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Die Rückkehr der Verantwortung

Christian Hennecke / Mechthild Samson-Ohlendorf (Hrsg.)

Die Rückkehr der Verantwortung

Kleine Christliche Gemeinschaften
als Kirche in der Kirche

Christian Hennecke
Mechthild Samson-Ohlendorf (Hrsg.)

Die Rückkehr
der Verantwortung

Kleine Christliche Gemeinschaften
als Kirche in der Kirche

Inhalt

Vorwort

Einleitung:
Jenseits kirchlicher Innen- und Binnenräume
Die Neuentdeckung der Nachbarschaft in Kleinen Christlichen Gemeinschaften

Teil I:
Der Sozialraum der Nähe: Ort der Verantwortung

Klaus Dörner: Kirche im Sozialraum? Überlegungen zur Bedeutung und Chance sozialraumorientierter Gemeinschaft

Hans-Jürgen Marcus: Für eine neue Kultur der Solidarität – für eine neue Kultur der Kirche

Teil II:
Theologische Kriterien einer sozialraumorientierten Ekklesiologie

Rainer Bucher: Ein Weg aus der Krise? Die „Kleinen Christlichen Gemeinschaften“ in der aktuellen Lage der katholischen Kirche

Egbert Ballhorn: In Gemeinschaft hören. Bibellesen als Form der Nächstenliebe

Dr. Estela P. Padilla und Mark Lesage (Bukal ng Tipan-CICM, Philippinen): Das Engagement basiskirchlicher Gemeinschaften in ihrem Lebensraum

Teil III:
Entgegenkommende Zukunft: Über die Chancen der Inkulturation eines weltkirchlichen Ansatzes

Mark Lesage und Estela Padilla: Die Bedeutung einer Vision für einen Prozess lokaler Kirchenentwicklung

Bernhard Spielberg: Vitaminspritze aus dem Süden? Oder: Warum pastorale Südfrüchte nicht einfach zu importieren sind

Die weiteren Aussichten:
Zukunftsperspektiven lebensraumorientierter Ekklesiogenesis

Die Autorinnen und Autoren

Vorwort

Eine neue Form, Kirche zu leben, war eine der beeindruckensten Erfahrungen, die ich als Mitglied einer Delegation der deutschen Bischöfe bei einem Besuch in Korea im Jahr 2009 machen konnte.

Es war faszinierend für mich zu erleben, dass in Südkorea sowohl Menschen in den Hochhäusern der Millionenstadt Seoul als auch Menschen in mehr kleinstädtischem Milieu ihrem Glauben durch das Bibelteilen im Alltag eine Form gaben, die Konsequenzen hatte für den Gemeindeaufbau und diakonisch in die Umgebung hinein wirkte. Mit dem pastoralen Ansatz der Small Christian Communities, zu deutsch: Kleine Christliche Gemeinschaften (KCG) hat die Kirche in Korea – wie viele andere Ortskirchen in Afrika und Asien ebenfalls – erfolgreich begonnen, neue Wege zu gehen. Wir Bischöfe haben auf dieser Reise viel gelernt und kamen inspiriert und motiviert zurück nach Deutschland.

Selbstverständlich wird es darauf ankommen, das Modell der KCG nicht unkritisch und ohne Modifizierungen aus anderen Ländern für die Kirche in Deutschland zu übertragen. Es braucht eine Inkulturation.

Dass wir in Deutschland in einer Phase des Umbruchs stehen, ist offensichtlich. Erinnern wir uns daran, wie das Leben unserer Kirche vor 25 Jahren aussah, dann sehen wir, wie sich sehr viel geändert hat. Was damals noch selbstverständlich war, steht nun zur Disposition. Heute ist es keineswegs mehr „normal“, dass alle Jugendlichen aus einem Jahrgang in einer Gemeinde komplett zur Firmung gehen. Es ist auch nicht mehr „normal“, dass alle katholischen Paare katholisch heiraten und ihre Kinder taufen lassen. Die Kirche hat hier und in anderen Lebensbereichen ihre unhinterfragte Deutungshoheit verloren.

