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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker, Claus H. Stumpff (Herausgeber)

Die Regulatoren in Arkansas

Neufassung des gleichnamigen Romans von Friedrich Gerstäcker (1816 - 1872)





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Die Regulatoren in Arkansas

Aus der Geschichte

des US-Bundesstaates Arkansas

Nach dem gleichnamigen Roman

von Friedrich Gerstäcker (1816 - 1872)

Überarbeitung und Neufassung

des Originaltextes von 1887

(Verlag H. Costenoble, Jena)

durch Claus H. Stumpff

www.chsautor.de

Vorwort

Friedrich Gerstäcker wurde berühmt als Autor von Abenteuer-Romanen und anderen spannenden Erzählungen. Er verstand es, Landschaften in ihrer Vielfalt bilderbuchartig darzustellen, sowie die Kultur und Geschichte der von ihm besuchten Länder so gekonnt zu schildern, dass man auch heute noch gern seine weltweit bekannten Bücher liest. Er hinterließ eine 44-bändige Gesamtausgabe, die er noch kurz vor seinem Tod für den Verlag Costenoble, Jena, zusammengestellt hatte. Zu seinen bekanntesten und millionenfach gelesenen Werken zählen die Romane »Die Flusspiraten des Mississippi« und »Die Regulatoren in Arkansas«

Gerstäckers Erzählungen und Romane regten zahlreiche Nachahmer an. Auch Karl May profitierte erheblich von Gerstäckers Landschaftsbeschreibungen und Erzählsträngen wie Sujets und Figuren, obwohl er kaum in der Welt herumgekommen war.

Friedrich Gerstäcker war kein Schriftsteller im eigentlichen Sinne. Er war in erster Linie ein Weltenbummler. So sollte man seine Werke hinsichtlich Satzgestaltung, Wortwahl und Grammatik nicht zu streng beurteilen. In diesem eBook wurden viele der altertümlichen Ausdrucksweisen leicht abgeändert, damit der Charme des im 19. Jahrhundert üblichen Schreibstils erhalten bleibt.

Die heute als abwertend geltende Bezeichnung ›Neger‹ oder ›Negerin‹ wurde durch andere, dem jetzigen Sprachgebrauch entsprechende Idiome wie z.B. ›Schwarze‹, ›Farbige‹ u.ä. ersetzt. Darüber hinaus wurde der Umfang langatmiger Schilderungen von Landschaften erheblich reduziert, sowie die zahlreichen, überlangen Schachtelsätze aufgelöst. Über manche nach heutigem Geschmack allzu schwülstige Passagen sollte der Leser schmunzelnd hinwegsehen.

Zum Inhalt

Bevor die Kolonialisierung des nordamerikanischen Westens begann, ließen sich die vor allem aus europäischen Landern immigrierten Siedler in der zumeist noch unbewohnten Wildnis von Arkansas nieder, wo sie Ackerbau und Viehzucht betrieben. Aber Pferdediebe brachten die Farmer um die Früchte ihrer Arbeit. Doch auf Pferdediebstahl stand die Todesstrafe. Doch leider reichte der ›Arm des Gesetzes‹ nicht überall in die Weite des riesigen Landes hinein. Darum formierten sich Bürgerwehren, die ›Regulatoren‹. Diese traten schon bald im gesamten amerikanischen Westen in Aktion, um Verbrecher - insbesondere Pferdediebe und Mörder - zu jagen und zu richten. Das geschah insbesondere nach Aufhebung der Todesstrafe für Pferdediebstahl. Dabei griffen die ›Regulatoren‹ zur Selbstjustiz, wie Gerstäcker in seinem Vorwort darlegt.

Friedrich Gerstäcker beschreibt in seinem Roman das Leben der amerikanischen ›Hinterwäldler‹ in Mitte des 19. Jahrhunderts sowie die Besonderheiten des Landes, das sie in Besitz genommen hatten. Man erhält einen Einblick in die damalige, entbehrungsreiche Lebensweise der neuen Siedler. Eingehend dargestellt werden u.a. ihre Essgewohnheiten und Familienfeste, ebenso wie der Ablauf von Gerichtsverhandlungen und Wahlen. Gerstäckers persönliche Erlebnisse fließen in dieses Buch ein.

Die geschilderten Charaktere sind glaubwürdig dargestellt - nach dem Vorbild real existierender Personen. Auch der verbrecherische Methodistenprediger Rowson hat tatsächlch gelebt, ist also eine historische Figur. Weitere hervorragend dargestellte Charaktere sind u.a. der junge Ansiedler Brown und der Pferdedieb Cotton. Auch die Schauplätze des Romans sind authentisch.

Prolog

Arkansas, 1836 von den Vereinigten Staaten in die Union aufgenommen, war dafür bekannt, dass sich Pferdediebe, Räuber und Mordgesellen in seinen dichten Wäldern und schwer zugänglichen Sumpfgebieten versteckt hielten um von dort aus, für den ›Arm des Gesetzes‹ unerreichbar, ihre Beutezüge zu unternehmen. Gesetze und Gerichtsurteile waren in dieser unwegsamen Gegend meistens wirkungslos. Ehe der Sheriff einen dieser Verbrecher fassen konnte, hatte sich dieser auf einem gestohlenen Pferd in ein anderes County geflüchtet und entzog sich damit seiner Verhaftung. Wenn es allerdings gelang, einen steckbrieflich Gesuchten zu ergreifen, so galt es als eine noch schwierigere Aufgabe, ihn vor ein Gericht zu bringen. Entweder gelang ihm die Flucht aus einem provisorisch errichteten Gefängnis - zumeist eine aus rohen Balken errichtete Blockhütte - oder er wurde kurz nach Festnahme von Kumpanen befreit und konnte gleich wieder seine frühere verbrecherische Tätigkeit ausüben.

Pferdediebstahl war ein leichtes Vorhaben, da die Tiere nicht eingezäunt waren, sondern sich auf riesigen Weideflächen und in angrenzenden Wäldern jederzeit frei bewegen konnten, immer ohne Aufsicht. Als im Jahre 1839 die Todesstrafe für Pferdediebstahl aufgehoben wurde, traten immer neue Pferdediebe in Aktion. Der Staat war nicht fähig, den Farmern auf ihren oft viele Meilen voneinander entfernt liegenden Farmen Schutz zu bieten. Darum gründeten die ›Männer von Arkansas‹ den Bund der ›Regulatoren‹. Sie nahmen jeden fest, der ihnen verdächtig erschien, peitschten oder folterten ihn solange, bis er sein Vergehen gestand und seine Mittäter benannte. Sie hängten oder erschossen ihn, nachdem ihm seine Missetat bewiesen werden konnte.

Dass bei diesem willkürlichen Verfahren auch manches Unrecht geschah, lässt sich denken. Oftmals wurden völlig Unschuldige verdächtigt, gefoltert, verurteilt und massakriert. Aber die Farmer, die Freiheit und Gesetz als das höchste Gut betrachteten, verurteilten diese Selbstjustiz. Nach Fehlurteilen übten sie Rache und ermordeten heimlich die daran beteiligten Regulatoren und deren Richter.

Als das ›Lynchgesetz‹, wie die Regulatoren ihr Gerichtsverfahren nannten, in ganz Arkansas Anwendung fand, suchten sich die Pferdediebe im Bundesstaat Texas ein neues Betätigungsfeld.

Dieser Roman von Friedrich Gerstäcker fällt in eine Zeit, in der sich das Verbrecherunwesen immer weiter ausbreitete. Farmer und Jäger mussten daher zu Selbstschutz greifen. Die meisten der geschilderten Ereignisse haben sich - wenn auch an anderen Orten - wirklich zugetragen.

Kapitel 1

Der Leser macht die Bekanntschaft von vier würdigen Leuten

und erfährt Näheres über ihre Lebensverhältnisse

Die Frühlingsstürme waren endlich vorbei. Jetzt im Mai drängten sich Blumen und Blüten zwischen dem gelben Blätterlager hervor, das dicht den Boden bedeckte und nur hier und da von saftgrünen Grasflecken unterbrochen wurde. Aber Blüte an Blüte quoll auch aus den Zweigen der niederen Dogwoodbäume und Gewürzbüsche hervor. Blumen und Knospen hingen an üppigen Lianengewinden, die sich von Baum zu Baum schlangen, verwandelten die Wildnis in einen Garten und erfüllten mit ihrem Duft den aus Fichten-, Eichen- und Sassafrasbäumen bestehenden Wald. Drängte sich die Sonne durch die dichtbelaubten Wipfel der gewaltigen Stämme, so ließ das Gewirr von Schlingpflanzen und Buschwerk kaum hier und da einen Strahl zur Erde nieder, und Dämmerung herrschte in diesem Teil der Niederung, während die Sonne bereits hoch am Himmel stand.

Damit schienen die drei Männer, die sich hier am Fuß einer Kiefer niedergelassen hatten, einverstanden zu sein, denn einer reckte seine Glieder und sagte, zu dem grünen Laubdach emporschauend:

»Ein herrlicher Platz für vertrauliche Zusammenkünfte! Der Rohrbruch, zum Fluss hin, hält gewiß jeden vernünftigen Christenmenschen ab, seinen Weg in diese Richtung einzuschlagen, und die dornigen Schlingpflanzen hier oben sind ebenfalls nicht so einladend, daß sich einer ganz nutzlos hineinwagen sollte – und nutzlos wär's, denn daß kein Wild mehr in der Nähe weilt, dafür, denk ich, hätten wir gesorgt.«

Der Sprecher war, soweit es seine behaglich auf dem Laub ausgestreckte Gestalt erkennen ließ, ein Mann von über sechs Fuß, mit muskulösem Körperbau und freien, offenen Zügen, sein Blick hatte aber etwas unheimlich Wildes und irrte unstet hin und her. Sein ganzes Äußere verriet einen hohen Grad von Schlampigkeit. Der alte, löchrige Filzhut war ihm vom Kopf gefallen, und das Haar stand struppig und ungekämmt empor. Der borstige Bart schien eine Woche lang nicht gewaschen worden zu sein, und ein abgetragenes blauwollenes Jagdhemd, an dem einzelne einst gelb gewesene Fransen durcheinander herabhingen, war von alten wie neuen Blutflecken überzogen. Dieses erklärte sich durch ein frisch abgestreiftes Hirschfell an seiner Seite. Überhaupt schien der Bursche den Wald zu seinem Hauptaufenthalt gemacht zu haben. Die Büchse lag neben ihm am Boden; die Beine staken in vielfach ausgebesserten ledernen Leggins oder Gamaschen, und ein Paar Mokassins aus Rindshaut vollendeten den keineswegs kleidsamen Anzug.

Sein neben ihm, mit dem Rücken gegen den Baumstamm gelehnter Gefährte, schnitzte mit einem langen Messer Holzspäne.

[Anm.: In der Landessprache gewöhnlich ›Arkansas-Zahnstocher‹ genannt]

Er unterschied sich, und zwar zu seinem Vorteil, von seinem rauen Nachbarn. Seine Kleidung war gepflegter, sein ledernes Jagdhemd, das, wenn auch alt und viel gebraucht, doch von bester Qualität erschien, war viel besser erhalten als das des Ersteren. Sein ganzes Aussehen zeigte, daß er eine gute Erziehung erhalten oder erst kürzlich das elterliche Haus verlassen hatte. Das war umso wahrscheinlicher, denn er war kaum älter als siebzehn Jahre.

Der Dritte war den beiden anderen kaum ähnlich, denn was jene an Wildheit und Lebensmut ausstrahlten, schien dieser durch Sanftmut und Leutseligkeit wieder ausgleichen zu wollen. Seiner Kleidung nach gehörte er der Klasse wohlhabender Farmer an. Der blaue, aus bestem wollenen Stoff gefertigte Frack – die gewöhnliche Tracht der amerikanischen Landleute – die saubere gelbe Weste, die sorgfältig geschwärzten Schuhe, der neue breitrandige Hut, das alles bewies, daß er etwas auf sein Äußeres hielt. Er lehnte, ein Bein übers andere geschlagen, an einer kleinen Eiche und sah sinnend zu dem Sprecher hinüber, der seinen Kopf wieder faul auf das die Wurzeln des Baumes bedeckende Moos zurücksinken ließ.

