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Die Raintree-Saga

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Die Raintree-Saga

Linda Howard

Aus dem Feuer geboren

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Linda Winstead Jones

Dem Mond versprochen

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Beverly Barton

Der Liebe geweiht

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Linda Howard

Aus dem Feuer geboren

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Justine Kapeller

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1. KAPITEL

Sonntag

Dante Raintree stand mit verschränkten Armen da und beobachtete die Frau auf dem Bildschirm. Das Bild war schwarzweiß, so konnte man die Details besser erkennen; Farben lenkten nur ab. Er konzentrierte sich auf ihre Hände, beobachtete jede ihrer Bewegungen. Was ihm am meisten auffiel, war allerdings, wie ungewöhnlich ruhig sie dasaß. Sie rutschte nicht auf ihrem Stuhl hin und her, sie spielte nicht mit den Chips, sah nicht die anderen Spieler an. Sie warf einen kurzen Blick auf ihre erste Karte und fasste sie danach nicht mehr an. Dass sie eine weitere Karte wollte, signalisierte sie, indem sie mit dem Fingernagel auf den Tisch klopfte. Aber nur, weil sie den anderen Spielern keine Beachtung zu schenken schien, war sie keineswegs so harmlos, wie sie wirkte.

„Wie heißt sie?“, fragte er.

„Lorna Clay“, antwortete der Kopf seiner Sicherheitsleute, Al Rayburn.

„Ist das ihr richtiger Name?“

„Sie ist vollkommen sauber.“

Wenn Al sie nicht schon überprüft hätte, wäre Dante enttäuscht gewesen. Er bezahlte schließlich eine Menge Geld, damit Al effizient und gründlich arbeitete.

„Erst habe ich gedacht, sie zählt“, sagte Al. „Aber dafür ist sie nicht aufmerksam genug.“

„Sie ist aufmerksamer, als du glaubst“, murmelte Dante. „Man sieht es ihr nur nicht an.“ Ein Kartenzähler musste sich an jede gespielte Karte erinnern. Eigentlich galt es als unmöglich, Karten zu zählen, bei der großen Anzahl an Decks, die in einem Kasino verwendet wurden, aber trotzdem wollte kein Kasino einen Kartenzähler an seinen Tischen haben. Nichtsdestotrotz gab es diese seltenen Individuen, die sich ihre Gewinnchancen sogar bei mehreren Kartendecks ausrechnen konnten.

„Das habe ich auch gedacht“, sagte Al, „aber sehen Sie sich das an. Jemand, den sie kennt, kommt zu ihr, redet mit ihr, sie dreht sich um und unterhält sich mit ihm, bekommt überhaupt nicht mit, wie die Leute links von ihr spielen – und dreht sich nicht einmal um, als sie wieder an der Reihe ist, sie klopft nur mit dem Finger auf den Tisch. Und hol mich der Teufel, wenn sie nicht gewinnt. Da. Schon wieder!“

Dante sah sich die Aufnahme an, spulte sie zurück, sah sie noch einmal an. Dann ein drittes Mal. Es musste irgendetwas geben, was er übersah, aber er entdeckte nicht ein einziges verräterisches Zeichen.

„Wenn sie betrügt“, sagte Al mit einem Anflug von Respekt, „dann ist sie die Beste, die ich je gesehen habe.“

„Was sagt dein Bauch?“ Dante vertraute seinem Sicherheitschef. Al arbeitete seit dreißig Jahren im Kasinogeschäft, und einige Leute schworen darauf, dass er einen Betrüger erkannte, sobald er zur Tür hereinkam. Wenn Al glaubte, dass sie betrog, dann würde Dante etwas dagegen unternehmen – und sie würden sich diese Aufnahme nicht gemeinsam ansehen, wenn Al diesen Verdacht nicht hätte.

Al kratzte sich am Kinn und dachte nach. Er war ein großer, breit gebauter Mann, aber er war alles andere als träge. Schließlich sagte er: „Wenn sie nicht betrügt, ist sie der glücklichste Mensch, der auf Erden wandelt. Sie gewinnt. Woche für Woche gewinnt sie. Nie große Summen, aber ich habe die Zahlen überprüft, und sie erleichtert uns jede Woche um etwa fünf Riesen. Verdammt, Boss, wenn sie das Kasino verlässt, steckt sie einen Dollar in einen Spielautomaten und ist um fünfzig reicher. Es ist nie die gleiche Maschine. Ich habe sie beobachten lassen, ich habe sie beschatten lassen, ich habe sogar überprüft, ob sich gleichzeitig mit ihr immer die gleichen Gesichter auf den Bändern finden lassen, aber ich kann keinen gemeinsamen Nenner finden.“

„Ist sie gerade hier?“

„Sie ist vor etwa einer halben Stunde gekommen. Spielt Blackjack, wie immer.“

„Wer ist ihr Geber?“

„Cindy.“

Cindy Josephson war Dantes beste Kartengeberin, und sie erkannte einen Betrüger fast ebenso gut wie Al. Sie arbeitete bei ihm, seit er das Inferno eröffnet hatte, und er vertraute darauf, dass sie ein ehrliches Spiel leitete. „Bring die Frau in mein Büro“, entschied Dante sich schnell, „und mach keine Szene.“

„Geht klar“, sagte Al, drehte sich auf der Stelle um und verließ das Sicherheitszentrum, wo Wände voller Bildschirme jede einzelne Ecke des Kasinos überwachten.

Auch Dante ging hinaus und in sein Büro. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung. Normalerweise würde er es Al überlassen, sich um einen Betrüger zu kümmern, aber er war neugierig. Wie stellte sie es an? Es gab eine Menge schlechter Betrüger, einige gute, und manchmal kam einer daher, der Geschichte machte: der Betrüger, den man nicht erwischen konnte, auch wenn alle ihn beobachteten und die Kamera auf ihn gerichtet war – oder in diesem Fall auf sie.

Es war natürlich möglich, dass man einfach Glück hatte – zumindest das, was die meisten Menschen darunter verstanden. Das Schicksal konnte aus einem ewigen Verlierer einen Gewinner machen, und im Grunde lebten Kasinos ja von genau dieser Hoffnung. Aber das Glück selbst war alles andere als gewöhnlich, und er wusste, dass das, was viele dafür hielten, nicht selten etwas ganz anderes war: Betrug. Und dann gab es noch diese andere Art von Glück – jene nämlich, die ihm selbst hold war. Sie hing nicht vom Schicksal ab, sondern von dem, was er war; sie war eine angeborene Kraft und nicht eine von Fortunas Launen. Doch diese Kraft war selten, und die Chancen standen gut, dass die Frau, die er beobachtete, nur eine sehr gute Betrügerin war.

Ihre Fähigkeit ermöglichte ihr einen hohen Lebensstandard, dachte er bei sich, und rechnete nach. Fünf Riesen die Woche machten zweihundertsechzigtausend Dollar im Jahr, und das nur aus seinem Kasino. Wahrscheinlich besuchte sie alle, und achtete darauf, nicht zu viel zu gewinnen, damit sie nicht auffiel.

Er fragte sich, wie lange sie ihm schon ihre Besuche abstattete, wie lange sie schon ein wenig hier, ein wenig da gewann, ehe sie Al aufgefallen war.

Die Vorhänge vor der verglasten Außenwand seines Büros waren immer noch offen. Auf den ersten Blick wirkte es, also würde man einen überdachten Balkon betreten. Die Doppelglasfenster zeigten nach Westen, sodass er die Sonnenuntergänge betrachten konnte. Die Sonne stand schon tief am violett und gold getönten Himmel. Zu Hause in den Bergen zeigten die meisten Fenster nach Osten, in Richtung Sonnenaufgang. Irgendwie war es ihm ein Bedürfnis, die Sonne sowohl zu begrüßen als auch zu verabschieden. Ihr Licht hatte ihn schon immer angezogen, vielleicht, weil das Feuer sein Element war.

Er überprüfte seine innere Uhr: Noch vier Minuten bis Sonnenuntergang. Er wusste genau, wann die Sonne hinter den Bergen verschwinden würde. Er besaß keinen Wecker. Er brauchte keinen. Er war so fein auf den Stand der Sonne eingestimmt, dass er nur in sich selbst hineinhorchen musste, um die genaue Zeit zu wissen. Er war einer der Menschen, die sich nur vornehmen mussten, zu einer bestimmten Zeit aufzuwachen, und es dann auch taten. Diese besondere Gabe hatte nichts damit zu tun, dass er ein Raintree war, also musste er sie nicht verbergen; viele andere Menschen teilten diese Fähigkeit mit ihm.

Andere seiner Talente hingegen verlangten es, gründlich verborgen zu werden. Die langen Sommertage verliehen ihm ein fast sinnliches Hochgefühl, er konnte die Energie, die in ihm brummte, dicht unter seiner Haut spüren. Er musste in dieser Zeit besonders aufpassen, dass sich Kerzen in seiner Nähe nicht einfach entzündeten, oder dass er mit nur einem Blick in einen Busch, der trocken wie Zunder war, ein Lauffeuer verursachte. Er liebte Reno; er wollte es nicht abbrennen. Nur fühlte er sich so verdammt am Leben, wenn das Sonnenlicht auf ihn hinabströmte, dass er die Energie durch sich hindurchfließen lassen wollte, statt sie in sich zu verwahren.

So musste sich sein Bruder Gideon fühlen, wenn er Blitze anzog und sich ihre heiße Kraft durch seine Muskeln und seine Adern ausbreitete. Das hatten sie gemeinsam, diese Verbindung mit den Naturgewalten. Alle Mitglieder des weit verzweigten Raintree-Clans hatten eine Gabe, eine besondere Fähigkeit, aber nur Mitglieder der königlichen Familie konnten die Energien der Erde einfangen und kontrollieren.

Dante war nicht nur Mitglied der königlichen Familie, er war der Dranir, der Führer der gesamten Sippe. „Dranir“ war ihre Bezeichnung für „König“. Dante war der älteste Sohn des letzten Dranirs, aber die Position wäre ihm aberkannt worden, wenn er nicht auch dessen Macht geerbt hätte.

Gideon stand an zweiter Stelle. Wenn Dante etwas zustoßen sollte oder er kinderlos starb, würde Gideon Dranir werden – eine Möglichkeit, die seinem Bruder überhaupt nicht gefiel, was auch den Fruchtbarkeitszauber auf Dantes Schreibtisch erklärte. Er war gerade am Morgen mit der Post gekommen. Gideon schickte sie ihm regelmäßig, nur teilweise als Scherz. Tatsächlich setzte er alles daran, dass Dante einen Nachkommen zeugte und er damit die Chancen erhöhte, selbst niemals diese Stellung zu erben. Immer, wenn es ihnen gelang, sich zu treffen, musste Dante sorgfältig jede Ecke, jeden Winkel und jede Falte seiner Kleidung durchsuchen, um sicherzugehen, dass Gideon nicht einen seiner cleveren kleinen Zauber versteckt hatte.