Zu beobachten ist, dass diese Phänomene einerseits Trauer auslösen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Dort, wo Selbstverständlichkeiten fraglich werden, werden Antworten gesucht. Und tatsächlich wird es immer deutlicher, dass es in unserem Land eine neue Suche nach Sinn und Orientierung gibt. Aktuelle Umfragen belegen, dass drei Viertel der Deutschen an Gott glauben. Den meisten fehlt es aber an unterstützender Begleitung und an Hilfen zur lebenspraktischen Umsetzung des Glaubens. Vor diesem Hintergrund hat der Erwachsenenkatechumenat höchste Priorität und kann zur Dialog- und Auskunftsfähigkeit beitragen.

Es ist ermutigend, wie viele Überlegungen und auch konkrete Initiativen es gibt. Die Grundlagen hierfür orientieren sich an den Grundvollzügen der kirchlichen Sendung, sprich: an dem, was Kirche-Sein im Kern ausmacht. Der Bischof von Essen, Dr. Franz-Josef Overbeck, hat dies in seinem Hirtenwort vom 1. Januar 2011 so auf den Punkt gebracht: Es gehe um „Glauben leben“, „Kirche sein“ und „Leben teilen“. Alle drei Merkmale gehören für ein christliches Leben untrennbar zusammen. Der Glaube ist kein Spartenprogramm, sondern er umfasst das ganze christliche Leben. In einer Zeit nach der Epoche der Volkskirche kommt es nun darauf an, neue Formen der Gemeinschaft, des Austausches, der spirituellen Heimat und des Gebetes zu finden.

Und in diese Situation hinein können die Zeugnisse und Erfahrungen aus der Weltkirche eine Anregung sein, sich den Fragen zu stellen und neue Wege zu gehen.

Die Kleinen Christlichen Gemeinschaften finden aus der Quelle der Heiligen Schrift in gemeinsamem Austausch, im Bibelteilen und im Gebet Halt, Energie und Wegweisung für ihr Leben. Sie nehmen das ernst, was Bischof Dr. Overbeck in seinem Hirtenwort mit den drei genannten Dimensionen umreißt.

Um Ideen und um Erfahrungen von Inkulturation hier in Deutschland geht es in diesem Buch. Möge es dazu beitragen, Mut zu machen, als Kirche Gottes mitten in der Welt und für die Welt Schritte in die Zukunft zu gehen.

Weihbischof Ludger Schepers, Essen

14. Februar 2011

Einleitung

Jenseits kirchlicher
Innen- und Binnenräume

Die Neuentdeckung der Nachbarschaft
in Kleinen Christlichen Gemeinschaften

Seit dem ersten und beeindruckenden Symposion im November 2008 wächst das Interesse an Kleinen Christlichen Gemeinschaften stetig. Die Attraktivität von Kleinen Christlichen Gemeinschaften ist vor allem deswegen größer geworden, weil jenseits der Strukturmaßnahmen der Kirche, die ja im Wesentlichen dem Erhalt pastoraler Handlungsfähigkeit dienen sollten, immer mehr die Sehnsucht nach einer neuen geistlichen Kirchenerfahrung wächst. Sie wächst auf allen Ebenen der Kirche, vor allem aber im Volk Gottes. Aber wie soll das gehen?

Inspirationen – das Vorwort von Weihbischof Schepers zeigt es – fanden im Jahr 2009 die deutschen Bischöfe auf ihrer Reise nach Korea, wo in einem hochtechnisierten Land die Kirche auch und gerade deswegen wächst, weil hier der Ansatz Kleiner Christlicher Gemeinschaften zu einer vorrangigen pastoralen Handlungsoption geworden ist. Die Verheißung einer neuen Kirchengestalt im Nahraum der Menschen ist dabei nicht Strukturprogramm, sondern ein spiritueller Ansatz der Kirchwerdung. Was in Korea Begeisterung auch bei unseren Bischöfen ausgelöst hat, kann dies auch in Europa fruchtbar sein? Wer in das französische Bistum Poitiers schaut, konnte erste Antworten finden.1 Aber in Deutschland?

