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Die Refugiés

Erster Teil.
In der alten Welt.

I. Der Mann aus Amerika.

Es war ein hohes gotisches Fenster, wie man es gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts in Paris allgemein fand. Über dem breiten Querbalken, der es durchschnitt, war ein zierliches Wappenschild – drei rote Disteln auf Silbergrund – in die rautenförmige Scheibe eingelassen. Darunter ragte eine starke Eisenstange hervor, von der das vergoldete Miniaturbild eines Wollballens herabhing, das sich bei jedem Windstoß knarrend hin und her bewegte. Gegenüber lagen hohe, schmale, stattliche Häuser, deren Fassaden mit kunstreichen Holzverzierungen geschmückt und von spitzem Giebelwerk und Ecktürmchen überragt wurden. Dazwischen lag das holprige Pflaster der Straße St. Martin, von dem das Geräusch zahlloser Fußtritte heraufschallte.

Innerhalb der Fenstervertiefung befand sich eine breite, mit braunem gepreßtem Leder ausgeschlagene Bank, auf der die Hausgenossen es sich bequem machen und hinter den Vorhängen alles beobachten konnten, was in der geschäftigen Welt zu ihren Füßen vorging. Heute saßen zwei Personen in diesem lauschigen Winkel: ein Herr und eine Dame, aber sie hatten den Vorgängen draußen den Rücken und dem behaglich eingerichteten, großen Gemache das Antlitz zugewandt. Von Zeit zu Zeit sahen sie einander an, und ihre Augen zeigten klärlich, daß sie keines andern Anblicks bedurften, um glücklich zu sein.

Das durfte auch nicht wunder nehmen, denn sie waren ein schönes Paar. Sie war sehr jung, höchstens zwanzig Jahr alt. Das schimmernde Weiß ihres schönen Gesichts machte den Eindruck einer Reinheit und Unschuld, die man auch nicht durch einen Hauch aufdringlicher Farbe hätte beeinträchtigt sehen mögen. Ihre Züge waren feingeschnitten und lieblich; ihr blauschwarzes Haar und ihre langen dunklen Wimpern bildeten einen anziehenden Kontrast mit den träumerischen grauen Augen und der elfenbeinartigen Haut. Die Ruhe und Zurückhaltung, die über ihrem ganzen Wesen lag, prägte sich auch in ihrer Tracht aus, einem einfachen schwarzen Taffetkleide, dessen einziger Schmuck in einer Brosche aus Jet und einem ebensolchen Armbande bestand. Das war Adèle Catinat, die einzige Tochter des großen hugenottischen Tuchhändlers.

Gegen den dunklen, schlichten Anzug des jungen Mädchens stach die Pracht ihres Gefährten seltsam ab. Er mochte etwa zehn Jahre älter sein, als sie. Sein Gesicht verriet den Soldaten: seine ausdrucksvolle Züge, ein sorgfältig gestutzter schwarzer Schnurrbart, und ein nußbraunes Auge, das mit gleichem Erfolge Männern gegenüber befehlend blitzen, Frauen gegenüber flehend schmelzen konnte. Sein himmelblauer Rock war mit Silberborte verbrämt und hatte breite silberne Achselschnüre. Eine Weste von weißem Wollatlas kam darunter zum Vorschein, und ebensolche Kniehosen verschwanden in den hohen blanken Reiterstiefeln mit goldenen Sporen. Ein Stoßdegen mit silbernem Gefäß und ein Federhut, die auf dem Sessel neben ihm lagen, vollendeten eine Uniform, welche den Träger ehrenvoll auszeichnete; denn jeder Franzose würde sie für die eines Offizieres in Ludwig des Vierzehnten berühmter »Blauer Garde« erkannt haben. Mit seinem lockigen schwarzen Haar auf dem hochgetragenen Haupt machte er den Eindruck eines strammen, kecken Soldaten. Als solcher hatte er sich auch bereits auf manchem Schlachtfelde bewährt, so daß der Name Amory von Catinat unter den tausend Tapfern des niederen Adels, die sich zu dem Dienst des Königs drängten, hell hervorleuchtete.

Die beiden waren Vetter und Base. Der ähnliche Schnitt ihrer offnen Gesichtszüge ließ diese Verwandtschaft erraten. Catinat war einer adeligen Hugenottenfamilie entsprossen. Da er seine Eltern früh verloren hatte, war er ins Heer eingetreten, und hatte sich ohne irgend welche Protektion, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, zu seiner hohen Stellung emporgeschwungen. Ein jüngerer Bruder seines Vaters hatte dagegen das »von« fallen lassen, da er einsah, daß ihm durch die Verfolgung, der schon damals seine Glaubensgenossen ausgesetzt waren, jeder Weg zum Emporsteigen verschlossen sein würde. Nach solchem Verzicht hatte er sich in Paris auf den Handel gelegt, und sein Geschäft war so gut gegangen, daß er jetzt einer der reichsten und angesehensten Bürger der Stadt war. Es war sein Haus, in welchem der Gardeoffizier sich befand, und es war seine einzige Tochter, deren weiße Hand er in der seinigen hielt.

»Sag mir, Adèle,« sagte er, »warum du so bekümmert aussiehst,«

»Ich bin aber nicht bekümmert, Amory.«

»Laß sehen! Hier ist ein ganz kleines Fältchen zwischen den gewölbten Augenbrauen, O, ich kann dein Gesicht lesen, wie der Schäfer den Himmel.«

»Es ist nichts, Amory, nur –«

»Nur was?«

»Du verläßt mich heute abend.«

»Aber morgen komme ich wieder.«

»Mußt du denn wirklich heute abend fort?«

»Es würde mich mein Patent kosten, wollte ich wegbleiben. Ich habe ja morgen früh die Wache vor des Königs Schlafzimmer! Nach der Frühmesse wird mich der Major von Brissac ablösen, und dann bin ich wieder frei.«

»Ach, Amory, wenn du von dem König und dem Hof und den vornehmen Damen sprichst, kann ich mich gar nicht genug wundern.«

»Und warum wundern?«

»Wenn ich denke, daß du, der du inmitten solcher Pracht lebst, dich zu dem einfachen Hause eines Krämers herablassen kannst.«

»Was enthält dieses Haus aber auch?«

»Das ist nun gerade das allerwunderbarste! Daß du, der du unter solchen Menschen lebst, die so schön, so geistreich sind, mich deiner Liebe wert halten kannst, mich, ein so stilles Mäuschen, die in der Einsamkeit unsres großen Hauses so schüchtern und scheu geworden ist. Es ist zu wunderbar!«

»Der Geschmack ist verschieden,« entgegnete ihr Vetter, indem er die kleine zierliche Hand streichelte. »Es ist mit Frauen wie mit Blumen. Manche mögen ja die große, strahlende Sonnenblume vorziehen, oder die Rose, die so glühend und herrlich ist, daß sie ins Auge fallen muß. Mir aber gefällt das kleine Veilchen, das sich im Moose verbirgt und doch so holdselig anzuschauen ist und so süß duftet. Nun – noch immer das Fältchen auf deiner Stirn, Liebchen?«

»Ich wollte, der Vater wäre erst zurück.«

»Warum denn? Ist dir so einsam zu Mute?«

Über ihr blasses Gesicht flog ein helles Lächeln. »Einsam werde ich erst heute abend sein! Aber ich bin doch immer unruhig, wenn er fort ist. Man hört so viel von der Verfolgung unsrer armen Brüder.«

»Pah! Der Onkel hat nichts zu fürchten!«

»Er ist zum Vorsteher der Krämergilde gegangen wegen der Ankündigung einer Dragonereinquartierung.«

»Davon hast du mir ja noch gar nichts gesagt!«

»Hier ist sie.« Sie stand auf und nahm einen blauen Papierstreifen, von welchem ein rotes Siegel herabhing, vom Tische und reichte ihn ihrem Vetter. Amorys schwarze Brauen zogen sich zusammen, als er das Blatt überflog, auf welchem geschrieben stand:

»Es wird Euch, Théophile Catinat, Tuchhändler in der Rue St. Martin, hiermit kund gethan, daß Ihr Euch bereit halten sollet, zwanzig Mann der blauen Dragoner von Languedoc unter Kapitän Dalbert aufzunehmen, ihnen Obdach und Unterhalt zu geben bis auf weitere Nachricht.

(Unterzeichnet)

De Beauvré
Königlicher Bevollmächtigter.«

Catinat wußte wohl, daß diese Form der Maßregelung seiner Glaubensgenossen in ganz Frankreich üblich geworden war, aber er hatte sich geschmeichelt, daß die hohe Stellung, welche er bei Hofe einnahm, seinen Verwandten vor einer solchen Vergewaltigung schützen würde. Mit einem Zornesruf warf er das Papier auf die Erde.

»Wann kommen sie?«

»Vater sagte, heute abend.«

»Sie sollen nicht lange hier bleiben. Morgen werde ich einen Befehl zum Abzug für sie erwirkt haben. Aber die Sonne ist hinter die Martinskirche gesunken, und ich sollte schon unterwegs sein.«

»Nein, nein! Du darfst noch nicht gehen!«

»Ich hätte dich allerdings gern erst in dem Schutz deines Vaters gesehen, denn es ängstigt mich, dich allein zu lassen, wo die Dragoner jeden Augenblick kommen können. Und doch gilt keine Entschuldigung, wenn ich nicht rechtzeitig in Versailles bin. Aber sieh, da hält ein Reiter vor der Thür. Er trägt keine Uniform. Vielleicht ist's ein Bote deines Vaters.«

Das junge Mädchen eilte hastig ans Fenster und blickte hinaus, während ihre Hand auf der silberstrotzenden Schulter des Vetters ruhte.

»O!« rief sie, »das hatte ich ganz vergessen. Es ist der Mann aus Amerika. Vater sagte, er würde heute kommen.«

»Der Mann aus Amerika!« wiederholte der Offizier überrascht, und beide streckten die Köpfe aus dem Fenster.

Der Reiter, ein stämmiger, breitschultriger junger Mann mit sorgfältig rasiertem Gesicht und kurz geschorenem Haar wandte ihnen die kühnen Züge seines sonnverbrannten Gesichtes zu, während sein Auge über die Front des Hauses lief. Er trug einen weichen, breitkrämpigen grauen Filzhut, dessen Form Pariser Augen ganz fremd war, aber seine dunkle Kleidung und die hohen Reiterstiefel hätte jeder Bürger tragen können. Dennoch war seine ganze Erscheinung so ungewöhnlich, daß sich bereits ein Haufen Neugieriger um ihn versammelt hatte, der ihn und sein Pferd mit offnem Munde angaffte. Eine abgenutzte Flinte mit ungewöhnlich langem Laufe war mit dem Kolben an seinem Steigbügel befestigt, während die Mündung hinter ihm in die Luft ragte. Von jedem Sattelknopf hing ein großer, schwarzer Beutel herab, und eine buntfarbige zusammengerollte Wolldecke war am Sattelbogen befestigt. Sein Pferd, ein starkgliedriger Apfelschimmel, oben schweißglänzend und unten mit einer Schmutzkruste bedeckt, stand mit eingeknickten Vorderbeinen da, als sei es übermüdet. Der Reiter, der inzwischen das Haus genugsam betrachtet zu haben schien, sprang leicht aus dem Sattel, machte Flinte, Decke und Beutel los, drängte sich kaltblütig durch die gaffende Menge und klopfte laut an die Thür.

