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Die Säulen der Erde

Ken Follett

Die Säulen
der Erde

Historischer Roman

Aus dem Englischen von
Gabriel Conrad, Till Lohmeyer
und Christel Rost

BASTEI ENTERTAINMENT




Für Marie-Claire, meinen Augapfel

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt
Jean Gimpel, Geoffrey Hindley, Warren Hollister
und Margaret Wade Labarge.
Sie ließen mich an ihrem enzyklopädischen Wissen
über das Mittelalter großzügig teilhaben.
Ich danke auch Ian und Marjory Chapman für ihre Geduld.
Sie haben mich immer wieder ermutigt und mir
viele Anregungen gegeben.

Prolog

1123

Die kleinen Jungen waren die Ersten, die zum Richtplatz kamen.

Es war noch dunkel, als sie aus ihren Verschlägen schlüpften. Lautlos wie Katzen huschten sie in ihren Filzstiefeln über den jungfräulichen Schnee, der sich wie Linnen über die kleine Stadt gebreitet hatte, und entweihten ihn mit ihren Schritten. Ihr Weg führte sie vorbei an windschiefen Holzhütten und über Sträßchen und Gassen, die von gefrorenem Matsch bedeckt waren, zum stillen Marktplatz, auf dem der Galgen bereits wartete.

Die Jungen verachteten alles, was den Älteren lieb und teuer war. Für Schönheit und Rechtschaffenheit hatten sie nur Hohn und Spott übrig. Sahen sie einen Krüppel, so brüllten sie vor Lachen, und lief ihnen ein verletztes Tier über den Weg, so bewarfen sie es mit Steinen, bis es tot war. Sie waren stolz auf ihre Narben. Besonders angesehen aber waren Verstümmelungen: Ein Junge, dem ein Finger fehlte, konnte es leicht bis zu ihrem Anführer bringen. Sie liebten nichts so sehr wie die Gewalt und liefen meilenweit, um Blut zu sehen.

Und niemals fehlten sie, wenn der Henker kam.

Einer der Jungen pinkelte an das Gerüst, auf dem der Galgen stand. Ein anderer kletterte die Treppen hinauf, griff sich mit beiden Daumen an den Hals und ließ sich fallen wie einen nassen Sack, das Gesicht abstrus verzerrt; die anderen johlten vor Vergnügen und lockten damit zwei Hunde an, die kläffend über den Marktplatz rannten. Einer der jüngeren Burschen biss unbekümmert in einen Apfel, da kam ein älterer, versetzte ihm einen Schlag auf die Nase und nahm ihm den Apfel weg. In seiner Wut ergriff der Kleine einen spitzen Stein und brannte ihn einem der Köter aufs Fell; der jaulte auf und machte sich davon.

Dann gab’s nichts mehr zu tun. Die Horde ließ sich auf den trockenen Steinplatten im Portal der großen Kirche nieder und wartete darauf, dass irgendetwas geschah.

Hinter den Fensterläden der ansehnlichen Holz- und Steinhäuser, die den Marktplatz säumten, flackerte Kerzenschein auf. Die Küchenmägde und Lehrbuben der wohlhabenden Händler und Handwerker machten Feuer, setzten Wasser auf und kochten Hafergrütze. Der schwarze Himmel färbte sich langsam grau. Gebeugten Hauptes erschienen die Frühaufsteher in den niedrigen Türen ihrer Häuser und gingen hinab zum Fluss, um Wasser zu holen. Obwohl sie in schwere Mäntel aus grober Wolle gehüllt waren, zitterten sie vor Kälte.

Eine Weile später betrat eine Gruppe junger Männer den Platz – Knechte, Arbeiter und Lehrburschen. Sie lärmten und taten sich groß, vertrieben mit Tritten und Schlägen die Kinder aus dem Portal, lehnten sich selbst gegen die gemeißelten Steinbögen, kratzten sich, spuckten aus und redeten mit aufgesetzter Kaltschnäuzigkeit über den Tod am Galgen.

»Wenn er Glück hat, bricht der Hals gleich beim Fall«, sagte einer, »das ist kurz und schmerzlos. Aber wenn er Pech hat und der Hals bricht nicht, dann hängt er am Strick, wird puterrot im Gesicht, und er schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Bis er dann endlich erstickt.« – »Und das kann so lange dauern, wie ein Mann braucht, um eine Meile zurückzulegen!«, fiel ein anderer ein, und ein Dritter meinte, es könne alles noch viel schlimmer kommen, er selbst hätte schon einmal gesehen, wie ein Gehenkter erst gestorben sei, als sein Hals schon eine Elle lang war!

Am anderen Ende des Marktplatzes kamen die alten Weiber zusammen, so weit als irgend möglich entfernt von den jungen Männern, denen jede Grobheit und jedes böse Wort gegenüber ihren Großmüttern zuzutrauen war. Die alten Frauen waren immer schon früh auf den Beinen. Längst brannte das Feuer im Herd und war die Stube gefegt.

Die Witwe Brewster, eine kräftige Person, die sie alle als ihre Wortführerin anerkannten, gesellte sich zu ihnen. Mühelos rollte sie ein Fässchen Bier vor sich her wie ein Kind seinen Reifen. Kaum machte sie sich daran, es zu öffnen, da standen die Kunden auch schon mit Krügen und Eimern Schlange.

Der Büttel des Vogts öffnete das Haupttor und ließ die Bauern ein, die in den Häuschen vor der Stadtmauer lebten. Einige von ihnen wollten Eier, Milch und frische Butter verkaufen, andere kamen, um sich mit Bier und Brot zu versorgen, wieder andere aber blieben einfach auf dem Marktplatz stehen und warteten auf die Hinrichtung.

Von Zeit zu Zeit verrenkten die Leute die Hälse wie vorsichtige Spatzen und spähten zur Burg hinauf, die auf einer Anhöhe über dem Städtchen thronte. Gleichmäßig stieg der Rauch aus dem Küchentrakt, hie und da blakte Fackelschein hinter den schmalen Fensterschlitzen des Wohnturms auf. Dann – hinter der dicken grauen Wolke mochte gerade die Sonne aufgehen – öffneten sich die mächtigen Holztore, und eine kleine Prozession verließ die Burg. Voran ritt auf einem feinen schwarzen Ross der Vogt, gefolgt von einem Ochsenkarren mit dem gefesselten Delinquenten. Dem Karren folgten drei Reiter, ihre Gesichter waren auf die Entfernung nicht zu erkennen, doch verriet ihre Kleidung, dass es sich um einen Ritter, einen Priester und einen Mönch handelte. Die Nachhut bildeten zwei Bewaffnete.

Sie waren alle dabei gewesen, als tags zuvor im Kirchenschiff Gericht gehalten worden war. Der Priester hatte den Dieb auf frischer Tat ertappt: Der Mönch hatte bezeugt, dass der silberne Kelch dem Kloster gehörte; der Ritter war des Diebes Herr und hatte bestätigt, dass ihm der Bursche davongelaufen sei, und der Vogt hatte das Todesurteil gefällt.

Während die kleine Gruppe langsam den Burgberg heruntergeritten kam, strömten immer mehr Menschen auf dem Marktplatz zusammen und versammelten sich um den Galgen. Zu den Letzten, die kamen, gehörten die führenden Bürger der Stadt: der Schlachter, der Bäcker, zwei Ledergerber, zwei Schmiede, der Messerschmied und der Bogner. Und alle brachten sie ihre Weiber mit.

Die Menge sah der Exekution mit gemischten Gefühlen entgegen. Normalerweise genossen es die Leute, dem Henker bei der Ausübung seiner Pflicht zuzusehen, denn die Delinquenten waren meistens Diebe, und Diebe wurden von ihnen, die ihre Habe im Schweiße ihres Angesichts erwarben, mit unversöhnlichem Hass verfolgt. Der Dieb allerdings, dem es an diesem Tage an den Kragen gehen sollte, war kein gewöhnlicher Dieb. Niemand wusste, wer er war und woher er kam. Er hatte keinen Menschen aus dieser Stadt bestohlen, sondern Mönche in einem zwanzig Meilen entfernten Kloster. Und was er gestohlen hatte, war ein mit Juwelen verzierter Silberkelch von so unermesslichem Wert, dass er nie im Leben einen Käufer dafür gefunden hätte. Das war schon etwas anderes als der Diebstahl eines Schinkens, eines neuen Messers oder eines guten Gürtels, der für seinen rechtmäßigen Besitzer einen echten Verlust bedeutete. Nein, eines so unsinnigen Vergehens wegen konnten sie den Mann nicht hassen. Gewiss, als der Ochsenkarren mit dem Gefangenen auf dem Marktplatz eintraf, johlten und pfiffen einige, aber es waren im Grunde nur halbherzige Missfallenskundgebungen. Die Einzigen, die den Dieb mit sichtlicher Begeisterung verhöhnten, waren die Gassenjungen.

Von den Bewohnern der Stadt hatte kaum einer an der Gerichtsverhandlung teilgenommen. Gerichtstage waren keine Feiertage, und sie alle hatten ihre Arbeit. Sie sahen den Dieb jetzt zum ersten Male. Er war noch ziemlich jung, zwischen zwanzig und dreißig; von durchschnittlicher Größe und Gestalt zwar, ansonsten aber eine recht merkwürdige Erscheinung. Seine Haut war so weiß wie der Schnee auf den Dächern, die Augen – von leuchtendem Grün – standen vor, und sein Haar war von der Farbe einer geschabten Mohrrübe. Die jungen Mädchen fanden ihn hässlich, den alten Frauen tat er leid, und die Gassenjungen lachten und lachten, bis sie umfielen.

Den Vogt kannten die Leute alle. Die drei anderen Männer jedoch, die das Schicksal des Diebes besiegelt hatten, waren Fremde. Der Ritter, ein feister Mann mit strohblondem Haar, war offenbar eine nicht unbedeutende Person, kam er doch auf einem riesigen Schlachtross daher, das gut und gerne ebenso viel kostete, wie ein Zimmermann in zehn Jahren verdiente. Der Mönch war um Vieles älter, fünfzig oder fünfundfünfzig vielleicht, ein hochgewachsener, hagerer Mann, der vornübergebeugt im Sattel saß, als mache ihm die Last des Lebens schwer zu schaffen. Am auffallendsten war der Priester. Er war noch jung, mit scharf geschnittener Nase und glattem schwarzem Haar. Er trug ein schwarzes Gewand und einen schwarzen Umhang und ritt auf einem dunklen Fuchshengst. Sein Blick war hellwach, so lauernd und bedrohlich wie der einer Katze, die ein Nest mit jungen Mäusen wittert.

Ein kleiner Junge zielte sorgfältig und spuckte dem Gefangenen ins Gesicht – kein schlechter Schuss, denn er traf genau zwischen die Augen. Der Delinquent stieß einen Fluch aus und wollte auf den Spucker losgehen, doch die Seile, mit denen er an beiden Seiten des Karrens festgebunden war, hinderten ihn daran. Der Zwischenfall war nicht weiter bemerkenswert – nur fiel den Leuten auf, dass der Gefangene normannisches Französisch gesprochen hatte, die Sprache der Herren. So war er wohl ein Spross aus hohem Hause? Oder bloß ein Ausländer, der von weither kam? Niemand wusste es.

Der Ochsenkarren zockelte bis zum Galgen und hielt dort an. Mit der Schlinge in der Hand stieg der Büttel des Vogts auf die Ladefläche. Der Gefangene wehrte sich. Die Gassenjungen jubelten; sie wären enttäuscht gewesen, hätte der Mann alles widerstandslos über sich ergehen lassen. Der Gefangene, durch Fesseln an seinen Hand- und Fußgelenken in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, verstand es dennoch, durch heftige Kopfstöße nach links und rechts der Schlinge zu entgehen. Da trat der Büttel, ein hünenhafter Mann, ein paar Schritte zurück, holte aus und versetzte ihm einen kräftigen Hieb in die Magengrube. Der Fremde krümmte sich; schon war der Büttel zur Stelle, warf ihm die Schlinge über den Kopf und zog den Knoten fest. Dann sprang er vom Karren herab, zog das Seil stramm und befestigte das andere Ende an einem Haken am Grunde des Galgens.

Das war der Wendepunkt. Wenn der Gefangene jetzt noch zappelte, schnürte es ihm um so schneller die Luft ab.

Die Bewaffneten nahmen ihm die Fußfesseln ab und ließen ihn dann allein auf dem Karren stehen, die Hände auf dem Rücken gebunden. Die Menge war auf einmal totenstill.

An dieser Stelle kam es bei Hinrichtungen gelegentlich zu Zwischenfällen: Die Mutter des Verurteilten bekam einen Schreikrampf, oder sein Eheweib sprang in einem letzten verzweifelten Versuch, sein Leben zu retten, mit gezücktem Messer aufs Schafott. Manchmal flehte der Verurteilte Gott um Vergebung an, in anderen Fällen brach er in wüste Verwünschungen gegen seine Henker aus. Die Bewaffneten nahmen, auf alles gefasst, zu beiden Seiten des Schafotts Aufstellung.

Da fing der Verurteilte auf einmal zu singen an.

Er hatte eine hohe, ganz reine Tenorstimme. Er sang auf französisch, doch selbst jene, denen diese Sprache fremd war, hörten der wehmütigen Weise an, dass sie von Trauer und Abschied sprach.

Ein Lerchenvogel tat sich einst
im Jägernetz verfangen.
Und singt so süß und singt so rein,
als ob der Stimme Zauberklang –
ihn wieder könnt’ befrein.

Sein Blick ruhte dabei unentwegt auf einer Person inmitten der Menge. Die Leute wichen zurück, sodass sie alsbald für jedermann zu erkennen war.

Es war ein Mädchen, kaum mehr als fünfzehn Jahre alt. Die Menschen auf dem Marktplatz fragten sich, warum sie ihnen nicht schon früher aufgefallen war. Sie hatte langes, dunkelbraunes Haar, das ihr in üppiger Fülle über die Schultern wallte und oberhalb der breiten Stirn einen Wirbel bildete, den man im Volksmund »Teufelsmütze« hieß. Ihre Gesichtszüge waren ebenmäßig, die Lippen voll. Die alten Frauen schlossen aus der fülligen Mitte und den schweren Brüsten sofort, dass das Mädchen schwanger und der Verurteilte der Vater ihres ungeborenen Kindes war. Allen anderen jedoch fielen nur ihre Augen auf: Sie passten nicht recht zu dem sonst durchaus hübschen Gesicht. Sie lagen tief in ihren Höhlen und waren von außergewöhnlichem, goldenem Glanz. Wer sie ansah, wandte alsbald den Blick wieder ab, denn diese Augen schienen jedermann tief ins Herz zu schauen und auch die geheimsten Geheimnisse zu entdecken. Das Mädchen war in Lumpen gehüllt, und Tränen liefen ihre weichen Wangen herab.

Der Ochsentreiber blickte den Büttel erwartungsvoll an. Der Büttel sah den Vogt an und harrte des vereinbarten Kopfnickens. Der unheimliche junge Priester stieß den Vogt voller Ungeduld verstohlen in die Seite, doch der Vogt schenkte ihm keine Beachtung. Er ließ den Dieb weitersingen, und so gelang es dem hässlichen Mann mit seiner schönen Stimme, sich den Tod noch wenige furchtbare Augenblicke lang vom Leibe zu halten.

Es graut der Tag, der Jäger kommt,
um ihm den Tod zu geben.
Es stirbt der Vogel, stirbt der Mensch –
mein Lied wird ewig leben.

Als das Lied zu Ende war, sah der Vogt den Büttel an und nickte. Der Büttel rief: »Hopp!«, und hieb dem Ochsen mit einem Seil in die Flanke, während der Ochsentreiber seine Peitsche knallen ließ. Der Ochse zog an, der Mann taumelte, der Wagen glitt ihm unter den Füßen weg, und er fiel ins Bodenlose. Der Henkerstrick spannte sich, und dann brach das Genick des Diebes mit hörbarem Knacken.

Ein Schrei ertönte, und alle starrten die junge Frau an.

Nicht sie hatte geschrien, sondern das Weib des Messerschmieds, das neben ihr stand, sie aber war der Anlass gewesen: Vor dem Galgen war sie auf die Knie gesunken und reckte die Arme vor, bereit zum Fluch. Die Leute wichen vor ihr zurück, wusste doch ein jeder, dass der Fluch eines Menschen, dem Unrecht geschah, besondere Kräfte besaß. Und dass es bei dieser Hinrichtung nicht mit rechten Dingen zuging – den Verdacht hegten sie ohnehin. Die Gassenjungen packte das Grauen.

Das Mädchen richtete den beschwörenden Blick ihrer hellgoldenen Augen nun auf die drei Fremden – den Ritter, den Mönch und den Priester. Und dann verhängte sie ihren Fluch über sie – furchtbare Worte in hellem, klingendem Ton:

»Krankheit und Sorge, Hunger und Schmerz beschwöre ich auf Euch herab. Euer Haus soll vom Feuer verzehrt werden, und Eure Kinder sollen am Galgen enden. Euren Feinden soll es wohl ergehen, während Ihr in Gram und Trauer alt werdet und in Siechtum und Elend dahinfault …« Noch während sie sprach, griff das Mädchen in einen Sack, der neben ihr auf dem Boden lag, und zog einen lebenden Hahn heraus.

Und mit einem Mal hielt sie ein Messer in der Hand. Eine einzige rasche Bewegung – da hatte sie auch schon dem Tier den Kopf abgeschnitten, den blutenden Rumpf gepackt und nach dem schwarzhaarigen Priester geschleudert. Das kopflose Tier traf ihn zwar nicht, doch das Blut bespritzte nicht nur den Priester, sondern auch den Mönch und den Ritter, in deren Mitte er stand.

Voller Abscheu und Ekel wandten sich die drei Männer ab, doch das Blut traf sie alle, befleckte ihre Gewänder und zeichnete ihre Gesichter.

Das Mädchen machte kehrt und rannte um sein Leben.

Die Menge öffnete ihr eine Gasse, die sich hinter ihr wieder schloss. Danach herrschte das reine Chaos, bis es dem Vogt gelang, die Aufmerksamkeit seiner Bewaffneten auf sich zu lenken. Wütend befahl er ihnen, das Mädchen einzufangen. Gehorsam kämpften sie sich durch die Menge, drängten rüde Frauen und Kinder beiseite, doch ehe sie sich’s versahen, war das Mädchen verschwunden. Der Vogt hieß sie weitersuchen, aber er wusste genau, dass es nicht gefunden würde.

Angewidert wandte er sich ab. Der Ritter, der Mönch und der Priester hatten die Flucht des Mädchens nicht weiter verfolgt. Statt dessen starrten sie allesamt auf den Galgen. Der Vogt folgte ihrem Blick. Der tote Dieb hing am Strick, sein blasses, junges Gesicht bereits blau verfärbt. Unter seiner sanft hin und her pendelnden Leiche drehte der kopflose Hahn im blutbefleckten Schnee zackige Kreise.

Buch I

1135-1136

Kapitel I

In einem weiten Tal am Fuße eines Hanges, gleich neben einem Bach mit frischem, perlendem Wasser, errichtete Tom ein Haus.

Die Mauern waren bereits drei Fuß hoch und wuchsen schnell. Die Sonne schien, und die beiden Maurer, die Tom angeworben hatte, arbeiteten in gleichbleibendem Rhythmus. Ratsch – platsch – peng machten ihre Kellen, während der Träger unter dem Gewicht der schweren Steinblöcke schwitzte. Alfred, Toms Sohn, mischte den Mörtel und zählte Schaufel um Schaufel den Sand, den er gerade auf ein Brett häufelte. Auch ein Zimmermann war zugegen; er stand neben Tom an der Werkbank und bearbeitete sorgfältig einen Buchenholzblock mit einem Breitbeil.

Der vierzehnjährige Alfred war groß und schlank wie sein Vater. Tom überragte die meisten Männer um Haupteslänge, und Alfred, der noch im Wachsen war, hatte ihn schon fast erreicht. Die beiden sahen einander überhaupt sehr ähnlich, hatten beide hellbraunes Haar und grünliche Augen mit braunen Flecken. Ein hübsches Paar, die zwei, sagten die Leute, wenn sie ihnen begegneten. Sie unterschieden sich im Wesentlichen dadurch, dass Tom einen lockigen braunen Bart trug, während sich auf Alfreds Oberlippe erst ein feiner blonder Flaum zeigte. Tom erinnerte sich voller Zärtlichkeit daran, dass einst auch das Haupthaar seines Sohnes so blond gewesen war.

Alfred wurde nun langsam zum Mann, und Tom hätte es gern gesehen, wenn sein Sohn mit etwas mehr Fleiß und Bedacht bei der Sache gewesen wäre. Der Junge musste noch eine Menge lernen, wenn er ein Steinmetz werden wollte wie sein Vater. Bisher hatten ihn die Regeln der Baukunst allenfalls verwirrt oder gelangweilt.

Das Haus, an dem sie gerade arbeiteten, würde nach seiner Fertigstellung das schönste und größte Herrenhaus im Umkreis von vielen Meilen sein. Das Erdgeschoss war als geräumiger Speicher angelegt, in dem Vorräte und Gerätschaften gelagert werden konnten. Die gewölbte Decke diente als Brandschutz. Über dem Speicher sollte dann die eigentliche Wohnstube entstehen, die über ein außerhalb der Mauern zu errichtendes Treppenhaus erreichbar war. Da sie so hoch lag, war sie nur schwer anzugreifen und um so leichter zu verteidigen. An der Außenwand der Wohnstube sollte sich ein Schornstein erheben, durch den der Rauch vom Kamin abzog – eine wahrhaft umwälzende Neuerung. Bisher hatte Tom nur ein einziges Mal ein Haus mit Schornstein gesehen. Es war ihm jedoch so einleuchtend erschienen, dass er sich sofort zum Nachbau entschlossen hatte. Im zweiten Stock, also oberhalb der großen Wohnstube, sollte ein kleines Schlafzimmer entstehen; die jungen Damen von Adel waren sich zu gut, um gemeinsam mit Männern, Mägden und Jagdhunden in der großen Stube zu schlafen.

Die Küche sollte in einem eigenen Gebäude untergebracht werden, denn irgendwann ging jede Küche einmal in Flammen auf. Um Schlimmeres zu verhüten, legte man sie daher meist ein gutes Stück entfernt vom Wohnhaus an – und begnügte sich mit lauwarmen Mahlzeiten.

Tom war damit beschäftigt, den Eingang des Hauses zu errichten. Die Türpfosten sollten rund sein und wie Säulen aussehen; das betonte die Würde des jungvermählten Paares von adeligem Geblüt, das hier Wohnung nehmen wollte. Mit Blick auf das vorgeformte hölzerne Simsbrett, das ihm als Richtschnur diente, setzte Tom seinen Eisenmeißel an und klopfte vorsichtig mit dem großen Holzhammer darauf. Viele kleine Splitter und Bruchstücke rieselten herunter, und die behauene Fläche war ein wenig deutlicher gerundet als zuvor. Er hatte es wieder einmal geschafft. Die glatte Bruchfläche war gut genug für eine Kathedrale.

In Exeter hatte Tom einst am Bau der Kathedrale mitgewirkt. Anfangs war es für ihn ein Auftrag wie jeder andere gewesen, und er hatte mit Ärger und Verdrossenheit die Ermahnungen des Baumeisters hingenommen, der immer wieder etwas an seiner Arbeit auszusetzen hatte. Tom kannte seine Stärken und wusste, dass er ein überdurchschnittlich guter und gewissenhafter Steinmetz und Maurer war. Erst allmählich ging ihm auf, dass die Mauern einer Kathedrale eben nicht nur gut, sondern tadellos zu sein hatten, denn eine Kathedrale wurde zu Ehren Gottes errichtet und war zudem so groß, dass die geringste Abweichung zum vielleicht tödlichen Konstruktionsfehler werden konnte.

Toms Ärger verwandelte sich in Faszination. Die gnadenlose Detailbesessenheit im Verbund mit einem äußerst anspruchsvollen Bauvorhaben öffnete ihm die Augen für die Wunder seines Handwerks. Bei dem Baumeister in Exeter lernte er die Bedeutung der Proportionen kennen, die Symbolik verschiedener Zahlen, die nahezu magischen Formeln zur richtigen Berechnung der Dicke einer Mauer oder des Winkels einer Stufe in einer Wendeltreppe. All diese Dinge fesselten ihn, und es erstaunte ihn, als er erfuhr, dass viele Steinmetzen unfähig waren, sie zu begreifen.

Nach einiger Zeit wurde Tom zur rechten Hand des Baumeisters und war nun auch imstande, dessen Schwächen zu erkennen. Der Mann war ein hervorragender Handwerker, aber ein unfähiger Organisator. Zur rechten Zeit die richtige Menge Steine zu beschaffen, um mit den Maurern Schritt halten zu können, stellte für ihn ein schier unüberwindliches Problem dar. Wie brachte man die Schmiede dazu, in ausreichender Zahl das gerade benötigte Werkzeug herzustellen? Wie schaffte man genügend gebrannten Kalk und Sand für den Mörtel her? Wer fällte das Holz für die Zimmerleute, und wer beschaffte vom Domkapitel das Geld, um alles zu bezahlen?

Wäre Tom bis zum Tode des Dombaumeisters in Exeter geblieben, hätte er gut und gerne dessen Nachfolger werden können. Doch es kam anders. Dem Domkapitel ging – nicht zuletzt infolge der Misswirtschaft des Baumeisters – das Geld aus, und die Handwerker waren gezwungen, sich anderswo nach Arbeit umzusehen.

Der Kastellan von Exeter bot Tom die Stelle des Baumeisters an. Seine Aufgabe hätte darin bestanden, die Befestigungen der Stadt zu renovieren und auszubauen – eine Lebensaufgabe, falls nichts dazwischenkam.

Doch Tom hatte das Angebot abgelehnt. Er wollte wieder eine Kathedrale bauen.

Agnes, seine Frau, hatte diesen Entschluss nie verstanden. Als Festungsbaumeister in Exeter hätte er mit seiner Familie in einem guten Steinhaus leben können. Sie hätten Diener gehabt und eigene Ställe und jeden Tag Fleisch auf dem Tisch. Nie hatte sie Tom verziehen, dass er diese einmalige Gelegenheit ausgeschlagen hatte. Der unwiderstehliche Drang, einen Dom erbauen zu wollen, war ihr unbegreiflich; sie verstand weder die organisatorische Vielfalt noch die intellektuelle Herausforderung, die in den Berechnungen lag. Weder die gewaltige Höhe der Mauern noch die atemberaubende Schönheit und Größe des fertigen Bauwerks vermochten sie zu begeistern. Tom dagegen, der einmal an diesem Wein genippt hatte, würde sich nie wieder mit etwas Geringerem zufriedengeben.

Das alles lag jetzt zehn Jahre zurück, und seitdem waren sie weit herumgekommen. Hier entwarf er ein neues Kapitelhaus für ein Kloster, dann arbeitete er ein oder zwei Jahre an einer Burg oder errichtete für einen reichen Kaufmann ein Stadthaus. Doch sobald er ein wenig Geld gespart hatte, nahm er seinen Abschied und zog mit Frau und Kind weiter – immer auf der Suche nach einer Kathedrale.

Er sah von der Werkbank auf und erblickte Agnes, die am Rand der Baustelle stand. In der Rechten trug sie einen Vesperkorb und in der Linken einen großen Krug Bier, den sie mit der Hüfte abstützte. Es war Mittag. Er sah sie liebevoll an. Niemand wäre so vermessen gewesen, Agnes hübsch zu nennen, doch verrieten die breite Stirn, die großen braunen Augen, die gerade Nase und die starke Kieferpartie enorme innere Kraft. Ihr dunkles, drahtiges Haar war in der Mitte gescheitelt und auf dem Hinterkopf zusammengebunden. Agnes war Toms Seelengefährtin.

Sie schenkte Tom und Alfred Bier ein. Einen Augenblick standen sie wortlos beisammen, die beiden großen Männer und die kräftige Frau, und tranken Bier aus hölzernen Bechern. Da kam aus einem Weizenfeld die siebenjährige Martha gesprungen, das vierte Mitglied der Familie. Sie war so hübsch wie eine Narzisse – freilich eine Narzisse, der ein Blütenblatt fehlt, denn zwei Milchzähne waren ihr ausgefallen und die neuen noch nicht nachgewachsen. Sie rannte auf Tom zu, küsste ihn auf den staubigen Bart und nippte an seinem Bier. Er zog ihren knochigen Körper an sich und drückte sie. »Trink du nur nicht zu viel«, sagte er, »sonst fällst du in den Graben!« Die Kleine torkelte im Kreis umher und spielte die Betrunkene.

Sie ließen sich auf dem Holzstoß nieder. Agnes reichte Tom ein großes Stück Weißbrot, eine dicke Scheibe gekochten Schinkenspeck und eine kleine Zwiebel. Tom ließ sich das Fleisch schmecken und begann die Zwiebel zu schälen. Agnes gab den Kindern zu essen und bediente sich dann auch selbst. Vielleicht war es wirklich verantwortungslos, um der unsicheren Hoffnung auf eine neue Kathedrale willen den langweiligen Posten in Exeter auszuschlagen, dachte Tom bei sich. Aber wie dem auch sei, Hunger hat meine Familie trotz dieser Leichtfertigkeit nie leiden müssen.

Er zog sein Essmesser aus der Tasche seiner Lederschürze, schnitt sich eine Scheibe Zwiebel ab und verzehrte sie mit einem Stück Brot. Die Zwiebel brannte süß in seinem Mund.

Da sagte Agnes auf einmal: »Ich bin wieder schwanger.«

Tom hörte auf zu kauen und starrte sie an. Ein Freudenschauer durchfuhr ihn, und weil er nicht wusste, was er sagen sollte, grinste er sie nur dümmlich an. Agnes errötete schließlich und fügte hinzu: »So überraschend ist es ja nun auch wieder nicht!«

Tom umarmte sie. »Schön, schön«, sagte er, noch immer vor Freude strahlend. »Ein Kindchen, das mir den Bart zausen kann! Und ich dachte schon, das nächste Kind in der Familie würde Alfreds sein.«

»Freu dich nicht zu früh«, ermahnte ihn Agnes. »Einem ungeborenen Kind soll man noch keinen Namen geben. Das bringt Unglück.«

Tom nickte zustimmend. Agnes hatte eine Totgeburt und mehrere Fehlgeburten hinter sich, und ein kleines Mädchen, Matilda, war im Alter von zwei Jahren gestorben. »Wär trotzdem schön, wenn es ein Junge wird«, sagte er, »jetzt, wo Alfred schon so groß ist. Wann ist es denn so weit?«

»Nach Weihnachten.«

Tom fing an zu rechnen. Der Rohbau des Hauses sollte vor dem ersten Frost stehen und zum Schutz gegen den Winter mit Stroh bedeckt werden. Die Steinmetzen sollten in den kalten Monaten die Steine für Fenster, Gewölbe, Türfassungen und den Kamin schneiden, die Zimmerleute Dielenbretter, Türen und Fensterläden zimmern, während er selbst das Gerüst für die Arbeiten in den oberen Stockwerken vorbereiten wollte. Die folgenden Arbeiten standen dann im nächsten Frühjahr an: die Fertigstellung der Gewölbe im Erdgeschoss, das Einziehen des Bodens im ersten Stock sowie die Errichtung des Daches. Bis Pfingsten nächsten Jahres würde der Bau die Familie ernähren. Dann war das Kleine ein halbes Jahr alt, und sie konnten mit ihm weiterziehen. »Schön«, sagte er zufrieden, »das ist schön«, und schob sich noch einen Zwiebelschnitz in den Mund.

»Ich werde langsam zu alt zum Kinderkriegen«, sagte Agnes. »Das muss jetzt das letzte sein.«

Tom dachte über ihre Worte nach. Er wusste nicht genau, wie alt sie war, jedenfalls nicht nach Jahren, doch dass Frauen ihres Alters Kinder bekamen, war durchaus keine Seltenheit. Je älter sie waren, das stimmte allerdings, desto schwerer fiel es ihnen und desto schwächer waren die Kinder. Gewiss hatte Agnes recht.

Aber wie will sie eine neue Schwangerschaft verhindern? Als ihm die Antwort einfiel, legte sich ein Schatten auf sein sonniges Gemüt.

»Vielleicht finde ich Arbeit in einer Stadt«, sagte er, um sie zu besänftigen, »an einer Kathedrale oder einem Bischofssitz. Dann können wir in einem großen Haus mit Holzdielen wohnen und uns ein Mädchen leisten, das dir zur Hand geht.«

Ihr Ausdruck verhärtete sich, und ihre Antwort klang skeptisch: »Vielleicht.« Sein Gerede über Kathedralen behagte ihr nicht.

Ihre Miene schien zu sagen: Wenn du niemals an einer Kathedrale gearbeitet hättest, dann lebten wir wahrscheinlich längst in einem Stadthaus, hätten genug gespartes Geld unter der Feuerstelle vergraben und brauchten uns um unsere Zukunft nicht zu sorgen.

Tom wandte den Blick von ihr und biss ein Stück Schinkenspeck ab. Sie hatten Anlass zum Feiern, und dennoch herrschte Missstimmung zwischen ihnen. Er kam sich gedemütigt vor. Wortlos kaute er an dem zähen Fleisch. Dann hörte er plötzlich Pferdegetrappel und hob lauschend den Kopf. Der Reiter kam von der Straße her, vermied jedoch das Dorf, indem er die Abkürzung durch den Wald nahm.

Einen Augenblick später erschien ein junger Mann auf einem Pony und sprang ab. Er sah aus wie ein Knappe, eine Art Ritterlehrling. »Euer Herr kommt«, sagte er.

Tom erhob sich. »Ihr meint Lord Percy?« Percy Hamleigh war einer der wichtigsten Männer der Grafschaft. Ihm gehörte das Tal – und nicht nur dieses –, und er war es auch, der den Hausbau in Auftrag gegeben hatte und bezahlte.

»Sein Sohn«, sagte der Knappe.

»Der junge William.« Percys Sohn William sollte das Haus nach seiner Hochzeit beziehen. Er war mit Lady Aliena, der Tochter des Grafen von Shiring, verlobt.

»Eben derselbe«, antwortete der Knappe. »Und er ist sehr erbost.«

Tom erschrak. Verhandlungen mit einem Bauherrn waren im günstigsten Fall schwierig. Ein wütender Bauherr war schlicht und einfach unerträglich. »Worüber ist er erbost?«

»Seine Braut hat ihn zurückgewiesen.«

»Die Tochter des Grafen?«, erwiderte Tom überrascht und spürte auf einmal Angst. Hatte er sich nicht eben erst in Sicherheit über seine Zukunft gewiegt? »Ich dachte, die Ehe sei längst vereinbart.«

»Das dachten wir alle – nur Lady Aliena nicht, wie es scheint«, sagte der Knappe. »Sie hatte ihn kaum erblickt, da verkündete sie auch schon, dass nichts in der Welt sie dazu bewegen könne, ihn zu heiraten.«

Tom runzelte die Stirn. Die Sache gefiel ihm ganz und gar nicht. »Soweit ich mich entsinne, sieht der junge Herr doch gar nicht übel aus«, sagte er.

»Als ob es darauf ankäme, in ihrer Stellung«, bemerkte Agnes. »Wo kämen wir hin, wenn Grafentöchter sich ihre Ehemänner selbst aussuchen könnten? Fahrende Sänger und dunkeläugige Spitzbuben würden uns regieren!«

»Vielleicht ändert das Mädchen seine Meinung ja noch«, meinte Tom hoffnungsvoll.

»Ja, wenn ihre Mutter die Birkenrute sprechen lässt, dann schon«, ergänzte Agnes.

»Ihre Mutter lebt nicht mehr«, sagte der Knappe.

Agnes nickte. »Kein Wunder, dass ihr der Blick für die Realitäten des Lebens fehlt. Aber warum weist ihr der Vater nicht den Weg? Das verstehe ich nicht.«

»Es hat den Anschein, dass er ihr versprochen hat, sie niemals einem Mann zur Frau zu geben, den sie nicht mag.«

»Ein törichtes Versprechen!«, schimpfte Tom. Wie konnte sich ein mächtiger Herr den Launen eines jungen Mädchens ausliefern? Militärische Allianzen, die gräflichen Finanzen, ja, sogar die Fertigstellung des Hauses konnten in der einen oder anderen Weise von dieser Eheschließung betroffen sein.

»Sie hat einen Bruder«, sagte der Knappe. »Insofern ist es nicht gar so wichtig, wen sie heiratet.«

»Trotzdem …«

»Der Graf ist ein unbeugsamer Mann«, fuhr der Knappe fort. »Er steht zu seinem Wort – selbst wenn er es nur einem Kind gegeben hat.« Er zuckte mit den Schultern. »So heißt es jedenfalls.«

Tom betrachtete die niedrigen Grundmauern des künftigen Hauses. Ich habe noch nicht genug Geld gespart, um die Familie gut über den Winter zu bringen … Der Gedanke ließ ihn frösteln.

»Vielleicht wird der junge Herr eine andere Braut finden, die bereit ist, hier mit ihm zu leben. Er hat die Wahl – die ganze Grafschaft steht ihm zur Verfügung.«

Mit der krächzenden Stimme des Heranwachsenden rief Alfred: »Jesus Christus! Ich glaube, da kommt er.«

Sie alle folgten seinem Blick. Vom Dorf her kam ein Pferd übers Feld herangaloppiert und zog eine Wolke aus Staub und aufgewirbelter Erde hinter sich her. Sowohl die Größe als auch die Geschwindigkeit des Pferdes hatten Alfred erschreckt: Es war geradezu riesig. Tom hatte solche Tiere schon gesehen, Alfred wahrscheinlich nicht. Es handelte sich um ein Schlachtross, am Widerrist so hoch wie das Kinn eines Mannes und unverhältnismäßig breit gebaut. In England wurden solche Pferde nicht gezüchtet; sie stammten aus dem Ausland und waren sündhaft teuer.

Tom ließ die Reste seiner Mahlzeit in der Schürzentasche verschwinden und kniff die Augen zusammen, um im Gegenlicht besser sehen zu können. Das Pferd hatte die Ohren angelegt, und seine Nüstern bebten, doch aus dem hoch getragenen Kopf glaubte Tom schließen zu können, dass der Reiter es noch unter Kontrolle hatte. Der Eindruck bestätigte sich, als Ross und Reiter näher kamen: Der Reiter lehnte sich zurück und zerrte an den Zügeln, das Pferd schien tatsächlich etwas langsamer zu werden. Tom spürte jetzt, wie die trommelnden Hufe den Boden unter seinen Füßen erzittern ließen. Er sah sich nach Martha um, wollte sie auf den Arm nehmen, damit sie nicht in Gefahr geriet, doch Martha war verschwunden.

»Sie ist im Getreidefeld«, sagte Agnes, doch darauf war Tom schon selbst gekommen. Rasch lief er zum Rain des Feldes, das unmittelbar an die Baustelle anschloss, und spähte besorgt über den wogenden Weizen. Von Martha keine Spur. Jetzt sah er nur noch eine Möglichkeit, das drohende Unheil abzuwenden: Er musste dem Pferd Einhalt gebieten, musste zumindest versuchen, es in seinem wilden Lauf zu bremsen.

Er trat auf den Feldweg hinaus und ging mit ausgebreiteten Armen auf Pferd und Reiter zu. Das Tier bemerkte ihn, hob den Kopf, um besser sehen zu können, und wurde tatsächlich langsamer. Doch dann sah Tom zu seinem großen Entsetzen, wie der Reiter dem Pferd die Sporen gab.

»Verdammter Narr!«, brüllte er ihm entgegen, obwohl der Reiter ihn gar nicht hören konnte.

In diesem Augenblick schlüpfte Martha aus dem Weizenfeld auf den Weg, nur ein paar Meter vor Tom.

Der war im ersten Moment wie gelähmt vor Schreck. Dann sprang er vor, schreiend und wild mit den Armen fuchtelnd, um das Tier abzulenken. Doch das Pferd war ein Schlachtross; es war darauf dressiert, johlende Kriegerhorden zu attackieren, und ließ sich durch nichts beirren. Mitten auf dem schmalen Weg stand Martha wie angewurzelt und starrte auf das Untier, das auf sie zustürmte. Tom erkannte verzweifelt, dass er seine Tochter nicht mehr rechtzeitig erreichen konnte. Er wich nach links aus, geriet beinahe ins Weizenfeld, und da, im allerletzten Moment, machte auch das Pferd einen leichten Schwenk zur Seite. Der Steigbügel des Reiters streifte Marthas Goldhaar, dicht neben ihren nackten Füßen fuhr ein Huf auf den Boden und trat ein tiefes Loch hinein. Dann war das Pferd vorüber, und aufgewühlte Erde regnete auf die beiden herab. Tom riss seine Tochter an sich und drückte sie fest an sein wild klopfendes Herz.

Die Erleichterung drohte ihn zu überwältigen. Die Glieder wurden ihm schwach, und ihm war, als rönne Wasser durch seine Adern. Doch gleich darauf kam die Wut – Wut auf diesen rücksichtslosen Dummkopf auf seinem gewaltigen Schlachtross. Er sah sich nach ihm um. Lord William lehnte sich im Sattel ein wenig zurück und streckte die Füße in den Steigbügeln vor. Das Pferd warf unruhig den Kopf hin und her und bockte, doch William blieb im Sattel. Er ließ das Pferd kantern, dann fiel es in einen leichten Trab. In einem weiten Kreis führte er es an die Baustelle heran.

Martha weinte. Tom überließ sie ihrer Mutter und wartete auf William. Der junge Herr war groß und gut gebaut. Er mochte um die zwanzig Jahre alt sein und hatte strohblonde Haare. Seine engstehenden Augen erweckten den Eindruck, als blinzele er unablässig in die Sonne. Gewandet war er in einen kurzen schwarzen Waffenrock, schwarze Kniehosen und Lederschuhe mit Kreuzbändern bis über die Waden. Selbstzufrieden und sichtlich unbeeindruckt von dem Zwischenfall saß er im Sattel. Der dumme Kerl weiß nicht einmal, was er angerichtet hat, dachte Tom voller Grimm. Ich könnte ihm den Hals umdrehen!

Vor dem Holzstoß brachte William sein Pferd zum Stehen und sah auf die Bauleute herab. »Wer hat hier das Sagen?«, fragte er.

Wenn du mein kleines Mädchen verletzt hättest, wärst du jetzt schon ein toter Mann!, wollte Tom sagen, doch er schluckte seinen Zorn herunter. Es fiel ihm schwer genug. Er trat vor und griff das Pferd am Zaum. »Ich bin der Baumeister«, sagte er gepresst. »Ich heiße Tom.«

»Das Haus wird nicht mehr gebraucht«, sagte William. »Du kannst deine Leute entlassen.«

Genau das hatte Tom befürchtet. Aber er gab die Hoffnung noch nicht auf. Vielleicht ließ William sich in seinem Zorn zu voreiligen Entschlüssen hinreißen und konnte eines Besseren überzeugt werden. Es kostete ihn einige Überwindung, seine Stimme freundlich und vernünftig klingen zu lassen. »Aber die Arbeiten sind schon weit fortgeschritten«, sagte er. »Wollt Ihr das alles verfallen lassen? Über kurz oder lang werdet Ihr das Haus doch ohnehin brauchen.«

»Spar dir deine Ratschläge, Baumeister Tom. Ich weiß selbst, was ich zu tun habe. Ihr seid alle entlassen.« Er riss am Zügel, doch Tom hielt das Pferd noch immer am Zaum. »Lass mein Pferd los!«, befahl William drohend.

Tom schluckte. Gleich würde William das Tier veranlassen, den Kopf hochzunehmen. Er fingerte das Brot aus seiner Schürzentasche und hielt es dem Pferd hin, das prompt den Kopf senkte und ein Stück abbiss. »Es gibt noch einiges zu bereden, Herr, bevor Ihr uns verlasst«, sagte er leise.

»Wenn du nicht sofort mein Pferd loslässt, schlage ich dir den Kopf ab!«, brauste William auf.

Tom sah ihm direkt in die Augen, bemüht, seine Furcht zu verbergen. Zwar war er größer als William, doch wenn der junge Herr sein Schwert zog, half ihm das gar nichts.

»Tu, was der Herr sagt, Mann«, stammelte Agnes angsterfüllt.

Es herrschte Totenstille. Reglos wie Statuen standen die Arbeiter da und verfolgten die Szene. Die Vernunft gebot Nachgeben. Tom wusste es. Doch Williams Pferd hätte um ein Haar sein Töchterchen totgetrampelt, und das konnte Tom ihm so schnell nicht vergessen. Er war noch immer aufs Höchste erregt, und so antwortete er mit klopfendem Herzen: »Ihr müsst uns noch bezahlen.«

William zog erneut an den Zügeln, doch Tom ließ das Zaumzeug nicht los, und das Pferd war abgelenkt, weil es in Toms Schürzentasche nach weiterer Nahrung suchte. »Holt euch euren Lohn bei meinem Vater!«, fauchte William wütend.

Tom hörte, wie der Zimmermann mit vor Angst zitternder Stimme sagte: »Das werden wir tun, mein Herr, habt vielen Dank.«

Armseliger Feigling, dachte Tom, aber er zitterte selbst. Dennoch rang er sich die Erwiderung ab: »Wenn Ihr uns entlassen wollt, müsst Ihr uns auszahlen, so ist es Brauch. Das Haus Eures Vaters liegt zwei Tagesmärsche von hier entfernt. Wer weiß, ob er überhaupt anwesend ist, wenn wir dort eintreffen.«

»Es sind schon Männer aus geringerem Anlass gestorben«, gab William zurück, die Wangen gerötet vor Wut.

Aus dem Augenwinkel sah Tom, wie die Hand des Knappen an den Schwertknauf fuhr. Er wusste, dass jetzt der Punkt erreicht war, an dem er aufgeben und sich demütig zeigen sollte, doch der Zorn auf William saß wie ein hartnäckiges Geschwür in seiner Magengrube, und so brachte er es trotz seiner Furcht einfach nicht über sich, das Zaumzeug loszulassen.

»Zuerst bezahlt uns, dann könnt Ihr mich töten«, sagte er kühn. »Ob man Euch deswegen hängt oder nicht, ist mir gleich. Früher oder später sterbt Ihr ohnehin, und dann werde ich im Himmel sein und Ihr in der Hölle.«

Plötzlich war Williams höhnisches Grinsen wie weggewischt, und er erbleichte. Tom war verblüfft: Was hatte den Burschen dermaßen erschreckt? Bestimmt nicht der Hinweis auf den Galgen – damit, dass ein Edelmann wegen der Ermordung eines Handwerkers gehängt wurde, war kaum zu rechnen. Konnte es sein, dass er sich vor der Hölle fürchtete?

Wortlos starrten sie sich in die Augen. Ebenso erstaunt wie erleichtert sah Tom, dass der von Hoffart und Zorn gezeichnete Ausdruck in Williams Gesicht nicht wiederkehrte, sondern endgültig dahinschmolz und durch panikartige Furcht ersetzt wurde. Schließlich zog William einen ledernen Geldbeutel aus dem Gürtel, warf ihn dem Knappen zu und sagte: »Gib ihnen ihr Geld!«

Und da forderte Tom sein Schicksal heraus. Als William die Zügel wieder anzog, worauf das Pferd seinen schweren Kopf hob und seitwärts tänzelte, da gab der Baumeister das Zaumzeug noch immer nicht frei, sondern bewegte sich mit dem Tier mit und sagte: »Einen vollen Wochenlohn. So ist es Brauch bei Entlassungen.« Er hörte, wie Agnes dicht hinter ihm angstvoll nach Luft schnappte, und wusste, dass sie ihn für verrückt hielt, weil er die Auseinandersetzung mutwillig fortsetzte. Dennoch ließ er nicht locker. »Das heißt also: sechs Pence für den Arbeiter, zwölf für den Zimmermann und jeden Maurer, dazu vierundzwanzig Pence für mich. Macht zusammen sechsundsechzig.« Niemand konnte Beträge so schnell zusammenrechnen wie er.

Der Knappe sah seinen Herrn und Meister fragend an, und William schnaubte: »Sei’s drum!«

Tom ließ das Zaumzeug los und wich einen Schritt zurück.

William wendete sein Pferd und trat ihm heftig in die Flanken. Dann sprengten Ross und Reiter über den Feldweg davon.

Tom ließ sich auf den Holzstoß fallen. Was war bloß in ihn gefahren? Es war schierer Wahn, Lord William so frech die Stirn zu bieten! Er konnte von Glück sagen, dass er noch am Leben war.

Wie fernes Donnergrollen verklangen die Hufschläge. Williams Knappe schüttete den Inhalt der Geldbörse auf ein Brett. Erst jetzt, als er die Silberpennys im Sonnenschein glitzern sah, überkam Tom ein Gefühl des Triumphes: Der Wahn hatte sich auf jeden Fall ausgezahlt! Er hatte sich und seinen Leuten eine angemessene Bezahlung erstritten. »Selbst hohe Herren sind an die alten Bräuche gebunden«, sagte er halb zu sich selbst.

Agnes hatte ihn sehr wohl gehört: »Gebe Gott, dass du nie wieder für Lord William arbeiten musst«, sagte sie mürrisch.

Tom lächelte sie an. Er konnte gut verstehen, dass sie sich nach all den ausgestandenen Ängsten nicht bester Laune erfreute. »Runzle du nur nicht zu oft die Stirn, sonst hast du für den Säugling nur klumpige Milch in deinen Brüsten«, sagte er.

»Wenn du im Winter keine Arbeit findest, kann ich keinen von uns ernähren«, gab sie zurück.

»Bis zum Winter ist es noch lange hin«, sagte Tom.

+++

Den Sommer über blieben sie im Dorf. Später betrachteten sie diesen Entschluss als furchtbaren Fehler, doch vorerst sprach alles dafür, denn außer Martha konnten sie alle bei der Ernte jeden Tag einen Penny verdienen. Als der Herbst kam und sie weiterziehen mussten, besaßen sie ein fettes Schwein und ein schweres Säckchen voller Silberpennys.

Die erste Nacht verbrachten sie im Portal einer Dorfkirche. Am zweiten Abend fanden sie eine kleine Priorei und genossen die Gastfreundschaft der Mönche. Am dritten Tag wanderten sie durch den riesigen Chute Forest, ein dicht bewachsenes, urwaldartiges Gebiet, und die Straße, die hindurchführte, war kaum breiter als ein Ochsenkarren. Unter den Eichen zu beiden Seiten des Weges prunkte das üppige Grün des zur Neige gehenden Sommers.

Tom trug seine kleineren Werkzeuge in einem Ranzen bei sich, die Hämmer baumelten an seinem Gürtel. Unter dem linken Arm trug er seinen zum Bündel zusammengerollten Mantel, in der rechten Hand, gleichsam als Spazierstock, seine Eisenpike. Er war froh darüber, dass sie wieder auf Wanderschaft waren. Vielleicht wartete ja irgendwo schon eine Kathedrale auf ihn? Er konnte es zum Dombaumeister bringen und bräuchte bis zu seinem Lebensende nie wieder Arbeit zu suchen. Die Kirche, die er bauen wollte, war so groß und schön, dass er sich um sein Seelenheil keine Sorgen mehr machen musste.

Agnes trug ihre wenigen Haushaltsgegenstände in einem Kochtopf auf dem Rücken. Alfred waren die Werkzeuge anvertraut, die ihnen beim Bau eines Unterschlupfs behilflich sein würden: ein Beil, eine Krummaxt, eine Säge, ein kleiner Hammer, ein Spaten und eine Ahle, mit der man Löcher in Holz und Leder bohren konnte. Martha war noch zu klein für schwerere Lasten; sie trug lediglich ihre Essschüssel und ihr Messer am Gürtel und ihren Wintermantel auf dem Rücken. Zudem hatte sie sich um das Schwein zu kümmern, das sie bei Gelegenheit auf einem Markt verkaufen wollten.

Auf ihrem Weg durch die schier endlosen Wälder ließ Tom seine Frau nie aus den Augen. Sie war jetzt schon im fünften Monat und schleppte nicht nur auf ihrem Rücken, sondern auch in ihrem Bauch eine beträchtliche Last mit sich herum. Dennoch zeigte sie keinerlei Anzeichen von Müdigkeit. Auch Alfred ging es gut; er war ja auch in einem Alter, in dem die jungen Burschen oft nicht wissen, wohin mit ihren Kräften. Nur Martha ermüdete recht schnell. Ihre dünnen Beinchen waren wie geschaffen zum Rennen und Spielen, doch fehlte ihnen die Ausdauer für lange Wanderungen. Immer wieder fiel Martha hinter den anderen zurück, sodass sie stehen bleiben und auf das Kind mit dem Schwein warten mussten.

Wieder schweiften Toms Gedanken ab. Einmal mehr dachte er an den Dom, den er eines Tages bauen wollte. Wie immer errichtete er zunächst einen imaginären Bogengang. Das war ganz einfach: zwei senkrechte Säulen, die einen Halbkreis trugen. Eine zweite, identische Konstruktion kam hinzu. In seiner Fantasie schob er die beiden Bögen einfach zusammen und fügte noch eine ganze Reihe weiterer hinzu, sodass sie schließlich ein tunnelartiges Gewölbe bildeten. Das Gewölbe war die Grundidee des Baus, denn es besaß ein Dach, das den Regen fernhielt, und zwei Wände, die das Dach trugen. Eine Kirche war nichts anderes als ein verfeinertes Tunnelgewölbe.

Ein Gewölbe indes war dunkel. Die erste Verfeinerung bestand demnach im Einbau von Fenstern. Waren die Wände stark genug, so konnte man Löcher hineinschneiden. Sie sollten oben abgerundet sein, senkrechte Seiten haben und eine flache Fensterbank – kurzum die gleiche Form aufweisen wie der ursprüngliche Bogengang. Gleiche Formen bei Bögen und Fenstern waren eines der Geheimnisse, die die Schönheit eines Gebäudes bestimmten. Gleichmäßigkeit war ein anderes; Tom stellte sich auf jeder Seite des Gewölbes zwölf identische Fenster in regelmäßigen Abständen vor.

Auch die Simse oberhalb der Fenster malte er sich schon aus, konnte sich jedoch plötzlich nicht mehr richtig konzentrieren. Er hatte das Gefühl, dass ihn jemand beobachtete. Das ist doch albern, dachte er – und wenn schon … Natürlich werde ich beobachtet – von den Vögeln, den Füchsen und Wildkatzen, den Eichhörnchen, Ratten, Mäusen, Wieseln, Hermelinen und was sonst noch so kreucht und fleucht hier im Wald.

Zur Mittagszeit rasteten sie am Rande eines kleinen Bachs. Sie tranken das klare Wasser und aßen kalten Speck und Holzäpfel, die sie vom Waldboden klaubten.

Am Nachmittag war Martha sehr müde. Einmal fiel sie fast hundert Schritt zurück. Während sie auf das Mädchen warteten, dachte Tom daran, was für ein hübscher, kräftiger Blondschopf Alfred in jenem Alter gewesen war. Mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Verärgerung sah er seiner Tochter zu, die langsam aufschloss und dabei lauthals das Schwein ob seiner Trägheit beschimpfte. Plötzlich brach, nur wenige Schritte vor Martha, eine Gestalt aus dem Unterholz, und dann geschah alles so schnell, dass Tom glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können: Der Mann, der dem Kind so unvermittelt in den Weg getreten war, schwang eine Keule hoch über seine Schultern. Ein Entsetzensschrei wollte sich Toms Kehle entringen, doch noch ehe er sich Bahn brechen konnte, schlug der Mann zu. Die Keule traf das Mädchen so wuchtig an der Schläfe, dass Tom den furchtbaren Aufschlag hörte. Martha stürzte zu Boden wie eine fallen gelassene Puppe.

Tom rannte den Weg zurück; seine Füße trommelten auf dem harten Erdboden wie die Hufe von Lord Williams Schlachtross. Er rannte, so schnell er nur konnte, und dabei war ihm, als sähe er die Geschehnisse, die sich vor seinen Augen abspielten, hoch oben auf einem Fresko an einer Kirchenwand: Er sah sie, aber er konnte nichts daran ändern. Der Wegelagerer, daran konnte kein Zweifel bestehen, war ein Outlaw, ein Vogelfreier. Es war ein kleiner, untersetzter Mann in einem braunen Rock. Seine Füße waren nackt. Für Bruchteile eines Augenblicks sah er Tom direkt an. Das Gesicht des Mannes war grauenvoll verstümmelt: Man hatte ihm die Lippen abgeschnitten – wahrscheinlich als Strafe für ein Delikt, das eine grobe Lüge einschloss. Die entstellte, von wulstigem Narbengewebe umgebene Mundpartie verwandelte das Gesicht in eine unablässig grinsende Fratze. Wäre da nicht die am Boden liegende Martha gewesen – allein der entsetzliche Anblick hätte Tom zurückschaudern lassen.

Der Wegelagerer wandte den Blick von Tom: Das Schwein war ihm wichtiger. Er trieb es mit einem Stock in das dichte Unterholz und war gleich darauf verschwunden.

Tom fiel neben Martha auf die Knie. Er legte ihr seine breite Hand auf die schmale Brust und spürte den Herzschlag; kräftig und regelmäßig wie er war, vertrieb er Toms schlimmste Befürchtungen. Marthas Augen waren jedoch geschlossen, und hellrotes Blut sickerte in ihr blondes Haar.

Schon kniete auch Agnes neben ihm. Sie berührte Marthas Brust, prüfte den Puls, legte ihr die Hand auf die Stirn. Dann sah sie Tom an; ihr Blick war hart und gefühllos. »Sie wird’s überleben«, sagte sie. »Hol uns das Schwein jetzt zurück!«

Rasch schnallte Tom seinen Ranzen mit den Werkzeugen ab und ließ ihn auf den Boden fallen. Mit der Linken zog er den großen Eisenhammer aus dem Gürtel, in der Rechten trug er nach wie vor die Pike. Am niedergetrampelten Buschwerk erkannte er, wohin der Dieb geflohen war, und dann quiekte das Schwein vernehmlich.

Tom nahm die Verfolgung auf. Der Fluchtweg ließ sich kaum verfehlen, denn der Wegelagerer war ein gewichtiger Mann und hatte mit dem Schwein eine unverkennbare Spur aus niedergetretenen Blumen, Sträuchern und jungen Bäumen hinterlassen. Tom jagte ihm hinterher, getrieben von rasender Wut und dem inbrünstigen Wunsch, den Kerl zu erwischen und niederzumachen. Er brach durch einen niedrigen Jungbirkenwald, stürmte einen Abhang hinunter und stampfte durch einen kleinen Sumpf, an dessen jenseitigem Ende ein Pfad weiterführte. Hier gab es keine zertrampelten Pflanzen mehr; der Dieb mochte sich nach links oder rechts gewendet haben. Tom blieb stehen und lauschte. Irgendwo zu seiner Linken quiekte das Schwein, und hinter ihm rannte noch jemand durch den Wald, vermutlich Alfred. Tom wandte sich nach links.

Der Pfad führte durch eine Senke und nach einer scharfen Biegung einen Hügel empor. Das Schwein war jetzt ganz deutlich zu hören. Tom keuchte schwer, als er den Hang hinaufjagte; das jahrelange Einatmen von Steinstaub hatte seine Lungen geschwächt. Dann hatte er die Steigung bewältigt und konnte den Dieb sehen. Er war nur zwanzig oder dreißig Schritt vor ihm und rannte, als sei der Teufel hinter ihm her. Tom legte einen Zwischenspurt ein und verringerte den Abstand. Wenn er nicht lockerließ, musste er den Dieb über kurz oder lang erwischen, denn ein Mann mit einem Schwein unterm Arm kann nicht so schnell laufen wie ein Mann ohne Schwein. Seine Brust schmerzte. Der Dieb war noch fünfzehn Schritt entfernt, noch zwölf … Tom hob die Pike wie einen Speer. Nur noch ein kleines Stückchen näher, dann … Noch elf Schritt, zehn …

Da tauchte im Gebüsch am Wegrand plötzlich ein schmales Gesicht unter einem grünen Hut auf; Tom nahm es gerade noch am Rande seines Blickfelds wahr, bevor die Pike seiner wurfbereiten Hand entglitt. Es war zu spät, beiseitezuspringen. Ein derber Ast wurde ihm in den Weg geworfen. Tom stolperte und stürzte zu Boden.

Die Pike war verloren, aber er hatte ja noch seinen Hammer. Er rollte sich ab und kam wieder auf die Beine. Erst jetzt merkte er, dass er es mit zwei Gegnern zu tun hatte – dem Mann mit dem grünen Hut und einem Glatzkopf mit verfilztem weißem Bart. Sie gingen gleichzeitig auf ihn los.

Tom sprang beiseite und holte aus. Sein Hammer sauste auf den grünen Hut nieder, doch der Mann wich im letzten Moment aus, sodass ihn der schwere eiserne Hammerkopf nur an der Schulter traf. Mit einem Schmerzensschrei ging er zu Boden, wobei er sich den Arm hielt, als wäre er gebrochen. Um ein zweites Mal auszuholen, fehlte die Zeit, denn inzwischen war der Glatzkopf näher gerückt. Tom stieß ihm den Hammerkopf ins Gesicht und brach ihm den Backenknochen.

Die beiden Wegelagerer hielten sich ihre Wunden und machten sich davon; von ihnen war kein Widerstand mehr zu erwarten. Tom sah sich nach dem Schweinedieb um. Er rannte noch immer den Pfad entlang, hatte jetzt aber wieder einen größeren Vorsprung. Ohne Rücksicht auf die Schmerzen in seiner Brust nahm Tom die Verfolgung wieder auf. Doch schon nach wenigen Schritten hörte er hinter sich eine vertraute Stimme.

Alfred.

Tom blieb stehen und sah sich um.

Die beiden Halunken schlugen auf Alfred ein, der sich mit Händen und Füßen wehrte. Drei-, viermal erwischte er den Kerl mit dem grünen Hut am Kopf, dann trat er dem Glatzkopf gegen das Schienbein. Doch keiner der beiden ließ von ihm ab. Es gelang ihnen, sich so nahe an ihn heranzudrängen, dass er nicht mehr weit genug ausholen konnte und seine Schläge wirkungslos blieben. Tom zögerte, hin und her gerissen zwischen der Entscheidung, entweder den Schweinedieb zu verfolgen oder seinen Sohn zu retten. Schließlich gelang es dem Kahlköpfigen, Alfred ein Bein zu stellen. Der Junge stürzte zu Boden. Sofort waren die beiden Wegelagerer über ihm und prügelten wie besessen auf ihn ein.

Tom eilte ihm zu Hilfe. Er rammte den Kahlkopf mit dem ganzen Gewicht seines Körpers, sodass der Mann in hohem Bogen ins Gebüsch flog. Dann drehte er sich um und visierte einmal mehr mit dem Hammer den grünen Hut an. Der Angreifer hatte die Wucht des Hammers schon einmal geschmeckt und konnte sich ohnehin nur noch mit einem Arm verteidigen. Dennoch gelang es ihm, dem ersten Hieb auszuweichen und, noch ehe Tom ein zweites Mal ausholen konnte, im Unterholz zu verschwinden.

Tom drehte sich nach den beiden anderen Wegelagerern um: Der Kahlkopf machte sich über den Pfad davon; von dem Schweinedieb, der sich in entgegengesetzter Richtung aus dem Staub gemacht hatte, war nichts mehr zu sehen.

Ein bitterer, gotteslästerlicher Fluch entfuhr seinen Lippen: Das Schwein entsprach der Hälfte ihrer Ersparnisse, die sie in diesem Sommer zurückgelegt hatten. Schwer keuchend sank Tom zu Boden.

»Wir haben drei Männer in die Flucht geschlagen«, sagte Alfred aufgeregt.

Tom sah ihn an. »Aber sie haben unser Schwein.« Die Wut brannte in seinem Magen wie saurer Most. Sie hatten das Schwein im Frühjahr von ihren ersten Ersparnissen gekauft und es den ganzen Sommer über gemästet. Ein fettes Schwein brachte sechzig Pence auf dem Markt. Sein Fleisch konnte, zusammen mit ein paar Kohlköpfen und einem Sack Getreide, eine ganze Familie über den Winter bringen. Aus seiner Haut ließen sich ein Paar Lederschuhe und ein oder zwei Beutel fertigen. Der Verlust des Schweins war eine Katastrophe.

Neidvoll betrachtete Tom seinen Sohn: Alfred hatte sich von der Verfolgungsjagd und dem anschließenden Kampf schon wieder erholt und wartete nun ungeduldig auf seinen Vater. Einst konnte ich laufen wie der Wind, ohne mein Herz zu spüren, dachte Tom. Wie lange mag das her sein? Vor zwanzig Jahren war ich in seinem Alter … vor zwanzig Jahren! Mir ist, als wäre es erst gestern gewesen.

Er rappelte sich auf. Auf dem Rückweg, der sie zunächst wieder den Pfad entlang führte, legte er den Arm um Alfreds breite Schultern. Der Junge war noch etwa eine Spanne kleiner als er, aber das würde sich bald ändern. Gut möglich, dass Alfred ihm eines Tages sogar über den Kopf wuchs. Ich hoffe, sein Verstand wächst ebenso schnell, dachte Tom und sagte: »Jeder Narr kann in eine Schlägerei geraten. Der kluge Mann weiß sich herauszuhalten.« Alfred sah ihn verwirrt an.

Sie verließen den Pfad, stapften durch den Morast und kletterten den angrenzenden Hang empor. Erst als sie das Dickicht aus jungen Birken erreichten, fiel Tom Martha wieder ein, und erneut stieg die Wut in ihm hoch: Der Wegelagerer hatte das unschuldige Kind, das nie eine Gefahr für ihn war, ohne jeden Grund niedergeschlagen und verletzt.

Tom beschleunigte seine Schritte, und wenige Augenblicke später stand er zusammen mit Alfred wieder auf der Straße. Martha lag noch unverändert an derselben Stelle auf dem Boden. Ihre Augen waren geschlossen, und das Blut in ihrem Haar trocknete bereits. Agnes kniete neben ihr – und neben Agnes kniete, zu Toms größter Überraschung, eine fremde Frau, die einen kleinen Jungen bei sich hatte. Kein Wunder, dass ich mich heute Morgen immer wieder beobachtet fühlte, dachte er, in diesem Wald scheint es ja vor Menschen zu wimmeln! Er bückte sich und legte Martha die Hand auf die Brust. Ihr Atem ging gleichmäßig.

»Sie wird bald aufwachen«, sagte die Fremde mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ. »Und dann wird sie kotzen. Danach ist alles wieder gut.«

Tom betrachtete die Fremde neugierig. Sie war ziemlich jung, vielleicht ein Dutzend Jahre jünger als er. Ihr kurzes ledernes Überkleid enthüllte geschmeidige, gebräunte Glieder. Ihr Gesicht war hübsch, und ihr dunkelbraunes Haar bildete über der Stirn eine Teufelsmütze. Tom spürte einen Anflug von Begehren. Doch da hob die Fremde den Kopf und sah ihn an. Sie hatte tief liegende Augen von seltsam honiggoldener Farbe, die ihrem Antlitz einen magischen Zug verliehen, und ihr Blick war von ungewöhnlicher Intensität. Tom war in diesem Augenblick überzeugt, dass die Frau seine Gedanken gelesen hatte.

Peinlich berührt, wandte er seinen Blick ab und sah Agnes an. »Wo ist das Schwein?«, fragte sie vorwurfsvoll.

»Da waren noch zwei andere Outlaws«, erwiderte Tom, und Alfred fügte hinzu: »Wir haben die beiden niedergeschlagen, aber der mit dem Schwein ist uns entkommen.«

Agnes quittierte die Worte mit einem finsteren Blick, sagte aber kein Wort mehr.

»Wir sollten das Mädchen in den Schatten legen«, bemerkte die Fremde. »Allerdings müssen wir dabei vorsichtig sein.«

Sie erhob sich, und Tom erkannte, dass sie nicht besonders groß war, gut einen Fuß kleiner als er selbst. Er bückte sich und nahm Martha behutsam auf. Ihr kindlicher Körper kam ihm beinahe gewichtslos vor. Ein paar Schritt weiter bettete er das nach wie vor völlig kraftlose Mädchen auf eine grasbewachsene Stelle am Fuße einer alten Eiche.

Alfred sammelte die Werkzeuge ein, die seit dem Überfall auf der Straße lagen. Der fremde Knabe sah ihm mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund zu. Er mochte ungefähr drei Jahre jünger sein als Alfred und sah recht merkwürdig aus. Tom fiel auf, dass ihm der sinnliche Reiz seiner Mutter völlig fehlte. Er hatte sehr blasse Haut, hellrote Haare, leicht hervortretende grüne Augen und den stierend-blöden Blick eines Dummerjans. Eines dieser Kinder, die, wenn sie nicht jung sterben, später als Dorftrottel enden, dachte Tom. Alfred fühlte sich unter diesem Blick sichtlich unwohl.

Unvermittelt riss der fremde Knabe ohne ein Wort der Erklärung Alfred die Säge aus der Hand und betrachtete sie, als habe er so etwas noch nie gesehen. Alfred, wütend über diese Ungehörigkeit, nahm ihm die Säge wieder ab, was der Junge ohne Gemütsbewegung zuließ. Die Mutter rief: »Jack! Benimm dich!« Sein Verhalten war ihr offensichtlich peinlich.

Tom sah sie an. Zwischen ihr und dem Kind bestand nicht die geringste Ähnlichkeit. »Seid Ihr die Mutter?«, fragte er.

»Ja, die bin ich. Ich heiße Ellen.«

»Wo ist Euer Mann?«

»Er ist tot.«

Das war eine Überraschung. »Seid Ihr etwa alleine unterwegs?«, fragte Tom ungläubig. Diese Wälder waren schon für einen Mann wie ihn gefährlich genug – eine Frau konnte kaum darauf hoffen, sie lebend wieder zu verlassen.

»Wir sind nicht unterwegs«, antwortete Ellen. »Wir leben hier im Wald.«

Tom war entsetzt. »Das heißt, Ihr seid …« Er sprach nicht weiter, weil er die Frau nicht beleidigen wollte.

»Outlaws, jawohl«, sagte Ellen. »Oder meint Ihr etwa, alle Outlaws sehen so aus wie Faramond Openmouth, der Euch das Schwein gestohlen hat?«

»Ja«, sagte Tom, obwohl er eigentlich hätte sagen wollen, ich hätte nie gedacht, dass es unter den Outlaws so schöne Frauen gibt. Unfähig, seine Neugier zu zügeln, fragte er: »Was war Euer Vergehen?«

»Ich habe einen Priester verflucht«, sagte sie, ohne ihn dabei anzusehen.

Gar so schlimm war dieses Vergehen in Toms Augen nicht. Vielleicht war es ja ein sehr mächtiger Priester gewesen – oder ein überempfindlicher. Oder aber Ellen zog es vor, die Wahrheit für sich zu behalten.

Er sah Martha an. Kurz darauf öffnete das Mädchen die Augen. Sie war verwirrt und hatte wohl auch ein wenig Angst. Agnes kniete sich neben sie. »Es ist alles gut«, sagte sie. »Du bist in Sicherheit.«

Martha setzte sich auf und übergab sich. Agnes hielt sie im Arm, bis die Krämpfe vorüber waren. Tom dachte: Alle Achtung, Ellens Voraussage hat sich erfüllt. Und wenn sich auch der zweite Teil erfüllt, wird es Martha gleich wieder bessergehen. Er fühlte sich auf einmal ungeheuer erleichtert und war selbst überrascht von der Stärke dieser Empfindung. Ich hätte es nicht ertragen, wenn ich mein kleines Mädchen verloren hätte, dachte er und kämpfte mit den Tränen. Ellen bedachte ihn mit einem mitfühlenden Blick, und erneut war ihm, als schauten ihm ihre blassgoldenen Augen direkt ins Herz.

Er brach einen Zweig von der Eiche, streifte die Blätter ab und reinigte damit Marthas Gesicht. Das Mädchen war noch immer sehr blass.

»Sie braucht jetzt Ruhe«, sagte Ellen. »Lasst sie ausruhen – so lange, wie ein Mann braucht, um drei Meilen zurückzulegen.«

Tom prüfte den Sonnenstand. Der Tag war noch lang. Er beschloss zu warten und machte es sich bequem. Agnes wiegte Martha sanft in ihren Armen. Der Knabe Jack richtete seine Aufmerksamkeit jetzt auf die kleine Verwundete und starrte sie mit demselben Idiotenblick an wie zuvor Alfred. Tom hätte gern mehr über Ellen erfahren und fragte sich, ob sie sich vielleicht dazu bewegen ließ, ihre Geschichte zu erzählen. Er wollte unter keinen Umständen, dass sie jetzt fortging.

»Wie ist denn das alles so weit gekommen?«, fragte er unbestimmt.

Wieder sah sie ihm in die Augen. Und dann fing sie an zu erzählen.

Ihr Vater war ein Ritter gewesen, ein großer, starker, gewalttätiger Mann, der sich Söhne wünschte, mit denen er reiten und ringen und jagen konnte, Gefährten, die des Abends mit ihm zechten. Doch die Erfüllung seiner Wünsche blieb ihm versagt, denn er bekam eine Tochter, Ellen, und dann starb seine Frau. Er heiratete wieder, doch seine zweite Frau war unfruchtbar. Es kam so weit, dass er Ellens Stiefmutter verabscheute, und schließlich jagte er sie gar aus dem Haus. Er musste ein sehr grausamer Mensch gewesen sein, obgleich Ellen davon nichts merkte. Sie verehrte ihn und teilte seine Abneigung gegen die zweite Gemahlin, und so blieb sie auch bei ihrem Vater, als die Stiefmutter endlich ging. Sie wuchs nun in einem reinen Männerhaushalt auf. Ellen spielte nicht mit Kätzchen und kümmerte sich nicht um alte blinde Hunde, sondern sie ließ sich die Haare stutzen und trug einen Dolch. Als sie Marthas Alter erreicht hatte, spuckte sie aus wie ein Mann, vertilgte die Äpfel mitsamt dem Kerngehäuse, und war ihr ein Pferd nicht zu Willen, so trat sie es so heftig in den Bauch, dass es vor Schreck die Luft anhielt und ihr gestattete, den Sattelgürtel noch ein Loch fester zu zurren. Sie wusste, dass alle Männer, die nicht zum Gefolge ihres Vaters gehörten, Schwanzschlecker hießen und alle Frauen, die sich nicht mit ihnen abgeben wollten, Schweinehuren. Die tiefere Bedeutung dieser Schimpfworte blieb ihr damals zwar noch schleierhaft, interessierte sie aber auch gar nicht.

Der gleichmäßige Klang ihrer Stimme in der milden Luft des Herbstnachmittags lullte Tom ein. Er schloss die Augen und sah Ellen als kleines, flachbrüstiges Gör mit dreckigem Gesicht bei ihrem Vater und seinen Spießgesellen am langen Tisch sitzen. Sie goss starkes Bier in sich hinein, rülpste und grölte wilde Kampfgesänge, in denen es um Plündern, Rauben und Schänden, um Pferde und Burgen und edle Jungfrauen ging … bis sie zu guter Letzt umfiel und auf den harten Brettern ihren Rausch ausschlief.

Wäre sie nur immer so flachbrüstig geblieben, ihr Leben hätte einen weit glücklicheren Verlauf genommen! Doch mit den Jahren änderte sich das Verhalten der Männer in ihrer Gegenwart. Sie sahen sie mit anderen Augen an und brüllten nicht mehr vor Lachen, wenn Ellen zu ihnen sagte: »Haut ab, sonst schneid ich euch die Eier ab und werf sie den Schweinen zum Fraß vor!« Die Männer glotzten sie an, wenn sie des Abends ihr wollenes Überkleid auszog und sich in ihrem langen Leinenhemd zum Schlafen niederlegte. Und wenn sie draußen im Wald ihr Wasser abschlugen, wandten sie ihr im Gegensatz zu früher den Rücken zu.

Mit der Kirche hatte der Vater sonst wenig im Sinne, doch eines Tages überraschte Ellen ihn im Gespräch mit dem Dorfpfarrer – und die beiden sahen sie an, als unterhielten sie sich gerade über sie. Am nächsten Morgen sagte ihr Vater zu ihr: »Nun geh mit Henry und Everard und tu, was sie dir anschaffen.« Dann küsste er sie auf die Stirn. Ellen fragte sich, was in ihn gefahren sein mochte – wurde er auf seine alten Tage plötzlich sanft und milde? Sie sattelte ihren schnellen Grauschimmel – einen Zelter oder ein Pony zu reiten lehnte sie ab – und machte sich mit den beiden Bewaffneten auf den Weg.

Die Männer lieferten Ellen in einem Nonnenkloster ab und ritten wieder zurück. Sie tobte und schrie und fluchte gotteslästerlich. Mit ihrem Dolch verletzte sie die Äbtissin, dann rannte sie davon und lief nach Hause. Ihr Vater schickte sie wieder zurück – auf dem Rücken eines Esels, an Händen und Füßen gefesselt und an den Sattel gebunden. Im Kloster wurde sie in eine Büßerzelle gesteckt und darin festgehalten, bis die Wunde der Äbtissin geheilt war. Es war ein kaltes, feuchtes und dunkles Loch. Sie bekam Wasser, aber nichts zu essen. Kaum war sie aus dem Karzer entlassen, lief sie wieder davon, doch ihr Vater sandte sie umgehend zurück. Diesmal wurde sie ausgepeitscht, bevor man sie wieder in die dunkle Zelle steckte.

Es gelang ihnen schließlich doch, ihren Widerstand zu brechen. Ellen legte den Habit der Novizin an, befolgte die Klosterregeln und lernte die Gebete auswendig, obgleich sie im Grunde ihres Herzens die Nonnen hasste, die Heiligen verachtete und prinzipiell nichts glaubte, was ihr über Gott erzählt wurde. Doch sie lernte Lesen und Schreiben, Musizieren und Rechnen, Zeichnen und Latein (in ihrem Vaterhaus hatte man Englisch und Französisch gesprochen).

Das Klosterleben erwies sich schließlich als gar nicht so übel. Es war eine reine Frauengesellschaft mit eigenen Regeln und Ritualen – anders zwar, aber in vielfacher Hinsicht ähnlich der vertrauten Männergesellschaft daheim. Alle Nonnen mussten ein gewisses Pensum an körperlicher Arbeit leisten. Ellen wurde schon bald mit der Pferdepflege betraut und brachte es binnen kurzem zur Stallmeisterin.

Armut war nie ein Problem für sie. Gehorsam fiel ihr schon erheblich schwerer, aber sie lernte ihn mit der Zeit. Das dritte Gelübde, die Keuschheit, nahm sie weniger ernst, und es kam hin und wieder durchaus vor, dass sie – allein schon, um der Äbtissin zu trotzen – die eine oder andere Novizin einweihte in die Freuden der …

An dieser Stelle unterbrach Agnes Ellens Erzählung. Sie nahm Martha bei der Hand und zog sie fort, um ihr irgendwo an einem Wasserlauf das Gesicht zu waschen und ihr Kleid zu reinigen. Zu ihrem Schutz nahm sie auch Alfred mit, obgleich sie versprach, in Rufweite zu bleiben. Selbst Jack erhob sich und traf Anstalten, ihr zu folgen, doch Agnes wollte ihn nicht dabeihaben und sagte es ihm deutlich. Jack schien sie zu verstehen, denn er setzte sich sofort wieder hin. Tom war klar, dass es seiner Frau einerseits darum ging, ihren Kindern den Fortgang dieser ebenso gottlosen wie unzüchtigen Geschichte vorzuenthalten – und dass sie ihn andererseits nicht mit Ellen allein lassen wollte.

Eines Tages, fuhr Ellen fort, hatte der Zelter der Äbtissin gelahmt. Es geschah einige Tagesreisen vom Kloster entfernt. Da sie sich unweit der Abtei von Kingsbridge befand, lieh sich die Äbtissin vom dortigen Prior ein anderes Pferd. Nach ihrer Rückkehr befahl sie Ellen, das geborgte Pferd heimzuführen und dann den lahmen Zelter zurückzubringen.

Im Pferdestall des Klosters, in Sichtweite der verfallenden alten Kathedrale von Kingsbridge, begegnete Ellen einem jungen Mann, der aussah wie ein geprügelter kleiner Hund. Er hatte die tapsige Anmut und witternde Wachsamkeit eines Welpen, wirkte jedoch schüchtern und verschreckt, als ob man ihm all seine Verspieltheit mit Prügeln ausgetrieben hätte. Als sie ihn ansprach, verstand er sie nicht. Sie versuchte es mit Latein, doch er war kein Mönch. Schließlich sagte sie ein paar Worte auf französisch, da strahlte er sie freudig an und antwortete in derselben Sprache.

Ellen kehrte nie wieder in das Nonnenkloster zurück und lebte seither im Wald. Anfangs hauste sie in einem primitiven Unterschlupf aus Laub und Zweigen, später fand sie eine trockene Höhle. Ellen hatte die männlichen Fertigkeiten, die sie im Hause ihres Vaters gelernt hatte, nicht vergessen: Sie wusste, wie man Rehe erlegte, konnte Kaninchenfallen bauen und Schwäne mit Pfeil und Bogen zur Strecke bringen. Sie konnte das gejagte Wild ausnehmen und das Fleisch kochen, ja sie verstand sich sogar aufs Säubern und Gerben der Felle und stellte daraus ihre Kleidung her. Außer von Wild ernährte sie sich von den Früchten des Waldes, von Nüssen, Kräutern und Wildgemüse. Alles, was sie sonst noch brauchte – Salz, Wollkleidung, ein Beil oder ein neues Messer –, musste sie stehlen.

Sie brachte Jack zur Welt; das war für sie die schlimmste Zeit …

Und der Franzose, wollte Tom fragen, was war mit dem? War er Jacks Vater? Und wenn – wann war er gestorben? Und wie? Aber er behielt die Fragen für sich. Er las es ihr am Gesicht ab, dass sie über diesen Teil der Geschichte Stillschweigen bewahren wollte, und zu den Leuten, die sich gegen ihren Willen zu etwas überreden ließen, gehörte diese Frau bestimmt nicht.

Inzwischen war Ellens Vater gestorben, und seine Gefolgschaft hatte sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Sie hatte nun auf der ganzen Welt keine Verwandten und Freunde mehr. Als sie die Stunde ihrer Niederkunft kommen fühlte, machte sie vor dem Eingang ihrer Höhle ein großes Feuer, das die ganze Nacht über brannte. Sie hatte genug Wasser und Nahrung, Pfeil und Bogen sowie ein Messer zur Abwehr der Wölfe und streunender Hunde lagen griffbereit. Sie besaß sogar einen schweren roten Mantel, den sie einem Bischof gestohlen hatte; in ihn wollte sie den Säugling wickeln. Womit sie nicht gerechnet hatte, waren die Schmerzen und Ängste der Geburt. Lange Zeit glaubte sie, sterben zu müssen, doch als alles vorüber war, war sie noch am Leben und das Neugeborene gesund und munter.

In den folgenden elf Jahren führten Ellen und Jack ein einfaches, bescheidenes Leben. Der Wald bot ihnen alles, was sie brauchten, solange sie sich darum kümmerten, rechtzeitig Wintervorräte anzulegen – Äpfel, Nüsse und gepökeltes oder geräuchertes Wildbret. Gäbe es keine Könige und Edelleute, keine Bischöfe und Vögte, dachte Ellen mitunter, dann könnte ein jeder so leben wie wir und damit glücklich und zufrieden sein.

Tom fragte sie, wie sie mit den anderen Outlaws im Walde auskam, mit Männern wie Faramond Openmouth zum Beispiel. Er stellte sich vor, wie sie des Nachts an ihre Lagerstelle schlichen, um ihr Gewalt anzutun, und obwohl er nie in seinem Leben eine Frau gegen ihren Willen besessen hatte – nicht einmal seine eigene –, spürte er jetzt die Lust in seinen Lenden.

Die anderen Outlaws, erklärte Ellen, fürchteten sich vor ihr. Er sah ihr in die leuchtenden, hellen Augen und wusste warum: Sie hielten Ellen für eine Hexe. Den gesetzestreuen Bürgern, die durch den Wald reisten und genau wussten, dass sie mit einem Vogelfreien tun und lassen konnten, was sie wollten, und nicht einmal dann, wenn sie ihn totschlugen, eine Strafe zu befürchten hatten, ging Ellen einfach aus dem Weg. Und warum hatte sie sich vor ihm, Tom, nicht versteckt? Sie habe das verwundete Kind gesehen, sagte sie, und ihre Hilfe anbieten wollen; schließlich habe sie selbst ein Kind.

Sie hatte ihren Sohn in allem unterwiesen, was man ihr im Vaterhaus über die Jagd und den Umgang mit Waffen beigebracht hatte. Und dann hatte sie ihn gelehrt, was sie bei den Nonnen gelernt hatte: Schreiben und Lesen, Musik und Zahlen, Französisch und Latein, Zeichnen und sogar die Geschichten aus der Bibel. An langen Winterabenden hatte sie ihm zudem das Vermächtnis seines französischen Vaters anvertraut, der mehr Legenden, Gedichte und Lieder kannte als jedermann sonst auf der Welt.

Tom glaubte ihr nicht, dass der Knabe Jack schreiben und lesen konnte. Er selbst konnte gerade seinen Namen und eine Handvoll anderer Wörter wie Pence und Schritt und Scheffel schreiben. Agnes, die Tochter eines Priesters, war da schon geschickter, doch auch ihr fiel es schwer genug; sie schrieb sehr langsam und bemüht, und die Zungenspitze sah ihr dabei aus dem Mundwinkel. Alfred konnte überhaupt nicht schreiben, ja er war kaum imstande, seinen eigenen Namen zu erkennen, und Martha konnte nicht einmal das. Unvorstellbar, dass dieses blöde wirkende Kind mehr vom Schreiben und Lesen verstehen sollte als Toms gesamte Familie!

Ellen forderte ihren Sohn auf, etwas zu schreiben. Jack glättete mit der Hand einen Fleck Erde und kratzte mit den Fingern Buchstaben hinein. Tom erkannte das erste Wort – Alfred –, musste danach jedoch passen und kam sich dabei wie ein Narr vor. Ellen befreite ihn aus seiner peinlichen Lage, indem sie ihm den ganzen Satz vorlas: »Alfred ist größer als Jack.« Dann zeichnete der Junge flink zwei Figuren in den Sand, eine große und eine kleine, und obwohl es sich um ziemlich einfache Gestalten handelte, konnte man gut erkennen, dass die eine breitschultrig war und ziemlich dämlich guckte, während die andere, kleinere, offensichtlich grinste. Tom, der selber über ein gewisses Zeichentalent verfügte, war von der Einfachheit und Kraft der in die Erde gekratzten Figuren beeindruckt.

Und doch wirkte das Kind auf ihn wie ein Idiot.

Ellen ahnte, was Tom dachte, und bekannte, dass ihr das kürzlich auch aufgefallen sei. Jack hatte nie in seinem Leben mit anderen Kindern gespielt, ja ihm fehlte – außer mit seiner Mutter – jeglicher Umgang mit anderen Menschen. Infolgedessen war er wie ein wildes Tier aufgewachsen und hatte trotz all seiner erlernten Kenntnisse nicht die geringste Ahnung, wie er sich in Gegenwart anderer Menschen benehmen sollte – und deshalb redete er kein Wort, stierte nur großäugig vor sich hin und schnappte sich Gegenstände, ohne zu fragen.

Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Geschichte wirkte Ellen bei diesen Worten verletzlich, und die Aura der durch nichts zu bezwingenden Unabhängigkeit fiel von ihr ab. Tom erkannte, dass sie im Grunde ebenso besorgt wie ratlos war. Um Jacks willen musste sie sich wieder der menschlichen Gesellschaft anschließen – bloß wie? Einem Mann war es vielleicht möglich, einen Grundherrn dazu zu bewegen, ihm einen kleinen Hof zu verpachten – vor allem, wenn er ihm überzeugend vorlog, er sei gerade von einer langen Pilgerfahrt nach Jerusalem oder Santiago de Compostela zurückgekehrt. Gewiss gab es auch Bauernhöfe, die von Frauen bewirtschaftet wurden, doch handelte es sich dabei ausnahmslos um Witwen mit erwachsenen Söhnen. Kein Mensch, weder in der Stadt noch auf dem flachen Land, würde ihr Arbeit geben – ganz abgesehen davon, dass sie keine Unterkunft besaß und ungelernte Arbeitskräfte von ihrem Herrn nur selten ein Obdach gestellt bekamen. Sie war ein Mensch ohne Namen, ein Nichts.

Tom empfand Mitleid mit ihr. Sie hatte ihrem Kind alles gegeben, was sie konnte, aber das reichte nicht aus. Sie sah nirgendwo einen Ausweg. Sie war schön, gescheit und stark – und dennoch dazu verurteilt, bis zum Ende ihrer Tage gemeinsam mit ihrem seltsamen Sohn im tiefen Waldversteck zu hausen.

Agnes kam mit Martha und Alfred zurück. Tom musterte Martha nicht ohne Sorge, doch sie sah aus, als sei ihr noch nie etwas Schlimmeres widerfahren als eine gründliche Gesichtswäsche. Ellens Kummer hatte Tom für eine Weile abgelenkt, doch nun holte ihn die eigene Misere wieder ein: Er hatte keine Arbeit, und sein Schwein war ihm gestohlen worden. Die Schatten wurden bereits merklich länger. Tom begann die geringe Habe zusammenzusuchen, die ihnen noch verblieben war.

»Wo zieht Ihr hin?«, fragte Ellen.

»Nach Winchester«, antwortete Tom. In Winchester gab es eine Burg, einen bischöflichen Palast, verschiedene Klöster – und vor allem eine Kathedrale.

»Salisbury ist näher«, erwiderte Ellen. »Und als ich zum letzten Mal dort war, wurde am Dom gerade gebaut. Sie waren dabei, ihn zu erweitern.«

Tom hörte es voller Freude: genau das, was er suchte! Gelang es ihm, einen Arbeitsplatz an einer Dombauhütte zu bekommen, konnte er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen und es über kurz oder lang zum Baumeister bringen. »Wie kommen wir von hier aus nach Salisbury?«, fragte er aufgeregt.

»Ihr müsst umkehren. Nach drei oder vier Meilen erreicht Ihr dann eine Weggabelung – erinnert Ihr Euch?«

»Ja, da war doch ein Teich mit übelriechendem Wasser …«

»Ganz recht. Wenn Ihr Euch dort nach rechts wendet, gelangt Ihr nach Salisbury.«

Sie verabschiedeten sich. Agnes hatte Ellen von Anfang an nicht gemocht, aber sie überwand sich und sagte höflich: »Ich danke Euch, dass Ihr mir bei Marthas Pflege zur Hand gegangen seid.«

Ellen lächelte und sah ihnen sehnsuchtsvoll nach.

Nach einiger Zeit warf Tom einen Blick zurück. Ellen stand noch immer am selben Fleck, die Beine leicht gespreizt und eine Hand Schatten spendend über den Augen, den merkwürdigen Knaben an ihrer Seite. Tom winkte ihr, und sie winkte zurück.

»Eine bemerkenswerte Frau«, sagte er zu Agnes.

Agnes erwiderte nichts darauf, doch Alfred sagte: »Der Junge war vielleicht komisch …«

Sie gingen der tief stehenden Herbstsonne entgegen. Was für eine Stadt mag Salisbury wohl sein, fragte sich Tom; er war noch nie dort gewesen. Natürlich war er aufgeregt. Zwar träumte er davon, eine von Grund auf neue Kathedrale zu errichten, doch wann gab es schon einmal eine solche Gelegenheit? Viel eher fand sich ein altes Gebäude, das restauriert, erweitert oder umgebaut wurde. Ihm war jetzt alles recht – Hauptsache, die Aussicht, später einmal eine Kirche nach eigenen Plänen bauen zu können, blieb ihm erhalten.

»Warum hat der Mann mich geschlagen?«, fragte Martha.

»Weil er unser Schwein stehlen wollte«, gab Agnes zur Antwort.

»Soll er sich doch ein eigenes Schwein besorgen!«, erwiderte das Mädchen empört. Es klang, als sei ihr gerade erst aufgegangen, dass der Wegelagerer ihnen ein Unrecht angetan hatte.

Wenn Ellen ein Handwerk erlernt hätte, brauchte sie sich keine Sorgen mehr zu machen, dachte Tom. Ein Steinmetz, ein Zimmermann, ein Weber oder ein Gerber konnte kaum in eine vergleichbare Lage geraten – er zog einfach in die nächste Stadt und suchte sich dort Arbeit. Gewiss, es gab auch ein paar Handwerkerinnen, aber das waren zumeist die Ehefrauen der Meister oder ihre Witwen. »Was sie braucht«, sagte Tom laut, »das ist ein Ehemann.«

»Meinen bekommt sie nicht«, bemerkte Agnes spröde.

+++

Der Tag, an dem sie das Schwein verloren, war auch der letzte milde Herbsttag. Die Nacht verbrachten sie in einer Scheune. Als sie am nächsten Morgen wieder ins Freie traten, wölbte sich der Himmel über ihnen wie ein bleiernes Dach. Ein kalter Wind jagte Regenschauer über das Land. Sie packten ihre dicken, filzigen Winterumhänge aus, legten sie an und schnürten sie unter dem Kinn fest. Zum Schutz gegen die Nässe zogen sie sich die Kapuzen tief ins Gesicht, dann machten sie sich in gedrückter Stimmung auf den Weg – vier schwermütige Gespenster in einem Regensturm. Die Straße war matschig und mit Pfützen übersät; bei jedem Schritt spritzte Wasser unter ihren Holzschuhen auf.

Tom versuchte sich die Kathedrale von Salisbury vorzustellen. Im Prinzip war ein Dom oder eine Kathedrale das Gleiche wie jede andere Kirche – der Unterschied bestand lediglich darin, dass eine Kathedrale auch Bischofssitz war. In der Praxis allerdings waren Kathedralen die größten, reichsten, erhabensten und vollkommensten Kirchen. Einfache Gewölbe mit Fenstern fand man unter ihnen kaum. In den meisten Fällen bestanden sie vielmehr aus drei Gewölben – einem großen, das die beiden kleineren zu seinen Seiten überragte wie das Haupt eines Menschen seine Schultern. Sie hießen Hauptschiff und Seitenschiffe. Das mittlere Gewölbe besaß keine Seitenwände, sondern ruhte auf Säulen, die durch Bögen miteinander verbunden waren und eine Arkade bildeten. Die Seitenschiffe dienten hauptsächlich zu Prozessionen – in Kathedralen oft sehr eindrucksvolle Ereignisse –, boten aber auch Raum für kleine Seitenkapellen, die bestimmten Heiligen geweiht waren und zusätzliche Spenden einbrachten. Kathedralen waren die kostspieligsten Gebäude der Welt – viel teurer noch als Bischofspaläste oder Burgen –, daher mussten sie entsprechend einträglich sein.

Salisbury lag näher, als Tom gedacht hatte. Gegen Mittag gelangten sie auf eine kleine Anhöhe, von der sich die Straße in einem langen, weiten Bogen abwärts zog. Jenseits der regengepeitschten Felder erhob sich die Hügelfestung Salisbury aus der Ebene wie ein Boot auf einem See. Der Regenschleier ließ keine Einzelheiten erkennen, doch Tom zählte vier oder fünf Türme, die hoch über die Stadtmauer emporragten. Der Anblick von so viel Mauerwerk ließ das Herz des Steinmetzen höher schlagen.

Ein eisiger Wind fegte über die Ebene, als sie ihren Weg fortsetzten, und ließ Gesichter und Hände frostkalt werden. Am Fuße des Hügels, zwischen vereinzelten Häusern, die aussahen, als seien sie aus der überquellenden Stadt herausgespült worden, trafen vier Straßen zusammen. Andere Reisende schlossen sich ihnen an. Gesenkten Hauptes und mit hochgezogenen Schultern trotteten die Menschen auf das Osttor zu, um hinter den hohen Mauern Schutz vor den Unbilden des Wetters zu suchen.

Auf dem steil ansteigenden Wegstück vor dem Tor holten sie einen mit Steinen beladenen Ochsenkarren ein. Tom sah darin ein gutes Zeichen. Der Fuhrmann ging gebeugt hinter dem Gefährt her und half mit der Schulter nach, doch auch so kamen die Ochsen nur sehr langsam voran. Tom erkannte, dass er hier einen Freund gewinnen konnte: Er gab Alfred einen Wink, und gemeinsam stemmten sie sich mit der Schulter gegen den Karren und halfen schieben.

Wenig später rumpelten die riesigen Holzräder über eine hölzerne Brücke, die einen tiefen und breiten, trockengefallenen Burggraben überspannte. Gewaltige Erdarbeiten waren nötig gewesen, um diesen Graben zu schaffen und mit dem Aushub die Stadtwälle aufzuschütten. Hunderte von Arbeitern mussten daran mitgewirkt haben. Das ist weit mehr Aufwand, dachte Tom, als es zum Ausheben der Fundamente für eine Kathedrale bedarf. Die Brücke knarrte und ächzte unter dem Gewicht des Karrens und der beiden mächtigen Zugtiere.

Vor dem Tor endete die Steigung, sodass der Ochsenkarren wieder aus eigener Kraft vorankam. Der Fuhrmann richtete sich auf, und Tom und Alfred taten es ihm nach. »Ich danke Euch herzlich«, sagte der Fuhrmann.

»Wofür sind die Steine eigentlich?«, fragte Tom.

»Für die neue Kathedrale.«

»Neu? Ich dachte, die alte würde lediglich erweitert.«

Der Fuhrmann nickte. »Ja, so hieß es ursprünglich. Aber das ist schon zehn Jahre her. Inzwischen ist mehr neu als alt.«

Auch das war für Tom eine gute Nachricht. »Wer ist der Dombaumeister?«, fragte er.

»John von Shaftesbury. Um die Planung kümmert sich allerdings auch Bischof Roger.«

Das war durchaus nichts Ungewöhnliches. Es kam nur selten vor, dass ein Bischof seinem Baumeister freie Hand ließ; viel öfter mussten die Baumeister die überschäumende Fantasie der Kleriker dämpfen und ihren hochfliegenden Plänen realistische Grenzen setzen. Die Handwerker warb allerdings wahrscheinlich John von Shaftesbury an.

Der Fuhrmann wies mit dem Kinn auf Toms Werkzeugranzen. »Steinmetz?«, fragte er.

»Ja. Ich suche Arbeit.«

»Na, vielleicht habt Ihr Glück«, antwortete der Fuhrmann nüchtern. »Und wenn’s an der Kathedrale nicht klappt, dann vielleicht an der Burg.«

»Wer ist der Burgherr?«

»Besagter Roger, er ist sowohl Bischof als auch Kastellan.«

Natürlich, dachte Tom. Von dem mächtigen Roger von Salisbury, der von jeher zum engsten Freundeskreis des Königs zählte, hatte er auch schon gehört.

Sie passierten das Tor und betraten die Stadt, die auf den ersten Blick ganz überfüllt wirkte, so eng drängten sich die Gebäude, die Menschen und die Tiere in ihren Mauern. Sie sah aus, als könne sie jederzeit aus den Nähten platzen und alles, was nicht niet- und nagelfest war, in den Burggraben stürzen. Dicht an dicht standen die Holzhäuser, als stritten sie sich um einen guten Standplatz wie Zuschauer bei einer Hinrichtung. Jedes verfügbare Fleckchen Erde war genutzt. Wo zwei Häuser ursprünglich durch ein schmales Gässchen getrennt waren, hatte irgendwer einen halbhohen Unterschlupf gebaut, der – da die Tür fast die gesamte Vorderfront beanspruchte – nicht einmal Fenster besaß. Wo beim besten Willen keine menschliche Behausung mehr hineinpasste, hatte man Verkaufsstände für Bier, Brot oder Äpfel aufgeschlagen, und war der Platz auch dafür zu eng, so fand sich ein Stall, ein Schweinekoben, ein Misthaufen oder ein Wasserfass.

Und es war unbeschreiblich laut in der Stadt. Der Regen trug nur wenig dazu bei, den Lärm zu dämpfen, der aus den Werkstätten drang und sich mit den Rufen der Straßenhändler mischte, die lauthals ihre Ware anpriesen; die Menschen grüßten sich, verhandelten und stritten miteinander; dazwischen ertönte Gewieher, Gebell und wütendes Gefauche.

Marthas Stimme erhob sich über den Lärm: »Was stinkt denn hier so fürchterlich?«

Tom lächelte. Sie war seit Jahren in keiner Stadt mehr gewesen. »Das ist der Geruch der Menschen«, erklärte er.

Die Straße war nur wenig breiter als der Ochsenkarren, was den Fuhrmann jedoch nicht davon abhielt, seine Tiere stetig voranzutreiben, denn standen sie erst einmal still, so war zu befürchten, dass sie sich nicht mehr zum Weitergehen bewegen ließen. Unablässig hieb er mit der Peitsche auf sie ein, ohne auf Hindernisse zu achten, und die beiden Ochsen trotteten stumpfsinnig weiter durch die Menge und drängten alles beiseite, was ihnen in den Weg kam – einen Ritter auf einem Schlachtross, einen Förster mit Pfeil und Bogen, einen feisten Mönch auf einem Pony, Bewaffnete und Bettler, Hausfrauen und Huren.

Eine kleine Schafherde trippelte vor ihnen her. Der alte Schäfer hatte alle Hände voll zu tun, die Tiere beisammenzuhalten. Bestimmt ist heute Markttag, dachte Tom.

Als der Ochsenkarren vorbeirumpelte, sprang eines der Schafe durch die offenstehende Tür in eine Bierstube. Im Nu stürmte die ganze blökende Herde hinterher und richtete ein heilloses Durcheinander an. Bierkrüge fielen zu Boden, Tische kippten, und Stühle stürzten um.

Die Straße war ein einziger Sturzbach aus Schlamm und Unrat. Tom hatte einen Blick für die Regenmenge, die auf die Dächer herabfiel, und er wusste, wie breit eine Dachrinne sein musste, um mit einem starken Guss fertig zu werden. Er erkannte sofort, dass alles Wasser, das in diesem Teil der Stadt von den Dächern floss, durch eben die Straße ablief, auf der sie sich gerade befanden. Bei starkem Gewitterregen, dachte er bei sich, braucht man hier ein Boot, um auf die andere Seite zu gelangen.

Erst in der Nähe der Burg, die auf dem höchsten Punkt des Hügels thronte, wurde die Straße breiter. Hier gab es auch Steinhäuser, von denen nur wenige reparaturbedürftig waren. Sie gehörten den Handwerkern und Händlern, die ihre Werkstätten und Läden zu ebener Erde eingerichtet hatten und in den Wohnstuben darüber lebten. Am Warenangebot erkannte Tom sogleich, dass Salisbury eine wohlhabende Stadt sein musste. Messer und Töpfe brauchte jeder – bestickte Schals, verzierte Gürtel und silberne Schnallen dagegen wurden nur von reichen Leuten gekauft.

Vor der Burg bog der Fuhrmann mit seinem Gespann rechts ab. Tom und seine Familie folgten ihm. Die Straße führte hier in einem Viertelkreis um die äußeren Begrenzungsmauern. Dann kamen sie durch ein weiteres Tor, und mit einem Mal war von dem rastlosen Gewimmel in der Stadt kaum noch etwas zu spüren. Statt dessen herrschte ein anderes Gedränge: die hektische, aber geordnete Vielfalt einer großen Baustelle.

Sie befanden sich jetzt auf dem eingefriedeten Gelände der Kathedrale, welches das gesamte Nordwestviertel der kreisrund angelegten Stadt einnahm. Tom blieb einen Augenblick stehen, um das Bild in sich aufzunehmen. Alles, was er hier hören, sehen, schmecken konnte, erwärmte sein Herz wie ein sonniger Sommertag. Dem eintreffenden Ochsenkarren mit seiner Steinfracht kamen zwei leere Karren entgegen, die gerade die Baustelle verließen. In den Bauhütten an der Kirchenmauer waren die Steinmetzen an der Arbeit; mit Eisenmeißeln und großen Holzhämmern behauten sie gezielt die schweren Blöcke, sodass sie zu Plinthen, Säulen, Kapitellen, Schäften, Strebepfeilern, Bögen, Fenstern, Schwellen, Fialen und Brüstungen zusammengefügt werden konnten. In der Mitte des Platzes – in sicherem Abstand zu allen anderen Gebäuden – stand die Schmiede. Durch die offenstehende Tür sah man den Feuerschein, und der helle Klang des Hammers auf dem Amboss hallte weithin über das Gelände. Da sich die Werkzeuge der Steinmetzen rasch abnutzten, musste der Schmied unentwegt neue schaffen. Unbeteiligten Zuschauern mochte die Baustelle als reinstes Chaos erscheinen, Tom hingegen durchschaute auf einen Blick den großen, komplizierten Mechanismus, den zu beherrschen seine größte Sehnsucht war.

Jeder Handgriff der Männer war ihm vertraut, und er sah auf Anhieb, wie weit die Arbeit bereits gediehen war. Gegenwärtig errichtete man die Ostfassade.

Dort war in fünfundzwanzig bis dreißig Fuß Höhe ein Gerüst angebracht. Während die Maurer im Kirchenportal auf das Ende des Regens warteten, stiegen unablässig Träger mit Steinen auf den Schultern die Leitern hinauf und hinunter. Weiter oben kletterten Dachdecker und Klempner übers Dachgebälk wie Spinnen in einem riesigen hölzernen Netz. Sie nagelten Bleiplatten auf die Verstrebungen und brachten Abflussrohre und Dachrinnen an.

Mit Bedauern stellte Tom fest, dass die Kathedrale nahezu fertig war. Mehr als zwei Jahre Arbeit konnte er sich hier nicht erhoffen – kaum genug, um zum leitenden Steinmetz aufzusteigen, geschweige denn zum Dombaumeister. Trotzdem wollte er um Arbeit nachsuchen, denn der Winter stand vor der Tür. Mit Hilfe des Schweins hätte er seine Familie auch ohne Arbeit über die kalte Jahreszeit gebracht – ohne das Schwein war es aussichtslos.

Sie folgten dem Ochsenkarren bis zu jener Stelle, an der die Steine abgeladen und gestapelt wurden. Dankbar senkten die Ochsen ihre Köpfe in den Wassertrog. Der Fuhrmann rief einem vorbeigehenden Maurer zu: »Wo ist der Baumeister?«

»In der Burg«, antwortete der Maurer.

Der Fuhrmann nickte und wandte sich an Tom. »Ihr findet ihn vermutlich im Bischofspalast.«

»Habt Dank.«

»Ganz meinerseits.«

Erneut drängten sie sich durch die verstopften, engen Gassen bis zum Eingang der Burg. Sie war durch einen weiteren trockenen Graben und einen zweiten, riesigen Erdwall gesichert. Die Familie überquerte die Zugbrücke. In einem Wachhäuschen saß ein untersetzter, mit einer Ledertunika bekleideter Mann auf einem Hocker und blickte hinaus in den Regen. Er war mit einem Schwert bewaffnet. Tom sprach ihn an.

»Guten Tag. Tom Builder werde ich genannt. Ich möchte gerne den Dombaumeister sprechen, John von Shaftesbury.«

»Beim Bischof«, antwortete der Wachhabende gleichgültig.

Sie betraten den Hof. Bei der Burg handelte es sich, wie bei den meisten anderen Burgen auch, um eine Ansammlung unterschiedlicher Gebäude hinter einem großen Erdwall. Der Burghof maß im Durchmesser etwa hundertfünfzig Schritt. Auf der dem Tor gegenüberliegenden Seite stand der wuchtige Wohnturm, die letzte Zuflucht bei einem Angriff. Er erhob sich hoch über die Befestigungsanlagen und gewährte einen weiten Ausblick auf die Umgebung. Linker Hand befand sich eine Reihe von Gebäuden, die überwiegend aus Holz gezimmert waren: ein langer Stall, ein Backhaus und verschiedene Vorratslager. In der Mitte des Burghofs stand ein Brunnen. Auf der rechten Seite nahm ein großes Steinhaus, bei dem es sich offensichtlich um den bischöflichen Palast handelte, fast die gesamte Nordhälfte der Anlage ein. Es war im gleichen Stil wie die Kathedrale gehalten: Die kleinen Türen und Fenster schlossen oben mit Rundbögen ab.

Das Haus hatte zwei Stockwerke und war noch ziemlich neu, ja an einer Ecke waren sogar noch Maurer am Werk, die allem Anschein nach einen Turm anbauten. Trotz des Regens war der Burghof recht bevölkert. Leute kamen und gingen, eilten von Haus zu Haus: Bewaffnete, Priester, Händler, Bauleute, Palastgesinde.

Der Palast besaß mehrere Eingänge, die, wie Tom auffiel, allesamt offen standen. Er war sich nicht ganz sicher, wie er nun vorgehen sollte. Wenn der Bischof gerade mit dem Baumeister sprach, wollte er vielleicht nicht gestört werden. Andererseits war ein Bischof kein König, und Tom war ein freier Bürger und Steinmetz mit einem legitimen beruflichen Anliegen – kein kriecherischer Leibeigener, der irgendeine Klage vorzubringen hatte. Tom entschloss sich daher für den direkten Weg.

Er hieß Agnes und Martha warten. Dann ging er mit Alfred über den matschigen Hof zum Palast und trat durch die erstbeste Tür ein.

Sie gerieten in eine kleine Kapelle mit einer gewölbten Decke und einem Fenster hinter dem Altar. An einem hohen Pult neben dem Eingang saß ein Priester, der mit flinker Hand ein Pergament beschrieb. Beim Eintritt der beiden sah er auf.

»Wo finde ich den Baumeister John?«, fragte Tom ohne Umschweife.

»In der Sakristei«, antwortete der Priester und wies mit einer ruckartigen Kopfbewegung auf eine Seitentür.

Tom bat nicht eigens darum, vorgelassen zu werden. Bei einer formgemäßen Anmeldung lassen sie uns warten, und wir verlieren bloß Zeit, dachte er. Mit entschlossenen Schritten durchquerte er die Kapelle und betrat die Sakristei.

Es war ein kleiner Raum mit quadratischem Grundriss, der durch zahlreiche Kerzen erhellt wurde. Einen Großteil seiner Bodenfläche bedeckte ein flacher Sandhaufen, der mit einem Richtscheit sauber geglättet worden war. Die beiden Männer, die sich im Zimmer befanden, sahen Tom nur kurz an, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Sand richteten. Der Bischof, ein alter Mann mit runzligem Gesicht und funkelnden schwarzen Augen, zeichnete mit einem angespitzten Holzstab etwas in den Sand. Der Baumeister – er trug eine Lederschürze – sah ihm dabei zu. Er gab sich geduldig, doch seine Miene verriet Skepsis.

Tom wartete unruhig. Alles hing davon ab, dass er jetzt einen guten Eindruck machte, sich höflich, aber nicht kriecherisch gab, sein Wissen erwies, aber sich nicht damit brüstete. Ein Handwerksmeister forderte von seinen Untergebenen ebenso viel Gehorsam wie Geschick, das war ihm klar. Er hatte ja selbst schließlich schon Arbeitskräfte angeworben.

Bischof Roger entwarf ein zweistöckiges Gebäude, das auf drei Seiten große Fenster zeigte. Er war ein guter Zeichner; seine Linien waren gerade, die rechten Winkel exakt. Er zeichnete einen Grundriss und eine Seitenansicht, aber Tom erkannte sofort, dass dieses Gebäude niemals errichtet werden würde.

Schließlich war der Bischof fertig. »So«, sagte er.

John wandte sich an Tom. »Was führt Euch her?«

Tom tat so, als habe er ihn um seine Meinung gebeten. »Ein Gewölbe mit so großen Fenstern ist ein Ding der Unmöglichkeit.«

Der Bischof sah ihn empört an. »Das ist kein Gewölbe, sondern eine Schreibstube.«

»Das spielt keine Rolle. Auch sie wird einstürzen.«

»Er hat recht«, bemerkte John.

»Aber die Schreiber brauchen doch Licht!«

John zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder an Tom: »Wer seid Ihr?«

»Mein Name ist Tom. Ich bin Steinmetz.«

»Das dachte ich mir. Was führt Euch zu uns?«

»Ich suche Arbeit«, antwortete Tom und hielt den Atem an.

John schüttelte sofort den Kopf. »Ich habe keine Arbeit für Euch.«

Seine Worte trafen Tom wie Keulenschläge. Am liebsten hätte er auf dem Absatz kehrtgemacht. Doch er wahrte die Form und hörte sich die Begründung an.

»Wir arbeiten seit zehn Jahren hier«, fuhr John fort. »Die meisten Steinmetzen besitzen ein Haus in der Stadt. Mittlerweile nähert sich der Bau der Vollendung, und ich habe schon jetzt mehr Leute, als ich eigentlich brauche.«

Es war aussichtslos. Tom wusste es. Dennoch fragte er: »Und der Palast?«

»Für den gilt dasselbe«, erwiderte John. »Am Palast beschäftige ich die überzähligen Leute. Ohne den Palast und Bischof Rogers andere Burgen hätte ich längst schon Steinmetzen entlassen müssen.«

Tom nickte. Bemüht, sich seine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen, fragte er: »Ist Euch vielleicht bekannt, wo es sonst Arbeit gibt?«

»Am Kloster von Shaftesbury wurde Anfang des Jahres gebaut, soviel ich weiß. Vielleicht sind sie noch nicht fertig. Das ist eine Tagesreise von hier.«

»Ich danke Euch.« Tom wandte sich zum Gehen.

»Tut mir leid!«, rief ihm der Dombaumeister nach. »Ihr scheint ein guter Mann zu sein.«

Tom gab darauf keine Antwort mehr. Niedergeschlagen sah er ein, dass er sich zu große Hoffnungen gemacht hatte. Eine Absage war durchaus nichts Ungewöhnliches, doch seine Begeisterung für den Dombau hatte ihn blind gemacht … Jetzt öffnete ihm die Wirklichkeit wieder die Augen, und er sah sich schon an einer langweiligen Stadtmauer oder dem hässlichen Wohnhaus eines Silberschmieds arbeiten.

Auf dem Weg zurück über den Burghof gab er sich einen Ruck. Er ließ es Agnes nie wissen, wenn er eine Enttäuschung erlebt hatte. Stets tat er, als wäre alles in bester Ordnung. Wenn es hier keine Arbeit für ihn gab – na gut, dann fand sich bestimmt in der nächsten oder übernächsten Stadt etwas. Sobald er sich auch nur das geringste Zeichen von Kummer anmerken ließ, das wusste er, würde Agnes ihn wieder drängen, sich endlich etwas Dauerhaftes zu suchen und mit dem unruhigen Wanderleben aufzuhören. Doch genau das wollte er nicht – es sei denn, er fände eine Stadt, in der eine Kathedrale gebaut wurde.

»Hier gibt es für mich nichts zu tun«, sagte er zu Agnes. »Lass uns weiterziehen.«

Agnes verbarg ihre Enttäuschung nicht. »Man sollte meinen, wo ein Dom und ein Palast gebaut werden, müsste es allemal Arbeit für einen Steinmetz geben«, sagte sie.

»Beide Gebäude sind schon fast fertig«, erklärte Tom. »Sie haben mehr Leute, als sie brauchen.«

Die Familie überquerte die Zugbrücke und tauchte wieder ein in das geschäftige Hin und Her auf den Straßen der Stadt. Durch das Osttor hatten sie Salisbury betreten, durch das Westtor wollten sie es verlassen, denn dort begann die Straße nach Shaftesbury. Tom wandte sich nach rechts und führte die Seinen durch jenen Teil der Stadt, den sie bisher noch nicht kannten.

Vor einem baufälligen Steinhaus blieb er stehen. Der Mörtel, den die Maurer benutzt hatten, war zu schwach gewesen; nun war er mürbe und bröckelte aus den Fugen. In die entstandenen Löcher war der Frost gedrungen und hatte einige Mauersteine bersten lassen. Wenn nichts geschah, würde der Schaden nach dem nächsten Winter noch größer sein. Tom beschloss, den Eigentümer des Hauses darauf aufmerksam zu machen.

Ein breiter Bogen überspannte den ebenerdigen Eingang. Die Holztür stand offen. Gleich dahinter saß ein Handwerker, in der Rechten einen Hammer, in der Linken eine Ahle. Er schnitzte ein kompliziertes Ornament in einen hölzernen Sattel, der vor ihm auf der Werkbank lag. Im Hintergrund erkannte Tom Holz- und Ledervorräte sowie einen Lehrjungen, der Hobelspäne zusammenkehrte.

»Guten Tag, Meister Sattler«, sagte Tom.

Der Sattler sah auf. Mit einem einzigen Blick schätzte er Tom richtig ein – nämlich als einen Mann, der sich selber einen Sattel machen konnte, sofern er einen brauchte –, und er begnügte sich mit einem kurzen Nicken.

»Ich bin Baumeister«, fuhr Tom fort. »Wie ich sehe, bedürft Ihr meiner Dienste.«

»Wie das?«

»Der Mörtel an Eurem Haus bröckelt, die Steine bersten. Kann sein, dass das Haus den kommenden Winter nicht übersteht.«

Der Sattler schüttelte den Kopf. »Es wimmelt in dieser Stadt nur so von Steinmetzen und Maurern. Warum sollte ich da einen Fremden anstellen?«

»Ich verstehe.« Tom wandte sich zum Gehen. »Gott mit Euch.«

»Hoffentlich«, antwortete der Sattler.

»Der Kerl hat kein Benehmen«, murmelte Agnes, als sie weitergingen.

Die Straße führte auf einen Marktplatz – eine wahre Schlammwüste –, auf dem die Bauern aus der Umgebung ihren geringfügigen Überschuss an Fleisch, Getreide, Milch oder Eiern gegen Dinge eintauschten, die sie brauchten, aber nicht selbst herstellen konnten, darunter Töpferware, Pflugscharen, Seile und Salz. Auf solchen Märkten ging es gemeinhin lebhaft und geräuschvoll zu. Da wurde gefeilscht, gestritten und gescherzt. Manche Standbesitzer lieferten sich heftige Scheingefechte mit ihren Nachbarn; es gab billiges Backwerk für die Kinder; hier spielte ein fahrender Musikant auf, dort bot eine Akrobatentruppe ihre Künste dar. Allenthalben sah man grell geschminkte Huren, und nur selten fehlte der kriegsversehrte Soldat mit seinen Geschichten über die Wüsten des Orients und rasende Sarazenenhorden. Wer ein gutes Geschäft gemacht hatte, gab nur allzu oft der Versuchung nach, den Handel entsprechend zu feiern, und legte seinen Gewinn in Starkbier an, sodass gegen Mittag die Stimmung meist schon recht hitzig war. Andere verloren ihr Geld beim Würfelspiel, was mitunter zu Schlägereien führte. Heute jedoch, an einem verregneten Vormittag und zu einer Jahreszeit, da die Ernte bereits eingefahren oder verkauft war, war die Stimmung eher gedämpft. Bis auf die Haut durchnässte Bauern und vor Kälte schlotternde Händler tätigten ihre Geschäfte in wortkargem Zwiegespräch, und jeder sehnte sich nach seinem warmen Heim und Herd.

Tom und die Seinen bahnten sich ihren Weg durch die trübsinnige Menge, ohne den halbherzigen Schmeicheleien des Wurstverkäufers und des Messerschleifers Beachtung zu schenken. Sie hatten den Marktplatz schon fast hinter sich gelassen, da entdeckte Tom sein Schwein.

Im ersten Moment war er so überrascht, dass er seinen Augen nicht zu trauen wagte. Doch dann raunte Agnes ihm zu: »Tom! Schau!«, und ihm war klar, dass auch sie das Tier gesehen hatte.

Es bestand nicht der geringste Zweifel – er kannte das Schwein so gut wie seine eigenen Kinder. Ein Mann mit der rosigen Gesichtsfarbe und der üppigen Mitte eines Menschen, der ausreichend Fleisch zu essen hat und sich jedes Mal noch einen Nachschlag genehmigt, hielt das Schwein mit fachmännischem Griff im Arm; es handelte sich zweifellos um einen Schlachter. Tom und Agnes standen da wie vom Schlag gerührt und starrten den Mann an, und da sie ihm den Weg versperrten, ließ es sich gar nicht vermeiden, dass auch er sie bemerkte.

»Nun …«, sagte er. Es verwirrte ihn, dass er so angestarrt wurde. Außerdem hatte er es eilig und wollte vorbei.

Es war Martha, die das Schweigen brach. »Das ist doch unser Schwein!«, schrie sie aufgeregt.

»So ist es«, bestätigte Tom und sah dem Schlachter geradewegs in die Augen.

Ein Ausdruck der Verschlagenheit huschte über die Miene des Mannes. Der weiß genau, dass das Schwein gestohlen ist, dachte Tom. Doch der Schlachter sagte: »Ich habe soeben fünfzig Pence dafür bezahlt, und deshalb gehört es jetzt mir.«

»Wem immer Ihr Euer Geld gegeben habt: Er hatte kein Recht, Euch das Schwein zu verkaufen. Gewiss habt Ihr es nur deshalb so billig bekommen. Von wem habt Ihr es?«

»Von einem Bauern.«

»Kennt Ihr ihn persönlich?«

»Nein. Hört zu, ich bin der Schlachter, der die Festung mit Fleisch versorgt. Ich kann nicht von jedem Bauern, dem ich ein Schwein oder eine Kuh abkaufe, verlangen, dass er ein Dutzend Zeugen beibringt, die hoch und heilig versichern, dass es auch wirklich seins ist!«

Der Mann wandte sich ab, als wollte er sich entfernen, doch da packte Tom ihn am Ärmel und hielt ihn fest. Der Schlachter war sichtlich erbost, sah jedoch schnell ein, dass er, kam es zu einem Handgemenge, das Schwein loslassen musste. Gelang es aber dieser Familie erst einmal, sich des Tieres zu bemächtigen, so lag der Fall andersherum. Dann war es an ihm, seine Ansprüche auf das Schwein zu beweisen. Er zügelte also seinen Zorn und sagte: »Wenn Ihr Anzeige erstatten wollt, wendet Euch an den Vogt.«

Nach kurzem Überlegen verwarf Tom den Vorschlag. Ihm fehlten die Beweise. Statt dessen fragte er: »Wie sah der Mann aus, von dem Ihr mein Schwein gekauft habt?«

Wieder dieser verschlagene Blick. »Wie alle andern.«

»Hatte er seinen Mund verhüllt?«

»Wenn ich’s mir recht überlege – ja, hatte er.«

»Er war ein Outlaw, der seine Verstümmelung verbarg«, sagte Tom voller Verbitterung. »Das ist Euch natürlich nicht aufgefallen, oder?«

»Heute regnet’s doch Bindfäden!«, protestierte der Schlachter. »Da laufen doch alle vermummt herum.«

»Wann habt Ihr den Handel geschlossen?«

»Gerade eben.«

»Und wo ist der Mann hingegangen?«

»In eine Schenke, vermute ich.«

»Um dort mein Geld zu versaufen!«, sagte Tom angewidert. »Macht, dass Ihr fortkommt, ich lass Euch laufen. Vielleicht werdet Ihr eines Tages selbst mal beraubt. Dann wird’s Euch hart ankommen, dass so viele Leute billige Ware kaufen, ohne zu fragen, woher sie stammt.«

Der Schlachter sah ihn wütend an und zögerte, als wolle er noch etwas entgegnen. Doch dann besann er sich eines Besseren und machte sich aus dem Staub.

»Warum lässt du ihn ziehen?«, fragte Agnes.

»Weil er hier bekannt ist wie ein bunter Hund«, antwortete Tom. »Ich bin fremd hier. Wenn ich mich mit ihm schlage, gelte ich als der Angreifer. Außerdem – wie soll ich beweisen, dass das Schwein mir gehört? Steht ihm vielleicht mein Name auf dem Hintern geschrieben?«

»Aber unsere Ersparnisse …«

»Kann immer noch sein, dass wir das Geld wiederbekommen. Schweig jetzt still, und lass mich nachdenken.« Der Streit mit dem Schlachter hatte Tom aufgeregt, und der raue Ton, in dem er Agnes anfuhr, verschaffte ihm eine gewisse Erleichterung. »Irgendwo in dieser Stadt läuft ein Kerl ohne Lippen herum, der fünfzig Silberpennys im Beutel hat. Wir müssen ihn bloß finden und ihm das Geld abnehmen.«

»Genau«, sagte Agnes entschlossen.

»Geh du zurück zum Kirchhof – den Weg, auf dem wir gekommen sind. Ich gehe weiter und komme dann von der anderen Seite zur Kathedrale. Danach kehren wir dann durch die nächste Straße hierher zurück – und so weiter. Womöglich hockt er schon in einer Schenke. Wenn du ihn siehst, bleib in der Nähe, und schick Martha nach mir. Alfred nehme ich mit. Sieh zu, dass der Kerl dich nicht erkennt.«

»Keine Sorge«, erwiderte Agnes mit finsterer Entschlossenheit. »Ich will das Geld zurück. Ich brauche es, um meine Kinder zu ernähren.«

Tom berührte ihren Arm und lächelte. »Du bist eine Löwin, Agnes!«

Sie sah ihm in die Augen, hob sich unvermittelt auf die Zehenspitzen und küsste ihn kurz, aber fest auf den Mund. Dann drehte sie sich um und ging mit Martha im Schlepptau über den Marktplatz. Tom blickte ihnen nach, bis sie außer Sichtweite waren; erst dann setzte er mit Alfred seinen Weg fort. Trotz des Mutes, den Agnes bewiesen hatte, machte er sich Sorgen um sie.

Der Dieb fühlte sich offenbar sicher. Kein Wunder: Zum Zeitpunkt seines Überfalls hatten sich Tom und seine Familie auf dem Weg nach Winchester befunden. So war er einfach in entgegengesetzter Richtung davongelaufen und hatte das Schwein in Salisbury verhökert. Tom hatte ja erst, nachdem er von Ellen auf den Umbau der Kathedrale von Salisbury hingewiesen worden war, seine Pläne geändert. Ohne es zu wissen, war er damit dem Wegelagerer auf den Fersen geblieben. Der Dieb dachte nicht im Traume daran, dass er Tom je wiederbegegnen würde, und genau darin lag ihr Vorteil: Sie konnten ihn überraschen.

Langsam zogen sie durch die matschigen Straßen. Tom spähte verstohlen in alle Häuser, deren Tür offen stand, bemühte sich aber sorgsam darum, nicht aufzufallen. Es war nicht auszuschließen, dass die Angelegenheit mit einer gewaltsamen Auseinandersetzung endete; da konnte es nur von Nachteil sein, wenn sich alle Welt an einen hochgewachsenen Steinmetz erinnerte, der die halbe Stadt durchsucht hatte. Die meisten Behausungen waren elende Hütten aus Holz, Lehm und Schilf mit einer Feuerstelle in der Mitte und ein paar einfachen, selbst gefertigten Möbeln auf dem strohbedeckten Fußboden. Ein Fass und ein paar Bänke bedeuteten eine Schenke; ein mit einem Vorhang verhängtes Bett in der Ecke verriet die Hure; lärmendes Volk, das sich um einen einzelnen Tisch drängte, die Würfelstube.

Eine Frau mit rot bemalten Lippen ließ ihn ihre Brüste sehen, doch Tom schüttelte nur den Kopf und ging rasch weiter. Insgeheim verlockte ihn zwar die Vorstellung, es am helllichten Tag mit einer ihm gänzlich unbekannten Frau zu treiben und sie dafür zu bezahlen, doch hatte er es noch nie in seinem Leben getan.

Ellen fiel ihm ein, die Vogelfreie. Auch sie hatte ihn gereizt. Sie war von verführerischer Schönheit, doch der durchdringende Blick ihrer tiefliegenden Augen hatte etwas Einschüchterndes. Das freizügige Angebot einer Hure irritierte Tom nur vorübergehend; der Zauber Ellens hingegen wirkte nach. Urplötzlich packte ihn der unsinnige Wunsch, in die Wälder zurückzulaufen, sie zu suchen und über sie herzufallen.

Sie erreichten die Kathedrale, ohne den Dieb gefunden zu haben. Tom beobachtete die Dachdecker, die das dreieckige Holzdach über dem Mittelschiff mit Bleiplatten versahen. Da die Pultdächer der Seitenschiffe noch nicht gedeckt waren, ließen sich noch die Halbbögen ausmachen, welche die Seitenschiffe mit der Mauer des Hauptschiffs verbanden und die obere Hälfte des Langhauses trugen. Er machte Alfred darauf aufmerksam: »Ohne diese Stützen würde das Gewicht der steinernen Gewölbe im Innern der Kirche die Mauer des Hauptschiffs nach außen drücken«, erklärte er. »Siehst du, dass sich die Halbbögen auf einer Linie mit den Strebepfeilern in der Mauer des Seitenschiffs befinden? Innen wird diese Linie durch die Säulen der Arkaden im Hauptschiff fortgesetzt. Und die Fenster im Seitenschiff liegen auf der gleichen Höhe wie die Bögen der Arkade. Stärke verbindet sich mit Stärke und Schwäche mit Schwäche.« Alfred hatte nichts begriffen und empfand die Erklärung offensichtlich als Zumutung. Tom seufzte.

Die Gegenwart holte ihn wieder ein, als er Agnes entdeckte, die ihnen entgegenkam. Zwar war ihr Gesicht durch die Kapuze verhüllt, doch erkannte er sie an ihrem selbstsicheren, zielstrebigen Gang. Sogar breitschultrige Arbeiter traten zur Seite, um ihr Platz zu machen. Wenn Agnes der Dieb über den Weg läuft und es kommt zum Kampf, dachte Tom, dann kann er sich auf einiges gefasst machen.

»Habt ihr ihn gesehen?«, fragte Agnes.

»Nein. Und ihr auch nicht, wie’s scheint.« Man konnte nur hoffen, dass der Dieb die Stadt nicht schon verlassen hatte. Es war indes kaum anzunehmen, dass er sich aus dem Staub machte, ohne wenigstens ein paar von seinen Pennys auszugeben. Im Wald ließ sich mit Geld nichts anfangen.

Agnes dachte nicht anders darüber. »Er muss hier irgendwo sein. Suchen wir weiter!«

»Wir durchstreifen jetzt andere Straßen und treffen uns am Marktplatz wieder.«

Tom und Alfred machten kehrt und verließen den Kirchplatz durch das Tor. Der Regen durchweichte ihre Umhänge, und Tom fühlte sich vorübergehend verlockt, in einer Schenke vor dem Feuer Platz zu nehmen und sich einen Krug Bier und eine Rinderbrühe zu gönnen. Doch dann fiel ihm wieder ein, wie hart er für das Schwein hatte arbeiten müssen, und er sah den Mann ohne Lippen vor sich, der mit der Keule auf Marthas unschuldiges Köpfchen einschlug. Die Wut auf den Kerl brachte sein Blut in Wallung und wärmte ihn.

Eine systematische Suche ließ sich kaum bewerkstelligen, denn die Gassen der Stadt folgten keiner bestimmten Ordnung. Sie führten mal hierhin, mal dorthin – je nachdem, wo die Häuser und Hütten standen, und es gab zahlreiche scharfe Biegungen und Sackgassen. Die Straße, die vom Osttor zur Zugbrücke der Burg führte, war die einzige in der Stadt, die durchgehend gerade angelegt war.

Auf dem Herweg hatten sich Tom und Alfred an die äußeren Befestigungswälle der Burg gehalten. Jetzt liefen sie kreuz und quer durch die Vorstadt und machten immer erst kehrt, wenn sie die Stadtmauer erreichten. Es war eine armselige Gegend, mit den baufälligsten Hütten, den lautesten Schenken und den ältesten Huren. Unterhalb des Stadtkerns gelegen, wurde dieses Viertel vom Unrat aus den wohlhabenderen Bezirken geradezu überschwemmt; er staute sich am Fuß der Mauer. Auch den Menschen, die hier hausten, schien es ähnlich ergangen zu sein, sah man doch weit mehr Krüppel, Bettler, hungrige Kinder, geschlagene Frauen und hilflose Säufer als in anderen Teilen der Stadt.

Nur der Kerl ohne Lippen war nirgends zu finden.

Zweimal entdeckte Tom einen Mann mit vergleichbarem Körperbau und ähnlicher Gestalt, stellte aber jedes Mal bei näherem Hinsehen fest, dass das Gesicht nicht verunstaltet war.

Die Suche endete am Marktplatz, wo Agnes schon ungeduldig auf sie wartete. Ihre Augen funkelten. »Ich habe ihn gefunden«, raunte sie.

In Toms Erregung mischte sich eine beklemmende Vorahnung. »Wo?«

»Vor einer Garküche am Osttor. Er ging gerade hinein.«

»Führ mich hin.«

Sie umrundeten die Burg bis zur Zugbrücke, erreichten über die Hauptstraße das Osttor und tauchten ein in das Gewirr der von der Stadtmauer überragten Sträßchen und Gässchen. Gleich darauf hatte Tom die Garküche auch schon erspäht. Es war nicht einmal ein richtiges Haus, lediglich ein schräges Dach auf vier Pfosten, dessen Rückwand die Stadtmauer bildete. Im Hintergrund brannte ein gewaltiges Feuer, über dem ein großer Kessel bullerte und ein Hammel an einem Spieß gebraten wurde. Es war Mittagszeit und der Stand voller Menschen, überwiegend Männer. Der Geruch des gebratenen Fleisches stieg Tom in die Nase und ließ seinen Magen knurren.

Angestrengt spähte er in die Menge. Er fürchtete, der Dieb könne sich in der Zwischenzeit wieder aus dem Staub gemacht haben. Aber er entdeckte ihn sofort: Der Mann saß ein wenig abseits auf einem Hocker und löffelte Eintopf aus einer Schüssel. Er hielt sich den Schal vors Gesicht.

Tom wandte sich rasch ab, um nicht selbst erkannt zu werden. Er musste sich jetzt überlegen, wie er vorgehen wollte.

Aufgebracht wie er war, hätte er den Halunken am liebsten ohne viel Federlesens niedergeschlagen und ihm seine Geldkatze abgenommen. Aber die Menge würde ihn nicht so ohne Weiteres davonkommen lassen; er hätte Erklärungen abgeben müssen, nicht nur vor den Umstehenden, sondern auch vor dem Vogt. Ein solches Vorgehen war durchaus rechtmäßig, und da der Dieb vogelfrei war, würde niemand für seine Ehrlichkeit bürgen. Er dagegen, Tom, war Steinmetz und ganz offenkundig ein ehrenwerter Mann … Doch bis das alles klargestellt und bewiesen war, konnten Wochen vergehen, zumal wenn der Vogt gerade durch die Grafschaft streifte. Und wenn es zu einem Tumult kam, war allemal noch mit einer Anklage wegen Landfriedensbruchs zu rechnen.

Nein – es war auf jeden Fall besser, unter vier Augen mit dem Dieb abzurechnen.

In der Stadt übernachten konnte der Wegelagerer nicht; er hatte hier keine Bleibe, und da er sich nicht als rechtschaffener Mann ausweisen konnte, würde er auch keine finden. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als am Abend rechtzeitig vor Toresschluss die Stadt zu verlassen.

Und es gab nur zwei Stadttore.

»Wahrscheinlich kehrt er auf dem gleichen Weg zurück, auf dem er gekommen ist«, sagte Tom zu Agnes. »Ich warte auf ihn vor dem Osttor. Alfred soll das Westtor im Auge behalten. Du bleibst in der Stadt und beobachtest ihn. Martha bleibt bei dir, aber pass auf, dass er sie nicht sieht. Wenn du mir oder Alfred Nachricht geben willst, schick uns Martha.«

»Wird gemacht«, antwortete Agnes knapp.

»Was soll ich tun, wenn er an mir vorbeikommt?«, fragte Alfred aufgeregt.

»Nichts«, erwiderte Tom bestimmt. »Merk dir, welchen Weg er einschlägt, und warte, bis Martha mich geholt hat. Dann stellen wir ihn gemeinsam.« Alfreds enttäuschter Blick ließ ihn hinzufügen: »Du tust, was ich dir sage. Nach meinem Schwein will ich nicht auch noch meinen Sohn verlieren.«

Alfred nickte widerstrebend.

»Und jetzt verschwinden wir besser, bevor er sieht, wie wir hier zusammenglucken und Pläne schmieden. Auf, auf!«

Tom entfernte sich, ohne sich noch einmal umzuschauen. Agnes war auf jeden Fall zuverlässig! Auf schnellstem Wege marschierte er zum Osttor und verließ die Stadt über die wackelige Holzbrücke, über die sie am Morgen den Ochsenkarren geschoben hatten. Vor ihm erstreckte sich wie ein schnurgerader, langer Teppich, der über Täler und Hügel ausgerollt worden war, die Straße nach Winchester. Am Fuße des Stadtbergs zweigte linker Hand der sogenannte Portway ab, die Straße, auf der sie selbst (und vermutlich auch der Dieb) nach Salisbury gelangt waren. Er wand sich eine Anhöhe hinauf, hinter der er verschwand. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde der Spitzbube wieder denselben Weg nehmen.

Bei der Weggabelung am Fuße des Hügels, die von einzelnen Häusern umstanden war, wandte sich Tom nach links und hielt nach einem geeigneten Versteck Ausschau. Nach ungefähr zweihundert Schritten machte er halt und sah zurück. Er war schon zu weit gegangen, denn von hier aus waren die Gesichter der Leute, die die Weggabelung passierten, nicht mehr zu erkennen. Die Straße war von tiefen, wasserführenden Gräben gesäumt, die allenfalls bei trockenem Wetter Tarnung geboten hätten. Die Böschungen auf der gegenüberliegenden Seite waren ziemlich hoch und gingen in Felder und Wiesen über. Auf dem Stoppelfeld südlich der Straße weideten ein paar Rinder. Eine Kuh lag, von der Böschung halb verdeckt, unmittelbar am Feldrand. Von dort aus musste sich die Straße gut überblicken lassen. Mit einem Seufzer der Erleichterung lief Tom den Weg zurück, sprang über den Graben, kletterte die Böschung hoch und versetzte der Kuh einen Tritt. Das Tier stand auf und trottete davon. Tom legte sich in die trockene, noch warme Kuhle, zog sich die Kapuze tief ins Gesicht und richtete sich auf eine längere Wartezeit ein. Er hätte jetzt gerne etwas zu sich genommen, hatte jedoch versäumt, sich in der Stadt noch Brot zu besorgen.

Er war unruhig und nicht ohne Furcht. Der Dieb war zwar kleiner als er, dabei aber, wie sein Überfall auf Martha bewiesen hatte, flink und heimtückisch. Weit mehr als körperliche Verletzungen fürchtete Tom jedoch, der Versuch, sein Geld wiederzubekommen, könnte misslingen.

Er dachte an Agnes und Martha und hoffte, dass alles gut ging. Agnes wusste sich zu helfen, so viel war klar. Und was konnte der Dieb schon tun, selbst wenn er sie entdeckte? Ein bisschen mehr aufpassen, das war alles.

Von seinem Lagerplatz aus waren die Türme der Kathedrale zu erkennen, und Tom bedauerte inzwischen, dass er sich nicht die Zeit genommen hatte, hineinzuschauen. Besonders neugierig war er auf die Pfeiler der Arkaden. Gewöhnlich handelte es sich um dicke Säulen, aus deren oberen Enden die Bögen hervorwuchsen: nach Norden und Süden die Verbindungsbögen zu den benachbarten Arkadensäulen sowie ein weiterer, entweder nach Osten oder nach Westen geführter Bogen, der die Verbindung zum Seitenschiff schuf. Tom gefiel diese Lösung nicht; ein Bogen, der einer runden Säule entsprang, bot nach seinem Gefühl keinen schönen Anblick. In seiner Kathedrale würden Bündelpfeiler stehen, und jede einzelne Rippe sollte am oberen Ende in einen Bogen übergehen – eine Lösung, die ebenso elegant wie logisch war.

Er malte sich die Ornamente der Bögen aus. Geometrische Formen waren am häufigsten, denn das Meißeln von Zickzacklinien und Rautenmustern erforderte nur wenig künstlerisches Geschick. Tom indessen schwebten Blattfriese vor; sie milderten die kantige Regelmäßigkeit der Steine und verliehen ihnen einen Hauch Natur.

Bis weit in den Nachmittag hinein beschäftigte er sich im Geiste mit seiner imaginären Kathedrale. Dann trippelte eine schmale, blonde Gestalt über die Brücke und passierte die Häuser an der Kreuzung. Martha! An der Abzweigung zögerte sie kurz, bevor sie sich für den richtigen Weg entschied. Tom beobachtete, wie sie die Stirn runzelte; sie war offensichtlich beunruhigt, weil sie ihn noch nicht gefunden hatte. Erst als sie gleichauf mit ihm war, rief er sie mit leiser Stimme an: »Martha!«

Sie stieß einen Freudenschrei aus, als sie seiner ansichtig wurde, und sprang über den Graben. »Das ist von Mama«, sagte sie und holte aus ihrem Umhang eine Pastete mit Rindfleisch und Zwiebeln.

»Beim Heiligen Kreuz!«, rief Tom und biss herzhaft in das noch warme Backwerk. »Deine Mutter ist wahrlich eine gute Frau!« Es schmeckte himmlisch.

Martha setzte sich neben ihren Vater ins Gras. »Und nun hör, was der Mann, der unser Schwein stahl, getan hat«, sagte sie und zog, während sie überlegte, was die Mutter ihr zu berichten aufgetragen hatte, die Nase kraus. Sie war so entzückend, dass es Tom beinahe den Atem verschlug. »Er ist aus der Garküche rausgegangen und hat sich mit einer Frau mit angemaltem Gesicht getroffen und ist in ihr Haus gegangen. Wir haben draußen gewartet.«

Während der Halunke unser Geld verhurt hat, dachte Tom grimmig. »Erzähl weiter!«

»Er ist nicht lange im Haus von der Frau geblieben. Danach ist er in eine Schenke gegangen, und da sitzt er immer noch. Er trinkt nicht viel, aber er würfelt die ganze Zeit.«

»Hoffentlich gewinnt er«, sagte Tom finster. »Ist das alles?«

»Ja, das ist alles.«

»Hast du Hunger?«

»Ich hab’ ein Brötchen gegessen.«

»Hast du Alfred schon Bescheid gesagt?«

»Nein, noch nicht. Ich wollte erst zu dir.«

»Sag ihm, er soll zusehen, dass er irgendwo ein trockenes Plätzchen findet.«

»… ein trockenes Plätzchen findet«, wiederholte Martha. »Soll ich ihm zuerst das sagen, oder soll ich ihm erst erzählen, was der Mann macht, der unser Schwein gestohlen hat?«

»Erzähl ihm erst vom Schweinedieb«, erwiderte Tom. Die Reihenfolge war natürlich vollkommen gleichgültig, aber Martha hatte nach einer klaren Antwort verlangt. Er lächelte ihr zu. »Bist ein kluges Köpfchen, mein Kind. Aber jetzt mach dich auf den Weg.«

»Mir gefällt das Spiel«, sagte sie und winkte ihm zum Abschied zu. Als sie zierlich über den Graben setzte, blitzten ihre nackten Beinchen auf.

Tom sah ihr nach. Die Liebe zu ihr und die Wut auf den Spitzbuben erfüllten sein Herz. Wie hart wir arbeiten mussten, um uns das Schwein leisten zu können, dachte er. Wenn wir unsere Kinder ernähren wollen, brauchen wir das Geld dringend.

Inzwischen war er sogar bereit, den Dieb zu töten, falls es keine andere Möglichkeit gab, das Geld wieder zu beschaffen. Allerdings würde vermutlich auch Faramond Openmouth aufs Ganze gehen. Er war ein Outlaw, stand also außerhalb von Recht und Gesetz. Outlaws schreckten vor keiner Gewalttat zurück. Es war durchaus möglich, dass Faramond Openmouth schon früher einmal einem seiner Opfer wiederbegegnet war. Eines stand jedenfalls fest: Der Mann war brandgefährlich.

Das Tageslicht begann überraschend früh zu schwinden, und Tom fürchtete, den Dieb bei Regen und Dunkelheit nicht mehr erkennen zu können. Je dunkler es wurde, desto weniger Menschen betraten oder verließen die Stadt. Die meisten Auswärtigen hatten sich längst auf den Heimweg in ihre Dörfer gemacht. In den höher gelegenen Häusern der Stadtmitte sowie in den elenden Hütten am Rand flackerte Lampen- und Kerzenschein auf. Tom war nahe daran, die Hoffnung aufzugeben, und fragte sich, ob der Dieb nicht vielleicht doch eine Bleibe gefunden hatte. Vielleicht hatte er Spießgesellen in der Stadt, die sich nicht darum scherten, dass er ein Outlaw war. Vielleicht …

Und da sah er auf einmal einen Mann, dessen Mund mit einem Schal verhüllt war.

Der Mann überquerte gerade die Holzbrücke, anscheinend in Gesellschaft zweier anderer Männer. Tom fielen jetzt die beiden Komplizen des Wegelagerers ein – der Glatzkopf und der Mann mit dem grünen Hut. Waren sie vielleicht gemeinsam in die Stadt gekommen? Tom hatte keinen der beiden in Salisbury gesehen, aber was besagte das schon? Vielleicht hatten sie sich vorübergehend getrennt und zum gemeinsamen Rückmarsch verabredet? Tom unterdrückte einen Fluch; mit drei Männern konnte er es kaum aufnehmen. Doch als die drei Wanderer näher kamen, trennten sie sich voneinander, und Tom erkannte zu seiner großen Erleichterung, dass sie doch nicht zusammengehörten.

Die ersten beiden waren Vater und Sohn – zwei Bauern, der Kleidung nach, mit dunklen, engstehenden Augen und Hakennasen. Sie bogen in den Portway ein, und der Mann mit dem Schal folgte ihnen in einiger Entfernung.

Tom beobachtete den Gang des Diebs. Der Mann wirkte nüchtern. Das war schade.

Auf der Brücke waren zwei weibliche Gestalten aufgetaucht – Agnes und Martha. Tom war entsetzt: Mit ihnen als Zuschauern bei der bevorstehenden Auseinandersetzung hatte er nicht gerechnet. Allerdings hatte er ihnen das Kommen auch nicht ausdrücklich untersagt.

Alle fünf näherten sich jetzt seinem Schlupfwinkel. Tom straffte sich. Weil er so groß war, ließen es seine Gegner meist nicht auf eine direkte Konfrontation mit ihm ankommen. Outlaws aber kämpften mit dem Mut der Verzweiflung; bei ihnen musste man auf alles gefasst sein.

Die beiden Bauern waren inzwischen auf gleicher Höhe. Sie unterhielten sich friedlich über Pferde. Tom zog seinen Schlaghammer aus dem Gürtel und wog ihn in der rechten Hand. Er hasste Diebe, die nicht arbeiteten, sondern rechtschaffenen Menschen das Brot stahlen. Er hatte keine Bedenken mehr, diesem Halunken den Schädel einzuschlagen.

Es war, als spürte der Dieb die drohende Gefahr, denn er ging plötzlich langsamer. Tom wartete ab, bis er nur noch vier oder fünf Schritte entfernt war – dann ließ er sich die Böschung hinunterrollen, setzte über den Bach und trat dem Mann in den Weg.

Der Dieb blieb stocksteif stehen und starrte ihn an. »Was soll das?«, fragte er beunruhigt.

Er erkennt mich nicht, dachte Tom. »Du hast gestern mein Schwein gestohlen«, sagte er. »Und heute hast du es einem Schlachter verkauft.«

»Nein, ich …«

»Streite es nicht ab!«, sagte Tom. »Gib mir das Geld, das du dafür erlöst hast, und ich tue dir nichts.«

Im ersten Moment glaubte er, der Dieb wolle seiner Aufforderung Folge leisten. Der Mann zögerte, und Toms Erregung ebbte ein wenig ab. Doch dann machte der Dieb auf dem Absatz kehrt und lief geradewegs in Agnes hinein.

Um sie über den Haufen zu rennen, war er nicht schnell genug – es gehörte ohnehin einiges dazu, eine Frau wie Agnes über den Haufen zu rennen –, und so taumelten die beiden wie in einem ungelenken Tanz von einer Wegseite zur anderen. Dann merkte der Dieb, dass die Frau ihm ganz bewusst den Weg versperrte, und stieß sie beiseite. Doch Agnes streckte das Bein aus und erwischte ihn zwischen den Knien. Beide stürzten sie zu Boden.

Tom schlug das Herz bis zum Hals, als er ihr zu Hilfe eilte. Der Dieb rappelte sich gerade auf, das Knie auf Agnes’ Rücken. Tom packte ihn am Kragen, schleuderte ihn zur Seite und warf ihn, ehe er sein Gleichgewicht wiedergewann, in den Graben.

»Bist du wohlauf?«, fragte Tom hastig.

»Ja«, antwortete Agnes.

Die beiden Bauern waren inzwischen stehen geblieben und hatten sich umgedreht. Mit weit aufgerissenen Augen beobachteten sie die Szene. Der Spitzbube hockte noch im Graben. »Er ist ein Outlaw!«, rief Agnes ihnen zu, um zu verhindern, dass sie Partei für ihn ergriffen. »Er hat unser Schwein gestohlen!« Der Bauer und sein Sohn zeigten keine Regung. Sie blieben einfach stehen und warteten ab, was als Nächstes geschah.

Noch einmal versuchte Tom es mit gutem Zureden: »Gib mir mein Geld, und ich lass dich laufen!«

Schnell wie eine Ratte kam der Mann aus dem Graben. Er hatte ein Messer gezückt und wollte Tom an die Gurgel. Agnes schrie auf. Tom duckte sich. Das Messer blitzte auf, und er spürte einen brennenden Schmerz am Unterkiefer. Wieder blitzte das Messer auf, doch diesmal sprang Tom rechtzeitig zurück und holte gleichzeitig mit dem Hammer aus. Da auch der Dieb zurücksprang, pfiffen Messer und Hammer durch die feuchte Abendluft, ohne zu treffen.

Einen Augenblick lang standen die beiden Männer einander schwer keuchend gegenüber und starrten sich an. Toms Wange schmerzte. Der Gegner war ihm durchaus gewachsen, zwar kleiner, aber mit einem Messer bewaffnet, das erheblich gefährlicher war als Toms Schlaghammer. Todesangst ergriff Tom und nahm ihm den Atem.

Aus dem Augenwinkel gewahrte Tom eine plötzliche Bewegung. Auch der Dieb bemerkte sie. Er sah sich nach Agnes um und duckte sich: Der Stein, den sie geworfen hatte, flog haarscharf an seinem Kopf vorbei.

Tom nutzte die Gelegenheit mit der Geschwindigkeit eines Mannes, der weiß, dass es um sein Leben geht. Er holte aus, ließ den Hammer auf den gebeugten Kopf des Diebes niedersausen und traf ihn im selben Augenblick, da er sich wieder aufrichten wollte. Es war ein hastig geführter Schlag, in dem längst nicht alle Kraft lag, die aufzubringen Tom imstande war. Der Mann taumelte, fiel aber nicht.

Tom schlug ein zweites Mal zu.

Er konnte sich Zeit nehmen. Er konnte weit ausholen und gut zielen und dachte an Martha, als er zuschlug. Diesmal traf der eiserne Hammerkopf den noch ganz benommenen Dieb mit voller Wucht an der Stirn, genau auf den Haaransatz. Er stürzte zu Boden wie ein nasser Sack.

Tom war so erregt, dass er keinerlei Erleichterung verspürte. Er kniete neben dem Wegelagerer nieder und durchsuchte ihn. »Wo ist seine Geldtasche?«, rief er. »Wo, zum Teufel, hat er unser Geld?« Der schlaffe Körper ließ sich nur mühsam bewegen. Schließlich gelang es Tom, ihn auf den Rücken zu wälzen. Er öffnete den Umhang. Am Gürtel war ein großer, lederner Geldbeutel befestigt. Tom öffnete die Schnalle. Im Beutel befand sich ein weiches Wollsäckchen, das mit einer Zugschnur versehen war. Tom zog das Säckchen heraus. Es war sehr leicht. Er sah hinein. »Leer! Er muss noch eine andere Tasche haben!«

Er zog dem Mann den Umhang aus und tastete ihn sorgfältig ab. Es gab keine versteckten Taschen, keine harten Stellen. Er zog ihm die Stiefel aus. Nichts. Er zog sein Essmesser aus dem Gürtel und schlitzte die Sohlen auf: wieder nichts. Ungeduldig fuhr er mit dem Messer in die Wolltunika des Diebes und schlitzte sie bis zum Saum auf. Aber der Mann trug auch keinen verborgenen Leibgurt, in dem er das Geld verwahrte.

Der Dieb lag jetzt mitten auf der Straße im Matsch, nackt bis auf die Strümpfe. Der Bauer und sein Sohn glotzten Tom an wie einen Verrückten. »Er hat nicht einen Penny bei sich!«, schrie Tom Agnes zu. Er war außer sich vor Wut.

»Dann hat er alles verspielt«, erwiderte sie bitter.

»Ich hoffe, er muss dafür im tiefsten Höllenfeuer brennen«, sagte Tom.

Agnes kniete nieder und legte dem Dieb die Hand auf die Brust.

»Genau das tut er jetzt«, gab sie zur Antwort. »Du hast ihn umgebracht.«

+++

Zu Weihnachten litten sie Hunger.

Der Winter kam in jenem Jahr früh, und er war so kalt und hart und unnachgiebig wie der eiserne Meißel des Steinmetzen. Als erster Reif Felder und Wiesen überzuckerte, hingen noch Äpfel an den Bäumen. Die Leute sagten, das geht vorüber, aber der Frost blieb. In manchen Dörfern, wo man das herbstliche Pflügen ein wenig zu lange hinausgezögert hatte, brachen die Pflugscharen bei dem Versuch, die steinharte Erde aufzulockern. Eilig schlachteten die Bauern ihre Schweine und pökelten sie ein, und die Grundherren schlachteten ihre Rinder, weil das Weidegras nicht ausreichte, die Herden vollzählig über den Winter zu bringen. Aber sogar das wenige Gras, das noch verfügbar war, welkte unter dem endlosen Frost dahin, sodass noch viele Rinder starben, die dem Schlachterbeil entgangen waren. Hungrige Wölfe drangen in der Dämmerung in die Dörfer ein und holten sich so manches magere Huhn und unvorsichtige Kind.

Überall im Land hatte man auf den Baustellen beim ersten Frosteinbruch die im Sommer errichteten Mauern hastig mit Stroh und Dung bedeckt und sie auf diese Weise gegen die ärgste Kälte geschützt, denn der Mörtel war noch nicht ganz trocken und durfte, sollte er nicht brüchig werden, keinen Frost bekommen. Erst im Frühjahr konnten die Mörtelarbeiten wieder aufgenommen werden. Einige Maurer und Steinmetzen waren lediglich für den Sommer angeworben worden. Sie kehrten in ihre Dörfer zurück, wo man sie als Handwerker schätzte, und fertigten den Winter über Pflüge, Sättel, Pferdegeschirre, Wagen, Schaufeln, Türen und was sonst noch der kundigen Hand eines Mannes bedurfte, der mit Hammer, Meißel und Säge umzugehen verstand. Die anderen Steinmetzen zogen sich in die Bauhütten zurück und behauten während der lichten Stunden des Tages Steine in bisweilen recht komplizierten Formen. Aber weil der Frost schon so früh eingesetzt hatte, kamen sie mit ihrer Arbeit zu schnell voran, und weil die Bauern hungerten, hatten die Bischöfe, Burgherren und Kastellane weniger Geld für Bauarbeiten zur Verfügung als erhofft. Also wurden im weiteren Verlauf des Winters einige Steinmetzen entlassen.

Tom wanderte mit seiner Familie von Salisbury nach Shaftesbury und von dort nach Sherborne, Wells, Bath, Bristol, Gloucester, Oxford, Wallingford und Windsor. Überall brannten die Feuer in den Dombauhütten, und an Kirchen- und Burgmauern hallte der Klang von Eisen auf Stein wider. Die Baumeister formten mit ihren kunstfertigen, in fingerlosen Handschuhen steckenden Händen kleine originalgetreue Modelle der Bögen und Gewölbe. Einige Meister waren ungeduldig, kurz angebunden oder unhöflich; andere bedachten Tom, die Kinder und die schwangere Frau mit bedauernden Blicken und wechselten ein paar freundliche Worte mit ihnen. Doch wenn man zur Sache kam, lautete die Antwort überall gleich: Nein, tut mir leid, Arbeit habe ich für Euch keine.

Wo immer es möglich war, machten sie sich die Gastfreundschaft der Klöster zunutze, in denen jeder Reisende ein Essen und einen Schlafplatz erhielt – wenn auch streng nur für eine einzige Nacht. Als die Brombeeren gereift waren, hatten sie sich wie die Vögel tagelang von nichts anderem ernährt. Im Wald konnte Agnes ein Feuer entzünden, den eisernen Kochtopf darauf setzen und einen Brei kochen, doch oftmals blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich beim Bäcker Brot oder beim Fischhändler eingelegte Heringe zu besorgen. Oder sie mussten in Schenken und Garküchen essen, was natürlich erheblich teurer war, als sich selbst zu verpflegen. Unwiederbringlich schmolzen ihre Spargroschen dahin.

Martha war von Natur aus dünn, doch wurde sie jetzt noch magerer. Alfred wurde immer größer und wirkte inzwischen schlaksig. Agnes aß nur wenig, doch das Kind in ihrem Leib war gierig, und es entging Tom nicht, dass der Hunger sie quälte. Manchmal befahl er ihr, mehr zu essen, und dann beugte sie tatsächlich ihren eisernen Willen der vereinten Autorität von Ehemann und ungeborenem Kind. Doch rund und rosig wie in ihren früheren Schwangerschaften wurde sie diesmal nicht; vielmehr wirkte sie trotz ihres geschwollenen Leibes hager und hohlwangig wie ein Kind während einer Hungersnot.

Von Salisbury aus hatten sie ungefähr drei Viertel eines großen Kreises zurückgelegt, sodass sie gegen Ende des Jahres wieder die ausgedehnten Waldungen erreichten, die sich von Windsor bis fast vor die Tore von Southampton erstreckten. Ihr Ziel war Winchester. Tom hatte seine Werkzeuge verkauft, und der Erlös dafür war bereits bis auf wenige Pennys aufgezehrt. An seiner nächsten Arbeitsstelle würde er sich Werkzeuge borgen müssen – oder aber Geld, um sich neue zu kaufen. Er wusste nicht mehr ein noch aus; Winchester war seine letzte Hoffnung. In seiner Heimatstadt lebten noch Geschwister von ihm – aber er stammte aus dem Norden des Landes, und die Reise dauerte mehrere Wochen. Bis dahin wäre die Familie längst verhungert. Agnes war ein Einzelkind. Ihre Eltern waren tot. Feldarbeit gab es während des Winters keine. Vielleicht konnte Agnes in einem wohlhabenden Haus in Winchester eine Anstellung als Magd oder Küchenmädchen finden und auf diese Weise ein paar Pennys zusammenkratzen. Eins stand jedenfalls fest: Von Ort zu Ort ziehen konnte sie nicht mehr lange, denn ihre Stunde nahte.

Aber auch nach Winchester waren es noch drei Tagesreisen, und der Hunger quälte sie. Brombeeren gab es keine mehr, es gab in der Nähe auch kein Kloster und keine Haferflocken mehr im Kochtopf, den Agnes auf dem Rücken trug. Am Abend zuvor hatten sie ein Messer gegen einen Laib Roggenbrot, vier Teller Suppe ohne Fleisch und ein Nachtlager in einer Bauernhütte eingetauscht. Seither hatten sie keine menschliche Siedlung mehr zu Gesicht bekommen. Am Spätnachmittag erspähte Tom allerdings eine Rauchsäule, die sich über die Baumwipfel erhob, und sie fanden das einsame Haus eines königlichen Jagdaufsehers, der ihnen für Toms kleine Axt einen Sack Steckrüben gab.

Nur etwa drei Meilen später sagte Agnes, sie sei zu müde zum Weitergehen. Tom war überrascht: In all den Jahren, die sie nun schon zusammenlebten, hatte er dergleichen noch nie von ihr gehört.

Sie setzte sich unter eine große Rosskastanie am Wegesrand. Mit Hilfe eines der letzten Werkzeuge, die ihnen verblieben waren – einer abgenutzten Holzschaufel, die niemand hatte kaufen wollen –, hob er eine flache Grube für das Lagerfeuer aus. Die Kinder sammelten Reisig, und Tom entzündete das Feuer. Dann nahm er den Kochtopf und machte sich auf die Suche nach einem Bach. Nach einer Weile kehrte er zurück; der Topf war mit eiskaltem Wasser gefüllt. Martha sammelte Kastanien auf, die vom Baum gefallen waren, und Agnes zeigte ihr, wie man sie schälen und das weiche Innere zu einem groben Mehl zermahlen konnte, mit dem sich die Steckrübensuppe ein wenig andicken ließ. Tom schickte Alfred nach mehr Feuerholz aus, während er selbst einen Stock zur Hand nahm und im Falllaub herumzustochern begann. Er hoffte, einen Igel oder ein Eichhörnchen im Winterschlaf aufzustöbern; es hätte die Suppe ein bisschen angereichert. Aber er hatte kein Glück.

Langsam senkte sich die Dunkelheit über die Wälder herab. Tom setzte sich neben Agnes ans Feuer.

»Haben wir noch Salz?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Du isst den Brei schon seit Wochen ohne Salz. Ist dir das noch nicht aufgefallen?«

»Nein.«

»Hunger ist der beste Koch.«

»Nun, davon haben wir mehr als genug.« Tom war auf einmal müde. Zu viele Enttäuschungen hatte er in den vergangenen Monaten erfahren. Er empfand sie als eine schwere Last. Er konnte einfach nicht länger den Tapferen spielen. Tiefe Niedergeschlagenheit lag in seiner Stimme, als er Agnes fragte: »Was ist nur schiefgegangen, Agnes?«

»Alles«, antwortete sie. »Du hattest schon im letzten Winter keine Arbeit. Im Frühjahr bekamst du dann welche, und dann ließ die Tochter des Grafen die Verlobung platzen, und Lord William verzichtete auf das neue Haus. Dass wir uns damals entschlossen, noch zu bleiben und bei der Ernte zu helfen, war ein Fehler.«

»Ja, das stimmt. Im Sommer hätte ich woanders viel eher eine Arbeit gefunden als im Herbst.«

»Und dann kam der frühe Wintereinbruch. Doch selbst den hätten wir noch überstanden, wenn uns das Schwein nicht gestohlen worden wäre.«

Tom nickte trübsinnig. »Mein einziger Trost ist der, dass der Dieb nun alle Qualen der Hölle über sich ergehen lassen muss.«

»Hoffentlich.«

»Zweifelst du etwa daran?«

»Die Priester wissen gar nicht so viel, wie sie immer vorgeben. Mein Vater war schließlich auch einer …«

Tom konnte sich noch sehr gut an seinen Schwiegervater erinnern. Eine Mauer der Gemeindekirche war eingestürzt und konnte nicht mehr ausgebessert werden. Er, Tom, hatte den Auftrag erhalten, eine neue zu errichten. Zu heiraten war den Priestern untersagt, doch jener Priester hatte eine Haushälterin, und die Haushälterin hatte eine Tochter. Im Dorf war es ein offenes Geheimnis, dass der Priester der Vater des Kindes war. Agnes war keine Schönheit, schon damals nicht, doch sie schien vor Energie und Tatkraft schier zu bersten, und ihre Haut hatte den schimmernden Glanz der Jugend. Sie besuchte Tom auf der Baustelle und unterhielt sich mit ihm. Manchmal presste der Wind ihr das Kleid hautnah an den Leib, sodass Tom die Formen ihres Körpers sehen konnte, als ob sie nackt gewesen wäre, sogar den Nabel. Eines Nachts kam sie zu ihm in seine kleine Hütte, legte ihm die Hand auf den Mund, um ihn am Reden zu hindern, und zog dann ihr Kleid aus, sodass er sie nackt im Mondlicht sehen konnte. Da nahm er ihren starken, jungen Körper in die Arme, und sie liebten sich.

»Wir waren beide noch völlig unerfahren«, sagte er laut.

Agnes wusste sofort, woran er dachte, doch ihr Lächeln hielt nicht lange vor. »Es ist so lange her«, sagte sie.

»Können wir jetzt essen?«, fragte Martha.

Tom knurrte der Magen, als ihm der Geruch der Suppe in die Nase stieg. Er tauchte seinen Napf in die blubbernde Flüssigkeit und fischte ein paar Rübenscheibchen mit dünnem Brei heraus. Mit der stumpfen Seite seines Messers prüfte er die Rüben. Sie waren noch nicht ganz durch, aber er wollte die anderen nicht länger warten lassen. Alfred und Martha bekamen ihre Näpfe gefüllt, dann war Agnes an der Reihe.

Sie wirkte sehr erschöpft und hing ihren Gedanken nach, als Tom ihr den Napf reichte. Bevor sie die Suppe an die Lippen hob, blies sie hinein, um sie ein wenig zu kühlen.

Die Kinder waren rasch fertig und baten um einen Nachschlag. Tom schützte seine Hände mit dem Mantelsaum, nahm den Topf vom Feuer und teilte den Rest der Suppe unter Alfred und Martha auf.

Als er zu Agnes zurückkehrte, fragte sie ihn: »Und du?«

»Ich esse morgen was«, gab er zur Antwort.

Sie war zu müde, um zu widersprechen.

Tom und Alfred schürten das Feuer und sammelten gemeinsam Holz für die Nacht. Dann wickelten sie sich in ihre Mäntel und legten sich ins Laub.

Tom fiel in einen unruhigen Schlaf. Als er Agnes stöhnen hörte, war er sofort hellwach.

»Was ist los?«, flüsterte er.

Wieder stöhnte sie auf. Ihr Gesicht war bleich, die Augen hielt sie geschlossen. Nach einer Weile antwortete sie: »Das Kind kommt.«

Tom schlug das Herz bis zum Hals. Nicht hier, dachte er, nicht hier auf dem gefrorenen Boden mitten im Wald. »Es ist doch noch gar nicht fällig«, sagte er.

»Es kommt vor der Zeit.«

Tom gab sich alle Mühe, ruhig und besonnen zu klingen. »Ist das Wasser schon abgegangen?«

»Schon kurz hinter der Hütte des Jagdaufsehers.« Agnes keuchte, die Augen waren noch immer geschlossen.

Tom erinnerte sich, dass sie plötzlich im Gebüsch verschwunden war. Er hatte geglaubt, ein natürliches Bedürfnis habe sie überkommen. »Hast du Wehen?«

»Ja, die ganze Zeit schon.«

Es passte zu ihr, dass sie kein Wort darüber verloren hatte. Inzwischen waren auch Alfred und Martha erwacht. »Was ist denn los?«, fragte Alfred.

»Das Kind kommt«, sagte Tom.

Martha brach in Tränen aus.

Tom runzelte die Stirn. »Meinst du, du schaffst es noch zurück bis zur Försterhütte?«, fragte er Agnes. Dort gab es wenigstens ein Dach, ein bisschen Stroh zum Daraufliegen – und jemanden, der ihnen helfen konnte.

Agnes schüttelte den Kopf.

»Dann wird es also nicht mehr lange dauern.« Sie befanden sich im einsamsten Teil des Waldes. Den ganzen Tag über hatten sie kein Dorf gesehen, und der Jagdaufseher hatte gemeint, sie würden auch am kommenden Tag keines zu Gesicht bekommen. Es bestand nicht die geringste Aussicht, eine Frau zu finden, die etwas von der Hebammenkunst verstand. Er selbst würde Agnes entbinden müssen, hier draußen in der Kälte, und nur die Kinder würden ihm beistehen. Und falls es Schwierigkeiten gab … Er hatte keinerlei Medizin – und keine Ahnung dazu.

Es ist alles meine Schuld, dachte er bei sich. Ich habe sie geschwängert, ich habe sie ins Elend gebracht. Sie hat sich auf mich verlassen, und nun muss sie das Kind mitten im Winter unter freiem Himmel auf die Welt bringen! Männer, die Kinder in die Welt setzten und sie später verhungern ließen, hatte Tom zeitlebens verachtet. Jetzt musste er einsehen, dass er selbst um keinen Deut besser war. Er empfand tiefe Scham.

»Ich bin so müde«, sagte Agnes, »ich glaube, ich schaffe es nicht. Ich möchte Ruhe, nur Ruhe …« Ein dünner Schweißfilm ließ ihr Gesicht im Feuerschein erglänzen.

Ich muss mich zusammenreißen, dachte Tom. Ich muss ihr Mut zusprechen, damit sie bei Kräften bleibt. »Ich helfe dir«, sagte er. Es war im Grunde nichts Besonderes oder Geheimnisvolles, was ihnen jetzt bevorstand; er selbst hatte schon mehrmals miterlebt, wie Kinder auf die Welt kamen. Die Hebammenarbeit freilich war normalerweise Frauensache: Frauen wussten, wie der werdenden Mutter zumute war; sie konnten daher auch besser auf sie eingehen. Nichts sprach jedoch dagegen, dass im Notfall auch ein Mann den nötigen Beistand leistete.

»Mir ist kalt«, sagte Agnes.

»Komm näher ans Feuer«, antwortete er, zog seinen Umhang aus und breitete ihn gleich neben dem Feuer auf den Boden. Agnes versuchte aufzustehen. Tom nahm sie auf die Arme und bettete sie vorsichtig auf das neue Lager. Dann kniete er neben ihr nieder. Unter ihrem Winterumhang trug sie eine von oben bis unten durchgeknöpfte Wolltunika. Tom öffnete zwei Knöpfe und ließ seine Hände hineingleiten. Agnes hielt die Luft an.

»Tut es weh?«, fragte er erschrocken.

»Nein«, erwiderte sie und lächelte. »Deine Hände sind so kalt.«

Er tastete ihren Bauch ab. Die Schwellung war höher und spitzer als in der Nacht zuvor, als sie auf einem Haufen Stroh in der Bauernhütte geschlafen hatten. Tom verstärkte den Druck und konnte knapp unterhalb des Nabels das ungeborene Kind spüren. »Ich glaub, ich fühle das Hinterteil, aber nicht den Kopf.«

»Das kommt, weil es herauswill«, erwiderte Agnes. Tom wickelte sie wieder in ihren Umhang und deckte sie zu. Es war höchste Zeit, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Er sah sich nach den Kindern um. Martha schniefte; Alfred schien sich zu fürchten. Er musste den beiden etwas zu tun geben.

»Alfred, nimm den Kochtopf, und geh zum Bach. Wasch ihn säuberlich aus, und füll ihn mit frischem Wasser. Du, Martha, sammelst ein paar Schilfhalme und flichtst mir daraus zwei Schnüre, beide lang genug für eine Schlinge. Macht schnell! Wenn der Morgen graut, habt ihr ein neues Geschwisterchen.«

Die Kinder verschwanden. Tom zog sein Essmesser und schärfte es an seinem Schleifstein. Als Agnes erneut aufstöhnte, legte er das Messer beiseite und hielt ihre Hand.

So hatte er auch bei der Geburt der anderen Kinder neben ihr gesessen: Alfred, Matilda – die im Alter von zwei Jahren gestorben war –, dann Martha und zuletzt der kleine Junge, der tot auf die Welt kam; Tom hatte insgeheim schon beschlossen gehabt, ihn Harold zu nennen. Doch bei jeder Geburt hatten Agnes kundige Frauen mit Rat und Tat zur Seite gestanden – bei Alfred noch ihre eigene Mutter, bei Matilda und Harold die Hebamme des Dorfes und bei Martha keine Geringere als die Gutsherrin. Diesmal hing alles an ihm – und er durfte sich seine Besorgnis nicht anmerken lassen, sondern musste ihr trotz der widrigen Umstände Mut und Zuversicht einflößen.

Ein Wehenkrampf ging vorüber, und Agnes entspannte sich.

»Erinnerst du dich noch an Marthas Geburt, als Lady Isabella Hebamme spielte?«, fragte Tom.

Agnes lächelte. »Ja, ich weiß es noch genau. Du hast damals eine Kapelle für den Lord gebaut und sie gebeten, ihre Magd nach der Hebamme zu schicken …«

»… worauf Lady Isabella antwortete: ›Nach dieser trunkenen alten Hexe? Der würde ich nicht einmal erlauben, einen Wurf Wolfshunde zu entbinden!‹ Und dann hat sie uns in ihre eigene Schlafkammer gebracht. Lord Robert konnte erst zu Bett gehen, als Martha geboren war.«

»Sie war eine gute Frau.«

»Ladys wie sie gibt es nicht viele.«

Alfred kam mit dem Wassertopf zurück. Tom stellte ihn in die Glut, nicht über die offene Flamme. Das Wasser sollte nicht kochen, sondern nur heiß werden. Agnes holte aus ihrem Umhang einen kleinen Leinenbeutel, in dem sie einige saubere Tücher bereithielt.

Martha kam mit einer Handvoll Schilfhalme zurück und begann sie zu flechten. »Wozu brauchst du die Schnüre?«, fragte sie.

»Zu etwas sehr Wichtigem«, sagte Tom. »Du wirst es schon sehen. Achte darauf, dass sie gut und fest werden.«

Alfred wirkte unruhig; ihm war offensichtlich nicht wohl in seiner Haut. »Los, hol noch mehr Holz, Junge!«, sagte Tom. »Wir wollen das Feuer größer machen.« Alfred verschwand, froh darüber, dass er etwas zu tun bekam.

Jetzt kam eine heftige Wehe. Die Anstrengung, die es Agnes kostete, das Kind aus ihrem Schoß zu pressen, zeichnete ihr Gesicht, und sie ächzte wie ein sturmgeschüttelter Baum. Tom sah, dass sie alles gab, was ihr an körperlichen Kräften noch verblieben war. Wie gern hätte er ihr geholfen, hätte die Wehen selbst auf sich genommen, es ihr leichter gemacht!

Endlich schienen die Schmerzen ein wenig nachzulassen, und Tom atmete tief durch. Agnes war in eine Art Halbschlaf gefallen.

Alfred brachte einen Armvoll Feuerholz.

Agnes war auf einmal wieder hellwach. »Mir ist so kalt«, klagte sie.

»Schüre das Feuer, Alfred«, sagte Tom. »Und du, Martha, legst dich neben deine Mutter und wärmst sie.« Die Kinder gehorchten mit furchtsamem Blick. Zitternd vor Kälte, nahm Agnes Martha in die Arme und zog sie an sich.

Die Sorge um Agnes machte Tom fast krank. Das Feuer loderte hoch auf, doch die Luft wurde immer kälter. Sie war jetzt schon so kalt, dass sie imstande war, das Neugeborene bei seinem ersten Atemzug zu töten. Dass Kinder im Freien auf die Welt kamen, war an sich nichts Ungewöhnliches und geschah vor allem während der Erntezeit, wenn die Frauen bis zur letzten Minute auf den Feldern draußen arbeiteten, gar nicht selten. Doch zur Erntezeit war die Erde trocken, das Gras weich und die Luft lau. Von einer Wintergeburt unter freiem Himmel hatte Tom noch nie gehört.

Agnes stützte sich auf ihre Ellbogen und spreizte die Beine.

»Was ist?«, fragte Tom mit Furcht in der Stimme, doch Agnes brachte vor Anstrengung kein Wort heraus.

»Alfred, knie dich hinter deine Mutter auf den Boden, sodass sie sich anlehnen kann!«

Kaum hatte Alfred die ihm zugewiesene Stellung eingenommen, öffnete Tom Agnes’ Umhang und knöpfte ihre Tunika auf. Er kniete zwischen ihren Beinen nieder und sah die Haare auf dem Kopf des Kindes. »Jetzt ist es bald vorüber, Liebling«, murmelte er beruhigend.

Agnes entspannte sich wieder, schloss die Augen und lehnte sich zurück. Im Wald war es ganz still, nur das Prasseln des Feuers war zu hören. Tom fiel plötzlich wieder ein, dass auch die verfemte Ellen ihr Kind im Freien geboren hatte, ohne jede Hilfe. Es musste entsetzlich gewesen sein. Sie hatte von ihrer Angst erzählt, dass ein Wolf hätte kommen und ihr in ihrer Hilflosigkeit das Neugeborene wegschnappen können … In diesem Winter, so hieß es, waren die Wölfe von besonderer Kühnheit. Allerdings war kaum damit zu rechnen, dass sie eine Gruppe von vier Menschen angriffen.

Die nächste Wehe kam, und auf Agnes’ schmerzverzerrtem Gesicht bildeten sich neue Schweißperlen. Jetzt ist es so weit, dachte Tom. Wieder konnte er im flackernden Licht das feuchte schwarze Kopfhaar des Kindes erkennen. Er wollte beten, doch dazu war nun keine Zeit mehr. Agnes’ Atem ging hastig, stoßweise. Immer weiter kam der Kopf zum Vorschein. Tom sah schon die faltige Nackenhaut.

»Der Kopf ist da«, sagte er. Agnes entspannte sich wieder etwas. Langsam drehte Tom das Kind um, sodass die geschlossenen Augen und der mit Blut und Schleim verschmierte Mund des Kindes zu sehen waren.

»O seht doch!«, rief Martha. »Schaut euch das kleine Gesichtchen an!«

Agnes hörte es und lächelte, doch schon kündigte sich die nächste Wehe an. Die Schultern erschienen, erst die eine, dann die andere, und Tom beugte sich vor und hielt den kleinen Kopf mit der linken Hand. Der Rest des Körpers kam mit einem Schwung. Tom hielt die Rechte unter die Hüften des Kindes, als die winzigen Beinchen in die kalte Welt glitten.

»Gib mir jetzt die Bänder, die du geflochten hast«, sagte Tom zu Martha. »Gleich wirst du sehen, wozu man sie braucht.«

Sie reichte ihm die geflochtenen Halme. Tom band an zwei Stellen die Nabelschnur ab, nahm sein Messer zur Hand und durchtrennte sie zwischen den beiden Knoten.

Tom hob das Kind hoch und betrachtete es von allen Seiten. Es war voller Blut, sodass er schon das Schlimmste fürchtete, doch als er genauer hinsah, fanden sich keinerlei Verletzungen.

Das Kind war ein Junge.

»Das sieht ja furchtbar aus«, sagte Martha.

»Der ist gesund und munter«, sagte Tom, ganz schwach vor Erleichterung. »Ein Prachtkerl!«

Das Kind öffnete den Mund und fing an zu schreien.

Tom sah sich nach Agnes um. Sie lächelten einander zu. Er zog das winzige Wesen an seine Brust. »Martha, hol ein Schüsselchen Wasser aus dem Topf.« Das Mädchen sprang auf, um seinen Wunsch zu erfüllen. »Agnes, wo sind die Tücher?« Agnes deutete auf den Leinenbeutel, der neben ihrer Schulter auf der Erde lag. Alfred nahm ihn auf und reichte ihn seinem Vater. Sein Gesicht war tränenüberströmt; es war das erste Mal, dass er eine Geburt miterlebte.

Tom tauchte ein Tuch in die Schüssel und wusch dem Kleinen vorsichtig Blut und Schleim aus dem Gesicht. Agnes knöpfte das Oberteil ihrer Tunika auf, und Tom legte ihr den brüllenden Säugling in den Arm.

Dann setzte er sich erleichtert nieder. Sie hatten es geschafft! Das Schlimmste war überstanden und das Kind wohlauf. Er war stolz.

Agnes legte sich das Kind an den Busen. Das Schreien hörte auf, als der winzige Mund die Brustwarze fand und zu saugen begann.

»Woher weiß das Kindchen, dass es saugen muss?«, fragte Martha erstaunt.

»Das ist ein unergründliches Rätsel«, sagte Tom, gab ihr die Schüssel und fügte hinzu: »Hol deiner Mutter frisches Wasser. Sie möchte sicher etwas zu trinken.«

»O ja«, stimmte Agnes dankbar zu, als hätte sie eben erst gemerkt, wie durstig sie war. Als Martha ihr das Wasser brachte, trank sie die Schüssel in einem Zug leer. »Oh, tut das gut«, sagte sie. »Vielen Dank!«

Sie betrachtete den Säugling an ihrer Brust. Dann sah sie Tom an. »Du bist ein guter Mann«, sagte sie mit leiser Stimme. »Ich liebe dich.«

Tom spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. Er lächelte ihr zu. Doch dann fiel ihm auf, dass sie nach wie vor ziemlich stark blutete. Die verschrumpelte Nabelschnur, die noch immer aus ihrem Schoß hing, kringelte sich in einer kleinen Blutlache auf Toms Umhang.

Kurz darauf fragte Martha ihren Vater: »Wartest du noch auf etwas?«

»Ja«, erwiderte Tom. »Auf die Nachgeburt.«

»Was ist das?«

»Du wirst’s schon sehen.«

Mutter und Kind ruhten eine Weile. Dann schlug Agnes unvermittelt die Augen auf. Ihre Muskeln verkrampften sich, und der Mutterkuchen erschien. Tom nahm ihn auf und betrachtete ihn. Er sah aus wie vom Hackbrett des Schlachters gefallen und war auf einer Seite eingerissen. Man hätte meinen können, dass ein Stück fehlte, doch war Tom sich dessen nicht sicher, schließlich hatte er nie zuvor eine Nachgeburt so genau angesehen. Wahrscheinlich war das immer so – irgendwie musste sie sich ja schließlich vom Körper losgerissen haben.

Er warf die Nachgeburt ins Feuer. Ein unangenehmer Geruch entströmte ihr, als die Flammen sie erfassten. Sie einfach in den Wald zu werfen war nicht ratsam; sie hätte Füchse oder gar Wölfe anlocken können.

Agnes blutete immer noch. Dass mit der Nachgeburt stets ein Blutschwall abging, war Tom noch geläufig, nur erinnerte er sich nicht an solche Mengen. Er wusste jetzt, dass die Krise noch nicht überstanden war. Vor Hunger und Erschöpfung schwindelte ihn, doch der Anfall war nur von kurzer Dauer. Er riss sich zusammen.

»Du blutest noch immer ein bisschen«, sagte er zu Agnes, wobei er sich bemühte, seine Sorge nicht durchklingen zu lassen.

»Das hört sicher bald auf«, sagte sie. »Deck mich zu.«

Tom knöpfte ihr das Oberteil der Tunika zu und wickelte ihr den Umhang um die Beine.

»Kann ich mich jetzt etwas ausruhen?«, fragte Alfred.

Er kniete noch immer hinter Agnes und stützte sie. Er hat so lange in derselben Stellung verharrt, dass ihm alle Glieder abgestorben sein müssen, dachte Tom und sagte: »Ich löse dich ab.« Für Agnes, die ja den Säugling halten musste, war es bequemer, halb aufgerichtet zu bleiben. Außerdem hielt der Körper des Stützenden ihren Rücken warm und schützte sie vor dem Wind. Tom und Alfred tauschten die Plätze. Alfred streckte ächzend seine jungen Beine. Tom legte die Arme um Agnes und das Kind. »Wie geht es dir?«, fragte er.

»Ich bin entsetzlich müde.«

Der Säugling schrie. Agnes legte ihn aufrecht, sodass er ihre Brust finden konnte. Während das Kind zu nuckeln begann, schlief sie ein.

Tom war beunruhigt. Die Erschöpfung nach einer Geburt war normal, doch Agnes’ ungewöhnliche Teilnahmslosigkeit machte ihm Sorgen. Sie war zu schwach.

Der Säugling schlief, und nach einer Weile schliefen auch die anderen beiden Kinder ein. Martha kuschelte sich an Agnes, Alfred streckte sich auf der anderen Seite der Feuerstelle aus. Tom hielt Agnes in den Armen und streichelte sie sanft, hin und wieder küsste er ihren Scheitel. Er spürte, wie sich ihr Körper zunehmend entspannte und immer tiefer in Schlaf sank. Wahrscheinlich ist es das Beste für sie, dachte er. Er berührte ihre Wange. Obwohl er alles getan hatte, um sie warmzuhalten, war die Haut kalt und klamm. Er suchte den Säugling unter ihrem Gewand und legte ihm die Hand auf die Brust. Das Kind war warm, sein Herz schlug fest und regelmäßig. Tom lächelte. Ein kräftiges Kind, dachte er. Stark genug zum Überleben.

Agnes regte sich. »Tom?«

»Ja?«

»Erinnerst du dich an die Nacht, als ich zu dir in deine Hütte kam? Damals, als du an der Kirche meines Vaters gearbeitet hast?«

»O ja, natürlich«, sagte er und tätschelte sie. »Wie könnte ich diese Nacht jemals vergessen?«

»Ich habe es nie bereut, dass ich deine Frau geworden bin. Nicht ein einziges Mal. Und jedes Mal, wenn ich an diese Nacht zurückdenke, fühle ich mich froh und glücklich.«

Er lächelte. Es tat ihm gut. »Mir geht es genauso«, sagte er. »Ich bin froh, dass du damals zu mir gekommen bist.«

Sie schwieg, verloren in ihren Gedanken. Dann sagte sie: »Ich hoffe, du wirst eines Tages deine Kathedrale bauen.«

Tom war überrascht. »Ich dachte, du wärst dagegen.«

»War ich auch, aber das war nicht recht. Du verdienst etwas Schönes.«

Er verstand nicht, was sie damit meinte.

»Bau eine schöne Kathedrale für mich.«

Sie wusste nicht, was sie sagte. Tom war froh, als sie wieder einschlief. Diesmal wurde ihr Körper ganz schlaff, und ihr Kopf fiel zur Seite. Hätte Tom ihn nicht festgehalten, wäre der Säugling ihr von der Brust gefallen.

So lagen sie eine lange Zeit. Schließlich fing das Kind wieder an zu schreien, doch Agnes reagierte nicht darauf. Alfred wurde von dem Geschrei geweckt; er drehte sich nach seinem kleinen Bruder um.

Tom rüttelte Agnes vorsichtig. »Wach auf!«, sagte er. »Der Kleine hat Hunger.«

»Vater!«, rief Alfred mit erstickter Stimme. »Ihr Gesicht!«

Eine böse Vorahnung beschlich Tom. Sie hatte zu stark geblutet. »Agnes!«, wiederholte er. »Wach auf!« Sie rührte sich nicht. Sie musste das Bewusstsein verloren haben. Tom erhob sich und ließ ihren Oberkörper sanft zu Boden gleiten, bis sie flach auf dem Rücken lag. Ihr Gesicht war gespenstisch bleich.

Mit dem Schlimmsten rechnend, wickelte Tom den um ihre Hüften geschlungenen Umhang auf.

Überall war Blut.

Alfred hielt den Atem an und wandte sich ab.

»Lieber Herr Jesus, steh uns bei!«, flüsterte Tom.

Das Geschrei des Säuglings hatte inzwischen auch Martha geweckt. Sie sah das Blut und fing an zu kreischen. Tom packte sie und schlug ihr ins Gesicht. Sie war sofort still. »Kein Geschrei!«, befahl er ruhig und gab sie wieder frei.

Alfred fragte: »Stirbt Mutter?«

Tom legte Agnes die Hand auf die Haut unterhalb ihrer linken Brust. Er spürte nichts.

Das Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Tom verstärkte den Druck seiner Hand. Agnes’ Haut war warm, und er spürte die Schwere ihrer Brust. Aber sie atmete nicht mehr, und das Herz stand still.

Wie Nebel senkte sich eine dumpfe Kälte um Tom. Agnes war von ihm gegangen. Er starrte in ihr Gesicht. Wie war es möglich, dass sie nicht mehr bei ihnen war? Er wollte, dass sie sich bewegte, die Augen aufschlug, ein- und ausatmete. Er ließ seine Hand auf ihrer Brust liegen. Es hieß, dass stillstehende Herzen mitunter wieder zu schlagen begannen … Aber sie hatte so viel Blut verloren.

Er sah Alfred an. »Mutter ist tot«, flüsterte er.

Alfred starrte ihn begriffsstutzig an, Martha fing an zu weinen. Auch der Säugling wimmerte. Ich muss mich um die Kinder kümmern, dachte Tom. Ich darf jetzt keine Schwäche zeigen.

Insgeheim jedoch empfand er ein fast unstillbares Bedürfnis danach zu weinen. Er wollte die Tote umarmen, bis der Körper kalt und steif war. Er wollte an das junge Mädchen Agnes denken, an die lachende Frau, an die Frau, die er leidenschaftlich geliebt hatte. Er wollte seine Wut aus sich herausschluchzen und die Fäuste recken gegen den unbarmherzigen Himmel. Aber er versagte es sich und wappnete sein Herz. Er durfte jetzt unter keinen Umständen den Kopf verlieren, sondern musste Stärke zeigen – der Kinder wegen.

Keine Träne trat ihm in die Augen.

Was ist jetzt zu tun, fragte er sich.

Wir müssen ein Grab schaufeln.

Ich muss ein tiefes Loch graben und Agnes hineinlegen, damit sie von den Wölfen verschont bleibt und ihre Gebeine am Tag des Jüngsten Gerichtes wiederauferstehen können. Am Grab muss ich für ihre Seele beten. O Agnes, warum hast du mich verlassen?

Der Säugling schrie unentwegt. Seine Augen waren fest geschlossen, der Mund öffnete und schloss sich regelmäßig, als schöpfe er Kraft aus der Luft. Er brauchte unbedingt Nahrung. Agnes’ Brüste waren voller warmer Milch. Warum nicht, dachte Tom und bettete das Kind so, dass es eine Brustwarze erreichen konnte. Es begann sofort zu saugen.

Martha sah mit großen Augen zu und lutschte dabei am Daumen.

»Halt das Kind fest, sodass es nicht herunterfällt!«, trug Tom ihr auf.

Sie nickte und kniete neben der Toten und dem Kind nieder.

Tom holte den Spaten. Agnes hatte den Ruheplatz unter der großen Rosskastanie selbst ausgewählt. Wohlan – so sollte er auch zu ihrer letzten Ruhestätte werden. Er schluckte und überwand den schier unwiderstehlichen Drang, sich einfach auf den Boden zu setzen und zu weinen. Einige Schritte vom Stammgrund entfernt – weit genug, um das Wurzelwerk nicht zu verletzen – kratzte er ein Rechteck in die Erde. Dann fing er an zu graben.

Die Arbeit tat ihm gut. Indem er all seinen Willen und all seine Konzentration darauf verwandte, den Spaten ins frostharte Erdreich zu treiben, gelang es ihm, alle anderen Gedanken zu vergessen und neue innere Kraft zu schöpfen. Ab und zu ließ er sich von Alfred ablösen, dem die eintönige körperliche Arbeit ebenfalls einen gewissen Trost verschaffte. Sie gruben, so schnell sie konnten, und gerieten bald trotz der bitteren Kälte ins Schwitzen.

Irgendwann fragte Alfred: »Meinst du nicht, es ist groß genug?«

Tom nickte widerstrebend. Am liebsten hätte er weitergegraben, doch das Loch war inzwischen schon fast mannstief. »Ja, das genügt«, sagte er und kletterte hinaus.

Inzwischen dämmerte der Morgen herauf. Martha hatte den Säugling aufgenommen. Sie saß am Feuer und wiegte ihn auf den Armen. Tom kniete neben Agnes nieder und wickelte sie fest in ihren Umhang, achtete jedoch darauf, dass das Gesicht frei blieb. Dann hob er sie auf, legte sie neben das Grab, stieg wieder in die Grube und holte sie zu sich. Er bettete sie behutsam auf die Erde und kniete neben ihr in ihrem kalten Grab. Sanft küsste er sie noch einmal auf die Lippen, dann schloss er ihr die Lider.

Er kletterte wieder hinaus. »Kommt her, Kinder«, sagte er.

Alfred und Martha stellten sich neben ihn, und Tom legte seine Arme um sie. Martha hielt den Säugling im Arm. Sie starrten in das Grab. »Sagt jetzt: ›Gott segne unsere Mutter.‹!«, befahl er.

Die Kinder sagten: »Gott segne unsere Mutter.«

Martha schluchzte, und Alfreds Augen waren tränenfeucht. Tom drückte sie an sich und schluckte seine eigenen Tränen.

Als die erste Schaufel Erde ins Grab fiel, schrie Martha auf. Alfred nahm seine Schwester in die Arme, Tom schaufelte weiter. Der Gedanke, Erde auf Agnes’ Gesicht werfen zu müssen, war ihm unerträglich, und so bedeckte er zunächst ihre Füße, dann ihre Beine und ihren Rumpf, und er türmte die Erde so hoch, dass sie bald einen großen Hügel bildete, der sich mit jeder neu hinzukommenden Schaufel verbreiterte. Die Erde rieselte über den Hals, den Mund, den er geküsst hatte, und schließlich war das Gesicht auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Rasch füllte Tom das Grab auf.

Als er fertig war, verstreute er die restliche Erde, sodass sich das Grab nicht mehr von der Umgebung abhob. Den Outlaws hier im Wald war durchaus zuzutrauen, dass sie es in der Hoffnung, einen Ring an der Leiche zu finden, wieder aufscharrten.

Dann stand er neben dem Grab. »Leb wohl, meine Liebe«, flüsterte er. »Du warst eine gute Frau. Ich liebe dich.«

Mit Mühe riss er sich los.

Sein Umhang lag noch immer dort, wo er Agnes entbunden hatte. Die untere Hälfte war getränkt mit geronnenem, trocknendem Blut. Tom nahm sein Messer zur Hand, schnitt den Umhang in der Mitte durch und warf die blutgetränkte Hälfte ins Feuer.

Martha hielt nach wie vor den Säugling im Arm. »Gib ihn mir!«, sagte Tom. Martha sah ihn an, die Augen voller Furcht. Tom wickelte den nackten Säugling in die unbefleckte Hälfte des Umhangs. Das Kind schrie. Zu Alfred und Martha, die ihn mit stumpfen Blicken anglotzten, sagte er: »Wir haben keine Milch, um ihn am Leben zu halten. Er muss hierbleiben, bei seiner Mutter.«

»Aber da stirbt er doch!«, rief Martha.

»Ja«, sagte Tom mit gepresster Stimme. »Er stirbt auf jeden Fall, wie immer wir uns verhalten.« Er wünschte, der Säugling hörte auf zu schreien.

Er sammelte seine Habseligkeiten zusammen, steckte sie in den Kochtopf und schnallte sich den Topf auf den Rücken, ganz so, wie Agnes es immer getan hatte.

»Lasst uns gehen«, sagte er.

Martha fing an zu schluchzen. Alfreds Gesicht war totenbleich. Im grauen Licht eines kalten Morgens brachen sie auf. Das Geschrei des Kindes wurde leiser und leiser, bis es schließlich nicht mehr zu hören war.

Es hätte nichts genützt, noch länger am Grab zu bleiben. Die Kinder hätten kein Auge mehr zugetan, und den Rest der Nacht am Grab zu wachen wäre sinnlos gewesen. Es war gut, dass sie wieder unterwegs waren; es lenkte sie ab.

Tom schlug einen schnellen Schritt an, doch seine Gedanken waren nun frei und ließen sich nicht mehr bändigen. Gehen, gehen … sie konnten nichts anderes tun als gehen. Es gab keinerlei Vorbereitungen zu treffen, keine Arbeit, kein Ziel und nichts zu sehen als einen düsteren Wald und zittrige Schatten im Fackelschein. Immer wieder dachte er an Agnes, an dieses oder jenes gemeinsame Erlebnis, und bei manchen Erinnerungen, die sich einstellten, lächelte er und drehte sich nach ihr um, um ihr zu sagen, woran er gerade gedacht hatte … Da traf ihn dann jedes Mal die Erkenntnis, dass sie gestorben war, wie ein Schlag. Er war vollkommen durcheinander, als sei etwas gänzlich Unbegreifliches geschehen, obwohl es zu den natürlichsten Dingen der Welt gehörte, dass Frauen ihres Alters im Kindbett starben und Ehemänner seines Alters als Witwer zurückließen. Das Gefühl des Verlusts schwärte wie eine offene Wunde. Er hatte einmal gehört, dass Menschen, denen man an einem Fuß die Zehen abgeschnitten hatte, ständig hinfielen und das Gehen unter großen Mühen neu erlernen mussten. So ähnlich erging es ihm jetzt auch; es war, als hätte man ihm einen Teil seines Körpers amputiert, und er hatte sich mit der Endgültigkeit des Verlusts noch nicht abgefunden. Er versuchte, nicht mehr an Agnes zu denken, doch ließ sich die Erinnerung nicht abschütteln. Er sah sie vor sich, wie sie kurz vor ihrem Tod ausgesehen hatte … Es war schier unglaublich, dass sie vor wenigen Stunden noch gelebt hatte und nun unwiederbringlich von ihm gegangen war. Er sah ihr vom Geburtsschmerz verzerrtes Gesicht und das stolze Lächeln, als es vorüber war und sie den neugeborenen Sohn in den Armen hielt. Er hörte ihre Worte danach: Ich hoffe, du wirst eines Tages deine Kathedrale bauen. Und: Bau eine schöne Kathedrale für mich. Es waren die Worte einer Frau gewesen, die wusste, dass sie im Sterben lag.

Je weiter sie gingen, desto öfter musste Tom an den zurückgelassenen Säugling denken. In einen halben Mantel gehüllt, lag er auf dem frischen Grab. Wahrscheinlich lebte er noch, es sei denn, ein Fuchs hatte bereits seine Witterung aufgenommen. Auf jeden Fall würde er sterben, noch bevor es richtig Tag geworden war. Er würde noch ein wenig schreien und dann seine Augen schließen. Im Schlaf würde er erkalten und sein junges Leben aushauchen.

Es sei denn, ein Fuchs hätte ihn bereits gewittert …

Es gab nichts, was Tom für den Säugling hätte tun können. Um zu überleben, brauchte das Kind Milch, und Milch gab es keine. Es gab kein Dorf, wo man eine Amme hätte finden können, es gab weder ein Schaf noch eine Ziege oder eine Kuh. Alles, was Tom seinem jüngsten Sohn hätte geben können, waren Rüben, und die hätten das Kind mit ebenso großer Sicherheit umgebracht wie der Fuchs.

Weiter und weiter gingen sie, und immer mehr peinigte Tom der Gedanke an das ausgesetzte Kind. Es geschah oft genug, gewiss: Vor allem unter Bauern mit kleinen Höfen und großen Familien war Kindesaussetzung gang und gäbe, und manchmal sah sogar der Priester darüber hinweg. Aber ich gehöre nicht zu diesen Leuten, dachte Tom. Es wäre meine Pflicht gewesen, das Kind bis zu seinem Tode in den Armen zu halten und es dann zu begraben. Nicht, dass es einen Sinn gehabt hätte – aber nur so und nicht anders hätte sich ein rechtschaffener Mann verhalten müssen.

Inzwischen war es Tag geworden.

Tom blieb unvermittelt stehen.

Auch die Kinder gingen nicht weiter. Sie starrten ihn an und warteten, zu allem bereit, auf alles gefasst.

»Ich hätte das Kind nicht aussetzen dürfen«, sagte Tom.

»Aber wir können es nicht ernähren«, erwiderte Alfred. »Es muss ja doch sterben.«

»Trotzdem hätte ich es nicht aussetzen dürfen.«

»Lasst uns zurückgehen«, sagte Martha.

Tom zögerte noch. Es wäre ein Eingeständnis seiner Schuld. Aber es stimmte ja. Er hatte gesündigt.

Er drehte sich um. »Gut«, sagte er. »Gehen wir zurück.«

Alle Gefahren, die er zuvor als Hirngespinste hatte abtun wollen, waren auf einmal wieder greifbare, unmittelbare Drohungen. Gewiss hatte der Fuchs – oder sogar ein Wolf – den Säugling längst gewittert und ihn fortgeschleppt in sein Lager. Auch die Wildschweine waren gefährlich, obwohl sie keine Fleischfresser waren. Und die Eulen? Zwar waren Eulen kaum imstande, einen Säugling fortzutragen, aber sie konnten ihm gewiss die Augen aushacken …

Tom ging schneller. Er fühlte sich benommen vor Hunger und Erschöpfung. Martha musste rennen, um mit ihm Schritt zu halten, aber sie beklagte sich nicht.

Er fürchtete sich vor dem, was ihn am Grab seiner Frau erwartete. Raubtiere waren gnadenlos – und sie merkten es sofort, wenn ein Lebewesen wehrlos war.

Er wusste nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs waren, denn er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Der Wald rechts und links des Weges kam ihm völlig unbekannt vor, obwohl sie von dorther kamen. Schon hielt er angestrengt Ausschau nach dem Grab. Das Feuer musste eigentlich noch brennen … Sie hatten die Reiser so hoch geschichtet. Tom suchte nach der großen Rosskastanie, nach ihren unverwechselbaren Blättern im abgefallenen Laub. Der Weg machte eine Biegung, an die er sich nicht erinnern konnte, und Tom fragte sich in seiner Verwirrung bereits, ob sie nicht doch schon an Agnes’ Grab vorübergegangen waren, ohne es zu erkennen. Dann plötzlich glaubte er weit vor sich einen schwachen orangefarbenen Schimmer zu sehen.

Ihm war, als setze sein Herz aus. Er ging schneller und kniff die Augen zusammen. Ja, es war ein Feuer. Er fing an zu laufen. Er hörte Martha hinter sich aufschreien, als fürchte sie, er wolle sie im Stich lassen. »Wir sind da!«, rief er über die Schulter zurück. Die Kinder rannten hinter ihm her.

Keuchend erreichte er den Kastanienbaum. Das Feuer brannte munter vor sich hin. Da war der Stapel mit dem aufgeschichteten Holz, dort der dunkle Fleck, auf dem Agnes verblutet war. Und da war auch das Grab; es sah aus wie ein flaches, unbepflanztes Beet. Und auf dem Grab war – nichts.

Tom sah sich um. Er war vollkommen außer sich. Keine Spur von dem Säugling – nirgends. Seine Augen füllten sich mit Tränen der Verzweiflung. Selbst der halbe Umhang, in den er das Kind noch gewickelt hatte, war verschwunden … und dabei war das Grab gänzlich unberührt. Es gab keine Tierfährten auf dem weichen Boden, kein Blut, keine Schleifspuren …

Tom hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr richtig zu sehen. Auch sein Verstand schien ihn im Stich zu lassen. Er wusste jetzt, dass er den Säugling unter keinen Umständen hätte aussetzen dürfen. Erst wenn er die Gewissheit hätte, dass das Kind tot war, würde er Ruhe finden. Doch so, wie es aussah, ließ sich nicht ausschließen, dass das Kind noch lebte – irgendwo in der Nähe. Er beschloss, die Umgebung abzusuchen.

»Wo gehst du hin?«, fragte Alfred.

»Wir müssen das Kind suchen«, sagte Tom, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er schritt die kleine Lichtung ab, spähte ins Gebüsch. Noch immer fühlte er sich schwach und schwindelig. Er fand nichts, nicht den geringsten Hinweis auf die Richtung, in welcher der Wolf mit dem Neugeborenen verschwunden war. Es musste ein Wolf gewesen sein, er war jetzt ganz sicher. Und das Lager der Bestie war vermutlich nicht allzu weit entfernt.

»Wir müssen den Kreis erweitern«, sagte er zu den Kindern.

Er ging voran, und sie folgten ihm. Von Mal zu Mal wurde der Kreis um das Feuer größer. Tom ließ sich weder vom Unterholz noch vom dichten Buschwerk aufhalten. Obwohl er spürte, dass sein Geist sich zunehmend verwirrte, gelang es ihm, das einzig entscheidende Gebot der Stunde im Gedächtnis zu behalten: Er musste den Säugling finden. Trauer war ihm in diesen Augenblicken fremd; er empfand vielmehr eine wilde, wütende Entschlossenheit, genährt durch die furchtbare Erkenntnis der eigenen Schuld. Und so stolperte er durch den Wald, spähte verbissen in alle Richtungen und blieb alle paar Schritte stehen, um zu lauschen, ob irgendwo das unverkennbare Wimmern eines Neugeborenen zu hören war. Aber wann immer er und die Kinder innehielten und lauschten – sie hörten nichts als das Schweigen des Waldes.

Er wusste nicht mehr, wie viel Zeit seit Beginn ihrer Suche verstrichen war. Da sie im Kreis gingen, überquerten sie immer wieder den Weg, doch die Zeitspannen dazwischen wurden immer länger, und irgendwann verstärkte sich der Verdacht, dass sie ihn überhaupt nicht mehr erreichten. Tom fragte sich, wieso sie noch nicht an der Kate des Jagdaufsehers vorbeigekommen waren, und es keimte der Gedanke in ihm auf, dass sie vielleicht gar nicht mehr das Grab umkreisten, sondern sich längst verlaufen hatten und ziellos im Wald hin und her irrten. Im Grunde war es ihm gleichgültig – wichtig war lediglich, dass sie die Suche fortsetzten.

»Vater«, sagte Alfred.

Tom sah ihn ungnädig an; er wollte sich durch nichts und niemanden bei seiner Suche stören lassen. Alfred trug Martha, die anscheinend fest eingeschlafen war, auf dem Rücken. »Was gibt’s?«, fragte Tom.

»Können wir eine Pause machen?«

Tom zögerte. Er wollte keine Rast einlegen, aber Alfred sah aus, als sei er am Rande der Erschöpfung. »Gut«, antwortete er widerstrebend. »Aber nur eine ganz kurze.«

Sie befanden sich gerade an einem Hang, an dessen Fuß möglicherweise ein Bach floss. Tom hatte Durst. Er übernahm Martha und trug sie auf den Armen den Hang hinunter. Tatsächlich fand sich im Tal ein kleiner, klarer Bach mit eisumsäumten Ufern. Er legte Martha auf der Böschung ab, ohne dass sie aufwachte. Dann knieten Tom und Alfred nieder und schöpften mit den Händen das kalte Wasser.

Alfred legte sich neben Martha und schloss die Augen, während Tom sich umsah. Sie standen auf einer kleinen Lichtung, die ein Teppich aus abgefallenen Blättern bedeckte. Der Wald rundum bestand aus niedrigen, stämmigen Eichen, deren kahle Kronen sich zu einem engen Geflecht verdichteten. Tom überquerte die Lichtung. Er wollte hinter den Bäumen nach dem Kind suchen, doch am Waldrand versagten ihm die Beine den Dienst, und er musste sich setzen.

Es war inzwischen helllichter Tag, wenngleich die Sonnenstrahlen durch einen leichten Nebel gedämpft wurden. Seit Mitternacht schien es kaum wärmer geworden zu sein. Tom schlotterte vor Kälte, und ihm wurde klar, dass er die ganze Zeit ohne seinen Umhang umherlief. Er wusste nicht mehr, wo er ihm abhanden gekommen war. Entweder wurde auf einmal der Nebel dichter – oder mit seinen Augen war etwas nicht mehr in Ordnung, denn er konnte die Kinder auf der anderen Seite der Lichtung nicht mehr sehen. Er wollte aufstehen, doch seine Beine ließen ihn im Stich.

Kurz darauf brach die Sonne durchs Gewölk, und dann erschien der Engel.

Sie kam von Osten her über die Lichtung und trug einen langen Wintermantel aus gebleichter, nahezu weißer Wolle. Tom sah sie kommen, ohne Überraschung oder Neugier zu empfinden – er war längst jenseits von Verwunderung oder Furcht. Er sah ihr entgegen mit dem gleichen starren und leeren Blick, mit dem er zuvor die kräftigen Eichenstämme gemustert hatte. Ihr üppiges dunkles Haar umrahmte das ovale Gesicht, und der bodenlange Mantel verbarg ihre Füße, sodass man hätte meinen können, sie schwebe über das Laub.

Unmittelbar vor ihm blieb sie stehen. Ihre blassgoldenen Augen schienen ihm in die Seele zu schauen und seinen Schmerz zu verstehen. Sie kam ihm seltsam bekannt vor – so als ob er ein Bild dieses Engels erst kürzlich irgendwo in einer Kirche gesehen hätte.

Dann öffnete sie den Mantel. Darunter war sie nackt. Es war der durchaus weltliche Körper einer Frau von Mitte zwanzig, mit blasser Haut und rosigen Brustwarzen. Tom hatte bisher immer geglaubt, Engel in ihrer Reinheit seien frei von jeglicher Körperbehaarung. Dieser hier war offenbar eine Ausnahme.

Sie kniete vor ihm nieder, der er mit gekreuzten Beinen unter einer Eiche saß, beugte sich vor und küsste ihn auf den Mund. Die furchtbaren Erfahrungen der vergangenen Nacht hatten ihn so benommen gemacht, dass ihn selbst das nicht mehr überraschte. Sie schob seinen Oberkörper mit sanfter Gewalt zurück, bis er flach auf dem Rücken lag, und schmiegte ihren nackten Körper an ihn. Sogleich spürte er durch seine Tunika hindurch ihre Wärme, und dann hörte er auf zu zittern.

Sie nahm sein bärtiges Gesicht in die Hände und küsste ihn gierig, wie jemand, der nach einem langen, heißen Tag kühles Wasser gereicht bekommt. Dann glitten ihre Finger an seinen Armen entlang bis zu den Gelenken und führten seine Hände an ihre Brüste. Tom umfasste sie wie in Trance. Sie waren weich und nachgiebig, doch wurden die Brustwarzen unter seinen Fingerspitzen groß und hart.

Auf einmal schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er gestorben sein musste. Gewiss – das, was er gerade erlebte, entsprach nicht den herkömmlichen Vorstellungen vom Himmel, aber das war ihm gleichgültig. Auf sein Denk- und Wahrnehmungsvermögen war ohnehin schon seit Stunden kein Verlass mehr. Nun schwanden auch die letzten Reste von Verstand und Vernunft. Tom überließ sich ganz und gar seinem Körper, und dieser spannte sich und presste sich gegen den der Frau, zog Kraft aus ihrer Hitze und ihrer Nacktheit. Sie öffnete den Mund, ihre Zunge stieß vor und wurde bereitwillig von der seinen empfangen.

Plötzlich zog der Engel sich zurück und gab seinen Körper frei. Tom sah, wie sie den Rock seiner Tunika bis zur Gürtellinie hochschob und mit gespreizten Beinen über ihn kam. Als ihre Körper sich in qualvoller Wonne berührten, zögerte sie kurz, und ihre alles durchdringenden Augen suchten seinen Blick. Dann spürte er, wie er in sie eindrang. Es war ein Gefühl von so unendlicher Lust, dass er schier zu vergehen fürchtete. Sie bewegte ihre Hüften, lächelte und küsste sein Gesicht.

Nach einer Weile wurde ihr Atem heftiger, und Tom merkte, dass sie die Herrschaft über ihren Körper verlor. Er beobachtete sie voller Lust und Faszination. Im Rhythmus ihrer immer schneller werdenden Bewegungen stieß sie kurze, spitze Schreie aus. Ihre Ekstase berührte Tom im tiefsten Innern seiner verwundeten Seele, sodass er nicht wusste, ob er vor Verzweiflung weinen, vor Freude schreien oder hysterisch lachen sollte. Dann schüttelte die gemeinsame Lust sie wie Bäume im Sturm, wieder und wieder, bis endlich ihre Leidenschaft gesättigt war und der Engel auf seine Brust sank.

So lagen sie lange Zeit beieinander, und ihr heißer Körper wärmte ihn durch und durch. Er glitt in eine Art Dämmerzustand, mehr Tagträumerei denn Schlaf, und als er die Augen wieder öffnete, war er bei klarem Verstand.

Er betrachtete die junge schöne Frau über sich und wusste sofort, dass es sich nicht um einen Engel handelte, sondern um die verfemte Ellen, die ihnen damals, als der Wegelagerer ihr Schwein geraubt hatte, in diesem Teil der Wälder begegnet war. Sie spürte, dass er sich bewegte, öffnete die Augen und sah ihn an mit einem Blick, in dem sowohl Zuneigung als auch Furcht lag. Tom musste plötzlich an seine Kinder denken. Er schob Ellen sanft von sich und setzte sich auf. Alfred und Martha lagen, in ihre Umhänge gewickelt, im Laub; die Sonne schien auf ihre schlafenden Gesichter. Und wie ein böser Traum waren ihm auf einmal die Ereignisse der vergangenen Nacht wieder gegenwärtig: Agnes war tot, das neugeborene Kind – sein Sohn! – war verschwunden … Er barg sein Gesicht in den Händen.

Ellen stieß einen merkwürdigen Pfiff aus, der aus zwei Tönen bestand. Als Tom aufsah, entdeckte er eine Gestalt zwischen den Bäumen, die sich rasch als Ellens seltsamer Sohn entpuppte, der Knabe Jack mit der leichenblassen Haut, den karottenfarbenen Haaren und den hellen grünen Augen. Tom stand auf und zog seine Kleidung zurecht. Auch Ellen erhob sich und knöpfte ihren Mantel zu.

Der Junge trug etwas in der Hand. Er ging auf Tom zu und zeigte es ihm. Es war der halbe Umhang, in den der Vater den Säugling eingewickelt hatte, bevor er ihn auf dem Grab der Mutter zurückließ.

Tom begriff nicht, was das zu bedeuten hatte. Er starrte erst den Jungen an und dann Ellen. Sie nahm ihn bei den Händen, erwiderte seinen Blick und sagte: »Dein Kind lebt.«

Tom wagte es nicht, ihren Worten Glauben zu schenken. Das wäre einfach zu schön, zu viel des Glücks für diese Welt. »Das kann nicht wahr sein«, sagte er.

»Doch, es ist wahr.«

Hoffnung keimte auf. »Wirklich?«, fragte er. »Wirklich?«

Sie nickte. »Wirklich. Ich werde dich zu ihm führen.«

Tom erkannte, dass sie es ernst meinte. Eine Welle der Erleichterung und des Glücks erfasste ihn. Er fiel auf die Knie, und dann, endlich, konnte er weinen.

+++

»Jack hörte das Kind schreien«, erklärte Ellen. »Er war unterwegs zum Fluss. Nördlich von hier gibt es eine Stelle, wo ein guter Werfer Enten mit Steinen erlegen kann. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, deswegen rannte er nach Hause und holte mich. Doch auf dem Weg dorthin sahen wir einen Priester. Er ritt auf einem Zelter und hielt das Kind im Arm.«

»Ich muss ihn finden …«, fuhr Tom dazwischen.

»Übereile nichts«, erwiderte Ellen. »Ich weiß, wo er sich befindet. Unweit des Grabes deiner Frau bog er von der Hauptstraße ab. Der Pfad führt zu einem kleinen Kloster mitten im Wald.«

»Das Kind braucht Milch.«

»Die Mönche haben Ziegen.«

»Dem Himmel sei Dank«, sagte Tom inbrünstig.

»Ich führe dich hin, sobald ihr etwas zu euch genommen habt«, fuhr Ellen fort. »Aber …« Sie runzelte die Stirn. »Sag deinen Kindern noch nichts von dem Kloster.«

Tom warf einen Blick zurück. Am anderen Rand der Lichtung lagen Alfred und Martha noch immer in tiefem Schlaf. Jack war inzwischen bei ihnen und starrte sie mit jenem leeren Blick an, der für ihn so bezeichnend war. »Warum nicht?«, fragte Tom.

»Ich bin mir nicht sicher … Ich glaube einfach, es ist besser, damit noch ein wenig zu warten.«

»Aber dein Sohn wird es ihnen sagen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Er hat den Priester zwar gesehen, aber ich glaube nicht, dass er daraus die entsprechenden Schlüsse zieht.«

»Na gut.« Tom wurde ernst. »Wenn wir gewusst hätten, dass du in der Nähe bist, hättest du vielleicht meine Agnes retten können.«

Erneut schüttelte Ellen den Kopf, und ihr dunkles Haar umtanzte das Gesicht. »Da gibt es keine Hilfe. Man muss die Frau möglichst warm halten, und das hast du ja getan. Wenn eine Frau innerlich blutet, hört es entweder von selbst auf, und sie erholt sich, oder aber es hört nicht mehr auf, und sie stirbt.« Tränen traten Tom in die Augen, und Ellen fügte hinzu: »Es tut mir so leid.«

Tom nickte trübsinnig.

»Aber die Lebenden müssen sich um die Lebenden kümmern«, fuhr sie fort. »Du brauchst ein warmes Mahl und einen neuen Mantel.« Sie stand auf.

Gemeinsam weckten sie die Kinder. Tom sagte ihnen, dass der Kleine wohlauf sei; Ellen und Jack hätten einen Priester gesehen, der ihn zu sich genommen hätte. Er und Ellen wollten den Mann später aufsuchen, doch zuvor seien sie bei Ellen zum Essen eingeladen. Alfred und Martha vernahmen die Neuigkeiten ohne große Gemütsbewegung; sie konnte jetzt nichts mehr schrecken. Tom war kaum weniger verwirrt als sie. Sein Leben veränderte sich so schnell, dass er die einzelnen Ereignisse kaum noch nachvollziehen konnte. Ihm war, als säße er auf dem Rücken eines ungestümen Pferdes: Die Dinge flogen nur so an ihm vorbei und gaben ihm keine Möglichkeit, auf sie einzugehen. Er konnte nichts anderes tun, als sich festzuhalten und zu versuchen, bei klarem Verstand zu bleiben. Agnes hatte mitten in der kalten Winternacht ein Kind geboren, das allen Widrigkeiten zum Trotz gesund und munter war. Alles schien in bester Ordnung zu sein, doch dann war Agnes, seine treue Seelengefährtin, in seinen Armen verblutet, und er hatte den Verstand verloren. Das Schicksal des Kindes schien besiegelt, und sie ließen es auf dem Grab zurück. Später hatten sie es vergeblich gesucht. Plötzlich war Ellen vor ihm erschienen, und Tom hatte sie für einen Engel gehalten. Sie hatten sich geliebt wie in einem Traum, und schließlich hatte sie ihm gesagt, dass das Kind lebte und geborgen sei. Würde das Leben ihm je wieder Zeit lassen, über die Flut der Ereignisse nachzudenken?

Sie machten sich auf den Weg. Tom hatte immer geglaubt, dass Verfemte in Schmutz und Elend lebten, doch Ellen passte ganz und gar nicht in dieses Bild. Er fragte sich, wie ihre Wohnung aussehen mochte. Sie führte ihre Gäste kreuz und quer durch den Wald. Es gab weder Weg noch Steg, doch sie bewegte sich mit traumwandlerischer Sicherheit. Sie wusste trockenen Fußes Bäche zu überqueren, duckte sich unter tief hängenden Zweigen, umging einen gefrorenen Sumpf, zwängte sich durch ein dichtes Gebüsch und überkletterte flink den gewaltigen Stamm einer vom Sturm gefällten Eiche. Schließlich erreichten sie ein Brombeergestrüpp, in dem Ellen zu verschwinden schien. Tom folgte ihr und erkannte, dass sich durch das auf den ersten Blick so undurchdringliche Dickicht ein schmaler Pfad wand. Die Dornen schlossen sich über ihren Köpfen zu einem Gewölbe, in dem nur mehr trübes Licht herrschte. Tom blieb stehen und wartete, bis sich seine Augen an die Düsternis gewöhnt hatten. Jetzt erst merkte er, dass er sich in einer Höhle befand.

Die Luft war warm. Vor ihnen glühte auf einem Herd aus flachen Steinen ein Feuer. Der Rauch stieg senkrecht empor; es gab also irgendwo einen natürlichen Abzug. Die Höhlenwand war auf der einen Seite mit einem Wolfsfell und auf der anderen mit einer Hirschdecke bespannt, welche von hölzernen Pflöcken gehalten wurden. Von der Decke herab hing eine geräucherte Wildbretkeule. Tom sah eine selbst gezimmerte Kiste voller Holzäpfel, Binsenlichter auf einem Vorsprung in der Wand. Den Boden bedeckte trockenes Schilf. Am Rand des Feuers stand wie in jedem anderen Haushalt auch ein Kochtopf, in dem, nach dem Geruch zu urteilen, derselbe dicke Eintopf brodelte wie anderswo – Gemüse mit Suppenknochen und Kräutern. Tom war verblüfft: Dieses Heim hier war gemütlicher als die armseligen Hütten vieler Leibeigener.

Auf der anderen Seite des Feuers lagen zwei Matratzen aus Hirschfell, die vermutlich mit Schilf ausgestopft waren. An beiden Kopfenden lag, sorgfältig zusammengerollt, ein Wolfspelz. Das waren die Schlafplätze von Ellen und Jack. Im hinteren Teil der Höhle war eine beachtliche Sammlung von Waffen und Jagdgeräten zu erkennen: ein Bogen, mehrere Pfeile, Netze, Kaninchenfallen, einige gefährlich aussehende Dolche, eine mit großer Sorgfalt gefertigte hölzerne Lanze mit feuergehärteter, scharfer Spitze – und, mitten unter diesen einfachen Gebrauchsgegenständen, auch drei Bücher. Tom traute seinen Augen nicht: Noch nie hatte er in einem privaten Heim – geschweige denn in einer Höhle – Bücher gesehen. Bücher gehörten seiner Meinung nach in die Kirche.

Der Knabe Jack ergriff eine hölzerne Schüssel, tauchte sie in den Kochtopf und begann zu trinken. Alfred und Martha sahen ihm mit knurrendem Magen zu. Ellen bedachte Tom mit einem Blick, der um Nachsicht zu bitten schien. Dann sagte sie zu ihrem Sohn: »Wenn wir Besuch haben, Jack, bekommen die Gäste zuerst.«

Der Junge starrte sie an. Er begriff nicht, was sie damit meinte. »Warum?«

»Weil es zur Gastfreundschaft gehört. Gib den Kindern jetzt auch von der Suppe.«

Jack war noch nicht überzeugt, doch tat er, was seine Mutter ihm aufgetragen hatte. Ellen reichte Tom eine Schüssel mit Suppe. Er setzte sich auf den Boden und schlürfte sie in sich hinein. Sie schmeckte nach Fleisch und wärmte ihn innerlich. Ellen legte ihm ein Fell um die Schultern. Als er die Flüssigkeit ausgetrunken hatte, fischte Tom Fleisch und Gemüse mit den Fingern heraus. Wann habe ich zum letzten Mal Fleisch gegessen, fragte er sich. Es muss Wochen her sein. Es schmeckte nach Ente – wahrscheinlich hatte Jack das Tier mit seiner Steinschleuder erlegt.

Sie aßen den ganzen Topf leer. Als sie satt waren, legten Alfred und Martha sich auf das Schilf. Bevor sie einschliefen, sagte Tom ihnen noch, dass er mit Ellen zusammen nun den Priester aufsuchen wolle und dass Jack bis zu ihrer Rückkehr dableiben und auf sie aufpassen würde. Die beiden erschöpften Kinder nickten zustimmend und schlossen die Augen.

Tom und Ellen verließen die Höhle. Tom trug den Pelz, den sie ihm über die Schultern gelegt hatte. Sie hatten das Brombeerdickicht kaum hinter sich, als Ellen auch schon stehen blieb, sich Tom zuwandte, seinen Kopf zu sich herabzog und ihn auf den Mund küsste.

»Ich liebe dich«, sagte sie voller Leidenschaft. »Ich liebe dich, seit ich dich zum ersten Mal sah. Ich habe mir immer einen Mann gewünscht, der sowohl stark als auch zärtlich ist, und ich dachte schon, dass es so etwas gar nicht gibt. Doch dann sah ich dich. Ich wollte dich, aber ich sah, dass du deine Frau geliebt hast. Mein Gott, wie habe ich sie beneidet. Es tut mir leid, dass sie sterben musste, wirklich, denn ich sehe die Trauer in deinen Augen und all die Tränen, die darauf warten, vergossen zu werden. Es bricht mir das Herz, dich so traurig zu sehen. Aber nun, da deine Frau von dir gegangen ist, will ich dich für mich haben.«

Tom wusste nicht, was er sagen sollte. War es möglich, dass eine so schöne, kluge und selbstständige Frau sich gleichsam auf den ersten Blick in ihn verliebt hatte? Kaum zu glauben. Und noch schwerer fiel es ihm, seine eigenen Gefühle zu beschreiben. Er litt furchtbar unter dem Verlust seiner Frau. Es stimmte nur zu sehr, was Ellen gesagt hatte: Er spürte den Druck der unvergossenen Tränen hinter seinen Augen. Auf der anderen Seite verzehrte ihn die Sehnsucht nach Ellen mit ihrem heißen Körper, ihren goldenen Augen und ihrer schamlosen Lust. Doch Agnes war erst seit ein paar Stunden unter der Erde. Er schämte sich seiner eigenen Begehrlichkeit.

Er starrte Ellen an, und ihre Augen sahen einmal mehr in seine Seele hinein. »Du brauchst jetzt nichts zu sagen, aber du brauchst dich auch nicht zu schämen. Ich weiß, dass du sie geliebt hast. Sie hat dich auch geliebt, ich konnte es ihr ansehen. Du liebst sie noch immer, ja, gewiss. Du wirst nie aufhören, sie zu lieben.«

Sie hatte ihm eine Antwort erspart, aber er hätte auch nichts zu antworten vermocht. Diese außergewöhnliche Frau raubte ihm schlichtweg die Sprache. Alles schien besser zu werden – dank ihr. Schon die Tatsache, dass sie offenbar genau wusste, was ihn bedrückte, empfand er als Erleichterung. Ihm war, als gebe es nichts mehr, dessen er sich schämen musste. Er seufzte.

»So ist es gut«, sagte sie und nahm ihn bei der Hand.

Nach einem Marsch von ungefähr einer Meile, der sie durch reinsten Urwald führte, erreichten sie die Straße. Unterwegs riskierte Tom immer wieder Seitenblicke auf Ellen. Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung. Damals hatte er noch gemeint, die merkwürdigen Augen beeinträchtigten ihre Schönheit. Inzwischen war es ihm ein Rätsel, wie er je auf diesen Gedanken hatte kommen können. Ihre erstaunlichen Augen erschienen ihm nun als Ausdruck ihrer einzigartigen Persönlichkeit und sie selbst als die Schönheit in Vollendung. Rätselhaft blieb nur, warum sie bei ihm war.

Sie legten weitere drei oder vier Meilen zurück. Tom war zwar nach wie vor müde, doch die Suppe hatte ihm neue Kraft verliehen. Obwohl er Ellen vollständig vertraute, lag ihm daran, sein Kind mit eigenen Augen zu sehen.

Als das Kloster vor ihnen durch die Bäume schimmerte, sagte Ellen zu ihm: »Wir wollen uns den Mönchen nicht sofort zeigen.«

Tom begriff es nicht. »Warum?«, fragte er.

»Du hast einen Säugling ausgesetzt. Das gilt als Mord. Ich schlage vor, wir sehen uns das Kloster erst einmal etwas näher an und schauen, um was für Leute es sich handelt.«

Tom rechnete angesichts der Umstände der Kindesaussetzung nicht mit Schwierigkeiten, aber eine gewisse Vorsicht konnte sicher nicht schaden. Er nickte zustimmend und folgte Ellen ins Unterholz. Kurz darauf lagen sie gut versteckt am Rande der Lichtung.

Es war ein sehr kleines Kloster. Tom hatte Erfahrungen im Klosterbau und nahm daher an, dass es sich um eine sogenannte Zelle handelte, die Zweig- oder Außenstelle einer größeren Abtei. Es verfügte lediglich über zwei Steinhäuser, die Kapelle und das Dormitorium. Alles andere – eine Küche, die Ställe und verschiedene andere landwirtschaftliche Gebäude – bestand aus Holz oder mit Lehm beworfenem Flechtwerk. Häuser und Umgebung wirkten sauber und gepflegt; man gewann den Eindruck, dass die Mönche ebenso viel Zeit bei der Arbeit wie beim Gebet verbrachten.

Es waren nicht viele Leute zu sehen. »Die meisten Mönche sind bei der Arbeit«, sagte Ellen. »Sie errichten dort hinten auf dem Hügel eine Scheune.« Sie spähte himmelwärts. »Zum Mittagessen werden sie zurückkommen.«

Tom sah sich die Lichtung genauer an. Zur Rechten, teilweise verdeckt durch eine kleine Herde angepflockter Ziegen, fielen ihm zwei Gestalten auf. »Sieh mal dort!«, sagte er zu Ellen und wies mit dem Finger auf die beiden Menschen. »Der eine, der da sitzt, das ist ein Priester«, sagte er, »und er …«

»… er hat etwas auf seinem Schoß.«

»Wir müssen näher heran.«

Im Schutz der Bäume schlichen sie um die Lichtung herum, bis sie sich schließlich ungefähr auf gleicher Höhe mit den Ziegen befanden. Tom klopfte das Herz bis zum Hals, als er den Priester auf seinem Hocker genauer ins Auge fasste. Der Mann hielt ein Kind auf dem Schoß. Mein Sohn, dachte Tom und spürte einen Kloß im Hals. Es stimmte, es stimmte wirklich! Mein Sohn ist noch am Leben! Am liebsten wäre er dem Priester um den Hals gefallen.

Neben dem Priester kniete ein junger Mönch. Beim näheren Hinsehen erkannte Tom, dass der junge Mann ein Tuch in einen Eimer tauchte und dann dem Kind einen vermutlich mit Ziegenmilch getränkten Zipfel in den Mund steckte.

»Wohlan«, sagte Tom nicht ohne Beklemmung. »Ich werde mich jetzt zu erkennen geben, meine Schuld bekennen und meinen Sohn wieder zu mir nehmen.«

Ellen sah ihn kritisch an. »Augenblick, Tom! Denk erst einmal nach, was dann geschehen soll.«

Er wusste nicht genau, worauf sie hinauswollte. »Ich werde die Mönche um Milch bitten«, sagte er. »Dass ich ein armer Mann bin, sieht man mir an. Sie geben Almosen.«

»Und danach?«

»Nun, ich hoffe, sie geben mir genug Milch für drei Tage, sodass ich damit bis Winchester komme.«

»Und danach?« Sie ließ nicht locker. »Womit willst du das Kind dann ernähren?«

»Nun ja – ich werde mir eine Arbeit suchen …«

»Seit unserer ersten Begegnung im vergangenen Herbst bist du ununterbrochen auf Suche nach Arbeit«, sagte Ellen. Sie schien sich ein wenig über ihn zu ärgern, und Tom wusste nicht, warum. »Du hast weder Geld noch Werkzeug«, fuhr sie fort. »Was wird mit dem Kind geschehen, wenn du auch in Winchester keine Arbeit findest?«

»Ich weiß es nicht.« Ihr harter Ton tat ihm weh. »Was soll ich denn tun? Vielleicht so leben wie du? Ich kann keine Enten mit Steinschleudern erlegen – ich bin Steinmetz.«

»Du könntest das Kind hierlassen.«

Tom war, als hätte ihn der Blitz getroffen. »Hierlassen? Wo ich es gerade erst wiedergefunden habe?«

»Hier ist dein Sohn gut aufgehoben. Er hat es warm und bekommt genug zu trinken. Du brauchst ihn auf der Arbeitssuche nicht mit dir herumzuschleppen – und wenn du was gefunden hast, kannst du zurückkommen und das Kind holen.«

Alles in Tom sträubte sich gegen diesen Vorschlag. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Die Mönche müssten mich ja für einen Rabenvater halten …«

»Sie wissen ohnehin, dass du es ausgesetzt hast«, erwiderte Ellen ungeduldig. »Ob du es nun heute eingestehst oder später.«

»Können Mönche überhaupt mit so kleinen Kindern umgehen?«

»So gut wie du allemal.«

»Ich habe da meine Zweifel.«

»Immerhin haben sie schon herausgefunden, wie man einen Säugling ohne Amme füttern kann.«

Sie hatte ihn schon fast überzeugt. Sosehr Tom sich auch danach sehnte, das kleine Bündel in die Arme zu schließen – er konnte nicht leugnen, dass ein neugeborenes Kind bei den Mönchen besser aufgehoben war als bei ihm. Er hatte weder Nahrung noch Geld und nur wenig Hoffnung auf Arbeit. »Lassen wir ihn hier«, sagte er traurig. »Ich fürchte, es gibt keinen anderen Weg.« Noch einmal warf er einen Blick über die Lichtung, sah die kleine Gestalt auf dem Schoß des Priesters. Das Kind hatte dunkles Haar, wie Agnes. Tom hatte sich nun zwar entschieden, aber er konnte sich noch immer nicht losreißen.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung tauchte eine größere Gruppe von Mönchen auf, fünfzehn bis zwanzig an der Zahl. Sie trugen Äxte und Sägen bei sich. Tom und Ellen mussten jetzt mit ihrer Entdeckung rechnen und zogen sich daher tiefer ins Unterholz zurück. Das Kind verschwand aus ihrem Blickfeld.

Sie entfernten sich, auf allen vieren kriechend. Als sie die Straße erreichten, richteten sie sich auf und rannten Hand in Hand los. Nach drei- oder vierhundert Schritten war Tom erschöpft, doch inzwischen bestand keine Gefahr mehr. Sie schlugen sich in die Büsche und fanden ein von der Straße aus nicht einsehbares Fleckchen, das zur Rast einlud.

Das Sonnenlicht sprenkelte den grasigen Hang, auf dem sie sich niederließen. Tom sah Ellen an. Sie lag auf dem Rücken; ihr Atem ging schnell. Die Wangen waren leicht gerötet, und ihre Lippen lächelten ihn an. Der Umhang klaffte am Hals auseinander und enthüllte den Ansatz ihrer Brüste. Er begehrte, sie nackt zu sehen, und seine Begierde war weit stärker als alle Schuldgefühle. Er beugte sich über sie, um sie zu küssen, und hielt dann inne, weil allein ihr Anblick schon von verführerischer Schönheit war. Und dann sprach er – sprach, ohne seine Worte zuvor gewogen zu haben, und war daher selbst überrascht von dem, was er sagte.

»Ellen«, sagte er. »Willst du meine Frau werden?«

Kapitel II

Peter von Wareham war der geborene Unruhestifter.

Die Mutterabtei in Kingsbridge hatte ihn in die kleine Zelle im Wald versetzt. Warum der Prior von Kingsbridge heilfroh gewesen war, ihn loszuwerden, war leicht einzusehen: Der hochgewachsene, etwas schlaksig wirkende Endzwanziger war ebenso intelligent wie anmaßend und hatte an allem und jedem etwas auszusetzen. Schon kurz nach seiner Ankunft hatte er sich wie ein Besessener in die Feldarbeit gestürzt und seinen Mitbrüdern vorgehalten, sie seien faul. Dann hatte er zu seiner Überraschung feststellen müssen, dass die anderen durchaus mit ihm Schritt halten konnten und die jüngeren ihn sogar noch übertrafen. Er sah ein, dass der Vorwurf der Untätigkeit ein Schlag ins Wasser gewesen war, und suchte nach einem anderen Haar in der Suppe: Sein zweiter Anklagepunkt hieß Völlerei.

Er aß nur noch die Hälfte seiner Brotration und verzichtete auf jegliches Fleisch. Er trank tagsüber Wasser aus den Bächen, verdünnte sein Bier und rührte keinen Wein an. Er kanzelte einen jungen, gesunden Mönch ab, den es nach einer zweiten Portion Porridge verlangte. Einem anderen, der aus Jux und Tollerei das Weinglas eines Mitbruders leerte, machte Peter so heftige Vorwürfe, dass der junge Mann in Tränen ausbrach.

Äußerlich merkt man unseren Brüdern die Völlerei jedenfalls nicht an, dachte Prior Philip auf dem Weg zum Mittagessen. Die jungen sind schlank und kräftig, die älteren sonnengebräunt und drahtig. Nicht einer unter ihnen ist von jener blässlichen, weichen Beleibtheit, die von zu üppiger Nahrung und körperlicher Untätigkeit herrührt. Eigentlich sollten alle Mönche schlank und rank sein, dachte Philip. Dicke Mitbrüder erzeugen unter den Armen des Landes nur Neid und Hass auf die Diener des Herrn.

Bezeichnend für Peter war, dass er seine Anklage ins Gewand einer Beichte kleidete. »Ich habe mich der Sünde der Völlerei schuldig gemacht«, hatte er am Vormittag bekannt. Sie saßen auf dem Hügel, wo sie die Scheune bauten, auf frisch gefällten Baumstämmen, aßen Roggenbrot und tranken Bier. »Ich habe die Regel des heiligen Benedikt missachtet, der zufolge ein Mönch weder Fleisch essen noch Wein trinken darf.« Mit hocherhobenem Kopf ließ er seine stolzen dunklen Augen in die Runde schweifen, bis sein Blick auf Philip zu ruhen kam. Mit den Worten »Und jedermann hier im Kreise hat sich derselben Sünde schuldig gemacht«, beendete er sein Bekenntnis.

Es ist ein Jammer, dass Peter immer wieder aus der Rolle fällt, dachte Philip. Er hat sich dem Werke Gottes verschrieben, hat einen klugen Kopf und verfügt über feste Grundsätze … Die guten Eigenschaften gingen freilich einher mit einem geradezu zwanghaften Geltungsbedürfnis, das ihn immer wieder dazu verleitete, Unfrieden zu stiften. In dieser Hinsicht war Peter ein wahrer Tunichtgut, was Philip jedoch nicht daran hinderte, ihn genauso zu lieben wie alle anderen Mitbrüder auch, erkannte er doch hinter der anmaßenden und höhnischen Fassade eine bekümmerte Seele, die nicht glauben konnte, dass es Menschen gab, die sie mochten.

Philip hatte gesagt: »Nun, das gibt uns die Gelegenheit, uns ins Gedächtnis zu rufen, was der heilige Benedikt zu diesem Thema sagte. Erinnerst du dich an den genauen Wortlaut, Peter?«

»Er sagte: ›Jeder, der nicht krank ist, soll sich des Fleisches enthalten.‹ Und dann: ›Der Wein ist nicht das Getränk der Mönche.‹«

Philip nickte. Wie vermutet, kannte Peter die Regel doch nicht so gut wie er selbst. »Fast richtig, Peter«, erwiderte er. »Der Heilige meinte allerdings nicht das Fleisch schlechthin, sondern ›das Fleisch unserer vierfüßigen Tiere‹, und er nahm nicht nur die Kranken, sondern auch die Schwachen aus. Wen wird er wohl mit ›den Schwachen‹ gemeint haben? Wir hier in unserer kleinen Gemeinde sind der Ansicht, dass Männer, die von harter Feldarbeit ermattet sind, bisweilen durchaus ein wenig Rindfleisch essen sollten, um bei Kräften zu bleiben.«

Peter hatte ihm schweigend zugehört. Die gerunzelte Stirn und die buschigen, zusammengekniffenen schwarzen Augenbrauen, welche die große, gebogene Nase überbrückten, brachten seine Missbilligung deutlich genug zum Ausdruck. Sein von mühsam unterdrücktem Widerspruchsgeist gezeichnetes Gesicht wirkte maskenhaft.

Philip hatte seine Ausführung fortgesetzt: »Was nun den Wein betrifft, so sagt uns der Heilige: ›Wir lesen, dass der Wein nicht das Getränk der Mönche ist.‹ Die Benutzung der Worte Wir lesen heißt ja nun, dass er die Verordnung eben nicht in vollem Umfang billigt. Schließlich sagte er an anderer Stelle, dass ein Schoppen Wein am Tag für jedermann genügen sollte, und warnt uns davor, uns zu betrinken. Den Aufruf zur vollständigen Enthaltsamkeit vermag ich diesen Worten nicht zu entnehmen. Was meinst du?«

»Aber er trägt uns auf, in allen Dingen Genügsamkeit zu wahren«, sagte Peter.

»Und du meinst, dass wir hier nicht genügsam leben?«

»Jawohl, das meine ich«, verkündete Peter mit volltönender Stimme.

»›Lasst jene, denen Gott die Gabe der Enthaltsamkeit verliehen hat, wissen, dass ihnen gebührender Lohn zuteil werden wird‹«, zitierte Philip. »Wenn du meinst, dass das Essen hier bei uns zu üppig ist, so hindert dich niemand daran, weniger zu dir zu nehmen. Aber vergiss nicht, was der Heilige noch sagt. Er zitiert den ersten Korintherbrief, in welchem der heilige Paulus sagt: ›Ein jeder hat von Gott eine Gabe erhalten, der eine diese und der andere jene.‹ Und dazu meint der Heilige: ›Aus diesem Grunde lässt sich die Menge an Speis und Trank, derer ein anderer Mensch bedarf, nicht über alle Zweifel erhaben festlegen.‹ Dies, Bruder Peter, solltest du beim Fasten und bei deinen Meditationen über die Sünde der Völlerei stets im Gedächtnis behalten.«

Danach waren sie wieder an die Arbeit gegangen. Peter hatte die Miene eines Märtyrers aufgesetzt. Philip war klar, dass sich der schwierige Mitbruder nicht so leicht zum Schweigen bringen ließ. Von den drei mönchischen Gelübden Armut, Keuschheit und Gehorsam kam letzteres Bruder Peter am schwersten an.

Gegen ungehorsame Mönche ließen sich natürlich gewisse Maßnahmen ergreifen: Man konnte sie bei Wasser und Brot in den Karzer stecken, man konnte sie auspeitschen lassen, und schließlich blieben immer noch der Verweis aus dem Kloster und die Exkommunikation. Philip war durchaus nicht zimperlich mit der Verhängung solcher Strafen – besonders in Fällen, in denen seine Autorität herausgefordert wurde –, weshalb ihm auch der Ruf eines strengen Disziplinators vorauseilte. In Wirklichkeit sprach er harte Strafen nur sehr ungern aus. Sie brachten Missstimmung in die klösterliche Gemeinschaft und machten alle Betroffenen unglücklich. Im Falle Peters war mit Strafen überhaupt nichts auszurichten – sie würden allenfalls dazu führen, seinen Stolz und seine Unnachgiebigkeit ins Unermessliche wachsen zu lassen. Philip sann darüber nach, wie er Peter gefügiger machen und ihn milder stimmen könnte. Eine leichte Aufgabe war das gewiss nicht. Indes, so dachte er, wenn alles im Leben leicht wäre, bedürften die Menschen nicht der Führung Gottes.

Sie erreichten die Lichtung, auf der das Kloster stand. Auf dem Weg über das offene Feld bemerkte Philip Bruder John, der ihnen vom Ziegenpferch her heftig zuwinkte. Johnny Eightpence – so sein richtiger Name – galt als nicht ganz richtig im Kopf. Warum ist er nur so aufgeregt, fragte sich Philip. Neben Johnny saß ein Mann im Priestergewand, den Philip schon einmal irgendwo gesehen zu haben glaubte. Der Abt beschleunigte seine Schritte.

Der Priester war ein kleiner, untersetzter Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren mit kurz geschnittenem schwarzem Haar und hellblauen, funkelnden Augen, die eine rasche Auffassungsgabe und einen klaren Verstand verrieten. Philip war, als schaue er in einen Spiegel: Verblüfft erkannte er in dem Priester Francis, seinen jüngeren Bruder.

Und Francis hielt in den Armen ein neugeborenes Kind.

Philip hätte nicht sagen können, was ihn mehr überraschte – Francis oder der Säugling. Inzwischen waren auch die anderen Mönche herangekommen. Francis erhob sich, gab Johnny das Kind und wurde von Philip umarmt.

»Was führt dich hierher?«, fragte Philip freudestrahlend. »Und wie kommst du zu diesem Kind?«

»Über die Gründe meines Kommens lass uns später reden«, erwiderte Francis. »Und was das Kind betrifft – ich habe es gefunden. Im Wald, mutterseelenallein. Es lag neben einem lodernden Feuer …« Er hielt inne.

»Und?«, drängte Philip.

Francis zuckte mit den Schultern. »Mehr kann ich dir auch nicht sagen, denn das ist alles, was ich weiß. Ich wollte eigentlich schon gestern Abend hier sein, schaffte es aber nicht ganz und verbrachte daher die Nacht in der Hütte eines Jagdaufsehers. Heute früh im Morgengrauen machte ich mich wieder auf den Weg. Auf einmal hörte ich gleich neben der Straße ein Kind schreien. Einen Augenblick später sah ich es dann auch. Ich hob es auf und brachte es hierher. Mehr kann ich beim besten Willen nicht dazu sagen.«

Philip betrachtete das winzige Bündel in Johnnys Armen voller Staunen. Vorsichtig streckte er die Hand aus und lüpfte einen Zipfel der Decke, in die das Kind gehüllt war. Er sah ein runzliges, rosafarbenes Gesichtchen mit geöffnetem, zahnlosem Mund und Haaren auf dem Kopf. Er wickelte das Bündel noch ein bisschen weiter auf. Kleine, zarte Schultern, zappelnde Ärmchen und geballte Fäustchen kamen zum Vorschein. Philip sah den Rest der Nabelschnur am Bauch des Kindes und empfand ein leichtes Ekelgefühl dabei. Ist das natürlich, fragte er sich. Es sah aus wie eine gut verheilende Wunde, die man am besten sich selbst überließ. Er zog die Decke noch ein Stückchen weiter zurück. »Ein Junge«, bemerkte er mit verlegenem Hüsteln und deckte das Kind wieder zu. Ein Novize kicherte.

Philip fühlte sich hilflos. Was, um alles in der Welt, soll ich damit, dachte er. Soll ich es stillen?

Der Säugling weinte, und sein Jammern rührte Philips Herz. »Es ist hungrig«, sagte er und dachte bei sich: Woher weiß ich das eigentlich?

Ein Mönch sagte: »Wir können es nicht nähren.«

Philip wollte gerade sagen: Warum nicht? Doch da fiel ihm die Antwort auch schon ein: Es gab weit und breit keine einzige Frau.

Wie sich jedoch herausstellte, hatte Johnny bereits eine Lösung gefunden. Er setzte sich auf den Melkschemel und nahm den Säugling auf den Schoß, in der Hand ein Tuch, dessen einen Zipfel er zusammengezwirbelt hatte. Den tauchte er nun in einen Milchkübel und wartete, bis er mit Flüssigkeit durchtränkt war. Dann steckte er dem Kind den Zipfel in den Mund, und der Kleine begann sofort zu saugen und zu schlucken.

Philip hätte jubeln können. »Das ist wirklich eine gute Idee, Johnny«, sagte er.

Johnny grinste. »Hab ich früher schon mal gemacht«, sagte er stolz. »Bei einem Zicklein, dessen Mutter starb, bevor es entwöhnt war.«

Wie gebannt sahen die Mönche zu, wie Johnny ein zweites Mal die einfache Handlung vollzog. Als er mit dem Tuch die Lippen des Säuglings berührte, öffneten, wie Philip amüsiert feststellte, unwillkürlich auch einige Mönche den Mund. Das Kind auf diese Weise zu ernähren war eine recht langwierige Angelegenheit – aber wahrscheinlich ging es auch unter normalen Umständen nicht wesentlich schneller.

Peter von Wareham, der zunächst der allgemeinen Verwunderung anheimgefallen war und dementsprechend seine Kritik an allem und jedem vorübergehend vergessen hatte, kam wieder zu sich und sagte: »Leichter wäre es wohl, die Mutter des Kindes ausfindig zu machen.«

»Das bezweifle ich«, meinte Francis. »Ich nehme an, die Mutter ist nicht verheiratet und ließ sich zu einer moralischen Verfehlung hinreißen. Ich nehme an, sie ist noch recht jung. Vielleicht ist es ihr gelungen, ihre Schwangerschaft geheim zu halten. Als ihre Zeit gekommen war, schlich sie sich in den Wald und errichtete sich ein großes Feuer. Dann gebar sie ohne Hilfe das Kind, überließ es den Wölfen und kehrte zurück. Sie hat gewiss Vorsorge getroffen, dass man sie nicht finden kann.«

Der Säugling war eingeschlafen. Aus einer Eingebung heraus nahm Philip ihn Johnny ab, zog ihn an die Brust, stützte das Köpfchen mit der Hand und wiegte das kleine Bündel sanft hin und her. »Armes kleines Wesen«, sagte er, »armes, armes kleines Wesen.« Er war hingerissen von dem heftigen Verlangen, dem Kind Schutz und Pflege angedeihen zu lassen. Es entging ihm nicht, dass die Mönche ihn verdutzt anstarrten; derartige Zärtlichkeitsbekundungen waren sie von ihm nicht gewohnt. Selbstverständlich hatten sie ihn noch nie zuvor einen Menschen streicheln sehen, war doch jede Form der körperlichen Zuwendung im Kloster streng verboten. Sie hielten ihn schlichtweg solcher Anwandlungen für unfähig. Wohlan denn, dachte er bei sich, dann habe ich sie soeben eines Besseren belehrt.

Da ergriff Peter von Wareham wieder das Wort: »Wir müssen das Kind nach Winchester bringen und ihm eine Pflegemutter suchen.«

Wäre es nicht ausgerechnet Peter gewesen, der diese Worte gesprochen – Philips Widerspruch hätte möglicherweise auf sich warten lassen. Aber es war eben Peter – daher ging Philip sofort darauf ein, und von Stund an veränderte sich sein Leben. »Dieses Kind ist ein Geschenk Gottes.« Er blickte in die Runde. Mit weit geöffneten Augen sahen ihn die Mönche an und hingen an seinen Lippen. »Wir werden uns selbst um den Knaben kümmern«, fuhr Philip fort. »Wir werden ihn ernähren, ihn lehren und ihn in gottgefälliger Weise großziehen. Sobald er zum Mann gereift ist, wird er selbst die Gelübde ablegen. Auf diese Weise geben wir ihn dem Herrn zurück.«

Es herrschte verwundertes Schweigen.

Dann erhob jedoch Peter von Wareham seine zornige Stimme: »Das ist unmöglich!«, rief er. »Mönche taugen nicht dazu, Kinder aufzuziehen!«

Philip fing einen Blick seines Bruders Francis auf, und die beiden lächelten sich in Erinnerung an gemeinsam Erlebtes an. Als Philip wieder sprach, war seine Stimme schwer vom Gewicht der Vergangenheit. »Unmöglich? Nein, Peter, im Gegenteil. Ich bin sicher, dass sie es können, und mein Bruder teilt meine Meinung. Wir haben da unsere eigenen Erfahrungen, nicht wahr, Francis?«

An jenem Tag, den Philip seither insgeheim den »letzten Tag« nannte, war sein Vater schwer verletzt nach Hause gekommen.

Philip hatte ihn zuerst gesehen. Sie lebten damals in einem kleinen Weiler im gebirgigen Norden von Wales, und sein Vater kam über den gewundenen Pfad an der Flanke des Berges ins Dorf geritten. Wie immer lief der Sechsjährige dem Vater entgegen. Doch anders als sonst hob der Vater seinen kleinen Jungen nicht aufs Pferd, um ihn das letzte Stück des Weges mitreiten zu lassen. Vielmehr saß er zusammengesunken im Sattel und hielt die Zügel in der rechten Hand, während der linke Arm schlaff herabbaumelte. Sein Gesicht war bleich, seine Kleider blutverschmiert. Philip empfand ebenso viel Neugier wie Furcht, denn er hatte seinen Vater noch nie schwach gesehen.

»Hol deine Mutter!«, sagte Papa.

Nachdem sie ihn glücklich ins Haus gebracht hatten, schnitt Mutter ihm das Hemd vom Leibe. Philip war entsetzt: Mehr noch als das viele Blut schockierte ihn die Tatsache, dass seine sonst so auf Sparsamkeit bedachte Mutter vorsätzlich die guten Kleider zerstörte. »Macht euch bloß keine Sorgen meinetwegen«, hatte Papa gesagt, doch seine gemeinhin raue Stimme war nur mehr ein schwaches Gemurmel, dem obendrein niemand Beachtung schenkte – eine weitere erschreckende Erkenntnis für den kleinen Philip, denn Vaters Wort war stets Gesetz gewesen. »Lasst mich in Ruhe, und bringt die anderen alle ins Kloster«, fuhr Papa fort. »Die verdammten Engländer werden gleich hier sein.« Das Kloster, zu dem auch eine Kirche gehörte, lag hoch oben auf dem Berg. Philip begriff nicht, wieso sie dort hinaufsteigen sollten, obgleich es doch gar nicht Sonntag war. Mama erwiderte: »Wenn du noch mehr Blut verlierst, wirst du niemals mehr irgendwohin gehen können.« Tante Gwen indes sagte, sie wolle Alarm schlagen, und verließ das Haus.

Wenn Philip in späteren Jahren über die nun folgenden Ereignisse nachdachte, war ihm klar, dass er und sein vierjähriger Bruder Francis in der damaligen Aufregung schlicht vergessen worden waren. Niemand dachte daran, die beiden in Sicherheit zu bringen. Die Leute kümmerten sich um ihre eigenen Kinder und nahmen an, Philip und Francis seien bei ihren Eltern gut aufgehoben – doch Papa verblutete, und Mama versuchte, ihn zu retten, und so kam es, dass die Engländer sie alle vier erwischten.

Nichts in Philips kurzem Leben hatte ihn auf den Anblick der zwei Bewaffneten vorbereitet, die unvermittelt die Tür einschlugen und in sein nur aus einem großen Raum bestehendes Elternhaus eindrangen. Unter anderen Umständen hätte er vor den beiden gar keine Angst gehabt, denn es handelte sich um stämmige und etwas linkische Halbwüchsige, wie es sie überall gibt. Burschen ihres Schlages pflegten gemeinhin alte Frauen zu verspotten, Juden zu misshandeln und sich um Mitternacht vor den Schenken in Raufhändel einzulassen. Doch die beiden, die an jenem Tag ins Haus stürmten, waren (wie Philip erst viele Jahre später einsah, als er endlich vernünftig darüber nachdenken konnte) vom Blutrausch wie besessen. Sie hatten gerade eine Schlacht hinter sich, die Schreie der Sterbenden klangen ihnen noch in den Ohren, Kameraden waren neben ihnen gefallen, und sie selbst hatten vor Angst buchstäblich den Verstand verloren. Immerhin, die Schlacht war siegreich beendet worden; sie hatten überlebt und hetzten nun die in die Flucht geschlagenen Feinde. Es gab nur eines, was ihre Gier befriedigen konnte, und das war Blut, immer mehr Blut, das waren noch mehr Todesschreie, noch mehr Wunden und noch mehr Sterbende … und all das war ihren verzerrten Gesichtern anzusehen, als sie zur Tür hereinstürmten wie Füchse in einen Hühnerstall.

Es ging alles sehr schnell, obwohl Philip sich später an jeden einzelnen ihrer Schritte erinnern konnte, als hätte es sehr lange gedauert. Die beiden Männer trugen nur leichte Rüstung – ein kurzes Kettenhemd und mit Eisenbändern verstärkte Lederhelme. Sie hatten die Schwerter gezückt. Der eine war hässlich, hatte eine große, gebogene Nase, schielte und bleckte die Zähne, sodass sein Gesicht einer grinsenden Fratze glich. Der andere hatte einen üppigen, ganz mit Blut verklebten Bart; da er selbst jedoch allem Anschein nach unverletzt war, musste das Blut von jemand anderem stammen. Ihre gnadenlosen, berechnenden Augen erfassten sofort, worauf es ankam. Sie taten Philip und Francis als unbedeutend ab, nahmen von Mama kaum Notiz und gingen, noch ehe die Familie sich rühren konnte, auch schon auf Vater los.

Mama hatte sich gerade über den Verwundeten gebeugt und seinen linken Arm verbunden. Sie richtete sich auf und trat den Angreifern entgegen; in ihren Augen funkelte der Mut der Verzweiflung. Papa sprang auf, seine unversehrte rechte Hand fuhr an den Schwertknauf. Philip stieß einen Entsetzensschrei aus.

Der hässliche Mann hob sein Schwert, ließ es mit dem Knauf voran auf Mamas Kopf niedersausen und drängte sie beiseite, ohne zuzustechen. Wahrscheinlich wollte er, solange Papa noch lebte, nicht riskieren, dass seine Waffe in einem anderen Körper stecken blieb – so jedenfalls erklärte sich Philip Jahre später das Verhalten des Mannes. Der kleine Philip rannte damals bloß zu seiner Mutter, ohne zu begreifen, dass sie ihn nicht mehr schützen konnte. Mama taumelte. Der hässliche Mann kümmerte sich nicht mehr um sie und holte zum nächsten Hieb aus. Philip klammerte sich an Mamas Rocksaum und starrte wie gebannt auf seinen Vater.

Papa war es gelungen, sein Schwert aus der Scheide zu ziehen. Es klang wie ein Glockenschlag, als die Klingen aufeinanderschlugen und Vater den ersten Hieb parierte. Wie alle kleinen Jungen hielt Philip seinen Vater für unbezwingbar, doch jetzt war die Stunde der Wahrheit gekommen. Der Blutverlust hatte den Vater geschwächt, und schon bei der Abwehr des ersten Schlages fiel ihm das Schwert aus der Hand. Der Angreifer holte nur kurz aus und schlug sofort wieder zu. Der Hieb traf Papa genau dort, wo die kräftigen Halsmuskeln in den Schultergürtel übergingen. Als Philip sah, wie die scharfe Schneide in Vaters Fleisch fuhr, begann er zu schreien. Der hässliche Mann zog das Schwert zurück und stieß es Philips Vater tief in den Bauch.

Vor Entsetzen wie gelähmt, sah Philip zu seiner Mutter auf. Ihre Blicke trafen sich just in dem Augenblick, als der Bärtige Mama niederschlug. Sie stürzte neben Philip zu Boden; aus ihrer Kopfwunde floss Blut. Der Bärtige hatte sein Schwert inzwischen umgedreht, sodass die Spitze nach unten zeigte. Er packte es mit beiden Händen und hob es hoch in die Luft, fast wie ein Mann, der sich selbst entleiben will, und ließ es dann mit aller Kraft niederfahren. Unter dem grauenvollen Geräusch brechender Knochen durchbohrte die Klinge Mamas Brust – und dies mit solcher Gewalt, dass sie (wie Philip trotz seiner alles verzehrenden Angst bemerkte) am Rücken wieder hervortrat und Mutters Körper buchstäblich am Boden festnagelte.

Verzweifelt sah Philip sich wieder nach seinem Vater um. Er sah, wie Papa über dem Schwert des hässlichen Mannes zusammensackte und ein gewaltiger Blutschwall aus seinem Mund drang. Der Angreifer trat einen Schritt zurück und zerrte an seinem Schwert, doch Papa vollzog diese Bewegung unwillkürlich nach, sodass sich der Abstand zwischen ihnen nicht verringerte. Der hässliche Mann schrie wütend auf und drehte das noch immer in Papas Bauch steckende Schwert hin und her, bis er es schließlich frei bekam. Papa stürzte zu Boden, die Hände über dem offenen Unterleib verkrampft. Philip hatte immer geglaubt, die inneren Teile des Menschen seien mehr oder weniger fest, weshalb ihn der Anblick der hässlichen Schläuche und unförmigen Organe, die aus seinem Vater herausquollen, gleichermaßen verwunderte wie anekelte. Dann riss der Angreifer das Schwert beidhändig in die Höhe und beendete sein grausames Werk auf die gleiche Weise wie zuvor sein bärtiger Spießgeselle.

Die beiden Engländer sahen einander an, und Philip bemerkte, sehr zu seiner Verblüffung, dass sich eine gewisse Erleichterung auf ihren Mienen abzeichnete. Dann drehten sie sich nach den beiden Kindern um. Der eine nickte, der andere zuckte mit den Schultern, und Philip war mit einem Male klar, dass sie nun auch ihn und seinen Bruder mit ihren scharfen Schwertern aufschlitzen wollten. Ihm ging auf, wie grauenvoll weh das tun würde, und die Todesangst, die von ihm Besitz ergriff, wollte ihm schier den Kopf zerspringen lassen.

Der Mann mit dem blutverkrusteten Bart bückte sich plötzlich, packte Francis am Fußknöchel und riss ihn hoch. Der Kleine hing mit dem Kopf nach unten in der Luft und schrie nach seiner Mama; dass sie tot war, hatte er noch gar nicht begriffen. Der hässliche Mann zog sein Schwert aus Papas Körper, zielte mit der Spitze auf Francis’ Herz und holte aus.

Der Todesstreich wurde nie ausgeführt. Eine befehlsgewohnte Stimme ertönte, und die beiden Männer erstarrten mitten in der Bewegung. Das Geschrei verstummte, und Philip merkte, dass er selbst es war, der geschrien hatte. In der Tür stand Abt Peter in seiner Kutte aus grober Wolle, und der Zorn des Herrn funkelte in seinen Augen. In seiner Hand hielt er ein hölzernes Kreuz wie ein Schwert.

Wenn Philip in späteren Jahren in seinen Albträumen jenen Tag nachvollzog, wenn er des Nachts schreiend und in Schweiß gebadet aus dem Schlaf fuhr, dann gelang es ihm stets, sich wieder zu beruhigen, indem er sich jenes abschließende Bild ins Gedächtnis zurückrief: Ein unbewaffneter Mann mit einem Kreuz beendete das Schreien, machte die Wunden vergessen.

Abt Peter hob die Stimme. Philip konnte nicht verstehen, was er sagte – der Abt sprach natürlich Englisch –, doch die Bedeutung seiner Worte war klar, denn die beiden Männer schämten sich offensichtlich, und der Bärtige setzte Francis behutsam wieder ab. Ohne in seiner Rede innezuhalten und ohne das geringste Zögern betrat der Abt die Wohnstube. Die beiden Bewaffneten traten einen Schritt zurück. Es sah fast so aus, als hätten sie Angst vor ihm – sie, die sie Rüstung und Schwert trugen, hatten Angst vor dem Abt in seiner wollenen Kutte, fürchteten das hölzerne Kreuz! Er wandte ihnen verächtlich den Rücken zu und ging in die Hocke, um mit Philip zu sprechen. Seine Stimme klang ganz ruhig.

»Wie heißt du?«

»Philip.«

»Ach ja, ich erinnere mich. Und wie heißt dein Bruder?«

»Francis.«

»Ja, richtig.« Sein Blick fiel auf den blutenden Körper der Mutter. »Das ist deine Mama, oder?«

»Ja«, antwortete Philip. Er deutete auf den übel zugerichteten Körper seines Vaters, und das Grauen sprang ihn an. »Das da drüben ist mein Papa.«

»Ich weiß«, sagte der Mönch, und seine Stimme klang beruhigend. »Du brauchst jetzt nicht mehr zu schreien. Aber beantworte mir meine Fragen. Begreifst du, dass deine Eltern tot sind?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Philip kläglich. Er wusste, was es bedeutete, wenn Tiere starben – aber konnte so etwas auch Mama und Papa zustoßen?

Abt Peter sagte: »Sterben ist wie Einschlafen.«

»Aber ihre Augen sind doch offen!«, kreischte Philip.

»Psst! Du hast recht. Am besten, wir schließen sie ihnen.«

»Ja«, sagte Philip. Das war eine beruhigende Lösung.

Abt Peter erhob sich, nahm Philip und Francis an der Hand und führte sie zur Leiche ihres Vaters. Dort kniete er nieder und nahm Philips rechte Hand in die seine. »Ich zeige dir, wie man es macht«, sagte er und führte die Hand des Jungen über das väterliche Gesicht. Philip zuckte zurück. Er traute sich nicht, seinen Vater zu berühren, er war so merkwürdig bleich, so schlaff, so entsetzlich verstümmelt. Angstvoll sah er zu Abt Peter auf – einem Mann, dem niemand zu widersprechen wagte. Aber der Abt war gar nicht böse auf ihn. »Komm«, sagte er freundlich und ergriff wieder Philips Hand, und diesmal sträubte sich Philip nicht. Der Mönch führte den Zeigefinger des Knaben an Vaters linkes Augenlid und drückte es über die Pupille, die schauerlich ins Leere starrte. Dann gab er Philips Hand frei und sagte zu ihm: »Nun schließe auch das andere Auge.«

Erneut streckte Philip, diesmal ungeleitet, die Hand aus und schloss Vaters rechtes Auge. Danach ging es ihm etwas besser.

Abt Peter fragte: »Sollen wir auch deiner Mama die Augen schließen?«

»Ja.«

Sie knieten neben der Mutter nieder. Mit den Ärmeln seiner Kutte wischte ihr der Abt das Blut aus dem Gesicht. »Und Francis?«, fragte Philip.

»Ja, er kann uns vielleicht helfen«, sagte der Mönch.

»Tu, was ich bei Papa gemacht habe, Francis«, sagte Philip zu seinem Bruder. »Mach Mamas Augen zu, damit sie schlafen kann.«

»Schlafen Mama und Papa?«, fragte Francis.

»Nein, aber es ist wie Schlafen«, gab Philip bestimmt zurück, »und deshalb sollen ihre Augen zu sein.«

»Na gut«, sagte Francis, streckte, ohne zu zögern, sein Patschhändchen aus und drückte der Mutter die Augen zu.

Der Abt nahm die beiden Knaben auf, in jeden Arm einen, und trug sie aus dem Haus, ohne die beiden Bewaffneten noch eines Blickes zu würdigen. Er trug sie den steilen Pfad zum Kloster empor und setzte sie unterwegs nicht ein einziges Mal ab. Sie waren in Sicherheit.

Er gab ihnen in der Klosterküche zu essen und trug ihnen, als sie satt waren, auf, dem Koch bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen; er wollte nicht, dass sie mit ihren Gedanken allein waren. Am nächsten Tag ließ er sie noch einmal ihre toten Eltern sehen. Die Leichen waren gewaschen und gekleidet, die Wunden, soweit noch sichtbar, gesäubert. Die offenen Särge waren nebeneinander im Kirchenschiff aufgebahrt. Es waren nicht die einzigen. Eine Reihe von Verwandten und Bekannten aus dem Dorf hatte es ebenfalls nicht mehr geschafft, sich vor den marodierenden Soldaten der Invasionstruppen in Sicherheit zu bringen. Abt Peter begleitete die Buben zur Beerdigung und achtete darauf, dass sie sehen konnten, wie die beiden Särge nebeneinander in das gemeinsame Grab gelassen wurden. Als Philip zu weinen anfing, stimmte auch Francis ein. Irgend jemand machte »Psst!«, doch Abt Peter sagte: »Lasst die Kinder weinen.« Erst als kein Zweifel mehr daran bestehen konnte, dass die Kinder den Tod ihrer Eltern und die Endgültigkeit des Abschieds begriffen hatten, sprach er mit ihnen über ihre Zukunft.

Unter ihren Verwandten gab es nach dem Überfall keine einzige unversehrte Familie mehr. Alle hatten den Verlust der Mutter oder des Vaters zu beklagen, und niemand war bereit oder imstande, sich um die beiden Jungen zu kümmern. Damit standen nur noch zwei Möglichkeiten offen: Sie konnten entweder einem Bauern überlassen (oder gar verkauft) werden, der sie als Arbeitssklaven benutzen würde, bis sie alt und stark genug waren, um davonzulaufen. Oder aber sie kamen in die Obhut des Herrn.

Dass Kinder im Kloster aufgenommen wurden, geschah durchaus nicht selten. Das Eintrittsalter lag gemeinhin bei elf Jahren und das Mindestalter – da die Mönche im Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern nicht geübt waren – bei fünf. Einige der Zöglinge waren Waisen, andere Halbwaisen, und wieder andere stammten aus Familien, in denen es zu viele Söhne gab. Im Regelfall bekam das Kloster von den Eltern noch eine üppige Mitgift – einen Hof, eine Kirche oder sogar ein ganzes Dorf, doch konnte bei nachgewiesener Armut darauf verzichtet werden. Da Philips Vater seinen Kindern ein bescheidenes Gehöft in den Bergen hinterlassen hatte, waren Francis und Philip nicht einmal mittellos. Abt Peter machte den Vorschlag, das Gehöft und die beiden Jungen dem Kloster zu überlassen, und die überlebenden Verwandten erklärten sich damit einverstanden. Man setzte einen Vertrag auf, der durch die Unterschrift des Fürsten von Gwynedd, Gruffyd ap Cynan, bestätigt wurde, der durch König Henrys Invasionstruppen zwar eine zeitweilige Demütigung hatte hinnehmen müssen, seinen Thron aber nicht verloren hatte.

Trauer und Sorge waren für Abt Peter nichts Unbekanntes, doch auch er war auf das, was Philip in der Folgezeit durchmachen musste, nicht vorbereitet. Ungefähr ein Jahr nach den schrecklichen Ereignissen, als die Kinder sich an das Klosterleben gewöhnt hatten und die Trauer um die Eltern nicht mehr gar so schwer auf ihnen zu lasten schien, wurde Philip urplötzlich von einer Art unversöhnlichen Zorns erfasst. Die Lebensbedingungen in der Gemeinschaft auf dem Klosterberg rechtfertigten seine Wut nicht: Es gab genug zu essen und anzuziehen, während der Wintermonate brannte im Dormitorium ein warmes Feuer, und den Kindern wurde sogar ein wenig Liebe und Zuneigung entgegengebracht. Die strenge Disziplin und die ermüdenden Rituale sorgten zumindest für eine gewisse Ordnung und Regelmäßigkeit. Philip indessen benahm sich, als sei er schuldlos ins Gefängnis geworfen worden. Er weigerte sich, Befehle auszuführen, und untergrub bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Autorität der Klosteroffizialen. Er stahl Lebensmittel, zerbrach mutwillig Eier, ließ Pferde von der Leine, verhöhnte die Kranken und bedachte alle, die älter waren als er, mit Beleidigungen. Das einzige Vergehen, dessen er sich nicht schuldig machte, war Gotteslästerung, daher verzieh ihm der Abt alles andere, und eines Tages war Philip diesem Zustand von ganz allein entwachsen. Als er sich am Weihnachtsfest die vergangenen zwölf Monate ins Gedächtnis zurückrief, wurde ihm plötzlich klar, dass er nicht eine einzige Nacht im Karzer verbracht hatte.

Seine Rückbesinnung auf einen gesitteten Lebenswandel ließ sich nicht auf ein bestimmtes Ereignis zurückführen, doch trug unter anderem wahrscheinlich der Umstand dazu bei, dass der Unterricht ihn mehr und mehr zu fesseln begann. Die mathematische Seite der Musiktheorie faszinierte ihn, und selbst in der Konjugation lateinischer Verben erkannte er eine gewisse Logik, an der er Gefallen fand. Er war beauftragt worden, dem Cellerar zur Hand zu gehen, also jenem Mönch, der für die Versorgung des Klosters von Sandalen bis zum Saatgut zuständig war, und auch diese Aufgabe erregte seine Neugier. Er entwickelte eine an Heldenverehrung grenzende Bewunderung für Bruder John, einen gut aussehenden, kräftigen jungen Mönch, der ihm geradezu als Inbegriff der Gelehrsamkeit, Frömmigkeit, Klugheit und Freundlichkeit erschien. Sei es aus Nachahmung, sei es aus persönlicher Neigung (oder aber aus dem einen und dem anderen Grunde) – er begann, in den sich Tag für Tag wiederholenden Andachten und Gebeten einen gewissen Trost zu finden.

Als die Jahre der Reife kamen, beherrschten die klösterlichen Rituale sein Denken, und die heiligen Harmonien erfüllten sein Ohr.

Sowohl Philip als auch Francis waren allen anderen Knaben ihres Alters weit voraus, jedenfalls soweit sie es selbst beurteilen konnten. Dass sie Ausnahmetalente waren, ahnten sie damals noch nicht; vielmehr schrieben sie ihre Fähigkeiten dem Leben und der Ausbildung im Kloster zu. Auch als sie selbst immer mehr Lehraufgaben in der kleinen Schule übernahmen und nicht mehr von dem pedantischen alten Novizenmeister, sondern vom Abt persönlich unterrichtet wurden, meinten sie, ihr Vorsprung vor ihren Altersgenossen sei lediglich darauf zurückzuführen, dass sie schon so früh mit dem Lernen begonnen hätten.

Wenn Philip an seine Jugend dachte, dann erschien ihm die Spanne zwischen dem Ende seiner Rebellion und der ersten Attacke der fleischlichen Lust als eine Art Goldenes Zeitalter – obgleich sie insgesamt höchstens ein Jahr umfasst hatte. Danach begann die qualvolle Zeit der unkeuschen Gedanken und nächtlichen Entladungen, die Zeit entsetzlich peinlicher Beichten (sein Beichtvater war der Abt persönlich), endloser Bußen und Geißelungen. Die Lust blieb ihm ein ständiger Begleiter, verlor jedoch mit den Jahren an Bedeutung und suchte ihn schließlich nur noch in seltenen Augenblicken geistiger und körperlicher Untätigkeit heim, wie eine alte wetterfühlige Verwundung.

Francis hatte etwas später mit denselben Anfechtungen zu kämpfen. Obwohl sein Bruder sich ihm nie anvertraute, gewann Philip den Eindruck, dass Francis den bösen Gelüsten weniger Widerstand entgegenbrachte als er selbst und ihnen gelegentlich gar nicht so ungern auch erlag … Doch darauf kam es inzwischen nicht mehr an. Wichtig war, dass sie beide ihren Frieden mit jenen Leidenschaften gemacht hatten, die mehr als alles andere das klösterliche Leben gefährdeten.

So wie Philip dem Cellerar, war Francis dem Prior zugeordnet, dem Stellvertreter des Abtes. Nach dem Tode des Kellermeisters übernahm Philip sein Amt, obwohl er erst einundzwanzig Jahre alt war. Als Francis einundzwanzig wurde, wollte der Abt eigens für ihn das neue Amt eines Subpriors einrichten. Der Vorschlag führte jedoch zu einer unerwarteten Krise. Francis bat darum, aus der Verantwortung entlassen zu werden. Er wollte sich zum Priester weihen lassen und dem Herrn fortan außerhalb der Klostermauern dienen.

Philip war ebenso verblüfft wie entsetzt über das Vorhaben seines Bruders. Nicht im Traum hätte er gedacht, einer von ihnen käme je auf die Idee, das Kloster zu verlassen, und nun war ihm, als habe er soeben erfahren, er sei zum Thronerben bestimmt worden. Nach einigem Hin und Her war es dann so weit: Francis zog hinaus in die weite Welt. Es dauerte nicht lange, und er fand eine Anstellung als Hofkaplan beim Grafen von Gloucester.

Philips Vorstellungen von seiner eigenen Zukunft waren bis zu diesem Moment – soweit er sich überhaupt darüber Gedanken gemacht hatte – immer recht einfach gewesen: Er wollte Mönch sein und bleiben und ein demütiges, gottesfürchtiges Leben führen; vielleicht konnte er später sogar einmal Abt werden und dem Vorbild Peters nacheifern. Nun jedoch fragte er sich unwillkürlich, ob Gott ihm nicht eine andere Bestimmung zugedacht hatte. Das Gleichnis von den Talenten fiel ihm ein: Gott erwartete von seinen Dienern nicht nur die Erhaltung, sondern auch die Mehrung seines Reichs. Nicht ohne Furcht vertraute er Abt Peter seine Gedanken an, musste er doch damit rechnen, ob seines Stolzes zurechtgewiesen zu werden.

Die Antwort überraschte ihn. »Ich habe mich schon gefragt«, sagte der Abt, »wann du endlich darauf kommen wirst. Selbstverständlich bist du zu Höherem berufen! Unweit eines Klosters geboren, im Alter von sechs Jahren verwaist, von Mönchen aufgezogen, mit einundzwanzig zum Cellerar ernannt … Nein, wer einen solchen Werdegang nimmt, den hat Gott nicht dazu ausersehen, sein ganzes Leben in einem kleinen Kloster auf einem öden Berggipfel zu verbringen! Der Acker hier ist viel zu klein für dich. Auch du musst uns verlassen.«

Philip war wie vor den Kopf geschlagen. Doch die Frage, die ihm eingefallen war, musste er unbedingt noch stellen. »Wenn dieses Kloster hier so unbedeutend ist … Warum hat Gott dann Euch hierher bestellt?«

Abt Peter lächelte. »Vielleicht, damit ich mich um dich kümmere.«

Später in jenem Jahr reiste der Abt nach Canterbury, um dem Erzbischof seine Aufwartung zu machen. Nach seiner Rückkehr sagte er zu Philip: »Ich habe dich dem Prior von Kingsbridge überlassen.«

Philip erschrak. Kingsbridge war eines der größten und bedeutendsten Klöster des Landes. Es war eine Kathedralenpriorei; seine Kirche war eine Kathedrale, ein Bischofssitz. Abt des Klosters war nominell der Bischof, doch wurde es de facto von seinem Stellvertreter, dem Prior geleitet.

»Prior James ist ein alter Freund von mir«, fuhr Abt Peter fort. »In den letzten Jahren hat er, ich weiß nicht warum, viel von seinem früheren Mut und seiner Tatkraft eingebüßt. Kingsbridge, so viel steht fest, braucht frisches Blut. Besonderen Kummer macht James seit einiger Zeit eine kleine Außenstelle seines Klosters draußen im Wald. Er braucht dort einen absolut zuverlässigen Mann, der die Zelle wieder auf den Pfad der Tugend und Gottgefälligkeit zurückführen kann.«

»Und ich soll der Prior dieser Zelle werden?«, fragte Philip erstaunt.

Der Abt nickte. »So ist es. Und wenn es stimmt, dass Gott mit dir noch eine Menge vorhat, so darfst du gewiss sein, dass er dir bei der Lösung der dortigen Schwierigkeiten seine Hilfe nicht versagen wird.«

»Und wenn es nicht so ist?«

»Dann kannst du jederzeit hierher zurückkehren und mein Cellerar sein. Aber wir irren uns bestimmt nicht, mein Sohn, du wirst schon sehen.«

Es gab einen tränenreichen Abschied. Siebzehn Jahre hatte Philip im Kloster gelebt. Die Mönche waren seine Familie und standen ihm inzwischen näher als seine Eltern, die man ihm weiland auf so furchtbare Weise genommen hatte. Es war gut möglich, dass er seine Mitbrüder nie wiedersehen würde, und diese Aussicht betrübte ihn zutiefst.

Kingsbridge wirkte zunächst einschüchternd und erdrückend auf ihn. Das von hohen Mauern umgebene Kloster war größer als manch ein Dorf, die Kathedrale eine gewaltige, düstere Höhle und das Haus des Priors ein kleiner Palast. Doch nachdem Philip sich erst einmal an die enormen Dimensionen gewöhnt hatte, fielen ihm bald auch schon jene Zeichen der Entmutigung auf, die Abt Peter an seinem alten Freund wahrgenommen hatte. Die Kirche war baufällig und hätte dringend renoviert werden müssen, die Gebete wurden heruntergeleiert, das Schweigegebot immer wieder gebrochen, und es gab viel zu viele Diener – mehr Diener gar als Mönche. Philips anfängliche Schüchternheit wandelte sich rasch in Zorn. Am liebsten hätte er Prior James am Schlafittchen gepackt, ihn kräftig durchgeschüttelt und angeschrien: ›Was fällt Euch ein? Wie könnt Ihr es wagen, Gott mit so hastig heruntergeplapperten Gebeten zu beleidigen? Was untersteht Ihr Euch, Novizen das Würfelspiel und Mönchen die Haltung von Schoßhunden zu erlauben? Woher nehmt Ihr die Kühnheit, von Dienerscharen umgeben in einem Palast zu leben, während Gottes Kirche zur Ruine verkommt?‹ Er sagte natürlich nichts von alledem. Er hatte eine kurze, förmliche Unterredung mit Prior James, einem hochgewachsenen, hageren und gebeugten Mann, der auf seinen gerundeten Schultern das ganze Leid der Welt zu tragen schien. Danach sprach er mit dem Subprior, Remigius. Zu Beginn des Gesprächs ließ Philip durchblicken, dass sich nach seiner Überzeugung im Kloster einiges ändern müsse. Er hatte fest mit der freudigen Zustimmung des zweiten Mannes gerechnet, doch Remigius sah ihn nur von oben herab an, als wolle er sagen: ›Für wen haltet Ihr Euch eigentlich, junger Mann?‹, und wechselte rasch das Thema.

Remigius erklärte ihm, die Zelle St.-John-in-the-Forest sei vor drei Jahren gegründet und mit Land und Gerätschaften ausgestattet worden. Obwohl sie inzwischen längst hätte autark sein sollen, müsse sie nach wie vor von der Mutterabtei unterstützt werden. Andere Unannehmlichkeiten kämen hinzu: Da hätte ein Diakonus in der Zelle übernachtet und sich über die schlampigen Gottesdienste beschwert; es lägen Klagen von Reisenden vor, die behaupteten, in jener Gegend von Mönchen ausgeraubt worden zu sein; und dann gäbe es auch noch Gerüchte über ›Unreinheit‹ … Remigius konnte oder wollte sich darüber nicht näher auslassen – ein Umstand, in dem Philip nur mehr ein weiteres Zeichen für die Gleichgültigkeit erkannte, mit der das Kloster Kingsbridge seine Geschäfte führte. Nach dem Gespräch mit Remigius zitterte er vor Wut. Ein Kloster diente der höheren Ehre Gottes. Wenn es diesem Anspruch nicht gerecht wurde, taugte es nichts. Die Priorei Kingsbridge war noch schlimmer. Der allenthalben zu erkennende Schlendrian war gotteslästerlich, und Philip konnte nichts dagegen tun. Im günstigsten Fall konnte er ein Filialkloster der Abtei reformieren.

Auf dem zweitägigen Ritt zu seiner neuen Wirkungsstätte im Wald grübelte er über die spärlichen Informationen nach, die er erhalten hatte, und überlegte sich in Demut, wie er sein neues Amt erfüllen könnte.

Ein Prior wurde gemeinhin von den Mönchen gewählt, doch bei kleineren Außenposten einer großen Abtei konnte der Prior des Mutterhauses nach eigenem Gutdünken entscheiden. Philip war daher nicht gebeten worden, sich zur Wahl zu stellen – was wiederum bedeutete, dass er nicht von vornherein auf die Kooperation der Mönche zählen konnte. Langsam und vorsichtig würde er sich in dem neuen Amt vorantasten müssen. Er musste zuerst die Schwierigkeiten besser kennenlernen, mit denen sich das kleine Kloster im Wald plagte; erst später, wenn er über alles Bescheid wusste, konnte er sich daran machen, sie zu bewältigen. Er musste den Respekt und das Vertrauen der Mönche erringen und sich vor allem der Mitarbeit jener versichern, die älter waren als er und ihm sein Amt vielleicht nicht gönnten. Sobald ich mich auskenne und meine Führerschaft unbestritten ist, dachte er, werde ich handeln – und zwar entschieden.

Doch dann kam alles ganz anders.

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als er am zweiten Tage die Lichtung erreichte. Er zügelte sein Pony und betrachtete seine neue Heimat. Es gab damals nur ein Steinhaus und die Kapelle (das ebenfalls steinerne Dormitorium ließ Philip erst ein Jahr später errichten). Die aus Holz gezimmerten Hütten und Scheunen wirkten baufällig und heruntergekommen. Philip gefiel das nicht: Was Mönche errichteten, sollte von Dauer sein – gleichgültig, ob es sich um Schweinekoben oder Kathedralen handelte. Er sah sich um und entdeckte weitere Belege für jene Nachlässigkeit, die ihn bereits in Kingsbridge entsetzt hatte: Es gab keine Zäune, aus einem Scheunentor quoll das Heu heraus, und gleich neben einem Fischteich dampfte ein Misthaufen. Er spürte, wie sich seine Gesichtsmuskeln vor unterdrückter Wut spannten, und er flüsterte sich zu: »Bleib ruhig, bleib bloß ruhig!«

Kein Mensch war zu sehen. Das hatte durchaus seine Ordnung, denn es war die Zeit der Vesper. Die meisten Mönche befanden sich demnach in der Kapelle. Philip versetzte seinem Pony einen leichten Peitschenhieb in die Flanke und ritt auf eine Hütte zu, die wie ein Stall aussah. Ein junger Bursche mit Stroh in den Haaren linste über die Tür und glotzte Philip mit leerem Blick an.

»Wie heißt du?«, fragte Philip und fügte nach einem Moment der Verlegenheit hinzu: »Mein Sohn.«

»Man nennt mich Johnny Eightpence«, sagte der Bursche.

Philip saß ab und überließ dem Jungen die Zügel. »Wohlan, Johnny Eightpence, du kannst mein Pferd absatteln.«

»Jawohl, Vater.« Johnny schlang die Zügel um einen vorstehenden Balken und entfernte sich.

»He, wo willst du hin?«, rief Philip ihm in scharfem Ton nach.

»Ich will den Brüdern sagen, dass ein Fremder gekommen ist.«

»Du wirst dich zunächst in Gehorsam üben, Johnny. Sattle jetzt mein Pferd ab. Ich werde die Brüder selbst über meine Ankunft unterrichten.«

»Jawohl, Vater.« Eingeschüchtert kehrte Johnny zurück und tat wie ihm geheißen.

Philip sah sich um. In der Mitte der Lichtung befand sich ein Gebäude, das wie eine lange Halle aussah. Nicht weit davon entfernt stand ein kleines rundes Gebäude mit einem Loch auf dem Dach, dem Rauch entwich; es handelte sich höchstwahrscheinlich um die Küche. Philip wollte wissen, was es zum Abendessen gab. In streng geführten Klöstern gab es nur eine Mahlzeit am Tag, das Mittagessen. Hier herrschten jedoch ganz offensichtlich weniger strenge Sitten, und so gab es vermutlich nach dem Abendgebet noch ein leichtes Mahl – Brot mit Käse oder gesalzenem Fisch, vielleicht auch eine Schüssel Gerstengrütze mit Kräutern. Als Philip sich jedoch der Küche näherte, stieg ihm unverwechselbarer Bratengeruch in die Nase und ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Er blieb stehen und runzelte die Stirn, dann betrat er das kleine Gebäude.

Zwei Mönche und ein Knabe saßen um den Herd, der mitten im Raum aufgestellt war. Philip sah, wie einer der beiden Mönche seinem Mitbruder einen Krug reichte, den dieser sofort an die Lippen setzte. Der Junge drehte einen Spieß über dem Feuer, und auf dem Spieß steckte ein kleines Schwein.

Als Philip ins Licht trat, blickten die drei überrascht auf. Ohne ein Wort zu sagen, nahm er dem Mönch den Krug aus der Hand und roch daran.

»Warum trinkt Ihr Wein?«

»Weil er das Herz stärkt, Fremder«, erwiderte der Mönch. »Na los, koste ihn. Tu einen langen Zug!«

Niemand, so viel stand fest, hatte sie vor dem Eintreffen des neuen Priors gewarnt. Und vor den Berichten, die ein zufällig des Weges kommender Mönch nach Kingsbridge bringen würde, fürchteten sie sich offenbar auch nicht. Philip verspürte den Drang, dem Mann den Weinkrug über den Schädel zu schlagen. Doch er beherrschte sich, holte tief Luft und sagte mit sanfter Stimme: »Die Kinder der Armen hungern, damit wir genügend Fleisch und Wein bekommen«, sagte er. »Dies geschieht indessen zur höheren Ehre Gottes – und nicht dazu, uns in bessere Stimmung zu versetzen. Für heute habt Ihr genug Wein getrunken.« Den Krug noch immer in der Hand, wandte er sich zum Gehen.

Auf dem Weg zur Tür hörte er, wie einer der Mönche hinter ihm herrief: »Für wen haltet Ihr Euch eigentlich?« Philip gab darauf keine Antwort. Sie würden es noch früh genug erfahren.

Er stellte den Krug vor der Küche auf dem Erdboden ab und begab sich als Nächstes zur Kapelle. Wütend ballte er die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder; es war ein Versuch, seinen Zorn im Zaum zu halten. Du darfst nichts überstürzen, sagte er sich. Sei vorsichtig. Lass dir Zeit.

Im Portal der kleinen Kapelle hielt er einen Augenblick inne, um sich zu beruhigen. Dann schob er leise die schwere Eichentür auf und trat ein.

Vor ihm standen in unregelmäßigen Reihen ungefähr ein Dutzend Mönche und einige Novizen. Er sah sie nur von hinten. Vorne, am Altar, stand der Sakristan und las laut aus einem aufgeschlagenen Buch. Er leierte seinen Text schnell herunter, und die Antworten der Mönche kamen ebenso leiernd und gelangweilt. Auf einem schmutzigen Altartuch flackerten drei ungleich lange Kerzen.

Im Hintergrund standen zwei junge Mönche und unterhielten sich angeregt. Das Abendgebet interessierte sie kaum. Als Philip sie erreichte, machte einer von ihnen gerade einen Witz, worauf der andere laut auflachte und das Geplapper des Sakristans übertönte. Diese Szene brachte für Philip das Fass zum Überlaufen, und alle seine guten Vorsätze waren wie weggewischt. »RUHE!«, brüllte er, so laut er konnte.

Das Gelächter brach ab. Der Sakristan verstummte. Grabesstille herrschte auf einmal in der Kapelle, und alle Mönche wandten sich zu Philip um.

Philip packte den Mann, der so dreist gelacht hatte, am Ohr. Der Mönch war ungefähr im gleichen Alter wie er selbst, aber merklich größer. Philip zog seinen Kopf herunter. »Auf die Knie!«, schrie er. Einen Augenblick lang sah es aus, als wolle sich der junge Mann losreißen. Doch er wusste, dass er im Unrecht war, und das schlechte Gewissen lähmte, wie Philip erwartet hatte, seinen Widerstandsgeist. Philip verstärkte seinen Griff, und der Mönch fiel auf die Knie.

»Das gilt für euch alle«, befahl Philip. »Auf die Knie!«

Sie hatten allesamt Gehorsam gelobt, und die skandalöse Disziplinlosigkeit, die sich in jüngster Zeit im Kloster breitmachte, hatte die jahrelange Gewohnheit noch nicht zu erschüttern vermocht. Gut die Hälfte der Mönche und alle Novizen fielen auf die Knie.

»Ihr alle habt euer Gelübde gebrochen«, sagte Philip und ließ sie seine Verachtung spüren. »Ihr seid Gotteslästerer, alle miteinander.« Er sah sie alle der Reihe nach an. »Eure Buße beginnt sofort.«

Nun beugten auch diejenigen, die zuvor gezögert hatten, die Knie, bis schließlich nur noch der Sakristan stand. Er war ein feister Mann mit schläfrigen Augen und mochte etwa zwanzig Jahre älter sein als Philip, der nun auf ihn zuging.

»Gib mir das Buch!«, befahl Philip.

Der Sakristan starrte ihn trotzig an und würdigte ihn keiner Antwort.

Philip war mit einem Schritt bei ihm und griff nach dem großen Band, doch der Sakristan ließ ihn nicht los. Philip zögerte. Zwei Tage lang hatte er sich selbst Vorsicht und Bedächtigkeit geschworen – und nun stand er hier, die Schuhe noch voller Straßenstaub, und setzte in einem Machtkampf mit einem ihm gänzlich unbekannten Mann alles aufs Spiel. »Das Buch her, und dann runter auf die Knie!«, wiederholte er.

Ein höhnischer Zug lag in der Miene des Sakristans. »Wer seid Ihr?«, fragte er.

Philip zögerte erneut. Dass er Mönch war, verrieten seine Kutte und sein Haarschnitt, und dass er eine höhere Stellung bekleidete, musste sein Auftreten ihnen klargemacht haben. Unklar war nach wie vor, ob er einen höheren Rang innehatte als der Sakristan. Philip hätte jetzt nur zu sagen brauchen: Ich bin euer neuer Prior, aber das wollte er nicht. Es erschien ihm plötzlich sehr wichtig, sich allein mittels moralischer Autorität durchzusetzen.

Der Sakristan spürte seine Unsicherheit und machte sie sich sofort zunutze. »Hättet Ihr vielleicht die Güte«, fragte er mit gespielter Höflichkeit, »uns mitzuteilen, wer da gekommen ist und wünscht, dass wir in seiner Gegenwart niederknien?«

Das reichte, um Philips letzte Bedenken zu vertreiben. Gott steht auf meiner Seite, dachte er, wovor also fürchte ich mich? Er holte tief Luft und sprach mit donnernder Stimme, die hoch oben im steinernen Gewölbe widerhallte: »Gott ist es, der euch befiehlt, in seiner Gegenwart niederzuknien!«

Der Sakristan schien eine Spur seiner Selbstsicherheit verloren zu haben. Philip nutzte die Gelegenheit und entriss ihm das Buch. Nun war dem Mann der Rest seiner Autorität genommen. Jetzt kniete auch er nieder.

Philip ließ sich seine Erleichterung nicht anmerken. Er ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen und verkündete: »Ich bin euer neuer Prior.«

Er las das Gebet und ließ die Mönche bis zum Ende knien. Es dauerte lange, denn Philip ließ sie alle Antworten so lange wiederholen, bis sie in absoluter Einstimmigkeit ertönten. Danach führte er sie schweigend zum Refektorium. Er ließ das gebratene Schwein zurück in die Küche bringen und bestellte statt dessen Brot und Leichtbier. Ein Mönch erhielt den Auftrag, während des Abendessens laut vorzulesen. Gleich nach Beendigung der Mahlzeit führte Philip die Mönche, ohne ein Wort zu verlieren, ins Dormitorium.

Er befahl, die Bettstatt des Priors, die in einem eigenen Gebäude untergebracht war, herbeizuschaffen, denn er wollte im gleichen Raum wie seine Mönche schlafen. Auf diese Weise ließ sich der Sünde der Unkeuschheit am einfachsten und wirksamsten vorbeugen.

In der ersten Nacht tat er kein Auge zu. Bis Mitternacht saß er neben einer brennenden Kerze und verharrte in stillem Gebet. Dann weckte er die Mönche zur Matutin, die er jedoch zum Zeichen, dass er nicht gnadenlos war, recht schnell abwickelte. Danach gingen die Mönche wieder zu Bett, doch Philip schlief auch jetzt noch nicht.

Im Morgengrauen, noch ehe die Mitbrüder wieder erwachten, ging er hinaus, sah sich in der Umgebung ein wenig um und machte sich Gedanken über den kommenden Tag. Mitten auf einem Feld, das erst in jüngster Zeit gerodet worden war, fiel ihm ein riesiger Stumpf auf, der anscheinend von einer uralten Eiche stammte. Da kam ihm plötzlich eine Idee.

Nach der Prim und dem Frühstück schickte er die Mönche mit Seilen und Äxten hinaus aufs Feld. Die Rodung des gewaltigen Baumstumpfs nahm den gesamten Vormittag in Anspruch. Eine Gruppe zog nach Kräften an den Seilen, eine andere rückte dem Wurzelwerk mit Äxten zu Leibe. Als die Arbeit schließlich vollbracht war und der Stumpf nachgab, ließ Philip Bier und Brot austeilen und genehmigte allen eine Scheibe von dem Braten, den er ihnen am Abend zuvor vorenthalten hatte.

Damit lösten sich zwar nicht sämtliche Schwierigkeiten in Luft auf, doch zumindest wusste jetzt ein jeder, woran er war. Von Anfang an weigerte sich Philip, das Mutterkloster um Versorgungsgüter anzugehen. Lediglich Saatgut für den Anbau von Getreide und Kerzen für die Kapelle ließ er sich noch liefern. Wollten die Mönche fortan Fleisch auf dem Tisch haben, so mussten sie sich selber darum kümmern. Allein diese Erkenntnis wirkte Wunder: Die Brüder verwandelten sich in gewissenhafte Viehzüchter und kenntnisreiche Fallensteller, und hatten sie zuvor in den Gebetsstunden eine willkommene Ablenkung von der Arbeit gesehen, so waren sie nun dankbar, wenn Philip die Andachten ein wenig verkürzte, sodass ihnen mehr Zeit zur Feldarbeit blieb.

Zwei Jahre später war das Kloster von fremder Hilfe unabhängig, und nach zwei weiteren Jahren konnte es bereits Fleisch, Wildbret und einen hochbegehrten Ziegenkäse an das Mutterkloster in Kingsbridge liefern. Die Zelle im Wald prosperierte, die Gottesdienste waren feierlich und ernst, und die Brüder waren gesund und guter Dinge.

Philip hatte allen Anlass, zufrieden zu sein, und er wäre es vielleicht auch gewesen – hätten sich die Verhältnisse im Mutterkloster nicht rapide verschlechtert.

Kingsbridge hätte einer der geistigen Mittelpunkte des Königreichs sein können, ein Ort voller Leben und Lebendigkeit. Wissenschaftler aus aller Herren Länder hätten die Bibliothek besuchen können und der Prior ein Ratgeber an Fürstenhöfen sein müssen. Die Reliquienschreine waren dazu angetan, Pilger aus dem ganzen Land anzulocken, und die Gastfreundschaft der Mönche hätte beim Adel in ebenso gutem Rufe stehen können wie ihre Mildtätigkeit bei den Armen … Welch anderes Bild bot indessen die Wirklichkeit! Die Kirche verfiel zusehends, die Hälfte der Gebäude stand leer, und die Priorei stand bei verschiedenen Geldverleihern tief in der Kreide. Mindestens einmal im Jahr stattete Philip dem Mutterhaus einen Besuch ab, und jedes Mal kehrte er wutentbrannt zurück: Es war nicht mit anzusehen, wie der von gläubigen Menschen zusammengetragene und von beherzten Mönchen gemehrte Wohlstand dort verschleudert wurde – wie das Erbe des rechtschaffenen Mannes im Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Einer der Gründe für die Misere war in der Lage der Priorei zu suchen.

Kingsbridge war ein kleines Dorf am Ende einer Nebenstraße, die nicht weiterführte. Seit den Zeiten des ersten Königs Wilhelm – den die einen den ›Eroberer‹, die anderen aber, je nach ihrem persönlichen Standpunkt, den ›Bastard‹ nannten – waren die meisten Kathedralen in die größeren Städte verlegt worden. Das Kloster Kingsbridge gehörte zu den wenigen Orten, die von dieser Entwicklung nicht betroffen waren. Philip sah darin allerdings kein unüberwindliches Problem: Seiner Überzeugung nach war ein geschäftiges Kloster mit einer Kathedrale eine Stadt für sich.

Der Hauptgrund für die Häufung von Schwierigkeiten lag in der Untätigkeit des alten Priors James. Die Hand, die das Ruder führte, war kraftlos, das Schiff ein willenloser Spielball der Gezeiten.

Und zu Philips tiefer Betrübnis ließ sich keine Wendung zum Besseren absehen – im Gegenteil: Solange Prior James lebte, würde sich der Niedergang des Klosters unaufhaltsam fortsetzen.

Sie wickelten das Kind in sauberes Linnen und legten es in einen großen Brotkorb, der auch als Wiege dienen konnte. Den kleinen Bauch voller Ziegenmilch, schlief der Knabe ein. Philip übertrug Johnny Eightpence die Verantwortung für den neuen Mitbruder, denn wiewohl Johnny nicht ganz richtig im Kopf war, verstand er sich doch bestens auf den Umgang mit kleinen, schwachen Lebewesen.

Philip war überaus neugierig zu erfahren, was Francis zu ihm geführt hatte. Im Laufe des Mittagessens spielte er mehrfach darauf an, doch Francis ging darauf nicht ein, sodass Philip nichts anderes übrigblieb, als sich weiterhin zu gedulden.

Dem Essen folgte das Studium. Es gab keine Wandelgänge hier draußen im Wald, doch war es den Mönchen gestattet, sich im Portal der Kapelle niederzulassen und zu lesen oder aber auf der Lichtung spazieren zu gehen. Auch durften sie ab und an das Küchengebäude betreten und sich nach altem Brauch am Feuer wärmen. Philip und Francis umrundeten die Lichtung Seite an Seite, wie einst im Kreuzgang ihres walisischen Heimatklosters. Endlich ergriff Francis das Wort.

»König Heinrich hat die Kirche immer wie einen untergeordneten Teil seines Reiches behandelt. Er erteilte Bischöfen Befehle, belegte die Kirche mit Steuern und Abgaben und hintertrieb die Autorität des Papstes.«

»Das ist mir bekannt«, erwiderte Philip. »Was willst du damit sagen?«

»König Heinrich ist tot.«

Philip verhielt den Schritt. Damit hatte er nicht gerechnet!

»Er starb in seiner Jagdhütte bei Lyons-la-Forêt in der Normandie«, fuhr Francis fort. »Er hatte gerade ein Gericht von Neunaugen zu sich genommen, die er so gerne mochte, obwohl sie ihm nie recht bekommen sind.«

»Und wie lange ist das her?«

»Heute ist der erste Tag des neuen Jahres – er starb vor genau einem Monat.«

Philip war aufrichtig erschrocken. Er hatte noch nie den Tod eines Königs miterlebt, denn Heinrichs Thronbesteigung lag in der Zeit vor seiner Geburt. Andererseits wusste er: Der Tod eines Königs bedeutete Unruhe, vielleicht sogar Krieg. »Und was geschieht jetzt?«, fragte er bestürzt.

Sie setzten ihren Weg fort. »Das Schlimme ist«, sagte Francis, »dass der rechtmäßige Erbe des Königs vor vielen Jahren im Meer ertrank. Du erinnerst dich?«

»Ja, ich erinnere mich.« Philip war damals zwölf Jahre alt gewesen. Der Tod des Thronfolgers war das erste Ereignis von landesweiter Bedeutung, das sich seinem Gedächtnis eingeprägt und ihn auf die Welt außerhalb der Klostermauern aufmerksam gemacht hatte. Der Königssohn war vor Cherbourg beim Untergang des ›Weißen Schiffes‹ zu Tode gekommen. Abt Peter, der nach dem Ableben des Thronfolgers den Ausbruch von Krieg und Anarchie befürchtete, hatte dem jungen Philip von den Ereignissen berichtet. Letztlich war es König Heinrich jedoch gelungen, die Zügel in der Hand zu behalten, sodass das Leben von Francis und Philip in denselben geordneten Bahnen weiterlief wie zuvor.

»Der König hat natürlich noch zahlreiche andere Kinder«, fuhr Francis fort, »insgesamt mindestens zwanzig, darunter meinen eigenen Herrn, Graf Robert von Gloucester. Aber bei ihnen handelt es sich samt und sonders um illegitime Sprosse … Außer dem verstorbenen Sohn hat König Heinrich trotz seiner gewaltigen Fruchtbarkeit nur noch ein einziges legitimes Kind hinterlassen, und zwar ein Mädchen namens Mathilde. Bastarde sind von der Thronfolge ausgeschlossen – doch eine Frau ist fast genauso schlimm.«

»Hat König Heinrich denn keinen Erben ernannt?«, fragte Philip.

»Doch, doch, er bestimmte Mathilde zur Erbin. Sie hat einen Sohn, der ebenfalls Heinrich heißt. Dass sein Enkelsohn dereinst den Thron besteigen wird, war des verblichenen Königs sehnlichster Wunsch, doch gegenwärtig zählt er noch keine drei Jahre! Der König hat daher die Barone Mathilde Treue schwören lassen.«

Philip begriff nicht, worum es ging. »Wenn der König Mathilde als Erbin eingesetzt hat und die Barone ihr bereits den Treueid geschworen haben … dann ist doch alles in Ordnung, oder?«

»So einfach ist das Leben bei Hofe noch nie gewesen«, antwortete Francis. »Mathilde ist mit Gottfried von Anjou verheiratet, und das Anjou und die Normandie sind seit Generationen verfeindet. Unsere normannischen Herren hassen die Angeviner. Offen gestanden – die Einschätzung unseres alten Königs, die anglonormannischen Barone könnten einem aus dem Hause Anjou widerspruchslos England und die Normandie überlassen, war sehr blauäugig – Treueid hin oder her.«

Die ebenso kundige wie respektlose Rede seines Bruders über die bedeutendsten Persönlichkeiten des Landes brachte Philip ein wenig durcheinander. »Woher weißt du das nur alles?«, fragte er.

»Die Barone trafen sich in Le Neubourg, um über ihr weiteres Vorgehen zu entscheiden. Es versteht sich von selbst, dass auch mein eigener Herr, Graf Robert, an dieser Besprechung teilnahm. Ich begleitete ihn und diente ihm als Sekretär für seine Korrespondenz.«

Philip warf einen Seitenblick auf seinen Bruder. Was für ein unterschiedliches Leben wir doch führen, dachte er. Dann kam ihm ein neuer Gedanke. »Graf Robert ist der älteste Sohn des verstorbenen Königs, nicht wahr?«

»Ja, und er ist von großem Ehrgeiz besessen. Aber er hält sich an die weitverbreitete Meinung, dass illegitime Sprosse des Königs sich ihr Reich erstreiten müssen. Erben können sie es nicht.«

»Wer kommt sonst noch in Frage?«

»König Heinrich hatte drei Neffen, die Söhne seiner Schwester. Der älteste ist Theobald von Blois, der zweite Stephan, der bei seinem Onkel in hoher Gunst stand und von ihm mit ausgedehnten Ländereien hier in England bedacht wurde, und dann ist da noch Henry, der Benjamin der Familie, der dir als Bischof von Winchester vertraut ist. Die Barone sprachen sich für den Ältesten aus, also für Theobald, und zwar unter Berufung auf eine Tradition, die du wahrscheinlich vollauf billigst …« Francis sah Philip an und grinste.

Philip lächelte zurück. »In der Tat«, sagte er und fügte hinzu: »So heißt unser neuer König also Theobald?«

Francis schüttelte den Kopf. »Das bildete er sich zunächst auch ein – nur haben wir jüngeren Söhne nun einmal die Art, uns in den Vordergrund zu drängen.« Die beiden Brüder erreichten den Rand der Lichtung und machten kehrt. »Während Theobald gnädigst die Huldigung der Barone entgegennahm, überquerte Stephan den Kanal, begab sich schnurstracks nach Winchester und besetzte mit Hilfe von Bischof Henry, dem Nesthäkchen der Familie, die dortige Burg. Vor allem aber bemächtigte er sich dort des königlichen Schatzes.«

Philip wollte Francis schon unterbrechen und sagen: ›So ist also Stephan unser neuer Herrscher!‹, doch diesmal hütete er seine Zunge: Schon bei Mathilde und Theobald hatte er sich zu voreiligen Schlüssen hinreißen lassen.

Francis fuhr fort: »Zur endgültigen Absicherung seines Sieges fehlte Stephan nur noch der Segen der Kirche, denn um wirklich König zu sein, muss er in Westminster vom Erzbischof gekrönt werden.«

»Nun, das dürfte ihm nicht schwergefallen sein«, sagte Philip, »immerhin ist sein Bruder Henry einer der führenden Priester im Lande – als Bischof von Winchester und Abt von Glastonbury ist er fast so mächtig wie der Erzbischof von Canterbury. Wobei noch hinzukommt, dass er ein wahrer Krösus ist. Und warum sollte Bischof Henry Stephan seine Unterstützung versagen? Er hat ihm schließlich schon bei der Besetzung Winchesters geholfen.«

Francis nickte. »Ich muss gestehen, dass Bischof Henry während der Nachfolgekrise geradezu hervorragend taktiert hat. Allerdings hat er Stephan gewiss nicht aus brüderlicher Liebe unterstützt.«

»Warum denn?«

»Eben erst habe ich dich darin erinnert, wie der verstorbene König mit der Kirche und ihren Repräsentanten umzuspringen pflegte. Bischof Henry möchte nun sicherstellen, dass der nächste König, wer immer es auch sein mag, die Kirche besser behandelt. Als Bedingung für seine Unterstützung nahm er seinem Bruder den feierlichen Schwur ab, dass die Rechte und Privilegien der Kirche unter einem König Stephan stets beachtet und gewahrt blieben.«

Philip war beeindruckt. Stephans Verhältnis zur Kirche war gleich zu Beginn seiner Herrschaft klar umrissen – und zwar nach Bedingungen, die die Kirche gestellt hatte. Das Wichtigste daran mochte jedoch der Präzedenzfall sein: Zwar war die Krönung der Könige schon vorher Aufgabe der Kirche gewesen, doch nie zuvor hatte sie Bedingungen stellen können. Eines nicht allzu fernen Tages mochte es sogar so weit kommen, dass kein König mehr ohne vorherige Absprache mit der Kirche die Macht ergreifen konnte. »Das kann für uns von großer Bedeutung sein«, sagte Philip.

»Es ist natürlich möglich, dass Stephan sich nicht an sein Versprechen hält«, erwiderte Francis. »Doch du hast auf jeden Fall recht: So wie sein Vorgänger Heinrich wird er mit der Kirche niemals umspringen können. Es besteht indessen eine andere Gefahr. Zwei Barone waren über Stephans Vorgehen aufs Höchste entrüstet. Der eine von ihnen ist Bartholomäus, Graf von Shiring.«

»Ich kenne ihn. Er lebt nur eine Tagesreise entfernt von hier und gilt als ein gottesfürchtiger Mann.«

»Das mag schon sein. Ich weiß nur, dass er ein selbstgerechter, starrsinniger Baron ist, der trotz der versprochenen Generalamnestie nie von seinem Treueid auf Mathilde abrücken wird.«

»Und wer ist der andere Gegner von Stephan?«

»Graf Robert von Gloucester, mein Herr. Ich habe dir ja schon von seinem Ehrgeiz berichtet. Er quält sich ständig mit dem Gedanken, dass er – wäre er nur legitim geboren – längst die Krone trüge. Er möchte seine Halbschwester Mathilde auf dem Thron sehen, denn er glaubt, sie wäre von seinem Rat und Beistand abhängig. Damit wäre er dann de facto König, wenngleich nicht dem Namen nach.«

»Wird Graf Robert konkrete Schritte in dieser Richtung unternehmen?«

»Ich fürchte ja.« Francis senkte die Stimme, obwohl niemand in ihrer Nähe war. »Robert und Bartholomäus planen gemeinsam mit Mathilde und ihrem Gemahl einen Aufstand, der Stephan stürzen und Mathilde an seiner statt auf den Thron setzen soll.«

Philip blieb stehen. »Das würde ja alle Errungenschaften des Bischofs von Winchester zunichte machen!«, rief er und packte seinen Bruder am Arm. »Aber, Francis …«

»Ich weiß, woran du denkst.« Alle Anmaßung war von Francis abgefallen; aus seinem Blick sprach nackte Angst. »Wenn Graf Robert erfährt, dass ich mit dir über seine Pläne gesprochen habe, lässt er mich sofort aufhängen. Er vertraut mir voll und ganz – doch ich bin in letzter Instanz der Kirche verpflichtet, ich kann nicht anders.«

»Was willst du tun?«

»Ich dachte daran, mich um eine Audienz beim neuen König zu bemühen und ihm alles zu erzählen. Die beiden rebellischen Grafen würden natürlich alles abstreiten, und ich würde als Verräter gehenkt. Der Aufstand indessen wäre verhindert – und ich käme sogleich in den Himmel.«

Philip schüttelte den Kopf. »Man hat uns gelehrt, dass es eitel ist, das Martyrium zu suchen.«

»Ich weiß. Und außerdem glaube ich, dass Gott hier auf Erden auch noch einige Aufgaben für mich bereithält. Ich habe eine Vertrauensstellung am Hofe eines einflussreichen Barons, und wenn ich bei ihm bleibe und meine Position durch harte Arbeit festige, so werde ich dort für die Rechte der Kirche und die Herrschaft des Gesetzes einiges tun können.«

»Gibt es irgendeine andere Möglichkeit …?«

Francis sah Philip in die Augen. »Ja. Und darum bin ich hier.«

Ein Angstschauer lief Philip über den Rücken. Francis war gekommen, ihn um Unterstützung zu bitten, andernfalls hätte er ihn nie in dieses furchtbare Geheimnis eingeweiht.

»Ich kann den Aufstand nicht verraten«, fuhr Francis fort. »Du hingegen kannst es.«

»Jesus Christus und alle Heiligen, steht mir bei!«, entfuhr es Philip.

»Wenn der Plan hier unten im Süden enthüllt wird, bleibt das Haus Gloucester von jedem Verdacht verschont. Niemand weiß, dass ich hier war, und dass wir Brüder sind, weiß auch kaum einer. Du findest sicher eine glaubwürdige Erklärung für deine Informationen. Vielleicht hast du gesehen, wie sich ein Haufen Bewaffneter zusammenrottet. Oder ein Mitglied des Haushalts von Graf Bartholomäus hat einem dir bekannten Priester während der Beichte das Geheimnis anvertraut.«

Philip zog die Kutte fester um sich. Ihn schauerte. War es urplötzlich kälter geworden? Francis zog ihn da in eine äußerst gefährliche Affäre hinein. Es ging um eine unmittelbare Einmischung in die Angelegenheiten des Hofes – und das war ein Spiel, dem oft genug schon die erfahrensten Köpfe zum Opfer gefallen waren. Wer sich als Außenseiter in diese Dinge einmischte, war ein Narr.

Andererseits: Es stand eine Menge auf dem Spiel. Philip konnte nicht einfach die Hände in den Schoß legen und mit ansehen, wie ein von der Kirche ausgewählter Monarch durch eine Rebellion gestürzt wurde – nicht jedenfalls, solange ihm Mittel und Wege offenstanden, es zu verhindern. Und so gefährlich die Aufdeckung des Komplotts für ihn auch sein mochte – für Francis wäre es reiner Selbstmord.

»Was haben die Rebellen vor?«, fragte Philip.

»Graf Bartholomäus befindet sich gegenwärtig auf der Rückreise nach Shiring. Von dort aus wird er Botschaften an seine Anhänger im Süden Englands aussenden. Graf Robert wird ein oder zwei Tage später nach Gloucester zurückkehren und seine Anhänger im Westen des Landes mobilisieren. Zuletzt wird Brian Fitzcount, der Herr von Wallingford Castle, seine Tore schließen, sodass der gesamte Südwesten Englands kampflos in Rebellenhand fällt.«

»Dann ist es ja fast schon zu spät«, wandte Philip ein.

»Noch nicht ganz. Es bleibt uns ungefähr noch eine Woche. Allerdings darfst du nicht mehr lange zögern.«

Philip gestand sich resigniert ein, dass er seine Entscheidung bereits so gut wie getroffen hatte. »Ich weiß nicht, wem ich es sagen soll«, antwortete er. »Üblicherweise würde man derartige Dinge mit dem Grafen besprechen – aber in diesem Fall geht das natürlich nicht. Der Vogt steht wahrscheinlich auf seiner Seite. Kennst du jemanden, der garantiert auf unserer Seite steht?«

»Wie wär’s mit dem Prior von Kingsbridge?«

»Mein Vorgesetzter ist alt und müde. Er würde wahrscheinlich in Untätigkeit verharren.«

»Dann müssen wir jemand anderen finden.«

»Da wäre zum Beispiel noch der Bischof …« Philip hatte mit dem Bischof von Kingsbridge bislang noch kein einziges Wort gewechselt, war sich jedoch sicher, bei ihm vorgelassen zu werden und Gehör zu finden. Da sich die Kirche für König Stephan entschieden hatte, stand der Bischof gleichsam von Amts wegen auf seiner Seite. Außerdem war er mächtig genug, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

»Wo lebt der Bischof?«, fragte Francis.

»Anderthalb Tagereisen von hier.«

»Dann machst du dich am besten noch heute auf den Weg.«

»Gewiss«, erwiderte Philip schweren Herzens.

Bedauern spiegelte sich in Francis’ Miene. »Ich wünschte, es hätte einen anderen getroffen«, sagte er.

»Ich auch«, gab Philip aus vollem Herzen zurück. »Ich auch.«

Philip rief die Mönche in der kleinen Kapelle zusammen und berichtete ihnen vom Tod des Königs. »Beten wir nun für eine friedliche Nachfolge und dafür, dass der neue König die Kirche mehr lieben möge als der verstorbene König Heinrich«, sagte er. Doch er verschwieg ihnen, dass der Schlüssel für eine friedliche Thronfolge auf seltsamem Weg in seine Hand geraten war. Statt dessen verkündete er: »Andere Botschaft, die ich erhielt, erfordert meine sofortige Abreise zu unserem Mutterhaus nach Kingsbridge.«

Der Subprior sollte während seiner Abwesenheit die Chorgebete lesen, dem Cellerar oblag die Verantwortung für die Landwirtschaft. Keiner von beiden war jedoch imstande, es mit Peter von Wareham aufzunehmen. Wenn ich zu lange fortbleibe, dachte Philip, stellt Peter das ganze Kloster auf den Kopf … Gut möglich, dass es dann bei meiner Rückkehr gar kein Kloster mehr gibt. Er hatte bisher noch keine Antwort auf die Frage gefunden, wie sich Peter im Zaum halten ließ, ohne dass seine Selbstschätzung darunter litt. Jetzt musste alles plötzlich ganz schnell gehen, und so blieb Philip nichts anderes übrig, als sich eine Notlösung einfallen zu lassen.

»Wir sprachen heute Vormittag über die Völlerei«, sagte er nach einer Pause. »Bruder Peter verdient unser aller Dank, weil er uns daran erinnerte, dass Gott der Herr unsere Äcker gesegnet und uns Wohlstand geschenkt hat – und dies, wohlgemerkt, nicht, damit wir nun feist und bequem werden, sondern allein zu seinem höheren Ruhm. Zu unseren heiligen Pflichten gehört es, unsere Reichtümer mit den Armen zu teilen. Wir haben diese Pflicht bislang vernachlässigt, vor allem deshalb, weil es hier draußen im Wald niemanden gibt, mit dem wir teilen könnten. Bruder Peter hat uns jedoch darauf hingewiesen, dass es unsere Pflicht ist, hinauszugehen und die Armen zu suchen, denn nur so können wir ihnen helfen.«

Die Mönche waren überrascht, denn sie waren doch davon ausgegangen, das Thema Völlerei sei am Vormittag erschöpfend behandelt worden. Peter von Wareham wirkte unsicher. Es gefiel ihm, dass er auf einmal wieder im Mittelpunkt des Interesses stand, doch argwöhnte er, dass Philip noch eine weitere Überraschung im Ärmel hatte. Seine Ahnung trog ihn nicht.

»Ich habe beschlossen«, fuhr Philip fort, »dass wir fortan jede Woche einen Penny pro Mitbruder für die Armen zurücklegen. Sollten wir dadurch ein bisschen weniger zu essen haben, so werden wir diese Einschränkung freudig hinnehmen, wird sie uns doch dereinst im Himmel vergolten. Noch wichtiger jedoch ist, dass wir auf die sinnvolle Verwendung unserer Pennys achten. Gibt man einem armen Mann einen Penny, damit er für sich und seine Familie Brot kaufen kann, so mag es durchaus geschehen, dass er schnurstracks zur Schenke läuft, sich betrinkt und schließlich nach Hause zurückkehrt, um sein Weib zu schlagen. Die gute Frau wäre ohne unsere milde Gabe besser gefahren. Es ist also ratsam, dem Armen – oder besser gleich seinen Kindern – Brot zu geben. Das Verteilen von Almosen ist eine heilige Aufgabe, der wir uns mit der gleichen Sorgfalt widmen müssen wie der Heilkunst und der Erziehung der Jugend. In vielen Klöstern gibt es daher einen eigens zu diesem Zweck bestallten Almosenier, und so werden auch wir es in Zukunft halten.«

Philip sah sich in der Runde um. Die Mönche hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Peter blickte recht zufrieden drein; er sah inzwischen in Philips Ausführungen einen persönlichen Sieg. Mit dem, was nun folgte, hatte niemand gerechnet.

»Die Aufgabe des Almoseniers ist alles andere als einfach. Er wird sich in den umliegenden Dörfern und Städten umtun müssen, vor allem in Winchester. Dort wird er sich unter das niedrigste Volk, die gemeinsten, hässlichsten und übelsten Menschen zu begeben haben, denn sie sind die Armen in unserem Land. Er muss für sie beten, wenn sie Gott lästern, muss die Kranken unter ihnen besuchen und allen vergeben, die ihn betrügen und berauben. Er wird Kraft, Demut und unendliche Geduld brauchen, und die Geborgenheit unserer Gemeinschaft wird ihm fehlen, denn er wird öfter unterwegs als hier sein.«

Wieder sah Philip in die Runde. Jetzt war allen Mönchen unbehaglich zumute. Keiner von ihnen strebte nach diesem Amt. Er ließ seinen Blick auf Peter von Wareham ruhen. Peter wusste jetzt, was auf ihn zukam, und machte ein langes Gesicht.

»Peter war es, der uns auf unsere Unzulänglichkeiten hinwies«, fuhr Philip schließlich mit gemessenen Worten fort. »Ich habe daher beschlossen, ihn mit der ehrenvollen Aufgabe des Almoseniers zu betrauen.« Er lächelte. »Bruder Peter, dein Dienst beginnt mit dem heutigen Tag.«

Du wirst so oft unterwegs sein, dass du hier im Kloster kaum noch Unruhe stiften kannst, dachte Philip bei sich, und dein Zorn auf unser beschauliches Leben wird sich mäßigen, je öfter du dich in den stinkenden Gassen von Winchester unter den Abschaum des Menschengeschlechts mischen musst.

Peter sah in seiner Ernennung zum Almosenier eindeutig eine Bestrafung, sonst nichts. Der hasserfüllte Blick, mit dem er Philip bedachte, ließ den Prior fast verzagen.

Philip riss den Blick von seinem Widersacher los und widmete sich wieder den anderen. »Nach dem Tode eines Königs folgt stets eine Zeit der Gefahr und Ungewissheit«, sagte er. »Betet in meiner Abwesenheit für mich.«

+++

Am zweiten Tag seiner Reise, gegen Mittag, befand sich Prior Philip nur mehr wenige Meilen vom bischöflichen Palast entfernt. Je näher er kam, desto mulmiger ward ihm zumute. Der Bischof würde wissen wollen, woher die Nachricht von dem geplanten Aufstand stammte, und Philip hatte sich auch schon eine halbwegs plausible Geschichte ausgedacht. Nur – was sollte er tun, wenn der Bischof ihm diese Geschichte nicht abnahm? Was, wenn er ihm zwar glaubte, aber Beweise sehen wollte? Und wenn es auch kaum wahrscheinlich war, so ließ es sich doch nicht ganz ausschließen, dass der Bischof in die Verschwörung eingeweiht war und sie sogar unterstützte (auf diese Möglichkeit war Philip erst gekommen, nachdem Francis sich verabschiedet hatte). Vielleicht war er ein alter Freund des Grafen von Shiring. Dass Bischöfe ihre eigenen Interessen über die der Kirche stellten, war durchaus nichts Ungewöhnliches.

Der Bischof konnte Philip auf der Folter zur Preisgabe seines Informanten zwingen. Er war dazu zwar nicht berechtigt – doch was hieß das schon? Zur Verschwörung gegen den König war er auch nicht berechtigt … Vor Philips geistigem Auge stellten sich die Bilder von Folterinstrumenten ein, wie man sie gelegentlich auf den Bildern der Maler sehen konnte, die das Fegefeuer darstellten. Gemälde dieser Art waren der Wirklichkeit nachempfunden, wie sie in den Verliesen der Bischöfe und Barone herrschte. Philip glaubte nicht, dass ihm die Kraft zum Martyrium gegeben war.

In einiger Entfernung vor sich erblickte er eine Gruppe von Reisenden, die zu Fuß unterwegs waren. Sein erster Impuls war anzuhalten, um sie nicht überholen zu müssen, denn er war allein, und es gab genügend Wegelagerer, die ohne jeden Skrupel auch einen Mönch überfallen hätten. Dann jedoch erkannte Philip, dass sich eine Frau und zwei Kinder unter den Wanderern befanden, und von reisenden Familien ging gemeinhin keine Gefahr aus. Im Trab setzte er ihnen nach.

Bald konnte er Einzelheiten erkennen: Die Gruppe bestand aus einem hochgewachsenen Mann, einem fast ebenso großen Jungen, einer auffallend kleinen Frau und zwei Kindern. Es handelte sich ganz offensichtlich um arme Leute, denn sie waren in lumpenartige Gewänder gehüllt und trugen keinerlei Wertgegenstände mit sich.

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