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Die Schöne mit dem Flammenhaar

Lynne Graham

Die Schöne mit dem Flammenhaar

1. KAPITEL

Seine Königliche Hoheit Prinz Jasim bin Hamid al Rais runzelte die Stirn. Sein Berater hatte ihm gerade mitgeteilt, dass die Frau seines Bruders ihn sprechen wollte. „Du hättest mir sagen können, dass die Prinzessin hier ist. Für meine Familie habe ich immer Zeit“, ermahnte er den Berater.

In Finanzkreisen war Jasim bekannt für seine scharfsinnige Planung und die Zielstrebigkeit, mit der er die Firma Rais International Empire zum Erfolg führte. Sämtliche Mitarbeiter hatten einen gesunden Respekt vor ihrem Vorstandsvorsitzenden. Er war ein anspruchsvoller Arbeitgeber, der hohe Maßstäbe setzte und nur Spitzenergebnisse akzeptierte.

Das Durchsetzungsvermögen war ihm in die Wiege gelegt worden. Seine ehrgeizige Familie und die Palastpolitik spornten ihn immer wieder zu Höchstleistungen an. Jasim war Anfang dreißig, groß und athletisch gebaut. Durch sein gutes Aussehen und seine unerhört männliche Ausstrahlung hatte er eine unwiderstehliche Wirkung auf die Damenwelt.

Seine in Frankreich geborene Schwägerin Yaminah war etwas älter als er. Sie war zierlich und eher unauffällig, hatte braunes Haar und ein rundliches Gesicht. Sofort erkannte er, dass sie sich nur mühsam beherrschen konnte. Offenbar war sie zutiefst aufgewühlt.

Jasim begrüßte seine Schwägerin herzlich und mitfühlend. Für diese Unterhaltung musste er einen Minister der Regierung warten lassen. Doch Jasim war weltgewandt genug, um sich nichts anmerken zu lassen. Er bestellte Erfrischungen und bot Yaminah einen Platz an, als hätte er alle Zeit der Welt.

„Fühlt ihr euch wohl in Woodrow Court?“, erkundigte er sich. Sein älterer Bruder Kronprinz Murad hatte mit seiner Familie vorübergehend Jasims Landsitz in Kent bezogen, während er in der Nähe einen noblen Herrensitz im englischen Stil errichten ließ.

„O ja. Es ist ein wunderschönes Anwesen, und alles ist bestens“, gab Yaminah rasch zurück. „Wir wollten dich allerdings nicht aus deinem Haus verdrängen, Jasim. Warum kommst du nicht am Wochenende zu uns?“

„Natürlich, wenn ihr möchtet. Aber glaube mir, in meinem neuen Stadthaus fühle ich mich sehr wohl. Für mich ist es also kein Opfer, in der Stadt zu wohnen“, erwiderte er freundlich. „Deswegen bist du jedoch sicher nicht hergekommen. Etwas bedrückt dich.“

Yaminah presste die Lippen zusammen. Offensichtlich war sie den Tränen nahe. Verlegen entschuldigte sie sich, zog ein Taschentuch hervor und betupfte sich die Augen. „Ich sollte dich damit eigentlich nicht belästigen, Jasim …“

Er setzte sich auf das Sofa gegenüber seiner Schwägerin. „Du belästigst mich nie“, beruhigte er sie. „Also? Was hast du auf dem Herzen?“

Einige Male atmete Yaminah tief durch. „Es … geht um unser Kindermädchen.“

Jasim lächelte verständnisvoll. „Sagt dir das Kindermädchen nicht zu, das meine Mitarbeiter für deine Tochter eingestellt haben? Dann entlasse es.“

„Ich wünschte, es wäre so einfach.“ Yaminah seufzte und blickte nervös auf das zerknüllte Taschentuch in ihren Händen. „Die Kinderfrau ist wirklich tüchtig, und Zahrah hängt sehr an ihr. Ich fürchte, das Problem ist … Murad.“

Jasim wurde ganz still, doch wie stets beherrschte er sich und zeigte keine Regung. Sein Bruder war von jeher ein Frauenheld gewesen, und seine erotischen Eskapaden hatten ihn mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht. Diese Schwäche für schöne Frauen konnte für den zukünftigen Herrscher des kleinen, sehr konservativen Ölstaates Quaram gefährlich werden. Schlimmer noch: Falls Murad direkt vor der Nase seiner liebenden Ehefrau etwas mit einer Angestellten anfing, schlug das wirklich alles!

„Ich kann das Kindermädchen nicht entlassen. Murad würde toben, wenn ich mich einmische. Bisher ist es wohl nur ein Flirt, Jasim. Aber das Mädchen ist bildhübsch“, fuhr seine Schwägerin mit zittriger Stimme fort. „Wenn es gehen muss, wird die Sache an die Öffentlichkeit dringen. Und wie du selbst weiß, kann Murad sich keinen weiteren Skandal leisten.“

„Da gebe ich dir recht. Die Geduld des Königs mit ihm ist erschöpft.“ Grimmig überlegte Jasim. Das ohnehin schon schwache Herz seines Vaters würde die Aufregung nicht überstehen, wenn erneut in aller Öffentlichkeit über die Affären seines Erstgeborenen getratscht wurde. Wann nahm Murad endlich Vernunft an und hielt sich zurück? Warum wollte er nicht begreifen, dass er Rücksicht auf die Familie nehmen musste? Weiblichen Versuchungen schien er einfach nicht widerstehen zu können.

Und diesmal fühlte Jasim sich mitverantwortlich für die Entwicklung der Dinge. Schließlich hatten seine Leute das verflixte Kindermädchen eingestellt. Er hätte von vornherein verbieten müssen, eine attraktive junge Frau für die Stelle auszusuchen.

Bittend sah seine Schwägerin ihn an. „Wirst du mir helfen, Jasim?“

Er warf ihr einen resignierten Blick zu. „Von mir wird Murad keinen Rat annehmen.“

„Sicher, er ist so halsstarrig und lässt sich von niemandem etwas sagen. Aber du könntest mir trotzdem helfen“, drängte Yaminah.

Innerlich kämpfte Jasim mit sich. Seine Schwägerin überschätzte seinen Einfluss auf den älteren Bruder. Als Thronerbe von Quaram war Murad sich seines hohen Standes nur zu bewusst. Und obwohl Jasim sehr an seinem Bruder hing, wusste er eines: Murad ließ sich von niemandem dreinreden. „Und wie könnte ich dir helfen?“

Unsicher biss Yaminah sich auf die Lippe. „Wenn du dich für das Mädchen interessieren würdest, dann würde sich das Problem von selbst lösen“, schlug sie vor und schien sich für die Idee zu begeistern. „Du bist jung und ledig, während Murad fünfzig und verheiratet ist. Bestimmt zögert das Mädchen nicht lange und wendet sich dir zu …“

Abwehrend hob Jasim die Hand. Der Vorschlag war völlig verrückt. „Bitte, Yaminah, sei doch vernünftig.“

„Ich bin vernünftig. Außerdem würde Murad sich zurückziehen, wenn er merkt, dass du ein Auge auf das Mädchen geworfen hast“, beharrte seine Schwägerin. „Ständig betont er, wie sehr er sich wünscht, dass du endlich die richtige Frau kennenlernst …“

„Aber nicht ausgerechnet eine, auf die er es abgesehen hat“, bemerkte Jasim trocken.

„Da irrst du dich. Seit deiner … unerfreulichen Beziehung zu dieser Engländerin vor einigen Jahren macht Murad sich Sorgen um dich. Du bist immer noch nicht verheiratet. Erst gestern hat er es wieder erwähnt. Wenn er annehmen müsste, dass du dich für Elinor Tempest interessierst, würde er sie in Ruhe lassen“, erklärte Yaminah im Brustton der Überzeugung.

Jasims Miene wurde finster. An diese Episode in seinem Leben wollte er lieber nicht erinnert werden. Vor drei Jahren hatte er heiraten wollen. Kurz davor hatte die Regenbogenpresse die fragwürdige Vergangenheit der Auserwählten ans Tageslicht gezerrt. Jasim war sehr wütend gewesen, und gleichzeitig hatte er an seiner Menschenkenntnis gezweifelt.

Seitdem zog er es vor, ledig zu bleiben und sich gefühlsmäßig auf niemanden einzulassen. Für ihn waren Frauen nur noch Betthäschen: Für eine Weile hatte er Spaß mit ihnen – aber mehr nicht. Je weniger er von einer Frau erwartete, umso unkomplizierter lebte es sich.

Jasmin hatte eigentlich nicht vor, Yaminahs Bitte nachzukommen. Dennoch beschäftigte ihn ihr Besuch. Er wollte mehr über die Frau wissen, auf die seine Schwägerin eifersüchtig war. Nachdem sie gegangen war, beauftragte er seinen Vertrauten: Er sollte die Mitarbeiter befragen, die das Kindermädchen eingestellt hatten.

Am späten Vormittag erhielt er bereits Nachricht. Die ersten Auskünfte klangen immerhin so beunruhigend, dass er sich das Porträtfoto von Elinor Tempest genauer ansah.

Sie war zwanzig, hatte einen auffallend rosigen Teint, ungewöhnlich grüne Augen … und langes, leuchtend rotes Har. Bisher war Jasim nie auf diese Haarfarbe geflogen. Doch das Kindermädchen seines Bruders war wirklich etwas Besonderes – eine natürliche Schönheit.

Allerdings gab es Jasim zu denken, dass Elinor Tempest sich nicht über eine anerkannte Arbeitsvermittlung um die Stelle beworben hatte. Offensichtlich hatte Murad das Mädchen persönlich vorgeschlagen und darauf bestanden, dass es eingestellt wurde. Demnach musste sein Bruder die junge Frau bereits gekannt haben …

Was Jasim da entdeckt hatte, gefiel ihm gar nicht. Wie konnte sein Bruder unter dem eigenen Dach so eine Dreiecksgeschichte unterhalten? Und welches Mädchen nahm eine Stelle an, die auf eine Affäre mit dem verheirateten Arbeitgeber hinauslief? War da vielleicht sogar mehr, als Yaminah befürchtete? Hatte Murad bereits etwas mit dem Kindermädchen seiner Tochter?

Nicht zu fassen! Der bloße Gedanke an eine skandalöse Affäre im unmittelbaren Umfeld seiner Schwägerin und seiner Nichte weckte Jasims Zorn. Er selbst hatte es auf schmerzliche Weise erfahren müssen: Der königliche Status und der Ölreichtum der Familie Rais machten ihn und seinen Bruder zur Zielscheibe für geldgierige Frauen. Mithilfe gerissener Schachzüge und ihrer verführerischen Schönheit hofften diese Frauen, reich zu werden. Murad war bereits mehrfach Opfer solcher Erpressungsversuche geworden, bei denen die Polizei eingeschaltet werden musste. Und trotzdem riskierte sein Bruder wieder einen handfesten Skandal, dessen Auswirkungen Quaram und die Grundfesten der Monarchie erschüttern konnten.

Jasims Entscheidung war getroffen. Einer Krise musste man auf den Grund gehen und schleunigst Abhilfe schaffen. Also wollte er das Wochenende in Woodrow Court verbringen und die Lage prüfen. So oder so würde er Yaminahs Haushalt von dem berechnenden Weibsbild befreien, das alles bedrohte, was ihm lieb und wichtig war …

„Meine Güte, was ist denn mit dir passiert? Du siehst ja toll aus!“ Staunend begutachtete ihre Freundin Louise Elinors aufregende Verwandlung. „Sonst kleidest du dich eher wie eine Großmutter!“

Die direkte Bemerkung traf Elinor, und sie schlug die Augen nieder. An ihrer Zurückhaltung in Modedingen war ihr Vater schuld: Er hatte sie jedes Mal mit spitzen Äußerungen überschüttet, wenn ihm ihre Kleider zu figurbetont oder ihre Röcke zu kurz vorgekommen waren. Als Universitätsprofessor und intellektueller Snob hatte Ernest Tempest seine einzige Tochter stets erbarmungslos kritisiert. Jetzt wohnte sie zwar nicht mehr zu Hause und konnte sich frei entfalten. Doch ohne das gute Zureden der Verkäuferin hätte sie trotzdem nicht gewagt, dieses Kleid anzuziehen.

Unwillkürlich erinnerte Elinor sich, wie sie am Nachmittag vor dem Spiegel gestanden hatte. Das eng sitzende Modell betonte ihre schlanke Figur und ließ viel von ihren langen Beinen erkennen. Als ihre Freundin sie weiterhin aufmerksam betrachtete, strich Elinor sich unsicher über den perlenbesetzten Ausschnitt. „Ich habe mich auf Anhieb in das Kleid verliebt“, gestand sie.

Louise verdrehte die blauen Augen. „Du kannst dir den letzten Schrei in Sachen Mode ja auch leisten. Wie lebt sich’s eigentlich bei der Königsfamilie von Quaram? Dein Gehalt musst du wahrscheinlich schon auf ein Konto in einer fernen Steueroase überweisen.“

„Du machst wohl Witze“, gab Elinor schnell zurück. „Außerdem ist das Geld alles andere als leicht verdient. Ich muss hart dafür arbeiten und unzählige Überstunden leisten.“

„Ach was! Du betreust doch nur ein kleines Mädchen, und das ist meist im Kindergarten.“ Louise drückte Elinor ein volles Cocktailglas in die Hand. „Trink aus. Schließlich musst du zur Feier deines einundzwanzigsten Geburtstags in Stimmung sein.“

Elinor trank das viel zu süße Gemisch, obwohl es ihr nicht schmeckte. Sie wollte sich mit der temperamentvollen Louise nicht anlegen, die in jedem Alkoholverweigerer eine persönliche Herausforderung sah.

Sie hatten sich bei der Erzieherinnenausbildung kennengelernt und waren seitdem Freundinnen geblieben. Dennoch klang immer ein wenig durch, dass Louise erst nach Monaten eine annehmbare Anstellung gefunden hatte und sie Elinor um ihr Glück beneidete.

„Wieso so viele Überstunden?“, fragte Louise.

„Der Prinz und seine Frau fliegen oft ins Ausland oder verbringen die Wochenenden in London. Deshalb muss ich oft tagelang und rund um die Uhr bei Zahrah in Woodrow Court bleiben. Freizeit habe ich dann so gut wie gar nicht. Manchmal komme ich mir eher wie ihre Mutter vor“, räumte Elinor ironisch ein. „Und bei allen Unternehmungen muss ich natürlich dabei sein … sogar bei Schulfeiern.“

„Bei dem vielen Geld, das du verdienst, musst du eben ein paar Nachteile in Kauf nehmen“, bemerkte Louise trocken.

„Man kann nicht alles haben.“ Elinor zuckte die Schultern. „Außerdem stammen die übrigen Angestellten alle aus Quaram und sprechen nur Arabisch. Da komme ich mir häufig ziemlich einsam vor. Können wir gehen? Der Wagen wartet.“

Prinz Murad hatte von Elinors Geburtstag erfahren und ihr Gratisgutscheine für einen exklusiven Londoner Nachtklub geschenkt. Obendrein sollte sie ein Chauffeur in einer Luxuslimousine nach London fahren und am Ende des Abends zum Herrenhaus zurückbringen.

„Einundzwanzig wird man nur einmal im Leben“, hatte Zahrahs Vater wohlwollend gemeint. „Genießen Sie Ihre Jugend aus vollen Zügen – sie vergeht viel zu schnell. An meinem einundzwanzigsten Geburtstag hat mein Vater mich zur Falkenjagd in die Wüste mitgenommen. Und dabei hat er mir eingetrichtert, was ich nie vergessen dürfte, wenn ich an seiner Stelle König werde.“ Murad hatte ein Gesicht geschnitten. „Damals ahnte ich nicht, dass ich noch dreißig Jahren später auf die Thronbesteigung warten würde. Aber natürlich würde ich es nicht anders wollen. Mein Vater ist ein weiser Herrscher. Jeder hätte es schwer, in seine Fußstapfen zu treten.“

Prinz Murad ist ein gütiger Mann, dachte Elinor bei sich. Sie bewunderte seinen ausgeprägten Familiensinn, seine Wertvorstellungen von Liebe, Vertrauen und Loyalität. Elinor war erst zehn gewesen, als ihre Mutter gestorben war. Sie hatte den Verlust nie verwunden. Ihr Vater hatte ihr kaum Werte vermittelt. Wäre er doch bloß ein wenig wie der warmherzige, freundliche Prinz Murad!

Während Louise beim Anblick der Luxuslimousine in Begeisterungsstürme ausbrach, musste Elinor an ihren Vater denken.

Er hatte sich nie wirklich für sie interessiert. Sosehr sie sich in ihrer Ausbildung auch angestrengt hatte, ihr Abschluss war ihm nicht gut genug gewesen. In seinen Augen hatte sie zu wenig erreicht. Er hatte ihr sogar vorgeworfen, eine schwere Enttäuschung für ihn zu sein. Als sie ihm eröffnet hatte, dass sie als Kindermädchen arbeiten wollte, hatte er aufgebracht reagiert. Er hatte erklärt, dass sie damit nicht mehr als eine bessere Dienerin wäre.

Die lieblosen Kinderjahre hatten Elinor geprägt. Oft hatte sie das Gefühl gehabt, gar keine Familie zu haben. Später hatte ihr Vater wieder geheiratet – ohne sie zur Hochzeit einzuladen.

„In einer Zeitschrift habe ich einen Artikel über Prinz Murad gelesen“, bemerkte Louise. „Darin wurde erwähnt, dass er eine Schwäche für schöne Frauen und viele Affären gehabt habe. Also sei lieber auf der Hut bei dem alten Knaben.“

Elinor überlegte nur kurz. „Ich kenne ihn ganz anders. Mir gegenüber gibt er sich eher väterlich …“

„Sei nicht so naiv. Fast alle älteren Männer sind scharf auf hübsche junge Mädchen.“ Louise lächelte wissend. „Und wenn du ihn an deine Mutter erinnerst …“

„Das ist ziemlich unwahrscheinlich“, unterbrach Elinor sie abweisend. „Mum war klein und blond und hatte blaue Augen. Ich sehe ihr überhaupt nicht ähnlich.“

Louise zuckte die Schultern. „Wie du meinst. Aber wenn du ihn nicht an deine Mutter erinnerst … warum hat er dann ausgerechnet dir, einer völlig Fremden, die Stelle als Kindermädchen angeboten?“

„So einfach war es auch wieder nicht“, wehrte Elinor ab. „Der Prinz hat meinen Namen zwar oben auf die Liste gesetzt. Doch ich wurde ebenso kritisch unter die Lupe genommen wie alle anderen Bewerberinnen. Er hat mir erzählt, dass er mir weiterhelfen will, weil meine Mutter ihm einst viel bedeutet hat. Außerdem fand er, ich würde altersmäßig gut zu seiner Tochter passen. Ich hatte Glück, die Stelle zu bekommen, das gebe ich zu. Aber dabei ist alles rechtens zugegangen.“

Louise gab sich jedoch nicht zufrieden. „Würdest du mit ihm schlafen, wenn er sich an dich heranmachen würde?“

„Natürlich nicht! Meine Güte, er ist fast so alt wie mein Vater!“, gab Elinor entrüstet zurück.

„Über Prinz Jasim würdest du bestimmt nicht so denken“, behauptete Louise. „In dem Artikel über Prinz Murad war auch ein Foto von seinem Bruder. Der Mann ist Mr Sex persönlich: eins sechsundachtzig, ledig, Typ Hollywoodstar.“

„So? Jedenfalls habe ich ihn noch nicht kennengelernt.“ Elinor blickte aus dem Fenster auf die hell erleuchteten Straßen Londons. Louises zweideutige Anspielungen nervten sie. Wenn ihr etwas an Prinz Murads Verhalten fragwürdig erschienen wäre, hätte sie den Job bei ihm und seiner Frau mit Sicherheit nicht angenommen. Nach einem unerfreulichen Zwischenfall bei ihrem früheren Arbeitgeber war sie äußerst wachsam, was männliche Annäherungsversuche betraf.

„Schade, dass der zukünftige König klein und dicklich ist und schütteres Haar hat“, seufzte Louise. „Obwohl viele Frauen sich daran kaum stören würden.“

„Mich würde schon der Umstand abschrecken, dass er verheiratet ist“, betonte Elinor.

„Um die Ehe des Thronfolgers scheint es allerdings nicht allzu gut bestellt sein: Nach so vielen Ehejahren haben sie nur ein kleines Mädchen“, beharrte Louise. „Es wundert mich, dass der Mann noch nicht an Scheidung gedacht hat. Schließlich hat er immer noch keinen männlichen Erben.“

„Es gibt ja bereits einen weiteren Anwärter auf den Thron“, gab Elinor zu bedenken, „nämlich den jüngeren Bruder des Prinzen. Er steht in der Thronfolge an zweiter Stelle.“

„Allein das dürfte ihn zu einer heiß begehrten Partie machen.“ Louises Miene nahm einen berechnenden Ausdruck an. „Andererseits lebst du seit drei Monaten bei seinen Verwandten und hast ihn nie getroffen. Da sollte man sich von ihm vielleicht doch nicht allzu viel versprechen.“

Elinor behielt für sich, dass die Liebe zu einem arabischen Prinzen ihrer verstorbenen Mutter Rose kein Glück gebracht hatte. Rose hatte Murad an der Universität kennengelernt. Bei beiden war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Elinor besaß immer noch den Verlobungsring, den ihre Mutter von Murad erhalten hatte.

Doch das Glück des jungen Paares war nicht von Dauer gewesen. Die Königsfamilie hatte Murad gedroht, ihn zu enterben und ins Exil zu verbannen – keinesfalls hatte der Prinz eine Ausländerin heiraten dürfen. Als folgsamer Sohn war er schließlich nach Quaram zurückgekehrt. Rose hatte Ernest Tempest geheiratet, obwohl die beiden grundverschieden gewesen waren. Ihre Ehe war nicht sehr glücklich gewesen.

„Und du begleitest deine Leute nicht mal ins Ausland“, erinnerte Louise sie nun. „Mit meiner Familie war ich immerhin zehn Tage auf Zypern.“

„Reisen ist mir nicht so wichtig“, wehrte Elinor ab. Die ständigen Spitzen ihrer Freundin nervten sie. Allmählich fragte sie sich, warum sie an dieser Freundschaft überhaupt festhielt.

Nachdem sie wenig später in dem exklusiven Klub ihre Gutscheine vorgelegt hatten, wurden sie mit kostenlosen Getränken ihrer Wahl verwöhnt. Das war auch gut so: Die unerhörten Preise an der Bar hätten sie sich nicht leisten können.

Heute ist mein Geburtstag sagte Elinor sich im Stillen. Inständig versuchte sie, die Enttäuschung abzuschütteln, die sie die ganze Woche über erfüllt hatte.

Durch die Arbeit als Kindermädchen fühlte sie sich oft einsam und sehnte sich nach der Gesellschaft Erwachsener. Da sollte sie es genießen, endlich einmal einen Abend lang unbeschwert ausgehen zu können. Zwar stand ihr ein Wagen zur Verfügung, aber Woodrow Court lag weit draußen auf dem Land. Bis auf kurze Fahrten in die nächste Kleinstadt gab es kaum Möglichkeiten zur Ablenkung.

Zahrahs Eltern reisten viel und ließen ihre Tochter zu Hause, damit sie der Schule nicht fernbleiben musste. Daher war Elinor in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Ihre Arbeitgeber erwarteten von Elinor, dass sie ständig für ihr einziges Kind da war.

Noch in der Nacht sollte sie in der Limousine nach Woodrow Court zurückgebracht werden. Der Prinz wünschte nicht, dass seine Tochter bis zum Morgen den Hausangestellten überlassen blieb. Nach Louises angriffslustigen Bemerkungen hätte Elinor jedoch sowieso keine Lust dazu gehabt, bei der Freundin zu übernachten.

„Man wird auf dich aufmerksam.“ Louise seufzte neidisch.

Unwillkürlich verkrampfte Elinor sich und bemühte sich, nicht in die Richtung zu blicken. Solche Zusammentreffen mit Vertretern des männlichen Geschlechts hatte sie oft als anstrengend oder sogar demütigend erlebt. Mit fast einem Meter achtzig war sie auffallend groß und selbst auf flacheren Absätzen kaum zu übersehen. Ein paarmal hatten Männer sie aufgefordert und dann schleunigst den Rückzug angetreten, wenn Elinor aufgestanden war und sie überragte.

Schon als Teenager war sie ein Mauerblümchen gewesen. Damals hatte sie bereits erfahren müssen, dass Männer meist kleine, zierliche Mädchen bevorzugten. Neben denen konnten sie sich groß fühlen. Natürlich wusste Elinor, dass sie attraktiv war und eine gute Figur hatte. Trotzdem machte ihre Größe ihr das Leben nicht leicht. Männer beachteten sie zwar. Doch sie scheuten sich davor, Elinor näher kennenzulernen.

Stunden später verabschiedete Elinor sich von Louise, die einen Bewunderer gefunden hatte. Für Elinor war der Abend besonders schmerzlich verlaufen. Ein junger Mann war an ihren Tisch gekommen. Als er gemerkt hatte, dass er ihr kaum bis an die Schulter reichte, war er entsetzt geflüchtet. Mit seinen Kameraden hatte er sich dann den restlichen Abend über sie lustig gemacht. Elinor hatte daraufhin ein bisschen zu viel getrunken, um sich nicht anmerken zu lassen, wie unglücklich sie war.

So atmete sie erleichtert auf, als die Limousine in die von Bäumen gesäumte Auffahrt von Woodrow Court einbog. Sie fuhr durch die eindrucksvolle Bogeneinfahrt auf den kiesbedeckten Hof, der sich über die gesamte Breite des mächtigen Tudorbaus erstreckte. Nun fiel Elinor auch auf, dass im Innern mehr Lichter brannten als sonst.

Als sie den Wagen verließ, stieg ihr die kühle Nachtluft zu Kopf wie vorher der Alkohol. Sie atmete einige Male tief durch, um die Benommenheit zu vertreiben. Dennoch fiel es ihr nicht ganz leicht, schnurgerade auf die offene Haustür zuzugehen.

Etwas unsicher durchquerte sie die Eingangshalle, in der ihre Schritte widerhallten. In diesem Moment wurde sie auf einen Mann aufmerksam, der aus der Bibliothek kam … ein Fremder, der so umwerfend aussah, dass ihr der Atem stockte. Überrascht blieb sie stehen und musterte ihn.

Glattes dunkles Haar, hohe Wangenknochen, arrogante Nase, markantes Kinn. Etwas an diesem Gesicht schlug sie sofort in den Bann. Die dunklen Augen des Fremden strahlten Mut und Kühnheit aus und leuchteten golden auf, als er in den Lichtkegel des Deckenlüsters trat. Elinors Herz begann zu hämmern wie beim Joggen.

Jasim war verstimmt. Bei der Ankunft hatte er feststellen müssen, dass sein Bruder und dessen Frau übers Wochenende verreist waren. Außerdem war auch das Kindermädchen, das er unter die Lupe nehmen wollte, ausgeflogen. Er hatte schon geglaubt, dass er praktisch umsonst hergekommen war.

„Miss Tempest?“

„Ja …“ Mit zittriger Hand hielt Elinor sich am Pfosten des massiven hölzernen Treppengeländers fest. Immer noch konnte sie den Blick nicht vom Gesicht des Fremden abwenden. „Entschuldigung, aber Sie sind …?“

„Prinz Murads Bruder Jasim“, erwiderte er. Sein Interesse als Mann war erwacht, doch er musterte sie kühl.

Ob sie seinen Bruder auch so fasziniert ansah? Welcher Mann würde sich nicht geschmeichelt fühlen, wenn eine Frau ihn wie ein übernatürliches Wesen betrachtete? Sie kam ihm weit gefährlicher vor, als er gedacht hatte. Diese Frau war atemberaubend! Ihr Kleid betonte die aufregenden Rundungen ihres Körpers und gab viel von ihren unglaublich langen Beinen frei. Auf dem Foto hatte das Rot ihrer Haare eher aufdringlich auf ihn gewirkt. Nun bemerkte er, wie es sich in seidigen Wellen über ihren Rücken ergoss.

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