Logo weiterlesen.de
Die Rückkehr der Templer – Roman

Inhaltsübersicht

Prolog – Der Kelch von Askalon

Ein letzter Versuch

Assassinen

Khaled

Der Plan

Davidspalast

Die Templer

Kreuzzüge

André de Montbard

Der Fürst der Zeit

Mit Blut bedeckt

Sprung ins Ungewisse

Die unheilige Stadt

Unselige Allianzen

Falsche Versprechungen

Heiliges Land

Und führe mich nicht in Versuchung …

Rattenjagd

Vertrauenssache

Kriegsopfer

Im Namen des Herrn

Unter Wölfen

Totenklage

Die Zehn Gebote

Im Tal der Unendlichkeit

Epilog

Danksagung und Nachwort:

Personenverzeichnis der wichtigsten handelnden Personen

Die Geschichte zwischen den Zeilen

|5|Prolog

Erkenne, was dir vor Augen liegt, und was dir verborgen war, das enthüllt sich dir! Denn nichts ist verdeckt, das nicht entdeckt würde, und nichts liegt begraben, das nicht erweckt würde.

(Thomasevangelium, 5)

Der Kelch von Askalon

Juni 2005 – Frankreich – Champagne – Lac d’Orient

 

Beinahe lautlos schnellten die drei Schlauchboote der amerikanischen Streitkräfte in der hereinbrechenden Dämmerung über den spiegelglatten Lac d’Orient.

Den Badestrand und die Hafenanlage für Segelboote hatten sie längst hinter sich gelassen, als sie wie Nachtreiher auf Beutezug in das menschenleere Vogelschutzreservat vorstießen. Kühle Nebelschwaden waberten über der Wasseroberfläche, die Luft war durchzogen mit dem Geruch von Fisch und Moder. Nach Einbruch der Dunkelheit hallten nur noch die Schreie der Käuzchen über die glatte Oberfläche des Sees. Vereinzelte Bäume, die an den unmöglichsten Stellen aus dem Wasser ragten, ließen erahnen, dass an diesem Ort – weit vor der Überflutung im Jahre 1966 – ein von Teichen und Tümpeln durchsetztes Waldgebiet existiert hatte.

Den wenigsten Touristen war bekannt, dass diese Gegend im Mittelalter unter dem Namen »Forêt d’Orient« dem Orden der Templer gehört und als todbringendes Versteck deren Schätze bewahrt hatte. Und als ob eine unsichtbare Magie diesen Ort belegte, war es auch in der Gegenwart nicht erlaubt, in diesem Abschnitt zu schwimmen, zu fischen, und erst recht nicht, die ungestörte Natur mit einem Motorboot zu entweihen.

Es sei denn, man besaß – wie die Spezialtaucher des US-Marines-Corps, die sich nun mit einem Team von wissenschaftlichen Mitarbeitern der National Security Agency, kurz NSA, einer bestimmten Stelle des Sees näherten – eine Ausnahmegenehmigung der allerhöchsten Regierungskreise.

Die Top-Secret-Angelegenheit war als routinemäßige Nato-Übung |6|eingestuft worden, mit dem Makel, dass man noch nicht einmal die Franzosen selbst in die genauen Abläufe der Operation »Seeungeheuer« eingeweiht hatte, geschweige denn andere Nationen hinzugezogen hätte. Offiziell hieß es, man suche nach einem verschollenen Flugzeugwrack, einem amerikanischen Kampfflieger, der im Zweiten Weltkrieg in dieser Gegend von den Deutschen abgeschossen worden war. Und nun habe man einen Hinweis auf den möglichen Verbleib der Leiche des Piloten bekommen. Als Hintergrund musste irgendeine heroische Geschichte herhalten – mit dem Tenor: Amerika bringt seine Soldaten nach Hause, ganz gleich, wie lange sie in welchem Teil der Erde vor sich hin gemodert hatten.

Der Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte, der im Verteidigungsministerium in Paris für die Genehmigung dieser nach außen hin unspektakulären Aktion gegengezeichnet hatte, handelte auf Geheiß seines zuständigen Ministers – und wie in französischen Hierarchien üblich hatte er dessen Befehl nicht hinterfragt.

Die Entscheidung seines Chefs, den Amerikanern in dieser Sache entgegenzukommen, war anlässlich einer Abendeinladung des amerikanischen Präsidenten gefallen, der zu einem kleinen, aber feinen Dinner in der amerikanischen Botschaft in Paris geladen hatte. Ein bekannter französischer Sternekoch hatte die wichtigsten Vertreter des Landes mit ausgesuchten Köstlichkeiten verwöhnt und mit einem 1982er Château Mouton Rothschild 1er Grand Cru Classé Bordeaux, à 1200 Euro die Flasche, dafür gesorgt, dass eine gedeihliche Gesprächsatmosphäre keine lästigen Fragen aufkommen ließ.

In den Tagen danach hatten Schlauchboote mit technischen Spezialisten an Bord – als Ornithologen getarnt – und entsprechendem elektronischem Gerät den Untergrund des relativ flachen Sees vermessen und tatsächlich einen Hohlraum in etwa vier Meter Tiefe, dicht unter dem Schlick ausmachen können. Dessen seitliche Öffnung – ein uraltes Steinportal – schien noch intakt zu sein, und das Sonar ortete mehrere metallische Gegenstände, die jeder Unwissende ohne Argwohn als Kriegsschrott oder Hausmüll der fünfziger Jahre identifiziert hätte.

Unbemerkt hatte man Hebewerkzeug und Absauggerät unter die Wasseroberfläche transportieren lassen und bei ersten Bohrungen tatsächlich ein Labyrinth entdeckt, dessen unterirdische Gänge sich noch ein ganzes Stück unter dem See fortsetzten.

|7|»Dort unten müsste es sein«, bemerkte ein hochbetagter Mann, als die Motoren plötzlich stoppten. Professor Moshe Hertzberg, weltweit anerkannter Historiker und Leiter dieser Untersuchung, trug einen Trenchcoat und einen breitkrempigen Hut, den er die ganze Zeit wegen des Fahrtwindes hatte festhalten müssen. Er saß im hinteren Teil des Bootes und vermittelte den Eindruck, als habe man ihn gegen seinen Willen aus einem Altersheim entführt. Bei näherer Betrachtung jedoch wirkten seine Bewegungen und die Art, wie er sich äußerte, verblüffend jugendlich und agil. Mit der freien Hand hielt er seinem beleibten Nachbarn einen Laptop unter die Nase. Der hochdekorierte Endfünfziger im eng anliegenden Militäroverall, dessen Namensschild ihn als »General Alexander Lafour« auswies, wirkte unbeeindruckt.

»Glauben Sie wirklich, Professor«, wandte der General mit Blick auf die detaillierte Karte des Gebietes um das Jahr 1307 ein, »von all dem Tand ist noch etwas übrig geblieben?«

»Die gesamte Gegend befand sich bis zu jenem verhängnisvollen 13. Oktober 1307 im streng gehüteten Besitz des Templerordens. Nur jemand, der zum inneren Kreis des Ordens gehörte, war in der Lage, in diese Wildnis einzudringen.« Hertzbergs Stimme verriet die unterdrückte Verzückung, die er bei dem Gedanken empfand, zumindest gedanklich in die damalige Geschichte zurückreisen zu dürfen. »Habe ich recht?« Wie um sich zu vergewissern, dass er nichts Falsches sagte, durchdrang sein immer noch geschärfter Blick die Dämmerung und suchte im Lichtkegel einer LED-Leuchte die Zustimmung jener beiden Männer, die es ganz genau wissen mussten.

So unglaublich es klang: Seine beiden verwegen aussehenden Begleiter, die lässig auf dem Bootsrand saßen, waren selbst dabei gewesen, als der Wald im beginnenden 14. Jahrhundert mit seinem undurchdringlichen Dickicht und den gefährlichen Sümpfen jedem Normalsterblichen eine solch höllische Angst eingejagt hatte, dass niemand im Traum daran gedacht hätte, ihn ohne ortskundigen Führer zu durchqueren. Seinerzeit war es nur versierten Fährtensuchern der Templer möglich gewesen, jene trittsicheren Pfade zwischen den todbringenden Sümpfen zu finden.

Einer von ihnen, Gero von Breydenbach, ehemaliger Ordensritter der Templer und Teilnehmer jenes Geleitzuges, der vor knapp siebenhundert Jahren an dieser Stelle den gesamten Besitz der umliegenden Templerkomtureien verborgen hatte, bereitete sich unter Anleitung eines der |8|anwesenden US Marines auf den Tauchgang vor. Niemand sah dem blonden, achtundzwanzigjährigen Hünen mit den auffallend hellblauen Augen an, dass er vor mehr als siebenhundert Jahren im Turmzimmer einer deutschen Lehensburg das Licht der Welt erblickt hatte. Die Geschichte, wie es dazu gekommen war, dass er sich nun – im Juli des Jahres 2005 – gegen seinen Willen in einen hypermodernen Taucheranzug zwängen musste, hätte mühelos jede andere Schlagzeile in der New York Times hinwegfegen können. Doch die Fakten, die dahintersteckten, klangen erstens zu verrückt, um sie einem größeren Publikum als Wahrheit verkaufen zu können, und zweitens zählten sie zu den größten Geheimnissen, die die amerikanische Regierung je gehütet hatte.

Gero von Breydenbach wirkte trotz dieser unglaublichen Tatsache erstaunlich gelassen. Niemand konnte dem dunkelblonden Templer ansehen, dass er sich innerlich verfluchte, weil er den Amis, wie er seine Gastgeber in Gedanken abfällig titulierte, überhaupt einen Hinweis auf dieses Versteck gegeben hatte. Insgeheim hatte er gehofft, dass an dieser Stelle nichts mehr zu finden war oder – falls ihre Peiniger doch etwas fanden – sie sich endlich zufriedengaben und aufhörten, ihn und seine vier Ordensbrüder, die mit ihm in dieser verabscheuungswürdigen Zeit gelandet waren, mit unzähligen weiteren Fragen und endlos erscheinenden Tests zu foltern. Ihn interessierte vor allem die Freiheit, die man ihm und seinen Kameraden bei ihrer unfreiwilligen Ankunft im Herbst 2004 so scheinheilig versprochen hatte. Doch die Wahrheit sah anders aus. Hertzberg und seine Leute hielten sie wie Gefangene, auch wenn das Verlies, in das man sie fortwährend sperrte, verglichen mit früheren Zeiten recht luxuriös war.

Ein Blick auf die dunkle Oberfläche des Sees ließ den ehemaligen Templer ein weiteres Mal erahnen, auf was für einen Wahnsinn er sich hier eingelassen hatte. Das Vorhaben, dort mit solch umständlichem Gerät hinabzutauchen, erschien ihm wie ein Höllenritt. Leider wusste nur er, wie das Labyrinth beschaffen war und wo sich der Schatz vor Hunderten von Jahren befunden hatte. Mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass er damals die engen Gänge zu Fuß bewältigt hatte.

Ein letztes Mal überprüfte sein Tauchlehrer die Atemmasken und gab ihm ein Zeichen. Johan van Elk, sein Freund und Kamerad, zwinkerte ihm aufmunternd zu. Er hatte gut lachen, ihn hatte man nicht auserkoren, den Fisch im Wasser zu spielen. Sein flämischer Bruder |9|würde im Boot auf ihn warten und ein paar Ave-Maria beten, dass er heil vom Grund des Sees zurückkehrte. Todesmutig ließ Gero sich zusammen mit den fünf Agenten der National Security Agency ins nachtschwarze Wasser gleiten. Dann wurde es still.

Der Taucher vor ihm leuchtete den Weg in die Tiefe mit einer Stablampe aus. Schlingpflanzen, Schwebepartikel und aufgescheuchte Fische zogen an Gero vorbei, während er sich darauf konzentrierte, ausreichend Luft in die Lungen zu bekommen. Obwohl er längst wusste, dass nicht Gott ihm die Gabe verlieh, sondern eine moderne Maschine und ein Mundstück, dessen Schlauch zu einem Tank gefüllt mit Sauerstoff auf den Rücken führte, erschien es ihm immer noch wie ein Wunder. Die Geräusche, die er dabei verursachte, erinnerten ihn an einen ledernen Blasebalg zum Anheizen von Holzkohle. Bei jedem Atemzug entwichen unzählige Wasserbläschen, was ihn weit mehr faszinierte als die übrigen Taucher, die ihn wie einen Schutzbefohlenen in ihre Mitte genommen hatten.

Plötzlich bedeutete ihm Agent Jack Tanner, der all ihre Einsätze leitete, dass er an die Spitze des Trupps in ein rechteckiges Loch von einem Quadratmeter Größe tauchen sollte. Wie selbstverständlich drückte Tanner ihm eine dieser modernen Lampen in die Hand.

Die steinerne Einrahmung, die ein Voraustrupp von Schutt und Geröll befreit hatte, war von Fadenalgen bewuchert. Die Furcht, die Gero empfand, als er als Erster hindurchschlüpfte, erinnerte ihn an den Steinmetz des Tempels, der ihn vor siebenhundert Jahren nicht weniger beharrlich dazu aufgefordert hatte, Säcke und Kisten der umliegenden Komtureien von Bar-sur-Aube in das enge, unterirdische Versteck zu tragen.

Geschickt glitt Gero durch die verschlammten Stollen. Dabei versuchte er sich zu konzentrieren, um die Orientierung nicht zu verlieren und vor allem das Atmen nicht zu vergessen. Ein Wink nach links führte die nachfolgende Truppe in eine ehemals mannshohe Vorkammer, die nun so sehr mit Schlamm angefüllt war, dass man noch nicht einmal darin knien konnte.

Drei Männer fanden nebeneinander in der Kammer Platz, die anderen mussten draußen im Stollen bleiben. Im trüben Schein des Lichtkegels hielten sie das Equipment für den Schlammsauger bereit, der oberhalb der Wasseroberfläche per Funk eingeschaltet wurde. Vorsichtig befreiten die Männer um Gero den Grund von jahrhundertealten Ablagerungen. |10|Währenddessen schnitten Gero die abgehackten Stimmen des Funkverkehrs ins Ohr und bezeugten, dass man an der Wasseroberfläche bereits auf erste Ergebnisse wartete. Zu seinem eigenen Erstaunen kamen nach und nach tatsächlich goldglänzende Artefakte zutage. Kreuze, Madonnenfiguren, kostbare Reliquienschreine, übersät mit matt leuchtenden Edelsteinen, deren noch viel kostbarer erscheinender Inhalt aus uralten, geweihten Überresten in Form von Knochen, Haaren und Zähnen angeblicher Heiliger Wasser und Schlamm nicht überdauert hatte. Zudem fand sich eine stattliche Sammlung von Messkelchen.

Die Anspannung unter den Männern schlug in Begeisterung um. Gierig rafften sie alles in ihre mitgeführten Netze, geradeso, als würden sie Pferdeäpfel einsammeln und keine unermesslichen Schätze. Gero beobachtete stumm, wie sie ihre Beute respektlos zusammenbanden. Er verspürte Erleichterung, als Tanner in den Gang deutete und Gero mit einem Nicken aufforderte, allen den Weg nach draußen zu zeigen. Mit einem flauen Gefühl im Magen tauchte er durch die von Einsturz gefährdeten Stollen. Nicht etwa, weil er Angst hatte, am Ende verschüttet zu werden. Vielmehr war es ein harter, unnachgiebiger Schmerz, der ihn immer durchzuckte, wenn ihn etwas an sein früheres Leben erinnerte und ihm aufzeigte, dass diese Zeit auf immer vergangen war. Der Anblick der Burgruine seines Elternhauses oder der verfallenen Abtei von Heisterbach hatten ihn zu Tränen gerührt, weil er das stolze Gebäude noch kannte, als es in mächtiger Größe erstrahlt war. Obwohl das Gefühl von Heimweh seine Brust zu sprengen drohte und eine tiefe Sehnsucht in ihm weckte, eines Tages vielleicht doch wieder nach Hause zurückkehren zu können, würde er mit niemandem darüber sprechen, selbst nicht mit Hannah, die aus der jetzigen Zeit stammte und die er über alles liebte, denn auch sie konnte nichts daran ändern, dass die Verantwortlichen des Center of Accelerated Particles in Universe and Time – kurz C.A.P.U. T. – nicht bereit waren, ihn und seine Gefährten dorthin zurückkehren zu lassen, wo sie hergekommen waren.

Kaum dass sie die Netze mit den Kelchen und Reliquien ins Boot gehievt hatten, inspizierte Hertzberg die heraufgebrachten Gegenstände mit zitternden Fingern. Nicht die Kälte war schuld oder sein nahezu biblisches Alter – vielmehr war es die pure Erregung eines Wissenschaftlers, der etwas ganz Großem auf der Spur zu sein schien. Johan, der als Geros Kampfgenosse und Freund seiner Rückkehr entgegengefiebert |11|hatte, blickte irritiert auf die unglaubliche Menge an Gold und Edelsteinen. Obwohl auch er vor siebenhundert Jahren dabei gewesen war, als man die Schätze in Kisten und Säcken verpackt hierhergebracht hatte, hätte er nicht gedacht, dass sie die lange Zeit nahezu unbeschadet überstanden hatten.

Johan, der wie Gero vor acht Monaten mit einem aufgefundenen Timeserver aus einer noch entfernteren Zukunft in diese Welt transferiert worden war, beobachtete das Treiben des Alten, während der General seinen Männern in den Nachbarbooten eilige Befehle zurief und dabei das Boot gefährlich ins Schwanken brachte.

Das stark vernarbte Gesicht des rothaarigen Ritters, das von einer Verbrennung mit flüssigem Pech herrührte, zeigte im Schein des künstlichen Lichts kaum eine Regung. Dabei interessierte ihn weit weniger die Hektik des Generals als vielmehr die Gier in Hertzbergs braunen Augen. Johan warf seinem deutschen Kameraden einen schrägen Blick zu. Gero fing die Anklage darin auf, nachdem er sich, von seiner Tauchmaske befreit, neben Johan auf den Rand des Schlauchbootes gesetzt hatte. Der Sohn eines flämischen Grafen hatte die ganze Aktion von Beginn an missbilligt. In seinen Augen war Geros Verhalten Verrat. Ganz gleich, wie lange die Besitztümer des Ordens dort unten gelegen hatten, sie gehörten den Templern, und niemand sonst war berechtigt, sich an ihnen zu vergreifen. Diese Ansicht hatte Johan ihm unmissverständlich klargemacht, noch bevor Gero der Einsatz befohlen worden war. Aber auch er sah ein, dass sie weder mit ihrer Lebenserfahrung noch mit ihrer Kampfkraft etwas dagegen hatten ausrichten können. Wohlwollen und Entgegenkommen waren im Moment das Einzige, das ihnen blieb, um darauf zu hoffen, dass Hertzberg und seine Leute endlich ihr Versprechen einlösten und ihnen irgendwo, fernab von jedem wissenschaftlichen Labor, ein freies Leben ermöglichten.

Der General hatte unterdessen befohlen, den Motor anzuwerfen, um so schnell wie möglich zum Ufer zurückzukehren.

Hertzberg konnte es nicht abwarten, an den malerischen Sandstrand zu gelangen, der silbern im Mondlicht schimmerte. Während das Boot beinahe lautlos über die Wasseroberfläche glitt, spülte er einen der vielen Kelche mit Seewasser und betrachtete ihn eingehend im Lichtkegel seiner Forschungsleuchte.

|12|Nach einem Moment des Innehaltens hielt er Gero den Kelch hin und sah ihn auffordernd an. »Hast du eine Ahnung, was das da am Boden bedeuten könnte?«

Gero löste eine Hand von den Stricken, die den Rand des Bootes umgaben und an denen er sich während der Fahrt festhielt. Zögernd nahm er das uralte Artefakt in die Hand, immer noch von Ehrfurcht erfüllt, und schaute hinein.

Am Grund des Kelches schimmerte ein in Gold eingefasster, grünlicher Stein, der von eingravierten, rätselhaften Ornamenten umgeben war.

Plötzlich schwindelte ihn. Hatte er zunächst noch geglaubt, das schwankende Boot trage die Schuld, so musste er bei langsam werdender Fahrt erkennen, dass anscheinend eine höhere Macht von seinem Bewusstsein Besitz ergriff, was ihn offensichtlich in die Lage versetzte, in den willkürlich aufleuchtenden Ornamenten einen Sinn zu erkennen. Bei intensiver Betrachtung formierten sie sich zu einem dreidimensionalen Bild, das frei im Raum stehende griechische Buchstaben sichtbar machte, die eine Inschrift verrieten: »Siehe, dies ist der Kelch Jehudas«, stand dort geschrieben, »finde die Steintafeln des Moses – und die Welt wird Deinen Gesetzen folgen.«

Plötzlich erschienen am Grund des Kelches eine felsige Wüstenlandschaft mit hohen Bergen und ein Kloster auf einem Hügel. Es war heiß, und der Wind fegte den Sand durch die ausgedörrten Schluchten. Gero sah eine Höhle mit seltsamen, eingemeißelten Zeichen und einen schwarz gekleideten Mönch, der ihn am Eingang freundlich empfing. Er folgte dem Mann hin zu einem gewaltigen Licht, das alles an Helligkeit übertraf, was er je zu Gesicht bekommen hatte.

»Hast du etwas gefunden, das von Bedeutung sein könnte?« Hertzbergs krächzende Stimme riss Gero aus seiner Vision. Seine strikte Erziehung zum Krieger verhinderte, dass Hertzberg seine Verblüffung bemerkte. Selbst Johan, der direkt neben ihm saß und auch in den Becher geschaut hatte, schöpfte offenbar keinen Verdacht.

»Darf ich mal sehen?«

Widerwillig gab Gero den Kelch aus der Hand.

Hertzberg betrachtete den Stein am Grunde des Kelchs mit wachsendem Interesse, jedoch ohne abwesend zu wirken. Anscheinend hatte der Kelch auf ihn nicht dieselbe Wirkung wie auf Gero. »Es könnte ein Sphen sein, soweit ich weiß, nennt man ihn auch Stein der Weisheit«, sinnierte |13|er nachdenklich. »Was gewissermaßen zu unserem Timeserver passen würde.« Er lächelte flüchtig, runzelte dann jedoch wieder die Stirn. »Aber soweit ich weiß, wurde das Mineral erst vor rund dreihundert Jahren entdeckt. Was glaubst du?«, fragte Hertzberg weiter, während das Boot mit einem Ruck am Sandstrand zum Stehen kam. »Haben der Stein und die Ornamente, die ihn umgeben, irgendetwas zu bedeuten?«

»Nein«, erwiderte Gero kühn. In seinen blauen Augen lag eine Überzeugung, die jeden Lügendetektor in die Irre geführt hätte. »Mein Komtur war ein leidenschaftlicher Sammler schöner Trinkgefäße. Ich erinnere mich daran, dass er mehrere solcher Kelche aus dem Outremer mitgebracht hat – angeblich veredelt der Stein am Grunde des Gefäßes den Wein, den man hineingibt. Mit der Zeit löst er sich auf. Aber soweit ich weiß, beschwerte Henri d’Our sich immer darüber, dass selbst dieses Prachtexemplar nicht in der Lage war, Fusel in Weihwasser zu verwandeln.« Er lachte kurz und verzog sein Gesicht zu einem amüsierten Schmunzeln. »Das Ding ist eines von vielen, und ich kann mich nicht erinnern, dass Henri d’Our ihm eine besondere Bedeutung beigemessen hätte.«

Sein Blick wanderte zu Johan, und bevor der Flame erstaunt aufblickte, weil die Geschichte mit der Sammlung von Trinkgefäßen an den Haaren herbeigezogen war, hatte Gero sich blitzschnell mit dem Zeigefinger über die Lippe gestrichen, als ob er eine Mücke entfernen wollte. Das geheime Zeichen der Templer für striktes Stillschweigen. Inbrünstig hoffte er, dass Johan mitspielen würde. Die Amerikaner durften keinesfalls erfahren, was es mit diesem Kelch auf sich hatte. Am liebsten hätte Gero ihn an sich genommen und zurück in den See geschleudert. Doch dann hätten Hertzberg und der General erst recht Verdacht geschöpft.

