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Die Rückkehr des Mönchs

PROLOG

Sheriffbüro der Stadt Eureka, Kalifornien, Ende November 2004

„Halloween ist fast einen Monat her, und wir haben noch keine Mädchenleiche gefunden. Soll der Spuk nach fünf Jahren etwa vorbei sein?“ Detective Keller warf Polizeichef Parker einen hoffnungsvollen Blick zu.

Parker betrachtete die Fotos der fünf Opfer aus den vorangegangenen Jahren, die auf seinem Schreibtisch ausgebreitet lagen. „Es spricht alles dafür, dass Schluss mit den Morden ist. Bisher tauchten die Körper nach spätestens zehn Tagen auf. Außerdem habe ich heute Morgen online im ‚San Francisco Chronicle‘ gelesen, dass nördlich der Stadt im Gebiet des Mount Tamalpais eine ermordete junge Frau entdeckt wurde. Die Studentin verschwand nach einer Halloween-Party am Strand.“

„Du meinst, der Halloween-Killer hat unsere Stadt verlassen und sein Betätigungsfeld nach San Francisco verlegt?“ Keller runzelte die Stirn. „Ich hätte nichts dagegen. San Francisco ist über zweihundert Meilen von Eureka entfernt. Genug Distanz zwischen ihm und unseren Mädchen. Sollen sich die Großstadt-Cops mit ihm herumschlagen. Die verfügen über mehr Leute und eine bessere Ausrüstung als wir.“

„Stimmt. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich traurig bin, wenn der Kerl das Weite gesucht hat. Dennoch nervt mich, dass wir ihn nicht geschnappt haben.“

„Man muss auch verlieren können, Pete.“ Keller klopfte Parker auf die Schulter. „Aber ich bin nicht Kleinstadtpolizist geworden, um Killer zu jagen, sondern um Strafzettel zu schreiben und ansonsten eine ruhige Kugel zu schieben.“

„Du vielleicht …“, murmelte Parker unwillig. „Ich bringe meine Arbeit gerne zu Ende. Aber was soll’s.“ Er sammelte die Fotos der toten Mädchen zusammen und packte sie zurück in den Ordner mit der Aufschrift „Ungelöste Mordfälle“. „Ich rufe nachher beim San Francisco Police Department an und frage, wer sich um den aktuellen Mädchenmord kümmert. Vielleicht bestehen Parallelen zwischen dem Fall und unseren. Dann scanne ich die Leichenfotos von den Tatorten und schicke sie den Kollegen in San Fran mitsamt unseren Nachforschungen per E-Mail.“

„Denkst du, die Cops aus der Großstadt warten auf Tipps von dir Landei?“, foppte Keller seinen Boss.

„Nein. Aber vielleicht liefert ihnen unsere Arbeit ein paar Hinweise.“

„Wie du meinst. Mach, was du nicht lassen kannst … Es ist zwölf Uhr. Ich hab Hunger. Kommst du mit zum Lunch?“

„Klar.“ Parker legte den Ordner mit den Mordfotos neben seinen Computer unter einen Stapel Beschwerden über streunende Pitbulls, die er zuerst bearbeiten musste. Gleich danach oder spätestens morgen würde er die Kollegen in San Francisco anrufen. „Worauf hast du Appetit? Ich hätte Lust, mal wieder All-American im ‚Applebee’s‘ zu essen …“

1. KAPITEL

Eureka, Oktober 2010

„Was soll ich zu Halloween nur anziehen?“ Emily schob das „Cat Woman“-Kostüm vom Vorjahr auf der Stange ihres Kleiderschrankes zur Seite und begutachtete ihr Vampir-Outfit aus dem vorletzten Jahr. „Das ist alles angestaubt!“ Genervt schloss sie die Schranktür und lehnte sich dagegen. „Ich will was Neues, Atemberaubendes.“

„Geh nackt“, schlug ihre Freundin Sidney vor. „Dann bist du dir der allgemeinen Aufmerksamkeit sicher.“

„Und kannst dich vor Verehrern nicht retten“, fügte ihre andere Freundin Roanne hinzu.

