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Die Rübenkönigin

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

The Beet Queen

erschien 1986 bei Harper Collins, New York.

ISBN 978-3-8412-0748-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, April 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau Taschenbuch erstmals 2014 erschienen;

Aufbau Taschenbuch ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

THE BEET QUEEN. Copyright © 1986, Louise Erdrich.

All rights reserved

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Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin unter Verwendung eines Motivs von © Mark Owen/Trevillion Images

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Der Ast

Schon lange bevor in Argus Rüben angebaut und die Highways angelegt wurden, war die Bahnlinie da. Auf den Schienen, die die Grenze zwischen Dakota und Minnesota überquerten und sich weiter bis nach Minneapolis erstreckten, kam alles an, was das Wesen der Stadt ausmachte. Und alles, was der Stadt abträglich war, verließ sie auf diesem Wege wieder. An einem kalten Frühlingsmorgen im Jahre 1932 transportierte der Zug sowohl einen Zugang als auch einen Abgang. Beide kamen per Fracht. Als sie Argus endlich erreichten, waren ihre Lippen violett und ihre Füße so taub, daß sie beim Sprung aus dem Güterwagen stolperten und sich die Hände und Knie an der Schlacke aufschürften.

Der Junge war vierzehn und hochaufgeschossen, von seinem plötzlichen Wachstum gebeugt und sehr blaß. Sein Mund war lieblich geschwungen, seine Haut zart und mädchenhaft. Seine Schwester war erst elf Jahre alt, aber schon jetzt war sie so stämmig und gewöhnlich, daß klar war, sie würde ihr Leben lang so bleiben. Ihr Name war so kompakt und zweckmäßig wie alles an ihr. Mary. Sie klopfte sich den Mantel ab und stand im nassen Wind. Zwischen den Häusern gab es nichts als leeren Horizont zu sehen und von Zeit zu Zeit Männer, die ihn querten. Damals wurde hauptsächlich Weizen angebaut, und der Boden war so frisch bestellt, daß die Erdkrume noch nicht weggeblasen worden war wie in Kansas. Die Zeiten waren im östlichen North Dakota überhaupt viel besser als fast überall sonst, und das war auch der Grund, warum Karl und Mary Adare mit dem Zug hierhergekommen waren. Die Schwester ihrer Mutter, Fritzie, wohnte am östlichen Rand der Stadt. Sie führte zusammen mit ihrem Mann einen Metzgerladen.

Die beiden Adares schoben die Hände in die Ärmel und gingen los. Sobald sie sich bewegten, wurde ihnen wärmer, obwohl sie die ganze Nacht gefahren waren und die Kälte tief saß. Sie gingen nach Osten, über den Lehm und den Bohlenbelag der breiten Hauptstraße, und lasen die Schilder auf den bretterverschalten Ladenfassaden, an denen sie vorbeikamen, sogar die Goldbuchstaben im Fenster der aus Ziegeln erbauten Bank lasen sie. Keins der Geschäfte war eine Metzgerei. Abrupt hörten die Läden auf, und dann kam eine Zeile von Häusern, die grau verwittert waren oder von denen graue Farbe blätterte, und an deren Verandageländern Hunde festgebunden waren.

Kleine Bäume standen in den Vorgärten einiger dieser Häuser, und ein Bäumchen, schwach wie eine Schramme aus Licht im allgemeinen Grau, schwankte in einem Blütenschleier. Mary stapfte unbeugsam voran und beachtete es kaum, aber Karl blieb stehen. Der Baum zog ihn mit seinem zarten Duft an. Seine Wangen röteten sich, er streckte die Arme aus wie ein Schlafwandler, und in einer einzigen langen und starren Bewegung glitt er auf den Baum zu und vergrub sein Gesicht in den weißen Blütenblättern.

Als Mary sich nach Karl umschaute, erschrak sie darüber, wie weit er zurückgefallen war und wie still er stand, das Gesicht in die Blüten gedrückt. Sie rief, aber er schien sie nicht zu hören und stand bloß da, seltsam und stocksteif zwischen den Ästen. Er rührte sich nicht einmal, als der Hund in dem Garten an seiner Leine zerrte und loskläffte. Er merkte gar nicht, daß die Haustür aufging und eine Frau herausgestolpert kam. Sie schrie Karl an, aber er achtete nicht darauf, und deshalb ließ sie den Hund los. Groß und gierig flog er in riesigen Sätzen vorwärts. Und dann, entweder um sich zu schützen oder um die Blüten zu pflücken, griff Karl nach oben und brach einen Ast von dem Baum.

Der Ast war so groß und der Baum so klein, daß die Fäule die Wunde befallen sollte, wo er abgerissen worden war. Die Blätter sollten noch im Laufe des Sommers abfallen, und der Saft sollte in die Wurzeln sinken. Als Mary im nächsten Frühjahr auf einem Besorgungsgang an dem Bäumchen vorbeikam, sah sie, daß es keine Blüten trug und erinnerte sich daran, wie Karl, als der Hund an ihm hochgesprungen war, mit dem Ast um sich geschlagen hatte und wie die Blütenblätter in einem plötzlichen Schneeschauer um den wilden, gestreckten Körper des Hundes gefallen waren. Dann brüllte Karl: «Lauf!», und Mary lief nach Osten, zu Tante Fritzie. Aber Karl lief zurück zum Zug und zu dem Güterwagen.

ERSTER TEIL

ERSTES KAPITEL
1932

Mary Adare

So bin ich also nach Argus gekommen. Ich war das Mädchen in dem steifen Mantel.

Nachdem ich blindlings losgerannt war und zum Halten kam, erschrocken, Karl nicht hinter mir zu sehen, schaute ich mich nach ihm um und hörte lang und schrill den Zug pfeifen. In dem Moment wurde mir klar, daß Karl wahrscheinlich wieder auf denselben Güterwagen gesprungen war und jetzt im Stroh kauerte und zur offenen Tür hinausschaute. Der einzige Unterschied wäre der duftende Stock, der in seiner Hand blühte. Ich sah den Zug wie eine Kette aus schwarzen Perlen über den Horizont ziehen, wie ich ihn seither so oft gesehen habe. Als er außer Sicht geriet, starrte ich hinab auf meine Füße. Ich hatte Angst. Es war nicht so, daß ich jetzt ohne Karl keinen mehr hatte, der mich beschützte, sondern genau umgekehrt. Ohne jemanden, den ich beschützen und auf den ich aufpassen mußte, war ich selbst schwach. Karl war größer als ich, aber mager, und älter natürlich, aber ängstlich. Er litt an Fieberanfällen, die ihn in einen benommenen Traumzustand versetzten, und er reagierte empfindlich auf laute Geräusche und grelles Licht. Meine Mutter bezeichnete ihn als zart, und ich war genau das Gegenteil. Ich war es, die im Lebensmittelladen fleckige Äpfel erbettelte und von der rückwärtigen Rampe der Molkerei in Minneapolis, wo wir in dem Winter wohnten, nachdem mein Vater starb, Molke klaute.

Damals fängt diese Geschichte an, denn vorher und ohne das Jahr 1929 hätte unsere Familie wahrscheinlich weiterhin sorglos und zufrieden in einem einsamen, alleinstehenden weißen Haus am Rand des Prairie Lake gewohnt.

Wir sahen kaum einen fremden Menschen. Es gab nur uns drei: Karl und mich und unsere Mutter Adelaide. Schon damals waren wir anders. Unser einziger Besucher war Mr. Ober, ein großer Mann mit sorgfältig gepflegtem schwarzen Bart. Er besaß hier in Minnesota ganze Ländereien mit Weizen. Zwei- oder dreimal die Woche tauchte er spätabends auf und stellte sein Automobil in der Scheune ab.

Karl haßte es, wenn Mr. Ober zu Besuch kam, aber ich freute mich jedesmal, weil meine Mutter dann immer aufblühte. Es war wie ein Wetterumschwung in unserem Haus. Ich weiß noch, daß sie am Abend, als Mr. Ober das letzte Mal zu Besuch kam, das blaue Seidenkleid anzog und die Kette mit den glitzernden Steinen umlegte, die, wie wir wußten, von ihm war. Meine Mutter flocht ihren dunkelroten Zopf, steckte ihn zu einer Krone auf und bürstete dann mein Haar mit hundert leichten, gleichmäßigen Strichen. Ich schloß die Augen und hörte auf die Zahlen. «Von mir hast du das nicht», sagte sie schließlich und ließ das Haar matt und schwarz auf meine Schultern zurückfallen.

Als Mr. Ober kam, saßen wir mit ihm im Salon. Karl thronte auf dem Roßhaarsofa und gab vor, von den in den Teppich gewobenen roten Rauten fasziniert zu sein. Wie gewöhnlich wurde ich von Mr. Ober zum Schäkern auserwählt. Er setzte mich auf seinen Schoß und nannte mich Schatzi. «Für dein Haar, kleines Fräulein», sagte er und zog ein grünes Satinband aus seiner Westentasche. Seine Stimme war tief, aber ich mochte ihren Klang als Kontrapunkt oder Begleitung zu der meiner Mutter. Später, nachdem Karl und ich ins Bett geschickt worden waren, blieb ich wach und lauschte, wie die Stimmen der Erwachsenen lauter wurden, sich ineinander verknäuelten und sich dann wieder senkten, erst unten im Salon und dann gedämpft im Eßzimmer. Ich hörte beide die Treppe heraufkommen. Die große Tür am Flurende schloß sich. Ich hielt die Augen geöffnet. Um mich war Dunkelheit und das Knacken und Pochen, das Häuser nachts von sich geben, Wind in den Asten, Klopfen. Am Morgen war er fort.

Am nächsten Tag schmollte Karl, bis unsere Mutter ihn mit Umarmungen und Küssen wieder gutgelaunt stimmte. Auch ich war traurig, aber mit mir war sie ungeduldig.

Karl las immer als erster die Comics in der Sonntagszeitung, deshalb war er es, der das Bild von Mr. Ober und seiner Frau auf der ersten Seite fand. Beim Kornverladen war ein Unglück passiert, und Mr. Ober war erstickt. Auch Selbstmord konnte nicht ausgeschlossen werden. Sein Landbesitz war schwer verschuldet. Mutter und ich machten gerade in der Küche Schubladen sauber und schnitten weißes Papier zum Auslegen zurecht, als Karl die Zeitungsseite hereinbrachte, um sie uns zu zeigen. Ich erinnere mich daran, daß Adelaides Haar zu zwei roten, geringelten Zöpfen geflochten war und daß sie der Länge nach auf den Fußboden fiel, als sie die Nachricht las. Karl und ich schmiegten uns an sie, und als sie die Augen aufschlug, half ich ihr auf einen Stuhl.