»Und du?«, fragte der Alte und blickte Johan direkt in die Augen. »Hast du eine Ahnung, ob der Kelch über seinen Materialwert hinaus irgendeine Bedeutung hatte?«

»Nein.« Johan schüttelte entschlossen seinen roten Schopf. Sein vernarbtes Gesicht kam ihm zu Hilfe, da es jede Regung verbarg. »Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Moshe, aber mein Ordensbruder hat recht, unser Komtur hat Dutzende davon besessen. Die meisten waren verbeult. Vielleicht wollte Henri d’Our wenigstens einen davon unversehrt für den Messwein aufbewahren.«

Hertzberg nickte und schlug den Kelch in ein Tuch ein, bevor er ihn |14|behutsam in eine bereitstehende Styroporkiste legte. Am Strand warteten Soldaten auf sie, die Hertzberg anwies, ihm die Kiste abzunehmen und mit einer elektronischen Plombe zu sichern, so dass kein Unbefugter Zugriff hatte.

Mit einem Zwinkern forderte er Gero und Johan auf, ihm aus dem Boot zu helfen.

Gero atmete auf, als die Kiste mit dem Kelch in einem verdunkelten Van unter einer profanen Militärdecke verschwand.

Blieb zu hoffen, dass das Ding ohne nähere Untersuchung in irgendeinem Tresor der amerikanischen Streitkräfte landete und später allenfalls einem Museum als Ausstellungstück diente – hinter Panzerglas, für alle Zeiten sicher verschlossen.

Er selbst hatte genug gesehen, um zu wissen, worum es in der Vision gegangen war.

Sein Herz schlug so stark, dass er sich fragte, wie er der jungen Ärztin, die sie regelmäßig nach Einsätzen untersuchte, seinen erhöhten Pulsschlag erklären sollte. Zweifellos handelte es sich bei dem Fundstück um den berüchtigten »Kelch von Askalon«. Die Legende besagte, dass die Botschaft in seinem Innern zu einem überirdischen Geheimnis führte, dessen Auflösung sämtliche Glaubensgegensätze der Welt auf ewig miteinander versöhnen werde. Niemals hätte Gero vermutet, dass Henri d’Our diesen Kelch besessen hatte. Ja, dass er sich überhaupt im Besitz des Ordens befand.

Niemand hatte je ein Wort darüber verlauten lassen. Es gab Gerüchte – aber über die Bundeslade zu sprechen oder das, was daraus hervorgegangen sein sollte, war unter den nicht eingeweihten Brüdern ein absolutes Tabu gewesen.

Doch das bedeutete nichts, schließlich hatte Gero auch nicht gewusst, dass die Ordensbrüder des Hohen Rates über das Haupt der Weisheit verfügten. Wobei das Mysterium, das dieser Becher in sich barg, vermutlich tausendmal gewaltiger war, als Toms vermaledeiter Timeserver je hätte sein können. In der Legende hieß es: Wer den Kelch besitzt und das Geheimnis entschlüsselt, wird die Welt in seinem Sinne verändern können und die Rückkehr des einzig wahren Messias einläuten.

Gero überlegte nicht lange. Wenn das Schicksal auf seiner Seite stand und die Zeit reif dafür war, würde er seine Entdeckung zu nutzen wissen.

|15|Kapitel 1

Ein letzter Versuch

2151 November – Illinois – ehemals Amerikanische Föderation

 

Vielleicht wäre es besser gewesen, dachte Lyn und strich sich hastig eine Strähne ihres glatten, schwarzen Haares zurück, wenn sie wenigstens ein einziges Mal in ihrem Leben selbst jemanden eliminiert hätte. Dann würde sie nun nicht dastehen wie eine Anfängerin, und ihre Hand, die den Fusionslaser hielt, würde nicht so stark zittern, dass sie kaum in der Lage war, ihr Ziel zu fixieren.

Red Collart, Drill-Instructor der Antirevolutionstruppen der Neuen Welt, zuständig für die Ausbildung der Kadetten an den Handfusionswaffen, hatte ihnen bereits im zarten Alter von zehn Jahren beigebracht, wie man damit umging und wie diese Waffe funktionierte. Die unvorstellbare Hitze des Fusionslasers wurde mittels Kavitationsenergie erzeugt, die mit Hilfe natürlich vorkommender Myonen aus der kosmischen Umgebungsstrahlung eine Bläschenfusion erzeugte, die einen pulsierenden Strahl von 5000 Grad Celsius freisetzte. Die ergonomisch angepasste Waffe mit einem 25 Zentimeter langen Lauf bestand aus einer speziell angefertigten Wolfram-Rhenium-Legierung, die dafür sorgte, dass das Material trotz der entstehenden Hitze stabil blieb. Das Ergebnis war beeindruckend. Menschen konnten damit in einer Pikosekunde zu Staub zerblasen werden. Mit einem entsprechend größeren Modell und der richtigen Dosierung des Strahls war es möglich, ganze Hypergleiter verschwinden zu lassen.

Collart hatte bei der Erschießung von Delinquenten gegenüber seinen Zöglingen niemals das geringste Anzeichen von Mitleid gezeigt – im Gegenteil, es schien ihn sogar zu amüsieren, wenn er im Angesicht seiner Rekruten seine uneingeschränkte Macht über Leben und Tod |16|demonstrierte. An manchen Tagen töteten Collarts Schüler auf seine Anweisung hin Hunderte von Verdammten, die alle auf einer sogenannten Abschussliste standen. Entweder weil sie aufgrund genetischer Fehlausstattung als nicht lebenswert beurteilt worden waren oder weil sie im Verdacht standen, zu den National American Rebels zu gehören, einer geheimen Untergrundorganisation, die sich verbotenerweise gegen Regierungsinteressen wandte und die es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vernichten galt.

Nicht selten schloss Collart mit seinen Rekruten vorher Wetten ab, wie viel Asche wohl von einem der Todgeweihten nach dem Beschuss übrig bleiben würde. Besonders, wenn es sich um ältere Gefangene handelte, die mitunter mehr Körperfülle aufwiesen, weil ihnen im Gegensatz zu den jüngeren Opfern das formstabilisierende Fisch-Gen fehlte.

Im Nachhinein erschien es Lyn als merkwürdig, dass sie lediglich Überraschung empfunden hatte, als sie zum ersten Mal Zeugin einer Hinrichtung wurde, bei der ein Delinquent allein aus Demonstrationsgründen pulverisiert worden war. Im Laufe der Zeit gewöhnte sie sich daran, wenn der allgegenwärtige Sturm die gefriergetrockneten Überreste eines Leichnams über den kalten Marmor des Exerzierplatzes hinweg fegte und der immerwährende Regen die kläglichen Reste menschlichen Lebens von den schwarzen Platten wusch. Manchmal dachte sie des Nachts an die Erstarrung in den Pupillen der Opfer kurz vor der Tötung, aber der Chip in ihrem Hirn unterdrückte sofort jegliche emotionale Sensibilität, die zaghaft aus ihrem Inneren emporzusteigen drohte.

Erst viel später, nachdem Lion Ho Chang, der Anführer der National Rebels, sie aus dem Lager befreit und ihr den Chip entfernt hatte, begriff Lyn das ganze Ausmaß von Collarts menschenverachtendem Vorgehen. Regelmäßig dachte er sich während der Schießlektionen kleine Spiele aus. Eines nannte er »Russisch Roulette«, wobei er den Laser in einer Weise auflud, dass nicht jeder Schuss automatisch scharfgemacht wurde. Danach konnte keiner seiner jugendlichen Kadetten wissen, ob der nächste Treffer den Delinquenten eliminierte oder nicht. Lyn hingegen verfügte selbst unter Einflussnahme des Chips über nahezu hellseherische Fähigkeiten. Stets hatte sie den Laser an einen der Jungs weitergereicht, wenn er eine tödliche Bedrohung für |17|die Opfer darstellte. Collart hatte Punkte an jene Rekruten vergeben, die sich freiwillig als Schützen gemeldet hatten und bei denen der Laser auslöste. Wem es auf diese Weise gelang, die meisten Delinquenten zu eliminieren, der durfte Collart nach Hause begleiten. Was immer das auch bedeutete, war ein Geheimnis, und jene, welche in den Genuss kamen, mühten sich, diese Auszeichnung wieder und wieder zu erlangen. Lyn war nicht erpicht darauf, Collarts Gunst zu gewinnen. Ihr Instinkt und seine abweisende Haltung sagten ihr, dass es besser war, ihm nicht zu nahe zu kommen. Ihrer Schwester Rona war es anscheinend ähnlich ergangen, deshalb hatte sie stets auf Lyns Reaktionen geachtet und den Laser nur angenommen, wenn sie ihr mit einem kaum merklichen Zwinkern versichert hatte, dass er nicht schussbereit war. Ganz im Gegensatz zu Mako, ihrem gleichaltrigen Bruder, der aus derselben Brutserie stammte wie sie selbst und der ganz wild darauf war, endlich in den Fokus seines Meisters zu gelangen, was er jedoch bis zum Tag ihrer Befreiung niemals geschafft hatte. Wie durch ein Wunder hatten weder Mako noch Collart bemerkt, dass die beiden jungen Frauen sich davor drückten, den Henker zu spielen. Doch selbst wenn es Mako aufgefallen wäre, hätte er wohl nichts darüber gesagt. Gefühle zu zeigen konnte leicht den eigenen Tod bedeuten oder zog eine neuerliche Hirnoperation nach sich, die ihre Persönlichkeit noch weiter eingeschränkt hätte.

Erst an dem Tag, als Lion und seine Leute unerwartet ins Camp eingedrungen waren und Lyn und ihre beiden Geschwister aus den Klauen der Neuen Welt befreit hatten, war ihnen klargeworden, wie unglaublich stark menschliche Emotionen sein mussten, wenn man sie nicht mit biotechnischen Mitteln unter Kontrolle behielt. Der Hass in Lions braunen Augen, als er bei seinem furiosen Abgang aus dem Camp höchstpersönlich seinen Fusionslaser auf Collart richtete, abdrückte und im Anschluss daran den kläglichen Überrest ihres ehemaligen Drill-Instructors mit den Worten »Asche zu Asche« kommentierte, hatte sie zunächst verwirrt und im höchsten Maß irritiert. Erst recht, als Lions braune Augen sich mit Tränen füllten, weil es ihm nicht gelungen war, noch mehr ihrer Brüder und Schwestern zu befreien. Ein ungewohnter Anblick. Denn dort, wo Lyn, Rona und Mako ihre Jugend verbracht hatten, weinte man nicht. Es war eine zutiefst verabscheuungswürdige Geste, die einen getreuen Söldner der Neuen |18|Welt von abtrünnigen Rebellen und Spionen unterschied – und diesen nicht selten zum Verhängnis wurde, weil man sie unter der Folter an ihren Gefühlsausbrüchen erkannte. Erst später, nachdem Lion den entführten Rekruten den Chip aus den Hirnen entfernt und sie damit wieder zu empathischen Lebewesen umfunktioniert hatte, erspürte sie seine Gefühle, und das mit geballter Intensität. Ein wunderbarer Zustand, der gleichzeitig unbeschreibliche Schmerzen mit sich brachte, wenn er in Trauer, Angst und Entsetzen umschlug.

Ein Grund, warum Lyn im Augenblick ihre wiedergewonnenen emotionalen Fähigkeiten verfluchte. Sie blinzelte kurz, um ihre genetisch manipulierten Nachtsichtlinsen zu befeuchten, die auch die finsterste Umgebung in gestochen scharfen Graugrünabstufungen erscheinen ließ.

»Du musst ihn beim ersten Schuss treffen«, zischte eine dunkle Stimme unter ihr.

Es war Mako, ihr männliches Ebenbild. Sein Kopf mit den schulterlangen schwarzen Haaren und dem feingeschnittenen asiatischen Gesicht streckte sich an ihr vorbei. Dabei zwängte er seinen schlanken, langen Körper durch den engen Kanalschacht. Offenbar interessierte ihn, warum es nicht wie geplant voranging. Schließlich stand er leicht geduckt hinter ihr und fixierte ihr Opfer mit seinen schmalen, bernsteinfarbenen Katzenaugen, als ob er ein Raubtier auf Beutezug wäre. Weiter unten auf der nicht enden wollenden Titanleiter, die in einen einhundert Meter tiefen Schacht mündete, stand Rona und gab ihnen Deckung, dabei blinzelte sie ungeduldig zu ihnen herauf. Seit Lion sie wieder zu einem echten Menschen umfunktioniert hatte, wurde sie manchmal von aggressiven Emotionen überflutet, die Lyn als ausgesprochen lästig empfand. Nicht zum ersten Mal stellte sie sich die Frage, warum Lion neben Mako ausgerechnet Rona für diese Mission ausgesucht hatte. Sie war mitunter ziemlich aufbrausend, aber möglicherweise schätzte Lion gerade ihre Aggressivität und den damit verbundenen Kampfeswillen.

Rona machte ihrem Ruf alle Ehre, indem sie ungebeten nach oben kletterte und Mako wieder nach unten zerrte. Sie war stärker als er und zwang ihn damit, ihre Position zu übernehmen. Nachdem er einen leisen Fluch über ihr rücksichtsloses Verhalten ausgestoßen hatte, konzentrierte sich Lyn erneut auf das vor ihr liegende Einsatzgebiet.

|19|Rona tauchte neben ihr auf und sondierte die Lage. »Sei vorsichtig«, riet sie ihrer Schwester. »Wenn sie uns entdecken, sind wir erledigt.«

Lyn ließ sich von Ronas Warnungen nicht irritieren. Sie wusste längst, dass sie den Schachtdeckel nur einen Spaltbreit anheben durfte, um von dem patrouillierenden Wachmann nicht bemerkt zu werden.

Über ihnen erstreckte sich eine riesige Halle mit einem beweglichen Glaskuppeldach. In etwa fünfzig Meter Entfernung stand der Hypergleiter, auf den sie es abgesehen hatten, mutterseelenallein im Hangar. Ein silbern glitzernder, länglicher Vogel aus einer Titanlegierung, in dem mindestens sechs Menschen Platz fanden und der schneller war als jede Regierungsmaschine. ONOGEN 11, der Name eines pharmazeutischen Großkonzerns, der mit Wissen der Neuen Welt im illegalen Drogenhandel operierte, stand darauf sowie die Nummer des Gleiters. Offiziell vertrieb man bei ONOGEN alle Sorten von erlaubten neuronalen Nachbrennern, die den Menschen halfen, ihre Arbeitsleistung zu steigern, damit ihre Ausbeutung durch die kapitalfeudalen Machthaber noch effizienter verlief.

In den Containertürmen neben der Halle befanden sich unzählige Depots mit den gängigsten Nanodrogen, wie die Aufschrift verriet und die offensichtlich auf ihren Abtransport warteten. EXO 23 zur Gedächtnisauffrischung bei Hirninfarkt, PED 04 als Trainingsdroge zur Steigerung der Lernfähigkeit, LEX 77 zur Verhinderung vorzeitiger Alterungsprozesse und SN 303, ein Stoff, der exotische Träume versprach, selbst wenn man über ein Hirnimplantat verfügte, das im Normalzustand sämtliche Gefühle unterdrückte. Bis auf die letzte Sorte, die meist in den verbotenen Spelunken verhökert wurde, handelte es sich um legalen Stoff, der in der Regel gestreckt war, aber zu denselben Preisen verkauft wurde wie das kaum zu unterscheidende Original.

Der Vorstand des Konzerns setzte sich überwiegend aus korrupten Regierungsmitgliedern der Neuen Welt zusammen, die seit ihrer Machtübernahme vor gut fünfzig Jahren gegenüber der nichtsahnenden Erdbevölkerung ein doppeltes Spiel trieben. Vordergründig unterwarfen sie sich den strengen moralischen Regeln der Behörden – inoffiziell strichen sie horrende illegale Gewinne ein und teilten sie mit den Mächtigsten.

»Das war schon so, als ich noch ein Kind war«, hatte Lion mit einer |20|wegwerfenden Handbewegung erklärt, als Lyn ihn einmal gefragt hatte, ob diese Zustände erst nach der neuen Kapital-Revolution aufgetreten seien. »Korruption hat in der menschlichen Gesellschaft eine lange Tradition, auch wenn immer halbherzig versucht wurde, sie zu bekämpfen.«

Lion kannte alle Tricks seiner Gegner und hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Welt zum Besseren zu verändern. Dass Lyn und ihre Geschwister nun Teil dieses Plans wurden, hatte sie mit Stolz erfüllt, auch wenn ihnen immer noch nicht ganz klar war, wie sie diese Veränderung zustande bringen konnten und wie diese letztendlich aussehen würde.

Dass der zuvor beschlossene Plan nicht einfach durchzuführen war, lag in der Natur der Sache. Lion befand sich ständig auf der Flucht. Schließlich gehörte er zu den meistgesuchten Terroristen der Neuen Welt. Er lebte mal hier. mal dort und verkroch sich an den unwirtlichsten Orten, falls er nicht gerade seine schärfsten Widersacher bekämpfte. Lyn und ihre Geschwister fristeten ihr Dasein derweil unerkannt in den Armutsghettos im mittleren Westen der ehemaligen amerikanischen Föderation.

Lion besaß einen selbstkonstruierten Hypergleiter, der eine außerordentliche Geschwindigkeit erreichte und natürlich nicht der staatlichen Flugüberwachung gemeldet war. Allerdings verfügte er wegen des hohen Energieverbrauchs über eine auffällige Quantensignatur, die ihn bei längerfristigem Einsatz zu einer leichten Beute für die Häscher der Neuen Welt machte. Daher lautete der Auftrag für Lyn, Rona und Mako, zunächst einen Hypergleiter von ONOGEN zu stehlen, um damit unabhängig von Lion zu einem zuvor vereinbarten Treffpunkt zu gelangen, dessen Umgebung durch die dort vorherrschenden Stürme genug Materie-Turbulenzen verursachte, um eine Magnetfeldortung zu erschweren.

Lion selbst durfte es aus Gründen der Tarnung nicht riskieren, sie in ihrem Versteck abzuholen. Hinzu kam, dass die Hypergleiter von ONOGEN wegen der illegalen Geschäfte, zu denen sie genutzt wurden, ebenfalls nicht der staatlichen Flugüberwachung gemeldet waren. Im Falle eines Verdachts würden seine Vorsichtsmaßnahmen bei den in Frage kommenden Verfolgern genug Verwirrung stiften, um ihnen einen ausreichenden Vorsprung für die Durchführung ihres Plans zu sichern.

|21|Nach Lions Berechnungen würden sie auf diese Weise die 8000 Meilen zum Zielort unbehelligt überwinden können.

»Dieser Bande von korrupten Verbrechern wird es nicht wehtun, wenn sie zukünftig auf einen Firmengleiter verzichten müssen«, hatte Lion bei einer geheimen Hypervisionskonferenz augenzwinkernd bemerkt, als Rona ihn danach fragte, ob es nicht zu riskant sei, ausgerechnet dort einen Gleiter zu stehlen.

Ob es ONOGEN auch nichts ausmachte, in Zukunft auf einen oder mehrere Mitarbeiter zu verzichten, durfte bezweifelt werden. Lyn zog unwillkürlich die Stirn in Falten bei dem Gedanken, den in unmittelbarer Entfernung stehenden, stämmigen Aufpasser zu Staub zu zerblasen. Dass sie ihn nicht am Leben lassen konnte, stand außer Frage. Schließlich nannte er eine verhältnismäßig riesige Fusionskanone sein Eigen, die er lässig um die Schulter gegürtet trug. Mit dieser Waffe wäre er durchaus in der Lage, einen ganzen Gleiter mitsamt seiner Besatzung zu eliminieren. Normalerweise waren solche Waffen allein den Sicherheitskräften der Neuen Welt vorbehalten. Aber wer scherte sich schon darum, wenn der Boss eines solchen Unternehmens regelmäßig Unsummen an Bestechungsgeldern an die höchsten Regierungskreise zahlte?

Der Wachhabende wirkte entsprechend entspannt. Sein Dienst war reine Formsache. Eine der üblichen Machtdemonstrationen für angemeldete Besucher. Offenbar rechnete er nicht mit perfekt geschulten Rebellen, die als ehemalige Agenten der Neuen Welt eher unfreiwillig und überraschend die Seite gewechselt hatten. Der Hangar war bei Nacht zwar elektronisch gesichert, aber mit Lions neu konstruiertem Nano-Decoder war es kein Problem gewesen, einen Virus in die computergenerierten Sicherheitssysteme einzuschleusen, der eine dauerhaft unauffällige Lagebeurteilung in die automatisierten Überwachungszentren implizierte.

Mako drängte sich nun auch weiter nach oben, und Rona machte eine unwirsche Bewegung, weil er ihr den ohnehin knappen Platz nahm und im Notfall den Rückzug versperrte. Mako schnaubte verärgert, als sie ihn so heftig zurückstieß, dass er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte und in die Tiefe gestürzt wäre. Dieses Geräusch allein reichte aus, um die Aufmerksamkeit des Wachmanns auf sie zu lenken.

Als der Kerl Lyn entdeckte und sie mit kalten, graublauen Augen |22|anpeilte, musste sie einen Entschluss fassen, ob es ihr gefiel oder nicht. Ein kaum hörbares Zischen begleitete den wabernden Fusionsball. Der Mann erstarrte mit überraschter Miene, als er getroffen wurde. Sein Körper wechselte so schnell die Farbe, dass es für das normale menschliche Auge nicht sichtbar war. Das eben noch lebendige Rosa seiner hellen Haut verwandelte sich schlagartig in ein metallisches Kupferbraun. Seine Waffe blieb davon verschont, weil die Energie des Lasers dafür berechnet war, nichtmenschliche Ressourcen zu verschonen. Scheppernd fiel sie zu Boden. Das Geräusch holte Lyn in die Wirklichkeit zurück. Gleich würden weitere Wachleute auftauchen, inzwischen war der Mann zu einem silbernen Häuflein Asche zerfallen.

»Los, kommt voran«, raunte Lyn ihren Geschwistern zu und kletterte mit einer geschmeidigen Bewegung auf den stählernen Hallenboden. Rona und Mako folgten dicht hinter ihr. Gemeinsam rannten sie zum Hangar, wobei Lyn das Herz vor Aufregung bis zum Hals schlug. Eine ebenso unangenehme wie unnötige Begleiterscheinung, die sie ebenfalls der Entfernung des Chips zu verdanken hatte. Den eigenen Fusionslaser fest umklammert, griff sie sich im Vorbeilaufen die Fusionskanone des Getöteten. Dabei hoffte sie, dass Mako und Rona ihr auf den Fersen blieben. Von weitem hörte sie bereits den heulenden Alarm und hektisches Stimmengwirr. Ohne weiter darüber nachzudenken, berührte sie den quantenmechanischen Türöffner, der die von Lion implantierte energetische Generalcodierung in ihren Fingerspitzen ohne Probleme erkannte und ihr einen direkten Zutritt zur Führungskapsel des Gleiters gewährte. Die Seitentüren unter den Stabilisatoren dematerialisierten sich, indem sie unsichtbar wurden und ihnen somit ungestörten Einlass gewährten. Rona schoss im Sprung an ihr vorbei und ließ sich rückwärts in die Steuerungskabine hineinfallen, die Umgebung des Gleiters immer noch fest im Blick. Mako folgte seiner Schwester in kurzem Abstand und hechtete ebenfalls kopfüber in den Gleiter. Lyn sprang als Letzte in die hochtechnisierte Maschine, nachdem sie ihren Geschwistern Feuerschutz gegeben hatte.