„Auf Verehrer, die auf nackte Mädchen fliegen, kann ich verzichten. Genauso wie auf eine fette Grippe, die ich mir bei so einer Aktion bestimmt einfange. Außerdem bekommt man für einen Nacktauftritt eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.“

„Meinst du? So schlecht ist deine Figur doch nicht.“ Sidney grinste frech.

„Blöde Kuh!“ Emily warf ein paar alte Socken, die auf dem Bett lagen, nach ihr.

„Hilfe!“ Sidney bückte sich schnell. Die Socken landeten in der Zimmerecke. „Wir könnten shoppen gehen.“

„Bei dem Wetter? Es regnet und stürmt!“, protestierte Roanne.

„Ich hab auch keine Lust, rauszugehen“, bemerkte Emily. „Hoffentlich ist das Wetter an Halloween besser, sonst können wir das Party-Hopping vergessen.“

„Das wäre echt doof“, stimmte Sidney zu. „Dennoch sollten wir uns in Sachen Verkleidung langsam was einfallen lassen. Schließlich ist Halloween schon in einer Woche. Und keine von uns hat ein passables Outfit.“

„Es gibt bestimmt massig Kostümanbieter im Internet.“ Emily setzte sich an ihren Schreibtisch und schaltete den Computer an. „Wenn wir heute bestellen, ist die Lieferung in zwei bis drei Werktagen hier – also rechtzeitig zur Mega-Party.“ Sie wartete, bis alle Symbole auf dem Monitor aufgetaucht waren, wählte sich ins World Wide Web ein und googelte „Halloween, Kostüme“. Sofort tauchten unzählige Onlineshops auf. „Wer sagt’s denn? ‚Halloweencostumes.com‘, die checke ich mal.“ Sie öffnete die Seite. „Volltreffer! Seht euch die Kostüme an!“

Roanne und Sidney musterten über Emilys Schulter die unterschiedlichen Kostümierungen, die von Disneyhelden über Star-Wars-Outfits bis zu biblischen Aufmachungen sowie Tier- und Horrorgestalten reichten.

„Ich geh als Gorilla!“, verkündete Sidney.

„Hm, der Affenkopf mit den Riesenhauern von Zähnen reizt bestimmt jeden Typen, dich zu küssen.“ Roanne grinste spöttisch.

„Es kommt nicht aufs Aussehen an, sondern auf die inneren Werte“, konterte Sidney.

„Dann geh doch gleich als Freddy Krueger.“ Emily klickte auf die Narbenfratze des fiktiven Serienkillers made in Hollywood.

Sidney boxte sie.

„Das da ist cool! Vergrößer mal das Bild!“ Roanne deutete auf zwei Personen in „Adam und Eva“-Kostümen.

„Damit wären wir wieder bei meinem Vorschlag, nackt zu gehen“, stellte Sidney fest.

„Die sind nicht nackt. Sie tragen hautfarbene Bodys, und an den richtigen Stellen kleben Plastikfeigenblätter“, erklärte Emily. „Und seht mal. Eva hält einen falschen Apfel in der Hand, und um ihren Hals windet sich eine unechte Schlange.“

„Wirklich sexy ist das nicht, aber wenigstens einigermaßen originell“, urteilte Sidney. „Sag mal, Emily, wenn du Sünderin Eva spielst, wer ist dann der Adam? Roanne und ich bestimmt nicht!“

„Frag nicht so blöd!“, warf Ro ein. „Entweder Simon oder Kyle.“

„Stimmt! Wie konnte ich die nur vergessen …“, meinte Sidney und lauerte wie Roanne auf Emilys Reaktion.

„Ihr spinnt!“, erwiderte Emily. „Die Jungs und ich sind Kumpel. Da läuft nichts. Mit keinem von beiden.“

„Aber du hättest gerne, dass was liefe.“ Sid ließ nicht locker.

„Und Simon und Kyle wünschen sich das auch.“ Ro und Sid klatschten sich ab.

„Schwachsinn!“, maulte Emily, klang aber nicht überzeugt. Kein Wunder. Denn ihre Freundinnen hatten recht. Emily fand Simon und Kyle sexy – allerdings erst seit ein paar Monaten. Seit sie keine Jungs mehr waren, sondern Männer wurden, war Emilys Interesse geweckt. Doch sie schob diese Tatsache beiseite. Denn wenn man sich in seine besten Freunde verliebte, ging das nie gut.

