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Die Sache mit der Liebe und den Flügeln

Über die Autorinnen

Mattea Bernet ist im damaligen West-Berlin aufgewachsen. Basketball und Schokolade waren ihre Leidenschaft und sind es immer noch. Sie studierte Theater- und Filmwissenschaften an der Freien Universität Berlin und arbeitet heute als Journalistin und Dramaturgin für TV-Produktionen und -Sender. Außerdem ist sie für verschiedene NGOs tätig und setzt sich für die Rechte von Kindern und Frauen im In- und Ausland ein.

Heike Fink ist auf der schwäbischen Scholle aufgewachsen zwischen Weinbergen und Kochtöpfen. Ihre Eltern waren Köche. Sie arbeitete als Journalistin bei einer Fachzeitschrift für Gastronomie und war Testesserin. Zudem studierte sie Literaturwissenschaft und Soziologie. Im Jahre 2000 hat sie sich dem Film verschrieben und arbeitet seither als Autorin, Drehbuchautorin und Dokumentarfilmerin. Für ihre Arbeiten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien.

Mattea Bernet
Heike Fink

Die Sache mit der Liebe und den Flügeln

BASTEI ENTERTAINMENT

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1

Liebe Mama,

Du hast immer gesagt, dass es wenige Dinge im Leben gibt, an die man sich erinnert, wenn man stirbt. Zu diesen wenigen Dingen gehört die erste große Liebe. Ich habe beschlossen, es wie Du zu machen. Ich werde um Rocco herumbalzen. In diesem Sommer werde ich nicht mehr unsichtbar für ihn bleiben.

Er kann wunderbar Witze erzählen, und wenn er lacht, fallen ihm seine braunen Locken ins Gesicht und wippen mit. Zwar hat er nicht so markante Schönheitsmerkmale wie Papa, keine geschwungenen langen Wimpern und keinen schiefen Schneidezahn, trotzdem ist Rocco schön und liebenswert. Hört sich verrückt an, einen Jungen »schön« zu nennen, aber genau das ist die Wahrheit. Vielleicht wollte ich ja deshalb bisher lieber unsichtbar für ihn bleiben: weil er schön ist und ich …

Auf jeden Fall habe ich Papas Zahn geerbt und leider nicht Deine grünen Augen, Deine feinen, weichen Hände, Deine Haare, Dein Lächeln, Dein … ach, Dein alles. Aber so, wie Du Dich um Papa bemüht hast, werde ich mich um Rocco bemühen.

Es wird Zeit, endlich zu meiner ersten großen Liebe zu stehen. Und es wird Zeit, dass ich seine wunderschönen Lippen küsse oder er meine. Ist mir egal, in welcher Reihenfolge. Hauptsache, wir küssen. Weiß nicht, ob das zu banal ist, aber ich freue mich trotzdem schon jetzt darauf. Vorfreude ist die schönste Freude, und der Moment vor dem ersten Kuss ist der süßeste, und den sollte man so lange wie möglich genießen, hast Du immer gesagt.

»Es gibt nur einen allerersten Kuss, einen einzigen im Leben, und wenn der passiert ist und man hat ihn verpatzt, gibt es keine zweite Chance. Also, sieh zu, dass es der beste Moment Deines Lebens wird.«

Deine Worte! Siehst Du, ich setze alle Deine Ratschläge um. Aber ich habe jetzt sehr lange den Moment vor meinem ersten Kuss genossen, habe mich lange genug vorbereitet – jetzt kommt Phase 2. Wäre schön, wenn Du mir dabei ein wenig helfen könntest. Ich weiß, dass Du mich siehst und auf mich achtest.

Wenn ich fliege, spüre ich Dich manchmal wie den Wind um mich herum. Wer weiß, vielleicht hast Du von da oben aus ein paar Tricks auf Lager, die mir bei meinem Eroberungsplan helfen. Bitte, bitte sorg dafür, dass ich gut küsse – wenn ich küsse. Rocco soll sich nach meinen Küssen verzehren wie nach Schokolade. Oder nach Chips. Oder nach Spaghetti.

