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Die Schattenleserin - Silberne Glut

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. 29
  35. Dank

Über die Autorin

Sandy Williams hat in Texas studiert und Abschlüsse in Geschichte, Politik- und Bibliothekswissenschaften. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Bibliothekarin, bis sie ihren Ehemann auf einen längerfristigen Geschäftsaufenthalt in London begleitete. Inzwischen lebt die Familie wieder in Texas, und wann immer ihr ihre Zwillinge Zeit lassen, widmet sich Sandy dem Schreiben.

Sandy Williams

DIE
SCHATTEN
LESERIN

SILBERNE GLUT

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Kerstin Fricke

1

Ich habe fünfzehn Minuten, um alles zusammenzusammeln, was ich aus einem Apartment brauche, in dem ich sieben Jahre lang gelebt habe. Erschreckenderweise ist das mehr als genug Zeit. An meinen Wänden hängt nichts außer einem abstrakten Druck, und Sofa und Couchtisch sind secondhand, wie es sich für eine Studentenbude gehört. Diese Wohnung war von Anfang an nur als vorübergehende Unterkunft gedacht gewesen. Ich habe immer geglaubt, dass ich mal meinen Abschluss machen und einen richtigen Job bekommen würde, in ein schöneres Apartment ziehen und, nun ja, ein schöneres Leben führen könnte. Aber ein Krieg zerstört jedermanns Pläne.

Anstatt das Licht einzuschalten, öffne ich die Jalousien – aus Rücksicht auf meine Wächter, zwei Fae namens Trev und Nalst. Sie sind vorsichtshalber hier, auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich der Rest von König Atroths Anhängern ausgerechnet diesen Moment aussuchen wird, um hierher nach Houston zu kommen. Wir haben den Silberpalast vor zwei Wochen eingenommen. Sie hatten genug Zeit, um über meine Wohnung herzufallen, aber es ist noch alles so, wie ich es verlassen habe. Vermutlich wissen sie nicht mal, wo ich wohne. Als ich noch für den König arbeitete, war meine Identität eines der am besten gehüteten Geheimnisse des Reiches, und die wenigen Leute, die meinen Namen kannten, sind jetzt entweder tot oder stehen wie ich auf der Seite der aufständischen Fae.

»Beeil dich«, befiehlt mir Trev. Ein blauer Blitzstrahl zuckt seinen Hals hinunter und verschwindet hinter seinem Jaedrik-Brustharnisch. Die Chaosschimmer der Fae werden aktiver, unruhiger, wenn sie sich in der Nähe von Technologie aufhalten, aber Trev ist nicht aus diesem Grund nervös. Die Rebellion braucht jedes Schwert, das sie kriegen kann, um zu verhindern, dass ihre Feinde den Palast zurückerobern. Nalst und er müssen so schnell wie möglich ins Reich zurückkehren.

Sie warten im Wohnzimmer, während ich ins Schlafzimmer gehe. Ich hole einen Koffer aus dem Schrank und werfe meine Lieblingsjeans und einige T-Shirts hinein, dann hole ich mein ledergebundenes Skizzenbuch vom Regalbrett über der Kleiderstange. Die Kritzeleien – das Buch ist halb voll gemalt – sehen eher aus wie die Zeichnungen eines Wahnsinnigen als wie Karten, aber wenn ich sie einem Fae zeige und den Namen des aufgezeichneten Ortes laut ausspreche, dann kann er dorthin reisen. Wegen dieser Fähigkeit und meiner Sehergabe wurde ich in den Krieg im Reich verstrickt. Nur wenige Menschen können die Fae sehen, und noch weniger können ihre Bewegungen verfolgen, ihre Schatten lesen.

Dieses Skizzenbuch hatte ich stets bei mir, wenn ich für den Hof die Schatten las, doch als mich die Rebellen vor etwas über einem Monat von meinem Campus entführten, hatte ich es nicht dabei. Wozu auch, da ich diesen Tag freihaben sollte.

Ich werfe das Buch in meinen Koffer, froh, es wieder bei mir zu haben. Ich mag den abgewetzten Ledereinband, und dank des langen Riemens kann ich es wie eine Kuriertasche tragen, sodass es viel praktischer ist als ein normales Notizbuch. In einem Reich im Kriegszustand brauche ich diese kleine Annehmlichkeit. Ich kann schneller laufen, wenn ich freie Hände habe.

Ich lasse den Koffer offen und gehe zu meinem Schreibtisch, um mein Portemonnaie aus der mittleren Schublade zu holen. Darin ist sogar noch Geld; sechzehn Dollar, um genau zu sein. Das ist vermutlich mehr, als ich auf der Bank habe. Als der König noch am Leben war, hat er mir monatlich eine kleine Summe für das Aufspüren von kriminellen Fae gezahlt. Viele dieser Fae waren wirklich schlimm, aber das galt bei Weitem nicht für alle, wie ich vor Kurzem erfahren durfte.

Mein Führerschein und mein Sozialversicherungsausweis stecken im Portemonnaie. Sie sind der Grund für mein Hiersein. Mit jedem Jahr, in dem ich für den König arbeitete, entglitt mir mein menschliches Leben mehr und mehr. Ich verlor meine Freunde, meine Familie und meine Chance auf einen Collegeabschluss, und alles nur, weil mir die Arbeit für die Fae wichtiger war als mein eigenes Leben. Das muss jetzt ein Ende haben. Ich fange noch mal von vorne an, und dieses Mal werde ich ein Gleichgewicht zwischen meinem menschlichen Leben und meiner Arbeit für die Fae finden, das habe ich felsenfest vor. Der Führerschein und der Sozialversicherungsausweis werden mir dabei helfen. Eine Start-up-Nachrichtenwebseite hat mir einen Job in Las Vegas angeboten, und ich muss dem Besitzer, Brad Jenkins, beide Papiere für den Abschluss des Arbeitsvertrages vorlegen.

Ich kann es noch immer nicht glauben, dass ich mich in Las Vegas niederlassen werde – die Stadt ist mir eigentlich viel zu schrill –, aber genau dort werde ich mir eine Hotelsuite mit einem anderen mit der Sehergabe ausgestatteten Menschen teilen, dem die Stadt tatsächlich gefällt. Und Jenkins ist vermutlich der einzige Redakteur, der bereit ist, jemandem ohne Collegeabschluss eine Chance zu geben.

Ich stecke das Portemonnaie in meine Gesäßtasche und nehme ein Fotoalbum aus dem Regal. Allerdings schlage ich es nicht auf. Das tue ich so gut wie nie. Darin befinden sich Bilder aus einem anderen Leben, aus einer Zeit, in der ich noch nicht in den Krieg im Reich verstrickt gewesen war. Ich habe meine Eltern weder gesprochen noch gesehen, seit ich siebzehn war. Das hatte ich so nicht geplant. Ich hatte vor, nach dem Collegeabschluss wieder nach Hause zu gehen. Mit diesem Abschluss wollte ich ihnen beweisen, dass ich nicht wild, verantwortungslos oder eines der zahlreichen andere Dinge bin, die sie mir an den Kopf geworfen haben. Vielleicht kann ich das aber auch mit einem Job machen. Wenn alles gut läuft, dann finde ich möglicherweise den Mut, sie anzurufen.

Ich möchte sie anrufen. Ich vermisse sie und das schöne Leben, das sie mir ermöglicht haben.

Als das Album im Koffer steckt, lege ich meinen Laptop und das Ladekabel hinein. Trev und Nalst werden ärgerlich sein, wenn sie die technischen Geräte sehen, aber der Akku des Laptops ist fast leer. Das dürfte ihrer Magie nicht wirklich schaden, zumindest nicht so sehr, dass sie mich nicht durch einen Riss zurück nach Vegas bringen können.

Dann ziehe ich den Reißverschluss des halb leeren Koffers zu. Erneut werfe ich einen Blick durch das Zimmer und habe das Gefühl, dass ich eigentlich mehr Erinnerungen mitnehmen müsste, doch dann entdecke ich das kleine offene Holzkästchen auf meinem Schreibtisch. Ich trage kaum Schmuck, daher ist das Kästchen auch fast leer. Darin befinden sich nur eine dünne Goldkette, ein Perlenarmband, ein paar andere Schmuckstücke und …

Mir stockt der Atem. Auf dem Boden des Kästchens liegt ein zusammengerolltes Namensband. Es besteht aus Onyx und Audrin, einem rauchigen, quarzähnlichen Stein, den es nur im Reich gibt. Die alten Fae pflegten Namensbänder in ihr Haar zu flechten, aber diese Tradition wird heute nur noch von den prominentesten Familien hochgehalten. Dieses Band hat Kyol gehört. Er hatte es mir an dem Tag, an dem ihn der König zu seinem Schwertmeister erhob, zusammen mit einem Kuss und einer Umarmung geschenkt. Damals hätte keiner von uns vorhersagen können, dass er diesen König eines Tages töten würde.

Ich sollte das Band hierlassen. Mir fehlt das, was Kyol und ich gehabt haben, und dennoch habe ich ihn verlassen. Ich zog es vor, es mit jemandem zu versuchen, der alles riskieren würde, um mit mir zusammen zu sein. Aber ehrlich gesagt, ich vermisse Aren auch.