Ein ernstes Fragengebirge

Grundanfragen an den Pastoralansatz Kleiner Christlicher Gemeinschaften gibt es weiterhin – und viele. Und sie sind ja auch vielfach berechtigt: Warum eigentlich gelingt es existierenden bibelteilenden Gruppen in Deutschland nicht, konkret als Gemeinschaft den Menschen in ihrem Umfeld zu dienen? Geht also in Deutschland nur das, was man als „spirituelle Selbsthilfegruppe“ (J. Wanke) bezeichnet? Ist der „6. Schritt“ des Bibelteilens angesichts einer Gesellschaft, die sich karitativ und diakonisch durchorganisiert hat, überhaupt notwendig? Kann angesichts postmoderner Rastlosigkeit bestenfalls eine spirituelle Wahlgemeinschaft kirchliche Heimat werden, die als Tankstelle Ruhe und geistliche Nahrung verheißt? Zeigt sich also die Idee Kleiner Christlicher Gemeinschaften als seltsam verkleideter Aufruf zur kleinen spirituellen Herde?

Was kann aus weltkirchlichen Erfahrungen inspirierend und gestaltend wirken, wenn das gesellschaftliche Gefüge in unserer postmodernen Welt durch einen sehr dezidierten Individualismus gezeichnet ist – während auf allen anderen Kontinenten milieuhafte und konfessionelle Familiengefüge weithin die Norm sind? Und andererseits weisen scheinbar doch alle soziologischen Daten darauf hin, dass postmoderne Zeitgenossen sich eher szeneartig unverbindlich, immer aber selbstbestimmt, wenn überhaupt, in Gemeinschaften einbinden. Könnte also die Rede von Kleinen Christlichen Gemeinschaften nicht wiederum der Versuch sein, einer hoffnungslos überlebten traditionsverfangenen Communiotheologie Recht zu verschaffen? Dann aber wäre – und das lässt sich auch jederzeit belegen – die Milieubegrenzung vorprogrammiert: Kleine Christliche Gemeinschaften wären dann therapeutische Gruppen für agile Minderheiten.

Nachbarschaft scheint bei uns ein „No-Go“ zu sein: wer immer von einer Kirche in der Nachbarschaft redet, beschreibt eine Unmöglichkeit angesichts der Vervielfältigung der Lebensräume und der mobilen Begegnungsmöglichkeiten postmoderner Weltsurfer. Sind also Kleine Christliche Gemeinschaften ein weltkirchlicher Transfer aus ruralen Welten?

Die Bedenken reichen tiefer und münden ein in die Frage nach der zugrundegelegten Ekklesiologie. Ganz gewiss ist es kein Zufall, wenn diesseits der deutschen Kirchenwirklichkeit die Kirchenerfahrung sich entweder auflöst in lockere Mitgliedschaften, weil Gemeinschaftserfahrungen gar nicht so bedeutsam zu sein scheinen, oder sich in dichten, allzu dichten, Kleingemeinschaften ausfaltet. Immer aber zeigt sich, dass der weltkirchlich hier bevorzugte Zugang zu einer Ekklesiologie des Leibes Christi in Deutschland kaum Widerhall findet oder doch sehr skeptisch beäugt wird, bedroht er doch scheinbar die errungene individuelle Freiheit: Wozu braucht es kirchliche Gemeinschaft jenseits der Gottesdienste?

Das ist ein Fragengebirge. Und es macht eines deutlich: auch wenn die Überlegungen und ersten Praxisversuche klein und bescheiden daherkommen und oft auch Erfahrungen des Scheiterns sind, wecken sie die geballte Kraft ekklesiopraktischer und ekklesiologischer Bedenken – selbst dann, wenn kaum jemand der gewachsenen Pfarreigestalt Zukunft geben mag, allein schon deswegen, weil ihr der Nachwuchs abhanden gekommen ist oder absehbar abhanden kommen wird. Damit wird aber auch deutlich, dass hinter dem Ansatz basiskirchlicher Gemeindegestalt ein theologischer Paradigmenwechsel steht, der herausfordert.