Ich liebe Dich. Ich vermisse Dich. Ich werde Dich immer vermissen. Deine Meeri

Der Baum, auf dem ich sitze, schwankt ziemlich. Das liegt nicht nur am Wind. Das liegt vor allem an meinen zittrigen Händen. Ich schaffe es kaum, meinen Namen unter den Brief zu schreiben. Ganz krakelig wird das »Meeri«, und der i-Punkt sieht aus wie eine betrunkene Ameise. Nicht nur meine Hände sind aufgeregt. Mein Herz ist es auch.

Durch das Dickicht hindurch sehe ich Rocco. Ich bin keine zwanzig Meter von ihm entfernt. Hier oben auf meinem Ast habe ich einen Logenplatz und kann alles verfolgen, was er tut. Er klettert mit seiner neuen Kletterausrüstung und sieht dabei so unglaublich süß aus. Und ich? Ich verstecke mich. Dabei wäre jetzt die Gelegenheit, mit ihm Kontakt aufzunehmen, ganz locker, so von Baum zu Baum, ganz einfach, ganz easy … ganz unkompliziert.

Ich müsste nur »Rocco« rufen und schon … Aber wenn ich seinen Namen rufe, dann wird alles noch viel komplizierter. Das kann ich nicht riskieren, denn dann müsste ich tausend Dinge erklären, die ich nicht erklären kann. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als hier oben in der Baumkrone zu sitzen und mich am Ast festzuklammern und ihn aus der Ferne anzustarren. Und vor mich hinzubibbern.

Im Gegensatz zu Rocco bin ich keine geübte Kletterin. Ich sehe auch nicht so grandios aus wie er in seiner Klettermontur. Wenn er die Zweige und Äste anfasst, um sich hochzuziehen, sitzt jeder Griff. Ich wünschte, Rocco würde mich so berühren. Ich wünschte, ich wäre genau der Ast da drüben, den er jetzt umfasst. Aber ich bin Meeri mit dem verwackelten i-Punkt. Meeri, der Angsthase. Meeri, die sich im Laub unsichtbar gemacht hat. Das kann ich wirklich richtig gut: unsichtbar sein.

Damit ist jetzt Schluss! Ich sitze doch gerade deshalb auf diesem Baum, weil ich etwas ändern will. Deshalb beschließe ich hier und heute, in diesem Sommer meines vierzehnten Lebensjahres, nicht nur einfach so im Geheimen für mich verliebt zu sein, sondern meine erste große Liebe zu einer unvergesslichen zu machen. Nur weiß er noch nichts davon.

Rocco wohnt nebenan. Wir kennen uns schon ewig, und ich glaube, genauso lange bin ich schon in ihn verliebt. Als meine Mutter noch lebte, erzählte sie mir wieder und wieder, wie schön das erste Treffen mit meinem Vater gewesen war. Ich kann mich an mein erstes Treffen mit Rocco nicht erinnern. Er war einfach immer in meinem Leben und immer in meinem Herzen.

Nach diesem ersten phänomenalen Treffen mit meinem Vater beschloss meine Mutter nicht nur, sich in ihn zu verlieben, sie wollte ihn auch gleich heiraten. Sie balzte ihn an (ich muss wohl nicht erwähnen, dass sie im Gegensatz zu mir eine echte Balzkanone war), und ein Jahr später waren sie verheiratet und bekamen mich.

So schnell muss es bei mir und Rocco nicht gehen, aber einen ersten Kuss von meiner ersten großen Liebe zu bekommen wäre grandios. Denn es wird Zeit. Mit 13 sollte man schon mal geküsst haben.

Also, los jetzt Meeri! Phase 2, Kussangriff.

Rocco ist nur noch zehn Meter von mir entfernt, und er kommt näher. Warum ist plötzlich so wenig Luft in meinen Lungen? Der gesamte Baum, auf dem ich sitze, wackelt wie bei einem Orkan. Ich glaube, gleich falle ich runter.

Phase 2. Phase 2. Phase 2.