Etwas flattert in meinem Bauch. Es ist schwer zu sagen, ob dieses Gefühl Sorge oder Verlangen ist. Es ist fast eine Woche her, dass ich Aren das letzte Mal gesehen habe. Damals war er am Leben, aber um zu sterben, braucht es nur einen Moment, und er und Kyol und alle Fae, die die Rebellion unterstützen, hatten seit der Eroberung des Silberpalastes keine Verschnaufpause mehr. Jemand organisiert die verbliebenen Anhänger des Königs – die »Loyalisten«, wie wir sie nennen –, und wenn wir nicht bald herausfinden, wer das ist, dann werden sie uns überrennen.

Ich nehme das Namensband heraus. Ich habe es zwar nie an Kyol gesehen, aber es ist ein Familienerbstück. Und das Wenigste, was ich tun kann, ist, es ihm zurückzugeben.

Ich stecke es in die Tasche, nehme meinen Koffer und rolle ihn ins Wohnzimmer.

»Ich bin fertig«, sage ich zu den Fae.

Trev spielt an einem Stück Jaedrik-Rinde herum, das sich von seinem Brustharnisch gelöst hat. Die Borke wird in langen Streifen von Jaedra-Bäumen gezogen und dann auf die lederne Form aufgetragen. Die Harnische der Truppen des ehemaligen Hofs sind immer geschwärzt, manchmal auch braun, gut geölt, und auf Brust- und Rückenplatte prangt ein Abira-Baum mit dreizehn Ästen. Im Vergleich dazu sind die Rüstungen der Rebellen farblos, ohne Dekoration, im Großen und Ganzen ganz schön schäbig, aber sie sind funktionell, und das ist das Wichtigste.

Trev lässt die Jaedrik-Rinde los und nickt. Ein Chaosschimmer schießt über seine Nase, und ein Muskel in seiner Wange zuckt, sodass die scharfen Konturen seines Gesichts noch stärker hervortreten. Fae spüren den Blitz erst, wenn sie einen Menschen berühren, aber ich bin mir sicher, dass Trev das blaue Aufblitzen gesehen hat. Er verstärkt den Griff um sein Schwert, das noch in der Scheide steckt, und er kneift die Augen zusammen, sodass sich kleine Fältchen um die Augenwinkel bilden. Trev sieht aus, als wäre er Mitte zwanzig, aber er muss wenigstens fünfzig sein. Im Reich altern die Leute langsamer als auf der Erde, daher ist es schwer zu sagen, wie alt ein Fae genau ist. Doch diese winzigen Fältchen geben mir einen guten Anhaltspunkt.

Trev geht zur Tür. Ich will ihm schon folgen, bleibe dann jedoch stehen, als ich den Stapel Post auf meinem Küchentisch wahrnehme. Der oberste Brief kommt von meinem College. Ich kann dem Drang nicht widerstehen, das Schreiben zu öffnen, auch wenn ich mir gut vorstellen kann, was drinsteht. Als ich zu der Zeile »Wir bedauern, Sie darüber informieren zu müssen« komme, halte ich inne und runzle die Stirn.

Das tue ich nicht etwa, weil ich durchgerasselt bin. Die Rebellen hatten mich gefunden, als ich gerade meinen allerletzten Test schrieb, und damals hielt ich sie noch für die Bösen. Ich lief aus meinem »Englische Literatur«-Test – einem Test, den ich schon zweimal nicht geschafft hatte –, weil ich nicht scharf darauf war, umgebracht oder gefangen genommen zu werden, daher überrascht mich diese Suspendierung jetzt auch nicht. Vielmehr wundere ich mich darüber, wie dieser Brief – und all die anderen – hierhergekommen ist. Außer meiner Freundin Paige, meiner einzigen menschlichen Freundin, hat niemand einen Schlüssel für meinen Briefkasten und meine Wohnung. Paige erträgt meine häufige Abwesenheit ebenso wie mein seltsames Benehmen. Als ich noch in den Diensten des Hofes stand, bin ich oft nicht erschienen, wenn wir uns irgendwo verabredet hatten, und mehr als nur einmal habe ich sie mitten in einer Unterhaltung stehen lassen. Ich musste mir jede Menge verrückter Entschuldigungen für mein Verhalten ausdenken, aber Paige hat immer nur mit den Achseln gezuckt oder mich leicht zweifelnd angesehen … und dann war die Sache für sie erledigt.

Doch dieses Mal habe ich es anscheinend selbst für ihre Verhältnisse übertrieben. Über eine Woche lang habe ich sie angerufen, um mich dafür zu entschuldigen, dass ich auf der Hochzeitsfeier ihrer Schwester einfach verschwand, aber sie ist nie ans Telefon gegangen. Wenn sie so sauer ist, warum sollte sie dann hierherkommen und in meiner Wohnung nach dem Rechten sehen?

Aber sie muss es getan haben. Ich breite die Post aus und suche nach einer Notiz oder einer Nachricht von Paige, doch da ist nichts. Als ich gerade schon zum Telefon gehen und sie noch einmal anrufen will, sehe ich ihr Portemonnaie auf einem Stuhl liegen, der halb unter dem Tisch steht. Als ich es in die Hand nehme, läuft mir ein Prickeln über den Arm.

»McKenzie?«, ruft Trev.

Ich bekomme Gänsehaut. Das ist Paiges Portemonnaie und …

Und, oh Scheiße!

»Ich hab einen Schutzzauber gebrochen.« Ich lasse die Geldbörse fallen, als hätte ich mich daran verbrannt. Dieses Prickeln war mehr als nur eine normale Gänsehaut, es war ein magischer Stolperdraht, der den Fae, der ihn erschaffen hat, alarmieren wird.

Ich wirbele herum und renne zur Wohnungstür. Trev und Nalst wissen sofort Bescheid. Ihnen ist klar, dass nur ein Loyalist den Schutzzauber gewirkt haben kann.

»Geh«, ordnet Trev an. Nalst nickt, und ein vertikaler weißer Lichtriss öffnet sich neben ihm in der Luft. Er tritt hinein und verschwindet.

Nur mit Mühe kann ich den Blick von den Schatten abwenden, die der Riss zurücklässt. Nur Schattenleser wie ich können diese sich schlängelnden Schattenbilder sehen, aber dieses Mal muss ich ihre Drehungen und Windungen nicht zeichnen, um zu wissen, wohin Nalst verschwunden ist. Obwohl die Loyalisten nicht wissen dürften, wo ich wohne, haben wir einen Notfallplan ausgearbeitet. Nalst wird Hilfe aus dem Reich holen.

Aber wir werden nicht hier herumstehen und darauf warten.

Trev zieht sein Schwert, als ich die Tür öffne. Ich renne zuerst hindurch, wende mich nach rechts und renne über den Beton durch den Flur zur Treppe.

Mein Apartment liegt im zweiten Stock. Ich ignoriere mein rasendes Herz und konzentriere mich auf die Stufen, als ich hinunterrenne, zwei auf einmal nehmend. Trev bleibt an meiner Seite und hält mein Tempo, auch wenn er eigentlich doppelt so schnell laufen oder sich direkt durch einen Riss auf den Parkplatz begeben könnte. Ich komme unten an, ohne dass ein Loyalist erscheint. Vielleicht sind sie schlecht organisiert und niemand war darauf vorbereitet hierherzureisen. Vielleicht ist der Fae tot, der den Schutzzauber gewirkt hat. Vielleicht haben sie …

Zu meiner Linken öffnen sich gleich mehrere Lichtrisse. Ich stoße einen Fluch aus und renne um die Ecke des Gebäudes …

Und pralle gegen einen Mann. Er ist zwar gute dreißig Zentimeter größer als ich und extrem übergewichtig, aber ich habe so viel Schwung drauf, dass er gegen eines der vor dem Haus geparkten Autos knallt. Der Mann ist ein Mensch. Die drei Wesen, die um uns herum auftauchen, sind es nicht.

»McKenzie«, sagt der Mann. Ich kann ihn fast nicht hören, weil die beiden Fae in unserer unmittelbaren Nähe sich auf Trev stürzen. Er wehrt das Schwert des ersten Loyalisten ab und geht dem Angriff des anderen aus dem Weg, indem er einen Riss öffnet und darin verschwindet.

Ein weiterer Fae, eine Frau, sieht mich und den Menschen an, den ich endlich als den Apartmentmanager erkenne, als ich sein Klemmbrett realisiere. Er ist der einzige Grund dafür, dass die Fae noch nicht versucht hat, mich zu töten oder gefangen zu nehmen. Aber ich weiß nicht, wie lange das noch gut gehen wird. Die Fae König Atroths haben früher alles Erdenkliche getan, damit sie von normalen Menschen, den Erdlingen ohne Sehergabe, nicht gesehen wurden, doch vor nicht einmal einem Monat haben die Fae einen Angriff in einer kleinen Siedlung in der Nähe von Vancouver durchgeführt, ohne dabei Rücksicht auf die Menschen oder ihren Besitz zu nehmen. Die Fae könnte jederzeit beschließen, dass ich den Kollateralschaden wert bin.

Kollateralschaden. Ist das auch aus Paige geworden?

»Sie sind mit der Miete im Rückstand«, sagt der Manager, der die Frau, die ihn mit gezücktem Schwert umkreist, nicht sehen kann. Für einen Menschen ohne die Gabe des Sehens sind Fae nur sichtbar, wenn sie das selbst wollen.

»Wo ist Paige?«

Bei meinen Worten zögert die Fae. Sie sieht den Manager an, der meiner Blickrichtung folgt. Während er abgelenkt den Parkplatz nach etwas absucht, das er nicht sehen kann, schnappe ich mir sein Klemmbrett, drehe mich um und werfe es dem kleineren Fae, der Trev attackiert, an den Kopf.

Ich habe perfekt gezielt, und Trev ist ein so geübter Schwertkämpfer, dass er die Ablenkung nutzen, die Schwachstelle an der Seite des Brustharnisches seines Gegners finden und seine Klinge zwischen dessen Rippen stoßen kann. Der Loyalist schreit auf und verschwindet in einem Riss. Ich habe keine Ahnung, ob er seine Verletzung überlebt hat oder nicht.

»Wollen Sie sich verdrücken?«, fragt der Manager und packt meinen Arm. »Ich habe Ihnen das dieses Jahr schon dreimal durchgehen lassen.«

»Entschuldigung«, sage ich und beobachte die Fae hinter ihm. Als klar ist, dass sie sich auf uns zubewegt, nutze ich es aus, dass der Manager noch immer meinen Arm festhält, und ziehe ihn mit. »Wir müssen gehen.«

»Sie müssen Ihre Miete bezahlen.«

Die Fae hebt ihr Schwert.

»Verschwinden Sie!«, rufe ich und stoße mit der Schulter gegen ihn, um ihn aus dem Weg zu schieben.

»Ich werde die Polizei rufen …«

Die Fae schlägt ihm den Schwertgriff gegen den Kopf. Der Mann fällt zu Boden und zieht mich mit sich. Doch als er landet, erschlafft seine Hand. Ich liege neben ihm, aber ich bin frei.

Ich rapple mich gerade auf, als die Fae näher kommt. Ein schneller Blick über die Schulter sagt mir, dass Trev noch mit dem größeren Loyalisten beschäftigt ist. Ich bin unbewaffnet. Wenn sie meinen Tod wollten, dann hätte ich ihnen nichts entgegenzusetzen. Doch die Tatsache, dass ich noch am Leben bin, bedeutet, dass ich vielleicht eine Chance habe und mir möglicherweise etwas Zeit verschaffen kann. Die Fae hat den Manager bewusstlos geschlagen – ich finde es furchtbar, dass er in die Aktion verwickelt wurde –, was heißen kann, dass die Fae nicht die Aufmerksamkeit normaler Menschen erregen will.

Bevor sie nach mir greift, trete ich mit dem Absatz gegen das nächste Auto. Eine Sekunde später geht die Alarmanlage los. Sie ist laut – so laut, dass selbst ich zusammenzucke, obwohl ich damit gerechnet habe –, und sie bewirkt, dass die Fae abrupt stehen bleibt. Dann macht sie einige Schritte nach hinten und starrt das Auto an, als könne es sie gleich angreifen.

Ich rolle mich über die Motorhaube, komme auf der anderen Seite wieder auf die Beine und laufe auf den Parkplatz, bevor die Fae überhaupt begriffen hat, dass der Alarm nicht von einem riesigen technischen Gerät kommt – er ihre Magie nicht zum Erliegen bringt. Ich habe den Wohnblock auf der anderen Seite des Parkplatzes schon fast erreicht, als meine Haut zu prickeln beginnt.

Ein Riss öffnet sich zu meiner Linken. Trev. Er stellt sich neben mich, gerade als zwei weitere hell leuchtende Risse die Atmosphäre vor und hinter uns durchschneiden. Der verbliebene Loyalist, der Mann, kommt, das blutige Schwert erhoben, auf uns zu. Ich werfe einen kurzen Blick nach hinten und sehe die Frau, die abzuschätzen scheint, ob sie an mich rankommen kann, ohne dass Trev sich einmischt.

Als ich zu Trev blicke, sehe ich Blut aus dem Schlitz zwischen Brustharnisch und Jaedrik-Beinzeug quellen, das seinen rechten Oberschenkel schützt. So ein Mist!

»Verschwinde von hier«, rate ich Trev. Er wird verbluten, wenn er nicht bald Hilfe von einem Fae-Heiler bekommt.

Er schüttelt den Kopf und macht einen wackligen Schritt nach vorn, um sich zwischen mich und den näher kommenden Loyalisten zu stellen. Einen kurzen Augenblick überlege ich, ob ich mich von ihnen gefangen nehmen lassen soll. Dann könnte Trev durch einen Riss verschwinden, außerdem wäre es der schnellste und leichteste Weg, um zu Paige zu gelangen. Aber andererseits weiß ich noch nicht mal, ob sie überhaupt noch am Leben ist.

Es schnürt mir die Kehle zusammen, aber ich zwinge mich, meine Sorge um Paige zu vergessen, und wende mich der Frau zu. Als sie ihr Schwert hebt, sage ich: »Auf diesen Parkplatz ist Überwachungstechnologie gerichtet. Sie nimmt alles auf. Wenn du mich von hier wegschleifst, kann es die ganze Welt sehen.« Das könnte stimmen. Ich weiß, dass der Parkplatz mit Videokameras überwacht wird, aber ich habe keine Ahnung, wo sie sich befinden und wie viele es sind.

»Sie werden nur dich sehen können«, erwidert sie.

Stimmt, sie werden sehen, wie ich um mich schlagend und schreiend über den Parkplatz geschleppt werde. Vermutlich würde man mich eher als verrückt einstufen als annehmen, dass es Fae gibt, aber das muss sie ja nicht wissen, also fange ich gerade an zu argumentieren, wie verdächtig das wirken würde, als sich um uns herum ein halbes Dutzend Risse öffnen.

Rebellen. Nalst ist zurückgekehrt, in Begleitung weiterer Fae, die diese schäbige Jaedrik-Rüstung tragen. Die Loyalistin erkennt im gleichen Augenblick wie ich, auf wessen Seite die Neuankömmlinge stehen. Sie öffnet einen Riss und verschwindet, bevor Nalst, der in ihrer unmittelbarer Nähe steht, sie angreifen kann. Der Loyalist, der gegen Trev kämpft, hat nicht so viel Glück. Er öffnet einen Riss, kann aber nicht mehr hindurchgehen, sondern wird vorher von Trev getötet.

»Die Schatten«, sagt Trev mit angespannter Stimme. »Lies sie.«

Da der tote Fae in den Äther gegangen – in das Jenseits der Fae – und nicht in einem Riss verschwunden ist, sagen mir diese milchig-weißen Seelenschatten nichts, aber die Schatten vom Riss der Frau verweben sich zu einem Muster. Ich konzentriere mich darauf, und es juckt mir in den Fingern, eine Reihe zu zeichnen, von …? Von … Häusern? Ladenfronten? Ohne die Schatten tatsächlich zu zeichnen, weiß ich nicht genau, was sie darstellen oder wohin die Fae gegangen ist. Sie werden erst konkret, wenn ich sie auf Papier gebannt habe. Alles, was ich weiß, ist, dass die Fae ins Reich zurückgereist ist, wahrscheinlich zu einem Ort irgendwo im Norden.

»Ich brauche ein …« Mein Skizzenbuch. Es liegt im Koffer, der noch immer in meinem Wohnzimmer steht, aber selbst wenn es jetzt ungefährlich wäre, ihn zu holen, würden mir die Schattenbilder nicht lange genug im Gedächtnis bleiben, dass ich sie dann noch zeichnen könnte.

»Dafür ist keine Zeit«, stellt Nalst klar und stellt sich neben mich. »Die Loyalisten werden mit Verstärkung zurückkehren.« An Trev gewandt sagt er auf Fae: »Geh.«

Trev nickt und geht durch einen Riss, während die Rebellen, die Nalst mitgebracht hat, um mich herum Position beziehen. Ich kenne niemanden von ihnen, aber das überrascht mich nicht. Vor einem Monat war ich noch eine Gefangene der Rebellen, da haben sie mir nicht gerade viele von ihnen vorgestellt.

»Das nächste Tor ist zehn Minuten entfernt«, berichte ich Nalst. Ich kann einen Riss nur durch ein Tor mit einem Fae zusammen betreten und überleben. Tore sind Stellen in der Atmosphäre – sie befinden sich immer oberhalb von Wasser –, an denen Fae das In-Between, das Zwischenreich, betreten können, wenn sie einen Menschen begleiten oder etwas, was sie nicht zu tragen oder in der Hand zu halten vermögen. Die Magie, weitere Tore zu erschaffen, ist im Laufe der Zeit verloren gegangen, daher müssen wir immer mit denen auskommen, die bereits existieren.

Ich würde zwanzig Minuten bis zum Tor brauchen, wenn ich normal ginge, aber ich renne bereits zur Nordseite meines Apartmentkomplexes. Wenn Fae keinen Ankerstein mit eingeprägtem Zielort besitzen oder noch nie an dem Ort gewesen sind, dann können sie nur Risse innerhalb ihrer Sichtlinie öffnen. Meine Wohnung ist noch immer in Sicht. Ich muss schnellstmöglich von diesem Parkplatz runter, bevor eine neue Welle von Loyalisten heranrollt.

Als ich nur noch wenige Schritte vom Fußweg zwischen den Gebäuden entfernt bin, spüre ich die Risse. Eine Sekunde später, gerade als ich in den schmalen Durchgang flitze, höre ich, wie sie geöffnet werden. Ich habe keine Ahnung, ob unsere Gegner mich gesehen haben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Rebellen gesehen haben, daher zwinge ich mich, noch schnellere und größere Schritte zu machen.

Ich erreiche die Rückseite des Gebäudes, und hinter mir ertönt das scharfe Ritsch-Ratsch, und gleißend helle Blitze fahren nieder.

»Geh zum Tor!«, ordnet Nalst an. Eine hohe, dichte Hecke begrenzt das Grundstück hinten, daher muss ich nach rechts rennen; die Hecke begleitet mich jetzt zu meiner Linken. Die Rebellen stehen an der Kreuzung zwischen dem Fußweg und dem schmalen Gang zwischen den Gebäuden – hier müssten die Loyalisten aus einem Riss kommen, um mich sehen zu können.

Ich sprinte weiter, renne an einem weiteren Gang zwischen zwei Gebäuden vorbei, als ein Streifen weißen Lichts die Atmosphäre direkt vor mir zerteilt. Er schneidet mir nicht nur den Fluchtweg ab, er ist auch so dicht vor mir, dass ich beinahe hineinrenne. Als ich dem Riss ausweiche, verliere ich das Gleichgewicht und kann dem Fae nicht entgehen, der diese Welt betritt.

Instinktiv reiße ich die Faust hoch und ziele auf das Gesicht des Fae, bis ich Aren erkenne. Auch wenn mein Herz beim Anblick seiner silbernen Augen und seiner zerzausten Haare einen Satz macht, bin ich versucht, dennoch zuzuschlagen. Sein Riss hätte mich töten können.

Er packt meine hochgereckte Faust und nutzt seinen Körper, um mich vom Fußweg in den schmalen Gang zwischen den Gebäuden zu ziehen.

»Du hast etwas vergessen, Nalkin-Shom«, sagt er, bevor ich ihn anbrüllen kann, weil er direkt vor mir einen Riss geöffnet hat.

Ich habe etwas vergessen? »Meinen Koffer? Der ist wohl kaum …«

Er drängt mich weiter in den Durchgang hinein. »Ich habe dir eine Waffe gegeben.«

Ich werfe ihm über die Schulter hinweg einen finsteren Blick zu. Die Sonne steht direkt über uns, sodass, obwohl wir uns zwischen zwei hohen Wohnblocks versteckt halten, goldene Strähnen sein hellbraunes Haar durchziehen. Es fällt nicht bis auf seine Schultern, die von der Jaedrik-Rüstung geschützt sind, aber es ist lang genug, dass – hätten wir mehr Zeit – ich mich nicht bremsen könnte, die Spitzen der leicht gelockten Strähnen zu berühren.

»Du hast mir ein Schwert gegeben, Aren. Wo soll ich das denn verstecken?« Er kann in seiner Welt herumlaufen und nach Herzenslust mit einem Schwert herumspielen, aber ich kann das nicht. Nicht einmal der beste Fae-Illusionist kann einen Menschen unsichtbar machen.

»Dann hättest du mich um einen Dolch bitten sollen«, entgegnet er und bleibt stehen, als wir die Vorderseite des Wohnblocks fast erreicht haben.

»Mein Apartment sollte sicher sein.«

»Sch.« Er legt mir einen Finger auf die Lippen, drückt mich gegen die Wand des Backsteingebäudes, und natürlich entscheiden sich die Edarratae, die Chaosschimmer, ausgerechnet jetzt zu reagieren. Der blaue Blitz springt von seiner Fingerspitze auf meine Lippen. Ich schnappe nach Luft. Das ist eine unwillkürliche Reaktion auf das heiße, süchtig machende Gefühl, das an meinem Hals hinunterströmt. Es dringt in mein Innerstes ein, schnürt mir den Magen zusammen, und obwohl ich zu verbergen suche, wie stark mich diese Empfindung berührt, bekommt Aren es mit.

Er zieht kaum merklich einen Mundwinkel hoch. Vor einem Monat hätte mich dieses Lächeln wütend gemacht. Und jetzt? Heute kenne ich das Funkeln in seinen silbernen Augen. Er will mich nicht, weil ich ein Aktivposten bin, der den Rebellen dabei helfen kann, den Silberpalast zu halten, er will mich, weil er sich in mich verliebt hat.

In nicht einmal zwei Monaten hat er sich in mich verliebt. Das ist schon verrückt, wenn man bedenkt, dass wir den Großteil dieser Zeit Feinde waren.

Er nimmt meine Hand und hält mich an Ort und Stelle fest, während er vorsichtig um die Ecke sieht.

»Das nächste Tor liegt in der anderen Richtung«, flüstere ich.

»Das wissen die Loyalisten auch«, erwidert er. Dann legt er mir den Arm um die Taille und schiebt mich ein Stück nach vorn. »Siehst du was?«

Nur ein Mensch mit der Sehergabe kann Fae erkennen, die hinter einer Illusion verborgen sind, daher scanne ich den Parkplatz und suche nach Fae, die Aren nicht sehen kann. Ein Auto bewegt sich langsam über den Platz und sucht vermutlich nach einem bestimmten Apartment – die Hausnummern sind verdammt klein –, aber das ist nur zu unserem Vorteil, da die Loyalisten kein Aufsehen erregen wollen. Solange Aren für normale Menschen nicht zu sehen ist, dürfte der Fahrer nichts Ungewöhnliches bemerken.

»Die Luft ist rein«, sage ich. Ich blicke über meine Schulter, um mich zu vergewissern, dass keine Loyalisten hinter uns herkommen. Zwar höre ich, wie sie ein Stück weit entfernt kämpfen, aber die Rebellen scheinen gute Arbeit zu leisten und die Anhänger des getöteten Königs lange genug aufzuhalten, damit ich entkommen kann.

Aren löst einen Dolch in einer Scheide von seinem Schwertriemen. Dann sieht er mir in die Augen, reicht mir die Klinge und sagt: »Geh nie wieder unbewaffnet irgendwohin.«

Niemand sollte solche Augen haben. Man kann sich in ihnen verlieren. Die silbergraue Iris ist hell gesprenkelt und am Rand dunkler. Die Augen eines Fae werden entsprechend seiner Gefühle heller und dunkler, und im Moment sind Arens Augen grau wie Stahl. Er erwartet, dass ich den Dolch benutze, wenn ich in Gefahr bin.

Ich umfasse den Griff der Waffe. Ich habe schon einmal getötet. Nicht vorsätzlich – ich wollte den Fae, der mich angriff, abwehren, ihm nicht den Bauch aufschlitzen –, aber ich hoffe, dass ich so etwas nie wieder tun muss.

Aren zieht sein Schwert, und dann treten wir aus dem schmalen Durchgang. Das Auto dreht eine weitere Runde auf dem Parkplatz. Wir gehen an einer Reihe parkender Wagen vorbei und haben die nächste fast erreicht, als meine Haut zu prickeln beginnt. Risse – vier an der Zahl, zerteilen zu unserer Linken die Atmosphäre. Aren flucht und verschwindet in seinem eigenen Lichtriss, als ein Pfeil durch die Luft fliegt. Das Geschoss verschwindet, als es seinen Riss trifft, und bevor ich Zeit habe, um mich zu ducken oder wegzulaufen oder mir etwas anderes auszudenken, taucht Aren bereits zu meiner Rechten wieder auf.

Er stürzt hinter mich. Das Geräusch aufeinander schlagender Schwerter ist zu hören. Ein Schrei sagt mir, dass Aren einen Loyalisten getötet oder verletzt hat, aber ich fokussiere weiterhin die beiden Fae vor mir. Sie rücken näher.

Ich ziehe meinen Dolch aus der Scheide. Er sieht im Vergleich zu den Schwertern der Fae winzig aus, aber er ist alles, was ich habe.

Der Fae auf der linken Seite verschwindet in einem Riss. Ich wirbele herum, weil ich weiß, dass er hinter mir wieder auftauchen wird, und stoße mit meinem Dolch zu. Der Loyalist ist jedoch weit genug weg, dass er meinem Angriff ausweichen kann. Er packt meinen Arm, bevor ich die Waffe zum zweiten Mal heben kann.

Ich schnappe nach Luft, als er seine Finger in mein Handgelenk bohrt und mich dazu zwingen will, den Dolch fallen zu lassen. Aber ich halte ihn fest und versuche, die Spitze auf den Fae zu richten, doch der ist zehnmal stärker als ich, und es tut weh.

Er hebt sein Schwert und droht mir auf Fae.

Im Augenwinkel sehe ich Aren auf uns zustürmen. Der Loyalist bemerkt ihn ebenfalls, allerdings nicht rechtzeitig. Aren prallt gegen uns, sodass wir beide über den Parkplatz taumeln.

Über den Parkplatz und in den Weg des näher kommenden Autos.

Es kommt mir so vor, als würde der Fahrer noch Gas geben. Der Aufprall ist heftig, und der Loyalist und ich fliegen über die Motorhaube. Ich habe Schmerzen im Oberschenkel, dann auch in den Rippen und im rechten Arm, während sich mir alles dreht.

Auch als der Fahrer auf die Bremse tritt, dreht sich mir noch alles. Auf einmal liege ich auf dem Asphalt vor dem Auto. Ich versuche, mich aufzurappeln, aber bevor ich auf meinen Füßen bin, ist Aren schon da und zieht mich hoch. Er reißt die Autotür auf und schiebt mich auf den Beifahrersitz. Ich lande ungeschickt und sehe gerade noch rechtzeitig auf, um mitzubekommen, wie ein Loyalist direkt hinter Aren aus einem Riss tritt, während der meine Tür zuknallt.

»Pass auf!«, schreie ich, doch der Loyalist schwingt bereits sein Schwert.

2

Das Schwert knallt gegen das Auto, zertrümmert mein Fenster und bleibt im Türrahmen stecken. Ich reiße die Arme vors Gesicht und schirme meine Augen gegen das umherfliegende Glas ab.

»Festhalten!«, sagt jemand vom Fahrersitz her, und die Reifen des Wagens quietschen.

Ich sehe Shane an, den Erdling, der das Lenkrad so heftig herumreißt, dass ich gegen die beschädigte Tür falle. Der Wagen rast vom Parkplatz nach links auf die Straße.

Mit klopfendem Herzen halte ich mich an dem Griff über der Tür fest. »Konnte er einen Riss öffnen?«

Shane nickt und fährt jetzt geradeaus. »Direkt, nachdem er sich geduckt hat. Der verrückte Kerl ist kopfüber ins Licht gesprungen.«

Der Wind fegt durch das zerbrochene Seitenfenster, schleudert mir winzige Glassplitter entgegen und weht mir mein Haar ins Gesicht. Ich streiche es mit den Fingern zurück und halte es am Hinterkopf zusammen, während ich versuche, wieder normal zu atmen.

»Hier«, meint Shane, nimmt ein rosafarbenes Haargummi vom Schaltknüppel und reicht es mir.

Ich starre es an und werfe ihm dann einen skeptischen Blick zu. »Du hast dieses Auto gestohlen.«

»Willst du den ganzen Weg bis zum Tor deine Haare mit deinen Händen zusammenhalten oder lieber damit?«, fragt er ohne eine Spur von Reue in der Stimme. Ich glaube, das sollte mich nicht überraschen. Er hatte auch kein Problem damit, das Geld anzunehmen, das uns die Fae zahlten – aus US-Banken gestohlenes Geld –, um damit seine Rechnungen zu begleichen, wieso sollte er dann nicht auch ein Auto klauen?

Ich nehme das Haargummi.

»Das war Arens Idee«, berichtet Shane und legt seine rechte Hand auf den Schaltknüppel. Er hat die Ärmel hochgeschoben, sodass man die lange, wulstige weiße Narbe auf seinem Unterarm sehen kann. Sie sieht schlimmer aus als jede andere Narbe, die ich je gesehen habe. Er will mir nicht erzählen, woher sie stammt, aber ich bin mir sicher, dass ein Fae etwas damit zu tun hat.

»Du solltest mir danken.«

Ich wende den Blick von seinem Arm ab und sehe ihn kritisch an. »Dir danken? Du hast mich angefahren.«

»Ich habe dir das Leben gerettet«, stellt er fest.

Ich verdrehe die Augen, widerspreche ihm aber nicht. Ich kenne Shane nicht sehr gut, auch wenn wir in den letzten beiden Wochen zusammengewohnt haben. Er ist kein Schattenleser wie ich, hat aber auch für König Atroth gearbeitet und mit seiner Sehergabe Fae-Illusionen entlarvt. Wir sind uns vor einigen Wochen zum ersten Mal begegnet, direkt nachdem die Rebellen mich gegen eine Frau aus ihren Reihen ausgetauscht hatten. Nach dem Austausch hatte ich eine ruhelose Nacht in Shanes Villa verbracht, bevor ich ins Reich zurückgekehrt bin, wo meine Welt auf den Kopf gestellt wurde. Ich war keine Gefangene der Rebellen mehr und begann, an meiner Arbeit für König Atroth zu zweifeln.

»Kommst du aus dem Palast?«, will ich von Shane wissen. Er war nicht zu Hause, als ich unsere Suite in Las Vegas verließ. Um so schnell nach Texas zu können, musste er bei den Rebellen gewesen sein.

»Ja«, antwortet er und fährt langsamer. »Ich habe mit Lena gesprochen.«

Lena, Tochter des Zarrak. Sie führt die Rebellion an und beansprucht nach König Atroths Tod den Silberthron für sich. Vor gar nicht mal allzu langer Zeit wollten wir beide Lena am liebsten tot sehen, aber jetzt setze ich alles daran, damit sie am Leben bleibt. Sie ist meine größte Hoffnung auf ein Ende des Krieges und dass meine Freunde den Frieden noch erleben können.

Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, dass Lena und ich zusammenarbeiten.

»Hast du dich endlich bereit erklärt, uns zu helfen?«, erkundige ich mich.

Shane zuckt mit den Achseln und beschleunigt wieder. »Mir war langweilig.«

Es gelingt mir, nichts darauf zu erwidern, kostet mich jedoch einige Mühe. Wenn Langeweile beziehungsweise Aufregung der einzige Grund dafür ist, dass Shane sich den Rebellen anschließt, dann wird ihn nichts davon abhalten, wieder die Seiten zu wechseln, wenn die Lage im Silberpalast noch schlimmer wird, als sie es jetzt schon ist. Die Loyalisten hätten bestimmt keine Bedenken, ihn wieder einzustellen. Die restlichen Menschen, die für den König gearbeitet haben, unterstützen die Loyalisten bereits. Lena und die Rebellen konnten die Leute nicht schnell genug ausfindig machen. Shane haben wir nur gewonnen, weil er im Palast war, als wir ihn einnahmen. Ich habe Shane im Schlepp, weil Lena auf meinen guten Einfluss auf ihn hofft.

Er biegt auf eine Zubringerstraße ein, und ich entspanne mich langsam. Vorerst bin ich außer Gefahr. Mein Puls sollte sich jetzt wieder beruhigen, aber das tut er nicht, und ich glaube, auch den Grund dafür zu kennen. Während des ganzen »Rennens um mein Leben« habe ich die Sorge, die mir auf der Seele lag, verdrängt, doch das geht nicht länger. Die Loyalisten haben Paige.

Paiges Portemonnaie war mit einem Schutzzauber belegt. Die Rebellen haben meine Wohnung überprüft, bevor ich mit Trev und Nalst durch einen Riss dorthin ging. Hätten die Rebellen einen Schutzzauber an einem der üblichen Orte angebracht – an einer Tür oder einem Durchgang –, dann hätten Trev und Nalst ihn entdeckt, aber sie sind nicht herumgelaufen und haben jede Schublade durchwühlt oder jedes Objekt in meiner Wohnung in die Hand genommen. Sie hatten keinen Grund, Paiges Geldbörse zu berühren. Das war ein cleverer Schachzug der Loyalisten.

Ich schiebe mir eine Strähne hinters Ohr, die aus meinem Pferdeschwanz gerutscht ist, und starre aus meinem zerbrochenen Fenster. Wir kommen gerade an der Abzweigung zu meinem College vorbei. Meinem ehemaligen College, das mich suspendiert hat. Mann, ich will diesen Abschluss immer noch haben. Ich möchte einen normalen Job und ein Leben, bei dem ich mir nicht ständig Sorgen machen muss, dass ich oder jemand, der mir am Herzen liegt, getötet wird.

Ich massiere die Haut zwischen meinen Augen und versuche, einen Teil des Drucks, der sich dahinter aufgebaut hat, zu vertreiben. Könnte ich mich möglicherweise in Bezug auf Paige geirrt haben? Nur wenige am Königshof kannten meinen Namen oder wussten, wo ich auf der Erde lebe. Die Loyalisten hätten nichts über Paige wissen dürfen. Vielleicht hat sie ihr Portemonnaie bei mir vergessen und die Fae glaubten, es würde mir gehören?

»Fahr nicht auf den Highway«, sage ich auf einmal und packe das Lenkrad, um Shane davon abzuhalten, auf die Auffahrt zuzusteuern.

»Hey!« Er schiebt meine Hand weg, bleibt aber auf der Zubringerstraße. »Wir treffen uns mit Aren am Tor nördlich der Stadt«.

»Wir müssen zuerst zum Haus meiner Freundin fahren. Das wird nicht lange dauern.« Ich muss mich vergewissern, dass Paige tatsächlich verschwunden ist.

Es überrascht mich, dass er nicht widerspricht. Wir fahren durch die Außenbezirke von Houston, aber selbst hier herrscht unglaublicher Verkehr. Es ist unmöglich, eine Kreuzung in einer Minute zu überqueren. Shane befolgt meine Anweisungen, und eine halbe Stunde später halten wir vor einem Reihenhaus in der Mitte einer Häuserreihe, das wie alle weiße Fensterläden, einen kleinen Balkon und einen winzigen Vorbau hat. Das Einzige, worin die Häuser sich unterscheiden, ist die Farbe der Eingangstür. Paiges Tür ist rosa gestrichen. Ich bitte Shane, im Auto zu warten, und steige aus.

Meine Muskeln lockern sich erst nach einigen Schritten. Sie sind nach dem Kampf vor meinem Apartment ziemlich steif, und mein rechtes Bein pocht, wenn ich es belaste. Aber ich habe mir nichts gebrochen, glaube, nur einen riesigen blauen Fleck auf dem Oberschenkel zu haben.

Mein Magen zieht sich vor Angst zusammen, als ich vor Paiges Tür stehe.

»Bitte sei zu Hause«, flüstere ich, als ich anklopfe. Nachdem einige Minuten ohne Antwort verstrichen sind, trete ich auf das Blumenbeet rechts neben dem Vorbau und sehe durch ein Fenster ins Haus. Ich kann durch den Spalt in den Vorhängen nur einen Teil des Wohnzimmers sehen, doch das Wenige, was ich erkennen kann, sieht nicht gut aus. Auf dem Boden liegen zerbrochenes Glas und etwas Blaues. Ich brauche eine Sekunde, bis ich realisiert habe, dass es sich bei Letzterem um Hunderte winziger blauer Kiesel handelt, die meiner Ansicht nach Überreste von Paiges Fischglas sind. Sie hat einen Betta, einen Kampffisch, mit dem Namen Phil oder Max oder Johnny oder so. Da die Fische ihr ständig wegsterben, weiß ich nie genau, welcher gerade aktuell ist.

»Ist deine Freundin nicht zu Hause?«, erkundigt sich Shane, der im Vorbau steht und nicht wie gebeten im Auto wartet.

»Die Loyalisten haben sie entführt«, erwidere ich.

Shane runzelt die Stirn. »Wie bitte?«

Ich gehe vom Blumenbeet herunter, und mir ist übel. Da die Fae nicht in diese Welt gehören, können sie sich mit einem Gedanken entscheiden, ob sie sichtbar sein wollen oder nicht, und das jederzeit ändern. Nur Menschen, die die Gabe des Sehens haben, können sie immer sehen, der Rest der Welt hat keine Ahnung, dass sie überhaupt existieren. Paige würde es auch nicht wissen. Ich frage mich, wie sie reagieren würde, wenn sie ein unsichtbarer Fae packt. Sie könnte denken, sie hätte einen Albtraum, würde verrückt werden, wäre besessen oder etwas in der Art. Aber vielleicht haben sich die Loyalisten ihr auch zu erkennen gegeben. Möglicherweise haben sie ihr erklärt, wer sie sind und was sie vorhaben.

Oder sie haben sie einfach getötet.

Nein, sage ich mir und verdränge diesen Gedanken. Lebendig ist sie wertvoller für sie. Dann können sie einen Austausch aushandeln.

»Ihr Portemonnaie lag in meiner Wohnung«, erkläre ich Shane und drehe den Türknauf. Natürlich dreht er sich nicht. »Als ich es in die Hand nahm, wurde ein Schutzzauber gebrochen. Aus diesem Grund sind die Loyalisten aufgetaucht.«

»Hm«, erwidert er. Dann presst er die Lippen zusammen, aber in seiner Miene spiegeln sich weder Sorge noch Mitgefühl wider. Ich beiße mir auf die Zunge, um mir eine spitze Bemerkung zu verkneifen. Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hatte ich den Eindruck, dass Shane ein wenig egozentrisch ist, und diesem Eindruck wird er zunehmend gerecht.

Ich trete von der Tür zurück und sehe in beiden Richtungen die Straße entlang. Hin und wieder fährt ein Auto vorbei, aber ansonsten hält sich niemand draußen auf. Vermutlich könnte ich hier einbrechen, ohne erwischt zu werden.

Also hebe ich einen der Steine auf, die das Blumenbeet einfassen.

»Weißt du«, meint Shane, »wenn die Loyalisten deine Freundin haben, dann wissen sie vermutlich auch, wo sie wohnt.«

»Hast du Angst, dass sie hier erscheinen könnten?« Ich wiege den Stein in meiner Hand. »Warum? Du kannst doch jederzeit die Seiten wechseln. Sie zahlen dir bestimmt jeden Preis, den du verlangst.«

»Autsch«, sagt er und klingt ernsthaft beleidigt.

Habe ich seine Gefühle verletzt? Mir egal. Er wurde nur in diesen Bürgerkrieg verstrickt, weil er dafür bezahlt wird. Doch hierbei sollte es nicht um Geld gehen. Unsere Taten haben Konsequenzen. Erst vor einem Monat ist mir klar geworden, wie schrecklich diese Konsequenzen sein können. Als ich noch für den König gearbeitet habe, glaubte ich, der Hof würde die meisten Fae, die ich aufspüre, gefangen nehmen. Doch so war es nicht. Es war leichter, sie zu töten, als sich die Mühe zu machen, sie einzusperren. Hätte ich geahnt, wie viel Blut aufgrund meiner Taten als Schattenleserin vergossen wurde, dann hätte ich mich nicht so tief in die Aktionen des Königs hineinziehen lassen. Ich habe mehr Schmerz verursacht, als ich je für möglich gehalten hätte.

Bevor meine Gedanken noch finsterer werden, sehe ich erneut die Straße entlang. An einem Wochentag wie heute werden die meisten Leute bei der Arbeit sein, aber ich kontrolliere zur Sicherheit die Fenster der nächsten Häuser. Ich kann nicht hindurchsehen, weil das Glas in der Sonne spiegelt.

»Gib her.« Shane nimmt mir den Stein aus der Hand. »Wenn du noch lange damit hier rumstehst, wird dich noch jemand bemerken.«

Er wirft den Stein gegen Paiges Fenster, bevor ich noch etwas sagen kann.

»Und du hast recht«, fährt er fort, »es hat eine Weile gedauert, bis ich mich entschieden hatte, doch das bedeutet nicht, dass mir alles egal ist.« Er zieht den Vorhang durch das kaputte Fenster nach draußen, reißt ihn ab, schlägt damit das restliche Glas heraus und schiebt es vom Fensterbrett. »Ich mache dir die Tür auf.«

Er klettert ins Haus, und natürlich fühle ich mich jetzt schuldig. Es ist mir nicht leicht gefallen, die Seiten zu wechseln, warum hätte es bei ihm da anders sein sollen? Trotzdem entschuldige ich mich nicht, als er mir die Haustür öffnet. Wenn ihm wirklich nicht alles egal ist, dann sollte er öfter mal entsprechend handeln.

Sobald ich Paiges Wohnzimmer betreten habe, ist mir klar, dass es hier einen Kampf gegeben hat. Zusätzlich zu dem zertrümmerten Fischglas ist der kleine Tisch hinter Paiges Couch umgekippt, und es sieht so aus, als hätte jemand versucht, eine Stehlampe durch das Zimmer zu werfen. Der Stecker steckt noch in der Steckdose, aber der Lampenschirm ist kaputt. Ich mache einen großen Schritt darüber hinweg und gehe nach hinten ins Schlafzimmer. Auch hier hat Paige gekämpft und ihr Schmuckkästchen nach dem Angreifer geworfen. Der Inhalt liegt im Eingang und im Flur, der voller Glassplitter ist. Paige hatte sich verdammt gewehrt.

Doch das hätte sie nicht müssen, wenn wir nicht befreundet wären.

»Bist du dir sicher, dass die Loyalisten sie mitgenommen haben?«, ruft Shane von vorn. Ich verlasse das Schlafzimmer und gehe zu ihm zurück.

»Ich wünschte, es wäre anders, aber ich bin mir sicher. Warum?«

Er steht am Küchentresen und starrt in eine große gelbe Rührschüssel. »Hier drin ist ein Fisch.«

Ich runzle die Stirn und gehe zu ihm, um ebenfalls auf den strahlend blauen und quicklebendigen Kampffisch hinabzustarren.

»Wenn die Loyalisten sie entführt haben«, meint Shane, »dann ist es doch seltsam, dass sie sich noch die Zeit nahmen, um sich um den Fisch zu kümmern.«

»Vielleicht mochte einer von ihnen Fische?«, entgegne ich, auch wenn ich ihm innerlich recht gebe. Das ergibt überhaupt keinen Sinn.

Ich scanne das Wohnzimmer und die Küche. Ich habe keine Ahnung, wonach ich Ausschau halte – vermutlich nach Hinweisen –, aber hier ist nichts außer den umgestoßenen Möbelstücken und dem kaputten Fischglas. Vielleicht hätte ich Paiges Geldbörse durchsuchen sollen, bevor ich sie fallen gelassen habe. Die Loyalisten hätten einen Erpresserbrief darin deponiert haben können.

»Wir sollten gehen«, sagt Shane. Er hat einen kleinen Behälter mit Fischfutter gefunden und streut ein wenig davon in die Rührschüssel. »Aren wartet auf uns.«

Ich erwidere nichts, sondern sehe mich nur weiter in Paiges Wohnung um.

Er stellt den Behälter ab und sieht mich an.

»Die Fae werden dir helfen, sie zu finden«, sagt er mit sanfter Stimme, als wolle er mich beruhigen.

Die Fae helfen mir vielleicht, sie zu finden. Doch die letzten beiden Wochen waren ziemlich hart. Wir haben die Kontrolle über den Palast errungen, und Lena hat den Thron für sich beansprucht, aber wir waren nicht gerade sehr erfolgreich darin, die Hochedlen – die Fae, die die dreizehn Provinzen des Reiches regieren – davon zu überzeugen, dass Lenas Blutlinie rein genug ist, um ihrer aller Königin zu werden. Außerdem widerstrebt es dem Hochadel, mit der Tradition zu brechen und einer Frau zu erlauben, den Silberthron zu besteigen. Man zögert eine Abstimmung darüber immer wieder hinaus und hofft vermutlich darauf, dass sich noch eine andere Option auftun wird.

Die Kopfschmerzen, die ich schon auf dem Weg hierher bekommen habe, werden immer heftiger, als ich zur Tür gehe. Die Verzögerung der Abstimmung wäre nicht so schlimm, wenn die Loyalisten diese Unsicherheit nicht ausnutzen würden. Sie greifen fast schon täglich die Silbermauern an, die den Palast umgeben, und wir sind uns ziemlich sicher, dass sie die Proteste und Beinaheaufstände unterstützen, die sich im ganzen Reich ausbreiten. Wenn wir nur herausfinden könnten, wer sie organisiert und den- oder diejenige verhaften, töten oder zu einem Deal bewegen könnten, dann hätten Lena und die Rebellen endlich mal eine Verschnaufpause. Die haben sie dringend nötig, ebenso wie wir alle.

Aber es sieht ganz danach aus, als ob mir diese Pause so bald nicht vergönnt sein wird. Ich werde erst ruhen, wenn ich Paige gefunden habe.

Für ein Volk, das dazu neigt, eineinhalb Jahrhunderte lang zu leben, sind die Fae erstaunlich ungeduldig. Das ist eine der Nebenwirkungen, wenn man innerhalb von Sekunden durch einen Riss von einer Stadt zur anderen oder sogar von einer Welt zur anderen reisen kann. Die Fahrt von meinem Apartment in die Außenbezirke von Houston hätte ohne den Umweg etwa zwanzig Minuten gedauert, so haben wir jedoch fast eine Stunde gebraucht.

Aren reißt die Beifahrertür auf, bevor der Wagen überhaupt zum Stehen gekommen ist. Er hat nicht so große Angst vor Technologie der Menschen wie viele andere Fae, aber es überrascht mich dennoch, dass er nicht die paar Sekunden wartet, die es dauert, bis ich die Tür selbst geöffnet habe. Als Antwort auf den Kontakt leuchten Edarratae auf seinem Unterarm auf, die weiter blitzen, als er meinen Ellbogen packt. Er mustert mich von Kopf bis Fuß und sucht bestimmt nach Verletzungen, und als er keine sieht – zumindest keine schwerwiegenden –, entspannt er sich sichtlich.

»Waren meine Anweisungen etwa nicht eindeutig?«, fragt er und sieht an mir vorbei zu Shane, der gerade den Motor ausschaltet.

»Nein, für einen Fae waren sie sogar erstaunlich gut.« Shane öffnet die Wagentür und steigt aus.

Ich drehe mich auf meinem Sitz um und sehe Aren an. »Die Loyalisten haben Paige.«

Er hat ein Knie auf den Boden gesetzt, sodass sich unsere Augen auf gleicher Höhe befinden. »Wen?«

»Paige«, wiederhole ich. »Meine Freundin. Du hast sie auf der Hochzeitsfeier kennengelernt.«

»Der Hochzeitsfeier?« Sein Blick wandert zu meinem Mund, und ich kann ihn beinahe schmecken. Dort haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Ich war noch immer in Kyol verliebt, aber meine Gefühle waren ein völliges Durcheinander. Aren hat mich dazu gebracht, an allem zu zweifeln – selbst daran, wie sehr ich ihn hasste –, und bevor er mich Kyol zurückgab, überließ er mir eine Diamanthalskette mit einem eingeprägten Ort. Mit dieser Halskette hätte ich ihn verraten können. Doch das habe ich nicht. Ich tat es nicht, weil ich bereits begonnen hatte, mich in ihn zu verlieben.

Und ich verliebe mich jeden Tag mehr in ihn.

Ich räuspere mich. »Ich muss sie finden, Aren. Sie hat mit diesem Krieg nichts zu tun.«

»Bist du dir sicher, dass sie sie haben?«, fragt er und sieht mir wieder in die Augen.

»Der Schutzzauber lag auf ihrem Portemonnaie.«

Er spannt den Kiefer an, und auf einmal wünschte ich mir, ich hätte das Ganze gar nicht erwähnt. Seine Rolle in diesem Krieg verändert sich. Vor der Einnahme des Palastes war Aren immer in der Offensive. Er war daran gewöhnt, kurze Überraschungsangriffe auf die königstreuen Fae zu starten, auf Versorgungsdepots oder auf die Tore, die man braucht, wenn man mehr als das, was ein Fae tragen kann, durch einen Riss bringen will. Jetzt muss Aren jedoch alles daransetzen, um zu verhindern, dass die Loyalisten genau das tun, was er früher immer getan hat. Trotz der wenigen Schwertkämpfer, die er zur Verfügung hat, macht er einen tollen Job, aber ich will ihm nicht noch mehr aufladen.

»Weiß sie irgendetwas über uns?«, will Aren wissen.

»Nein«, antworte ich. Nur Menschen mit der Sehergabe wissen, dass es die Fae gibt. Die Geheimhaltung ihrer Existenz ist seit Jahrhunderten Gesetz im Reich. Wenn die Menschen je von den Fae erfahren würden, käme es zweifellos zum Krieg. Nicht alle Menschen wären bereit, die Fae auch in Ruhe zu lassen. Einige würden sie vermutlich lieber umbringen, andere eher gefangen nehmen und einen Weg finden, sie zu versklaven und ihre Magie zu benutzen. König Atroth hat das Geheimhaltungsgesetz ebenso rigoros durchgesetzt wie die Könige vor ihm, und wann immer sich die Fae einem Menschen nähern, der sie nicht sehen kann, sind sie dabei äußerst vorsichtig.

Zumindest die meisten. Ich habe die Fae und ihre Welt auf nicht gerade angenehme Weise kennengelernt. Ein Fae namens Thrain hat mich entführt. Er ließ mich hungern, hat mich bedroht und verlangte, dass ich meine Sehergabe einsetze, um ihm durch Illusion verborgene Fae zu zeigen. Das habe ich einmal getan, am ersten Tag meiner Gefangenschaft, und er hat den Fae direkt vor meinen Augen abgeschlachtet.

Aren holt tief Luft. Als er wieder tief ausatmet, kommt es mir so vor, als wären alle Verantwortlichkeiten von ihm abgefallen. Ich weiß, dass sie noch da sind und ihn belasten, aber er verbirgt sie hinter einem Allerweltslächeln und einer zuversichtlichen Haltung.

»Wir werden sie finden«, versichert er mir und zieht mich aus dem Auto. Seine Zuversicht wirkt auf die anderen Fae ansteckend – meiner Ansicht nach war das auch ein Grund dafür, dass die Rebellen den Palast einnehmen konnten –, aber ich bin ein Mensch und habe schon vor Jahren aufgehört, an Wunder zu glauben. Paige könnte irgendwo im Reich oder auf der Erde sein. Die Chance, dass wir zufällig auf sie stoßen, ist überaus gering.

»Hey«, sagt Aren und hebt mein Kinn mit einem Finger an. »Dich habe ich auch gefunden, oder nicht?«

Er grinst mich frech an, und das beruhigt mich tatsächlich ein wenig. Außerdem ist es unglaublich heiß, und trotz all meiner Sorgen macht mein Herz einen Sprung. Ich gebe mir so verdammt große Mühe, die Sache vernünftig anzugehen. Ich möchte diese Beziehung langsam und ruhig aufbauen, da wir uns schließlich nicht gerade unter den besten Bedingungen kennengelernt haben. Aren soll nicht nur ein Flirt oder ein Trostpflaster sein, aber wenn er mich so ansieht, vergesse ich meist meine Vorsicht und bekomme das Gefühl, ich wäre das Einzige, das für ihn auf dieser Welt existiert.

Ein Chaosschimmer springt von ihm auf meine Haut und zuckt über mein Kinn, bis er auf meinem Nacken angelangt. Als Aren sich zu mir beugt oder ich mich zu ihm, wer weiß das schon genau, berühren sich unsere Lippen und …

»Aren.«

Shane ist es nicht. Ich blicke über Arens Schulter und sehe einen Fae – einen Illusionisten namens Brenth – zwischen der Baumreihe, die die Straße von einem offenen Gelände trennt, hervortreten. Er ist einer von Kyols Schwertkämpfern, ein ehemaliger Gefolgsmann des Königs, der geschworen hat, Lena zu beschützen. Seine Rüstung sieht nicht so schäbig aus wie die der Rebellen. Sie hat eine glatte, fast gleichmäßige Textur und ist mit einem Abira-Baum verziert, der jedoch vier weitere Äste hat, einen für jede Provinz, die Lena plant wiederherzustellen.

»Perfektes Timing«, murmelt Shane, bevor Brenth auf Fae sagt: »Wir waren schon vor zehn Minuten zu spät dran.«

»Wir sind unterwegs«, erwidert Aren.

Ich laufe bereits hinter Shane zu den Bäumen hinüber, weil ich mich bewegen und dieses Prickeln im ganzen Körper loswerden muss. Dabei hoffe ich, dass sich die Hitze, die meinen Körper durchflutet, nicht mein Gesicht erreicht, und, falls sie es doch tut, als Resultat der gleißenden texanischen Sonne durchgeht, die auf uns herabbrennt.

»Kannst es wohl gar nicht erwarten, von mir wegzukommen?«, fragt Aren amüsiert, während er neben mir hergeht. Er weiß genau, warum ich mich bewegen muss.

»Reine Gewohnheit«, entgegne ich, ziehe aber leicht die Mundwinkel hoch, als ich ihn ansehe. Die ersten fünf Wochen unserer Bekanntschaft habe ich ständig versucht, ihm zu entkommen. Einige Male wäre es mir beinahe gelungen, aber er hat mich doch immer wieder erwischt.

Er kichert. »Ich verspreche, dass du dieses Mal keine Augenbinde tragen musst.«

Eine Augenbinde? Wir gehen durch die Baumreihe und treten auf das Gelände auf der anderen Seite, aber ich erkenne diesen Ort erst wieder, als ich den kleinen Teich zu meiner Rechten entdecke. Hierher hat Aren mich gebracht, nachdem er mich von meinem Campus entführt hatte. Ich wusste nicht – und was noch wichtiger war, der Hof wusste es nicht –, dass sich hier ein Tor befindet.

Aren und ich kommen kurz nach Shane und Brenth am Teich an. Das Tor ist nur ein verschwommener Fleck in der Atmosphäre zur Linken von Brenth. Brenth dreht sich zu dem Tor und schöpft eine Hand voll Wasser aus dem Teich. Das Wasser ist nötig, um die Verbindung zum Tor herzustellen, und der Riss öffnet sich langsam, während das Wasser, das zwischen Brenths Fingern hindurchfließt, sich in weißes Licht verwandelt. Eine Sekunde später signalisiert ein Donnergrollen die Verbindung zum Zwischenreich. Brenth reicht Shane einen Ankerstein, dann packt Shane den Unterarm des Fae, und sie verschwinden beide im Licht.

Ich kann den Blick nur mit Mühe von den Schattenbildern abwenden, die der Riss hinterlässt, aber Aren nimmt meine Hand und führt mich zu dem Schemen am Ufer des Teichs. Er drückt mir einen Ankerstein in die Hand. Er braucht keinen, er kann sich ohne Stein zu Orten begeben, aber wenn ich mit ihm mitreisen will, brauche ich einen. Andernfalls würde ich im Zwischenreich stranden.

Aren langt in den Teich, öffnet seinen eigenen torgebundenen Riss. Bevor er mich hineinzieht, nimmt er meine Hand in seine und sagt: »Du hast mir gefehlt, McKenzie.«

Dann gibt er mir den Kuss, den Brenth so erfolgreich unterbrochen hatte.

3

Als wir aus dem Riss herauskommen, schnappe ich nach Luft. Das liegt vermutlich vor allem am Zwischenreich, aber ich gebe Aren die Schuld dafür. Er hat mich geküsst, bis seine Chaosschimmer in meine Haut eingedrungen sind und ich alles außer ihm vergessen habe. Dann, genau in dem Moment, in dem sich die Blitze derart intensiviert hatten, dass ich kurz davor war, die Kontrolle zu verlieren, hat er mich ins Zwischenreich gezogen.

Ins eisige Zwischenreich.

Es war ebenso göttlich wie qualvoll, von diesem heißen ins kalte Extrem zu fallen.

Sobald ich wieder stehen kann, ohne zu schwanken, sehe ich ihn finster an. Er grinst daraufhin nur unverschämt.

Meine Hand liegt noch in seiner Hand und der Ankerstein noch zwischen unseren beiden Händen. Die zwischen unseren ineinander verschränkten Fingern hin und her schießenden Blitze sind in dieser Welt weiß, nicht blau, und sie gehen von mir aus, sind aber ebenso heiß und peinigend wie seine auf der Erde.

Ich entziehe ihm meine Hand, bevor es noch schlimmer wird – es fällt mir schon jetzt schwer genug, nicht erneut meine Lippen auf seine zu pressen –, dann mustere ich den kopfsteingepflasterten Bereich draußen vor Corrists Silbermauer. Brenth muss Shane zurück nach Vegas gebracht haben, da ich die beiden nirgendwo hier sehen kann. Hier hält sich auch sonst niemand auf, was mir irgendwie falsch vorkommt. Vor zwei Wochen hat es hier vor Fae gewimmelt, die in den Geschäften zu meiner Linken miteinander gefeilscht und ihre Einkäufe getätigt haben.

Wir nennen die knapp zehn Meter breite Pufferzone zwischen diesen Läden und der Silbermauer »Burggraben«, auch wenn diese Zone auf gleicher Höhe mit dem Rest der Stadt liegt und nicht mit Wasser »gefüllt« ist. Kyol und König Atroths Fae haben mich im Verlauf der letzten zehn Jahre mehrere Hundert Male hierhergebracht, aber es hat sich nie so falsch angefühlt, hier zu stehen. Der blassgelbe Stein der Läden, die zu der Silbermauer gekehrt liegen, ist des Nachts normalerweise bläulich getönt, doch jetzt brennt keine der Kugelleuchten in den Straßen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Gebäude verlassen sind.

Zumindest verlassen von den Händlern. Die Loyalisten haben in den aufgegebenen Bauten bei ihren Angriffen Deckung genommen. Einige der Ladenbauten sind zwei- oder dreigeschossig, und von unten kann man nicht erkennen, ob sich auf einem Ziegeldach oder hinter den geschlossenen Vorhängen ein Fae versteckt.

»Etwas später wärst du tot gewesen, Jorreb«, ruft jemand auf Fae von der Silbermauer herunter und benutzt dabei Arens Nachnamen.

»Dann ist mein Timing ja perfekt«, schreit Aren zurück und grinst nach oben, von wo aus uns jemand durch eines der Spählöcher über dem herabgelassenen Fallgatter beobachtet.

Ich beiße die Zähne zusammen. Seitdem die Loyalisten immer wieder die Mauer angreifen, hat Lena angeordnet, sich nicht mit der Identifikation von Fae aufzuhalten, die aus einem Riss herauskommen, der sich nicht an einer der »sicheren« Stellen befindet, die Wachen hatten sofort zu schießen. Diese Stellen sind alle halbe Stunde woanders. Lena und Kyol haben ein Rotationsschema ausgearbeitet, eine Art Code, und das kennen nur die, denen die beiden absolut vertrauen.

»Lass uns rein«, verlangt Aren.

Wir ducken uns und huschen unter dem Fallgatter, das gerade hochgezogen wird, hindurch. Es besteht aus reinem Silber. Das Metall hindert die Fae nicht daran, innerhalb der Mauern ihre Magie auszuüben – es hindert sie nur daran, durch Risse hinein- oder hinauszugehen und auch in der Innenstadt und im Palast Risse zu öffnen. Das ist natürlich notwendig, um uns vor einem Angriff zu schützen, aber auch ein großes Handicap für die Fae, die es gewohnt sind, nach Belieben erscheinen oder verschwinden zu können. Aren sieht jedoch völlig sorglos aus, als er hineingeht.

Zwei Schwertkämpfer tauchen aus einer Öffnung in der Mauer auf. Ich gehe davon aus, dass noch weitere Männer in dem nach innen erweiterten Mauerschlitz Wache stehen. Die Mauer ist zweieinhalb Meter hoch und vertieft zwischen den Steinblöcken, die die schwere Silberummantelung tragen. Holztreppen und schmale Plattformen ermöglichen den Fae, in der Mauer Wache zu halten. Genau das habe ich vor Kurzem auch erst getan und dafür gesorgt, dass niemand, der durch eine Illusion geschützt ist, den Versuch machte, die Innenstadt zu betreten.

Ich lege die Arme um meinen Körper und hoffe, das bisschen Restwärme, das mir noch geblieben ist, zu bewahren, während Aren einige Worte mit dem kleineren der beiden Schwertkämpfer austauscht. Der größere Fae hält einen Jaedrik-Brustharnisch und einen Umhang in der Hand. Er reicht beides Aren, der mir die Sachen bringt und mir hilft, den Brustharnisch über den Kopf zu ziehen und die Riemen an den Seiten festzuziehen.

Allerdings freue ich mich mehr über den Umhang als den Harnisch, und das nicht nur, weil ich so friere. Die Chaosschimmer leuchten hell auf meiner Haut. Angeblich unterstützen die Fae, die in der Innenstadt geblieben sind, Lena oder wollen in diesem Krieg neutral bleiben, aber wir hatten auch noch nicht genug Zeit, um mit jedem von ihnen zu sprechen und uns wirklich davon zu überzeugen. Ohne den Umhang würden die Chaosschimmer zu viel Aufmerksamkeit erregen, daher ziehe ich ihn über den Brustharnisch und streife mir die Kapuze über den Kopf, sodass mein Gesicht darunter verborgen ist.

»Das auch noch«, sagt Aren und reicht mir einen dritten Gegenstand, den ich noch gar nicht gesehen habe. Er nimmt die beiden Enden des langen Riemens in die Hände und legt ihn mir unter dem Umhang um die Taille. »Meinst du, du könntest den hier zur Abwechslung mal bei dir behalten?«

Ich strecke die Hand nach hinten aus und fühle die Jaedrik-Scheide, in der sich vermutlich ein Dolch befindet. Er ist etwa so lang wie meine Hand, und die Scheide hängt so am Gürtel, dass sich die Waffe fast parallel zum Boden befindet.

Ich kann den Griff des Dolches mit der rechten Hand leicht erreichen.

»Vertraust du mir kein Schwert mehr an?«, necke ich ihn.

»Sie hatten keines übrig«, erwidert er mit einem angedeuteten Grinsen. Mehr ist gar nicht nötig, nur dieses leichte Hochziehen seiner Mundwinkel, und schon durchströmt mich das Verlangen. Ich habe unsere spielerischen Auseinandersetzungen vermisst.

Wir gehen nicht auf dem direkten Weg in den Palast.

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