Und um die theologische Diskussion dieser Herausforderungen geht es weiterhin. Schritt für Schritt soll entwickelt und entdeckt werden, ob und wie die stimulierende und inspirierende Perspektive der Kleinen Christlichen Gemeinschaften einen inkulturierten Weg kirchlichen Neuaufbruchs darstellen kann. Dazu diente auch das Symposion vom Juni 2010 in Hildesheim, das hier dokumentiert werden soll.

Chancen für eine Ekklesiologie der Nachbarschaft?

Eine der brisanten Ausgangsfragen war schon benannt worden: Warum ist es bislang selten gelungen, dass Kleine Christliche Gemeinschaften ihre Sendung im sechsten Schritt als Dienst an den Menschen in ihrem Lebensraum leben? Und warum gelingt es eher selten, dass sich Kleine Christliche Gemeinschaften als Kirche in der Nachbarschaft konstituieren? Muss man angesichts der soziologischen Daten in einer postmodernen Gesellschaft darauf verzichten?

Eine erste Spur ergab sich im März 2009 – von einer ganz anderen Seite. Bei einem diözesanen Studientag diakonischer Pastoral wurde deutlich, dass diakonische Initiativen im Stadtteil und im konkreten Lebensraum zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die bei diesem Tag berichteten Erfahrungen, die auf ein bundesdeutsches pastoraltheologisches Forschungsprojekt von Prof. U. F. Schmälzle zurückgehen2, machten vor allem deutlich, dass konkretes Engagement sich zunehmend nachbarschaftlich organisiert und einen neuen Horizont einer Kirchlichkeit im Lebensraum eröffnet.

Deutlich wurde aber auch: nicht wenige dieser Initiativen hatten Mühe, in den entsprechenden Kirchengemeinden Anerkennung zu finden. Ist Diakonie im Lebensraum überhaupt wesentlich Sache der Gemeinde? Ist es nicht vielmehr so, dass die Kirche existiert und lebt in ihren eigenen Räumen, zu denen man geht – und also gewissermaßen ein Verein ist? Viele Protagonisten brauchten Energie, um ihre Initiative als Erfahrung des Kircheseins für die eigenen Brüder und Schwestern deutlich zu machen.

Der Studientag war für unsere Überlegungen ein Startzeichen: Kleine Christliche Gemeinschaften sind falsch verstanden als gemeindliche Gruppen, die neben biblischer Spiritualität dann vielleicht auch mal sozial aktiv werden könnten. Sind sie nicht vielmehr Wirklichkeiten des Kircheseins mitten im sozialen Lebensraum? Dieser Spur war nachzugehen. Sie weitet pastorale Entwicklungsperspektiven und ermöglicht eine Weitung des Blicks: Zukünftige Kirchenentwicklung orientiert sich am Lebensraum und dient den Menschen, die dort sind.

Wichtig war auch eine Begegnung mit Mitarbeiterinnen des Caritas-Forums Demenz in Hannover. Denn angesichts der auf unsere Gesellschaft zukommenden Herausforderungen zunehmender Alterung und Demenz stellt sich für die Akteure ganz neu die Frage nach nachbarschaftlicher Solidarität. Wie könnten denn die großen Herausforderungen von Alter und Demenz anders getragen werden? Die Selbstverständlichkeit, mit der Klaus Dörner diese Perspektive vorträgt, kann nur überraschen.3 Gibt es denn Nachbarschaft angesichts postmoderner Mobilitätsanalysen überhaupt noch?