Keine Sekunde zu früh landeten sie auf dem gepolsterten, silbergrauen Boden und zogen instinktiv den Kopf ein. Sie waren entdeckt worden. Mindestens zehn Wachleute tauchten am Ende der riesigen Halle auf.

Während Rona mit einer fließenden, kreisförmigen Handbewegung |23|den leuchtend holographischen Terminal heraufbeschwor und den Gleiter allein kraft ihrer Gedanken startete, gerieten sie unter Beschuss. Lyn war es mit einem weiteren Gedankenbefehl gelungen, den Spiegelreflexschutzschild zu aktivieren, der sie zumindest nach außen hin unsichtbar werden ließ. Mako hatte unterdessen die Fusionskanone mit einem summenden Geräusch hochgefahren und feuerte im Abflug durch die offene Tür auf die am Boden stehenden Wachmannschaften. Er zuckte noch nicht einmal mit einer Wimper, als er auf einen Schlag sechs Männer und zwei gepanzerte Fahrzeuge eliminierte.

»Das Hallendach«, schrie Rona, die erkannt hatte, dass irgendjemand im letzten Augenblick das große Haupttor des Hangars geschlossen hatte.

Mako lehnte sich ungesichert über die Außenkante des Gleiters, und während der Fusionsball eines am Boden schießenden Gegners ihn so dicht streifte, dass ein Teil seiner wehenden Mähne verdampfte, richtete er die Kanone auf das gläserne Kuppeldach.

Ein einziger Schuss reichte aus, um einen regelrechten Ascheregen auszulösen, der ihn zum Husten brachte. Der Gleiter kippte für einen Moment nach rechts, weil Rona weiterem Beschuss vom Boden ausweichen musste. Lyn erwischte in letzter Sekunde Makos Arm, bevor er hinauszustürzen drohte. Beinahe hätte er das Gleichgewicht verloren. Dabei war ihm die Fusionskanone aus den Händen geglitten. Tatenlos musste er mit ansehen, wie sie mehrere hundert Meter zu Boden segelte und kurz darauf mit einer gewaltigen Explosion aufprallte. Die nach oben steigende Hitzeblase drückte den Gleiter unvermittelt in die Höhe. Atemlos krallte er sich an einem Holm im Innern des Gleiters fest. Lyn hatte in aller Eile dafür gesorgt, dass sich die geschlossene Tür materialisierte. Zum einen, um Mako vor einem Absturz zu bewahren, zum anderen, um sie vor weiteren Angriffen vom Boden zu schützen. Mit fahrigen Händen sicherte Mako seine Position, indem er das Magnetfeld in seinem Sitz mit einer leichten Berührung der holographischen Steuerungstafel aktivierte. Die künstlich aufgebaute Schwerkraft hielt ihn automatisch an seinem Platz und verhinderte auch bei starken Schwankungen, dass er durch die Kabine stürzte.

»Das war knapp«, bemerkte er leise und lehnte sich erschöpft zurück. Sein Gesicht war immer noch bleich. Für einen Moment senkte er die Lider und hoffte wohl, dass die Mädchen seinen Anflug von |24|Furcht nicht bemerkt hatten. Lyn setzte sich neben ihn und strich ihm über die Hand, die er ihr sofort mit einem verächtlichen Blick entzog.

Rona erwiderte nichts. Sie blickte stur geradeaus auf den holographischen Steuerbildschirm, der in einer schwebend erleuchteten Abbildung weite Teile des völlig verödeten Südostens Amerikas aufzeigte. Kraft ihrer Gedanken beschleunigte sie den Gleiter und damit auch die Bildabfolge auf dem Schirm.

»Auf nach Corpus Christi«, sagte sie und setzte eine überlegene Miene auf, als sie sich zu ihren Geschwistern umwandte. »Lion erwartet uns in einer Stunde am alten Hafenhangar. Wir dürfen ihn nicht enttäuschen.«

 

Es regnete immer noch, tagelang, wochenlang, und die Stürme hatten den Höhepunkt ihrer Vernichtungskraft noch lange nicht erreicht. Der Süden der ehemaligen Vereinigten Staaten von Amerika war wegen der zunehmenden Klimaveränderung zur Heimat gigantischer Tornados geworden. Was vor einhundert Jahren ab und an einmal geschehen war, gehörte mittlerweile zur Tagesordnung. Die Gegend, die früher einmal zu Texas gehört hatte, war schon seit langem so gut wie unbewohnbar, weil sie permanent unter Wasser stand. Lion Ho Chang, der von der Neuen Welt am meisten verfolgte Rebellenführer, wusste um den Vorteil der Katastrophe, als er seinen Hypergleiter gut dreißig Meter über den aufpeitschenden Wassermassen in den ehemaligen Hafen von Corpus Christi steuerte. Von den früheren, auf bis zu zwanzig Meter hohe Stelzen gebauten Vorratstanks für Öl und sonstige Chemikalien ragten nur noch die Kuppeln aus den Fluten. Wellen so hoch wie die Ruinen von Manhattan türmten sich auf und stoben unter dem scharfen Wind über die versinkende Speicherstadt. Lions Handfläche strich über das imaginäre holographische Steuerungspult, während die nackten Aluminiumgerüste der ehemaligen Hafenanlagen wie ein stählerner Wald an ihm vorbeisausten.

»Stabilisatoren neu berechnen.« Der automatisierte Befehl aus der Steuerungskanzlei drang lautlos in sein Gehirn. Ein weibliches Gesicht manifestierte sich aus Millionen von tanzenden Lichtpunkten. Es war denen von Lyn und Rona ähnlich. Ihr Konterfei hatte ihm für die Konfiguration der Steuerungskonsole des Gleiters Pate gestanden. Auch die vier Timeserver, die er mit Hilfe längst vergessener Konstruktionspläne reaktiviert hatte, zeigten ihnen ähnlich sehende Konterfeis.

|25|Die Befreiung der drei Geschwister aus einem der berüchtigten Zuchtlager der Neuen Welt war recht unruhig verlaufen. Lion und seine Getreuen hatten nicht zum ersten Mal auf diese Weise ihre jungen Krieger rekrutiert. Wie üblich hatten sie nichts dem Zufall überlassen und den Akt der Entführung als missglückten Fluchtversuch getarnt. Wahrscheinlich glaubten die ehemaligen Bewacher der drei immer noch, dass sie auf ihrer vermeintlichen Flucht ums Leben gekommen waren. Der damals von Lion eingesetzte zweite Gleiter war wie geplant mit einer spektakulären Explosion an einem Felsen zerschellt und aufgrund des berstenden Fusionsantriebes zu kosmischem Staub atomisiert, der jegliche DNA-Überprüfung unmöglich machte.

In Wahrheit hatte man die jungen Leute mit einem anderen Gleiter in die Tiefen des sterbenden amerikanischen Kontinents gebracht, um sie in den Katakomben der brodelnden Armenviertel von Chicago wieder in echte Menschen zu verwandeln. Noch an Bord hatte Lion seinen drei neuen Schützlingen in einer kurzen, schmerzlosen Operation den Überwachungschip entfernt. Lion war nicht nur Physiker, nebenbei war er Humanmediziner und hatte lange genug in der Hirnforschung gearbeitet, um jeden Chip im Körper eines Menschen auffinden und entfernen zu können.

Von diesem Moment an waren die drei sogenannte Nobodys, die nur noch als Schatten existierten. Ihr Dasein konnte fortan nicht mehr von den Überwachungsscannern der Neuen Welt, wie sich das Konsortium aus fünf Pseudostaaten mit ihren Regierungen und den in Wahrheit herrschenden Wirtschaftsunternehmen nannte, überwacht werden. Das bedeutete Freiheit, aber auch, dass ihnen keinerlei staatliche Essensrationen mehr zustanden, geschweige denn staatliche Fürsorge in Form eines Jobs, der ihnen in sklavenhafter Abhängigkeit das Auskommen gesichert hatte.

Relativ rasch begann Lion damit, die drei jungen Leute im Untergrundlager der National Rebels zu dem auszubilden, was man in Regierungskreisen als Terrorist bezeichnete. Von hier aus zogen seine Zöglinge über sämtliche Kontinente, um das Unrechtsregime der Neuen Welt zu destabilisieren. Doch so einfach, wie es sich anhörte, war es nicht. Der Feind verfügte über brillante Abwehrdienste, so dass es zu einem Umsturz bisher noch nicht gereicht hatte.

Vielleicht hatten es die Verlierer dieser letzten Schlacht nicht besser |26|verdient, sinnierte Lion in endlosen Nächten, die ihm auf brutale Weise seine Einsamkeit vor Augen führten. Anstatt die Gefahr zu erkennen und sich zu einer Großmacht zusammenzuschließen, hatten sich die Verfechter der monotheistischen Weltreligionen in einem mehr als hundertjährigen Krieg den Garaus gemacht. Zu lange hatte man sich um Öl, Gas und Territorialansprüche gestritten und das Volk mit hohl klingenden Dogmen betäubt, die jener hirnlosen Herde von Schafen den letzten Rest von Verstand geraubt hatten. Genug, um die einstigen Machthaber Chinas oder den »König des Ostens«, wie der alles vernichtende Feind in der Johannes-Apokalypse genannt wurde, auferstehen zu lassen und zu beflügeln, alles an sich zu reißen, was ihre kalten Herzen schon immer begehrt hatten.

Lion würde es nicht dabei bewenden lassen, das war er seinen Anhängern und vor allem ihren Nachkommen schuldig, die als freigeborene friedliebende Menschen die Erde bevölkern sollten.

Lion gegen Goliath lautete deshalb seine Devise. Spätestens seit ihm vor zwei Jahren in der ehemaligen Area 51 eine versiegelte Datei in die Hände gefallen war, die etwas enthielt, was den Heuschrecken offensichtlich entgangen war, als sie das Land überfallen hatten wie jene biblische Plage. Der geheimnisvolle Fund hatte in ihm die Hoffnung geschürt, dass vielleicht doch noch nicht alles verloren war. Wie er den längst verschollenen Aufzeichnungen, die in mehreren Quantenkartuschen gespeichert waren, entnehmen durfte, handelte es sich um die Konstruktionspläne einer mindestens fünfzig Jahre zurückliegenden Zeitreisetechnik, die anscheinend noch vor dem großen Krieg vorangetrieben worden war. Leider war kein Originalexemplar des darin beschriebenen Timeservers vorhanden gewesen, und so musste sich Lion auf sein eigenes, technisches Geschick verlassen. Bis auf eine Handvoll Wissenschaftler, die bei der Eroberung Amerikas ihr Leben gelassen hatten, wusste anscheinend niemand etwas über die vorangegangenen Experimente, die offenbar Zeitreisen in längst vergangene Epochen ermöglicht hatten. Verwunderlich, wenn man bedachte, dass die Amerikaner in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts sogar eine Mondlandung vorgetäuscht hatten, um ihre Gegner zu beeindrucken.

In stetiger, heimlicher Kleinarbeit hatte Lion verschiedene Prototypen jenes Wunderwerks erschaffen und ihre Energiespeicher mit modernster Fusionstechnik ausgerüstet. Wegen des holographischen |27|Kopfes, der kraft einer Gedankenbrücke erschien, wenn man das automatische Steuerungssystem öffnete, hatte Lion die kleinen unscheinbaren Timeserver auf den Namen CAPUT getauft, was lateinisch »Kopf« bedeutete und die Abkürzung für das US-Forschungsprojekt Center of Accelerated Particles in Universe and Time gewesen war, dessen Betreiber vor mehr als einhundert Jahren mit den Experimenten zu diesem Projekt begonnen hatten. Daneben hatte er die Zahlen eins bis fünf für jede Weiterentwicklung des Prototyps vergeben und eine Acht als Symbol für die Unendlichkeit angehängt. Auf den alten Servern des längst verfallenen, wissenschaftlichen Zentrums hatte er – seltsam genug – inzwischen streng verbotene, historische Dateien gefunden, die ihn über den ehemaligen Orden der Templer informierten. Vielleicht war es kein Zufall, dass man Daten über eine Organisation gesammelt hatte, die als militärischer Ritterorden um das Jahr 1119 in Jerusalem gegründet worden war und der die Bemühungen um Verständigung zwischen den Religionen letztendlich zum Verhängnis geworden war. Der französische König hatte den Orden im Jahre 1307 unter anderem unter dem Verdacht der Häresie – mit Unterstützung des damaligen Papstes – auflösen und seine Mitglieder verhaften und nicht selten hinrichten lassen.

Beinahe augenblicklich wurde Lion von dem Gedanken beseelt, wie die Welt wohl aussehen würde, wenn die Vernichtung des Ordens niemals stattgefunden hätte? Was wäre, wenn es ihm mit Hilfe seiner Rekonstruktion des Timeservers gelingen sollte, in die Vergangenheit zurückzureisen und die Geschichte so zu beeinflussen, dass sämtliche Katastrophen niemals stattfinden würden?

Der Dritte Weltkrieg zwischen Muslimen, Juden und Christen, der zur globalen Katastrophe geführt hatte, konnte seinen eigenen Hochrechnungen zufolge verhindert werden, wenn man bereits vor tausend Jahren einer solchen Entwicklung entgegenwirken würde. Tag und Nacht hatte Lion diese Idee nicht mehr losgelassen, und schließlich hatte er einen Entschluss gefasst, bei dessen Umsetzung ihm Lyn, Rona und Mako nun behilflich sein würden.

Er hatte sich im Rat der Rebellen, dessen Vorsitz er innehatte, bei der Planung des Projekts für die drei Geschwister eingesetzt. Rona trat in seinen Augen stark und unverwundbar auf, was sie zwar nicht war, aber zumindest würde sie den anderen beiden Mut machen, ganz gleich, wie aussichtslos die Lage auch sein würde. Lyn hingegen besaß |28|einen hochsensiblen Charakter, anpassungsfähig wie ein Bambus im Wind. Mako als Dritter brachte seinen draufgängerischen Mut ein, was die Frauen dazu verführte, ihren Bruder zu beschützen und sie davon abhalten würde, selbst zu große Risiken einzugehen. Zusammen bildeten sie ein perfektes Team.

Aber da war noch etwas, das sie besonders geeignet machte. Sie hatten nur sich, niemanden sonst. Wenn ihnen etwas zustoßen sollte oder sie nicht wie geplant zurückkehren konnten, musste keiner um den anderen trauern.

Allein Lion, der für die drei eine gewisse, beinahe väterliche Verantwortung empfand, würde diesen Verlust verkraften müssen.

Der Gleiter schaukelte ungeduldig, als er an den Löschturm andockte, und prallte dabei geräuschvoll an die verrottenden Stützpfeiler.

Der Sturm nahm an Kraft zu, und Lion wurde trotz Gleichgewichtsregelung und Schwerkraftausgleich in seinen Sitz gepresst, als er den magnetisch aufgeladenen Korridor über dem Eingangsportal der ehemaligen Überwachungskapsel zu aktivieren versuchte. Durch das Panoramafenster am Boden der Steuerungskapsel fiel sein Blick auf die graue schäumende See, die ihm wie ein brodelnder Abgrund erschien. Er schaltete auf Handbetrieb, obwohl die Stimme in seinem Kopf ihm immer noch dringend davon abriet, bei diesem Wetter die Schleuse auszufahren. Als er die holographische Tür entmaterialisierte, stob ihm eine scharfe Böe die weißen, glatten Haare ins Gesicht, die er aus Protest nicht in ein sattes Schwarz färbte, wie es in höheren Gesellschaftsschichten üblich war. Man sollte ihm sein Alter ruhig ansehen. Einhundert Jahre entsprachen mittlerweile der unteren durchschnittlichen Lebenserwartung eines Erdenbürgers und waren nichts, weshalb man sich Sorgen machen musste. Er hatte den großen Krieg noch miterlebt und die nachfolgende Invasion der religiös unabhängigen chinesischen Diktatur – oder besser gesagt, er hatte das apokalyptische Chaos als Säugling überlebt, weil seine katholischen Eltern ihn rechtzeitig außer Landes geschafft hatten. Nach Taiwan – von wo aus sie Jahre zuvor in die damals noch bestehende Amerikanische Föderation eingewandert waren.

Während man seine Eltern überraschend zur feindlichen Armee einberufen hatte, sorgte seine Großmutter, eine anerkannte Quantenphysikerin, für seine Ausbildung und brachte ihm in den Wirren der darauffolgenden Eroberungsfeldzüge der Neuen Welt, wie sich die |29|neuen Machthaber nannten, alles bei, was er für seine unrühmliche Zukunft benötigte. Neben allerlei technischem und wissenschaftlichem Knowhow verdankte er ihr vor allem grundlegende Lektionen in Sachen Menschlichkeit und den Respekt vor der Existenz jeglichen Lebens. Etwas, wovon die neuen globalen Machthaber wenig hielten. Die anhaltenden Gräueltaten an den besiegten Nationen wurden bildlich dokumentiert, und nach der Unterwerfung der ehemals führenden Regionen USA und Europa per Chip in die Hirne der übrig gebliebenen Bevölkerung implantiert, damit niemand an der Macht der neuen Regierung zweifelte. Jegliche Form der Religionsausübung war bei Todesstrafe verboten. Täglich produzierte man unter diesem Vorwand unzählige Leichen, und die Absicht, die Erdbevölkerung auf zehn Milliarden Einwohner zu halbieren, hatte System. Jenen, die den neuen Regeln nicht folgen wollten, gewährte man keine Gnade.

Der Gedanke an all die getöteten und spurlos verschwundenen Menschen ließ Lion erschauern. Mit Beruhigung stellte er fest, dass Rona, Lyn und Mako, wie geplant, einen weiteren Hypergleiter gekapert und kurz nach seinem Eintreffen an der maroden Verladerampe angedockt hatten. Bis hierher hatten sie jeglichen Kontakt über den Hyperraum vermeiden müssen, weil der Feind den telepathischen Austausch per Gedankenscan überwachte.

 

Rona horchte auf, als ein metallisches Pochen Besuch in ihrem sturmumtosten Versteck ankündigte. Sie machte ein stummes Zeichen und nickte Lyn zu, die angespannt die Aluminiumschleuse observierte. Mako riss sich als Erster aus der Erstarrung und schlich mit einem Fusionslaser in der Hand zur kreisrunden Tür, die dem Einstieg eines Unterseebootes ähnelte. Mit einiger Kraftanstrengung öffnete er die rückständig anmutende Verriegelung, nachdem es noch mal hohl und scheppernd geklopft hatte.

Rona atmete erleichtert auf, als sie das markante Gesicht ihres großen Vorbildes erblickte. Lion taumelte in den leicht wankenden Raum und lächelte sie erschöpft, aber auch zuversichtlich an.

»Lion!« Rona vergaß jeglichen Respekt und fiel ihrem großen Vorbild mit einem erstickten Aufschrei um den Hals.

Lyn begrüßte ihn nicht ganz so stürmisch, aber auch sie spürte seine Wärme und sog seinen Duft in sich ein. Dabei unterdrückte sie ein |30|paar Tränen der Rührung. Es war also so weit. Ihre Geschwister und sie selbst würden die lang angelegte Reise antreten – oder auch nicht; je nachdem ob die Technik hielt, was Lion sich von ihr versprach. Tests hatte man nicht durchführen können, weil es unmöglich gewesen wäre, unbemerkt so viel Energie zu bewegen.

Lion löste sich sanft aus Lyns Umarmung und schaute angespannt in die Runde. »Habt ihr alles erledigt, was ich euch aufgetragen habe?« Sein Blick richtete sich auf den einzigen Mann in der Gruppe.

Mako nickte beflissen, obwohl er die Verantwortung in Einsätzen nicht selten seinen Schwestern überließ.

Falls man sie erwischte, wäre das der sichere Tod. Jedoch für Lion zu sterben, da waren sich alle einig, würde eine Ehre sein.

Kritisch beäugte Lion ihre Aufmachung. »Bleibt zu hoffen, dass ihr euch in der Kleidung des zwölften Jahrhunderts nicht zu sehr von den Menschen der damaligen Zeit unterscheidet.«

Im Augenblick trugen sie anthrazitfarbene Overalls, die sich wie eine zweite Haut an ihre schlanken Körper schmiegten und einmal mehr ihre Gleichheit herausstellten. Mit dem Unterschied, dass Lyns Augen in einem irritierenden Veilchenblau erstrahlten und Ronas in einem satten Waldgrün leuchteten.

Dazu kamen noch die Geschlechtsmerkmale. Die Mädchen waren vollwertige Frauen, obwohl bei ihnen keine herkömmliche Fortpflanzung mehr vorgesehen war. Auch Mako war optisch ein ganz normaler Mann, dem jedoch der Wunsch nach einer Partnerschaft mit einer Frau aberzogen worden war.

»Kommt schon«, bemerkte Lion ungeduldig. »Wir haben keine Zeit, die Ausrüstung zu prüfen. Ihr müsst euch an Bord meines Gleiters umziehen. Außerdem habe ich noch eine Überraschung für euch.« Wortlos folgten sie ihm in seinen Gleiter.

Lion gab das Ziel erst jetzt in den Bordcomputer ein. Sie hatten eine Stunde Zeit, um Jerusalem zu erreichen.

Der von ihm konstruierte Schutzschild würde sie für eine Weile vor der Magnetfeldüberwachung der Neuen Welt schützen. Allerdings nicht ewig. Erst recht nicht, wenn es zum Einsatz des Timeservers kam. Wegen der gewaltigen Ausschläge im Gesamtgefüge des Energiehaushaltes des Planeten war eine rasche Entdeckung durch satellitengestützte Überwachungssysteme zu befürchten.

|31|Nachdem alle ihre Plätze in Lions Gleiter eingenommen hatten, eliminierte er im Abflug mit einer eingebauten Fusionskanone das Ursprungsgefährt seiner jungen Begleiter, um Spuren zu beseitigen.

Unter der ausgewählten Beschleunigungskurve verschwand Corpus Christi im Zeitraffer von den holographischen Bildschirmen. Lion schaltete auf automatische Steuerung und wandte sich mit einem bemühten Lächeln zurück an seine Hoffnungsträger, wie er die drei gerne nannte.

Für einen Moment musste er ihren erwartungsvollen Blicken ausweichen.

Manchmal wünschte er sich, es gäbe tatsächlich einen Gott, der ihm das Vertrauen und die Zuversicht verlieh, dass alles gut ging, und wenn nicht, dass es nicht umsonst geschah. Vielleicht war es der starke Glaube gewesen, der ihn bei den Tempelrittern faszinierte und ihn hoffen ließ, dass alles besser werden würde, wenn sie in Gestalt eines tausendjährigen Ordens wieder auferstehen würden.

»In den Kisten ist alles, was ihr für die Mission benötigt«, sagte Lion und zeigte mit einem knappen Wink auf drei mittelgroße Titanbehältnisse im hinteren Teil des Gleiters. Während er mit einer knappen Handbewegung für die automatische Öffnung der Kisten sorgte, bemühte er sich um einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck.

Rona erhob sich als Erste aus ihrem Sitz und ging vor den Behältern auf die Knie.

Die Kostüme, die Lion ihnen beschafft hatte, muteten merkwürdig an. Wallende, farbenfrohe Gewänder, die bis zu den Füßen reichten und der Mode vor exakt tausend Jahren entsprachen. Lyn förderte ein blutrotes, brokatbesticktes Kleid zutage, das ein entzücktes Erstaunen in ihr zartes Gesicht zauberte.

»Wie schön!«, flüsterte Lyn, und Lion schmunzelte amüsiert, weil sämtliche genetische Beeinflussung den weiblichen Anteil ihrer Gefühlswelt nicht hatte zerstören können.

Rona überwand spielend ihr burschikoses Naturell; fasziniert ließ sie ihre Hände über den grün schimmernden Damast gleiten, einen Stoff, der vor rund tausend Jahren wohlhabenden Edeldamen vorbehalten gewesen war.