Ich muss noch mal Luft holen. Bevor ich Rocco gegenübertreten kann, brauche ich … noch mehr Atem, noch mehr …? Etwas Lippenstift, damit er auf meinen Mund aufmerksam wird. Was, wenn ich ihm meinen Kussmund präsentiere, und er übersieht ihn? Ich mache mich besser gleich auf den Weg nach Hause, schicke meinen Brief an Mama auf die Reise und probiere ein paar Lippenstifte durch. Außerdem muss Mama meinen Balzplan kennen. Ich bin überzeugt davon, sie wird mir postwendend Mut und Energie schicken. Und am besten noch eine Ladung Schönheit, nur für den Fall, dass der Lippenstift versagt.

Ich klettere vorsichtig den Baum runter und schleiche mich weg.

Je weiter ich mich von Rocco entferne, desto ruhiger werde ich. Gleich kann ich den Brief an Mama abschicken. Irgendwie beruhigt mich das immer, weil ich weiß, dass sie mir zuhört und mir helfen wird bei diesem verflixten, vertrackten Plan.

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2

Mit dem Brief in meiner Hand schaue ich auf den Mann. Er liegt vor mir und hat immer noch ein Staunen im Gesicht. Mein Vater hat ihn vor 17 Stunden in den Kühlraum verfrachtet. Dort wird er bleiben bis zur Beerdigung. Papa nennt es nie Beerdigung. Der Fachbegriff, der in seinem Beruf verwendet wird, lautet Bestattung. Um genau zu sein: Papa ist Bestatter, und der Kühlraum dient auch nicht dazu, Erbsen und Möhren einzufrieren oder den Rest von der Pizza, die man nicht geschafft hat. Nein, er dient dazu, tote Menschen bis zu ihrer Beerdigung frisch zu halten.

Ich sehe mir die Leiche genau an. Sie sieht nicht gerade friedlich aus. Vielleicht, weil der Mann so plötzlich gestorben ist. Einfach umgefallen, mit dem Gesicht mitten rein in die Spaghetti, und das war es mit seinem schönen Leben. So würde ich gerne sterben (ich liebe Spaghetti), nur noch nicht jetzt.

Das Gute an den Toten ist, dass sie Briefe an meine Mutter transportieren, und deshalb ist es mir ziemlich egal, wie sie aussehen oder wie sie gestorben sind. Denn sie sind die perfekten Überbringer meiner Geheimnisse, gerade weil sie tot sind – wie meine Mutter. Und irgendwo und irgendwie müssen die Toten sich ja mal begegnen und austauschen.

Nach einigem Ausprobieren bin ich darauf gekommen, wie ich meine Briefe am besten im Sarg verstecken kann. Männerleichen tragen immer Anzüge. So eine Anzugtasche ist ein perfektes Versteck für meine Post. Bei Frauen stecke ich die Briefe entweder unter den Saum am Rock oder in den Blusenausschnitt.

Ich bin eben ganz die Tochter eines Bestatters und kenne mich mit Toten aus. Mein Vater sorgt dafür, dass sie für die Beerdigung hübsch sind. Sie werden hübsch angezogen und hübsch präpariert. »Hübsch« ist auch so ein Wort, das in Papas Bestattervokabular einen Stammplatz hat. Wenn man tot ist, ist man nämlich alles andere als »hübsch«.

Das Büro meines Vaters befindet sich im Untergeschoss unseres Hauses. Manchmal, wenn zu viele auf einmal gestorben sind, drängeln sich die Leichen im Kühlraum. Dann muss er die Särge stapeln und umsortieren. Sehr oft helfe ich ihm bei dieser Arbeit. Papa hat es nämlich nicht so mit der Ordnung und mit Namen. Es ist gut, wenn wenigstens ich den Überblick behalte und weiß, wo wer liegt.

Der hier heißt Viktor Schulmann. Im Moment ist er der Einzige in der Kühlung. Und egal, was seine Hinterbliebenen, seine Familie und die Trauergesellschaft sagen werden, wenn sie ihm übermorgen in der Friedhofskapelle die letzte Ehre erweisen, wird er immer noch nicht sonderlich … hübsch sein. Daran konnten selbst Papas Kunstfertigkeit und eine Extraportion Schminke nichts ändern. Wenn ich ihn so ansehe, habe ich das Gefühl, dass er richtig sauer ist, weil die Spaghetti in seinem Gesicht und nicht in seinem Magen gelandet sind.

Der Kühlraum ist bei uns im Keller. Nach Tod riecht es in unserem Haus trotzdem nie. Darauf achtet mein Vater sehr. Problematisch wird es nur, wenn die Kühlanlage ausfällt. Dann ziehen wir zu Oma Grete, die ein paar Häuser weiter wohnt. Grete ist nicht wirklich meine Oma, aber sie wird von allen so genannt. Oma Grete ist … die Oma von Rocco. Und genau deshalb finde ich es überhaupt kein bisschen schlimm, wenn das Kühlaggregat ein Problem hat. Ich bin dann in Roccos Nähe.

Vorsichtig fummle ich ein bisschen an Herrn Schulmanns Jackett herum und quetsche meinen Brief in die Tasche unter seinen gefalteten Händen. Da liegt er gut und sicher, verborgen vor den Blicken anderer.

Wie immer, wenn ich diese geheimen Aktionen durchführe, bin ich auf der Hut. Ich achte auf jedes Geräusch und jede Bewegung, erweitere den Radius meines Blickes und spitze meine Ohren. Seit Mama gestorben ist, habe ich alle meine Sinne verfeinert. Die wöchentliche Leichenpost qualifiziert mich zur Geheimhaltung. Darin bin ich Spezialistin. Ganz im Gegensatz zu Luk, der nicht mitbekommt, wie ich ihn durch das oberste Fenster beobachte. Mein kleiner Bruder schleicht sich nicht gerade leise aus dem Haus, schnappt sich sein Rad und fährt schnell davon, obwohl er eigentlich Hausaufgaben machen sollte. Und das heißt: Er ist mal wieder dabei, irgendwelchen Blödsinn anzustellen. Und das wiederum heißt: Ich muss schnellstens hinter ihm her.

Also hieve ich den Deckel auf den Sarg zurück und renne die Treppen zu meinem Zimmer hoch, reiße eine Schublade auf und ziehe mir meinen himmelblauen Overall mit den ungleichmäßigen weißen Flecken an. Es muss alles ganz schnell gehen. Dann öffne ich das Fenster, steige aufs Fensterbrett und fliege los.

Ich habe mir geschworen, nur dann zu fliegen, wenn es wirklich sein muss. Niemand darf wissen, dass ich es kann. Fliegen ist das Familiengeheimnis der Familie Ehrlich! Manchmal witzelt mein Vater und sagt, es wäre eben ein sehr ernstes Geheimnis. Er heißt Ernst Ehrlich! Passt doch super. Tagsüber, je nach Wolkenbildung am Himmel, tarne ich mich entweder mit einem blau-weißen Overall, einem blauen oder weißen und nachts mit einem schwarzen. In der Luft bin ich leicht und wendig. Auf dem Boden kämpfe ich wie alle Menschen gegen die Erdanziehungskraft, was noch viel schlimmer ist, wenn man mal die berauschende Leichtigkeit des Fliegens gespürt hat. Nicht das Schweben, nicht die Schwerelosigkeit verzaubern. Es ist die Schnelligkeit, mit der ich unterwegs bin, und die Unendlichkeit nach oben. Wenn es dort oben nicht so kalt und die Luft nicht so dünn wäre, würde ich viel höher fliegen, bis in den Himmel, zumindest aber über die Stratosphäre hinaus und hinein ins unermessliche Schwarz, ins sternendurchlöcherte Funkeln des Universums.

Aber ich bin eine Frostbeule und nicht wirklich gut ausgestattet für diese Art von intergalaktischen Flügen. Ob es für einen Menschen normal ist, fliegen zu können? Ich habe längst aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen. Es ist, wie es ist. Das bin ich. Es gehört zu mir wie Mundgeruch nach dem Aufwachen, Lust auf Himbeermarmelade, Spaghetti oder Brathähnchen, wie meine Locken, die jeder Bürste den Kampf ansagen, wie meine Familie, wie Papa und mein verrückter Bruder Luk, der nie auf mich hören will und der der Grund ist, warum ich hier oben herumflattere.

Eigentlich würde ich gerne die Landschaft genießen und mir die frische Brise um die Nase wehen lassen. Oder hier oben die Ruhe nutzen und über meinen Brief an meine Mutter und meinen Balzplan nachdenken. Doch Fliegen ist für mich meistens Stress. Jetzt, bei diesem Flug, muss ich vor allem den Kurs halten und auf Gegenverkehr achten. Es sind mehr Vögel unterwegs, als man vom Boden aus sehen kann. Welche Vögel erwarten schon einen fliegenden Menschen? Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie auf Autopilot geschaltet haben und beim Fliegen schlafen. Jedenfalls sind manche Vögel erstaunlich unaufmerksam im Luftverkehr.

Während ich nach Luk Ausschau halte, kommen zwei Spatzen auf mich zugeflogen, die miteinander zu tanzen scheinen. Das ist zwar rein biologisch gesehen eine ganz simple Anmache vom Männchen, aber es ist wunderschön anzuschauen, wie sie in Kreisen und Kringeln umeinander herumfliegen.

Das größte Problem neben meinen Ausweichmanövern: Ich darf von niemandem entdeckt werden. Also fliege ich meistens sehr hoch. Von hier oben sehen die Menschen winzig aus, und die Bäume verschmelzen zu einem dichten Grün. Das Ganze hat ein bisschen was von einer Modelleisenbahnlandschaft. Aber auch die kann ich nicht genießen. Ich muss unbedingt Luk finden und lasse mich daher auf Baumkronenhöhe herabsinken.

Statt Luk sehe ich die Dorfgang auf ihren Mountainbikes. Und das ist ein wirkliches Problem: Ich bin total sichtbar (hellblau-weißer Overall vor grünem Hintergrund!) und muss die Bäume als Deckung nutzen. Dabei ratsche ich mir nicht nur sämtliche Körperstellen an hervorstehenden Ästen auf, sondern habe es auch noch mit jeder Menge todbringender elektrischer Leitungen oder Handymasten zu tun, denen ich ausweichen muss. Das heißt Slalom fliegen, ständig abbremsen, wieder beschleunigen, mich ducken und dabei achtgeben, dass mich niemand sieht.

Die Jungs sind auf ihren Fahrrädern schnell unterwegs und preschen auf den Großen Bert zu. Dann entdecke ich ihn: Mein Bruder steht am höchsten Punkt vom Großen Bert und hält Ausschau. Ich steuere eine besonders hohe Kiefer an und setze mich auf die Spitze. Bei der kleinsten Bewegung wackelt der Baum hin und her und ich mit ihm, was ziemlich auffällig ist. So still und regungslos wie möglich beobachte ich meinen Bruder und die Gang durch die Zweige hindurch. Es sind die Üblichen: die beiden Söhne vom Landmaschinen-Ganther, der manchmal unser Auto repariert, und der Sohn von Leuten aus der Neubausiedlung. Seine Eltern arbeiten in der Stadt und wollen irgendwie nicht in Kontakt kommen mit uns im Dorf. Der Rothaarige mit dem komischen Haarschnitt und dem Waschbärschwanz am Fahrradlenker scheint nicht ganz so aggressiv zu sein wie die anderen.

Der Große Bert ist ein Hügel. Um genau zu sein, ein halber Hügel. Ein enormes Stück ist abgebrochen. Hinter der Kante kommt nichts außer zwanzig Metern Tiefe, ein Riesenloch. Und genau darauf rast der größte der Ganther-Jungs jetzt zu. Anstatt abzubremsen, tritt der Blödmann in die Pedale. Noch fünfzehn Meter bis zum Loch. Sein Blick fixiert die Abrisskante. Noch zehn Meter. Er ist hoch konzentriert und fährt immer schneller. Keine Ahnung, was der vorhat, aber es sieht nicht gut aus. Fünf Meter. Eigentlich sieht es sogar ziemlich schlecht aus, denn wenn er nicht gleich abbremst, fährt er in den Abgrund. Unten angekommen, wäre er nur noch Matsch. Selbst mein Vater würde ihn nicht mehr aufhübschen können.

Das Merkwürdige ist, dass die anderen wie unbeteiligt zuschauen. Einer stoppt die Zeit, der andere betrachtet seine Fingernägel. Würde ich auch, wenn ich mich nicht am Baumstamm festhalten müsste. Kurz vor dem Abgrund reißt der Ganther-Junge den Lenker herum, strauchelt, fällt, rutscht auf das Loch zu und kann sein Rad kurz davor gerade noch zum Halten bringen. Als er wieder Luft holen kann, schielt er mit einem Auge in den Krater, mit dem anderen sieht er zu seiner Gang rüber. Die Jungs jubeln. Was sollte das bloß? Und was hat mein kleiner Bruder vor? Jetzt radelt auch er den Großen Bert hinunter. Ich kenne diesen verbissenen Blick von Luk. Er knabbert an seiner Unterlippe, reißt Augen und Nasenlöcher auf und hört und sieht nichts mehr. Luk ist stur, und genauso stur fährt er auf die Abrisskante zu. Er ist viel zu schnell. Schneller als der Ganther-Junge. Das Profil seines Hinterrads greift kaum auf dem sandigen Untergrund. Wenn er versucht, bei dieser Geschwindigkeit zu bremsen …

Mir bleibt nur sehr wenig Zeit, um zu reagieren und um das, was auch immer mein Bruder da vorhat, zu verhindern. Mit einem Blitzstart fliege ich los und sause mit Karacho zwischen den Bäumen hindurch. Äste und Zweige hauen mir mit voller Wucht ins Gesicht, auch weil ich immer wieder zu Luk rüberschiele. Ich muss auf jeden Fall vor ihm am Loch sein. Vor lauter Slalomfliegen, Blättern, Peitschen der Zweige und Rüberschielen sehe ich meine Flugroute nicht richtig. Luk schießt direkt auf das Loch zu. Mein Herz schlägt wie ein Presslufthammer gegen meine Brust, und ich kann kaum atmen, so fieberhaft zische ich durch das Dickicht.

Ich bin fast an der Abrisskante angekommen und sehe in Luks Gesicht. Darin erkenne ich die pure Angst. Und das macht mir Angst. Mein kleiner Bruder ist auf dem besten Weg, sich umzubringen, und wahrscheinlich hatte er wie immer nur Blödsinn vor. Jetzt bremst er endlich – doch es ist zu spät. Luk fällt ins Loch und schreit, schreit um sein Leben.

Die einzige Chance, die mir bleibt, ist ein Sturzflug in die Tiefe. Habe ich erzählt, dass ich ziemlich gut Bälle fangen kann? Mein Bruder ist zwar kein Ball, aber die Kombi aus schnellem Reaktionsvermögen und präzisem, festem Griff hilft. Gerade so bekomme ich Luk an seinem schlackernden Hosenbein zu fassen. Sein Fahrrad saust an meinem Kopf vorbei. Es kracht auf die Erde und zerbricht in seine Einzelteile. Eine Vollbremsung mit doppeltem Gewicht gegen die Schwerkraft einen halben Meter über der Erde rettet uns beiden das Leben. Luk baumelt kopfüber in meinem Griff, sein Gewicht zieht mich nach unten, seine Nasenspitze berührt den Boden. Normalerweise kann ich nicht mit Begleitperson fliegen. Das ist viel zu schwer für mich, aber ich kann ihn nicht loslassen. Gemeinsam sinken wir hinab. Er ist bleich und hält ausnahmsweise mal die Klappe.