Emily kannte die Jungs ebenso lange wie Ro und Sid, und zwar seit Beginn der Senior Highschool, also seit der neunten Klasse. Ihre Fünfer-Clique hatte schnell zusammengefunden. Schon in ihrer ersten Woche wurden sie ein eingeschworenes Team: die rotzfreche Sidney, die smarte Roanne, der draufgängerische Simon, der intellektuelle Kyle und sie, die coole Emily. Inzwischen gingen sie in die zwölfte Stufe und machten im nächsten Jahr ihren Highschoolabschluss. Emily mochte gar nicht daran denken, wie es sein würde, die anderen vier nicht mehr täglich zu sehen. Unvorstellbar! Aber bis dahin waren zum Glück noch einige Monate Zeit. Warum sich jetzt schon den Kopf darüber zerbrechen?

„Wieso bist du auf einmal so still?“, hakte Sidney besorgt nach. „Bist du sauer auf uns?“

„Quatsch! Alles okay. Seht mal, der Onlineshop verkauft auch sexy Klamotten“, wechselte Emily das Thema, weg von den Jungs und zurück zu Halloween.

„Lass mal sehen!“ Roanne checkte die Site. „Klick mal das Bild von der ‚Sexy Teufelin‘ an.“

„‚Sexy Teufelin‘? Das ist ja wohl eher eine Verkleidung für mich“, stellte Sidney resolut fest. „Du bist eher der Kostüm-Typ ‚schüchternes Schulmädchen‘.“

„Na, dann braucht Roanne sich gar nicht zu verkleiden“, bemerkte Emily grinsend.

„Ansonsten ist bei euch alles klar, oder was?“, motzte Roanne los und boxte die lachenden Mädchen. Während sie Sidney traf, duckte Emily sich blitzschnell. Dabei stützte sie sich versehentlich auf der Tastatur ihres PCs ab. Die Internetseite des Kostüm-Shops verschwand.

„Ach, Mist!“ Emily öffnete erneut Google und tippte „Halloween, Kostüme“ sowie „mega-heiß“ und „killer-sexy“ ein. Sie deutete auf „killer-sexy“ und grinste Roanne an. „Nur für dich. Ich hoffe, das macht dich happy.“

Sidney prustete laut los.

„Wenn’s nicht regnen würde, würde ich jetzt nach Hause gehen!“, schmollte Roanne, musste aber selber grinsen.

„Oh! Was ist das denn? Mit Kostümen haben diese Sites hier aber nichts zu tun … ‚Halloween-Killer schlägt wieder zu! Fünftes Opfer in fünf Jahren‘ … Das muss ich mir genauer ansehen!“ Emily öffnete den Zeitungsartikel. „Oh verdammt! Der Typ hat seine Morde in Eureka begangen!“

„Echt? Wann?“ Ihre Freundinnen beugten sich neugierig vor.

„Wartet!“ Emily scrollte zurück zum Anfang der Seite. „Ähm, da … 10. November 2003 … Das ist ja eine Ewigkeit her.“

„Du hörst dich … enttäuscht an.“ Roanne musterte Emily irritiert.

„‚Enttäuscht‘ ist das falsche Wort“, entgegnete Emily. „‚Ungläubig‘ trifft es eher. Ein Killer in unserem Kaff? Das kann nicht sein!“

„Anscheinend schon“, warf Sidney ein. „Lies mal vor! Ich will wissen, was passiert ist.“

Emily überflog den Text. „‚Vermisste Studentin tot! Die Leiche der Anglistikstudentin Penelope Jones wurde gestern von Wanderern im Redwood National Park entdeckt. Die Neunzehnjährige ist das fünfte Opfer des Halloween-Serienkillers, der seit 1999 Eurekas Frauen in Angst und Schrecken versetzt … Er fordert jährlich ein Opfer als Blutzoll in der Nacht zu Allerheiligen … Seine Opfer sind Mädchen und junge Frauen zwischen siebzehn und dreiundzwanzig Jahren … Die ermittelnden Beamten, Polizeichef Peter Parker und Detective Clive Keller, tappen auch im fünften Mordjahr im Dunkeln … Die Opfer Jessie Evans (20), Melanie Hart (17), Deidre Clark (23), Shannon McCrary (21) und Penelope Jones (19) verschwanden in den Halloween-Nächten von 1999 bis 2003. Ihre Leichen wurden drei beziehungsweise zehn Tagen nach ihrem Verschwinden entdeckt … Die Taten folgen einem Muster, das auf Ritualmorde hindeutet …‘ Krass!“ Emily sah ihre Freundinnen an.

„Ich hab noch nie davon gehört“, meinte Roanne. „Allerdings ist meine Familie auch erst 2006 aus Michigan hierhergezogen.“

„Ich kann mich vage an das panische Gerede meiner Mutter und ihrer Freundinnen erinnern“, grübelte Sid. „Ich weiß, dass meine Schwester und ich Halloween nur in Begleitung meines Dads rausgehen und bei den Nachbarn nach Süßigkeiten fragen durften. Aber ich fand das normal, weil wir kleine Mädchen waren. Wie sieht es bei dir aus, Emily? Du bist doch auch hier in Eureka geboren und aufgewachsen?“

„2003 war ich elf Jahre alt“, meinte Emily. „Da hab ich mich für Puppen und den Disney Channel interessiert, nicht für einen perversen Killer. Außerdem hat meine Mom mich und meinen Dad in dem Jahr verlassen. Wir hatten also echt andere Probleme.“

„Sorry, daran habe ich nicht gedacht“, erwiderte Sidney kleinlaut.

„Du musst dich nicht entschuldigen. Schließlich kannst du nichts dafür, dass meine Mutter weder meinen Dad noch mich liebte. Blödes Thema … Lasst uns lieber von dem Killer reden.“ Emily wandte sich wieder dem Computerbildschirm zu. „Mal sehen, wie lange der Kerl in Eureka gemordet hat.“

„Och nein, bitte nicht! Ich finde das echt gruselig“, jammerte Roanne.

Im gleichen Moment donnerte es, und der Regen prasselte sintflutartig vom Himmel herab.

Roanne machte ein Gesicht, als bräche sie gleich in Tränen aus. „Sogar das Wetter ist unheimlich.“

„Nun stell dich nicht an!“ Sidney schüttelte den Kopf. „Wenn der Killer noch töten würde, hätten wir davon gehört.“

„Ach, komm, Ro, ein bisschen Grusel am frühen Abend ist doch cool!“ Emily fletschte die Zähne, verzog ihr Gesicht zu einer Fratze und streckte ihre zu Krallen geformten Finger nach Roanne aus. „Grrr! Ich bin der Mädchenmörder und gekommen, um dich zu holen …“

„Hör auf!“, wehrte Roanne sie ab. „Das ist nicht lustig!“

Plötzlich hämmerte es gegen das Fenster von Emilys Zimmer. Die Mädchen fuhren zusammen. Der Schatten eines Mannes, der vor dem Fenster stand und mit seiner breiten Statur den Lichteinfall von der Straßenlaterne abblockte, fiel in den Raum.

„Aaah!“, kreischte Roanne los.

Sidney wurde aschfahl. „Spinnst du!“ Sie boxte Roanne gegen den Arm. „Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen.“

„Wer ist das?“, wimmerte Ro.

„Das ist nur Luke, mein Nachbar.“ Emily warf Sidney einen vielsagenden Blick zu. Roanne benahm sich manchmal wirklich kindisch. Emily gab Luke ein Zeichen, zur Haustür zu gehen. Dann stand sie auf und meinte zu den Mädchen: „Ich hab keine Ahnung, was der will. Aber es wird nicht lange dauern. Ich wimmele ihn schnell ab, damit wir endlich die Kostüme aussuchen können.“

Sie eilte zur Haustür und öffnete. „Mein Gott, du bist ja total nass!“, rief sie. „Soll ich dir ein Handtuch geben?“

„Nein, danke. Alles okay.“ Luke strich sich seine schulterlangen, vom Regen triefenden Haare aus dem Gesicht. Neugierig blickte er in Emilys Schlafzimmer und winkte Roanne und Sidney zu. „Hi, ihr beiden, wie läuft’s?“

„Alles klar“, rief Sid zurück.

