an zweiter Stelle. Obwohl, um die Wahrheit zu sagen, ohne die Bibliothek wäre mein Leben in der Tat leer. Aber mein Sohn ist das Wichtigste für mich. Er ist die schönste Erinnerung, die mir von Reyna geblieben ist, meiner über alles geliebten Frau.«

»Sie sind ein glücklicher Mann, Señor Adragón. Einen Sohn zu haben, den man liebt, ist ein Geschenk des Himmels«, sagt Stromber. »In ihm spiegelt sich die Liebe für Ihre verstorbene Frau wider.«

»Das stimmt, mein Freund. Ein Kind ist ein Segen … Arturo«, wendet sich mein Vater mir zu. »Señor Stromber wird eine Zeit lang bei uns wohnen. Er ist hier, um zu forschen, und dazu braucht er unsere Hilfe. Ich bin mit meinem eigenen Projekt sehr beschäftigt, also möchte ich, dass du alles tust, um ihn zu unterstützen.«

»Sie arbeiten an einem Projekt?«, fragt Stromber höchst interessiert.

»Es ist noch geheim, darum kann ich nichts dazu sagen«, antwortet mein Vater. »Aber sobald ich zu den Ergebnissen komme, die ich mir erhoffe, soll alle Welt erfahren, worum es sich handelt.«

»Mein Vater arbeitet schon seit Jahren an einem Thema, über das er mit niemandem spricht«, ergänze ich.

»Ich hoffe, die Mühe zahlt sich aus.«

»Nun, wenn auch nicht finanziell, so erhoffe ich mir doch große persönliche Fortschritte, die den Wissenschaftlern und Studenten, die das Mittelalter erforschen, von Nutzen sein werden.«

»Sie sind also Altruist.«

»Nicht unbedingt. Wie Sie wissen, lassen wir uns den Zugang zu unseren Archiven teuer bezahlen. Wir finanzieren die Stiftung, indem wir sie anderen Einrichtungen zur Verfügung stellen.«

»Geld ist das Wichtigste in diesen Zeiten«, stimmt Stromber zu. »Ohne Geld kommt man nicht weit.«

»Richtig. Und das ist eine unserer größten Sorgen. Die Stiftung befindet sich zurzeit in einer schwierigen Phase.«

»Wenn Sie finanzielle Probleme haben, kann ich möglicherweise etwas für Sie tun«, bietet Stromber an. »Natürlich nur, wenn Sie erlauben.«

»Haben Sie vielen Dank, aber ich glaube nicht, dass das nötig sein wird.«

Vielleicht ist dieser Stromber ja doch nicht so arrogant, wie ich dachte.

»Arturo wird Ihnen behilflich sein«, fährt mein Vater fort. »Er kennt die Bibliothek wie seine Westentasche. Auch auf unsere Assistenten können Sie zählen. Außerdem steht Ihnen Sombra zu Diensten. Er ist etwas mürrisch, aber auch er wird Ihnen eine große Hilfe sein.«

»Meine Arbeit besteht darin, bestimmte Pergamente zu entschlüsseln und zu analysieren, die von einem berühmten Alchemisten des zehnten Jahrhunderts stammen, einem gewissen Arquimaes. Ich werde sicher Ihren Rat brauchen.«

»Arquimaes?«, wiederholt mein Vater beinahe erschrocken. »Meinen Sie den Alchemisten, dem es nach Meinung einiger Wissenschaftler gelungen ist, eine wertlose Substanz in etwas sehr Wertvolles zu verwandeln?«

»Genau den, obwohl niemand weiß, um welche Substanz es sich handelt. Interessieren Sie sich für den Mann?«

»Arquimaes ist einer der Eckpfeiler meiner Forschung, aber leider sind nur wenige Werke von ihm erhalten. Es ist schwierig, Beweise für seine Arbeit zu finden«, erläutert mein Vater. Er ist ganz aufgeregt, weil er jemanden gefunden hat, der seine Bewunderung für den Alchemisten aus dem Mittelalter teilt. »Ich arbeite schon seit der Zeit vor Arturos Geburt an diesem Thema.«

»Mein Vater weiß alles über ihn«, erkläre ich. »Er hat erstaunliche Dinge über sein Leben und seine Arbeit herausgefunden. Ich bin mir sicher, dass keiner so viel über Arquimaes weiß wie er. Bei ihm sind Sie richtig.«

»Was für ein Zufall!«, ruft mein Vater begeistert. »In Ihrem Brief haben Sie Arquimaes nicht erwähnt. Sie haben geschrieben, dass Sie daran interessiert sind, zu erfahren, wie die Alchemisten gearbeitet haben. Aber ich konnte doch nicht wissen, dass …«

»Señor Adragón, Sie werden verstehen, dass man gewisse Informationen nicht preisgeben kann. Tatsache ist, dass ich mich auf diesem Gebiet kundig machen will, um antike Objekte zu kaufen und zu verkaufen. Sie wissen ja, das ist mein Geschäft.«

»Schön, Señor Stromber, dann haben wir also ein gemeinsames Interesse. Arquimaes steht im Mittelpunkt Ihrer und meiner Forschungen, und das macht uns zu Arbeitskollegen.«

»Allerdings.«

Okay, wie es scheint, hat dieser Stromber fürs Erste das Vertrauen meines Vaters gewonnen. Vielleicht ist es ja gut, dass mein Vater jemanden gefunden hat, mit dem er seine Geheimnisse teilen kann. Seit meine Mutter tot ist, pflegt er kaum noch Kontakte.

Und wenn Strombers Anwesenheit dazu dient, meinen Vater ein wenig aufzuheitern, dann soll er mir willkommen sein.

* * *

Ich gehe in mein Zimmer, um mich vor dem Abendessen noch ein bisschen hinzulegen. Es war ein anstrengender Tag, ich bin müde. Seit Langem ist mir DAS nicht mehr passiert.

Außerdem wird es für mich immer schwieriger. Der einzige Lehrer, der nett zu mir war und mich verteidigt hat, Señor Miralles, geht fort. Wer weiß, wie seine Nachfolgerin ist.

Meine Wange tut mir weh. Ich gehe ins Bad und betrachte mich aufmerksam im Spiegel. Doch man sieht nichts, die Haut ist nur ein wenig gerötet. Die Flecken haben sich wieder gleichmäßig auf meinem Gesicht verteilt und auf meiner Stirn prangt nach wie vor der Drachenkopf.

Irgendwann werde ich mich dem Problem stellen müssen, das weiß ich; aber erst mal soll alles andere in Ordnung kommen. Ich will meinen Vater nicht auch noch damit belasten, jetzt, da sich unsere finanzielle Lage offenbar zugespitzt hat.

Später, als ich im Bett liege, fühle ich mich einsam. Es ist mitten in der Nacht, wahrscheinlich schlafen alle anderen schon. Das ist der richtige Moment für das, was ich am liebsten mache.

Ich schleiche mich aus meinem Zimmer, die Taschenlampe in der Hand. Vorsichtig schließe ich die Tür und gehe leise die Wendeltreppe hinauf, Schritt für Schritt. Oben angekommen, schließe ich die Tür zum Dachboden auf, dessen Decke sich wie eine Kuppel über das Haus wölbt.

Drinnen ist es stockfinster. Nur durch die Dachluke dringt etwas Licht. Ich richte den Strahl meiner Taschenlampe auf das alte Sofa, das mitten im Raum steht. Es ist mit einem Laken bedeckt – wie fast alles, das hier oben aufbewahrt wird.

Ich nehme das Tuch von dem großen Bild, das an der Wand hängt. Dann setze ich mich aufs Sofa und betrachte das Gemälde von meiner Mutter. Sie sieht wunderschön aus mit dieser Frisur und dem prächtigen Kleid. Angeblich hat sie es oft getragen, damals, als noch alles in Ordnung war.

Schon vor Jahren hat mein Vater beschlossen, dieses Bild hier auf dem Dachboden aufzuhängen. Er sagt, es tue ihm zu weh, meine Mutter täglich sehen zu müssen. Es wurde ein paar Tage vor ihrer gemeinsamen Reise nach Ägypten fertiggestellt, deswegen hängen schlechte Erinnerungen daran.

Ich liebe dieses Bild. Mamas Blick ist so heiter, so offen und direkt, dass man das Gefühl hat, sie hätte nur Augen für den, der sie ansieht. Für mich. Sie wirkt richtig lebendig.

»Hallo, Mama. Ich war lange nicht mehr hier, aber heute musste ich einfach mit dir sprechen. Ich mache mir Sorgen um Papa. Er ist besessen von dieser Forschungsarbeit, die kein Ende nehmen will. Vorhin habe ich gehört, dass er schon vor meiner Geburt damit angefangen hat. Er hat es während des Gesprächs mit Stromber erwähnt, aber er will mir einfach nicht erzählen, worum es dabei geht.

Ich muss irgendwas tun, damit er sich von seiner Erkältung erholt und mal an was anderes denkt. Er arbeitet pausenlos, wie einer von diesen alten weisen Männern früher, die sich für nichts anderes interessiert haben als für ihre Arbeit. Das macht ihn noch kaputt! Was treibt er, Mama? Woran arbeitet er? Ich weiß, dass du mir nicht antworten kannst, aber irgendwen muss ich doch fragen. Sombra sagt mir ja nichts.«

Ich stehe auf und streiche mit der Hand über die Leinwand des Bildes. Ich glaube, ihren Atem an meinen Fingerkuppen zu spüren. Als würde sie leben.

»Ich brauche dich, Mama! Du weißt nicht, wie sehr wir dich brauchen, Papa und ich!«

Mir laufen Tränen über die Wangen, obwohl ich nicht will, dass sie mich weinen sieht. Sie soll doch denken, dass ich glücklich bin.