»Eine taiwanesische Schneiderin, die wie wir im Exil lebt, hat die Kleidung in meinem Auftrag hergestellt«, bemerkte Lion. »Schnitt und |32|Ausstattung entsprechen – soweit ich das beurteilen kann – exakt den Vorgaben der damaligen Zeit.«

Mit staunender Miene holte Lyn ein Paar einfache Lederstiefel mit einer goldenen Spange hervor. Eine Spezialanfertigung, die sowohl langes Marschieren als auch Klettern ermöglichte und trotzdem mittelalterlichem Schick entsprach.

Mako interessierte sich weniger für sein prächtiges Gewand, das aus einer knielangen, hellblauen Jacke und einer kompliziert verschnürten, schwarzen Hose bestand. Beeindruckt zog er stattdessen einen reich verzierten Gürtel aus dickem, blauem Rindleder aus der Kiste, an dem sich ein Schwert in einer gleichfarbigen Scheide befand. Gekonnt schlang er den Schwertgürtel um seine schmalen Hüften. Die Spitze der Schwertscheide reichte, obwohl er einen Meter neunzig maß, beinahe bis zum Boden.

Gekonnt zog er die archaische Waffe mit einem leicht singenden Geräusch aus ihrer Umhüllung und vollführte trotz der Enge, die im Gleiter herrschte, einige schwungvolle Drehungen. Lyn wich angstvoll zurück, als die Spitze des Schwertes haarscharf an ihrer Nase vorbeifuhr.

»Sieh, Lion, ich habe die letzten Wochen bei Meister Kobe mit einer vergleichbaren Waffe geübt, aber diese schlägt die Übungswaffe in Schönheit und Eleganz um Längen«, bemerkte Mako nicht ohne Stolz. Seine bernsteinfarbenen Augen glänzten mit den im T-Heft des Schwertes eingearbeiteten Edelsteinen um die Wette. Griff und Blutrinne des Schwertes waren vergoldet, und sein Blatt war über und über mit eingravierten, geschwungenen Ornamenten verziert.

»Eine wundervolles Stück«, entfuhr es ihm, und dabei setzte er eine ehrfurchtsvolle Miene auf. »Ich kann es kaum erwarten, bis wir unser Ziel erreichen, damit ich es benutzen kann.«

»Hm«, brummte Lion, während Lyn ein weiteres Mal erschrocken den Kopf einzog, als Mako eine Drehung vollführte. »Aber du setzt das Ding nur im Notfall ein. So wie wir es besprochen haben«, schärfte er seinem Zögling noch einmal ein. »Ich will nicht, dass ihr an eurem Einsatzort in unnötige Kampfhandlungen verwickelt werdet. Sobald ihr in Jerusalem angekommen seid, müsst ihr wie die Adligen dieser Epoche auftreten. Das bedeutet, ihr dürft euch durchaus selbstbewusst geben, aber zurückhaltend, was Konflikte betrifft. Wir wissen kaum etwas |33|über die Kultur dieser Menschen. Das Wenige, was ich den zerstörten Dateien entnehmen konnte, reicht nicht für eine komplette Analyse. Ihr müsst euch also vor Ort kundig machen, wie man korrekt miteinander umgeht.«

Lyn lächelte amüsiert und vollzog eine beiläufige Verbeugung, während sie das Kleid an ihre Brust hielt und geschickt den fließenden Stoff raffte, bis ihr Unterschenkel zum Vorschein kam. »Mylord, zu Euren Diensten.« Ihr Augenaufschlag erschien Lion eine Spur zu aufdringlich, dabei wurde ihm schlagartig klar, dass Lyn und ihre Geschwister nicht die geringste Ahnung von zwischenmenschlichen Beziehungen hatten, wie sie vor der nun herrschenden Diktatur üblich gewesen waren. Liebe und Sex waren schon lange kein öffentliches Thema mehr. Jedenfalls nicht in der gewöhnlichen Bevölkerung. Wie bei den Söldnern der Neuen Welt unterdrückte man auch dort alle gefährlich erscheinenden Gefühlsausbrüche per Chip. Und selbst nach der operativen Entfernung waren körperliche Annäherungen zwischen den Bewohnern der Rebellenlager kein Thema gewesen, weil Kinder schon lange nicht mehr auf natürliche Weise gezeugt wurden und der Umgang zwischen Männern und Frauen weitgehend gleichberechtigt und geschlechtsneutral ablief. Schon alleine deshalb, weil sie sich unter der ständigen Jagd durch Agenten der Neuen Welt keinen Geschlechterkampf leisten konnten. Körperliche Liebe galt als dekadenter Luxus, den sich allenfalls die Privilegierten der Neuen Welt im Verborgenen leisteten.

»Keinerlei geschlechtliche Verbindung«, betonte Lion streng. »Selbst wenn man euch so etwas anträgt. Ihr habt überhaupt keine Erfahrung in solchen Dingen, und es könnte euch im wahrsten Sinne des Wortes in Teufels Küche bringen.«

»Definiere geschlechtliche Verbindungen?« Mako setzte eine ironische Miene auf. »Du meinst doch nicht etwa den Austausch von Körperflüssigkeiten?« Nun konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Schon vergessen? Es wurde uns aberzogen. Verschüttet, vergraben. Und …«, konstatierte er mit erhobenem Zeigefinger und gespielt moralinsaurer Miene: »Es gefährdet die Revolution!« Wieder grinste er breit. »Aber warum eigentlich nicht? Man könnte es ja wenigstens einmal ausprobieren. Schließlich sieht uns ja keiner.« Wieder lachte er und schaute auffordernd in die Runde. »Also wenn ihr mich fragt, ich finde |34|es aufregend, in eine Zeit zu gelangen, in der Menschen noch auf natürliche Weise gezeugt wurden.«

»Das ist kein Spiel«, warnte ihn Lion mit finsterem Blick. »Und ich rate euch dringend, es nicht einmal ansatzweise zu versuchen. Es führt nur zu unnötigen emotionalen Verwicklungen, die ihr nicht einschätzen, geschweige denn beherrschen könnt.« Er schaute abwechselnd in die Runde. »Wenn ihr Jerusalem betretet, gebt ihr euch als adlige Kaufleute aus dem Osten aus, die den Gründern des Templerordens die Ehre erweisen möchten. Ihr werdet ihnen andeuten, dass ihr über ein spezielles Wissen verfügt, das dem Orden zu gewaltigen, finanziellen Mitteln verhelfen kann und zu unbegrenzter Macht und Einfluss.« Lion machte eine kurze Pause. »Das wird in jedem Fall das Interesse der verantwortlichen Würdenträger wecken.«

Rona nickte und schenkte Lion ihre ganze Aufmerksamkeit. Es beruhigte ihn, dass sie diejenige war, die das Unternehmen leiten würde. Auf sie konnte er sich verlassen. Sie kannte den Ablauf aus den geheimen Meetings auswendig. Mehr als einhundert Mal waren sie den geplanten Verlauf ihrer Mission durchgegangen.

Eigentlich war es überflüssig, im Anflug auf die gesperrte Zone noch einmal alles zu besprechen. Aber es verlieh Lion die Sicherheit, an alles gedacht zu haben, und außerdem hielt es ihn davon ab, wieder und wieder zu überlegen, was alles schiefgehen konnte.

»Wie sieht es mit euren Arabisch-, Altfranzösisch- und Hebräischkenntnissen aus?«

Wieder so eine rein rhetorische Frage, die davon ablenken sollte, wie sehr ihn die Aufregung packte, je mehr sie sich dem Zielort näherten. Er hatte ihre Hirne in den letzten Wochen mit biochemisch unterstützten Sprachtools regelrecht überflutet.

Während der Gleiter ohne Probleme die Stratosphäre durchpflügte, rezitierte Mako altfranzösische Gedichte, und Lyn und Rona versuchten sich an arabische Weisheiten aus jener Zeit zu erinnern, in der Emire und Kalifen den Nahen Osten beherrschten und das Leben wie ein einziges Märchen aus Tausendundeiner Nacht abzulaufen schien.

»Es ist anzunehmen, dass man euch nach eurer Ankunft Hugo de Payens vorstellt«, fuhr Lion schließlich fort. »Er war nicht nur der Templer der ersten Stunde. Er war Schatzmeister, Anführer und Architekt des Ordens zugleich. Zu einer Zeit, wo die Übergabe der Unterkünfte |35|im ehemaligen Salomonischen Tempel noch gar nicht abgeschlossen war. Er wird euch vermutlich empfangen. Wenn ihr ihm die Botschaft überbracht habt und ihr meint, dass er den Inhalt verstanden hat, kommt ihr zum Treffpunkt zurück, setzt das Signal, und ich werde euch nach Hause holen. Mit etwas Glück ist die Welt dann nicht mehr die gleiche wie jetzt, sondern hat sich zu einer besseren verändert.«

Rona fasste sich unwillkürlich ins Haar, an jene Stelle des Schädels, wo Lion ihnen Realitätsstabilisatoren in die Nähe des Hypothalamus implantiert hatte. Sie sendeten schwach energetische Impulse aus und sollten dafür sorgen, dass ihr Zeitempfinden stabil blieb. Nur so würden sie sich nach einem weiteren Zeitsprung erinnern, was vorher gewesen war, und registrieren können, was sich verändert hatte.

Zu ihrer Überraschung öffnete Lion mit einem Handzeichen einen weiteren Stauraum und zog neben einer holographischen Infotafel, die alle besprochenen Punkte noch einmal vorführte, eine kleine Aluminiumkiste heraus.

»Hier«, sagte er. »Das habe ich euch als kleinen Vorschuss mitgebracht, damit ihr angespornt seid, die Mission erfolgreich abzuschließen.«

Lyn trat zögernd hervor und ließ den Deckel der Kiste mit einer fahrigen Handbewegung aufspringen. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung, als sie den Inhalt erblickte. Frisches Obst. Rote Erdbeeren leuchteten mit dicken Orangen um die Wette, dazwischen lagen Trauben, so grün wie Ronas Augen. Mako steckte seine Nase in ein paar andere Schachteln, aus denen ein verführerischer Duft emporstieg. Gedünsteter Tofu und echter Basmatireis. Algengemüse und Brot. Frisches, knuspriges Brot.

»O Mann«, sagte er und wich wie betäubt zurück. Wie lange hatten sie keine frisch zubereiteten Lebensmittel mehr zu sich genommen? Dort, wo sie lebten, gab es Nahrung lediglich in Pulverform oder als Trockenoblaten, angereichert mit künstlichen Geschmacksverstärkern.

Rona schaute Lion gerührt an. »Das muss ein Vermögen gekostet haben«, flüsterte sie beinahe ehrfürchtig.

Mako kniete nieder und betrachtete den unverhofften Schatz aus der Nähe, dabei blähten sich seine Nüstern, als ob ihn alleine der Duft schon high werden ließ. »Ist das unsere Henkersmahlzeit?« Er blickte zu Lion auf, und sein Lächeln gefror, als er dessen ernste Miene sah.

»So etwas Ähnliches.« Lion lachte immer noch nicht. »Ich wollte |36|euch mit einer angenehmen Erinnerung in die Ungewissheit schicken und euch gleichzeitig ein Gefühl dafür geben, was geschieht, wenn die Mission gelingt. Dann werden wir jeden Tag solche Köstlichkeiten zu uns nehmen können.« Er war wenigstens ehrlich. Das zeichnete ihn aus.

Mako nahm ein Stück Tofu, das er mit geschlossenen Augen zwischen seinen Lippen verschwinden ließ. Für einen Moment kaute er, und sein Gesicht verzog sich zu einer undefinierbaren Grimasse des vollkommenen Genusses, während er schluckte. Dann grinste er plötzlich.

»Wahnsinn«, hauchte er mit verwaschener Stimme, die Augen immer noch geschlossen.

»Dort, wo wir hingehen, gibt es noch viel mehr davon«, sagte Lyn und lächelte zuversichtlich. »Im Mittelalter gab es keine dehydrierten Nahrungskonzentrate. Die Menschen waren es gewöhnt, die Früchte direkt vom Baum zu pflücken.« Der Ausdruck ihrer Augen verriet, dass sie nicht sicher war, ob der Preis dafür trotzdem weit höher sein würde.

 

»Wir sind da.« Lions Stimme klang, als ob er einen Sonntagsausflug ankündigen würde. In Wahrheit hatten sie soeben das Tor zur Hölle erreicht.

Innerhalb einer Stunde hatten sie scheinbar unbemerkt die Datumsgrenze überschritten, und der Horizont über dem Gleiter hatte sich von hellem Morgengrau in ein tiefes Nachtschwarz verfärbt. Die hellerleuchtete holographische Anzeige in der Führungskanzel zeigte nervöse Ausschläge, als sie etwa vier Meilen vor dem hügeligen Gelände, das die Umgebung des ehemaligen Jerusalems prägte, zur Landung ansetzten. Mit einem leisen Fauchen setzte der Hypergleiter kaum merklich auf dem verseuchten Wüstenboden auf. Im grünlich schimmernden Scheinwerfer der Landeleuchten wirbelte nuklear verseuchter Staub auf. Die holographische Anzeige bezeugte 98% Kontamination der Erdoberfläche mit einem üblen Gemisch aus Cäsium 137, Stronthium 90, Iridium 192 und Plutonium 238. Die Revolutionstruppen Irans hatten ganze Arbeit geleistet und noch vor der ersten Großoffensive gegen die Vereinigten Staaten von Amerika eine paar hübsche Raketen der Marke »schmutzig und effizient« in Richtung Israel entsandt, wo sie direkt über dem Boden zur Detonation gebracht wurden. Innerhalb von Sekunden hatten sie die gesamte Region unbewohnbar gemacht und damit jegliche Diskussionen über zukünftige Siedlungspolitik beendet.

|37|Das Gebiet war für Menschen schon lange gesperrt, allenfalls Überwachungsroboter tummelten sich hier. Lion wusste, dass ihnen nicht viel Zeit blieb, ihr Vorhaben zu realisieren. Nicht nur wegen der ständigen Gefahr der Entdeckung – auch aus gesundheitlichen Gründen. Selbst wenn ein jeder von ihnen bis zum Anschlag mit Nanoreparatureinheiten geimpft worden war, hieß das noch lange nicht, dass ihre Zellen auf Dauer radioaktiver Strahlung trotzten.

»Los, los, los«, mahnte Lion leise, als ob sie hier draußen irgendjemand hören konnte. Beiläufig verteilte er kleine, metallische Atmungscontroller, die man sich lediglich in die Nasenlöcher einsetzte und die beim Einatmen schädliche Partikel fernhielten. Rona, Lyn und Mako hatten sich unterwegs umgezogen. Ihre mittelalterliche Kleidung erwies sich schon beim Aussteigen als unpraktisch, weil Rona sich in ihrem Kleid verhedderte und Lyn ihren Umhang nach sich zog, als wäre sie ein Schlossgespenst. Lion reichte ihr eine geräumige Ledertasche, die Mako schulterte. Darin befanden sich eine medizinische Notfallausrüstung in moderner Standardausführung und einer der Timeserver, die Lion in mehrfacher Ausfertigung entwickelt hatte.

Caput 58 gab ihnen zum einen die Möglichkeit, jederzeit weiter in die Vergangenheit reisen zu können, zum anderen ermöglichte der Server ihnen, ein Signal im Hyperraum abzusetzen, damit Lion sie orten konnte. Das Zeitreise-Prinzip, das sich Lion so unvermittelt offenbart hatte, wies leider einige unschöne Lücken auf, die er bisher noch nicht hatte schließen können. Der Weg in die Vergangenheit war mit der Nutzung des Timeservers zwar jedem offen, der ihn besaß und die genetischen Voraussetzungen erfüllte, wollte man jedoch zurück in die Zukunft, so musste man jemanden haben, der einen von dort aus abholte, indem er seinen Gegenpart in der Vergangenheit zunächst ortete und dann transferierte.

Dagegen war es nicht möglich, ohne einen solchen Fluchtpunkt in die Zukunft zu reisen. Die Energieversorgung des Servers verhinderte, dass das Gerät selbstständig Personen über den eigenen Ereignishorizont hinaus in die Zukunft transferierte. Das hatten zumindest die wenigen Dateien verraten, die Lion im ehemaligen Forschungsbunker des amerikanischen Militärs vorgefunden hatte. Vielleicht lag es daran, dass die selbstständige Energiesteuerung des einzelnen Individuums zu schwache Impulse in Richtung Zukunft sandte. Ein Nachteil, der sich |38|als Vorteil erweisen konnte, wenn es um die Möglichkeit einer Veränderung zukünftiger Ereignisse ging.

Möglicherweise waren die Strukturen nicht so starr wie befürchtet, und eine Einflussnahme war durchaus möglich, auch wenn es jedweder menschlicher Logik widersprach.

Für diese Hoffnung hatte Lion gelebt, und es war ein Grund, warum er die gefahrvolle Reise nicht selbst angetreten hatte. Ganz gleich was auch geschah, er und seine Vertrauten würden alleine für die Rückkehr der drei verantwortlich sein.

Hastig nahm er den kleinen Titankoffer an sich und öffnete mit einer angedeuteten Beschwörungsformel den Deckel. Die Geräte reagierten allgemein auf akustische Signale, später, wenn der Rechner erst einmal gestartet war und mit seinem User Kontakt aufgenommen hatte, funktionierte es auch über energetisch gesteuerte Telepathie. Kein Hexenwerk, wusste man nun doch schon eine Weile um die exakt berechnete Energieabstrahlung eines Gedankens und wie man ihn rechnerisch so entschlüsselte, dass man mit modernen Computersystemen gedanklich in Verbindung treten konnte und umgekehrt.

Caput 48 würde die drei Probanden direkt ins Jahr 1119 katapultieren. Caput 38, den er ebenfalls mit sich führte, war Lions Versicherung gegen einen Ausfall. Caput 28 und 18 waren in seinem Entwicklungslabor in den Tiefen des amerikanischen Kontinents zurückgeblieben und wurden dort von zwei Vertrauten in einem eigens dafür versiegelten Labor überwacht. Von Beginn an war klar gewesen, dass er die Mission nur mit seinen engsten Weggefährten würde durchführen können. Eine reine Schutzmaßnahme gegen zu viele Mitwisser und die Gefahr, von Agenten der Neuen Welt aufgebracht zu werden. Im Falle einer Entdeckung durch seine Feinde würde er sich und sein Equipment unverzüglich eliminieren müssen. Die wenigen wissenschaftlichen Mitarbeiter seines Teams waren zumindest in die Funktionsweise der Geräte eingeweiht, auch wenn sie selbst nicht in der Lage waren, einen Timeserver zu bauen. Also sollte es möglich sein, Rona, Lyn und Mako zurückzuholen, selbst wenn er nicht mehr existierte.

Ein Zischen klang durch die mondlose Nacht. »Was war das?« Mako sah sich angespannt in der Dunkelheit um. Stück für Stück scannte er mit seiner genetisch manipulierten Nachtsichtfähigkeit den Horizont ab. Doch außer Steinen und Staub war nichts zu sehen. Die anderen |39|hatten das Geräusch auch gehört. Zu viert verharrten sie einen Moment im Schatten des Gleiters, bevor Lion sich aus der Erstarrung löste.

»Keine Ahnung«, bemerkte er mit einem Blick auf die Datenscala im Cockpit des Gleiters, die sich nach wie vor nicht beruhigen wollte.

Mit einem nervösen Zucken um die Mundwinkel verkündete Lion seinen Schützlingen die letzten Anweisungen. »Sobald ihr das Tageslicht seht, marschiert ihr in Richtung Jerusalem.« Entschlossen reckte er seine ausgestreckte Linke in Richtung der östlich liegenden, vollkommen kahlen Hügellandschaft. Die Vorstellung, dass sich hier einst ein blühendes Land mit einer bedeutenden Stadt befunden hatte, wollte sich bei keinem von ihnen einstellen.

»Lasst euch von niemandem aufhalten«, fuhr Lion mit befehlsgewohnter Stimme fort, »und redet nur, wenn euch jemand anspricht. Bei den Stadttoren angekommen, fragt euch nach den Ordensunterkünften von Hugo de Payens und seinen Rittern durch. Ausschließlich überbringt ihr die besprochene Botschaft.«

Rona nickte wie betäubt, während die Kühle der Nacht in ihre schweren Kleider kroch. Mako hatte sich in seiner altertümlichen Kluft zu einer Geste der Entschlossenheit aufgerichtet und starrte suchend ins Nirgendwo, während Lion in aller Eile den flachen Quantenrechner startete, den er vor dem Gleiter auf der Titankiste im Wüstensand wie auf einem Altar aufgebaut hatte. Wenig später erhob sich auf der zunächst dunklen, horizontalen Oberfläche des Servers ein gleißender Lichtbogen aus türkisfarbenen Funken. Mehr und mehr formierte sich daraus eine rotierende Hand, die mit aufleuchtenden Pfeilen bedeutete, was als Nächstes zu tun war.

»Legt eure Hände hier rein!«, befahl Lion mit einer rauen Stimme, die für einen Moment das Aufflackern seiner Emotionen verriet. Die etwa drei Sekunden, die eine DNA-Analyse des Zeitreiseprobanden benötigte, erschienen Lion wie eine halbe Ewigkeit. Mit dieser Prozedur versicherte sich das System der Reisefähigkeit des jeweiligen Kandidaten in die angewählte Zeitperiode. Keine energetisch verschlüsselte Zeiteinheit – und nichts anderes war ein menschlicher Körper – konnte mehrfach in ein und derselben Magnetfelddichte existieren. Die energetischen Muster der Realitätsabbildung eines Menschen bewegten sich in Wellen durch ein Geflecht von elektromagnetischen Netzstrukturen, die sich zum einen an einem universellen Energiefeld orientierten, |40|zum anderen am Kraftfeld des jeweiligen Standortes. Der Prüfmechanismus sorgte dafür, dass ein Aufeinandertreffen zweier gleichgeschalteter Systeme der beteiligten Elementarteilchen und damit eine Kollision des Organismus mit sich selbst ausgeschlossen wurde, da dies eine Vernichtung des Individuums zur Folge gehabt hätte. Sämtliche materiellen Objekte glitten durch Zeit und Raum wie Züge auf Schienen, die jederzeit in der Lage waren, zu kollidieren und zu entgleisen, wenn die erforderlichen Bedingungen zur Stabilisierung der Materie aus dem Gleichgewicht gerieten.

Lion hatte mehr als genug von der Möglichkeit gelesen, dass eine fehlerhafte Programmierung den Zeitreiseprobanden unwiderruflich in seine molekularen Einzelteile zerschießen konnte. Beim Anblick von Lyns gazellenhafter Gestalt, deren Schönheit ihm geradezu vollkommen erschien, überlief ihn ein kalter Schauer, wenn er daran dachte, dass eine falsche Einstellung sie am anderen Ende des Tunnels wohlmöglich zu dampfendem Hackfleisch verarbeiten könnte.

Mako sollte als Erster gehen. Sein schmales Gesicht wirkte im schwachen Schein des aufleuchtenden Hologramms wie versteinert, als er seine Hand in den bläulichen Nebel legte. Ein weiblicher Kopf, der nun über der Oberfläche des Servers schwebte und den drei Zeitreisenden verblüffend ähnlich sah, gab letzte Informationen über Ablauf der Programmierung und die damit verbundene Zieleinwahl.

Jerusalem 1119 a. C. Lion schluckte. Mehr als tausend Jahre, doch was war schon Zeit – angesichts all des Wahnsinns, der seitdem auf der Erde regiert hatte und immer noch regierte.

Wenn seine Berechnungen stimmten, musste sich etwas Gravierendes an den aktuellen Umständen ändern, und zwar schon gleich, nachdem die drei vom niemals versiegenden, universellen Datenstrom verschluckt worden waren. Die Einflussnahme seiner drei Schützlinge in der Vergangenheit musste eine historische und politische Umwälzung hervorrufen, die ihresgleichen suchen würde, andernfalls hätte er ein großes Problem, wie sein allzeit bereites Frühwarnsystem nun erkennen ließ.