„Du hast uns einen ziemlichen Schrecken eingejagt“, meinte Ro.

„Wieso das denn?“ Luke verstand die Antwort als Einladung und ging an Emily vorbei in ihr Zimmer.

Emily seufzte. So viel zu der Idee, ihren Nachbarn schnell loszuwerden. Obwohl – vielleicht war sein unerwarteter Besuch gar nicht so schlecht. „Sag mal, Luke, du bist doch dreiundzwanzig, oder?“, fragte sie, während sie ihm folgte.

„Bin ich im August geworden“, bestätigte er. „Im Sternzeichen Löwe mit Aszendent Widder. Also eine doppelte Dosis von Wille, Ausstrahlung und Maskulinität.“ Er grinste selbstbewusst und scannte Roanne und Sidney unverhohlen. „Welche Sternzeichen seid ihr? Wartet! Ich wette, ich weiß es. Bei dir würde ich sagen …“, er betrachtete Ro. „Fische oder Krebs … Du strahlst das Geheimnisvolle, Träumerische und Sensible aus, das diese beiden Sternzeichen besitzen.“

„Ich bin Fische – woher weißt du das?“ Ro lächelte ihn fasziniert an.

„Luke, bitte nicht …“, versuchte Emily ihn zu unterbrechen.

Aber er ignorierte sie und bezirzte bereits Sidney mit seinem charmanten Lächeln. „Und du bist ganz klar Zwillinge. Du hast die charakteristischen Züge dieses Sternzeichens: Verführung und Dominanz. Sehr beeindruckend … Ich liege richtig, oder?“

„Ja“, gab Sidney mit skeptischem Blick zu.

„Das wusste ich.“ Er grinste breit. „Die menschliche Persönlichkeit wird sehr stark von den Sternzeichen bestimmt, die bereits in den vorchristlichen Kulturen von großer Bedeutung …“

„Stopp!“, fuhr Emily ihm in die Parade. „Bevor du deinen Esoterik-Film abspulst, habe ich eine Frage von größerer Wichtigkeit an dich.“

„Ich bin kein Eso …“, begann er.

Doch Emily brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Nun hör mal zu! Du bist fünf Jahre älter als ich. Von daher kannst du dich vielleicht an die Mordserie in den frühen 2000ern erinnern. Damals fielen fünf …“

„Klar!“, fiel Luke ihr ins Wort. „Du sprichst vom Halloween-Killer. Der Typ hat Eureka irre gemacht. Die Leute sind komplett durchgedreht. Dutzende Familien sind weggezogen. Die Polizei stand unter Beschuss vom Bürgermeister und den Einwohnern, weil sie das Schwein nicht aufgespürt hat.“

„Was genau ist denn passiert? Wie viele Jahre war er aktiv? Und wurde er jemals erwischt?“

„Bist du ein sensationslüsterner Blut-Junkie oder was?“ Luke musterte Emily kritisch.

„Nein!“, wehrte Emily vehement ab. „Ich bin gerade zufällig im Internet über die Mordserie gestolpert und ehrlich gesagt geschockt! Ich hab noch nie davon gehört. Auch mein Dad hat mir nichts darüber erzählt.“

„Wundert mich nicht“, erwiderte Luke. „Die ganze Stadt war nicht nur in Aufruhr, sondern auch … wie soll ich sagen … peinlich berührt.“ Er rollte mit den Augen. „Niemand mochte sich eingestehen, dass in unserem beschaulichen Städtchen ein brutaler Killer lebt. In den Jahren, in denen er gemordet hat, behaupteten alle, dass es jemand von außerhalb sein muss. Keiner der anständigen Bürger konnte die Vorstellung ertragen, dass sein Nachbar, sein Schwager oder der Lehrer seiner Kinder sich Halloween auf die Lauer nach hübschen Mädchen legte.“

„Wie lange war der Killer aktiv?“, fragte Emily erneut.

„Fünf Jahre. Von 1999 bis 2003 … Übrigens hätte ich jetzt doch gern ein Handtuch. Wenn du jedes Detail wissen willst, dauert mein Aufenthalt länger. Und ich bin ziemlich nass.“

Emily ging an ihre Kommode und reichte ihm ein flauschiges Handtuch.