»Wer ist er denn?« fragte Catinat. »Ein Kanadier? Ich selbst bin beinahe ein solcher. Ich habe ebensoviel Freunde jenseits, wie diesseits des Wassers. Vielleicht kenne ich ihn. Es gibt drüben nicht viele Bleichgesichter, und vor drei Jahren gab es vom Saguenay bis zum Nipissing kaum eins, das ich nicht gesehen hatte.«

»Nein, er ist aus den englischen Provinzen, Amory. Aber er redet doch unsre Sprache. Seine Mutter stammte aus unserm Blut.«

»Und er heißt?«

»Amos – Amos – ach, diese Namen! Ja, Green, so war es – Amos Green. Sein Vater steht mit dem meinen seit lange in Geschäftsverbindung und sendet jetzt seinen Sohn, der immer im Walde gelebt hat, hierher, um Menschen und Städte kennen zu lernen. Aber mein Gott, was ist da passiert?«

Im Hausflur hatte sich plötzlich ein mehrstimmiges Geheul und Gekreisch erhoben, dazwischen hörte man eine Männerstimme und hin und her stürzende Tritte. Im Augenblick war Catinat hinausgeeilt. Entsetzt und zugleich belustigt über das Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot, blieb er auf halber Treppe stehen.

Zwei Mägde hatten sich zu beiden Flurseiten an die Wand gedrückt und kreischten in den höchsten Tönen mit der vollen Kraft ihrer Lungen. In der Mitte drehte sich Pierre, der alte Diener, dessen Würde noch nie etwas hatte erschüttern können, wie ein Brummkreisel in die Runde, fuhr mit den Armen in der Luft umher und brüllte, daß man ihn im Louvre hätte hören können. An dem grauwollenen Strumpf, welcher seine dürre Wade bedeckte, saß eine schwarzhaarig runde Kugel, aus deren Gesicht ein rotes Äuglein emporblinzelte, und zwei kleine weiße Zähne blitzten da heraus, wo sie sich eingebissen hatten. Auf das Geschrei kam soeben der junge Fremde, welcher noch einmal zu seinem Pferde hinausgegangen war, zurückgestürzt, riß das Geschöpf los, schlug ihm zweimal über die Schnauze und warf es kopfüber in den Lederbeutel, aus dem es herausgekrochen war.

»Es ist nichts,« sagte er in vortrefflichem Französisch; »es ist nur ein Bär.«

»O mein Gott!« rief Pierre und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. »O, das hat mich um fünf Jahre älter gemacht! Ich stand in der Thür und machte dem Herrn, der hinausging, meine Verbeugung, und gleich darauf packte es mich von hinten!«

»Ich bin schuld daran; ich hatte den Beutel nicht fest zugeschnürt. Das Vieh war gerade an dem Tage zur Welt gekommen, als wir New-York verließen – nächsten Dienstag werden es sechs Wochen. Spreche ich mit Herrn Catinat, dem Freunde meines Vaters?«

»Nein, mein Herr,« sagte der Gardeoffizier von der Treppe aus. »Mein Onkel ist ausgegangen, aber ich bin der Hauptmann von Catinat, Ihnen zu dienen, und dies ist Fräulein Catinat, Ihre Wirtin.«

Nun kam der Fremde die Treppe herauf und begrüßte die beiden Verwandten mit der Miene eines Mannes, der, wenn auch scheu wie ein wildes Reh, doch entschlossen ist, eine Sache mit eisernem Willen durchzuführen. Er ging mit ihnen bis an das Wohnzimmer, war aber im nächsten Augenblick wieder verschwunden und die Treppe hinuntergelaufen. Ehe sie sich's versahen, war er jedoch zurück. In der Hand trug er ein entzückend weiches, glänzendes Fell, »Der Bär ist für Ihren Vater, mein Fräulein,« sagte er. »Dies kleine Fell habe ich aus Amerika für Sie mitgebracht. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber man kann ein paar Mokkasins oder eine Tasche daraus machen.«

Adèle schrie auf vor Entzücken, als ihre Hände in das weiche Vließ versanken. Wohl mochte sie es bewundern, denn kein König der Welt konnte schöneres Pelzwerk haben.

»Ach, das ist ja etwas Wunderschönes, mein Herr,« rief sie; »sagen Sie doch, von welchem Tiere kommt es; und wo haben Sie es her?«

»Es ist ein schwarzer Fuchs. Ich schoß ihn selbst vorigen Herbst nahe bei den Irokesendörfern am Oneidasee.«

Adèle drückte das Fell an ihre Wange: ihr weißes Antlitz schimmerte marmorgleich gegen seine tiefe Schwärze. »Es thut mir leid, daß mein Vater nicht hier ist, um Sie willkommen zu heißen, mein Herr,« sagte sie; »aber ich thue es sehr herzlich an seiner Stelle. Ihr Zimmer ist oben. Pierre wird es Ihnen zeigen, wenn Sie wünschen.«

»Mein Zimmer? Wozu?«

»Wozu? Nun zum Schlafen.«

»Muß ich denn in einem Zimmer schlafen?«

Catinat lachte über das bestürzte Gesicht des Amerikaners. »Wenn Sie es nicht wünschen, brauchen Sie nicht darin zu schlafen,« sagte er.

Des Fremden Antlitz erhellte sich, dann schritt er zu dem Hinterfenster, welches auf den Hofraum ging. »Ach!« rief er, »da unten ist ja eine Buche, mein Fräulein, unter die möchte ich mich legen – meine Decke ist mir warm genug – das habe ich lieber als das schönste Zimmer. Im Winter kann man das ja nicht entbehren, aber im Sommer ersticke ich, wenn ich so eingeschlossen liegen muß!«

»Sie kommen wohl nicht aus einer Stadt?« fragte Catinat.

»Mein Vater wohnt in New-York. Er ist ein sehr kräftiger Mann, – er kann das aushalten, aber ich – ich habe sogar an ein paar Tagen in Albany oder Shenectady ganz genug. Mein ganzes Leben habe ich in den Wäldern zugebracht.«

»Thun Sie ganz nach Belieben,« erwiderte Adèle. »Mein Vater wird gewiß nichts dagegen haben, daß Sie schlafen, wo es Ihnen gefällt, und daß Sie sich ganz nach Ihren Wünschen einrichten.«

»Ich danke Ihnen, mein Fräulein. Dann werde ich meine Sachen dort auspacken und mein Pferd besorgen.«

»Aber wozu das? Das kann doch Pierre thun.«

»Ich bin gewohnt, es selbst zu machen.«

»Dann komme ich mit Ihnen,« sagte der Offizier, »ich möchte Ihnen etwas sagen. Bis morgen, Adèle, lebe wohl!«

»Bis morgen, Amory!«

Die beiden jungen Männer gingen zusammen hinunter in den Hof.

»Sie haben eine weite Reise gemacht,« sagte der Offizier unten zu dem Amerikaner.

»Ja, ich komme von Rouen.«

»Sind Sie sehr müde?«

»Nein, ich bin selten müde.«

»Dann bleiben Sie bei Fräulein Adèle, bis ihr Vater zurückkommt.«

»Warum wünschen Sie das?«

»Weil ich fort muß und sie vielleicht eines Beschützers bedarf.«

Der Fremde sagte nichts, aber er nickte zustimmend. Dann warf er seinen dunklen Rock ab und machte sich mit aller Kraft daran, sein von der Reise beschmutztes Pferd abzureiben.

II. Ein Monarch im Négligé.

Es war am folgenden Morgen. Die große Uhr von Versailles hatte soeben acht geschlagen. Die Zeit war nahe, wo der Monarch aufstehen mußte. Durch die langen Korridore und die mit Wandgemälden geschmückten Galerien des ungeheuren Palastes ging ein leises Summen und Schwirren, ein gedämpftes Geräusch von allerlei Vorbereitungen; denn des Königs Aufstehen war eine große Staatsaktion, bei der viele Menschen eine Rolle zu spielen hatten. Ein Diener eilte mit einem dampfenden silbernen Becken vorbei, das er Herrn von St. Quentin, dem Hofbarbier, brachte. Andere liefen mit Gewändern über dem Arm geschäftig den Gang hinab, der zu dem Vorzimmer führte. Die Leibgardisten in ihren prachtvollen blau- und silbernen Röcken richteten sich stramm empor und faßten ihre Hellebarden fester, während der junge Offizier, welcher sehnsüchtig aus dem Fenster nach einigen Höflingen geblickt hatte, die auf den Terrassen lachten und plauderten, sich kurz auf der Hacke umdrehte und nach der weißen, goldumränderten Thür des königlichen Schlafzimmers hinüberschritt.

Kaum hatte er sich dort aufgestellt, als der Thürknopf leise von innen aufgedrückt wurde. Die Thür drehte sich lautlos in den Angeln, ein Mann glitt schweigend hindurch und schloß sie wieder hinter sich.

»Pst!« sagte er und drückte die Finger auf die schmalen, scharfgeschnittenen Lippen, während aus seinem glattrasierten Gesicht und den emporgezogenen Brauen eine Bitte und zugleich eine Warnung sprach: »Der König schläft noch.«

Flüsternd gingen die Worte unter der Gruppe, die sich vor der Thür versammelt hatte, von Mund zu Mund. Der Sprecher, Herr Bontems, oberster Kammerdiener, gab dem wachthabenden Offizier ein Zeichen und ging ihm voran nach dem Fenstererker, aus dem derselbe unlängst gekommen war.

»Guten Morgen, Hauptmann von Catinat,« sagte er mit einer Mischung von Vertraulichkeit und Achtung in seiner Haltung.

»Guten Morgen, Bontems! Wie hat der König geschlafen?«

»Vorzüglich.«

»Aber es ist seine Zeit?«

»Noch nicht.«

»Sie wollen ihn noch nicht wecken?«

»In sieben und einer halben Minute.« Der Kammerdiener zog eine kleine, runde Uhr hervor, nach welcher der Mann sich richtete, der selbst zwanzig Millionen Menschen zur Richtschnur diente.