»Weißt du, heute ist Señor Stromber angekommen, ein etwas exzentrischer Antiquitätenhändler. Vielleicht tut seine Anwesenheit Papa ja gut. Obwohl ich ihn irgendwie seltsam finde. Er will hier forschen, sagt er. Vielleicht werden die beiden ja gute Freunde.«

Ich werfe ihr eine Kusshand zu.

»Also, ich geh dann mal wieder nach unten. Danke, dass du mir zugehört hast. Bald besuche ich dich wieder. Adiós, Mama. Und mach dir keine Sorgen um uns. Wir werden es schon schaffen.«

Vorsichtig bedecke ich das Bild wieder mit dem Tuch und schleiche mich vom Dachboden. Als ich die Wendeltreppe hinuntergehe, höre ich ein Geräusch. Ich bleibe stehen und warte. Es ist Sombra. Er hat mich gesehen, sagt aber nichts. Er wirft mir nur einen komplizenhaften Blick zu und verschwindet in der Dunkelheit.

»In diesem Haus gibt es immer mehr Ratten«, höre ich ihn noch brummen.

Ich schleiche zurück in mein Zimmer und lege mich ins Bett. Während ich einschlafe, denke ich an meine Mutter.

VII
Ein Schwur wird gebrochen

Nervös ging Arquimaes in der kleinen, dunklen Zelle auf und ab, die für seinen geliebten Arturo zum Grab zu werden drohte. Ihm war klar, dass ihm niemand zu Hilfe eilen würde. Morfidio jedenfalls kannte kein Erbarmen, es sei denn, er enthüllte ihm das große Geheimnis. Doch das würde Arquimaes niemals tun.

Betrübt betrachtete er den sterbenden Körper seines Schülers. Der Alchemist hatte alles getan, was in seiner Macht stand, um Arturos Leben zu retten, doch seine Bemühungen waren vergebens gewesen.

Wenn ihm doch nur die nötigen Mittel zur Verfügung gestanden hätten! Arquimaes war in der Lage, einen schwer Verwundeten dem Tode zu entreißen. Aber dafür benötigte er Salben, Kräuter und Mixturen. Und genau das verweigerte ihm der niederträchtige Graf, um ihn unter Druck zu setzen.

Der alte Mann blickte durch das vergitterte Fensterloch in den dunklen Nachthimmel. Nur wenige Sterne zeigten sich zwischen den vielen Wolken. Und plötzlich fühlte er sich so allein und verlassen wie einer dieser Sterne am Firmament.

Dunkle Wolken verdeckten den Mond, und in der Ferne war das Geheul der Bestien zu hören, die sich des Nachts auf die Suche nach frischer Beute machten.

Arquimaes wusste, dass es die Hexenmeister waren, die diese Wesen der Finsternis in die Nacht hinausschickten, sie aufhetzten und in blutrünstige Tiere verwandelten. Dadurch sollten die unwissenden Bauern erschreckt und gezwungen werden, überhöhte Steuern als Schutzgebühr zu zahlen. Diejenigen, die sich der Macht der finsteren Hexenmeister ergeben hatten, die geforderten Abgaben an sie zahlten und ihnen huldigten, waren vor den Attacken der wilden Tiere sicher. Diese Bestien waren das Ergebnis schwarzer Magie, einer Magie, die auch Arquimaes sehr wohl kannte. Doch er hatte geschworen, sich dieser unseligen Hexerei niemals zu verschreiben.

Nun aber kamen ihm Zweifel, ob er sein Versprechen halten konnte. War Arturos Leben nicht mehr wert als sein Ehrenwort? Durfte ein Mann seine Schwüre brechen, um das Leben eines Freundes zu retten?

Nach Stunden des Grübelns und Zögerns kniete Arquimaes schließlich neben Arturos Körper nieder, ergriff mit der Rechten dessen Hand und legte ihm die Linke auf die Brust. Dann schloss er die Augen und konzentrierte sich. Er hörte die schwachen Herztöne seines Schülers, öffnete die Lippen und begann leise, eine getragene Melodie zu singen. Seine wohltönende Stimme drang dem Sterbenden ins Ohr und durchströmte seinen Körper. Arquimaes drückte leicht auf das Herz des Jungen und fuhr mit seinem melodischen Gesang fort, bis die ersten Sonnenstrahlen in die Zelle fielen und ihre schmutzigen, kalten Wände in ein warmes Licht tauchten, das den neuen Morgen ankündigte.

* * *

In den späten Morgenstunden stieg Morfidio die Treppe zu Arquimaes’ Kerker hinunter. Er war überzeugt, dass der Weise angesichts seines sterbenden Gehilfen endlich bereit sein würde zu sprechen.

Mehrere Diener begleiteten den Grafen. Sie trugen verschiedene Gefäße, Reagenzgläser, Schatullen und andere Gegenstände, die sie in der Nacht der Verschleppung aus dem Turm in Drácamont entwendet hatten.

Der Anblick der Medizinen und Geräte, die notwendig waren, um das Leben des Jungen zu retten, würde dem Alchemisten schon die Zunge lösen. Dessen war sich Morfidio sicher.

»Aufschließen!«, befahl er der Wache und blieb vor der Kerkertür stehen.

Der Graf hörte, wie der Schlüssel im Schloss knirschte. Aufregung hatte ihn erfasst, stand er doch kurz davor, in die Geheimnisse der Unsterblichkeit eingeweiht zu werden.

»Alchemist, ich habe mich entschlossen, großherzig zu sein«, sagte er. »Ich bringe dir alles, was nötig ist, um …«

Doch plötzlich verschlug es ihm die Sprache: Arturo stand mitten in der Zelle, lächelnd, gesund und munter, als wäre nichts geschehen. Von der Wunde war nichts mehr zu sehen.

»Arturo geht es gut, Graf. Ich glaube, wir brauchen keine Medizin«, sagte Arquimaes mit beeindruckender Gelassenheit.

Morfidio brachte kein Wort heraus. Sein Verstand war unfähig, diese Situation zu begreifen. Mit einem Schlag waren seine Pläne zunichtegemacht.

»Was ist passiert?«, gelang es ihm schließlich zu fragen. »Was soll das? Was geht hier vor?«

»Die Nacht war großzügig und hat meinem geliebten Schüler Genesung gebracht«, antwortete Arquimaes ruhig. »Der Himmel ist ihm zu Hilfe gekommen.«

»Aber … aber … Das ist unmöglich! Er lag im Sterben!«

»Ich habe mich wieder erholt«, sagte Arturo fröhlich und quicklebendig. »Die Wunde war nicht so tief wie befürchtet und Arquimaes’ Bemühungen waren erfolgreich.«

»Bemühungen? Aber er hatte doch gar keine Medizin … Er muss Zaubermittel verwendet haben, um dich zu retten! Hexerei! Das ist Hexerei!«, rief Morfidio. »Du wirst auf dem Scheiterhaufen enden! Die Bauern hatten recht!«

»Nein, mein Graf. Ich habe keine Hexerei betrieben. Hier in der Zelle gibt es nämlich nichts, was darauf hindeutet. Und wie du sehr wohl weißt, benötigen Hexenmeister Eingeweide von Tieren, Amulette und andere Hilfsmittel. Von mir aus kannst du die Zelle durchsuchen lassen, wenn du willst. Doch du wirst nichts finden, was mit Hexerei zu tun hat.«

Vor Wut schäumend, trat Morfidio auf Arquimaes zu, die Faust um den Griff seines Schwertes geballt.

»Du machst dich nicht über mich lustig! Du nicht!«, brüllte er. »Ich werde es nicht zulassen, dass du mich zum Narren hältst! Ich weiß, dass du Hexerei betrieben hast, und das wirst du mir teuer bezahlen! Dir bleibt nicht mehr viel Zeit zum Reden. Übermorgen werdet ihr beide auf den Scheiterhaufen geworfen, du und dein Gehilfe. Das ist mein letztes Wort!«

Mit zornesrotem Gesicht stürmte er aus der Zelle, gefolgt von seinen verwirrten Dienern, die er beschimpfte und mit Drohungen überhäufte.

»Wenn ich herausfinde, dass ihm einer von euch geholfen hat, kann er sich auf was gefasst machen!«

Wieder zurück in seinen Gemächern goss er sich Wein in ein Glas und versetzte einem seiner Hunde, der zur Begrüßung angelaufen kam, einen kräftigen Fußtritt.

Doch obwohl sein Geist bald vom Wein benebelt war, kam ihm ein Gedanke, der ihn wieder glücklich machte.

Es stimmt also, dachte er. Wenn Arquimaes fähig war, den sterbenden Jungen ins Leben zurückzuholen, dann verfügt er tatsächlich über das Geheimnis der Unsterblichkeit …

VIII
Die neue Lehrerin

Heute Morgen sieht Hinkebein nicht gut aus. Es ist ein grauer Tag und der eisige Wind lässt einem die Worte im Mund gefrieren.