Luke nahm es dankbar an, roch daran und lächelte. „Dein Parfum?“

„Nein. Waschmittel“, erwiderte Emily knapp. Einerseits schämte sie sich, Luke mit ihren knappen Kommentaren abzuspeisen. Andererseits bedeutete jede Geste des Entgegenkommens, dass man ihn nicht mehr loswurde. Nachher stand er täglich vor der Tür und quatschte sie mit seinen Theorien über Gott und die Welt – oder vielmehr heidnischen Göttern und untergegangenen Religionen – voll. Gott bewahre!

Ihre guten Manieren verboten es Emily, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Dafür gab es auch keinen Grund. Schließlich benahm er sich immer freundlich und zuvorkommend. Und als Teenie war sie sogar in ihn verliebt gewesen. Denn mit seinen grünen Katzenaugen, seinen hohen Wangenknochen und seinen wilden blonden Haaren hatte Luke schon immer unverschämt gut ausgesehen. Nur leider war er ein totaler Spinner. Deshalb ließ sie ihn nie länger als eine Viertelstunde ins Haus und stellte bei seinen verbalen Ausflügen in esoterische Sphären die Ohren auf Durchzug.

„Wo war ich stehen geblieben?“ Luke hatte sich Haare, Gesicht und Nacken trocken gerieben. Nun zog er wie selbstverständlich sein Hemd aus und begann seinen feuchten Oberkörper mit dem Handtuch zu frottieren.

Emily bemerkte, dass Roanne und Sidney beim Anblick seiner perfekt gestählten Brust und seines Sixpack-Bauchs begehrlich schluckten. „Du meintest, dass 2003 der letzte Mädchenmord geschah“, sagte sie eilig, um alle Anwesenden zum eigentlichen Thema zurückzubringen.

„Genau, genau.“ Luke legte sich das Handtuch um die Schultern und setzte sich mit nacktem Oberkörper und nassen Jeans auf die Heizung. „2003 war Schluss. Seitdem wurde kein Mädchen mehr getötet, weder zu Halloween noch zu einem anderen Festtag. Überhaupt geschah seither kein Mord mehr.“ Er verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust, und Roanne und Sidney schluckten erneut. „2004 und 2005 wurden junge Frauen in San Francisco auf ähnliche Weise umgebracht wie die Opfer in Eureka. Folglich gingen die Cops davon aus, dass der Mörder umgezogen war, um in der Anonymität der Großstadt leichter töten zu können. Ab 2006 ist er dann untergetaucht. Vielleicht hatte er keine Lust mehr. Oder die Polizei hat ihn wegen anderer Delikte verhaftet. Oder, oder, oder … Jedenfalls wurde er nie gefasst.“

„Und was hat das mit dem ‚Muster‘ auf sich, nach dem der Killer seine Morde begangen hat?“, forschte Emily nach.

„Also, zuallererst mal trug der Mörder angeblich eine Mönchskutte. Das machte auch seine Identifizierung unmöglich“, erklärte Luke.

„Was? Ein Priester!“ Roanne starrte ihn ungläubig an.

„Nein. Ein Mönch. Das ist was anderes. Außerdem war das seine Verkleidung. An Halloween hat sich über die Aufmachung niemand gewundert. Laut der wenigen Zeugen, die es in den Fällen gab, unterhielten sich die späteren Opfer kurz vor ihrem Verschwinden mit einem Mönch, der die Kapuze seiner Kutte tief ins Gesicht gezogen hatte, sodass niemand ihn erkennen konnte.“

„Hammerhart.“ Sidney schüttelte den Kopf.