Es wurde schnell deutlich, dass Klaus Dörner gewissermaßen eine provokative Gegenthese zur kirchlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte darstellt. Nachbarschaft als Milieu kirchlicher Präsenz löste sich immer mehr auf in kategoriale und sehr differenzierte Seelsorge professioneller Mitarbeiterinnen einerseits und in sich geschlossenen kirchlichen Gemeindemilieus andererseits. So wurde Kirchenerfahrung entweder institutionalisiert oder in geschlossene Eigenmilieus geführt. Sie ging verloren im unmittelbaren Lebensumfeld, gerade auch, weil das konfessionelle und familiäre Gefüge sich auflöste.

Die Provokation Dörners aber liegt genau hier: er beobachtet seit den 80er Jahren eine neue Nachbarschaftsbewegung und fragt: Läge hier nicht eine (zumeist verpasste) Chance für die Kirchengemeinden, sind diese doch eigentlich lebensräumlich organisiert?

Auf dem Weg zu einer vertieften Konzilsrezeption

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders der Armen und Bedrängten jeglicher Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“ (Gaudium et spes 1). Diese Grundaussage der Pastoralkonstitution verdichtet und orientiert die Ekklesiologie des II. Vatikanums entscheidend. Doch wie genau sich Kirche deswegen konfigurieren wird, das ließ das Konzil offen. Die lateinamerikanischen Entwürfe einer Ekklesiogenesis in kirchlichen Basisgemeinden, wie sie seit den 60er Jahren in Lateinamerika kirchlich entwickelt und unlängst in Aparecida neu beschrieben wurden, sind um die Welt gegangen: Die afrikanischen Small Christian Communities und die asiatischen Entwicklungen führen uns Europäern vor Augen, dass die theologische, spirituelle und praktische Rezeption einer lebensraumsensiblen Kirche weit vorangeschritten ist.

Erfahrungen bei der fünften Vollversammlung des ASIPA-Programms (Asian Integral Pastoral Approach) in Davao / Philippinen im Herbst 2009 machten deutlich, dass hinter der Frage nach Kleinen Christlichen Gemeinschaften ein gesamtpastoraler Ansatz steht, der in der Tat einer praktischen und spirituellen Rezeption des II. Vatikanums Rechnung trägt.

Hatte beim ersten Symposion Hermann Josef Pottmeier4 auf die neue Rezeptionsphase konziliarer Ekklesiologie verwiesen, die sich ekklesiopraktisch in Kleinen Christlichen Gemeinschaften weltweit ereignet, und hatten damals indische und philippinische Theologen die Tragweite dieses Ansatzes deutlich machen können, ging es in diesem zweiten Symposion wiederum darum, eben jene kenotische Wende des Kirchenverständnisses in das Außen der Welt theologisch zu reflektieren. Was in der neueren Ekklesiologie zur Rede von der Kirche als Pastoralgemeinschaft (H. J. Sander) führte, sollte im Blick auf die Chancen der Ekklesiologie Kleiner Christlicher Gemeinschaften geschärft und diskutiert werden – und zwar sowohl theologisch wie praktisch. Lassen sich denn im Ansatz der Kleinen Christlichen Gemeinschaften eine lebensräumlich orientierte Ekklesiologie und Ekklesiopraxis entdecken, und ermöglichen umgekehrt sozialraumorientierte Initiativen der Caritasarbeit Ekklesiogenesis und lassen eine erstaunliche Vielfalt kirchlicher Lebensorte wirklich werden?

Erkenntnis und Erfahrungen gehen zusammen. Theologische Vermutungen erhärten sich dort, wo die Ekklesiopraxis zum Denken treibt. Deswegen, auch gerade angesichts der Anfänglichkeit der eigenen Versuche, konnte der weltkirchliche Akzent auch bei diesem Symposion nicht fehlen: Zu stark hatten wir erlebt, wie intuitiv, spirituell und theologisch begründet gerade in Asien dieser Weg beschritten wird. Ein solcher Einblick in die Praxis einer an Gaudium et spes maßnehmenden Ekklesiologie und Ekklesiopraxis macht aber auch mehr als deutlich, dass hinter der Frage nach einer konkreten Kirchengestalt im Sozialraum ein Grundgefüge pastoraler Entwicklung steht: Eine lokale und lebensräumliche Kirchenentwicklung setzt voraus, dass Menschen in ihren Hoffnungen, Träumen und Situationen an der visionären Kirchenentwicklung beteiligt werden.

