Logo weiterlesen.de

Verlagslogo

James Runcie

Die Schrecken der Nacht

Sidney Chambers ermittelt

Roman

Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann

Atlantik

Die Schrecken der Nacht

Wenn der Tag über dem Dorf Grantchester sich verabschiedet, schüren seine Bewohner Feuer im Kamin, ziehen die Vorhänge zu und versperren die Türen vor der gefährlichen Dunkelheit. Die Schwärze dort draußen ist ein memento mori, ein nächtlicher Bote aus jenem düsteren Land, von dem kein Reisender je zurückkehrt.

Doch Canon Sidney Chambers verspürte keine Angst. Er mochte Winternächte. Es war der 8. Januar 1955. In der Ferne lag Cambridge wie zweidimensional unter dem trügerischen Zauber des Mondes. Die Silhouetten der Collegegebäude wirkten vor dem dunkelnden Himmel wie aus einem Märchenbuch und ließen Sidney an gefangene Prinzessinnen denken, an Ritter, die in gefährlichem Auftrag durch die Wälder unterwegs waren, und an Holzfäller, die Nachschub für die Feuerstellen der großen mittelalterlichen Hallen heranschleppten. Der Fluss Cam war zu Eis erstarrt, in dem abgebrochene Äste, verstreute Zweige und welkes Laub steckten. Auf dem Geländer der Clare Bridge saßen runde weiße Kugeln, die aussahen wie Schneebälle eines Riesen. Südlich davon, jenseits des weiß überpuderten Rasens, leuchtete der Schnee auf dem Dach und den Türmchen der King’s College Chapel in einem intensiven Weiß. Der Wind jagte um das alte Gemäuer und wehte weiße Schwaden auf die Gesimse und Fensterkreuze. Die Bleiglasfenster wirkten düster und schienen auf etwas zu warten – eine neue Reformation vielleicht, einen Luftangriff oder gar das Ende der Welt. Nur hin und wieder drang ein Geräusch durch die Stille der Nacht – ein Auto fuhr vorbei, ein Betrunkener krakeelte, man hörte die Schritte der Aufseher, die ihre Runden machten. In Corpus Christi, Sidneys College, hingen Eiszapfen an den Regenrinnen, und dicke Schneeplatten rutschten von den Traufen des Old Court. An den Geländern lehnten Fahrräder mit vom Raureif überpuderten Speichen. Es war ein Abend, an dem man die Vorhänge zuzog, sich einen Grog machte und im Lieblingssessel am Kamin ein gutes Buch las, den treuen Hund zu Füßen.

Sidney hatte sich mit seinem Freund Inspector Keating im Eagle zwei Bier gegönnt und war jetzt auf dem Heimweg. Es war nach zehn, und die meisten Studenten saßen in ihren Colleges fest. Bis Mitternacht erhielten sie nach Zahlung einer Verspätungsgebühr noch Einlass durch den Pförtner, danach kamen sie auf legalem Wege nicht mehr in ihre Häuser. Wer in den frühen Morgenstunden auf sein Zimmer wollte, musste sich als Fassadenkletterer betätigen. Sidney hatte als Student einmal diesen Weg gewählt – etwa zehn Jahre bevor er Pfarrer von Grantchester geworden war, war er von der Free School Lane über den Zaun an der St. Bene’t’s Church, an einer Regenrinne hoch, über die Dächer und das Gewächshaus und durch ein offenes Fenster der Master’s Lodge geklettert. Kurz nach diesem Abenteuer hatte Sidney erfahren, dass die Route bekannter war, als er geahnt hatte, und dass Sophie, die Tochter des Rektors, häufig ihr Fenster offen ließ in der Hoffnung auf ein kleines nächtliches Techtelmechtel. Das verbotene Nachtklettern galt als großer Jux und war in Cambridge zum Sport geworden. Zwiebeln wurden über das Schrägdach der theologischen Fakultät gerollt, Regenschirme auf dem schwankenden Turm der Old Library deponiert, und ein kanadischer Student in King’s arbeitete an dem Plan, eine Ziegenherde auf sein Collegedach zu treiben.

Die Gefahr, entdeckt und früher oder später relegiert zu werden, hatte Sidney davon abgehalten, sich weiter an solchen Aktivitäten zu beteiligen, aber Gerüchte über tollkühne Gebäudekletterer waren nach wie vor ein großes Thema in den Gemeinschaftsräumen der Colleges. Die Hochschulbehörde hatte die nächtlichen Patrouillen verstärkt, aber die Studenten setzten noch immer im Namen von Freiheit und Abenteuer ihr Studium aufs Spiel und berieten sich flüsternd darüber, wie sich am besten ein Foto schießen ließe, während sie das Great Gate in Trinity, den New Tower von St. John’s oder die Nordfassade von Pambroke erklommen.

Die größte Herausforderung für die Gipfelstürmer waren die vier achteckigen Türme der King’s College Chapel. In dieser Nacht führte Valentine Lyall, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Corpus, eine Expedition auf einen der Türme an, was fatale Folgen haben sollte.

Sidney horchte auf, als er auf der King’s Parade einen Tumult hörte, und bog von der Bene’t Street nicht wie gewohnt nach links, sondern nach rechts ab. Lyall war einer der bekanntesten Kletterer an der Hochschule. In seiner Begleitung befanden sich Kit Bartlett, sein Doktorand, ein blonder, durchtrainierter Cambridge Blue, und Rory Montague, ein eher untersetzter Student im dritten Jahr, der die Expedition mit der Kamera für die Nachwelt festhalten sollte.

Alle drei trugen Rollkragenpullover und Turnschuhe. Die Klettertour sollte in zwei Phasen vor sich gehen – von der Straße bis zum Dach und vom Dach auf den Nordostturm. Lyall übernahm die Führung, indem er seine Hände zwischen die Befestigungsklemmen des Blitzableiters schob und sich nach oben zog. Über die Schulter hatte er sich zwei Seilrollen gehängt. Mit den Füßen stemmte er sich gegen die Wand.

Die Studenten folgten mit Taschenlampen und schoben sich nach kurzer Pause auf einem breiten abschüssigen Sims zwischen zwei Wänden hoch. Der steinerne Flansch, gegen den sie die Füße stemmten, war zehn Zentimeter breit. Sidney sah, wie einer der Kletterer innehielt und zu dem schmiedeeisernen Gitter heruntersah. Er befand sich fünfzehn Meter über dem Boden und hatte noch zwölf vor sich.

Die Aufseher waren schon zur Stelle. »Kann ihnen jemand nachgehen?«, fragte Sidney.

»Das wäre lebensgefährlich«, hieß es. »Wir notieren die Namen, wenn sie runterkommen. Kann sein, dass sie gar nicht aus diesem College sind. Vermutlich haben sie sich versteckt gehalten, während die Pförtner ihre Runde machten. Das muss aufhören, Canon Chambers. Für die da oben mag es ein Jux sein, aber uns gibt man die Schuld.«

Die Kletterer versammelten sich am Sockel des achteckigen Turmes, der in sechs Stufen vom Dach aufragte. Die ersten Abschnitte boten keine größeren Schwierigkeiten, denn das steinerne Maßwerk bot genug Haltegriffe, aber danach wurde es kritisch. Lyall umrundete den Sockel und entdeckte über dem ersten Überhang mehrere Lücken in einer Kreuzrose, die er wie eine kurze Leiter nutzen konnte. Er war jetzt über dreißig Meter vom Boden entfernt.

Er kletterte weiter bis zu dem schachbrettartigen Mauerwerk knapp unter der Spitze. »Vorsicht, Leute«, rief er den anderen zu, »das Gemäuer hier ist mürbe. Seht zu, dass ihr an drei Stellen Halt habt, mit zwei Händen und einem Fuß oder einer Hand und beiden Füßen.«

Rory Montague verlor die Nerven. Am zweiten Überhang merkte er, dass er über fünfzehn Zentimeter keinen Halt mit den Händen hatte. »Das schaffe ich nicht«, erklärte er.

Bartlett redete ihm gut zu. »Nicht aufgeben. Nimm die Knie zu Hilfe. Halt dich dicht an den Stein. Lehn dich nicht zurück.«

»Ich werde mich hüten.«

»Es sind nur noch drei Meter.«

Lyall war schon auf dem zweiten Überhang. »Wir brauchen ein Foto.«

»Nicht jetzt«, zischte Bartlett.

»Hilfe!« rief Montague. »Ich komme nicht weiter.«

»Schau nicht nach unten.«

»Es ist stockfinster.«

Lyall leuchtete ihm mit der Taschenlampe. »Halt dich rechts, da ist eine Regenrinne.«

»Und wenn sie nachgibt?«

»Wird sie schon nicht.«

»Sie hört aber vor der Brüstung auf.«

»Dann sind es nur noch zwanzig, dreißig Zentimeter.«

»Ich brauche das Seil«, rief Montague hoch.

»Moment.« Lyall hatte die letzte Brüstung erreicht, hielt sich mit beiden Händen daran fest und zog sich hoch, bis er mit den Füßen die oberste Spalte im Mauerwerk erreichen konnte.

Bartlett folgte, und die beiden warfen das Seil nach unten. Montague fing es auf und machte sich an die letzte Steigung.

Sidney war ein Stück an der Nordseite des Kirchenschiffs weitergegangen, um besser sehen zu können. Schnee fiel ihm in die Augen, während die fernen Gestalten dort oben vor dem Licht des Mondes und der Taschenlampen wie Schattenrisse wirkten. »Wenn sie fallen, gibt es nichts, was sie auffangen könnte«, sagte er.

»Die fallen nie«, sagte einer der Aufseher.

»Der Abstieg ist bestimmt noch schwieriger«, vermutete Sidney.

»Wenn sie erst mal zurück auf dem Dach sind, gehen sie innen durch – das heißt wenn sie einen Schlüssel haben, und das ist ihnen zuzutrauen.«

»Und Sie warten dann unten?«

»Unterm Dach können sie sich verstecken, bis sie glauben, dass die Luft rein ist. Letztes Jahr waren zwei stundenlang drin. Da haben wir einfach das Treppenhaus von außen versperrt und gewartet, bis der Hunger sie uns in die Arme getrieben hat.«

»Einen anderen Fluchtweg gibt es nicht?«

»Bisher hat niemand einen gefunden.«

Der Wind hatte sich gelegt. Lyall gab Rory Montague Anweisungen für den Abstieg: »Halt dich am Seil fest und lass dich langsam herunter. Stütz dich mit den Füßen an der Rosette ab und halt dich dann links. Da sehen wir dich zwar nicht, aber wir spüren dich.«

Alles lief gut, bis Montague mit einem Fuß ins Leere trat. »Mist!« Er stieß sich von der Wand ab und hing nun mit dem ganzen Gewicht am Seil.

»Was zum Teufel machst du da?«, rief Lyall.

»Ich hab keinen Halt mehr für die Füße.«

»Nimm eine Hand zu Hilfe, ich kann nicht dein ganzes Gewicht halten.«

»Ich brauche beide Hände am Seil, mit einer schaffe ich es nicht.«

»Stemm dich mit den Füßen an die Mauer, nimm die Last von dem Seil.«

»Ich bin zu weit weg.«

Montagues linker Fuß schwebte über dem Absatz und versuchte einen Halt zu finden.

Ein Portier rief hoch: »Kommen Sie sofort runter!«

Montague glitt mit den Händen am Seil herab, seine Handfläche brannte, der rechte Ellbogen stieß an einen Wasserspeier. »Lass das Seil nach«, verlangte er.

»Was soll denn das?«, fragte Lyall.

Montague seilte sich kurz an der Mauer ab, fand Halt mit den Füßen, ruhte sich kurz aus und zog dann wieder an dem Seil.

»Was machst du denn da?«, rief Lyall nach unten »Du musst uns sagen, wann du das Seil nicht mehr brauchst, damit ich mich losbinden und absteigen kann. Dazu brauche ich kein Seil.«

»Aber ich«, gab Montague zurück und überlegte, wo Freund Bartlett wohl abgeblieben war.

»Gut, ich schwinge mich jetzt nach außen, damit du mehr Seil bekommst. Bist du außer Gefahr?«

»Ich denke schon.«

»Gut. Ich will nur … zum Teufel … warte … oh …«

Und dann stürzte er – stürzte rücklings durch Nacht und Schnee, vorbei an den grimassierenden Wasserspeiern, immer schneller, immer schneller, bis er auf dem Boden aufschlug, der nicht weich genug war, um seinen Tod zu verhindern.

Man hörte keinen Schrei, nur den dumpfen Aufprall ohne Widerhall. Einen Moment schwiegen alle fassungslos.

»Mein Gott«, stieß einer der Aufseher hervor.

»War das Mr. Lyall?«, fragte Montague. »Das Seil ist schlaff. Wo ist Bartlett? Ich bin allein. Ich weiß nicht, wie ich runterkommen soll.«

»Lassen Sie sich Zeit«, rief einer der Pförtner.

»Ist Mr. Lyall gestürzt?«

»Klettern Sie aufs Dach runter, dann holt Sie jemand. Kennen Sie die Innentreppe?«

»Wo ist die?«

»Im Dach ist eine Falltür. Warten Sie dort, wir kommen.«

»Ich weiß nichts von einer Falltür. Wo ist Kitt? Was ist mit Mr. Lyall? Ich will nicht sterben!«, rief Montague.

»Wer ist bei Ihnen?«

»Kit Bartlett, das sag ich doch die ganze Zeit. Aber ich weiß nicht, wo er jetzt steckt. Ist Mr. Lyall gestürzt?«

»Aus welchem College sind Sie?«

»Corpus.«

Montague kletterte mühsam nach unten, sprang die letzten beiden Meter aufs Dach und suchte nach der Falltür, die zur Innentreppe führte. Hatte sein Freund Kit sie schon gefunden, oder versteckte er sich irgendwo? Wie hatte er es geschafft, so schnell zu verschwinden?

Auf der King’s Parade näherte sich mit hoher Geschwindigkeit ein Rettungswagen.

 

Sir Giles Tremlett, der Rektor von Corpus, war zutiefst erschüttert über den Tod seines Fellows und bat Sidney am nächsten Abend zu sich. »Sie sind sicher bereit, die Trauerfeier zu übernehmen?«

Es war in diesem Jahr schon Sidneys dritte Beerdigung. Die Sinnlosigkeit dieses Todesfalls machte ihn traurig. »Ich habe Lyall nicht gut gekannt.«

»Aber es wäre angemessen, wenn ein Fellow aus unserem College in Grantchester seine letzte Ruhe fände.«

»Er war vermutlich kein Kirchgänger?«

»Heutzutage sind das die Naturwissenschaftler selten.« Der Rektor schenkte einen großzügigen Sherry ein und hielt dann inne. »Tut mir leid – ich vergesse immer, dass Sie das Zeug nicht mögen. Einen kleinen Whisky?«

»Mit Wasser. Es ist noch ziemlich früh.«

Der Rektor von Corpus wirkte nervös. Normalerweise hätte er die Getränke von einem Diener servieren lassen, aber ganz offensichtlich lag ihm an einem ungestörten Gespräch. Sir Giles war ein hochgewachsener Mann mit langen sauberen Händen und eleganten Fingern. Seine Ausdrucksweise war so glatt und gepflegt wie sein Hemd, er trug einen dunkelblauen Anzug mit Weste aus der Savile Row und den Regimentsschlips der Grenadier Guards. Im Ersten Weltkrieg hatte er Seite an Seite mit Harold Macmillan gekämpft und war gut befreundet mit Selwyn Lloyd, dem Außenminister. Seine Frau, Lady Celia, trug nur Chanel, die beiden Töchter hatten in den niederen Adel eingeheiratet. Mit Anfang fünfzig mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet, galt der Rektor von Corpus als eine der Schlüsselfiguren des britischen Establishments, sodass Sidney sich manchmal fragte, ob er ein College in Cambridge nicht als zu provinziell empfand.