»Was ist los mit dir?«, frage ich ihn. »Du siehst krank aus. Hast du getrunken?«

»Ich hatte eine schlechte Nacht und da hab ich halt ein wenig an der Weinflasche genippt. Um mich aufzuheitern«, gesteht er und zeigt auf eine halb leere Flasche. »Es tut mir nicht gut, bei Wind und Wetter draußen zu schlafen, zwischen Pappkartons, umgeben von Ratten und Kakerlaken. In den Großstädten treibt sich zu viel Gesocks rum. Anscheinend öffnen die Irrenanstalten nachts ihre Türen und lassen die Gefährlichsten raus.«

»Hier, ich hab dir zum Frühstück einen Apfel und ein paar Scheiben Toast mitgebracht«, sage ich und gebe ihm die Lebensmittel. »Du solltest irgendwo hingehen, wo man dir hilft.«

»Lieber erfriere ich auf der Straße!«, brummt er. »Seit ich das Bein verloren habe, hab ich keine Lust mehr, mich von irgendwem rumkommandieren zu lassen. Da verhungere ich lieber.«

»Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben.«

»Du bist ein netter Junge, Arturo, aber ich glaub nicht an Wunder. Was nicht ist, wird nicht mehr.«

»Du hast kein Vertrauen. Alles kann wieder gut werden, nur der Tod ist ewig.«

»Glaubst du das wirklich, oder sagst du das nur, um mich zu trösten? Meinst du, ich schlucke so einen Blödsinn?«

»Es kann immer alles noch schlimmer werden, das stimmt. Aber es kann auch besser werden, glaub mir«, beharre ich.

»Ja, ja, und wir sollen einfach nicht an das denken, was uns wehtut, nicht wahr? Meinst du, wir könnten so tun, als wäre nichts?«

»Du nimmst alles zu tragisch … Also, ich geh dann mal in die Schule. Wir sehen uns später.«

»Das Schlimmste hab ich dir ja noch gar nicht erzählt … Gestern Nacht hat es eine Schlägerei gegeben, gleich hier gegenüber. Ein Typ ist zusammengeschlagen worden, die haben ihm die Brieftasche geklaut und sind mit seinem Wagen abgehauen. Die Polizei war sofort da. Ich hab alles genau beobachtet.«

»Du hättest etwas tun müssen, um dem Mann zu helfen«, sage ich.

»Was kann ein Einbeiniger wie ich schon tun? Soll ich mir vielleicht auch noch das andere Bein kaputtmachen lassen?«

»Komm mir nicht mit Ausreden. Du hättest schreien können, die Polizei alarmieren …«

»Nichts hätte ich tun können! Nichts! Ich glaube übrigens, die haben mich gesehen, und jetzt haben sie mich auf dem Kieker. Die sind zu mehreren und sehr gefährlich.«

»Hör auf, du siehst Gespenster. Wer will denn schon einem Bettler an den Kragen?«

»Die Typen. Die sind überall.«

»Was für Typen? Von vom redest du?«

»Weißt du das nicht? Die sind bestens organisiert. Die überfallen die Leute und klauen einfach alles. Jetzt haben sie sich dieses Viertel vorgenommen. Früher oder später kommt ihr an die Reihe. Das sind Profis.«

»Du hast zu viel Fantasie.«

»Diese Bande ist höchst gefährlich, glaub mir! Mal sehen, was du sagst, wenn man eines Tages meine Leiche aus dem Müll zieht!«

»Also, wirklich, ich muss jetzt los. Es ist schon spät. Wir reden nachher weiter. Und pass auf dich auf, alter Miesmacher!«

»Nenn mich nicht Miesmacher!«

Ich gehe, um nicht weiter diskutieren zu müssen. Aber trotzdem mache ich mir Sorgen um ihn. Offenbar geht es ihm dreckiger und er trinkt anscheinend immer häufiger. Wenn er weiter auf der Straße lebt, wird er eines Tages noch erfrieren. Ohne fremde Hilfe ist Hinkebein verloren. Und was die organisierten Banden angeht, muss ich ihm recht geben. Ich hab schon von ihnen gehört, und wenn ich darüber nachdenke, können sie einem durchaus Angst machen. Es heißt, sie seien ziemlich brutal. Na ja, bis jetzt hatte ich Glück und bin noch keinem von ihnen begegnet.

* * *

Auf dem Schulhof wimmelt es schon von Schülern. Horacio legt sich mal wieder mit dem armen Cristóbal an, einem Jungen aus einer der unteren Klassen.

»He, Drachenkopf!«

Ich ignoriere ihn und gehe weiter.

»Hör mal, Drachenkopf, bist du taub, oder was?«, ruft er und stellt sich mir in den Weg.

»Lass mich in Ruhe.«

»Du spielst wohl gerne den Schlauberger, was?«

»Nein, ich lerne nur gern«, antworte ich.

»Gestern hast du uns vor dem Lehrer wie Idioten dastehen lassen. Glaub ja nicht, wir lassen uns von dir verarschen. Pass bloß auf dich auf und auch auf deinen verrückten Vater.«

»Halt meinen Vater da raus!«, schreie ich ihn an.

»Dein Vater tickt nicht ganz richtig! Das wissen doch alle!«

»Ja, wie Don Quijote, der hat auch zu viel gelesen und ist davon verrückt geworden«, sagt Mireia.

»Der ist doch nicht ganz dicht! Neulich haben wir ihn in der Stadt gesehen, auf dem Fahrrad … Wäre fast von nem Auto überfahren worden«, sagt Marisa.

»Mein Vater ist nicht verrückt! Mein Vater ist nicht verrückt!«

Ich balle die Fäuste, bereit, auf den Nächstbesten loszugehen, der etwas gegen meinen Vater sagt. Aber stattdessen fangen sie an zu singen: »Drachenkopf! Drachenkopf! Drachenkopf!«

»Was ist hier los?«, fragt Mercurio mit seiner heiseren Stimme.

Die anderen verstummen und weichen einen Schritt zurück.

»Kann ich euch irgendwie helfen?«, fragt Mercurio weiter. »Soll ich mitsingen? Ich kann mir nämlich auch ein Lied ausdenken, wenn ihr wollt.«

»Nein, nicht nötig«, sagt Horacio.

»Dann ab in eure Klassen, aber ohne einen Mucks und ohne Gezanke, verstanden?«, sagt er streng.

Horacio und seine Freunde werfen mir einen vernichtenden Blick zu und verschwinden in Richtung Klassenzimmer.

Mercurio legt mir eine Hand auf die Schulter.

»Komm, ich begleite dich.«

»Danke, Mercurio, aber damit muss ich alleine fertig werden«, erwidere ich. »Trotzdem nett, dass du mir geholfen hast.«

»Schon gut, Kleiner«, sagt er. »Ich verstehe dich. Aber wenn’s schlimmer wird, sagst du mir Bescheid, okay?«

»Okay«, sage ich und gehe weiter.

Er ist gerade noch rechtzeitig dazwischengegangen, denn ehrlich gesagt sah es ziemlich schlecht für mich aus. Ich weiß einfach nicht, warum es Horacio auf mich abgesehen hat.

Als ich ins Klassenzimmer komme, sitzt auf dem freien Platz neben meinem ein Mädchen. Ich habe sie hier noch nie gesehen. Vielleicht muss sie die Klasse wiederholen.

»Sag mal, sitzt du nicht auf dem falschen Platz?«, frage ich sie.

»Warum? Ist das ein besonderer Platz oder was? Muss man Eintritt bezahlen, wenn man hier sitzen will?«

»Nein, es ist nur … Hier setzt sich sonst nie einer hin. So gesehen ist das ein besonderer Platz, ja.«

»Dann ist es eben ab heute keiner mehr. Jetzt sitze ich hier. Von nun an ist das mein Platz, einverstanden?«

»Wenn du meinst …«, sage ich achselzuckend.

»Ich heiße Metáfora, und du?«

»Metáfora? Das ist doch kein Name.«

»Klar ist das ein Name! Schließlich heiße ich so.«

»Na schön. Ich bin Arturo. Arturo Adragón.«

»Ich heiße Metáfora Caballero. Gut, jetzt kennen wir unsere Namen. Versuchen wir also, gut miteinander auszukommen. Ich bin neu auf der Schule und wohne erst seit Kurzem in der Stadt … Und ich möchte, dass man mich in Ruhe lässt.«

Obwohl ich Metáfora kaum kenne, nervt sie mich jetzt schon. Aber sie wird noch früh genug merken, neben wen sie sich da gesetzt hat. Die anderen werden ihr sicher bald erzählen, dass dies ein besonderer Platz ist. Und dass sich niemand neben den Drachenkopf setzen darf.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sie mich mustert. Bestimmt wundert sie sich über mein Gesicht.

»Er beißt nicht«, sage ich zu ihr, ohne von meinem Heft aufzublicken.

»Was? Was hast du gesagt?«

»Der Drache … Er beißt nicht. Er ist harmlos.«

»Hab ich dich etwa danach gefragt?«

»Und die Flecken hab ich schon seit meiner Geburt. Sie gehen nicht weg, und manchmal wandern sie über mein Gesicht. Also pass gut auf, vielleicht hast du Glück und ich geb dir eine Gratisvorstellung.«

»Besser, du hältst den Mund. Hör auf, dummes Zeug zu reden, mich kannst du damit nicht beeindrucken. Oder bist du einer, der gerne Mädchen ärgert?«

»Nein, nein …«

»Dann sei still, dein Drache macht mir keine Angst. Und du schon gar nicht.«

Doch damit sind die Überraschungen an diesem Morgen noch nicht vorbei. Der Direktor kommt in die Klasse, begleitet von einer Frau.

»Hört bitte zu«, beginnt der Direktor und klatscht ein paarmal in die Hände.

Endlich ist es still in der Klasse. Die Frau ist jung und hübsch.

»Ich möchte euch eure neue Lehrerin vorstellen. Sie heißt Norma und ist die Nachfolgerin von Señor Miralles. Ich erwarte von euch, dass ihr Señorita Norma einen freundlichen Empfang bereitet.«

Spontan fangen wir an zu applaudieren. Señorita Norma lächelt. Auch der Direktor applaudiert und lächelt.

»Gut, dann lasse ich euch jetzt mit ihr alleine. Ich hoffe, ihr macht keine Schwierigkeiten. Ich möchte keine Klagen hören!«

Er verabschiedet sich von Señorita Norma und geht hinaus. Als sie zu sprechen beginnt, ist es mucksmäuschenstill.