Plötzlich war das zischende Geräusch wieder zu hören. Lyn zuckte erschrocken, ließ ihre Hand jedoch lange genug im Nebel, damit alle Daten eingelesen werden konnten.

»Aufklärungsdrohnen.« Mako sprach es als Erster aus. Und dann |41|sah er sie. Wie eine Horde überdimensional großer Heuschrecken erschienen die Flugaufklärer von der Größe eines Adlers am Horizont und verteilten sich über das karge Gelände. Die Formation, die sie dabei einnahmen, ließ vermuten, dass sie den Gleiter und seine Besatzung einzukreisen drohten, um sie danach festsetzen zu können. Ausgerüstet mit komprimierten Fusionskanonen waren sie mühelos in der Lage, Menschen und Maschinen in Staub zu verwandeln.

Der Server hatte Ronas Prüfung abgeschlossen. Die Abstrahlung des Analysetransmitters überzog die drei Zeitreisenden mit einer türkisfarbenen Netzstruktur, die mittlerweile ihre kompletten Gestalten umrahmte.

»Verdammt, geht das nicht schneller!«, fluchte Lion.

Rona verengte ihre Lider. »Sie werden dich töten«, stieß sie aufgeregt hervor. »Du musst mit uns kommen.«

»Ich muss hierbleiben und sicherstellen, dass die Systeme funktionieren«, blaffte Lion. »Oder wollt ihr atomisiert werden?«

Lyn schaltete sich ein. »Rona hat recht, du kommst hier unmöglich lebend raus. Sie werden dich verdampfen, bevor wir verschwunden sind.«

»Dann erledigt gefälligst euren Job«, fluchte Lion. »Es geht hier nicht nur um mich, es geht um den ganzen Planeten. Ich dachte, ihr hättet das begriffen.«

Die Drohnen hatten bereits damit begonnen, in ihre Gedanken einzudringen, und forderten sie zur Aufgabe auf. Als sie nicht reagierten, eröffneten sie das Feuer. Laserblitze zuckten durch die Nacht.

»Deckung!«, schrie Lion und schnappte sich den Server, der den Countdown so quälend langsam herunterbetete, als ob er sich in einem Ruhemodus befände. Im Laufen setzte er zu einem waghalsigen Sprung an, während ein weiterer Blitz zwischen seinen Füßen einschlug. Kurzzeitig fand er Schutz unter dem Gleiter, den Server im Arm wie ein Baby, das von seiner Mutter gestillt werden will. Währenddessen entfernten sich Rona, Lyn und Mako im Zickzackkurs, um hinter dem nächstbesten Felsen Schutz zu finden. Maximal dreißig Yards Feldumgebung durften überschritten werden, damit der Erfassungsradius des Servers noch seine Wirkung entfaltete.

In ihrer Panik hatte Rona zuvor den Fusionslaser aus Lions Oberschenkelholster gezogen. Eine lebensrettende Entscheidung, wie sie |42|befand, weil sich die Drohnen nun ganz auf sie und die beiden anderen hellerleuchteten Gestalten konzentrierten. Mit Lyn im Nacken, die mit ihrem Gepäck hinter ihr Deckung suchte, feuerte Rona unaufhörlich auf die Überzahl ihrer Widersacher. Dass sie erfolgreich war, sah sie an den winzigen Verpuffungsexplosionen. Doch ihre Feinde feuerten erbarmungslos zurück. Plötzlich wurde es taghell, und die Luft roch nach elektrostatischer Aufladung.

Kapitel 2

Assassinen

Juli 1148 – Karawane nach Blanche Garde

 

Auflösung, war Ronas erster Gedanke, doch dann verdichtete sich die Umgebung und schien erneut nur so zu brodeln. Gleißendes Licht schmerzte in ihren Augen, und unerträgliche Hitze verschlug ihr den Atem. Bei näherem Hinschauen schwante ihr, dass der Transfer trotz der widrigen Umstände geglückt sein musste, denn von Lion und den Drohnen war weit und breit keine Spur.

Bevor sie ein paar Sekunden hatte, um sich zu orientieren, wurde sie von einem harten Gegenstand getroffen. Erschrocken zuckte sie zurück, weil sie glaubte, auf der Stelle zu Staub zu verdampfen. Doch ihr klatschte lediglich eine warme, metallisch riechende Flüssigkeit ins Gesicht. Blut. Kein Zweifel. Es lief warm an ihrer Wange hinunter. Hastig wischte sie es mit dem Handrücken ab und erkannte, dass es sich um das Blut eines Menschen handelte. Der halbe Kopf dieses Menschen fehlte und ein Teil der Schulter. Irgendein scharfer Gegenstand musste die Körperteile abgetrennt haben. Der schwere Rumpf war auf Ronas Bein liegen geblieben. Angewidert kroch sie rückwärts über den Boden und schüttelte den Torso ab, dabei wischte sie sich mit dem Ärmel ihres Kleides noch mal über das Gesicht. Eine merkwürdige Mischung aus Schreien, Blöken und dumpfem Getrappel drang an ihr Ohr. Als sie aufblickte, sah sie zu ihrer Überraschung Dutzende einhöckrige |43|Kamele. Geschmückt mit bunten Troddeln und zum Teil mit Lasten bepackt, jagten diese seltsam anmutenden Tiere, die sie bisher nur aus Computersimulationen kannte, mit heftig schaukelnden Bewegungen durch ein steiniges Wüstental.

Zwischen den Tieren hasteten überall Menschen in langen, hellen Gewändern umher, offenbar auf der Flucht vor einer Horde von mindestens dreißig Reitern in schwarzen Hosen und Jacken, die auf sandfarbenen Pferden dahinpreschten. Die Gesichter der Angreifer waren halb mit schwarzen Tüchern verhüllt, und auf dem Kopf trugen sie silberne Helme. Im Vorbeireiten attackierten sie die Flüchtenden mit Pfeil und Bogen. Aus einem Hinterhalt stürmten weitere Pferde in schwarzweißen Schabracken, deren metallisch vermummte Reiter weiße Umhänge mit auffallend roten Kreuzen auf Brust und Schulter trugen. Templer? Rona hatte genug Kenntnisse über diesen Ritterorden gespeichert, um zu wissen, dass dessen Ordensbrüder, wie man sie nannte, solche Gewänder getragen hatten – aber wie war es möglich, dass sie ausgerechnet hier und jetzt erschienen? Rona versuchte ihrer geistigen Verwirrung Herr zu werden. Im Jahr 1119, in das der Timeserver sie hätte führen sollen, existierten bei den Templern noch keine weißen Gewänder mit roten Kreuzen. Diese hatte Papst Eugen III. dem Orden erst im Sommer 1147 erlaubt. Lyn, die in Lions Auftrag sämtliche illegalen Geschichtsdateien durchforstet hatte, wusste zu berichten, dass die rote Farbe an den Opfertod Christi erinnern sollte und die Bereitschaft zum Martyrium für den Glauben symbolisierte. Und obwohl Rona sich nicht im Geringsten für religiöse Regeln und Gebräuche interessierte, hatte sie diese Information zu ihrem historischen Grundlagenwissen über den Orden in ihren Erinnerungsspeicher einprogrammiert. Aber vielleicht waren diese Männer auch gar keine Templer?

Militärisch gesehen war das, was sich vor ihren Augen abspielte, eher ein Desaster und zeugte nicht von strategischer Überlegenheit, wie man es von echten Templern hätte erwarten dürfen. Unbeholfen versuchten die weißen Reiter mit Lanzen und Schwertern den schwarzen Bogenschützen Einhalt zu gebieten. Die Anzahl der vermeintlichen Templer schien zu gering zu sein, und ihre Waffen waren ungeeignet, um etwas gegen die Angreifer ausrichten zu können.

Was wäre, wenn sie in der falschen Zeit und am falschen Ort gelandet waren? Überwältigt von plötzlich aufkommender Panik schnellte |44|Ronas Kopf herum. Wo waren Lyn und Mako? »Hey, wo seid ihr?«, brüllte sie durch einen Schwall von Hitze und Staub.

»Hier«, schien eine Stimme zu rufen. Es war Lyn, doch Rona hörte sie nur schwach. Schon glaubte sie, die Silhouette ihrer Schwester durch den gelblichen Nebel sehen zu können. Lyn kauerte nicht weit von ihr entfernt am Boden. Das lederne Gepäck, das Lion ihr anvertraut hatte, schützte sie mit ihrem Körper. Mako stand aufrecht neben ihr, mit wehenden Haaren, in der Linken sein glänzendes Schwert. Vollkommen paralysiert starrte er auf einen herangaloppierenden, schwarz gewandeten Reiter, dessen Kopf bis auf die Augen mit einem schwarzen Turban verhüllt war. Laut schreiend schwang der Angreifer einen Krummsäbel. Aber ihr Bruder rührte sich immer noch nicht und vermittelte auch nicht den Eindruck, Lyn gegen den Fremden verteidigen zu wollen.

»Beweg dich!«, keuchte Rona atemlos und versuchte hastig auf die Füße zu kommen. Doch sie war nicht schnell genug, und Mako schien sie nicht verstanden zu haben. Der Reiter kam rascher heran, als Rona es vermutet hatte. Und während Mako immer noch verharrte, nicht schlüssig, ob er seine neue Waffe zum Einsatz bringen sollte, traf der Angreifer eine Entscheidung. Lyn stieß einen gellenden Schrei aus, als das Schwert des Reiters erbarmungslos auf ihren Bruder herniedersauste.

Makos Kopf löste sich wie eine reife Frucht von seinen Schultern und fiel mit der eingefrorenen Miene verhaltener Überraschung auf den steinigen Boden. Sein schlanker Körper kippte blutüberströmt hinterher, und beinahe hätte er Lyn unter sich begraben, wenn sie sich nicht blitzschnell zur Seite geduckt hätte. Mit einer kurzen Zeitverzögerung erfasste Rona das ganze Ausmaß der Katastrophe. Der Angreifer wendete in einiger Entfernung sein Pferd, in der unzweifelhaften Absicht, Lyn als Nächste zu töten.

Nun erst wurde Rona bewusst, dass ihre Hand immer noch den Fusionslaser umklammerte, den sie Lion kurz vor dem Transfer vom Gürtel gezogen hatte. Zu spät für Mako, aber um Lyn zu retten, würde es reichen. Ein kurzes Justieren, ein entschlossener Blick und ein leises Zischen verwandelten den schwarzen Turbanträger samt seinem Pferd in einer Pikosekunde in ein Bild tödlicher Erstarrung, das fast zeitgleich im heißen Wind zu silberfarbener Asche zerstob. Ohne lange nachzudenken, zielte Rona in die Umgebung und visierte mit der Präzision |45|eines Kriegsroboters gut ein Dutzend gleich uniformierter Männer an, die alle einen Bogen oder einen Säbel trugen, um sie der Reihe nach samt ihren Pferden mit einer gezielten Laserattacken zu Asche zu verdampfen. Erst als sie registrierte, dass die übrig gebliebenen Widersacher in panischer Aufregung die Flucht ergriffen, ließ sie den Laser sinken und erkannte, dass die noch lebenden Opfer der Flüchtenden aus ihrer Deckung hervorkamen und wie gebannt zu ihr hinstarrten. Wie betäubt rannte Rona zu ihrer Schwester, die immer noch am Boden hockte und Makos linke Hand hielt.

»Er ist tot«, schluchzte Lyn, während ihr panischer Blick sich nicht von dem abgetrennten Kopf des Bruders zu lösen vermochte.

Mit einem raschen Rundumblick vergewisserte sich Rona zunächst, dass die Gefahr gebannt war, und kniete sich dann vor ihrer Schwester in den grobkörnigen Sand. Mit einer Hand umklammerte sie Lyns Schulter und rüttelte sie sanft, in der anderen hielt sie immer noch ihre Waffe.

»Komm zu dir, Lyn! Du kannst da nicht hocken bleiben.« Abrupt stand Rona auf und bedeutete ihrer Schwester mit einem Nicken, dass sie sich von dem Leichnam entfernen sollte. »Lass ihn los!«, krächzte sie. »Ich erledige das.«

Lyn kroch auf allen vieren davon, bis sie glaubte, genug Abstand zwischen sich und Makos Leichnam gebracht zu haben. Per Knopfdruck lud Rona erneut den Laser auf. Mako war nicht mehr zu retten, und von Begräbnisritualen hatte Rona noch nie etwas gehalten. Ein gedrosselter Schuss genügte, um ihren Bruder samt seinem abgetrennten Kopf in Staub zu verwandeln. Danach beugte sie sich zu ihrer Schwester hinab und umarmte sie tröstend.

Lyn versuchte vergeblich, sich zu fassen, und schluchzte erneut. Nicht etwa, weil sie eine labile Persönlichkeit besaß, sondern weil sie es nicht gewohnt war, dass Rona sie tröstete, und ihr dadurch erst das ganze Ausmaß des Horrors bewusst wurde. »Sch…«, sagte Rona und streichelte Lyn über den Rücken. Lyn beruhigte sich zögernd, doch ihr Atem bebte immer noch im Takt ihres zitternden Körpers. Ein Blick auf ihr Handgelenk versicherte Rona, dass Lyn sich trotz des Schocks bei bester Gesundheit befand. Das kleine silberfarbene Armband, das alle Rebellen trugen, um jederzeit den eigenen, gesundheitlichen Zustand oder den anderer kontrollieren zu können, hatte Lion ihnen nicht |46|verboten. Ebenso wenig wie einen stattlichen Vorrat an Nanokapseln, die Verletzungen in Sekunden heilten und ihnen Seuchen vom Leibe hielten, gegen die sich nicht hatten immunisieren können. Ansonsten hatte er verboten, Ausrüstungsgegenstände aus der Zukunft mitzunehmen, weil er fatale Veränderungen befürchtete, falls sie in die falschen Hände gerieten. Niemals hätte er ihnen erlaubt, einen Fusionslaser mitzunehmen.

Und obwohl auch bei ihr alles in Ordnung zu sein schien, fühlte Rona keine einzige Emotion. Es war beinahe wie vor der Operation, als sie noch den Chip besaß, der jede gefühlsmäßige Regung in ihrem Körper unterdrückt hatte. Keine Trauer, keine Wut und erst recht keine Angst. Manchmal hatte sie sich in diesen Zustand zurückgewünscht, doch nun erschien er ihr unheimlich. Mechanisch glitt ihr Blick über die schroffen, halbhohen Felsen, die vor knallblauem Himmel ein breites, gleißend helles Tal begrenzten, in das der Server sie allem Anschein nach transferiert hatte.

Hier und da lagen blutende, von Pfeilen durchbohrte Körper, aber von den Angreifern war nichts mehr zu sehen. Ein paar unerschrockene Überlebende hatten sich inzwischen erhoben und versuchten, die Tiere einzufangen.

Bereits nach kurzer Zeit kreisten riesige Vögel über der Unglücksstelle. Vermutlich Geier, von deren Existenz Rona zwar wusste, aber noch nie hatte sie einen von ihnen lebendig zu Gesicht bekommen.

Der erneute Hufschlag mehrerer Pferde ließ sie hochfahren. Kehrten die Reiter zurück? Staub wirbelte auf. Rona umklammerte den Laser, versteckt unter ihrem Umhang, den Finger am Auslöser. Wenn nur der leiseste Verdacht aufkeimte, dass die Männer ihnen nicht wohlgesinnt waren, würde sie jeden einzelnen auf der Stelle töten. Aber die beiden halbvermummten Gestalten auf den eleganten, langmähnigen Pferden machten keinerlei Anstalten, sie anzugreifen. Sie waren ganz in weiße Gewänder gehüllt, die auf Höhe der Taille von blutroten Schärpen gehalten wurden. Trotz ihrer ansonsten kriegerischen Aufmachung schienen sie in friedlicher Absicht zu kommen. Jedenfalls schwang der Erste von beiden keinen Säbel, obwohl auch er eine solche Waffe am Gürtel trug. Dazu einen silbern glänzenden Halbschalenhelm über einem weißen Kapuzentuch, das ihm Mund und Nase verhüllte und nur die dunklen, stechenden Augen sichtbar werden ließ. |47|Beim Anblick seines hellgrau gescheckten Pferdes, geschmückt mit einem silberbestickten Überwurf und unzähligen, lilafarbenen Troddeln, vergaß Rona für einen Moment ihren Argwohn. Anmutig schüttelte das Pferd seine lange dunkle Mähne und schnaubte verdrossen, weil die silberne Stange des Zaumzeugs in sein weiches Maul schnitt. Noch nie hatte sie ein so schönes Tier gesehen. Verblüfft kniff sie die Lider zusammen, als sich die hochstehende Sonne im metallisch glänzenden Brustpanzer des Pferdes spiegelte und sie blendete. Sein Reiter, ein schlanker, hochgewachsener Mann, glitt fließend aus dem Sattel. Mit einer rauen, melodisch klingenden Stimme rief er seinem Begleiter ein paar abgehackte Sätze zu, woraufhin dieser in einigem Abstand zum Stehen kam und eine wartende Position einnahm. Er sprach Arabisch. Und obwohl sie akustisch nicht genau verstanden hatte, was er seinem Kameraden zugerufen hatte, war Rona durch Lions Sprachprogrammierung mit dieser Sprache bestens vertraut.

 

Khaled al-Mazdaghani Ibn Mahmud verharrte einen Augenblick, nachdem er von seinem Hengst abgestiegen war und noch einmal zu den beiden vermummten Frauen hinübergeblickt hatte, die gut zwanzig Königsellen entfernt auf dem Handelsweg hockten. Er war nicht sicher, ob es besser gewesen wäre, die Flucht zu ergreifen, anstatt dem tödlichen Geheimnis der beiden auf den Grund gehen zu wollen, aber er war nicht der Mann, der seine Neugierde der Furcht opferte. Wenn er seinen Augen trauen konnte, hatte das ganz in Grün gewandete Mädchen etwas in der Hand gehalten, das sie befähigte, mindestens fünf fatimidische Reiter samt ihren Rössern mit der Schnelligkeit eines herabstoßenden Falken in Staub zu verwandeln. Auch die Leiche des jungen Mannes, der mit abgeschlagenem Kopf neben ihr gelegen hatte, war kurz darauf wie von Zauberhand mit dem Sand der Wüste verschmolzen.

Khaled vermutete, dass die Geschwindigkeit dieser ungeheuerlichen Attacke der Grund war, warum er der Einzige in seiner Truppe zu sein schien, der sie beobachtet hatte. Außerdem waren seine Gefährten erst nach ihm auf der Anhöhe erschienen, und die Templer, die zum Schutz der Karawane abgestellt worden waren, konnten nichts gesehen haben, da sie sofort mit wildem Gejohle die Verfolgung der Flüchtenden übernommen hatten. Seine eigenen Leute hatten zunächst das Umfeld gesichert, |48|und dann hatte Khaled ihnen den Befehl erteilt, den Templern zu folgen, weil er zur Sicherheit aller zunächst alleine herausfinden wollte, was das für eine seltsame Waffe war, die ein Pferd samt Reiter im Handumdrehen verschwinden lassen konnte.

Khaleds weißer Umhang, ein Symbol seiner religiösen Zugehörigkeit zur Sekte des einzig wahren Glaubens, flatterte im heißen Wüstenwind. Wenn er herausfinden wollte, was hinter all dem steckte, musste er handeln. Bedacht darauf, weder ängstlich noch zögernd zu wirken, nahm Khaled eine aufrechte Haltung ein, als er auf die beiden am Boden hockenden Gestalten zuging. Azim, seinem Adjutanten, der ebenfalls später hinzugekommen war und nicht ahnte, was hier vor sich ging, hatte er befohlen, in sicherem Abstand bei den Pferden zu bleiben und seine Befehle abzuwarten.

Das Wort Angst gehörte eigentlich nicht zu Khaleds Vokabular. Als Anhänger Nizâris und eingeweihter Fida’i der muslimisch geprägten Bruderschaft verfügte er als sogenannter Streiter Allahs über den zweiten Grad der Einweihung in die Geheimlehren der Ismailiten und war darauf gedrillt, Tod und Verdammnis zu trotzen. Ein gut gehütetes Wissen, das die Bruderschaft selbstverständlich niemandem zugänglich machte, der sich außerhalb des eingeweihten Kreises befand. Was gelegentlich bei ungläubigen Christen und missgünstigen Glaubensbrüdern zu abenteuerlichen Spekulationen führte. Nicht umsonst bezeichneten Sunniten, Schiiten und auch die Christen seinesgleichen als Assassinen, meuchelmordende Haschischfresser, die weder Herz noch Verstand besaßen und jeden töteten, der den Idealen ihres Ordens in die Quere kam. Khaled wehrte sich stets gegen diese Verallgemeinerungen, aber an manchen Tagen, wenn seine Widersacher ihm wegen seines grausamen Rufs furchtsamen Respekt entgegenbrachten, hatte er nichts dagegen einzuwenden.

Im Moment jedoch fühlte er sich nicht wie ein unbesiegbarer Krieger. Khaleds weißes Hemd, das er unter dem engmaschigen, metallischen Kettenüberwurf trug, klebte ihm schweißnass am Körper, ebenso seine Hose, die mit Feuchtigkeit durchzogen in den kniehohen Lederstiefeln steckte. Zusammen mit seinen Nizâri-Brüdern hatte er mit letzter Kraft versucht, die Meute der blutrünstigen fatimidischen Wölfe mit Schwertern und Lanzen in die Flucht zu schlagen. Seine eigenen Leute hatten ihre Pfeile zu Beginn des Angriffs viel zu schnell |49|verschossen. Und den Templern, die vorübergehend unter Khaleds Kommando standen, hatte es bei dieser Mission an Turkopolen gefehlt, ordenseigenen Syrern, die mit Pfeil und Bogen in der Lage gewesen wären, sie zu unterstützen.

Falls er sich das Gesehene nicht eingebildet hatte, verdankten er und seine Leute es dieser Frau, dass sie einer schmachvollen Niederlage entgangen waren. Mit ihrer seltsamen Waffe hatte sie etliche Fatimiden vernichtet und die Übrigen in die Flucht geschlagen. Und obwohl es Tote unter den Mitreisenden gegeben hatte, war über die Hälfte noch am Leben. Lediglich ein Templer war durch einen Pfeil, der ihn ins linke Auge getroffen hatte, so schwer verwundet worden, dass er kurz darauf starb.

Die Überlebenden der Karawane zum unerwarteten Ausgang des Kampfes zu befragen, kam Khaled nicht in den Sinn. Ihnen stand immer noch der Schreck ins Gesicht geschrieben, und außerdem waren sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um eine vernünftige Aussage treffen zu können. Und selbst wenn sie etwas gesehen hatten, das Khaleds Beobachtung bestätigte – wie hätten sie sich dazu äußern sollen? Sofern es sich um etwas Unerklärliches handelte, würde es die Menschen noch mehr ängstigen und nur seine Autorität als Führer untergraben. Einzig Allah stand als Urheber dieses Wunders bereit, aber um ehrlich zu sein, befriedigte Khaled diese Lösung nicht. Im Laufe seiner ismailitischen Unterweisung hatte er weit mehr von den kosmischen Zusammenhängen erfahren als viele andere Menschen, und schon allein deshalb war seine Neugier geweckt.

Während er sich den Frauen näherte, fielen ihm zunächst die makellosen Konturen ihrer Gesichter auf. Dem Aussehen nach waren sie auf den ersten Blick kaum voneinander zu unterscheiden. Ihre mandelförmigen Augen und die elfenbeinfarbene Haut fesselten unverzüglich Khaleds Interesse. Augenscheinlich handelte es sich um wahre Schönheiten, und nichts an ihnen erschien ihm furchteinflößend.

