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Die Revanche

1. KAPITEL

„Wie kannst du mich mit ihr vergleichen?!“ Marlene war empört, weil Konstantin ihr vorgeworfen hatte, sie würde sich nicht anders verhalten als Natascha.

„Du verstehst eben auch nicht, dass ich das jetzt durchziehen muss.“ Es ging um die Billardpartie gegen Gonzalo Pastoriza, mit der Konstantin seine Ehre wiederherstellen wollte. „Du warst eben noch nie in einer solchen Situation.“

„Du hast ja keine Ahnung!“, fauchte Marlene ihn an. Sie hatte schließlich ihre eigene Geschichte mit Gonzalo – von der Konstantin allerdings nichts wusste. „Ich will dir nur helfen. Aber du bist ja völlig vernagelt und schlägst lieber blind um dich. Wärst du wirklich ein Profi, könntest du dich einschätzen.“

Er schluckte betroffen. „Marlene … Ich habe das nicht so gemeint.“

Aber sie war inzwischen so außer sich, dass sie seine Entschuldigung nicht annehmen konnte. „Kann mir doch egal sein, ob Gonzalo dich fertigmacht!“, schnaubte sie. „Und das wird er!“

„Ich kann jetzt nicht mehr kneifen!“, rechtfertigte sich Konstantin. „Ich muss spielen! Auch wenn du mich für bescheuert hältst!“ Eigentlich war er ja auch gar nicht sauer auf Marlene. „Ich ärgere mich über mich selbst.“ Wütend schlug er mit der Faust auf den Billardtisch. „Weil dieser Cabrón es schon wieder geschafft hat, mich zu provozieren. Wie damals in Buenos Aires …“

Als Marlene kurz darauf in ihrem Laden stand, war sie immer noch furchtbar gekränkt. Trieb sie Spielchen mit Konstantin, redete sie ständig über sich? Wer verstand ihn denn ohne Wort? Und trotzdem verglich er sie mit ihrer Mutter. Dabei hatte Marlene ihn doch nur vor einer Blamage bewahren wollen. Diese blöde Ehre! In dem Punkt war er genauso wie Gonzalo. Marlene hasste diese argentinischen Machos! Aber vor allem verletzte es sie, dass ausgerechnet Konstantin sie so angegangen hatte …

Auch wenn es Nils schwerfiel, musste er zugeben, dass Sabrinas neuer Twist-Kurs ein voller Erfolg war.

„Vielleicht kannst du das ja sogar zweimal in der Woche anbieten?“, schlug er widerwillig vor.

Sie grinste geschmeichelt. „Dann muss ich mal sehen, ob ich das mit meinen Verpflichtungen als Literaturagentin unter einen Hut kriege“, erklärte sie. Julius’ Roman kam heute auf den Markt. Was in der nächsten Zeit viele Termine nach sich ziehen würde.

„Wenn jemand einer solchen Doppelbelastung gewachsen ist, dann doch du“, erwiderte Nils ironisch.

„Manchmal wird man vom Erfolg einfach überrollt.“ Kokett zwinkerte sie ihm zu.

„Dann muss ich die Hoffnung also noch nicht aufgeben, dass du irgendwann Miete bezahlst?!“

Sabrinas Miene verdüsterte sich schlagartig. In der Tat hatte Nils von ihr noch keinen Cent gesehen, seit sie bei ihm eingezogen war. Sie wusste nicht, woher sie das Geld nehmen sollte. Schulden bei ihrem Vater hatte sie ja auch noch.

Voller Stolz präsentierte Julius Charlotte den Karton mit den Belegexemplaren seines Romans. Er nahm ein Buch heraus und überreichte es ihr mit einer spielerischen Verbeugung.

„Der Knecht und die Gräfin“, sagte sie und schmunzelte. „Wie schön der Einband geworden ist!“ Sie schlug das Buch auf und betrachtete nun das Foto von Julius. „Und so ein fescher Autor …“

Bescheiden winkte er ab, nahm sich dann selbst ein Buch und las laut den Text zu seiner Biografie. „Julius König widmete sein halbes Leben dem Bierbrauen, bis er sein schriftstellerisches Talent entdeckte und mit diesem historischen Roman das Fundament für eine zweite Karriere legte. Der 1968 in Bad Tölz geborene …“ Er stockte. „1968?! Ich bin Jahrgang 58!“

„Ein Vertipper vielleicht?“, meinte Charlotte.

Doch er ging sofort in die Luft. „Das darf nicht wahr sein!“, ereiferte er sich. „Ich werde zur Lachnummer, Charlotte! Die Leser werden mich für einen eitlen Gockel halten, der vergessen hat, sich liften zu lassen, nachdem er sein Alter frisiert hat.“

„Unsinn!“, protestierte sie.