Damit aber wird noch einmal deutlich: Kleine Christliche Gemeinschaften sind keineswegs ein episodischer Notanker einer sich neu konfigurierenden Kirche. Hier steckt mehr drin. Es geht um einen Prozess lokaler Kirchenentwicklung, der nicht zuerst auf die Bildung Kleiner Gruppen zielt, sondern sich viel tiefer als geistlicher Prozess versteht, bei dem im Hören auf die Schrift, auf die Lebenswelt, auf die Kirche und auf die Menschen Kirche neu wächst – und über sich in die Welt hinauswächst.5

Weltkirchlich lernen

Das Konzil liegt fast 50 Jahre zurück. Und der Kairós einer vertieften Konzilsrezeption steht vor der Tür: Wenn weltweit in einem beschleunigten Prozess der Pastoralansatz der Kleinen Christlichen Gemeinschaften an Kraft gewinnt, dann stellt sich für die deutsche Umbruchssituation der Kirche nicht so sehr die Frage, ob wir eine gute Perspektive konziliarer Ekklesiologie einfach übertragen können, sondern es geht um etwas anderes. Es geht darum, mit Hilfe der weltkirchlichen Erfahrungen die eigene Wahrnehmung zu schärfen und Wege für eine neue Inkulturation der Kirche in unserem Kulturkreis zu bereiten.

Denn darum geht es beim weltkirchlichen Lernen, das unserer katholischen Kirche so eigen ist. Nicht umsonst sind wir „katholisch“. Es geht nicht um einen billigen Import pastoraler Blüten, es geht nicht um eine Schnittblumenpastoral, die Entwurzeltes einfach übertragen will, sondern um eine Neuverwurzelung der Vision des Reiches Gottes in unseren Breitengraden.

Dabei haben gerade weltkirchliche Erfahrungen eine besondere hermeneutische Funktion: Sie schenken begeisternde Bilder, sie ermöglichen Visionen. Wo immer pastorale Akteure im Bistum Hildesheim im vergangenen Jahr unterwegs waren, ob in Linz, Poitiers, Südafrika oder London6, überall bricht sich die Erfahrung Bahn, dass solche Bilder die pastorale Wahrnehmung und das pastorale Agieren umformatieren. Auf diesem Hintergrund erscheint eine Kultur des Kircheseins, die Maß nimmt am II. Vatikanischen Konzil und seiner pastoralgemeinschaftlichen Perspektive sowie an der deutlichen Perspektive einer Kirchengestalt, die sich aus der Taufweihe entwickelt: Kirche in der Nachbarschaft, die eben nicht die sakramentale Struktur des Kircheseins in Frage stellt, sondern diese erst ins rechte Licht rückt.

Die Rückkehr der Verantwortung

Das Symposion entfaltete sich in dieser nun beschriebenen Logik. Es ging zunächst einmal darum, die lebensräumlichen und nachbarschaftlichen Ansätze, angefangen von den kreativen und überraschenden Einsichten Klaus Dörners über die theologische Perspektive der Caritas und den Impulsen des Community Organizing, ekklesiologisch fruchtbar zu machen. Neben Klaus Dörner konnten mit Leo Penta und Hans-Jürgen Marcus profilierte Denker diesen Raum eröffnen, der dann theologisch reflektiert werden konnte. Rainer Bucher wie auch Egbert Ballhorn ermöglichten diesen tiefen Gang in die Theologie glänzend: Dass sich Kirche in ihrem Außen findet, dass sie konziliar auf eine lebensräumliche Perspektive angelegt ist, das wird nun zum Maßstab auch der Kleinen Christlichen Gemeinschaften. Das Risiko besteht nämlich immer wieder, dass Kirche zurückkehrt in den sicheren Hafen geschlossener Räume – auch bei Kleinen Christlichen Gemeinschaften. Aber umgekehrt können Kleine Christliche Gemeinschaften auf eine auch in der deutschen Pastoraltheologie noch wenig beantwortete Frage antworten: was nämlich nach dem Ende traditioneller Kirchengestalt vorwärtsweisend auf uns zukommen könnte.

Die theologischen Überlegungen fanden ihren Widerhall in der Praxis: beeindruckende kleine Exposures in Sozialraumprojekten in Hildesheim ermöglichten es, zu „Bildern“ zu kommen: wie nämlich Kirche sich gestalten würde, würde die Lebensräumlichkeit ernst genommen.

Genau darum ging es in den abschließenden Schritten: Estela Padilla und Mark Lesage gaben uns Anteil an ihrer pastoralpraktischen wie pastoraltheologischen Reflexion: Was sich zum einen in vierzig Jahren auf den Philippinen zeigt, ist eine Inkulturation des Kircheseins in kirchlichen Basisgemeinschaften, die überraschend tief eingewurzelt werden kann in die Kulturanthropologie des einzigen Landes Asiens, in dem die Katholiken seit Jahrhunderten die Volkskultur prägen. Gleichzeitig machten Padilla und Lesage auch deutlich, dass ein Prozess lokaler Kirchenentwicklung eine partizipative Kultur des Kircheseins voraussetzt und freisetzt: Kleine Christliche Gemeinschaften als Option zukünftiger Pastoral sind nur dann zukunftsträchtig, wenn das ganze Volk Gottes auch hier in Deutschland, am jeweiligen Ort, in einen geistlich-visionären Prozess mit einbezogen wird.

Wie sehr wir damit am Anfang stehen, das machte Bernhard Spielberg deutlich: Es reicht nicht, pastorale Südfrüchte zu importieren – es geht darum, hier mit Geduld und Wohlwollen das Experiment zu wagen und geistliche Unterscheidungsprozesse des Volkes Gottes zu ermöglichen.

Wir stehen am Anfang. Das ist wahr. Aber immer mehr mehren sich die Zeichen, dass tatsächlich eine Weise des Kircheseins in unsere postmoderne Welt findet, die sich natürlich unterscheidet von ihren weltkirchlichen Geschwistern: dass es um eine Kirchwerdung vor Ort geht, dass es um einen geistlichen und visionären Prozess geht, der möglichst viele Menschen mithören, mitdenken und teilhaben lässt, dass es um eine Kirche geht, die ihr Umfeld ernst nimmt, von ihm lernt und ihm dient, und dass Kirchesein dann aus einer Gemeinschaft lebt, die sich aus der Gegenwart Christi nährt. Wo diese Faktoren ernst genommen werden, werden die entstehenden gemeindlichen Gestalten in Europa und in Deutschland in der Tat der Kirche ganz eigene Gesichtszüge einprägen.

1 Vgl. H. Müller / R. Feiter (Hg.), Was wird jetzt aus uns, Herr Bischof, Ostfildern 2009.

2 Vgl. U. F. Schmälzle (Hg.), Menschen, die sich halten – Netze, die sie tragen. Analysen zu Projekten der Caritas im lokalen Lebensraum, Münster 22009.

3 Vor allem K. Dörner, Leben und Sterben wo ich hingehöre.

4 Vgl. H. J. Pottmeier, Die konziliare Vision einer neuen Kirchengestalt, in: C. Hennecke (Hg.), Kleine Christliche Gemeinschaften verstehen, Würzburg 2009, 31–46.

5 Vgl. C. Hennecke, Hören, in Prisma.

6 Vgl. M. Lätzel / C. Hennecke, Kein Mangel – nirgends, demnächst in Geist und Leben; C. Hennecke, Mind the gap, in Pastoralblatt.

Teil I:

Der Sozialraum der Nähe:
Ort der Verantwortung

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