»Wer hat den Befehl auf der Hauptwache?«

»Major von Brissac.«

»Und Sie werden hier bleiben?«

»Vier Stunden lang habe ich heute beim Könige Dienst.«

»Sehr wohl. Er hat mir gestern abend nach dem petit coucher, als er allein war, einige Instruktionen für den wachthabenden Offizier gegeben. Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß Herr von Vivonne nicht zum grand lever zugelassen werden sollte. Sie sollen ihm dies mitteilen.«

»Ich werde es thun.«

»Ferner, – sollte ein Briefchen von ihr kommen, – Sie verstehen mich, von der neuen –«

»Frau von Maintenon?«

»Jawohl. Aber es ist diskreter, keine Namen zu nennen. Sollte sie ein Billet schicken, so sollen Sie es annehmen und stillschweigend abliefern, wenn der König Ihnen dazu Gelegenheit gibt.«

»Es soll geschehen.«

»Sollte aber die andere kommen, was nicht unwahrscheinlich ist – die andere, Sie verstehen mich – die frühere –«

»Frau von Montespan.«

»O über Ihre kecke Soldatenzunge, Herr Hauptmann! Sollte sie kommen, sage ich, so werden Sie ihr mit aller Höflichkeit entgegentreten, Sie verstehen mich, aber ihr um keinen Preis gestatten, das königliche Zimmer zu betreten.«

»Sehr wohl, Bontems.«

»Und jetzt haben wir nur noch drei Minuten.«

Bontems strich durch die rasch anwachsende Gruppe der in der Galerie Wartenden mit stolz-demütiger Miene, wie sie einem Manne zukam, der, wenn auch nur ein Kammerdiener, doch als des Königs Kammerdiener der König der Kammerdiener war. Dicht vor der Thür stand eine Reihe Bedienter, die in gepuderten Perücken, roten Plüschrücken und silbernen Achselschnüren prangten.

»Ist der Ofenheizer hier?« fragte Bontems.

»Ja, Herr,« erwiderte ein Würdenträger, welcher einen Haufen Kienspäne auf einem emaillierten Brett vor sich her trug.

»Der Öffner der Vorhänge?«

»Hier, Herr.«

»Der Entferner des Nachtlichts?«

»Hier, Herr!«

»Paßt auf, wenn ich euch rufe.«

Wieder öffnete er sacht die Thür und schlüpfte in das verdunkelte Gemach.

Es war ein großes, viereckiges Zimmer mit zwei hohen Fenstern, welche kostbare Sammetvorhänge dicht verhüllten. Durch einige Ritzen schoß die Morgensonne kleine Strahlen, die breiter wurden, als sie über das Zimmer hinstrichen und in lichten Flecken auf der hellgelblichen Wand lagerten. Ein großer Armstuhl stand neben dem ausgebrannten Feuer im Schatten eines gewaltigen marmornen Kamins, dessen Mantel, in tausend gewundenen und verschlungenen Arabesken und Wappenbildern aufwärts geführt, zuletzt in die reich gemalte Decke überging. In einem Winkel stand das schmale, mit einem Teppich bedeckte Bett, auf dem der treue Bontems die Nacht zugebracht hatte.

In der Mitte des Gemaches stand ein großes Himmelbett mit Gobelinvorhängen, welche vom Kopfende zurückgezogen waren. Ringsherum lief ein viereckiges Geländer von polierten Stangen in solcher Entfernung, daß innerhalb dieser Einfriedigung oder ruelle ein fünf Fuß breiter freier Raum übrig blieb. Darin stand ein kleiner runder, weißgedeckter Tisch, darauf ein emaillierter Becher mit etwas Frontignac und ein silberner Teller mit drei Schnittchen Hühnerbrust. Es konnte ja vorkommen, daß der König während der Nacht ein Bedürfnis nach Speise und Trank hatte.

Als Bontems geräuschlos das Zimmer durchmaß, in dessen moosweichen Teppich seine Füße einsanken, konnte er in der drückenden, schlafdunsterfüllten Luft die leisen Atemzüge des Schlummernden vernehmen. Langsam trat er durch die Öffnung des Geländers an das Bett heran und wartete mit der Uhr in der Hand auf den genauen Augenblick, in welchem die eiserne Hofetikette verlangte, daß der Monarch geweckt würde. Vor ihm, unter der kostbaren grünen Decke von orientalischer Seide, halbvergraben in den weichen Valencienner Spitzen des Kissens, schaute ein schwarzer, bürstenähnlich geschorener Kopf hervor, und darunter hob sich eine gebogene Nase über trotzigen Lippen von dem weißen Hintergründe ab. Der Kammerdiener ließ die Uhr zuschnappen und beugte sich über den Schläfer.

»Ich habe die Ehre, Ew. Majestät mitzuteilen, daß es halb neun Uhr ist.«

»Ah!« Der König öffnete langsam die großen dunkelbraunen Augen, schlug ein Kreuz und küßte eine kleine schwärzliche Reliquienkapsel, die er unter seinem Nachthemde hervorzog. Dann richtete er sich im Bett auf und blinzelte mit der Miene eines Mannes, der seine Gedanken sammelt.

»Hast du dem wachthabenden Offizier der Garde meine Befehle übermittelt, Bontems?«

»Ja, Sire.«

»Wer hat den Dienst?«

»Major von Brissac bei der Hauptwache, Hauptmann von Catinat in der Galerie.«

»Catinat! Ach ja, der junge Mann, der bei Fontainebleau mein Pferd anhielt. Ich erinnere mich seiner. Du kannst das Zeichen geben, Bontems.«

Der oberste Kammerdiener schritt rasch nach der Thür und öffnete sie weit. Sofort stürzten der Ofenheizer und vier andere rotröckige, bepuderte Bediente herein – diensteifrig, lautlos und jeder nur auf seine eigene Pflicht bedacht. Der eine ergriff Bontems leichte Lagerstatt und trug sie ins Vorzimmer; ein anderer nahm den Tisch mit dem Nachtimbiß und dem silbernen Leuchter fort, während ein dritter die schweren sammetnen Vorhänge zurückschlug und eine Lichtflut in das Gemach einließ. Der Ofenheizer legte zwei runde Holzblöcke kreuzweis über die bereits aufflackernden Kienspäne – denn die Morgenluft war kühl – und zog darauf mit seinen Kameraden ab.

Kaum hatten sie das Gemach verlassen, als eine vornehmere Gesellschaft das Schlafzimmer betrat. Voran gingen zwei Herren; der erste ein junger Mann wenig über zwanzig Jahre alt, von feierlich pomphafter Haltung, mittelgroß, zur Wohlbeleibtheit geneigt, mit einem wohlgeformten Bein und einem Gesicht, das einer hübschen Maske glich, und das außer dem gelegentlichen Aufblitzen einer mutwilligen Laune völlig ausdruckslos war. Er trug ein reiches amarantfarbenes Sammetkleid, und ein breites, blaues Seidenband über der Brust, unter welchem der funkelnde Rand des St.Ludwigsordens hervorsah. Sein Begleiter war ein Vierziger, von dunkler Hautfarbe, der würdevoll und feierlich einherschritt. Sein einfaches, aber kostbares Gewand von schwarzer Seide hatte goldene Schlitzen am Halse und an den Ärmeln. Als das Paar dem Könige gegenüber stand, deutete eine gewisse Ähnlichkeit der drei Gesichter hinlänglich die Blutsverwandtschaft an und ließ erraten, daß der eine »Monsieur« war, der jüngere Bruder des Königs, der andere dagegen der Dauphin Ludwig, sein einziges legitimes Kind und der Erbe eines Thrones, den, nach dem wunderbaren Rate der Vorsehung, weder er noch seine Söhne je besteigen sollten.

So stark aber auch die Ähnlichkeit zwischen den drei Gesichtern war, von denen jedes die kühn gebogene Nase und das große braune Auge der Bourbonen, wie die dicke Unterlippe der Habsburger, ihr gemeinsames Erbteil von Anna von Österreich, aufwies, prägte sich doch in ihren Zügen eine sehr bedeutende Verschiedenheit des Temperamentes und Charakters aus. Der König stand jetzt in seinem sechsundvierzigsten Jahre, und das kurzgeschnittene schwarze Haar wurde bereits auf dem Scheitel etwas dünn und spielte über den Schläfen ins Graue. Er bewahrte indessen noch immer viel von der Schönheit, die ihn in seiner Jugend auszeichnete, nur daß sich ihr eine mit den Jahren zunehmende Würde und Strenge beimischte. Seine dunklen Augen waren höchst ausdrucksvoll, und seine scharfgeschnittenen Züge waren das Entzücken der Bildhauer und der Maler. Ein fester und doch beweglicher Mund, dichte, schön geschwungene Brauen gaben seinem Gesicht das Ansehen von Autorität und Macht, während der unterwürfige Ausdruck, welcher seinem Bruder eigen war, einen Mann kennzeichnete, dessen ganzes Leben eine lange Übung in der Nachgiebigkeit und Selbstvernichtung gewesen war. Der Dauphin dagegen hatte zwar ein regelmäßigeres Gesicht als sein Vater, aber er hatte weder in der Erregung jenes lebhafte Mienenspiel, noch in der Ruhe jene königliche Heiterkeit, welche einen scharfsinnigen Beobachter zu der Bemerkung veranlaßte, daß Ludwig, wenn er auch nicht der größte König war, der je gelebt, er sich doch vorzüglich dazu eignete, die Rolle eines solchen zu spielen.

Hinter dem Sohne und dem Bruder des Königs trat eine kleine Gruppe von Notabeln und Hofbeamten ein, welche die Pflicht zu dieser täglichen Ceremonie herbeigerufen hatte. Da war der Großgewandmeister und erste Kammerherr, der Herzog von Maine, ein blasser, in schwarzen Sammet gekleideter Jüngling, der das linke Bein schwer nachschleppte, und sein jüngerer Bruder, der kleine Graf von Toulouse, beides illegitime Söhne des Königs und der Frau von Montespan. Hinter ihnen kam der erste Garderobendiener, gefolgt von Fagon, dem ersten Leibarzt, Telier, dem ersten Chirurgen und dreien in Scharlach und Gold gekleideten Pagen, welche die königlichen Kleider trugen. Dies waren die Teilnehmer an dem Familienempfange: die höchste Ehre, nach welcher der französische Adel streben konnte.

Bontems hatte einige Tropfen Weingeist über des Königs Hände gegossen und sie wieder in einer silbernen Schüssel aufgefangen; der erste Kammerherr hatte die Schale mit Weihwasser gereicht, mit welchem der König sich bekreuzte und dazu das kurze Gebet an den heiligen Geist murmelte. Darauf nickte er seinem Bruder zu und rief ein kurzes Wort der Begrüßung nach dem Dauphin und dem Herzog von Maine hinüber. Dann schwang er seine Beine über den Bettrand und saß nun da in seinem langen seidenen Nachtgewand, unter dem die kleinen weißen Füße hervorbaumelten – so saß er da, der Herr Frankreichs und doch der Sklave jedes Windhauches, der vor Kälte zusammenschauderte, wenn plötzlich ein Zuglüftchen ihn berührte. Herr von St. Quentin, der hochadlige Barbier, warf einen purpurroten Pudermantel um die königlichen Schultern, und setzte ihm eine lange reichgelockte Perücke aufs Haupt, während Bontems ihm die roten Strümpfe anzog und die gestickten Sammetpantoffeln vor ihm zurecht stellte. Der Monarch steckte die Füße hinein, wickelte sich in seinen Pudermantel und schritt nach dem Kamin hinüber, wo er sich in seinem Lehnstuhl zurecht setzte und seine mageren, zarten Hände über die flammenden Holzscheite hielt, während die übrigen im Halbkreise umherstanden und auf das grand lever warteten, welches nun folgen sollte.

»Was ist das, meine Herren?« fragte der König plötzlich und blickte unwillig umher. »Es riecht hier nach Parfüm! Es hat doch wohl keiner von Ihnen gewagt, ein Parfüm in das Audienzzimmer zu bringen, da Sie ja wissen, wie widerwärtig mir so etwas ist.«

Die Versammelten blickten einander an und erschöpften sich in Unschuldsbeteurungen. Der getreue Bontems war inzwischen lautlos hinter ihnen vorbeigeschlichen und hatte den Missethäter entdeckt.

»Mein Herr von Toulouse, der Geruch kommt von Ihnen,« sagte er.

Der Graf von Toulouse, ein kleiner rotbäckiger Junge, wurde dunkelrot bei der Entdeckung.

»Ich bitte um Verzeihung, Sire, es ist möglich, daß Fräulein von Grammont meinen Rock mit ihrem Riechfläschchen bespritzt hat, als wir gestern in Marly zusammen spielten. Ich hatte es nicht bemerkt, aber wenn es Ew. Majestät zuwider ist –«

»Weg damit! weg damit!« rief der König. »Puh! es erstickt, es erwürgt mich! Öffne den unteren Fensterflügel, Bontems. Nein; laß gut sein, er ist schon fort! – Herr von St. Quentin, ist heute nicht unser Rasiermorgen?«

»Jawohl, Sire; alles ist bereit.«

»Warum wird denn nicht angefangen? Es ist drei Minuten nach der gewohnten Zeit! Ans Werk, mein Herr; und du, Bontems, gib das Zeichen zum grand lever.« Augenscheinlich war der König heute morgen nicht bei besonders guter Laune. Er schoß rasche, fragende Blicke nach seinem Bruder und seinen Söhnen, aber St. Quentin waltete jetzt seines Amtes und erstickte so aufs nachdrücklichste jede etwaige Anklage oder höhnische Bemerkung, die auf seinen Lippen schweben mochte. Mit dem durch lange Gewohnheit erzeugten Gleichmut seifte der Hofbeamte das königliche Kinn ein, ließ das Rasiermesser rasch darüber hingleiten und wusch dann die Oberfläche mit einem in Weingeist getauchten Schwamm ab. Ein anderer Edelmann half darauf dem Könige seine schwarzsammetnen Kniehosen anziehen, ein dritter ordnete und befestigte sie, während ein vierter den Pudermantel und das Nachtgewand von den Schultern zog und das königliche Hemd darreichte, das am Feuer gewärmt worden war. Schuhe mit diamantenen Schnallen, Gamaschen und eine Scharlach-Unterweste wurden ihm hintereinander von vornehmen Kavalieren angelegt, von denen ein jeder eifersüchtig auf sein besonderes Vorrecht achtete. Über die Weste kam das blaue Band mit dem Kreuz des Ordens vom heiligen Geiste in Brillanten, und das rote Band mit dem vom heiligen Ludwig.

Es war ein wunderliches Schauspiel. Da saß der kleine Mann, Frankreichs Herrscher, gleichgültig und unthätig, die großen Augen auf die glühenden Holzscheite gerichtet, und ließ sich behandeln, wie eine Puppe. Und die ihm geschäftig ein Stück ums andere anlegten, waren Männer, die alle irgend einen historisch berühmten Namen trugen, sich auch selbst wohl schon einmal im Kriege hervorgethan hatten!

Das schwarze Untergewand war angezogen, die reiche Spitzenkravatte zurechtgezupft, der lose Überrock zugeknöpft, zwei kostbare Spitzentaschentücher wurden auf einem emaillierten Teller herbeigetragen und jedes von einem besonderen Hofbedienten in je eine Seitentasche gesteckt. Der silberbeschlagene Spazierstock von Ebenholz wurde bereit gelegt, und der Monarch war für die Mühen des Tages gerüstet.

Während der halben Stunde oder darüber, die alles dies gedauert haben mochte, war die Zimmerthür in ununterbrochener Bewegung gewesen. Name auf Name war dem dienstthuenden Kammerdiener von dem wachthabenden Hauptmann zugeflüstert und von dem dienstthuenden Kammerdiener an den ersten Kammerherrn weiter gegeben worden, und die also Gemeldeten hatten Einlaß gefunden. Jeder Eintretende verbeugte sich dreimal tief zur Begrüßung der Majestät, und schloß sich dann seiner eignen Klique oder Koterie an, um leise über die Neuigkeiten, das Wetter und die Pläne für den Tag zu plaudern. Die Zahl der Zugelassenen wuchs von Minute zu Minute. Als endlich das erste frugale Frühstück des Königs: Wein mit Wasser gemischt und Weißbrot hereingebracht wurde, war das große Gemach ganz gefüllt mit Herren, von denen viele dazu beigetragen haben, die Epoche Ludwigs XIV. zur glänzendsten in der französischen Geschichte zu machen.

Dicht neben dem Könige stand der barsche, aber energische Louvois, der seit Colberts Tode allmächtige Kriegsminister, und besprach eine militärische Frage mit zwei Offizieren. Der eine von ihnen war ein hoher, stattlicher Soldat, der andere von merkwürdig kleiner Figur, untersetzt und mißgestaltet, der aber trotzdem die Abzeichen eines Marschalls von Frankreich trug und einen Namen führte, der an der niederländischen Grenze für ein böses Omen galt, denn man sah in François, Henri de Montmorency, Herzog von Luxembourg allgemein schon Condés Nachfolger, wie sein Gefährte Vauban der Turennes war. Neben ihnen teilte ein kleiner weißhaariger Geistlicher mit mildem Antlitz, der Pater La Chaise, Vossuet, dem beredten Bischof von Meaux und dem großen, schmächtigen Abbé de Fénélon flüsternd seine Ansichten über den Jansenismus mit. Letzterer hörte mit bewölkter Stirn die scharfen Urteile an, denn er stand im Verdacht, von dieser Ketzerei nicht ganz unbefleckt geblieben zu sein.

Da war auch Le Brun, der Maler im Kreise seiner Kollegen, darunter Verrio und Laguerre, der Schöpfer der Gartenkunst Le Nôtre, die Bildhauer Girardon, Puget, Desjardins und Coysevoy, deren Werke den neuen Palast des Königs verschönern halfen, alle in lebhaftem Gespräch über Kunst. Dicht neben der Thür, ein fröhliches Lächeln auf dem schönen Gesicht, plauderte Racine mit dem Dichter Boileau und dem Architekten Mansard. Alle drei lachten und scherzten mit einem Freimut, welcher bei diesen begünstigten Dienern des Königs natürlich war – waren sie doch die einzigen seiner Unterthanen, welche unangemeldet und ohne weitere Förmlichkeit in seinen Gemächern aus und ein gehen durften.

»Was fehlt ihm heute morgen?« fragte Boileau flüsternd und deutete mit dem Kopf nach der königlichen Gruppe hin. »Ich fürchte, der Schlaf hat seine Stimmung nicht verbessert.«

»Es wird immer schwerer, ihn zu amüsieren,« sagte Racine kopfschüttelnd. »Ich soll um drei Uhr in Frau von Maintenons Zimmer sein – vielleicht daß ein paar Seiten meiner ›Phädra‹ die gewünschte Wirkung haben.«

»Mein Freund,« sagte der Architekt, »meinen Sie nicht, daß die geistreiche Frau selbst eine bessere Trösterin sein dürfte, als Ihre Phädra?«

»Sie ist allerdings eine seltene Frau. Sie hat Verstand, sie hat Herz, sie hat Takt, kurz – sie ist bewunderungswürdig.«

»Und doch besitzt sie eine Gabe zu viel.«

»Und die wäre?«

»Das Alter!«

»Pah! wer fragt nach ihren Jahren, wenn sie nur wie dreißig aussieht? Was für ein Auge! Welch ein Arm! Und außerdem, meine Freunde – ein Jüngling ist er auch nicht mehr!«

»Das ist etwas ganz anderes. Wenn ein Mann altert, so hat das nichts zu sagen; altert eine Frau, so ist das für sie eine Kalamität!«

»Sehr wahr! Allein ein junger Mann folgt seinem Auge, ein alternder seinem Ohr. Über vierzig fesselt uns die gewandte Zunge; unter vierzig das hübsche Gesicht.«

»O Sie Schalk! Sie halten es für ausgemacht, daß fünfundvierzig Jahre mit Takt gegen neununddreißig mit Schönheit das Feld behaupten werden! Nun, wenn Ihre Dame gewonnen hat, wird sie hoffentlich nicht vergessen, wer ihr zuerst den Hof gemacht hat!«

»Dennoch glaube ich, daß Sie unrecht haben, Racine!«

»Nun wir werden ja sehen.«

»Und wenn Sie Unrecht haben . . .«

»Nun, was dann?«

»Dann könnte die Sache für Sie ernsthaft werden.«

»Inwiefern?«

»Die Marquise von Montespan besitzt ein gutes Gedächtnis.«

»Vielleicht ist ihr Einfluß bald nur noch – eine Erinnerung!«

»Verlassen Sie sich nicht zu fest darauf, mein Freund. Als die Fontanges aus der Provence kam mit ihren blauen Augen und ihrem kupferfarbigen Haar, war es in jedermanns Munde: – die Tage der Montespan sind gezählt! Jetzt liegt die Fontanges sechs Fuß unter der Krypta einer Kirche, und die Marquise war vorige Woche zwei Stunden beim Könige, Sie hat einmal gewonnen und kann wieder gewinnen.«

»Dies ist aber auch eine ganz andre Nebenbuhlerin. Die ist kein bloßes Gänschen vom Lande, sondern die klügste Frau in Frankreich.«

»Pah, Racine! Sie kennen doch unsern Herrn genau, wenigstens sollten Sie ihn kennen, denn seit den Tagen der Fronde sind Sie ihm stets zur Seite gewesen. Glauben Sie wirklich, daß er der Mann dazu ist, sich auf die Länge durch Predigten unterhalten zu lassen, oder sein Lebenlang zu den Füßen einer ältlichen Dame zu sitzen, sie bei ihrer Tapisseriearbeit zu beobachten und ihren Pudel zu liebkosen, wenn die schönsten Gesichter und die glänzendsten Augen Frankreichs in seinen Salons so zahlreich zu finden sind, wie Tulpen auf einem holländischen Blumenbeet? Nein, nein; die Montespan wird auch hier das Feld behalten, und wenn nicht sie, dann eine jüngere Schönheit.«

»Mein teurer Boileau, ich sage noch einmal, ihre Sonne ist im Untergehen. Haben Sie nicht das neueste gehört?«

»Nicht ein Wort.«

»Der Zutritt ist ihrem Bruder, dem Herrn von Vivonne, verboten.«

»Unmöglich.«

»Thatsache.«

»Und wann?«

»Heute morgen.«

»Von wem haben Sie das gehört?«

»Von Catinat, dem wachthabenden Offizier. Er hatte Befehl, ihn zurückzuweisen.«

»Ha! Dann allerdings führt der König Übles im Schilde. Darum also ist seine Stirn so bewölkt! Meiner Treu, wenn die Marquise den Mut hat, der ihr allgemein zugeschrieben wird, könnte er doch finden, daß es leichter war, sie zu gewinnen, als sie fallen zu lassen.«

»Jawohl; die Mortemarts sind nicht Leute, die man so obenhin behandelt.«

»Der Himmel gebe, daß er unverletzt aus dieser Klemme kommt! Aber wer ist der Herr, der eben eintritt? Sein Gesicht sieht etwas grimmiger aus, als man's bei Hofe gewohnt ist. Ha! der König erblickt ihn auch, und Louvois winkt ihn heran. Meiner Treu, der gehört auch zu den Leuten, denen in einem Zelt wohler ist, als unter einem gemalten Plafond.«

Der Fremde, welcher Racines Aufmerksamkeit erregt hatte, war ein hoher, schmächtiger Mann mit kühn gebogener Adlernase, strengen, durchbohrenden grauen Augen, die unter buschigen Brauen hervorflammten, und einem Antlitz, das von Alter, Sorge und Unbill der Witterung so durchfurcht und gezeichnet war, daß es sich unter den glatten Höflingsgesichtern ringsum ausnahm, wie ein alter Habicht in einem Käfig voll buntgefiederter Vögel. Er trug einen dunkelfarbigen Anzug, wie er bei Hofe Mode geworden war, seitdem der König mit der Fontanges die Prunkliebe beseitigt hatte, aber das Schwert, welches von seinem Wehrgehenk herabhing, war kein Galanteriedegen, sondern eine tüchtige Klinge mit Messinggriff in einer fleckigen Lederscheide, welche augenscheinlich manch ernsten Dienst geleistet hatte. Den schwarzbefiederten Filzhut in der Hand, hatte er an der Thür gestanden und mit halb belustigtem, halb verächtlichem Ausdruck auf die Gruppen der eifrig Plaudernden umher geblickt; auf das Zeichen des Kriegsministers aber begann er mit den Ellenbogen sich seinen Weg zu bahnen, indem er alle, die ihm in den Weg kamen, sehr unceremoniös beiseite stieß.

Ludwig besaß die königliche Gabe des Wiedererkennens in hohem Grade. »Ich habe ihn viele Jahre nicht gesehen, aber ich erinnere mich seines Gesichts noch sehr gut,« sagte er zu dem Minister. »Es ist der Graf Frontenac, nicht wahr?«

»Ja, Sire,« erwiderte Louvois; »es ist wirklich Louis de Buade, Graf von Frontenac, der bisherige Gouverneur von Canada.«

»Wir freuen uns, Sie einmal wieder bei unserm Lever zu sehen,« sagte der Monarch, als der alte Edelmann das Haupt neigte und die ihm entgegengestreckte weiße Hand küßte. »Wir hoffen, daß die canadische Kälte die Wärme Ihrer Loyalität nicht abgekühlt hat.«

»Der Tod allein, Sire, wäre dazu kalt genug.«

»Dann leben wir der Zuversicht, Sie uns noch lange Jahre erhalten zu sehen. Wir haben längst gewünscht, Ihnen für alle Mühe und Sorgfalt zu danken, welche Sie unsrer Provinz gewidmet haben, und wenn wir Sie zurückberiefen, so geschah das hauptsächlich, weil wir gern von Ihren eignen Lippen gehört hätten, wie die Sachen dort stehen. Und zuerst, da das Reich Gottes dem Reiche Frankreich vorgeht, wie gedeiht die Bekehrung der Heiden?«

»Wir können nicht klagen, Sire. Die guten Väter der Gesellschaft Jesu und die Rekollekten[1] haben ihr Bestes gethan, obgleich sie allerdings oft die Neigung haben, die Angelegenheiten des Jenseits ruhen zu lassen, um sich in die des Diesseits einzumischen.«

»Was sagen Sie dazu, Vater?« fragte Ludwig und blickte mit schelmischem Augenzwinkern zu seinem jesuitischen Beichtvater hinüber.

»Ich sage, Sire, daß, wenn die Angelegenheiten des Diesseits im Zusammenhange stehen mit denen des Jenseits, so ist es allerdings die Pflicht eines guten Priesters, wie die jedes andern guten Katholiken, sie richtig zu leiten.«

»Zugegeben, Sire,« sagte Frontenac, und eine zornige Blutwelle stieg in seine gebräunten Wangen, »aber so lange Ew. Majestät mir die Ehre erwiesen, diese Angelegenheiten meiner Leitung anzuvertauen, durfte ich keine Einmischung in der Ausübung meiner Pflichten dulden, mochte der Unberufene nun Hofkleid oder Kutte tragen!«

»Genug, Graf, genug!« unterbrach ihn Ludwig in schneidendem Tone. »Ich hatte Sie nach den Missionen gefragt.«

»Die Missionen gedeihen, Sire. Wir haben Irokesen am Sault und in den Bergen, Huronen in Lorette, Algonkins am ganzen Flußufer entlang von Tadusac im Osten bis nach Sault la Marie und sogar in den großen Ebenen der Dakotas, welche alle das Kreuz anbeten. Marquette ist den Fluß des Westens hinabgezogen und predigt den Illinesen, und die Jesuiten haben das Evangelium sogar bis zu den Kriegern des Langen Hauses in ihre Wigwams zu Onondaga getragen.«

»Ich darf wohl hinzufügen, Ew. Majestät,« sagte Pater La Chaise, »daß sie, als sie dort das Wort der Wahrheit aussäeten, nur zu oft ihr Leben dabei ließen.«

»Ja, Sire, das muß wahr sein,« rief Frontenec mit Wärme. »Ew. Majestät zählt viele tapfre Männer in Ihren Heeren, aber keine, die tapferer sind, als diese Missionare. Sie sind von den Irokesendörfern am Richelieufluß zurückgekommen mit ausgerissenen Nägeln, abgehackten Fingern, ausgebrannten Augen und Narben von Kiensplittern auf ihrem Leibe so dicht wie die goldnen Lilien auf jenem Vorhange. Und dennoch, wenn die guten Ursulinerinnen sie ein paar Wochen gepflegt, benutzten sie das übrig gebliebene Auge nur, um das Indianerland wieder aufzusuchen, wo sich sogar die Hunde vor ihren verstümmelten Gesichtern und verrenkten Gliedern entsetzten.«

»Und Sie haben das zugelassen?« fuhr Ludwig auf. »Sie haben diese schändlichen Mordgesellen leben lassen?«

»Ich habe um Truppen gebeten, Sire.«

»Und ich habe welche gesandt.«

»Ein Regiment.«

»Das Regiment Carignan-Salière. Ich habe kein besseres in meinen Diensten.«

»Wir brauchen aber mehr, Sire.«

»Da sind doch die Canadier selbst. Haben Sie keine Miliz? Können Sie denn nicht eine genügende Anzahl ausheben, um diese schurkischen Mörder der Priester Gottes zu bestrafen? Ich hatte Sie immer für einen Soldaten gehalten.«

Frontenacs Augen flammten auf, und einen Augenblick lang war es, als zittere eine hastige Antwort auf seinen Lippen, aber der feurige alte Mann hielt sich gewaltsam zurück. »Ew. Majestät können am besten erfahren, ob ich ein Soldat bin oder nicht,« sagte er, »wenn Sie diejenigen fragen, welche mich bei Senef, Mühlhausen, Sulzbach und zwanzig andern Orten gesehen haben, wo ich die Ehre hatte, Ew. Majestät Sache zu verfechten.«

»Ihre Dienste sind nicht vergessen worden.«

»Gerade weil ich ein Soldat bin und etwas vom Kriege gesehen habe, weiß ich, wie schwer es ist, in ein Land, das viel größer ist, als die Niederlande, vorzudringen, in ein Land, das dicht bewaldet und voller Sümpfe ist, wo hinter jedem Baum ein Wilder lauert, welcher, wenn er auch nicht gelernt hat, Tritt zu halten und in der Schlachtlinie zu stehen, doch das flüchtige Renntier auf zweihundert Schritt sicher trifft und drei Meilen zurücklegen kann, wo wir eine gehen. Und hat man endlich ihre Dörfer erreicht und ihre leeren Wigwams und wenigen Maisfelder verbrannt, was ist damit gewonnen? Man kann weiter nichts thun, als wieder heimziehen, während eine Wolke unsichtbarer Männer einen umschwärmt und für jeden Nachzügler ein Skalpgeheul ertönt. Sie sind selbst Soldat, Sire. Ich frage Sie, ob solch ein Krieg leicht ist für eine Handvoll Soldaten mit ein paar Lehnsleuten, die direkt vom Pflug kommen, und einer Truppe Waldläufer, deren Gedanken die ganze Zeit über bei ihren Fallen und Biberhäuten sind.«

»Nein, nein; es thut mir leid, wenn ich zu hastig gesprochen habe,« sagte Ludwig. »Wir wollen die Sache in unserm Staatsrat überlegen.«

»Mein Herz wird warm, wenn ich Ew. Majestät so sprechen höre,« rief der Gouverneur. »Es wird Freude sein den ganzen Lorenzstrom entlang in weißen und in roten Herzen, wenn bekannt wird, daß ihr großer Vater über dem Wasser ihnen sein Antlitz zugewendet hat!«

»Und doch dürfen Sie nicht zu viel erwarten, Graf, denn Canada hat uns schon viel Geld gekostet, und wir haben viele Verpflichtungen in Europa.«

»Ach, Sire, könnten Sie doch jenes große Land sehen! Wenn Ew. Majestät hier in der alten Welt einen Feldzug gewonnen haben, was haben Sie davon? Etwas Ruhm, ein paar Meilen Land, Luxemburg, Straßburg, eine Stadt mehr im Königreich; da drüben aber liegt mit einem Zehntel der Kosten und einem Hundertstel der Machtentfaltung eine Welt für Sie bereit. Canada ist so groß, Sire, so reich, so schön! Wo finden Sie wieder solche Berge, solche Wälder, solche Ströme! Und alles ist unser, wenn wir's nur nehmen wollen! Wer steht uns im Wege? Ein paar Stämme zerstreuter Indianer und ein dünner Strich englischer Ackerbauer und Fischer. Wenden Sie Ihre Gedanken dorthin, Sire, und in wenigen Jahren werden Sie auf der Citadelle Quebec stehen und sagen können: es gibt ein großes Reich von den Schneefeldern des Nordens bis zu dem warmen Golf des Südens, von den Wogen des Oceans bis zu den großen Ebenen jenseits Marquettes Strom, und der Name dieses Reiches ist Frankreich, und sein König ist Ludwig und seine Fahne ist das Lilienbanner!«

Ludwigs Wange erglühte bei diesem ehrgeizigen Bilde, und er beugte sich leuchtenden Blickes in seinem Stuhle vor; als aber der Gouverneur geschlossen hatte, sank er wieder zurück.

»Auf mein Wort, Graf,« sagte er, »Sie haben sich etwas von der indianischen Gabe der Beredsamkeit angeeignet, von der wir so viel gehört haben. Aber um auf die englischen Ansiedler zu kommen. Nicht wahr, es sind Hugenotten?«

»Größtenteils. Besonders im Norden.«

»Da wäre es ja ein der heiligen Kirche geleisteter Dienst, wenn man sie wegjagte. Ich höre, sie haben dort eine Stadt. New – New – Wie heißt sie doch?«

»New-York, Sire. Sie haben sie den Holländern weggenommen.«

»Jawohl, New-York. Und habe ich nicht von noch einer gehört? Bos– Bos –«

»Boston, Sire.«

»Richtig. Diese Häfen könnten uns von Nutzen sein. Sagen Sie, Graf,« er dämpfte seine Stimme, so daß seine Worte nur Frontenac, Bouvois und der unmittelbaren königlichen Umgebung vernehmlich blieben, »wieviel Truppen würden Sie brauchen, um diese Leute zu vertreiben. Ein – zwei Regimenter, und vielleicht eine oder zwei Fregatten?«

Aber der Exgouverneur schüttelte den grauen Kopf. »Sire, Sie kennen sie nicht,« sagte er. »Es sind dies eisenharte Kerle. Wir in Canada haben es trotz Ihrer gnädigen Hilfe schwer gefunden, uns zu behaupten. Diese Männer aber haben keine Hilfe, sondern nur Hindernisse gehabt bei Kälte und Krankheiten, Unfruchtbarkeit des Bodens und Indianerkriegen, und doch sind sie gediehen und haben sich vermehrt, so daß die Wälder vor ihnen dahinschwinden, wie Schnee vor der Sonne und ihre Kirchenglocken heute da erklingen, wo gestern noch die Wölfe heulten. Es sind friedliebende Leute und langsam zum Kriege; wenn sie aber einmal die Hand dazu erhoben haben, so lassen sie noch weniger gern davon ab. Um Neu-England in Ew. Majestät Hände zu liefern, würde ich fünfzehntausend Ihrer besten Truppen und zwanzig Linienschiffe erbitten.«

Ludwig sprang ungeduldig von seinem Stuhl auf und faßte seinen Stock. »Wir wollten,« sagte er, »Sie ahmten diesen Leuten, die Ihnen so furchtbar vorkommen, darin nach, daß Sie sich selbst hülfen! Die Sache mag bis zum Staatsrat ruhen. Ehrwürdiger Vater, die Stunde des Gottesdienstes hat geschlagen und alles andere mag warten, bis wir dem Himmel unsre Pflicht bezahlt haben.« Der König entnahm den Händen eines Dieners ein Meßbuch und schritt, so schnell seine sehr hohen Hacken es ihm erlaubten, nach der Thür. Der Hof bildete Spalier und schloß sich hinter ihm zusammen, um dann der Rangordnung gemäß ihm zu folgen.

III. Die Verteidigung der Thür.

Während Ludwig seinem Hofe das höchste irdische Vergnügen – wie er es einmal selbst bezeichnete – nämlich den Anblick des königlichen Antlitzes gewährte, hatte der junge Offizier draußen reichliche Beschäftigung: er mußte die Namen und Titel der zahlreichen Personen, welche den Zutritt erbaten, weiter melden. Gewöhnlich tauschte er dabei ein Lächeln oder ein kurzes Wort des Grußes mit ihnen aus, denn sein offenes, hübsches Gesicht war bei Hofe allen wohlbekannt. Mit seinen fröhlichen Augen und seinem frischen Wesen machte er den Eindruck eines Mannes, der sich mit Fortuna gut steht. Sie hatte ihm in der That ihre Gunst zugewandt. Noch vor drei Jahren war er Unterlieutenant gewesen, der sich mit Algonkins und Irokesen in den Wildnissen von Canada herumschlug. Eine Versetzung hatte ihn zwar nach Frankreich zurück und ins Regiment Picardie geführt, aber nur ein glücklicher Zufall hatte vollbracht, was zehn Feldzüge kaum vermocht hätten! An einem Wintertage war er nämlich des Königs Pferd in den Zügel gefallen, als das sich hochaufbäumende Tier bereits hart am Rande einer tiefen Kiesgrube war, und hatte sich dadurch Ludwigs Gunst erworben. Heute in der Vertrauensstellung als Hauptmann der königlichen Leibwache, jung, tapfer und beliebt, war sein Los in der That beneidenswert.

Und doch – wie es der seltsame Widerspruchsgeist der menschlichen Natur mit sich bringt – war er bereits übersättigt von der bei aller Pracht so eintönigen Routine des königlichen Haushaltes und warf sehnsüchtige Blicke zurück nach den rauheren, aber freieren Tagen seiner ersten Dienstzeit. Selbst hier an der königlichen Thür schweiften seine Gedanken hinaus aus der freskogeschmückten Galerie mit ihren Höflingen zu den wilden Schluchten und schäumenden Strömen des Westens. Da fielen seine Blicke plötzlich auf ein Gesicht, welches er in eben jenen Gegenden zum letztenmal gesehen.

»Ah, Herr von Frontenac!« rief er. »Sie können mich nicht vergessen haben!«

»Was! Catinat! Wahrhaftig, das ist eine Freude, ein Gesicht von jenseits des Wassers zu sehen! Aber es ist ein weiter Schritt vom Unterlieutenant im Regiment Carignan bis zum Hauptmann in der Leibwache. Sie sind schnell avanciert.«

»Ja, und doch bin ich darum wohl nicht glücklicher. Es gibt Zeiten, wo ich alles drangeben würde, um in einem Birkenkanoe die reißenden Stromschnellen des Lachine hinabzusausen, oder wenn die Blätter fallen, sie noch einmal rot und gelb auf den Berghängen schimmern zu sehen!«

»Ach ja!« seufzte Frontenac. »Sie wissen, mein Stern sank, als der Ihre aufging. Ich bin abberufen worden, und La Barre nimmt meine Stelle ein. Gegen diesen Mann wird sich aber dort ein Sturm erheben, dem er nicht stand halten kann. Wenn die Irokesen ihren Skalptanz tanzen und Dongan in New-York sie aus dem Hinterhalte hetzt, wird man mich brauchen, und man soll mich bereit finden, wenn man nach mir schickt! Jetzt will ich den König sprechen, und will versuchen, ob ich ihn nicht dazu bringen kann, dort sowohl wie hier, den großen Monarchen zu spielen. Hätte ich nur seine Macht in meinen Händen, so würde ich die Weltgeschichte umgestalten!«

»Still! Keinen Hochverrat vor dem Hauptmann der Leibwache,« lachte Catinat, als der trutzige alte Soldat an ihm vorbei zur Audienz schritt.

Während dieser kurzen Unterhaltung war ein kostbar in schwarz und silber gekleideter Kavalier herbeigekommen, und ging, sobald sich die Thür öffnete, mit der Sicherheit eines Mannes darauf zu, dessen Recht außer jedem Zweifel steht. Catinat indessen trat ihm in den Weg und versperrte ihm die Thür.

»Es thut mir sehr leid, Herr von Vivonne,« sagte er, »der Zutritt ist Ihnen nicht gestattet.«

»Nicht gestattet! Mir! Sie sind toll!« Mit fahlem Gesicht und stieren Augen trat er zurück, eine zitternde Hand wie zum Protest halb erhebend.

»Ich versichere Sie, es ist sein Befehl.«

»Aber es ist unglaublich, es ist ein Irrtum!«

»Sehr möglich.«

»Sie werden mich also passieren lassen?«

»Meine Befehle lassen mir keine Wahl.«

»Wenn ich nur ein Wort mit dem Könige sprechen konnte!«

»Unglücklicherweise ist das unmöglich, Herr von Vivonne.«

»Nur ein Wort.«

»Es hängt wirklich nicht von meinem Willen ab, mein Herr.«

Der erzürnte Edelmann stampfte mit dem Fuße und starrte nach der Thür, als beabsichtige er, den Einlaß zu erzwingen. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und eilte den Korridor entlang, wie jemand, der seinen Entschluß gefaßt hat.

»Da haben wir's!« brummte Catinat in seinen Bart, »der wird uns eine schöne Suppe einbrocken! Gleich werde ich seine Schwester auf den Hals bekommen, und dann steht mir eine nette kleine Wahl bevor. Entweder übertrete ich meine Ordre, oder ich mache sie mir auf Lebenszeit zur Feindin. Lieber will ich Fort Richelieu gegen die Irokesen halten, als des Königs Thür gegen eine zornige Frau. Meiner Treu, da ist schon eine Dame, ich sagte es ja. Ach, Gott sei Dank, gut Freund und kein Feind. Guten Morgen, Fräulein Nanon.«

»Guten Morgen, Herr von Catinat.«

Die Dame war eine schlanke, anmutige Brünette. Ihr einfacher Anzug brachte ihre frischen Farben und ihre glänzenden, schwarzen Augen nur noch mehr zur Geltung.

»Ich bin auf Wache, wie Sie sehen, meine Gnädigste. Ich kann mich nicht mit Ihnen unterhalten.«

»Soviel ich mich erinnere, habe ich den Herrn Hauptmann gar nicht gebeten, sich mit mir zu unterhalten.«

»Sie dürfen nicht so niedlich schmollen, denn dann muß ich mich mit Ihnen unterhalten!« flüsterte der Hauptmann. »Was haben Sie denn da in der Hand?«

»Ein Billet von Frau von Maintenon an den König. Sie werden es ihm einhändigen, nicht wahr?«

»Ganz gewiß, Fräulein Nanon. Und wie geht es Ihrer gnädigen Gebieterin?«

»O, ihr Beichtvater war den ganzen Morgen bei ihr, und seine Unterhaltung ist sehr, sehr fromm; aber auch ein bißchen sehr trübselig. Wir sind nie sehr munter, wenn Herr Godet uns besucht hat. Aber ich vergesse, daß der Herr Hauptmann Hugenot ist und nichts von Beichtvätern versteht.«

»Ich kümmere mich nicht um solche Unterschiede. Ich überlasse sie der Sorbonne und Genf, die mögen es miteinander ausfechten. Aber wissen Sie, ein Mann muß zu seiner Familie stehen.«

»Ach, wenn der Herr Hauptmann ein wenig mit Frau von Maintenon reden könnte! Sie würde ihn bekehren!«

»Ich möchte lieber mit Fräulein Nanon reden, aber wenn –«

»O!« – Ein Ausruf, ein Flattern dunkler Röcke, und die Zofe war in einem Seitengange verschwunden.

Die breite helle Galerie entlang schwebte eine sehr schöne, stattliche Dame daher: schlank, anmutig und außerordentlich hochmütig. Sie war prächtig gekleidet. Ein Leibchen aus Goldstoff saß über einem grauseidenen, mit Gold- und Silbertressen besetzten Rock. Eine kostbare Nadel hielt das feine Spitzentuch zusammen, das ihren schönen Hals mehr zeigte als verhüllte, und durch ihr volles, üppiges Haar wand sich eine Schnur echter Perlen, von denen eine jede das Jahreseinkommen eines Bürgers repräsentierte. Die Dame war freilich über die erste Jugend hinaus, aber die herrlichen Linien ihrer königlichen Gestalt, die Reinheit ihrer Gesichtsfarbe, der Glanz ihrer langbewimperten blauen Augen und der regelmäßige Schnitt ihrer Züge gaben ihr immer noch das Recht auf den Anspruch, für die schönste sowohl als die scharfzüngigste Frau am französischen Hofe zu gelten. So edel und anmutsvoll waren Gang und Anstand, so leicht trug sie den zierlichen Kopf auf dem stolzen weißen Nacken, daß der junge Offizier, von Bewunderung überwältigt, aller Furcht vergaß und es schwer fand, die vorgeschriebene dienstliche Miene zu bewahren, als er die Hand zum Gruße erhob.

»Ah, da ist ja der Hauptmann von Catinat,« sagte Frau von Montespan mit einem Lächeln, das ihn mehr in Verlegenheit setzte, als es ihr Stirnrunzeln vermocht hätte.

»Ihr unterthänigster Diener, Marquise.«

»Es ist mir lieb, einen Freund hier zu finden, denn heute morgen ist hier ein lächerliches Versehen vorgekommen.«

»Es thut mir leid, das zu hören.«

»Es handelte sich um meinen Bruder, Herrn von Vivonne. Die Sache ist eigentlich zu lächerlich, um ein Aufhebens davon zu machen – aber man hat ihm thatsächlich den Zutritt zum Lever verweigert.«

»Ich hatte das Mißgeschick, ihm denselben verwehren zu müssen, gnädige Frau.«

»Sie, Hauptmann von Catinat? Und mit welchem Recht?« Sie hatte ihre herrliche Gestalt hoch aufgerichtet, und aus ihren großen blauen Augen sprühten Empörung und Erstaunen.

»Des Königs Befehl, gnädige Frau.«

»Des Königs? Ist es denkbar, daß der König meiner Familie einen öffentlichen Schimpf anthun wird? Von wem hatten Sie denn diesen abgeschmackten Befehl?«

»Direkt vom Könige durch Bontems.«

»Unsinn! Meinen Sie, der König würde es wagen, einen Mortemart durch den Mund eines Lakaien auszuschließen? Sie haben geträumt, Herr Hauptmann.«

»Ich wünschte nichts mehr, als daß dem so wäre, gnädigste Frau.«

»Solche Träume bringen dem Träumer aber kein Glück. Gehen Sie, melden Sie dem Könige, ich sei hier und habe ein Wort mit ihm zu reden.«

»Unmöglich, gnädige Frau!«

»Warum denn?«

»Mir ist verboten, irgend eine Bestellung zu überbringen.«

»Keine Bestellung zu überbringen?«

»Keine von Ihnen, gnädige Frau,«

»Wahrhaftig, Herr Hauptmann, das wird ja immer schöner. Diese Beleidigung fehlte gerade noch, um das Maß voll zu machen. Von der ersten besten Abenteurerin, von irgend einer abgelebten Gouvernante dürfen Sie dem Könige Bestellungen machen –« sie lachte gellend auf bei dieser Beschreibung ihrer Nebenbuhlerin – »nur nicht von Françoise de Mortemart, Marquise von Montespan!«

»So lauten meine Befehle, Frau Marquise, ich bin tief bekümmert, sie ausführen zu müssen.«

»Sparen Sie ihre Beteuerungen, Hauptmann! Vielleicht erfahren Sie noch einmal, daß Sie allen Grund haben, tief bekümmert zu sein. Zum letztenmale – weigern Sie sich, dem König meine Bestellung zu überbringen?«

»Ich muß, gnädigste Frau.«

»Dann werde ich es selbst thun.«

Sie sprang auf die Thür zu, aber er kam ihr mit ausgebreiteten Armen zuvor.

»Um Gottes willen, besinnen Sie sich, gnädige Frau!« bat er. »Noch andere Augen beobachten Sie.«

»Pah! Canaille!« Sie blickte nach dem Trupp Schweizer, die der Sergeant einige Schritte zurückbeordert hatte, und die nun mit aufgesperrten Augen und Ohren die Scene anstierten. »Ich sage Ihnen, daß ich den König sehen will.«

»Keine Dame hat jemals dem Morgenlever beigewohnt.«

»Dann werde ich die erste sein.«

»Sie stürzen mich ins Verderben, wenn Sie hineingehen!«

»Nichtsdestoweniger werde ich es thun.«

Die Sache sah bedenklich aus. Catinat war nicht leicht zu verblüffen, aber diesmal ging ihm der Witz aus. Frau von Montespans Entschlossenheit, wie es in ihrer Gegenwart, oder Frechheit, wie es hinter ihrem Rücken hieß, war sprichwörtlich. Versuchte sie wirklich den Eintritt zu erzwingen, durfte er dann Gewalt brauchen gegen eine Frau, die gestern noch die Geschicke des ganzen Hofes in der hohlen Hand hielt, und die durch ihre Schönheit, ihren Witz und ihre Energie morgen ihre Stellung zurückerobert haben konnte? Wenn er sie durchließ, so war es ein für allemal aus mit seiner Gunst beim Könige, denn Ludwig duldete nicht die kleinste Abweichung von seinen Befehlen. Wenn er sie dagegen zurückstieß, so würde sie ihm das niemals verziehen haben, und er wäre ihrer tödlichen Rache verfallen, sobald sie wieder zur Macht gelangte. Es war ein unangenehmes Dilemma. Da fuhr ihm ein glücklicher Gedanke durch den Sinn, gerade als sie mit geballten Fäusten und flammenden Augen versuchen wollte, an ihm vorbei zu kommen.

»Wenn die Frau Marquise sich nur herbeilassen möchten zu warten,« sagte er beschwichtigend, »der König wird gleich nach der Kapelle gehen.«

»Dazu ist es noch zu früh.«

»Ich denke, die Stunde hat eben geschlagen.«

»Und ich soll warten, wie ein Lakai?«

»Es ist ja nur ein Augenblick, gnädige Frau.«

»Nein, ich werde nicht warten.« Damit that sie einen Schritt auf die Thür zu.

Doch das feine Ohr des Gardeoffiziers hatte plötzlich Fußtritte drinnen vernommen. Nun war er Herr der Situation. »Ich will die Bestellung der Frau Marquise übernehmen,« sagte er.

»Aha, Sie sind zur Besinnung gekommen! Gehen Sie und sagen Sie dem König, daß ich ihn zu sprechen wünsche.«

Er mußte noch ein wenig Zeit gewinnen. »Soll ich es durch den dienstthuenden Kammerherrn ausrichten?«

»Nein, Sie selbst sollen es thun.«

»Öffentlich?«

»Nein, nein, nur ihm allein!«

»Soll ich einen Grund für Ihr Gesuch angeben?«

»Sie machen mich wahnsinnig! Bestellen Sie, was ich Ihnen gesagt habe, und zwar auf der Stelle.«

Doch schon war der Knoten gelöst. Im selben Augenblick wurden die Flügelthüren geöffnet, und Ludwig erschien in ihrem Rahmen. In seinen hohen Stöckelschuhen stolzierte er voran; sein Stock klopfte auf, seine breiten Rockschöße klappten zurück, und seine Höflinge strömten hinter ihm her. Im Heraustreten hielt er einen Augenblick inne und wendete sich zu dem wachthabenden Hauptmann.

»Sie haben ein Billet für mich?«

»Ja, Sire.«

Der Monarch ließ es in die Tasche seiner scharlachroten Unterweste gleiten und schritt weiter. Da erblickte er Frau von Montespan, die sehr steif und hoch aufgerichtet mitten im Gange stand. Dunkle Zornesröte stieg ihm in die Stirn; ohne ein Wort ging er an ihr vorüber, doch sie wandte sich und hielt die Galerie hinunter mit ihm Schritt.

»Ich hatte diese Ehre nicht erwartet, gnädige Frau,« sagte er.

»Noch ich diese Beschimpfung, Sire.«

»Eine Beschimpfung? Sie vergessen sich, meine Gnädige.«

»Nein, Sie haben mich vergessen, Sire.«

»Sie drängen sich mir auf.«

»Ich wollte mein Schicksal von Ihren eignen Lippen hören,« flüsterte sie, »ich kann es ertragen, selbst geschlagen zu werden, Sire, sogar von dem, der mein Herz besitzt. Aber es ist doch hart, wenn man hören muß, der eigne Bruder wird durch den Mund von Bedienten und hugenottischen Söldnern verletzt und ohne jede Schuld seinerseits, nur weil seine Schwester zu zärtlich geliebt hat.«

»Hier ist nicht der Ort, um von solchen Dingen zu reden.«

»Wo kann ich Sie sehen, Sire?«

»Auf Ihrem Zimmer.«

»Um wieviel Uhr?«

»Um vier.«

»Dann werde ich Ew. Majestät nicht weiter stören.«

Sie machte ihm eine ihrer berühmten anmutigen Verbeugungen und wandte sich einem Seitengange zu. Der Triumph des Sieges leuchtete aus ihren Augen. Ihre Schönheit und ihr Geist hatten sie noch nie im Stich gelassen, und nun ihr Ludwig eine Zusammenkunft versprochen, zweifelte sie nicht, daß sie, wie schon früher, das Herz des Mannes zurückerobern würde, wie laut auch das Gewissen des Königs dawider spräche.

IV. Der Vater seines Volkes.

Ludwig war inzwischen in keiner sehr liebevollen Gemütsverfassung zu seinen Andachtsübungen gegangen. Seine Stirn war bewölkt, seine Lippen fest geschlossen. Er kannte seine bisherige Geliebte sehr genau. Sie war keck und rücksichtslos genug, einen widerwärtigen Skandal zuwege zu bringen. Ihre böse Zunge, die ihn so oft auf Kosten anderer amüsiert hatte, richtete sich jetzt womöglich gegen ihn selbst. Sie war im stande, ihn öffentlich bloßzustellen, ihn zur Zielscheibe des Spottes und Klatsches von ganz Europa zu machen. Er schauderte bei dem Gedanken. Solch eine Katastrophe mußte um jeden Preis vermieden werden. Wie konnte er denn aber das Band lösen, das sie vereinigte? Er hatte schon derartige Fesseln zerrissen, aber die sanfte La Vallière hatte sich in ein Kloster zurückgezogen bei dem ersten Blick, der ihr die abnehmende Liebe verriet. Das war echte Hingabe. Diese Frau jedoch würde zweifellos bis aufs Blut kämpfen, ehe sie die Stellung aufgab, die ihr so teuer war. Sie sprach von dem Unrecht, das ihr geschehen! Was war denn das für ein Unrecht? In seiner krassen, durch die ihm zur Lebensluft gewordene Schmeichelei genährten Selbstsucht vermochte er nicht zu begreifen, daß die fünfzehn Jahre ihres Lebens, die sie ihm geschenkt, oder der Verlust ihres Gatten, den er verdrängt, ihr irgend welches Recht auf ihn gäbe. Nach seiner Ansicht hatte er sie zu der höchsten Stellung erhoben, die eine Unterthanin einnehmen konnte. Jetzt, da er ihrer überdrüssig geworden, war es ihre Pflicht, sich mit Ergebung – ja mit Dankbarkeit für vergangene Gunstbezeugungen – zurückzuziehen. Sie sollte eine Pension bekommen, und für ihre Kinder sollte gesorgt werden. Was konnte eine vernünftige Frau mehr verlangen?