»Vielen Dank für den Beifall und den freundlichen Empfang. Ich hoffe, ich kann euch beweisen, dass ich ihn verdiene. Als Erstes aber möchte ich von euch hören, was ihr von mir erwartet. Wollt ihr mir vielleicht einen Rat geben? Ich weiß nicht, irgendeinen Vorschlag …«

Damit haben wir nicht gerechnet. Kein Lehrer hat uns jemals so eine Frage gestellt.

»Wenn Sie erlauben«, meldet sich Horacio. »Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.«

»Gerne«, sagt Señorita Norma erfreut. »Sag, was du sagen willst.«

»Sie werden bald merken, dass es in dieser Klasse ein Problem gibt.«

»Ein Problem? Was denn für ein Problem?«

Ich spüre ein Grummeln in meinem Bauch und habe eine böse Vorahnung.

»Es gibt einen Zauberer unter uns, einen Hexenmeister … Sie wissen schon, so einen von diesen komischen Typen, die man im Zirkus sehen kann. Und dazu ist er auch noch Drachenfan.«

»Ich verstehe nicht, was meinst du damit?«

»Ich meine den Drachenkopf.« Horacio zeigt mit dem Finger auf mich und fährt fort: »Den dahinten. Er benimmt sich komisch … und dann sein Gesicht … wir wollen nicht, dass er uns damit ansteckt. Könnten Sie ihn nicht in eine andere Klasse versetzen?«

»Wie hast du ihn genannt?«

»Drachenkopf.«

»Drachenkopf? Aber das ist doch kein Name, das ist ein Schimpfwort, bestenfalls ein Spitzname.«

»Na ja, nennen Sie ihn, wie Sie wollen, aber für uns ist er der Drachenkopf. Er hat nämlich einen auf der Stirn, eine Zeichnung.«

Norma blickt zu mir. Dann sieht sie Horacio an, danach wieder mich.

»Stehst du bitte auf und sagst mir, wie du heißt?«, bittet sie mich freundlich.

»Ich heiße Arturo Adragón«, sage ich.

»Vielen Dank, Arturo … Und du, willst du mir auch sagen, wie du heißt?«, fragt sie Horacio.

»Ich? Ich heiße Horacio Martín und bin Klassenbester.«

»Schön, Horacio, dann hör mir mal gut zu. Wenn du noch einmal einen deiner Mitschüler beleidigst, mit einem Schimpfwort oder einem Spitznamen, dann bist du die längste Zeit Klassenbester gewesen, das verspreche ich dir. Hast du mich verstanden?«

Horacio wird blass und wirft mir einen Blick zu, den ich nur zu gut kenne. Norma glaubt, sie hätte mir einen Gefallen getan, aber da irrt sie sich.

»Das sage ich meinem Vater«, droht Horacio völlig unerwartet. »Ich dulde es nicht, dass mich eine Lehrerin vor der ganzen Klasse blamiert.«

»Es wird mir eine Freude sein, mit deinem Vater zu sprechen«, entgegnet Norma. »Er kann zu mir kommen, wann immer er möchte.«

»Ich warne Sie, es wird ihm gar nicht gefallen, wenn er hört, wie Sie mich gerade behandelt haben.«

»Und mir gefällt es nicht, wenn man seine Mitschüler nicht respektiert. Ich mag weder Spitznamen noch Schimpfworte. Und ich mag es auch nicht, wenn man meine Schüler mit irgendwelchen Typen vom Zirkus vergleicht. Wir sind hier in einer Schule, in meiner Klasse. Und hier wird niemand beleidigt. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Damit hat keiner gerechnet. Vielleicht ist es ja doch gar nicht so schlimm, dass Señor Miralles uns verlassen hat. Fest steht auf jeden Fall, dass ich in der Pause Ärger kriegen werde …

»Ich schreibe jetzt meinen Namen an die Tafel. Und ihr tut bitte nacheinander dasselbe. Dann werden wir wissen, wie wir heißen und wie wir von den anderen genannt werden wollen. Und damit das von Anfang an klar ist: Hier gibt es weder Zauberer noch Hexen oder Hexenmeister. Hier gibt es nur Schülerinnen und Schüler, die etwas lernen wollen. Und jeder respektiert hier jeden … Auch wenn er anders ist als die anderen.«

Norma geht zur Tafel und schreibt ihren Namen an: Norma Caballero. Sie winkt Horacio nach vorne und fordert ihn auf, ebenfalls seinen Namen an die Tafel zu schreiben. Plötzlich schießt mir ein Gedanke durch den Kopf. Ich beuge mich zu meiner Nachbarin hinüber und frage sie: »Sag mal, wie war noch mal dein Nachname?«

»Caballero. Ich heiße Metáfora Caballero.«

»So wie die Lehrerin?«

»Klar, sie ist meine Mutter. Ich habe denselben Nachnamen wie sie.«

»Deine Mutter?«

»Entschuldige, aber ich muss nach vorne, meinen Namen anschreiben«, sagt sie und steht auf.

Meine Sitznachbarin ist also die Tochter unserer neuen Lehrerin. Ist das jetzt gut oder schlecht? Ich weiß es nicht. Klar, sie kann mir helfen, aber sie kann mir auch schaden. Sie kann alles erzählen, was sie von mir weiß. Und wenn ich Pech habe und sie sich mit Horacio anfreundet, hab ich verloren. Denn als meine Sitznachbarin wird sie viel über mich wissen.

»Arturo, würde es dir etwas ausmachen, nach vorne zu kommen und deinen Namen an die Tafel zu schreiben?«, fragt mich Señorita Norma.

Als ich mich wieder hingesetzt habe, fragt mich Metáfora: »Nennen sie dich wegen der Zeichnung auf deiner Stirn Drachenkopf? Wie hast du das gemacht?«

»Das geht dich nichts an«, antworte ich unfreundlich. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es doch eher schlecht ist, dass sie neben mir sitzt. Mein Vater sagt immer, dass alles dazu neigt, sich zum Schlechteren zu wenden. Heute wird mir klar, dass er womöglich recht hat.

* * *

Es ist Nacht und ich sitze auf meinem Lieblingssofa. Der Dachboden der Stiftung ist der einzige Ort, an dem ich ungestört bin. Niemand weiß, dass ich immer hierherkomme, wenn ich niedergeschlagen bin.

Ich sehe gerne auf die nächtliche Stadt und stelle mir vor, jede Nacht in einem anderen Haus zu wohnen. Ich suche mir ein Dach aus und schaue es mir ganz genau an, bis ich tatsächlich anfange zu glauben, dass ich in dem Haus wohne.

Heute habe ich mir ein altes Haus ausgesucht, mit einem schwarzen Schieferdach und einem langen Kamin. Je länger ich es betrachte, desto besser kann ich mir dazu eine Familie vorstellen, die zu mir passt. Eine Familie, in der ich eine Mutter habe, die sich um mich kümmert, und einen Vater, der von allen respektiert wird. Es gibt keine Probleme, alles ist in Ordnung. Ich stelle mir sogar vor, dass mit mir selbst alles in Ordnung ist, dass es nichts Auffälliges an mir gibt, das die Aufmerksamkeit der anderen erregt. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ES verschwunden ist.

»Alles in Ordnung?«, erschrickt mich eine Stimme hinter mir.

Es ist Sombra.

»Was machst du denn hier? Du warst doch schon lange nicht mehr hier oben …«

»Ich weiß, dass du immer hierherkommst, um allein zu sein. Aber mir ist aufgefallen, dass du heute sehr traurig bist. Deswegen habe ich mich hier raufgetraut. Wie früher …«

»Erzähl bitte keinem, dass ich …«

»Keine Sorge, ich werde es niemandem erzählen. Du weißt doch, dass du mir vertrauen kannst.«

»Komm, setz dich und erzähl mir was. Erzähl mir eine von deinen Geschichten. Die helfen mir zu vergessen …«

»Weißt du, dass dein Vater und Señor Stromber ganz dicke Freunde geworden sind?«, fragt er.

»Das kann ich mir gut vorstellen. Freut mich sehr für Papa. Es wird ihm guttun, einen Freund zu haben.«

»Dir würde es auch guttun, stimmt’s?«

»Ich hab ja dich, Sombra. Du bist mein bester Freund.«

»Aber ich bin doch schon so alt. Wäre es nicht viel schöner, einen Freund in deinem Alter zu haben?«

»Du weißt doch, dass das unmöglich ist. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Wenn sie mich sehen, hauen sie ab …«

»Eines Tages wirst du jemanden finden, der dich versteht. Du bist ein intelligenter Junge und wirst irgendwann richtige Freunde finden.«

»Ja, in einer anderen Welt«, entgegne ich.

Ich mag Sombra sehr. Er war früher Mönch und hat alles aufgegeben, um hierherzukommen. Ohne ihn wäre mein Vater verloren, denn wenn einer die Geheimnisse der Stiftung kennt, dann ist es Sombra. Wir nennen ihn Sombra, »Schatten«, weil er sich so unauffällig bewegt wie ein Schatten. Wenn er will, kann er sich vollkommen lautlos an jemanden ranschleichen.

»Señor Stromber hat etwas an sich, das mir nicht gefällt«, sagt Sombra unvermittelt. »Er sieht einem nicht in die Augen, das ist ein schlechtes Zeichen.«

Sombra ist übrigens ein großer Psychologe.

»Der Mann ist schwer zu durchschauen«, fährt er fort.

»Red keinen Quatsch. Papa mag ihn und er wird ihm helfen, das nötige Geld aufzutreiben, um die Schulden zu bezahlen. Also hör auf, Gespenster zu sehen.«

»Wahrscheinlich hast du recht, Arturo. Ich werde nichts mehr gegen ihn sagen.«

»Und du wirst ihm bei seiner Arbeit helfen. Ich will nicht, dass Papa sich über dich ärgert.«

»Ja.«

»Gut, und jetzt erzähl mir eine Geschichte.«

»Einverstanden … Es war einmal ein Junge, der auf einem Dachboden lebte …«

»Weiter, weiter!«

»Er träumte davon, Freunde zu haben …«

»Hör mal, Sombra … Ich hab da so ein Mädchen kennengelernt …«

»Was?«

»Sie ist neu in unserer Klasse und sitzt neben mir.«

»Ist sie nett? Ist sie intelligent? Ist sie hübsch?«

»Dreimal ja … Sie ist wunderschön. Und sie lächelt wie Mama auf dem Bild. Du weißt schon, auf welchem.«

»Ja, ich weiß, welches du meinst. Deine Mutter hatte ein ganz besonderes Lächeln.«

»Ich hätte sie so gerne gekannt.«

»Sei nicht traurig. Vielleicht werdet ihr ja Freunde, du und dieses Mädchen.«

»Na ja, lieber nichts überstürzen.«

»Lass deine Fantasie spielen, Arturo, lass sie fliegen.«

IX
Eine Armee zur Befreiung
des Weisen

Morfidios Ultimatum war beinahe abgelaufen, als Arquimaes von den Wachen zum Grafen gebracht wurde. Während sie ihn die Treppe hinaufstießen, hatte sich der Weise schon mit dem Gedanken abgefunden, dass seine Stunde gekommen war.

Die Soldaten zwangen ihn, vor seinem Entführer niederzuknien.

»Arquimaes, dies ist die letzte Gelegenheit, mir dein Geheimnis anzuvertrauen«, eröffnete ihm der Graf. »Meine Geduld ist am Ende.«

Arquimaes schluckte. Er wusste, dass seine Antwort über Leben und Tod entscheiden würde. Wenn er einen Fehler machte, konnten dies seine letzten Worte sein.

»Was ich herausgefunden habe, wird dir nichts nützen. Das habe ich dir schon gesagt, Graf Morfidio. Auch wenn ich dir alles verrate, was ich weiß, ist dieses Wissen für dich nutzlos.«

»Und ich habe dir gesagt, dass du das meine Sorge sein lassen sollst, Hexenmeister. Sprich, und zwar unverzüglich!«

»Ich kann nicht. Selbst wenn ich wollte, könnte ich dir kein Geheimnis anvertrauen, das nur in die Hände gerechter und ehrenhafter Männer gelangen darf und nicht in die von so machtbesessenen Leuten wie dir.«

Eric Morfidio, beleidigt von den Worten seines Gefangenen, stand auf und trat einen Schritt auf ihn zu.

»Du kannst dich noch so sehr hinter deiner albernen Ausrede verschanzen, es wird dir nichts nützen. Entweder du erzählst es mir oder du erzählst es keinem mehr.«

»Die Formel, die ich entdeckt habe, ist keine Verordnung, die du erlässt, um die Steuern zu erhöhen!«

»Hör gut zu, weiser Mann! Wenn du dich weigerst, mit mir zusammenzuarbeiten, wirst du morgen früh zu Asche verbrennen, zusammen mit diesem Jungen, den du mit deiner Hexerei wieder ins Leben zurückgeholt hast.«

»Wenn ich tue, was du von mir forderst, verrate ich mich selbst! Übrigens habe ich Arturo nicht ins Leben zurückgeholt. Er hat sich selbst geheilt!«

»Du kannst nicht abstreiten, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Der Junge hatte eine tödliche Verwundung! Jetzt weiß ich, dass es stimmt, was man sich erzählt: Du besitzt die Formel für Unsterblichkeit!«

Arquimaes wollte gerade etwas entgegnen, als Hauptmann Cromell in den Saal gestürzt kam.

»Es ist dringend, Exzellenz!«, stieß er hervor. »Soeben ist eine persönliche Botschaft von Arco de Benicius eingetroffen. Sie ist sehr wichtig!«

Morfidio streckte die Hand aus, und sein Vertrauensmann gab ihm eine lederne Mappe, in der sich ein beschriebenes Pergament befand. Ungeduldig faltete es der Graf auseinander und begann zu lesen.

»Verflucht!«, rief er aus. »Dieser gottverdammte Benicius hat den Verstand verloren!«

Arquimaes verstand nicht, wovon Morfidio sprach, doch er zog es vor zu schweigen. Der Graf ging zu dem Tablett mit dem Obst und den Getränken, schenkte sich Wein ein und leerte den Becher gierig in einem Zug.

»Siehst du, dass ich recht hatte, teuflischer Alchemist? Arco de Benicius, dein Schutzherr, droht damit, mich anzugreifen, wenn ich dich nicht freilasse. Auch er will dein Geheimnis!«

»Ich möchte nicht, dass es meinetwegen Krieg gibt.«

»Dann verrate mir deine Geheimformel! Nur so kannst du unnötiges Blutvergießen vermeiden. Der Verrückte ist bereits mit seiner Armee auf dem Weg hierher. Bald wird er vor meiner Burg stehen!«

Arquimaes versetzte es einen Stich. Ein blutiger Krieg drohte! Ein Krieg, der viele unschuldige Menschen das Leben kosten und das gesamte Land verwüsten würde!

Er war verzweifelt: Ausgerechnet diejenigen, denen er helfen wollte, befanden sich nun in allergrößter Gefahr.

* * *

Völlig am Boden zerstört, wurde Arquimaes in seine Zelle zurückgebracht. Arturo trat zu ihm und versuchte, ihn zu trösten.

»Was ist passiert, Meister? Werden wir auf dem Scheiterhaufen sterben?«

»Viel schlimmer, mein Junge. Es droht Krieg! Wenn ich an die vielen Menschen denke, die sterben werden, bricht es mir das Herz.«

»Krieg? Unseretwegen?«

»König Benicius kommt mit seiner Armee, um uns zu befreien. Bald erklingen die Fanfaren des Krieges, und niemand weiß, wie es enden wird. Vielleicht sollte ich mich Morfidios Willen einfach unterwerfen und das Geheimnis preisgeben.«

»Nein, Meister, das dürft Ihr nicht!«, widersprach Arturo. »Dieser Mann ist ein Barbar!«

»Soll ich denn zulassen, dass Hunderte von Menschen sterben, um eine Formel zu schützen, mit der nur einige wenige etwas anzufangen wissen?«

»Darf man einem skrupellosen Menschen, dem das menschliche Leben nichts bedeutet, unbegrenzte Macht verleihen?«, hielt Arturo dagegen. »Bitte, Meister, unterwerft Euch nicht!«

X
Der Aasgeier von der Bank

Ich sitze gerade mit meinem Vater und Señor Stromber beim Frühstück, als Mahania in das kleine Esszimmer kommt und einen Besucher meldet: »Es ist Señor Del Hierro, der Bankdirektor. Er sagt, er möchte Sie sprechen, Señor Adragón.«

»Um diese Zeit? Es ist doch noch so früh. Erst halb neun.«

»Bankleute sind früh auf den Beinen, mein lieber Adragón. Deswegen verdienen sie so viel Geld«, bemerkt Stromber in scherzhaftem Ton. »Empfangen Sie ihn, ich werde mich an die Arbeit setzen.«

Der Antiquitätenhändler steht auf und geht hinaus.

»Ist gut, Mahania, führe ihn in mein Arbeitszimmer und sage ihm, ich komm gleich.«

»Jawohl, Señor«, antwortet Mahania mit einer leichten Verbeugung.

»Gibt es Probleme mit der Bank, Papa?«, frage ich.

»Oh, mach dir deswegen keine Sorgen«, antwortet mein Vater und streicht mir über den Kopf. »Ein Junge in deinem Alter sollte sich nicht mit den Problemen von uns Erwachsenen belasten. Und jetzt ab in die Schule! Heute Abend werden wir etwas Zeit zum Reden haben.«

Entschlossen begibt er sich in sein Arbeitszimmer, um den Bankdirektor zu begrüßen.

Ich gehe nach oben in mein Zimmer, kontrolliere wie jeden Morgen meinen Rucksack und packe die Bücher ein, die ich brauche. Dann ziehe ich meine Jacke an und gehe hinunter.

Auf der Treppe begegne ich Señor Del Hierro. Er ist ziemlich dick und in seinem schwarzen Anzug gleicht er eher dem Angestellten eines Beerdigungsinstituts als einem Geschäftsmann. Ich warte, bis er im Arbeitszimmer meines Vaters verschwunden ist.

Mahania wird langsam ungeduldig.

»Los, Arturo, geh jetzt endlich in die Schule!«, sagt sie. »Um das hier wird sich dein Vater kümmern.«

»Adiós, Mahania. Bis später. Nachher musst du mir alles ganz genau erzählen! Okay?«

»Nichts werde ich dir erzählen, gar nichts! Das geht nur deinen Vater was an!«

An der Ecke begegne ich, wie jeden Morgen, Hinkebein. Er sieht noch kränklicher aus als gestern.

»Ich hab dir zwei Apfelsinen mitgebracht«, sage ich zu ihm. »Aber du musst mir versprechen, zum Arzt zu gehen.«

»Gegen das, was ich habe, kann kein Arzt was machen«, erwidert er. »Die Ärzte haben nicht die Medizin, die ich brauche.«

»Und welche Medizin brauchst du?«

»Jemanden, der mich liebt«, antwortet er. »Jemanden, der für mich da ist. Das ist es, was ich brauche.«

»Aber du hast mich, das weißt du doch«, sage ich. »Ich bin dein Freund.«

»Ein Junge und ein Mann, das passt nicht zusammen.«

»Willst du damit etwa sagen, dass wir keine Freunde sind?«

»Doch, wir sind Freunde, aber du kannst meine Leere nicht ausfüllen. Genauso wenig wie ich deine ausfüllen kann. Verstehst du das, kleines Monster?«

»Nenn mich nicht so. Du weißt doch, dass ich das nicht leiden kann!«, protestiere ich.

»Ach nein! Du darfst mich verrückt nennen und einen Miesmacher, aber ich darf nicht Monster zu dir sagen? Na, du bist mir ja ein feiner Freund!«

»Aber …«

»Nichts aber!«

Ich gehe schnell weiter, bevor er noch etwas sagen kann. Doch ich glaube, er hat mich sehr wohl verstanden. Hinkebein weiß, dass ich mich niemals mit ihm streiten könnte, aber heute habe ich mal gesagt, was ich denke. Und das hat er zur Kenntnis genommen.

Seit mehr als einem Jahr lebt Hinkebein auf der Straße vor der Stiftung und mit der Zeit sind wir Freunde geworden. Er erinnert mich irgendwie an meinen Vater. Sie sehen sich so ähnlich, dass ich manchmal denke, sie könnten Brüder sein. Außerdem hat er mir einmal seine Geschichte erzählt. Ich weiß noch ganz genau, wie ich mich neben ihn gesetzt habe und er angefangen hat, von früher zu reden.

»Ich war bei einem großen Unternehmen angestellt, als Archäologe«, erklärte er. »Viele Jahre ging es mir gut, bis ich eines Tages einen schweren Fehler gemacht habe. Ich leitete eine Ausgrabung außerhalb von Férenix. Wir hatten Überreste einer mittelalterlichen Festung entdeckt. Ganz vorsichtig wurden die Mauern freigelegt, sie waren schon ziemlich beschädigt. Aber dann ist irgendetwas schiefgelaufen und man gab mir die Schuld daran. Ich war der Leiter der Ausgrabungen und somit lag die ganze Verantwortung bei mir … Kurz und gut, damit war meine berufliche Laufbahn ruiniert … und mein Privatleben auch.«

»Aber was genau ist denn passiert?«, fragte ich ihn.

»Das ist sehr kompliziert. Aber wie gesagt, es war mein Ruin. Damit endete meine Karriere als Archäologe. Durch einen einzigen Fehler.«

»Und wie ist das mit deinem Bein passiert?«

»Einmal hatte ich einen über den Durst getrunken. Ich wollte eine Straße überqueren, konnte aber nicht sehen, ob die Ampel grün oder rot war. Und da hat mich ein Auto angefahren. Mein Bein musste amputiert werden. Der Autofahrer hat sich aus dem Staub gemacht, er wurde nie gefunden.«

Seitdem nennen ihn alle Hinkebein. Als ich ihn kennengelernt habe, hatte er noch einen Verband um sein Bein … oder besser gesagt, um das, was davon übrig geblieben war.

Hinkebein ist ein prima Kerl, doch die Leute meiden ihn. Ein Krüppel mit nur einem Bein, der auf dem Boden liegt, ist nicht gerade ein angenehmer Anblick. Hinkebein und ich verstehen uns gut, weil wir etwas gemeinsam haben: Wir sind komische Vögel.

Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass er mir etwas verheimlichte. Etwas, das er mir nicht verraten wollte.

Wenn ich ihm eines Tages einmal helfen kann, werde ich es tun. Eines der Dinge, die mir mein Vater beigebracht hat, ist, dass man die Menschen als Menschen betrachten muss und nicht als Abfall. Mein Vater weiß eine Menge und ich habe viel von ihm gelernt.

* * *

Horacio steht mit seinen Kumpeln vor der Schule. Und – er spricht mit Metáfora. Wusste ich’s doch! Es musste ja so kommen. Meine Sitznachbarin wird also die Freundin meiner Feinde sein.

»Sieh an, der Drachenkopf! Wir reden gerade über dich«, sagt Horacio, als ich an ihm vorbeigehe. »Wir haben Metáfora über dich aufgeklärt. Jetzt weiß sie, wer du bist.«

Ich antworte nicht. Es würde sowieso nichts bringen! Wenn Metáfora sich auf ihre Seite schlagen will, dann soll sie es tun. Schön für sie. Und wenn sie es ihrer Mutter erzählen will, soll sie es ihr ruhig erzählen. Mir ist das egal. Mir ist alles egal!

»Guten Morgen, Arturo«, sagt Mercurio. »Gibt’s ein Problem?«

»Nein, alles in Ordnung. Der begrüßt mich immer so.«

»Horacio ist ein Problem. Er meint, er kann mit allen umspringen, wie er will, nur weil seine Mutter mit dem Direktor befreundet ist. Aber das stimmt nicht«, sagt Mercurio.

»Danke, dass du mir hilfst, Mercurio. Du hast was gut bei mir.«

»Nun werd mal nicht sentimental, Junge. Los, ab in die Klasse.«

Ich gehe ins Klassenzimmer und setze mich auf meinen Platz. Noch bevor ich die Bücher und Hefte aus dem Rucksack genommen habe, kommt Metáfora herein und setzt sich neben mich.

»Morgen, Arturo«, sagt sie.

»Hallo«, antworte ich schroff.

Schade, dass es keinen freien Tisch mehr gibt. Ich würde lieber alleine sitzen. Ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dass es mir jetzt schwerfällt, jemanden neben mir sitzen zu haben.

»Sie haben mir eben erzählt, warum sie dich so nennen«, sagt sie. »Ich würde es gerne irgendwann mal sehen.«

»Um über mich zu lachen, oder was?«

»Oh nein. Es muss cool aussehen, wenn die Flecken auf deiner Haut einen Buchstaben formen, wie durch Zauberhand. Ich glaube, so was kann sonst keiner …«

»Ja, ja. Du meinst also, ich soll zum Zirkus gehen, stimmt’s?«

Sie schweigt. Ich schätze, meine Antwort hat ihr nicht gefallen. Ich war nicht sehr höflich, aber ich bin so wütend, dass ich nicht mehr weiß, was ich sage.

»Entschuldige, das war nicht nett, aber …«

»Schon gut, schon gut, vergiss es«, erwidert sie spitz.

Die Lehrerin betritt die Klasse und alle stehen auf.

»Heute wollen wir über die Kunst des Schreibens sprechen. Wie denkt ihr darüber?«, beginnt sie.

Niemand meldet sich.

»Schön, dann wollen wir mal sehen, ob Horacio uns erklären kann, was er dazu meint. Komm bitte nach vorn und erzähle uns, welchen Nutzen wir deiner Meinung nach von der Schrift haben.«

Widerwillig geht Horacio an die Tafel.

»Ich glaube, die Schrift bringt uns gar nichts. Lesen ist out. Niemand liest, das ist doch prähistorisch, was aus der Steinzeit. Ein Bild ist mehr wert als tausend Worte.«

»Prähistorisch? Ohne die Schrift würden wir immer noch in Höhlen wohnen.«

»Die Schrift ist eine veraltete Technik«, beharrt Horacio. »Aus dem Mittelalter.«

»Mittelalterlich ist es, so zu denken. Damals war es lebensgefährlich, lesen zu lernen. Und heute, wo jeder lesen kann, weigern sich einige von euch, es zu tun. Wer kann mir etwas Positives über das Lesen und Schreiben sagen?«

Ich bin mit Horacio nicht einer Meinung, aber ich habe keine Lust, mich da einzumischen. Ihm zu widersprechen würde mir nur wieder Ärger einhandeln. Also melde ich mich lieber nicht. Aber ich sehe, dass fast alle die Hand heben, um zu zeigen, dass sie ihm zustimmen.

»Ich glaube, dass Horacio sich irrt«, sagt Metáfora und steht auf. »Schreiben ist keine veraltete Technik. Es ist das Modernste, was es gibt. Außerdem finde ich, dass ein Bild nicht mehr wert ist als tausend Worte. Es ist genau anders herum: Ein guter Satz ist mehr wert als tausend Bilder!«

»Ja, wie das Gesicht vom Drachenkopf!«, lacht Horacio. »Er hat nämlich einen Buchstaben im Gesicht! Moderner geht’s nicht!«

»Wenn du ihn noch einmal so nennst, kannst du den Rest der Stunde im Büro des Direktors verbringen«, verwarnt ihn die Lehrerin scharf. »Ich habe gesagt, ich dulde es nicht, dass irgendjemand einen anderen tyrannisiert oder nicht respektiert. Ist das klar?«

»Ja, Señorita.«

»Setz dich wieder auf deinen Platz, Horacio. Und vielen Dank für deine Mitarbeit«, fügt Norma noch hinzu.

Während die anderen noch über die Bedeutung der Schrift diskutieren, schreibe ich etwas auf einen Zettel und schiebe ihn unauffällig zu Metáfora hinüber: Danke.

XI
Die Belagerung

Die Kavallerie kam im Morgengrauen. An ihrer Spitze ritten die Standartenträger mit dem Wappen von König Benicius: ein Helm mit Visier und königlicher Krone. Eine schlichte Wappenzeichnung, weiß auf blauem Grund.

Die Vorhut, bestehend aus hundert Reitern, hetzte die Bauern und Landarbeiter, die versuchten, sich in Morfidios Festung zu flüchten. Immer wieder gab es kurze Scharmützel, bei denen etliche Dorfbewohner von den Angreifern gefangen genommen wurden.

Unter der Bevölkerung verbreiteten sich Angst und Schrecken, die Bewohner der angrenzenden Dörfer versteckten sich vorsichtshalber in den Wäldern und dem nahen Felsengebirge. Lieber kämpften sie gegen Hunger und Kälte an, als sich der Armee von Arco de Benicius entgegenzustellen. Wenn schon die Kavallerie keine Rücksicht kannte, was würde dann erst passieren, wenn die noch sehr viel brutaleren Truppen der Infanterie einfielen?

Eine Stunde später rückten die Fußsoldaten vor. Die ersten Sonnenstrahlen spiegelten sich auf den glänzenden Rüstungen, Lanzen und Schilden wider. Im Rhythmus der Kriegstrommeln marschierten die Soldaten voran, die Standarten flatterten im Wind.

Die Wachposten auf den Zinnen der gräflichen Burg schlugen Alarm und die wachhabenden Offiziere benachrichtigten Graf Morfidio. Er und seine Vertrauensleute konnten nun beobachten, wie sich die Truppen des Feindes um die Festung herum niederließen. Offenbar bereiteten sie sich auf eine lange Belagerung vor. Sie waren gekommen, um zu siegen oder zu sterben.

Eilig errichteten die Invasoren Mannschaftszelte, Rundzelte und Palisaden. An den zentralen Punkten wurden Fahnen aufgestellt, Fanfaren schmetterten Befehle, die unverzüglich ausgeführt wurden. Schließlich wurden alle Wege gesperrt, die in die Festung hinein- oder herausführten.

Eric Morfidio musste vor Wut schäumend mit ansehen, wie seine Burg innerhalb weniger Stunden vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten wurde.

»Bringt mir auf der Stelle diesen verrückten Alchemisten her!«, befahl er in einem Ton, der keinen Zweifel an seinem Gemütszustand ließ.

Arquimaes und Arturo schliefen noch in ihrem Verlies. Man zerrte sie hoch und schleppte sie zum Grafen auf den Hauptturm. Als die beiden sahen, was um die Burg herum vor sich ging, krampften sich ihre Herzen zusammen. Sie wussten, wenn Benicius seine Streitkräfte auf diese Weise mobilisierte, würden viele Menschen sterben.

»Das ist alles deine Schuld, Alchemist!«, schrie Morfidio. »Das kommt von deiner Halsstarrigkeit. Bist du nun zufrieden? Du sagst, du willst den Menschen helfen, aber deinetwegen werden wir alle sterben!«

»Lass mich in Frieden gehen, bevor es zu spät ist!«, entgegnete der Weise. »Ich flehe dich an, gib deine ehrgeizigen Pläne auf!«

Ohne Vorwarnung holte Hauptmann Cromell aus und schlug Arquimaes mehrmals brutal ins Gesicht.

»Hüte deine Zunge!«, warnte er ihn. »Sprich nie wieder so zu deinem Herrn!«

Eric Morfidio blickte nach draußen, als ginge ihn das, was Arquimaes soeben zu ihm gesagt hatte, überhaupt nichts an.

»Es sind viele«, bemerkte er. »Das wird eine erbitterte Schlacht.«

»Lass mich frei und es wird nicht dazu kommen«, verlangte Arquimaes. »Ich werde Benicius dazu bringen, seine Truppen abzuziehen.«

»Hältst du mich für dämlich? Glaubst du vielleicht, ich lasse zu, dass sich dieser Hundsfott deiner Formel bemächtigt? Eher sterbe ich, als mich seinem Willen zu unterwerfen!«

»Aber es geht ihm doch gar nicht um mein Geheimnis! Er will mich nur befreien.«

»Dich befreien? Warum sollte er dich befreien, wenn es ihm nicht um die Macht geht, die ihm deine Entdeckung verschaffen kann? Glaubst du, er hätte seine Armee mobilisiert, nur weil er dich mag?«

»Er verdankt mir sein Leben. Ich habe ihn von der Lepra geheilt und er steht in meiner Schuld.«

»Du bist naiv. Arco de Benicius ist nur sich selbst etwas schuldig. Dieser Kleinkönig weiß ganz genau, was er will. Er ist eine Schlange!«

Arturo konnte sich nicht länger zurückhalten. »Du wirst dein Ziel nie erreichen, verfluchter Graf!«, brach es aus ihm heraus. »Arquimaes wird dir seine Formel niemals anvertrauen!«

Morfidio trat an den Jungen heran und musterte ihn lange. »Glaub nur nicht«, zischte er ihm ins Ohr, »du würdest noch einmal mit dem Leben davonkommen! Wenn ich sterbe, dann stirbst auch du! Nicht einmal die magischen Kräfte deines Herrn werden dich dann retten können!«

Arturo wollte etwas erwidern, als ein Wachposten den Arm hob und auf drei Reiter zeigte, die sich dem Schloss näherten.

»Herr, eine Abordnung! Mit einer weißen Flagge!«

»Kümmere du dich um sie, Hauptmann. Sie sollen sagen, was sie zu sagen haben. Und dann sollen sie schleunigst wieder zu ihren Truppen zurückkehren, bevor ich sie alle drei töten lasse«, brüllte der Graf, außer sich vor Wut. »Dieser verdammte Benicius!«

Verzweifelt vernahm Arquimaes Morfidios Worte. Er wusste nur zu gut, dass sich Graf Benicius nie freiwillig unterwerfen würde und somit ein Krieg unvermeidlich war.

* * *

Arco de Benicius empfing seine Gesandten im königlichen Hauptzelt. Doch er wusste schon im Voraus, was sie berichten würden.

»Er weigert sich, nicht wahr?«, fragte er, kaum dass sie eingetreten waren.

»Morfidio ist nicht einmal bereit, zu verhandeln. Er sagt, Arquimaes gehöre ihm und er werde ihn auf keinen Fall gehen lassen«, berichtete Ritter Reynaldo.

»Arquimaes sei sein Gast, versichert er«, ergänzte Hormar.

»Sein Gast? Morfidio ist eine Ratte, die ich schon vor vielen Jahren hätte erschlagen sollen. Wir wissen doch ganz genau, dass er Arquimaes verschleppt hat, um an die Geheimformel zu kommen. Und das müssen wir unbedingt verhindern«, sagte Benicius finster entschlossen. »Sonst wird ihm das ganze Reich in die Hände fallen und wir alle werden zu seinen Sklaven. Bevor das geschieht, wende ich mich noch eher an Demónicus.«

»So wichtig ist die Erfindung des Alchemisten?«, fragte Ritter Reynaldo.

»Das weiß niemand. Vielleicht hat er ja auch nur entdeckt, wie man einen Stein in ein Huhn verwandelt. Wer weiß schon, was in dem Kopf dieses armen Irren vor sich geht!«

»Aber warum sind wir dann hier?«

Der König nahm ein Glas, das mit Wein gefüllt war, und führte es an seine Lippen.

»Und wenn es um etwas ungeheuer Fantastisches geht? Meine Spione haben mir von einer seltsamen Macht berichtet.«

»Keine Macht ist so stark wie unsere Armee! Niemand kann sich uns entgegenstellen!«, knurrte Brunaldo, der grimmigste Ritter am Hofe von Arco de Benicius.

»Wichtig ist jetzt erst einmal, dass sich Eric Morfidio schnell ergibt«, sagte der König. »Wir können nicht monate- oder gar jahrelang hierbleiben und darauf warten, dass diesem Barbaren die Vorräte ausgehen und er beschließt, sich zu ergeben.«

»Aber was können wir tun, um ihn zur Aufgabe zu zwingen?«, fragte Reynaldo. »Die Burg ist nahezu uneinnehmbar.«

»Wir werden Herejio um Hilfe bitten«, entschied der König. »Mit seiner Unterstützung werden wir schnell und ohne große Verluste siegen.«

»Diesen gottlosen Zauberer?«, brummte Brunaldo.

»Hast du eine bessere Idee?«, hielt ihm Benicius entgegen. »Mir gefällt der Mann genauso wenig wie dir, doch ich erinnere mich, das er bisweilen sehr effektiv ist. Reitet zu ihm und bringt ihn her.«

Benicius’ Ritter sahen sich skeptisch an. Sie wussten, dass Herejio bestechlich und ruhmsüchtig war. Bestimmt würde er eine hohe Belohnung für seine Dienste fordern, und Benicius war offenbar bereit, für einen schnellen Sieg alles zu geben. Es würde großer magischer Kräfte bedürfen, eine Festung wie die des Grafen zu erstürmen. Kräfte, wie sie nur ein mächtiger und geschickter Zauberer besaß.

Als Benicius wieder allein war, trat eine Gestalt hinter einem der Vorhänge hervor, die das Zelt unterteilten.

»Was meinst du, Escorpio?«

»Herr, Eure Männer sind zu zaghaft«, antwortete der klein gewachsene Mann mit den Froschaugen und den großen Ohren. »Ihr müsst sie härter anfassen.«

»Glaubst du wirklich, dass Arquimaes eine wichtige Entdeckung gemacht hat?«

»Daran gibt es nicht den geringsten Zweifel. Ich habe ihn monatelang beobachtet und bin mir sicher, dass er etwas Gewaltiges in Händen hält. Ich habe einen seiner Diener bestochen, und der hat mir anvertraut, dass Arquimaes eine magische Formel gefunden hat.«

»Demnach wissen wir jedoch nichts Genaues. Alles beruht auf Vermutungen, nicht wahr?«

»Ja, Herr, und auf meinen Informationen. Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, wenn ich Euch so beweisen könnte, dass ich recht habe. Dieser verfluchte Alchemist hat eine Formel gefunden, die demjenigen, der sie besitzt, außergewöhnliche Macht verleiht.«

»Ich weiß, dass alle Weisen Lügner und Betrüger sind«, hielt Benicius dagegen. »Sogar unserem Zauberer misstraue ich.«

»Daran tut Ihr gut, Herr. Herejio verdient Euer Vertrauen nicht. In seinem Herzen nistet gandenloser Ehrgeiz, ihr solltet Euch vor ihm in Acht nehmen.«

»Und vor dir auch.«

»Ich würde Euch niemals hintergehen!«

»Das würde dich auch teuer zu stehen kommen.«

»Ich schwöre Euch bei meiner Seele, dass ich niemals etwas tun würde, das Euren Interessen zuwiderläuft. Ihr seid mein König und nur Euch werde ich dienen.«

Benicius warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Doch Escorpio ließ sich nichts anmerken. Er ignorierte die Verachtung, die Benicius ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit spüren ließ.

Der König ahnte nicht, dass sein Spitzel ein Mann von grenzenloser Geduld war.

»Das ist auch besser für dich, Escorpio«, murmelte er, als der das Zelt verlassen hatte. »Du tust gut daran, mich nicht zu hintergehen.«

XII
Am Rande des Abgrunds

Als ich am Nachmittag nach Hause komme, treffe ich als Erstes Sombra.

»Erzähl mir, was bei dem Gespräch mit dem Bankdirektor rausgekommen ist, Sombra. Ich weiß, dass du mit Papa gesprochen hast. Was ist passiert?«

»Ich weiß nichts. Mir hat keiner was gesagt.«

Er will gehen, aber ich halte ihn zurück.

»Komm schon, verkauf mich nicht für dumm. Ich bin sicher, dass du etwas weißt. Bitte, sag es mir!«

Bevor er antwortet, sieht er sich nach allen Seiten um und vergewissert sich, dass niemand in der Nähe ist.

»Nicht hier! Wir treffen uns heute Abend auf dem Dachboden, da hört uns keiner.«

»Gut, dann sehen wir uns nach dem Abendessen.«

Ich laufe schnell zu meinem Vater, klopfe an die Tür seines Arbeitszimmers und warte. Doch es passiert nichts. Seltsam, sonst antwortet er immer sofort. Ich klopfe noch einmal, aber es tut sich nichts. Vorsichtig drehe ich den Türknauf und öffne die Tür. Es herrscht Grabesstille, niemand ist zu sehen. Das Zimmer liegt im Halbdunkel, nur die Schreibtischlampe brennt.

Da sehe ich, dass sich im Sessel etwas regt. Es ist mein Vater. Ich will mich schon wieder davonschleichen, überlege es mir dann aber anders und trete ein. Auf Zehenspitzen schleiche ich zum Sessel. Mein Vater sagt nichts. Ich glaube, er hat mich nicht gehört. Er schläft und bewegt sich im Schlaf hin und her. Auf dem Tischchen liegt Schokoladenpapier. Bestimmt hat er seit Stunden nichts Richtiges gegessen.

Er sieht krank aus.

Plötzlich öffnet er die Augen und sieht mich an.

»Ich werde es schaffen, mein Sohn, das schwöre ich dir«, murmelt er. »Koste es, was es wolle …«

»Du musst dich schonen, Papa«, sage ich. »Deine Arbeit wird dich noch umbringen.«

»Arturo, du musst mir verzeihen, alles verzeihen, was ich dir angetan habe. Es tut mir so leid … Ich habe dir das Leben immer schwergemacht, schon seit deiner Geburt …«

»Ich habe dir nichts zu verzeihen, Papa.«

»Wenn ich dir doch nur deine Mutter zurückgeben könnte.«

»Bitte, Papa, hör auf. Es war nicht deine Schuld.«

»Heute Abend essen wir mit Señor Stromber. Er wird uns helfen, all unsere Probleme zu lösen. Du wirst schon sehen, es kommt alles wieder in Lot. Geh jetzt und mach dich frisch.«

Niedergeschlagen gehe ich hinaus. Offensichtlich tut Strombers Gesellschaft ihm doch nicht so gut, wie ich gedacht habe.

Ich gehe in mein Zimmer, dann ins Bad. Vor dem Spiegel setze ich die Mütze ab und betrachte mich. Die Tätowierung ist immer noch gut zu sehen. Der Buchstabe A mit dem Drachenkopf darüber ist deutlich zu erkennen. Ich werfe mich aufs Bett, verberge mein Gesicht im Kissen und heule vor Wut: »Ich werde nie normal sein! Ich bin ein Monster! Ein Monster!«

* * *

Meinem Vater ist es sehr wichtig, dass ich pünktlich zum Abendbrot komme und wir gemeinsam essen. Also reiße ich mich zusammen und tue so, als wäre nichts. Er soll nicht sehen, dass ich geweint habe.

Señor Stromber ist bereits im Esszimmer, in der Hand hält er ein Glas Champagner. Er hat wieder eine seiner typischen Posen eingenommen. Diese erinnert mich irgendwie an Napoleon oder Cäsar.

»Wie war es heute in der Schule, Arturo?«, fragt er freundlich.

»Gut, die neue Lehrerin scheint in Ordnung zu sein«, antworte ich.

»Ihr Unterricht war jedenfalls prima. Und ihre Tochter sitzt neben mir.«

»Freut mich zu hören, dass du Kontakte knüpfst«, sagt mein Vater, der gerade hereingekommen ist. »Das ist schön.«

Er sieht jetzt ruhiger aus. Nur seine Stimme klingt traurig.

»Setzen wir uns«, sagt er. »Heute Abend habe ich so einen Hunger, ich könnte ein ganzes Wildschwein verdrücken.«

»Wie ich sehe, sind Sie zufrieden, mein Freund«, sagt Stromber. »Das freut mich.«

»Ja, ich glaube, beim Essen sollte man seine Probleme für einen Moment vergessen. Genießen wir diesen Abend, morgen ist ein neuer Tag.«

»Was ist denn morgen?«, frage ich besorgt.

»Nichts, was uns übermäßig beunruhigen sollte. Es kommen nur ein paar Leute von der Bank, um in der Stiftung eine Inventur durchzuführen. Erschreckt euch also bitte nicht, wenn ihr ihnen begegnet.«

»Eine Inventur? Wozu müssen wir denn eine Inventur machen?«, frage ich.

»Von Zeit zu Zeit muss man sich einen Überblick verschaffen, Arturo. Wie du weißt, haben wir es in der Stiftung ständig mit sehr wertvollen Dingen zu tun«, erklärt er. »Wir müssen doch wissen, was wir besitzen, oder?«

»Selbstverständlich«, mischt Stromber sich ein. »Keine Bibliothek der Welt kommt mehr als zwei Jahre ohne Inventur aus. Eine Inventur ist die Basis für gute Geschäfte.«

»Wir haben schon seit Jahren keine mehr gemacht«, fügt mein Vater hinzu. »Es ist höchste Zeit. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nicht mal mehr weiß, wie viele Bücher wir überhaupt haben.«

»Viele berühmte Leute sind im Elend gestorben, nur weil sie keine Ordnung halten konnten und von den Schulden erdrückt wurden«, sagt Stromber und nippt an seinem Champagner.

»So ist es, und ich möchte nicht so enden wie sie«, antwortet mein Vater. »Das muss ein furchtbares Ende sein.«

Mahania kommt mit dem Essen. Sie sagt nichts, doch ich sehe an ihren Augen, dass etwas nicht stimmt. Sie ist schlecht gelaunt, aber ich weiß nicht, was sie hat.

»Arturo, dein Vater hat mit mir über dein Problem gesprochen«, sagt Stromber. »Wenn du willst, können wir einen Freund von mir aufsuchen, einen Arzt, der dir vielleicht helfen könnte. Er ist ein hervorragender Hautspezialist.«

Ich werfe meinem Vater einen vorwurfsvollen Blick zu. Er weiß doch, dass er mit niemandem darüber reden soll.

»Sei ihm nicht böse«, versucht mich der Antiquitätenhändler zu beschwichtigen. »Dein Vater und ich verstehen uns sehr gut, ich gehöre jetzt sozusagen zur Familie. Du kannst mir vertrauen. Ich werde niemandem davon erzählen, das verspreche ich dir. Aber wie gesagt, wenn du willst, können wir zu meinem Freund nach New York fliegen. Er kann bestimmt etwas für dich tun. Es ist nicht ganz billig, aber mach dir darum keine Sorgen. Dein Vater und ich werden diese Kleinigkeit schon regeln. Nicht wahr, Arturo?«

»Das können wir uns doch gar nicht leisten!«, erwidere ich traurig. »Außerdem komme ich ganz gut damit klar.«

»Arturo, das ist nicht wahr. Die Zeichnung auf deinem Gesicht macht dir großen Kummer«, sagt mein Vater und zeigt auf den Drachenkopf auf meiner Stirn. »Er lässt dir keine Ruhe. Er ist auch der Grund dafür, dass du keine Freunde hast. Wir müssen etwas dagegen tun!«

»Nun übertreib mal nicht. Das ist nicht schlimmer als eine Warze«, entgegne ich.

»Nicht schlimmer als eine Warze? Wie kannst du das behaupten? Das ist … ein … ein … Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, aber auf jeden Fall ist es alles andere als nur eine mickrige Warze.«

»Es sieht aus wie eine Tätowierung. Alle Jungen in meinem Alter haben Tätowierungen. Das ist nicht schlimm.«

»Nicht schlimm? Mein Gott, wie kannst du so was sagen?«

»Man sieht gleich, dass es keine Tätowierung ist«, mischt sich Stromber ein. »Man merkt, dass es etwas … etwas Übernatürliches ist. Es sieht einfach abscheulich aus! Wenn ich du wäre, würde ich mir diesen Drachen so schnell wie möglich wegmachen lassen.«

»Aber nicht auf Kosten der Stiftung!«, widerspreche ich.

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