„Ich fand das als Teenager auch voll krass“, bestätigte Luke. „Ich hab mich schon immer für Religionen und Kulte interessiert … Keine Sorge, Emily, ich halte keine Vorträge über mein Hobby.“ Er grinste sie an. Dann wandte er sich wieder Sidney zu. „Auch wenn der Mädchenmörder ein krankes Individuum war, fand ich ihn faszinierend. Denn er hat nicht nur eine Mönchskluft getragen. Er hat die jungen Frauen nach vorchristlichen Ritualen geopfert. Bei den Leichen wurden sogenannte ‚Bonfire‘ entdeckt. Das sind Freudenfeuer, die heidnische Kulturen zu Ehren ihrer Götter anzündeten und die heute vielerorts zu Halloween abgebrannt werden.“

„Aber was hat er mit den Feuern bezweckt?“, hakte Sid nach. „Hat er damit die Freude über seine Taten ausgedrückt?“

Luke zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. In der Presse schrieben sie damals, der Mörder sei Anhänger eines Totenkultes. Deswegen morde er auch an Halloween. Aber wenn ihr mich fragt, ist das Quatsch.“ Er schüttelte bekräftigend den Kopf und lehnte sich ein Stück vor. „Halloween war ursprünglich ein keltisches Freudenfest. Erst durch die christlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen wurde der Bezug zum Totenreich hergestellt. Also war der Killer entweder nicht richtig informiert, oder er benutzte Halloween, weil er sich hinter seiner Kostümierung so gut verstecken konnte.“

„Du bist ja ein wandelndes Lexikon“, bemerkte Roanne bewundernd.

„Ich weiß über viele Dinge Bescheid“, erwiderte er geschmeichelt. „Hast du schon mal von der Aura gehört? Interessierst du dich für Okkultismus, Seelenwanderung oder die Kommunikation mit transzendenten Wesen? Wenn ich meditiere, kann ich aus meinem Körper treten. Und meine Seele sieht hinab auf meinen Leib. Ich kenne mich auch mit energetischem Heilen aus, kann Tarotkarten lesen oder dir deine Zukunft aus den Sternen vorher…“

„Und stopp!“, schritt Emily genervt ein. „Was hast du mir versprochen? Keine Monologe über deine Lieblingsthemen. Warum bist du überhaupt vorbeigekommen?“

„Hm … Ich hab kapiert. Ich soll abhauen.“ Luke stand von der Heizung auf und reichte Emily das Handtuch. „Danke.“ Dann kratzte er sich an der Schläfe. „Ich hab vergessen, warum ich vorbeigekommen bin. Vielleicht hatte ich Langeweile. Wie auch immer. War nett, euch kennenzulernen“, sagte er zu Emilys Freundinnen. „Wie heißt ihr überhaupt?“

„Roanne.“

„Sidney.“

„Schöne Namen … schöne Frauen.“ Er zwinkerte den Mädchen zu und schlang sich sein feuchtes Hemd wie ein Handtuch um den Hals. Dann stolzierte er mit nacktem Oberkörper zur Haustür und öffnete sie. „Wir sehen uns!“, rief er ihnen zu, ohne sich umzudrehen, und verschwand im Regen. Die Tür ließ er offen stehen.

Emily schloss sie hinter ihm und drehte sich zu ihren Freundinnen um.

„Er ist ganz schön heiß“, meinte Roanne.

„Stimmt schon“, gab Sidney zu. „Aber wie kann ein Typ, der so gut aussieht, so durchgeknallt sein? Kennst du ihn schon lange, Emily? Wieso habe ich ihn noch nie bei dir gesehen?“

„Vom Sehen kenne ich Luke, seit ich klein war. Aber außer ‚Hallo‘ und ‚Bye‘ hatten wir damals keinen Kontakt. Als Teenager konnte er mit einem kleinen Mädchen wie mir nichts anfangen. Außerdem hatte mein Dad mir verboten, zu den Nachbarn zu gehen. Luke ist, kurz nachdem er siebzehn wurde, Mitglied einer Sekte geworden und voll abgedriftet. Sein Vater hat ihn mit viel Theater da rausgeholt. Inzwischen sind seine Mom und sein Dad tot. Er hat das Haus geerbt, es aber lange leer stehen lassen. Vor drei Monaten ist er wieder nach Eureka gezogen. Seitdem kommt er ab und an vorbei. Aber ich hab kein Interesse an einer Freundschaft. Mit seinem Esoterik-Gequatsche ist er mir zu abgespaced. Aber genug von Luke und irgendwelchen kranken Killern.“ Emily steuerte wieder auf ihren Schreibtisch und den PC zu. „Ich will mir jetzt endlich ein heißes Halloween-Kostüm bestellen. Und ihr?“

Ihre Freundinnen nickten zustimmend.

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