„Ich stehe zu meinem Alter!“, beharrte er.

„Und das kann keinen Tag mehr als fünfundvierzig sein“, erwiderte sie liebevoll.

„Machst du dich jetzt lustig über mich?“, knurrte er.

„Nein“, beteuerte sie lächelnd. „Ehrlich.“

Wider Willen musste Julius grinsen. „Du bist eine ganz lausige Schummlerin, Charlotte Saalfeld …“

Doris hatte sich in Schale geworfen, was Werner halb amüsiert, halb irritiert registrierte.

„Übertreibst du nicht etwas mit deinem Outfit?“, fragte er. „Ein Billardspiel ist doch kein Opernabend.“

„Offenbar verkennst du noch immer die Bedeutung dieses Wettkampfs“, entgegnete sie. „Dieses Match ist nicht einfach nur eine sportliche Auseinandersetzung … Es ist Konstantins einmalige Chance, seine Ehre wiederherzustellen. Gegen diesen Verbrecher.“

„Dass die Südamerikaner auch immer alles gleich so dramatisieren müssen.“ Werner verdrehte die Augen.

„Hättest du Herrn Pastoriza nicht hierher gelotst …“ Ein deutlicher Vorwurf lag in ihren Worten.

„Im besten Glauben und als Attraktion für das Hotel, meine Liebe“, verteidigte sich der Senior sofort. „Immerhin ist der junge Mann Weltmeister im 8-Ball-Poolbillard. Und sein Vater ist argentinischer Botschafter.“

„Ein Grund mehr, warum ich unserem Sohn, so gut es geht, den Rücken stärken werde!“, sagte sie und zupfte ihr elegantes Kleid zurecht. „Und dasselbe erwarte ich von dir.“

„Ich habe gleich noch einen wichtigen Geschäftstermin, den ich ungern absagen würde“, meinte Werner.

Sie sah ihm ernst ins Gesicht. „Wenn Robert oder Alexander an Konstantins Stelle wären – hätte da ein beruflicher Termin auch Vorrang?“

Er seufzte. „Na schön. Wenn es so wichtig ist, dann verschiebe ich das Meeting und schaue mir das Spiel an.“

Auch Natascha hatte sich schön gemacht und wollte ihren Freund vor der Billardpartie ein wenig aufbauen.

„Ich könnte versuchen, deinen Kontrahenten ein bisschen abzulenken“, schlug sie vor und fuhr sich lasziv mit einem Finger übers Dekolleté.

„Das wird nichts bringen“, sagte Konstantin finster. „Gonzalo ist absoluter Profi.“

„Das bin ich auch“, entgegnete sie und setzte ein divenhaftes Lächeln auf. „Ich weiß, wie man die Aufmerksamkeit eines Mannes gewinnt.“

„Du hast es erfunden“, gab Konstantin zu. „Aber ich schaffe es auch so, diesen arroganten Angeber wegzuputzen.“ In Wahrheit war er natürlich keineswegs so optimistisch, und Natascha spürte das. Bevor er ging, spuckte sie ihm dreimal über die Schulter und wünschte ihm toi, toi, toi.

Michael wäre zu gerne bei dem Billardspiel dabei gewesen. Er hätte dafür sogar seine Praxis geschlossen, hätte er früher davon erfahren.

„Am liebsten wäre ich dabei, wenn Herr Riedmüller diesen Pastoriza in seine Schranken verweist“, sagte er zu Marlene. „Auch wenn er Weltmeister ist … Dieser Mistkerl hätte eine Abreibung mehr als verdient, nach allem, was er dir damals angetan hat.“ Sie schwieg unangenehm berührt. „Ruf mich nach dem Match auf jeden Fall an und sag mir, wie es gelaufen ist, ja?“, bat er.

„Ich gehe nicht hin“, erklärte sie leise.

„Warum?“ Ehrlich verblüfft sah ihr Freund sie an. „Bei einem Billardspiel ist das doch wie bei jedem Sport: Je mehr Anhänger da sind, umso sicherer spielt man.“

„Das gilt aber nur für gleichstarke Gegner“, wandte sie ein. „Und so gerne ich etwas anderes glauben würde … Ich bin sicher, Gonzalo gewinnt. Und da …“ Sie geriet ins Stammeln. „Da will ich lieber nicht dabei sein … Wenn Konstantin gedemütigt wird …“

Sofort regte sich in Michael die altbekannte Eifersucht, aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. „Also, ich werde ihm jedenfalls trotzdem die Daumen drücken“, meinte er nur.

Das Duell konnte beginnen: Gonzalo und Konstantin standen sich am Billardtisch gegenüber. Im angemessenen Abstand hielten sich einige Zuschauer auf. Nur Natascha hatte sich demonstrativ in die Nähe des Billardtisches gestellt und bemühte sich um eine laszive Wirkung. Damit zog sie natürlich sofort den Groll von Doris van Norden auf sich. Gonzalo hingegen versuchte, mit ihr zu flirten, was Konstantin verbissen registrierte. Immerhin bekannte sich Natascha klar und deutlich zu ihm.

Die Spielregeln waren klar: Am Ende von jedem Satz musste die Acht als letzte Kugel versenkt werden. Konstantin und Gonzalo würden drei Gewinnsätze spielen. Und Sieger würde sein, wer die Acht häufiger versenkte als der andere.

Konstantin machte den Anfang. Und zunächst unterlief ihm kein einziger Fehler. Präzise und konzentriert führte er einen Stoß nach dem anderen aus.

„Wenn er so weiterspielt, hat er den ersten Satz sicher …“, raunte Werner Natascha ins Ohr.

„Ja“, erwiderte sie und straffte die Schultern. Konstantin versenkte eine weitere Kugel. Gonzalos Miene verfinsterte sich. Und Natascha klatschte übermütig in die Hände. „Der Sieger bekommt einen Kuss von mir!“, rief sie.

Doris und Werner warfen ihr einen missbilligenden Blick zu. Wie konnte sie die Konzentration im Raum nur so stören? Konstantin war für einen Moment sichtlich aus dem Konzept gebracht. Gonzalo fixierte ihn mit einem höhnischen Grinsen und tat so, als wollte er sich mit der linken Hand die rechte zerquetschen. Konstantins Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

Er versuchte, die Wut niederzukämpfen, und beugte sich wieder über den Tisch. „Sechs, über Band, in die Mitteltasche“, sagte er an. Doch die Kugel ging knapp an der Mitteltasche vorbei. Scheinbar ohne äußere Regung überließ Konstantin nun Gonzalo das Spiel.

Der schenkte Natascha ein siegessicheres Lächeln. „Ich mag es, wenn es um mehr als die Ehre geht“, erklärte er und legte dann routiniert seinen Queue an.

Und dann ging alles ganz schnell. In rascher Folge versenkte Pastoriza eine Kugel nach der anderen. Als er am Ende des letzten Satzes wieder die Acht einlochte, applaudierten einige der anwesenden Gäste, und er verbeugte sich leicht. Dann ging er sofort zu Natascha, zog sie an sich und küsste sie auf den Mund.

„Vielleicht war das ja erst der Anfang, Querida?“, meinte er dann.

„Träum weiter!“, zischte sie und stieß ihn weg.

Konstantin hatte den Blauen Salon mit versteinerter Miene verlassen.

Natascha suchte ihren Freund eine ganze Weile, bevor sie ihn im Pavillon fand. Dorthin hatte sich Konstantin verkrochen.

„Für mich bist und bleibst du der Größte!“, beteuerte sie hilflos und wollte ihn in den Arm nehmen. Doch er wehrte die Zärtlichkeit ab – was sie sofort falsch interpretierte. „Verstehe … Dieser blöde Kuss … Ich ärgere mich selbst am allermeisten darüber, das kannst du mir glauben. Aber dieser schleimige Gonzalo hat mich einfach überrumpelt.“ Stumm schüttelte Konstantin den Kopf. „Okay, es war leichtsinnig, dem Sieger einen Kuss zu versprechen“, fuhr Natascha fort. „Aber ich wollte dich motivieren. Verzeih mir einfach …“ Sie breitete die Arme aus.

„Der Kuss ist mir doch so was von egal!“, schnauzte er sie da an. „Damit wollte Gonzalo die Demütigung für mich nur perfekt machen!“ Erstaunt sah sie ihn an. „Ich habe verloren, Natascha! Dieser verdammte Kerl hat mich schon wieder geschlagen! Und dieses Mal sogar in einem fairen Kampf …“

Für einen Moment war sie sprachlos. „Ist ja interessant“, ätzte sie dann. „So viel bedeute ich dir also?!“

„Der Typ hat mich vorgeführt!“ Konstantin war vollkommen außer sich. „Das war ein glatter Durchmarsch!“

„Dieses dämliche Billardspiel und dein verletztes Ego sind dir also wichtiger als der Kuss, den mir ein anderer Mann einfach aufdrückt?!“, empörte sie sich. Konstantin war sichtlich durcheinander. Aber Natascha fühlte sich nun selbst in ihrer Ehre gekränkt. „Wo ich hinsehe – nur selbstgefällige Machos!“, schnaubte sie und rauschte davon.

Am Boden zerstört blieb Konstantin zurück.

Die Schmach der verlorenen Partie stand ihm selbst am nächsten Morgen noch ins Gesicht geschrieben. Er arbeitete bereits wieder an der Bar, als Natascha hereinkam. Sie wollte sich mit ihm versöhnen, doch er vermied sogar den Blickkontakt.

„Und?“, fragte sie leicht provokant. „Hattest du Albträume, dass ich mit Gonzalo Pastoriza im Bett war? Oder wäre dir das auch egal?“

„Natürlich nicht“, entgegnete er so sachlich wie möglich. „Ich habe dir doch gestern schon erklärt, was mich umtreibt.“

„Und wie lange willst du noch schmollen?“, meinte sie kokett.

„Ich lasse es dich wissen.“ Jetzt klang er doch ungehalten. „Auf deine Fragespielchen habe ich jedenfalls absolut keine Lust!“

„Von mir aus können wir uns das ganze Palaver gerne sparen und lieber nach oben gehen …“, säuselte sie da.

„Du kapierst es einfach nicht!“, herrschte er sie an. Erschrocken zuckte sie zusammen. „Es lief gut! Ich hatte den ersten Satz fast in der Tasche! Und dann kommst du mit dieser bescheuerten ‚Kuss für den Sieger‘-Nummer! Damit hast du mich völlig aus dem Konzept gebracht! Und Gonzalo noch mehr motiviert! Erwarte also nicht, dass ich dir dafür um den Hals falle!“

„Ich wollte dir nur helfen.“ Natascha reichte es langsam. „Es ist nicht meine Schuld, wenn du dich von diesem Lackaffen vorführen lässt!“ Ihre Worte trafen ihn bis ins Mark. Und sie war noch nicht fertig. „Gonzalo ist nun mal um Klassen besser als du. Vielleicht denkst du mal darüber nach, bevor du mir die Schuld für deine Niederlage in die Schuhe schiebst.“

2. KAPITEL

Nach der Auseinandersetzung mit Natascha erschien Konstantin bei Marlene im Laden.

„Warum musst du immer recht haben?“, fragte er leise. „Du kennst mich besser als ich mich selbst, Marlene …“

„Quatsch …“, protestierte sie schwach.

„Ich hätte auf dich hören sollen“, fuhr er geknickt fort. „Stattdessen mache ich Trottel dir auch noch Vorwürfe. Entschuldige. Dass ich einen Moment an dir gezweifelt habe – das war noch dümmer von mir, als mir eine Chance gegen Gonzalo auszurechnen.“

Was er sagte, berührte sie so sehr. Aber sie durfte gar nicht erst wieder anfangen, auf diese Gefühle zu hören. Sie räusperte sich und schlug einen spielerischen Ton an. „Du hast dich verhalten wie ein störrischer Esel!“

„Ja, gib’s mir!“ Es war Konstantin anzusehen, wie erleichtert er war, dass sie ihm das Ganze offenbar nicht mehr übel nahm.

„Ich habe mir so sehr gewünscht, dass du es diesem Mistkerl endlich heimzahlst!“, platzte Marlene da heraus. „Und ihn so vernichtend schlägst, dass er das sein Leben lang nicht mehr vergisst!“

Er schmunzelte verwundert. „Man könnte glatt meinen, du hättest gegen Gonzalo verloren.“ Sie schluckte und senkte verlegen den Blick. Konstantin stutzte. „Gibt es irgendwas, das ich wissen sollte? Hast du etwa auch noch eine Rechnung mit ihm offen?“ Sie zögerte. „Marlene!“, bedrängte Konstantin sie nun. „Was hat der Typ angestellt?“

„Er hat mir … das Herz gebrochen.“ Nun war es heraus. Und eigentlich war Marlene froh, dass sie Konstantin jetzt die ganze Geschichte anvertrauen konnte.

„Er hat dich nur benutzt, um sich an Natascha ranzumachen?“ Konstantin war sichtlich entsetzt, nachdem er alles gehört hatte. „Diesem Schwein ist wirklich nichts heilig! Und dich dann auch noch so zu beleidigen und zu demütigen …“ Sie presste die Lippen aufeinander. Die Erinnerung an Gonzalos Herablassung und Kälte tat immer noch weh. „Umso schändlicher ist es, dass ich ihn gestern nicht geschlagen habe.“ Konstantin seufzte. „Hätte ich das vorher gewusst …“

„Es hätte auch nichts geändert“, meinte sie.