Als früherer Diplomat kannte sich Sir Giles mit den Mehrdeutigkeiten im politischen Diskurs und juristischen Formalitäten aus, und er hatte feststellen müssen, wie persönlich Akademiker ihre Streitigkeiten nahmen und wie schwer es fiel, zufriedenstellende Lösungen für ihre Probleme zu finden. Jetzt, nach dem Tod eines der Ihren unter rätselhaften Umständen, würde er all seinen Takt und seine Diskretion brauchen, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. »Ich hatte gehofft, wir könnten den Fall intern regeln, aber daraus wird wohl nichts. Sie kennen Inspector Keating von der Polizei Cambridge?«, fragte er Sidney.

»Wir waren erst gestern Abend zusammen, er wird sich sehr für den Fall interessieren.«

»Das tut er bereits. Heute Nachmittag will er Rory Montague befragen.«

»Und Bartlett?«

»Die Situation ist heikel. Es war unverantwortlich von Lyall, an so einem Abend mit Studenten loszuziehen. Gewiss, einige von uns haben sich schon mal an einer Klettertour versucht, aber damals waren wir noch Studenten. Man sollte denken, dass unser Kollege inzwischen aus diesen Dummheiten herausgewachsen ist. Rory Montague behauptet, dass er sich an nichts erinnern kann. Es wäre gut, wenn Sie mit ihm reden könnten, Sidney.«

»Für ein seelsorgerliches Gespräch wäre wohl eher der Collegekaplan zuständig.«

»Ich möchte aber gern, dass Sie mit ihm sprechen. Sie waren schließlich dabei. Kit Bartletts Verschwinden macht alles natürlich noch schlimmer.«

»Nach wie vor kein Lebenszeichen von ihm?«

»Nein. Seine Eltern haben bereits angerufen. Sie wittern offenbar, dass irgendwas nicht stimmt, und werden irgendwann selbst anfangen Nachforschungen anzustellen. Womöglich gehen sie sogar an die Presse, und das möchten wir natürlich tunlichst vermeiden.«

»Allerdings.«

»Montague sagt, dass Bartlett plötzlich weg war, ehe er den Abstieg begonnen hat. Und noch etwas Eigenartiges: Sein Zimmer ist leer.«

»Als hätte er von Anfang an geplant sich abzusetzen?«

»Ganz genau.«

»Demnach wäre Lyalls Tod kein Unfall?«

»Zu diesem Schluss wird die Polizei bald kommen. Keating ist nicht dumm, er wird bestimmt mitmischen wollen. Ich kann nur vermuten, dass Bartlett untergetaucht ist. Wir werden natürlich mit all seinen Freunden sprechen müssen.«

»Hat Montague gesehen, was passiert ist?«

»Er weiß noch, dass ihm das Seil zugeworfen wurde, danach hatte er angeblich einen Filmriss.«

»Noch etwas?«

»Er hat Höhenangst und ein schlechtes Gewissen deswegen. Wäre er nicht mit von der Partie gewesen, sagt er, hätten sie nicht mit dem Seil gearbeitet.«

»Da fragt man sich aber, warum er überhaupt mitgegangen ist.«

»Er war der Fotograf«, erklärte der Rektor. »Und er wollte wohl den anderen imponieren. Kit Bartlett ist eine charismatische Persönlichkeit, und Lyall war sein Tutor.«

»Pazifisten haben sich im Krieg manchmal ausgesprochen leichtsinnig benommen, um zu beweisen, dass sie keine Feiglinge sind.« Sidney erinnerte sich an zwei Freunde, die als Krankenträger arbeiteten, um nicht töten zu müssen, an einer normannischen Küste aber unglaublichen Wagemut bewiesen, ehe sie vor seinen Augen in die Luft gejagt wurden.

»Ob Montague bei seiner Aussage bleibt, weiß ich natürlich nicht, und ob es uns weiterhelfen würde, wenn er sich zu seiner Verantwortung bekennt, kann ich auch nicht sagen. Das könnte zu einer Anklage wegen Totschlags führen, und das wollen wir ja nicht.«

Sidney trank seinen Whisky aus. »Aber es geht schließlich um die Wahrheit.«

Der Rektor reagierte einigermaßen gereizt. »Einen Skandal kann das College nicht gebrauchen. Unser Spendenaufruf zum sechshundertsten Jubiläum hat ein erfreuliches Echo gezeitigt, und dieses Ergebnis möchte ich nicht gefährden.«

»Wir müssen herausfinden, was geschehen ist.«

»Sehr richtig. Wir werden den Fall fair und kompetent behandeln – das wird meine offizielle Position sein.«

»Soll ich daraus schließen, dass Sie eine inoffizielle Position haben?«

»Die Sache ist sehr diffizil, Sidney.«

»Dann muss man sie mir wohl näher erklären.«

»Inspector Keating wird bestimmt tätig werden. Ermitteln. Fragen stellen.«

»Ja, sicher. Und?«

Der Rektor warf Sidney einen vertraulichen Blick zu. »Ich möchte Sie bitten, mir zu sagen, was er denkt. Ich hätte gern eine Vorwarnung, wenn seine Ermittlungen zu detailliert werden, besonders im Hinblick auf das Privatleben der Beteiligten. Es wäre mir nicht lieb, wenn er sich zu genau mit ihren persönlichen Beziehungen oder ihren politischen Belangen befassen würde.«

»Ich denke, Lyall ist verheiratet?«

»Er war verheiratet. Allerdings war das wohl eher Augenwischerei. Muss ich noch deutlicher werden?«

»Sie möchten also, dass ich die polizeilichen Ermittlungen kritisch im Auge behalte?«

»Ich hätte Sie gern als Verbindungsmann des College. Inspector Keating kennt Sie und vertraut Ihnen.«

»Mit dem Vertrauen dürfte Schluss sein, wenn er merkt, dass ich ihn ausspioniere.«

»Mit diesem Wort würde ich hier vorsichtig sein. Das führt leicht zu unerfreulichen Spekulationen, und davon gibt es schon mehr als genug.«

Sidney wusste, dass die Universität sich noch nicht von der Schmach der ›verschwundenen Diplomaten‹ erholt hatte, der früheren Studenten Burgess und MacLean, die sich vor vier Jahren mutmaßlich nach Moskau abgesetzt hatten. Man hatte Keating in dem Fall zu Rate gezogen, und er hatte sich beschwert, dass man ihm nur unzureichenden Zugang zu den Ermittlungen ermöglicht hatte. Inzwischen war die Geschichte weitergegangen. Gerüchtweise verlautete, dass Kim Philby, ein weiterer »Cambridge Apostle«, nach seinem Ausscheiden bei MI6 im Jahre 1951 zum »dritten Mann« geworden war, und Keating hatte kein Hehl daraus gemacht, dass seiner Meinung nach der neu gegründete KGB unter Führung des »Schrecklichen« Ivan Serow die Universität als fruchtbaren Nährboden für Anwerbungen sah.

»Dass Lyall für die Nachrichtendienste arbeitet, wusste ich nicht.«

»Das habe ich auch nicht behauptet.«

Sidney wartete vergeblich auf eine weitergehende Erklärung.

»Zu Einzelheiten in dieser Angelegenheit kann ich mich nicht äußern. Manches bleibt besser im Dunkeln. Es muss doch eine Möglichkeit geben, den Fall diskret zu klären.«

»Das sehe ich nicht ganz so, Master. Nach einem Todesfall …«

Sidney wusste um die etwas undurchsichtigen Beziehungen zwischen der Hochschule, MI5 und MI6, hatte sich aber immer gehütet, zu viele Fragen zu stellen. Ihm war durchaus klar, wie wichtig es war, intelligente Agenten zu rekrutieren, aber es wäre ihm lieber gewesen, wenn man mit der Anwerbung bis zum Studienabschluss gewartet hätte. Es war zu einfach, junge Menschen auszunutzen, die die Konsequenzen ihrer Begeisterung für Intrigen nicht absehen konnten und die, wenn sie erst einmal Geschmack an Heimlichkeiten und Täuschung gefunden hatten, nicht immer auf der richtigen Seite blieben.

»Ihr Pfarrer bewegt euch doch ständig in der einen oder anderen Grauzone. Moralische Zwangslagen präsentieren sich selten nur in Schwarzweiß. Es ist eine Frage des Vertrauens. Und der Loyalität.«

Die Anspielung missfiel Sidney. »Ich weiß sehr genau, wo meine Loyalitäten liegen, Master.«

»Für Gott und Ihr Land, Ihr College und Ihre Freunde.«

Sidney stellte sein leeres Glas auf das Tablett zurück. »Mögen sie nie miteinander in Konflikt geraten. Guten Abend, Master.«

 

Es hatte wieder angefangen zu schneien, der Schnee auf den vereisten Fahrbahnen und Gehsteigen machte jeden Schritt hochgefährlich. Die meisten Passanten blickten kaum auf, wechselten nur kurze Grüße mit Bekannten und konzentrierten sich darauf, unbeschadet heimzukommen. Wie anders hatte er das gesehen, als er vor dem Krieg mit Bruder und Schwester auf dem Primrose Hill gerodelt und die Gefahr ein Nervenkitzel gewesen war. Jetzt, mit Mitte dreißig, hätte er gern die winterlichen Wetterbedingungen als Ausrede benutzt, um daheim zu bleiben und an seiner nächsten Predigt zu feilen.

Eine weitere komplizierte Ermittlung war das Letzte, was er sich wünschte. Gerade war er von einem Kurzurlaub bei seiner Freundin Hildegard Staunton in Berlin zurückgekommen. Einmal seine Verpflichtungen als Seelsorger und seine Kriminalfälle zu vergessen, war eine Wohltat gewesen. In dieser Nachferienstimmung war ihm mindestens ebenso wie dem Rektor daran gelegen, dass der Vorfall auf dem Dach der King’s College Chapel ein Unfall war und nichts Schlimmeres.

Rory Montague wohnte im New Court auf einem Aufgang nahe der Pförtnerloge. Sidney sah dem Gespräch nicht ohne Bedenken entgegen, denn es würde sicher nicht einfach sein, den jungen Mann zu trösten, ihm aber gleichzeitig Informationen zu entlocken.

Dazu kam das eigentliche Dilemma: Dass ein Amateur sich aus reinem Jux auf gefährliche Klettertouren einließ, verstand er durchaus, das hatte er ja selber mal gemacht. Aber dass ein Fellow seine Studenten mitten im Winter in einer dunklen Nacht und bei Schneefall zu einer so riskanten Besteigung anstachelte, war schierer Wahnsinn.

Was hatte sie dazu getrieben? War es nur die erregende Vorstellung, dass Action Leben sei und so eine Klettertour die Gefahr in reinster Form? War es – wie er sich das Bergsteigen vorstellte – der hypnotisierende Schrecken, der schmale Grat zwischen Leben und Tod, die Tatsache, dass ein Ausrutscher, eine unkonzentrierte Sekunde das Verhängnis bringen konnte?

Montague war ein nervöser Typ mit breiter Brust und krausem braunem Haar, Hornbrille und einem kleinen Muttermal auf der linken Wange. Er trug ein Tweedjackett und einen senffarbenen Pullunder über einem Viyella-Hemd mit dunkelgrünem Schlips. Ein kühner Kletterer, geschweige denn ein Mann, der bewusst den Tod eines Mitmenschen plant, sah anders aus, fand Sidney und entschuldigte sich für sein Kommen. »Ich weiß, dass Sie es in den letzten Tagen nicht leicht hatten.«

»Warum sind Sie hier?«, gab Montague zurück. »Bin ich in Schwierigkeiten? Denken die Leute, dass es meine Schuld war?«

»Ich wurde gebeten, mit Ihnen zu sprechen.«

»Von wem?«

»Vom College. Und ich darf Ihnen volle Vertraulichkeit zusichern.«

»Ich habe doch schon eine Aussage gemacht. Hätte mir denken können, dass das nicht reicht. Habe keine Ahnung, wieso es passiert ist.«

Sidney wählte seine Worte sorgfältig. »Wenn Sie Ihrer Aussage nichts hinzufügen wollen, habe ich dafür Verständnis. Diese Geschichte ist sicher sehr belastend für Sie. Lassen Sie mich nur eins sagen: Wenn Sie darüber hinaus noch etwas mit mir besprechen wollen, stehe ich zu Ihrer Verfügung. Ich habe einige Erfahrung mit der Polizei. Man hatte wohl gehofft, ich könnte helfen, die Sache auszubügeln.«

»Da gibt es nichts auszubügeln, Canon Chambers. Es war ein Unfall. Mr. Lyall ist gestürzt. Dass ich mitgemacht habe, war eine Dummheit, zumal ich Höhenangst habe. Wir hätten gar nicht da oben herumklettern dürfen.«

»Und warum haben Sie es getan?«

»Für Kit war es ein großer Jux. Er wusste, dass sein Tutor solche Sachen macht. Sie waren gut befreundet.«

»Ebenso wie Sie und Bartlett?«

»Alle mögen Kit.«

»Und wissen Sie, wo er jetzt ist?«

»Ich nehme an, er ist heimgefahren.«

»Offenbar nicht. Jetzt machen sich seine Eltern große Sorgen, und Ihnen geht es sicher genauso.«

»Er denkt wahrscheinlich, dass ich auf mich selber aufpassen kann.«

»Und stimmt das?«

»Ich weiß nicht.«

»Wie sind Sie eigentlich in diese Sache hineingeraten?«

»Mr. Lyall wusste, dass ich aus einer Bergsteigerfamilie komme. Mein Vater war einer der jüngsten Erstbesteiger des Ben Nevis – im Winter und auf Eis. Jetzt haben das meine Brüder auch alle geschafft. Ich bin da nicht so erpicht drauf.«

Sidney sah zu dem Schuhgestell mit den ordentlich aufgereihten Stiefeln hinüber. »Sie haben auch ein Paar Kletterschuhe?«

»Das ist in meiner Familie ein Muss.«

»Hatten Sie schon immer Höhenangst?«

»In den Tälern und auf den Höhen des Lake District komme ich gut zurecht, aber alles, was steiler ist als eins zu fünf, halte ich nicht aus.«

»Und wie war das auf dem Dach von King’s?«

»Da hab ich Panik gekriegt.«

»Obwohl Sie nicht bis ganz nach unten sehen konnten?«

»Dadurch wurde es noch schlimmer.«

»Warum haben Sie sich überhaupt darauf eingelassen?«

»Um mich zu beweisen. Um die Angst loszuwerden.«

Die Antwort war zu schnell gekommen, fand Sidney. Er bohrte nach. »Wissen Sie noch, was passiert ist?«

»Ich hatte das Seil zu fassen gekriegt, aber keinen Halt für meine Füße. Ich sagte zu Mr. Lyall, er solle mir mehr Seil geben, und hörte einen Schrei. Dann war mir, als ob Kit nach unten kraxelte, aber ich konnte ja nichts sehen, es war dunkel.«

»Trotz Mond und Schnee?«

»Ich konnte nur das erkennen, was in meiner unmittelbaren Nähe war.«

»Und Sie sollten die Fotos machen?«

»Ja, aber ich hab nicht mal meine Kamera rausholen können.«

»Sie haben keine einzige Aufnahme gemacht?«

»Nein. Ich wollte gerade loslegen, aber dann ist alles in die Hose gegangen.« Rory Montague hielt einen Augenblick inne, dann fügte er noch einen Satz an, den er womöglich gar nicht laut hatte aussprechen wollen. »Ich hasse das alles hier.«

Dieser unerwartete Gefühlsausbruch verblüffte Sidney. »Haben Sie das immer schon so gesehen? ›Hass‹ ist ein starkes Wort.«

»Kit war nett zu mir. Mr. Lyall auch. Er hat gesagt, dass es keine Rolle spielt, woher man kommt, Hauptsache, man steht zu seinen Überzeugungen.«

»Und wie sieht es damit bei Ihnen aus?«

»Zum Chorknaben eigne ich mich jedenfalls nicht – wenn Sie das meinen.«

»Ich dachte an politische Überzeugungen.«

»Ich glaube an Gleichheit. Wir können nicht in einem Land leben, das ein Gesetz für die Armen und eins für die Reichen hat.«

»Verstehe«, sagte Sidney. Er kannte den Reiz, den radikale politische Strömungen auf die Jugend ausüben.

»Das sagen Sie so«, gab Rory zurück. »Aber die Kirche ist Teil des Establishments. Irgendwann muss man sich entscheiden, auf welcher Seite man steht.«

»Ich glaube nicht, dass es eine Frage der einen oder anderen Seite sein sollte«, erwiderte Sidney schärfer, als er beabsichtigt hatte. »Meiner Ansicht nach ist es eine Frage von Fairness und Gerechtigkeit.«

»Dann müssten wir einander eigentlich verstehen.« Rory Montague lächelte schwach. »Auch wenn ich Mitglied der Kommunistischen Partei bin.«

»Manch einer würde das lieber verschweigen. Ich bewundere Ihre Offenheit.«

»Ich schäme mich nicht dafür. Eines Tages, Canon Chambers, kommt die Revolution auch zu uns, darauf können Sie sich verlassen.«

Sollte das eine Drohung sein, oder wollte Montague sich nur wichtigmachen? Dass er so eine Erklärung freiwillig abgab, war erstaunlich. Sollte eine Verbindung zum KGB bestehen – so unwahrscheinlich das auch sein mochte –, war nicht anzunehmen, dass der Junge seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei so ohne weiteres herausposaunen würde. Andererseits war so ein Schritt, wäre er auf »unserer Seite« angeworben worden, eine ebenso offenkundige versuchte Infiltration. Demnach war Montagues einziger Fehler – wenn man von Fehlern sprechen konnte –, dass er politisch naiv war.

Sidney ließ sich im College das geschmorte Lamm schmecken und machte sich erst spät auf den Weg zurück ins Pfarrhaus. Auch wenn er sich nach dem Essen länger als gedacht bei Nüssen, Obst und Alkohol aufgehalten hatte, würde er noch rechtzeitig heimkommen, um Dickens auszuführen. Während er vorsichtig über die gestreuten Straßen radelte, dachte er daran, dass sein Hund ohne große Begeisterung in den Schnee hinausgegangen war. Er war überhaupt in letzter Zeit ein wenig lustlos, hoffentlich kränkelte er nicht. Die letzte Untersuchung beim Tierarzt lag schon eine Weile zurück.

Das Haus lag im Dunkeln, nur in der Küche brannte noch Licht. Dickens begrüßte ihn, einen von Sidneys Hausschuhen in der Schnauze, mit der üblichen Mischung aus Zuneigung und freudiger Erwartung und umrundete seinen Fressnapf in der Hoffnung auf ein zweites Abendessen.

Auf einer kleinen Gasflamme wärmte sich Leonard Graham, Sidneys Hilfspfarrer, Milch für seinen Kakao. »Wir haben ein Abenteuer hinter uns«, bemerkte er.

»Ihr beide?«

»Allerdings. Ich war bei Isabel Robinson. Wusstest du, dass sie krank ist?«

»Ja, aber als Frau eines Arztes ist sie ja in guten Händen.«

»Da bin ich mir nicht so sicher. Ärzte vernachlässigen manchmal gerade diejenigen, die ihnen am nächsten stehen. Im Übrigen nicht nur Ärzte …«

Sidney überlegte, ob diese Bemerkung auf ihn gemünzt war. Sein Hilfspfarrer fuhr fort: »Als ich zurückkam, stand das Fenster deines Arbeitszimmers weit offen, und der Wind wehte herein. Zuerst dachte ich, Mrs. Maguire hätte gelüftet, aber nach Anbruch der Dunkelheit kommt sie ja nicht. Dann sah ich, dass Unterlagen von dir auf dem Boden lagen. Die konnte natürlich der Wind verstreut haben, aber dann stellte sich heraus, dass irgendjemand Dickens ein Exemplar der Wolke des Nichtwissens ins Maul gesteckt hatte, um ihn zum Schweigen zu bringen. Dabei ist er überhaupt kein Kläffer.«

»Wir hatten Einbrecher im Haus?«

»Ja, aber anscheinend fehlt nichts. Vielleicht habe ich sie durch meine Rückkehr gestört. Die Sache ist rätselhaft.«

»Hast du die Polizei verständigt?«

»Ich hab angenommen, du wärest gerade dort. Und ich konnte nicht sicher ein, dass es sich um einen Einbruch handelt. Wie gesagt – ich glaube nicht, dass etwas gestohlen wurde. Am besten siehst du selber nach.«

Sidney betrat sein Arbeitszimmer. Auf den ersten Blick schien tatsächlich nichts zu fehlen. Die silbernen Manschettenknöpfe, die er verloren geglaubt hatte, lagen auf seinem Schreibtisch, seine geliebten Jazzplatten waren neben dem Grammophon gestapelt (der Einbrecher war offenbar kein Fan von Acker Bilk), und das Porzellanfigürchen des Mädchens, das die Hühner füttert, ein Geschenk von Hildegard, stand an seinem Stammplatz auf dem Kaminsims.

»Erstaunlich«, sagte Sidney, als er, gefolgt von Dickens, wieder in die Küche zurückgekehrt war.

»Wie jemand auf die Idee verfallen könnte, in ein Pfarrhaus einzubrechen, ist mir unerklärlich«, meinte Leonard, »zumal bei so scheußlichem Wetter. Dass es hier nichts zu holen gibt, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben.«

»Vielleicht haben deine dicken Dostojewski-Bände sie abgeschreckt«, versuchte Sidney sie beide aufzuheitern.

Leonard tat, als hätte er die Bemerkung nicht gehört, und pustete auf seinen Kakao. »Noch zu heiß«, stellte er fest. »Vielleicht suchten sie etwas Bestimmtes, oder aber jemand wollte uns Angst einjagen. Oder es war als Warnung gedacht. Gibt es da etwas, was ich erfahren sollte?«

Jetzt musste Sidney entscheiden, wie viel er seinem Hilfspfarrer anvertrauen durfte. »Nicht, dass ich wüsste.« Dann schlug er einen Haken. »Warum, glaubst du, verraten Menschen ihr Land, Leonard?«

»Das ist eine sonderbare Frage in diesen Zeiten. Denkst du an die Kommunisten?«

Sidney setzte sich an den Küchentisch. »Vor dem Krieg hätte ich es noch verstehen können, es gehörte einfach zum Kampf gegen den Faschismus. Zu viele Mitglieder des britischen Establishments begeisterten sich für Hitler, viele waren Antisemiten. Sie von innen zu bekämpfen gehörte zum Einsatz für das Allgemeinwohl. Aber warum manche Menschen heute so etwas tun, ist schwer zu verstehen.«

»Ich glaube nicht, dass das britische Establishment, wie du es nennst, sich allzu sehr geändert hat«, bemerkte Leonard. »Der Kommunismus wird immer seine Reize haben. Die Vorstellung der Gleichheit beflügelt die Menschen. Sie wollen die Welt verändern. Manchmal, denke ich, wollen sie auch Rache.«

»Ich frage mich, ob manche Leute so tun, als wären sie Kommunisten, wenn sie es gar nicht sind.«

»Das wäre doch aber widersinnig«, wandte Leonard ein. »Wer käme denn auf so was?«

»Genau das werde ich wohl herausfinden müssen.«

Auf seinem Rundgang mit Dickens versuchte Sidney, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Er fühlte sich unbehaglich, ohne recht zu wissen warum. Nicht nur der Tod von Lyall ging ihm nach oder der rätselhafte Einbruch – wenn es denn einer gewesen war. Er spürte, dass hier ein Ungemach drohte, das er weder voraussagen noch einplanen konnte.

Er verließ das Pfarrhaus, ging die breite Hauptstraße mit ihren reetgedeckten Häusern, der Dorfschule, den Pubs und der Tankstelle entlang und schlug dann den verschneiten Fußweg hinter dem Green Man ein, der zu den Wiesen und dem vereisten Fluss führte. Nur wenig war von den Spuren des Tages geblieben – ein Schneemann mit Knöpfen, Augen und Mund aus Kohle und einer Karottennase, Schlittenspuren, eine kreisförmige Ansammlung von Fußspuren, vielleicht Reste einer Schneeballschlacht. Am östlichen Rand des Dorfes stand eine Gruppe zerbombter Häuser, die mit ihren Schneedecken aussahen wie Möbel unter Abdeckfolie, die ein Umzugstrupp vergessen hatte.

Sidney mühte sich um erfreulichere Gedanken, stellte aber fest, dass er sich mit seinen Erinnerungen an Hildegard und seinem Besuch in Deutschland nicht weniger schwertat. Er überlegte, ob es dort wohl schneite, was Hildegard gerade machte, wann er sie wiedersehen würde. Sie fehlte ihm viel mehr, als er erwartet hatte, und er wünschte, sie wäre hier.

Nach dem Tod ihres Mannes war Hildegard schon ein paarmal freiwillig oder unfreiwillig in Sydneys Abenteuer verwickelt gewesen, und zwischen ihnen hatte sich eine tiefe, noch nicht genau definierte Nähe entwickelt. Sie verstand seine Gedankengänge besser als jeder andere. Sie konnte ihm auch Fragen stellen, die er sonst nicht zugelassen hätte.

»Glaubst du, dass es dich insgeheim belastet, Pfarrer zu sein?«, hatte sie ihn in Berlin gefragt.

Sidney überlegte, ob sie vielleicht recht hatte und ob er sich weniger Sorgen machen (und sich weniger von Kriminalfällen ablenken lassen) würde, wenn er einen anderen Status hätte, womöglich sogar Bischof wäre.

»Ein Pfarrer darf nicht hochmütig sein«, gab er zurück.

»Nein, natürlich nicht. Aber er muss selbstsicher genug sein, um gut in seinem Beruf zu sein. Wie ein Arzt.«

»Natürlich gibt es auch ehrgeizige Priester.«

»Und wie ehrgeizig bist du, Sidney?«

»So ehrgeizig, wie ich es guten Gewissens verantworten kann.«

»Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein.«

»Es ist eine ehrliche Antwort, hoffe ich.«

Hildegard nahm seinen Arm. Der Abend war kalt. Sie schlenderten durch den Tiergarten, vorbei an Buden, die Bockwurst, gebrannte Mandeln, Maronen und Glühwein verkauften.

»Ich bin gern mit dir zusammen«, sagte Hildegard. »Manchmal habe ich den Eindruck, dass du dich in einer anderen Welt bewegst. Ich wünschte, ich könnte auch dorthin.«

»Ich nehme dich gern mit«, erwiderte Sidney. »Aber was ist mit dir? Was hast du für Pläne?«

»Die Zukunft ist weit weg. Hier und jetzt genügt mir das Zusammensein mit dir.«

Als er jetzt in Grantchester an dieses Gespräch zurückdachte, war ihm klar, dass er sich davor hüten musste, die Berliner Tage zu verklären. Die Stadt war ja auch beängstigend gewesen. Ständig musste er seinen Ausweis zeigen, ständig verlangten Bewaffnete an den Kontrollposten von ihm den Beweis, dass er wirklich der war, der er zu sein vorgab.

Während er mit Dickens über die verschneiten Wiesen den Heimweg antrat, dachte er über das Problem der Loyalität nach und wie schwierig es war, zwei Leben gleichzeitig zu führen – das eine in England, das andere in Deutschland. Allerdings stand ja die Dualität auch im Zentrum des Christentums. Man musste Mensch und Christ zugleich sein, und im Fall eines Konflikts zwischen den beiden war es seine priesterliche Pflicht, als Mann des Glaubens sein eigentliches Wesen hintanzustellen.

Wie weit ihm das gelungen war, wusste er nicht. Manchmal wäre es viel einfacher gewesen, seinem Instinkt zu folgen, aber der höheren Berufung musste man eben Opfer bringen.

Ob Menschen, die geheimdienstlich tätig waren, ähnlich dachten? Ob sie in Umkehrung der religiösen Motivation ihr Gewissen über ihr Land stellten, im Glauben an einen höheren Zweck oder ein anderes Schicksal, für das sie bereit waren, alles zu verraten, was ihnen teuer war?

 

Zehn Tage nach seinem Tod wurde Valentine Lyall beerdigt.

Sidney hatte ihn zwar nur flüchtig gekannt, konnte sich aber nach Gesprächen mit Kollegen ein recht gutes Bild von ihm machen. Lyall, 1903 in Windermere geboren und begeisterter Bergsteiger, war für den Ersten Weltkrieg zu jung gewesen. Seine Arbeit auf dem Gebiet der Radiologie im Strangeways Research Laboratory in Worts Causeway hatte ihm internationale Anerkennung verschafft. Was er über die schädlichen Wirkungen radioaktiver Isotope und den biologischen Einfluss von Atomexplosionen herausgefunden hatte, war für das Verteidigungsministerium von unschätzbarem Wert gewesen, aber Lyall war es auch ein Anliegen, den Nutzen dieser Technologie in Friedenszeiten aufzuzeigen.

Damit hatte Sidney den Grundgedanken für seine Trauerrede gefunden – dass auch aus dem Bösen Gutes erwachsen, dass Dunkelheit in Licht verwandelt werden konnte.

Er war versucht, einen Text aus dem Buch Jesaja zu benutzen: Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk gegen das andere das Schwert aufheben und werden hinfort nicht mehr kriegen lernen. Allerdings war das für seine Trauergemeinde kritischer Akademiker vermutlich zu augenfällig, und er entschied sich deshalb – besonders im Hinblick auf Valentine Lyalls Liebe zu den Bergen – mutig für einen Text aus Matthäus 14,20: So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin, so wird er sich heben, und nichts wird euch unmöglich sein.

Es war ein Wagnis, aber das war es wert. Wenn Sidney sich an die Skeptiker unter seinen Universtiätskollegen wandte, ertappte er sich dabei, dass er seinen Glauben immer aggressiver verteidigte.

Nicht alle Trauergäste kannte er. Auch wenn unter der Hand über Lyalls Privatleben gemunkelt wurde – er war tatsächlich verheiratet gewesen. Seine Frau hatte ihn kurz nach dem Krieg verlassen und lebte in London, auf der Beerdigung ihres Exgatten saß sie neben seiner Schwester in der ersten Reihe. Zu den beiden Frauen hatten sich der Rektor von Corpus gesellt, mehrere Hochschullehrer und Mitarbeiter des Strangeways Research Laboratory.

