Logo weiterlesen.de
Die Schöne und der Milliardär

Margaret Way

Die Schöne und der Milliardär

1. KAPITEL

Diese Frau fiel überall auf. Das war Holt sofort klar, als sie am Arm des gut fünfzigjährigen Marcus Wainwright, der einer der angesehensten Dynastien des Landes angehörte, den Festsaal betrat. Die beeindruckende Verbindung von Reichtum und Schönheit ließ die Gespräche verstummen, die Leute vergaßen ihre gute Erziehung, verrenkten die Hälse und verfolgten das Paar mit neugierigen Blicken. Holt, dem aufmerksamen Beobachter und Menschenkenner, dem kein noch so kleines Detail entging, der sich Gesichter merkte und Namen nicht vergaß, spürte sofort, dass diese Frau ein Geheimnis umgab.

„Nicht zu fassen!“, entfuhr es seiner Begleiterin Paula Rowlands. „Das ist der Beweis dafür, dass die Gerüchte nicht lügen.“ Ihre Stimme klang fast hysterisch, und sie krallte sich so fest an Holts Unterarm, dass er ihre langen Nägel durch das Smokingjackett hindurch spürte. „Marcus hat sie zu dem wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis des Jahres mitgebracht.“

Das allerdings musste wirklich etwas zu bedeuten haben. „Hereingeschmuggelt hat sie sich jedenfalls nicht“, sagte Holt trocken. „Und vermutlich wäre sie auch ohne ihn nicht nach der Einladungskarte gefragt worden. So eine Frau wird mit einer Verbeugung hereingebeten.“

Paula verzog abschätzig die Lippen. „Ich bitte dich! Sie arbeitet in einem Blumengeschäft.“

„Immerhin einem in guter Lage, wo unsereiner kauft.“

„Das stimmt“, stöhnte Paula und merkte nicht, dass er sich über sie lustig machte.

Ihre Hochnäsigkeit gefiel ihm nicht. Aber er kannte sie schon lange, ging gern mit ihr aus und hin und wieder auch ins Bett. Außerdem schätzte er ihren Vater. Der hatte sich emporgearbeitet, mit einer Kette von Einkaufszentren ein Vermögen gemacht und war ein anständiger und bescheidener Kerl geblieben, wohingegen seine Frau Marilyn und seine Tochter Paula, die in ihrem Leben noch keinen Handschlag getan hatten und sich höchstens im Fitness-Center anstrengten, unter Größenwahn und Standesdünkel litten.

„Soviel ich weiß, gehört ihr der Laden sogar“, sagte Holt. „Erst neulich, als die Gerüchteküche schon kochte, hat Tante Rowena mir erzählt, was für ein bewundernswertes Händchen sie für Blumen habe.“

Paula riss die Augen auf. „Händchen für Blumen? Liebling, das kann doch wohl nicht dein Ernst sein.“

Er lachte. „Du brauchst gar nicht die Nase zu rümpfen. Sie läuft nicht in Gummistiefeln über die Felder und wühlt in der Erde. Aber sie hat Talent, Blumen zu arrangieren.“

Immer noch schaute Paula ihn ungläubig an. „Was, bitte schön, ist daran bewundernswert?“

„Es ist eine Kunst. Glaub mir.“

„Unsinn. Jede dumme Gans kann das.“

Offenbar hatte Paula den mangelnden Schönheitssinn ihrer Mutter geerbt. Die kaufte Blumen in Massen und stopfte sie wahllos in geschmacklose Vasen. Schon immer waren ihm diese hässlichen Sträuße im Hause Rowlands ein Dorn im Auge gewesen.

„Das sehe ich anders“, erwiderte er zerstreut, denn er beobachtete, wie Marcus und seine Begleiterin durch den Raum schritten. Die junge Frau hätte einem Gemälde des neunzehnten Jahrhunderts entstiegen sein können, fand er und fühlte sich tatsächlich gefesselt von ihrer Anmut und Grazie. Kein Wunder, dass Marcus von ihr hingerissen ist, dachte Holt. Immerhin war er selbst, ein Kenner und Bewunderer von Schönheit, beeindruckt.

„Ist deine Großtante heute Abend auch hier?“, fragte Paula. „Für ihr Alter sieht sie immer noch super aus.“

Was für eine gönnerhafte Bemerkung! Sie ärgerte ihn, denn er wusste, dass Rowena Wainwright-Palmerston in Wirklichkeit einschüchternd auf Paula wirkte.

„Rowena hat in jedem Alter großartig ausgesehen“, sagte er scharf, ohne den Blick von der blonden Frau zu lassen.

„Holt? Schatz!“ Paula stieß ihm den Ellbogen in die Seite, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Er verzog das Gesicht. „Willst du mir die Rippen brechen?“

„Aber nein.“ Sie streichelte seinen Rücken.

„Die Frau ist wirklich schön.“

Das hätte er nicht sagen dürfen. Die Bemerkung war ihm herausgerutscht. Er war auf diese Erscheinung nicht vorbereitet gewesen. Weder durch die Gerüchte, die um Marcus und seine unpassende Freundin kursierten, noch durch das, was seine Großtante gesagt hatte. Dass sie eine bemerkenswerte junge Frau sei. Keine von diesen modernen Typen, sondern eher eine klassische, eine zeitlose Schönheit. Zweifellos aus gutem Hause. Europäisch. Kein Wunder, dass sie Marcus gefalle.

Warum hatte er aus Rowenas Worten nicht die richtigen Schlüsse gezogen?

„Dir ist hoffentlich etwas an ihrem Haar aufgefallen“, unterbrach Paula seine Gedanken.

„Willst du mir weismachen, dass du mit kupferrotem Haar auf die Welt gekommen bist?“

„Ich habe nur mit ein paar Glanzlichtern nachgeholfen“, log Paula. „Aber so ein Weißblond stammt aus der Tube.“

„Oder aus Skandinavien“, sagte er. „Die Frau heißt mit Nachnamen Erickson, Sonya Erickson. Vielleicht kommen ihre Eltern aus Norwegen, dem Land der Mitternachtssonne, wo Ibsen, Grieg, Edvard Munch und Sigrid Undset geboren wurden.“

Paula runzelte die Stirn. Die Namen sagten ihr wenig. „Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass Marcus so ein Trottel ist“, sagte sie bitter. „Meine Mutter auch nicht.“

„Aha, deine Mutter.“ Was für eine schreckliche Frau! Marilyn Rowlands ließ es zu, dass ihr Chihuahua namens Mitzi männliche Besucher wie ein Rottweiler begrüßte. Außerdem war sie der festen Überzeugung, dass Frauen, die mit vierundzwanzig noch nicht verheiratet waren, lebenslang unter Einsamkeit leiden mussten. Deshalb versuchte sie verzweifelt, ihre achtundzwanzigjährige Tochter an den Mann zu bringen. Die Wahl war ausgerechnet auf ihn gefallen. Er hätte Paula nicht einmal geheiratet, wenn sie die einzige Frau auf der Welt gewesen wäre. Er liebte sie nicht.

„Du warst doch auf der Dinnerparty, die Mummy arrangiert hat, um Marcus mit Susan Hampstead zusammenzubringen. Erinnerst du dich?“, fragte Paula und starrte Ms Erickson böse an. „Sie haben ja beide keinen Ehepartner mehr.“

Holt fiel es schwer, höflich zu bleiben. „Susan Hampstead wurde geschieden. Drei Mal übrigens. Marcus verlor seine heißgeliebte Frau.“ Er nahm es Paula übel, dass sie annahm, die verstorbene Lucy Wainwright könne ausgerechnet durch Susan Hampstead ersetzt werden, die nichts weiter war als ein geldgieriges Luder.

„Ja, ja, ich weiß.“ Paula strich ihm wieder über den Arm.

Es war als zärtlich beruhigende Geste gemeint. Doch Holt fand sie besitzergreifend und hätte Paulas Hand am liebsten abgeschüttelt. Aber er wollte seine Begleiterin nicht brüskieren. Deshalb blieb er ruhig stehen und erduldete sie. Er hegte keine Absichten, sich zu binden. Darüber hatte er Paula nie im Zweifel gelassen. Doch sie und vor allem ihre Mutter wollten das nicht wahrhaben und gaben nicht auf, sich Hoffnungen zu machen.

„Marcus hat lange getrauert. Ich bin froh, dass er endlich wieder am Leben teilnimmt.“

Das bedeutete jedoch nicht, dass die Wainwrights tatenlos zusahen, wie Marcus einen furchtbaren Fehler beging. Dieses Mädchen war viel zu jung für ihn. Zu hübsch außerdem. Sie passte nicht zu Marcus. Dass sie nichts von einer Susan Hampstead an sich zu haben schien, machte sie umso gefährlicher.

„Das Kleid, das sie trägt, hat bestimmt Marcus spendiert.“ Paula sah missmutig an ihrem eigenen sündhaft teuren Abendkleid hinunter. „Ich ahne, was es gekostet hat. Eine Floristin kann es sich gewiss nicht leisten. Sieht aus wie von Chanel. Und dann noch der Schmuck! Irgendwie kommt er mir bekannt vor.“

So mochte es manchem Gast hier ergehen. Die exquisite Kette aus Smaragden und Diamanten, die Ms Ericksons Schwanenhals schmückte, auch die dazugehörenden Diamantohrringe hatte Marcus’ verstorbene Frau zu feierlichen Anlässen getragen. Marcus hatte sie anfertigen lassen und seiner grünäugigen Lucy zur Hochzeit geschenkt. Vor sechs Jahren hatte der Tod das glückliche Paar auseinandergerissen.

„Nun, auch mit ihren Mätressen möchten Männer Staat machen.“

Holt war überrascht von seinem Groll auf die fremde junge Frau. Lucys Smaragde! Das war doch die Höhe! Was hätte Lucy wohl dazu gesagt? Drehte sie sich jetzt im Grabe um? Nein, Lucy war ein wunderbarer Mensch gewesen. Großzügig und verständnisvoll. Sollte er dieser jungen Frau nicht wenigstens eine Chance geben?

Sie gehörte zu den weiblichen Wesen, die das Leben eines Mannes verändern konnten. Das spürte er. Und mit Sicherheit verfügte sie über die nötige Klugheit, es zu ihrem Vorteil zu verändern. Mit welchem Bedacht sie sich hergerichtet hatte! Das schlichte Kleid passte nicht nur zum Schmuck, sondern betonte auch ihre grünen, faszinierend schräg gestellten Augen und zeigte dezent den Ansatz ihrer Brüste. So eine makellose lilienweiße Haut, die an Porzellan erinnerte, fand man selten außerhalb Europas. Ihr üppiges Haar, dessen Farbe er für echt hielt, war zu einem Knoten geschlungen, in dem silberne und goldene Fäden glänzten. Der Effekt war überwältigend. So, als träte eine Göttin in Erscheinung.

Aufgrund ihres majestätischen Auftretens wirkte die junge Floristin wie eine europäische Aristokratin. Die neugierigen Blicke der Superreichen, Berühmten und Einflussreichen schienen sie nicht im Mindesten einzuschüchtern. Sie schritt so selbstbewusst durch den Raum, als ahnte sie nichts von der Wirkung, die sie auf die Menschenmenge ausübte. Eine Königin hätte es nicht besser gemacht.

„Sie könnte Marcus auf den Kopf spucken“, sagte Paula gehässig, als sei es ein Verbrechen für eine Frau, ihren Begleiter um ein paar Zentimeter zu überragen.

„Wahrscheinlich trägt sie Schuhe mit hohen Absätzen“, sagte Holt. Weder an Marcus noch der Frau an seiner Seite gab es etwas auszusetzen. Doch sie ergaben schon optisch kein Paar. Der mittelgroße hagere Marcus mit dem ergrauten dunklen Haar wirkte asketisch und streng. Eher wie ein Gelehrter als wie ein Großunternehmer. Seine schlanke Begleiterin erschien groß neben ihm. Voller Spannkraft und prallem Leben. Anmutig wie eine Tänzerin bewegte sie sich. Ihr bodenlanges Seidenkleid verbarg zwar ihre Beine, doch sie waren gewiss ebenso wohlgeformt wie die Arme, der Hals und die kleinen hohen Brüste.

Zu perfekt, um echt zu sein, dachte Holt. Unter der aristokratischen Oberfläche musste sich eine hartgesottene Glücksritterin verbergen. Eine derart schöne Frau konnte jeden Mann haben. Und ihr Auswahlkriterium war offenbar Geld. Obwohl Marcus längst nicht der reichste der Wainwrights war, besaß er bestimmt hundertvierzig Millionen Dollar. So ein Vermögen machte Männer bis neunzig noch attraktiv für Frauen.

Wieder krallte sich Paula an seinen Unterarm. „Du bist so einsilbig. Machst du dir wegen dieser Abenteurerin Sorgen um Marcus?“

„Da käme ich ja gar nicht mehr zur Ruhe. Es gibt unzählige Frauen, die hinter Geld her sind.“

Paula kicherte. Sie hatte gut lachen. Als reiche Erbin war sie über jeden Verdacht erhaben.

„Holt“, flüsterte sie plötzlich und drängte sich an ihn. „Sie kommen auf uns zu.“

Er schaute sie spöttisch an. „Warum denn nicht? Schließlich ist Marcus mein Onkel.“

Sonya erkannte ihn anhand der Fotos, die sie gesehen hatte, und witterte sofort Gefahr, denn der leibhaftige David Holt Wainwright wirkte wie die Verkörperung der Männlichkeit auf sie. Noch nie war sie einem Mann mit einer so starken erotischen Ausstrahlung begegnet. Wie viele sehr reiche Menschen trug er Selbstbewusstsein zur Schau. Er hatte dichtes gewelltes rabenschwarzes Haar, war groß, gut und kräftig gebaut. Glänzende dunkle Augen dominierten sein energisches Gesicht, aus dem Klugheit sprach wie aus dem seines Onkels. Auf dem Foto hatte David Holt Wainwright ein strahlendes Lächeln gezeigt. Jetzt schaute er sie abschätzend an. Wahrscheinlich hatte er sich schon ein Urteil über sie gebildet. Wenn ein berufstätiges Mädchen sich am Arm eines reichen älteren Herrn zeigte, musste es damit rechnen, dass alle Welt glaubte, es habe es auf sein Geld abgesehen.

„Davids Freundin heißt Paula Rowlands“, sagte Marcus mit gedämpfter Stimme. „Ihrem Vater gehören einige Einkaufszentren. Lass dich nicht von ihr ärgern.“

„Ist es wichtig, was sie über mich denkt?“, fragte Sonya ruhig und war froh darüber, ihre Verletzbarkeit inzwischen vor anderen verbergen zu können. Es hatte sie einiges gekostet, das zu lernen. Aber sie durfte keinem vertrauen und sich niemandem anvertrauen. Marcus war eine rühmliche Ausnahme.

„Nein, es ist nicht wichtig.“ Er lachte.

„Das erleichtert mich.“ Sie drückte seinen Arm. Allein aus Respekt und Zuneigung zu ihm hatte sie seine Einladung angenommen. Ihr war nicht wohl dabei, aus der Anonymität ins Rampenlicht zu treten. Aber Marcus hielt es für richtig, weil es ihr neue Kunden brachte. Seit einiger Zeit kamen auch reiche Leute in ihr Blumengeschäft. Einige fand sie ziemlich anstrengend, andere sympathisch. Zu ihnen gehörte vor allem Marcus’ Tante Rowena, Lady Palmerston, die Witwe des britischen Diplomaten Sir Roland Palmerston. Lady Palmerston kaufte regelmäßig bei ihr und zeigte sich von ihren Arrangements begeistert.

„Sei trotzdem auf der Hut“, warnte Marcus. „Die Rowlands-Frauen sind schreckliche Snobs. Weil sie Geld haben, halten sie sich für etwas Besseres.“

„Dein Neffe scheint sie zu schätzen. Sie ist hübsch und sehr geschmackvoll zurechtgemacht.“

Marcus lachte wieder. „Ich glaube nicht, dass ihm das reicht. Auch wenn Paula und ihre Mutter sich das wünschen.“

„Wenigstens haben die Damen eine gute Wahl getroffen.“ Sie lächelte.

„Ja, in David ist das Beste von uns vereint“, sagte Marcus stolz.

Sonya nahm es als Warnung. Nicht vor der hochmütig aussehenden reichen Erbin Paula musste sie sich in Acht nehmen, sondern vor Marcus’ geliebtem Neffen David Holt Wainwright. Er misstraute ihr. Er misstraute ihrer Beziehung zu seinem Onkel. Dabei war es wirklich echte Freundschaft, die sie für Marcus empfand, obwohl ihr manchmal der Verdacht kam, dass er sich damit nicht begnügen wollte. Zweifellos konnte er ihr viel bieten, vor allem die ersehnte Sicherheit. Doch über all das wollte sie lieber nicht nachdenken.

Holt kam es so vor, als näherte sich ihm Sonya Erickson wie ein Feuersturm, gegen den jeder Widerstand sinnlos war. Nicht nur ihre Schönheit riss ihn hin, sondern auch ihr Auftreten. Rätselhaft, woher sie diese Selbstsicherheit nahm. Ihr fehlte der privilegierte Hintergrund einer Paula, die neben ihr zum Mauerblümchen verblasste. Diese geradezu aristokratische Ausstrahlung musste Ms Erickson in die Wiege gelegt worden sein. Wieder beschlich ihn der Verdacht, dass diese Frau ein Geheimnis mit sich trug.

Paula hörte nicht auf, ihm gehässige Bemerkungen ins Ohr zu flüstern, obwohl ihnen das Paar schon gefährlich nahe gekommen war.

„Lass das, Paula“, knurrte er. „Das ist ungezogen.“

Dann trat er vor, streckte die Hand aus, lächelte und begrüßte seinen Onkel. Auch Marcus’ Gesicht strahlte, als er seinem Neffen die Hand schüttelte. Seine Ehe mit Lucy war kinderlos geblieben, und Holt war ihm und seiner Frau besonders ans Herz gewachsen, fast wie ein Sohn.

Dann stellte Marcus ihn seiner Begleiterin vor, verriet von ihr aber nicht mehr als den Namen. Doch es war offensichtlich, dass Sonya Erickson ein wichtiger Mensch für seinen Onkel geworden war. Schon allein weil sie Lucys Schmuck trug.

„Bitte nennen Sie mich doch Sonya“, forderte sie ihn auf und reichte ihm die Hand so anmutig und gleichzeitig hoheitsvoll, dass er sich darüberbeugte und einen Handkuss andeutete. Ihre grünen Augen blitzten zwar belustigt auf, doch ihrem Blick fehlte jede Koketterie. Sie gehört also zu den wenigen Frauen, die nicht darauf aus waren, ihm zu gefallen.

Von Nahem sah sie noch schöner aus. Paula, die sich übertrieben freundlich mit Marcus unterhielt, weil sie versuchte, alle Verwandten von Holt für sich einzunehmen, musste innerlich kochen vor Wut und sich zurückgesetzt fühlen. Obwohl Holt nicht zu den Männern gehörte, die sich der Schönheit einer Frau beugten, musste er doch zugeben, dass sie große Macht verlieh. Die schöne Sonya hatte Marcus’ Aufmerksamkeit errungen. Dazu gehörte einiges. Marcus hatte nach Lucys Tod keine Frau mehr angesehen und das Leben eines Einsiedlers geführt.

Und nun sie! Diese Ms Erickson hatte seinen Onkel verzaubert. Und wenn ich nicht sofort aufhöre, ihr in die grünen Augen zu schauen, wird mir das Gleiche passieren, dachte Holt.

„Marcus spricht oft von Ihnen“, sagte sie.

„Wie ich ihn kenne, erzählt er nur Gutes.“

„Hätte ich vor Ihnen knicksen müssen?“ Sie lächelte ihn mit spöttischem Charme an.

„Oder hätte ich vor Ihnen das Knie beugen müssen, um der Schönheit Ehre zu erweisen?“

„Kein Wunder, dass Marcus Sie liebt“, murmelte sie.

Er konnte sich nicht zurückhalten. „Kein Wunder, dass Sie ihm gefallen.“

Wer war diese Frau? Aus welchen Verhältnissen stammte sie? Woher kam sie? Ihr leichter Akzent gab mehr Rätsel auf, als er verriet, zumal sie sehr geschliffen sprach. War das ihre natürliche Ausdrucksweise, oder hatte sie sie mühsam erworben? Jedenfalls beherrschte sie die Kunst der Rede.

Er spürte noch immer ihren kurzen Händedruck auf seiner Haut. Wie ein kleiner elektrischer Schlag war er gewesen und hatte seinen ganzen Körper unter Strom gesetzt. Er musste aufpassen! Die Lady war gefährlich.

„Marcus ist mir lieb und teuer“, sagte er vorsichtig, um seine Worte nicht wie eine Warnung klingen zu lassen.

Ein Schatten von Traurigkeit huschte über ihr Gesicht. Sie wandte sich ab und schaute seinen Onkel an.

Die Frau wurde Holt geradezu unheimlich. Sie spielte ihre Rolle nicht flach, sondern tiefgründig. Diese schauspielerische Leistung nötigte ihm Respekt ab.

Paula nutzte die Gelegenheit und setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Darf ich Ihnen sagen, wie hübsch Sie aussehen, Ms Erickson?“

„Vielen Dank.“Sonya.

Es war offensichtlich, dass sie Paula sofort durchschaut hatte und entschlossen war, deren Boshaftigkeiten an sich abperlen zu lassen.

„Und Ihre Kette …“, Paula, selbst wie ein Weihnachtsbaum mit Schmuck behängt, hob die Hände, „… die ist einfach hinreißend. Sie müssen mir verraten, wie sie an diesen Schmuck gekommen sind. Handelt es sich um ein Familienstück?“

Das war mehr als taktlos von ihr. Holt hätte Paula am liebsten stehen gelassen, nicht ohne ihr vorher noch auf die Zehen getreten zu haben.

Doch Ms Erickson legte seelenruhig ihre feingliedrige Hand auf die großen glänzenden Smaragde. „Meine Familie hat am Ende des Zweiten Weltkrieges alles verloren“, sagte sie ernst.

Das saß. Marcus’ Freundin wirkte überzeugender als die Frau, die sich jahrzehntelang als Großfürstin Anastasia, Tochter des letzten russischen Zaren, ausgegeben hatte. Warum begnügte sie sich damit, Blumen zu verkaufen? Sie hätte als Schauspielerin Karriere machen können.

„Wirklich?“, fragte Paula fassungslos. „Ist das wahr? Oder versuchen Sie, mich auf den Arm zu nehmen?“

„Mehr als wahr“, sagte Sonya Erickson so leise, als spräche sie zu sich selbst.

Holt fand es an der Zeit, dem Theater ein Ende zu machen. Es fing an, peinlich für seinen Onkel zu werden. „Wir sollten an unseren Tisch gehen“, schlug er vor und versuchte, seiner Stimme die nötige Gelassenheit zu geben.

Marcus nahm Sonyas Arm. „Geh du vor, David“, murmelte er.

Nachdem Marcus sie dazu überredet hatte, ihn zu dieser Gala zu begleiten, hatte Sonya diesem Ereignis mit Sorge entgegengesehen. Nun ließ sie den Blick durch den großen Festsaal schweifen und fühlte sich fast geblendet vom Gefunkel der großen Kronleuchter, dem Kristall, dem üppigen Perlen- und Edelsteinschmuck der Damen, den glänzenden Augen. Und erst die Kleider! Schulterfreie, rückenfreie, mit gewagten oder züchtigen Dekolletés. Ein Kaleidoskop von Farben. Sie hatte sich darauf vorzubereiten versucht, auf die Superreichen zu treffen, auf Menschen, die in der Öffentlichkeit standen und auf Angehörige von Marcus. Über David Holt Wainwright hatte sie schon viel gehört. Nicht nur von Marcus, sondern auch aus Zeitungen und Wirtschaftsmagazinen. Mit noch nicht dreißig Jahren galt er schon als hoch angesehener, viel versprechender Unternehmer. Seine Mutter war Sharron Holt-Wainwright. Die Holts hatten ihr Vermögen mit Arzneimitteln gemacht. Reiche heirateten unter sich. So war das nun einmal.

Marcus sprach immer nur von David, während die Familie seiner Mutter und seine Freunde ihn Holt nannten. Den Spitznamen hatte ihm sein Onkel Philip, der Bruder seiner Mutter, gegeben. Weil David nach den gut aussehenden großen Holts geraten war, blieb es dabei.

Dass Marcus’ Familie gegen sie war, konnte Sonya sich denken. Wer glaubte schon, dass ein reicher reifer Mann und eine junge Frau nur befreundet waren? Allein am Altersunterschied lag es aber nicht, denn es kam ja nicht gerade selten vor, dass reiche Männer sich gern mit viel jüngeren hübschen Frauen sehen ließen. Nein, über Sonya wurde gemunkelt, weil sie nicht zu Marcus’ Schicht gehörte. Sie arbeitete in einem Blumenladen. Zwar gehörte er ihr und war ein besonders exklusives Geschäft, doch sie arbeitete darin. Sie war ein Niemand. Ein Mädchen ohne Familie und ohne Beziehungen. Nicht einmal den Abschluss an einer Elite-Universität hatte sie vorzuweisen. Deshalb wog es besonders schwer, dass Marcus dreißig Jahre älter und dazu steinreich war.

Seine Einladung hätte sie lieber nicht annehmen sollen. Sie wusste, dass ihr Aussehen, das sie von Mutter und Großmutter geerbt hatte, in diesem Fall zu ihren Ungunsten sprach, weil man unterstellte, sie würde es dazu einsetzen, sich einen Millionär zu angeln. Nichts lag ihr ferner.

Marcus schienen diese Befürchtungen nichts auszumachen. Auch deshalb schätzte sie ihn. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte sie seine tiefe Trauer und Einsamkeit gespürt. Der vornehme ältere Herr hatte versunken vor der einzigen Dekoration in ihrem Schaufenster gestanden. In einer alten japanischen Holzvase hatte sie Lilien mit limettengrünen Knospen, rubinrote Pfingstrosen und Zweige eines Feigenbaumes zu einem Strauß arrangiert. Mit einem Lächeln hatte sie ihn ermutigt, einzutreten. Und als er dann fast schüchtern ihren duftenden Laden betrat und höflich fragte, ob er sich umschauen dürfe, war sie gleich für ihn eingenommen. So hatte ihre Freundschaft begonnen.

Inzwischen bat er sie, ihre Zauberkunst, wie er es nannte, auch in seinem schönen Haus auszuüben und es mit Blumen zu schmücken. Für einen kinderlosen Witwer war es viel zu groß. Ein verheiratetes Paar kümmerte sich um das Anwesen, sie als Haushälterin, er als Hausmeister und Gärtner. Trotz reizvoller Angebote, weigerte sich Marcus, es zu verkaufen. Hier hatte er mit seiner Frau glückliche Jahre verlebt, hier blieben die Erinnerungen an sie wach.

Vom Wachhalten der Erinnerungen verstand Sonya viel. Diese Gemeinsamkeit hatten sie bald entdeckte, sie schmiedete sie zusammen. Irgendwann hatte Marcus seiner Tante, Lady Palmerston, ihren Laden empfohlen, und die wiederum empfahl ihn ihren Freunden weiter. Dafür war Sonya ihnen dankbar. Und sie wusste auch Marcus’ Vorzüge zu schätzen. Er war äußerst klug und ein interessanter Gesprächspartner.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Schöne und der Milliardär" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen