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Die Regentin

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Neuntes Kapitel
  17. Zehntes Kapitel
  18. Elftes Kapitel
  19. Zwölftes Kapitel
  20. Der Thronsaal
  21. Epilog
  22. Danksagung

Über dieses Buch

Das Mädchen Varis, aufgewachsen in den Elendsvierteln, ist die neue Regentin von Amenkor. Dazu hat der Geisterthron sie auserkoren, ein magisches Artefakt, in das die Seelen aller Regentinnen der letzten tausend Jahre eingegangen sind. Doch der Thron ist schwer zu beherrschen, und seine Macht mag ebenso zum Fluch wie zum Segen gereichen. Denn Varis kann nun niemandem mehr trauen, weder ihren Freunden noch sich selbst. In ihren Träumen sieht Varis die Stadt in Flammen. Und sie weiß, dass diese Träume wahr sind.

Über den Autor

Joshua Palmatier hat einen Doktorgrad in Mathematik. Er wurde in Pennsylvania geboren, aber hat in verschiedenen Teil der USA gelebt. Heute hat er seinen Hauptwohnsitz in New York und lehrt Mathematik an einer Universität in Pensylvania. »Die Regentin« ist nach »Die Assassine« sein zweiter Roman und zugleich der zweite Band der Geisterthron-Trilogie.

Für meine Lektorin
Sheila Gilbert und meine
Agentin Amy Stout,
die beiden kühnen
Abenteurerinnen, ohne die es
diesen Roman nicht gäbe.
Und er wäre nicht halb so gut.

ERSTES KAPITEL


Ich duckte mich hinter einen Berg aus zerbrochenen Steinen, um zu Atem zu kommen, und blickte die Gasse hinunter. Sie zog sich wie eine finstere Schlucht durch das Labyrinth des Siels, der im Mondlicht aus dunklen Schemen zu bestehen schien, umrahmt von mattem silbrigem Licht. In der Mitte der Gasse schimmerte ein dünnes Rinnsal übel riechenden Wassers. Keine Türen waren zu sehen, keine Fenster.

Hinter mir erklang ein Geräusch: Stein klapperte auf Stein.

Mir stockte der Atem, und ich fuhr herum. Das Herz schlug mir bis zum Hals, und ich spannte die Muskeln an, wollte losrennen, doch meine Füße rutschten über den nassen Schmutzfilm, der das Kopfsteinpflaster bedeckte.

Aber da war nichts hinter mir. Die Gasse lag still und dunkel da. Aber ich ließ mich nicht täuschen. Er konnte in jedem Schatten auf mich lauern, um über mich herzufallen wie ein Tier, das aus dem dunklen Wald hervorstürzt …

Ein Schluchzen schnürte mir die Kehle zu, doch ich kämpfte dagegen an und verschloss mein Inneres vor dieser Empfindung. Langsam und tief atmete ich ein und aus, versuchte mich zu beruhigen.

Benutze den Fluss.

Der Gedanke huschte durch die Dunkelheit hinter meinen Augen, und ich konzentrierte mich. Dann hörte ich das Geräusch eines Schrittes, eines Fußes, der sich vorsichtig bewegte …

… und ganz nahe war.

Ich riss die Augen auf, taumelte mit wild pochendem Herzen aus der Deckung der zerborstenen Steine auf die Gasse. Ich bewegte mich nahezu blind. Nur flüchtig nahm ich Steinhaufen, zerbrochene Kisten und Berge verrottender Abfälle wahr. Meine nackten Füße klatschten auf dem Kopfsteinpflaster, platschten durch verpestete Pfützen und stinkende Rinnsale. Ich hörte einen Fluch, das Knirschen von Mörtel und das Rieseln kleiner Steine, als jemand sich von einer bröckligen Mauer abstieß. Dann erklangen schwere Schritte. Ein kalter Dorn der Angst bohrte sich mir in die Seite. Ich presste eine Hand darauf und versuchte, den Schmerz nicht zu beachten.

Die Gasse machte eine Biegung. Ich schwenkte zu spät ab und merkte, wie meine Füße über den Schlamm schlitterten und unter mir wegrutschten. Dann prallte ich auch schon gegen die Lehmziegelmauer einer Hausecke. Der Atem wurde mir aus den Lungen gepresst, doch ich blieb nicht stehen. Stattdessen benutzte ich die Mauer, um das Gleichgewicht zu wahren, indem ich mich abstieß, noch ehe ich richtig Halt gefunden hatte. Dann stolperte ich die Linksbiegung entlang weiter.

Eine Tür. Ich brauchte eine Tür, ein Fenster, irgendeine Fluchtmöglichkeit …

Hinter mir verfielen die Füße in Laufschritt. Jemand brüllte und fluchte, als er in einen Müllhaufen trat; dann stolperte und stürzte er.

Ich huschte die Gasse entlang. Immer noch keine Tür, kein Fenster. Wieder stieg ein Schluchzen in meine Kehle, und der Dorn aus Schmerzen bohrte sich tiefer in meine Seite, ließ mich wanken.

Eine Wolke schob sich vor den Mond. Die Gasse wurde in völlige Finsternis getaucht. Taumelnd kam ich zum Stehen, lehnte mich schwer gegen eine Mauer, eine Hand immer noch auf die Seite gepresst. Mein Atem ging in abgehackten Stößen. Zu laut, zu sehr erfüllt von schwarzer Verzweiflung. Meine Augen weiteten sich, als ich versuchte, Reste von Licht zu entdecken, doch da war nichts. Nur der Gestank von Ausscheidungen und nassem Stein, von Tod und Verwesung.

Die Schritte hinter mir verstummten.

Ich holte tief Luft, hielt den Atem an, lauschte.

Ich hörte jemanden keuchen. Er war also noch da. Aber er hatte gelernt, vorsichtig zu sein. Ich hatte ihn verletzt, als ich geflüchtet war, hatte ihn in die Hand gebissen, dass er geblutet und geschrien hatte, und hatte die Hand geschüttelt wie ein Hund einen Rattenkadaver. Ich konnte noch immer sein Blut schmecken und lächelte vor grimmiger Genugtuung. Er war unachtsam gewesen, aber das würde ihm nicht noch einmal passieren …

Benutze den Fluss!

Ich versuchte, in jene andere Welt zu gleiten, sodass alles verschwamm und grau wurde und sämtliche Geräusche sich zu einem flüsternden Wind vermischten – ein Zauber, den ich beherrschte, seit ich sechs Jahre alt war und auf den ich mich seit damals verlassen hatte, um im Siel zu überleben.

Doch nichts geschah.

Der Fluss war verschwunden.

Mein Lächeln verblasste. Ich würgte ein Schluchzen hinunter, drehte mich zur Mauer, die ich nicht mehr sehen konnte, drückte die Schulter dagegen, löste mich mit größter Willensanstrengung aus meiner Starre und bewegte mich an der Mauer entlang, wobei ich mich gleichzeitig daran abstützte, sodass meine Schulter über den Stein schabte, während ich eine Hand nach vorn ausgestreckt hielt, um nach einer Ecke, einer Kante, einer Öffnung zu tasten.

Ich würde nur eine einzige Gelegenheit zur Flucht erhalten …

Der Mann hinter mir hörte meine Bewegungen und folgte mir. Aber er bewegte sich zu schnell durch die Finsternis. Sein Fuß platschte in das Rinnsal; dann stolperte er über einen losen Stein. Ich hörte einen Schmerzensschrei, gefolgt von einem abgehackten Fluch. Doch der Mann rappelte sich sogleich wieder auf. Ich hörte Kleider gegen Stein rascheln; dann setzten die Schritte wieder ein.

Meine Finger glitten von der Mauer vor mir ins Leere. Ich hielt inne, tastete. Eine weitere Ecke. Eine weitere Biegung.

Ich schob mich um die Mauer herum. Die Geräusche meines Verfolgers wurden leiser; dennoch eilte ich weiter, so schnell ich konnte. Der Mann würde trotz der Dunkelheit nicht aufgeben; dafür hatte ich ihn zu sehr verletzt und dem Spott preisgegeben. Ich hatte mich ihm vor den Augen aller anderen widersetzt und dann die Flucht ergriffen.

Ein Gefühl schwarzer Verzweiflung erfasste mich. Ich schmeckte es wie Galle im Mund und zwang es mit einem krampfhaften Schlucken hinunter. Ein paar Augenblicke lang lehnte ich mich schwer an die Mauer, bewegte mich dann langsamer weiter und hörte, wie meine zerlumpten Kleider über die Lehmziegel schabten, als ich mich vorankämpfte. Ich musste in Bewegung bleiben.

Warum konnte er mich nicht in Ruhe lassen? Warum ließ er mich nicht gehen? Er hatte andere Arbeiter; er brauchte mich doch gar nicht!

Aber ich wusste, weshalb er mir so entschlossen auf den Fersen blieb: weil ich ihn gebissen und gedemütigt hatte. Ich konnte noch immer hören, wie er vor Schmerz und Wut aufgeheult hatte.

»Ich gehe nicht zurück«, murmelte ich so leise, dass niemand es hören konnte. Meine Stimme war ohnehin vor Tränen und Zorn erstickt.

Meine Finger fanden eine weitere Öffnung: ein Fenster mit Kanten aus brüchigem Stein.

Mit neuer Hoffnung trat ich von der Mauer zurück, legte beide Hände auf den bröckligen Sims und stieß meine kleine Gestalt in die Höhe. Stein schabte mir über die Haut, und der stechende Schmerz in meiner Seite schoss bis hinunter in mein Bein. Ich fuchtelte mit den Armen, hielt mühsam das Gleichgewicht und beugte mich dann langsam nach vorn. Ich konnte nicht erkennen, was sich hinter dem Fenster befand; aber das spielte keine Rolle. Hauptsache, ich kam weg von hier.

Langsam kippte ich nach vorn und keuchte vor Anstrengung und Triumph.

In diesem Augenblick schloss sich eine Hand um meinen Knöchel.

»Nein!«, schrie ich, während die Hoffnung in meiner Brust verzweifelt um sich schlug. »Ich komme nicht zurück! Nein, nein!«

»Oh doch«, knurrte der Mann.

Seine andere Hand packte den Bund meiner Hose, umfasste den Stoff mit festem Griff. Ich spürte, wie ich an Hose und Knöchel gepackt, vom Fenstersims gehoben und hinunter in die Gasse geworfen wurde.

Ich prallte mit Wucht gegen die Mauer auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse und versuchte, meinen Sturz mit den Händen abzufangen, hatte aber keine Kraft mehr. Meine Arme knickten ein, und ich landete seitlich mit dem Gesicht auf dem schlammverschmierten Kopfsteinpflaster, während der Mond plötzlich und erschreckend hell hinter den Wolken erschien. Schmerz durchzuckte meinen Kiefer und die Zähne, und ich schmeckte Blut, diesmal mein eigenes. Ich stöhnte, rang nach Atem.

Der Mann ließ mir keine Zeit zum Erholen. Er trat mir in den Magen. Die Wucht des Trittes schleuderte mich auf den Rücken. Ich hustete, als mir Blut die Kehle hinunterrann, und versuchte, mich schützend zusammenzurollen, doch eine Hand packte mich vorn am Hemd und zerrte mich auf die Beine. Düster und drohend ragte der Mann über mir auf. Mit einem Ruck zog er mich zu sich heran und zerrte mich gleichzeitig hoch, sodass meine Füße den Boden nicht mehr berührten.

»Dachtest wohl, du könntest abhauen, was?« Fauliger Atem wehte mir ins Gesicht. »Aber Corum entkommt keiner!«

Mein Kopf kippte zur Seite. Ich hatte keine Gewalt mehr über meine Muskeln; meine Kraft war aufgebraucht.

Und zum ersten Mal sah ich meinen Angreifer. Sein Gesicht war zu einer Fratze des Hasses verzogen. Seine Augen sahen im Mondlicht schwarz und stechend aus, seine gelben Zähne waren krumm und schief. Braunes Haar hing in Strähnen über seine fett glänzende Haut. Ein paar Locken waren mit dünner, gefärbter Schnur zusammengebunden.

»Niemand!«, wiederholte er.

Ich spuckte ihm ins Gesicht.

Er zögerte einen Lidschlag lang, vor Fassungslosigkeit wie erstarrt. Dann knurrte er und schleuderte mich gegen die Mauer.

Ich prallte von den Lehmziegeln ab und stürzte in etwas Hölzernes, das in einer Ecke stand, dort, wo die Gasse eine weitere Biegung beschrieb. Mit einer Hand bekam ich nasses, glitschiges Holz zu fassen und hielt mich fest; die andere Hand rutschte ab und klatschte in brackiges Wasser.

Eine Regentonne. Oder was davon übrig war.

Ich richtete mich auf, sodass mein Kopf über Wasser war.

Dann erstarrte ich.

Entsetzen wühlte in meinen Eingeweiden, als ich hinunter auf das Spiegelbild in der aufgewühlten Wasseroberfläche blickte.

Das war nicht ich. Das war ein Junge, noch keine zehn Jahre alt. Ein rundliches Gesicht mit glatter Haut, die nun voller Schmutz und Blut und Tränen war. Hellbraune Augen, geweitet und verzweifelt. Kurzes Haar, in dem es vor Läusen wimmelte.

Dann verdunkelte Corums Schatten das Spiegelbild des Mondes im Wasser.

Ich zuckte zurück, doch er war zu schnell für mich. Seine Hand klatschte auf meinen Hinterkopf, seine Finger krallten sich in mein Haar. Ich kreischte, als Corum – fast drei Mal so groß und schwer wie ich – neben mir auf ein Knie sank und mir mit rauer Stimme entgegenspie: »Niemand!«

Er legte die andere Hand über die Finger, die sich in mein Haar gekrallt hatten; dann drückte er meinen Kopf jäh nach unten. Abgestandenes Wasser schlug über mir zusammen, erstickte meine Schreie und Corums rauen Atem, während er mich mit seinem ganzen Gewicht unter Wasser hielt. Ich wehrte mich, zappelte, drückte mich vom Fass zurück, trat mit den Beinen, wand mich, kämpfte. Wasser spritzte aus dem Fass. Aber ich fand keinen Halt und hatte bald keine Kraft mehr. Wasser drang mir in den Mund, und ich schluckte es hinunter, sog seine Kälte in meine Lungen und spürte, wie es mich erfüllte, wie es in jeden Teil meines Körpers strömte. Meine Glieder wurden taub und schlaff. Das letzte bisschen Kraft wich aus meinen Beinen. Ich spürte, wie ich sank, tiefer ins Fass, tiefer ins Wasser.

Dann begriff ich plötzlich, warum ich den Fluss nicht verwenden konnte.

Weil nicht ich es war, die starb. Es war jemand anders. Jemand, der in den Elendsvierteln jenseits des Siels lebte.

Dann erwachte ich.

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Ich fuhr mit einem spitzen Schrei aus dem Traum auf und erstickte beinahe an der eisigen Kälte von Regenwasser, obwohl ich gar keines im Mund hatte. Von Übelkeit geplagt, kroch ich zum Rand des riesigen Bettes, verhedderte mich mit den Armen in den verschwitzten Laken und hustete in die Dunkelheit des Zimmers. Es war ein raues, krampfhaftes Husten, als versuchte ich, meine Lungen von Wasser zu befreien.

Als der Hustenanfall nachließ, sank ich zurück aufs Bett, am ganzen Leib vor Schwäche zitternd. Meine Kehle fühlte sich wund an, als ich schluckte. Erst jetzt bemerkte ich die Pracht des Gemachs, in dem ich mich befand, und setzte mich langsam auf.

Es war das Gemach der Regentin.

Denn ich war die Regentin.

Die neue Regentin von Amenkor.

Schaudernd zog ich die Knie an die Brust und schlang die Arme darum. Der Stoff meines Nachthemds raschelte in der Finsternis.

Als der Traum vollends verblasste, kehrte die Wirklichkeit zurück. Doch der Traum war mir wirklicher erschienen, als die Realität mir nun vorkam. Ich kannte den Siel, kannte das Gewirr der Gassen und Winkel, die voller Dreck und Unrat waren. Seit ich sechs Jahre alt gewesen war – erst mit fünfzehn war ich in die obere Stadt geflüchtet –, hatte ich mein Leben zwischen den verfallenden Gemäuern des Siels verbracht, hatte von der Straße gelebt, auf jede mir mögliche Weise, hatte mir mein Essen gestohlen und den Müll nach weggeworfenen Brocken schimmligen Käses, von Rüsselkäfern verseuchten Brotkrusten und ähnlichen Delikatessen durchwühlt. Ich war eine Diebin, Abschaum. Ich war bespuckt und getreten worden. So lange überlebt hatte ich nur wegen Erick, dem Sucher … und wegen des Flusses.

Der Fluss. Kurz ließ ich den dunklen Raum, in dem ich mich befand, verschwimmen, tauchte ein in jene besondere Art des Sehens, die ich den »Fluss« nannte. Die Schwärze wurde zu einem hellen Grau, bekam Konturen und nahm Gestalt an, als ich das fahle Mondlicht wahrnahm, das durch die Ritzen der Vorhänge vor den Balkonfenstern ins Zimmer sickerte. Es war, als würde man unter eine Wasseroberfläche sinken. Als ich mich tiefer hinabstieß, wurden die Einzelheiten des Raumes deutlicher. Es waren noch immer graue Schemen, doch nun waren sie wenigstens sichtbar, wo zuvor nichts als Schwärze gewesen war.

Es war anders als vorher, denn jetzt besaß ich die Macht des Geisterthrons, die den Fluss noch stärker machte. Ich konnte spüren, wie der Thron rings um mich her pulsierte und meine Wahrnehmungsfähigkeit schärfte, weit über das Maß hinaus, das ich kannte. Aber meine neue Macht war noch roh und unausgeformt, sodass ich sie kaum beherrschte.

Ich verlagerte den Schwerpunkt, drehte mich wieder dem Zimmer zu.

Es war groß – der größte Raum, in dem ich je geschlafen hatte, selbst nachdem ich vom Siel geflüchtet und beim Händler Borund als dessen Leibwächterin untergekommen war. Das Bett stand an einer Wand. Vier Pfosten ragten von den Ecken auf; an den Pfosten war ein Baldachin befestigt, der in der Mitte durchhing. An verschiedenen Stellen des Zimmers erblickte ich Tische, dazwischen Bäume und Pflanzen in Töpfen, ein Sofa und Stühle. Zu meiner Linken reihten sich große Kleiderschränke, außerdem Truhen mit Bettzeug und Wäsche. Nichts, was sich darin befand, stammte von mir. Auf einem der Tische stand ein mit Wasser gefüllter Krug in einer Schale, sodass ich mir morgens das Gesicht waschen konnte. Auf einem anderen Tisch lag der Dolch, den ich einem ehemaligen Gardisten abgenommen hatte, nachdem ich ihn getötet hatte, als er mich vergewaltigen wollte. Damals war ich erst elf gewesen.

Auf der anderen Seite des Zimmers, gegenüber vom Bett, führten Doppeltüren in einen Vorraum und in die anderen Bereiche des Palasts. Im Grau des Flusses konnte ich die beiden Gardisten spüren, die auf der anderen Seite der Türen im Vorzimmer ausharrten. Sie stritten sich, aber ihre Stimmen waren zu leise, als dass ich sie hätte verstehen können. Ihre Empfindungen jedoch durchzogen den Fluss wie eine Strömung: Die Männer verspürten Angst und Unsicherheit. Sie mussten gehört haben, wie ich mich im Schlaf herumgewälzt hatte, und konnten sich offenbar nicht entschließen, ob sie das Gemach betreten sollten oder nicht.

Bevor ich die Herrschaft über den Thron übernommen hatte, wäre ich nicht annähernd in der Lage gewesen, die Empfindungen anderer so genau zu erspüren. Ich hätte die beiden Männer gar nicht wahrgenommen, da sie sich hinter einer geschlossenen Tür befanden. Am Siel – und später in der oberen Stadt als Borunds Leibwächterin – musste ich meine Ziele sehen, ehe ich den Fluss gegen sie einsetzen konnte. Nun aber, mit der Macht des Throns im Rücken …

Die Gardisten wussten nicht, was sie von ihrer neuen Regentin halten sollten, dieser siebzehnjährigen jungen Frau, die sich vor zwei Nächten als Page verkleidet in den Palast eingeschlichen hatte, alle Sicherheitsvorkehrungen überwand und sämtlichen Wachen auswich, bis sie es in den Thronsaal geschafft und die Herrschaft über den Geisterthron übernommen hatte.

Ich schob den Fluss von mir, ließ die Dunkelheit des Zimmers zurückkehren und die Gefühle der beiden Gardisten verblassen. Tatsächlich hatte ich mehr getan, als bloß die Herrschaft über den Thron zu übernehmen. Denn wer über den Thron gebot, war zugleich der Gebieter über die Stadt Amenkor.

Ich versuchte, ein plötzliches Aufflammen von Zorn zu unterdrücken, doch es gelang mir nicht.

Ich hatte nie die Absicht gehabt, mir den Thron anzueignen. Ich war von Verwalter Avrell – dem Oberhofmarschall der Regentin – und von Borund geschickt worden, nach meiner Flucht vom Siel. Mein Auftrag lautete, die vorherige Regentin zu töten, damit jemand anders ihren Platz einnehmen konnte. Sie hatten behauptet, es sei die einzige Möglichkeit, die Wahnsinnige vom Thron zu stürzen; sie hätten alles Mögliche versucht, aber ohne Erfolg. Und es müsse bald geschehen, da die Stadt den Winter sonst nicht überstehen würde. In ihrem Wahn hatte die vorherige Regentin den Hafen sperren lassen und den Handel zum Erliegen gebracht, ausgerechnet, als Lebensmittel dringender benötigt wurden als zuvor. Sie hatte zugelassen, dass ein Viertel der Stadt und ein beträchtlicher Teil der eingelagerten Lebensmittel verbrannt waren; sie hatte den Gardisten in der Stadt und im Palast sogar befohlen, nicht beim Löschen des Feuers zu helfen. Diese Frau musste beseitigt werden – und ich war die Einzige gewesen, die das schaffen konnte, war ich doch von Erick, dem Sucher, zu einer Meuchlerin ausgebildet worden. Und weil ich über den Fluss gebot. Ich war die Einzige, die der Herrscherin nah genug kommen konnte, um sie zu töten.

Also hatte ich eingewilligt. Denn auch ich war der Meinung gewesen, dass diese Frau wahnsinnig geworden sei. Außerdem hatte Erick, mein Lehrmeister, mich davon überzeugt, dass mir allein ein Anschlag gelingen könne.

Doch es hatte sich als Falle entpuppt. Die Regentin hatte mich erwartet, hatte auf die Wachen und Bediensteten des Palasts Einfluss genommen, damit ich ungehindert in den Thronsaal gelangen konnte.

Statt sie zu töten, war ich gezwungen worden, den Geisterthron zu berühren.

Mein Zorn auf Avrell und Borund und besonders meine Wut über Ericks Verrat loderten in mir auf, verblassten jedoch angesichts des jäh aufflammenden Grauens bei der Erinnerung an den Thron.

Ich schauderte, unterdrückte ein Stöhnen, legte den Kopf auf die Knie und schloss die Augen. Ich spürte, wie die Erschöpfung, die mich seit jener Nacht plagte, über mich hinwegspülte.

Erneut ließ ich mich in den Fluss sinken, tauchte tief hinein, hielt geradewegs auf den Rand des kugelförmigen Weißen Feuers zu, das mittlerweile ständig in meinem Innern loderte. Das Feuer war eine vom Fluss getrennte Macht, die mich am Siel mehr als einmal gerettet hatte, indem sie aufgeflammt war und mich vor Bedrohungen gewarnt hatte, die ich nicht gesehen hatte. Nun beschützte es mich vor den Stimmen im Thron und deren gewaltige Kraft. Ohne das Feuer hätte ich die Berührung des Geisterthrons nicht überlebt. Die Stimmen hätten mich zerschmettert, mit ihrem Gewicht zermalmt.

Ich zuckte zusammen, als ich mich der Grenze näherte, holte langsam Luft, als ich den pochenden Puls der Macht des Throns spürte, und hielt unmittelbar außerhalb der Absperrung an, die von der Weißen Flamme gebildet wurde.

Auf der anderen Seite toste ohrenbetäubend ein Mahlstrom brüllender Stimmen, Hunderte und Aberhunderte; sie schrien, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, kreischten ihren Trotz und Hass hinaus, bettelten um Befreiung, um Gnade. Und jede dieser Stimmen versuchte, die anderen zu übertönen. Es waren die Stimmen aller Regentinnen seit Anbeginn der Zeit und – noch zahlreicher – die Stimmen jener, die den Thron berührt und nicht die Kraft gehabt hatten, dies zu überleben. Ich spürte den Druck ihrer Wesenheiten und ihre Gefühle wie Hitze im Gesicht, weiß glühend und sengend. Zorn, Hass und Verzweiflung, alles war im Thron gefangen.

Und nun auch im Feuer. Nachdem ich auf den Thron gestoßen und gezwungen worden war, mich seiner Macht zu stellen, hatte ich das Weiße Feuer eingesetzt, um die Stimmen zu überwältigen. Ich hatte sie mit der Flamme umschlossen und hielt sie nun mit der Macht des Flusses tief in meinem Innern verborgen.

Die Stimmen hatten die vorherige Regentin an den Rand des Wahnsinns getrieben. Dennoch war es ihr gelungen, mich durch Ablenken der Wachen in den Thronsaal zu locken und den Thron zu benutzen, um mich zu überwältigen und gewaltsam auf den Sitz zu stoßen.

Und dann hatte sie mich vor die Wahl gestellt, zu sterben und die Stadt Amenkor im bevorstehenden Winter mit mir sterben zu lassen oder die Macht des Throns selbst in Anspruch zu nehmen, die Stadt zu befreien und ihr die Aussicht auf ein Überleben zu bescheren.

Meine Wut kehrte zurück, heiß und sengend. Ich hatte gar keine wirkliche Wahl gehabt.

Mit einem kräftigen Stoß ließ ich den Fluss wieder los, setzte mich im Bett der Regentin auf, das nun mein Bett war, und winkelte die Beine so an, dass ich die Ellbogen auf die Knie stützen konnte. Wenn man eine neue Regentin wollte, würde ich es sein. Aber ich hatte es satt, vor Entscheidungen gestellt zu werden, die gar keine waren.

Einer der Gardisten klopfte an die Tür des Vorzimmers. Darauf folgte ein gedämpftes Streitgespräch, das mit drängenden Stimmen geführt wurde, in denen Besorgnis mitschwang.

Meine Miene verfinsterte sich. Als das Klopfen erneut einsetzte, noch dringlicher diesmal, glitt ich aus dem Bett und ging zur Tür, wobei ich mich in der Dunkelheit vorsichtig durch das mir unvertraute Zimmer bewegte.

Ich riss die Tür auf, und die zwei Gardisten, die draußen standen, wichen jäh zurück. Dann nahmen sie rasch Haltung an, waren aber immer noch verunsichert. Einer der beiden hatte zu den Palastgardisten der vorherigen Regentin gehört, der andere war einer der Meuchler der Sucher.

»Was ist?«, spie ich den beiden entgegen.

Der Gardist, der angeklopft hatte, leckte sich die Lippen, blickte verunsichert zu dem Sucher und antwortete schließlich: »Wir haben einen Schrei gehört.«

»Wäre ein Meuchelmörder hier«, sagte ich, »wäre ich bereits tot gewesen, bis ihr euch entschlossen habt, die Tür zu öffnen.«

Der Gardist stand offenen Mundes da und wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.

Ich wollte die Tür schließen, doch der Sucher trat vor.

»Ist alles in Ordnung, Regentin?«

Mein Magen krampfte sich zusammen; eine unverhoffte Woge der Einsamkeit, Trostlosigkeit und Unsicherheit schlug über mir zusammen.

Vor zwei Tagen erst war ich Leibwächterin eines einflussreichen Händlers gewesen. Nun herrschte ich über die Stadt, die kurz vor dem Verhungern stand.

Ein Schauder kroch kribbelnd über meine Haut. Die Härchen auf meinen Armen richteten sich auf.

Ich schluckte und begegnete dem Blick des Suchers. Dunkle Augen, in denen ein gefährliches Funkeln lag, das ich kannte: Ich hatte dieses Funkeln auch in Ericks Augen gesehen, als ich vierzehn gewesen war; damals hatte er mich in einer Gasse abseits des Siels gefunden, wo ich mich über dem Leichnam eines von mir getöteten Mannes übergab. Erick, der mich daraufhin ausgebildet und mir dadurch die Möglichkeit verschafft hatte, im Alter von fünfzehn Jahren vom Siel zu fliehen und Borunds Leibwächterin zu werden.

Und dieser Mann hier besaß dieselbe Haltung wie Erick. Er wirkte völlig entspannt und bewegte sich mit raubtierhafter Geschmeidigkeit. Aber anders als bei Erick verunzierten nur wenige Narben sein Gesicht. Er hatte auch weniger Grau im dunklen Haar, und seine Nase war gerade, weil sie nicht mehrmals gebrochen war wie bei Erick.

Im Unterschied zu dem gewöhnlichen Gardisten trug der Sucher einen Dolch statt eines Schwertes und Leder statt einer Rüstung. Er war der gefährlichere der beiden; dennoch war es mir angenehmer, mit dem Sucher zu reden als mit dem Palastgardisten.

»Es geht mir gut«, antwortete ich, zögerte dann und verstummte.

Ich spürte, dass ich zitterte, abwechselnd vor heißer Wut und kaltem Grauen bei dem Gedanken daran, was man als Regentin vom mir erwarten würde.

Plötzlich fühlte das Zimmer hinter mir sich gleichzeitig zu groß und zu beengt an.

Ich holte krampfhaft Luft und blies den Atem langsam aus. »Nein …«, sagte ich dann. »Nein, ich brauche frische Luft. Bring mich auf das Dach des Palasts.«

Der Sucher nickte und schlug mit unverbindlicher Stimme vor: »Vielleicht solltet Ihr Euch vorher umziehen.«

Ich blickte auf mein verschwitztes, zerknittertes Nachthemd, ehe ich beide Gardisten mit düsteren Blicken bedachte und wortlos die Tür schloss.

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Der Sucher, der die Tür zu meinen Gemächern bewachte, führte mich zum Dach des Palasts und blieb mit einem Nicken an der Treppe stehen. Ich trug Eryns weiße Gewänder. Die Luft vor dem Morgengrauen war frostig, noch feucht von den herbstlichen Regenfällen und brachte bereits einen Vorgeschmack auf den nahenden Winter mit. Als ich zur niedrigen Mauer am Rand des Daches trat und über den Hafen von Amenkor blickte, unterdrückte ich ein Schaudern, denn das Gewicht der Gewänder war gänzlich ungewohnt für mich. Ich war eng anliegende Kleider gewöhnt, Hemden und Hosen, aber nichts Weites aus schwerem Stoff, der meinen Dolch und meine Bewegungen behinderte. Aber die vorherige Regentin besaß keine Hosen und hatte keinen Dolch mit sich geführt. Und jemand hatte die Pagenkleider weggenommen, die ich getragen hatte, als ich in den Palast eingedrungen war. Die weißen Roben mit den Goldstickereien an Kragen und Saum waren die einzigen Kleidungsstücke, die ich hatte finden können.

Verärgert ließ ich den Blick über Amenkor schweifen und versuchte, mich nicht zu kratzen. Einige Dinge würden sich ändern müssen, angefangen bei der Bekleidung.

Im Hafen schaukelten Schiffe auf den Wellen; sie zeichneten sich als dunkle Umrisse vor dem Widerschein des Mondlichts auf dem Wasser ab. Nur wenige Schiffe bewachten die Hafeneinfahrt; die meisten lagen an den Docks vor Anker, seit meine Vorgängerin den Hafen hatte sperren lassen. Mehrere Schiffe wurden im Licht von Fackeln beladen, doch wegen der Dunkelheit konnte ich nicht erkennen, um was es sich dabei handelte und welche Schiffe es waren, denn im Schein der Lampen an den Docks waren nur undeutliche Schemen zu erkennen. Ein Stück vom Hafen entfernt befand sich ein von Flammen geschwärzter Bereich, wo die Lagerhäuser niedergebrannt waren. Von den Gebäuden waren nur verkohlte Gerippe geblieben.

Schuldgefühle senkten sich wie eine drückende Last auf meine Schultern, und Übelkeit nistete sich in meinem Magen ein. Zwar hatte ich das Feuer nicht selbst gelegt, das Amenkors Lagerhausviertel vernichtet hatte, doch es war eine Laterne gewesen, die ein Junge nach mir geworfen hatte, als er versuchte, sich vor meiner Klinge zu retten.

Ich wandte mich von der schwarzen Narbe der Stadt ab und blickte zu den kaum erkennbaren Straßen, zum Fluss und zu den Außenmauern.

Gleichzeitig vernahm ich Schritte hinter mir.

Ich glitt in den Fluss, spürte, wie die Welt sich in Grau verwandelte, wie die Geräusche der Nacht sich in einen leisen Wind fügten, und richtete die Aufmerksamkeit auf die Frau, die sich näherte.

Eryn, die vorherige Regentin.

Ich straffte den Rücken, getröstet vom Gefühl des Dolchs an meiner Seite, den ich unter einen behelfsmäßigen Gürtel gesteckt hatte. Ich hatte die vorherige Regentin kaum einmal zu Gesicht bekommen, seit ich sie vom Thron befreit und die Macht übernommen hatte. Es war keine Zeit dafür gewesen. Einen ganzen Tag hatte ich auf dem Thron sitzend verbracht, weil ich Angst davor hatte, die Stimmen würden mich in dem Augenblick überwältigen, da ich ihnen den Rücken zukehrte. Schließlich hatte ich sie hinter dem Feuer eingekapselt und es gefestigt, sodass es ohne bewussten Gedanken meinerseits brannte. Erst danach hatte ich mich vom Thron entfernt.

Doch die Anstrengung hatte mich ausgelaugt. Schon nach kurzer Zeit hatte ich vor Erschöpfung aufgeben müssen. Man hatte mich in die Gemächer der Regentin geführt, damit ich mich dort ausruhte. Als ich nach wenigen Stunden aufgewacht war, hatte im Palast das nackte Chaos geherrscht. Die Gardisten hatten vor Zorn geschäumt, die Bediensteten waren verwirrt gewesen. Nichts hatte man erreicht; Avrells gesamte Zeit musste darauf verwendet werden, die Leute zu beruhigen.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich nichts tun können; deshalb begab ich mich, noch immer erschöpft, früh zu Bett und träumte.

Eryn trat neben mich, legte die Hände auf die Steinbrüstung des Turms und blickte über die Stadt hinaus. Im Mondlicht wirkte ihr Haar bläulich-schwarz, und ihre Haut war wie mit Kalk gepudert und so weiß wie das schlichte Kleid, das sie trug. Sie stand in herrschaftlicher Pose da, den Kopf hoch erhoben, das Kinn vorgereckt. Nicht hochmütig, sondern selbstsicher. Die Haltung einer Herrscherin.

Ich fühlte mich klein neben ihr. Und nicht nur, weil sie mich um zwei Handbreiten überragte und wahrscheinlich doppelt so alt war wie ich.

»Konntest du nicht schlafen?«, fragte sie nach einem tiefen Seufzer.

Ich verlagerte das Gewicht, nahm eine Haltung ein, die der uns beobachtende Sucher gewiss erkannte, und antwortete: »Nein.« Es kam schroffer über meine Lippen, als ich beabsichtigt hatte. Plötzlich fragte ich mich, wo sie letzte Nacht geschlafen und was sie getan hatte, während im Palast blankes Chaos herrschte.

Mit schmalen Augen, die Lippen geschürzt, wandte sie sich mir zu. Auch sie sah erschöpft aus. Unter ihren Augen lagen dunkle Ringe, und ihre Haut wirkte gedunsen, als hätte sie geweint. Sie sah gealtert aus. Statt der knapp vierzigjährigen Frau, die mich vor wenigen Nächten so selbstsicher überrumpelt hatte, wirkte sie nun wie fünfzig und machte einen zutiefst niedergeschlagenen Eindruck.

Ich stellte fest, dass meine Wut und mein Argwohn ins Wanken gerieten, und zwang mich, daran zu denken, dass dies die Frau war, die mich vor ein paar Tagen beinahe getötet hätte.

»Es ist schwierig«, sagte sie in angespanntem, jedoch beherrschtem Tonfall. »Ich habe so lange mit den Stimmen des Throns gelebt, dass ich nun, da sie verschwunden sind …« Sie verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern; dann lachte sie bitter auf. »Ich weiß, ich würde nicht mehr leben, wenn du nicht gekommen wärst. Ich hätte dem Thron niemals widerstehen können. Er war zu mächtig, und die Stimmen haben mich ausgezehrt. Letztlich hätten sie mir den Verstand geraubt. Dennoch …«

Ich sagte nichts. Im Thronsaal hatte ich den Wahnsinn in ihren Augen gesehen und gespürt, wie schwer es ihr gefallen war, sich zusammenzureißen.

Eryn straffte die Schultern. »Ich glaube …« Ihre Stimme hatte sich verändert; ein Teil der Verbitterung war daraus gewichen. »Ich glaube, wenn du nicht gekommen wärst, hätte ich mich von diesem Turm gestürzt.«

Ich erstarrte vor Schreck; dann beugte ich mich vor, um die Mauer hinunterzuschauen, vorbei an den Öffnungen der nach innen versetzten Fenster, vorbei an den Bannern an der Treppe am Fuße des Turms.

Der Stein der Stufen schimmerte weiß im Mondlicht.

Etwas verengte sich in meiner Brust, und ich wich mit einem Japsen von der Brüstung zurück. Einen Lidschlag lang neigte die Welt sich rings um mich; ich fühlte mich aus dem Gleichgewicht gebracht und schwindlig von der Höhe. Vorsichtig legte ich die Hände auf die Steinmauer, hielt mich fest. Mein Argwohn verflog, verlor sich im Pochen meines Herzens.

»Du bist früher oft hierhergekommen«, sagte ich. »Avrell hat mir erzählt, dass du in der Nacht hier warst, in der die Lagerhäuser brannten, um dir das Feuer anzuschauen. Er sagt, du hättest gelächelt.«

Zunächst erwiderte Eryn nichts. Sie stand nur da und starrte auf die Steinstufen tief unten, wobei ihr Blick in unergründliche Fernen gerichtet war.

»Nicht ich stand in jener Nacht hier«, sagte sie schließlich mit einem verlorenen Ausdruck in den Augen. »Es war der Thron.«

Einen schrecklichen Lidschlag lang dachte ich, sie stünde kurz davor zu springen, wie sie es beabsichtigt hatte. Ich konnte es in ihren Augen sehen, beinahe so deutlich wie den Wahnsinn, den ich im Thronsaal darin erblickt hatte. Doch irgendwie wirkte es noch Furcht einflößender, weil sie so ruhig dabei war.

Dann war der Augenblick verstrichen. Sie wandte sich von der Mauer ab und von den Stufen tief unten und schaute mich an.

»Du hast geträumt.« In ihrer Stimme schwangen nun keine Zweifel mehr mit. Ihre Selbstsicherheit war zurückgekehrt.

Ich spielte mit dem Gedanken, sie zu belügen, sah aber keinen Sinn darin. Sie war länger Regentin gewesen, als ich bisher gelebt hatte. »Ja.«

Sie runzelte die Stirn. »Das ist ungewöhnlich. Nachdem ich den Thron bestiegen hatte, waren wenigstens drei Monate vergangen, ehe ich geträumt habe. Sag, was ist in deinem Traum geschehen?«

»Ich wäre beinahe ertrunken. Ein Mann hat meinen Kopf in ein Regenfass gedrückt. Nur war es nicht ich selbst, sondern ein Junge, den ich nicht kenne.«

Eryn nickte und richtete den Blick wieder auf die Stadt. »Und weißt du, wo sich das zugetragen hat?«

»In den Elendsvierteln jenseits des Siels.«

»Hast du den Mann gesehen? Oder vielmehr … hat der Junge, den du nicht kennst, ihn gesehen?«

»Ja. Der Mann hieß Corum.«

»Dann musst du die Sucher nach diesem Corum ausschicken. Er hat den Tod verdient.«

Bei diesem Gedanken durchströmte mich eine Woge der Genugtuung. Meine Hand schloss sich um den Griff meines Dolchs. Corums Gesicht stieg klar und deutlich vor meinem geistigen Auge auf, und ich mahlte vor Hass mit den Zähnen. »Ich kann selbst nach ihm suchen. Und ihn töten.«

Angesichts der Härte in meiner Stimme drehte Eryn sich jäh um, und ihre Augen weiteten sich erschrocken. »Varis«, sagte sie und trat vorsichtig einen Schritt vor.

Im Fluss wirkten ihre Bewegungen langsam und träge. Ich war tiefer als beabsichtigt hineingesunken, hatte das Grau der Welt beinahe schwarz werden lassen. Die Stadt – zuvor im Dämmerlicht vor dem Morgengrauen – breitete sich nun deutlich und mit scharfen Konturen vor mir aus. In den Strömungen spürte ich ein Rucken und Ziehen, wobei diese Empfindung einherging mit einem eigentümlichen Geruch, den ich ohne die zusätzliche Macht des Throns hinter mir wohl nicht wahrgenommen hätte. Ich drehte mich diesem Geruch zu, reckte und streckte mich und stellte fest, dass meine Wahrnehmungsfähigkeit über die Gebäude des Händlerviertels hinweg reichte, über den Kai und den Hafen, über den Fluss, der sich in die Bucht ergoss – bis dorthin, wo die kopfsteingepflasterte Straße namens Siel in die Elendsviertel der Stadt führte. Der Geruch wurde intensiver, würzig und frisch wie die Luft nach einem Regenguss.

Und plötzlich wusste ich, dass ich Corum tatsächlich finden könnte, wo immer er sich am Siel verstecken mochte, indem ich den Fluss und den Thron benutzte. Ich konnte bereits seinen fauligen Atem riechen, konnte spüren, wie meine Dolchklinge zwischen seine Rippen glitt, konnte seinen Tod schmecken …

»Varis, nicht!«

Eryns Stimme klang hohl und fern. Dann schlug sie mich heftig, und der Schmerz durchdrang die Strömung des Flusses wie eine scharfe Klinge. Mit einem Ruck löste ich mich vom Rand der Stadt und schnellte so heftig in mein Ich auf dem Palastturm zurück, dass ich taumelte. Eryn hielt mich fest. Ihr Gesicht glich einer Maske aus Angst und Wut.

»Tu das nie wieder!«, stieß sie hervor. »Entsende nie wieder dein Bewusstsein, indem du die Sicht oder den Thron benutzt!«

»Aber ich kann ihn finden!«, stieß ich hervor, immer noch verwirrt. Beinahe hätte ich mich übergeben, kämpfte jedoch dagegen an und schluckte schwer, während ich versuchte, das Gleichgewicht wiederzuerlangen. »Ich kann ihn aufspüren.«

»Nein!«, zischte Eryn. »Es ist zu gefährlich, dein Bewusstsein so weit auszuschicken und dich so weit hinauszulehnen …« Sie schüttelte den Kopf. »Du könntest dich verirren und nie mehr den Weg zurück finden, wie es früheren Regentinnen schon geschehen ist. Nein, es ist besser, die Sucher zu schicken. Dafür wurden sie ausgebildet.« Sie drückte meine Schulter, blickte mich fest an und fügte mit brüchiger Stimme hinzu: »Versprich mir, dass du es nicht noch einmal versuchst. Versprich es mir!«

Noch immer von Übelkeit geplagt, nickte ich. »Ich verspreche es.«

»Du wirst die Sucher entsenden?«

Abermals nickte ich.

Die Furcht wich aus Eryns Augen. »Gut.« Sie löste den Griff um mich, trat zurück und musterte mich eingehend. Dann seufzte sie. »Du solltest jetzt ausruhen. Morgen werden Avrell und die anderen mit dir reden wollen. Du musst Entscheidungen treffen, und zwar rasch, wenn Amenkor überleben soll.«

»Wenn Amenkor was überleben soll?«

Eryn zögerte. Ihr Blick wirkte suchend. Ich zitterte immer noch von meinem Ausflug zum Siel.

Plötzlich verzog sich Eryns Mund; ihre Miene wurde verkniffen. »Den Winter, was sonst?«, sagte sie. »Wenn die Stadt den Winter überleben soll.«

Damit drehte sie sich um und ging mit schnellen Schritten zur Treppe, ohne zurückzuschauen.

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Ich blieb auf dem Turm, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Im Osten wurde der Himmel über den trüben Schatten der Berge allmählich heller. Ich hatte noch nie gesehen, was jenseits der Stadt Amenkor lag, hatte immer verborgen auf den Straßen gelebt und niemals geschaut, was sich außerhalb der Mauern und Gebäude befand. Doch als die Sonne nun aufging, konnte ich vom Turm des Palasts aus erkennen, wie die Stadt sich um die von ihr umschlossene Bucht und den Fluss schmiegte. Im Norden verlief der Siel in das Gewirr, das die verfallenden Gebäude der Elendsviertel bildeten, die an den Felsen des nördlichen Teils des Hafens lagen, ehe sie eine Erhebung erreichten und sich dahinter, außer Sicht, weiter erstreckten. Im Süden fiel das Gelände vom Rand der Außenmauer des Palasts steil zu einer von windgepeitschten Bäumen bewachsenen Küste hin ab. Eine Straße durchschnitt die Landschaft von Süden nach Norden und kreuzte eine andere Straße, die aus Amenkor nach Osten zu den Bergen führte.

Mit großen Augen blickte ich auf die Straße und den Fluss, die sich in die Ausläufer der Berge schlängelten. Die gesamte Umgebung war von Bäumen bestanden, mehr Bäume, als ich je zuvor gesehen hatte und mir je hätte vorstellen können. Ich folgte dem dichten Wald, der sich im Nebelschleier am Fuß der Berge verlor, und bemerkte in weiter Ferne eine Kluft zwischen den Gipfeln: der Pass, der zu den Landen dahinter führte.

Als die Sonne höher stieg und der Morgennebel sich auflöste, wandte ich mich wieder der Stadt unter mir zu.

Amenkor. Das wahre Amenkor.

Mein Amenkor.

Ich beugte mich vor, spürte rauen Stein unter den Handflächen und starrte über die Straßen hinweg, über das Wasser des Flusses und des Hafens, über die beiden Landvorsprünge, die sich einander zu streckten, als wollten sie die Bucht beschützend umschließen. An den Enden beider Landzungen konnte ich – in der Ferne nur schwer auszumachen – zwei Türme erkennen, die wie Wächter an der Einfahrt zum Hafen aufragten. Vor dieser Einfahrt sah ich die Schiffe der Regentin, die die Zufahrt versperrten und verhinderten, dass Schiffe herein- oder hinauskonnten.

Ich runzelte die Stirn. Dann schüttelte ich das plötzliche, unbehagliche Gefühl von mir ab und wandte mich wieder der Stadt zu. Lichter waren gelöscht worden, und immer mehr Menschen bevölkerten die Straßen. Als die ersten Rufe der Hafenarbeiter und Marktschreier vom Kai bis zum Turm heraufdrangen, drehte ich mich zum geduldig wartenden Sucher um. Nachdem wir einander zugenickt hatten, stiegen wir die Treppe des Turms hinunter.

Vor den Gemächern der Regentin wartete Erick. Abgesehen von dem Palastgardisten, den ich vor der Tür zurückgelassen hatte, war er allein. Er lächelte, als er mich sah, wobei in seinen Augenwinkeln Fältchen erschienen.

Ich blieb stehen. Der Sucher, der mich begleitete, trat seitlich einen Schritt hinter mich. Meine Augen verengten sich zornig, meine Hände ballten sich in den Falten meiner weißen Gewänder zu Fäusten. Ich hatte Erick nicht mehr gesehen, seit er mich überredet hatte – gemeinsam mit Borund und Avrell –, die Regentin zu töten. Wie Eryn wirkte auch Erick verhärmt und älter, als er war.

»Varis …«, setzte er an.

»Nein«, schnitt ich ihm das Wort ab und ging an ihm vorbei zur Tür. »Ich will nicht mit dir reden.«

»Varis, warte.«

Ich stürmte durch das Vorzimmer in die Gemächer der Regentin und hielt inne, als ich die sauber zusammengelegte Pagenkleidung auf der Truhe am Fußende des Bettes sah; dann drehte ich mich um und schritt zu den zugezogenen Vorhängen vor der Glastür zum Balkon. Ich blieb davor stehen, zog die Vorhänge aber nicht auf.

Hinter mir hörte ich, wie Erick eintrat und die Tür schloss.

»Varis.« Seine Stimme klang nun hart und herrisch. Dieselbe Stimme hatte er benutzt, um mich in den Elendsvierteln Amenkors zu einer Meuchlerin auszubilden. Aber in den vergangenen Wochen hatten die Dinge sich geändert. Erick war nicht mehr mein Lehrmeister – schon seit zwei Jahren nicht mehr, seit ich den Siel verlassen hatte. Weder er noch Borund oder Avrell konnten mir noch etwas befehlen.

Ich fuhr herum. »Was?«

Erick stand mit steifem Rücken, düsteren Augen und zuckenden Wangenmuskeln an der Tür, unverkennbar wütend. Er verschränkte die Arme vor der Brust, stemmte die Füße in schulterbreitem Abstand in den Boden und schwieg. Die Narben, die sein Gesicht überzogen und die selbst dann seine Gefährlichkeit erkennen ließen, wenn er freundlich und entspannt war, traten im Licht deutlich hervor.

Einen Augenblick sah ich ihn so, wie er mir vor mittlerweile fast vier Jahren am Siel erschienen war, als er mich gefunden hatte: kalt, hochmütig, unergründlich. Ein Gardist. Ein Sucher. Damals war ich ein Nichts. Ein Geist von einem Mädchen, das mit Mühe und Not inmitten des Bodensatzes von Amenkor überlebte. Abschaum. Damals hatte ich nie weiter als bis zum nächsten verfaulten Apfel oder schimmligen Stück Brot geblickt.

Erick hatte das alles geändert. Ich hatte herausgefunden, dass er nicht so kalt, hochmütig und unnahbar war, wie er zu sein schien.

Mein Zorn legte sich, während die Stille zwischen uns sich dehnte.

»Hast du es gewusst?«, fragte ich.

Verwirrt runzelte er die Stirn. »Was?«

»Hast du gewusst, dass es eine Falle war? Dass sie mich nur deshalb losgeschickt haben, die Regentin zu töten, um mich in den Palast zu bekommen? In den Thronsaal?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein.« Ein entschiedenes Nein, ohne jedes Zögern.

Ich blickte ihm eindringlich in die Augen, denn ich wollte ihm glauben. Sein Blick verbarg nichts. Offenbar sprach er die Wahrheit. Die Spannung in meinen Schultern löste sich, und ich wandte mich ab. »Gut!«, sagte ich. Meine Stimme war schroff, doch ich verspürte einen Anflug von Erleichterung. Mir war nicht klar gewesen, wie verraten ich mich gefühlt hatte, wie tief es mich verletzt hatte, bis ich Erick gesehen hatte.

Hinter mir hörte ich, wie er ein paar Schritte weiter ins Zimmer trat.

»Ich nehme an, auch Borund hat es nicht gewusst«, sagte er. »Er und Avrell wollten von mir nur, dass ich dich überrede, die Regentin zu töten. Sie dachten, mir könnte es eher gelingen als ihnen, weil sie glaubten, dass du mir vertraust. Keiner der beiden hat etwas davon gesagt, dass du Regentin werden sollst.«

Ich stieß einen schnaubenden Laut aus, ohne etwas zu erwidern.

Erick schwieg eine Weile, ehe er hinzufügte: »Sie haben lange gebraucht, um mich zu überzeugen, dass es nötig sei, die Regentin zu töten. Und letzten Endes haben nicht sie mich davon überzeugt, dass sie wahnsinnig ist – das hast du getan.«

Erstaunt drehte ich mich um und schaute ihm ins Gesicht. »Wie meinst du das?«

Er kam näher, bis er nur noch wenige Schritte entfernt war. »Du hast gewusst, dass mit der Regentin etwas nicht stimmt, als sie mich entsandt hat, Mari zu töten. Du hast gewusst, dass Mari kein Opfer war, indem du sie einfach nur angeschaut hast. Danach stellte ich jedes Opfer in Frage, auf das die Regentin mich ansetzte. Als Avrell und Borund an mich herantraten, war mir bereits klar, dass die Regentin wahnsinnig war und dass etwas unternommen werden musste. Aber ich wusste nicht, was. Sie brauchten mich bloß zu überzeugen, dass es nur eine Möglichkeit gab: Die Regentin musste getötet werden.«

»Aber du glaubst nicht, dass Borund oder Avrell beabsichtigt hatten, ich solle die neue Regentin werden?«

»Borund bestimmt nicht. Bei Avrell kann ich es nicht sagen.«

Ich dachte zurück an das Treffen, das erst vor vier Tagen stattgefunden hatte. Damals hatte ich den Eindruck gehabt, dass Avrell etwas verbarg, dass es irgendetwas gab, was er mir nicht sagte, sondern für sich behielt. Bei Borund oder Erick hatte ich das nicht gespürt. Bestand die Möglichkeit, dass Avrell die Pläne der Regentin nicht gekannt hatte? War er ebenfalls von ihr benutzt worden?

Verärgert schüttelte ich den Kopf und trat zu der Truhe, auf der die Pagenkleider lagen. Auf dem ordentlich zusammengefalteten Leinenhemd lag ein Schlüssel.

Ich nahm ihn an mich. Es war der Schlüssel zu dem Raum, der die Bogenschießscharte enthielt, die mir geholfen hatte, mich an Baills Wachen vorbeizuschleichen. Avrell hatte mir den Schlüssel gegeben, ebenso die Pagenkleider.

»Ich glaube auch nicht, dass Borund es wusste«, meinte ich abwesend. Dann seufzte ich, legte den Schlüssel zurück auf die Kleider und wandte mich ab. »Ich will nicht die Regentin sein, Erick.«

»Aber du bist es. Nichts und niemand kann daran etwas ändern.«

Ich spürte Trotz in mir aufwallen. Erick musste gesehen haben, wie ich erstarrte, denn er sagte: »Wohin willst du denn gehen, Varis? Zurück zum Siel kannst du nicht. Du hast zu viel Zeit als Borunds Leibwächterin verbracht, um wieder in den Elendsvierteln zu hausen. Könntest du überhaupt wieder als Leibwächterin arbeiten? Nach allem, was hier geschehen ist?«

Ich dachte an den Siel. Erick hatte recht. Dort gab es für mich nichts mehr. Ich hatte den Siel vor langer Zeit verlassen, hatte ihn aufgegeben, nachdem ich Blutmal getötet hatte. Sicher, ich konnte durchaus wieder Leibwächterin werden, allerdings nicht für Borund. Nicht mehr. Dennoch …

Ich fuhr mit der Hand über die Pagengewänder und tastete in den Nischen meines Geistes nach den Stimmen des Throns, die noch immer das Feuer im Zaum hielten. Wenn ich das Feuer nur ein wenig dämpfte …

Ich spürte, wie ein Hitzeschwall mich erfasste, meine Haut zum Kribbeln brachte, durch meine Arme und Schultern bis hinunter in meine Beine strömte. Dann floss die Hitze nach außen, umhüllte mich, weitete sich in den Raum hinein aus, in den Palast hinein und noch weiter, bis sie die Ränder der Stadt erreichte und im Einklang mit meinem Blut pulsierte.

Ich konnte die Stadt fühlen, vom Palast bis zum Siel, vom Fluss bis zu den beiden Türmen, die den Hafen bewachten. Der Herzschlag Amenkors war auch der meine. Das Leben der Stadt strömte auch durch meine Adern.

Ich holte tief Luft; dann zwang ich die Empfindung der Stadt zurück und zerrte die Macht wieder hinter dem Schutzwall des Feuers hervor.

Auch was das Dasein als Leibwächterin anging, hatte Erick recht. Wie konnte ich jetzt noch in dieses Leben zurück? Ich war an den Thron gebunden, und durch den Thron an die Stadt. Und zwar aus freien Stücken. Eryn mochte mich in den Thronsaal gelockt und mich gezwungen haben, den Thron zu berühren, doch letzten Endes hatte sie mich nicht gezwungen, die Herrschaft über seine Macht zu übernehmen. Es war meine eigene Entscheidung gewesen. Ich hätte mich ebenso gut weigern können.

»Das sind nicht meine Kleider«, sagte ich, wandte mich von den Pagengewändern ab und drehte mich zu Erick um. »Ich will meine eigenen Sachen.«

Erick grinste. »Mal sehen, was wir auftreiben können. Anschließend müssen wir Avrell suchen. Er hat ein Treffen mit mehreren hochstehenden Persönlichkeiten anberaumt. Sie können es kaum erwarten, die neue Regentin von Amenkor kennenzulernen.«

Ich warf Erick einen finsteren Blick zu, doch sein Grinsen wurde nur breiter.

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»… habe keine Ahnung, was sie vorhat, Oberin Ireen. Ihr werdet sie fragen müssen, wenn sie eintrifft.«

Ich hörte Avrells Stimme in dem Augenblick, in dem Erick die Tür zum Besprechungsraum öffnete. Sein Tonfall war ruhig und beiläufig, jedoch von Zorn gefärbt. Er holte Luft, um fortzufahren, aber jemand hüstelte unauffällig, worauf das laute Rascheln von Stoff und das Scharren von Stühlen über den Boden folgten.

Eine kleine Gruppe von Männern und Frauen erhob sich von ihren Sitzplätzen, als die Tür sich vollständig öffnete und Erick vor mir den Raum betrat, ehe er zur Seite wich. Als die Blicke der Anwesenden sich auf mich hefteten, griff ich nach meinem Dolch und tauchte in den Fluss, aber es gelang mir, mich davon abzuhalten, die Waffe zu ziehen. Stattdessen umfasste ich den Griff so fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Dann ließ ich den Blick durch den Raum schweifen.

In der Mitte stand ein schlichter Tisch mit sieben Stühlen. Zwei Ecken zierten Bäume in Töpfen, die beiden anderen nahmen Tische mit Tabletts ein, auf denen sich Käse, Obst und ein Krug sowie Gläser für Getränke befanden. An der Wand hinter dem hohen Stuhl am Kopf des Tisches hing ein weißes Banner mit dem goldenen Symbol der Regentin, dem stilisierten Zeichen des Geisterthrons – drei Strichen, einem waagerechten und zwei weiteren, die vom ersten nach unten und nach außen verliefen, wobei einer kürzer war als der andere. Die übrigen Wände waren kahl.

Am Tisch warteten sechs Personen. Avrell und Nathem kannte ich bereits – sie waren der Oberhofmarschall und der Hofmarschall. Neben Nathem stand eine Frau, der ich noch nie begegnet war. Sie hatte breite Schultern, war schon älter und trug das Weiß der Regentin. Ihr Gesicht war verkniffen. Mit einem raschen Blick erfasste sie meine braune Hose, die weichen Lederschuhe und das weite Leinenhemd, das Erick von einem der Gardisten für mich entliehen hatte. Dann schnaubte sie und schüttelte missbilligend den Kopf. Das Hemd war mir zu groß, und die Hose juckte, aber die Schuhe waren gut eingelaufen und bequem. Ich verlagerte unter dem feindseligen Starren der Frau das Gewicht, obwohl sie sich im Fluss grau abzeichnete und somit keine echte Bedrohung darstellte. Auch Avrell und Nathem, beide in den blauen und goldenen Gewändern des Ordens der Regentin, waren graue Schemen.

Die drei Männer auf der anderen Seite des Tisches hingegen nicht. Baill, Hauptmann der Palastgarde, stand starr da, die Züge wie versteinert, die Hände über dem Schwertgurt verschränkt. Seine Augen blickten zurückhaltend in die meinen, aber ihm entging nichts: weder meine Kleider noch mein Dolch oder mein Haar, das mir lose und ungekämmt ins Gesicht hing. Was er dachte, war unmöglich zu ergründen. Neben ihm, ebenfalls in das burgunderrote Seidenhemd und die braune Hose eines Gardisten gekleidet, standen zwei Männer, die ich nicht kannte. Der eine war groß und schlank und besaß dieselbe kalte, gefährliche Ausstrahlung wie Erick. Ein Sucher. Er trug keine sichtbaren Waffen und nickte Erick zu, ehe er die Aufmerksamkeit auf mich richtete. Als er meine Kleider sah, erwachte in seinen Augen ein kleines Lächeln, und seine Lippen zuckten. Der zweite Mann war kleiner als der Sucher und mit einem Schwert bewaffnet. Er blickte kaum in meine Richtung. Alle drei erschienen rot im Fluss.

Nach einem langen, unbehaglichen Augenblick räusperte sich Avrell und sagte zu den Anwesenden: »Darf ich euch Varis vorstellen, die Regentin von Amenkor?«

Eine neuerliche unangenehme Pause entstand; dann verneigten sich alle knapp, Avrell und Nathem zuerst, Baill mit einem verspäteten Nicken als Letzter.

Erick begab sich auf die gegenüberliegende Seite des Raumes, stellte sich hinter einen Stuhl mit hoher Rückenlehne und legte die Hände darauf.

»Bitte, Regentin, setzt Euch«, forderte Avrell mich auf und deutete auf den Stuhl.

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu, aber er war zu taktvoll, um zu zeigen, dass er ihn bemerkt hatte. Seine dunkelblauen Augen blieben ungerührt, als er mir beiläufig zulächelte. Er war zu geübt, hatte zu viel Zeit in Gegenwart anderer Regentinnen und des Throns verbracht. Allem Anschein nach war meine Thronbesteigung eine angenehme Überraschung für ihn gewesen.

Doch ich vertraute ihm nicht. Falls er Eryn geholfen hatte, mich in den Thronsaal zu locken, so hatte er mich gnadenlos ausgenutzt. Und falls nicht, hatte er mich damit beauftragt, Eryn zu töten – und damit jene Frau verraten, die er eigentlich beschützen sollte. Ich konnte es mir nicht leisten, diesem Mann zu vertrauen.

Hauptmann Baill war keinen Deut besser. Während des letzten Jahres waren etliche Händler in der Stadt von einer Genossenschaft unter Führung des Händlers Alendor gemeuchelt worden, da diese Vereinigung den gesamten Handel der Stadt an sich reißen wollte. Man hatte Baill verdächtigt, die Genossenschaft zu unterstützen, wenngleich er nur getan hatte, was ihm von der vorherigen Regentin befohlen worden war, sodass nichts bewiesen werden konnte.

Unbehaglich ließ ich den Blick ein weiteres Mal durch den Raum schweifen; dann trat ich auf Avrells Seite des Zimmers zu dem Stuhl. Als ich mich in Bewegung setzte, schlossen die Gardisten draußen vor dem Raum die Tür hinter mir. Alle außer Avrell und Erick nahmen Platz.

»Ich möchte zunächst einmal die Anwesenden vorstellen«, sagte Avrell in die Runde. »Ich bin Avrell Tremain, Oberhofmarschall der Regentin.« Er neigte abermals das Haupt; dann deutete er auf den Mann links neben sich. »Das ist Nathem Ordaven, Hofmarschall der Regentin …«

»Ich weiß.«

Nathem wirkte erschrocken und ein wenig unruhig. Er krauste die Stirn, als er sich zu erinnern versuchte, woher ich ihn kannte. Allerdings waren wir uns nie offiziell begegnet. Ich kannte ihn nur, weil ich mitgehört hatte, wie er und Avrell über die Regentin sprachen, als ich im Palast auf dem Weg zum Thronsaal war.

»Ich verstehe«, erwiderte Avrell ungerührt, aber er wechselte mit Erick einen besorgten Blick, der mich zufrieden lächeln ließ. Dann zeigte er auf die Frau und fuhr fort: »Oberin Ireen ist Vorsteherin der Dienerschaft der Regentin. Sie kümmert sich um alles, was Ihr benötigt … Kleidung, Speisen, was immer Ihr wünscht. Gewiss möchte sie sich nach der Besprechung eingehend mit Euch unterhalten.«

Ireen hatte sich vorgebeugt, als wollte sie das Wort ergreifen, doch unter Avrells finsterem Blick sank sie auf ihren Sitz zurück und verschränkte mit einem grunzenden Laut die Arme vor der üppigen Brust.

Avrell drehte sich weiter zu Baill. »Und dies ist Hauptmann Baill Gorett von der Palastgarde. Ich überlasse es Euch, Hauptmann Baill, die übrigen Anwesenden vorzustellen.«

Baill bedachte Avrell mit einem düsteren Blick, ehe er aufstand und nach rechts deutete. »Karl Westen, Hauptmann der Sucher, und Arthur Catrell, Hauptmann der Stadtgarde.«

Er setzte sich, während die beiden Gardisten nickten.

Eine unsichere Stille folgte, als warteten alle auf irgendetwas. Hauptmann Catrell seufzte und verlagerte unruhig sein Gewicht, wobei sein Blick durch den karg ausgestatteten Raum huschte, als würde irgendetwas ihn ablenken. Nathem schien immer noch tief in Gedanken versunken. Baill starrte mich mit undurchdringlicher Miene an, weder neugierig – wie die meisten anderen – noch herablassend.

Eine ganze Weile erwiderte ich seinen Blick, ehe ich Avrell anschaute. »Was habt Ihr mit Eryn gemacht, der vorherigen Regentin?«

Erstaunt beugte Avrell sich vor und antwortete mit verunsicherter Stimme: »Ich wusste nicht, was wir mit ihr anstellen sollen. Wir hatten noch nie eine … eine ehemalige Regentin, sozusagen. Daher habe ich ihr Gemächer im Palast zugewiesen und ihr gestattet, ihre gewohnten Bediensteten zu behalten.« Während er sprach, erlangte er halbwegs die Fassung wieder. »Sie gehört sozusagen zum Palast, seit sie acht Jahre alt war. Sie kann wirklich nirgendwo anders hin. Oder habt Ihr andere Vorkehrungen treffen wollen?«

»Nein«, antwortete ich widerwillig. Ich wusste nicht, ob es ein Fehler war, die ehemalige Regentin im Palast zu lassen, doch zuerst einmal wollte ich abwarten.

Dennoch hatte ich das Gefühl, erneut beeinflusst und der Entscheidung beraubt worden zu sein.

Ohne meine Verärgerung zu verbergen, fragte ich: »Worüber wollt Ihr reden?«

»Es gibt viele Dinge zu besprechen«, gab Avrell zurück und nickte, als kehrte das Treffen damit in geordnete Bahnen zurück. »Die Sperre des Hafens, die Arbeiten, die nach dem Feuer im Lagerhausviertel anstehen, die Lebensmittelknappheit und der bevorstehende Winter, die plötzlich abgebrochene Verbindung zu den Boreaite-Inseln. Aber ich denke, als Erstes muss erörtert werden …«

»Als Erstes müssen wir besprechen, wie es Varis gelungen ist, in den Thronsaal zu gelangen, ohne von der Garde entdeckt zu werden«, fiel Baill ihm laut genug ins Wort, um ihn zu übertönen. Die Augen des Oberhofmarschalls verengten sich, als er Baill über den Tisch hinweg ansah, doch Baills Blick löste sich nicht von mir.

Nathem sog scharf die Luft ein, und Hauptmann Catrells Aufmerksamkeit kehrte jäh zurück, als er sich auf dem Stuhl vorbeugte.

Mit einer beiläufigen Handbewegung deutete Baill auf Avrell. »Ohne fremde Hilfe kann sie es nicht geschafft haben«, fuhr Baill fort. Seine Stimme klang so ruhig und gefasst wie die Avrells, aber ihr haftete unterschwellig etwas Gefährliches an – die Androhung eines gewaltsamen Todes.

Avrell zuckte mit keiner Wimper. »Ich habe ihr geholfen. Ich habe sie durch die Tunnel unter den Außenmauern hereingelassen, habe ihr Pläne vom Palast gegeben und ihr von den Wachwechseln der Garde erzählt.«

Der Hauptmann der Stadtgarde ächzte, als wäre er geschlagen worden. »Ihr habt die Sicherheit der Regentin untergraben? Wozu?«

Avrell richtete den Blick auf Hauptmann Catrell, allerdings nur kurz; dann starrte er auf den Tisch vor sich, ehe er sich herausfordernd Baill zuwandte. »Ich wollte, dass Varis die Regentin tötet.«

Ein Moment der Stille trat ein. Dann stand Hauptmann Catrell auf, zog mit einer erstaunlich flüssigen Bewegung sein Schwert und ließ die Klinge ohne Zaudern über den Tisch hinweg auf Avrells Kehle zuschnellen.

»Dann seid Ihr ein Verräter«, sagte er schlicht.

Niemand rührte sich. Avrell starrte dem Hauptmann der Stadtgarde in die Augen; er sah nicht einmal auf das Schwert hinunter.

»Ich habe ein Gelübde abgelegt, den Thron und die Stadt Amenkor zu beschützen«, sagte Avrell mit leiser Verachtung. »Nicht die Regentin selbst.«

Ich sah im Augenwinkel, wie Baill die Stirn runzelte und das Gewicht verlagerte, als säße er ungemütlich. Er wirkte nicht mehr so selbstsicher wie noch kurz zuvor.

»Außerdem«, fuhr Avrell fort und richtete die Aufmerksamkeit auf mich, wobei er das Schwert nach wie vor ignorierte, »konnte ich Varis nur in den Palast schleusen. Gegen die Gardisten konnte ich gar nichts unternehmen. Es war Glück für die Regentin, dass Varis es ungesehen bis in den Thronsaal geschafft hat.«

Avrells Blick begegnete dem meinen, aber ich konnte in seinen Augen nichts lesen. Ich dachte an den Schlüssel, den er mir gegeben hatte, um ins innere Heiligtum des Palasts vorzudringen, den Schlüssel zur Bogenschießscharte. Dann jedoch erkannte ich, dass Avrell recht hatte. Der Schlüssel konnte mich nur bis dorthin bringen. Danach war es die Regentin selbst gewesen, die für die Ablenkung der Wachen gesorgt hatte.

Widerwillig und mit dem Gefühl, erneut in die Enge getrieben und gezwungen zu sein, etwas gegen meinen Willen zu sagen, ergriff ich das Wort. »Es war kein Glück.«

Mit einem finsteren Blick auf Avrell wandte ich mich an Baill. »Die vorherige Regentin hat mich selbst in den Thronsaal gelockt. Sie wollte, dass ich den Thron besteige. Sie war es, die vom äußeren Gang die Gardisten abgezogen hat, damit ich das innere Heiligtum betreten konnte.«

Baill überlegte eine Weile, ohne dass sein Blick sich von meinem löste. Irgendetwas flackerte in seinen Augen auf, war aber sogleich wieder verschwunden – zu schnell, als dass ich es zu deuten vermochte. Dann nickte er. »Weg mit dem Schwert, Arthur. Ich glaube ihr.«

Hauptmann Catrell zögerte; dann steckte er die Waffe zurück in die Scheide und setzte sich.

»Nun denn«, meinte Avrell. »Was die Lebensmittelknappheit betrifft …«

»Nein.«

Verärgerung huschte über Avrells Züge, und er wandte sich mir stirnrunzelnd zu. »Nein?«

Ich holte tief Luft, beugte mich vor und ließ meinen Zorn in meiner Stimme mitschwingen. Ich hatte es satt, wie ein Werkzeug benutzt zu werden. »Wenn wir über die Lebensmittelknappheit sprechen, will ich alle verbliebenen Händler dabeihaben. Insbesondere Borund.«

»Aber wenn wir weitere Lebensmittel finden wollen, um die Vorräte zu ersetzen, die beim Feuer im Lagerhausviertel vernichtet wurden, müssen wir rasch handeln. Der Winter naht mit Riesenschritten. Wir haben nur noch ein paar Tage, um Schiffe zu entsenden. Danach wird die Zeit nicht mehr reichen, zu anderen Städten zu segeln, dort Geschäfte abzuschließen, die Fracht zu verladen und zurückzukehren, ehe die See zu rau wird, als dass man sie sicher befahren könnte. Wir können nicht auf die Händler warten. Wir müssen sofort handeln!«

Wütend funkelte ich Avrell an. Dann aber spürte ich, wie sich etwas veränderte. Eine seltsame Wärme umhüllte mich, und mit einem Mal rückte der Raum in die Ferne, als wäre ich mehrere Schritte vom Tisch zurückgewichen, obwohl ich nach wie vor saß und mich nicht von der Stelle gerührt hatte.

Mit kalter Stimme sagte ich: »Die Schiffe gehören den Händlern oder ihren Kapitänen. Ich werde ihnen nicht befehlen, loszusegeln, wenn sie nicht einverstanden sind.«

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Hauptmann Catrell. »Könnt Ihr Gardisten zum Haus von Hauptmann Borund entsenden?«

»Selbstverständlich.«

»Dann tut es. Sagt ihm, die Hafensperre ist aufgehoben. Er kann unverzüglich Schiffe losschicken, wenn er will. Sie sollen an Lebensmitteln kaufen, so viel sie können, und schnellstens zurückkehren. Die Vergütung erfolgt durch den Palast. Bestellt ihm außerdem, dass er an Vorräten zusammentragen soll, was in der Stadt übrig ist … alles, was nicht vom Feuer im Lagerhausviertel zerstört wurde. Morgen früh soll er einen Bericht in den Palast bringen. Lasst Euch von ihm die Namen aller verbliebenen Händler in Amenkor geben und übermittelt ihnen dieselbe Botschaft. Ich will, dass die gesamte Händlergilde bei dieser Besprechung vertreten ist.«

Verdutzt starrte Hauptmann Catrell mich an. Dann nickte er und sagte: »Jawohl.« Er setzte sich ein wenig aufrechter hin und schien nicht mehr so abgelenkt wie zuvor.

Baill beugte sich vor. »Also soll die Sperre aufgehoben werden?«

»Ja.«

Baill nickte anerkennend und lehnte sich wieder zurück. Avrell hatte Borund und mir erzählt, Baill hätte sich geweigert, die Sperre aufzuheben. Der Oberhofmarschall hatte es dabei so aussehen lassen, als wäre dies Baills Schuld – als wäre Baills Behauptung, die Regentin habe befohlen, die Sperre auch nach dem Aufbegehren der Händler aufrechtzuerhalten, eine Lüge.

Ich fragte mich, ob dem tatsächlich so war. Was, wenn Hauptmann Baill wirklich nur Befehle der Regentin befolgt hatte? Wir hatten keine Beweise, dass er je mit der Genossenschaft zusammengearbeitet hatte.

»Gibt es sonst noch etwas?«, fragte ich.

Alle im Raum wirkten wie erstarrt, als hätten sie jäh die Luft eingesogen und hielten sie an. Niemand erwiderte etwas.

Plötzlich wollte ich nur noch fort. Das Verlangen war wie ein Kribbeln auf meinem Rücken. Ich empfand den Raum als zu heiß, zu beengend. Und zu weit weg.

Ich stand auf. »Gut.«

»Aber was ist mit den Patrouillen der Garde in der Stadt?«, fragte Avrell unverhofft und erhob sich ebenfalls. »Und mit den Vorkehrungen für Eure Bediensteten?« Er deutete auf Ireen.

Das Kribbeln auf meinem Rücken wurde stärker. »Die Patrouillen bleiben. Und was die Bediensteten angeht …« Mein Blick fiel auf Oberin Ireen, die sich mit erwartungsvoller Miene vorbeugte. »Tut, was Ihr wollt.«

Ein Ausdruck der Genugtuung erschien auf Ireens Gesicht. Plötzlich bemitleidete ich die Dienerschaft des Palasts. Ireen schien mir eine strenge Herrin zu sein.

Ich verließ das Zimmer. Erick folgte mir mit gefurchter Stirn. Ich schenkte Avrells Versuch, meine Aufmerksamkeit zu erregen, keine Beachtung, doch er erhob die Stimme und rief hinter mir her: »Wir müssen die politische Lage besprechen! Früher oder später müssen wir sie erörtern!« Die anderen standen linkisch auf und nickten, als ich an ihnen vorbeiging.

Draußen auf dem Gang wandte ich mich in Richtung der Gemächer, in denen die Regentin wohnte. Vier Palastgardisten reihten sich hinter Erick ein. Während wir durch die Flure schritten und an den Räumen der Bediensteten vorüberkamen, die bei der Arbeit innehielten, um mit unverhohlener Neugier der neuen Regentin hinterherzuschauen, legte sich das Gefühl der Ferne, und die Anspannung in meinen Schultern löste sich. Doch ein Gefühl der Erregung blieb. Der Fluss toste rings um mich her; dennoch wollte ich ihn nicht verlassen. Alle meine Gedanken galten Avrell. Und Baill.

Als ich wieder in den Gemächern der Regentin war, ging ich unruhig auf und ab. Erick schloss die Türen hinter uns. Die vier Gardisten blieben draußen, zwei auf dem Gang, zwei im Vorzimmer.

»Du wirst dich eingehend mit Avrell unterhalten müssen«, meinte Erick. »Er kann dir alles sagen, was du über dein Leben als Regentin wissen musst. Zumindest, was die alltäglichen Dinge im Palast angeht.«

Ich legte die Stirn in Falten, erwiderte jedoch nichts. Stattdessen schritt ich durchs Zimmer, ging zum Bett, zu dem niedrigen Tisch mit der Schüssel und dem Wasserkrug, zu den Türen, die hinaus auf den Balkon führten. Jemand war hier gewesen, als ich weg war; er hatte die Vorhänge aufgezogen und die Türen geöffnet, sodass der leichte Wind hereinwehen konnte. Ich konnte die Hafeneinfahrt sehen. Die Aussicht unterschied sich ein wenig von der auf dem Turmdach: Von hier aus blickte ich die südliche Landzunge entlang statt über den Hauptteil der Stadt und den Fluss. Aber die Aussicht vermochte nicht mich zu fesseln, und so ging ich zum Bett zurück.

Meine Hände juckten.

Ich hielt inne, starrte kurz darauf, ehe ich auf einen Sitz neben dem Bett sank.

Schließlich schaute ich zu Erick.

»Was ist?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht.«

Aber ich wusste es sehr wohl.

Erick nickte, als würde er mich verstehen; dann ging er zu einem zweiten Tisch, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Ein Teller mit Obst war dort abgestellt worden, zusammen mit einem Krug, der ein dunkelrotes Getränk enthielt.

Erick nahm sich ein paar Weintrauben.

Ich betrachtete seinen Rücken und sagte: »Jetzt ist es nicht mehr einfach.«

»Wie meinst du das?«

Ich seufzte und senkte den Blick wieder auf meine Hände. »Am Siel ging es allein ums Überleben. Ich habe dort gejagt … zuerst nach Essen, der einfachsten Beute, und später die Opfer, hinter denen du mich hergeschickt hast. Ich habe getan, was nötig war, um zu überleben. Dann habe ich wieder gejagt, diesmal für Borund … diejenigen, die es auf ihn abgesehen hatten.«

Erick drehte sich um. »Und jetzt weißt du nicht mehr, was du jagen sollst?«

»Ja … nein.« Verärgert schüttelte ich den Kopf. »Es ist mehr als das.«

Erick zögerte kurz, ehe er näher kam. »Nein, ist es nicht. Du jagst immer noch genauso, wie du es für Borund getan hast. Nur jagst du diesmal diejenigen, die es auf die Stadt abgesehen haben.«

Meine Hand juckte immer noch, und mit einer beiläufigen Bewegung zog ich den Dolch, hielt ihn vor mir. Die Klinge zeigte Spuren von Abnutzung, der Griff war abgewetzt. Ein Gardistendolch. Ich konnte immer noch fühlen, wie die Schneide über die Kehle des Mannes fuhr und sie aufschlitzte; mein Streich damals war linkisch gewesen, unbeholfen und unerfahren, aber er hatte ausgereicht. Der Gardist war der erste Mann gewesen, den ich getötet hatte. Mein erstes Opfer. Danach war es einfacher geworden, die Opfer aufzuspüren und zu töten.

Aufspüren und töten.

Einfach.

»Allerdings sind die Übeltäter jetzt der Winter und die Hungersnot«, sagte ich und schaute Erick an. »Ich kann eine Hungersnot nicht jagen. Ebenso wenig den Winter.«

Ein besorgter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, doch in diesem Augenblick drang Glockenklang durch das Balkonfenster zu uns herein, gefolgt vom tiefen Klang eines Horns, das sich so nah anhörte, als würde es im Palast geblasen.

Erick trat auf den Balkon. Ich folgte ihm und steckte den Dolch weg.

Der Balkon war lang und schmal und wies ein paar blühende Ranken an Spalieren in den Ecken sowie ein schwarzes, schmiedeeisernes Geländer auf. Als ich mich darauf zu bewegte, entspannte ich das Feuer ein wenig und spürte, wie die Stadt durch mich hindurch pulsierte.

Im Hafen zogen sich die Schiffe der Regentin von der Zufahrt zurück, rasch und lautlos. An den Docks setzte reges Treiben ein, als Männer sich daranmachten, Fracht zu verladen, die tagelang unangetastet am Kai gestanden hatte. Mehrere Handelsschiffe, die nach der Sperre beladen geblieben waren, lösten bereits die Leinen und legten ab.

Erick nickte. »Die Tide ist günstig. Sie sollten rasch in See stechen können.« Er drehte sich mir zu und deutete auf die Schiffe unten. »Du jagst sehr wohl, Varis«, meinte er. »Nur verwendest du jetzt Schiffe statt eines Dolchs.«

Ich sah ihn an und wusste nicht recht, was ich erwidern sollte. Doch die Spannung in meinen Schultern war völlig gewichen. Auch das Kribbeln im Rücken und das Jucken in den Händen waren verschwunden.

Ich beugte mich über das Geländer und beobachtete die Schiffe, spürte, wie sie durchs Wasser glitten. Da die allgemeine Aufmerksamkeit auf das vorderste Handelsschiff gerichtet war, folgte ich ihm, erfüllt von einem berauschenden Hochgefühl, als es im Wind über die Wellen kreuzte. Die Segel bauschten sich, und auf Deck und in der Takelage tummelten sich Männer. Ich spürte die Spannung ihrer Muskeln, fühlte ihren Schweiß. Dann bemerkte ich die Flagge am höchsten Mast: Gold auf rotem Hintergrund. Borunds Wappen.

Natürlich. Er musste gewusst haben, dass die Sperre bald aufgehoben würde, als er erfuhr, dass ich den Thron bestiegen hatte. Er hatte bereits darauf gewartet. Es mussten seine Schiffe gewesen sein, die vor dem Sonnenaufgang beladen worden waren.

Borunds Schiff näherte sich der Hafenzufahrt, segelte zwischen den Enden der beiden Landspitzen und den Wachtürmen hindurch und hinaus auf das dunklere, blaue Meer. Als das Schiff an den Türmen vorbei war, riss meine Verbindung zu ihm ab. Ich verspürte ein schmerzliches Gefühl des Verlusts, als die Empfindungen von Holz und Tau und Wasser, vom Schweiß und Blut von Männern mir entglitten und schließlich endeten.

Offenbar reichte die Macht des Throns und dessen Verbindung mit der Stadt nur bis zur Hafeneinfahrt.

Ich seufzte und beobachtete die verbliebenen Schiffe noch eine Weile. Dann spürte ich ein vertrautes Ziehen der Strömungen Amenkors.

Ich drehte mich um und richtete mich auf.

Der Siel.

Meine Augen verengten sich.

»Ich habe ein Opfer für dich«, sagte ich zu Erick.

Er stand da, die Augen dunkel und ernst – so tödlich, wie er mir bei unserer ersten Begegnung am Siel erschienen war. »Ich lebe, um zu dienen, Regentin.«

Ich nickte. »Er heißt Corum.«

ZWEITES KAPITEL


Ich erwachte bei hellem Sonnenschein. Aus der Stadt unten hörte ich die Vormittagsglocken. Ein Gefühl der Furcht überkam mich.

Ich konnte das nicht tun. Ich war eine Jägerin, eine Meuchlerin, eine Diebin. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie man über eine Stadt herrscht.

Irgendetwas klapperte, und ich drehte jäh den Kopf. Meine Furcht verflog, meine Hand glitt unter das Kissen zum Griff meines Dolchs. Drei weiß gekleidete Bedienstete, junge Mädchen von vielleicht fünfzehn Jahren, bewegten sich durchs Zimmer, stellten Tabletts mit Käse ab, öffneten die Vorhänge und Balkontüren und legten Kleidung für den Tag bereit. Argwöhnisch beobachtete ich sie, doch keines der Mädchen näherte sich mir, und schließlich verflog meine Anspannung.

Ich stemmte mich an der Bettkante in eine sitzende Haltung und bewegte mich langsam, eine Hand zum Kopf erhoben. Ich hatte länger geschlafen, als ich wollte, aber der Schlafmangel der vergangenen Nächte hatte mich schließlich eingeholt. Ich gähnte und rieb mir die vom Schlaf verklebten Augen. Ich fühlte mich, als hätte jemand mich bewusstlos geschlagen und zum Sterben in einer Seitengasse liegen lassen.

Jemand hustete. Ich schaute auf und sah, dass eine der Dienerinnen vor mir stand, ein Mädchen in ungefähr meinem Alter mit blondem Haar, rundlichem Gesicht und sanften grauen Augen. Sie hielt eine Tasse mit etwas Braunem, Dampfendem in Händen, das nach abgestorbenen, getrockneten Blättern roch.

Das Mädchen neigte den Kopf und murmelte: »Regentin.« Unter den gesenkten Wimpern hervor beobachtete sie mich eingehend. Ein kurzes Abtauchen in den Fluss offenbarte mir, dass sie grau war. Gleiches galt für ihre Gefährtinnen.

Ich nahm die warme Tasse entgegen, führte sie langsam vor mein Gesicht, atmete den Dampf ein und rümpfte die Nase ob des Geruchs. Aus der Nähe erinnerte er an schlammiges Wasser. Tatsächlich sah ich kleine Krümel zerriebener Blätter darin treiben.

»Was ist das?«

Das Mädchen wirkte überrascht. »Tee, Regentin. Aus Marland.«

Vorsichtig nippte ich daran und erwartete einen Geschmack, als würde ich über einen Lehmziegel am Siel lecken. Stattdessen drang die Wärme des Getränks durch meinen Körper, und seine Bitterkeit brachte meine Zunge zum Kribbeln. Es schmeckte tatsächlich wie Erde. Allerdings erinnerte der Geschmack nicht an den Schmutz am Siel, sondern an die Gärten an Borunds Haus. An feuchten, schweren Lehm.

Unbewusst straffte ich die Schultern, als ich einen weiteren Schluck trank. Ich fühlte mich nicht mehr so erschöpft.

Nachdem ich die halbe Tasse geleert hatte, nickte das grauäugige Mädchen einer anderen Dienerin zu, die daraufhin mit einem Stapel Gewändern herbeikam. »Einige Händler sind bereits eingetroffen und warten darauf, Euch zu sehen, Regentin.«

Borund.

Ich stand auf und stellte die Tasse aufs Bett. »Wo ist meine Kleidung?«

Das grauäugige Mädchen ergriff die Tasse, ehe der Tee verschüttet werden konnte. »Hier«, sagte sie und deutete auf die zweite Dienerin, die ein weißes und goldenes Kleid entfaltete.

Ich verzog das Gesicht. »Nein, wo sind meine Kleider? Die Hose und das Hemd von gestern.«

»Die Oberin hat gesagt, wir sollen es fortbringen.«

Meine Augen wurden schmal. Das grauäugige Mädchen wich eingeschüchtert einen Schritt zurück. »Die Oberin?«

»I-Ireen«, stammelte das Mädchen.

Ich erinnerte mich an Ireens diebische Freude vom Vortag und bedauerte, ihr gesagt zu haben, sie könnte tun, was sie wolle.

»Sucht meine Sachen.«

Das grauäugige Mädchen warf einen entsetzten Blick zu der Dienerin mit den Gewändern. »Das … das können wir nicht.«

Meine Augen verengten sich noch mehr. »Warum nicht?«

Das Mädchen schluckte und schien aus dem Zimmer fliehen zu wollen. »Oberin Ireen …«, begann sie mit angespannter Stimme und geweiteten Augen, ehe sie den Satz mit geneigtem Haupt beendet: »Oberin Ireen hat sie verbrennen lassen.«

Ich holte Luft, um etwas zu erwidern, stockte dann aber. Ich war zu verdutzt, als dass ich gewusst hätte, was ich sagen sollte.

»Verbrannt?«, fragte ich schließlich.

Das Mädchen nickte.

Zorn durchflutete mich. Es juckte mich in den Fingern, nach dem Dolch zu greifen, aber ich hielt mich im Zaum.

»Sucht mir eine Hose und ein Hemd«, befahl ich mit unterdrückter Wut. »Und lasst diese Kleider verschwinden. Ich will Hosen und Hemden tragen! Geht zu Meister Borunds Haus und holt meine Sachen von dort, wenn es sein muss.«

»Ja, Regentin. Sofort.«

Damit zog das Mädchen sich zurück und zerrte die Dienerin, die das Kleid hielt, mit sich. Nach einer kurzen geflüsterten Unterhaltung, begleitet von allerlei Handbewegungen, nickten beide Mädchen achtungsvoll in meine Richtung und flüchteten aus dem Zimmer.

Ich fragte mich, wie viele von ihnen wahre Dienerinnen verkörperten – Mädchen, die wie ich den Fluss spüren und nutzen konnten, Mädchen, die eines Tages Regentin werden könnten, falls sie erlernten, den Thron ausreichend zu beherrschen. Sie waren hier, weil jemand bemerkt hatte, dass sie die Gabe besaßen, und sie hierhergebracht hatte, damit sie lernten, diese Gabe zu nutzen. Doch gerade deshalb waren sie für mich so gefährlich wie Avrell und Baill.

Ich hörte leise Schritte und fuhr herum. Mein Blick heftete sich auf das dritte Mädchen, das sich auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers befand. Kurz erstarrte sie, versuchte ein zögerliches Lächeln und eine verhaltene Verbeugung und begann dann hektisch und unnötigerweise die Vorhänge zurechtzurücken.

Ich seufzte und dachte an Erick. Plötzlich wünschte ich, ihn doch nicht hinter Corum hergeschickt und stattdessen einen anderen Sucher damit beauftragt zu haben. Ich war von Leuten umgeben, denen ich nicht trauen konnte. Erick bei mir zu haben hätte mir Halt gegeben.

Während ich den Blick durchs Zimmer schweifen ließ, kehrte das hohle Gefühl in meine Eingeweide zurück. Mit einem kleinen Schubs entspannte ich das Feuer ein wenig und spürte, wie das Gefühl der Stadt mich durchströmte. Ich ließ die Stimmen des Throns auf mich einwirken – nicht intensiv genug, als dass es mich überwältigt hätte, aber doch ausreichend, um einzelne Stimmen herauszuhören, die nach Aufmerksamkeit riefen.

Ich schenkte ihnen keine Beachtung und bündelte meine Gedanken stattdessen auf die Stadt. Mit geschlossenen Augen entsandte ich mein Bewusstsein, ohne Eryns Warnung zu vergessen, mich ja nicht zu weit vorzuwagen. Ich dachte an Erick und daran, wie er sich anfühlte, wenn ich ihn im Fluss betrachtete, an seinen Geruch nach Schweiß, vermischt mit Orangenduft.

Nach einer Weile spürte ich ihn in der Stadt, irgendwo am Siel, verloren in den dunklen Wirren der Gefühle jener Menschen, die dort lebten und überlebten. Ich lächelte und ließ die Anspannung aus meinen Schultern entweichen, als ich fühlte, wie Erick sich bewegte. Ich atmete den Orangenduft, der mich umgab.

Erick jagte.

Kurz verspürte ich das Verlangen, meinen Dolch zu gürten und mich ihm anzuschließen, einfach aus dem Palast mit all den Regeln und Förmlichkeiten, den Besprechungen und Beratungen, den Bediensteten und Gardisten zu flüchten. Einen Lidschlag lang gab ich diesem Wunsch nach, ließ mich vorwärtstreiben, hielt im Strom des Flusses auf den Siel zu, folgte Ericks Geruch und vergaß Eryns Warnung.

Doch als das Gefühl intensiver wurde und ich keine Verbindung zu meinem Körper mehr spürte, zog ich mich hastig zurück, ehe die letzten Fäden rissen.

Das Gefühl war herrlich gewesen … und zugleich beängstigend.

Tief holte ich Luft; dann richtete ich die Aufmerksamkeit auf den Siel, auf das brodelnde Tosen der Verzweiflung. Ich konnte keine einzelnen Menschen herauspicken, mein Augenmerk nicht einmal auf eine Straße bündeln, doch ich fühlte, dass es möglich war. Allerdings war es nicht dasselbe, wie Erick oder Corum aufzuspüren, so wie ich es auf dem Turm getan hatte. Dabei hatte ich einen Geruch wahrgenommen, dem ich folgen und auf den ich meine Gedanken richten konnte. Ohne den Geruch waren die Wirbel und Strömungen ein heilloses Durcheinander, zu chaotisch, um das eine vom anderen zu trennen. Vorläufig.

Was ich jedoch spürte, war Furcht. Die Menschen am Siel hatten entsetzliche Angst. Die Spannung im Fluss war greifbar – eine Spannung, die ich kannte, da ich selbst lange Zeit am Siel überlebt hatte. Der Winter nahte, und der Siel würde am härtesten davon betroffen sein. Die Menschen in den Elendsvierteln sorgten sich, woher sie das nächste Stück Brot, den nächsten Brocken Fleisch bekommen sollten.

Es musste eine Möglichkeit geben, ihnen zu helfen und sie diesen Winter und darüber hinaus zu ernähren.

Ich drängte die Stimmen und die Stadt zurück, ließ den Fluss seufzend entgleiten und richtete die Aufmerksamkeit auf Borund und die restlichen Händler.

sword.jpg

Eine Stunde später führte mich Marielle, die grauäugige Dienerin, durch den Palast zu einem der Aufenthaltsräume, wo Avrell, Borund und zwei weitere Händler warteten und sich angeregt unterhielten. Ich hörte ihre Stimmen bereits, als ich noch ein gutes Stück entfernt war.

»… aber seht nur, was beim Brand der Lagerhäuser geschehen ist!«, rief Borund, dessen Stimme leicht zu erkennen war.

»Das ist mir bewusst«, gab Avrell zurück. Sein Tonfall war so glatt und flüssig wie bei der Besprechung am Vortag. »Aber im Sinne der Ordnung und Übersicht …«

»Es wird keine Rolle spielen, wie geordnet oder übersichtlich alles ist, wenn eine weitere Katastrophe die verbliebenen Vorräte vernichtet. Wir dürfen das Wagnis nicht eingehen!«

Alle verstummten, als Marielle und ich eintraten. Die vier Männer wandten sich mir zu – mit unzufriedenen, zornigen oder argwöhnischen Mienen. Mit einigem Erstaunen stellte ich fest, dass ich schon einmal in diesem Raum gewesen war. Niedrige Tische und Kissen waren zwischen Pflanzen und mehreren Gitterwänden verstreut, die kleine Nischen für ungestörte Unterhaltungen bieten sollten. Ich hatte mich in einer dieser abgeschirmten Nischen versteckt, nachdem ich mich in den Palast eingeschlichen hatte, und hatte aus dieser Deckung belauscht, wie Avrell und Nathem darüber gesprochen hatten, die Regentin zu töten.

Als die Männer erkannten, wer sie unterbrochen hatte, verrauchte ihr Zorn. Die beiden Händler, die ich nicht kannte, setzten neugierige Mienen auf, während Borund mich mit einem herzlichen Lächeln bedachte. Wärme durchflutete mich, und ich lächelte zurück. Borund trug seinen formellen roten und goldenen Händlermantel und ein weißes Rüschenhemd. Im Drahtgestell seiner Brille fing sich das Licht. Er war beinahe kahl. Auf seinem Scheitel glänzte die nackte Haut; nur über den Ohren und um den Hinterkopf herum zog sich ein Saum aus graubraunem Haar.

»Varis«, sagte er, erhob sich und verbeugte sich tief. Auch die anderen Männer standen auf. »Ich meine … Regentin. Dies sind die Händler Regin und Yvan.«

Beide Männer verneigten sich steif. Sie waren ähnlich wie Borund gekleidet, jedoch in anderen Farben. Regin trug einen dunkelblauen und goldenen Mantel, Yvan einen cremefarbenen mit schwarzer Stickerei. Yvan war dick und hatte kalte, harte Augen; sein glänzender Schädel war völlig kahl. Regin war schlank, wirkte selbstsicher und hatte langes, gewelltes dunkles Haar.

...

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