„Wäre ich in der Konzentration geblieben, ich hätte es geschafft!“, rief er da. „Ganz sicher! Gonzalo ist nicht so gut, wie er glaubt!“

„Jemand wie er ist es gar nicht wert, dass man so viele Gedanken an ihn verschwendet“, sagte Marlene matt.

Doch jetzt sprühte schon wieder der Hass aus Konstantins Augen. „Ich hätte ihm zu gerne einen Denkzettel verpasst! Jetzt erst recht!“ Beschützend legte er seine Hände auf Marlenes Schultern. „Aber meine Tante Pilar hat mir schon als Kind gesagt: Wen du nicht besiegen kannst, den strafe mit Verachtung.“

„Da mache ich mit“, erklärte sie mit einem schiefen Lächeln. „Wenn wir ihn überhaupt noch einmal sehen …“

Doch es kam schneller zu einer Begegnung, als beide geahnt hatten. Denn als sie gemeinsam aus dem Laden in die Lobby traten, um einen Espresso zu trinken, checkte Gonzalo gerade an der Rezeption aus. Und ließ es sich nicht nehmen, sie mit einem höhnischen Lachen zu begrüßen.

„Denk an Tante Pilar!“, flüsterte Marlene Konstantin zu.

Der versuchte, sich zusammenzureißen. Aber natürlich konnte Gonzalo nicht anders, als ihn erneut zu provozieren.

„Wie wäre es bei Gelegenheit mit einer Revanche?“, spottete er. „Wenn du fleißig übst, bist du vielleicht sogar ein ernst zu nehmender Gegner.“

„Lass es sein“, knurrte Konstantin.

„Oder hast du Angst, wieder gegen mich zu verlieren?“ Pastoriza funkelte ihn an. „Sind wir doch mal ehrlich: Du hättest auch damals nicht gegen mich gewinnen können, egal wie. Also verabschiede dich besser von deiner Lebenslüge. Mehr als ein Cocktailschwenker von Papas Gnaden steckt nämlich nicht in dir.“

Konstantin atmete tief durch. Am liebsten wäre er auf Gonzalo losgegangen, aber genau das war es ja, was der bezweckte.

Jetzt sah allerdings Marlene rot. „Bild dir ja nichts ein auf deinen Sieg!“, fauchte sie Pastoriza an. „Du hattest gestern einfach nur Glück! Und das hat auch jeder gesehen!“

„Glück? Süß!“ Wieder brach Gonzalo in sein scheußliches Lachen aus. „Dann spielen wir also eine Revanche“, sagte er dann zu Konstantin. „Und zwar um Geld! Nur – wer würde schon auf dich setzen?“

Bevor Konstantin etwas erwidern konnte, schaltete sich Marlene schon wieder ein.

„Ich!“, erklärte sie impulsiv. „Ich setze auf Konstantin!“

Perplex starrten beide Männer sie an.

„Reizvolles Angebot“, stellte Gonzalo dann süffisant fest. „Trotzdem kann ich es nicht annehmen. Ich bin ein Gentleman …“ Bitter lachte Marlene auf. „… und nehme keine jungen Damen aus, die so gutgläubig sind, auf den Falschen zu setzen. Vor allem keine jungen Damen, die mir ihr Herz geschenkt haben.“

„Vorsicht …“ Konstantins Stimme wurde drohend.

Marlene bedeutete ihm, ruhig zu bleiben. „Wenn Konstantin seine alte Stärke wiedergefunden hat, bist du chancenlos“, sagte sie dann zu Gonzalo. „Ohne deine Schläger in der Hinterhand hättest du damals ja auch nie gegen ihn gewonnen.“

„Und nur deswegen bin ich am Ende auch Weltmeister geworden?!“, höhnte Pastoriza. „Träum weiter!“

„Dann brauchst du ja auch keine Angst zu haben, dich einer Revanche zu stellen“, meinte sie.

„Wenn du darauf bestehst …“ Gonzalo war nun sichtlich amüsiert. „Wie viel wäre dir der Spaß denn wert, Querida?“

„Marlene, nicht …“, wandte Konstantin ein.

„Zwanzigtausend Euro?“, bohrte Gonzalo weiter. „Bist du dann immer noch dabei? Oder ist das dann doch eine Nummer zu groß für dich?“

„Deal!“ Sie gab sich betont souverän. „Ich bin dabei.“ Wieder verzogen beide Männer staunend das Gesicht. „Wir sehen uns nach deiner Weltmeisterschaft. Hier, bei eurem nächsten Match.“ Damit nickte sie Pastoriza noch einmal kurz zu und ging.