Sie warf den Kopf nach vorn und zurück, wollte nicht reden und zitterte wie eine zerbrochene Puppe. Dann schaute sie Karl an.

«Du freust dich auch noch!» schrie sie. Karl drehte mürrisch den Kopf weg.

«Er war dein Vater», stieß sie hervor. Jetzt war es also heraus.

Meine Mutter wußte, daß sie jetzt alles verlieren würde. Seine Frau lächelte auf dem Foto. Unser großes weißes Haus lief unter Mr. Obers Namen und alles andere auch, mit Ausnahme eines Automobils, das Adelaide am nächsten Morgen verkaufte. Am Tag der Beerdigung nahmen wir, was wir in Koffern tragen konnten, und fuhren mit dem Mittagszug in die Zwillingsstädte. Meine Mutter dachte, sie könnte dort - mit ihrer Figur und ihrem Aussehen - in einem vornehmen Geschäft Arbeit finden.

Aber sie wußte nicht, daß sie schwanger war. Sie wußte auch nicht, was Dinge wirklich kosteten, und sie kannte die harten Realitäten der Weltwirtschaftskrise nicht. Nach sechs Monaten ging uns das Geld aus. Wir waren am Ende.

Ich wußte gar nicht, wie schlecht es uns ging, bis meine Mutter unserer Wirtin, die nett war oder doch zumindest nichts gegen uns hatte, und die von meiner Mutter zu den uns freundlich gesinnten Menschen gezählt wurde, ein Dutzend schwere silberne Löffel stahl. Adelaide gab keine Erklärung für die Löffel ab, als ich sie in ihrer Tasche entdeckte. Wenige Tage später waren sie fort, und Karl und ich besaßen jeder einen dicken Mantel. Außerdem war unser Vorratsregal mit grünen Bananen beladen. Mehrere Wochen lang tranken wir halbliterweise Buttermilch und aßen gebutterten, dick mit Marmelade bestrichenen Toast. Nicht lange danach, glaube ich, sollte das Baby auf die Welt kommen.

Eines Nachmittags schickte meine Mutter uns nach unten zu unserer Wirtin. Diese Frau war dick und so langweilig, daß ich ihren Namen vergessen habe, obwohl ich mich an alles andere, was damals geschah, bis in die Einzelheiten hinein lebhaft erinnere. Es war ein kalter Spätwinternachmittag. Wir starrten in die Vitrine mit der Glastür, in der seit dem Diebstahl die silbernen Pokale und bemalten Teller verschlossen waren. Die Umrisse unserer Gesichter starrten geisterhaft auf uns zurück. Von Zeit zu Zeit hörten Karl und ich, wie jemand aufschrie. Einmal fiel direkt über unseren Köpfen etwas Schweres zu Boden. Beide schauten wir zur Decke hinauf und streckten schnell die Arme hoch, wie um es aufzufangen. Ich weiß nicht, was Karl durch den Kopf ging, aber ich dachte, es sei das frisch geborene Baby, das schwer wie Blei geradewegs durch die Wolken und den Körper meiner Mutter fiel. Ich hatte nur eine undeutliche Vorstellung vom Vorgang der Geburt. Nichts von dem, was ich mir zusammenreimen konnte, erklärte jedenfalls den langen Schrei, der die Luft zerriß und Karl erbleichen und auf dem Stuhl nach vorn sacken ließ.

Ich hatte es aufgegeben, Karl jedesmal wiederzubeleben, wenn er in Ohnmacht fiel. Inzwischen vertraute ich darauf, daß er von selbst wieder zu sich kommen würde, und das tat er auch stets, wobei er sanft und benommen und irgendwie erfrischt aussah. Allerhöchstens hielt ich ihm den Kopf, bis er blinzelnd die Augen öffnete.

«Es ist da», sagte er, als er zu sich kam.

Als wüßte ich schon, daß unser Verderben mit diesem Schrei besiegelt worden war, rührte ich mich nicht von der Stelle. Karl redete auf mich ein, wenigstens die Treppe hinaufzugehen, wenn schon nicht ins Zimmer selbst, aber ich blieb eisern sitzen, bis die Wirtin herunterkam und uns sagte, daß wir erstens ein kleines Brüderchen bekommen hätten und daß sie zweitens einen der Silberlöffel ihrer Großmutter unter der Matratze gefunden hätte und nicht fragen wolle, wie er dort wohl hingekommen sei, aber uns vier Wochen Zeit zum Ausziehen gäbe.

In dieser Nacht schlief ich auf einem Stuhl neben Mamas Bett im Sitzen ein, bei Lampenlicht, das Baby in einer leichten Wolldecke im Arm. Karl hatte sich zu Mamas Füßen zu einem spinnenartigen Knäuel zusammengerollt, und sie schlief schwer und tief, mit wild und leuchtend über den Kissen ausgebreitetem Haar. Ihr Gesicht war weiß und eingefallen, aber als sie zu sprechen begann, hatte ich kein Mitleid mehr.

«Ich sollte es sterben lassen», murmelte sie. Ihre Lippen waren blaß, in einem Traum erstarrt. Ich hätte sie wachgerüttelt, aber das Baby lag schwer auf mir.

«Ich könnte es draußen, hinten auf dem Grundstück begraben», flüsterte sie, «auf dem Unkrautstück.»

«Mama, wach auf», sagte ich, aber sie sprach weiter.

«Ich werde keine Milch haben, ich bin zu dünn.»

Ich schaute hinunter auf das Baby. Sein Gesicht war rund, blau gequetscht, und seine Augenlider waren fast zugeschwollen. Es sah schwach aus, aber als es sich rührte, steckte ich ihm meinen kleinen Finger in den Mund, wie ich es Frauen hatte tun sehen, um ihr Kind zu beruhigen, und es saugte gierig.

«Er ist hungrig», sagte ich zu ihr.

Doch Adelaide drehte sich um und kehrte das Gesicht zur Wand.

Die Milch schoß in Adelaides Brüste, sogar mehr, als das Baby anfangs trinken konnte. Sie mußte es stillen. Die Milch sickerte in dunklen Flecken durch ihre hellgrünen karierten Hemdblusen. Sie ging verzweifelt hin und her, von den Schmerzen gebeugt. Sie ignorierte das Kind nicht vollständig, allerdings weigerte sie sich, ihm einen Namen zu geben. Sie schnitt ihre Unterröcke zu Windeln und nähte aus ihrem Nachthemd eine Babyausstattung für ihn, aber sie ließ ihn oft schreien. Manchmal schrie er so lange, daß die Wirtin nach oben geschnauft kam, um nachzusehen, was los war. Es bekümmerte sie, uns so verzweifelt zu sehen, und sie brachte uns Lebensmittel herauf, die die zahlenden Mieter zurückgelassen hatten. Aber ihren Entschluß änderte sie nicht. Als der Monat um war, mußten wir trotzdem ausziehen.

Die Frühlingswolken waren hoch, und die Luft war warm an dem Tag, als wir loszogen, um eine neue Wohnung zu suchen. Alle normalen Kleider, die Mama besessen hatte, waren für das Baby zerschnitten worden, und deshalb hatte sie nichts anderes mehr als ihre vornehmen Sachen, Spitze und Seide, guten Kaschmir. Sie trug einen schwarzen Mantel, ein schwarzes, mit cremefarbenen Spitzen besetztes Kleid und feine Garnhandschuhe. Ihr Haar saß in einem strengen und glänzenden Knoten. Wir gingen die Backsteinbürgersteige entlang, auf der Suche nach Schildern in Fenstern, nach Pensionen der billigsten Sorte, Mietskasernen oder Hotels. Wir fanden nichts und setzten uns schließlich zum Ausruhen auf eine Bank, die an der Seitenwand eines Ladens angebracht war. Zu jener Zeit waren die Straßen in den Städten viel einladender. Keiner hatte etwas dagegen, daß arme Leute dort Kräfte sammelten, eine Last absetzten, ihren Niedergang in der Welt diskutierten.

«Wir könnten zurück zu Fritzie gehen», sagte Mama. «Sie ist meine Schwester. Sie müßte uns aufnehmen.»

Ich hörte an ihrer Stimme, daß es das letzte war, was sie tun wollte.

«Du könntest deinen Schmuck verkaufen», sagte ich zu ihr.

Mama warf mir einen warnenden Blick zu und legte die Hand auf die Brosche an ihrem Hals. Sie hing an den Dingen, die Mr. Ober ihr im Laufe der Jahre geschenkt hatte. Wenn wir darum bettelten, zeigte sie sie uns: die feinziselierte Granatkette, die Trauerbrosche aus Onyx und die Perlentropfen-Ohrringe, den spanischen Kamm und den Ring mit dem echten gelben Diamanten. Ich ging davon aus, daß sie die nicht einmal verkaufen würde, um uns zu retten. Unsere Notlage hatte sie niedergedrückt, und sie war schwach, aber in ihrer Schwäche war sie auch stur. Wir saßen vielleicht eine halbe Stunde auf der Bank vor dem Laden, dann hörte Karl irgendwo Musik.

«Mama», bettelte er, «ein Jahrmarkt!»

Wie immer bei Karl sagte sie zuerst einmal nein, aber das war nur eine Formalität, und beide wußten es. In kürzester Zeit hatte er sie beschwatzt und becirct, hinzugehen.

Das Waisenpicknick, ein Basar zugunsten der heimatlosen Kinder von Sankt Hieronymus, fand nur ein paar Straßen weiter auf dem städtischen Marktplatz statt. Wir sahen das über den Eingang gespannte Spruchband mit seinen hellgelben handgenähten Buchstaben auf fröhlichem Rot leuchten. Bretterbuden waren in dem hohen braunen, vom Winter übriggebliebenen Gras aufgestellt. Nonnen raschelten zwischen den Tischen mit Skapulieren und Heiligenbildchen oder standen hinter Ständern mit Rosenkränzen, Schuhschachteln voller Heiligenbildchen, winzigen geschnitzten Heiligenstatuen und normalem Spielzeug. Wir ließen uns in die Aufregung hineintreiben, musterten die Grabbelsäcke, Glücksspiele, Auslagen von Süßigkeiten und Devotionalien. An einem Stand, der Klimperkram und Eisenwaren feilbot, blieb Mama stehen und zog eine Dollarnote aus ihrem Geldtäschchen.

«Ich nehme das da», sagte sie zu dem Verkäufer und deutete darauf. Er nahm ein Taschenmesser mit Perlmuttgriff aus seinem Schaukasten und gab es Karl. Dann deutete sie auf eine Kette aus silbernen und goldenen Perlen.

«Ich will sie nicht», sagte ich.

Ihr Gesicht rötete sich, aber nach kurzem Zögern kaufte sie die Kette trotzdem. Dann trug sie Karl auf, sie ihr um den Hals zu befestigen. Mir legte sie das Baby in die Arme.

«Hier, Fräulein Miesepeter», sagte sie.

Karl lachte und nahm ihre Hand. Von Stand zu Stand wandernd, kamen wir schließlich an die Tribüne, und sofort begann Karl sie zu den Sitzen hinzuziehen. Ich mußte hinter ihnen herstolpern. Alte Eintrittskarten bedeckten den Boden, Plakate klebten an Baumstämmen und den splittrigen Holzwänden. Mama hob einen der kleineren Zettel auf.

DER GROSSE OMAR, stand darauf, LUFTSCHIFFER EXTRAORDINAIRE. AUFTRITT 12 UHR MITTAGS! Unter den Worten war das Bild eines Mannes, geschmeidig, mit Schnurrbart, sein orangefarbenes Halstuch flatterte im Wind.

«Bitte!» sagte Karl.

Also gesellten wir uns zu der glotzenden Menge.

Das Flugzeug stieß nach unten, schlingerte, summte, glitt über uns hinweg wie eine Art Insekt. Ich reckte weder den Hals noch hielt ich vor Aufregung den Atem an wie die anderen. Ich schaute auf das Baby hinunter und beobachtete sein Gesicht. Es tauchte gerade aus dem endlosen Schlaf des Neugeborenen auf, und jetzt schaute es mich von Zeit zu Zeit mit höchster Konzentration an. Ich schaute zurück. In seinem Gesicht fand ich mich selbst wieder, nur anders zusammengesetzt -kühner, aufgeweckt, übellaunig. Es schaute mich mit gerunzelter Stirn an, sich seiner Hilflosigkeit gar nicht bewußt, wenn auch beunruhigt vom lauten Dröhnen des Doppeldeckers, der jetzt landete und auf die Menge zurollte.

Wenn ich jetzt zurückdenke, kann ich gar nicht glauben, daß ich nichts Böses ahnte. Ich schaute kaum hin, als der Große Omar aus dem Flugzeug sprang, und ich applaudierte seinen schwungvollen Verbeugungen und Erklärungen nicht. Ich hörte kaum zu, als er denjenigen, die es wagten, anbot mitzufliegen. Ich glaube, er nahm einen Dollar oder zwei für dieses Privileg. Ich nahm es gar nicht wahr. Ich war nicht gefaßt auf das, was dann kam.

«Hier!» rief meine Mutter und hielt ihre Tasche hoch in die Sonne.

Ohne einen Blick zurück, ohne ein Wort, ohne Vorwarnung und ohne Zögern bahnte sie sich mit den Ellbogen den Weg durch die Leute, die sich am Fuß der Tribüne versammelt hatten, und trat in den freien Raum um den Piloten. Zum erstenmal schaute ich mir jetzt den Großen Omar an. Der Eindruck, den er erweckte, war wirklich schneidig, genau wie auf seinen Plakaten. Er hatte tatsächlich das orangerote Halstuch um den Hals gebunden, und zweifellos hatte er eine Art Schnurrbart. Ich glaube, er trug einen weißen Pullover mit Ölflecken. Er war schlank und dunkel, im Vergleich zu seinem Flugzeug viel kleiner als auf dem Plakat, und auch älter. Nachdem er meiner Mutter in den Passagiersitz im Cockpit geholfen hatte und selbst hinter das Instrumentenbrett gesprungen war, zog er sich eine grüne Fliegerbrille über die Augen. Und dann kam ein erschreckender, endloser Augenblick, als sie sich zum Start bereit machten. Der Luftschiffer machte zwei Männern, die ihm beim Wenden des Flugzeugs geholfen hatten, Zeichen.

«Anwerfen! Ausschalten! Läuft!»

«Propeller klar!» schrie Omar, und die Männer sprangen zur Seite.

Der Propeller machte Wind. Das Flugzeug schoß vorwärts, stieg über die niedrigen Bäume auf, gewann Höhe. Der Große Omar zog eine flache Schleife über dem Platz, und ich sah, wie das lange rote Kraushaar meiner Mutter sich aus dem festen Knoten löste und in einem Bogen flatterte, der sich auszubreiten und um seine Schultern zu legen schien.

Karl starrte mit verzweifelter Faszination in den Himmel und sagte keinen Ton, als der Große Omar mit seinen Flugkunststücken und brummenden Passagen begann. Ich konnte nicht zuschauen. Ich betrachtete das Gesicht meines kleinen Bruders und wartete in höchster Anspannung darauf, daß das Flugzeug abstürzte.

Die Menge verlief sich. Die Menschen wanderten weiter. Das Motorgeräusch wurde schwächer. Als ich es endlich wagte, in den Himmel zu schauen, flog der Große Omar in gleichmäßigem Tempo mit meiner Mutter von dem Jahrmarktsplatz fort. Bald war das Flugzeug nur noch ein weißer Punkt, dann wurde es eins mit dem blassen Himmel und verschwand.

Ich rüttelte Karl am Arm, aber er machte sich von mir los und schwang sich auf den Rand der Tribüne. «Nimm mich mit!» schrie er und beugte sich über das Geländer. Hochgereckt, als wolle er sich hineinwerfen, starrte er den Himmel an.

Genugtuung. Es überraschte mich, aber das war das erste, was ich empfand, nachdem Adelaide weggeflogen war. Ausnahmsweise hatte sie einmal keinen Unterschied zwischen Karl und mir gemacht, sondern uns beide verlassen. Karl ließ den Kopf in die Hände sinken und begann, in seine dicken Wollärmel zu schluchzen. Ich schaute weg.

Um die Tribüne herum bewegte sich die Menge in ungleichmäßigen Wellen. Über uns breiteten sich die Wolken zu einem dünnen Tuch aus, das den Himmel bedeckte wie Musselin. Wir sahen zu, wie sich die Dämmerung in den Ecken des Platzes zusammenzog. Nonnen begannen ihre Rosenkränze und Gebetsbücher zusammenzupacken. Farbige Lichter gingen in den Schaustellerbuden an. Karl schlug die Arme um sich, stampfte mit den Füßen auf, hauchte sich auf die Finger, aber mir war nicht kalt. Das Baby hielt mich warm.

Dann wachte das Baby auf, sehr hungrig, und ich war ratlos, wie ich es beruhigen sollte. Es saugte so fest, daß mein Finger weiß und runzlig wurde, und dann schrie es. Leute scharten sich um uns. Frauen streckten die Arme aus, aber ich hielt meinen Bruder fester. Ich traute ihnen nicht. Ich traute auch dem Mann nicht, der sich neben mich setzte und leise sprach. Es war ein junger Mann mit einem scharfgeschnittenen, traurigen, unrasierten Gesicht. Am stärksten ist mir seine Traurigkeit in Erinnerung. Er wollte das Baby mit zu seiner Frau nach Hause nehmen, damit sie es stillte. Sie hatte selbst ein Neugeborenes, sagte er, und genug Milch für zwei.

Ich gab ihm keine Antwort.

«Wann kommt eure Mutter zurück?» fragte der junge Mann. Er wartete. Karl saß stumm da und schaute unverwandt in den dunklen Himmel. Ringsum mischten sich Erwachsene ein und sagten mir, was ich tun sollte.

«Gib ihm das Baby, mein Kind.»

«Sei doch nicht so eigensinnig.»

«Laß ihn das Baby mit nach Hause nehmen.»

«Nein», sagte ich auf jeden Befehl und jeden Vorschlag. Ich trat sogar um mich, als eine Frau kühn versuchte, mir meinen Bruder aus den Armen zu nehmen. Einer nach dem anderen ließen sie sich entmutigen und gingen weg. Nur der junge Mann blieb.

Es war das Baby selbst, das mich schließlich überzeugte. Es hörte einfach nicht auf zu brüllen. Je länger es schrie, je länger der traurige Mann neben mir saß, um so schwächer wurde mein Widerstand, bis ich kaum mehr die Tränen zurückhalten konnte.

«Dann komme ich eben mit», sagte ich zu dem jungen Mann. «Wenn das Baby getrunken hat, nehme ich es wieder mit hierher.»

«Nein!» schrie Karl, der plötzlich aus seiner Betäubung erwachte. «Du darfst mich nicht allein lassen!»

Er packte mich so leidenschaftlich am Arm, daß das Baby ins Rutschen kam, und der junge Mann fing mich auf, als ob er mir helfen wollte, aber statt dessen raffte er das Baby an sich.

«Ich werd' gut auf ihn aufpassen», sagte er und drehte sich um.

Ich versuchte, mich Karls Griff zu entwinden, aber wie meine Mutter war auch er noch hartnäckiger, wenn er Angst hatte, und ich konnte mich nicht losmachen. Der Mann verschwand im Dunkel. Ich hörte, wie das Jammern des Babys schwächer wurde. Schließlich setzte ich mich neben Karl und ließ die Kälte in mich sinken.

Eine Stunde verging. Eine weitere Stunde. Als die bunten Lichter verloschen und der Mond verschwommen hinter den Wolkentüchern aufging, wußte ich mit Sicherheit, daß der junge Mann gelogen hatte. Er würde nicht zurückkommen. Aber weil er zu traurig ausgesehen hatte, als daß er jemandem ein Leid antun könnte, hatte ich mehr Angst um Karl und mich. Wir waren die beiden wirklich Verlorenen. Ich stand auf. Karl auch. Wortlos gingen wir durch die leeren Straßen zu der Pension. Wir hatten keinen Schlüssel, aber Karl entfaltete ein unerwartetes Talent. Er nahm das Messer mit der schmalen Klinge, das Adelaide ihm geschenkt hatte, und brach das Schloß auf.

Das kalte Zimmer war vom schwachen Duft der Trockenblumen erfüllt, die unsere Mutter immer in ihre Truhe streute, vom intensiven Geruch der mit Nelken besteckten Orange, die sie in den Schrank gehängt hatte, und von dem Lavendelöl, mit dem sie sich abends einrieb. Die Süße ihres Atems schien noch darin zu hängen, das Rascheln ihres Seidenunterrocks, das schnelle Klappern ihrer Absätze. Unsere Sehnsucht begrub uns unter sich. Wir sanken weinend auf ihr Bett, umarmten einander und wickelten uns in ihre Quiltdecke. Als das getan war, begann ich eiskalt zu überlegen.

Ich wusch mir das Gesicht in der Waschschüssel, dann weckte ich Karl und sagte ihm, daß wir zu Tante Fritzie fahren würden. Er nickte ohne Hoffnung. Wir aßen alles, was in dem Zimmer an Eßbarem zu finden war, nämlich zwei kalte Pfannkuchen, und packten einen kleinen Pappkoffer. Den trug Karl. Ich trug die Quiltdecke. Als letztes griff ich weit nach hinten in die Schublade meiner Mutter und zog ihre kleine runde Andenkenschatulle heraus. Sie war mit blauem Samt bezogen und fest verschlossen.

«Wir werden diese Sachen verkaufen müssen», sagte ich zu Karl. Er zögerte, aber dann nahm er das Kästchen mit einem harten Blick an sich.

Wir schlüpften vor Sonnenaufgang hinaus und gingen zum Bahnhof. Auf dem unkrautbewachsenen Gelände gab es Männer, die den Bestimmungsort jedes einzelnen Güterwagens kannten. Wir fanden den Wagen, den wir suchten, und kletterten hinein. Wir breiteten die Quiltdecke aus und rollten uns dicht aneinandergekuschelt zusammen, die Köpfe auf dem Koffer und Mamas blaue Samtschatulle zwischen uns in Karls Brusttasche. Ich klammerte mich an den Gedanken der Schätze, die darin waren, und konnte dabei nicht ahnen, daß das beruhigende Klappern, das ich hörte, sobald der Zug sich am Nachmittag in Bewegung setzte, nicht das Klimpern von kostbarem Erbschmuck war, der uns retten konnte - die Granatkette und der echte gelbe Diamant -, sondern Stecknadeln, Knöpfe und ein stummer Pfandschein aus einem Leihhaus in Minneapolis.

Wir verbrachten die ganze Nacht in diesem Zug, während er rangierte und bremste und in Richtung Argus rumpelte. Wir wagten nicht, auf der Suche nach einem Schluck Wasser oder etwas Eßbarem hinauszuspringen. Das einzige Mal, als wir das versuchten, fuhr der Zug so rasch an, daß es uns kaum gelang, noch das Trittbrett zu erreichen. Wir verloren unseren Koffer und die Quiltdecke dabei, weil wir den falschen Wagen erwischten, einen weiter hinten, und den Rest dieser Nacht schliefen wir wegen der Kälte überhaupt nicht mehr. Karl war sogar zu niedergeschlagen, um sich zu wehren, als ich sagte, ich sei jetzt damit dran, Mamas Schatulle zu verwahren. Ich steckte sie unter das Oberteil meines Trägerrocks. Warm hielt sie mich nicht, aber wenn ich die Augen schloß, dann gaben mir das Glitzern des Diamanten und das Muster der Granate, die in der dunklen Luft tanzten, trotzdem etwas. Mein Inneres verhärtete sich, geschliffen und glänzend wie ein magischer Stein, und ganz deutlich sah ich meine Mutter vor mir.

Sie saß immer noch in dem Flugzeug, das dicht an den pulsierenden Sternen vorbeiflog, als Omar plötzlich feststellte, daß der Treibstoff knapp wurde. Er war nicht in Adelaide verliebt, ja ihm war sogar ziemlich egal, was aus ihr wurde. Er mußte sich selbst retten. Irgendwie mußte er Gewicht loswerden. Also stellte er seine Regler ein. Er stand im Cockpit auf. Dann zog er mit einer plötzlichen Bewegung meine Mutter aus ihrem Sitz und warf sie über Bord.

Die ganze Nacht fiel sie durch die schreckliche Kälte. Ihr Mantel flatterte auf, und ihr schwarzes Kleid wickelte sich fest um ihre Beine. Ihr rotes Haar züngelte steil nach oben wie eine Flamme. Sie war eine Kerze, die keine Wärme gab. Mein Herz gefror. Ich empfand keine Liebe zu ihr. Deshalb ließ ich es, als der Morgen kam, zu, daß sie auf der Erde aufschlug.

Als der Zug in Argus hielt, war ich ein Klumpen verdrossener Kälte. Es tat weh, als ich sprang und mir die kalten Knie und die Handballen aufriß. Der Schmerz stachelte mich genügend an, die Schilder in den Fenstern zu lesen und mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wo denn bloß Tante Fritzies Laden war. Es war Jahre her, daß wir dort zu Besuch gewesen waren.

Karl war älter, und wahrscheinlich sollte ich mich nicht auch noch dafür verantwortlich fühlen, daß ich auch ihn verlor. Andererseits half ich ihm aber auch nicht. Ich rannte bis ans Ende der Stadt. Ich konnte es nicht aushalten, wie sein Gesicht im reflektierten Licht der Blüten glühte, rosa und strahlend, genau wie wenn er unter der streichelnden Hand unserer Mutter saß.

Als ich stehenblieb, stiegen mir plötzlich heiße Tränen in die Augen, und meine Ohren brannten. Ich sehnte mich danach zu weinen, aber ich wußte, daß das nichts brachte. Ich drehte mich um und betrachtete alles um mich her ganz genau, und das war ein Glück, denn ich war an der Metzgerei vorbeigelaufen, und jetzt stand sie plötzlich da, um eine kurze Lehmeinfahrt von der Straße zurückversetzt. Ein weißes Schwein war auf die Hauswand gemalt und in das Schwein die Buchstaben KOZKAS FLEISCHWAREN. Zwischen Reihen winziger Fichten ging ich darauf zu. Das Haus sah unfertig, aber wohlhabend aus, als seien Fritzie und Pete zu sehr mit der Kundschaft beschäftigt, um auf Äußerlichkeiten achten zu können. Ich stand auf der breiten Stufe vor der Tür und merkte mir alles, was ich konnte, wie Bettler das tun. Ein Brett mit Wapiti-Geweihen war über die Tür genagelt. Ich ging unter ihnen durch.

Der Eingang war dunkel, und mein Herz hämmerte. Ich hatte so viel verloren und so unter dem Kummer und der Kälte gelitten, daß das, was ich nun sah, sicherlich ganz natürlich war, verständlich, wenn auch nicht real.

Noch einmal sprang der Hund auf Karl zu, und Blüten fielen von seinem Stock. Nur fielen sie jetzt über mir herunter, im Eingang zum Laden. Ich roch die Blütenblätter, die auf meinem Mantel schmolzen, schmeckte ihre schwache Süße in meinem Mund. Ich hatte keine Zeit, mich zu fragen, wie das wohl geschehen konnte, denn sie verschwanden so plötzlich wieder, wie sie gekommen waren, als ich dem Mann hinter der Glastheke meinen Namen nannte.

Onkel Pete war groß und blond und trug eine alte blaue Jeansmütze von der gleichen Farbe wie seine Augen. Sein Lächeln kam langsam und war lieb für einen Metzger, voller Hoffnung. «Ja?» fragte er. Er erkannte mich nicht, auch nachdem ich ihm gesagt hatte, wer ich war. Schließlich weiteten sich seine Augen, und er rief nach Fritzie.

«Die Tochter deiner Schwester! Sie ist hier!» rief er in den Flur hinein.

Ich erzählte ihm, daß ich allein sei, daß ich in einem Güterwagen hergekommen sei, und er nahm mich in die Arme und hob mich hoch. Er trug mich nach hinten in die Küche, wo Tante Fritzie gerade eine Wurst gebraten hatte, für meine Kusine, die schöne Sita, die am Tisch saß und die Augen aufriß, während ich Fritzie und Pete erzählte, wie es sich zugetragen hatte, daß ich so einfach aus dem Nichts hier hereingeschneit war.

Sie musterten mich mit wohlwollendem Mißtrauen, im Glauben, ich sei ausgerissen. Aber als ich vom Großen Omar erzählte, und wie Mama ihre Tasche hochgehoben und Omar ihr ins Flugzeug geholfen hatte, wurden ihre Gesichter grimmig.

«Sita, geh nach draußen und putz die Scheibe», sagte Tante Fritzie. Sita rutschte unwillig von ihrem Stuhl.

«So», sagte Fritzie. Onkel Pete setzte sich schwerfällig und stützte das Kinn auf die zusammengepreßten Fäuste. «Weiter, erzähl den Rest», sagte er, und so erzählte ich den ganzen Rest, und als ich fertig war, hatte ich auch ein Glas Milch getrunken und eine Wurst gegessen. Inzwischen war ich so müde, daß ich kaum noch aufrecht sitzen konnte. Onkel Pete hob mich hoch. Ich erinnere mich noch daran, daß ich gegen ihn sank, dann an nichts mehr. Ich schlief den ganzen Tag und die ganze Nacht durch und wachte erst am nächsten Morgen auf.

Ich lag ganz still da, lange Zeit, so schien es mir, und versuchte, die Gegenstände im Zimmer unterzubringen, bis mir einfiel, daß sie alle Sita gehörten.

Hier sollte ich nun für den Rest meines Lebens jede Nacht schlafen. Die Täfelung war aus warmer gebeizter Kiefer. Die Vorhänge waren mit Tänzern und Noten gemustert. Der größte Teil der einen Wand wurde von einer hohen eichenen Frisierkommode mit kunstvollen Schnörkeln und vielen Schubladen eingenommen. Darauf stand eine hölzerne Lampe in Form eines Wunschbrunnens. Ein bodenlanger Spiegel war an der Innenseite der Zimmertür angebracht. Durch diese Tür kam nun, während ich noch meine Umgebung in mich aufnahm, Sita persönlich hereinspaziert, groß und makellos, mit einem blonden Zopf, der ihr bis an die Taille reichte.

Sie setzte sich auf die Kante meines Rollenbetts und verschränkte die Arme vor ihren kleinen jungen Brüsten. Sie war ein Jahr älter als ich und ein Jahr jünger als Karl. Seit ich sie zum letztenmal gesehen hatte, war sie plötzlich hochgeschossen, aber das Wachstum hatte sie weder ungelenk noch staksig gemacht. Sita grinste. Sie schaute auf mich herunter, ihre kräftigen weißen Zähne glänzten, und sie streichelte den blonden Zopf, der ihr über die eine Schulter hing.

«Wo ist Tante Adelaide?» fragte sie.

Ich antwortete nicht.

«Wo ist Tante Adelaide?» sagte sie noch einmal mit wütender Singsangstimme. «Wieso bist du hier? Wo ist sie hin? Wo ist Karl?»

«Ich weiß nicht.»

Wahrscheinlich dachte ich, die Jämmerlichkeit meiner Antwort würde Sita verstummen lassen, aber das war, bevor ich sie richtig kennenlernte.

«Wieso hat sie dich allein gelassen? Wo ist Karl? Was ist das hier?»

Sie nahm die blaue Samtschatulle von meinem Kleiderhaufen und schüttelte sie dicht an ihrem Ohr. «Was ist da drin?»

Ich entriß ihr die Schatulle mit einer wütenden Behendigkeit, die sie nicht erwartete. Dann schwang ich mich vom Bett, nahm mein Kleiderbündel in die Arme und ging aus dem Zimmer. Die einzige Tür, die im Flur offenstand, war die zum Badezimmer, einem großen verrauchten Raum, der vielen Zwecken diente und bald meine Zuflucht wurde, da dies die einzige Tür war, die ich vor meiner Kusine verriegeln konnte.

Wochenlang, nachdem ich in Argus angekommen war, wachte ich täglich im Glauben auf, ich sei wieder in Prairie Lake und nichts von alledem sei geschehen. Dann sah ich die dunklen Astlöcher im Kiefernholz und Sitas Arm, der aus dem Bett über mir hing. Der Tag begann. Ich roch die Luft, die vom Wurstmachen pfefferig und warm war. Ich hörte das rhythmische Jaulen der Fleischsägen, Schneidemaschinen, den pulsierenden Takt von Ventilatoren. Tante Fritzie rauchte im Bad ihre starken Viceroys. Onkel Pete war draußen und fütterte den großen weißen deutschen Schäferhund, der nachts im Laden gehalten wurde, um die Segeltuchsäcke mit dem Geld zu bewachen.

Ich stand auf, zog eins von Sitas abgelegten rosa Kleidern an und ging hinaus in die Küche, um auf Onkel Pete zu warten. Ich machte das Frühstück. Daß ich im Alter von elf Jahren einen guten Kaffee kochen und Eier braten konnte, war eine Quelle des Staunens für meine Tante und meinen Onkel und eine Ungeheuerlichkeit für Sita. Deshalb tat ich es jeden Morgen, bis es ihnen zur Gewohnheit wurde, mich bei sich zu haben.

Ich plante, ihnen allen unentbehrlich zu werden, sie so von mir abhängig zu machen, daß sie mich niemals wegschicken könnten. Das tat ich ganz absichtlich, weil ich bald herausfand, daß ich sonst nichts zu bieten hatte. Am Tag, nachdem ich in Argus angekommen und unter Sitas anklagenden Fragen aufgewacht war, hatte ich versucht, ihnen das zu schenken, was ich für meinen Schatz hielt -die Samtschatulle, die Mamas Schmuck enthielt.

Ich tat es so würdevoll ich nur konnte, im Beisein von Sita als Zeugin, während Pete und Fritzie am Küchentisch saßen. An diesem Morgen trat ich mit naß gekämmtem Haar ein und legte die Schatulle zwischen meinen Onkel und meine Tante. Ich schaute von Sita zu Fritzie, während ich sprach.

«Dies dürfte als Entgelt reichen.»

Fritzie hatte die Gesichtszüge meiner Mutter, aber eine Spur zu scharf, um schön zu sein. Ihre Haut war rauh und ihr kurzes gelocktes Haar platinblond gebleicht. Ihre Augen hatten einen verschwommenen, verrückten Türkiston, der die Kundschaft verblüffte. Sie aß herzhaft, aber das beständige Rauchen hielt sie bohnendürr und bläßlich.

«Du brauchst uns nichts zu zahlen», sagte Fritzie. «Pete, sag's ihr. Sie braucht uns nichts zu zahlen. Setz dich, halt den Mund und iß.»

Fritzie redete so - barsch, aber im Spaß. Pete war langsamer.

«Komm. Setz dich und vergiß das mit dem Geld», sagte er. «Du weißt ja gar nicht, was deine Mutter überhaupt...» fügte er mit einer ernsthaften Stimme hinzu, die dann verklang. Die Dinge hatten eine Art, unter Fritzies Augen zu verdunsten, zu verschwinden, in die blaue Hitze ihres unverwandten Blicks aufgesaugt zu werden. Nicht einmal Sita hatte etwas zu sagen.

«Ich möchte euch dies hier schenken», sagte ich. «Ich bestehe darauf.»

«Sie besteht darauf», rief Tante Fritzie aus. Ihr Lächeln hatte einen verwegenen Schwung, weil einer ihrer Schneidezähne abgebrochen war. «Besteh doch nicht darauf!» sagte sie.

Aber ich weigerte mich, mich zu setzen. Ich nahm ein Messer vom Butterteller und fing an, das Schloß aufzubrechen.

«Na, jetzt aber», sagte Fritzie. «Pete, hilf ihr.»

Pete stand also auf, holte einen Schraubenzieher, der auf dem Kühlschrank lag, setzte sich und zwängte die Spitze unter das Schloß.

«Laß sie es selbst aufmachen», sagte Fritzie, als das Schloß aufsprang. Pete schob die kleine runde Schatulle über den Tisch.

«Ich wette, die ist leer», sagte Sita. Sie ging ein ziemliches Risiko ein, als sie das sagte, aber es zahlte sich haushoch für sie aus, unsere ganze weitere gemeinsame Jugend hindurch, denn einen Moment später hob ich den Deckel, und was sie sagte stimmte. In der Schatulle war nichts von Wert.

Stecknadeln. Ein paar dicke Metallknöpfe von einem Mantel. Und ein Pfandschein, der einen Ring und eine granatbesetzte Kette beschrieb, die für so gut wie nichts in Minneapolis versetzt worden waren.

Es war still. Sogar Fritzie war um Worte verlegen. Sita schwirrte fast vom Stuhl vor Triumph, hielt aber den Mund bis später, wo sie dann loskrähen würde. Pete fuhr sich mit der Hand an den Kopf. Ich stand stumm da, während meine Gedanken sich im Kreis drehten. Wäre Sita nicht dagewesen, so wäre ich vielleicht zusammengebrochen und hätte den Tränen freien Lauf gelassen, wie in unserer Pension, aber bei ihr war ich auf der Hut.

Ich setzte mich hin, um außerhalb der Reichweite von Sitas stupsendem Ellbogen zu essen. Schon arbeitete mein Gehirn daran, wie ich mich an ihr rächen konnte, und schon jetzt war ich ihr weit voraus, wenn es ums Abrechnen ging, denn Sita lernte mich erst richtig kennen, als es schon viel zu spät war. Und so wurde ich, während die Jahre vergingen, lebensnotwendiger als jeder Ring oder jede Kette, während Sita zu jener Art von vergänglicher Schönheit heranblühte, die jeder vorübergehende Junge von einem Baum brechen und wegwerfen konnte, wenn der Duft vergangen war.

Ich stellte die Schmuckschatulle auf die Frisierkommode, die ich jetzt mit Sita teilte, und schaute nie wieder hinein. Ich erlaubte mir nicht nachzudenken und auch nicht, mich zu erinnern, sondern lebte einfach weiter. Nur die Träume konnte ich nicht abstellen. Nachts kamen sie: Karl, Mama, mein kleiner Bruder und Mr. Ober mit dem Mund voller Getreide. Sie versuchten, durch Luft und Erde zu greifen. Sie versuchten mir zu sagen, daß all das Sinn und Verstand habe. Aber ich hielt mir die Ohren zu.

Ich hatte mein Vertrauen in die Vergangenheit verloren. Sie waren Teil eines verblassenden Musters, das jenseits meines Verständnisses lag und mir keinen Trost brachte.

Karls Nacht

Als Karl sich an diesem Morgen wieder in dem Güterzug niederließ, beschloß er, sich nicht mehr zu rühren, bis er sterben würde. Aber dann fuhr der Zug nicht so weiter, wie er sollte. Keine zehn Meilen außerhalb von Argus wurde Karls Waggon vom Rest des Zuges abgekuppelt und blieb stehen. Den ganzen Tag sah er, wenn er vom Dösen aufwachte, dieselben beiden hohen silbernen Kornsilos am Ende der Geleise. Am Spätnachmittag war er so durstig, ausgekühlt und hungrig und hatte das Warten auf den Tod so satt, daß er, als ein Mann sich durch die Tür hereinschwang, froh um diesen Vorwand war, das Sterben aufschieben zu können.

Karl hatte sich in das Heu aus den aufgebrochenen Ballen vergraben, und der Mann setzte sich keinen halben Meter vor ihm hin, ohne ihn zu sehen. Karl betrachtete ihn genau. Zunächst kam er ihm alt vor. Sein Gesicht war zu einem ledrigen harten Braun verbrannt. Seine Augen verloren sich fast in den Blinzelfalten; seine Lippen waren schmal. Er sah steinhart aus unter seinen Kleidern, den Überresten einer alten Armeeuniform, und als er sich einen Zigarettenstummel anzündete, reflektierte das Streichholz zwei dünne Flammen in seinen Augen. Er blies den Rauch in einem Ring aus. Sein Haar war eher lang, sandfarben, und sein Bart war stoppelig.

Karl sah zu, wie der Mann seine Zigarette vorsichtig bis zum Papierende hinunterrauchte, und dann sprach er.

«Hallo?»

«Huaah!» Der Mann fuhr hoch und taumelte nach hinten, dann fing er sich. «Was zum...»

«Ich heiße Karl.»

«Verdammt, hab' ich einen Schreck gekriegt.» Der Mann starrte ins Dunkel um Karl und lachte dann abrupt auf. «Du bist ja noch ein Kind», sagte er, «und, ach Gottchen, siehst du trottelig aus. Komm mal her.»

Karl trat heraus und stand im breiten Lichtkegel der Tür. Das Heu, in dem er geschlafen hatte, hing an seinem Mantel und steckte in seinem Haar. Er starrte den Mann unter einer Handvoll von Gräsern hervor an, und sein Blick war so kummervoll, daß der Mann friedfertiger wurde.

«Du bist ein Mädchen, stimmt's?» sagte er. «Tut mir leid wegen meiner Ausdrucksweise.»

«Ich bin kein Mädchen.»

Aber Karl war noch nicht ganz durch den Stimmbruch, und der Mann war nicht überzeugt. «Ich bin kein Mädchen», wiederholte Karl. «Was hast du gesagt, wie du heißt?»

«Karl Adare.»

«Karla», sagte der Mann. «Ich bin ein Junge.»

«Mhm.» Der Mann drehte sich eine neue Zigarette. «Ich bin Sankt Ambrosius.» Karl nickte vorsichtig.

«Das ist kein Witz», sagte der Mann. «Mein Nachname ist Sankt Ambrosius. Vorname Giles.»

Karl setzte sich neben Giles Sankt Ambrosius auf den Heuballen. Der Hunger ließ ihm alles im Kopf verschwimmen. Er mußte blinzeln, um noch klar zu sehen. Trotzdem merkte er jetzt, daß der Mann nicht so alt war, wie er zuerst angenommen hatte. Jetzt, wo er nahe bei ihm saß, sah Karl, daß sein Gesicht von Sonne und Wind, nicht vom Alter gegerbt war.

«Ich komme aus Prairie Lake», brachte Karl heraus. «Wir hatten ein Haus.»

«Und habt es verloren», sagte Giles und schaute Karl durch Wolken von Rauch an. «Wann hast du zum letztenmal gegessen?»

Das Wort essen bewirkte, daß Karls Zähne aufeinanderschlugen und ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Wortlos starrte er Giles an.

«Hier.» Giles nahm ein in Zeitungspapier gewickeltes viereckiges Päckchen aus seiner Jackentasche. Er packte es aus. «Das ist gut, es ist Schinken», sagte er.

Karl nahm ihn in beide Hände und aß mit so jäher Gier, daß Giles vergaß, an seiner Zigarette zu ziehen.

«Das Zuschauen hat schon gelohnt», sagte er, als Karl fertig war. «Ich wollte dich bitten, mir ein Stück übrigzulassen, aber ich habe es nicht fertiggebracht.»

Karl faltete das Zeitungspapier zusammen und gab es Giles zurück.

«Schon recht», winkte Giles ab. Er faßte nach unten und hob den Stock auf, den Karl mit in den Güterwagen gebracht hatte. Ein paar verwelkte graue Blüten hingen noch an den knotigen Verdickungen. «Der würde eine gute Moskitopatsche abgeben», sagte Giles.

«Der gehört mir», sagte Karl.

«Ach ja?» sagte Giles und peitschte damit durch die Luft. «Hat dir gehört. Jetzt nicht mehr. Guter Tausch.»

Das, was jetzt mit Karl geschah, sollte ihn später beschämen, aber er konnte nicht anders. Der Ast erinnerte ihn an den springenden Hund, an sein Knurren mit gefletschten Zähnen, an Mary, die wie angewurzelt auf der Straße stand, und an sich selbst, wie er mit aller Kraft an dem Baum riß und wie es ihm gelang, den Ast abzubrechen und damit um sich zu schlagen. Karls Augen füllten sich mit Tränen und liefen über.

«War doch nur ein Scherz», sagte Giles. Er rüttelte Karl am Arm. «Du kannst ihn wiederhaben.» Giles legte Karls Finger um den Ast, und Karl hielt ihn fest, konnte aber nicht aufhören zu weinen. Sein Inneres schmolz, floß über. Schluchzer brachen aus seiner Brust.

«Beruhig dich doch», sagte Giles. Er legte den Arm um Karls Schultern, und der Junge fiel gegen ihn und weinte jetzt in langen, herzzerreißenden, abrupten Klagelauten. «Du wirst üben müssen. Jungs tun so was nicht», sagte Giles. Doch Karl weinte weiter, bis sein wütender Kummer erschöpft war.

Als Karl später aufwachte, dämmerte es. Er konnte kaum etwas sehen, und die Luft war von einem dumpfen, wirren Brausen erfüllt, das wie Sturzbäche von Regen oder Hagel klang. Karl streckte die Hand nach Giles aus, voller Angst, daß er verschwunden sei, aber der Mann war noch da.

«Was ist das?» fragte Karl und ließ seine Hände über Giles' rauhe Armeejacke gleiten. Beruhigt ließ er sich zurückfallen, als Giles murmelte: «Die laden nur das Korn ein. Schlaf weiter.»

Karl starrte hinauf in das dunkle erregende Lawinengeräusch. Er machte Pläne, wie er und Giles in dem Güterwaggon Weiterreisen würden, gelegentlich in einer Stadt, die ihnen gefiel, abspringen und etwas zu essen stehlen, vielleicht auch ein verlassenes Haus zum darin Wohnen finden würden. Er malte sich aus, sie beide zusammen, von Hunden oder der Polizei bedroht, wie sie vor Bauern oder Ladenverkäufern davonliefen. Er sah sie beide vor sich, wie sie sich Hähnchen brieten und wie sie zusammen schliefen, fest zusammengerollt in einem rumpelnden Güterwagen, so wie jetzt.

«Giles», flüsterte er.

«Was?»

Karl wartete. Er hatte früher schon andere Jungen berührt, aber nur im Spaß, in den Gäßchen hinter der Pension. Dies war anders, und er war nicht sicher, ob er sich trauen würde, aber dann füllte sich sein Körper mit dem brausenden Geräusch. Er riskierte es, streckte die Hände aus, berührte Giles' Rücken.

«Was willst du?»

Karl schob seine Hand unter Giles' Jacke, und der Mann wandte sich ihm zu.

«Weißt du, was du da tust?» flüsterte Giles.

Karl spürte den Atem von Giles' Lippen und spitzte den Mund, um ihn zu küssen. Er schob die Hände wieder unter Giles' Kleider und rückte nahe heran. Giles wälzte sich auf ihn und drückte ihn tief ins Heu. Karl fröstelte, und dann durchflutete es ihn warm, als Giles begann.

«Du bist wirklich kein Mädchen», murmelte Giles in Karls Haar, dann küßte er Karl auf den Hals und begann ihn auf eine neue Art zu berühren, überall, heftig, aber auch vorsichtig, bis Karls Körper sich unerträglich spannte und dann losließ, abrupt, in einem langen dunklen Stoß. Als Karl wieder zu sich kam, schlang er die Arme ganz fest um Giles, aber der Augenblick war vorbei. Giles löste seine Arme sachte und rollte sich neben ihn. Sie lagen zusammen, Seite an Seite, beide schauten hinauf in das Korngeräusch, und Karl war sich seines Gefühls sicher.

«Ich liebe dich», sagte er.

Giles antwortete nicht.

«Ich liebe dich», sagte Karl noch einmal.

«Ach Gottchen, das war doch weiter nichts», sagte Giles nicht unfreundlich. «Das kommt vor. Jetzt steigere dich nur nicht hinein, okay?»

Dann drehte er sich von Karl weg. Nach einer langen Weile kam Karl hoch auf die Knie. «Giles, schläfst du?» fragte er. Es kam keine Antwort. Karl spürte, wie Giles langsam atmete, wie sein Körper erschlaffte, wie seine Beine zuckten, als er in einen noch tieferen Abgrund von Schlaf fiel.

«Arschloch...» flüsterte Karl. Giles wachte nicht auf. Karl sagte es noch einmal, ein wenig lauter. Giles schlief. Dann geriet Karl in einen schwarzen Aufruhr, einen schweren Traum, in dem die Dinge sich zeitlich vermischten und Adelaides Haar sich aus ihrem Knoten löste, noch einmal, um die Schultern des schlanken Piloten zu umgarnen. Er sah sie in den Himmel davonfliegen, und dann erinnerte er sich an das Messer, das sie ihm geschenkt hatte. Er zog es heraus, zum erstenmal seit Minneapolis, und prüfte die Schneide mit dem Finger.

«Es ist scharf», warnte er. Er stieß es ein- oder zweimal durch die Dunkelheit und kam sogar dicht genug, um in die zerrissene Wolle von Giles' Jacke zu stechen. Doch Giles wachte nicht auf, und nach einer Weile klappte Karl das Messer zu und steckte es zurück in die Tasche.

Das Brausen hörte abrupt auf. Giles regte sich, wachte aber nicht auf. Durch die Risse zwischen den Latten sah Karl Laternen kreisen, schwingen und sich fortbewegen. Und dann kam ein plötzlicher Ruck, und noch einer, und noch einer, die ganze Reihe von Waggons hindurch, bis auch ihrer sich wuchtig in Bewegung setzte und langsam Fahrt aufnahm.

«Das kommt vor», sagte Karl da, Giles' Worte wiederholend. «Das kommt vor.»

Als er das sagte, fühlte es sich an, als risse sein Herz auf. Nicht einmal in seinem Weinkrampf hatte er die ganze Tiefe seines Verlusts durchmessen. Jetzt verschlang sie ihn. Dort lag der Ast, noch immer von schwachem Duft umgeben. Er hob ihn auf und stand dann in der Dunkelheit. Er wollte sich weder übergeben noch schreien. Er wollte nie wieder auf jemandes Schoß weinen. So stand er da, während der Zug dahinrollte, und schaute mit gerunzelter Stirn ins Nichts, und dann, leicht und schnell wie ein Reh, sprang er vor und lief geradewegs zur Tür des fahrenden Güterwagens hinaus.

ZWEITES KAPITEL
1932

Sita Kozka

Meine Kusine Mary kam eines Morgens mit dem Frühgüterzug an, mit nichts als einer alten blauen Andenkenschatulle voller wertloser Stecknadeln und Knöpfe. Mein Vater nahm sie in die Arme und trug sie durch den Flur in die Küche. Ich war schon zu alt, um noch herumgetragen zu werden. Er setzte sie hin, und dann sagte meine Mutter: «Geh und putz die Theken, Sita.» Deshalb weiß ich nicht, was für Lügen sie ihnen danach erzählt hat.

Später legten meine Eltern sie dann in mein Bett zum Schlafen. Als ich dagegen protestierte und sagte, daß sie doch auch auf dem Ausrollbett schlafen könnte, sagte meine Mutter: «Gott noch mal, da kannst du doch gefälligst auch drauf schlafen.» Und so bin ich dann in dieser Nacht zusammengekrümmt auf dem Rollbett gelandet, und dabei ist das viel zu kurz für mich. Beim Schlafen hingen mir die Beine hinaus in die kalte Luft. Am nächsten Morgen war ich Mary nicht gerade herzlich zugetan, und wer kann mir das schon verübeln?

Außerdem war an dem Tag, als sie das erste Mal in Argus aufwachte, dann das mit den Kleidern.

Es war gut, daß sie die blaue Andenkenschatulle gleich beim Frühstück aufmachte und nur lauter Schrott drin fand, wie ich schon sagte, denn wenn mir meine Kusine an diesem Tag nicht leid getan hätte, dann hätte ich mir nicht gefallen lassen, daß Mary und meine Mutter meinen Kleiderschrank und meine Kommode durchstöberten. «Die paßt wie angegossen», sagte meine Mutter und hielt eine von meinen Lieblingsblusen hoch. «Probier sie an!» Und Mary tat es. Dann legte sie sie in ihre Schublade, und das war noch mal so was. Ich mußte auch noch zwei von meinen Schubladen für sie freimachen.

«Mutter», sagte ich, nachdem das einige Zeit so gegangen war und ich schon langsam dachte, ich müßte das ganze nächste Schuljahr über die gleichen drei Sachen anziehen, «Mutter, jetzt reicht's aber.»

«Quatsch», sagte meine Mutter, die eben so redet. «Deine Kusine hat nicht einen Faden am Leib.»

Dabei hatte sie inzwischen schon die Hälfte meiner Sachen, eine ganze Garderobe, und die vergrößerte sich noch ständig, weil meine Mutter sich immer mehr dafür begeisterte, das arme Waisenkind einzukleiden. Dabei war Mary in Wirklichkeit gar kein Waisenkind, obwohl sie darauf herumritt, um Mitleid zu erregen. Ihre Mutter lebte noch, auch wenn sie meine Kusine verlassen hatte, was ich übrigens bezweifelte. Ich dachte wirklich, Mary sei ihrer Mutter nur weggelaufen, weil sie Adelaides Stil nicht richtig zu würdigen wußte. Nicht jeder versteht es, sein gutes Aussehen zu seinem Vorteil zu nutzen. Meine Tante Adelaide verstand es. Sie war meine Lieblingstante, und ich freute mich immer halbtot, wenn sie uns besuchen kam. Aber sie kam nicht oft, weil meine Mutter auch keine Ahnung von Stil hatte.

«Bei wem willst du denn Eindruck schinden?» trompetete sie, wenn Adelaide in einem Kleid mit Pelzkragen zum Essen erschien. Mein Vater wurde dann immer ganz rot und schnitt an seinem Fleisch herum. Er sagte nicht viel, aber ich weiß, daß er Adelaide keinen Deut mehr schätzte als ihre ältere Schwester. Meine Mutter sagte, sie hätte Adelaide immer verwöhnt, weil sie das Küken in der Familie war. Dasselbe sagte sie von mir. Aber ich glaube nicht, daß ich irgendwann verwöhnt worden bin, nicht ein bißchen, denn ich mußte immer genau wie alle anderen arbeiten und die Hühnermägen auswaschen.

Den Mittwoch habe ich immer gehaßt, weil das der Tag war, an dem wir Hühner schlachteten. Der Farmer brachte sie in aufeinandergestapelten Käfigen aus dünnen Holzleisten. Canute, der den größten Teil des Schlachtens besorgte, tötete eins nach dem anderen, indem er ihnen mit der langen Klinge seines Messers in den Hals stach. Nachdem die Hühner geschlachtet, gerupft und aufgeschnitten waren, bekam ich die Mägen. Kaffeebüchse auf Kaffeebüchse voller Mägen. Ich träume noch davon. Ich mußte jeden Magen von innen nach außen wenden und ihn in einer Wanne mit Wasser auswaschen. Die ganzen Kieselsteinchen und harten Samen fielen heraus auf den Grund. Manchmal fand ich auch Metallstückchen und Glasscherben. Einmal fand ich einen Brillanten.

«Mutter!» brüllte ich und hielt ihn in der ausgestreckten Hand. «Ich hab einen Diamanten gefunden!» Alle waren so aufgeregt, daß sie sich um mich drängten. Und dann ging meine Mutter mit dem kleinen glitzernden Stein zum Fenster. Er ritzte das Glas natürlich kein bißchen, und ich mußte weiter Mägen saubermachen. Aber einen kurzen Moment lang war ich sicher, daß der Diamant uns reich gemacht hätte, was mich auf einen anderen Diamanten bringt. Einen Kuhdiamanten, mein Erbstück.

Eigentlich war das ein Witz mit dem Erbstück, zumindest war es für meinen Papa ein Witz. Ein Kuhdiamant ist die harte runde Linse im Auge einer Kuh, die glänzt, wenn man bei Licht durch sie hindurchschaut, fast wie ein Opal. Man könnte nie einen Ring daraus machen oder sie für sonst irgendeinen Schmuck verwenden, weil sie zerspringen würde, und natürlich hat sie keinen Wert. Mein Vater trug den Kuhdiamanten vor allem als Glücksbringer bei sich. Er schnipste ihn manchmal zwischen dem Bedienen in die Luft, und manchmal sah ich, wie er beim Cribbage-Spielen mit der Hand darüber fuhr. Ich wollte den Kuhdiamanten haben. Eines Tages fragte ich ihn, ob er ihn mir schenken würde.

«Das kann ich nicht», sagte er. «Er ist mein Glücksbringer. Aber du kannst ihn erben, wie wär's damit?»

Vermutlich blieb mir vor Staunen der Mund offenstehen, weil mein Vater mir immer alles gab, worum ich bat. Wir hatten zum Beispiel ein kleines Glas mit Süßigkeiten, draußen, über der Wurst, und ich durfte Bonbons essen, wann ich wollte. Ich brachte oft Gummilutscher mit in die Schule für die Mädchen, die ich gern mochte. Allerdings kaute ich nie Bubblegum, weil ich einmal gehört hatte, wie Tante Adelaide meiner Mutter ärgerlich erklärte, nur Flittchen würden Kaugummi kauen. Das war, als meine Mutter versuchte, das Rauchen aufzugeben, und immer ein Päckchen Kaugummis in ihrer Schürzentasche hatte. Ich war bei ihnen in der Küche, als sie sich darüber stritten. «Flittchen!» sagte meine Mutter, «da schilt wohl ein Esel den anderen Langohr!» Dann nahm sie den Kaugummi aus dem Mund und pappte ihn Adelaide in ihr langes welliges Haar. «Ich bring dich um!» wütete meine Tante. Es war schon toll zu sehen, daß Erwachsene sich auch mal so benahmen, aber ich kann es Tante Adelaide nicht verübeln. Mir würde es auch so gehen, wenn ich mir so einen großen Kaugummiklumpen aus dem Haar schneiden müßte und eine Strähne dann kürzer wäre. Ich kaute nie Kaugummi. Aber was immer ich sonst im Laden wollte, nahm ich mir einfach. Oder ich bat darum, und es wurde mir sofort gegeben. Deshalb also war die Weigerung meines Vaters eine Überraschung.

Schon als Kind hatte ich meinen Stolz, und ich habe den Kuhdiamanten nie wieder erwähnt. Aber jetzt kommt, was zwei Tage nach Mary Adares Ankunft geschah.

An dem Abend warteten wir aufs Gutenachtsagen. Ich lag in meinem eigenen Bett, und sie lag auf dem Rollbett. Sie war klein genug, daß sie dort hineinpaßte, ohne über den Rand zu hängen. Als letztes, bevor sie sich hinlegte, stellte sie Adelaides alte Andenkenschatulle auf meine Kommode. Ich habe nichts gesagt, aber das war schon wirklich traurig. Ich glaube, mein Papa fand das auch. Ich glaube, er kriegte Mitleid mit ihr. An diesem Abend kam er also ins Zimmer, steckte die Decke um mich fest, küßte mich auf die Stirn und sagte: «Schlaf gut.» Dann beugte er sich über Mary und küßte sie auch. Zu Mary sagte er aber noch: «Hier hast du einen Edelstein.»

Es war der Kuhdiamant, den ich so gern wollte, der Glücksbringer. Als ich über die Bettkante hinüberschaute und die blasse Linse in ihrer Hand leuchten sah, hätte ich sie anspucken können. Ich tat so, als sei ich schon eingeschlafen, als sie mich fragte, was das sei. Find es doch selbst heraus, dachte ich und sagte nichts. Ein paar Wochen später, als sie sich in der Stadt schon auskannte, ließ sie sich von irgendeinem Juwelier ein Loch durch das eine Ende des Glücksbringers bohren. Dann hängte sie sich den Kuhdiamanten an einem Stück Schnur um den Hals, als wäre er etwas Wertvolles. Später bekam sie ein goldenes Kettchen.

Erst mein Zimmer, dann meine Kleider, schließlich der Kuhdiamant. Aber das Schlimmste kam erst noch, als sie mir Celestine stahl.

Meine beste Freundin Celestine wohnte drei Meilen außerhalb der Stadt, mit ihrem Halbbruder und ihrer viel älteren Halbschwester zusammen. Sie waren Chippewas. Es gab nicht viele, die vom Reservat herunterzogen, aber Celestines Mutter war so eine gewesen. Sie hieß Regina Soundso und arbeitete bei Dutch James, führte ihm den Haushalt, als er noch Junggeselle war, und auch danach, als sie geheiratet hatten. Ich habe irgendwo aufgeschnappt, daß Celestine einen Monat nach der Hochzeit auftauchte, und daß Regina dann noch die anderen drei Kinder anbrachte, von denen Dutch James gar nichts gewußt hatte. Irgendwie ist es gutgegangen. Sie lebten alle friedlich zusammen, bis zu Dutch James' sonderbarem Tod. Er erstarrte zu Eis, und das in unserem Fleischkühlhaus. Aber das ist eine Geschichte, über die in unserem Haus keiner gern redet.

Jedenfalls wurden die anderen nie rechtmäßig adoptiert und trugen den Nachnamen Kashpaw. Celestine war eine James. Weil ihre Eltern starben, als Celestine noch klein war, war der Einfluß ihrer großen Schwester viel wichtiger für sie. Die konnte Französisch, und manchmal sprach Celestine französisch, um sich in der Schule aufzuspielen, aber noch öfter wurde sie wegen ihrer Größe aufgezogen und wegen den komischen Fähnchen, die ihre Schwester Isabel im Ramschladen in Argus für sie aussuchte.

