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Die Reise der Nachtigal

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Epigraph
  6. Aruna
  7. Hassan
  8. Jazz
  9. Aruna
  10. Hassan
  11. Jazz
  12. Aruna
  13. Hassan
  14. Jazz
  15. Aruna
  16. Hassan
  17. Jazz
  18. Aruna
  19. Hassan
  20. Jazz
  21. Aruna
  22. Hassan
  23. Jazz
  24. Aruna
  25. Hassan
  26. Jazz
  27. Aruna
  28. Hassan
  29. Jazz
  30. Aruna
  31. Hassan
  32. Jazz
  33. Aruna
  34. Danksagung
  35. Über die Autorin

Since I left you, mine eye is in my mind …

For if it see the rudest or gentlest sight,

The most sweet favour, or deformed’st creature,

The mountain or the sea, the day or night,

The crow, or dove, it shapes them to your feature.

Incapable of more, replete with you,

My most true mind thus makes mine eye untrue.

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Seit ich dir fern bin, ist mein Aug’ im Sinn …

Denn schön und hässlich, was es schauen mag,

Unförmlichkeit, wie süßestes Vergnügen,

Berg oder Ozean, Nacht oder Tag,

Taub’ oder Kräh’, es formt’s nach deinen Zügen.

So voll von dir und fähig sonst zu nichts,

Wird so mein treuster Sinn Verführer des Gesichts.

WILLIAM SHAKESPEARE, SONETT 113

Aruna

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King Edward’s Road, Bethnal Green, London

Es ist Zeit, mit dem Kämpfen aufzuhören und heimzukehren. Diese Worte waren es, die Aruna letztlich dazu brachten, ihre Wohnung in dem viktorianischen Haus in Bethnal Green zu verlassen und einfach weiterzugehen. Immer einen Fuß vor den anderen setzend, Schritt für Schritt in ihren für das Wetter unpassenden, luftigen Sandalen, die auf dem feuchten Pflaster der Straßen East Londons ein leises Flip-Flop-Geräusch hinterlassen. Sie weicht den schlammigen braunen Pfützen aus, den glänzenden Folien der Take-away-Kartons, schillernd vom Belag süßsaurer Sauce, der fleckigen Bananenschale, die auf dem Bürgersteig liegt, als wolle sie zum Ausrutschen einladen, geht aber ansonsten stur geradeaus. Immer einen Fuß vor den anderen setzend. Zehe, Ferse, Zehe, Ferse. Flip-flop. Sie weiß genau, wohin sie geht, und obwohl alles, was sie braucht – ihre Kreditkarte, ihr Pass, ihr Handy –, in die Tasche ihres Bademantels gepasst hätte, hat sie stattdessen ihre Handtasche gepackt und sich vor ihrer Flucht sogar die Zeit genommen, Jeans, ein T-Shirt und sogar eine Jacke anzuziehen. Alles nur Show, damit niemand auf die Idee kommt, sie wäre eine Verrückte, die sich beim Frühstücken plötzlich entschlossen hat, ihre Ehe und ihr Zuhause aufzugeben, in der Schüssel noch ihr halb gegessenes Porridge, das langsam gerinnt, auf der Anrichte ihr Tee, der kalt wird. Damit sie selbst nicht auf diese Idee kommt. Damit sie wie alle anderen mit der Kreditkarte in der Hand am Flughafen erscheinen und in die Stadt zurückkehren kann, aus der sie ursprünglich weggelaufen ist.