„Willst du im Ernst verantworten, dass die Kleine ihre Kohle zum Fenster rauswirft? Wenn sie überhaupt so viel hat? Wie tief du gesunken bist, Muchacho …“

„Du unterschätzt sie.“ Konstantin hatte Mühe, lässig zu klingen. Marlenes Auftritt hatte ihn beinahe sprachlos gemacht. „Und nicht nur sie.“

Gonzalo gähnte demonstrativ. „Dann üb mal fleißig.“

War sie völlig verrückt geworden? Marlene war selbst fassungslos über das, was sie da gerade angezettelt hatte. Wo bekam sie denn jetzt so schnell zwanzigtausend Euro her? Irgendwie musste sie das schaffen. Und das Geld wäre ja auch nicht verloren. Beim nächsten Mal würde Konstantin gegen Gonzalo gewinnen – das wusste sie einfach. Aber wenn sie sich doch irrte? Sich vor lauter Begeisterung für Konstantin etwas vormachte? Sie hatte sich von Gonzalo provozieren lassen. Und womöglich trieb sie Konstantin so in die nächste Demütigung. Aber wenn sie allein an Gonzalos dummes Gesicht eben dachte – das war es schon wert gewesen …

Als Erstes erhöhte sie die Preise für ihren Schmuck.

„Sag bloß, du versuchst, auf diese Weise das Geld für den Wetteinsatz zusammenzukratzen?“, meinte Konstantin, der in den Laden gekommen war, ohne dass Marlene ihn bemerkt hatte. Jetzt drehte sie sich zu ihm um und zuckte nur mit den Schultern. „Du bist wahnsinnig, das weißt du.“

„Mir ist schon klar, dass ich auf die Art bis nächste Woche niemals zwanzigtausend Euro verdiene“, erwiderte sie. „Aber es ist ein erster Schritt.“

„Das meine ich nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Du hast dich von diesem Cabrón nach allen Regeln der Kunst provozieren lassen.“

„Du doch auch“, konterte sie aufgebracht. Natürlich hatte sie Angst vor ihrer eigenen Courage. Aber gleichzeitig gefiel ihr die Situation. „Oder machst du jetzt einen Rückzieher und verzichtest auf deine Revanche, anstatt dich noch mal zu blamieren?“

„Um dir Geld zu sparen?“, flachste er zurück. „Das hättest du wohl gern. Nein, du hast ihn angezählt …“

„… und du knockst ihn endgültig aus“, ergänzte sie grinsend.

„Ich muss doch deine Ehre wiederherstellen“, bestätigte er.

„Und deine!“ Sie warf ihm einen verschwörerischen Blick zu. Irgendetwas würde sie sich einfallen lassen. „Keine Panik, bis zu eurem Spiel habe ich das Geld beisammen.“

„Das übernehme ich!“, erklärte Konstantin da. Für ihn kam es nicht infrage, dass sie für ihn zahlte.

„Kommst du dir dadurch etwa unmännlich vor oder so was?“, zog sie ihn auf.

„Fang jetzt bitte nicht mit den ältesten Klischees der Welt an“, bat er.

„Dann mach du nicht plötzlich genauso einen auf Macho wie der bescheuerte Billard-Gockel“, gab sie zurück.

Konstantin lachte. Trotzdem stand es für ihn außer Frage, dass er die zwanzigtausend Euro auftreiben würde. Nicht Marlene.

Er wandte sich an seinen Vater. Werner war reichlich verblüfft, als er begriff, dass Konstantin noch einmal gegen Pastoriza antreten wollte.

„Du bist ein Kämpfer“, stellte der Senior voller Stolz fest. „Genau wie ich. Und wenn wir schon untergehen – dann mit Stil.“

Konstantin nickte und bat seinen Vater dann, ihm einige Tage Urlaub zu bewilligen. „Damit ich mich auf das Match vorbereiten kann …“

Werner musterte ihn jetzt nachdenklich. „Nichts gegen deinen Stolz und deinen Ehrgeiz …“, sagte er dann. „Aber ein Mann sollte auch wissen, wann er sich geschlagen geben muss.“ Genervt winkte Konstantin ab. „In deinem Fall ist es nicht einmal eine Schande. Schließlich hast du gegen den seit Langem ungeschlagenen Weltmeister im Billard verloren.“

„Auch Weltmeister kann man besiegen“, beharrte sein Sohn. „Mit ein bisschen Training gewinne ich meine alte Form zurück. Ich weiß es! Und ich würde mich auf ewig dafür verachten, wenn ich jetzt kneife.“

„Ist ja gut, du bekommst deinen Urlaub“, versprach der Senior nun. „Schon allein, damit ich keinen Ärger mit deiner Mutter kriege.“

