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Die Schüler von Winnenden

 

Marie Bader · Marie-Luise Braun · Steffen Sailer ·
Annabell Schober · Jennifer Schreiber · Pia Sellmaier

In Zusammenarbeit mit
Daniel Oliver Bachmann

Die Schüler von
Winnenden

Unser Leben nach dem Amoklauf

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In dieser Reihe außerdem erschienen:
Lisa-Marie Huber: Der Tod kriegt mich nicht
Mein Leben mit der Leukämie
Ela Aslan: Plötzlich war ich im Schatten.
Mein Leben als Illegale in Deutschland
Christina Helmis: Mein Lollimädchen-Ich.
Mein Leben mit der Magersucht
Julia Kristin: Online fühle ich mich frei.
Mein Leben im Netz
Josephine Opitz: Auf dem Laufsteg bin ich schwerelos.
Mein Leben als Model im Rollstuhl
Angela S.: Dann bin ich seelenruhig.
Mein Leben als Ritzerin
Mihrali Simsek: Mit 18 mein Sturz.
Mein Leben im Gefängnis
Sabrina Tophofen: So lange bin ich vogelfrei.
Mein Leben als Straßenkind

Jennifer Schreiber (16), Steffen Sailer (15), Marie Bader (16),
Annabell Schober (11), Pia Sellmaier (8) und die Lehrerin
Marie-Luise Braun*
verlieren am Tag des Amoklaufs an der Albertville-Realschule in
Winnenden geliebte Angehörige oder ihre besten Freunde. Noch nie
haben Opfer eines Schulmassakers so offen über ihr Schicksal
gesprochen – und darüber, was an Schulen und in der Gesellschaft
geschehen muss, damit die Wiederholung einer solchen Tat
unmöglich wird. * Namen von der Redaktion teilweise geändert

Daniel Oliver Bachmann
lebt in Oppenau / Schwarzwald. Er schreibt Romane, Biografien,
Drehbücher und Hörspiele. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche
Literaturpreise und Stipendien. In der Reihe „Mein Leben“ im Arena
Verlag erscheinen von ihm in Zusammenarbeit mit Mihrali Simsek:
„Mit 18 mein Sturz. Mein Leben im Gefängnis“ und „Online fühle ich
mich frei. Mein Leben im Netz“ zusammen mit Julia Kristin.

Inhaltsverzeichnis

Marie

Steffen

Annabell

Pia

Jenny

Frau Braun

Jenny

Marie

Steffen

Annabell

Pia

Jenny

Frau Braun

Marie

Steffen

Jenny

Frau Braun

Jenny

Annabell

Jenny

Frau Braun

Jenny

Marie

Jenny

Pia

Jenny

Steffen

Jenny

Marie

Jenny

Danksagungen

Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden

Wer aufgibt, verliert.

Jenny Schreiber

 

»Ich wünsche mir, dass sowohl Sportals
auch Mordwaffen richtig aufbewahrt
werden, nämlich in einem richtigen
Waffenschrank im Schützenverein.«
Marie

Marie

Zur Zeit der Tat 16 Jahre alt
Heute Angestellte in einem Kreditinstitut
und Studentin

Es riecht verbrannt. Nicht so, wie wenn ich mal das Essen anbrennen lasse. Eher wie Silvester. Nein, auch nicht. Viel intensiver. Ein scharfer, beißender Pulvergestank hängt in der Luft.

Und es ist laut. Es ist unglaublich laut. Wenn im Fernsehen geschossen wird, klingt das anders. Viel leiser. Als ob die Fernsehmacher den Zuschauern den Krach nicht zumuten wollen. Doch die Wirklichkeit ist anders. Wenn geschossen wird, ist es wahnsinnig laut. Wenn in einer Schule geschossen wird, in einem Klassenzimmer, dröhnen dir die Ohren.

Ich kann nicht sagen: Mein schlimmster Albtraum ist wahr geworden, denn ich hatte nie solche Albträume, wenigstens nicht vor dem Amoklauf. Wer denkt schon daran, dass sich plötzlich die Tür zum Klassenzimmer öffnet, ein Junge hereinkommt und gezielt und seelenruhig um sich schießt? Kein Mensch tut das, vor allem nicht, wenn er in Winnenden zur Schule geht. Das ist eine kleine, friedliche Stadt, umgeben von Weinbergen. Hier ist die Welt in Ordnung. Zumindest dachten wir das. Heute denkt das keiner mehr. Vielleicht ist die Welt ja nirgendwo in Ordnung. Vielleicht ist das alles bloß Wunschdenken.

Der Amoklauf von Winnenden passierte am 11. März 2009, doch meine Erinnerungen beginnen einen Tag davor. Ein völlig unbeschwerter Tag vor dem absolut schlimmsten Tag meines Lebens. Meine Mutter kommt aus dem Urlaub zurück und ich verbringe Zeit mit ihr, mit meinem Vater, mit meiner Schwester. Wenn man fröhlich ist, wenn man lacht, wenn man den Zusammenhalt in der Familie genießt – wie kann man in dieser Situation daran denken, dass keine 24 Stunden später alles anders sein wird? Wie kann man daran denken, dass ein Sturm aufzieht, von dem noch keine Wolke am Himmel zu sehen ist? Doch der Sturm zieht bereits auf. In einem Nachbarort hockt ein 17-jähriger Junge in seinem Zimmer und brütet über finsteren Plänen. Später wird es heißen, er sei ein stiller und unauffälliger Junge gewesen, keiner von denen, die sich immer in den Vordergrund drängen. Noch später wird es heißen, dass er eine Menge psychischer Probleme gehabt und dass in seiner Familie vieles im Argen gelegen habe. Obwohl diese Familie auf den ersten Blick wie die typische Vorzeigefamilie aussieht: Sie wohnt in einem schönen, großen Haus. Der Vater ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Vor der Tür steht ein Sportwagen. Also alles in bester Ordnung? Nein, nichts ist in Ordnung. Denn der Junge spielt blutige Killerspiele an seinem Computer, hat Fantasien voller Gewalt, hat kaum Freunde.

Und denkt, morgen werde ich sie alle umbringen.

Morgen, denkt er, kennt mich die ganze Welt.

So stelle ich es mir vor. Ob es tatsächlich so war, kann heute keiner sagen. Alles, was ich mit Sicherheit weiß, ist, was ich am Tag vor dem Amoklauf getan habe: Ich habe mit meiner Familie gelacht und gescherzt. Es wird unser letztes Lachen für eine lange Zeit sein.

Am nächsten Tag schreiben wir eine Deutscharbeit. Ein Diktat. Kein Problem für mich, Diktate sind für mich ein Klacks. Aber meine Freundin konnte sie noch nie leiden. Wir sitzen in der Schule in derselben Bank und verbringen auch danach viel Zeit miteinander. Wir verstehen uns bestens. Ich habe vor, ihr beim Diktat etwas zu helfen. Doch zuerst haben wir Französisch, danach Mathematik. Erst dann folgt die Klassenarbeit.

Ahne ich am Abend davor, dass es die letzte Nacht meiner Freundin sein wird? Ahne ich, dass sie morgen sterben muss? Ahne ich, dass der Junge aus dem Nachbarort ganz leicht an eine Waffe kommt? Weil sein Vater ein ganzes Arsenal davon zu Hause bunkert? Und dazu jede Menge Munition?

Nichts davon ahne ich. Auch nicht, was der Attentäter selbst an diesem Abend tut. Schläft er? Oder liegt er wach, sich ausmalend, was er am nächsten Tag anstellen wird? Niemand weiß davon. In seiner Familie wird wenig gesprochen. Davon wird später vor Gericht häufig die Rede sein. Man wird nie erfahren, ob er in der Nacht gut geschlafen hat, aber man wird erfahren, dass er beim Frühstück ganz normal seinen Kaba trinkt, bevor er aufbricht, um fünfzehn unschuldige Menschen zu ermorden. Seine Mutter wird vor Gericht behaupten, sie habe nichts Auffälliges an ihm bemerkt.

Und was ist mit mir? Bemerke ich etwas Auffälliges? Es heißt ja, dass man aufkommendes Unheil mitunter spüren kann. Hunde und Katzen reagieren schon Stunden vorher auf ein Erdbeben. Doch ich merke nichts. Ich schlafe tief und fest in dieser Nacht. Das einzig Bemerkenswerte ist: Am nächsten Morgen erwache ich mit einer Erkältung. Meine Mutter ist der Meinung, ich solle zu Hause bleiben. Ich solle nicht mit der Erkältung in die Schule gehen. Ich bin anderer Meinung. Ich muss unbedingt zur Schule, weil ich doch meiner Freundin beim Diktat helfen will. Seither gibt es ein »was wäre wenn« in meinem Leben. Was wäre, wenn ich an diesem Tag nicht zur Schule gegangen wäre? Doch ich gehe zur Schule, aber schreibe die Klassenarbeit trotzdem nicht, weil es gar nicht mehr dazu kommt.

Normalerweise nehme ich den Schulbus nach Winnenden, eine Fahrtstrecke von rund 20 Minuten. Heute muss ich nicht zum Bus rennen. Mein Vater nimmt mich mit.

Meine Schule heißt Albertville-Realschule und ist eine von zwei Realschulen in Winnenden. Bei uns gibt es rund 20 Klassen mit gut 580 Schülern. Den Namen trägt die Schule, weil Winnenden eine Städtepartnerschaft mit Albertville pflegt, einem Ort in den französischen Alpen, mitten im größten Skigebiet der Welt. 1992 wurden dort die Olympischen Winterspiele ausgetragen. Die erste Stunde müssen wir aber woanders verbringen. Ich bin in der 10. Klasse und die ist aufgeteilt in einen technischen Zweig und einen mit Französisch als Zusatzfremdsprache. Ich habe Französisch gewählt und der Unterricht findet in einem Nebengebäude statt. Danach gehen wir zurück in die Albertville-Realschule. Mathematik haben wir im Raum 301. Als wir dort ankommen, ist die kleine Pause zwar vorbei, von unserem Lehrer aber noch nichts zu sehen. Soll mir recht sein, denke ich, und packe mitgebrachten Kuchen aus. Es ist ein Gewürzkuchen, den verteile ich an meine Freundin und zwei weitere Mädels, die mit mir vorm Klassenzimmer sitzen. Als der Lehrer ein paar Minuten später kommt, schickt er uns mit den Worten »Warum seid ihr noch nicht drin?« ins Klassenzimmer.

Meine Freundin und ich haben verabredet, heute die Plätze zu tauschen. Ich nehme ihren Platz ein, sie meinen. Mathematik mag ich nicht und prompt muss ich dem Lehrer heute auch noch die Hausaufgaben vorlegen. Die Stunde fängt ja gut an, denke ich. Doch alles ist in Ordnung und ich darf zurück auf meinen Platz.

In diesem Moment knallt es. Einmal, zweimal, dreimal. Wahrscheinlich der Hausmeister. Hieß es nicht, er wird heute etwas an der Heizung reparieren? Wieder knallt es. Das ist aber sehr laut. Ist es wirklich der Hausmeister? Wenn ja, was macht der bloß… ich komme nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu bringen. Plötzlich geht die Tür zum Klassenzimmer auf. Wieder knallt es. Dieses Mal sehr, sehr laut. Wie eine Explosion. Wie viele Explosionen. Aus den Augenwinkeln sehe ich einen Jungen im Türrahmen. Ist das eine Pistole in seiner Hand? Schießt er? Er schießt! Um Himmels willen, er schießt!! Es ist unglaublich, wie schnell man in solchen Situationen denkt. Das ist ein Abschlussscherz, denke ich, nein, das kann kein Abschlussscherz sein, wir sind doch die Abschlussklasse! Wir sind die 10te! Wenn jemand einen Abschlussscherz macht, dann wir. All diese Gedanken wirbeln durch meinen Kopf, während der Junge immer wieder die Pistole abfeuert. Ich kann sehen, wie meine Mitschüler sich auf den Boden werfen, und auch meine Freundin und ich liegen plötzlich dort. Haben wir uns fallen lassen? Wurden wir getroffen? Wir liegen im Löffelchen, ich habe mich leicht aufgestützt, meine Hand liegt mit gespreizten Fingern auf dem Bauch meiner Freundin. Und der Junge schießt. Und schießt. Und schießt. Er schießt auch auf meine Freundin. Wahrscheinlich ist sie sofort tot, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich normalerweise an ihrem Platz gesessen hätte.

Dann wird es plötzlich ruhig. Der Junge hat aufgehört und die Stille, die entsteht, ist mit Händen greifbar. Er verlässt das Klassenzimmer.

Aber nicht endgültig. Er kommt zurück. Erneut fallen Schüsse. Sehr präzise Schüsse. Später werden wir erfahren, dass sein Vater ihn oft mit in den Schützenverein genommen hat, damit er schießen lernt. Wieder macht er kehrt und geht. Mein Lehrer schreit, dass wir aus dem Fenster klettern und uns in Sicherheit bringen sollen. Nach einer Weile merke ich, dass nur noch ich, eine Schulkameradin und der Lehrer im Klassenzimmer sind. Ich versuche, meiner Freundin Tee aus meiner Sigg-Flasche einzuflößen. Vergeblich. Plötzlich stehe ich ebenfalls am Fenster. Draußen führt eine Feuerleiter hinab, doch ich habe wohl einen Tunnelblick, ich sehe sie nicht richtig. Also springe ich und lande hart auf dem Boden. Ein Schmerz durchzuckt mich, ich achte nicht darauf. Erst später wird sich herausstellen, dass ich mir beim Sprung einen Wirbelfortsatz gebrochen habe. Aber was ist ein Wirbel gegen das, was sich in den letzten paar Minuten abgespielt hat? Sechs Leben wurden in meinem Klassenzimmer ausgelöscht, einfach so, von einer Minute auf die andere. Von einem Jungen, der an diesem Morgen seinen Kaba trank, bevor er sich zum Töten aufmachte. Über den seine Mutter sagen wird, ihr sei an ihm nichts aufgefallen. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es noch sehr viel mehr Tote und Verletzte geben wird. Ich sehe mich um. Nur mein Lehrer und meine Klassenkameradin sind noch da. In diesem Augenblick hört mein bisheriges Leben auf und ein neues beginnt.

»Ich wünsche mir, dass ich mein Leben
so normal weiterführen kann, wie es nur geht.
Ich will viel vergessen, was ich gesehen habe,
auch wenn das kaum möglich sein wird.«
Steffen

Steffen

Zur Zeit der Tat 15 Jahre alt
Heute Auszubildender bei der Stadtverwaltung

Der 10. März 2009 ist einer dieser ganz normalen Tage, an die man sich später kaum erinnern kann. Ich würde mich sicher nicht an ihn erinnern, wäre er nicht der Tag vor dem 11. März 2009 gewesen. Der Tag vor dem Amoklauf. Nur deshalb erinnere ich mich. An diesem Tag muss ich von Weiler zum Stein, wo wir wohnen, nach Winnenden. Der Anlass ist nicht gerade prickelnd: Ich habe einen Termin bei meiner Nachhilfelehrerin. Unsere Klasse, die 9c, wird morgen eine Mathematikarbeit schreiben, und weil Mathe nicht mein bestes Fach ist, wollen wir noch ein paar Übungen machen. Die Lehrerin hilft mir sehr, sie motiviert mich. Sie wohnt nicht weit von meiner Schule, der Albertville-Realschule, entfernt, was auch von Vorteil ist, weil ich gleich im Anschluss Sportunterricht habe. Ich habe nur wenig Zeit zwischen der Nachhilfe und dem Sport. Die verbringe ich mit meiner Klassenkameradin Kristina in der Nähe der Fahrradständer. Wir hören Musik, teilen uns einen Kopfhörer. Dann muss ich schon wieder los, um mich für den Sport umzuziehen. Unser Lehrer hat eine Idee, die er ganz toll findet, wir aber eher nicht: Steptraining im Treppenhaus. Er jagt uns das Treppenhaus hoch und wieder runter, hoch und wieder runter. Spaß macht das nicht. Doch als ich am Abend nach Hause komme, ist es vergessen. Nicht vergessen dagegen ist die Mathearbeit. Hoffentlich schaffe ich sie. Hoffentlich waren die Nachhilfestunden nicht umsonst. Damit ich am nächsten Tag ausgeschlafen bin, verzichte ich auf das Champions-League-Spiel im Fernsehen und gehe früh zu Bett.

Und dann ist auch schon der 11. März 2009. Ein Mittwoch. Kurz nach halb acht bin ich unterwegs zur Bushaltestelle, wie so oft in meinem Leben. Ich weiß gar nicht, wie oft. Man zählt schließlich nicht mit, wie häufig man zur Bushaltestelle geht. Doch es gibt ein Wort dafür, und das heißt Routine. Gewohnheit. Ich bin es gewohnt, morgens zur Bushaltestelle zu gehen. Es ist alltäglich. Darum sollte auch der 11. März 2009 ein Tag wie jeder andere sein, einer dieser ganz normalen Tage, mit nur einer kleinen Ausnahme, und die heißt Mathearbeit. Sie bringt auch eine Veränderung in meine Bus-Gewohnheit: Normalerweise höre ich morgens immer Musik. Ich trage meinen Kopfhörer, um mich ein wenig von den anderen abzuschirmen. Das mache ich aber nicht, wenn eine Klassenarbeit ansteht. Dann gibt es für mich keinen Kopfhörer und keine Musik. Ich glaube, dass ich mich auf diese Weise besser konzentrieren kann. Ich bin nervös, wie immer, wenn wir eine Arbeit schreiben.

Die Schule beginnt um 8:20 Uhr, und da der Bus ein paar Minuten früher ankommt, bleibt mir noch Zeit zum Durchatmen. Okay, los geht’s. Ich werde die Arbeit schon schaffen! Dann kommt unser Klassenlehrer Herr Wilhelm, zusammen mit der Referendarin Frau Schüle. Sie teilen die Arbeiten aus. Ich werfe einen Blick darauf und bin erst einmal erleichtert: Aufgabe Nummer eins werde ich auf jeden Fall lösen, bei der zweiten bin ich mir noch nicht ganz sicher, die dritte kriege ich auch hin, die vierte ebenfalls, bei der fünften weiß ich es nicht. Ich arbeite zügig, das mache ich immer so. Dann werden die Arbeiten eingesammelt. Neben mir sitzt mein Freund Sven und schaut mich fragend an. Ich hebe den Daumen. Er tut das Gleiche. Dann grinsen wir. Das wäre geschafft.

»Hast du gestern Bayern gegen Lissabon gesehen?«, fragt Sven.

Ich schüttle den Kopf. Das Achtelfinale in der Champions League war zwar eine echte Versuchung gewesen. Aber Mathe ging vor.

»7:1 für München!« Sven war ganz aus dem Häuschen. »Das ging Zack-zack-zack. Zweimal Podolski, dann ein Eigentor der Portugiesen, dann Schweinsteiger, van Bommel, Klose und in der 90sten Müller.«

»Müller? Wer ist denn das?«

»Der ist neu. Thomas Müller. Kommt rein und macht die Kiste. Nach einer Ecke. Echtes Abstaubertor.«

Wir rätseln eine Weile, wer Thomas Müller ist. Dann taucht Frau Braun auf, unsere Deutschlehrerin, und wir müssen die Diskussion über Müller vertagen. Etwas anderes steht auf dem Programm. Seit einiger Zeit nehmen wir im Unterricht das Thema »Wie Medien Jugendliche beeinflussen« durch. Gemeint sind damit weniger Fußballspiele, sondern die ganzen Serien, Sitcoms, Fernsehshows, Computerspiele und Internetgames. Dazu haben wir ein Arbeitsbuch bekommen, auf dessen Titelseite die Teletubbys abgebildet sind, diese komischen runden Figuren mit Antennen auf dem Kopf und einem Bildschirm auf dem Bauch. Doch als Erstes besprechen wir die Hausaufgaben. Gestern hatte uns Frau Braun einen Aufsatz ausgeteilt. Geschrieben hat den Manfred Spitzer, ein Psychiater, Psychologe und Hochschulprofessor. Frau Braun erklärte, dieser Mann sei Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm und einer der führenden Experten in der Gehirnforschung. In Experimenten habe er festgestellt, dass sich das Gehirn von Jugendlichen verändert, wenn sie häufig aggressive Computerspiele spielen. Darüber diskutieren wir jetzt und in der Klasse gibt es geteilte Meinungen. Manche meiner Klassenkameraden sagen, dass Computerspiele – auch die mit Gewalt – für sie reine Entspannung seien. Aber es gibt auch andere Meinungen. Ich selbst kann wenig dazu sagen, weil ich selten Computer spiele. Ich habe keine Zeit dafür, weil ich in der Jugendfeuerwehr bin. Doch die Diskussion ist interessant und ich höre aufmerksam zu. Es geht hin und her. Ist es tatsächlich so, dass Killerspiele aus einem normalen Jugendlichen einen aggressiven Jugendlichen machen können? Dass sie sein Gehirn verändern? Wir sind mitten in der Debatte, als etwas sehr Unheimliches passiert.

Die Tür geht auf.

Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob vorher geklopft wurde, aber ich weiß noch, dass Frau Braun »Ja, bitte« sagte. Also muss angeklopft worden sein. Also klopfte der Junge, der jetzt bewaffnet hereinstürmt, vorher noch höflich an. Die Klasse dreht sich zu ihm und er beginnt zu schießen. Es ist Tim Kretschmer, ich erkenne ihn sofort, schließlich wohnt er im selben Ort wie ich. Aber ich verstehe überhaupt nicht, was er da tut. Es ist so bizarr: Eben diskutieren wir noch darüber, ob Killerspiele einen Jugendlichen verändern. Und zur Tür rein kommt einer, der zu Hause dauernd Killerspiele spielte. Er hat eine Pistole dabei, aus der er, ohne nachladen zu müssen, schießen kann, und das tut er auch. In die Tafel schlagen Kugeln ein und Splitter fliegen durch den ganzen Raum. Ich lass mich zu Boden fallen und werfe dabei den Tisch um. Ist ein Tisch Schutz gegen diese Kugeln? Ich habe ja keine Ahnung, dass Tim Kretschmer mit einer Beretta-Pistole bewaffnet ist. Das ist eine Kriegswaffe, mit der man durch Wände schießen kann. Auch andere werfen jetzt ihre Tische um und verstecken sich dahinter. Es dauert eine Weile, bis ich den Mut fasse, zur Tür zu blicken. Da ist keiner mehr. Tim Kretschmer hat den Raum verlassen.

»Das war ein schlechter Scherz«, denke ich. Es ist komisch, was man in solchen Situationen denkt. Denn ich weiß, dass es kein Scherz war. Sondern tödlicher Ernst. Jemand ruft: »Frau Braun, schließen Sie die Tür zu!«, und ich greife nach meinem Handy. Vielleicht bin ich so schnell, weil ich in der Jugendfeuerwehr ausgebildet wurde. Jedenfalls bin ich der Erste, der die Polizei anruft. Es ist exakt 9:33 Uhr.

Ich sage: »Albertville-Realschule, da gibt’s eine Schießerei.«

Nie im Leben hätte ich gedacht, so einen Satz aussprechen zu müssen. Jetzt kommt er mir wie selbstverständlich über die Lippen: Albertville-Realschule, da gibt’s eine Schießerei. Ich weiß nicht, ob der Polizist mich versteht. Es ist furchtbar laut. Bei uns im Klassenzimmer, aber auch draußen auf dem Flur. Dauernd fallen Schüsse. Es kommt mir vor, als sei Tim Kretschmer nicht allein. Das müssen mehrere sein, denke ich, mindestens zwei oder drei Leute. Unmöglich, dass einer allein so häufig schießen kann! Tim hat irgendwelche Kumpane dabei und die ballern sich durchs Schulhaus wie in einem Film! Es ist ausgeschlossen, dass er alleine es auf uns abgesehen hat.

Aber so ist es. Tim ist alleine. Und er hat es auf uns abgesehen. Er sucht sich die Klassenzimmer ganz gezielt aus. Er wählt die, in denen Jugendliche aus seinem Ort wohnen. Und er schießt vor allem auf Mädchen und Frauen. Acht Schülerinnen und eine Lehrerin bringt er um. Neun weitere Schülerinnen und eine Lehrerin kommen schwer verletzt ins Krankenhaus.

Neben mir schluchzt jemand. Es ist Sven, er weint. Das kenne ich gar nicht von ihm. Ich bin durcheinander. Gerade haben wir uns doch noch über Thomas Müller unterhalten und darüber gelacht, wie die Bayern Lissabon abgefertigt haben. Jetzt heult Sven.

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