Es ist Zeit, mit dem Kämpfen aufzuhören und heimzukehren. Sie hat keine Nachricht hinterlassen. Es ist nicht so, dass sie die Absicht hätte, sich umzubringen wie beim letzten Mal. Damals hatte sie eine Nachricht hinterlassen, einfach, weil sie es für höflich hielt, und um ihren Mann vor jeder Schuldzuweisung oder Selbstvorwürfen zu schützen, um sich zu rechtfertigen und zu entschuldigen, als wäre sie ein Schulmädchen, das darum bittet, vom Turnunterricht befreit zu werden anstatt vom Rest ihres Lebens. Doch als sie wieder nach Hause gekommen war – am Ende hatte sie es dann doch nicht geschafft –, das Haar feucht und nach Schilf riechend, als wäre sie einfach bloß in einem der Badeteiche in Hampstead Heath schwimmen gewesen, statt zu versuchen, sich dort zu ertränken, hatte der Zettel immer noch auf der Küchenanrichte gelegen. Patrick hatte an dem Tag Überstunden gemacht. Sie war sich nicht sicher, ob sie nicht vielleicht einfach zu träge und zu antriebslos gewesen war, um ihr Leben zu beenden – sie hatte sich bloß nicht genug Mühe gegeben, auch das sanfte, seichte Wasser hatte sich nicht genug Mühe gegeben; es hatte sie getragen, nicht geholfen, sie mit seiner Strömung hinunterzuziehen. Vielleicht war sie wie das Wasser einfach zu rücksichtsvoll – es war für alle angenehmer, wenn sie am Leben blieb, oder? Jedes Leben, sei es auch noch so unbedeutend wie ihres, erforderte eine gewisse Rücksicht anderen gegenüber; würde ihr Mann, wenn schon niemand sonst, diese freundliche Geste nicht zu schätzen wissen? Aber vielleicht entsprang dieser Gedanke reiner Eitelkeit. Sie hatte ihren Abschiedsbrief nicht weggeworfen, sondern ihn in ihren gemeinsamen Terminkalender auf dem Küchentisch gelegt, wie man es vielleicht mit einer Einkaufsliste oder einem Liebesbrief oder einem Gedicht machen würde; aber Patrick hatte den Zettel nicht bemerkt, vermutlich, weil er nie etwas in den Kalender eintrug. Irgendwann hatte sie das Stück Papier zerknüllt und es in den Eimer mit dem Recycling-Müll geworfen, dessen Inhalt Patrick immer gewissenhaft trennt: Papier, Glas, Kunststoff. Auch dort hatte er ihren Brief nicht bemerkt – falls doch, war es für ihn bloß irgendein Stück Papier.

Für einen Mediziner, zu dessen Beruf es gehört, besonders genau hinzusehen, scheint Patrick im Allgemeinen sehr wenig wahrzunehmen, zumindest, was seine Frau angeht. Fälschlicherweise hält er sie für einen besseren Menschen, als sie ist, als würde sein Blickfeld kurz vor ihr enden. Er sagt oft, wie sehr er sie liebt, aber in Wahrheit kennt er sie nicht besonders gut, und sie ist überzeugt, dass er beim Ausfüllen einer Vermisstenanzeige zu seiner Bestürzung feststellen müsste, dass er weder ihre Größe noch ihr Gewicht oder ihre Kleidergröße kennt. Wahrscheinlich wäre er sich nicht einmal über ihr exaktes Alter und ihren Geburtstag im Klaren. Aber bei ihrer Augen- und Haarfarbe würde er wahrscheinlich richtigliegen, weil sie die gleichen Augen und Haare wie fast jede Frau bengalischer Abstammung hat. Sie sieht es vor sich, wie er diese Rubrik voller Selbstvertrauen, ja sogar mit Erleichterung ausfüllt: Haare – schwarz, Augen – braun.