„Die lass bitte außen vor“, meinte Konstantin nun. „Das ist eine Sache unter Männern. Ich habe eine alte Rechnung mit Gonzalo zu begleichen. Und das muss ich allein schaffen. Deshalb habe ich noch eine zweite Bitte.“ Werner ahnte sofort, dass es um Geld ging. „Wenn ich gewinne – und das werde ich –, bekommst du es sofort zurück. Mit Zinsen. Ich brauche zwanzigtausend Euro.“ Werner pfiff durch die Zähne. „Was in der derzeitigen Krise des Fürstenhofs natürlich nicht mal eben lockerzumachen …“

Der Senior fiel seinem Sohn ins Wort. „Selbst, wenn es tausend Euro wären und wir uns nicht in den Miesen befänden – ich würde dir das Geld nicht leihen. Weil ich als schlauer alter Fuchs eine schlechte Investition nämlich wittere.“

Konstantin ging sofort in die Luft. „Schön, dass mein eigener Vater so sehr an mich glaubt!“, giftete er.

„Du willst die Niederlage nicht auf dir sitzen lassen, das verstehe ich“, entgegnete Werner ungerührt. „Aber wie sagtest du eben selbst so schön: Das musst du allein schaffen. Und lass dir von deinem alten Vater sagen: Der Sieg – so es denn einer wird – schmeckt dann noch mal so süß.“

Ernüchtert stand Konstantin vor ihm. Da hatte ihn sein Vater doch glatt mit seinen eigenen Waffen geschlagen.

Doris imponierte es, dass ihr Sohn es noch einmal mit Pastoriza aufnehmen wollte.

„Caramba!“, rief sie anerkennend, als Werner ihr von Konstantins Plan berichtete.

„Dir gefällt das?“ Der Senior schüttelte den Kopf. „Ihr und euer argentinisches Temperament …“ In diesem Moment kam Marlene ins Wohnzimmer und grüßte die beiden mit einem Nicken. „Von mir bekommt er für dieses Himmelfahrtskommando in eigener Sache jedenfalls keinen Cent“, fuhr Werner fort. „Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Doris verdrehte heimlich die Augen. Und Marlene konnte sich schon denken, worum es hier ging. „Ich sollte unbedingt Moritz anrufen und ihn vorwarnen“, beschloss der Senior jetzt. „Ehe Konstantin ihm auch noch mit dieser hirnverbrannten Idee kommt.“

„Davon werde ich dich nicht abhalten“, erklärte Doris nun. „Aber was deine Entscheidung betrifft, ihm das Geld nicht vorzuschießen …“ Für Werner gab es daran nichts zu rütteln. „Ich mag in Gefühlsdingen so temperamentvoll und leichtsinnig sein wie Konstantin – das sieht man ja auch an meiner Beziehung zu dir … Aber wenn es ums Geld geht, bin ich genauso eine kühle Rechnerin wie du und werfe meines bestimmt nicht zum Fenster raus. Trotzdem finde ich, wir sollten Konstantin das Geld geben.“ Marlene lauschte gebannt. „Er galt damals in Argentinien als Riesentalent“, argumentierte Doris weiter. „Ihm fehlt bloß die Übung.“

„Er will gegen den amtierenden Weltmeister antreten!“ Werner schnaubte.

Und nun hielt es Marlene nicht mehr länger aus. „Entschuldigen Sie bitte, aber – Ihre Frau hat recht.“ Doris und Werner sahen sie irritiert an. „Konstantin muss sein Können nur wieder auffrischen.“ Tapfer sprach Marlene weiter. „Wenn er ab sofort trainiert, hat er eine Chance.“

Froh über eine Verbündete lächelte Doris Marlene an. „Wer eine alte Rechnung zu begleichen hat, wächst über sich selbst hinaus“, fügte sie noch hinzu.

„Gerade einen solchen Kampf kämpft ein Mann am besten allein“, sagte der Senior unerbittlich. „Und damit Ende der Diskussion!“

Marlene fasste einen Entschluss: Sie würde ihren Flügel verkaufen, der noch immer in Hamburg stand. Telefonisch beauftragte sie einen Händler, sich um die Sache zu kümmern. Der Flügel war deutlich mehr wert als zwanzigtausend Euro. Aber wenn das Geschäft schnell über die Bühne ging, würde sich Marlene mit dieser Summe zufriedengeben.

Michael erzählte sie nichts von diesem Vorhaben.

Konstantin hatte sich sofort ans Training gemacht.

„Zieh dich warm an, Gonzalo!“, rief er triumphierend, als er in rascher Folge gleich mehrere Kugeln einlochte.

Nils sah seinem Freund dabei zu. „Willst du es wirklich noch mal riskieren?“, fragte er besorgt.

„Der Knallkopf ist reif für eine Niederlage“, sagte Konstantin. „Diesmal schlage ich ihn, darauf kannst du wetten.“ Verständnislos runzelte Nils die Stirn. „Mach zwanzig Riesen locker, und du bist dabei“, witzelte er. „Für mich hätte das den Vorteil, dass mein Finanzierungsproblem gelöst wäre.“

„Und meins wäre auf einen Schlag gigantisch“, erwiderte Nils trocken. „Zumal deine reizende Cousine noch immer keine Miete zahlt …“ Tatsächlich fiel Sabrina ihm mit ihren wechselnden Launen immer wieder auf die Nerven. Er hatte deshalb sogar mit André gesprochen. Und der hatte gesagt, Nils sei selbst schuld, so ein Früchtchen wie Sabrina bei sich aufgenommen zu haben. Herr Konopka schien nicht allzu viel von seiner Tochter zu halten …

Die Sonnbichlers drückten noch immer die finanziellen Sorgen. Jeden Monat war es ein Kampf, die Rate für den Kredit aufzubringen – obwohl die Pension ganz gut lief. Marie hatte in London extra noch einen Nebenjob angenommen, um ihren Teil zu der Rückzahlung beizutragen. Aber es blieb einfach eng.

„Und Hendrik hat sich immer noch nicht mit der Versicherung einigen können. Was ist, wenn die nie zahlen?“ Alfons sah inzwischen ziemlich schwarz für die Zukunft. „Dann nimmt diese Mühle kein Ende. Rate um Rate, Monat für Monat. Irgendwann sind wir alle erschöpft, werden vor lauter Stress krank – und verlieren das Haus schließlich trotzdem.“

Hildegard brach plötzlich in Tränen aus. Entsetzt sah Alfons sie an. „Glaubst du, ich mache mir keine Sorgen?!“, brach es aus ihr heraus.

„Doch, natürlich, aber …“

Sie ließ ihn nicht ausreden. „Und deswegen hören wir jetzt sofort damit auf. Vor allem du. Mit deiner Unkerei, dem ewigen Schwarzsehen.“ Sie konnte es nicht mehr hören. „Außerdem bringt es rein gar nichts.“ Er schwieg beklommen. „Selbst wenn wir irgendwann die Raten nicht mehr zahlen können – dann können wir es eben nicht“, fuhr sie fort. „Wozu grämen? Wir haben schließlich das Richtige getan!“ Schließlich hatten sie sich wegen Marie und Hendrik verschuldet. Und würden sich immer wieder genauso entscheiden.

Alfons musste seiner Frau zustimmen. „Und selbst, wenn unser Haus der Bank gehören sollte …“, meinte er nun. „Wir landen nicht einfach auf der Straße. Wir mieten uns dann eben eine Wohnung im Dorf. Schließlich haben wir ein Einkommen.“

„Das ist die richtige Einstellung“, meinte Hildegard und tätschelte liebevoll die Hand ihres Mannes.

3. KAPITEL

Konstantin hatte bei Natascha übernachtet. Eng aneinandergekuschelt lagen sie am nächsten Morgen im Bett.

„Ich würde solche Nächte auch dann genießen, wenn wir uns vorher nicht gestritten hätten“, bemerkte er nur halb im Scherz.

„Dann würdest du sie aber weniger zu schätzen wissen“, konterte Natascha lasziv und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss.

„Lass es auf einen Versuch ankommen“, neckte er sie.

Sie kuschelte sich wieder an ihn. „Ich gebe zu – so hat es auch was. Ab und zu.“ Sie lächelte. „Und was diesen Idioten Gonzalo angeht: Ich werde ein bisschen Voodoo machen, damit er bei der WM gleich in der ersten Runde rausfliegt und bereut, überhaupt angetreten zu sein.“

„Zu spät.“ Dem Internet zufolge hatte Gonzalo die erste Runde bereits haushoch gewonnen. „Und außerdem möchte ich gar nicht, dass er verliert. Ich brauche nämlich einen adäquaten Gegner bei unserem nächsten Spiel.“

„Es gibt ein nächstes Spiel?“ Natascha fiel aus allen Wolken. Da klingelte ihr Handy.

„Geh ruhig ran“, meinte Konstantin. „Ich springe schon mal unter die Dusche.“ Er verschwand im Badezimmer.

Und Natascha nahm den Anruf entgegen. Es war der Händler, den Marlene mit dem Verkauf ihres Flügels beauftragt hatte. Er konnte Marlene gerade nicht erreichen – dabei wollte er ihr doch so schnell wie möglich mitteilen, dass ein Interessent die von ihr gewünschten ...

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