Khaled überlegte einen Moment lang, ob es nicht doch an der Sonne lag, die ihm einen bitteren Streich gespielt hatte und ihm hier in Wahrheit nichts als reine Unschuld entgegenschlug, die in fließende Gewänder aus feinstem Brokat und Seide gehüllt war. Die beiden Frauen konnten kaum älter als siebzehn oder achtzehn sein. Ihre Gestalt wirkte auf den ersten Blick schlank, ja beinahe knabenhaft. Unter dem |50|schweren Stoff waren ihre Brüste nicht einmal zu erahnen. Unter den Kapuzen blitzte pechschwarzes Haar hervor, das den Mädchen bis über die Schultern reichte.

Auf den ersten Blick sahen sie aus wie anmutige Sklavinnen, die dem Harem eines Emirs entkommen waren. Dafür sprach auch, dass weit und breit niemand zu sehen war, der sie bewachte. Andererseits konnte es sich ihrem Aussehen nach ebenso gut um mongolische Prinzessinnen handeln, die sich mit einer Karawane in einer diplomatischen Mission auf dem Weg nach Ägypten befunden hatten und versehentlich von Fatimiden überfallen worden waren. Dagegen sprach, dass weder Reste von Ausrüstungsgegenständen noch die Leichen diverser Beschützer zu sehen waren.

Vielleicht steckte ja auch etwas ganz anderes dahinter. In der Einsamkeit der Wüste existierte weit mehr Übersinnliches, als sich der gemeine Mensch vorzustellen vermochte. Auch wenn Khaled kein Freund von Aberglauben war, wollte er nicht ausschließen, dass es sich bei den beiden Frauen womöglich um mächtige Zauberinnen handelte, deren wandelbare Gestalten einem zuvor verschlossenen Gefäß entschlüpft waren. In den Geschichten der Alten war es immer so, dass irgendein Tollpatsch mitten im Nirgendwo ein kostbares Gefäß fand, es öffnete und damit die uneingeschränkte Macht eines darin wohnenden Dschinns entfesselte. Manchmal erzählten seine Brüder hinter vorgehaltener Hand, dass ihnen diese Sorte mächtiger Dämonen des Nachts in der Wüste erschienen waren und ihnen wollüstige Träume erfüllt hatten, aber nie war jemand zu Schaden gekommen. Gewöhnlich widerfuhr den Männern ein solches Erlebnis nach dem Genuss von indischem Hanf, den sie mithilfe einer Schilfrohrpfeife oder eines kupfernen Räucherkessels inhalierten. Aber Khaled hatte nichts geraucht und auch nicht getrunken, obwohl auch er an manchen Tagen diese Hilfsmittel benutzte, um in den Zustand göttlicher Erkenntnis zu gelangen.

Mit gefurchter Stirn ging er neben dem grün gewandeten Mädchen in die Hocke, um sie näher in Augenschein zu nehmen.

Ihre Haltung war ein wenig aufrechter als die ihrer Gefährtin, die zusammengekauert neben ihr saß und ihn ignorierte.

Ihre Regungslosigkeit verursachte Khaled ein flaues Gefühl im Magen – was wäre, wenn sie ihn mit einer einzigen unbedachten Bewegung zur Hölle schickte?

|51|Zu seiner eigenen Sicherheit legte er seine Linke locker auf seinen Dolch, während seine Rechte mit einer beiläufigen Bewegung den Mundschutz entfernte, der nicht nur sein Äußeres verbarg, sondern ihn darüber hinaus vor Sand und Hitze bewahrte. Er wollte Vertrauen schaffen, indem er sein kantiges Gesicht mit dem kurzgeschorenen, schwarzen Kinnbart entblößte. Melisende behauptete des Öfteren, er sei der schönste Mann des Orients, was er für ziemlich übertrieben hielt. Aber möglicherweise kam ihm sein Äußeres nun zugute. Seiner Erfahrung nach gab es kein einziges Weib, das auf Dauer ein Geheimnis für sich behalten konnte, erst recht, wenn man es mit Charme und gutem Aussehen betörte.

»Mein Name ist Khaled«, begann er mit fester Stimme und setzte eine betont freundliche Miene auf. »Ich bin Anführer dieser Karawane und befugt, im Auftrag der Königin von Jerusalem zu verhandeln.«

Die beiden jungen Frauen schien seine Vorstellung nicht zu beeindrucken. Der prüfende Blick des älter erscheinenden Mädchens bestätigte ihm, dass ihre Iris tatsächlich so grün war wie das Gewand, das sie trug. Ihre schräg stehenden Lider erinnerten ihn an Morgiane, die weiße, persische Katze, die ihm in seinen privaten Gemächern des Nachts die Füße wärmte. Nie zuvor hatte er eine Mongolin mit dunkelgrünen Augen gesehen. Ihre Schwester war nicht weniger aufregend, wie er bemerkte, als sich zum ersten Mal ihre Blicke trafen. Augenblicklich versank er in ihren violettblauen Augen, was ihm ein irritiertes Lächeln entlockte. Doch sie erwiderte es nicht.

Bemüht, möglichst unaufgeregt und zuversichtlich zu klingen, hob er von neuem an: »Bei mir und meinen Leuten dürft Ihr Euch in Sicherheit wähnen. Gesetzt den Fall, dass Ihr Euch unter unseren Schutz stellen wollt.«

Khaled ließ sich nicht anmerken, dass ihm die eigenen Fähigkeiten in Sachen Verteidigung im Verhältnis zu den Möglichkeiten dieser Frauen als eher dürftig erschienen. Aber darüber würde er nicht sprechen. Sollten sie zunächst ruhig glauben, er sei ahnungslos und ausschließlich um ihr Wohlergehen bemüht. Auf diese Weise würde er die Wahrheit über die beiden schon ans Licht bringen.

 

Die Stimme des Fremden erschien Rona angenehm weich und freundlich. Die feine, zurückhaltende Art, mit der er auf sie einging, erinnerte |52|sie an Lion. Dabei hatte gerade er sie gewarnt, dass die Menschen in dieser Zeit mitunter recht grob und blutrünstig sein konnten.

Khaleds lebhafte Augen ließen keinerlei Blutdurst erkennen, sie waren hellbraun und von langen schwarzen Wimpern gesäumt, was seinem Blick trotz der Neugier, die darin funkelte, etwas Tiefgründiges verlieh. Seine leuchtend weißen Zähne standen in einem deutlichen Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Obwohl der Mann unmöglich genetisch manipuliert sein konnte, erschien er Rona äußerlich perfekt. Lyn war offenbar der gleichen Meinung, sie starrte ihn wie eine Erscheinung an.

Es dauerte einen Moment, bis Ronas einprogrammiertes Wissen griff und sie sich auf die Sprache des Fremden einstellte. Ein harter, arabischer Singsang, der seine smarte Männlichkeit hinreichend betonte. Vermutlich war er tatsächlich das, was Lion als einen muslimischen Krieger und Macho bezeichnet hatte. Also ein Kerl, der sich aus kultureller Selbstverständlichkeit über das weibliche Geschlecht erhob.

»Keine Sorge, uns geht es gut.« Ihre Antwort kam beinah mechanisch, und sie hätte hinzufügen können: »Andernfalls wärst du längst tot«, was sie sich jedoch angesichts der angespannten Lage verkniff. Dabei wunderte sie sich über sich selbst, wie flüssig ihr diese noch vor kurzem völlig fremde Sprache über die Lippen ging. Lion hatte ganze Arbeit geleistet, indem er sichergestellt hatte, dass sie sich mit jedem verdammten Kreuzritter dieser Zeit unterhalten konnten.

In den Wochen zuvor hatte er ihnen Speicherbeschleuniger verabreicht, nach deren oraler Einnahme man innerhalb einer Stunde eine neue Sprache erlernte. Das Wissen wurde per Gedankentransfer zu den entsprechenden Synapsen transportiert, wo es aufgrund der zuvor erfolgten biochemischen Reaktion weitaus schneller und umfassender in den betreffenden Hirnregionen gesichert werden konnte, als es mit der alten, audiovisuellen Methode möglich gewesen war. Auf diese Weise hatten Rona und ihre Geschwister Arabisch, Latein, Seldschukisch, Altfranzösisch und Hebräisch gelernt sowie Mittelhochdeutsch und Altenglisch.

»Und was ist mit ihr?« Mit einem kurzen Nicken deutete Khaled auf Lyn, die ihre Aufmerksamkeit noch immer an ihn geheftet hatte, als ob sie noch nie einen Mann gesehen hätte.

»Ihr fehlt nichts«, antwortete Rona und versetzte Lyn einen leichten Stoß, damit sie wieder zu sich kam und nicht weiter den Eindruck erweckte, |53|sie sei ein Fisch, der auf dem Trockenen schwimmt. Ohne weiter auf sein Interesse an Lyn einzugehen, stellte sie eine Gegenfrage. »Kannst du mir verraten, wo wir uns befinden?« Nun würde sich zeigen, was Lions Vorbereitungen wert gewesen waren.

Khaled erhob sich zu seiner vollen Größe, was ihn recht beeindruckend erscheinen ließ, und schaute mit einer leichten Verwirrung im Blick auf sie herab. »Wir stehen drei Meilen vor Jerusalem – immer noch.«

Drei Meilen … Rona wusste, dass die mittelalterliche Meile ungefähr zwölf Kilometer und knapp sechs amerikanische Meilen betrug.

»Und welches Jahr schreiben wir?«

»Was meint Ihr damit?« Khaleds Miene spiegelte eine Mischung aus Überraschung und Begriffsstutzigkeit wider.

Rona wiederholte ihre Frage. Doch anstatt zu antworten, rief der Araber seinen Gefolgsmann herbei, der auf seine Anweisungen zu warten schien.

»Azim«, befahl er knapp, »gib den beiden reichlich von unserem Wasser, sie haben es dringend nötig!«

Azim war offenbar ein Krieger wie Khaled, weil er wie sein Befehlshaber ein Krummschwert und ein Messer an einem breiten Ledergürtel trug. Seine Gestalt war etwas kleiner und sein Körperbau schlank und sehnig. Die eng zusammenstehenden Augen des Mannes drückten Misstrauen aus, als er sich mit Neugier und in geduckter Haltung näherte. Rona gewann den Eindruck, als ob er sie zunächst für würdig befinden musste, weil er einen Moment zögerte und sie einer ungenierten Betrachtung unterzog, bevor er ihr den Wasserschlauch aus stinkendem Leder an die Lippen setzte. Sie fühlte sich kein bisschen durstig, wollte aber nicht unhöflich erscheinen. Der strenge Geruch der gegerbten Tierhaut stach ihr unvermittelt in die Nase, und sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu würgen. Widerstandslos schluckte sie, obwohl das Wasser leicht bitter schmeckte.

Khaled hatte inzwischen Makos Schwert aufgehoben und betrachtete es eingehend. Die Klinge blitzte in der Sonne, als er es hin und her wendete und dann nachdenklich den reich verzierten Griff bewunderte.

Rona ließ ihn gewähren. Sollte er auf die Idee kommen, es ihr nicht zurückzugeben, wäre es ein Grund, ihn zu töten, dachte sie düster.

|54|»Warum wollen die beiden wissen, welches Jahr wir haben, Khal?« Azim warf Khaled einen lauernden Blick zu, der nicht von Freundlichkeit zeugte. »Glaubst du, sie sitzen schon länger hier, und die Sonne hat ihren Geist verdorren lassen?«

»Verdorren wäre wohl zu viel gesagt«, murmelte Khaled. »Ich denke eher, der Angriff ist schuld. Das hat sie verwirrt, und sie haben zu wenig getrunken.« In seiner Stimme schwang aufrichtiges Bedauern mit. »Kein Wunder nach allem, was die beiden mit ansehen mussten.« Immer noch begutachtete er das Schwert, indem er die Klinge vorsichtig durch seine schwielige Handfläche gleiten ließ.

Rona registrierte interessiert das Spiel seiner sehnigen Unterarme, die von der Sonne tief gebräunt aus dem aufgekrempelten Hemd hervorschauten, und den goldenen Siegelring, den er am rechten Mittelfinger trug. Seine gepflegten, gebräunten Hände waren von kleineren, hellen Narben gezeichnet.

»Eine kostbare Waffe«, stellte Khaled fest und lenkte seinen Blick erneut auf Rona. »Gehört sie Euch?«

»Sie gehörte unserem Bruder«, antwortete sie ehrlich. »Er ist tot. Es ist das Einzige, was uns von ihm geblieben ist.«

»Kann man das glauben, Khal?«, bemerkte Azim, der nun dazu überging, ohne Nachfrage Lyn von dem Wasser einzuflößen. »Zwei Frauen, die ohne einen Beschützer mitten in der Wüste sitzen und das reich verzierte Schwert eines Emirs mit sich führen?«

Khaled strafte seinen Gefolgsmann mit einem finsteren Seitenblick. »Schweig, Azim«, sagte er leise. »Die beiden beherrschen unsere Sprache und können dich verstehen.«

Während Lyn brav aus dem Lederschlauch trank, beobachtete Rona aus dem Augenwinkel, wie der Wind den letzten Rest silbrige Asche von Mako zerstob. Inbrünstig hoffte sie, dass ihr Gegenüber nichts von ihrer Laserattacke mitbekommen und auch die seltsame Farbe der Asche nicht bemerkt hatte.

»Allah sei unseren sündigen Seelen gnädig!« Azims Kopf ruckte hoch, nachdem Lyn seiner Meinung nach genug getrunken hatte. »Was ist, wenn sie zu den Fatimiden gehören?«

Khaled schüttelte bedächtig den Kopf, wobei er Rona und Lyn betrachtete, als ob er allein kraft seiner Gedanken ihr Geheimnis ergründen wollte. »Nein, Azim, das halte ich für ausgeschlossen. Sie sehen |55|nicht aus wie Ägypterinnen, und unsere Feinde hätten sie wohl kaum hier in der Einöde zurückgelassen, wenn sie zu ihnen gehört hätten.«

»Sie sehen mongolisch aus«, gab Azim mit einem abschätzigen Blick zu bedenken. Dann senkte er seine Stimme und grinste, wobei seine ebenmäßigen Zähne zum Vorschein kamen. »Vielleicht sind sie entflohene Konkubinen?«

Khaled hob eine Braue und schmunzelte verhalten. »Dafür erscheinen sie mir nicht verrucht genug.« Mit einem abschließenden Lächeln reichte er das Schwert an Rona zurück. Sie nahm es ohne einen Kommentar entgegen und legte es neben Lyn auf den Boden. Gleichzeitig spürte sie Khaleds wachsamen Blick, mit dem er nicht nur ihr Äußeres, sondern auch ihr Gepäck taxierte.

»Was hältst du von ihm?«, murmelte Rona in Babylon, einer Sprache, die sich aus sämtlichen Weltsprachen zusammensetzte und für die beiden Männer gewiss nicht verständlich war.

»Im Gegensatz zu seinem Kameraden bemüht er sich wenigstens, sein Misstrauen zu verbergen«, erwiderte Lyn leise. »Trotzdem fühle ich mich von seinen dunklen Augen regelrecht durchbohrt. Wobei ich mir sicher bin, dass er keine schlechten Absichten hegt. Aber es wäre wohl falsch, ihm vorbehaltlos zu vertrauen.« Instinktiv hielt sie die ledernen Taschen so fest, als ob ihr Leben davon abhinge.

Khaled schien ihre Unsicherheit zu spüren. »Sagt, was hat Euch ganz allein in diese Einöde verschlagen?« Seine Stimme hatte einen fordernden Unterton angenommen, der keinen Zweifel darüber ließ, dass er eine rasche und aufrichtige Antwort erwartete.

Lyn wusste nicht, was sie ihm antworten sollte. Rona fiel ihr rettend ins Wort. »Bevor wir ins Detail gehen …«, entgegnete sie ihm provokativ. »Zunächst schuldest du uns noch eine Antwort. Welches Jahr schreiben wir?«

Anstatt auf ihre Frage einzugehen, bedachte Khaled sie lediglich mit einem ungläubigen Blick.

»Hast du mich nicht verstanden?« Sie legte den Kopf schief und sah ihn an, als ob sie ein unverständiges Kind vor sich hätte.

Er grinste unsicher, offenbar amüsiert über ihre Frage. »Seid Ihr christlich oder muslimisch?« Bevor Rona antworten konnte, fuhr er fort. »Wenn Ihr muslimisch seid, so schreiben wir den 15. Safar im fünfhundertdreiundvierzigsten Jahr nach der Hidschra.«

|56|Rona dachte an Lion, der zwar die Meinung vertrat, die herrschenden monotheistischen Religionen könnten nur überleben, wenn sie sich zusammenschlössen – aber seine Favoriten waren, warum auch immer, die Christen gewesen. Dabei hatte er selbst keiner Religion angehört, denn nach dem großen Krieg waren sämtliche spirituellen Betätigungen und die damit verbundenen Rituale bei Todesstrafe verboten gewesen.

»Christlich«, erwiderte sie mit Nachdruck in der Stimme, obwohl es nicht zutraf. Auch sie fühlte sich zu keiner bekannten Religion hingezogen, und für das, was ihr anbetungswürdig erschien, gab es ohnehin keinen Namen.

Khaled schenkte ihr einen zweifelnden Blick, bevor er zu einer Antwort anhob. »Wenn es nach den Christen geht, befinden wir uns immer noch im Jahre des Herrn elfhundertachtundvierzig, und heute ist der erste Sonntag im Juli.«

Rona stieß einen verzweifelten Seufzer aus, der von Lyns panischem Blick begleitet wurde. »Bist du sicher?«

»So sicher wie ein Mann sein kann, der zweifelsfrei über all seine Sinne verfügt.« Khaled beäugte sie skeptisch von der Seite, als ob er ihre Zurechnungsfähigkeit ernsthaft in Frage stellte.

»Dreißig Jahre zu spät«, entfuhr es Lyn. »Das kann unmöglich sein. Lions Vorbereitungen waren bis in Detail geplant.«

»Verflucht!«, stieß Rona mit zusammengebissenen Zähnen hervor. »Weder der Angriff der Drohnen noch Makos Tod waren geplant. Vielleicht haben die Drohnen den Server getroffen und dadurch die Programmierung verändert.«

Lyn sah sie an. »Du meinst, der Transfer hat funktioniert, aber das Ziel um dreißig Jahre verfehlt?«

In Anbetracht ihrer Begleiter, die ihren Wortwechsel, ohne ihn zu verstehen, fasziniert verfolgten, ersparte sich Rona eine Antwort. Sie konnte ohnehin Lyns Gedanken lesen. Die ungeplante Zeitverschiebung hatte Mako das Leben gekostet, und auch dieser Hugo de Payens war bereits seit mindestens zehn Jahren tot. Kein Timeserver der Welt würde die beiden im Hier und Jetzt ersetzen können.

Ihre Mission schien gefährdet, obwohl es auch in dieser Zeitebene Templer geben musste.

Noch einmal betrachtete Rona die Aufmachung ihres Gegenübers, |57|dessen Gefolgsmann nun dazu übergegangen war, ihm etwas ins Ohr zu flüstern.

Khaled besaß einen weißen Kapuzenumhang, der dem der Templer durchaus ähnlich sah. Hoffnung keimte in ihr auf, dass ihr Ziel vielleicht näher lag als gedacht.

»Bist du ein Templer?«, fragte sie Khaled, ungeachtet der Tatsache, dass er Azim eine leise Anweisung erteilte.

Khaled ignorierte Azims missmutige Miene und bedeutete ihm, dass er gehen solle, um nach den noch fehlenden Kameraden Ausschau zu halten.

»Ich lasse dich ungern mit diesen Hexen alleine«, zischte Azim, »sie sind mir irgendwie unheimlich.« Als er bemerkte, dass Khaled sich nicht für seine Warnung interessierte, marschierte er kopfschüttelnd davon.

Khaled schenkte Rona erneut seine Aufmerksamkeit. »Beim Barte des Propheten, nein«, erwiderte er spöttisch. »Ich gehöre zum Orden der Nizâri. Sieht man mir das nicht an?«

Nizâri? Rona kramte in den hintersten Windungen ihres Hirns, konnte jedoch nichts mit diesem Begriff anfangen.

»Muss ich doch glatt übersehen haben«, antwortete sie zögernd und warf Lyn, die das Gespräch aufmerksam verfolgte, einen fragenden Blick zu, doch ihre Schwester schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie kannte diesen Begriff also auch nicht.

Khaled hob eine Braue. »Wie kommst du darauf, dass ich ein Templer sein soll?«

Er hatte es aufgegeben, sie mit dem notwendigen Respekt anzusprechen, da sie ihn ihrerseits wie einen Diener behandelte.

Rona räusperte sich. »Weil ich dachte, dass die Reiter, die eure Karawane begleitet haben, die Kleidung der Templer trugen.«

»Gut beobachtet.« Sein Blick erschien ihr ein wenig überheblich. »Ich kann dir unsere heldenhaften Begleiter gerne vorstellen, sobald sie von ihrem kleinen Jagdausflug zurückkehren.«

»Ich muss ihren Anführer sprechen«, erwiderte Rona.

Khaled straffte die Schultern und nahm Haltung an. »Der Anführer steht vor dir«, entgegnete er mit erhabener Miene »Jedenfalls solange ich das Kommando über diesen Trupp habe.«

Rona ließ nicht locker. »Wenn ich es richtig verstanden habe, |58|gehörst du aber nicht zu ihnen. Also warten wir, bis die echten Templer hierher zurückkehren.«

»Ich glaube nicht, dass sie etwas für dich tun können, was ich nicht auch könnte«, erwiderte Khaled mit einem ironischen Lächeln. »Die Ritterbrüder, die uns begleiten, besitzen bloß Unteroffiziersränge, niemand von ihnen ist befugt, im Namen des Marschalls, Seneschalls oder gar des Großmeisters zu sprechen!«

»Dann bring uns zu deren Oberhaupt!«

Khaleds Lider verengten sich. »Könnte ich mit Leichtigkeit, aber was macht dich so sicher, dass Everhard de Barres euch empfängt?«

»Es wäre sein eigener Schaden und erst recht der seines Ordens, wenn er es nicht täte«, versicherte ihm Rona mit einem rebellischen Zug um den Mund.

Khaled wandte sich um, weil er anscheinend sichergehen wollte, dass sie niemand belauschte, dann grinste er. »Und du willst mir nicht verraten, in welcher Angelegenheit du Meister Everhardus sprechen willst?«

Rona hielt seinem fragenden Blick stand. »Tut mir leid. Für das, was ich zu offenbaren habe, kommt nur ein echter Templer in Frage, der zudem eine höhere Position bekleidet.«

»Meine Schöne!« Khaled verbeugte sich mit einem honigsüßen Lächeln.