Sidneys Predigt kam gut an. Aus Erfahrung wusste er, dass man Ungläubige am erfolgreichsten verunsichern kann, wenn man mit Gewissheit argumentiert, Zweifel zulässt und dann mit der Notwendigkeit des Glaubens überzeugt.

Das Traueressen fand in Lyalls Haus in der Cherry Hinton Road statt. Lyalls Schwester Hetty reichte leicht angetrocknete Käsesandwiches herum, danach gab es Tee und Kuchen, Whisky oder Sherry. Sidney nutzte die Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräch.

Alice Lyall, jetzt Bannerman, war eine überraschend große, elegante Erscheinung mit einer üppigen Tizianmähne, der man anmerkte, dass sie ohne weiteres einen ganzen Raum beherrschen konnte. Hier aber bemühte sie sich um Zurückhaltung, entweder aus Befangenheit oder weil sie der Wirkung müde war, die sie auf Männer hatte. »Als wir hier einzogen, dachte ich, wir würden für immer hierbleiben«, erklärte sie. »Ich sah schon die Kinder in die Leyes School oder die Perse School gehen, sah mich als eine dieser Professorenfrauen, die auf ihren Fahrrädern durch die Stadt sausen und so tun, als gehörten auch sie in diese Welt der Männer.«

»Sie hatten keine Kinder?«

»Nicht mit Val, aber das ist ja nicht verwunderlich. Inzwischen habe ich zwei Söhne.«

»Und Ihr Mann hat nichts dagegen, dass Sie heute hier sind?«

»Ich wollte eigentlich nicht kommen. Aber wenn man verheiratet war, muss man irgendwie versuchen, sich mit dem Geschehenen zu arrangieren. Letztlich muss man einander verzeihen.«

»Gab es bei Mr. Lyall viel zu verzeihen?«

»Mit einem Lügner verheiratet zu sein, ist nicht leicht, Canon Chambers. Ich bin froh, dass Sie in Ihrer Rede nicht darauf eingegangen sind.«

»Sie meinen wohl …«

»Sie brauchen nicht deutlicher zu werden. Alle wussten, dass ihm Männer lieber waren.«

»Alle vermuteten es, das ist ein Unterschied.«

»Ja, an der Uni liebt man die klaren Worte nicht …«

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie belästigt habe.«

»Im Gegenteil, ich bin Ihnen dankbar, und es tut mir leid, wenn ich kurz angebunden war. Es ist kein leichter Tag, und ich hasse Cambridge.«

»Ging es Ihrem Mann auch so?«

»Dass er Cambridge gehasst hat? Nein, er hat es bestimmt geliebt. Viele Menschen stören sich an der fehlenden Privatsphäre und den getrennten Welten – hier die Stadt, dort die Universität – und dass niemand die Regeln ganz durchschaut. Ich muss gestehen, dass ich meinen Mann auf der subatomaren Ebene nie verstanden habe.«

»Sie sind Naturwissenschaftlerin?«

»Ich war Forschungsassistentin bei Val.«

»Das wusste ich nicht.«

»Wenn man aussieht wie ich, Canon Chambers, trauen einem sehr wenige Menschen Intelligenz zu. Selbst an dieser hochlöblichen Alma Mater zählt für die meisten nur das Aussehen.«

»Als Priester versuche ich das zu vermeiden.«

»Selbst als Priester haben Sie noch einen recht langen Weg vor sich, wenn ich das sagen darf.«

Das war mehr als deutlich und ein regelrechter Schock für Sidney. Ihm war plötzlich übel. Vielleicht lag es an den Käsebroten?

»Wenn Sie mich kurz entschuldigen würden …«, sagte er.

Alice Bannerman reagierte prompt. »Das Badezimmer ist eine Treppe höher rechts.«

An der Wand neben der Treppe hingen Messtischblätter und Fotos von Berglandschaften in Schwarzweiß. Im Badezimmer wusch sich Sidney mit kaltem Wasser das Gesicht. Das Gästehandtuch, das an einem Ring neben dem Waschbecken hing, war feucht. Er sah sich nach einem zweiten um und entdeckte einen kleinen Badezimmerschrank. Vielleicht hatte Lyall darin Alka-Seltzer oder Lebertranöl, mit dem er seinen Magen beruhigen konnte? Das Schränkchen war zur Hälfte mit rezeptpflichtigen Medikamenten gefüllt. Sicherheitshalber, beschloss Sidney, würde er seinen Vater anrufen, um in Erfahrung zu bringen, was die einzelnen Namen bedeuteten, er war sich aber fast sicher, dass es sich um Krebsmittel handelte.

Er machte das Fenster auf, holte tief Luft und trank ein Glas Wasser. Er musste nach Hause – so schnell wie möglich.

»So bald?«, wunderte sich Alice Bannerman.

Jetzt, am frühen Nachmittag, war es schon fast dunkel, nur die Straßenbeleuchtung und der Schnee verbreiteten ein wenig Licht. Im Pfarrhaus würde er sich eine Tasse Tee machen, sich im Halbdunkel ans Feuer setzen und still für sich beten. Dann würde er mit Leonard sprechen.

Wie benimmt sich ein Mensch, wenn er weiß, dass sein Tod unmittelbar bevorsteht?

Im Krieg hatte Sidney erlebt, wie sich das Verhalten von Männern, die wussten, dass sie jeden Augenblick sterben konnten, plötzlich völlig änderte, hatte ihre Tapferkeit und Bedenkenlosigkeit gesehen. Aber wie war das im Frieden, wo es nicht so viele Gefahren gab? Spielte es eine Rolle, wie viel auf dem Spiel stand, oder war der Zusammenhang unwichtig? Und machte sich ein Mensch im Angesicht des sicheren Todes weniger oder vielleicht sogar mehr Gedanken um die moralischen Folgen seiner Taten? Fürchtete der Mörder die Todesstrafe?

»Eher selten, würde ich sagen«, erwiderte Leonard, einen Krapfen in der Hand. »Ich schätze, dass das Morden ein Trieb ist, vor dem alles andere in den Hintergrund tritt. Dostojewski stellt diese Frage in Verbrechen und Strafe. Für die Hauptfigur Raskolnikow ist Mord ein moralisches Experiment.«

»Mag sein, aber …« Sidney kam es manchmal so vor, als hätte Leonard eine Wette mit sich selbst abgeschlossen, Dostojewski in jedes Gespräch einzuschleusen. »Ich meine mich zu erinnern, dass er eine gewisse Bedenkenlosigkeit an sich hat.«

»Man kann auch sagen: Den Willen, ein sinnvolles Leben zu führen und eine letzte Tat zu begehen, Wiedergutmachung zu leisten oder ein Opfer zu bringen – eine letzte Chance, Edelmut zu zeigen oder Rache zu üben. Allerdings kann ich mir Valentine Lyall nicht als einen Raskolnikow vorstellen.«

»Zumal er nicht der Mörder, sondern das Opfer ist.«

»Aber wieso hätte sein Wunsch oder das Wissen zu sterben sein Verhalten auf dem Dach ändern sollen?«, fragte Leonard.

»Er hätte mehr Risiken eingehen können.«

»Und damit die Chance erhöht, einen Unfall herbeizuführen oder vorzutäuschen.«

»Warum ist dann aber Bartlett verschwunden?«

»Panik?«

»Möglich. Aber dass er so schnell und so raffiniert vorgegangen ist, legt etwas anderes nahe.«

»Warum aber einen Mann ermorden, der ohnehin gestorben wäre?«

»Vielleicht weil man seine Bedenkenlosigkeit fürchtet, weil man begreift, dass ein Mann auf der Schwelle des Todes zu allem fähig ist.«

 

Inspector Keating war schlechter Laune, was sich zeigte, sobald sie sich wie jeden Donnerstagabend zu ihrer Backgammonrunde in der Bar des Eagle zusammengesetzt hatten. Er habe kalte Füße, nörgelte er, seine Handschuhe waren zu dünn, in der Stadt kam man kaum vorwärts, zu viele Kollegen hatten sich krankgemeldet, und seine drei Kinder gaben ihre Erkältungen ständig untereinander weiter, sodass nie eins richtig gesund war. Seine Frau war fix und fertig, und ihm ging es nicht viel besser.

Nachdem diese Litanei abgespult und das erste Pint getrunken war, kamen die Fragwürdigkeiten eines Studiums in Cambridge an die Reihe und sein Ärger darüber, dass die Herren Professoren glaubten, nach Gutdünken handeln zu können. »Akademische Bildung ist nicht alles, Sidney«, erklärte er, »besonders wenn es um Straftaten geht. Man muss wissen, wie die Menschen ticken, muss ihren Charakter durchschauen. Allein auf Buchweisheit kommt es nicht an. Deshalb verstehen wir beide uns auch so gut.«

»Allerdings braucht es außer Intuition auch Wissen.«

»Nicht zu vergessen Geheimwissen …« Inspector Keating konnte es kaum abwarten, seine Gedanken zu dem Fall loszuwerden. »Wir müssen die Wahrheit über Valentine Lyall herausbekommen. Wer war der Mann, und was hatten die drei auf dem Dach zu suchen? War es wirklich nur ein Streich mit fatalen Folgen, oder hatte einer oder hatten mehrere der Beteiligten finstere Hintergedanken? Ist Lyall gestürzt, oder hat Bartlett ihn gestoßen? Hat man Lyall bewusst auf das Dach und in den Tod gelockt? Und zu welchem Zweck? Und warum gerade so?«

»Damit es wie ein Unfall aussehen sollte.«

»Es gibt bequemere Möglichkeiten, einen Menschen umzubringen. Nächste Frage: Hat Rory Montague wirklich so wenig gesehen, wie er behauptet, und ist er so harmlos, wie er sich gibt? Fällt ihm vielleicht noch das eine oder andere ein, und in welcher Beziehung stand er zu den anderen beiden? Warum ist er noch hier, während Bartlett das Weite gesucht hat? Und warum liegt dem Rektor deines College so viel daran, dass ich ausschließlich mit dir spreche?«

»Er fürchtet, du könntest glauben, dass Spionage im Spiel ist.«

»Würde mich nicht wundern. Meine Kontakte zum Außenministerium warnen mich seit Jahren, dass sich an der Uni so einiges tut. Trotzdem bekomme ich nicht immer die Informationen, die ich brauche.«

»Schwer zu sagen, was gespielt wird und wie viel die Einzelnen wissen«, meinte Sidney. »Ich selbst halte nicht viel von Verschwörungstheorien. Die Menschen an dieser Hochschule – typische Akademiker – sind meist viel zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, um weit über den Tellerrand hinauszusehen. Aber ob Unfall oder nicht – ungewöhnlich ist es auf jeden Fall, dass von drei Männern, die zusammen auf einem Dach sind, einer zu Tode kommt und ein Zweiter spurlos verschwindet. Ich teile deine Bedenken in Sachen Rory Montague. Vermutlich versteckt er sich irgendwo.«

»Wir müssen ihre Schritte so genau wie möglich nachvollziehen, was leider bedeutet, dass wir selbst aufs Dach steigen müssen.«

»Das habe ich erwartet«, sagte Sidney wenig begeistert. »Allerdings können wir hoffentlich auf Kletterseile verzichten? Es gibt nämlich eine sehr brauchbare Innentreppe.«

»Und du weißt, wie man dorthinkommt?«

»Mein Freund, der Kantor, gibt uns einen Schlüssel. Gut, wenn man höheren Ortes Freunde hat – im wahrsten Sinne des Wortes.« Sidney leerte sein Glas und nahm sich fest vor, auf ein zweites Bier zu verzichten.

»Hast du denn überhaupt Zeit für so was, Sidney? Früher hast du mich immer sehr schnell an deine Pflichten erinnert.« Sidney sah betrübt in sein leeres Glas und zögerte. Zahlreiche Krankenbesuche standen an (Mrs. Maguires Mutter hatte nicht mehr lange zu leben), Leonard hatte ihn um Ratschläge gebeten, ehe er zum ersten Mal selbständig den Konfirmandenunterricht übernahm, und die alljährliche Baubegehung war fällig, eine nicht ungefährliche Unternehmung im Winter, wenn der Schnee auf das undichte Kirchendach drückte. Obendrein hatte heute Vormittag Amanda Kendall angerufen und ihm einen Besuch in Grantchester angedroht, um »alles über die deutsche Eskapade zu hören«, und das kostete erfahrungsgemäß mindestens einen halben Tag.

Keating sah seinen Freund fragend an.

»Das meiste hat vermutlich Zeit«, erwiderte Sidney. Es klang nicht sehr überzeugend.

Sie verabredeten sich für den nächsten Vormittag vor dem Polizeirevier in der St. Andrews Street. Ehe sie auf den Turm stiegen, wollte Keating noch einen Abstecher ins College machen, um sich Kit Bartletts Zimmer anzusehen.

Auf der Petty Cury hatte Sidney kurz das Gefühl, sie würden verfolgt. Ein Mann in dunklem Regenmantel und Filzhut, den er meinte, schon am Vorabend auf dem Weg zum Eagle gesehen zu haben, tauchte zweimal hinter ihnen auf und machte keine Anstalten, sie zu überholen oder in eine andere Richtung einzuschwenken. Es war ein ungemütliches Gefühl, aber er wollte nicht als Angsthase dastehen und sagte nichts.

Kit Bartletts Räumlichkeiten lagen im zweiten Stock eines Aufgangs direkt im Old Court. Sie enthielten das typische Collegemobiliar – zwei Sessel, Schreibtisch, Stuhl und Beistelltisch. Das Bett war gemacht, die Vorhänge waren zugezogen, persönliche Gegenstände nicht zu sehen.

»Was hat er studiert?«, fragte Keating.

»Medizin, Spezialgebiet Radiologie, soweit ich weiß. Lyall war einer der großen Experten auf dem Gebiet. Bartlett wird sich weder hier noch im Ausland Sorgen um einen Arbeitsplatz machen müssen.«

»Warum sagst du Ausland?«

»Ich habe nur überlegt, wo er wohl abgeblieben ist.« War es zu weit hergeholt, dabei an Moskau zu denken?

»Wir haben keine Beweise dafür, dass er das Land verlassen hat.«

»Und keine dafür, dass er noch hier ist. Warum verschwindet ein Mann so plötzlich, wenn er keine Straftat begangen hat? Welches Motiv für den Mord an Valentine könnte er gehabt haben?«

»Wenn du meinst, ich hätte etwas übersehen, kann ich dich beruhigen: Inspector Williams in Scotland Yard ist bereits verständigt und lässt alle Grenzübergänge und den Flughafen überwachen.«

»Er reist höchstwahrscheinlich mit falschen Papieren. Deine Leute haben alles gründlich durchsucht?«

»Davon kannst du ausgehen. Ich wollte mich vor allem selbst hier umsehen, weil meine Mitarbeiter berichtet haben, dass das Zimmer sauber ist. Zu sauber.«

»Wie meinst du das?«

»In einer Studentenbude findet man gewöhnlich zumindest irgendetwas, ein zerlesenes Buch, einen Zettel hinter einem Sessel, eine alte Zeitung oder dergleichen. Hier war ein Profi am Werk.«

»Und das bedeutet?«

»Dass er das Zimmer nicht selbst ausgeräumt hat.«

»Wer dann?«

»Jemand, der keine Spuren hinterlassen wollte.«

»Hast du nicht eben gesagt, dass es immer irgendwelche Spuren gibt?«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Schrecken der Nacht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen