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Die Schattenleserin - Nachtschwarze Träume

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. 31

Über die Autorin

Sandy Williams hat in Texas studiert und Abschlüsse in Geschichte, Politik- und Bibliothekswissenschaften. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Bibliothekarin, bis sie ihren Ehemann auf einen längerfristigen Geschäftsaufenthalt in London begleitete. Inzwischen lebt die Familie wieder in Texas, und wann immer ihr ihre neugeborenen Zwillinge Zeit lassen, widmet sich Sandy dem Schreiben.

Sandy Williams

DIE
SCHATTENLESERIN

NACHTSCHWARZE
TRÄUME

Roman

Aus dem Amerikanischen Englisch
von Kerstin Fricke

1

Meine Haut prickelt einen Moment, bevor ein weißer Lichtblitz im vorderen Teil des Hörsaals aufflackert. Ich beiße die Zähne zusammen, blicke konzentriert auf meinen Antwortbogen und weigere mich, den diesen Lichtriss in meine Welt eintretenden Fae zu registrieren. Es ist mir völlig egal, ob es der König höchstpersönlich ist, ich werde diesen Test heute bestehen.

Ich male das C auf meinem Antwortbogen schwarz aus und lese dann die nächste Frage.

»McKenzie.«

Es ist Kyol. War ja klar, dass der Hof ihn schicken musste.

»McKenzie«, wiederholt Kyol. »Wir müssen los.« Niemand sonst kann ihn hören oder sehen, obwohl er meinen Professor überragt, der nicht einmal einen halben Meter von ihm entfernt steht. Meine Kommilitonen beugen sich weiterhin über ihren Multiple-Choice-Test und sind total auf ihre Abschlussprüfung fokussiert. Ich umkralle meinen schwarzen Stift und fülle einen weiteren Kreis komplett aus.

Der Fae steigt die Stufen zu meinem Platz in der fünften Reihe hinauf. Ich weigere mich noch immer, ihm in die Augen zu sehen, und schüttle den Kopf. Ich habe ihm – ich habe ihnen allen – gesagt, dass sie mich diese Woche in Ruhe lassen sollen, aber keiner der Fae versteht, warum ich diesen Abschluss brauche, da sich doch der Hof um all meine Bedürfnisse kümmert. Ich habe ihnen erklärt, dass ich ein Mensch bin. Ich habe die Bedürfnisse eines Menschen, will wie ein Mensch leben, und es sollte keine acht Jahre dauern, einen Bachelor of Arts in Englisch zu machen. Sie haben mir nicht zugehört. Zumindest Kyol hatte das nicht.

Nicht jetzt!, hätte ich am liebsten geschrien, doch selbst das leiseste Flüstern hätte die Stille im Hörsaal gestört. Ich starre auf meinen Test, mein langes Haar fällt auf die Tischplatte. Es bildet einen braunen Vorhang und schirmt mich gegen Kyol ab, während ich Frage zehn erneut lese. Der Krieg des Hofs kann warten, bis ich fertig bin.

Kyol legt eine Hand auf meine Schulter, und eine angenehme Wärme breitet sich unter dem schmalen Träger meines dunkelroten Cami-Tops aus. Wären wir alleine, dann würde ich Kyols Berührung genießen, ihn genießen, seine Hitze, seinen Geruch – ihn in mich aufnehmen –, aber nicht hier, nicht jetzt, mitten in einer Prüfung, die ich bestehen muss. Ich rutsche zur Seite und versuche, ihn abzuschütteln. Als seine Hand liegen bleibt, schlage ich mit der Faust auf den Tisch.

Meine Kommilitonen drehen den Kopf und starren mich an, und Dr. Embry runzelt die Stirn. Na, super.

»Nummer zehn«, sage ich und lache nervös. »Ganz schön knifflig.« Stimmt gar nicht. Es geht um das Werk von C. S. Lewis. Ganz leicht. Ich fülle A aus.

Kyol zieht an meiner Schulter, und ich winde mich erneut. Ich kann unmöglich zum dritten Mal bei diesem Test durchfallen. Ich brauche meinen Abschluss, und es ist mir egal, ob Kyol vor all meinen Kommilitonen seine Unsichtbarkeit verliert! Mein Hintern bewegt sich nicht, bis ich den Test beende und meine Antworten dreimal überprüfe! Basta!

»Wir haben keine Zeit zu vergeuden«, sagt Kyol. »Die Rebellen haben dich gefunden.«

Ich hole tief Luft, halte sie an, als ich die Augen für einen kurzen, flüchtigen Moment schließe, atme dann aus, werfe meinen Stift in meinen Rucksack und stehe auf.

»Es tut mir leid«, sage ich zu meinem überraschten Professor. »Ich muss weg.«

Während ich mich umdrehe, um die Stufen hinaufzuhasten, steht Kyol bereits wartend am Eingang zum Hörsaal. Ich bereite mich auf die Woge an Emotionen vor, die gleich kommen wird, und sehe ihm endlich in die silbernen Augen. Die meisten Menschen können nicht hinter seine harte, unnachgiebige Schale sehen, ich jedoch schon. Ich habe seine Augen im Mondlicht weicher werden und glänzen sehen. Ich habe ein Lächeln auf diesen Lippen gesehen, ein Lachen aus dieser breiten Brust kommen hören. Und dennoch umgibt ihn selbst in diesen wenigen sorglosen Momenten eine bestimmte Erhabenheit, als könne er mitten auf einem Schlachtfeld stehen und die Linien des Feindes mit einem kühlen Blick durchbrechen.

Er greift nach der Tür. Ich ignoriere meine Gefühle und komme ihm zuvor, da meine Kommilitonen nicht sehen sollen, wie sich die Hörsaaltür scheinbar von alleine öffnet. Er sieht auf mich herab, und ein blauer Blitz zuckt von seinem Kinn zu seiner Schläfe hinauf, verschwindet dann in seinem dunklen Haar. Ein weiterer Blitz schießt im Zickzack über die Hand auf seinem Schwert. Das sind Chaosschimmer, visuelle Erinnerungen daran, dass die Fae nicht in diese Welt gehören und dass sie wunderschön und faszinierend sind. Mit seinem ruhigen, gesunden Selbstvertrauen ist Kyol faszinierend.

»Wo soll ich hingehen?«, frage ich, nachdem die Tür zugefallen ist.

»Zum River Bend, zur Flussbiegung.« Er nimmt meinen Arm und zieht mich hinter sich her. Himmel, er macht sich tatsächlich Sorgen. Wie dicht sind mir die Rebellen denn schon auf den Fersen? Ich sehe den Korridor entlang, aber da ist nur ein einziger Mensch zu sehen: ein Student, der am Boden hockt, mit dem Rücken an der Wand, schlafend, eine Zeitung als Kopfkissen. Ich wäre gern so ahnungslos wie er, aber das ist unmöglich. Wenn die Rebellen mich nicht töten, sobald sie mich entdeckt haben, dann werden sie mich benutzen, um die Offiziere des Hofs einen nach dem anderen zu jagen, genau so, wie ich sie im Laufe der Jahre gejagt habe.

Meine Haut prickelt erneut. Ich verspanne mich, werde jedoch sofort wieder ruhiger, als drei Fae in der Jaedrik-Rüstung des Hofes zu uns stoßen, indem sie durch Risse treten und rings um mich Position beziehen. Die Flucht wäre kinderleicht, wenn ich durch die schmalen Lichtrisse reisen könnte, aber ich bin bloß ein Mensch. Ich kann einen Riss nur nutzen, wenn er an einem Tor geöffnet ist und Fae mich hindurchgeleiten, ansonsten würde ich die Reise nicht überleben.

Kyol spricht zu seinen Soldaten in ihrer Sprache. Sie nicken, bestätigen seine Befehle, und wir marschieren den Gang entlang. Ich verdränge meine Sorge und bemühe mich, mit ihrem Tempo Schritt zu halten, während ich mir sage, dass alles gut werden wird, dass sich Kyol um mich kümmern wird. Er kümmert sich immer um mich.

Draußen lässt ein blasser orange- und rosafarbener Nebel den Horizont verschwimmen. Die Lampen auf dem Campus, die die zunehmende Dunkelheit aktiviert, gehen an und beleuchten die Gesichter der Studenten, die auf Betonbänken sitzen oder alleine oder in Zweier- oder Dreiergruppen unterwegs sind. Selbst nach Einbruch der Dämmerung ist in diesem Teil des Campus immer eine Menge los, weil sich hier die Bibliothek befindet. Das River Bend Gate, das Tor an der Flussbiegung, befindet sich etwa eine Meile weiter nordöstlich, jenseits der Baustelle des neuen Ingenieurgebäudes.

Ich hebe meinen Rucksack auf die Schulter. Er ist nicht schwer, da ich die meisten Bücher zu Hause gelassen und nur das Wichtigste mitgenommen habe: meine »Englische Literatur«-Notizen, mein Skizzenbuch, mein Handy und den kleinen Zugbeutel mit einer Hand voll geprägter Ankersteine. Letztere brauche ich, um durch das Tor zu kommen, es sei denn, Kyol gibt mir einen neuen Stein.

Inzwischen muss ich laufen, um mitzuhalten. Als mich immer mehr Studenten anstarren, versuche ich, Kyol meine Hand zu entziehen. Es ist nicht gerade ungewöhnlich, dass jemand über den Campus rennt, aber ich habe eine ziemlich merkwürdige Haltung eingenommen, weil Kyol mich mit sich zieht, daher fragen sich bestimmt alle, was zum Henker ich eigentlich mit meinem Arm mache.

»Kyol«, flüstere ich.

Sein Blick schnellt zu den Menschen, die nicht sehen können, dass ich seine Hand halte. Für sie greife ich wild in die Luft. Er spannt sein Gesicht an, doch dann lässt er mich los. »Entschuldige, Kaesha

Ich halte den Atem an. Kaesha. Diesen liebevollen Begriff benutzt er sonst nur, wenn wir beide alleine sind. Ich bezweifle, dass ihm überhaupt bewusst ist, was er da gerade gesagt hat, da er nicht den Bruchteil einer Sekunde stockt und mich weiter über den Hof führt, aber wenn seine Soldaten es gehört haben, sie es dem König melden …

Ein unnatürlicher Wind durchschneidet die zuvor stille Luft, lässt die Blätter der Bäume rascheln und eine Limodose über den Boden rollen. Die Haare in meinem Nacken stellen sich auf, und ich bekomme am ganzen Körper Gänsehaut. Die Rebellen sind hier. Sie beobachten uns. Sie verstecken sich. Sie …

Pfeile schwirren durch die Luft. Helles Licht leuchtet rings um mich herum auf, als die königstreuen Fae in ihre Risse entschwinden. Die Pfeile verschwinden ebenfalls, wenn sie das Licht berühren, werden vom Zwischenreich verschluckt. Nur einer trifft sein Ziel, die Schulter eines Fae, der einen Sekundenbruchteil zu spät reagiert hat. Er stöhnt vor Schmerzen auf und flüchtet durch einen Lichtriss, um als Einziger nicht wieder zu erscheinen. Die anderen kommen mit Verstärkung zurück, als die Rebellen ein zweites Sperrfeuer eröffnen.

»Los!« Kyol schubst mich nach vorn, aber ich wirbele herum und renne zum Englischgebäude zurück. Ich werde auf keinen Fall über das offene Gelände laufen.

Weitere Pfeile fliegen durch die Luft. Ich kann nicht erkennen, ob einer der Fae getroffen wird – ich versuche gerade, an Kyol vorbeizukommen –, aber ich höre, dass sich weitere Risse öffnen. Jedes Mal, wenn das helle Licht die Atmosphäre spaltet, hört es sich an, als ob jemand einen dicken Stoff entzweireißen würde. Dieser Lärm und mein laut schlagendes Herz machen es mir fast unmöglich, Kyol zu verstehen.

»Du musst es zum Tor schaffen, McKenzie! Du musst es schaffen!«

Mein Instinkt rät mir, schnellstmöglich ins Gebäude zu gelangen, aber ich vertraue Kyol mit Haut und Haar, daher höre ich auf, mich zu wehren, und werfe einen Blick über die Schulter. Noch immer zischen Pfeile durch die Luft. Einige Sekunden, nachdem sie von den Bogensehnen der Rebellen schnellen, werden sie auch für normale Menschen sichtbar, und wenn ein Fae das Ziel verfehlt oder keinen Riss trifft, können die Menschen die Geschosse sehen, die in Bäumen oder im Boden stecken oder über den Beton rutschen. Doch keiner der Studenten reagiert. Die Rebellen sind sehr vorsichtig.

Ich mache einen kleinen Schritt nach vorn. Einige der königstreuen Fae haben die Dächer zerklüftet und kämpfen dort, andere bleiben auf dem Boden, flitzen in einem nahtlosen Verteidigungstanz in ihre Risse und wieder heraus. Sie lenken die Angriffe der Rebellen auf sich, aber der Weg zum Tor ist weit. Sie werden feuern, bis ich dort ankomme. Einige könnten sterben. Kyol könnte sterben.

»Mir wird nichts passieren«, sagt er, da er mir meine Sorge vermutlich angesehen hat. Er legt mir eine Hand an die Wange. »Solange du in Sicherheit bist, geht es mir gut.«

Ich beiße mir auf die Lippe und nicke. Natürlich wird ihm nichts passieren. Er ist der Schwertmeister des Königs. Er kann auf sich aufpassen. Außerdem werden die Fae mich brauchen, falls einige der Rebellen Illusionisten, Täuscher, sind. Nur ein Mensch mit der Gabe des Sehens kann diese Magie erkennen.

Also ignoriere ich die Studenten, die mich anstarren, hole tief Luft, beiße die Zähne zusammen und laufe los. Kyol und ich arbeiten seit zehn Jahren zusammen – wir wissen, wie der andere sich bewegt, wie er denkt und wie er reagiert –, und so weiß ich, wenn ein Rebell direkt auf uns losgeht und Kyol sich nicht umdreht, dass er ihn nicht sehen kann.

»Zehn Uhr. Jetzt!«, rufe ich.

Kyol fährt wie befohlen herum und zwingt den Rebellen zu einer Parade. Eine Berührung beendet die Illusion eines Fae, daher kann, sobald ihre Waffen klirrend aneinanderschlagen, Kyol ihn sehen. Seine Klinge dringt drei Hiebe später in den Arm des Rebellen ein, doch der Schlag ist nicht tödlich und der Illusionist flieht durch einen Riss.

Danach kehrt Kyol an meine Seite zurück. Ich zucke zusammen, als er beinahe von einem Pfeil getroffen wird, zucke wieder zusammen, als ein weiterer dicht an meinem Gesicht vorbeischwirrt und in dem Riss eines anderen Königstreuen verschwindet. Ich würde mich am liebsten ducken und den Angriffen der Rebellen ausweichen, aber dann würden wir noch langsamer werden und erst recht die Aufmerksamkeit der Menschen auf uns ziehen. Ich habe mich bereits einmal durch eine psychiatrische Untersuchung durchgelogen, und ich bezweifle, dass mir das ein zweites Mal gelingen wird.

Wir rennen an der Bibliothek vorbei. Vor uns taucht der Maschendrahtzaun auf, der die Baustelle des neuen Ingenieurgebäudes umgibt. Ich biege gerade nach links ab, um darum herumzulaufen, aber vor mir formiert sich eine Mauer aus Rissen. Sechs Fae erscheinen. Alles Rebellen.

Ich sage Kyol, wie viele es sind. Offenbar ist keiner von ihnen hinter einer Illusion verborgen, denn er zögert keine Sekunde. Seine Klinge durchschneidet die Luft, als er die Rebellen angreift, aber er kann nicht auf alle sechs gleichzeitig losgehen. Zwei von ihnen scheren aus und kommen auf mich zu.

Ich drehe mich um den Bauzaun und renne los. Es war eine blöde Idee, um den Zaun herumzulaufen. Ich springe hoch und umkralle den Maschendraht. Meine Tennisschuhe finden keinen Halt im Geflecht, und der Draht schneidet in meine Handflächen ein. Es gelingt mir, mich hochzuziehen und drüberzuschwingen, ich lande aber schmerzhaft auf meiner rechten Hüfte. Ich ignoriere den stechenden Schmerz, rapple mich rasch wieder auf und sprinte erneut vorwärts. Als sich direkt vor mir ein Riss öffnet, renne ich beinahe hinein, aber Kyol tritt heraus und hält mich auf. Rettet mich.

Er lässt den Riss verschwinden und schiebt mich dann hinter sich. Metall klirrt gegen Metall, als er meine Verfolger angreift. Ich renne unter das Gerüst und in den Rohbau des neuen Ingenieurgebäudes. Die Außenwände des Erdgeschosses sind bereits hochgezogen, und ich durchquere das, was später mal das Foyer sein wird, und habe die andere Seite beinahe erreicht, als sich im Halbkreis vor mir fünf Risse öffnen.

Fünf Fae-Rebellen erscheinen. Ich bin kein militärisches Genie, aber das ist eindeutig ein Hinterhalt. Sie haben mich hierhergetrieben, mich wie ein Schaf in den Fuchsbau gelockt.

»McKenzie.«

Selbst wenn der in der Mitte der Gruppe stehende Fae nichts gesagt hätte, wäre er mir sofort aufgefallen. Er ist groß, größer als Kyol, aber nicht so muskulös, und seine silbernen Augen wirken zwar ebenso durchdringend, sind jedoch heller, lebendiger. Er trägt einen dunklen Jaedrik-Brustharnisch von minderer Qualität über einer einstmals weißen Tunika, eine locker sitzende graue Hose und abgewetzte schwarze Stiefel. Sein goldblondes Haar sieht aus, als hätte er es mit einem Messer oder sogar mit dem Schwert, das er in der Hand hält, geschnitten. Trotz seines seltsamen Aussehens ist er selbstsicher, ist er wachsam, und er ist völlig auf mich, seine Beute, konzentriert.

»McKenzie Lewis.« Ein blauer Blitz zuckt an seinem Nacken hinunter. Der Fae legt den Kopf leicht zur Seite. Einen Augenblick später senkt er sein Schwert ein wenig, und irgendetwas ändert sich an seiner Körperhaltung.

»Bist du verletzt?«, erkundigt er sich.

Ich folge seinem Blick zu einem dunklen Fleck auf meinem dunkelroten Cami-Top. Ich drücke die Hand auf meinen Bauch. Er ist warm und feucht.

»Bist du verletzt?«, fragt der Rebell erneut.

Nein, bin ich nicht. Ich weiß nicht, woher das Blut stammt. Mich hat niemand angerührt. Niemand außer Kyol …

Kyol. Oh Gott. Er ist verletzt.

Ich drehe mich zum Ausgang um und versuche, zu ihm zurückzukommen, doch zwei Rebellen versperren mir mit ihrem Schwert den Weg.

»Ich will dir nicht wehtun«, sagt der Anführer der Fae. »Ich will nur mit dir reden.«

Er macht einen Schritt auf mich zu. Ich gehe einen nach hinten.

»Sieh her.« Er schiebt sein Schwert in die Scheide und streckt die offenen Hände vor sich aus, als sei er harmlos.

Scheiß auf ihn. Ich lasse mich von ihnen nicht gefangen nehmen. Jetzt sprinte ich auf meinen letzten Fluchtweg zu, die Metalltreppe in der Nordostecke des Rohbaus.

Mein Rucksack hüpft auf und ab, während ich die Treppe hinaufrenne. Ich erreiche den ersten Stock, bevor ich die Rebellen hinter mir höre. Ich bleibe kurz stehen, um meine Optionen durchzugehen, und stelle fest, dass ich keine habe.

»Scheiße!« Ich kann nur nach oben rennen, und wenn ich erst einmal oben bin, sitze ich in der Falle. Ich renne ins nächste Stockwerk, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Umdrehen steht außer Frage, stehen bleiben kann ich auch nicht. Sie sind direkt hinter mir.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße!«

Meine Beine brennen, als ich im dritten Stock ankomme. Das nächste Stockwerk werde ich nicht mehr schaffen, also laufe ich stattdessen durch dieses und gebe gut Acht, wohin ich renne, als ich über Stapel von Kanthölzern und durch die hölzernen Rahmen der zukünftigen Innenwände des Gebäudes haste. Die Sonne geht unter. Es ist dunkel, aber ich kann den Umriss einer Baumaschine in etwas erkennen, was später mal ein Flur sein wird. Ich ducke mich hinter dem Gerät und hoffe, dass ich noch rechtzeitig in Deckung gegangen bin.

Leise Schritte ertönen auf dem Beton.

Mein Haar klebt an meinem Gesicht und meinem Hals. Ich streiche es hinter die Ohren und suche nach einem Ausweg. Am anderen Ende des Gangs erkenne ich eine Maueröffnung, die vermutlich für ein raumhohes Fenster gedacht ist. Ein orangefarbener Sicherheitszaun aus Plastik steht vor der Fensteröffnung, durch die ich draußen – in etwa zweieinhalb Metern Entfernung vom Gebäude – den weißen Arm eines Krans im Mondlicht erkennen kann.

Zweieinhalb Meter. Kann ich so weit springen?

»Du machst die Sache schwerer, als sie sein müsste.«

Ich zucke zusammen, als ich die Stimme höre. Er ist ganz in der Nähe. Er weiß, dass ich hier bin.

Ich beiße die Zähne zusammen und weigere mich, in Panik auszubrechen. Ich bezweifle, dass mich die Rebellen sofort töten werden. Sie werden versuchen, mich zu benutzen und mich gegen den Hof einzusetzen, mich dazu zwingen, die Schatten zu lesen. Vermutlich werden sie mir nichts antun, bis sie sicher sind, dass ich nicht kooperieren werde. Vielleicht habe ich noch wenige Sekunden, bevor sie mich schnappen.

Ich wische mir den Schweiß vom Gesicht und konzentriere mich auf den Kran dem Rohbau gegenüber. Zweieinhalb Meter. Ich muss so weit springen.

Ich nehme mir nicht die Zeit, noch einmal über meine Entscheidung nachzudenken. Ich sprinte bis zu dem Plastikzaun, klettere darüber …

»Nein, warte!«

… und springe, aber der Rebell packt meinen Rucksack.

Ich rutsche aus und schreie.

Meine Finger greifen nach dem Plastikzaun.

Ich falle.

Ich schlage gegen die Außenwand des Gebäudes und schreie weiter.

Meine Kehle ist schon ganz rau, als ich begreife, dass ich nicht tot bin. Ich hänge zwischen dem dritten und dem zweiten Stock und halte mich an dem Plastikzaun fest, als ob mein Leben davon abhängen würde … was es ja auch tut.

Ein Kichern lässt mich nach oben sehen. Der verdammte Fae sieht über den Rand und sieht ebenso amüsiert wie entspannt aus.

»Ich kann nicht fassen, dass du dich festgehalten hast«, sagt er.

Das Mondlicht scheint ihm ins Gesicht, und obwohl ich zweieinhalb Stockwerke über dem Boden baumele, bin ich auf einmal eher sauer als verängstigt. Auch wenn ich ihn nicht erkenne, sagt mir mein Bauch, wer er ist: Aren, Sohn des Jorreb, das Falschblut, der entschlossen ist, den König zu stürzen. Und er lacht mich aus.

Der Plastikzaun verbiegt sich. Ich bekomme einen Krampf in den Händen, aber ich bin entschlossen, mich ewig daran festzuhalten, solange er mir den Killer über mir vom Hals hält.

Etwas löst sich aus der Wand, und ich rutsche noch einige Zentimeter tiefer.

»Hey, ganz ruhig da unten. Ganz ruhig«, meint Aren.

»Zurück mit dir!« Ich will die Worte eigentlich schreien, doch sie kommen nur als heiseres Krächzen heraus. Mir ist klar, dass ich ihn um Hilfe bitten sollte, aber ein Teil von mir glaubt, dass Kyol mich retten wird. Ich beschließe, den Teil zu ignorieren, der glaubt, dass er tot ist.

»Okay«, erwidert Aren mit einer derart sorglosen Stimme, dass ich nur noch wütender werde. »Kein Problem, aber wie wäre es, wenn du mir vorher deine Hand gibst? Du musst wirklich nicht da runterfallen.«

»Ich werde dir nicht helfen!«

»Ich bitte dich doch gar nicht um deine Hilfe. Gib mir einfach deine H …«

Das Plastik reißt aus der Wand. Ich schreie erneut und spanne meine Muskeln an, um mich auf den Aufprall vorzubereiten.

»McKenzie. Hey, sieh mal hoch, McKenzie. Ich hab dich.«

Mit hämmerndem Herzen sehe ich nach oben. Er hat mich. Gewissermaßen zumindest. Er hängt über dem unteren Rand der Maueröffnung, hat den Zaun mit der linken Hand gepackt und hält sich mit der rechten an der seitlichen Begrenzung der Fensteröffnung fest.

»Hör auf, so rumzuzappeln«, fordert er mich auf. Ich halte still, da mir gar nicht aufgefallen war, dass ich mich überhaupt bewegt hatte.

»Gut. Jetzt musst du meine Beine packen. Ich befürchte, dass der Zaun ganz rausbricht, wenn ich versuche, dich hochzuziehen. Kannst du dich festhalten?«

Ich nicke. Inzwischen ist mir egal, wer er ist. Ich will nicht sterben. Ich will leben. Ich möchte normal sein, meinen Collegeabschluss machen, mir einen richtigen Job suchen und die Zeit mit realen Freunden verbringen. Verdammt noch mal, ich möchte wenigstens einmal Sex gehabt haben, bevor ich den Löffel abgebe.

Der Gedanke an den Tod bewirkt, dass ich nach unten sehe.

»Nein, sieh nicht runter, McKenzie. Sieh hier rauf. Sieh mich an.«

Ich tue, was er sagt. Seine Augen sind hell, aber sanft, wie silberner Sand mit winzigen Diamantsplittern, und sein Gesichtsausdruck ist ernst, aber nicht angestrengt. Letzteres überrascht mich. Ich bin zwar dünn, aber auch nicht abgemagert, und er hält mich problemlos.

»Zieh dich hoch.« Jetzt klingt seine Stimme schon ein bisschen dringlicher. Anscheinend spürt er ebenfalls, wie sich das Plastik durchbiegt.

Ich nehme meine ganze Kraft zusammen, greife nach oben und packe die Beine des Fae. Sobald ich meine Arme um ihn geschlungen habe, lässt er den Zaun los und richtet sich mit einem Stöhnen auf. Ich zappele an der Außenwand, bis er meinen Arm packt und mich in Sicherheit zieht.

Dann liege ich mit dem Gesicht nach unten auf dem Betonboden. Meine Arme fühlen sich an wie Spaghetti, und ich zittere, aber ich darf jetzt nicht schwach sein. Die Rebellen werden einen hohen Preis dafür verlangen, dass sie mir das Leben gerettet haben, und ich habe nicht die Absicht, so lange bei ihnen zu bleiben, bis er beglichen ist.

Ich springe auf die Beine, aber meine Knie geben nach.

»Alles okay?«, erkundigt sich Aren.

Ich ignoriere ihn und stehe erneut auf. Dieses Mal gelingt es mir, das Gleichgewicht zu halten. Allerdings habe ich nichts davon. Drei Rebellen versperren die Treppe. Einer von ihnen spricht in ihrer Sprache.

»Jemand hat die Polizei gerufen«, übersetzt Aren, der immer noch hinter mir steht, für mich. Zweifellos hat man meine Schreie gehört. Ich überlege, ob ich erneut schreien soll, doch dann packt Aren meinen Arm.

Blitze zucken über seine Haut und zu meiner. Ich kann mich nicht losreißen. Er zieht mich in eine Ecke, und als er seinen schlanken Körper gegen meinen drückt, setzt mein Gehirn aus. Die Blitze nehmen zu, fast schon explosionsartig, und Hitze durchzuckt meinen Körper.

»Die Polizei kann dir nicht helfen«, stellt Aren klar. Ich bin mir sicher, dass er nur aus dem Grund grinst, weil er mein offensichtliches Unbehagen bemerkt hat. Er spürt die Elektrizität zwischen uns genauso wie ich, doch ihn scheint sie nicht zu stören.

»Lass mich los!«, verlange ich und versuche, meine Arme zu befreien.

Der Strahl mehrerer Taschenlampen wandert vor den Polizisten die Treppe hoch.

»Sei still. Bleib ganz ruhig«, flüstert Aren mir zu.

Ich drehe mich um. Beinahe hätte ich mich losgerissen, aber dann legt sich ein starker Arm um meine Taille. Er legt mir die andere Hand auf den Mund.

Das war eine dumme Idee. Ich beiße fest zu.

Er verzieht nicht einmal das Gesicht, aber sein Grinsen verschwindet.

»Tut mir leid«, flüstert er mir ins Ohr.

Über meiner Schläfe explodiert der Schmerz. Ich wanke, verliere aber nicht das Bewusstsein. Allerdings geben meine Knie nach. Aren hält mich fest, sodass ich nicht umfalle. Ich kann sein Gesicht gerade noch so weit erkennen, dass ich die Überraschung in seinen Augen sehen kann, die dann aber schnell schwindet. Seine Lippen werden schmal, als er erneut die Waffe zückt. Es ist ein Dolch. Er lässt den Griff ein zweites Mal niedersausen.

2

Mein Kopf bringt mich noch um. Ich sitze alleine auf dem Rücksitz eines Vans, der von einem Menschen gesteuert wird, langsamer wird und anhält. Eigentlich möchte ich nicht aufstehen, doch dann wird die Seitentür aufgerissen, und man zerrt mich auf die Beine. Schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen. Sie ähneln den Schatten, die ich für den Hof lese, aber diese hier bilden keine Muster, und hier öffnet auch niemand einen Riss, wo immer dieses »Hier« auch sein mag. Bevor ich überhaupt klar sehen kann, habe ich mich einige Meter von dem Wagen entfernt, der bereits wieder auf die Straße fährt. Zumindest handelt es sich bei dem Fae, der mir gerade fast die Schulter auskugelt, nicht um Aren, sondern um einen Mann, den die Rebellen Trev nennen. Ich kann das Prickeln seiner Berührung kaum spüren, weil seine Finger meine Blutzirkulation abschnüren. Er bleibt nicht stehen, als ich taumele oder etwas zurückbleibe. Menschen können sich nicht so schnell bewegen wie die Fae. Er weiß das und ist ein Riesenarschloch, weil er einfach nicht langsamer geht.

Wir laufen nicht weit. Das ist gut, weil die ganze Welt um mich herum schwankt, aber auch schlecht, weil es bedeutet, dass wir ein Tor erreicht haben. Es ist unsichtbar, wenn ich es direkt ansehe, doch wenn ich den Kopf zur Seite drehe, kann ich es aus den Augenwinkeln erkennen. Eine Dünnheit in der Welt. Ein leichtes Verschwimmen der Atmosphäre.

Ich blinzle und versuche herauszufinden, wo wir sind. Es gelingt mir, die Zahlen auf meiner Digitaluhr zu lesen. Es ist kurz nach Mitternacht. Ich kenne die Lage jedes Tors in einem Umkreis von drei Stunden, aber wir scheinen weiter weg zu sein, denn den winzigen Teich vor mir oder diese Baumgruppe, die sich mitten auf der Kuhweide eines Farmers zeigen, kenne ich nicht.

Aren tritt an das Ufer des Teichs. Tore befinden sich immer auf Wasser, daher weiß ich, was er tut, als er in den dunklen Teich greift. Er stellt eine Verbindung mit dem Tor her, dann steht er auf und hebt seine hohle Hand gen Himmel. Anstelle von Wasser fließt Licht darüber, ein Tropfen, zwei Tropfen, drei Tropfen auf einmal, bis der nicht enden wollende Regen zu einem wahren Wolkenbruch wird. Als dieser Riss das In-Between, das Zwischenreich, durchbricht, grollt es wie bei einem tosenden Gewitter.

»Ich führe McKenzie hindurch«, sagt Aren und zieht einen langen Streifen aus dunkelblauem Stoff aus seiner Tasche.

»Ist das nötig?«, frage ich.

Seine silbernen Augen sehen mich an. »Wenn die Gerüchte über dich stimmen, dann auf jeden Fall. Dann ist es sogar unabdingbar.«

Manchmal nervt es ganz schön, so einen Ruf zu haben.

Trev hält mich fest, während mir Aren die Augen verbindet. Ich schätze, ich hätte nicht damit rechnen sollen, dass sie einen dummen Fehler machen, vor allem, da der einzige Grund, weshalb ich mich überhaupt in dieser Lage befinde, ist, dass ich sehen kann. Ohne die Augenbinde wäre es durchaus wahrscheinlich, dass ich nach dem Durchqueren des Risses weiß, wo wir uns befinden. Im Grunde genommen bin ich eine bessere Kartografin. Wenn die Risse verschwinden, sehe ich die Topografie der Erde in den hinterlassenen Schatten. Es ist in etwa so, als würde man zu lange in ein helles Licht sehen. Wenn man wegsieht, dauert es eine Weile, bis man wieder einen klaren Blick hat. Dasselbe geschieht bei Rissen, nur dass ich die Biegungen von Flüssen, die Umrisse von Bergen und das Gefälle des Landes sehe, während jeder andere nur verschwommene Flecken ausmacht. Ich skizziere diese Schatten, sodass der Hof seine Feinde jagen kann; und ich bin verdammt präzise, was die Rebellen offenbar gar nicht gut finden.

Aren sagt etwas in seiner Sprache, und einen Moment später höre ich, wie sich normale, nicht torgebundene Risse öffnen. Vermutlich gehen die anderen Fae direkt zurück nach Hause, auf ihre Basis, in ihr Camp oder wo auch immer sie sich aufhalten. Dann bin ich mit Aren alleine. Es steht eins gegen eins. Nicht, dass meine Chancen auf eine Flucht jetzt gestiegen wären, aber hey, man nimmt, was man kriegen kann.

Nun drückt mir Aren etwas Warmes und Glattes in die rechte Hand. Ich muss es nicht sehen, um zu wissen, dass es sich dabei um einen Ankerstein handelt, vermutlich einen, der von Arens Aufprägung noch glüht.

»Weißt du, was passiert, wenn du den fallen lässt?«, will er wissen.

»Ich werde getötet, in einhundert Milliarden Stücke zerlegt, und ich werde dich in deinen Albträumen heimsuchen.« Ich lasse den Stein durch meine Finger gleiten. Er fällt mit einem leisen Geräusch zu Boden. Dann warte ich, dass sich Aren vorbeugt, um den Stein aufzuheben, aber ich höre nicht, dass er sich bewegt.

»Wenn du dich umbringen willst«, sagt er nach einem langen Augenblick, »dann gibt es weniger schmerzhafte Arten zu sterben.«

»Du brauchst mich lebendig.« Meine Stimme ist ruhig. Mein Herzschlag ist jedoch alles andere als das. Der durch seine Berührung gezündete Blitz fährt meinen Arm hinauf und hinab.

»Bist du dir da sicher?«

»Du hättest mich nicht gerettet, wenn du mich tot sehen wolltest.« Das ist das Einzige, was mir im Moment noch Mut macht. Er hat sich sehr viel Mühe gegeben, um zu verhindern, dass ich auf den Beton platschte. Was soll er schon wollen, außer dass ich für ihn und die Rebellen schattenlese. Solange er glaubt, dass ich es vielleicht tun würde, wird er mir nichts tun, vermute ich.

Seine Hand gleitet von meinem Ellbogen zu meiner Schulter. »Heb den Ankerstein auf. Er liegt neben deinem linken Fuß.«

Ich sinke zu Boden, um der erregenden Hitze seiner Berührung zu entkommen, und taste auf dem taufeuchten Gras herum, bis ich den Stein finde. Es ist ein so verlockender Gedanke, ihn so weit zu werfen, wie ich nur kann, aber ich bin nicht selbstmordgefährdet, und Aren, Sohn des Jorreb, ist der Schlächter von Brykeld.

»Du wirst nicht zerlegt, wenn du den Anker loslässt«, korrigiert er mich und zieht mich hoch. »Du gehst im Zwischenreich verloren.«

Bei diesen Worten zerrt er mich in den torgebundenen Riss.

Mir wird die Luft aus den Lungen gepresst, und sie kristallisiert. Es fühlt sich an, als bräche ich durch die Eisdecke eines Sees. Hier ist es so kalt, dass mein Herz aufhört zu schlagen, mein Blut aufhört zu fließen. Nur mein Verstand funktioniert, und er konzentriert sich allein auf die Wärme des Ankersteins in meiner Linken und die Hitze von Arens Handfläche in meiner Rechten. Ich erinnere mich nicht daran, seine Hand genommen zu haben, aber ich drücke sie fest, auch wenn ich ihm eigentlich lieber die Kehle zugedrückt hätte.

Angeblich dauert die Reise durch einen Riss, sei er nun torgebunden oder nicht, nur einen Sekundenbruchteil, aber ich könnte schwören, dass es zehn bis fünfzehn quälende Sekunden dauert. Das ist mehr als genug Zeit, um zu wissen, dass ich auf keinen Fall auch nur einen Moment länger als nötig im Zwischenreich bleiben möchte. Ich hasse es, durch Tore zu gehen, insbesondere ohne Kyol.

Sobald mich das Eis wieder freigibt, weiß ich, dass wir im Reich sind. Die Luft hier ist anders. Sie ist … knackig, als würde man in einen Apfel beißen, und die Atmosphäre ist dünner. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur schwerer. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich ein Mensch bin. Ich gehöre ebenso wenig in diese Welt wie die Fae in meine Welt. Ich fühle mich groß und plump, als würde ich auffallen. Und das tue ich auch. Hier im Reich senden die Menschen die Chaosschimmer aus, nicht die Fae, und die Blitze sind weiß und nicht blau. Ich werde mich an sie und diese Welt in einer oder zwei Stunden gewöhnt haben, aber im Moment fühle ich mich mehr als unwohl. Ich bin stinksauer.

Ich drehe mich zu Aren um und hebe die Hand, um die Augenbinde abzunehmen. Er hält mich auf, nimmt meine Hände und drückt sie an die feste Jaedrik-Rüstung, die seine Brust schützt. Wir stehen so dicht voreinander, dass sein Geruch nach Zedern und Zimt in meine Lungen dringt. Meine Gedanken setzen kurz aus, als seine Berührung weitere Blitze auslöst. Sie tanzen durch meine Finger, über meine Handflächen und meine Arme hinauf. Es wäre so leicht, mich selbst in dieser süchtig machenden Empfindung zu verlieren, aber ich habe zehn Jahre Zeit gehabt, um mich gegen die Berührung eines Fae zu stählen, und ich lasse mich nicht ablenken.

»Zieh mich nie wieder unvorbereitet durch ein Tor!« Ich versuche, ihm meine Hände zu entreißen, als ich die Worte ausspucke. Es gelingt mir natürlich nicht, und ich glaube, hinter dem Grollen eines weiteren torgebundenen Öffnens ein Kichern zu hören.

»Ich habe dich in einem Stück, ganz, hindurchgebracht.« Er nimmt mir den Ankerstein aus der Hand und gibt ihn mir kurz darauf wieder zurück. Der Stein ist warm vom Aufdruck eines neuen Zielorts. »Halt den Atem an.«

Schon wieder?, will ich gerade fragen, doch er zieht mich in den Riss, und die Frage kommt mir nicht mehr über die Lippen.

So schnell bin ich noch nie zuvor gereist. Fae können immer wieder durch Risse hindurchgehen, solange sie sich nicht zu weit von ihrem ursprünglichen Standort entfernen, aber wir haben gerade den Übergang von einer Welt in die andere hinter uns. Selbst wenn wir auf der Erde geblieben wären, hätten die meisten konditionierten Fae zwei bis drei Minuten bis zur zweiten Rissöffnung warten müssen. Kein Wunder, dass es dem Hof nie gelungen war, Aren zu fassen.

Die Wärme meiner Welt umgibt mich. Ich versuche, in den Pausen zwischen meinen tiefen Atemzügen nach den Stimmen von Menschen oder Fae zu lauschen, nach Verkehrsgeräuschen oder Baulärm. Etwas, irgendetwas, was mir einen Hinweis darauf geben kann, wo ich mich befinde. Die Vögel, die über meinem Kopf zwitschern, helfen mir nicht weiter. Ich könnte überall auf der Erde sein.

Aren prägt den Ankerstein erneut. »Weiter geht’s.«

»Noch mal?«, jaule ich, aber dieses Mal halte ich die Luft an, bevor er mich hindurchbringt. Das hilft. Meine Lungen spüren die beißende Kälte nicht, aber ich bin noch nie zuvor innerhalb von einer Stunde durch mehr als zwei Risse hindurchgegangen.

Wir bleiben in meiner Welt. Inzwischen zittere ich, und das liegt nicht allein an dem Eis, das den Platz meiner Knochen eingenommen zu haben scheint. Das Reisen entzieht Energie. Wenn mich Kyol durch einen Riss führt, absorbiert er den Großteil dieses Entzugs. Vorausgesetzt er ist nicht erschöpft oder verletzt, bin ich auf den meisten Reisen mit Kyol lediglich ein wenig desorientiert. Zweifellos völlig benommen, wenn wir durch drei Risse gehen würden, aber das war bisher nie erforderlich. Außerdem bin ich mir verdammt sicher, dass das, was wir gerade gemacht haben, sehr gefährlich ist.

Aren lässt meine Hand los und reibt mit den Handflächen meine Arme. Das Prickeln wärmt mich ein wenig, aber ich schubse ihn weg. Da ich noch immer die Augenbinde trage und mein Kopf nach dem K. o. dröhnt, verliere ich das Gleichgewicht. Ich bin mir sicher, dass meine Knie nachgegeben hätten, wenn Aren mich nicht festgehalten hätte, aber ich will seine Hilfe nicht. Sobald meine Benommenheit nachlässt, drehe ich mich auf dem rechten Fuß, ziehe das linke Knie hoch und stoße es ihm in die Leiste. Er keucht auf, lässt mich aber nicht los, und er kann auch problemlos die Faust abfangen, die auf seine Nase zielt.

Ich trete, winde und wehre mich. »Lass mich los!«

Als ich versuche, ihm einen Kopfstoß zu geben, ist er darauf vorbereitet. Er umschlingt mich und drückt mir dadurch meine Arme an die Seiten. Ich drehe mich, bis ich den Rücken an seine Brust und seinen Bauch drücke, und winde mich weiter, bis ich völlig erschöpft bin, was nicht lange auf sich warten lässt, da die torgebundenen Risse mir den Großteil meiner Kraft geraubt haben.

»Bist du fertig?«, fragt er.

Ich ramme ihm ein letztes Mal meinen Absatz gegen das Schienbein. »Vorerst.«

Eine kurze Pause, dann: »Ich werde dir jetzt die Augenbinde abnehmen. Dreh dich nicht zu den Schatten um.«

Ich kann sie hinter mir spüren, und als mir Aren den Stofffetzen von den Augen nimmt, kostet es mich meine ganze Selbstbeherrschung, nicht über meine Schulter zu sehen. Es ist immer schwierig, nicht von den Schatten angelockt zu werden. Sie zerren an meinem Bewusstsein, rufen mich wie der betörende Gesang der Sirenen. Inzwischen bin ich besser darin, ihrem Lockruf zu widerstehen, doch Arens Anordnung, mich nicht umzudrehen, hat sie nur noch verführerischer gemacht.

Ich grabe meine Fingernägel in meine Handflächen und versuche, mich so abzulenken. Dann lege ich den Kopf in den Nacken und sehe durch die Baumwipfel zum Himmel hinauf, anstatt nach hinten zu sehen, und stelle fest, dass die Sonne scheint.

Augenblick mal. Es war stockdunkel, als Aren mich durch das erste Tor geführt hat, und er hatte es so eilig damit, durch die nächsten beiden zu kommen, dass gerade mal drei oder vier Minuten vergangen sein konnten. Laut meiner Uhr ist es zehn Minuten nach Mitternacht.

»Wo zum Teufel hast du mich hingebracht?«, will ich wissen.

In seinem Mundwinkel ist der Ansatz eines Grinsens zu erkennen. Er hätte mir die Augenbinde nicht abnehmen sollen, denn jetzt bin ich stinksauer, als ich seinen selbstgefälligen Gesichtsausdruck umrahmt von seinem wirren blonden Haar sehe. Die Rolle als zerzauster heißer Typ steht ihm, und die Tatsache, dass ich bemerke, wie gut er aussieht, ärgert mich noch mehr. Ein Killer sollte hässlich und vernarbt sein und nicht so ein Gesicht haben.

Ich wende den Blick ab und mustere meine Umgebung. Zu meiner Rechten glaube ich, Berge zu erkennen, aber ich kann nicht genauer hinsehen, weil Aren meinen Kopf im Schraubstock hat.

»Ich sagte doch, du sollst dich nicht umdrehen.«

»Ich habe mir nicht die Schatten angesehen!« Seine Finger tun mir weh. Er muss einen Druckpunkt erwischt haben, denn im nächsten Moment finde ich mich auf den Knien wieder.

»Ich versuche, nett zu dir zu sein, McKenzie, aber ich werde nicht zulassen, dass du etwas herausfindest, was meinen Leuten schaden kann.«

»Tut mir leid«, erwidere ich, weil meine linke Schulter langsam taub wird. Ich starre seine abgewetzten Stiefel an und bleibe so reglos und gehorsam wie möglich. Seine Hand entspannt sich, verschwindet jedoch nicht. Ich kann spüren, dass er mich anstarrt. Nachdem lange Zeit Stille geherrscht hat, wage ich einen Blick nach oben.

Seine silbernen Augen werden freudlos, stahlgrau, als er mich mustert, und ein Schauder ergreift mich. Seine Worte kommen erst jetzt bei mir an, und ich habe Angst, dass er langsam glauben könnte, es wäre ein zu großes Risiko, mich am Leben zu lassen.

»Gut«, meint er mit einem Nicken, mit dem er mir sagt, dass er weiß, dass ich begriffen habe, wie gefährlich meine Situation ist. Er nimmt meine Hand und hilft mir auf die Beine.

»Hier entlang.« Er deutet auf einen Weg, der eher wie ein Wildpfad aussieht. »Wir haben eine weite Strecke vor uns.«

Da ich völlig erschöpft bin, muss ich mich sehr zusammenreißen, um ihn nicht zu fragen, warum er den letzten Riss nicht direkt vor unserem Ziel geöffnet hat. Ich muss einen Riss an einem Tor betreten, kann aber allerorts hinausgehen, solange ich einen Ankerstein habe, auf den dieser Ort aufgeprägt ist. Außerdem glaube ich, die Antwort auf meine Frage bereits zu kennen. Aren ist paranoid. Aus diesem Grund hat er mich so schnell durch drei Tore gebracht, und darum sieht er mich jetzt auch an, als wären mir auf einmal Augen am Hinterkopf gewachsen, mit denen ich die Schatten hinter uns sehen kann. Ich würde ihm gern sagen, dass ich meinen Job nicht so gut mache – die Schatten sind zu alt und zu verblasst, als dass ich sie lesen könnte –, aber ich halte den Mund.

Im Laufen werfe ich einen Blick zum Himmel und frage mich, ob wir wohl in Kalifornien oder vielleicht in Oregon sind. Zwischen meinem Heim bei Houston, Texas, und diesen beiden Staaten gibt es einen Zeitunterschied von zwei Stunden, aber nein, selbst diese Entfernung reicht nicht aus, um die Sonne zu erklären. Sie geht gerade auf und nicht unter, daher können wir nicht an der Westküste sein. Ich glaube nicht mal, dass wir uns irgendwo in der westlichen Hemisphäre befinden.

Na großartig. Ganz toll!

Tiere huschen durch das Unterholz, als wir dem kaum erkennbaren Pfad folgen. Aren bleibt dicht neben mir. Ich hätte ihn gern nach Kyol gefragt. Ich weiß, er hätte entkommen können, wenn er es versucht hätte, aber er würde mich nie im Stich lassen, wenn ich ihn brauche, und ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass er für mich gestorben ist.

Meine Schritte werden langsamer. Ich beiße mir auf die Lippe und zwinge mich, mich auf den Schmerz anstatt auf die Angst zu konzentrieren, die immer mehr Platz in meiner Magengrube einnimmt. Aren soll auf keinen Fall mitbekommen, wie viel mir der Schwertmeister des Königs bedeutet. Er soll auch nicht wissen, wie viel dem Schwertmeister an mir liegt.

Ich schneide eine Grimasse und ducke mich unter einem tief hängenden Ast hindurch. Es ist nichts Neues für mich, dass ich meine Gefühle verbergen muss, und eigentlich sollte ich mich längst daran gewöhnt haben. Kyol und ich dürfen einander nicht begehren. Wir haben beide versucht, es nicht zu tun. Wir haben versucht, unsere Beziehung rein professionell zu halten, uns nur zu berühren, wenn es nötig ist, aber Kyol ist stärker als ich. Er ist der ehrenwerteste Mann – Mensch oder Fae –, dem ich je begegnet bin, und er war von Anfang an ehrlich zu mir: Für uns wird es nie ein Happy End geben. Selbst wenn er sein Leben nicht auf einem Schlachtfeld für seinen König verliert, verbieten es die Gesetze des Reiches, dass wir zusammen sind.

Ich weiß, dass ich nach vorn sehen und diese Gefühle vergessen muss. Keine Frau, die bei klarem Verstand ist, würde zehn Jahre lang darauf warten, dass ein Mann zu mehr als einem Freund wird, aber so ist es nun mal mit der Liebe: Sie bringt einen dazu, total dämliche Dinge zu tun. Ich lebe für die Augenblicke, in denen Kyol die Selbstbeherrschung verliert, die Momente, in denen wir alleine sind und uns küssen, in denen wir so tun können, als wäre in unserer beider Welt alles in Ordnung.

Himmel, was ist, wenn wir nie wieder einen solchen Moment haben werden?

Als der Pfad endet, schiebe ich meine Sorge beiseite. Aren und ich treten aus dem Wald auf eine Lichtung, die etwa so groß ist wie ein Footballfeld. Auf der Lichtung stehen ein paar Bäume, die über uns ein ziemlich dichtes Blätterdach bilden. Das Sonnenlicht flackert durch die Blätter und wirft Schatten auf die Erde, zertrampeltes Gras und ein zerbrochenes Holzschild. Die Farbe auf dem Schild ist rissig und ausgeblichen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es Besucher in dem Gasthaus mit dem unleserlichen Namen, das vor uns steht, willkommen heißt. Es ist ein dreigeschossiges Gebäude mit Spitzdach und Wänden aus einem Gerippe von braunen Balken und einstmals weißem Mauerwerk. In den Wänden klaffen Risse im Zickzack, und das ganze Haus wirkt altersschwach, aber ich kann mir vorstellen, wie das Fachwerkhaus früher mal ausgesehen haben muss. Es kommt mir beinahe vor wie aus einem Märchen. Genauer gesagt könnte es aus Hänsel und Gretel stammen. Hm.

Ich blicke zurück auf das verwitterte Schild und studiere die kaum erkennbaren Worte darauf. Es heißt die Besucher nicht auf Englisch willkommen, ich lese die deutschen Wörter »Willkommen« und »Gasthaus«.

Ich bleibe abrupt stehen und starre Aren an. »Deutschland? Im Ernst?«

Er zieht einen Mundwinkel nach oben. »Warum nicht?«

Dann legt er mir eine Hand auf den Rücken und schiebt mich vorwärts. Vielleicht sollte ich mich glücklich schätzen, weil er nicht wütend darüber ist, dass ich herausgefunden habe, in welchem Land wir uns befinden, aber das hilft mir ja nicht wirklich weiter. Wir sind ja schließlich nicht in Luxemburg, das gerade mal so groß ist wie ein durchschnittliches Einkaufszentrum in Texas. Falls ich je in Schwierigkeiten gerate, soll ich Paige anrufen, meine beste Freundin – okay, meine einzige Freundin –, und ihr sagen, wo ich bin. Sie weiß nicht, dass die Fae existieren, aber sie ist Kyol schon begegnet. Sie würde ihm meine Nachricht übermitteln, wenn ich sie darum bitte. Das Problem ist nur, selbst wenn sie sie heute weitergibt, würde der Hof vermutlich Monate brauchen, um alle Winkel in Deutschland zu durchsuchen. Aren und seine Rebellen wären längst verschwunden, bis mich der Hof entdeckt hätte.

Und wo wir gerade von Rebellen sprechen: Vor mir sehe ich mehr als ein Dutzend. Sie bieten einen sehr seltsamen Anblick, irgendwie wie aus dem Mittelalter stammend, aber daran habe ich mich im Lauf der Jahre halbwegs gewöhnt. Sie stecken in typischer einfacher Fae-Kleidung. Männer und Frauen tragen gleichermaßen weiße oder hellbraune Tuniken über dunklen, in schwarze Stiefel gestopften Hosen. Einige haben Rüstungen angelegt, die Arens Brustharnisch ähneln. Der Panzer ist aus der Borke des Jaedrik-Baumes. Der Hof lässt seine Rüstungen mit einer Substanz behandeln, wodurch die Borke dunkler wird und glänzt, und die Rebellen tun das nicht. Ihre Brustharnische sind stumpf und fleckig. An den um die Hüfte geschnallten Schwertriemen hängen kleine Zugbeutel. Sie sehen genauso aus wie der Beutel, der sich in meinem Rucksack befindet, den ich übrigens nicht mehr gesehen habe, seit mich Aren k. o. geschlagen hat. In diesen Beuteln befinden sich Ankersteine, genau wie in meinem.

Die Fae bemerken mich, und ein Raunen geht durch das Camp. Als ihre silbernen Augen mich gewahren, beenden die Fae ihre Unterhaltungen. Schon bald starren mich alle an. Keiner gibt mehr einen Ton von sich.

Blaue Blitze zucken über ihre Haut, und die Haare in meinem Nacken stellen sich auf. Diese Leute verabscheuen mich, insbesondere das Trio, das einige Schritte entfernt zu meiner Rechten auf Baumstämmen sitzt. Schwerter liegen in Scheiden auf dem Boden vor ihren Füßen, und zwei der Männer tragen Hemden mit roten Flecken. Das sind die Angreifer, die mich an der Flucht hindern wollten und gegen die Kyol gekämpft hat. Da waren sie zu sechst. Einige haben nicht überlebt. Das belastet mich, auch wenn es mir eigentlich gleichgültig sein sollte. Sie sind an ihrem Tod selbst schuld. Wenn ich Fae für den Hof aufspüre, versucht Kyol immer, unsere Ziele gefangen zu nehmen. Er tötet nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Diese Rebellen haben es notwendig werden lassen, als sie mich angriffen.

»Aren!« Eine weibliche Stimme durchbricht die Stille. Die Frau schließt die Eingangstür des Gasthauses und eilt die Stufen der Veranda herunter, und auf einmal ist das ganze Lager in Bewegung, um Aren zu begrüßen. Es ist offensichtlich, dass ihn jeder hier respektiert, und ich muss zugeben, dass er durchaus Charisma besitzt. Ich beobachte ihn, als er grinst und Hände schüttelt, und auch wenn ich die Worte nicht verstehe, bekomme ich doch den Eindruck, dass er das, was er geleistet hat, mit einem Achselzucken abtut. Das irritiert mich. Es mag nicht gerade schwer gewesen sein, mich zu entführen, aber das wird Nachwirkungen haben. Dafür werde ich schon sorgen.

Die Frau, die Arens Namen gerufen hat, kommt angerannt und wirft ihre Arme um seinen Hals. Er erwidert ihre Umarmung, dreht jedoch die Hüfte zur Seite. Es ist eine platonische Umarmung zwischen Freunden, doch ich bin mir ganz sicher, dass sie mehr will. Mit den Muscheln, die sie in ihr goldblondes Haar geflochten hat, und den Steinarmbändern, die an ihren Handgelenken klappern, ist sie wunderschön. Und sie muss auch wichtig sein, wenn ich ihre Kleidung richtig deute. Sie trägt eine hellblaue Tunika und eine saubere, eng anliegende Hose. Das Material sieht teuer aus, wie es sich nur Adlige leisten können, und ihr Kragen und der weite Saum der Tunika sind mit Edelsteinsplittern verziert. Alle sehen sie an. Aren auch, da bin ich mir sicher, aber vielleicht hat er ja noch irgendwo ein hübscheres Mädchen versteckt?

Während er durch seine Begrüßung abgelenkt ist, mache ich vorsichtig einen kleinen, kaum merklichen Schritt nach hinten. Niemand scheint es zu bemerken, also gehe ich noch ein Stück zurück. Ich kann den Fae nicht davonlaufen. Eigentlich hoffe ich nur darauf, etwas weiter vom Lager entfernt zu sein, bevor jemand merkt, dass ich weg bin, aber ich bin noch keinen ganzen Schritt weit gekommen, als Aren sich umdreht. Ich erstarre und setze eine Unschuldsmiene auf.

»Das ist die Nalkin-Shom«, sagt er zu seinem Publikum.

Ich runzle die Stirn. Auch wenn ich die Sprache der Fae nie gelernt habe – das ist den Menschen nicht erlaubt –, bin ich mir doch ziemlich sicher, dass er mich gerade beleidigt hat.

»Du hast sie nicht getötet«, sagt die hübsche Frau. Sie mustert mich mit offenkundiger Abscheu. Ich mag sie auch nicht, und das liegt nicht nur daran, dass sie so gut aussieht. Sie hat das nur auf Englisch gesagt, um mich aus der Ruhe zu bringen, um mich wissen zu lassen, dass es durchaus eine Option gewesen ist, mich zu töten. Diese Information beunruhigt mich tatsächlich, aber es gelingt mir, erhobenen Hauptes vor ihr zu stehen und sie anzusehen.

»Das ist Lena, Tochter des Zarrak«, stellt Aren sie mir vor. »Sie wird dir dein Zimmer zeigen.«

Lenas Gesicht verfinstert sich noch weiter. »Sie bekommt ein Zimmer?«

»Ja. Sorg dafür, dass es im zweiten Stock ist. Sie muss sich ausruhen, bevor wir entscheiden können, was wir mit ihr tun werden.«

»Du meinst, bevor du entscheidest, ob du mich töten wirst.« Ein Augenblick verstreicht, bevor mir klar wird, dass ich diese Worte laut ausgesprochen habe.

Aren grinst. »Und achte darauf, dass das Fenster des Zimmers nicht auf eine Eiche in der Nähe sieht, Lena. Ich glaube, unsere Nalkin-Shom neigt dazu, aus Fenstern zu springen.« Er zwinkert mir zu. »Genieß deinen Aufenthalt, McKenzie.«

»Komm mit«, faucht mich Lena an, während Aren seinen Schwertriemen löst und auf drei wartende Fae zugeht. Ich überlege kurz, ob ich sie ignorieren soll, doch dann verschränkt sie ihre schlanken, aber kräftigen Arme vor der Brust, zieht eine Augenbraue hoch und sieht mich kampfbereit an. Wir mögen in etwa die gleiche Größe und das gleiche Gewicht haben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass mir die Tochter des Zarrak ordentlich den Hintern versohlen kann, ebenso wie all die anderen Fae hier.

3

Soweit ich es erkennen kann, ist das Lager in zwei Fraktionen gespalten: die, die mich töten wollen, und die, für die ich arbeiten soll. Ich würde gern behaupten, dass die Mehrheit auf meiner Seite wäre, aber es steht nicht mal fünfzig zu fünfzig. Zwei Drittel der Fae haben sich Lena angeschlossen, die meinen Tod am lautesten zu befürworten scheint.

Ich stehe auf der vorderen Veranda des Gasthauses, und die Rebellen starren mich von unten an, dass ich mir beinahe vorkomme wie bei einer Versteigerung. Die Sonne ist fast untergegangen, und ich muss die Augen zusammenkneifen, um die Gesichter in der zunehmenden Dunkelheit erkennen zu können. Aber ich werde sie bestimmt nicht bitten, ein Licht anzumachen. Die Fae können im Dunkeln deutlich besser sehen als Menschen, und ich bezweifle zudem, dass es im Gasthaus überhaupt noch Strom gibt. Das Zimmer, in das mich Lena für zwölf Stunden verfrachtet hat, war mit Ausnahme eines wackligen alten Betts leer. In der Fassung unter der Decke befand sich nicht mal mehr eine Glühbirne. Die haben jegliche menschliche Technologie aus dem Haus entfernt.

Ehrlich gesagt fand ich es schon überraschend, dass sie es letzte Nacht überhaupt riskiert haben, mich in einem Auto zu transportieren. Der Van war zwar nur mit dem Nötigsten ausgestattet, zählt aber dennoch zur komplizierten Technik, und diese kann die Kräfte der Fae stark beeinflussen.

Sie nennen das, was sie tun, Amajur. Ich nenne es Magie. Fast alle Fae vermögen die Atmosphäre zu beeinflussen – deshalb können sie Risse zwischen unsere Welten erzeugen. Andere können Illusionen erschaffen, kleine, leblose Objekte zum Leben erwecken, Geräusche unterdrücken, die Elemente kontrollieren … Alltägliche Dinge, die wir auf der Erde mit unseren Technologien machen, werden im Reich mit Magie gemacht. Tatsache ist, dass aufgrund des menschlichen Einflusses ein Teil dieser Magie bereits untergegangen ist. Die Fae können keine Tore mehr bauen oder in die Zukunft sehen. Andere magische Künste wie das Heilen oder die Empathie sind gefährdet. Das ist auch einer der Gründe, warum der Hof gegen die Rebellen Krieg führt. Aren und seine Leute missachten das Einfuhrverbot für von Menschenhand Geschaffenes und die menschliche Kultur. König Atroth musste etwas unternehmen, um die Magie der Fae zu schützen.

Ich konzentriere mich wieder auf die Lynch-Fraktion. Seltsamerweise bin ich eher verärgert als verängstigt. Vielleicht ist es der Schock. Vielleicht ist es einfach nur Dummheit. Oder vielleicht ist es Aren. Er sitzt etwas weiter rechts von mir auf einer Holzbank und hat die Füße auf das Verandageländer gelegt. Er gehört zur Mich-benutzen-Fraktion, und obwohl er noch kein Wort zu meiner Verteidigung gesagt hat – er hat seit Beginn dieses Prozesses noch gar nicht den Mund aufgemacht –, schätze ich, dass seine Stimme mehr Gewicht hat als die der anderen. Zumindest hoffe ich es.

Lena sagt etwas in ihrer Sprache, und auf einmal schweigen alle Fae. Sekunden verstreichen. Als die Stille andauert, wird mir immer unbehaglicher.

»Dann ist es entschieden«, sagt Lena in meiner Sprache und sieht mich mit ihren silbernen Augen an.

Mein Herz pocht wie wild. Ich ziehe meine Schultern hoch und spanne die Muskeln in meinen Beinen an, bereit zu laufen, aber niemand bewegt sich. Das muss ein gutes Zeichen sein. Selbst wenn sich die Mehrheit dafür ausgesprochen hat, mich zu töten, scheint keiner der Henker sein zu wollen.

Lenas Gesicht verfinstert sich noch weiter. Sie zieht einen Dolch aus der Lederscheide an ihrer Hüfte, kommt hoch auf die Veranda und reicht Aren die Waffe. »Es muss getan werden.«

Sie hat nicht den Mumm, es selbst zu machen. In meinen Augen macht sie das zum Feigling, aber ich bin auch erleichtert. Vielleicht haben diese Leute ja doch eine Art von moralischem Kompass. Ich könnte mir vorstellen, dass es sehr viel schwerer ist, jemanden kaltblütig zu ermorden, als ihn im Kampf zu töten. Außerdem ist es falsch. Der Hof würde so etwas nicht tun.

Aren sieht nicht so aus, als ob er den Dolch annehmen will. Er lümmelt noch immer auf der Bank, hat die Arme vor der Brust verschränkt und sieht mich an. Ich erwidere seinen Blick, während ich zusammen mit den anderen Fae auf seine Entscheidung warte.

Er nimmt die bestiefelten Füße vom Geländer und beugt sich vor. Mir rutscht das Herz in die Hose, als ich sehe, wie er die Waffe in Lenas Hand mustert.

Nein. Das kann er nicht ernst meinen. Er wird mich nicht töten. Er braucht mich. Er will mir nur Angst machen, damit ich kooperiere. Oder? Oder?

Als er den Dolch nimmt, bohre ich die Fingernägel in meine Handflächen, damit meine Hände nicht zittern.

»Bist du dir sicher, dass du nicht für uns schattenlesen willst?«, fragt mich Aren. Der sonst für ihn so typische Spott ist aus seiner Stimme verschwunden. Es ist ihm völlig ernst. Er wird mich töten, wenn ich nicht das tue, was er will.

»Tausch mich ein«, sprudelt es aus mir heraus.

Er legt den Kopf auf die Seite und sieht mir nicht mehr in die Augen, sondern lässt den Blick langsam zu meinen Füßen und wieder nach oben wandern. Der Ansatz eines Grinsens ist in seinem Mundwinkel zu erkennen.

»Was glaubst du, wie viel du wert bist, Nalkin-Shom?«

»Sie will doch nur Zeit gewinnen«, wirft Lena ein, bevor ich antworten kann. »Wir können nicht zulassen, dass der Hof sie zurückbekommt.«

Verdammt richtig. Ich will Zeit schinden. Das würde sie auch tun, wenn sie von Leuten umzingelt wäre, die ihr die Kehle aufschlitzen wollen.

»Vielleicht bekommen wir für sie Roop und Kexin zurück«, meint Trev, der zu meiner Linken steht.

»Vielleicht auch Mrinn«, wirft ein anderer ein. Weitere Fae rufen noch mehr Namen. Es besteht kein Zweifel daran, dass ich wertvoll bin – nur wenige Menschen haben die Gabe des Sehens, und noch weniger besitzen die Fähigkeit des Schattenlesens –, daher könnte es vielleicht funktionieren. Ich atme aus, weil ich anscheinend die Luft angehalten hatte, und stelle mir vor, dass meine Überlebenschance gerade um 30 … 40 … verdammt noch mal, vielleicht sogar 50 Prozent gestiegen ist.

Lena sieht die Fae an, die sich auf dem Rasen versammelt haben. »Wir wissen nicht mal, ob einer von ihnen noch am Leben ist.«

»Der Hof weiß nicht, dass sie noch lebt«, entgegnet jemand. Das ist ein gutes Argument, und ich überlege schon, ob ich ihnen vorschlagen soll, dass sie ein Bild von mir machen und dem König schicken, vielleicht eins, auf dem ich die Frankfurter Times, oder wie immer die lokale Zeitung auch heißen mag, in der Hand halte.

Ich schnaube. Als ob hier irgendjemand eine Kamera hätte. Und selbst wenn, würden sie nicht wagen, sie anzufassen.

Aren beugt sich vor, stützt die Unterarme auf die Knie und spielt mit dem Dolch herum. Die Welt wartet auf seine Entscheidung. Wieder einmal. Es muss schön sein, einen so großen Einfluss zu haben.

Sein Gesichtsausdruck ist unergründlich, als er aufsteht. Mir ist kalt, und ich fühle mich irgendwie losgelöst, als wäre ich jemand anders, der dabei zusieht, wie über das Ende meines Lebens entschieden wird. Ich stehe kurz davor, einen verzweifelten, zum Scheitern verurteilten Fluchtversuch zu machen, als Aren sagt: »Wie wär’s mit einer Wette?«

Ich blinzle, dann runzle ich die Stirn. »Eine Wette?«

Er gibt Lena den Dolch zurück. »Ja. Eine Wette.«

Okay. Das Spiel spiele ich mit. Vorerst zumindest. »Hängt davon ab, worum es dabei geht.«

Sein Grinsen ist hinterhältig. »Es gibt nur eins, für das du dich interessierst, Nalkin-Shom. Ich bin bereit, es dir anzubieten.«

Ich überlege, ihm eine freche Antwort an den Kopf zu werfen, entscheide mich dann aber dagegen. »Du bietest mir meine Freiheit an?«

Er verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich mit der Schulter gegen einen der Verandapfosten. »Wenn du einen meiner Fae bis auf dreißig Meter genau aufspüren kannst, bist du frei.«

Dreißig Meter. Mist. Das ist ziemlich genau. Ich habe es schon mal geschafft, zweimal, um genau zu sein, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dabei auch sehr viel Glück gehabt habe. Und das Glück ist mir in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht gerade hold gewesen. Ich bezweifle, dass sich das plötzlich geändert hat.

»Was ist, wenn ich es nicht schaffe?«, will ich wissen, auch wenn ich mir denken kann, wie seine Antwort ausfallen wird.

»Dann wirst du für mich schattenlesen.« Jetzt hat er wieder gute Laune, und das setzt mir zu. Obwohl er meinen Ruf kennt, ist er überzeugt davon, dass ich es nicht schaffen kann. Aus gutem Grund. Die besten Schattenleser können ihre Ziele üblicherweise bis auf etwa hundert Meter genau lokalisieren. Mir gelingt das normalerweise bis auf fünfzig Meter genau. Aus diesem Grund bin ich für den Hof auch so wichtig. Wenn ein Fae durch einen Riss an den Ort geht, den ich gesehen habe, kommt er fast immer bis auf Bogenschussweite an sein Ziel heran.

Lena macht einen Schritt nach vorn. Als Aren sie nicht ansieht, berührt sie seinen Ellbogen. »Selbst wenn sie nur halb so gut ist, wie man allgemein behauptet, können wir ihr nicht trauen.«

Das stimmt. Ich weiß nicht, warum er mir diese Wette überhaupt vorschlägt. Denkt er, es wäre so weniger wahrscheinlich, dass ich ihn in einen Hinterhalt schicke? Dass ich für sie arbeite und keine Tricks versuche, wenn ich eine Wette verloren habe?

Aber das ist auch egal. Wenn das meine Chance ist, meine Freiheit zurückzugewinnen, dann werde ich sie ergreifen.

»Wenn ich verliere, lese ich einen Riss.«

Aren sieht mir noch immer in die Augen. »Du wirst so viele lesen, wie ich will.«

»Zwei«, biete ich an.

»Alle, bis ich zufrieden bin, McKenzie.«

Ich verschränke die Arme. »Wenn du mir so kommst, dann bleibe ich bei einem.«

Sein Dauergrinsen verschwindet nicht. »Ich biete dir deine Freiheit an.«

»Du bittest mich, dem Hof zu schaden.«

»Das sind nicht deine Leute.«

Nein, aber einige von ihnen sind meine Freunde. Ich habe nicht viele Freunde. Bei den Menschen keinen außer Paige. Sie akzeptiert mein seltsames Benehmen und meine ständige unangekündigte Abwesenheit. Sie ist für mich wie eine Schwester, und seitdem ich den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen habe, ist sie auch meine einzige Familie.

Kyol gehört nicht zur Familie. Er ist etwas ganz anderes.

Ich ignoriere die Sehnsucht in meiner Brust und straffe meine Schultern. Hier gibt es nur einen Ausweg: Ich darf die Wette nicht verlieren. »Gut. Ich mache es.«

»Schön.« Aren sieht nun die versammelten Fae an, die unser Gespräch beobachtet haben, dann geht er die Treppe hinunter. Er zieht Trev ein Stück weit weg und flüstert ihm etwas ins Ohr, vermutlich einen Ort. Sie stehen neben einem alten Picknicktisch aus Holz, der auf weißem Schotter steht. Da sticht mir etwas ins Auge, was auf einer seiner Bänke steht: mein Rucksack.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Veranda verlassen darf, aber je näher ich Trev bin, wenn er durch den Riss geht, desto mehr Details sehe ich in den Schatten, daher gehe ich das Risiko ein und gehe die drei Stufen nach unten. Außerdem steht mein Rucksack hier, nur wenige Meter entfernt. In der Innentasche steckt mein Handy. Außerdem befindet sich darin mein Portemonnaie. Und meine Sammlung Ankersteine.

Kein Fae hält mich auf, als ich vorwärtsgehe, aber einige legen ihre Hand auf ihr Schwert. Man sieht ihnen ihre Besorgnis an. Aren und Lena mögen denken, dass ich Trevs Standort nicht lokalisieren kann, aber einige der anderen sind sich da nicht so sicher. Ein leises Murmeln geht durch die Reihen. Ich höre mehr als einmal Nalkin-Shom. Sie sprechen das Wort aus, als wäre ich eine Art Monster.

»Bereit?«, erkundigt sich Aren. Nur noch zwei Schritte, und ich käme an meinen Rucksack. Ich möchte so gern mein Handy herausholen, das GPS einschalten und Hilfe rufen, aber ich halte kurz inne. Die Fae werden nie im Leben ruhig stehen bleiben und zusehen, wie ich in meinem Rucksack herumkrame. Ich kann ihn mir auch nicht einfach schnappen und weglaufen. Bei dem Versuch könnte ich sterben.

Ich baue mich vor Aren auf und nicke. »Ich bin bereit.«

Trev öffnet einen Riss. Als das weiße Licht aufleuchtet, muss ich blinzeln, aber das dauert nur wenige Sekunden. Sobald Trev hineingegangen ist, verschwindet er in der Helligkeit. Einen Augenblick später ist sie verblasst und lässt nur sein Nachbild zurück. Ich blinzle, bis das Bild verschwimmt und schimmert, dunkler wird und sich verzerrt. Schatten kommen vom Rand meines Blickfelds gekrochen. Sie beginnen als große, schwer erkennbare Umrisse. Kontinente. Ein Kontinent. Ich blinzle erneut, und die Schatten verändern sich, schrumpfen, werden dann zu einem knochigen Gerippe. Einer Bergkette. Die Ostküste, vermute ich. Ja. Definitiv die Ostküste. Trev ist in eine Gegend des Reiches gereist, die man Mashikar nennt.

»Gib mir ein Blatt Papier und einen Stift«, sage ich.

»So was haben wir nicht«, lautet Arens gleichgültige Antwort.

Ich runzle die Stirn, wende den Blick aber nicht von den Schatten ab. Wenn ich für den Hof schattenlese, sorgt Kyol immer dafür, dass ein Fae alles bei sich hat, was ich benötige. Ich weiß, dass es hier irgendwo ein Blatt Papier geben muss, aber Aren will mir die Sache erschweren, er will mich aufhalten, weil er weiß, dass mir die Schatten nur kurze Zeit im Gedächtnis bleiben.

»Ich habe ein Skizzenbuch im Rucksack.«

»Oh«, erwidert Aren. »Wir haben deine Tasche ausgeräumt und die Technik und alle anderen Sachen entsorgt.«

Jetzt sehe ich Aren doch an. Er lächelt, und Lena lacht hinter ihm. Ich beiße die Zähne zusammen, gehe zu meinem Rucksack und öffne ihn. Zwei große, hellblaue Augen starren mich an. Ein Kimki. Dieses Tier sieht aus wie eine Kreuzung aus einem Frettchen und einer Katze, es hat einen langen, biegsamen Körper und mausähnliche Ohren. Als das Mondlicht auf seine geringelten Vorderpfoten fällt, rümpft es die Nase, und ein Zucken geht durch das silberweiße Fell.

Aren senkt die Hand mit der Fläche nach oben vor dem Rucksack. Der Kimki starrt mich noch einige Sekunden lang an, dann huscht er auf Arens Arm und macht es sich auf seiner Schulter bequem. Erneut bewegt sich das glatte Fell, und das Silber verschwindet, bis das Tier schneeweiß ist.

Aren streichelt es hinter dem Ohr. »Er heißt Sosch. Kimkis werden silbern, wenn sie sich in der Nähe von Toren oder Dingen, die sie mögen, befinden, daher muss er dich sehr mögen. Er hat sich in deinem Rucksack zusammengerollt, sobald er ihn riechen konnte.«

Sosch blinzelt mir unschuldig zu.

Ich starre Aren an. »Ich … Du …« Der Mistkerl hat mich reingelegt. Aus diesem Grund war er so scharf auf diese Wette. Er wusste, dass ich versagen würde, und jetzt sieht er sehr … sehr erfreut über meine Reaktion aus.

Nein. Keine Chance. So werde ich nicht verlieren.

Ich sehe mir die Steine an, auf denen der Picknicktisch steht, und nehme den größten auf, den ich entdecken kann. Er ist an einem Ende spitz, und als ich mich wieder aufrichte, muss ich mich sehr zusammenreißen, um Aren damit nicht gegen den Kopf zu schlagen. Aber dafür ist keine Zeit. Meine Erinnerung an die Schatten beginnt schon zu verblassen.

Nun starre ich die beiden Fae an, die an dem Tisch sitzen. »Weg da.«

Sie sehen erst den Stein, dann einander und danach wieder mich an. Ich bin schon kurz davor, sie beide von der Bank zu schubsen, als sie aufstehen und mir aus dem Weg gehen. Dann packe ich den Stein mit der rechten Hand so, dass die Spitze nach unten zeigt, und beginne, die Schatten in die Tischplatte zu schnitzen. Das Holz ist alt und von der Feuchtigkeit aufgequollen. Es gibt meiner behelfsmäßigen Klinge rasch nach. Ich fertige rasch eine Skizze an, solange ich das Schimmern und Wabern der Schatten noch vor meinem inneren Auge sehe. Ich zeichne den Verlauf eines Flusses, der einen zerklüfteten Berg hinunterfließt. Ein Dorf liegt am westlichen Ufer, aber dort ist Trev nicht wieder aufgetaucht. Er hält sich irgendwo auf den Feldern am anderen Ufer auf.

Der Umfang meiner Karte verändert sich, als ich Trevs Standort auf den kleineren Bereich eingrenze. Ich konzentriere mich darauf und versuche, mich an Einzelheiten in den Schatten zu erinnern. Ich glaube, einen Obstgarten gesehen zu haben. Genau hier.

Ich markiere die Stelle, weiß aber nicht, ob sich Trev im Obstgarten oder eine halbe Meile weit entfernt im Haus des Farmers aufhält. Wo ist er? Wo?

Die Schatten helfen mir nicht weiter, und einen Augenblick später verschwinden sie aus meiner Erinnerung. Mist. Frustriert hämmere ich mit dem Stein auf den Obstgarten.

Augenblick mal. Ich konzentriere mich auf die Karte.

Ein Stein im Obstgarten.

Ja.

Ich hebe meinen Stein wieder auf und male ein X an den Rand des Obstgartens.

»Er ist hier.« Ich deute auf die Stelle. »In der Nähe von Carbada.«

Sobald ich den Namen der Stadt ausspreche, verschwindet Arens Grinsen. Ich weiß nicht, wer von uns erstaunter ist. Man kann ihm seine Verblüffung ansehen, aber ich bin wie vom Donner gerührt, da ich weiß, dass Trev an den Ort, der auf magische Weise in Arens Kopf verankert ist, nicht nur bis auf dreißig Meter herangekommen ist, er steht praktisch genau an der Stelle.

Heilige Scheiße, bin ich gut.

Ich entferne mich vom Picknicktisch und sage mit felsenfestem Blick und ein klein wenig Hochmut zu Aren: »Genau das bin ich wert.«

Er setzt Sosch auf den Boden. Das ganze Lager scheint schockiert zu sein, da niemand etwas sagt, nicht einmal Lena, die noch immer auf meine simple Karte starrt.

»Schönes Leben noch«, sage ich, drehe mich auf dem Absatz um und marschiere den schmalen Pfad entlang, auf dem wir hergekommen sind. Ich gehe aufrecht, das Haupt erhoben, aber eigentlich rechne ich damit, jeden Moment einen Dolch in den Rücken zu bekommen. Die ganze Zeit lausche ich nach dem Geräusch von Metall, das aus einer Scheide gezogen wird, aber ich höre nur den Wind, das Zirpen von Grillen und das Schlurfen von Schritten. Als ich den Waldrand beinahe erreicht habe, höre ich Arens Stimme.

»Haltet sie auf.«

Ich zucke zusammen, gehe aber weiter, bis sich mir ein Fae in den Weg stellt.

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