»Zufällig besitze ich das Vertrauen der Königin von Jerusalem«, verkündete er selbstbewusst. »Darüber hinaus auch das des Seneschalls der Templer, Bruder André de Montbard. Mit seiner Zustimmung werdet ihr mühelos den gewünschten Zutritt zum Hauptquartier der Templer erhalten. Dort wird längst nicht jedem Einlass gewährt, schon gar nicht mongolisch aussehenden Frauen, die keinerlei Leumund besitzen.« Seine Augen funkelten listig. »Allein aus diesem Grund solltest du mir zumindest eure Namen und eure Herkunft benennen.«

Rona überging seinen Versuch, mehr über sie zu erfahren. »Wann wäre ein Treffen möglich?«

»Ich sagte doch, zunächst muss ich wissen, wen ich zu einer Audienz anmelden soll. Aber selbst wenn du mir das Geheimnis eurer Herkunft verrätst, werdet ihr euch noch eine Weile gedulden müssen«, erwiderte Khaled. »Großmeister Everhardus weilt zurzeit mit meiner Königin, deren Sohn Balduin III. und anderen hohen Würdenträgern in der Nähe von Akko. Gemeinsam haben sie ein Konzil einberufen |59|und alles an Würdenträgern geladen, was in der christlichen Welt Rang und Namen hat und sich zurzeit im Heiligen Land aufhält. Kaiser Konrad I. von Deutschland und König Ludwig VII. von Frankreich nebst seiner Gemahlin Eleonore, der Patriarch von Jerusalem, dazu Dutzende Herzöge und Markgrafen. Sie beraten dort über die anstehenden Eroberungen muslimischer Ländereien.«

Khaled verschwieg geflissentlich, dass die Königin ihn nicht in ihre Reisepläne mit einbezogen hatte, weil es um die Eroberung von Damaskus ging – ein Vorhaben ihres Sohnes, dem Khaled regelrecht entgegenfieberte, weil seine Familie auf Veranlassung des derzeitigen Emirs beinahe ausgerottet worden war. Khaled sann seit der Ermordung seiner Eltern jeden verdammten Tag auf Rache. Die bevorstehende Eroberung der muslimisch regierten Stadt durch fränkische Verbündete wäre eine glänzende Gelegenheit, all jene zu meucheln, die seine Familie in den Abgrund gestoßen hatten. Melisende wollte wohl nicht riskieren, dass er sich als einer ihrer engsten Vertrauten und zugleich Anführer der Nizâri öffentlich gegen ihre Interessen stellte. Noch dazu vor ihrem eigenen Sohn, der seit kurzem versuchte, ihr den Thron streitig zu machen. Daher hatte sie Khaled mit der Leitung dieser an sich unbedeutenden Karawane betraut und ihm zu allem Übel einen brisanten Auftrag erteilt, der sich ebenfalls gegen ihren Sohn richtete. Niemand durfte wissen, dass er in Blanche Garde einen geheimen Mittelsmann der Fatimiden treffen sollte, dem er im Auftrag der Königin eine erhebliche Summe überlassen sollte. Dafür sollte er eine unscheinbare Holzkiste erhalten, die er unverzüglich Melisendes Schatzmeister zu übergeben hatte. Die Königin hatte es nicht für nötig gehalten, ihm zu sagen, was sich hinter dieser Mission verbarg. Nur dass sie wichtig war und äußerster Geheimhaltung bedurfte.

Als umso brisanter war der Angriff der Fatimiden auf die Karawane zu bewerten. Wenn jemand auf feindlicher Seite herausgefunden hatte, dass Khaled im Auftrag der Königin Verbindungen zu fatimidischen Spionen pflegte und diese Informationen an Melisendes Widersacher im Palast gelangten, konnte man Khaled ohne Umschweife der Untreue gegenüber dem zukünftigen König überführen, was einem Todesurteil gleichkam.

Schon alleine deshalb musste er wissen, wen er mit diesen beiden Frauen vor sich hatte.

|60|»Mein Name ist Rona«, erwiderte die schöne Fremde auf seine Frage nach ihrer Herkunft. Mit einer sparsamen Geste deutete sie auf die junge Frau, die neben ihr auf dem Boden hockte. »Und das ist meine Schwester Lyn.«

Für einen Moment war Khaled wie erstarrt, als Lyn in einer anmutigen Geste ihr Haupt entblößte, um ihr langes, schwarzes Haar zum Vorschein zu bringen. Ihr unschuldiger Augenaufschlag jagte ihm auf der Stelle den Puls in die Höhe. Bei Allah, sie war noch viel schöner, als er auf den ersten Blick geglaubt hatte, ihre Ausstrahlung war so viel lieblicher als die ihrer spröden Schwester. Dabei erwiderte sie noch nicht einmal sein Lächeln. Beim Anblick ihrer vollen Lippen durchzuckte Khaled ein plötzliches Verlangen, sie zu küssen. Was Frauen betraf, so war er – Allah sei ihm gnädig – kein Kind von Traurigkeit. Er stellte sich vor, wie es wäre, sie mit Leib und Seele zu besitzen, ihren schlanken, weißen Körper zu erkunden und ihn mit sanfter Macht zu entweihen, versteckt an einem geheimen Ort, fernab von jeglicher Gefahr und vor allem von den verzehrenden Blicken anderer Männer.

Lyn wirkte auf ihn so rein wie eine muslimische Rose, vollkommen anders als all die grell geschminkten Weiber im Lager der Christen. Eine makellose Verheißung, die einem lange vor der Vermählung versprochen wurde und es allein aufgrund ihrer Unschuld verdiente, die Mutter seiner Kinder zu sein. Dass ihm diese Vorstellung bei einer Frau, die allem Anschein nach ein gefährliches Geheimnis verbarg, im Grunde genommen absurd erschien, verlieh der Sache einen besonderen Reiz. Plötzlich wurde ihm unangenehm bewusst, dass er sich in seinem fragwürdigen Verlangen nach dieser Frau kaum von Melisende, der unbeugsamen, in die Jahre gekommenen Frankenkönigin, unterschied.

Nachdem er unter ihrem Schutz zum Mann herangereift war, hatte die Königin ihn nach seiner Ausbildung zum Nizâri in ihr Gemach gelockt, weil sie es als reizvoll empfand, einen skrupellosen Assassinen zu ihrem Geliebten zu machen, den bis zu jenem Tag noch keine andere Frau berührt hatte.

Als sie ihm die Beweggründe für ihr Zusammensein nach einiger Zeit gestanden hatte, war es zwischen ihnen zu einem heftigen Streit gekommen.

Ja, es traf zu, dass er seit seinem Schwur, den er auf den Orden der |61|Nizâri geleistet hatte, die Bereitschaft in sich trug, auf heimtückische Weise zu töten, jedoch nur, wenn es das Überleben seiner Gemeinschaft verlangte. Nicht zum Spaß, nicht zum Ruhm und schon gar nicht, um die Geilheit einer in die Jahre gekommenen Königin zu steigern. Später, nachdem Melisende sich bei ihm entschuldigt und ihre Meinung über die Assassinen zumindest ihm gegenüber geändert hatte, war er bereit gewesen, ihrem Verlangen weiterhin nachzugeben, zumal sie trotz ihres Alters eine grazile Schönheit besaß. Wenn er nun dieses Mädchen betrachtete, eine reizvolle Mischung aus körperlicher Anziehungskraft und tödlicher Gefahr, konnte er Melisendes Vorlieben beinahe verstehen.

»Wir wären dir zu großem Dank verpflichtet, wenn du für uns so bald wie möglich einen Kontakt zum Oberhaupt der Templer herstellen könntest.« Lyn holte ihn aus seinen Gedanken zurück. Ihre Stimme war reinstes Kristall und ihr betörender Blick so unglaublich verlockend, dass sein Entschluss, ihr Herz zu erobern, noch drängender wurde.

Auch sie sprach reinstes Arabisch. Bei aller Begeisterung für dieses Juwel mahnte sein Instinkt ihn zur Vorsicht. Mongolinnen, die ein akzentfreies Arabisch sprachen und sich gleichzeitig als Christinnen ausgaben, erschienen ihm äußerst suspekt. Dass hier etwas nicht stimmte, witterte ein Hund auf drei Tagesreisen im Voraus. Khaled musste herausfinden, was es war, wenn er die Königin und seine eigenen Leute vor einem todbringenden Geheimnis schützen wollte. Doch wie sollte er es anstellen, ohne dass die beiden Schönheiten ihm auf die Schliche kamen und im Zweifel ihn und die gesamte Karawane vernichteten? Doch was wäre, wenn er sie dazu brachte, sich ihm anzuvertrauen, und er ihre besondere Kriegskunst einzig für die Interessen der Nizâri gewinnen konnte? Der kurdische Emir Alī bin Wafā al Masyāf, Oberhaupt der syrischen Nizâri und gleichzeitig Verbündeter der fränkischen Könige und Fürsten, würde ihn lobpreisen, wenn er davon erfuhr, und ihn womöglich als Verbindungsoffizier aus Jerusalem abziehen lassen, um ihn als seinen persönlichen Berater einzuberufen. Khaled malte sich bereits aus, wie es sein würde, wenn er die Fähigkeiten der beiden Frauen seinen anderen Brüdern zugänglich machte. Einem Sieg – gegen wen auch immer – würde dann nichts mehr im Wege stehen.

Fieberhaft überlegte er, wie er es beginnen sollte. Als viel geschmähter |62|Assassine war er dazu berufen, seine Feinde zunächst in freundlicher Sicherheit zu wiegen, bevor er zum Angriff überging. Wie eine Schlange, die sich an ihr Opfer heranschlich, bevor sie den tödlichen Biss ausführte. Khaled musste eine möglichst unauffällige List erfinden, um ihre Zungen zu lockern und ihre wahren Absichten zu ergründen.

»Im Übrigen gebührt euch mein Dank«, fügte er höflich hinzu und verbeugte sich leicht, wobei er Lyns Finger ergriff, um einen Kuss auf ihren Handrücken zu hauchen. Er musste in sich hineinlächeln, als er bemerkte, wie sie erschauerte, wie sein Blick sie offensichtlich betörte und sie vor lauter Verwunderung nicht fähig war, etwas zu erwidern.

»Dank?« Rona mischte sich ein. Sie ahnte wohl, worauf er hinauswollte.

»Dafür, dass ihr unsere Karawane vor dem Untergang bewahrt habt.«

»Untergang?« Sie versuchte sich weiter in unschuldiger Ahnungslosigkeit.

Khaled beugte sich zu ihr hinab und grub seine Finger in ihren Oberarm. »Die fatimidischen Reiterhorden hätten uns um Haaresbreite vernichtet«, flüsterte er heiser. »Bei Allah, du und deine Schwester habt uns Glück gebracht, weil sie bei eurem Anblick so plötzlich geflohen sind.« Er ließ von ihr ab, behielt sie jedoch im Auge. »Nur Allah weiß warum …« Sein wissender Blick wechselte zu einem Hügel hin ganz in der Nähe und kehrte dann mit einem Lächeln zu Lyn und Rona zurück.

»Vielleicht hat er euch als Engel zu uns geschickt? Oder habt ihr eine andere Erklärung dafür?«

 

Rona ahnte, dass eine tiefgehende Furcht den selbstbewusst wirkenden Araber davon abhielt, auszusprechen, was er tatsächlich von ihnen hielt, aber sie dachte gar nicht daran, ihm diese Angst zu nehmen oder irgendetwas zu erklären.

Noch einmal ging er hinter ihr in die Hocke. Seine rechte Hand griff spielerisch in den Sand, wo die letzten Überreste des verwehten Häufchens Asche lagen, das von Mako, dessen Mörder und seinem Pferd übrig geblieben war.

Der Sand glitzerte silbrig, und sie beobachtete, wie Khaled die Reste ihres Bruders andächtig zwischen seinen Fingern zerrieb. Spätestens jetzt wurde klar, dass er wusste, was sie mit den Turbanträgern und ihren Pferden angestellt hatte.

|63|»Wir waren auf dem Weg nach Blanche Garde«, fuhr er in gleichgültigem Ton fort, »einer Festung auf dem Tell es-Safi. Schon mal davon gehört?« Abwechselnd blickte er Lyn und Rona an.

Rona, die sein wechselndes Mienenspiel mit interessierten Blicken verfolgt hatte, schüttelte abermals den Kopf. »Was waren das für Kerle, die euch mit Pfeilen beschossen haben?«

Khaled wandte den Kopf und spuckte aus, bevor er ihr eine Antwort gab. Als er wieder aufschaute, loderte eine gehörige Portion Verachtung in seinen schönen Augen. »Das waren Söldner des gefürchteten Kalifen al-Hafiz. Er ist das elfte Oberhaupt der ägyptischen Fatimiden und lebt mit seinen Vertrauten abwechselnd in Kairo und in der Hafenfestung von Askalon. Die Festung ist der letzte Stützpunkt seines Reiches außerhalb Ägyptens.« Khaled bemerkte Lyns interessierten Blick und setzte nach. »Al-Hafiz rechnet jeden Tag mit einem Angriff der Franken auf Askalon. Mit Sicherheit wusste er, dass wir den Truppen auf Tell es-Safi Nachschub liefern, und hat uns deshalb angegriffen. Wahrscheinlich wusste er auch, dass die meisten Kreuzfahrer zurzeit in Akko weilen und uns deshalb lediglich eine Handvoll Templer zum Schutz zur Verfügung stand.« Seine braunen Augen funkelten düster, und Rona war sich nicht sicher, ob es sein Misstrauen ihr gegenüber war, das seinen Atem schneller werden ließ, oder der augenscheinliche Hass, den er seinen Feinden gegenüber empfand. Vielleicht nahm er an, sie und Lyn könnten Spioninnen eines muslimischen Herrschers sein.

Rona seufzte genervt, während sie fieberhaft um eine Erklärung rang.

»Wir haben von deinem al-Hafiz noch nie was gehört, also können wir nichts mit der Sache zu tun haben. Unser Anführer hat uns lediglich hier ausgesetzt, damit wir nach Jerusalem weiterreisen«, erklärte sie und bedachte ihn mit einem unschuldigen Blick. »Dort haben wir einen Auftrag zu erledigen, der mit deinen Problemen nichts zu tun hat.«

Khaled reagierte mit Unverständnis. »Welcher Dämon bringt es fertig, zwei so schöne, hilflose Frauen mitten in der Wildnis auszusetzen? Dazu ohne Pferde? Zu Fuß benötigt man einige Stunden, um in die Heilige Stadt zu gelangen. Ihr hättet euch verlaufen oder verdursten können. Auch gibt es hier Wölfe, Löwen und Schlangen. Von Räubern und Sklavenhändlern, die abseits der bewachten Wege herumstreifen, ganz zu schweigen.«

Als Rona ihm eine Antwort schuldig blieb, schaute er sie prüfend |64|an. »Oder seid ihr eben diesem grausamen Schicksal entflohen und am Ende froh darüber, eurem Herrn entkommen zu sein?«

»Nenn es, wie du willst«, erwiderte Rona tonlos. »Es ist mit Sicherheit nicht das, was du denkst. Aber ich versichere dir, dass wir deine Gegenwart und die deiner Soldaten zu schätzen wissen und gerne auf eure Unterstützung zählen.« Inbrünstig hoffte sie, dass ihr Gegenüber diesen kleinen Exkurs in Sachen mittelalterlicher Diplomatie zu schätzen wusste.

Für einen Moment vermittelte Khaled den Eindruck, als wäre er enttäuscht, weil sie ihm eine weitere Erklärung schuldig blieb. Dann setzte er ein entwaffnendes Grinsen auf. »Nun gut«, murmelte er. »Dann steht ihr eben ab sofort unter unserem Schutz, schließlich wäre es kein Akt der Gnade, euch hier draußen einfach sitzen zu lassen.«

»Das kommt ganz darauf an, wo es hingeht.«

Khaled blieb gefasst, obwohl Rona ihn offenkundig provozieren wollte. »Zurück nach Jerusalem, was sonst?« Sein Blick war fragend und überlegen zugleich. »Und? Wie ist eure Antwort?«

Khaleds Miene wirkte gleichgültig, aber Rona spürte, wie sehr er wollte, dass sie sich ihm anvertrauten. Nicht weil er sie vor den Gefahren der Wildnis retten wollte, nein – er wollte wissen, wie es ihr gelungen war, seine Feinde zu vernichten.

»Lyn?« Rona schaute ihre Schwester fragend an, obwohl sie nicht annahm, dass sie anders entschied.

Lyns und Khaleds Blicke trafen sich. Sekundenlang schauten sie einander an, dann unterdrückten beide ein Lächeln. Rona wusste nicht, was sie davon zu halten hatte. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass Lyn dem unverkennbaren Charme dieses Halbwilden erlag.

Ungewohnt demütig schlug sie die Augen nieder. »Wenn du es sagst, Schwester.« Rona schüttelte ungläubig den Kopf und wandte sich Khaled zu.

»Wir kommen mit euch nach Jerusalem. Schließlich verfolgen wir einen Auftrag, bei dem wir allem Anschein nach deine Unterstützung benötigen.«

Khaled seufzte leise und richtete sich auf. »Sehr vernünftig«, bemerkte er.

Einen Moment später traf eine neue Kavalkade ein. Rona zählte achtzehn Männer in verschiedenartiger Kleidung. In ihren verschwitzten |65|Gesichtern zeichnete sich Erschöpfung ab. Manche sahen aus wie Khaled und sein Diener, die meisten von ihnen hatten jedoch hellere, rötlich verbrannte Haut und trugen eiserne Helme mit einem Nasenschutz, dazu langärmelige Unterkleidung und Kettenhemden, die bis zu den Oberschenkeln reichten. Darüber trugen sie weiße Umhänge mit blutroten, aufgenähten Kreuzen auf Brust und Schulter. Templer, wie Khaled sie angekündigt hatte. Elf an der Zahl. Alle hatten verschlossene, strenge Gesichter und trugen kurzgeschorene, meist rote oder blonde Bärte. Zwei von ihnen waren offensichtlich schwerer verletzt, ihre hellen Unterkleider waren auf Höhe der Brust und an der Hüfte mit Blut durchtränkt.

Khaled ging auf einen der Männer zu, der ihm mit durchgedrücktem Rücken und geradem Blick in einer militärischen Haltung entgegentrat. Der Fremde nahm seinen Helm ab. Dem Aussehen nach zu urteilen, war er ein typischer Nordeuropäer. Er besaß breite Schultern, eine staatliche Größe und kurzgeschorenes, rotblondes Haar. Dabei war er mit seiner breiten, nach unten gebogenen Nase, die sein mit Sommersprossen übersätes Gesicht zierte, längst nicht so gutaussehend wie Khaled. Die Kleidung des Mannes sah arg mitgenommen aus. Der Umhang war seitlich eingerissen, und vor lauter Staub hatte das ehemals helle Kleidungsstück seine weiße Farbe eingebüßt.

Khaled umarmte den Ankömmling und küsste ihn zu Ronas Überraschung flüchtig auf den Mund. »Ich bin froh, mein Bruder, dass du mit deiner Truppe halbwegs heil zurückgekehrt bist.«

»Wir haben Bruder Humbert verloren«, antwortete der Templer scheinbar emotionslos. Doch Rona sah seinen hastigen, von Trauer erfüllten Seitenblick auf einen weiter unten am Hügel liegenden Toten, den man in seinen Templerumhang eingerollt hatte, um ihn vor der Sonne oder den Geiern zu schützen, die immer noch über ihnen kreisten.

»Habt ihr noch ein paar von den fatimidischen Hunden erwischt?«, fragte Khaled mit verächtlicher Stimme.

»Nein«, erwiderte der Templer und brach in einen anhaltenden Husten aus, der sich erst wieder beruhigte, nachdem ihm einer von Khaleds Männern etwas zu trinken gereicht hatte. »Sie sind in Richtung Ramla geflohen, dabei schien es mir, als fühlten sie sich vom Teufel persönlich verfolgt, so sehr haben sie ihre Pferde angetrieben.«

Khaled nickte. »Wer weiß?«, sagte er mit einem lakonischen Lächeln, |66|in das er Rona unbemerkt mit einbezog. »Vielleicht ist er ihm ja wahrhaftig begegnet, und wir haben ihn einfach verpasst.« Mit einem Fingerschnippen rief er Azim herbei, der sich mit zwei anderen Kameraden um die verletzten Ordensritter kümmern sollte. Erst danach wandte er sich zu Lyn und Rona um und machte sie mit dem Templer bekannt. »Das ist Berengar von Beirut, ein Unterleutnant des Ordens und zurzeit meinem Kommando unterstellt.«

Berengars eisblaue Augen zeigten keinerlei Regung. Khaled stellte Rona und Lyn als einzige Überlebende einer kleinen Karawane vor, die wie ihr eigener Geleitzug zuvor von Fatimiden überfallen worden war. Angeblich hatte man ihre Begleiter entführt, und bevor man sich an den Frauen hatte vergreifen können, waren die Angreifer aus Feigheit geflohen. Eine ziemlich dreiste Lüge, wie Rona befand, die Berengar jedoch kommentarlos zur Kenntnis nahm. Was vielleicht daran lag, dass Khaled beiläufig hinzufügte, wie tapfer sich Berengar und seine Männer gegen die Übermacht der Fatimiden geschlagen hätten.

Leider ohne durchgreifenden Erfolg, wie Rona im Stillen befand, was man an etlichen toten Zivilisten festmachen konnte, deren Leichen ebenfalls neben dem toten Templer in der Senke schmorten. Nachdem Khaled einige lautstarke Befehle an die verbliebenen Ritter und Überlebenden der Karawane, darunter auch Frauen und Kinder, erteilt hatte, begann man damit, die Toten einzusammeln und auf die inzwischen eingefangenen Kamele zu legen. Gut ein Drittel der knapp fünfzig Mitreisenden war dem Angriff zum Opfer gefallen. Die Kamele, die deren sterbliche Überreste tragen sollten, schienen den Tod zu wittern und sträubten sich heftig gegen das Beladen mit Leichen. Mitunter bissen sie sogar nach ihren Führern. Einige der Templer schnürten den nervösen Tieren kurzerhand das Maul zusammen und schlugen brutal mit Stöcken auf sie ein, woraufhin tatsächlich Ruhe einkehrte. Dabei wäre es so viel einfacher gewesen, die Toten zu Staub werden zu lassen. Aber die religiösen Bedingungen dieser Zeit sahen ausschließlich eine Bestattung in geweihter Erde vor, wie Rona während ihrer Vorbereitungen staunend gelesen hatte.

Den zwei getöteten Angreifern, die vor Ronas Vergeltungsaktion gestorben waren, wurde eine solche Fürsorge nicht zuteil. Man ließ sie auf dem zerklüfteten Wüstenboden zurück, damit die riesigen Vögel sich an ihrem Fleisch gütlich tun konnten. Als ob er das Ganze als unmissverständliche |67|Einladung verstanden hätte, stürzte sich bereits wenig später ein riesenhafter Geier auf das Gesicht eines Toten und pickte dessen Augen heraus. Beim Anblick des hackenden Schnabels drehte sich Rona der Magen um. Wie gerne hätte sie die Beute des Vogels mit einem einzigen Schuss zu Staub zerblasen, damit dieses Gemetzel aufhörte.

Khaled bat Rona und ihre Schwester, ihm zu folgen. Nur mühsam hielt er sein Erstaunen zurück, als die beiden Frauen sich erhoben. Nicht weil sie widerspruchslos seinen Befehlen gehorchten, sondern wegen ihrer Größe. Obwohl er sich nicht eben als Zwerg bezeichnen konnte, befand er sich mit Rona und Lyn beinahe auf Augenhöhe. Er hatte schon einige fränkische Frauen gesehen, die einen Mann überragten, aber nie eine Mongolin, die ihm so riesig erschien. Um seine Gedanken nicht zu verraten, schaute er an Rona und ihrer Schwester vorbei und nahm deren Gepäck vom Boden auf, ganz so, als ob er den beiden helfen wollte. Nachdem er den Rucksack angehoben hatte, versuchte er ihn mit einer beinahe spielerischen Geste zu öffnen, um wenigstens einen kurzen Blick hineinwerfen zu können. Lyn kam ihm jedoch zuvor und griff nach dem Beutel, um ihn Khaled abzunehmen. Khaled aber verstärkte seinen Griff, nicht bereit, einfach loszulassen. Rona zögerte nicht und zog einen Gegenstand unter ihrem Gewand hervor, den nur Khaled zu sehen bekam und den er sofort erkannte. Es war das Ding, mit dem sie die fatimidischen Reiter hatte verschwinden lassen. Mit einem vernichtenden Blick richtete sie die fremdartige Waffe, die an sich ziemlich harmlos aussah, auf Khaled und zischte etwas, dass nur sie beide verstanden.

»Wenn du dich nicht auf der Stelle in Staub auflösen willst wie deine Gegner, legst du jetzt langsam unsere Sachen auf den Boden.« Ihre Stimme war weich, ihre Miene hingegen blieb hart. »Vorsichtig, hörst du?«

Khaled, der keinen Zweifel hegte, dass sie ihre Drohung wahrmachen würde, nickte mit einer zur Schau gestellten, falschen Überlegenheit und tat, was sie von ihm verlangte. Nachdem Lyn den Rucksack wieder an sich genommen hatte, warf Khaled einen besorgten Blick auf die Mitreisenden und versicherte Rona damit, dass er sich, was ihre Bedrohung betraf, mehr um seine Leute sorgte als um sich selbst.

»Wenn du deine Neugier zügeln kannst und uns heil nach Jerusalem |68|bringst, werde ich dir und den anderen kein Haar krümmen. Ich gebe dir mein Wort«, versicherte ihm Rona.

Khaleds Herz pochte hart, und einen Moment lang überlegte er, seinen Dolch zu zücken und dem Mädchen zuvorzukommen, indem er sie mit einem raschen Wurf tötete. Mit dem Messer war er der schnellste in seiner Truppe, aber Ronas Schnelligkeit war nicht zu unterschätzen. Außerdem hätte er bei Erfolg auch ihre Schwester töten müssen, die ihm zu lieblich erschien, um ihr den Hals aufzuschlitzen.

»Wie du befiehlst«, beschwichtigte er die Frauen leise und hob entwaffnend die Hände, obwohl es ihm unglaublich schwerfiel, sich von einem solch anmutigen Geschöpf etwas befehlen zu lassen, zumal er befürchten musste, von seinen Männern beobachtet zu werden. »Es ist euer Gepäck. Meine Männer und ich werden uns davon fernhalten.«

Er würde es wieder versuchen. Rona konnte es förmlich spüren. Rasch steckte sie die Waffe zurück unter ihren Gürtel und drapierte den Umhang darüber.

Khaled schlenderte unterdessen zu seinem Pferd, als wenn nichts geschehen wäre. Er verzichtete sogar darauf, sich noch einmal umzuschauen, als er aufstieg und seinem Hengst die Sporen gab. Noch während er das Pferd antraben ließ, brüllte er in seiner rau klingenden Sprache den umstehenden Männern einen Schwall von Befehlen entgegen.

»Du hast ihm ganz schön Angst eingejagt«, meinte Lyn, die Khaleds Mienenspiel beobachtet hatte. »Jetzt wird er erst recht neugierig sein, was es mit unserer Waffe auf sich hat.« Sie hatte seine Unruhe gespürt, aber auch seine Entschlossenheit, nachdem er kapitulierend davongestapft war.

»Ich kann es nicht ändern«, erwiderte Rona und presste die Lippen zusammen. »Aber wir können nicht zulassen, dass der Timeserver in die falschen Hände gerät. Lions größte Bedenken bei dieser Mission haben darin bestanden, dass wir mit unserem Equipment den Narren in dieser Zeit verfrüht die Zukunft ins Haus liefern und sie noch mehr Unsinn damit anstellen könnten als ihre Nachfahren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich nicht einmal den Fusionslaser mitnehmen dürfen.«

Lyn sah sie überrascht an. »Glaubst du, die Menschen dieser Zeit wären tatsächlich in der Lage, einen Fusionslaser zu konstruieren?«

»Nein, eher nicht.« Rona wischte sich mit einer ungeduldigen Geste ihr Haar aus dem Gesicht. »Selbst wenn ihnen das Ding in die Hände |69|fallen würde, fehlt ihnen die nötige Infrastruktur, um es nachzubauen. Aber wer weiß, wie schnell sie sich entwickeln, wenn man ihnen die richtigen Impulse liefert?« Ihr Blick fiel erneut auf Khaled, der mit seinem Pferd einen Hang hinunter galoppiert war, um sich um die überlebenden Mitreisenden zu kümmern. »Außerdem halte ich es für wichtig, dass der Kerl Respekt vor uns hat. Er ist der Anführer dieser unberechenbaren Meute, und er wird seine Männer im Zweifel davon abhalten, uns zu nahe zu treten.«

»Glaubst du, sie würden es wagen, uns anzugreifen?« Lyn sah Rona erschrocken an.

»Denkst du ernsthaft, sie sind besser als die Idioten in unserer Zeit?« Ronas Blick fiel auf einen der Templer, der Khaled auf einem rotbraunen Pferd gefolgt war und sich nun daranmachte, mit einer Lanze die Geier zu vertreiben, die sich auf einem der feindlichen Leichname niedergelassen hatten. Allerdings nicht, um die Würde des Toten zu schützen, sondern um ihn seinerseits mit der Lanze in Stücke zu hacken, damit die Vögel leichteres Spiel hatten.

»Nein, wohl eher nicht«, erwiderte Lyn resigniert und schwang ihren Rucksack über die Schulter, um sich Khaled und der restlichen Karawane anzuschließen. Rona, die Makos Schwert in der Hand hielt, betrachtete es kurz, dann steckte sie es in die Schwertscheide, die sie Mako zuvor abgenommen und sich umgegürtet hatte.

»Mach’s gut, kleiner Bruder«, flüsterte sie, bevor sie ihrer Schwester in eine ungewisse Vergangenheit folgte.

Kapitel 3

Khaled

Juli 1148 – Jerusalem / Bayt ul-Maqdis

 

Die Templer auf ihren mit schwarzweißen Schabracken verkleideten Pferden und Khaleds Männer, die über aufwendig geschmückte, langmähnige Araberhengste verfügten, hatten im Galopp die versprengten |70|Kamele und Maultiere zusammengetrieben. Danach hatten einige der Ritter den verletzten Reisenden medizinische Hilfe geleistet und sich darangemacht, die Kamele mit Stricken zusammenzubinden und den Frauen und Kindern auf die Maultiere zu helfen. Rona zählte fünfzehn Kamele, auf die man zum Teil die Leichen festgezurrt hatte. Ein Gefühl der Unwirklichkeit ergriff sie, als sie sich dem Treck näherte und der Geruch von Dung, Blut und Staub in ihre Nase stach. Zu gerne hätte sie Lion kontaktiert, und sei es, um sicherzugehen, dass sie nicht in einem bizarren Traum gefangen war.

»Wir könnten ihnen helfen.« Lyn deutete auf zwei Verletzte, die sich unterhalb der Straße laut stöhnend zu ihren Tieren schleppten. Die weißen Stoffstreifen, mit denen die offenbar medizinkundigen Kreuzritter die Verletzungen verbunden hatten, waren im Nu durchgeblutet und lockten ganze Heerscharen von Fliegen an. Lyn lenkte den Blick demonstrativ auf ihren Rucksack, den sie über ihrer linken Schulter trug. Neben dem Timeserver befand sich darin die Erste-Hilfe-Ausrüstung, auf die Lion bestanden hatte – entgegen seiner sonstigen Anweisung, so wenige Gegenstände wie möglich mit in die Vergangenheit zu nehmen. Das unscheinbare Päckchen enthielt verschiedene psychogene Drogen, die Lernprozesse beschleunigten, Erinnerungen rekonstruieren oder emotionale Reaktionen dämpfen oder aufputschen konnten, sowie eine spezialgesicherte Titanbox voller Nanokapseln, die durch orale Einnahme in Sekunden Gewebeschäden zu regenerieren und große Wunden zu schließen vermochten.

Rona schüttelte den Kopf. »Besser mischst du dich nicht ein«, flüsterte sie. »Es sei denn, du willst noch mehr Verwirrung stiften.« Während sie Lyns Rucksack betrachtete, beschäftigten sie ganz andere Gedanken. Falls es ihnen nicht gelingen sollte, mit Lion in Kontakt zu treten, um weitere Anweisungen entgegenzunehmen, würde sie den Timeserver erneut aktivieren, um noch tiefer in die Vergangenheit einzudringen und wie beabsichtigt ins Jahr 1119 zu gelangen. Dass Lion sie dann vielleicht nicht mehr orten konnte, um sie zurückzuholen, würden sie in einem solchen Fall in Kauf nehmen müssen. Doch zunächst galt es, abzuwarten, welche Möglichkeiten sich ihnen in Jerusalem boten. Und solange sie permanent unter der Bewachung ihres neuen Anführers standen, durften sie einen solchen Versuch ohnehin nicht wagen, weil es zu viele ungebetene Zeugen geben würde, falls die Sache schiefgehen sollte.

|71|Bis auf weiteres mussten sie sich vor Khaled und seinen Leuten in Acht nehmen. Der Respekt, den er ihrem Fusionslaser entgegenbrachte, war ihm zwar immer noch anzumerken, trauen konnte man ihm deshalb noch lange nicht.

»Sammelt euch!«, befahl der Araber seinen fünf weißgewandeten Kameraden, die auf ihren Pferden die Aufräumarbeiten begleitet hatten. Anschließend rief er die verbliebenen, schwer bewaffneten Templer auf ihren Pferden zur Ordnung. »Rechts und links Aufstellung nehmen!« Sein Befehl wurde unverzüglich ausgeführt. »Wir marschieren zurück in die Stadt.«

Lyn beobachtete stumm, dass alle ohne Widerspruch Khaleds Anweisungen folgten. Bis auf eine Frau mittleren Alters, die ganz in ihrer Nähe am Boden saß und sich gegenüber einem der Templer krampfhaft weigerte, den Jungen loszulassen, den sie im Arm hielt, als wäre er eine übergroße Puppe. Er war kein kleines Kind mehr, vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Lyn musste an Mako denken, als sie im Vorbeigehen die bernsteinfarbenen, halb geöffneten Augen und sein lockiges, schwarzes Haar betrachtete, das ihm schweißnass bis auf die mageren Schultern fiel.

Ein Pfeil hatte seine Kehle durchbohrt. Die herzförmig, scharf zulaufende Stahlspitze ragte seitlich aus dem dünnen Hals des Jungen. Anscheinend hatte es niemand gewagt, sie abzubrechen und den hölzernen Schaft herauszuziehen, aus Angst, die drohende Blutung nicht stoppen zu können.

»Er wird sterben, Madame«, sagte der Templer leise. »Ihm ist nicht mehr zu helfen.«

Die Frau schaute hasserfüllt auf. Ihr langes, lockiges Haar flutete wirr über ihre Schultern. Sie hatte ihr Kopftuch benutzt, um die Wunde rund um den Pfeil so gut es ging abzudecken. »Wollt Ihr so grausam sein und ihn einfach sich selbst überlassen?«

Die Frau schaute in wilder Entschlossenheit zu dem Templer auf, bereit, mit ihrem Kind in der Wüste zurückzubleiben, auch wenn es ihren eigenen Tod bedeutete.

Der Junge röchelte schwach. Blutiger, verkrusteter Schaum stand auf seinen Lippen. »Ich kann nicht mit euch gehen«, jammerte die Frau. »Er ist mein einziger Sohn. Wenn er sterben muss, will ich auch nicht mehr sein.«

|72|Beim Anblick des Jungen vergaß Lyn alle Ermahnungen, die Rona ihr zugeflüstert hatte. Mit ein paar gemurmelten, arabischen Worten schob sie den Templer beiseite, der erstaunlicherweise keinerlei Widerstand leistete. Im Gegenteil – ein Hoffnungsschimmer durchfuhr seine zuvor versteinerte Miene, vielleicht dachte er, dass Lyn mit weiblichem Einfühlungsvermögen die Frau davon überzeugen konnte, dem Elend ein Ende zu bereiten.

Lyn kniete nieder und streichelte den Arm der Frau, die in ihrer Panik immer noch stark zitterte. Danach nahm sie den Rucksack von der Schulter, stellte ihn in den Staub und machte sich darin zu schaffen.

»Lyn, was zur Hölle tust du da?« Rona war hinter sie getreten. Mit ihrem Körper schirmte sie ihre Schwester gegen die neugierigen Blicke der übrigen Reisenden und des Templers ab, der ein Stück zurückgetreten war.

»Ich kann ihn nicht sterben lassen«, verteidigte sich Lyn in ihrer eigenen Sprache. »Er erinnert mich an Mako, und schau dir seine Mutter an, wie verzweifelt sie ist! Wenn wir ihm nicht helfen, wird er den Transport in die nächste Stadt nicht überleben.«

»Lyn!« Rona setzte eine beschwörende Miene auf. »Khaled hat bereits Verdacht geschöpft, dass mit uns was nicht stimmt. Auch wenn er tausend Jahre früher geboren wurde als wir, scheint er nicht unbedingt verblödet zu sein. Wie willst du ihm und den anderen die plötzliche Heilung des Jungen erklären?« Mit einem Seitenblick registrierte Rona, dass der Templer hinter ihrem Rücken sich einem Kameraden zugewandt hatte, der ihm etwas zurief. Khaled war damit beschäftigt, hundert Meter entfernt die Reihen abzugehen, wahrscheinlich um den Zustand der ihm anvertrauten Menschen und Tiere ein letztes Mal zu überprüfen, bevor sich der Zug in Bewegung setzte.

Unbeeindruckt von Ronas Einwand beugte Lyn sich vor und wandte sich an den Jungen und dessen Mutter. »Fürchtet euch nicht!«, flüsterte sie in einer archaischen Wortwahl, die den Menschen in dieser Region gewiss vertraut war und diese Frau auf ein Wunder vorbereiten sollte. »Ich helfe deinem Sohn, wieder ganz gesund zu werden.«

Beinahe abwesend beobachtete die Mutter des Jungen, wie Lyn die Verbindung zwischen der am Hals herausragende Pfeilspitze und dem hölzernen Zain, an dem sie befestigt war, blitzschnell mit einer kleinen Laserlanze kappte, die zu ihrem medizinischen Equipment gehörte. |73|Lion hatte ihnen eine Reihe von unauffälligen, aber nützlichen Tools mit auf die Reise gegeben, denen man ihre hochtechnisierte Wirkungsweise nur ansehen konnte, wenn man darum wusste. Routiniert zog Lyn den verbliebenen Holzstumpf aus der Wunde. Fast gleichzeitig drückte sie dem völlig apathischen Jungen eine winzig erscheinende Nanokapsel zwischen die blutigen Lippen. Die darin enthaltenen Reparaturpartikel zeigten sogleich ihre Wirkung. Unverzüglich drangen sie in die Blutbahn des Jungen ein, um die zerstörten molekularen Strukturen des jeweils verletzen Areals zu analysieren, gesunde Zellen gentechnisch zu kopieren und damit die zerstörten Zellen zu ersetzen. Ein Prozess, der nicht einmal Sekunden in Anspruch nahm.

Die Blutung versiegte sofort. Die Mutter sah mit fassungslosem Erstaunen, wie sich die hässliche Wunde am Hals ihres Kindes zu schließen begann. Ihr ungläubiger Blick wechselte von Lyn zu ihrem Sohn, der offenbar in der Lage war, schmerzfrei zu schlucken. Als der Junge seine Augen vollends öffnete und erstaunt um sich blickte, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Wasser«, murmelte der Kleine mit brüchiger Stimme.

Seine Mutter überlegte nicht lange und setzte ihm einen dieser übel riechenden Lederbeutel an die Lippen. Der Junge trank, erst zaghaft, dann immer gieriger. Als er keuchend absetzte, lächelte er Lyn unter seinen dunklen, verschwitzten Locken mit einem Ausdruck vollkommenen Glücks an. »Es tut kein bisschen mehr weh«, flüsterte er selig.

Obwohl kein anderes Ergebnis zu erwarten gewesen war, brach Lyn unvermittelt in Tränen aus. Ihr wurde klar, dass sie nicht um das gerettete Kind weinte, sondern um Mako – dem nicht mehr zu helfen gewesen war.

Die Frau stieß einen zweiten hysterischen Schrei aus, als sie begriff, dass ihr Sohn tatsächlich genesen war, und dann folgte ein Schwall emotionsgeladener, hebräischer Worte, während sie Lyn um den Hals fiel. Allem Anschein nach war sie eine Jüdin. Der Junge erhob sich völlig verwirrt und ging auf Abstand. Unterdessen ließ seine Mutter von Lyn ab und fiel vor ihr mit tränennassem Gesicht auf die Knie, küsste den Saum ihres Gewandes und begann in herzzerreißender Weise, Gott im Himmel mit all seinen Engeln zu preisen.

Lyn, die Mühe hatte, ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen, wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel trocken und versuchte |74|die Frau mit sanften Worten zu beruhigen. Was ziemlich vergeblich war, weil die Mutter des Jungen sämtliche Mitreisenden zusammenrief, damit sie das Wunder bestätigen sollten.

»Ich hab’s dir doch gesagt«, zischte Rona, die neben ihrer Schwester stand und das Gepäck bewachte. »Sicher denkt sie jetzt, du bist ein höheres, geflügeltes Wesen.«

»Du hättest seinem qualvollen Tod also den Vorzug gegeben?« Lyn warf ihrer Schwester einen verärgerten Blick zu.

»Nein, natürlich nicht.« Rona verdrehte die Augen. »Aber …«

»Was aber?«

»Das!«, antwortete Rona und schaute in die Richtung, aus der das Donnern der Pferdehufe zu vernehmen war.

Khaled war das Spektakel nicht entgangen. Mit misstrauischem Blick preschte er auf seinem silberfarbenen Pferd heran. Kurz vor den Frauen brachte er sein schnaubendes Tier zum Stehen.

»Was geht hier vor?«, fragte er barsch.

Rona und Lyn ersparten sich eine Antwort, aber die Jüdin war immer noch ganz aus dem Häuschen.

»Ein Wunder, o Herr! Seht, mein Sohn, er lebt und ist unversehrt! Und nicht nur das – die beiden Frauen waren es auch, die unsere Feinde zu Staub zerfallen ließen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Sie sind wahrhaftige Engel, von Gott gesandt. Ihnen alleine haben wir es zu verdanken, dass wir noch leben.« Die Frau wollte weiterreden, doch Khaled gebot ihr mit einer unmissverständlichen Geste Einhalt.

»Schweig, Weib«, rief er. »Dir ist die Hitze zu Kopf gestiegen.« Er stieß einen Pfiff aus, und im Nu war jemand zur Stelle, der Mutter und Sohn noch einmal Wasser einflößte. Khaled war allem Anschein nach nicht daran interessiert, dass die Frau vor den anderen Mitreisenden weitere Einzelheiten über Ronas geheimnisvolle Fähigkeiten ausplauderte und die übrigen Männer und Frauen womöglich dazu brachte, in die Diskussion um die getöteten Fatimiden einzusteigen.

Rona war Khaled dankbar dafür, dass er so reagierte, doch sie sprach es nicht aus. Er schien zu ahnen, dass sie ebenso wenig ein Interesse daran hatte, dass man ihr und Lyn auf die Schliche kam, und bedachte sie und ihre Schwester lediglich mit einem schrägen Blick. Dabei verlor er kein Wort über die plötzliche Unversehrtheit des Jungen.

»Genau so etwas hatte ich befürchtet«, raunte Rona, als Khaled sich |75|für einen Moment von ihnen abwandte. Sie packte Lyn am Ärmel und zog sie von der Frau fort, die nun auf Knien zu ihr hin rutschte.

Khaled betrachtete die groteske Situation noch einen Moment, bevor er offenbar eine Entscheidung traf. Er bewegte sein Tier mit einem Schenkeldruck auf Lyn zu und umfasste in einer fließenden Bewegung ihre Taille. Bevor sie sich versah, hob er sie mit ihrem Gepäck auf sein Pferd, wo sie seitlich vor ihm auf seinem breiten, gepolsterten Sattel zu sitzen kam. Khaleds Schenkel drückten sich dabei hart an ihren kleinen, festen Hintern, und Lyn fragte sich, ob sie seine unvermittelte Nähe genießen oder sich davor fürchten sollte. Dann stieß er einen weiteren Pfiff aus und forderte Berengar von Beirut mit einer knappen Geste auf, sich um Rona zu kümmern.

Noch bevor Rona protestieren konnte, saß sie hinter Berengar im Sattel. Allerdings duftete der Templer nicht wie Khaled nach Moschus und Amber, sondern nach einer üblen Mischung aus Knoblauch und ungewaschenem Mann. Auch kümmerte sich Berengar nicht in gleicher Weise um Rona, wie Khaled es bei Lyn tat, der ihr einen Arm um die Taille gelegt hatte, damit sie nicht aus dem Sattel fiel. Der Templer war viel zu sehr mit seinem riesigen, schwarzen Pferd beschäftigt, das sich störrisch gab und nicht in die Richtung lief, die er ihm vorgab. Als er endlich seine Position an der Spitze des Zuges eingenommen hatte, überprüfte er den Sitz seines Schildes, dessen Halterung seitlich am Brusthalfter des Pferdes angebracht war, und der darunter befindlichen Lanze, die er längs am Sattel in drei Lederriemen befestigt hatte. Makos Schwert hatte er mit Ronas Erlaubnis zu seinem eigenen Schwert in eine der ledernen Transporttaschen gesteckt, die rechts und links vom Sattel angebracht waren. So bepackt, gab es für Rona und ihren Beschützer kaum Möglichkeiten, eine andere Sitzposition einzunehmen.

Lyn hatte noch nie auf einem Pferd gesessen. Lebende Tiere hatte man in ihrer Welt weitgehend abgeschafft. Das Fleisch für den täglichen Verbrauch wurde in großangelegten Biofabriken gentechnisch gezüchtet. Sogenannte Haustiere, die man zum reinen Vergnügen hielt, galten als verboten. Nur wer viel Geld hatte, um zuständige Stellen zu bestechen, konnte sich erlauben, einen Hund oder eine Katze zu besitzen. In den meisten Regionen der Welt tummelten sich daher allenfalls Ratten und anderes Ungeziefer, deren Populationen man wohl zu keiner Zeit Herr geworden war.

|76|Khaled hatte rasch bemerkt, wie unsicher sich Lyn auf dem Rücken des Tieres verhielt, und entsprechend fest hielt er sie im Arm. Vielleicht aber auch, um zu verhindern, dass sie auf die Idee kam, einfach abzuspringen und davonzulaufen. Ihr Gepäck hatte er am Sattelknauf befestigt, damit sie die Hände frei hatte, um sich wo auch immer festhalten zu können. Das Tempo, das er einschlug, war eher gemäßigt, weil die Kamele, die ihnen folgten, keinerlei Anstalten machten, sich antreiben zu lassen, und das Fußvolk ohnehin zu erschöpft war, um schneller voranzugehen.

»Wahrscheinlich bist du bisher in Sänften gereist«, mutmaßte er.

»So ist es«, log Lyn.

»Gefällt dir mein Hengst?«

»Ja – wieso nicht?« Vorsichtig streichelte sie die helle Mähne. »Es ist ein wunderbares Tier.«

»Sein Name ist Morgentau.« Khaled beugte sich leicht nach vorn und tätschelte den Hals des Pferdes, dabei kam er Lyn noch näher. Sein Atem streifte ihren Nacken, und sie geriet beinahe in Panik, als ihre Haut mit einem wohligen Prickeln reagierte.

»Seine Eltern entstammen dem besten Arabergestüt Syriens«, erklärte er stolz. »Morgentau ist wendig wie ein Falke, kämpferisch wie ein Löwe, zäh wie ein Kamel und gegenüber seinem Reiter so sanft wie ein Lamm. Siehst du die grauen Flecken auf seinem Fell?« Khaled wartete nicht ab, bis Lyn antwortete, sondern fuhr fort: »Sie gleichen Wassertropfen, in denen die aufgehende Sonne schimmert. Daher sein Name.«

Lyn nickte beeindruckt. Eine seltsame Welt, in die sie da geraten waren, in denen Menschen sogar den Stammbaum ihrer Pferde kannten. Sie kam zu dem Schluss, dass Khaled und seinen Hengst etwas Besonderes verband, was aus ihrer Sicht nicht verwunderlich war, weil sie einiges gemeinsam hatten. Die kraftvolle Eleganz und Schönheit beider hatten sie vom ersten Moment ihrer Begegnung fasziniert.

Khaled beugte sich erneut leicht vor, um dem Tier nochmals den Hals zu tätscheln. Wieder stieg Lyn der eigenartige, herbe Duft ihres Begleiters in die Nase. Es musste eine Art Parfüm sein. Die ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Rückkehr der Templer" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen