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Die Schatzinsel

ZUM BUCH

Heimlich wollen Squire Trelawney und Doktor Livesey zusammen mit dem Gastwirtsohn Jim Hawkins, der in den Besitz einer Schatzkarte eines gefürchteten Piraten gekommen ist, ein Segelschiff ausrüsten. Doch der Squire verplappert sich und nimmt ausgerechnet die Piraten als Matrosen an Bord, die ebenfalls hinter dem Gold her sind und ihnen nach dem Leben trachten.

I. TEIL: DER ALTE FREIBEUTER – 1. Kapitel: Der alte Seehund im „Admiral Benbow“

Gutsherr Trelawney, Dr. Livesey und die übrigen Herren haben mich gebeten, unsere Fahrt nach der Schatzinsel vom Anfang bis zum Ende zu beschreiben und dabei nichts zu verschweigen als die genaue Lage der Insel, und zwar auch dies nur deshalb, weil noch jetzt angehobene Schätze dort vorhanden seien.

So ergreife ich die Feder in diesem Jahre des Heils 17.. und versetze mich zurück in die Zeit, als mein Vater den Gasthof zum „Admiral Benbow“ bewirtschaftete und als ein braun gebrannter alter Seemann mit der Säbelnarbe im Gesicht unter unserem Dache Wohnung nahm.

Ich erinnere mich dieses Mannes, wie wenn es gestern gewesen wäre: Wie er in die Tür unseres Hauses trat, während seine Schifferkiste ihm auf einem Schiebkarren nachgefahren wurde – ein großer, starker, schwerer, nussbrauner Mann.

Sein teeriger Zopf hing ihm im Nacken über seinen fleckigen blauen Rock herunter, seine Hände waren schwielig und rissig mit abgebrochenen, schwarzen Fingernägeln, und der Säbelschmiss, der sich über die eine Wange hinzog, war von schmutzig-weißer Farbe.

Er sah sich in der Schankstube um und pfiff dabei vor sich hin, und dann stimmte er das alte Schifferlied an, das er später so oft sang:

Johoho, und ne Buddel, Buddel Rum!

Johoho, und ne Buddel, Buddel Rum!

in der zittrigen, hohen Stimme, die so klang, wie wenn eine Ankerwinde gedreht würde.

Dann schlug er mit einem Knüppel, so dick wie eine Handspeiche, gegen die Tür, und als mein Vater erschien, verlangte er barsch ein Glas Rum.

Als ihm der Rum gebracht worden war, trank er ihn langsam aus, wie ein Kenner mit der Zunge den Geschmack nachprüfend, und dabei sah er sich durch das Fenster die Strandklippen und unser Wirtsschild an.

Schließlich sagte er:

„Das ist ne nette Bucht und ne günstig gelegene Grogkneipe. Viel Gesellschaft, Maat?“

Mein Vater sagte ihm, Gesellschaft käme leider nur sehr wenig.

„So? Na, dann ist das die richtige Stelle für mich. Heda, Ihr, Mann!“ rief er dem Mann zu, der den Handkarren schob. „Ladet mal meine Kiste ab und bringt sie nach oben! Hier will ich ein bisschen bleiben! Ich bin ein einfacher Mann – Rum und Speck und Eier, weiter brauche ich nichts und außerdem die Klippe da draußen, um die Schiffe zu beobachten.

Wie Sie mich nennen könnten? Kaptein können Sie mich nennen. Ach so – ich sehe schon, worauf Sie hinauswollen – da!“, und er warf drei oder vier Goldstücke auf den Tisch. „Wenn ich das verzehrt habe, können Sie mir Bescheid sagen!“, rief er, und dabei sah er so stolz aus wie ein Admiral.

Und in der Tat – so schlecht seine Kleider waren und so ungepflegt seine Sprechweise, er sah durchaus nicht wie ein Mann aus, der vor dem Mast fuhr, sondern war offenbar ein Steuermann oder ein Schiffer, der gewohnt war, dass man ihm gehorchte. Sonst gab's Prügel.

Der Mann, der den Schiebkarren gefahren hatte, sagte uns, die Postkutsche hätte den Gast am Tag vorher am Royal George abgesetzt; er hätte sich erkundigt, was für Gasthöfe an der Küste wären, und als er gehört hätte, dass man unser Haus lobte – und besonders, so vermute ich wenigstens, als man es ihm als einsam gelegen beschrieb – hätte er beschlossen, bei uns Aufenthalt zu nehmen. Und das war alles, was wir über unseren Gast erfahren konnten.

Er war ein schweigsamer Mann. Den ganzen Tag lungerte er an der Bucht oder auf den Klippen herum und sah durch sein Messingfernrohr über See und Strand; den ganzen Abend aber saß er in einer Ecke der Schankstube ganz dicht am Feuer und trank Rum und Wasser, und zwar eine sehr steife Mischung.

Wenn jemand ihn anredete, antwortete er gewöhnlich nicht, sondern sah nur plötzlich mit einem wütenden Blick auf und blies durch seine Nase wie durch ein Nebelhorn.

Wir und unsere Besucher merkten bald, dass man ihn dann in Ruhe lassen musste.

Jeden Tag, wenn er von seinen Gängen zurückkam, fragte er, ob Seeleute auf der Landstraße vorübergekommen wären.

Anfangs dachten wir, er frage, weil er sich nach Gesellschaft von Kameraden sehnte; schließlich aber merkten wir, dass er im Gegenteil diese zu vermeiden wünschte.

Wenn ein Seemann im „Admiral Benbow“ einkehrte – wie es ab und zu geschah, wenn Leute auf der Küstenstraße nach Bristol gingen – so sah er sich ihn durch das verhängte Fensterchen der Tür an, bevor er die Schenkstube betrat. Wenn solch ein Seemann anwesend war, verhielt er sich immer mäuschenstill.

Vor mir suchte er auch kein Geheimnis aus der Sache zu machen, sondern er ließ mich im Gegenteil an-seiner Unruhe teilhaben. Er hatte mich nämlich eines Tages beiseite genommen und mir versprochen, er wolle mir am Ersten jeden Monats ein silbernes Vier-Penny-Stück geben, wenn ich bloß „mein Wetterauge offenhalten wollte nach einem Seemann mit nur einem Bein“ und wenn ich ihm, sobald der auftauchte, augenblicklich Bescheid geben wollte.

Wenn nun der Monatserste da war und ich meinen Lohn von ihm verlangte, dann kam es oft vor, dass er durch die Nase blies und mich mit einem wütenden Blick ansah; aber bevor die Woche zu Ende war, hatte er es sich jedes Mal besser überlegt: Er brachte mir das Vier-Penny-Stück und wiederholte seinen Befehl, „nach dem Seemann mit dem einen Bein Ausguck zu halten“.

Wie dieser Seemann mich in meinen Träumen verfolgte, brauche ich kaum zu sagen. In stürmischen Nächten, wenn der Wind die vier Ecken unseres Hauses schüttelte und die Brandung in der Bucht gegen die Klippen donnerte, sah ich ihn in tausend Gestalten und mit tausend teuflischen Gesichtern. Bald war das Bein am Knie abgenommen, bald dicht an der Hüfte; dann wieder war er ein unheimliches Geschöpf, das immer nur ein einziges Bein gehabt hatte, und zwar mitten unter dem Rumpf. Ihn zu sehen, wie er sprang und lief und mich über Gräben und Hecken verfolgte, das war für mich der fürchterlichste Nachtmahr.

So musste ich eigentlich mein monatliches Vier-Penny-Stück recht teuer bezahlen, denn ich wurde dafür von grässlichen Traumgesichtern verfolgt.

Wenn ich vor dem einbeinigen Seemann eine schreckliche Angst hatte, so hatte ich dafür vor dem Kaptein selber weniger Furcht als andere, die ihn kannten.

An manchen Abenden nahm er mehr Rum und Wasser zu sich, als sein Kopf vertragen konnte; dann saß er zuweilen da, ohne sich um irgendeinen Menschen zu kümmern, und sang seine alten wilden Schifferlieder; zuweilen aber bestellte er Runden und zwang die ganze zitternde Gesellschaft, seine Geschichten anzuhören oder als Chor in seine Lieder einzustimmen.

Oft zitterte das Haus von dem „Johoho, und ne Buddel, Buddel Rum“; alle Nachbarn stimmten aus voller Kehle ein, mit einer Todesangst im Leibe, und einer sang noch lauter als der andere, damit nur der Kaptein keine Bemerkungen machte. Denn wenn er Anfälle hatte, war er der ungemütlichste Gesellschafter von der Welt; dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und gebot Ruhe; wenn irgendeine Zwischenfrage gestellt wurde, regte er sich fürchterlich auf – manchmal aber noch mehr, wenn keine Frage gestellt wurde, weil er dann glaubte, die Gesellschaft höre nicht auf seine Geschichte. An solchen Abenden durfte keiner die Schankstube verlassen, bis er selber vom Trinken schläfrig geworden war und ins Bett taumelte.

Am meisten Angst machte er den Leuten mit seinen Geschichten. Und fürchterliche Geschichten waren es allerdings: vom Henken, über die Planke gehen lassen, von Stürmen auf hoher See, von den Schildkröteninseln, von wilden Gefechten und Taten und von Häfen in den westindischen Gewässern.

Nach seinen eigenen Berichten musste er unter den größten Verbrechern gelebt haben, die Gott jemals zur See gehen ließ.

Die Worte, in denen er diese Geschichten erzählte, entsetzten unsere guten Landleute beinahe ebenso sehr wie die Verbrechen, von denen sie handelten.

Mein Vater sagte fortwährend, unser Gasthof werde zugrunde gerichtet werden, denn die Leute würden bald nicht mehr kommen, um sich anschnauzen und niederducken zu lassen und dann mit zitternden Gebeinen zu Bett zu gehen.

Aber ich glaube, dass in Wirklichkeit seine Anwesenheit uns Vorteil brachte. Die Leute graulten sich zwar; aber in, der Erinnerung hatten sie die Geschichten eigentlich gern. Es war eine angenehme Aufregung in ihrem stillen Landleben.

Unter den jüngeren Leuten gab es sogar eine Partei, die voll Bewunderung von ihm sprach. Sie nannten ihn „einen echten Seehund“ und „eine richtige alte Teerjacke“ und so ähnlich und sagten, so seien die Leute, die England zur See so gefürchtet machten.

In einer Beziehung richtete uns allerdings der Kaptein zugrunde: Er blieb eine Woche nach der anderen, sodass die Goldstücke, die er auf den Tisch geworfen hatte, längst verzehrt waren.

Aber mein Vater konnte sich niemals ein Herz fassen und mehr Geld von ihm verlangen. Sobald er eine leichte Anspielung machte, blies der Kaptein so laut durch die Nase, dass es beinahe ein Brüllen war, und sah meinen Vater so wütend an, dass dieser die Schankstube verließ.

Ich habe ihn nach solcher Abweisung die Hände ringen sehen, ich bin überzeugt, dass der Verdruss über diesen Gast und die Angst, in der er lebte, seinen allzu frühen Tod sehr beschleunigt haben.

Während der ganzen Zeit, in der der Kaptein bei uns wohnte, trug er immer denselben Anzug; niemals änderte er etwas daran, nur einmal kaufte er Strümpfe von einem Hausierer.

Als eine von den Krempen seines Hutes sich losgelöst hatte und herunterhing, ließ er ihn, so wie er war, obwohl diese Krempe ihn bei starkem Wind sehr belästigte.

Ich sehe vor meinen Augen noch seinen Rock, auf den er selber oben in seinem Zimmer einen Flicken setzte, sooft er das für nötig hielt. Schließlich bestand der ganze Rock nur noch aus Flicken.

Niemals schrieb er einen Brief, niemals empfing er einen. Er sprach mit keinem Menschen ein Wort außer mit den Nachbarn, die zu uns in die Wirtschaft kamen, auch mit diesen gewöhnlich nur, wenn er zu viel Rum getrunken hatte. Seine große Schifferkiste hatte keiner von uns jemals offen gesehen.

Nur ein einziges Mal wagte ein Mensch, ihm über den Mund zu fahren, und das geschah erst in der letzten Zeit, als mein armer Vater schon sehr krank und dem Tode nahe war.

Doktor Livesey kam eines Nachmittags zu später Stunde, um nach dem Kranken zu sehen. Meine Mutter setzte ihm ein bisschen Essen vor, und dann ging er in die Schankstube, um eine Pfeife zu rauchen, bis sein Pferd vom Dorf zurückgebracht werde, denn wir hatten im alten „Admiral Benbow“ keine Stallung.

Ich ging mit dem Doktor in die Schankstube, und ich erinnere mich noch, dass mir der Unterschied zwischen dem sauberen, munteren Doktor mit seiner schneeweiß gepuderten Perücke, seinen klaren, schwarzen Augen, seinem liebenswürdigen Benehmen und den plumpen Landleuten auffiel, besonders aber der Gegensatz zu dem schmutzigen, zerlumpten alten Piraten, der stark angetrunken hinter seinem Tische saß und die Ellenbogen aufgestützt hatte.

Plötzlich begann der Kaptein sein ewiges Lied zu brüllen:

Fünfzehn Mann bei des Toten Kist’ –

Johoho, und ne Buddel, Buddel Rum!

Suff und der Teufel holen den Rest –

Johoho, und ne Buddel, Buddel Rum!

Anfangs hatte ich vermutet, „des Toten Kist’“ sei die große Schifferkiste oben im Vorderzimmer: Ich hatte sie in meinen Träumen mit dem einbeinigen Schiffer in Verbindung gebracht. Inzwischen aber hatten wir alle schon längst aufgehört, auf sein Singen zu achten.

An diesem Abend war das Lied nur dem Dr. Livesey neu, und ich bemerkte, dass es auf ihn keinen angenehmen Eindruck machte; denn er sah einen Augenblick ganz ärgerlich aus, bevor er in seinem Gespräch mit dem alten Gärtner Taylor fortfuhr, mit dem er sich über ein neues Mittel gegen das Gliederreißen unterhielt.

Der Kaptein wurde bei seinem eigenen Lied lustig und schlug schließlich mit der Faust vor sich auf den Tisch.

Wir alle wussten, dass er damit den Anwesenden Schweigen befehlen wollte. Alle hörten sofort auf zu sprechen – mit Ausnahme des Dr. Livesey; der sprach ruhig weiter, indem er zwischen jedem zweiten oder dritten Wort einen kurzen Zug aus seiner Pfeife tat.

Eine Weile starrte der Kaptein ihn an, schlug wieder mit der flachen Hand auf den Tisch, starrte ihn noch grimmiger an und schrie endlich mit einem gemeinen Fluch:

„Ruhe da unter, Deck!“

„Sagten Sie etwas zu mir, Herr?“, fragte der Doktor.

Als der Kerl mit einem neuen Fluch ihm sagte, das wäre allerdings der Fall, antwortete der Arzt:

„Ich habe Ihnen nur eins zu sagen, Herr: Wenn Sie mit dem Rumtrinken so weitermachen, wird die Welt bald von einem dreckigen Schuft befreit sein!“

Die Wut des alten Seebären war schrecklich anzusehen. Er sprang auf, zog ein Matrosen-Klappmesser, öffnete es, schwang es und drohte dem Doktor, er werde ihn an die Wand spießen.

Der aber rührte sich nicht einmal. Er sprach wie bisher über die Schulter zum Kaptein und sagte mit der gleichen ruhigen Stimme, ziemlich laut, sodass alle im Zimmer ihn hören konnten, aber ganz gelassen:

„Wenn Ihr nicht augenblicklich das Messer in die Tasche steckt, so gebe ich Euch mein Wort darauf: Nach der nächsten Gerichtssitzung hängt Ihr am Galgen!“

Dann kreuzten ihre Blicke sich. Der Kaptein gab bald klein bei, steckte seine Waffe ein und setzte sich wieder hin, wobei er wie ein geprügelter Hund knurrte.

„Und nun noch eins, Mann!“, fuhr der Doktor fort: „Da ich jetzt weiß, dass solch ein Bursche in meinem Bezirk ist, könnt Ihr Euch darauf verlassen, dass ich Tag und Nacht ein Auge auf Euch haben werde. Ich bin nicht nur Arzt, ich bin auch Beamter. Wenn ich auch nur die kleinste Beschwerde über Euch höre – wär’s auch bloß wegen einer Unhöflichkeit wie heute Abend – so werde ich dafür sorgen, dass man Euch am Kragen nimmt und abschiebt. Und damit genug!“

Bald darauf wurde Dr. Liveseys Pferd gebracht, und er ritt ab.

Der Kaptein aber war an diesem Abend still und tat noch viele Abende hinterher den Mund nicht auf.

2. Kapitel: Der Schwarze Hund erscheint und verschwindet wieder

Nicht lange Zeit nach diesem Auftritt trat das erste von den geheimnisvollen Ereignissen ein, die uns schließlich den Kaptein vom Halse schafften, wenn auch nicht seine Angelegenheiten, wie der Leser sehen wird.

Es war ein bitterkalter Winter mit lang andauernden, harten Frösten und schweren Stürmen. Es war von Anfang an klar, dass mein armer Vater wenig Aussicht hatte, den Frühling noch zu erleben. Er wurde mit jedem Tag schwächer. Meine Mutter und ich hatten den ganzen Betrieb der Wirtschaft zu besorgen. So hatten wir immer viel zu tun und konnten uns um unseren unangenehmen Gast wenig kümmern.

Es war an einem Januarmorgen, zu sehr früher Stunde. Das Wetter war beißend kalt; die ganze Bucht war grau vom Raureif; die Sonne stand noch niedrig, berührte nur eben die Hügelspitzen und schien weit über das Meer.

Der Kaptein war früher als gewöhnlich aufgestanden und nach dem Strand hinuntergegangen. Sein Stutzsäbel schwang unter den breiten Schößen seines blauen Rockes hin und her, sein Messingfernrohr hatte er unter die Achsel geklemmt, den Hut in den Nacken zurückgeschoben. Sein Atem hing wie ein Rauchstreifen hinter ihm, wie er so mit langen Schritten dahinschritt. Der letzte Ton, den ich von ihm hörte, als er um den großen Felsen bog, war ein lautes, entrüstetes Schnauben, wie wenn er noch immer an den Dr. Livesey dächte. Mutter war oben bei Vater, und ich war dabei, den Frühstückstisch zu decken, damit er bei der Rückkehr alles fertig fände.

Da ging die Tür zur Schankstube auf, und herein trat ein Mann, den ich nie in meinem Leben gesehen hatte. Es war ein Kerl mit blassem, bleichem Gesicht. An der linken Hand fehlten ihm zwei Finger, und obgleich er einen Stutzsäbel trug, sah er nicht gerade nach einem großen Fechter aus.

Ich war immer auf Ausguck nach Seeleuten, einerlei ob mit einem Bein oder mit zweien, und ich erinnere mich noch heute, dass der Mann mir sofort verdächtig vorkam. Er sah nicht schiffermäßig aus, und trotzdem hatte er etwas von der See an sich.

Ich fragte ihn, was er wünsche, und er sagte, er wolle ein Glas Rum. Als ich aber hinausgehen wollte, um das Getränk zu holen, setzte er sich an einen Tisch und winkte mir, ich solle näher kommen. Ich blieb aber mit meinem Wischtuch in der Hand dort stehen, wo ich war.

Da sagte er:

„Komm doch her, Junge! Komm doch mal näher!“

Ich trat einen Schritt näher an ihn heran.

„Ist der Tisch hier für meinen Maat Bill gedeckt?“, fragte er und sah mich dabei lauernd an.

Ich sagte ihm, seinen Maat Bill kenne ich nicht, und der Tisch sei für jemand gedeckt, der in unserem Hause wohne und den wir den Kaptein nennen.

„Na“, sagte er, „mein Maat Bill wird sich wohl Kaptein nennen lassen; das sollte mich gar nicht wundern. Er hat einen Schmiss auf der einen Backe, und ein wirklich netter Kerl ist mein Maat Bill, besonders beim Trinken. Wir wollen mal annehmen, euer Kaptein hat einen Schmiss auf der Backe – und, was meinst du? – wir wollen mal annehmen, er hat ihn auf der rechten Backe. Aha, siehst du, ich sagte es dir ja. Na, ist also mein Maat Bill hier im Hause?“

Ich sagte ihm, er sei ausgegangen.

„Wohin denn, Junge? Welchen Weg ist er gegangen?“

Ich zeigte ihm den Felsen und sagte ihm, dass der Kaptein jedenfalls bald nach Hause kommen werde, und beantwortete ihm noch ein paar andere Fragen.

Schließlich sagte er:

„Na, da wird mein Maat Bill sich freuen wie über ein Glas Rum.“

Der Gesichtsausdruck, mit dem er diese Worte sprach, war durchaus nicht angenehm, und ich hatte meine besonderen Gründe anzunehmen, dass der Fremde sich irre, selbst wenn seine Worte aufrichtig gemeint wären. Aber ich dachte, das ginge ja mich nichts an; außerdem war es schwierig zu entscheiden, was da zu tun sei.

Der Fremde hielt sich fortwährend dicht bei der Haustür auf und guckte alle Augenblicke um die Ecke wie eine Katze, die auf eine Maus lauert.

Einmal ging ich selber auf die Straße hinaus, aber er rief mich sofort zurück, und als ich nicht schnell genug folgte, verzerrte sich sein blasses Gesicht auf eine ganz fürchterliche Weise.

Mit einem Fluch, der mir Angst machte, befahl er mir, sofort ins Haus zu gehen. Als ich aber wieder drinnen war, benahm er sich wie vorher: Halb spöttisch, halb schmeichlerisch klopfte er mir auf die Schulter und sagte mir, ich sei ein guter Junge und er könne mich riesig gern leiden.

„Ich habe selber einen Jungen“, sagte er, „der sieht dir so ähnlich wie ein Ei dem andern und ist so recht mein Stolz. Aber die Hauptsache für Jungens ist gehorchen – Gehorsam, Jungchen! Na, wenn du mit Bill zusammen auf See gewesen wärst, dann hättest du nicht hier gestanden und dir was zweimal sagen lassen – glaub mir das! Das gab’s bei Bill nicht, und das gibt’s auch bei denen nicht, die mit ihm gefahren sind. Und sieh mal an, da kommt ja mein Maat Bill, mit einem Fernrohr unterm Arm, der gute alte Kerl! Da wollen wir beide mal man in die Schankstube gehen, Jungchen, und uns hinter die Tür stellen, und wollen Bill ein bisschen überraschen – die gute alte Seele!“

Mit diesen Worten ging der Fremde mit mir in die Schankstube zurück und ließ mich hinter ihm in die Ecke treten, sodass wir beide hinter der geöffneten Türe verborgen waren. Ich fühlte mich sehr unbehaglich und unruhig, wie man sich wohl denken kann, und meine Angst wurde dadurch noch größer, dass der Fremde offenbar selber Furcht hatte. Er machte den Griff seines Stutzsäbels frei und lockerte die Klinge in der Scheide; und während der ganzen Zeit, als wir dastanden und warteten, schluckte er fortwährend, als ob er einen Kloß in der Kehle hätte, wie man zu sagen pflegt.

Endlich trat der Kaptein ein, schlug die Tür hinter sich zu, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, und ging quer durch das Zimmer an den Tisch, auf dem das Frühstück für ihn bereitstand.

„Bill!“ sagte der Fremde mit einer Stimme, der ich deutlich anmerkte, dass er alle Kraft aufgeboten hatte, sie recht laut und kühn zu machen.

Der Kaptein drehte sich auf dem Absatz herum und sah uns an. Alle braune Farbe war aus seinem Antlitz gewichen, und sogar seine Nase war blau. Er sah aus wie ein Mensch, der ein Gespenst erblickt oder den Teufel oder sogar noch etwas Schlimmeres, wenn es das gibt. Auf mein Wort: Er tat mir leid, wie er mir plötzlich so alt und krank vorkam.

„Nanu, Bill, du kennst mich doch; du kennst doch gewiss einen alten Schiffsmaat, Bill!“, sagte der Fremde.

Der Kaptein riss den Mund auf, wie wenn er nach Luft schnappen müsste, und rief:

„Der Schwarze Hund!“

„Wer denn sonst?“, antwortete der andere, der sich offenbar etwas behaglicher zu fühlen begann. „Der Schwarze Hund, immer noch der alte, ist nun hier, um seinen alten Schiffskumpan Bill im ‚Admiral Benbow‘ zu besuchen. Oh, Bill, Bill! Wir haben was durchgemacht, wir zwei, seitdem ich die beiden Finger verlor!“ Und dabei hielt er die verstümmelte Hand in die Höhe.

„Na, dann hör mal zu!“, sagte der Kaptein. „Du hast mich überrascht; hier bin ich. Also denn man los: Was willst du?“

„Das sieht dir ähnlich, Bill!“, antwortete der Schwarze Hund. „Bist immer noch der alte Billy. Ich will mir ein Glas Rum geben lassen von dem lieben Jungen hier, der so nett ist; dann wollen wir uns hinsetzen, wenn’s dir recht ist, und ein vernünftiges Wort miteinander schnacken, als richtige alte Schiffskameraden.“

Als ich mit dem Rum wieder hereinkam, saßen sie schon an des Kapteins Frühstückstisch einander gegenüber. Der Schwarze Hund saß in der Nähe der Tür und etwas seitlings auf seinem Stuhl, das eine Auge auf seinen alten Schiffskumpan und das andere auf seine Rückzugslinie gerichtet.

Er befahl mir, hinauszugehen und die Tür weit offenzulassen.

„Durchs Schlüsselloch gucken gibt’s bei mir nicht, Jungchen!“, sagte er.

Ich ließ die beiden allein und zog mich in den Zapfraum zurück.

Obgleich ich mir natürlich alle Mühe gab, etwas zu hören, konnte ich lange Zeit weiter nichts vernehmen als ein leises Gemurmel; schließlich aber begannen die Stimmen lauter zu werden, und ich konnte ab und zu ein paar Worte vom Kaptein verstehen – meistens Flüche.

„Nein, nein, nein, nein! Und damit basta“, schrie er einmal. Und ein anderes Mal: „Wenn’s zum Baumeln kommt, sollen alle baumeln – das sage ich!“

Dann aber gab es ganz plötzlich einen furchtbaren Ausbruch von Flüchen und anderen Geräuschen – Stühle und Tisch fielen um. Es folgten ein Klirren von Stahl und dann ein Schmerzensschrei. Und im nächsten Augenblick sah ich den Schwarzen Hund in voller Flucht und den Kaptein scharf hinter ihm her, beide mit gezogenen Stutzsäbeln; dem Schwarzen Hund strömte Blut aus der linken Schulter.

Unmittelbar vor der Tür führte der Kaptein noch einen letzten furchtbaren Streich nach dem Fliehenden; sicherlich hätte der Hieb ihm den Garaus gemacht, wenn er nicht von dem großen Gasthofsschild des „Admiral Benbow“ aufgefangen worden wäre. Man kann die Spur noch bis auf den heutigen Tag an der unteren Leiste des Rahmens sehen.

Mit diesem Hieb war das Gefecht aus. Kaum war der Schwarze Hund auf der Straße, so entwickelte er trotz seiner Wunde eine ungeheure Geschwindigkeit und war in einer halben Minute jenseits der Höhe verschwunden.

Der Kaptein aber starrte wie geistesabwesend auf das Schild. Dann fuhr er sich ein paar Mal mit der Hand über die Augen, und schließlich ging er in das Haus zurück und sagte zu mir:

„Jim, Rum!“

Und als er diese Worte sprach, taumelte er hin und her und musste sich mit der einen Hand gegen die Wand stützen.

„Sind Sie verwundet?“, schrie ich.

„Rum!“, sagte er noch einmal. „Ich muss fort von hier. Rum! Rum!“

Ich lief schnell, welchen zu holen. Aber ich war von all diesen Vorgängen ganz verstört, zerbrach ein Glas und konnte den Zapfen nicht richtig aufdrehen.

Während ich mich noch damit beschäftigte, hörte ich im Schankzimmer einen schweren Fall. Als ich hineinrannte, sah ich den Kaptein auf dem Fußboden liegen.

In demselben Augenblick kam meine Mutter, die das Geschrei und der Lärm des Kampfes aufgeschreckt hatten, die Treppe heruntergelaufen, um mir zu helfen. Mit vereinten Kräften hoben wir ihm den Kopf hoch. Er atmete sehr schwer und laut. Seine Augen waren geschlossen, und sein Gesicht war so blaurot, dass es schrecklich anzusehen war.

„Herrje, herrjemine!“, schrie meine Mutter. „Was für eine Schande für unser Haus! Und dein armer Vater liegt krank zu Bett!“

Wir hatten keine Ahnung, auf welche Weise wir dem Kaptein helfen könnten; wir dachten, er wäre in dem Gefecht mit dem Fremden tödlich verwundet worden.

Ich brachte Rum und versuchte, ihm davon einzuflößen; aber seine Zähne waren dicht geschlossen, und seine Kinnbacken waren so hart wie Eisen.

Wir fühlten uns ganz glücklich und erleichtert, als plötzlich die Tür aufging und Dr. Livesey eintrat, der seinen Besuch bei meinem Vater machen wollte.

„O Herr Doktor!“, riefen wir. „Was sollen wir tun? Wo ist er verwundet?“

„Verwundet? Papperlapapp!“, sagte der Doktor. „Der ist nicht mehr verwundet als ihr oder ich. Der Mann hat einen Schlaganfall gehabt, wie ich es ihm vorhergesagt hatte.

Nun, Frau Hawkins, laufen Sie mal schnell nach oben zu Ihrem Mann, aber sagen Sie ihm, wenn irgend möglich, kein Wort von der Geschichte. Ich muss ja leider mein Bestes tun, das verdammte Leben dieses Kerls zu retten, und Jim wird so gut sein, mir eine Schüssel zu holen.“

Als ich mit der Schüssel zurückkam, hatte der Doktor schon dem Kaptein den Ärmel hochgestreift und seinen dicken, muskulösen Arm entblößt, der an mehreren Stellen tätowiert war.

„Gut Glück!“ – „Schöner Wind!“ – „Billy Bones’ Liebchen!“ – diese Inschriften waren sauber und deutlich auf dem Unterarm angebracht; auf dem Oberarm in der Nähe der Schulter war ein Galgen, an dem ein Mensch hing – sehr originell, wie mir schien.

„Prophetisch!“, sagte der Doktor und tippte auf das Bild. „Und nun, Meister Billy Bones – wenn das Euer Name ist – wollen wir uns mal die Farbe Eures Blutes ansehen. Jim“, sagte er, „hast du Angst vor Blut?“

„Nein, Herr Doktor.“

„Na, dann halte mal die Schüssel!“ – Und mit diesen Worten nahm der Doktor seine Lanzette und öffnete eine Ader.

Eine große Menge Blut wurde abgezapft, bevor der Kaptein die Augen aufschlug und mit einem blöden Blick um sich sah. Zuerst erkannte er den Doktor und runzelte die Stirn; dann fiel sein Blick auf mich, und er sah erleichtert aus. Plötzlich aber wechselte er die Farbe, versuchte sich aufzurichten und rief:

„Wo ist der Schwarze Hund?“

„Hier ist kein schwarzer Hund“, sagte der Doktor, „außer dem, der Euch im Nacken sitzt (sprichwörtlich englisch für: Angst). Ihr habt einen Schlaganfall gehabt, genau wie ich’s Euch vorausgesagt habe. Ich habe Euch aber, sehr gegen meinen Willen, noch einmal mit dem Kopfe voran aus dem Grabe herausgezogen. Nun, Herr Bones –“

„So heiße ich nicht!“, unterbrach der Kaptein den Doktor.

„Ist mir Wurscht!“, antwortete der. „Ein alter Seeräuber, den ich kenne, heißt so; und ich nenne Euch so der Kürze wegen, und was ich Euch zu sagen habe, ist dies: Ein Glas Rum wird Euch nicht umschmeißen, aber wenn Ihr eins trinkt, so werdet Ihr noch eins nehmen und wieder eins.

Ich setze meine Perücke zum Pfande: Wenn Ihr das Rumtrinken nicht ganz aufgebt, so sterbt Ihr – versteht Ihr? – sterbt und geht dahin, wo Ihr hingehört, wie der Mann in der Bibel. Na, nun versucht mal aufzustehen. Ich will Euch zu Bett bringen.“

Mit großer Mühe gelang es dem Doktor und mir, den Kaptein die Treppe hinaufzubringen und ihn auf sein Bett zu legen, wo ihm sofort der Kopf auf das Kissen sank, als ob er ohnmächtig sei.

„Also denkt daran!“, sagte der Doktor. „Ich wasche meine Hände in Unschuld – Rum bedeutet für Euch Tod.“

Und damit ging er hinaus, um nach meinem Vater zu sehen. Er fasste mich am Arm und nahm mich mit hinaus, und sobald er die Tür geschlossen hatte, sagte er zu mir:

„Das ist nicht so schlimm. Ich habe ihm genug Blut abgezapft, um ihn für eine Weile ruhig zu halten. Er sollte eine Woche im Bett liegenbleiben – das ist das Beste für ihn und für euch; aber wenn er noch einen Schlaganfall kriegt, so ist’s aus mit ihm.“

3. Kapitel: Der schwarze Fleck

So gegen die Mittagsstunde stand ich vor des Kapteins Tür mit einigen kühlenden Getränken und Medizinflaschen. Er lag noch so ziemlich in derselben Stellung, in der wir ihn verlassen hatten; nur hatte er sich etwas höher hinaufgeschoben. Er schien schwach, zugleich aber auch aufgeregt zu sein.

„Jim“, sagte er zu mir, „du bist hier im Hause der Einzige, der was taugt, und du weißt, ich bin immer gut zu dir gewesen. Kein Monat ist vergangen, ohne dass ich dir ein silbernes Vier-Penny-Stück gegeben habe.

Sieh mal, Maat, mir geht es verdammt schlecht, und ich bin von allen verlassen. Jim, du wirst mir ein einziges Schlückchen Rum bringen, nicht wahr, das tust du doch, mein Junge?“

„Der Doktor“, fing ich an.

Da fluchte er auf den Doktor mit schwacher Stimme, aber es kam ihm vom Herzen.

„Doktoren sind alle Schwätzer“, sagte er. „Der Doktor da – was versteht der von richtigen Seeleuten? Ich bin an Stellen gewesen, da war’s so heiß wie in der Hölle, die Kameraden fielen rund um mich herum wie die Fliegen vom Gelben Hans (Gelbfieber) und das Land schwankte von Erdbeben wie die Meereswogen – was weiß so ein Doktor von solchen Ländern?

Ich blieb am Leben, sag ich dir, und das machte der Rum. Der war für mich Essen und Trinken, und wir waren wie Mann und Frau. Wenn ich nicht meinen Rum haben soll, dann bin ich ein armseliges altes Wrack an einer Leeküste und mein Blut empört sich über dich, Jim, und über den Schwätzer da, den Doktor!“

Jetzt kam wieder eine Reihe von Flüchen, und dann fing er noch einmal an zu betteln:

„Sieh doch mal, Jim, wie mir die Finger zittern. Ich kann sie nicht stillhalten – kann’s einfach nicht. Habe an diesem lieben Tag noch keinen Tropfen gehabt. Der Doktor da ist ein Schafskopf, sag ich dir. Wenn ich nicht einen Schluck Rum kriege, dann krieg ich das graue Elend; hab’s ‘schon ein paar Mal gehabt. Ich sah den alten Flint in der Ecke da hinter dir klar und deutlich; und wenn ich das graue Elend kriege – na, ich habe ein hartes Leben gehabt, und mir wird schlecht bei dem Gedanken. Der Doktor sagte mir ja selber: Ein einziges Glas würde mir nicht schaden. Ich will dir ein Goldstück für einen Schluck geben!“

Er wurde immer aufgeregter. Das machte mich unruhig wegen meines Vaters, mit dem es an diesem Tage sehr schlecht stand und der Ruhe nötig hatte; außerdem hatte ja der Doktor wirklich gesagt, was der Kaptein einwandte. Der Bestechungsversuch ärgerte mich allerdings. Ich antwortete:

„Ich brauche Ihr Geld nicht; bezahlen Sie nur, was Sie meinem Vater schuldig sind. Ich will Ihnen ein Glas holen, aber nicht mehr.“

Als ich ihm das Glas Rum brachte, griff er gierig danach und trank es aus; dann sagte er:

„Ah! Ah! Das tut wohl! Mir ist schon etwas besser. Und nun hör mal, mein Junge, sagte der Doktor, wie lange ich hier in dieser alten Klappe liegen muss?“

„Wenigstens eine Woche.“

„Alle Wetter!“, schrie der Kaptein. „Eine Woche! Das geht nicht: Inzwischen würden sie mir den schwarzen Fleck bringen. Die Schweinehunde sind schon dabei, mir den Wind abzufangen – die Schweinehunde, die nicht sparsam umgehen konnten mit dem, was sie kriegten, und jetzt klauen wollen, was einem andern gehört!

Benimmt ein ordentlicher Seemann sich so? Das möchte ich mal hören! Ich bin ein sparsamer Mensch. Ich habe niemals gutes Geld vergeudet, das ich mir verdient hatte; ich habe auch noch nie welches verloren, und ich will auch jetzt wieder dafür sorgen, dass sie sich den Mund wischen können. Vor denen habe ich keine Angst! Ich werde noch ein Segel aufrichten, mein Junge, und sie können mir nachpfeifen!“

Während er diese Rede hielt, war er mit großer Mühe von seinem Bett aufgestanden; er hielt sich mit einem Griff, dass ich beinahe laut aufgeschrien hätte, an meiner Schulter fest. Ich merkte, dass seine Beine so schwer wie Blei sein mussten, denn er konnte sie kaum bewegen. Seine Worte waren zwar sehr mutig, aber die schwache Stimme, mit der er sie aussprach, stand im traurigen Gegensatz dazu.

Als es ihm gelungen war, sich auf den Bettrand zu setzen, schwieg er einen Augenblick. Dann flüsterte er:

„Der Doktor hat mich fertiggemacht. Es saust mir in den Ohren. Lege mich auf den Rücken.“

Ich konnte ihm nicht viel helfen; denn ehe ich noch zugriff, war er schon wieder in seine frühere Lage zurückgesunken. Eine Weile lag er still da; endlich sagte er:

„Jim, du sahst heute den Seemann?“

„Den Schwarzen Hund?“

„Jawohl, den Schwarzen Hund! Das ist ein schlechter Kerl; aber die, die ihn angestiftet haben, sind noch schlimmer als er. Nun, wenn ich nicht auf irgendeine Weise von hier wegkommen kann und wenn sie mir den schwarzen Fleck in die Hand drücken, dann merke dir, was ich dir jetzt sage:

Sie sind hinter meiner alten Schifferkiste her. Nun nimm dir ein Pferd – du kannst doch reiten, nicht wahr? Na also – du setzt dich auf ein Pferd und reitest zu – na, in Gottes Namen! – zu dem ewigen Schwätzer, dem Doktor, und sagst ihm, er solle alle Mann auf Deck pfeifen – Behörden und solches Zeug – und soll sich längsseits vom ‚Admiral Benbow‘ legen, und er werde des alten Flint ganze Mannschaft fangen, groß und klein, alles, was noch davon übrig ist.

Ich war erster Steuermann, ja, das war ich! Dem alten Flint sein erster Steuermann. Ich bin der Einzige, der die Stelle kennt. Er gab sie mir in Savannah, als er im Sterben lag, gerade wie jetzt, wie du siehst.

Aber du darfst das nicht melden, bevor sie mir den schwarzen Fleck in die Hand geben oder bevor du den Schwarzen Hund wiedersiehst oder einen einbeinigen Seemann, Jim – den vor allen!“

„Was ist der schwarze Fleck, Kaptein?“, sagte ich.

„Das ist eine Aufforderung, Maat. Ich will dies erklären, wenn sie damit kommen. Aber die Hauptsache ist, dass du dein Wetterauge offenhältst, Jim. Verlass dich drauf, ich will mit dir teilen, Jim, halb und halb, auf meine Ehre!“

Er fantasierte noch eine kleine Weile. Seine Stimme wurde immer schwächer. Dann gab ich ihm seine Medizin; er schluckte sie hinunter wie ein Kind und bemerkte dazu:

„Wenn jemals ein Seemann Medizin nötig hatte, dann bin ich es.“

Schließlich verfiel er in einen schweren, ohnmachtsähnlichen Schlaf. Ich ließ ihn allein.

Was ich getan hätte, wenn alles gut gegangen wäre, weiß ich nicht. Wahrscheinlich würde ich die ganze Geschichte dem Doktor erzählt haben; denn ich hatte Todesangst, es könnte dem Kaptein leidtun, mir seine vertraulichen Enthüllungen gemacht zu haben. Er würde mich totschlagen.

Es kam aber so, dass mein armer Vater an diesem selben Abend ganz plötzlich starb, und da hatte ich keine Gedanken für etwas anderes. Unsere Trauer, die Beileidsbesuche der Nachbarn, die Anordnungen für das Begräbnis und dabei die ganze Arbeit in der Wirtschaft, die nebenbei erledigt werden musste – dies alles gab mir so viel zu tun, dass ich kaum Zeit hatte, an den Kaptein zu denken, geschweige denn Angst vor ihm zu haben.

Am nächsten Morgen kam er die Treppen herunter und nahm seine Mahlzeiten wie gewöhnlich ein; er aß allerdings wenig, und ich glaube, er trank noch mehr Rum als gewöhnlich; denn er ging selber in den Zapfraum, bediente sich da, knurrte dabei und blies durch die Nase. Keiner von uns wagte, ihm in den Weg zu kommen.

Am Abend vor dem Begräbnis war er wie gewöhnlich betrunken. Es war fürchterlich, ihn in unserem Trauerhause sein scheußliches altes Schifferlied brüllen zu hören. Aber so schwach er auch war, wir hatten alle Angst vor ihm.

Der Doktor war bei einem Schwerkranken, der viele Meilen entfernt wohnte und zu dem man ihn plötzlich gerufen hatte; deshalb kam er nach meines Vaters Tod nicht ins Haus.

Wie ich bereits sagte, war der Kaptein schwach; ja, er schien sogar immer schwächer zu werden, statt wieder zu Kräften zu kommen.

Er schleppte sich die Treppe hinauf und wieder herunter, ging aus der Schankstube in den Zapfraum und wieder zurück; manchmal steckte er seine Nase aus der Tür und atmete Seeluft ein. Dabei hielt er sich an den Wänden fest, um sich zu stützen, keuchte laut, wie wenn er einen steilen Berg bestiege.

Niemals redete er mich an. Ich bin der Meinung, er hatte seine Mitteilung so gut wie vergessen; aber er brauste noch leichter auf als gewöhnlich und war trotz seiner körperlichen Schwäche heftiger denn je. Er hatte eine beunruhigende Manier, wenn er betrunken war, seinen kurzen Säbel zu ziehen und die blanke Waffe vor sich auf den Tisch zu legen.

Trotz alledem aber kümmerte er sich weniger als sonst um die Leute und war allem Anschein nach mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Einmal stimmte er zu unserer großen Überraschung eine ganz neue Melodie an, ein altmodisches Liebeslied, das er wahrscheinlich in seinen Jugendjahren gekannt hatte, bevor er zur See gegangen war.

Am Tage nach dem Begräbnis, gegen drei Uhr, an einem bitterkalten, nebligen Nachmittag, stand ich einen Augenblick vor der Tür, voll trauriger Gedanken an meinen Vater. Da sah ich einen Mann langsam auf der Straße näher kommen.

Er war offenbar blind, denn er tastete mit einem Stock vor sich her und trug einen breiten grünen Schirm über Augen und Nase. Sein Rücken war gekrümmt, entweder vom Alter oder von Schwäche, und er trug einen großen, alten, zerlumpten Schiffermantel mit einer Kapuze. Nie in meinem Leben hatte ich eine so fürchterlich aussehende Gestalt erblickt.

Dicht vor unserem Gasthof blieb er stehen und sagte in einem eigentümlich singenden Ton, wie wenn er in die Luft hineinspräche:

„Will ein freundlicher Mensch so gut sein, einem armen Blinden Bescheid zu sagen, der das kostbare Augenlicht bei der Verteidigung seines Vaterlandes England verloren hat – Gott schütze König Georg! –, und würde ihm sagen, in welcher Gegend des Landes er wohl in diesem Augenblick sein mag?“

„Ihr seid beim ,Admiral Benbow‘ an der Blackhillbucht, guter Mann“, sagte ich.

„Ich höre eine Stimme“, sagte der Blinde, „eine junge Stimme. Wollt Ihr mir Eure Hand geben, mein gütiger junger Freund, und mich hineinführen?“

Ich streckte meine Hand aus. Dieses gräuliche blinde Geschöpf mit der sanften Stimme packte sie und hielt sie wie in einem Schraubstock. Ich bekam einen solchen Schreck, dass ich meine Hand losreißen wollte; aber der Blinde zog mich mit einer einzigen Armbewegung dicht an sich heran und sagte:

„Nun, mein Junge, bringe mich zum Kaptein.“

„Herr!“, rief ich. „Auf mein Wort, das wage ich nicht.“

„Oh“, sagte er spöttisch, „wenn’s weiter nichts ist! Führe mich sofort hinein, sonst breche ich dir deinen Arm!“

Und bei diesen Worten gab er mir einen Druck, dass ich laut aufschrie.

„Herr, ich wage es um Euretwillen nicht. Der Kaptein ist nicht mehr, wie er früher war. Er sitzt mit gezogenem Säbel an seinem Tisch. Ein anderer Herr –“

„Ach was, marsch!“, unterbrach er mich.

Ich hatte niemals eine so grausame, kalte, unangenehme Stimme gehört wie die dieses Blinden. Sie machte mir noch mehr Angst als der Schmerz von seinem Handdruck; darum gehorchte ich ihm sofort und ging mit ihm in die Schankstube, wo unser alter Freibeuter saß, der vom Rum halb benebelt war.

Der Blinde hielt sich dicht an mich, ohne seine eiserne Faust von mir abzulassen, und sagte:

„Führe mich dicht an ihn heran, und wenn ich gerade vor ihm stehe, dann sage: ,Hier ist ein Freund von Euch‘. Wenn du das nicht tust, dann tu ich was anderes!“

Und damit gab er mir wieder einen Druck, dass ich dachte, ich würde ohnmächtig.

Ich hatte eine so fürchterliche Angst vor dem blinden Bettler, dass ich an meine Angst vor dem Kaptein gar nicht dachte, und als ich die Tür zur Schankstube aufmachte, rief ich mit zitternder Stimme die Worte, die der Blinde mir befohlen hatte.

Der arme Kaptein blickte auf, auf den ersten Blick verschwand der Rumdunst aus seinem Kopf, und er war vollständig nüchtern. In seinem Gesichtsausdruck lag nicht so sehr Furcht als tödliche Krankheit. Er machte eine Bewegung, wie wenn er aufstehen wollte; aber ich glaube, er hatte nicht mehr genug Kraft im Leibe.

„Na, Bill, bleibe nur ruhig sitzen“, sagte der Bettler. „Wenn ich auch nicht sehen kann, so kann ich dafür hören, wenn einer einen Finger rührt. Geschäft ist Geschäft. Strecke deine linke Hand aus! Junge, nimm seine linke Hand am Gelenk und bringe sie an meine rechte heran!“

Wir gehorchten ihm beide auf den Buchstaben. Ich sah, wie er mit der Hand, die den Stock hielt, etwas in des Kapteins Hand legte, die sich sofort schloss.

„Na, das ist also abgemacht!“, sagte der Blinde.

Mit diesen Worten ließ er mich plötzlich los und lief mit unglaublicher Sicherheit aus der Schankstube hinaus auf die Straße. Ich stand regungslos da und hörte, wie das Auftappen seines Stockes sich allmählich in der Ferne verlor.

Es dauerte geraume Zeit, bis der Kaptein und ich wieder zur Besinnung kamen; schließlich ließ ich sein Handgelenk los, das ich immer noch gehalten hatte.

Er öffnete seine Faust beinahe in demselben Augenblick, warf einen scharfen Blick in die hohle Hand und rief:

„Um zehn, noch sechs Stunden. Dann wollen wir sie noch anführen!“

Er sprang auf. Aber im selben Augenblick taumelte er, fuhr mit der Hand an seine Kehle, schwankte einen Augenblick hin und her und fiel dann, indem er einen sonderbaren Ton ausstieß, seiner ganzen Länge nach auf den Fußboden.

Ich lief sofort zu ihm und rief nach meiner Mutter. Aber unsere Eile hatte keinen Zweck mehr. Der Kaptein hatte einen neuen Schlaganfall bekommen und war tot.

Es ist merkwürdig: Ich hatte gewiss diesen Mann niemals geliebt, wenn er auch in der letzten Zeit mir leidgetan hatte; aber sobald ich sah, dass er tot war, brach ich in eine Flut von Tränen aus. Dies war der zweite Todesfall, den ich erlebte, und der Kummer um den ersten war noch frisch in meinem Herzen.

4. Kapitel: Die Schifferkiste

Natürlich erzählte ich meiner Mutter sofort alles, was ich wusste und was ich ihr vielleicht schon längst hätte erzählen sollen.

Wir erkannten sogleich, dass wir uns in einer schwierigen und gefährlichen Lage befanden.

Ein Teil von dem Gelde des Kapteins – wenn er überhaupt welches hatte – gehörte ohne Zweifel uns; aber es war nicht unwahrscheinlich, dass die Schiffskumpane unseres Kapteins, von denen ich zwei Musterexemplare gesehen hatte, den Schwarzen Hund und den blinden Bettler, geneigt sein würden, ihre Beute herauszugeben, um damit die Schulden des Toten zu bezahlen.

Wenn ich den Befehl des Kapteins befolgt, mich sofort auf ein Pferd gesetzt und Dr. Livesey geholt hätte, so wäre meine Mutter allein und ohne Schutz geblieben; daran war natürlich nicht zu denken.

Ebenso unmöglich erschien es uns beiden, noch länger im Hause zu bleiben; wir erschraken, wenn nur eine Kohle in der Küche raschelte, ja sogar vor dem Ticken der Wanduhr. Unsere Ohren glaubten, in der Nachbarschaft Schritte zu hören, die sich unserem Haus näherten. Auf dem Fußboden der Schankstube lag der Leichnam des Kapteins, und um ihn schwebte gewissermaßen die Gestalt des abscheulichen blinden Bettlers, der jeden Augenblick zurückkehren konnte. Fortwährend sträubten sich mir die Haare. Ich bekam eine Gänsehaut, wie man zu sagen pflegt.

Jedenfalls mussten wir schnell zu irgendeinem Entschluss kommen. Am Ende hielten wir es für das Beste, beide das Haus zu verlassen und in dem nahen Dorf Hilfe zu suchen.

Gesagt, getan. Barhäuptig liefen wir sofort in die Dämmerung hinaus und in den kalten Nebel hinein.

D

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