»Oder sorgt vielmehr jetzt noch dafür, Cotton«, erwiderte er mit näselnder Stimme die Feststellung des Jägers, »wenn es auch nicht in Ordnung ist, daß Ihr selbst am heiligen Sabbat ohne dringende Not umhergeht und die friedlichen Tiere des Waldes erlegt.«

»O geht zum Teufel mit Eurer Predigt, Rowson!«, fuhr der Jäger Cotton halb ärgerlich, halb lachend auf, während der junge Bursche einen spöttischen Blick auf die Respekt einflößende Gestalt des Mahners warf. »Spart Eure Moralpredigt, bis Ihr in die Ansiedlung kommt, und verschont uns hier mit dem ganzen Unsinn. Wo aber nur Rusch stecken mag – verdammt will ich sein, wenn er uns dafür keine plausible Erklärung gibt. Er versprach, bei Sonnenaufgang hier zu sein, und jetzt steht die Sonne bald drei Stunden hoch – die Pest in seinen Hals!«

»Ihr werdet ihn mit Eurem gotteslästerlichen Fluchen nicht herbeirufen«, erwiderte kopfschüttelnd der Prediger. »Aber«, fuhr er dann, etwas lebhafter werdend, fort, »auch mir dauert es zu lang. Ich muß um zehn Uhr in der Betversammlung sein und habe noch sechs Meilen bis dorthin zu reiten.«

»Die beiden Geschäfte scheinen sich bei Euch sehr gut zu vertragen!« Cotton lächelte verächtlich. »Predigen und Pferde stehlen – hm, paßt wirklich recht gut zusammen, kann auch recht gut nebeneinander bestehen, denn der ›Sabbat‹, wie Ihr ihn nennt, ist doch ein schlechter Tag für unser Geschäft. Aber lasst Eure Faxen hier im Wald, wo wir unter uns sind. Es ist hier – um es deutlich zu sagen – stinklangweilig.«

»Nun, habt keine Angst, Ihr sollt nicht länger damit belästigt werden«, entgegnete Rowson, während er mit Wohlbedacht eine Prise aus einer Muscheldose nahm. »Doch seht«, fuhr er dann lebhafter fort, »Euer Hund spitzt die Ohren – er scheint etwas zu wittern.«

Der grau- und schwarzgestreifte Schweißhund Deik hatte sich, einige Schritte von den Männern entfernt, auf dem einzigen kleinen sonnigen Fleck zusammengeknäult, wo ein umgestürzter Baum in das dichte Laubdach eine Lücke gerissen hatte. Der Hund hob jetzt die Nase, wobei er einen schwachen Versuch machte, mit dem Schwanz zu wedeln, und fiel wieder in seine bequeme Lage zurück. Sein Herr, der ihn derweil aufmerksam beobachtet hatte, sprang mit zufriedenem Blick auf und rief:

»Nun endlich – Zeit ist's, dass er kommt. Deik kennt ihn auch gut genug, mag aber seinen warmen Platz dort nicht verlassen. Hallo – da ist er schon! – Nun, Rusch, Ihr glaubt wohl, man hält sich hier der Annehmlichkeit wegen zwischen den Moskitos und Holzböcken auf? Was, zum Henker, hat Euch abgehalten, zur verabredeten Zeit hier zu sein?«

Rusch war ein Mann mittleren Alters und, ebenso wie der Prediger, sorgfältig und sauber gekleidet. Außerdem trug er, obgleich sonst gerade nicht jagdmäßig angezogen, eine Kugeltasche an der rechten Seite und eine lange Flinte über der Schulter.

»Guten Morgen, Gentlemen«, wandte er sich jetzt an die ihn begrüßenden Männer, »seid nicht böse, dass Ihr auf mich warten musstet, aber – ich konnte nicht früher kommen. Der junge Laffe, der Brown, und der alte Harper mit der verdammten Rothaut krochen mir dauernd über den Weg und sollten nicht sehen, welche Richtung ich einschlug. Die guten Leute fangen an zu gescheit zu werden, und das schleichende Skalpiermesser schnüffelt in einem fort im Wald – umher. Höll' und Teufel, warum dulden wir den Indianer eigentlich hier in der Nachbarschaft! Ich habe fast so eine Ahnung, als ob die Kugel schon gegossen wäre, die ihm in seine Jagdgründe verhelfen mag.«

»Ich glaube selber, Rusch«, sagte Cotton, »dass das Stück Blei vortrefflich angewandt wäre.«

»Hört einmal, Cotton«, wandte sich der gerade Angekommene etwas verärgert an den Jäger, »ich wollte, Ihr nenntet mich nicht immer bei dem verwünschten Namen. Er fährt Euch einmal heraus, wenn es Fremde hören, und dann käm' ich in des Teufels Küche. Sagt ›Johnson‹, auch wenn wir unter uns sind – Ihr gewöhnt Euch besser dran.«

»Nun meinetwegen«, erwiderte spöttisch der andere, »ist mir auch recht, Rusch oder Johnson, dem Strick entgeht Ihr doch nicht, genausowenig wie wir anderen. Aber vergnügt wollen wir jetzt sein, solange wir noch beisammen sind, denn dann geht's wieder ans Geschäft. Wir haben in den letzten vierzehn Tagen keinen Cent verdient. Es wird Zeit, dass wir wieder anfangen.«

Mit diesen Worten zog er eine kleine Whiskyflasche aus seiner wollenen Decke, drehte den Stöpsel heraus und setzte sie dann mit einem zufriedenen »Prost« an die Lippen. Erst nachdem er einen tüchtigen Schluck genommen, hielt er sie dem neben ihm stehenden Rowson hin und rief:

»Da – stärkt Euch zu Eurer Predigt heute morgen, Ihr werdet's brauchen können. Verdammt will ich sein, wenn ich nicht drei solche Flaschen im Leibe haben müsste, um ruhig zuhören zu können, und sogar dann würde ich noch die Bedingung stellen, dass ich eingeschlafen sein müsste, ehe Ihr angefangen hättet.«

»Danke«, sagte der Methodistenprediger Rowson, den dargebotenen Trunk abweisend, »danke schön, ich möchte nicht gern heute morgen nach Whisky stinken. Reicht die Flasche an Johnson weiter, der wirft ihr ohnedies schon sehnsüchtige Blicke zu.«

»Nichts besser als ein heißer Trunk am Morgen«, bedankte sich Rusch alias Johnson. »Aber lieber Weston«, wandte er sich an den Jüngsten, »was habt Ihr denn, Ihr kratzt Euch ja, als ob Ihr wie eine Schlange die Haut abschälen wolltet; hat Euch ein Moskito gestochen?«

»Einer?«, fragte der junge Mann ärgerlich, wobei er die Flasche von Johnson entgegennahm. »Einer? Die Luft ist hier dick voll von ihnen, und es kommt mir fast so vor, als ob Harper recht habe, der neulich behauptete, es gäbe so viele von diesen vermaledeiten Viechern hier, dass man bei Tisch, wenn man nur einmal mit dem Messer durch die Luft hiebe, gleich den ganzen Teller voll Flügel und Beine hätte.«

»Hoho!«, lachte Cotton. »Ihr gewöhnt Euch schon daran, kommt gerade aus den Missouri-Bergen herunter, wo, wie ich mir habe erzählen lassen, die Leute nachts ohne Rauch gegen die Moskitos sogar im Freien schlafen können; hier möchte ihnen das schwerfallen.«

»Gentlemen, denken Sie daran, weshalb wir hier sind«, bemerkte Rowson jetzt etwas ungeduldig, »die Zeit vergeht, und ich muss fort. Überhaupt ist dies keineswegs ein ausgesprochen sicherer Platz, sofern Johnson tatsächlich den Indianer mit seinen Freunden hat in der Nähe herumkrauchen sehen. Ich schlage also vor, dass wir ohne weitere Umstände ans Werk gehen und besprechen, was wir eigentlich unternehmen wollen.«

»Brav gesagt, großer Prophet!«, rief Cotton und schlug dabei dem Redner mit der Faust so kräftig auf die Schulter, dass dieser schmerzhaft das Gesicht verzog und dem allzu freundlichen Jäger einen tückischen Seitenblick zuwarf, jedoch mit großer Selbstüberwindung seinen Ärger verbiss und – bedächtig die Männer ansehend – fortfuhr:

»Wir haben, dank diesen Schuften, die nicht allein in der Ansiedlung, sondern im ganzen County, ja im ganzen Staate umherstreifen und sich unter dem Namen ›Regulatoren‹ breitmachen, mehrere Wochen lang brachgelegen und nicht einen Pfennig verdient. Gestern ist, wie Ihr alle wisst, ein Botschafter von der Insel dagewesen, der dringend gute Pferde fordert, die zu einem Landtransport oder was weiß ich verwandt werden sollen, und wir kleben hier und legen die Hände in den Schoß. Das geht nicht länger. Ich brauche Geld, wie jeder von Euch. Aber mit Maisbau und Schweinezucht durch jahrelange Arbeit weniger zu verdienen, als das, was gewissermaßen vor uns auf dem Tisch liegt, wäre doch lächerlich; also auf zur Tat! Da ich durch den guten Ruf, den ich mir erwerben konnte, obgleich ich doch eigentlich nur ein schwacher, sündhafter Mensch bin...«

»Höll' und Teufel, lasst den Unsinn!«, unterbrach ihn Cotton, ärgerlich mit dem Fuß stampfend, »plappert Euren Gebetkram her, wenn Ihr bei Roberts seid, aber schenkt uns hier reinen Wein ein.«

»Da ich durch den guten Ruf, den ich mir erwerben konnte«, wiederholte Rowson und machte eine besänftigende Gebärde gegen Cotton, »auf vielen, sehr vielen Farmen Zutritt erhalten habe, so hat mir das natürlich Gelegenheit gegeben, den Vieh- und besonders den Pferdestand der Eigentümer genau zu untersuchen. Meiner Meinung nach also gibt es für uns keine ergiebigere Gegend als Springcreek, an der anderen Seite vom Petite-Jeanne. Husfield besitzt dort herrliche Tiere, und ich bin fest überzeugt, dass wir allein von seiner Farm acht Pferde wegholen können, wobei ich noch zwei Tage Vorsprung garantiere.«

»Klingt nicht übel«, meinte Johnson, »aber bedenkt auch, dass uns das wieder fast fünfzig Meilen weiter vom Mississippi fortbringt.«

»Höchstens fünfunddreißig«, erwiderte Rowson, »und zwei Tage und zwei Nächte Vorsprung. In dieser Gegend müssten wir darauf gefasst sein, dass sie uns noch in derselben Stunde auf der Fährte sind, und das ist denn doch etwas störend.«

»Wie wär's, wenn wir den Beutezug auf die nächste Woche verschöben?«, meinte Johnson, »ich hätte gern einen kleinen Abstecher an den Washita gemacht.«

»Keine Stunde!«, rief Rowson, »wozu die Zeit versäumen, die wir bald so sehr nötig brauchen werden!«

»Was, zum Henker, habt Ihr denn auf einmal für eine verwünschte Eile?«, fragte Cotton verwundert, »das ist doch sonst nicht Eure Art.«

»Ich brauche Geld«, sagte Rowson lakonisch. »Mein Land ist vermessen, und wenn ich bis zum ersten Montag im Juni die volle Summe nicht bezahle, so kann es mir, wie Ihr alle recht gut wisst, vor der Nase weggekauft werden. Außerdem leben hier in der Gegend einige freundliche Seelen, die sich ein ganz besonderes Vergnügen daraus machen würden, mir diesen Gefallen zu tun. Da ist unter anderen dieser Mr. Harper – die Pest auf seinen Kopf!«

»Hahaha, Rowson«, Cotton lachte spöttisch. »Wenn Mrs. Roberts hörte, dass Ihr einem andern Christenmenschen die Pest auf den Schädel wünscht, ihre fromme Meinung von Euch würde ein bedeutendes Leck bekommen.«

»Spottet nur, Cotton, Ihr habt Euch das Recht dazu erworben, es ist ja Euer täglich Brot. Aber wenn ich nicht die Wahrheit rede, dass hier einige leben, denen ich selbst mit Wollust ein Messer..., doch das gehört nicht hierher«, fuhr er, sich schnell fassend, fort. »Sprecht Euch jetzt aus, wollt Ihr meinem Rat folgen, oder nicht? Wir können in acht Tagen jeder dreihundert Dollar verdienen, und das ist mehr, als sich auf ehrliche Art und Weise zustande bringen lässt.«

»Gut! Mir ist's recht«, rief Cotton, »diesmal geht Ihr beiden aber; wir zwei, Weston und ich, haben das letzte Mal den Hals riskiert.«

»Ja, ja«, stimmte Weston bei, »'s ist wahr – wir wären beinahe noch erwischt worden. Diesmal sind wir an der Reihe auszusetzen.«

»O halt! Nicht so schnell«, unterbrach sie Johnson, »vorerst müssen wir über den Plan einig werden, und dann bitt' ich, dass die beiden Herren bedenken mögen, welche Last wir mit dem Verkauf hatten, und dass ich selbst bis jetzt noch nicht einmal von jedem Verdacht frei bin. Erst also der Plan – wie hattet Ihr's Euch gedacht, Rowson?«

»Nun seht«, erwiderte dieser, indem er ein breites Bowiemesser unter der Weste hervorzog und damit zu schnitzen anfing, »zwei von uns – mehr dürfen es auf keinen Fall sein, um nicht Verdacht zu erwecken, wenn sie zufälligerweise gesehen werden sollten – also zwei von uns gehen mit ihren Büchsen, und jeder mit drei oder vier Zügeln, die er auf irgendeine Art an sich verbergen muss, von hier aus über den Petite-Jeanne nach der Mühle am Springcreek zu. Die Zügel erwähne ich deshalb, damit wir nicht wieder solchen Ärger beim Verkauf der Pferde haben, da das letztemal die scharfe Baumrinde den Tieren die Mäuler blutig gerissen hatte und die Seelenverkäufer auf der Insel am Preis mäkeln wollten. Von der Mühle aus ist es nicht mehr weit, ein paar Meilen höchstens, zu Husfield, und an der ersten Fenzecke angelangt, haltet Euch nur gleich links auf dem ersten Fußpfad, der scheinbar in den Wald wieder hineinläuft; er biegt aber nur deshalb aus, um ein paar umgestürzten Eichen Raum zu geben. nachher wendet er sich wieder der Farm zu und läuft gerade nach dem Pferdehof hin, der auf der andern Seite mit dem Haus selbst in Verbindung steht.

Husfield hat etwa siebenundzwanzig Pferde, alles gerechnet, mit Füllen und Hengsten, von denen er gewöhnlich acht füttert. Die letzteren aber dürfen wir nicht berühren, er würde sie schon am nächsten Morgen vermissen und ist ein zu guter Waldmann, als dass er uns nicht auf der Fährte bleiben sollte. Die übrigen weiden, unter der Führung eines jungen, dreijährigen Hengstes, draußen im Freien.«

»Er darf ja im Frühjahr keinen Hengst frei herumlaufen lassen«, unterbrach ihn Johnson.

»Ich weiß wohl«, fuhr Rowson fort, »er tut's aber doch. Jetzt wenigstens, dessen bin ich sicher, ist der Hengst noch draußen und kommt jeden Abend regelmäßig an die Fenz der Umzäunung – zu ein paar Stuten, denen er, außen herumtrabend, wiehernd seine Liebeserklärung macht, und kehrt dann wieder in den Wald, nach seinem gewöhnlichen Schlafplatz zurück. Ihm folgt der ganze Trupp, und das ist der Zeitpunkt, sich der Besten zu bemächtigen, denn die Bewohner des Hauses achten nicht viel auf die Tiere. Ich bin zweimal dort eingekehrt, um dessen auch sicher zu sein.«

»Wenn man die Stuten aus der Umzäunung holen könnte«, meinte Weston schmunzelnd, »dann hätte man nachher die ganze Herde und könnte so schnell reiten, wie die Tiere laufen wollten.«

»Ja, und hätte am nächsten Morgen etwa zehn oder zwölf von den Schuften, mit Büchsen und ellenlangen Messern, auf einer Fährte hinter uns her, der ein Blinder mit dem Stock folgen könnte«, rief Rowson. »Nein, wir müssen sichergehen, denn wir wollen nicht nur nicht erwischt werden, sondern auch jeden Verdacht vermeiden, und das können wir nur dadurch bezwecken, dass wir die Sache so vorsichtig wie möglich anfangen. An der Mühle dürfen die, welche die Pferde entführen sollen, sich ebenfalls nicht blicken lassen. Am besten ist's, man geht gleich da, wo die Straße den Springcreek berührt, hindurch ans andere Ufer, was zufällig des Weges Kommende zu der irrigen Meinung veranlassen wird, die Reiter hätten hinüber nach Dardanella gewollt. An der Ecke der Fenz, eben da, wo der Weg links abbiegt, ist noch dazu ungemein steiniger Boden, und eine Fährte, über den Weg zurück, kann kaum bemerkt werden. Was nachher zu tun ist, wenn man sich erst einmal an Ort und Stelle befindet, brauche ich Euch nicht weiter zu sagen, das wisst Ihr gut genug.«

»Aber wer geht jetzt?«, brummte Cotton unwillig. »Ihr gebt uns so gute Lehren, als ob Ihr selbst gar nicht mit zur Partie gehörtet. Wir haben's das letztemal riskiert, es ist nicht mehr als recht und billig, dass jetzt zwei andere ihren Hals dransetzen.«

»Noch dazu, da Ihr so sehr gut dort in der Gegend bekannt seid«, warf Weston ein. »Andere, die alle jene beschriebenen Pfade erst suchen müssen, würden sehr viel Zeit dabei verlieren.«

»Wahr – wahr, in vieler Hinsicht«, meinte Rowson lächelnd, »aber, junger Mann, Johnson und ich haben, wie schon gesagt, das letztemal fast mehr Angst und Gefahr ausgestanden als Ihr beiden, die Ihr bloß die Pferde abholtet. Doch es sei – ich biete mich als einen der ›Abholer‹ an, bestimmt Ihr den andern; doch nur unter der Bedingung, dass ich bloß verpflichtet bin, die Tiere bis an die Mamelle zu schaffen, das heißt bis auf den Bergrücken, der die Wasser der Mamelle vom Fourche la fave trennt. Dort an den Quellen des Creeks wollen wir zusammentreffen, und von da an mögen die anderen beiden die Pferde nach der Insel befördern.«

»Dann wär's das Beste, dass Ihr und Johnson den ersten Teil übernähmt; Weston und ich wollen sie dann schon in Sicherheit bringen.«

»Halt!«, rief Johnson, »dem schurkischen Husfield gehe ich nicht freiwillig aufs Land. Ihr wisst vielleicht nicht, dass wir vor vierzehn Tagen einen Streit miteinander hatten, in dem ich... das verdammte Pistol schnappte, und der Schuft schlug mich nieder. Ich bin der Kanaille dafür etwas schuldig«, fuhr er zähneknirschend fort, »möchte das aber nicht auf seinem eigenen Grund und Boden abmachen, das spräche nachher vor Gericht gegen mich. – Nein, lasst lieber das Los bestimmen, wer gehen soll, wir können ja Grashalme ziehen.«

»Ach was, Grashalme«, brummte Cotton, »die Jagd soll entscheiden. Wir wollen morgen früh alle vier, oder vielmehr drei, da Rowson diesmal Freiwilliger ist, nach verschiedenen Revieren aufbrechen, und kommen hier am Dienstagmorgen wieder zusammen. Wer morgen die meisten Hirsche schießt oder überhaupt die beste Jagd macht, ist frei.«

»Einverstanden!«, rief Rowson, »das ist ein guter Einfall, da gehe ich auch mit, und wenn es nur des Spaßes halber wäre.«

»Meinetwegen«, sagte Johnson, »wir sind alle gute Jäger, und das Glück mag entscheiden, wer von uns diesseits oder jenseits der Mamelle Pferdefleisch zu befördern bekommt; also morgen früh. Wir müssen aber auch eine Gegend bestimmen, dass wir einander nicht in die Schusslinie laufen. Ich meinerseits will den Fluss ein Stück Weg hinaufgehen und in der Niederung jagen.«

»Da kommt Ihr mir in mein Revier«, entgegnete Weston, »ich muss dort hinauf, denn ich habe mein Lager noch, mit Decke, Kochgeschirr und zwei Hirschhäuten, da oben liegen.«

»Gut – dann gehe ich hinüber an den Petite-Jeanne; Jones von drüben sagte mir gestern, er hätte Unmassen von Fährten gesehen.«

»Und ich gehe ebenfalls in diese Gegend«, sagte Rowson, »werde aber nicht den ganzen Tag jagen können, weil ich der Mrs. Laughlin versprochen habe, gegen Abend hinüberzukommen und Betstunde zu halten.«

»Und wo tut Ihr inzwischen Eure Büchse hin?«, fragte Johnson.

»Nun, zu Mrs. Fulweal, denk' ich. Dort ist ja auch Cottons Schwester, und wenn ich abends nach Hause reite, nehme ich sie wieder mit.«

»Rowson, Rowson«, rief Cotton, lachend mit dem Finger drohend, »mit der Witwe Fulweal ist mir die Sache nicht so ganz geheuer. Ihr kriecht und schwänzelt in der Gegend umher, und wie ich neulich einmal so unverhofft zu Eurer Betversammlung kam, da knietet Ihr beide mir sehr verdächtig nahe zusammen.«

»Unsinn!«, sagte Rowson, schien aber doch ein wenig verlegen zu werden und wandte sich jetzt schnell an Weston, dem er zurief: »Apropos, junger Mann, die beiden Felle, die Ihr schon im Lager habt, zählen aber nicht mit.«

»O bewahre«, erwiderte dieser, »ehrliches Spiel – morgen früh, wenn es hell genug wird, das Korn auf der Büchse zu erkennen, geht die Jagd an.«

»Jetzt ist es aber Zeit aufzubrechen«, sagte Rowson, die Hände in die Tasche schiebend, »also Gentlemen, auf ein fröhliches Wiedersehen!«

»Halt, noch eins!«, rief ihm Cotton zu, als er sich schon nach der Richtung hin, wo er an der Außenseite des Dickichts sein Pferd angebunden hatte, entfernen wollte, »wir dürfen nicht auseinandergehen, ehe wir nicht einen festen Entschluss gefasst haben, wie wir uns verhalten wollen, falls die vermaledeiten Regulatoren uns auf die Spur kämen. Hölle und Gift, ging's nach mir, so lebte morgen abend um diese Zeit keiner von den Schuften mehr.«

Rowson kehrte wieder um und blieb – an den Nägeln kauend – neben Cotton stehen. »Ich hätte bald vergessen, Euch etwas mitzuteilen«, sagte er dann nach einer kleinen Pause, indem er einen Seitenblick auf seinen stämmigen Nachbarn warf, »da Cotton aber gerade von den Regulatoren anfängt, fällt es mir wieder ein.«

»Und was ist das?«, fragte Johnson eifrig.

»Nichts mehr und nichts weniger, als dass der Sheriff von Pulasky County einen Verhaftsbefehl für unsern guten Cotton in der Tasche trägt.«

»Der Teufel!«, fuhr dieser auf, »und weshalb?«

»Oh – ich weiß nicht, ob gerade irgend etwas Besonderes erwähnt ist, es waren aber so verschiedene Sachen. Ich hörte etwas von einer Fünfzigdollarnote munkeln, und von einem Heiratsversprechen in Randolph County, und von einem Menschen, den man eine Zeitlang vermisst habe und dessen Leichnam dann später aufgefunden sei, und so mehrere Kleinigkeiten.«

»Die Pest!«, rief mit dem Fuß stampfend der Jäger, »und das hättet Ihr beinahe vergessen? Mich ganz arglos in die Ansiedlung hineintraben lassen? Ja, es wird Zeit, dass ich mich hier fortmache – Arkansas möchte mir ein wenig zu heiß werden, oder ich habe hier zu viele Bekannte.«

»Habt wohl eine recht ausgebreitete Bekanntschaft?«, schmunzelte Rowson.

»Ja, leider«, entgegnete nachdenklich der Jäger. »Aber was tut's«, fuhr er dann fort – sich plötzlich hoch aufrichtend – »was tut's, in wenigen Tagen ist unser Geschäft beendet, und mit dem Geld kann ich bis an den Mississippi und von da aus bequem nach Texas kommen.«

»Warum geht Ihr nicht lieber von hier aufs Land? Da kostet's Euch keinen Cent und ist nicht den zehnten Teil so weit.«

»Wohl recht, ich habe aber meine Gründe, den nördlich von hier lebenden Indianern nicht besonders nahe zu kommen.«

»Alle Wetter, Cotton, erzählt uns die Geschichte«, bat Weston, »ich habe schon so viel davon reden hören und möchte gar zu gern wissen, wie das alles zusammenhängt. Was hattet Ihr mit den Cherokesen?«

»Jetzt wär' nicht die Zeit dazu, eine Geschichte zu erzählen«, brummte der Gefragte.

»Man soll an Euren Armen«, sagte Rowson spöttisch, »noch die Spuren von eisernen...«

»Geht zum Teufel mit Eurem Kindergeschwätz – wir haben jetzt Wichtigeres zu tun. Nicht allein auf mich ist's gemünzt, sondern auf euch alle. Die Regulatoren haben durch irgendeinen Schuft Wind bekommen und uns alle auf dem Korn!«

»Mich nicht«, erwiderte Rowson, »in dem frommen, gottesfürchtigen Methodistenprediger sucht keiner den Wolf.«

»Keiner?« Cotton lächelte ihn höhnisch an. »Keiner? Was meinte denn neulich Heathcott, als er Euch einen Lügner und Schurken nannte?«

Rowsons Antlitz entfärbte sich, und Totenblässe vertrieb die frühere Röte; seine Hand fuhr krampfhaft nach dem verborgenen Messer.

»Was für Beschuldigungen brachte er da zum Vorschein?«, flüsterte der Jäger leise weiter, dem vor Wut und Ärger Erbebenden einen Schritt näher tretend. »He? Kam da nicht auch das Wort Seelenverkäufer vor? Und Ihr ließet Euch das alles ruhig gefallen? Pfui! Ich schämte mich damals in Eure eigene Seele hinein!«

»Cotton«, sagte Rowson, »Ihr habt die rechte Saite berührt, der Mensch ist uns gefährlich. Er hat nicht allein eine Ahnung, wer ich bin, sondern er ließ auch neulich verdächtige Worte über Atkins fallen.«

»Was, Atkins, der noch nie die Hand in einem Diebstahl gehabt hat und nur ruhig auf seiner Farm sitzt und uns unterstützt?«

»Eben der Atkins. Weiß der Teufel, wie der Schuft darauf kommt, nach dieser Seite hin zu wechseln, wahr ist es aber, und dass ich damals den Lügner und Schurken hinnahm, hatte seine wohlweislichen Gründe. Wäre ich als Prediger aufgefahren und hätte ihm den Schuft zurückgegeben...«

»... so hätt' er Euch zu Boden geschlagen«, unterbrach ihn Cotton lachend.

»... so hätte das mir und meinem sonstigen gottesfürchtigen Wandel einen gewaltigen Stoß gegeben«, fuhr Rowson, ohne sich irre machen zu lassen, fort.

»Jawohl, Stoß«, sagte Cotton, »an den Schädel oder zwischen die Augen.«

»Lasst das Necken, zum Teufel«, fuhr jetzt Johnson auf, »wir sind doch nicht hier, um Eure Narrenpossen mit anzuhören. Rowson hat ganz recht; wenn er nun einmal predigt, so muss er sich auch wie ein Prediger betragen.«

»Und Pferde stehlen!«, ergänzte der unverbesserliche Cotton.

»Wollt Ihr jetzt ernsthaft die ernste Sache betreiben oder nicht? Sagt es, denn ich habe Euer Gewäsch satt«, rief Rowson ärgerlich. »Wir sind hierher gekommen, um an einem gemeinsamen Plan auch gemeinsam zu wirken, und nicht, um uns zu entzweien. – Mir ist übrigens noch mehr bekannt: Die Regulatoren werden heute oder morgen hier zusammenkommen.«

»Hier? Wo?«, fragten alle schnell.

»Bei Roberts oder Wilkins oder sonst jemandem, was weiß ich; aber dass sie kommen, ist sicher. Und dann haben sie vor, das allbeliebte Lynchgesetz wieder in Geltung zu bringen.«

»Das dürfen sie nicht!«, rief Cotton. »Die Gesetze sind erst kürzlich deswegen verschärft.«

»Was dürfen sie hier in Arkansas nicht«, fragte Rowson spöttisch, »wenn zwanzig oder fünfundzwanzig zusammentreten und ernsthaft wollen. Glaubt Ihr, der Gouverneur ließe Soldaten gegen sie anrücken? Nein, wahrhaftig nicht – und wenn er's täte, hülfe ihm das ebensowenig. Sie dürfen alles, was sie nur richtig wollen, und sie wollen unser Geschlecht ausrotten, auf dass ihre Pferde abends vollzählig nach Hause kommen und sie den Leuten nicht mehr aufzupassen brauchen, die unter der Weste ein Bowiemesser, ein paar Pistolen und einen leichten Trensenzaum tragen.«

»Im Grunde genommen kann ich ihnen das auch eigentlich nicht so sehr verdenken«, meinte Johnson, »da es sich aber keineswegs mit den Ansichten verträgt, die wir selbst vom Leben haben – was hat der Hund da? Es hebt schon seit ein paar Minuten die Nase so sonderbar in die Höhe – sollte etwa jemand kommen?«

»Nein, es ist nichts«, sagte Cotton, den Hund von der Seite ansehend, der sich jetzt wieder ruhig zusammenrollte, »er bekam vielleicht Witterung von einem Truthahn, und den zeigt er wohl an, folgt ihm aber nicht.«

»Da sich dies also nicht mit unseren Ansichten verträgt, so müssen wir mit Gewalt oder List dagegen wirken. Zur Gewalt sind wir zu schwach, denn gälte es Ernst, so würden uns nur wenige beistehen, also muss uns List retten, und ich denke, dass wir sie alle mit Atkins Hilfe noch an der Nase herumführen, und wenn sie diesen dummstolzen Heathcott auch zum Anführer haben.«

»Heathcott ihr Anführer?«, fuhr Rowson schnell auf.

»Ja! So sagte mir Harper wenigstens neulich, als ich ihn an der Mühle traf.«

»Dies müssen die letzten Pferde sein, die wir hier aus der Nachbarschaft holen«, murmelte Rowson sinnend vor sich hin. »Es ist doch zu gefährlich. Die nächsten, denke ich, beziehen wir aus Missouri. Weston macht da den Führer, ich selbst bin am Big Black und um Farmington herum gut bekannt, und die Leute haben mich dort alle meines gottesfürchtigen Wandels wegen liebgewonnen.«

»Die Pferde auch«, spottete Weston. »Als er von da fortging, folgten ihm drei der guten Tierchen aus purer Anhänglichkeit.«

Diesmal stimmte Rowson in das Gelächter, das dieser Bemerkung folgte, mit ein, war aber auch gleich wieder ernsthaft und rief laut:

»Gentlemen, das geht nicht länger so, bedenkt, dass unser Hals auf dem Spiel steht; es hat alles seine Zeit, Possen und Ernst – hört also jetzt meinen Plan. Ich habe mir die Sache anders überlegt. Wir wollen die Pferde nicht in gerader Richtung zu der Insel schaffen, es wäre doch möglich, dass man uns trotz all unserer Schlauheit auf der Spur bliebe, und nachher brächten wir nicht allein uns, sondern auch die Flussleute in Gefahr; wartet daher oberhalb Hoswells Kanu, etwa eine halbe Meile weiter oben, da, wo der Hurrikane anfängt, auf mich. Ich habe einen Plan, wie wir von dort aus die Verfolger herrlich an der Nase herumführen und selbst sicher fortkommen können. Ich will sie nämlich auf eine falsche Fährte bringen, und das kann nur am Fluss geschehen. Doch davon später, zuerst müssen wir sehen, wer sich morgen frei jagt.«

»Wenn sie uns nun aber zu Atkins folgen und damit unsern letzten Zufluchtsort entdecken?« fragte Cotton misstrauisch.

»Wir brauchen vielleicht gar nicht zu Atkins zu gehen«, erwiderte Rowson, »ich habe lange genug im Walde gelebt, um ein paar kläffende Hunde von der Fährte abzubringen. Einigt euch nur jetzt darüber, wer noch mit mir gehen soll; ihr anderen seid dann richtig an der bezeichneten Stelle, und mein Name soll nicht Rowson sein, wenn ich mein Wort nicht einlöse.«

»Das ist ein gewaltiger Schwur!« Cotton lachte. »In wenigen Wochen gebt Ihr vielleicht Gott weiß was darum, wenn Euer Name nicht Rowson wäre. Nun, ich habe wenigstens den Trost, dass ich nicht mehr riskiere als ihr alle. Jetzt aber noch den Schwur, einander in Not und Tod nicht zu verraten. Ein Schuft, wer nur mit einem Blick, nur mit einem Atemzug falsch ist, und die Rache der anderen treffe ihn, wo er sich auch hinflüchten mag, und sei's in den Armen seiner Mutter.«

»Blutigen Tod dem, der zum Verräter wird«, rief Weston, das breite Messer aus der Scheide reißend, »und möge sein Arm und seine Zunge verdorren und sein Auge erblinden!«

»Das ist ein Kraftschwur«, sagte Johnson. »Ich stimme aber mit ein!«

»Auch ich«, sprach Rowson, »doch hoffe ich, der Schwur wird nicht nötig sein, uns eng und fest zu verbinden; der eigene Nutzen tut es bis jetzt, und der hält stärker als Schwur und Bürgschaft. Sollte sich das freilich einmal ändern, dann will ich wünschen, dass ich in Texas wäre!«

»Ihr werdet doch nicht glauben, dass einer von uns niederträchtig genug sein könnte, die Freunde zu verraten?«, fiel Weston, hitzig ein, »schon der Gedanke wäre Verrat und Treubruch an unserer Freundschaft.«

»Gut, gut, ich wills glauben, dass Ihr es aufrichtig meint, Weston«, sagte Rowson, ihm die Hand reichend. »Ihr seid aber noch jung, sehr jung, und wisst gar nicht, in welche Lage ein Mensch kommen kann.«

»Selbst die Tortur sollte mir keine Antwort auspressen, die...«

»Es freut mich, dass ihr so denkt, doch jetzt ›good bye‹, Gentlemen; ›adieu‹, Johnson, wo treffen wir uns denn morgen früh zur Jagd?«

»Da wo Setters Creek aus den Hügeln kommt; es stehen dort auf einer kleinen Erhöhung eine Menge Walnussbäume.«

»Ich kenne die Stelle.«

»Gut, dort also – bis dahin gute Geschäfte. Macht's den armen Leuten nur nicht gar zu rührend!«

»Und der Witwe!«, rief ihm Cotton nach. Rowson hörte aber nicht weiter darauf, sondern verschwand bald in dem den kleinen lichten Fleck eng umschließenden Dickicht, dessen Zweige sich wieder hinter ihm zusammenbogen.

Cotton sah ihm eine lange Weile schweigend nach, endlich schulterte er, ohne ein Wort weiter zu sagen, die Büchse und wollte sich ebenfalls entfernen.

»Ihr traut Rowson nicht recht?«, fragte Johnson jetzt, ihn scharf ansehend.

Cotton blieb noch einmal stehen, blickte wenige Sekunden lang forschend dem Fragenden in die Augen und sagte dann derb und entschieden:

»Nein! – aufrichtig geantwortet, nein! Das schleichende Wesen, das selbst bei den gröbsten Beleidigungen freundliche Gesicht kann kein Vertrauen erwecken. Gift und Tod, der Bursche hasst Heathcott wie die Sünde. Halt!, das Gleichnis war nicht gut gewählt, wie die Tugend, wäre hier besser am Platz, und doch sah ich, wie sich die beiden wieder versöhnten; das heißt, Rowson ging zu Heathcott hin, schüttelte ihm die Hand und versicherte ihm, dass er weiter keinen Groll gegen ihn hege. Lebendig will ich mich in Stücke hacken lassen, wenn mir das möglich gewesen wäre. Mein Messer, aber nicht meine Hand hätte der Hund zu fühlen bekommen. Doch meinetwegen, es gilt hierbei seinen eigenen Nutzen, und da glaub' ich, dass er treu ist; auf keinen Fall brächt' es ihm Vorteil, uns zu verraten, denn noch ist kein Preis auf meinen Kopf gesetzt. Hahaha, hoffen die Tintenlecker den Cotton im Walde zu fangen? Das möchte schwerhalten und könnte wahrhaftig auch nur durch Verrat geschehen.«

»Ihr denkt zu schlimm von Rowson«, beruhigte ihn Johnson, »er hat natürlich seine Fehler, nun, die haben wir ja alle, sonst ist er aber treu, und ich bin fest überzeugt, die Regulatoren können ihn schinden, ehe sie ihm einen Namen seiner Freunde über die Lippen pressten.«

»Ja, und dann müsste erst noch bewiesen werden, dass ich zu denen gehörte«, fügte Cotton hinzu. »Doch ade, Johnson – Ihr meint's gut, das weiß ich, und auf Euch kann man auch einmal im Notfall rechnen, gehabt Euch wohl. Übermorgen früh finden wir uns hier wieder zusammen, und haben wir erst einmal ein paar Dollars in den Taschen, dann lebt sich's auch schon besser und sicherer. Es gibt manche hier unter den Ansiedlern, die jetzt das Maul auf eine entsetzliche Art aufreißen und über Diebstahl und Sünde schreien, denen doch mit einer einzigen Fünfdollarnote die Lippen zusammengeheftet werden könnten, dass sie sich nur noch zum freundlichsten Lächeln wieder öffneten. Doch die Zeit drängt – auf baldiges und frohes Wiedersehen.«

Die Männer trennten sich jetzt, Cotton und Weston gingen zusammen dem Ufer des Flusses zu, Johnson aber schlug sich in gerader nördlicher Richtung durch die Büsche, überschritt die ausgehauene Countystraße und verschwand zwischen den steilen, kieferbedeckten Hügeln.

Der Versammlungsort der »Pferdehändler«, wie sie sich selbst nannten, lag nun ruhig und verlassen in Sabbatstille da. Wohl eine Viertelstunde wurde diese auch durch nichts unterbrochen als durch das einfache Schirpen des Eichhorns und das muntere Geschrei des Hähers, als sich die Büsche wiederum, ohne jedoch das geringste Geräusch zu verursachen, teilten und die dunkle Gestalt eines Indianers den kaum verlassenen Platz betrat.

Vorsichtig horchte er nach allen Seiten hin, ehe er den lichten Fleck überschritt – gerade wie ein Hirsch, der, aus dem Waldesdunkel tretend, einen Pfad zu kreuzen im Begriff ist, fast stets stehenbleibt und zuerst rechts und links hinüberblickt, ob ihm keine Gefahr drohe, und glitt dann lautlosen Schrittes, die Augen auf den Boden geheftet, darüber hin. Plötzlich aber, und sehr wahrscheinlich durch die vielen Fußstapfen aufmerksam gemacht, blieb er stehen und überschaute spähend den Platz. Besonders genau betrachtete er die Stelle, wo der Hund gelegen hatte, und umging dann in weiterem Kreise die kleine Lichtung, als ob er die Spuren zählen wolle, die von hier fortführten.

Er hatte eine kräftige, schöne Gestalt, dieser rote Sohn des Landes, und das dünne buntfarbige baumwollene Jagdhemd, das seinen Oberkörper bedeckte, konnte, an vielen Stellen von Dornen zerrissen, nicht ganz die breiten Schultern und sehnigen Arme verhüllen, die darunter hervorschauten. Dieses Hemd wurde um den Leib durch einen ledernen Gürtel zusammengehalten, der zugleich einen kleinen scharfen Tomahawk und, nach der Sitte der Weißen, ein breites Messer trug. Seine Beine staken in dunkelgefärbten ledernen Leggins, mit dem wohl zwei Zoll breiten Saum nach außen, und um den Hals trug er eine große silberne Platte, schildartig ausgeschnitten, auf der sehr einfach, aber nicht ungeschickt ein Rentier graviert war. Sonst trug er keinen weiteren Schmuck, und selbst die Kugeltasche, die an seiner rechten Seite hing, war aller Glasperlen und bunten Lederstreifen bar, mit denen die Eingeborenen sonst so gern ihre Jagdgerätschaften schmücken. Der Kopf war ebenfalls unbedeckt, und die langen schwarzen, glänzenden Haare hingen ihm bis auf die Schultern hinunter. Seine Büchse war eine der gewöhnlichen langen amerikanischen Rifle.

Mehrere Minuten lang hatte der Indianer seine Untersuchung fortgesetzt, dann richtete er sich hoch auf, strich die Haare aus der Stirn, warf noch einen prüfenden Blick umher und verschwand im Dickicht.

Kapitel 2

Neue Personen erscheinen auf dem Schauplatz.

Wunderbares Jagdabenteuer des »kleinen Mannes«

 

Auf der Countystraße zogen an demselben Morgen, und kaum fünfhundert Schritt von dem im vorigen Kapitel beschriebenen Dickicht, zwei Reiter dahin, die anscheinend der gehobenen Farmerschicht des Landes angehörten. So wie sie in ihrem ganzen Wesen und Aussehen voneinander abstachen, genauso schienen sie dagegen miteinander zu harmonieren, denn sie führten eine fröhliche Unterhaltung. Der junge schlanke Mann auf einem braunen feurigen Pony, das sich nur mit Unwillen dem langsamen Schritt fügte, in den es sein Herr zurückzügelte, lachte oft und laut über die Späße und Bemerkungen, die sein kleiner wohlbeleibter Gefährte zum Besten gab.

Dieser war ein Mann etwa in den Vierzigern, mit sehr vollem und sehr rotem Gesicht und dem freundlichsten, gemütlichsten Ausdruck in den Zügen, der sich nur möglicherweise in eines Menschen Gesicht hineindenken lässt. Seine runde, stattliche Gestalt entsprach dabei seiner Physiognomie auf eine höchst liebenswürdige Weise, und die kleinen lebhaften grauen Augen blitzten so fröhlich und gutgelaunt in die Welt hinein, als hätten sie in einem fort sagen wollen: ›Ich bin ungemein fidel, und wenn ich noch fideler wäre, wär's gar nicht zum Aushalten‹.

Er war von Kopf bis zu Füßen, die schwarzen und spiegelblank gewichsten Schuhe ausgenommen, in schneeweißes Baumwollzeug gekleidet. Die kleine baumwollene Jacke aber, die er trug, hätte er trotz größter Anstrengung nicht mehr vorn zuknöpfen können, so war sie entweder in der Wäsche eingelaufen oder – was wahrscheinlicher war – hatte sich sein runder Leib ausgebreitet und ›verburgemeistert‹, wie er es selbst nannte. Ein hellgelber Strohhut beschattete sein Gesicht, und ein ebenso hellgelbes, dünnes Halstuch hielt seinen offenen Hemdkragen vorn zusammen, zwischen dem ein Teil der breiten, sonnverbrannten Brust sichtbar wurde. Nicht ohne etwas Stolz oder wenigstens Eitelkeit zu verraten, lugte dabei der Zipfel eines brennendroten Taschentuches aus der rechten Beinkleidertasche, die wohl geräumig genug gewesen wäre, ein halbes Dutzend derselben zu verbergen.

Sein Begleiter war ein junger, stattlicher Mann mit freiem, offenem Blick und dunklen, feurigen Augen. Seine Tracht ähnelte der der übrigen Farmer im Westen Amerikas und bestand aus einem blauwollenen Frack, ebensolchen Beinkleidern und einer schwarzgestreiften Weste. Den Kopf bedeckte ein schwarzer, schon etwas abgetragener Filzhut, und in der Hand hielt er eine schwere, lederne Reitpeitsche. Schuhe trug er jedoch nicht, sondern nach indianischer Sitte saubere, aber einfach gearbeitete Mokassins, und sowohl dies wie auch der stetig umherschweifende und auf alles achtende Blick verriet den Jäger. Übrigens führte er – ebenso wie sein Begleiter – keine Büchse bei sich.

»Ein verfluchter Kerl, mein Bruder«, lachte der Kleine, in irgendeiner begonnenen Erzählung fortfahrend, »und eine Wut hatte er, alte Sachen zu kaufen, rein zum Rasendwerden! Wie ich vorigen Herbst in Cincinnati war, klagte mir seine Frau ihre Not: Das ganze Haus stand voll alter Möbel und Hausgeräte und Kochgeschirre, von denen sie nicht den zehnten Teil gebrauchen konnte, und alle Abende lief trotzdem der Sappermenter noch auf den Auktionen umher, um alles, was nur irgend billig war, aufzukaufen. Was er einmal hatte, sah er nachher nicht wieder an. Da gab ich denn meiner Schwägerin den Rat, sie solle einen Teil des Plunders heimlich auf eben diese Auktionen schaffen lassen, um es nur loszuwerden, das Geld könne sie nachher hinlegen und später einmal etwas Nützliches dafür anschaffen. Der Plan war gut, ich bestellte einen Karrenführer, schaffte, als mein Bruder nachmittags im Geschäft war, die ganze Bescherung selber hinunter nach Frontstreet, und ehe es dunkel wurde, war alles aus dem Haus. Meiner Schwägerin fiel ein Stein vom Herzen, und als ihr Mann abends halb zehn Uhr, zu seiner gewöhnlichen Stunde, höchst aufgeräumt heimkam, machte sie uns noch einen kapitalen Punsch. – Apropos, Bill, Punsch müssen wir uns einmal hier brauen, das verwünschte Volk in dieser Gegend gehört fast sämtlich zum Mäßigkeitsverein. Also – wo war ich doch stehengeblieben, ja, beim Punsch. Bei dem Punsch blieben wir bis elf Uhr zusammensitzen, und mein Bruder erzählte eine Schnurre nach der andern, er konnte merkwürdige Schnurren erzählen, mein Bruder! Ich fragte ihn ein paarmal, weshalb er so lustig sei, er wollte aber nicht mit der Sprache heraus, geht am nächsten Morgen wieder um sechs Uhr fort, und denke dir, was bringt er auf drei Wagen nach Haus? Den ganzen Plunder, den ich am Abend vorher fortgeschafft hatte. Kein Stück fehlte, und dabei prahlte er, was er für einen unmenschlich guten Handel gemacht hätte.«

»Nicht übel, Onkel«, sagte der junge Mann lächelnd und warf dem Älteren einen schnellen Seitenblick zu. »Vortrefflich sogar – wenn es wahr wäre.«

»Ei du Sappermentsjunge, hab' ich dir schon jemals etwas vorgelogen? Nie! Wenn ich dir übrigens künftig eine Tatsache erzähle, so brauchst du nicht zu feixen und das Maul von einem Ohr zum andern zu ziehen; hörst du, Musjö?«

»Aber, bester Onkel, Sie müssen mir das nicht so übelnehmen. Wenn Sie anfangen, freu' ich mich immer schon aufs Ende, denn gewöhnlich ist etwas Komisches dabei – und da mag ich dann wohl manchmal ein wenig zu früh lachen.«

»Komisches? Da hör' einer den Laffen an. Ich erzähle nie komische Geschichten – hast du schon je eine komische Geschichte von mir gehört? Ernst war das Berichtete, bitterer, trauriger Ernst; mein Bruder wird sich auch noch mit der verdammten Leidenschaft zugrunde richten – er muss sich ruinieren.«

»Ihr Bruder soll doch aber ein sehr gewandter Geschäftsmann sein, und wenn er in dieser Hinsicht auch eine freilich etwas sonderbare Liebhaberei hat, so bringt er das sicherlich auf andere Art zehnfach wieder ein.«

»Gewandter Geschäftsmann? Gott segne dich, Junge – es gibt keinen pfiffigeren Kaufmann als meinen Bruder; nur zu pfiffig manchmal, nur zu pfiffig! Ich erinnere mich noch recht gut daran, wie wir zusammen in Kentucky jagten und wie er die Krämer immer übers Ohr hieb mit alten Opossumfellen, denen er Waschbärenschwänze annähte und sie nachher als besonders wertvolle Felle verkaufte. Manches Quart Whisky haben wir auf die Art zusammen vertrunken. Aber einen Streich muss ich dir doch erzählen, den er mir einmal am Cane-See spielte. Wir ruderten zusammen in einem alten Kanu auf dem See herum, teils um Fische zu harpunieren, teils um Hirsche zu schießen, die des kühlen Tranks wegen an den Wasserrand kamen. Es war merkwürdig heiß, und die Sonne brannte auf eine sträfliche Art; um's mir daher bequemer zu machen, wollt' ich mein Jagdhemd ausziehen. Wie ich aber mein Pulverhorn vorher abnehme –ein kapitales hörnernes Pulverhorn mit luftdichtem Stöpsel – bleib' ich mit dem Finger in der Schnur hängen, und wie der Blitz rutscht es über Bord und hinunter ins Wasser.

Da saß ich nun. Der See war klar wie Kristall, und obgleich er etwa fünfzehn Fuß tief sein mochte, so konnt' ich das Horn unten so deutlich liegen sehen, als ob ich's mit den Händen zu ergreifen vermöchte. George war nun immer ein sehr guter Sprinter, Läufer und auch Schwimmer und Taucher gewesen; als er daher meine Verlegenheit bemerkte, erbot er sich unterzutauchen und sprang auch ohne weitere Umstände über Bord. Pulver war damals in der Gegend unmenschlich teuer und überdies schwer zu bekommen. Als er auf den Grund und in den weichen Schlamm kam, wurde das Wasser ein wenig trübe, und er musste einen Augenblick warten, bis es wieder klar wurde. Ich zog indessen mein Jagdhemd aus und setzte mich darauf; wie er mir aber doch endlich zu lange da unten blieb und ich ein wenig ängstlich über Bord hinuntersah, was meinst du, was er da machte, he?«

»Ja, ich weiß wahrhaftig nicht, was einer in solcher Lage anders machen könnte als den Versuch, so schnell als möglich wieder an die Oberfläche zu kommen.«

»Fehlgeschossen!«, rief der Alte und hielt in der Erregung des Augenblicks, wie von der Erinnerung überwältigt, sein Pony einen Augenblick an, »fehlgeschossen! Unten stand er, ruhig, als wenn er sich auf ebener Erde befände, und beugte sich vornüber, dass ich nicht sehen sollte, was er machte, ich sah's aber gut genug- Der Spitzbube ließ mein Pulver heimlich in sein eigenes Horn laufen, und als er nachher wieder heraufkam, war mein Horn halbleer. – Nun, du brauchst nicht zu lachen, als ob du vom Pferde fallen wolltest. Das ist am Ende auch nicht wahr? Hat dir dein alter Onkel schon jemals eine Lüge erzählt? – He?«

»Nein, Onkel Ben, seien Sie nicht böse, ich glaube jede Silbe; aber – ha – sehen Sie das Rote dort? – da drüben – hinter der umgestürzten Fichte – gerade dort zwischen dem Maulbeerbaum und der Eiche hindurch?«

»Wo denn? ach da – ja, das ist ein Hirsch; wenn Assowaum mit seiner Büchse hier wäre, könnt' er ihn bequem schießen; hinter den Bäumen würde man sicher bis auf fünfzig, sechzig Schritt herankommen.«

»Wo nur Assowaum bleibt?«, sagte der junge Mann jetzt, sich etwas ungeduldig im Sattel aufrichtend und auf die Straße zurückschauend, als ob er dort die Gestalt des Indianers zu sehen erwartete; »er schlich auf einmal in den Wald hinein, und ich glaubte, er sähe ein Stück Wild, aber weiß der liebe Gott, was ihn wieder abgehalten hat. Welch herrlichen Schuss er von hier aus hätte«, fuhr er jetzt etwas leiser fort, »ich wollte, ich hätte meine Büchse mitgenommen.«

»Roberts würden dich schön willkommen geheißen haben, wenn du ihnen am Sabbat mit dem Schießeisen gekommen wärst; will's die Frau doch nicht einmal von dem Indianer leiden, und dem – aber hol' mich dieser und jener, das Tier ist wohl zahm, es scheint uns gar nicht zu beachten.«

Die beiden Männer waren, die Straße ruhig hinaufreitend, dem Hirsch immer näher gekommen. Dieser stand in einer der unzähligen Salzlecken, die sich an beiden Ufern des Fourche la fave, besonders reichhaltig aber am nördlichen befinden, und schien keine Ahnung von einer nahenden Gefahr zu haben. Einmal hob er zwar den Kopf, vielleicht um Atem zu schöpfen, als dass er etwas Außergewöhnliches fürchtete. Die Männer sahen nämlich, dass er in einem tiefen, in dem Lehmufer des kleinen Baches befindlichen Loch geleckt hatte, das durch häufigen Gebrauch von Pferden, Kühen, insbesondere aber Hirschen, ausgehöhlt worden war. Wenige Sekunden blieb er in dieser Stellung und peitschte, den Rücken unseren beiden Freunden zugewandt, mehrere Male mit dem Wedel die ihn umschwärmenden Fliegen fort, dann aber senkte er wieder den Kopf, um aufs neue den Salzgeschmack des fetten Erdbodens zu genießen. Er hatte erst frisch aufgesetzt. Das kaum vier Zoll lange Gehörn hinderte ihn deshalb nicht sehr in der Verfolgung seines Zweckes, so dass er bald darauf den Kopf, ihn seitwärts herumbiegend, wieder in die Höhlung hineinschob, um mit der langen Zunge die salzigsten Teile aus dem Innern herauszuholen.

»Wo nur der Indianer stecken mag, Bill!«, sagte jetzt Harper leise und mit schlecht verhehlter Jagdlust. »Ich glaube, man könnte sich bis auf fünf Schritt an das dumme Ding heranschleichen, es merkte nichts. Ach, Bill, wie ich jung war, da hättest du mich sollen schleichen sehen, ich bin einmal...«

»Wenn Sie sich hinter der Hickorywurzel hielten, Onkel, ich glaube, es ginge«, flüsterte ihm lächelnd der junge Mann zu.

»Unsinn, Junge! Glaubst du, ich will mit meinen alten Knochen sonntags im Walde herumkriechen und unschuldiges Viehzeug erschrecken? Ich denke nicht dran.«

Trotz der abweisenden Worte war Harper aber doch vom Pferd gestiegen, das geduldig und regungslos stehenblieb, und auf den Zehen schlich jetzt der kleine, dicke, weißgekleidete Mann mit immer röter werdendem Gesicht auf das Wild zu, augenscheinlich nur in der Absicht, seinen Spaß an den gewaltigen Sätzen des Tieres zu haben, wenn dieses ihn endlich, und so ganz in der Nähe, wittern würde. Der Hirsch schien ihn aber nicht zu wittern, da er gerade gegen den Wind stand, denn wieder hob er den Kopf, streckte sich einen Augenblick und genoss die salzige Leckerei aufs Neue.

William Brown oder Bill, wie ihn sein Onkel der Kürze wegen nannte, fing jetzt selbst an, sich für die Sache zu interessieren, denn unbeweglich auf seinem Pferde sitzenbleibend, um auch das geringste Geräusch zu vermeiden, schaute er mit gespannter Aufmerksamkeit dem Vorrücken seines Onkels zu, der in diesem Augenblick die Hickorywurzel erreichte und sich jetzt kaum zehn Schritt hinter dem Hirsch befand. Hier blieb er einen Moment stehen und sah nach seinem Neffen zurück, verzog aber das Gesicht dabei zu einem komischen Grinsen, als wenn er hätte sagen wollen: Na, Bill, bin ich nicht ein verfluchter Kerl? Hier zögerte er aber wenige Sekunden, denn entweder war er selbst über die unbegreifliche Sorglosigkeit des jungen Hirsches erstaunt, oder er scheute sich, mit seinen sauberen Schuhen weiter vorzutreten, da dort die wirkliche sogenannte ›Lick‹ oder Salzlecke begann und der kleine Bach, der durch den weichen Lehmboden rieselte, von unzähligen Wildfährten und Viehspuren zu einem weichen Schlamm zusammengetreten war. Die alte Jagdlust überwog jedoch zuletzt alle Bedenken, denn jetzt schien sich ihm zum erstenmal die Möglichkeit, aufzudrängen, dass er das Wild wirklich ergreifen könnte, und ohne sich weiter zu besinnen, trat er leise und vorsichtig in den Schlamm, den Glanz seiner wohlgeschwärzten Sonntagsschuhe missachtend. Näher und näher kam er dem Tier, Brown hob sich, atemlos vor gespannter Erwartung, im Sattel in die Höhe, und das Herz des alten Mannes schlug, wie er später wohl hundertmal erzählte, so laut, dass er mit jedem Augenblick fürchtete, der Hirsch müsste ihn hören. Da hob dieser den Kopf; ehe er aber nur, über die Nähe des weiß scheinenden Gegenstandes erschreckt, mit einer Muskel zucken konnte, warf sich Harper auch, Sabbat und Sabbatkleider vergessend, vorwärts und ergriff ihn gerade in demselben Augenblick mit beiden Händen an den Hinterläufen, als das entsetzte Tier versuchte, mit einem Sprung zu entkommen. Es war zu spät, der Mann hing wie mit eisernen Klammern an dem Hirsch. Von den verzweifelten Kraftanstrengungen des Tieres mitgerissen, wurde Harper in voller Länge durch den Schlamm geschleift. Vergebens hob er, soweit es ihm der kurze dicke Nacken erlaubte, den Kopf, um diesen wenigstens dem Schlammbad zu entziehen. Hochauf spritzte die dünne Masse, als er, einem Schiff gleich, das vom Stapel gelassen wird, hineintauchte.

»Haltet fest«, schrie Brown, hoch aufjauchzend und seinen gewöhnlichen Jagdschrei ausstoßend, »haltet fest, Onkel – hurra für den alten Burschen, das nenne ich eine Jagd!«

Der Zuruf war aber keineswegs nötig, denn nichts fiel dem alten Mann weniger ein, als jetzt loszulassen, wo er nicht allein seinen ganzen Sonntagsstaat, sondern sogar sich selbst total preisgegeben hatte. Um Hilfe zu rufen, durfte er freilich nicht wagen, denn unter diesen Verhältnissen den Mund aufzumachen hätte mit höchst unangenehmen Folgen verknüpft sein können; aber fest hielt er, als ob seiner Seele Heil daran hinge. Gewiss lag in diesem Augenblick der Ausdruck eiserner Willenskraft und Entschlossenheit in seinen Zügen, als er mit fest zugekniffenen Augen ruckweise durch die Salzlecke gezogen wurde, doch hatte ihm die Heimaterde das ganze Gesicht mit einer solchen Kruste überzogen, dass an das Erkennen irgendeines Ausdrucks gar nicht zu denken war.

Brown sprang zwar schnell zu seiner Hilfe herbei, der Anblick war aber so komisch, dass er sich am Rande der Lick ins Laub niederwarf und so krampfhaft lachte, dass ihm große Tränen die Wangen herunterliefen und er sich wohl eine Minute lang nicht fassen konnte. Wie er aber endlich wieder emporsprang, hörte er den scharfen Krach einer Büchse, zum letztenmal zuckte das schwer getroffene Tier im Todeskampfe empor und stürzte dann, die gefesselten Läufe dem Griff des alten Mannes entreißend, verendend in den Schlamm zurück.

Den Knall der Büchse hatte Harper aber gehört, und sich aufraffend, rief er mit lauter Stimme: »Wer hat geschossen?«, wobei er sich, da er die Augen nicht öffnen konnte, nach der falschen Seite, auf der niemand stand, wandte und dadurch Browns Lachlust aufs neue unwiderstehlich erregte.

Der verborgen gewesene Schütze ließ jedoch nicht lange auf sich warten, denn aus einem kleinen Sassafrasdickicht trat der Indianer und stieß, als er die traurige Gestalt des sonst so ernsten und ehrbaren Mannes erblickte, wie er mit weitgespreizten Fingern und geschlossenen Augen dastand, in komischer Verwunderung ein lautes »Wah!« aus.

»Bill – Bill – verfluchter Junge – Bill – komm her und führ mich an die Quelle. Donnerwetter, soll ich denn hier den ganzen Tag stehenbleiben, bis der Lehm so hart wird, dass ihn kein Teufel wieder abkratzen kann? Bill, sag' ich – Schurke, willst du deinen alten Onkel hier im Stich lassen?«

Bill brauchte aber wirklich erst einige Sekunden, bis er sich sammeln konnte, dann trat er an das äußerste Ende des weichen Schlammes und reichte dem kleinen Mann einen gerade dort liegenden trockenen Zweig hinüber, den dieser auch schnell ergriff, und von seinem gehorsamen Neffen gleich darauf an den Bach geführt wurde, wo er sich vor allen Dingen die Augen auswusch, um sehen zu können, was um ihn her vorgehe.

Das erste, was seinem Blick begegnete, war die Gestalt des Indianers, der, ohne weiter eine Miene zu verziehen, seine Büchse wieder lud.

»So, Mister Rotfell, also Ihr glaubt, ich krieche sonntagmorgens im Schlamm herum und halte Euch die Hirsche bei den Hinterläufen, bis es Euch gefällig ist, näher zu treten und sie nach Lust und Laune niederzuschießen, he? Wenn ich einen Hirsch unter Lebensgefahr lebendig fange, habt Ihr dann ein Recht, ihn totzuschießen? Warum geht Ihr denn nicht auch nach meinem Hause und schießt Kühe und Schweine über den Haufen?«

»Aber, Onkel, wir kommen zu spät in die Kirche!«

»Die Kirche mag zum... – glaubst du, ich ginge in einem solchen Aufzug in die Kirche? Nein, dieser Rothaut will ich erst noch ordentlich meine Meinung geigen. Ist das Sitte, sich leise und nach der verdammten indianischen Art an einen Gentleman heranzuschleichen und ihm das Wild aus den Händen herauszuschießen?«

»Aber, Onkel, Sie hätten den Hirsch ja keine zwei Sekunden länger halten können!«

»Keine zwei Sekunden länger? Und was weiß denn der Gelbschnabel davon, wie lange ich ihn hätte halten können? Hat mein Bruder doch einmal einen Bären eine ganze Nacht hindurch...«

»Lebendig wollten Sie sich den Hirsch doch nicht aufheben?«, unterbrach ihn der Neffe, der nicht mit Unrecht eine der langen Geschichten befürchtete.

»Und warum nicht? Hab' ich nicht eine Fenz, die hoch genug ist, ein Rudel Hirsche drin zu halten, und geht das die Rotjacke etwas an, was ich mit meinem Eigentum zu tun beabsichtige? Nun, was gibt's dabei zu grinsen, he?«

Der Indianer, gegen den diese zornigen Reden geschleudert wurden, war indessen ruhig, und ohne ein Wort zu erwidern, mit dem Laden der Büchse beschäftigt gewesen, die er zuerst etwas ausgewischt und gereinigt hatte. Dabei verzog sich aber sein Gesicht zu einem breiten, freundlichen Lächeln, das zwei Reihen blendendweißer Zähne sehen ließ, und er erwiderte in gebrochenem Englisch:

»Mein Vater ist sehr stark, aber ein Hirsch ist schnell, und einmal aus den Händen des weißen Mannes, würde er nie wieder seine Fährten in den weichen Boden des Fourche la fave gedrückt haben. Mein Vater wollte Fleisch – hier ist es.«

»Der Teufel ist dein Vater«, brummte Harper vor sich hin; »wenn ich das Fleisch jemandem zu verdanken habe, so ist's diesen beiden Knochen«, und er zeigte dabei seine kräftigen Arme. »Aber nicht wahr, Junge!«, fuhr er, in der Erinnerung an seine Heldentat wieder freundlich werdend, fort, »nicht wahr, das macht mir so leicht keiner nach? Ein Glück ist's übrigens, dass ihr beide es gesehen habt, denn hol' mich dieser und jener, wenn Roberts mir allein ein Wort davon geglaubt hätten. Schändliches Volk das, als ob ich jemals eine Lüge erzählte! Aber da feixen sie und feixen und sehen sich einander an und stoßen sich in die Rippen, als wenn sie in einem fort sagen wollten: ›Du – das ist wieder einmal eine göttliche Geschichte.‹ Doch jetzt muss ich mich waschen, das Zeug wird sonst trocken.«

»Wir werden zu spät zur Predigt kommen«, sagte Brown, etwas ungeduldig nach der Sonne sehend.

»O geh mit deiner Predigt, wohin du willst – was liegt daran, den Schleicher, den Rowson, predigen zu hören! So gut kann ich's auch, und was des Burschen Frömmigkeit...«

»Wollen Sie denn erst wieder nach Hause reiten?«

»Versteht sich – geh nur immer voran, ich komme schon noch zur rechten Zeit.«

»Was wird aber mit dem Wildbret?«

»Was mit dem Wildbret wird, Musjö Naseweis? Das ist sehr leicht zu sagen, das marschiert auf meinem Pony in meine Küche, ich denke, ich hätt' es redlich genug verdient. – So, Assowaum, das ist recht«, wandte er sich jetzt an den Indianer, der das erlegte Wild an dem kurzen Gehörn hinab zum Bache zog, um den dicken Lehm abzuspülen, »wasch ihn ab, dass ihn ein ehrbarer Christenmensch mit Anstand aufs Pferd nehmen kann; aber hallo – was ist das, Mister Skalpiermesser – was, zum Henker, machst du da?«

Der Ausruf bezog sich auf das Vorgehen des Indianers, der mit größter Kaltblütigkeit den Hirsch aufbrach und damit begann, eine Keule abzutrennen.

»Ich will das Fell nicht herunter haben, hörst du?«

Assowaum ließ sich aber nicht beirren, sondern löste höchst ruhig und gelassen eine Keule aus dem Wildbret, hing sich diese mit einem Streifen Hickoryrinde über die Schulter und erwiderte erst dann ganz ruhig:

»Der weiße Mann ist allein in seinem Wigwam, und Assowaum ist hungrig.«

»Oh! Nimm meinetwegen die Hälfte vom Wildbret. Ich werde ja aber ganz blutig.«

»Aber nicht mehr schmutzig«, antwortete der Indianer lakonisch, nahm seine Büchse wieder auf die Schulter und schritt schnell die Straße hinauf, den beiden Männern die weitere Sorge für ihr Wild überlassend. Brown half seinem Onkel den angebrochenen Hirsch aufs Pferd heben, der sich dann dahinter in den Sattel schwang und, bald wieder guter Laune, seinen Neffen nun vor allen Dingen beschwor, die Geschichte bei Roberts nicht eher zu erzählen, als bis er selbst nachkäme. Er wolle nur schnell nach Hause reiten und seine Kleider wechseln und bliebe nicht lange. Brown versprach ihm das und trabte hinter dem Indianer her, der inzwischen einen großen Vorsprung gewonnen hatte.

Kapitel 3

Der Indianer und der Methodistenprediger

Die Einladung zur Hochzeit

 

Assowaum, der ›Gefiederte Pfeil‹, gehörte zu einem der Stämme aus dem nördlichen Missouri und hatte vor mehreren Jahren, da das Wild immer seltener in den dichter und dichter bevölkerten Jagdgründen der Seinigen wurde, die Bekanntschaft der beiden Weißen Harper und Brown gemacht und war mit ihnen Richtung Süden gewandert. Aber nicht des Wildes wegen allein hätte er seinen Stamm verlassen, sondern er war auch gezwungen worden, der Rache seiner Feinde zu entgehen, da er einen Häuptling erschlagen, der, von dem ›Feuerwasser‹ der Europäer berauscht, seine Squaw überfallen hatte, während ihr Hilferuf den Retter und Rächer herbeirief. Mit dieser hatte er sich jetzt unfern von Harpers Wohnung einen kleinen Wigwam erbaut und lebte von der Jagd. Sein Weib aber flocht aus dem schlanken Schilf, das in den Niederungen des Südens wächst, zierliche Körbe und aus der geschmeidigen Rinde des Papaobaumes weiche Matten, die Assowaum dann mit seinen Fellen den Fluss hinunter nach Little Rock schaffte und an die Handelsleute der noch jungen Stadt gegen Pulver und Blei oder sonstige Dinge für das tägliche Leben, aber auch – freilich nur sehr selten – gegen bares Geld eintauschte.

 

Hier nun war sein Weib von dem Methodistenprediger oder sogenannten ›Circuit Rider‹ – da er abwechselnd fast in allen Ansiedlungen dieses wie des benachbarten County predigte – zur christlichen Religion bekehrt worden. An Assowaum dagegen scheiterten alle derartigen Versuche, und vergebens bemühte sich Rowson fortwährend, den Verstockten, wie er ihn nannte, dem Glauben seiner Väter abwendig zu machen und in die Arme der ›alleinseligmachenden Kirche‹ der Methodisten zu führen. Der Indianer beharrte darauf, in jenem Glauben sterben zu wollen, und ließ sich durch all die Ermahnungen und Drohungen des fanatischen Priesters davon nicht abbringen.

Alapaha, die Squaw Assowaums, war schon am frühen Morgen zur Ansiedlung des weißen Mannes aufgebrochen, um dort den Geistlichen predigen zu hören, und Assowaum selbst folgte ihr jetzt dahin, teils um sie von dort abzuholen, teils um eine Partie Otterfelle zu seinem Wigwam mitzunehmen, die er vor mehreren Wochen in der dortigen Gegend erbeutet und in Roberts' Haus aufbewahrt hatte. Der größte Teil der Ansiedler war übrigens den beiden Indianern freundlich gesinnt, denn sie betrugen sich einwandfrei und waren gefällig, wo sie nur jemandem einen Dienst leisten konnten. Doch blieb der Krieger stets viel ernster und zurückhaltender als sein Weib, das sich gern mit den Kindern beschäftigte und ihrer tollen Spiele nie müde zu werden schien.

»Bist du schon je einer solchen Figur begegnet, wie sie mein Onkel eben darstellte?«, fragte der junge Mann lachend, als er den Indianer endlich einholte.

»Sah aus wie eine Schlammschildkröte«, antwortete dieser grinsend, »nur noch viel schmutziger. Der alte Mann wird dann eine große Geschichte erzählen, wenn er zu den Hütten der Freunde kommt.«

»Und ob der eine große Geschichte erzählen wird! Sonderbar war's aber doch, dass er das Tier so lange halten konnte; ich würd's ihm selbst nicht glauben, wenn ich's nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.«

»Seine Knochen sind eisern«, erwiderte Assowaum. »Aber der Hirsch ist auch stark, und wäre Assowaum eine Minute später gekommen, so hätte er weiter kein Fleisch in der Salzlecke gefunden als den kleinen Mann.«

»Mag sein, das bestreitet er jedoch gewaltig, er schwört jetzt sicherlich darauf, dass er den Hirsch hätte die ganze Nacht halten können.«

»Der alte Mann hat dicke Worte«, sagte der Indianer. »Kennst du den alten Bahrens, der kürzlich das kleine Haus am Petite-Jeanne gebaut hat?«

Assowaum lächelte und sah seinen Begleiter von der Seite an.

»Hast du schon mit ihm gesprochen?«, fragte dieser.

»Er erzählt von seinen Jagden an der Bay de view und am Cashriver – neunzehn Hirsche hat er an einem Tag geschossen, und die kleinste Haut wog elf Pfund, getrocknet, ohne den Pelt*.« [*Anm.: Fleischhaut]

»Ja, er ist stark in derartigen Fällen«, erwiderte Brown lachend, »ich möchte Onkel und Bahrens einmal zusammen sehen.«

»Ich auch«, sagte Assowaum, dem der Gedanke sehr wohlzutun schien. Schweigend zogen die beiden Männer jetzt, ohne irgend jemandem zu begegnen, auf der breiten Straße fort, bis ihnen aus der Ferne die langgezogenen schrillen Töne eines geistlichen Liedes entgegenschallten. Diesen lauschte der Indianer erst einige Sekunden lang mit gespannter Aufmerksamkeit, dann aber schritt er wieder ruhig weiter, indem er nur sagte:

»Der blasse Mann (so nannte er Rowson seiner auffallend bleichen Gesichtsfarbe wegen) hat eine sehr laute Stimme; er ist wie ein junger Wolf. Die alten mögen noch so gut heulen – du hörst stets den jungen.«

»Du kannst den Priester nicht leiden, Assowaum?«

»Nein! Alapaha liebte den Großen Geist, sie betete zu dem Manitu, der ihre Väter beschützt hatte, und war ein folgsames Weib. Sie kreuzte nie Assowaums Pfad, wenn er auf die Jagd ging, und zog sie in der ersten dunklen Nacht ihre Matchecota um das frischgepflanzte Maisfeld, so mieden es die Würmer und Raubtiere, und die Frucht war gesegnet. Alapaha lacht jetzt über den Großen Geist Assowaums, und das Wild weicht aus seinem Pfade, wenn er in den Wald geht.«

Der Indianer schien nicht weiter zum Reden aufgelegt. Er schritt schweigend und schnell vorwärts, bis sie an die äußere Fenz von Roberts' Farm kamen. Von hier aus lief ein breiter Weg, zwischen zwei Maisfeldern hinführend, nach dem Hauptgebäude zu, aus dem jetzt klar und deutlich der schon lange gehörte Gesang heraustönte. William Brown hing, am Hause angekommen, den Zügel seines Pferdes über eine Fenzstange und trat in das Zimmer, wo sich die Andächtigen versammelt hatten.

 

Der Gesang war eben beendet, und sämtliche Zuhörer lagen, den Rücken dem Prediger zugekehrt und sich auf die Sitzfläche ihrer Stühle stützend, auf den Knien. Rowson aber, dem wir schon früher unter ganz anderen Verhältnissen im Walde begegneten, stand aufrecht in der Mitte und sprach mit andächtig geschlossenen Augen und leidenschaftlich klingender Stimme ein lautes Gebet, worin er die entsetzliche Sündhaftigkeit der Anwesenden dem Allmächtigen ans Herz legte und nicht um die so reichlich verdiente Strafe, sondern um Gnade und Erbarmen bat.

Brown, der einer anderen Sekte angehörte und sich zu dem Knien nicht bekennen wollte, blieb mit gefalteten Händen und andächtig zuhörend auf der Schwelle der Tür stehen, trat aber nicht näher. Vergebens winkte ihm Rowson mehrere Male freundlich zu, den Platz an seiner Seite einzunehmen; er schien es nicht zu beachten und starrte schweigend vor sich nieder. Endlich schloss jener sein Gebet, alle standen auf, und der Gottesdienst war beendet.

Brown begrüßte jetzt mehrere der Anwesenden, mit denen er bekannt war und die sich aus der ganzen Nachbarschaft hier zusammengefunden hatten.

»Sie sind recht spät gekommen, Mr. Brown«, sagte Marion Roberts, des alten Roberts Tochter und seit sechs Monaten die Braut des frommen Predigers Rowson.

»Haben Sie mich vermisst, Miss Roberts? Dann bedaure ich freilich, den größten Teil des Gottesdienstes versäumt zu haben.«

»Aber, Mr. Brown, das ist nicht schön gesprochen. Ich habe eine zu gute Meinung von Ihnen, als dass ich glauben könnte, Sie wohnten nicht der Sache selbst wegen einer so heiligen Handlung bei«, sagte Marion.

»Ich bin nicht Methodist.«

»Und schadet das etwas? Sind wir nicht alle Christen?«

»Ihr Bräutigam denkt darüber anders.« Brown betonte das Wort ›Bräutigam‹ besonders und schaute dem schönen Mädchen dabei forschend ins Auge.

Dieses aber mied seinen Blick und erwiderte:

»Er mag wohl manchmal ein wenig zu strenge Ansichten haben; ich meinerseits denke darüber viel milder und – Vater ebenfalls. Mutter ist freilich sehr streng, besonders in dieser Hinsicht. Mutter und Mr. Rowson haben überhaupt sehr ähnliche Ansichten.«

»Diesmal lag auch die Schuld nicht an mir, mein Fräulein, ich war zeitig genug auf dem Wege, aber mein Onkel – ein Zufall hielt ihn auf, und er musste wieder nach Hause.«

»Er ist doch nicht krank geworden?«, fragte schnell und ängstlich Marion.

»Herzlichen Dank für die Teilnahme, mit der Sie sich für ihn interessieren«, erwiderte der junge Mann treuherzig, »es wird dem alten Onkel wohl tun, wenn er es erfährt. Er hält sehr viel von Ihnen.«

Marion errötete und sagte ausweichend:

»Warum kam er aber nicht mit Ihnen?«

»Es war ein Abenteuer«, lächelte Brown, »das er mir verboten hat zu erzählen da er es selbst mitteilen will. Sie kennen seine Leidenschaft für Erzählungen.«

»Oh, ich freue mich schon darauf«, rief Marion, in die Hände klatschend, »das wird herrlich!«

»Und darf man wissen, was herrlich werden wird?«, fragte Mr. Rowson hinzutretend und den jungen Mann freundlich grüßend.

»Ein Spaß, der meinem Onkel passierte, oder vielmehr eine Heldentat, die er ausübte und...«

»Haben Sie es auch selber gesehen?«, fragte Marion lächelnd. »Sie wissen, Ihr guter Onkel...«

»Aber, Marion«, unterbrach sie ernst ermahnend Rowson, »ist es recht, dich, so kurz nachdem du deinem Gott gedient, mit irdischen, profanen Gegenständen zu beschäftigen? Es würde deiner Mutter sehr leid tun, wenn sie das hören müsste.«

»Mr. Rowson«, sagte Brown, in dem unangenehmen Gefühl, Zeuge eines Tadels zu sein, der das Blut stärker als je in die Wangen des Mädchens trieb, »Sie sind der Bräutigam von Miss Roberts und der Prediger dieses County, haben also ein doppeltes Recht an dieser jungen Dame. Ich sollte aber doch denken, ein unschuldiger Scherz, ein heiteres Wort könnte dem lieben Gott nicht missfällig sein. Alles zu seiner Zeit – fromm beim Gebet und froh beim Mahl.«

Rowson würde sicher etwas darauf erwidert haben, aber in diesem Augenblick trat der alte Roberts zu ihnen und, dem jungen Brown herzlich die Hand schüttelnd, rief er aus:

»Das ist brav, mein Junge, dass Ihr auch einmal herüberkommt; hol's der–«

Es ist möglich, dass er seine Rede auf eine keineswegs sabbatmäßige Art beendet hätte, wäre er nicht noch zur rechten Zeit dem Blick des Predigers begegnet, der ernst und streng auf ihm haftete, und einlenkend fuhr er fort:

»Seit vier Wochen – wie lange seid Ihr eigentlich jetzt in Arkansas?«

»Sieben Wochen«, antwortete Brown.

»Nun ja, seit ungefähr vier Wochen habt Ihr Euch kaum zweimal blicken lassen, und in der ersten Zeit waret Ihr alle Tage hier – 's ist doch meiner Seel gar nicht so sehr amüsant hier, auf dem einsamen Fleck Landes, dass man gute Gesellschaft so leicht entbehren könnte. Da kommt Harper noch öfter – wo steckt denn der heute?«

»Er wird gleich hier sein.«

»Apropos, Brown, dass ich's nicht vergesse – für heute über vier Wochen lade ich Euch zur Hochzeit meiner Tochter ein, Euch und Euren Onkel. Ihr müsst dabeisein, sonst geht's nicht, und da...«

»Verzeiht«, erwiderte Brown schnell, indem er sich von ihm abwandte, »in vier Wochen werde ich wohl kaum noch in Arkansas sein.«

»Nicht mehr in Arkansas – was? Ich dachte, Euer Onkel hätte sich Land gekauft und wollte ganz hier bleiben?«

»Ja, mein Onkel wird das auch, aber ich – ich werde mich den Freiwilligen anschließen, die nach Texas ziehen. Wie ich vor einigen Tagen in Little Rock gehört habe, will es sich von Mexiko frei machen und braucht amerikanische Arme.«

»Torheiten«, rief Roberts, freundlich dabei des jungen Mannes Hand ergreifend, »lasst die in Texas ihre eigenen Kriege kämpfen und bleibt Ihr hier bei uns. Wir brauchen am Fourche la fave auch tüchtige, brave Kerle, die den vielen Schuften in hiesiger Gegend die Waage halten, und zur Hochzeit kommt die ganze Mädchenwelt zusammen, da müsst's ja mit dem T..., müsst's ja ganz sonderbar zugehen, wenn sich nicht etwas für Euch darunter finden sollte. – Oh, habt keine Angst«, fuhr er lachend fort, als er sah, dass Brown den Kopf schüttelte, »es gibt tüchtige Mädchen hier, sie wohnen leider nur weit über das Land verstreut. Ein Mensch wie Ihr freilich, der nirgends hingeht und keinen einzigen Besuch macht, bekommt sie nicht zu sehen. Aber wahrhaftig, da kommt Harper: Blitz und... – hm, wie rot er aussieht!«

Es war wirklich dieser würdige Gentleman, der in schnellem Trab ankam. Wahrscheinlich hatte er befürchtet, Bill würde plaudern, und schon von weitem rief er diesem zu:

»He, Junge, reinen Mund gehalten?«

»Keine Silbe erwähnt, Onkel.«

»Nun, das ist brav! – Kinder, heute morgen habe ich einen Spaß erlebt – eine Jagd gemacht...«

»Eine Jagd, Mr. Harper?«, rief vorwurfsvoll Mrs. Roberts aus, die hinzugetreten war und die beiden Männer freundlich begrüßte, »eine Jagd am heiligen Sabbat?«

»Ohne Büchse, Mrs. Roberts, ohne Büchse, ganz unschuldig. Aber das muss ich von vorne an erzählen, denn so was erlebt man nicht alle Tage. – Bill – halt – hiergeblieben, Junge, du bist mein Zeuge – wo ist Assowaum?«

»Er ging dort ins Feld zu dem brennenden Baumstamm, wahrscheinlich, um sich ein Stück Fleisch zu braten.«

»Gut, der muss später auch her. Zeugen muss ich haben, sonst glaubt's das Volk nicht – alles wollen sie selbst sehen, selbst mitmachen. Da hättet Ihr einmal sollen meinen Bruder erzählen hören.«

»Oder den alten Bahrens!«, warf Roberts lachend ein.

»Puh! Wer ist der alte Bahrens? Höre in einem fort von dem alten Bahrens; ich muss ihn doch einmal besuchen. Das ist wohl ein Wundertier?«

»Wir wollen Dienstag in jene Gegend, um nach wild gewordenen Schweinen zu sehen«, sagte Roberts; »wenn Ihr Lust habt, Harper, so könnt Ihr mitkommen. Wir bleiben dann bei Bahrens über Nacht.«

»Topp!«, rief Harper, »jetzt aber meine Geschichte.«

 

Während der Kleine nun mit vielem Wohlbehagen den aufmerksamen Zuhörern sein wunderbares Abenteuer vortrug, ging Rowson, der es seiner Würde nicht für angemessen hielt, nach kaum beendigter Predigt in die allgemeine Fröhlichkeit einzustimmen, durch die Hintertür in das urbar gemachte Land. Noch war kein Mais angebaut und auch das umgeschlagene Holz noch nicht einmal aus dem Wege geschafft. Um aber die großen Stämme zu beseitigen, hatte Roberts unter sie Feuer gelegt, und Assowaum benutzte jetzt eine solche Stelle, um dort einige Stücke des von Harper gefangenen Hirsches zu braten. Hier aber entdeckte ihn Alapaha und bereitete für ihn das Mahl, ganz nach indianischer Sitte.

Nachlässig auf seine ausgebreitete Decke hingestreckt, aus einer kurzen selbstverfertigten Rohrpfeife den Tabakrauch einziehend und langsam wieder ausstoßend, lag die kräftige Gestalt des Indianers neben einer Eiche, dem Sinnbild seiner eigenen Rasse. Noch vor kurzer Zeit betrachteten die Indianer stolz das weite Land als ihr Eigentum, und jetzt wusste der weiße Eindringling nicht einmal, auf welche Art er sie am schnellsten und sichersten aus dem Weg räumen könne. Wie am Stamm des Baumes die Glut, so wirkte auf die indianischen Krieger das Feuerwasser, und langsam erst, dann aber immer weiter und reißender um sich greifend, vernichtete es das gesunde Mark des Baumes und ließ nur Asche und Kohle zurück. Das Grab der Krieger düngte den Boden, den der Weiße mit seinem Pflug aufriss, und die Herdsteine ihrer Beratungsfeuer wurden zu ebenso vielen Grabsteinen ihres geschwundenen Ruhmes.

 

Es mochten wohl das Hirn des wackern Assowaum ähnliche Gedanken durchkreuzen, als er träumend in die zerfallenden Holzscheite starrte; da stand sein Weib plötzlich von ihrer Arbeit auf und wollte ins Haus zurückgehen. Da sah sie den sich nähernden Prediger und eilte ihm entgegen. Der aber reichte ihr die Hand und sprach ein langes, salbungsvolles Gebet über sie. Unterdessen zischte das Fleisch auf den Kohlen und verbrannte auf einer Seite.

 

Alapaha war eine indianische Schönheit, der die besonderen Merkmale ihres Stammes zur Zierde gereichten. Die vorstehenden Backenknochen verleihten den vor Gesundheit strotzenden Wangen ein besonders edles Aussehen, die elfenbeinfarbigen Zähne glänzten hinter den prall geschwungenen Lippen und die schwarzen Augen blitzten wie Feuer aus dem dunklen Teint hervor. Die schlanke Gestalt wurde nur ungenügend durch die Falten des feingegerbten ledernen Gewandes verhüllt, und ließen die prächtigen, weiblichen Formen darunter erahnen. Die zierlichen Füße staken in sorgfältig gearbeiteten Mokassins, das Haar wurde durch ein hellrotes Tuch zusammengehalten, und Glaskorallen schmückten Ohren und Hals.

»Alapaha!«, rief Assowaum jetzt in nicht unfreundlichem, aber ernstem Ton, »Alapaha – sagt dir der Große Geist der Christen, dass du die Pflichten vernachlässigen musst, die du deinem Mann und Häuptling schuldig bist?«

Alapaha kehrte daraufhin rasch zu ihrer Arbeit zurück, während der Prediger auf den roten Krieger zuging, der ihn nur durch leichtes Kopfnicken grüßte und dabei ruhig liegen blieb.

»Zürnt Eurer Frau nicht, Bruder Assowaum«, redete er den Indianer salbungsvoll an, »zürnt ihr nicht, wenn sie den Worten des Herrn lauscht. Es ist ihr einziges Seelenheil, dem sie entgegeneilt, und Ihr solltet der letzte sein, der ihr dabei hemmend in den Weg träte.«

»Assowaum zürnt nicht und hindert sie in der Ausübung ihres Glaubens nicht«, antwortete der Indianer, »aber er ist hungrig, und das Fleisch verbrennt. Alapaha ist das Weib des roten Mannes.«

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