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Diesmal hat sie keine Nachricht hinterlassen, weil sie, abgesehen von der Mitteilung, dass sie geht, nicht weiß, was sie schreiben soll; nur, dass sie gegangen ist, aber das würde ihm ihre Abwesenheit ohnehin verraten. Oder etwa nicht? Bestand die Möglichkeit, dass Patrick heimkam und zur Arbeit ging und erst am Wochenende merkte, dass sie nicht mehr da war, weil er bis dahin davon ausgegangen war, dass sie gerade einkaufte oder länger in der Bibliothek arbeitete, gerade auch, weil sie ihm in letzter Zeit tunlichst aus dem Weg ging, um sich vor dem problematischen Gespräch über Nachwuchs zu drücken, ein Thema, das ihm sehr am Herzen zu liegen schien. Täuschte sie sich, wenn sie annahm, dass ihre Abwesenheit mehr auffallen würde als ihre Anwesenheit? Jeder von ihnen führt unabhängig vom anderen sein eigenes Leben, das war schon immer so gewesen; Patrick beschwert sich oft, dass Aruna, selbst wenn sie da ist, abwesend sei. Vermutlich ist sie zu Hause nicht mehr als ein unauffälliges Lebewesen, das sich still auf das Sofa, in die Wanne oder ins Bett kuschelt, leise etwas in ihre Notizbücher kritzelt oder leise an ihrem Laptop tippt, ansonsten aber kaum vorhanden ist, kein Gewicht, keine Körper- oder Kleidergröße hat, an die es sich zu erinnern lohnt.

Sie findet, eine Nachricht wie diese sollte den wahren Grund für ihr Gehen nennen, aber es gibt nicht den einen Grund. Es gibt keinen besonderen Anlass. Es gibt keine wichtige Frage, die beantwortet werden muss. Sie hat keine Affäre gehabt, sie hat keine Schwierigkeiten mit dem Gesetz oder Schulden, sie hasst oder verabscheut Patrick nicht im Geringsten; wie die meisten Ehepaare streiten und kabbeln sie sich oft über die banalen Dinge des Alltags: wer zuletzt den Geschirrspüler eingeräumt hat und wo das Toilettenpapier aufbewahrt werden soll. Sie streiten darüber, dass Aruna sich bisher geweigert hat, eine Schwangerschaft in Betracht zu ziehen, und ob sie Weihnachten bei den Schwiegereltern verbringen sollen. Eigentlich gibt es keine anderen Probleme als den alltäglichen Kleinkram, und auf andere wirkt sie wie eine ganz normale Frau, seit Kurzem verheiratet, noch kinderlos, mit ganz normalen Sorgen. Manchmal sieht sie sich sogar selbst so: eine normale Frau mit einem normalen Leben, die sich fragt, warum sie sich gerade diese Normalität mehr als alles andere gewünscht hat. Vielleicht hatte sie erwartet, es würde ihr inneren Frieden geben, die Bruchstücke in ihrem Kopf zusammenfügen, die immer noch da sind und deren leise wimmernde Stimmen in ihrem Inneren wie Glasscherben darauf lauern, ihre Haut aufzuritzen und preiszugeben, wie zerrissen und kaputt sie sich innerlich insgeheim schon so lange Zeit fühlt. Das Einzige, was sie im Moment außergewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass sie einen Abschiedsbrief geschrieben und korrekt entsorgt hat, ohne dass jemand es bemerkt hätte, und dass sie beschlossen hat, mit dem Kämpfen aufzuhören und heimzukehren.

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Das Komische daran – genau genommen zum Schreien komisch – ist, dass sie diese Worte nicht in einem ernsten Gespräch mit ihrem Mann ausgesprochen hat und sie ihr auch nicht von einer Mutter, Freundin, einem Therapeuten oder Liebhaber in den Mund gelegt worden sind. Die Worte fielen aus einem Buch, das sie für ihre Recherchen brauchte und beim Frühstück überflog, fielen einfach heraus wie ein kleines Kinderspielzeug aus einer Cornflakes-Schachtel oder Werbung aus der Tageszeitung. Es war eine Bemerkung von einem verlorenen Sohn zum anderen, Gegner wider Willen in einem blutigen Konflikt. Und als sie es las, dachte sie, na gut. Als wäre in ihrem Kopf behutsam ein Schalter umgelegt worden, der sie endlich in Bewegung brachte, erhob sie sich vom Frühstückstisch, zog sich achtlos und eher zu leicht für das englische Wetter an und griff nach ihrer Handtasche. Sie packte ihren Pass ein, nahm ihren Schlüsselbund raus und spürte, wie eine Last von ihr fiel, als sie ihn mit einem melodischen Klimpern auf den Glastisch im Flur fallen ließ. Sie atmete erleichtert auf, als sie die Tür hinter sich schloss. Wie leicht, wie unglaublich leicht war es doch zu gehen. Sie fühlte sich auf einmal so frei, dass sie tatsächlich laut lachte, aber abrupt abbrach, aus Angst, die Nachbarn könnten sie hören. Es war ihr wichtig, dass sie nicht wie eine Verrückte wirkte, dass sie nicht im Bademantel aus dem Haus ging, dass man sie auf der Straße nicht lachen oder weinen oder vor sich hin murmeln sah. Sie hatte das Gefühl, wenn sie ihr kleines bisschen Wahnsinn herausließ, würde sie es vielleicht nie wieder einfangen können, wie ein wildes Tier, das freigelassen worden ist. Sie hatte nicht gelacht, weil sie verrückt war, sie hatte gelacht, weil ein paar beliebige, vor langer Zeit von einem Fremden geschriebene Worte zu ihr gesprochen hatten und für sie aus irgendeinem Grund zu einer Art Prophezeiung geworden waren. Ihre Schlüssel, die auf dem Tisch lagen, waren der Beweis – diesmal würde sie nicht zurückkommen.

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Aruna ist erst beim Café an der Ecke, als sie erste Zweifel befallen. Es ist ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe, das sie innehalten lässt; sie sieht sich in ihrer Sommerjacke und den Sandalen – an diesem stürmischen Frühlingstag eher für das Wetter in dem Land passend, in das sie will, und nicht für jenes, das sie verlässt. Ihr fällt auf, dass sie sich zwar angezogen hat, sich aber weder das Gesicht gewaschen, die Zähne geputzt noch das Haar gekämmt hat, das ihr wirr und zerzaust in die Stirn fällt. Ihr Gesicht ist fiebrig gerötet, und sie ist überzeugt, in ihren Augen das helle Funkeln des Wahnsinns zu erkennen, den zu unterdrücken sie sich so verzweifelt bemüht hat. Ihre Verkleidung aus Jeans und T-Shirt ist nicht so wirkungsvoll, wie sie sein sollte – statt so wenig wahrgenommen zu werden wie eine Gap-Werbung, fühlt sie sich so auffällig und fehl am Platz wie eine Stadtstreunerin im Ballkleid. Vielleicht hätte sie doch einfach in ihrem Bademantel gehen sollen, dann hätte ein freundlicher Mitmensch erkannt, was mit ihr los ist und sie in die Wohnung zurückgebracht (nicht in ihr Zuhause; sie nennt die Wohnung nie ihr Zuhause, nur Wohnung oder manchmal, wenn sie in ihrer Fakultät mit amerikanischen Kollegen spricht, Apartment). Vielleicht hätte ihr dieser gute Samariter, den sie nun leider nie kennenlernen wird, eine frische Tasse Tee gemacht und sie dann wie eine Kranke ins Bett gesteckt. Ihr Spiegelbild nickt ihr wissend zu – sie verhält sich schon wieder irrational. Tatsächlich scheint das Spiegelbild ein bisschen überlegen, als wäre es nicht länger mit ihr verbunden, und ahmte ihre Bewegungen aus Spott, nicht aus Notwendigkeit nach. Zaghaft winkt sie ihm zu, um zu überprüfen, ob es zurückwinken wird. Sie erschrickt, als stattdessen eine Gestalt an die Fensterscheibe tritt und zurückwinkt.

»Hi, Aruna, schön, Sie zu sehen«, sagt Syed, der Besitzer des Cafés, schlendert zur offenen Tür und nimmt einen Schluck aus einer Kaffeetasse, aus der kleine Dampfwölkchen in die kühle Luft aufsteigen. Aruna sagt einen Moment lang nichts, fassungslos darüber, wie leicht die Wirklichkeit sie wieder einholt, dass jemand ihr zuwinkt und sie anspricht, weil er irrtümlich annimmt, dass sie ihn von draußen gegrüßt hat. Sie ist sich nicht sicher, ob nicht eine leichte Schärfe in seiner Stimme liegt, Kritik oder die Andeutung, dass sie nicht oft genug vorbeischaut.

»Hi, Sy«, sagt sie schließlich, indem sie ihre Feindseligkeit hinter bedauerndem Schuldbewusstsein verbirgt, als wäre es ihr tatsächlich nicht gelungen, einer mysteriösen Etikette bezüglich der angemessenen Häufigkeit von Besuchen in einem Café in der Nachbarschaft zu genügen. Alles versetzt sie in vage Alarmbereitschaft, selbst die beiläufige Begrüßung eines Cafébesitzers, den sie kaum kennt.

»Ihr Mann war heute Morgen auch schon da. Hat sich auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee geholt. Er hat zu mir gesagt, dass ich zu viel von dem Zeug trinke, ist das zu fassen? Ich hab zu ihm gesagt: ›Patrick‹, hab ich gesagt, ›ich würde einem kahlköpfigen Friseur nicht trauen, ich würde einem mageren Koch nicht trauen, und ich würde einem Cafébesitzer nicht trauen, der seinen eigenen Kaffee nicht trinkt.‹«

Aruna sagt nichts. Ihr Blick ist zu ihrem Spiegelbild zurückgewandert, und Syed, der alt genug ist, ihr Vater zu sein, fragt beinahe liebevoll: »Wollen Sie nicht reinkommen?« In seiner Stimme liegt also doch keine Schärfe, nur ein Hauch Ungeduld, als wäre sie ein Kind, das herumtrödelt und einen kleinen Schubs braucht. Aruna will nicht Nein sagen, weil sie dann erklären müsste, warum nicht, deshalb nickt sie, geht hinein und setzt sich an einen Fenstertisch.

»Kaffee?«, schlägt Syed vor. »Ich habe das Fair Trade-Zeug, auf das ihr alle so steht. Café Americano für Sie, richtig?«

»Okay«, sagt Aruna und merkt gleich, wie unhöflich sie klingt. Als würde sie ihm einen Gefallen tun. »Ja bitte, meine ich.« Nachdem er den Kaffee gebracht hat, trinkt sie einen Schluck und gibt dabei ein wohlwollendes Murmeln von sich, das so gar nicht ihren wahren Gefühlen entspricht.

»Und wie geht’s der Familie?«, fragt Sy höflich. Aruna lächelt genauso höflich zurück; sie hat außer Patrick keine Familie, und es kommt ihr komisch vor, dass Sy das nicht weiß. Sie ist erleichtert, dass er anscheinend doch nicht so viel über sie weiß; vielleicht ist ihre Tarnung noch intakt.

»Oh, uns geht’s allen gut. Und bei Ihnen?«, fragt sie.

»Auch gut. Meine Frau ist mit ihren Freundinnen übers Wochenende weggefahren. Nach Madrid. Hat sich darüber beschwert, dass ein überteuertes Restaurant, in dem sie war, nicht von Spaniern, sondern von Pakistanis geführt wurde. Als ob wir nicht selbst Pakis wären. Komisch, wie bigott sie wird, wenn sie im Ausland ist. Sie erwartet, dass London weltoffen ist, aber der Rest Europas weiß wie Schnee.«

»Ich wusste nicht, dass Sie aus Pakistan kommen«, sagt Aruna und rührt in ihrem Kaffee.

»Was haben Sie gedacht, wo ich mit einem Namen wie Syed herkomme?«, fragt er.

»Weiß nicht. Von hier, schätze ich. Ich habe einfach gedacht, Sie wären Engländer.«

»Und von wo kommen Sie?«, fragt Syed, einfach um Konversation zu machen, während er die Filter reinigt. Ein Pärchen kommt ins Café und studiert die Tafel an der Wand, auf der mit Kreide das Tagesangebot geschrieben steht.

»Singapur«, sagte Aruna. »Aber meine Eltern waren aus Bengalen.« Sie nimmt noch einen Schluck Kaffee und merkt, dass sie gehen muss, bevor sie in ihr normales Leben zurückgezogen wird, bevor sie einen Schlüsseldienst anruft und wieder in ihre Wohnung geht, um dort ihr kaltes Porridge aufzuessen, den Geschirrspüler einzuräumen (sie sei an der Reihe, hat ihr Mann sie heute Morgen erinnert und sich bemüht, nicht wie ein Nörgler zu klingen, was ihm allerdings nur teilweise gelungen ist) und zu duschen. »Ich muss wieder los«, sagt sie, geht zur Kasse und zahlt.

»Alles Gute. Geht’s zur Arbeit?«, fragt Syed.

»Nein, heim«, antwortet sie. Syed nimmt die Bestellung der neuen Gäste auf und bemerkt nicht, dass Aruna nicht nach Hause, sondern in die entgegengesetzte Richtung geht, zur U-Bahn-Station. Flip-flop-flip.

Aruna versucht, die neugierigen Blicke in der U-Bahn der Central Line zu ignorieren. Etliche Pendler in Anzug oder Kostüm starren ungeniert auf die Sandalen an ihren bloßen Füßen, auf ihr wirres, ungekämmtes Haar, auf die Brüste unter ihrem engen T-Shirt. (Warum hat sie nicht daran gedacht, einen BH anzuziehen? Warum hat sie nicht daran gedacht, dass Unterwäsche wichtig ist? Einfach deshalb, weil sie nicht gesehen werden kann? Es scheint, als wären die Dinge, die man nicht sehen kann, genauso wichtig wie alles andere, wenn nicht wichtiger.) Sie fährt sich mit den Fingern durchs Haar, bis es fast wie gekämmt aussieht, und bindet es mit einem Gummiband, das sie in ihrer Handtasche findet, zusammen. Sie trägt Lippenstift auf, auch ein Fundstück in ihrer Tasche, und knöpft ihre Jacke zu. Als sie in Holborn in die Piccadilly Line umsteigt, stellt sie fest, dass sie nicht mehr so angestarrt wird; es scheint ihr also gelungen zu sein, etwas seriöser auszusehen. Sie sieht den anderen Fahrgästen an, dass sie zum Flughafen fahren, nicht nur wegen ihrer sperrigen Reisetaschen, sondern wegen des Eindrucks, nicht ganz dazuzugehören; sie sind nicht mehr wie Londoner angezogen, genau wie sie; auch sie sind für ihren Zielort gekleidet, mit bequemen Jogginganzügen für Langstreckenflüge, mit wetterfesten Shorts und Wanderstiefeln, mit Folklorehemden und bestickten Börsen um den Hals. Dr. Aruna Ahmed Jones, Größe 1,60 Meter, Gewicht 51 Kilogramm, Kleidergröße 36, Alter 31 Jahre, Geburtstag 3. Juni, Haare schwarz, Augen braun, nimmt das Buch aus der Tasche, in dem sie heute Morgen gelesen hat, Gedichte und Briefe von Hari Hassan, kein berühmter, aber ein angesehener Autor aus Bengalen. Ihre Arbeit, die sie nun wohl leider nicht mehr beenden wird, hatte die Einflüsse moderner Lyrik des Subkontinents zum Thema. Hari Hassan war mitten in den Bürgerkrieg zwischen Ost- und Westpakistan geraten, aus dem Bangladesch als unabhängiger Staat hervorging. In einem Brief aus dem Jahr 1971 schrieb er an seinen ältesten Freund, einen Pakistani, den er aus seiner Studienzeit in Oxford kannte: »Mein Bruder, mein Feind. In meinem Herzen wird immer ein Platz für dich sein, aber in meinem Land ist kein Platz mehr für dich. Das liebliche grüne Land ist rot gefärbt vom Blut tapferer Männer, gebrochener Frauen und unschuldiger Kinder, und die Rufe nach Vergeltung werden und sollen nicht verstummen. Mein Bruder, mein Feind. Es ist Zeit, mit dem Kämpfen aufzuhören und heimzukehren.«

Hassan