»Hast du sie nicht mehr alle? Du wärst fast Matsch wie … wie … Matsch eben.«

Jetzt erst spüre ich meine Angst. Meine Knie zittern. Ich muss mich anlehnen, um auf den Beinen zu bleiben. Luk murmelt irgendwas von einer »Wette«, schaut mich dabei aber nicht an. Wir atmen beide tief ein und aus. Dann rappelt er sich auf, wischt sich Tränen, Sand und Schweiß vom Gesicht und schnauzt mich an: »Du spionierst mir nach. Immer mischst du dich ein. Lass mich in Ruhe mit deiner Super-Fliegerei. Angeber!«

Über uns hören wir die Gang angerannt kommen und nach Luk rufen. Rasch schubst er mich unter einen Felsvorsprung, damit die anderen mich von oben nicht sehen können. Sofort verstehe ich, warum Luk das gemacht hat. Er stellt ein Bein auf die Trümmer seines Rads, Arme siegessicher in die Hüften gestemmt, und grinst zur Gang hinauf: »Ich kriege fünfzig Euro von euch. Hab gewonnen.«

Vorsichtig linse ich nach oben und sehe die vier Jungs herabglotzen. Alle vier sind grün vor Angst, gleichzeitig stehen ihnen die Münder offen.

»Bist du hirngewaschen, Luk! Du hättest tot sein können!« Der Größte schreit Luk an.

»Sei froh, dass er noch am Leben ist«, stottert der kleine Ganther. Dem ist es wahrscheinlich auch zu viel gewesen. Ich kann sehen, wie er versucht, seine zitternden Hände ruhig zu halten.

»Fünfzig Euro – oder es setzt was!« Mein Bruder spielt sich ziemlich auf und zieht eine wirklich gute Show ab. Die anderen können auch nicht sehen, was ich sehe. An seinem Hintern ist ein großer dunkler Fleck. Während des Sturzes hat er sich vor Panik in die Hosen gemacht, was ihn aber nicht davon abhält, jetzt den großen Macker zu spielen.

Der Chef, der Typ aus der Neubausiedlung, beugt sich vor: »Was soll es denn setzen, Kleiner? Du hast die Wette verloren. Gewonnen hat, wer vor der Kante hält, nicht hinter der Kante, Spacko. Und jetzt rate mal, wo du stehst?!«

Dann spuckt er aus und zeigt Luk den Mittelfinger, bevor er sich abwendet und geht. Die anderen trotten hinter ihm her. Luk schaut mich an. Mit einem Nicken deute ich auf seine vollgepinkelte Hose.

Luk ist erst acht Jahre alt. Er ist nicht nur stur, er ist auch stolz. Wortlos dreht er sich um und klettert die Abrisskante hoch. Dabei muss er sich an Steinen und Baumwurzeln festhalten. Für einen kleinen Kerl wie ihn ist das ziemlich anstrengend, aber er schaut kein einziges Mal zurück, ignoriert mich. Ich kenne das von ihm. Er ist sogar so stolz, dass es ihm nicht einmal etwas ausmacht, dass ich auf diese Weise die beste Aussicht auf seinen Südpol habe (Papas Aufhübschungsvokabel für Po).

Luk und ich werden das Thema Dorfgang zu Hause klären, wenn sein junges Hirn kapiert hat, dass seine große Schwester ihm wieder einmal das Leben gerettet hat. Zwar nervt das uns beide, weil ich das immer tun muss, aber ändern kann man es nicht. Ich bin die große Schwester und er eben der kleine Bruder, der mit seinen Blödheiten ab und zu sein Leben aufs Spiel setzt. Ich habe meiner Mutter versprochen, auf ihn aufzupassen, und Versprechen muss man halten, egal, wie nervig sie sind.

Ich überlege, ob ich nach Hause laufen oder fliegen soll, und beschließe, dass meine Nerven immer noch zu flatterig sind, um mich der Welt auszusetzen. Ohne Noteinsatz fliegen zu können kann nämlich sehr beruhigend sein.

Mittlerweile dämmert es. Ich schwebe neben einem Kranichpaar der schönen, orangefarbenen Sonne entgegen und habe das Gefühl, in sie, in diesen runden, strahlenden Ball, hineinzufliegen. Die Kraniche beachten mich gar nicht, schwingen in ihrem eigenen Takt ihre eleganten, weiten Flügel. Es geht uns gut, mir und den Kranichen, denn je länger wir fliegen, desto leichter wird mir ums Herz. Die Sonne verschenkt ihre letzten wärmenden Strahlen des Tages. Der leichte Wind beruhigt meine Nerven, und die untergehende Sonne verleiht dem Wald einen goldenen Glanz. Es ist bezaubernd schön, und wäre ich nicht so verdammt durcheinander, könnte ich dieses Lichtspiel und das Glitzern in den Blättern sogar genießen. Ich wünsche mir, dass das Gehirn meines Bruders schneller wächst als sein Körper. Er muss endlich mehr Grips bekommen und mit diesen dämlichen Wetten aufhören. Wem will er etwas beweisen? Und warum gerade dieser halbstarken Dorfgang? Ich weiß, meine Mutter kann meine Gedanken hören. Ich hoffe und wünsche, sie kann ihm irgendwie diesen Gedanken in seinen viel zu kleinen Kopf pflanzen. Auf sie würde er hören. Wo auch immer sie jetzt ist, sie soll sich in eine molekulare Struktur, in einen Geistesblitz oder in sonst was verwandeln und in ihn hineinkriechen.

Sie ist tot. Aber ich glaube, dass ihre Seele das kann. Wer sonst soll das machen, wenn nicht eine Seele? Ich denke viel über den Tod nach. Als Tochter eines Bestatters ist das wenig verwunderlich. Wenn die Toten begraben und von dieser Erde verschwunden sind, bleiben sie bei uns, weil wir an sie denken. Unsere Gedanken an sie und ihre Seelen vermischen sich, zumindest stelle ich mir das so vor. Ich finde, es hat etwas Tröstliches, dass wir über den Tod hinaus auf diese Weise mit ihnen in Verbindung bleiben können. Das fühlt sich fast so an, als seien sie irgendwie noch lebendig. Doch ich kann nicht noch ein Familienmitglied verlieren. Das wäre zu viel für mich. Darum muss ich wohl auf ewig die große Schwester spielen.

Irgendwann biegen die Kraniche nach links ab, und ich fliege ein Stück allein. Ich atme tief durch. Die klare Luft weitet meine Lungen. Unter mir gehen ein paar Spaziergänger den geschlängelten Wiesenpfad Richtung Salamandersee und Sumpf. Dahinter wiegen sich die Baumwipfel vom Kerkwald im Wind. Ganz leicht schwebe ich dahin, und ohne dass ich es wollte, bin ich plötzlich wieder über dem Klettergarten. Mit einem Blick finde ich Rocco. Er klettert immer noch inmitten der Bäume umher, zwischen all den Blättern, die ihn beinahe streicheln. Und wenn ich das richtig sehe, gibt er einem anderen Jungen gerade Kletterunterricht.

Das war’s. Mein Herz rutscht abwärts und ich gleich mit. Vor lauter Aufregung, Rocco so unerwartet an diesem Tag schon zum zweiten Mal zu sehen und noch keinen passenden Lippenstift zu tragen, falle ich in die Tiefe, strauchele und brauche ein paar Sekunden, bis ich meine Flugposition wiedergefunden habe. Zum Fliegen benötige ich ein Maximum an Konzentration, und die geht mir verloren, sobald ich Rocco sehe. Das ist verrückt, denn gerade weil es Rocco in meinem Leben gibt, fliege ich.

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3

Nun schwebe ich hier zwischen den Bäumen herum und beobachte meine große Liebe. Es ist ein immens schönes Gefühl, jemanden zu lieben. Nichts, nichts in meinem Leben ist schöner. Nicht einmal das Fliegen. Darüber würde ich mich gerne mit meiner Mutter austauschen. Ich vermisse ihre Tipps und guten Ratschläge. Sie hatte für alles eine Lösung, selbst wenn es keine Lösung zu geben schien – sie wusste trotzdem eine. Und genau darum musste ich eine spezielle Methode finden, um mit ihr zu kommunizieren: spezielle Briefe mit speziellen Boten. Alles ziemlich speziell eben, so eine Leichenpost.

Vorhin hatte ich noch Angst, Rocco meine Gefühle zu offenbaren. Jetzt aber, nachdem ich meinen Brief abgeschickt habe, spüre ich Mut oder Tapferkeit oder irgendein anderes Energiekribbeln in meinen ...

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