Celestine war groß, aber nicht schwerfällig. Eher das, was meine Mutter als stattlich bezeichnete. Niemand schrieb Celestine etwas vor. Wir kamen und gingen und spielten, wo wir Lust hatten. Meine Mutter hätte mich beispielsweise nie auf einem Friedhof spielen lassen, aber wenn ich bei Celestine zu Besuch war, taten wir das. Es gab auf dem Landsitz von Dutch James einen Friedhof, ein Stückchen Land mit Gräbern von Kindern, die bei irgendeiner Husten- oder Grippeepidemie gestorben waren. Sie lagen dort ganz vergessen, nur von uns nicht. Ihre kleinen hölzernen oder schmiedeeisernen Kreuze standen schief. Wir stellten sie wieder gerade und schnitzten sogar auf den hölzernen Kreuzen mit einem Küchenmesser die Namen nach. Wir gruben aus dem ‹Ochsenjoch› am Fluß Veilchen aus und pflanzten sie auf die Gräber. Weil wir das alles taten, gehörte der Friedhof uns. Wir saßen gern dort an heißen Nachmittagen. Es war so schön. Der Wind kräuselte das lange Gras, unter uns durchsiebten Würmer die Erde, und Schwalben von den Schlammufern schössen in Paaren durch die Luft. Es war eigentlich ein nettes Plätzchen, nicht einmal besonders traurig. Aber natürlich mußte Mary alles kaputtmachen.

Ich unterschätzte Mary Adare. Vielleicht hatte ich auch zuviel Vertrauen, denn ich selbst schlug ja eines Tages im Frühsommer vor, Celestine besuchen zu gehen. Am Anfang ließ ich Mary auf dem Lenker meines Fahrrads sitzen, aber sie war so schwer, daß ich kaum fahren konnte.

«Jetzt trittst du mal», sagte ich und blieb mitten auf der Straße stehen. Sie fiel runter, sprang aber gleich wieder auf und stellte das Fahrrad gerade hin. Ich glaube, ich war auch schwer. Aber ihre Beine waren unermüdlich. Celestines indianischer Halbbruder Russell Kashpaw kam uns auf dem Weg zu Celestine entgegen. «Wer ist denn heute dein Sklave?» sagte er. «Ist die aber goldig! Dagegen verblaßt du ja glatt!» Ich wußte, daß er solche Sachen sagte, weil er das Gegenteil meinte, aber das wußte Mary nicht. Ich spürte, wie sie in meinem alten Sommerkleid vor Stolz anschwoll. Sie schaffte den ganzen Weg bis zu Celestine, und als wir dort waren, sprang ich ab und rannte schnurstracks hinein.

Celestine war beim Backen, richtig wie eine Erwachsene. Ihre große Schwester ließ sie backen, was sie wollte, egal wie süß. Celestine und Mary rührten eine Schüssel Plätzchenteig zusammen. Mary kochte auch gern. Ich nicht. So maßen sie ab und rührten, stellten die Backofenuhr ein und die Kuchengitter bereit, während ich mit einem Stück Wachspapier am Tisch saß, den Teig ausrollte und komplizierte Formen ausstach.

«Wo kommst du her?» fragte Celestine Mary, während wir arbeiteten.

«Aus Hollywood», sagte ich. Darüber lachte Celestine, aber dann sah sie, daß Mary das nicht komisch fand, und sie hörte auf.

«Nein, ehrlich», sagte Celestine.

«Minnesota», sagte Mary.

«Sind deine Eltern noch dort?» fragte Celestine. «Leben sie noch?»

«Nein, sie sind tot», sagte Mary rasch. Mir klappte der Unterkiefer runter, aber noch bevor ich ein Wort über die echte Wahrheit sagen konnte, sagte Celestine schon:

«Meine sind auch tot.»

Und da wußte ich, warum Celestine diese Fragen gestellt hatte, wo sie die ganze Geschichte und die Einzelheiten doch schon von mir kannte. Mary und Celestine lächelten einander in die Augen. Ich sah, daß es war wie bei zwei Leuten, die sich in einer Menschenmenge begegnen, sich aber schon lange Zeit kennen. Und was auch noch komisch war: Plötzlich sahen sie einander ganz ähnlich. Aber das war nur, wenn sie zusammen waren. Wenn nicht, hätte man es gar nicht gemerkt. Celestine hatte Haare von einem matten Rotbraun. Ihre Haut war oliv, ihre Augen waren tiefschwarz. Marys Augen waren hellbraun, und ihr Haar war dunkel und glatt. Zusammen, sagte ich ja schon, sahen sie sich trotzdem ähnlich. Es lag auch nicht an ihrer Figur. Mary war klein und stämmig, und Celestine war groß. Es lag an was anderem, entweder daran, wie sie sich benahmen, oder daran, wie sie redeten. Vielleicht war es eine Art Wildheit, die sie beide in sich hatten.

Als sie sich wieder dem Rühren und Abmessen zuwandten, merkte ich auch, daß sie netter zueinander waren. Sie standen dicht nebeneinander, so daß ihre Schultern sich berührten, lachten und bewunderten alles, was die jeweils andere tat, bis mir ganz schlecht wurde.

«Mary geht im Herbst auch in die Sankt Katharinen-Schule», unterbrach ich sie. «Sie kommt nach unten zu den kleinen Mädchen.»

Celestine und ich waren in der siebten Klasse, was bedeutete, daß unser Klassenzimmer jetzt auf dem oberen Stockwerk lag, und auch, daß wir für den Chor besondere blaue Wollbaretts tragen würden. Ich versuchte damit, Celestine daran zu erinnern, daß Mary zu jung war, um von uns ernsthafte Aufmerksamkeit zu verdienen, aber mir unterlief dabei der Fehler, daß ich nicht über das Bescheid wußte, was sich in der vergangenen Woche abgespielt hatte, als Mary in der Schule war, um sich von Schwester Leopolda einer Prüfung unterziehen zu lassen.

«Ich komme in deine Klasse», sagte Mary.

«Was soll das heißen?» sagte ich. «Du bist doch erst elf!»

«Die Schwester hat mich eine Klasse höher geschickt», sagte Mary, «in deine.»

Der Schock bewirkte, daß ich mich sprachlos über meine Ausstecher beugte. Dann war sie also auch noch gescheit. Ich wußte schon, daß sie groß darin war, durch Mitleid ihren Willen zu bekommen. Aber daß sie gescheit wäre, hätte ich von ihr nicht erwartet, und auch nicht, daß sie eine Klasse überspringen würde. Ich drückte die kleinen Blechherzen, -Sterne, -jungen und -mädchen in den Plätzchenteig. Das Mädchen-Förmchen erinnerte mich an Mary, kantig und dick.

«Mary», sagte ich, «willst du Celestine nicht erzählen, was in der kleinen Schatulle war, die du deiner Mutter aus dem Schrank gestohlen hast?»

Mary sah mir direkt in die Augen. «Gar nichts war drin», sagte sie.

Celestine starrte mich an, als sei ich übergeschnappt.

«Die Juwelen», sagte ich zu Mary, «die Rubine und die Diamanten.» Wir schauten einander in die Augen, und dann schien Mary einen Entschluß zu fassen. Sie zwinkerte mir zu und faßte sich vorn in den Ausschnitt. Sie zog den Kuhdiamanten an seiner Schnur heraus.

«Was ist das denn?» Celestine zeigte sofort Interesse.

Mary führte das Schauspiel vor, wie das Licht durch ihren Schatz schien und gebrochen und leuchtend auf die Haut ihrer Handfläche fiel. Die beiden standen am Fenster, wechselten sich mit der Kuhlinse ab und achteten gar nicht auf mich. Ich saß am Tisch und aß Plätzchen. Ich aß die Füße. Ich knabberte die Beine ab. Ich riß mit zwei Bissen die Arme ab und biß dann den Kopf ab. Übrig blieb ein formloser Körper. Auch den aß ich auf. Und dabei beobachtete ich die ganze Zeit Celestine. Sie war nicht hübsch, aber ihr Haar war dicht und schimmerte rötlich. Das Kleid hing ihr hinter den Knien zu weit herunter, aber ihre Beine waren kräftig. Ich mochte ihre starken Hände. Mir gefiel, wie sie sich Jungen gegenüber behaupten konnte. Aber hauptsächlich mochte ich Celestine, weil sie mir gehörte. Sie gehörte mir, nicht Mary, die schon so viel an sich gerissen hatte.

«Wir gehen jetzt raus», sagte ich zu Celestine. Sie tat immer, was ich sagte. Sie kam mit, wenn auch widerstrebend, und ließ Mary am Fenster stehen.

«Komm, wir gehen zu unserem Friedhof», flüsterte ich, «ich muß dir was zeigen.»

Ich hatte Angst, daß sie nicht mitkommen würde, daß sie sich entscheiden würde, bei Mary zu bleiben. Aber die Gewohnheit, mir zu folgen, war zu stark, als daß sie sie durchbrechen konnte. Sie kam zur Tür heraus und überließ es Mary, das letzte Blech Plätzchen aus dem Backofen zu nehmen.

Wir gingen hinten herum zum Friedhof.

«Was willst du?» sagte Celestine, als wir in das lange, geheimnisvolle Gras traten. Wilde Pflaumenbäume versperrten die Sicht auf das Haus. Wir waren allein.

Wir standen in der heißen Stille und atmeten die von Staub und dem Duft weißer Veilchen erfüllte Luft. Sie zupfte einen Grashalm ab und steckte sich das weiche Ende zwischen die Lippen, dann starrte sie mich unter ihren Augenbrauen hervor an.

Vielleicht wenn Celestine aufgehört hätte, mich anzustarren, hätte ich nicht getan, was ich dann tat. Aber sie stand da in ihrem zu langen Kleid, kaute auf dem Grashalm und ließ die Sonne auf uns herunterbrennen, bis mir einfiel, was ich ihr zeigen könnte. Meine Brüste waren empfindlich. Sie taten immer weh. Aber sie waren etwas, was Mary nicht hatte.

Einen nach dem anderen machte ich die Knöpfe meiner Bluse auf. Ich zog sie aus. Meine Schultern fühlten sich blaß und zerbrechlich an, steif wie Flügel. Ich zog mein Unterhemd aus und legte meine Hände von unten um meine Brüste.

Meine Lippen waren trocken. Alles wurde still.

Celestine unterbrach die Stille, indem sie Gras kaute, laut wie ein Kaninchen. Sie zögerte einen Moment lang, und dann machte sie auf dem Absatz kehrt. Sie ließ mich dort stehen, mit bloßen Brüsten, und schaute nicht einmal zurück. Ich sah zu, wie sie zwischen den Büschen verschwand, und dann strich eine Brise über mich und an mir vorbei wie eine leichte Hand. Was diese Brise mich dann tun ließ, war fast erschreckend. Etwas geschah, ich drehte mich langsam im Kreis.

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