Außerdem waren seine Gründe, sie abzudanken, doch so stichhaltig! Er überlegte sie sich wieder und wieder, während er auf den Knieen lag und der Messe zuhörte, welche der Erzbischof von Paris celebrierte. Und je länger er über seine Gründe nachdachte, desto triftiger erschienen sie ihm. Er stellte sich seinen Herrgott als einen etwas größeren Ludwig vor und den Himmel als ein etwas prächtigeres Versailles. Da er von seinen zwanzig Millionen unbedingten Gehorsam verlangte, schuldete er ihn seinerseits jenem Höheren, der darauf Anspruch machen konnte. Im ganzen sprach ihn sein Gewissen frei. Nur in dieser einen Sache war er lax gewesen. Seit vor Jahren seine junge und nachsichtige Gemahlin aus Spanien gekommen war, hatte er sie nie ohne eine Nebenbuhlerin gelassen. Nach ihrem Tode war es nicht anders geworden. Eine Maitresse hatte die andre abgelöst. Daß die Montespan ihre Stellung so lange behauptet, verdankte sie mehr ihrer Keckheit als seiner Liebe. Aber jetzt erinnerten ihn Pater La Chaise und Bossuet unaufhörlich daran, daß er den Höhepunkt seines Lebens überschritten habe, ja daß er schon auf dem absteigenden Pfade sei, der zum Grabe führt. Seine ungestüme Leidenschaft für die unglückliche Fontanges war das letzte Aufflackern seiner sinnlichen Glut gewesen. Die Zeit des Ernstes und der Ruhe war gekommen, aber beides war undenkbar in Frau von Montespans Gesellschaft.

Doch er kannte schon den Ort, wo beides zu finden war. Von dem Tage an, da die Montespan ihm die stattliche, schweigsame Witwe als Erzieherin seiner Kinder vorgestellt, hatte er ein stetig zunehmendes Gefallen an ihrer Gesellschaft gefunden. Anfangs hatte er sich stundenlang in den Gemächern seiner Maitresse aufgehalten und hatte den Takt und die freundliche Gelassenheit beobachtet, womit die Gouvernante den trotzigen Übermut des ausgelassenen jungen Herzogs von Maine und des mutwilligen kleinen Grafen von Toulouse in Schranken hielt. Angeblich war er gekommen, um den Unterricht zu beaufsichtigen, thatsächlich weil die Lehrerin ihn anzog und zur Bewunderung fortriß. Mit der Zeit war er denn auch dem Einfluß dieser starken und doch so milden Natur unterlegen. Ehe er sich versah, begegnete es ihm, daß er sie über allerhand heikle Punkte befragte und ihren Rat mit einer Gefügigkeit befolgte, die er nie zuvor einem Minister oder einer Geliebten gegenüber gezeigt hatte. Anfangs hatte er ihre Frömmigkeit und ihr Sprechen über Grundsätze für eine bloße Maske gehalten, denn alles um ihn her heuchelte ja. Es kam ihm doch äußerst unwahrscheinlich vor, daß eine noch immer schöne Frau mit so leuchtenden Augen und einer anmutvollen Gestalt, wie sie an seinem ganzen Hofe nicht schöner zu finden war, sich die Keuschheit einer Nonne hatte bewahren können. Noch dazu, nachdem sie ihr Leben in den denkbar lustigsten Kreisen zugebracht hatte. Über diesen Punkt kam er aber bald ins Reine. Sobald seine Sprache wärmer wurde, als es sich mit ruhiger Freundschaft verträgt, war er auf ein so eisiges Wesen und eine so ablehnende Sprache gestoßen, daß es ihm klar wurde, es gäbe wenigstens noch eine Frau in seinen Landen, die sich selbst höher achtete, als ihn. Vielleicht war es auch besser so. Nach den Stürmen der Leidenschaft wirkten der Freundschaft ruhige Freuden sehr wohlthuend auf ihn. Seine glücklichsten Stunden brachte er nun jeden Nachmittag in ihrem Zimmer zu; da lauschte er ihrer Rede, die von Schmeichelei unbefleckt war, da hörte er ihre Ansichten, die nicht darauf berechnet waren, seinem Ohr zu gefallen. Und wie gut war doch ihr Einfluß auf ihn! Sie sprach von seinen königlichen Pflichten, von dem Beispiel, das er seinen Unterthanen schuldig sei, von seiner Vorbereitung auf das zukünftige Leben, von der Notwendigkeit, sich aufzuraffen und die schuldvollen Bande zu zerreißen, welche er geknüpft hatte. Sie war so gut wie ein Beichtvater – ein Beichtvater mit reizendem Gesicht und vollendet schönem Arm.

Und nun wußte er, daß der Augenblick gekommen war, wo er zwischen ihr und der Montespan wählen mußte. Jede übte auf ihn einen völlig verschiedenen Einfluß. Das konnte nicht so fortdauern. Er stand zwischen Tugend und Laster und mußte eine Wahl treffen. Das Laster war sehr verlockend, sehr anmutig, sehr witzig und hielt ihn zudem an der Kette der Gewohnheit, die sich so schwer abschütteln läßt. Es gab Stunden, in denen seine Natur sehr stark nach dieser Seite hinneigte, in denen er sich versucht fühlte, in sein altes Leben zurückzufallen. Aber Bossuet und Pater La Chaise hielten sich beständig an seiner Seite und flüsterten ihm Ermahnungen zu. Vor allem war es Frau von Maintenon, die ihn täglich daran erinnerte, was er seiner Stellung und seinen sechsundvierzig Jahren schuldig sei. Jetzt endlich hatte er alle Kraft zu einem großen Entschluß zusammengerafft. So lange seine frühere Maitresse bei Hofe war, gab es für ihn keine Sicherheit. Er kannte sich zu gut, als daß er sich eine dauernde Bekehrung zuzutrauen wagte, während sie ihm nahe war und nur auf seine schwache Stunde lauerte. Sie mußte bewogen werden, Versailles zu verlassen, wenn es ohne einen Skandal geschehen konnte. Er wollte fest bleiben, wenn er heute nachmittag mit ihr zusammentraf, und ihr ein für allemal klar machen, daß ihre Herrschaft auf immer vorüber sei.

Solche Gedanken gingen dem Könige durch den Kopf, während er sich über das prächtige Kissen seines eichenen geschnitzten Betstuhls beugte. Er kniete in seinem Gestühl rechts vom Altar, umgeben von seiner Leibwache und den Personen seines unmittelbaren Haushaltes. Der übrige Hof – Kavaliere und Damen – füllten das Schiff der Kapelle. Die Frömmigkeit war mit den dunklen Überröcken und Spitzenkravatten in die Mode gekommen, auch das gottloseste Weltkind bei Hofe umgab sich mit einem Schein von Gottseligkeit, seitdem der König sich mit Religion abgab. Freilich, sie sahen stark gelangweilt aus, diese vornehmen Herren vom Hofe und von der Armee! Die meisten gähnten und nickten über ihren Gebetbüchern; einige, die wirklich in ihre Andacht vertieft schienen, schöpften dieselbe aus einem vorsichtig mit dunklem Umschlag versehenen Roman der Scudéry oder Calprenèdes.

Die Damen waren andächtiger; auch sorgten sie dafür, daß man es sähe. Jede hielt eine Wachskerze in der Hand, anscheinend, um ihr Meßbuch zu beleuchten, in Wirklichkeit aber, damit der König ihr Gesicht sehen und erkennen möchte, daß er hier eine verwandte Seele fände. Es mochten wohl hie und da einige darunter sein, deren Gebet von Herzen kam und die aus freien Stücken an der heiligen Stätte weilten; aber es war gewiß nur eine kleine Zahl, denn die Politik Ludwigs hatte seine Edelleute in Höflinge, die Weltleute in Heuchler umgewandelt, bis der ganze Hof einem riesigen Spiegel glich, der sein Ebenbild hundertfach zurückwarf.

Es war Ludwigs Gewohnheit, auf dem Rückwege von der Kapelle Bittschriften entgegenzunehmen, oder etwaige Beschwerden seiner Unterthanen anzuhören. Der Weg zu seinen Gemächern führte quer über einen freien Platz, wo sich die Supplikanten aufzustellen pflegten. Heute hatten sich nur drei dort eingefunden: ein Pariser Handwerker, der sich von dem Vorsteher seiner Gilde für beleidigt erachtete; ein Bauer, dessen Kuh von dem Rüden eines Jägers zerfleischt worden, und ein Pächter, der von seinem Lehnsherrn grausam behandelt worden war. Ein paar Fragen, dann ein hastiger Befehl an den Sekretär erledigten jeden einzelnen Fall, denn wenn auch Ludwig selbst ein Tyrann war, so hatte er wenigstens das Verdienst, darauf zu halten, daß er in seinem Königreiche der einzige blieb. Eben wollte er seinen Weg fortsetzen, als ein ältlicher, feingekleideter Bürger, dessen tiefgefurchtes Gesicht und stark ausgeprägte Züge den charaktervollen Mann verrieten, hervorstürzte und das Knie vor dem Monarchen beugte.

»Gerechtigkeit, Sire, Gerechtigkeit!« rief er.

»Was bedeutet das?« fragte Ludwig. »Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?«

»Ich bin ein Bürger aus Paris. Mir ist schweres Unrecht geschehen!«

»Ihr scheint mir ein würdiger Mann zu sein. Wenn Euch in der That unrecht geschehen ist, so soll Euch Abhilfe zu teil werden. Worüber habt Ihr zu klagen?«

»Zwanzig blaue Dragoner vom Regiment Languedoc sind unter Hauptmann Dalbert in meinem Hause einquartiert. Sie haben meine Vorräte verzehrt, mein Eigentum gestohlen, und meine Dienstboten geschlagen; trotzdem verweigert mir der Magistrat jede Abhilfe.«

»Bei meinem Leben, unsre Stadt Paris scheint eine absonderliche Art von Gerechtigkeit walten zu lassen!« rief der König erzürnt.

»In der That, ein schändliches Verfahren,« sagte Bossuet.

»Und doch mag ein guter Grund dafür vorhanden sein,« meinte Pater La Chaise. »Ich möchte Sr. Majestät vorschlagen, diesen Mann nach seinem Namen und Geschäft zu fragen und nach dem Grunde, aus welchem die Dragoner bei ihm einquartiert wurden.«

»Ihr hört die Frage des ehrwürdigen Vaters.«

»Mein Name, Sire, ist Catinat, ich bin ein Tuchhändler, und man behandelt mich so, weil ich der reformierten Kirche angehöre.«

»Das dachte ich mir,« rief der Beichtvater.

»Das ändert die Sache,« sagte Bossuet.

Der König schüttelte den Kopf, und seine Stirn umwölkte sich. »Dann freilich habt Ihr das alles Euch selbst zuzuschreiben. Die Abhilfe liegt in Eurer Hand.«

»Wie das, Sire?«

»Ihr braucht nur den allein selig machenden Glauben anzunehmen.«

»Den besitze ich schon, Sire.«

Der König stampfte ärgerlich mit dem Fuße. »Ich finde, daß Ihr ein sehr frecher Ketzer seid,« sagte er. »Es gibt nur eine Kirche in Frankreich, und das ist meine Kirche. Wenn Ihr nicht dazu gehört, könnt Ihr keine Hilfe von mir erwarten.«

»M

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