Gideon wurde, wie Dante feststellte, immer besser darin, diese Zauber zu fertigen. Übung machte schließlich den Meister, und wirklich, er hatte eine Menge dieser Zauber hergestellt in den letzten Jahren. Sie waren jetzt nicht nur mächtiger, er benutzte auch eine andere Herangehensweise. Einige von ihnen waren offensichtlich kleine silberne Schmuckstücke, die dazu gedacht waren, sie um den Hals zu tragen wie ein Amulett – nicht, dass Dante der Typ für Amulette wäre. Andere waren winzig, unauffällig, wie der, den Gideon in die Visitenkarte eingebettet hatte, die er geschickt hatte, weil er wusste, dass Dante sie höchstwahrscheinlich in die Tasche stecken würde. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass die Kraft des Zaubers selbst ihn verraten würde. Dante hatte die Magie gespürt, auch wenn es ihm alles andere als leichtgefallen war, ihre Quelle zu finden.

Hinter ihm ertönte das für Al typische Klopfen an der Tür. Das Vorzimmer war leer, Dantes Sekretärin war schon vor Stunden nach Hause gegangen. „Herein“, sagte er, wendete sich aber nicht vom Sonnenuntergang ab.

Die Tür öffnete sich, und Al sagte: „Mr Raintree, das ist Lorna Clay.“

Dante drehte sich um und sah, seine Sinne alle geschärft, die Frau an. Das Erste, was ihm auffiel, war die leuchtende Farbe ihrer Haare – ein tiefes, dunkles Rot, das aus einer Vielzahl von Farbtönen, von Kupfer bis Burgunder, bestand. Das warme, bernsteingoldene Licht tanzte auf den schimmernden Strähnen, und er spürte das scharfe Ziehen reiner Lust in seinen Eingeweiden. Ihr Haar zu betrachten war, als würde er ins Feuer sehen, und er zeigte die gleiche Reaktion darauf.

Das Zweite, was ihm auffiel, war, dass die Frau vor Wut schäumte.

2. KAPITEL

Dann geschahen mehrere Dinge kurz nacheinander, vielleicht sogar gleichzeitig. Dantes Sinne waren zum Bersten geschärft. Der Funke der Begierde prallte auf das Feuer, das ihm im Blut lag. Explosionen der Sinne schossen seine Nervenbahnen entlang, zu schnell, um sie kontrollieren zu können. Auf der anderen Seite des Raumes entzündeten sich alle Kerzen, die einzelnen Flammen größer und heller, als sie sein sollten. Und auf seinem Schreibtisch begann Gideons verdammter kleiner Fruchtbarkeitszauber zu vibrieren, als wäre ein Schalter umgelegt worden.

Was in aller Welt …?

Er hatte nicht die Zeit, alles, was um ihn herum geschah, in seine Einzelteile zu zerlegen und zu analysieren; er musste sich selbst in den Griff bekommen, und zwar schnell, sonst würde bald der ganze Raum in Flammen stehen. So einen beschämenden Kontrollverlust hatte er nicht mehr erlebt, seit er in die Pubertät gekommen war und seine aufwallenden Hormone alles durcheinandergebracht hatten.

Gnadenlos begann er, der aufbrausenden Kraft seinen Willen aufzuzwingen. Es war nicht leicht; auch wenn er ganz unbewegt dastand, fühlte er sich im Geiste, als würde er einen großen, schlecht gelaunten Bullen reiten. Es lag in der Natur der Energie, frei sein zu wollen, und sie leistete erbitterten Widerstand gegen jeden Versuch, sie zu zähmen und zurück in seine geistigen Mauern zu verweisen. Normalerweise war seine Kontrolle außerordentlich gut. Schließlich reichte es nicht aus, Macht zu besitzen, um Dranir zu werden, man musste sie kontrollieren können. Kontrollverlust führte zu Zerstörung – und schließlich auch dazu, entdeckt zu werden. Die Raintree verdankten ihr Überleben über die Jahrhunderte zu großen Teilen ihrer Fähigkeit, sich den normalen Menschen anpassen zu können, also konnte man mit diesem Thema nicht leichtfertig umgehen.

Dante hatte sein ganzes Leben lang trainiert, die Macht und die Energien, die in ihm tobten, unter Kontrolle zu bringen. Und auch wenn er wusste, dass die Zeit vor der Sommersonnenwende immer schwierig war, war er an so einen hohen Grad der Schwierigkeit nicht gewöhnt. Mit grimmiger Entschlossenheit konzentrierte er sich, zog seine Energie zurück, verschloss sie in sich, zwang den Naturgewalten seinen Willen auf. Er hätte die Kerzen löschen können, aber mit noch größerer Willenskraft ließ er sie brennen. Er würde sonst nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sie lenken, als das Entzünden es sowieso schon getan hatte.

Das Einzige, was sich noch seiner Kontrolle entzog, war dieser verfluchte Fruchtbarkeitszauber auf seinem Schreibtisch, der immer noch summte und vibrierte und wahrscheinlich kurz davor war zu blinken. Auch wenn er wusste, dass Al und Miss Clay die Energie, die von dem Ding ausging, nicht spüren konnten, brauchte es doch seine ganze Willenskraft, um es nicht anzusehen. Gideon hatte sich diesmal wirklich selbst übertroffen. Dante versprach sich wütend, zu warten, bis er seinen Bruder das nächste Mal traf. Wenn Gideon die Sache amüsant fand, dann würden sie ja sehen, wie sehr es ihn amüsierte, wenn er die Seiten umkehrte. Gideon war nicht der Einzige, der Fruchtbarkeitszauber herstellen konnte.

Nachdem er alle Lauffeuer unter seine Kontrolle gebracht hatte, wendete er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gast zu.

Lorna versuchte noch einmal, ihren Arm aus dem Griff des Gorillas zu befreien, aber er packte gerade fest genug zu, um sie zu halten, ohne allzu stark zuzudrücken. Während ein kleiner Teil von ihr es zu schätzen wusste, dass er ihr nicht unnötig Schmerzen bereiten wollte, war der größte Teil von ihr einfach nur so wütend. Wütend und, ja, auch verängstigt – so sehr, dass sie ihn anspringen und mit aller Kraft kratzen, treten und beißen wollte, um sich zu befreien.

Ihr Überlebensinstinkt überrollte sie mit voller Wucht. Ihre Haare stellten sich auf. Der Mann, der so unbewegt und ruhig vor dem riesigen Fenster stand, war eine viel größere Bedrohung für sie als der Gorilla.

Ihre Kehle krampfte sich zusammen, als würde sich eine Faust aus Angst um ihren Hals schließen. Sie konnte nicht sagen, was an ihm sie so in Alarmbereitschaft versetzte, aber sie hatte sich bisher nur ein einziges Mal so gefühlt, in einer abgelegenen Gasse in Chicago. Sie war daran gewöhnt, auf sich selbst aufzupassen, und die Gasse diente ihr normalerweise als Abkürzung zu ihrer Wohnung – besser gesagt, zu dem kleinen, heruntergekommenen Zimmer in einem verfallenen Gebäude. Aber eines Nachts, als sie gerade hier eingebogen war, hatten sich ihre Haare aufgestellt und sie hatte, starr vor Schreck, keinen Schritt mehr machen können. Sie konnte nichts Verdächtiges sehen, nichts hören – aber sie konnte sich nicht vorwärtsbewegen. Ihr Herz hatte so stark in ihrer Brust geschlagen, dass sie kaum atmen konnte, und ihr war auf einmal schlecht vor Angst geworden. Langsam hatte sie sich aus der Gasse zurückgezogen und war die Straße hinuntergeflüchtet, um den langen Nachhauseweg zu nehmen.

Am nächsten Morgen hatte man die Leiche einer Prostituierten in der Gasse gefunden, brutal vergewaltigt und verstümmelt. Lorna wusste, dass sie das hätte sein können, wenn ihre plötzliche, haarsträubende Panik sie nicht gewarnt hätte.

Jetzt war es genau so wie damals, als würde ihr Sinn für Gefahr mit voller Wucht ihren Körper rammen. Der Mann, der vor ihr stand – wer auch immer er sein mochte –, war eine Bedrohung für sie. Sie zweifelte daran, dass er sie ermorden oder verstümmeln würde, aber es gab genügend andere Gefahren, andere Wege, sie zu zerstören.

Ihr war, als müsste sie ersticken. Ihr Hals war wie zugeschnürt. Kleine, stecknadelkopfgroße Punkte flimmerten vor ihren Augen, und sie nahm mit stummer Panik wahr, dass sie kurz davor war, in Ohnmacht zu fallen. Doch das durfte nicht passieren. Wenn sie das tat, wäre sie vollkommen hilflos.

„Miss Clay“, sagte er mit ruhiger, samtweicher Stimme, als würde er ihre Panik nicht bemerken. „Bitte setzen Sie sich.“

Diese nüchterne Kombination aus Einladung und Befehl hatte den segensreichen Effekt, dass sie aus ihrer Erstarrung erwachte. Irgendwie gelang es ihr, einzuatmen, ohne dabei zu keuchen, einmal, dann noch einmal. Ihr würde nichts geschehen. Sie musste keine Angst haben. Ja, es war eine etwas alarmierende Situation, und wahrscheinlich würde sie nicht ins Inferno zurückkommen, um zu spielen, aber sie hatte keine Gesetze oder Kasinoregeln gebrochen. Sie war in Sicherheit.

Wieder flammten die Lichtpunkte auf. Was …? Verwirrt drehte sie ihren Kopf und starrte zwei riesige Altarkerzen an, jede von ihnen fast einen Meter hoch, eine auf dem Boden und die andere auf einem weißen Marmorbrocken, der als Ofen diente. Flammen tanzten an den Dochten der Kerzen.

Kerzen. Sie war gar nicht kurz davor gewesen, in Ohnmacht zu fallen. Die flimmernden Punkte vor ihren Augen waren Kerzenflammen gewesen. Sie hatte sie nicht bemerkt, als sie in den Raum geschleift wurde, aber das war wohl verständlich.

Die Flammen tanzten und wiegten sich hin und her, als stünden sie in einem Luftzug. Auch das war verständlich. Es war Sommer in Reno, und die Klimaanlage lief mit Sicherheit auf höchster Stufe. Lorna trug immer lange Ärmel, wenn sie in ein Kasino ging, sonst wurde es ihr einfach zu kalt.

Sie zuckte zusammen, als sie bemerkte, dass sie nur die Kerzen anstarrte, ohne sich zu bewegen, und auf die Einladung, sich zu setzen, gar nicht reagiert hatte. Sie zwang sich, ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Mann am Fenster zu richten, und versuchte sich zu erinnern, wie der Gorilla ihn genannt hatte.

„Wer sind Sie?“, fragte sie scharf. Noch einmal versuchte sie, ihren Arm zu befreien, aber der Gorilla seufzte nur und hielt sie weiter fest. „Lassen Sie mich los!“

„Ist schon gut“, sagte der Mann und klang dabei leicht amüsiert. „Danke, dass du sie hergebracht hast.“

Der Gorilla gab sie augenblicklich frei. „Ich bin in der Sicherheitszentrale“, sagte er, bevor er leise das Büro verließ.

Ob es sich lohnen würde zu fliehen? Lorna dachte darüber nach, blieb aber stehen. Sie wollte nicht weglaufen. Das Kasino hatte ihren Namen und eine Beschreibung von ihr, und wenn sie floh, würde man sie auf die Schwarze Liste setzen – nicht nur im Inferno, sondern in jedem Kasino in Nevada.

„Ich bin Dante Raintree“, sagte der Mann und wartete dann einen Herzschlag lang, ob sie auf seinen Namen reagierte. Doch er sagte ihr nichts, und sie hob fragend die Augenbrauen. „Mir gehört das Inferno.“

Mist! Ein Besitzer hatte eine Menge Einfluss bei der Spielkommission. Sie musste jetzt sehr vorsichtig sein, aber sie hatte einen Vorteil. Er konnte nicht beweisen, dass sie betrog, denn es war einfach eine Tatsache, dass sie es nicht tat.

„Dante. Inferno. Verstehe“, antwortete sie mit einem Anflug von Na und? in der Stimme. Er war wahrscheinlich so reich, dass er glaubte, man müsse vor Ehrfurcht erstarren – aber wenn er sie erstarren lassen wollte, musste er schon etwas anderes auf Lager haben als das. Sie wusste Geld zu schätzen wie jeder andere, es machte das Leben auf jeden Fall einfacher. Jetzt, wo sie ein kleines finanzielles Polster hatte, schlief sie viel besser. Es war eine erstaunliche Erleichterung, zu wissen, woher ihre nächste Mahlzeit kam und wann sie sie bekommen würde. Gleichzeitig verachtete sie Menschen, die glaubten, ihr Reichtum würde sie zu Sonderbehandlungen berechtigen.

Nicht nur das, sein Name war auch lächerlich. Vielleicht war sein Nachname ja wirklich Raintree, aber den Vornamen hatte er wahrscheinlich der Dramatik wegen gewählt und weil es zu seinem Kasino passte. Sicher hieß er in Wirklichkeit Fred oder Melvin.

„Bitte setzen Sie sich“, wiederholte er, und deutete auf das cremeweiße Ledersofa zu ihrer Rechten. Ein Couchtisch aus Jade stand zwischen dem Sofa und zwei gemütlich aussehenden Sesseln. Sie versuchte, den Tisch nicht anzustarren, als sie in einem der Sessel Platz nahm, der genauso gemütlich war, wie er aussah. Sicherlich hatte der Tisch nur die gleiche Farbe wie Jade und war nicht wirklich aus dem Stein gemacht, aber er sah echt aus. Wahrscheinlich war es nur Glas. Aber selbst wenn, war er ein ausgezeichnetes Stück Handwerkskunst.

Lorna hatte nicht viel Erfahrung mit Luxusartikeln, aber sie besaß eine Art sechsten Sinn für ihre Umgebung. Sie begann, sich von den Dingen um sie herum überwältigt zu fühlen. Nein, nicht überwältigt, das war das falsche Wort. Sie versuchte, das Fremde, Unbekannte, das in der Luft lag, zu benennen, doch es gelang ihr nicht. Mit Sicherheit aber spürte sie den Hauch von Gefahr, dessen sie sich schon so bewusst geworden war, als sie den Raum betreten hatte.

Als Dante Raintree näher auf sie zukam, merkte sie, dass alles, was sie spürte, von ihm ausging. Sie hatte recht gehabt, er war es. Er war die Gefahr.

Er bewegte sich mit träger Eleganz, aber es war nichts Langsames oder Faules an ihm. Er war ein großer Mann, etwa zwanzig Zentimeter größer als ihre eigenen 1,65 m, und auch wenn seine erstklassig geschneiderte Kleidung ihn schlank aussehen ließ, gab es doch keinen Schneider, der in der Lage war, die Muskelmassen unter dem Stoff ganz zu verbergen. Er war kein Gepard, er war ein Tiger.

Ihr fiel auf, dass sie es bisher vermieden hatte, ihm direkt ins Gesicht zu sehen, als würde ihr das einen gewissen Schutz bieten. Doch sie wusste es besser. Unwissen war nie eine gute Verteidigung, und Lorna hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es nichts nützte, den Kopf in den Sand zu stecken und auf das Beste zu hoffen.

Er setzte sich ihr gegenüber hin, und nachdem sie sich innerlich noch einmal gewappnet hatte, sah sie ihm direkt in die Augen.

Ihr stockte der Atem.

Sie hatte das entfernte, schwindelerregende Gefühl zu fallen; sie konnte sich gerade noch dazu zwingen, sich nicht an den Lehnen des Sessels aufzustützen, um sich aufrecht zu halten.

Sein Haar war schwarz. Seine Augen waren grün. Gewöhnliche Farben, aber an ihm war nichts gewöhnlich. Sein Haar war glatt und glänzend und fiel bis auf seine Schultern. Sie mochte lange Haare bei Männern nicht, aber seine sahen weich aus, und sie wollte ihre Hände darin vergraben. Diesen Gedanken schob sie schnell zur Seite, und schon war sie in seinem Blick gefangen. Seine Augen waren nicht einfach grün, sie waren grün, so grün, dass ihr erster Gedanke war, dass er Kontaktlinsen trug. Eine so tiefe, satte Farbe, so rein, konnte nicht echt sein. Es waren nur sehr realistische Kontaktlinsen, mit kleinen Schlieren darin, wie bei echten Augen. Sie hatte Anzeigen für solche Linsen in Zeitschriften gesehen. Allerdings – als die Kerzen aufflackerten und seine Pupillen sich zusammenzogen, schien sich die Iris zu vergrößern. Konnten Kontaktlinsen das auch?

Er trug keine Kontaktlinsen. Instinktiv wusste sie, dass alles was sie sah, echt war, von den glänzenden Haaren bis zur intensiven Augenfarbe.

Er zog sie in seinen Bann. Eine Macht, die sie nicht verstehen konnte, zog an ihr, so fest, dass sie es fast körperlich spüren konnte. Die Flammen der Kerzen tanzten wild, heller, jetzt, da die Sonne untergegangen war und das Dämmerlicht vor dem Fenster immer dunkler wurde. Die Kerzen waren die einzige Lichtquelle im jetzt dunklen Büro, sie schickten Schatten über die harten Winkel seines Gesichts, und doch schienen seine Augen intensiver zu glühen, als sie es noch vor einem Moment getan hatten.

Sie hatten kein Wort gesagt, seit er sich gesetzt hatte, und doch fühlte sie sich, als müsste sie um ihren Willen kämpfen, um ihre Kraft, um ihr unabhängiges Leben. Tief in ihr begann Panik aufzuflackern wie ein Kerzenlicht, tanzte und sprang umher. Er weiß es, dachte sie und spannte sich an, um zu rennen. Vergiss die Kasinos, vergiss die nette Stange Geld, vergiss alles, außer, zu überleben. Lauf!

Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Sie saß weiter da, wie erstarrt … hypnotisiert.

„Wie machen Sie es?“, fragte er schließlich, seine Stimme immer noch ruhig und unbekümmert, als würde er die Wogen und Wirbel der Macht, die um sie herum schlugen, nicht bemerken.

Noch einmal schien seine Stimme durch ihre innere Aufregung zu brechen und sie in die Wirklichkeit zurückzuholen. Verwirrt starrte sie ihn an. Er glaubte, sie machte diese ganzen komischen Dinge?

„Ich mache gar nichts“, stieß sie hervor. „Ich dachte, Sie sind das.“

Sie konnte sich irren, denn in dem flackernden Kerzenlicht war es schwer, einen Gesichtsausdruck richtig zu deuten, und doch sah er leicht erstaunt aus.

„Betrügen“, verdeutlichte er seine Frage. „Wie machen Sie es? Wie beklauen Sie mich?“

3. KAPITEL

Vielleicht wusste er es nicht.

Seine Offenheit war auf eine verdrehte Art erleichternd. Wenigstens hatte sie es jetzt mit etwas zu tun, das sie verstand. Sie ignorierte die merkwürdigen Strömungen um sie herum, das fast körperlich spürbare Gefühl, dass sie … irgendetwas … umgab, hob ihr Kinn, kniff ihre Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und erwiderte seinen festen Blick. „Ich betrüge nicht!“ Das stimmte – jedenfalls zu weiten Teilen.

„Natürlich tun Sie das. Niemand hat so viel Glück wie Sie, wenn er nicht – Entschuldigung, wenn sie nicht – betrügt.“ Seine Augen funkelten jetzt, aber wenn es nach ihr ging, war dieses Funkeln um einiges besser als das seltsame Leuchten. Augen sollten sowieso nicht leuchten. Was stimmte nicht mit ihr? Hatte ihr jemand Drogen in ihren Drink getan, während sie in eine andere Richtung gesehen hatte? Sie trank nie Alkohol, während sie spielte, sondern hielt sich an Kaffee und Limonade, aber ihr letzter Becher Kaffee hatte bitter geschmeckt. Als sie ihn getrunken hatte, hatte sie geglaubt, nur Pech gehabt und den letzten Rest aus der Kanne erwischt zu haben, aber jetzt fragte sie sich, ob er nicht pharmazeutisch verlängert worden war.

„Ich wiederhole. Ich betrüge nicht.“ Lorna spuckte ein Wort nach dem anderen mit fest zusammengebissenen Zähnen aus.

„Sie kommen schon eine ganze Weile hierher. Jede Woche spazieren Sie hier mit fünf Riesen wieder raus. Das ist locker eine Viertelmillion im Jahr – und das nur aus meinem Kasino. Wie vielen anderen statten Sie auch Ihre Besuche ab?“ Sein kühler Blick betrachtete sie von Kopf bis Fuß, als würde er sich fragen, warum sie sich nicht besser kleidete, mit dem ganzen Geld.

Lorna fühlte, wie ihr Gesicht heiß wurde, und das machte sie wütend. Sie war schon lange Zeit nicht mehr beschämt gewesen. Scham war ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte, aber jetzt wand sie sich unter seinem prüfenden Blick. Okay, sie war nicht die am besten angezogene Frau der Welt, aber sie war ordentlich und gepflegt, und darauf kam es schließlich an. Was machte es schon, dass sie die Hose und die kurzärmelige Bluse bei Wal-Mart gekauft hatte? Sie konnte sich einfach nicht dazu bringen, hundert Dollar für Schuhe auszugeben, wenn das Paar für zwölf ihr genauso gut passte. Für die achtundachtzig Dollar Unterschied konnte man sich eine Menge zu essen kaufen.

„Ich fragte, wie viele andere Kasinos Sie jede Woche besuchen?“

„Was ich tue, geht Sie gar nichts an.“ Sie starrte ihn an, dankbar für ihre Wut und die Energie, die sie ihr gab. Das war viel besser, als verletzt zu sein. Sie würde sich vom Urteil dieses Mannes nicht verletzen lassen. Ihre Kleidung war vielleicht billig, aber sie war nicht abgetragen, und Lorna weigerte sich, sich zu schämen.

„Im Gegenteil. Ich habe Sie erwischt. Deshalb muss ich dafür sorgen, dass Al alle anderen Sicherheitschefs warnt.“

„Sie haben mich bei überhaupt nichts erwischt!“ Dessen war sie sich ganz sicher, denn sie hatte nichts getan, wobei man sie erwischen konnte.

„Sie haben Glück, dass ich es bin, der die Verantwortung trägt“, fuhr er fort, als hätte sie kein Wort gesagt. „Es gibt einige Leute in Reno, die Betrügen für ein Verbrechen halten, das schwer bestraft werden muss.“

Ihr Herz kam für einen Moment aus dem Takt. Er hatte recht, und das wusste sie. Auf der Straße wurde geflüstert, Geschichten von Menschen, die versucht hatten, ihrem Glück ein wenig nachzuhelfen – und die entweder spurlos verschwunden waren oder schon Zimmertemperatur angenommen hatten, als man sie fand. Sie hatte nicht die wohltuende Unwissenheit, die es gebraucht hätte, um zu denken, dass er einfach übertrieb, denn sie hatte in einer Welt gelebt, in der solche Dinge wirklich passierten. Sie kannte diese Welt, kannte die Menschen, die in ihr lebten. Sie hatte darauf geachtet, so unsichtbar wie möglich zu bleiben, hatte sich nie darauf eingelassen, die Bonuskarten zu benutzen, die es den Kasinos ermöglichten, zu sehen, wer gewann und wer nicht, aber irgendetwas hatte sie trotzdem falsch gemacht, denn durch irgendetwas hatte sie Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ihre Unschuld würde gewissen Leuten gar nichts bedeuten; ein Wort an die falsche Person, und sie war tot.

Wollte er ihr zu verstehen geben, dass er nicht vorhatte, sie auszuliefern, dass die Sache eine interne Angelegenheit des Inferno bleiben würde?

Warum sollte er das tun? Nur zwei plausible Gründe fielen ihr ein. Einer war das alte Spiel: Sei ein bisschen nett zu mir, Kleine, und ich sag niemandem, was ich weiß. Der andere war, dass er sie zwar verdächtigte, zu betrügen, aber keine Beweise hatte, und alles was er vorhatte, war, sie zu einem Geständnis zu bewegen oder ihr wenigstens Hausverbot im Inferno zu erteilen. Wenn sein Grund der erste war, war er ein Ekel, und sie wusste, wie sie mit denen umgehen konnte. Wenn sein Grund der zweite war, na ja, dann war er ein netter Kerl.

Und das wäre dann einfach sein Pech.

Er sah sie sich an, sah sie sich richtig an, seine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, jede kleinste Gefühlsregung in ihrem Gesicht zu bemerken. Lorna kämpfte dagegen an, sich unter seinem Blick zu winden, aber im Mittelpunkt so konzentrierter Aufmerksamkeit zu stehen, ließ sie sich sehr unwohl fühlen. Sie bevorzugte es, in der Masse unterzugehen, im Hintergrund zu bleiben; Anonymität bedeutete Sicherheit.

„Entspannen Sie sich. Ich werde Sie nicht dazu erpressen, mit mir ins Bett zu gehen – nicht, dass ich kein Interesse hätte“, sagte er, „aber ich brauche keinen Zwang, um jemanden in mein Bett zu bekommen, wenn ich es will.“

Sie zuckte fast zusammen. Entweder hatte er ihre Gedanken gelesen oder sie hatte keine Kontrolle mehr über ihren Gesichtsausdruck. Sie wusste, dass sie immer die Kontrolle behielt; zu lange hatte ihr Leben davon abgehangen, auf der Hut zu sein, und die Verteidigungsmechanismen dieses Lebens hatten sich tief in ihr Verhalten eingegraben. Er hatte ihre Gedanken gelesen. Oh, nein, er hatte ihre Gedanken gelesen!

Panik begann, ihre Sinne zu vernebeln; dann verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war, wurde verdrängt von dem deutlichen Bild von ihr und ihm. Für einen verwirrenden Moment fühlte sie sich, als würde sie neben ihrem Körper stehen, die zwei im Bett zusammen beobachten – nackt, die Körper schweißüberzogen vor Anstrengung, aneinandergepresst. Sein muskulöser Körper lag über ihrem, drückte sie in die zerwühlten Bettlaken. Ihre Arme und Beine, blass gegen seine olivfarbene Haut, waren um ihn geschlungen. Sie roch Sex und Haut, fühlte seine Hitze und sein Gewicht auf ihr, als er sich mit ihr vereinigte, hörte ihre eigenen schnellen Atemzüge, als sie sich seinen langsamen, kontrollierten Bewegungen anpasste. Sie war kurz vor dem Höhepunkt, und er auch, seine Bewegungen wurden härter, schneller …

Sie zwang sich mit Gewalt, das Szenario zu verlassen, denn plötzlich war sie sich furchtbar sicher, dass sie sich sonst vollkommen lächerlich machen würde, indem sie selber, direkt vor ihm, zum Höhepunkt kam. Sie konnte sich kaum in der Gegenwart halten, der Lockruf der Wonne, auch wenn sie nur eingebildet war, war so stark, dass sie zurück wollte, sich in dem Traum oder der Wahnvorstellung, oder was auch immer es war, verlieren.

Irgendetwas stimmte nicht. Sie hatte keine Kontrolle über sich, war stattdessen den merkwürdigen Strömungen der Macht, die den ganzen Raum durchflossen, ausgeliefert. Und sie konnte sich auch auf nichts lange genug konzentrieren, um es zu untersuchen, gerade wenn sie glaubte, den Boden unter den Füßen wiedergefunden zu haben, wurde sie wieder in eine andere Richtung gestoßen, und noch ein wildes, ungezähmtes Gefühl kam an die Oberfläche.

Er sprach noch einmal und schien nichts zu bemerken außer seinen eigenen Gedanken. Wie konnte er nicht fühlen, was vor sich ging? Bildete sie sich das alles nur ein? Sie umklammerte die Lehnen des Sessels und fragte sich, ob sie vielleicht so etwas wie einen Nervenzusammenbruch hatte.

„Sie sehen Dinge voraus. Sie sind präkognitiv.“ Er legte den Kopf zur Seite, als würde er ein interessantes biologisches Muster betrachten, und ein kleines Lächeln verzog seine Lippen. „Sie sind auch hypersensitiv, und ein klein wenig Telekinese ist auch dabei. Interessant.“

„Sind Sie verrückt?“, entfuhr es ihr. Sie war angsterfüllt, und es fiel ihr immer noch schwer, sich zu konzentrieren. Interessant? Er stand entweder kurz davor, ihr Leben zu ruinieren, oder sie wurde verrückt, und er nannte das interessant?

„Das glaube ich nicht. Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich geistig völlig gesund bin.“ Belustigung blitzte in seinen Augen auf und verlieh ihnen Wärme. „Machen Sie schon, Lorna, wagen Sie den Sprung. Ich kann nur wissen, dass Sie diese Fähigkeit haben, weil …?“ Seine Stimme erstarb mit fragendem Unterton, lud sie ein, den Satz zu vervollständigen.

Sie saß wie erfroren da und starrte ihn intensiv an. Wollte er sagen, dass er tatsächlich Gedanken lesen konnte, oder stellte er ihr eine Falle, die sie nicht erkannte?

Plötzlich durchfuhr eisige Kälte den Raum, so kalt, dass es ihr bis auf die Knochen wehtat, und mit der Kälte kam die überwältigende Furcht zurück, die sie schon gespürt hatte, als sie den Raum betreten und diesen Mann gesehen hatte. Lorna schlang ihre Arme um ihren Körper und biss die Zähne zusammen, damit sie nicht klapperten. Sie wollte davonrennen und konnte es nicht; ihre Muskeln wollten dem Instinkt, zu fliehen, einfach nicht gehorchen.

War er die Quelle dieser … dieser Unruhe im Raum? Sie konnte es nicht besser beschreiben, weil sie sich noch nie genau so gefühlt hatte, als wäre ihre Realität auf einmal von Wahnvorstellungen durchzogen.

„Sie können sich entspannen. Ich kann es Ihnen auf keinen Fall beweisen, also kann ich Sie auch nicht wegen Betruges anzeigen. Aber ich wusste, was Sie sind, als Sie sagten, dass Sie dachten, ich sei das. Sei was? Das haben Sie nicht gesagt, aber die Aussage war doch interessant, weil sie bedeutet, dass Sie für die Schwingungen im Raum empfänglich sind.“ Er legte die Fingerspitzen aneinander und klopfte damit gegen seine Lippen, darüber sah er sie mit unbewegtem Blick an. „Normale Menschen hätten nicht das Geringste gespürt. Meistens geht eine Art von übersinnlichen Fähigkeiten Hand in Hand mit einer anderen, also ist es damit offensichtlich, wie Sie so häufig gewinnen. Sie wissen, welche Karte als Nächstes kommt, stimmt’s? Sie wissen, welche Spielautomaten den Gewinn ausspucken. Vielleicht können Sie sogar den Computer so manipulieren, dass er Ihnen drei gleiche Bilder anzeigt.“

Die Kälte verließ den Raum so schnell, wie sie gekommen war. Sie hatte sich angespannt, um ihr zu widerstehen, und das plötzliche Nachlassen des Drucks gab ihr das Gefühl, als müsste sie aus dem Sessel fallen. Lorna biss ihre Zähne fest zusammen, hatte Angst, irgendetwas zu sagen. Sie konnte sich nicht auf eine Diskussion übersinnlicher Fähigkeiten einlassen. Sie konnte nicht wissen, ob er nicht den ganzen Raum abhörte und videoüberwachen ließ, und alles aufzeichnete, was sie sagte. Was, wenn wieder eine dieser merkwürdigen Halluzinationen über sie kam? Sie könnte dann sagen, was immer er hören wollte, jede noch so weit hergeholte Anklage gestehen. Alles was sie sagte, konnte, verflucht noch eins, von irgendwelchen Spezialeffekten, die er installiert hatte, beeinflusst sein.

„Ich weiß, dass Sie keine Raintree sind“, fuhr er leise fort. „Ich kenne die Meinen. Die große Frage ist also … sind Sie eine Ansara oder nur ein Streuner?“

Wieder rettete sie der Schock. „Ein Streuner?“, wiederholte sie und zuckte dabei zurück in die Welt, die sich real anfühlte. Ein Gefühl der Desorientierung hing ihr immer noch nach, aber wenigstens war das verwirrende erotische Bild ebenso aus ihren Gedanken verschwunden wie die Kälte und ihre Furcht.

Sie atmete tief durch und kämpfte gegen die Wut an, die in ihr aufstieg. Er hatte sie gerade mit einem lästigen Köter verglichen. Unter ihrer Wut allerdings fand sich alte, bittere Verzweiflung. Lästig. Das war sie immer gewesen. Für eine Weile, einen wunderbar süßen Moment hatte sie gedacht, das würde sich ändern, aber dann war ihr selbst diese letzte Hoffnung genommen worden, und sie hatte nicht das Herz, nicht den Willen, es noch einmal zu versuchen. Etwas in ihr hatte aufgegeben, aber der Schmerz hatte nicht nachgelassen.

Er machte eine abfällige Handbewegung. „Nicht diese Art von Streuner. Wir beschreiben damit einen Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der sich nicht zugehörig fühlt.“

„Zugehörig zu was? Wovon reden Sie eigentlich?“ Ihre Verwirrung war echt, zumindest was das anging.

„Jemand, der weder Raintree noch Ansara ist.“

Seine Erklärungen drehten sich im Kreis, genau wie ihre Gedanken. Frustriert, verängstigt machte sie eine ruckartige Handbewegung und fragte scharf: „Wer ist diese Ann-Sarah?“

Er legte den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus, schnell und leicht, als ob er das oft tat. Ihre Magengrube flatterte. Sich Sex mit ihm vorzustellen hatte ihre Abwehrmechanismen außer Kraft gesetzt, hinter denen sie sich normalerweise verschanzte, und jetzt musste sie auch noch zugeben, wie attraktiv er war. Gegen ihren Willen bemerkte sie die muskulösen Linien seines Halses, die gemeißelte Form seines Kiefers. Er war … gut aussehend auf eine merkwürdige Art, aber das war ein viel zu weibliches Wort, um ihn zu beschreiben. Er war atemberaubend, seine Attribute waren zu auffällig, um einfach nur gut aussehend zu sein. Außerdem war es nicht sein Aussehen, was sie zuerst bemerkt hatte, ihr erster Eindruck war mit Abstand der seiner Macht gewesen.

„Nicht Ann-Sarah“, sagte er, immer noch lachend. „Ansara. A-N-S-A-R-A.“

„Von denen habe ich noch nie gehört“, sagte sie vorsichtig und fragte sich, ob was er sagte irgendetwas mit der Mafia zu tun hatte. Sie erlag nicht der Vorstellung, dass organisiertes Verbrechen auf die alten italienischen Familien von New York und Chicago beschränkt war.

„Haben Sie nicht?“ Er sagte es freundlich genug, aber weil ihre Nerven blank lagen, spürte sie den Zweifel – und die verborgene Drohung – so genau, als hätte er sie angeschrien.

Sie musste sich unter Kontrolle bekommen. Was in diesem Raum geschah, hatte sie so überrascht und erschreckt, dass sie verletzlicher war, als sie es sich normalerweise zugestand, aber jetzt, da ein Moment ohne neue Angriffe auf ihre Sinne verstrichen war, begann sie, ihre Selbstkontrolle wiederzuerlangen. Im Geiste baute sie ihre Grenzen wieder auf. Es war ein Kampf, weil es ihr schwerfiel, sich zu konzentrieren, aber sie machte fest entschlossen weiter. Sie wusste vielleicht nicht, was vor sich ging, aber sie wusste, dass es lebenswichtig war, sich zu schützen.

Er wartete darauf, dass sie auf seine rhetorische Frage antwortete, aber sie ignorierte sie und konzentrierte sich auf ihr Schutzschild …

Schutzschild?

Wo war dieses Wort nur hergekommen? Sie hatte sich bisher noch nie vorgestellt, dass ein Schutzschild sie abschirmte. Sie hielt sich für stark, nicht besonders gefühlsbetont, ihr Herz wettergegerbt durch die schweren Zeiten.

Sie hatte noch nie daran gedacht, sich mit einem Schutzschild abzuschirmen.

Bis jetzt.

Noch nie habe ich einen hypersensitiven Menschen getroffen, der so ungeschützt war, dachte Dante, als er Lorna dabei beobachtete. Sie kämpfte gegen die Strömungen der Macht an, reagierte wie eine völlige Novizin auf seine Gedanken, seine Beziehung zu Feuer. Er hatte seine Energie jetzt wieder unter Kontrolle, aber um Lorna zu prüfen, hatte er kleine Mengen davon in den Raum geschossen und damit die Kerzen zum Tanzen gebracht. Sie hatte nach den Armlehnen ihres Sessels gegriffen, als brauche sie einen Anker, und ihr angsterfüllter Blick durchschweifte den Raum, als würde sie nach Monstern suchen.

Als er gespürt hatte, dass sie geradezu erwartete, er würde sie erpressen, um mit ihm ins Bett zu gehen – was nicht wirklich schwer zu erraten gewesen war –, hatte er sich eine kurze, angenehme Fantasie erlaubt, auf die sie reagiert hatte, als wäre sie wirklich nackt in seinem Bett: Ihr Mund war rot und weich geworden, ihre Wangen errötet, ihre Augenlider waren schwer, und unter ihrer billigen Bluse waren ihre Brustwarzen so hart geworden, dass er sie sogar durch den BH hatte erkennen können.

Verflucht. Für einen Moment war es für sie gefährlich geworden. Um ein Haar wäre seine Fantasie Wirklichkeit geworden.

Vielleicht war sie eine Ansara, aber wenn sie es war, dann vollkommen unausgebildet – oder sie war begabt genug, um es so aussehen zu lassen, als sei sie genau das. Wenn sie eine Ansara war, dann wettete er auf Letzteres. Als Raintree hatte man zwar viele Vorteile, aber auch einen großen Nachteil: einen unerbittlichen Feind. Die Feindschaft zwischen den beiden Clans war vor etwa zweihundert Jahren zu einem großen Kampf ausgebrochen, und während die Raintree gewonnen hatten, waren die Ansara fast zerstört worden. Die zerstreuten Überbleibsel des einst so mächtigen Clans hatten sich über die ganze Welt verstreut, aber sich nie so weit erholt, um noch einmal Krieg gegen die Raintree führen zu können. Das bedeutete allerdings nicht, dass nicht dann und wann ein vereinzelter Ansara versuchte, Ärger zu machen.

Wie die Raintree besaßen auch die Ansara verschiedene Gaben von unterschiedlicher Stärke. Die seltenen Male, die Dante einem von ihnen begegnet war, waren sie alle ebenso gut ausgebildet gewesen wie jeder einzelne Raintree. Man konnte es nicht auf die leichte Schulter nehmen. Waren sie auch nicht mehr die Bedrohung, die sie einst dargestellt hatten, war er sich doch ständig bewusst, dass ihm jeder Einzelne von ihnen nur zu gern etwas antun würde.

Es wäre typisch für eine Ansara, sich daran zu erfreuen, ihn zu bestehlen. Es gab größere Kasinos in Reno, aber das Inferno zu beklauen wäre eine Auszeichnung für sie – wenn sie denn Ansara war.

Er hatte empathische Fähigkeiten – nichts, was sich mit seiner jüngeren Schwester Mercy messen konnte, aber genug, dass er in den meisten Menschen lesen konnte, wenn er sie berührte. Die Ausnahmen waren größtenteils die Ansara, weil sie sich auf eine Weise abschirmen konnten, wie es normalen Menschen nicht möglich war. Hypersensitive mussten sich abschirmen, um nicht von den Mächten, die sie umgaben, überwältigt zu werden … so wie Lorna Clay überwältigt zu sein schien.

Vielleicht war sie nur eine gute Schauspielerin.

Das Kerzenlicht hatte einen magischen Effekt auf ihre Haut, in ihrem Haar. Sie war eine hübsche Frau mit einer zart modellierten Knochenstruktur, wenn auch etwas kratzbürstig und feindselig in ihrer Einstellung, aber sei’s drum – wenn man ihn beim Betrügen erwischt hätte, wäre er aller Wahrscheinlichkeit nach auch feindselig eingestellt.

Er wollte sie berühren, um herauszufinden, ob er etwas in ihr lesen konnte.

Doch sie würde wahrscheinlich schreiend aus dem Zimmer rennen, wenn er seine Hand an sie legte. Sie war so angespannt, dass sie wahrscheinlich mit dem Sessel hinten überkippen würde, wenn er nur „Buh“ sagte. Er dachte darüber nach, das tatsächlich zu tun, nur um sich zu amüsieren.

Aber es ging um etwas Ernstes, um Betrug, und so entschied er sich dagegen.

Gerade beugte er sich vor, um seinen Standpunkt deutlich zu machen, als ein lauter, aber nicht unangenehmer Ton erklang, gefolgt von einem weiteren, dann noch einem. Adrenalin ergoss sich in seinen Adern. Er war auf den Beinen, packte ihren Arm und zog sie aus dem Stuhl, noch ehe die automatische Ansage begonnen hatte.

„Was ist los?“, rief sie, ihr Gesicht kalkweiß, aber sie versuchte nicht, sich ihm zu entwinden.

„Feuer“, sagte er knapp und schleifte sie hinter sich her zur Tür. Wenn der Feueralarm losging, reagierten die Aufzüge nicht mehr auf Signale – und sie befanden sich im neunzehnten Stock.

4. KAPITEL

Lorna stolperte und fiel fast auf ein Knie, als er sie durch die Tür zerrte. Ihre Hüfte prallte schmerzhaft gegen den Türrahmen; dann erlangte sie ihre Balance wieder, sprang auf und taumelte so schnell hindurch, dass sie fast gegen die gegenüberliegende Wand rannte. Ihr Arm, immer noch in seinem eisernen Griff gefangen, wurde wie in einer Schraubzwinge gequetscht, als er sie gnadenlos vorwärtszog. Sie sagte kein Wort, schrie nicht auf, bemerkte den Schmerz kaum, weil der Albtraum, in dem sie sich befand, obwohl sie wach war, alles andere in die Ecke stellte.

Feuer!

Sie sah, wie er seinen brennenden Blick auf sie richtete und zu verstehen schien, dann ließ er ihren Arm los und umschlang stattdessen ihre Taille. Er presste sie fest an seine Seite und hielt sie aufrecht, während er zu den Treppen rannte. Auf dem Korridor waren sie allein, aber sobald er die Tür mit dem großen „Ausgang“ darüber geöffnet hatte, konnte sie das Donnern von Schritten unter ihnen hören. Menschen, die die Treppen hinunterflüchteten.

Die Luft auf dem Korridor war klar gewesen, aber als die Tür sich hinter ihnen schloss, konnte sie ihn riechen: den beißenden Gestank von Rauch, der im Hals brannte. Ihr Herz setzte einige Schläge aus. Sie hatte Angst vor Feuer, hatte sie immer gehabt, und das war nicht nur die Vorsicht einer intelligenten Person. Wenn sie sich die schlimmste Art, auf Erden zu sterben, aussuchen müsste, wäre es, im Feuer gefangen zu sein. Sie hatte Albträume davon, hinter einer Wand aus Flammen gefangen zu sein, nicht in der Lage, irgendjemanden – ein Kind, vielleicht? –, der ihr wichtiger war als ihr eigenes Leben, zu erreichen, oder sich selbst zu retten. Gerade, als das Feuer sie erreichte, wachte sie auf, zitternd und weinend vor Schreck.

Sie mochte keine Art von offenen Flammen – Kerzen, Kamine oder sogar Gaskochplatten. Und jetzt trug Dante Raintree sie hinab ins Herz des Biestes, obwohl jeder Instinkt in ihr brüllte, nach oben zu rennen, nach oben an die frische Luft, so weit weg vom Feuer, wie es nur ging.

Am ersten Treppenabsatz wurde das Chaos in ihrem Kopf noch stärker, Panik griff nach ihr. Sie kämpfte dagegen an. Logisch gesehen wusste sie, dass sie nach unten musste, dass vom Dach springen keine wirkliche Option war. Sie biss die Zähne zusammen, damit sie nicht klapperten, und konzentrierte sich ganz darauf, ihr Gleichgewicht zu halten, und mit jedem Schritt eine Treppenstufe zu treffen, auch wenn sie daran zweifelte, dass sie stolpern konnte, so, wie er sie festhielt. Sie wollte ihn nicht behindern oder, schlimmer noch, sie beide zu Fall bringen.

Sie erreichten eine Traube von Menschen, die ebenfalls auf dem Weg nach unten war. Der Durchgang war versperrt. Alle schrien durcheinander; niemand konnte sich dem anderen verständlich machen. Einige fingen an zu husten. Der Rauch wurde immer dichter.

„Sie können nicht nach oben!“, donnerte Raintree, seine Stimme lauter als der schiebende, brüllende menschliche Korken, und erst dann wurde Lorna klar, dass der Aufruhr verursacht wurde, weil einige versuchten, die Treppe nach oben zu gelangen, während andere darauf versessen waren, nach unten zu gehen.

„Und wer zum Henker sind Sie?“, brüllte es ihnen von unten entgegen.

„Der Besitzer des Inferno, der zum Henker bin ich“, fuhr Raintree ihn an. „Ich habe dieses Kasino gebaut, und ich weiß, was zu tun ist. Jetzt drehen Sie Ihren Hintern um und gehen bis ins Erdgeschoss hinunter, das ist der einzige Ausweg.“

„Aber der Rauch wird schlimmer!“

„Dann ziehen Sie Ihr Hemd aus und binden es sich über Nase und Mund. Machen Sie das alle!“, befahl er mit so lauter Stimme, dass wirklich alle ihn hören konnten. Er ließ seinen Worten Taten folgen, ließ Lorna los, um sich aus seinem teuren Jackett zu schälen. Sie stand wie betäubt neben ihm, sah zu, wie er schnell ein Messer aus seiner Tasche nahm, es aufklappte und das graue Seidenfutter herausschnitt. Dann riss er es genauso schnell in zwei rechteckige Stücke, gab ihr eines davon und sagte: „Nehmen Sie das“, als er sein Messer wieder schloss und zurücksteckte.

Sie hatte erwartet, dass ein Teil der Gruppe weiter versuchen würde, die Treppe hinaufzukommen, egal, was er gesagt hatte, aber niemand tat es. Stattdessen folgten einige Männer, die ebenfalls Anzüge trugen, seinem Beispiel und rissen das Futter aus ihren Jacken. Andere zogen ihre Hemden aus, rissen sie auseinander und boten den Frauen Stücke davon an, die zögerten, ihre Blusen auszuziehen. Lorna band sich eilig die Seide über Nase und Mund, zog sie so fest, dass sie ihr Gesicht wie eine chirurgische Maske umschloss. Neben ihr tat Raintree dasselbe.

„Los!“, befahl er, und wie gehorsame Schafe gingen sie los. Der Knoten aus Menschen löste sich auf und schlängelte sich nach unten. Lorna merkte, dass ihre eigenen Füße sich bewegten, als gehörten sie nicht zu ihr, sie führten sie hinab, immer weiter hinab, näher an die lebendige, knisternde Hölle, die sie erwartete. Jede Zelle ihres Körpers schrie vor Protest auf, ihr Atem kam in erstickten Stößen, aber sie ging immer noch die Treppe hinunter, als hätte sie keinen eigenen Willen.

Seine Hand drückte gegen ihre Taille. „Lassen Sie uns durch“, sagte er, „ich zeige Ihnen den Weg nach draußen.“ Die Leute vor ihnen gingen zur Seite, und auch wenn Lorna einige verärgerte Worte hörte, wurden diese im Keim erstickt von Leuten, die den Murmlern sagten, sie sollen den Mund halten. Dem Mann gehörte das Gebäude, und er würde schon wissen, wie man am sichersten nach draußen kam.

Das Treppenhaus vor ihnen füllte sich mit immer mehr Menschen, während die Etagen sich leerten, aber sie machten Platz, als Raintree und Lorna sich an ihnen vorbeidrückten. Der beißende Rauch stach in Lornas Augen, brachte sie zum Tränen, und sie konnte spüren, dass die Temperatur stieg, je weiter sie hinuntergingen. Wie viele Stockwerke hatten sie schon hinter sich gebracht? Auf dem nächsten Absatz sah sie auf die Tür und die Zahl, die darauf geschrieben war, aber ihre Tränen ließen alles vor ihren Augen verschwimmen. Sechzehn, vielleicht. Oder fünfzehn. War das alles? Weiter waren sie noch nicht gekommen? Sie versuchte, sich zu erinnern, wie oft sie schon einen Treppenabsatz passiert hatten, aber sie war zu betäubt vor Angst gewesen, um darauf zu achten.

Sie würde in diesem Gebäude sterben. Sie konnte den eisigen Atem des Todes spüren, der genau auf der anderen Seite der Flammen auf sie wartete. Flammen, die sie nicht sehen, aber trotzdem spüren konnte, als wären sie eine mächtige Kraft, die an ihr zog. Deshalb hatte sie immer so große Angst vor Feuer gehabt: Sie hatte auf irgendeine Art gespürt, dass es ihr Schicksal war zu verbrennen. Bald würde sie fort sein, ihre Lebenskraft versengt oder erstickt …

… und niemand würde sie vermissen.

Dante sorgte dafür, dass alle weiter abwärts gingen. Mit Kraft seiner Gedanken zwang er sie zu einer geordneten Evakuierung. Er hatte diese besondere Gabe noch nie benutzt, hatte nicht einmal gewusst, dass er sie besaß, und wenn es nicht so kurz vor der Sommersonnenwende wäre, hätte er es wahrscheinlich nicht gekonnt. Verflucht, er war sich nicht einmal sicher gewesen, dass es funktionieren würde, schon gar nicht bei einer so großen Gruppe. Aber das Feuer war dabei, das Kasino, das er durch harte Arbeit aufgebaut hatte, zu zerstören, und so war sein Wille in den Gedanken geflossen, in seine Worte, und die Menschen hatten ihm gehorcht.

Er konnte hören, wie die Flammen ihr Sirenenlied sangen und nach ihm riefen. Vielleicht verstärkten sie sogar seine Macht, denn die Nähe des Feuers ließ seinen Adrenalinpegel ansteigen und sein Herz wie rasend schlagen. Auch wenn der Rauch in seinen Augen stach und durch die Seide über seiner Nase und seinem Mund drang, fühlte er sich so lebendig, dass seine Haut ihn fast nicht mehr zusammenhalten konnte. Er wollte lachen, wollte seine Arme ausbreiten und das Feuer willkommen heißen, zu einem Kampf herausfordern, damit er ihm seinen Willen aufzwingen konnte, wie er es mit diesen Menschen getan hatte.

Wenn er sich nicht so konzentrieren müsste, um seinen mentalen Zwang aufrechtzuerhalten, wäre er schon längst dabei, mit seinem Dämon zu kämpfen. Alles in ihm sehnte sich danach. Er würde die Flammen besiegen, aber zuerst musste er diese Menschen in Sicherheit bringen.

Lorna hielt neben ihm Schritt, aber ein kurzer Blick in ihr Gesicht – den Teil, den er über der grauen Seide sehen konnte – sagte ihm, dass nur sein Wille es war, der sie weiter die Treppe hinuntergehen ließ. Sie war weiß wie ein Blatt Papier, und ihre Augen waren starr vor Angst. Er zog sie näher an sich heran. Er wollte sie in Reichweite haben, wenn sie ins Erdgeschoss kamen, denn sonst würde ihre Panik vielleicht so stark werden, um aus seinem Zwang auszubrechen, und dann würde sie fliehen. Und er war noch nicht fertig mit ihr. Er vermutete sogar, dass er nach dem Feuer eine ganze Menge mehr mit ihr zu besprechen hatte als nur ihren Betrug beim Blackjack.

Wenn sie eine Ansara war, wenn sie auf irgendeine Weise mit dem Feuer zu tun hatte, dann musste sie sterben. So einfach war das.

Er hatte sie berührt, aber er konnte trotzdem nicht sagen, ob sie eine Ansara war oder nicht. Seine Empathie war immer schon schwach ausgebildet gewesen, und gerade in diesem Moment konnte er sich nicht richtig darauf konzentrieren, sie zu lesen. Dass er nichts von ihr aufnahm, bedeutete entweder, dass sie ein Streuner war oder eine Ansara, stark genug, ihr wahres Ich vor ihm zu verbergen. Wie dem auch sei, die Sache würde warten müssen.

Der Rauch wurde immer dichter, aber nicht auf alarmierende Weise. Einige Worte wurden gewechselt, aber die meisten Menschen sparten sich ihren Atem dafür, die Treppe hinunterzukommen. Das einzige ständige Begleitgeräusch war Husten.

Er spürte, dass das Feuer sich bisher auf das Kasino beschränkte, sich aber schnell auf den Hotelbereich des Gebäudes zu bewegte. Im Gegensatz zu den meisten Kasinos, die gleichzeitig Hotels waren, hatte Dante das Inferno so angelegt, dass die Gäste nicht gezwungen waren, durch das Kasino zu gehen, um das Hotel zu verlassen. Das war ein Risiko gewesen, aber es hatte funktioniert. Das Inferno besaß ein Level an Eleganz, mit dem in Reno niemand sonst mithalten konnte. Dantes Hotel war anders und heiß begehrt.

Dieses Konzept würde heute Nacht viele Leben retten. Die Gäste, die im Kasino gewesen waren andererseits … Dante wusste nicht, was mit ihnen war. Und er konnte auch nicht zu lange über sie nachdenken, sonst verlor er seine Kontrolle über die Menschen im Treppenhaus. Er konnte den Menschen im Kasino nicht helfen, jedenfalls nicht jetzt, also erlaubte er es sich nur, an die Schützlinge zu denken, die ihm am nächsten waren. Wenn diese Menschen in Panik gerieten, wenn sie anfingen, zu drängeln und zu rennen, würden nicht nur einige Leute stolpern und überrannt werden, die Menschenmenge könnte auch die Sicherheitsriegel zertrümmern und es damit unmöglich machen, die Tür zu öffnen. Das war schon oft vorgekommen, und es würde auch wieder geschehen – aber nicht in seinem Gebäude, nicht wenn er es verhindern konnte.

Sie erreichten einen weiteren Treppenabsatz, und er versuchte, durch den Rauch die Nummer der Etage zu erkennen. Zwei. Ein Glück. Der Rauch war bereits so dicht, dass seine Lungen brannten. „Wir sind fast da“, sagte er, um die Leute hinter sich nicht zu verlieren, und er hörte, wie sie die Nachricht zu den Menschen hinter ihnen auf der Treppe weitergaben.

Er schlang einen Arm um Lornas Taille und presste sie an seine Seite, dann hob er sie hoch und nahm auf dem letzten Absatz zwei Stufen gleichzeitig. Die Tür öffnete sich nicht nach draußen, sondern in einen Flur, auf dem mehrere Büros lagen. Er hielt die Tür mit seinem Körper offen, während die Menschen an ihm vorbeistolperten. „Rechts abbiegen. Gehen Sie durch die Doppeltüren am Ende des Flures, dann wieder rechts, und die Tür neben den Getränkeautomaten führt hinaus auf das unterste Parkdeck. Los, los, los!“, wies er sie an.

Sie gingen, von seinem Willen angetrieben – stolperten und husteten, aber sie bewegten sich trotzdem. Die Luft war schwer und heiß, er konnte nur noch einige Meter weit sehen, und die Menschen, die an ihm vorbeistolperten, erschienen ihm wie Geister und verschwanden in Sekunden. Nur ihr Husten und das Schaben ihrer Füße zeigten ihm, dass sie sich bewegten.

Er spürte, wie Lorna sich bewegte, wie sie versuchte, sich zu befreien, sich seinem mentalen Befehl zu widersetzen und ihrem panikvernebelten Gehirn zu gehorchen. Er schloss seinen Griff fester um sie. Vielleicht konnte er ihr Bewusstsein aus seinem Zwang ausschließen? Nein, das Risiko war zu groß. Alles, was er tun musste, war Lorna festhalten, damit sie ihm nicht entwischte.

Er konnte das Feuer in seinem Rücken spüren. Es war näher gekommen, viel näher. Alles in ihm sehnte sich danach, sich auf die Kraft der Natur einzulassen, sich zu messen. Es war an ihm, das Feuer zu locken und zu beherrschen, es zu besitzen. Noch nicht. Noch nicht …

Dann kamen keine weiteren vom Rauch eingehüllten Figuren aus dem Treppenhaus, und mit Lorna fest in seinem Griff, drehte er sich nach links – weg vom Parkdeck und der Sicherheit, hin zu dem brüllenden roten Dämon.

„Neeeein!“

Das Geräusch war wenig mehr als ein Stöhnen, und sie wand sich wie ein wildes Tier in der Falle seiner Arme. Eilig schickte er einen letzten Gedankenstoß in Richtung der Menschen auf dem Weg zum Parkdeck, dann wandelte er seinen Befehl in einen anderen um, der nur für Lorna bestimmt war: „Bleib bei mir.“

Sie hörte sofort auf, sich zu wehren, auch wenn er noch hören konnte, wie sie ein ersticktes, panisches Geräusch von sich gab, als er durch den Rauch zu einer anderen Tür ging. Zu der Tür, die in die Lobby führte.

Er stieß die Tür auf und trat in die Hölle, schleifte Lorna dabei hinter sich her.

Die Sprinkleranlage tat ihr Bestes, indem sie Wasser über die ganze Lobby versprühte, aber die Hitze war ein monströser Schmelztiegel, der das Wasser verdampfen ließ, ehe es den Boden erreichen konnte. Die Hitze schlug ihnen wie eine Schockwelle entgegen, ein Schlag wie von einem lebenden Wesen, aber er fluchte nur und schlug zurück. Weil sie aus Feuer entstanden, Teil des Feuers waren, besaß er den Rauch und die Hitze so sehr, wie er das Feuer besaß. Jetzt, da er sich konzentrieren konnte, stieß er sie ab, schuf eine schützende Blase, ein Kraftfeld um Lorna und sich selbst, die den Rauch durcheinanderbrachte, die Hitze abhielt und sie beide beschützte.

Das Kasino war komplett befallen. Die Flammen waren gierige rote Zungen, Flächen aus Orange und Schwarz, durchsichtige goldene Gabeln, die in ihrer Gier, alles in ihrer Reichweite zu verschlingen, tanzten und brüllten. Mehrere der eleganten weißen Säulen waren bereits in Flammen aufgegangen wie Fackeln, und die riesige Teppichfläche war ein Meer aus kleinen Feuern, gefüttert von den Trümmern, die von der Decke fielen.

Die Säulen waren wie Kerzen, deren Flammen an der Decke leckten. Bei ihnen begann er, zog Kraft aus seinem tiefsten Inneren und formte das Feuer nach seinem Willen. Langsam, langsam begannen die Flammen, die an den Säulen hinaufleckten, zu sterben, unterwarfen sich seiner überlegenen Macht.

So viel zu leisten und gleichzeitig den Schutzschild um sie herum aufrechtzuerhalten erforderte jedes bisschen Kraft, dass ihm blieb. Etwas stimmte nicht. Das merkte er, noch während er sich auf die Säulen konzentrierte, als er die Anstrengung in sich spürte. Sein Kopf begann zu schmerzen; die Flammen zu ersticken sollte ihn nicht so viel Mühe kosten. Sie reagierten nur langsam auf seinen Befehl, aber er ließ nicht nach, auch nicht, als er sich fragte, ob der Zwang, den er auf die Gruppe im Treppenhaus ausgeübt hatte, ihn geschwächt hatte. Er fühlte sich nicht geschwächt, aber irgendetwas stimmte trotzdem nicht.

Als nur noch dünne Rauchfahnen aus den Säulen aufstiegen, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Wände, stieß das Feuer zurück, zurück …

Aus dem Augenwinkel sah er, dass die Säulen wieder in Flammen standen.

Mit einem Aufschrei aus Wut und Unglauben schlug er mit seinem Willen nach den Flammen, und sie ergaben sich ein weiteres Mal.

Was in aller Welt war los?

Fenster explodierten und Scherben flogen in alle Richtungen. Wasserfontänen ergossen sich durch die Fensterfront, aber die Flammen schienen nur kehlig über das Reno Fire Department zu lachen, ehe sie noch heller und heißer aufloderten als zuvor. Einer der großen, glitzernden Kristallkronleuchter löste sich von der Decke, fiel krachend auf den Boden und versprühte eine Gischt aus tödlichen Glassplittern. Sie standen weit genug weg, sodass nur wenige der Splitter sie erreichten, aber eine der hübschen Kristallhornissen stach in seine Wange, und ein Rinnsal Blut lief über sein Gesicht. Vielleicht hätten sie in Deckung gehen sollen, dachte er, und tief in seinem Inneren fand er es sogar ein bisschen lustig.

Er konnte spüren, wie Lorna sich gegen ihn presste, krampfhaft zitterte und kleine, kehlige Schreckenslaute von sich gab, aber sie konnte nicht gegen den Zwang seiner Gedanken ankämpfen. Hatten einige Glassplitter sie getroffen? Keine Zeit nachzusehen. Mit einem lauten Rauschen rollte eine riesige Zunge aus Feuer über die Decke über ihnen, vernichtete alles auf ihrem Weg. Es fühlte sich an, als würde sie sogar den verbleibenden Sauerstoff vernichten; dann begann sie, sich an der Wand hinter ihnen hinabzufressen und eine Flucht so unmöglich zu machen.

Im Geiste zerquetschte er die Flammen, versuchte, sie zum Rückzug zu zwingen, griff dazu nach allen seinen Kraft- und Machtreserven. Er war der Dranir der Raintree, das Feuer würde ihm gehorchen.

Aber das tat es nicht.

Stattdessen begann es, über den Teppich zu kriechen, kleine Feuer verbanden sich zu größeren und diese sich wieder mit anderen, bis der ganze Boden in Flammen stand, die immer näher kamen, näher …

Er konnte es nicht kontrollieren. Er war noch nie zuvor einer Flamme begegnet, die er nicht seinem Willen unterwerfen konnte, aber das hier lag außerhalb seiner Macht. Das Bewusstsein so vieler Menschen zu beeinflussen musste ihn irgendwie geschwächt haben, er hatte so etwas noch nie zuvor getan, also wusste er auch nicht, welchen Preis er zu zahlen hatte. Doch, er wusste es; wenn kein Wunder geschah, musste er in diesem Fall mit zwei Leben zahlen: mit Lornas und seinem eigenen.

Er weigerte sich, das zu akzeptieren. Er hatte noch nie aufgegeben, hatte nie zugelassen, dass ein Feuer ihn besiegte, und er würde nicht mit diesem hier anfangen.

Die schützende Blase um sie herum wurde schwächer, ließ eine Rauchschwade zu ihnen hinein. Lorna hustete krampfhaft, kämpfte gegen seinen Griff an, obwohl es ihr nicht gelingen konnte zu fliehen, es sei denn, er befreite sie von seinem Willen. Es gab auch keinen Ort, an den sie fliehen konnte.

Grimmig stellte er sich den Flammen. Er brauchte mehr Kraft. Wenn Gideon oder Mercy bei ihm gewesen wären, hätte er sich mit ihnen verbinden können, ihre Kräfte vereinen, aber diese Art Partnerschaft erforderte körperliche Nähe, also konnte er sich nur auf sich selbst verlassen. Es gab keine andere Machtquelle, die er anzapfen konnte …

… außer Lorna.

Er fragte nicht um Erlaubnis, er nahm sich nicht die Zeit, sie vor dem zu warnen, was er mit ihr vorhatte. Er schlang einfach seine Arme von hinten um sie und durchbrach die Barriere, mit der sie ihren Geist schützte, nahm sich gnadenlos, was er brauchte. Erleichterung über das, was er fand, stieg in ihm hoch. Ja, sie hatte Macht, mehr, als er erwartet hatte. Er nahm sich nicht die Zeit, zu analysieren, welcher Art ihre Macht war. Es spielte keine Rolle. Macht war gleich Macht. Verschiedene Maschinen konnten ja auch die gleiche Energie nutzen, um vollkommen verschiedene Dinge zu tun, zum Beispiel den Teppich zu saugen oder Musik abzuspielen. Es war das gleiche Prinzip. Sie hatte Macht, er benutzte sie, um seine eigene Fähigkeit zu verstärken.

Sie schrie leise und bäumte sich in seinen Armen auf, dann wurde sie steif und bewegte sich nicht mehr.

Blind vor Wut griff er die Flammen an, schickte einen mentalen Schlag in alle Richtungen um sich herum aus, der die Wand aus Feuer hinter ihnen buchstäblich ausblies und die Wand aus Stein gleich mitriss. Der Strom aus neuem Sauerstoff ließ das Feuer vor ihm auflodern, also sammelte er sich und stieß erneut einen Schlag aus, ließ noch mehr Energie in den Kampf fließen, spürte, wie seine eigenen Reserven sich füllten, erneuerten, als er jedes bisschen Macht und Kraft aus Lorna saugte und mit seiner eigenen vermengte.

Sein ganzer Körper kribbelte, seine Muskeln brannten von der Anstrengung, die es ihn kostete, sich zusammenzuhalten und die Konzentration nicht zu verlieren. Die unsichtbare Blase, die er zum Schutz um sie beide gebildet hatte, begann zu schimmern und nahm ein sanftes Leuchten an. Er schwitzte, er fluchte, er ignorierte die stechenden Kopfschmerzen, schlug nur mit der Kraft seines Willens auf das Feuer ein, wieder und wieder. Er schlug es zurück, während er darüber nachdachte, wie lange er schon dort stand, und wie viel Zeit er den Menschen im Hotel noch geben musste, um zu entkommen. Es gab mehrere Treppenhäuser, und er war sich sicher, dass nicht alle Evakuierungen so gut gelaufen waren, wie die, die er kontrolliert hatte. Waren schon alle draußen? Was war mit den körperlich Behinderten? Sie würden Hilfe brauchen, die Treppen hinunterzukommen. Wenn er jetzt aufhörte, würde das Feuer vorwärtsstreben und das Hotel vereinnahmen – also konnte er nicht aufhören. Solange das Feuer nicht unter Kontrolle war, konnte er nicht aufhören.

Er konnte es nicht löschen, nicht ganz. Aus irgendeinem Grund, sei es, dass er geschwächt war oder abgelenkt, oder dass etwas an diesem Feuer etwas anders war, konnte er es nicht löschen. Das hatte er jetzt akzeptiert. Alles, was er tun konnte, war, die Flammen im Zaum zu halten, bis die Feuerwehr sie unter Kontrolle hatte.

Also konzentrierte er sich darauf, das Feuer zu kontrollieren, statt es zu löschen. Das schonte seine Kräfte, und Dante brauchte jedes bisschen davon. Denn das Feuer hörte nie auf, sich zu wehren, hörte nie auf, um seine Freiheit zu kämpfen. Zeit hatte ihre Bedeutung verloren. Egal, wie lange es dauerte, egal, wie sehr sein Kopf schmerzte – er musste es aushalten.

Irgendwann verlor er die Grenze zwischen sich und dem Feuer aus den Augen. Es war ein Feind, aber es war wunderschön in seiner Zerstörungskraft, es tanzte für ihn, magisch in seinen Bewegungen und Farben. Er spürte dessen Schönheit wie heiße Lava durch seine Adern fließen, spürte, wie sein Körper mit blinder Lust reagierte, bis seine Erektion schmerzhaft gegen seinen Reißverschluss drückte. Lorna musste es auch spüren, aber es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Unter diesen Umständen konnte er sich gerade davon abhalten, sich an ihr zu reiben.

Endlich drangen heisere Rufe durch den leiser gewordenen Lärm des Biestes. Dante drehte den Kopf ein wenig zur Seite und sah Feuerwehrmänner, die mit ihren Schläuchen auf ihn zukamen. Schnell löste er die schützende Blase um sie herum auf, auch wenn er damit sich und Lorna dem Rauch und der Hitze auslieferte.

Mit seinem ersten Atemzug brannte sich der Qualm bis ganz hinunter in seine Lungen. Er verschluckte sich, hustete, versuchte, noch einen Atemzug zu nehmen. Lorna fiel leblos auf die Knie, und er ließ sich neben sie fallen, als die ersten Feuerwehrmänner bei ihnen ankamen.

5. KAPITEL

Lorna saß auf dem Stoßdämpfer eines der Rettungswagen und hatte eine kratzige Decke eng um sich geschlungen. Die Nacht war warm, aber sie war klatschnass, und sie schien nicht mit dem Zittern aufhören zu können. Sie hatte gehört, wie der Sanitäter sagte, dass sie keinen Schock hatte; auch wenn ihr Blutdruck – verständlicherweise – ein wenig hoch war, war ihr Puls fast vollkommen normal. Sie war nur durchgefroren wegen der Nässe.

Und trotzdem erschien ihr alles um sie herum wie … gedämpft, als gäbe es eine Glasscheibe zwischen ihr und dem Rest der Welt. Ihre Gedanken waren wie betäubt, sie war kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Als der Sanitäter sie nach ihrem Namen gefragt hatte, hatte sie sich beim besten Willen nicht daran erinnern können, geschweige denn, ihn auszusprechen. Aber sie hatte sich daran erinnert, dass sie aus Angst vor Dieben nie eine Handtasche mit ins Kasino nahm und stattdessen ihr Geld in eine Hosentasche steckte und ihren Führerschein in die andere, also hatte sie den Führerschein hervorgezogen und ihn dem Sanitäter gezeigt. Es war ein in Missouri ausgestellter Schein, einen anderen hatte sie nicht. Um eine Fahrerlaubnis in Nevada zu bekommen, musste man einen festen Wohnsitz und einen Arbeitsplatz vorweisen. Der Arbeitsplatz war es, der ihr Schwierigkeiten bereitete.

„Sind Sie Lorna Clay?“, hatte der Sanitäter gefragt, und sie hatte genickt.

„Tut Ihr Hals weh?“, war seine nächste Frage gewesen, und das erschien ihr eine genauso gute Erklärung für ihr Schweigen wie alle anderen, also nickte sie noch einmal. Er hatte sich ihren Hals angesehen, kurz einen verwirrten Eindruck gemacht, und ihr dann Sauerstoff zum Atmen gegeben. Sie sollte sich im Krankenhaus untersuchen lassen, hatte er gesagt.

Ja, sicher. Sie hatte bestimmt nicht vor, in ein Krankenhaus zu gehen. Der einzige Ort, an den sie wollte, war weit weg.

Und trotzdem blieb sie genau dort, wo sie war, während Dante Raintree untersucht wurde. Sein Gesicht war blutverschmiert, aber es stellte sich heraus, dass es nur ein kleiner Schnitt war. Sie hörte, wie er den Sanitätern sagte, dass es ihm gut ging, dass er, nein, wirklich nicht glaubte, irgendwo verbrannt zu sein, dass sie sehr viel Glück gehabt hatten.

Glück, ja sicher. Der Gedanke kam klar wie Glockenklang, stieg empor aus dem zähen Sirup, in den sich ihr Gehirn verwandelt hatte. Er hatte sie dort, inmitten dieser brüllenden Flammenhölle, festgehalten, und es hatte sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Sie sollten beide knusprig frittiert sein. Sie sollten wenigstens durch verletzte Atemwege nach Luft japsen, statt dass es ihnen gut ging. Sie wusste, was Feuer anrichtete. Sie hatte es gesehen, hatte es gerochen, und es war schrecklich. Es zerstörte alles, was ihm im Weg war. Was es mit Sicherheit nicht tat, war, um einen herumzutanzen und einen unversehrt lassen.

Und trotzdem, hier war sie – unverletzt. Jedenfalls relativ. Sie fühlte sich zwar, als hätte sie ein Lastwagen überfahren, aber sie war nicht verbrannt.

Sie hätte aber verbrannt sein müssen. Sie hätte tot sein müssen. Immer, wenn sie darüber nachdachte, dass sie nicht nur nicht tot, sondern auch noch nicht einmal verletzt war, fing ihr Kopf an so sehr wehzutun, dass sie es kaum ertragen konnte zu atmen. Jedes Mal wurde die Glaswand zwischen ihr und der Wirklichkeit ein wenig dicker. Also dachte sie nicht darüber nach, ob sie nun am Leben war oder tot oder irgendetwas anderes. Sie saß einfach nur da, während sich um sie herum eine Szene wie aus einem Albtraum abspielte. Lichter blitzten. Menschen bewegten sich eilig, die Feuerwehrmänner waren immer noch dabei, mit ihren Schläuchen die letzten Reste des Feuers zu löschen, um sicherzugehen, dass sie nicht noch einmal aufloderten. Die Löschfahrzeuge machten so einen Lärm, dass es ihr unangenehm wurde. Sie wollte sich die Ohren zuhalten, aber auch das tat sie nicht. Sie wartete einfach.

Auf was sie wartete, wusste sie nicht genau. Sie sollte gehen. Sie dachte hundert Male daran, einfach aufzustehen und in die Nacht zu verschwinden, aber diese Gedanken in Taten zu verwandeln, erschien ihr unmöglich. Egal wie sehr sie gehen wollte, sie war durch eine Trägheit gefesselt, gegen die sie nicht ankämpfen konnte. Alles was sie tun konnte, war … sitzen bleiben.

Dann stand Raintree auf, und ganz plötzlich fand sie sich selbst ebenfalls stehend wieder, in die Aufrechte getrieben von einem Impuls, den sie nicht verstand. Sie wusste nur, dass, wenn er stand, sie auch stand. Sie war geistig zu erschöpft, um einen anderen Grund zu finden, der mehr Sinn ergab.

Sein Gesicht war so rußgeschwärzt, dass nur das Weiß seiner Augen sichtbar war, also glaubte sie, ebenso auszusehen. Toll. Das bedeutete, dass sie kaum eine Chance hatte, unbemerkt zu entkommen. Er nahm einen Lappen, den ihm irgendjemand anbot, und wischte damit über sein rußiges Gesicht, was nicht viel brachte. Ruß war fettig, alles außer Seife bewegte ihn nur von einem Ort zum anderen.

Mit Entschlossenheit in seinen Schritten ging er auf eine kleine Gruppe Polizisten zu, drei in Uniform, zwei in Zivil. Unbestimmte Furcht stieg in Lorna auf. Wollte er sie ausliefern? Ohne jeden Beweis? Sie wollte nichts lieber, als zu bleiben, wo sie war, aber stattdessen konnte sie nichts anderes tun, als sich dabei zuzusehen, wie sie ihm fügsam folgte.

Warum tat sie das? Warum ging sie nicht einfach fort? Sie rang mit den Fragen, versuchte, ihr Gehirn dazu zu bringen zu funktionieren. Er hatte nicht einmal in ihre Richtung gesehen; er würde nicht wissen, wohin sie gegangen war, wenn sie jetzt zurückfiel und in der Menschenmenge verloren ging – so sehr sie eben verloren gehen konnte, über und über bedeckt mit Ruß. Aber auch andere zeigten die Nachwirkungen des Rauchs, einige der Kasinoangestellten zum Beispiel und die Spieler. Wahrscheinlich hätte sie entkommen können, wenn sie sich dazu in der Lage gefunden hätte, die Anstrengung zu unternehmen.

Warum war ihr Gehirn so langsam? Auf einer sehr oberflächlichen Ebene schienen ihre Gedanken normal zu funktionieren, aber darunter war nichts als zäher Sirup. Es gab etwas Wichtiges, an das sie sich erinnern musste, etwas, was gerade lange genug an die Oberfläche kam, um ein wenig Sorge zu bereiten und dann in einer Rauchwolke verschwand. Sie runzelte die Stirn, versuchte, die Erinnerung hervorzuziehen, aber die Anstrengung bereitete ihr nur noch mehr Kopfschmerzen, also hörte sie auf.

Raintree ging auf die zwei Beamten in Zivil zu und stellte sich ihnen vor. Lorna versuchte, sich möglichst unauffällig zu verhalten, was wahrscheinlich vergebliche Liebesmüh war, wenn man bedachte, wie sie aussah und dass sie nur wenige Meter von ihnen entfernt stand. Alle Männer betrachteten sie mit dieser Mischung aus Argwohn und Neugier, die Polizisten eigen zu sein schien. Ihr Herz begann wild zu klopfen. Was würde sie tun, wenn Raintree sie wegen Betruges anzeigte? Weglaufen? Ihn ansehen, als sei er ein Vollidiot? Vielleicht war sie der Idiot, weil sie immer noch dastand wie ein Lamm auf dem Weg zum Opferstock.

Dieses Bild rüttelte sie wach wie kein anderes. Sie würde kein freiwilliges Opfer sein. Sie versuchte, einen Schritt wegzugehen, aber aus irgendeinem Grund schien sie nicht handeln zu können. Sie wollte nichts mehr, als bei ihm zu bleiben.

Bleib bei mir.

Die Worte hallten in ihrem müden Gehirn wider, bereiteten ihr neue Kopfschmerzen. Sie kamen ihr bekannt vor. Müde rieb sie sich die Stirn und fragte sich, wo sie die Worte schon einmal gehört hatte und warum sie wichtig waren.

„Wo waren Sie, als das Feuer ausgebrochen ist, Mr Raintree?“, fragte einer der Detectives. Er und der andere Polizist hatten sich vorgestellt, aber die Namen hatte Lorna schon wieder vergessen, gleich nachdem sie sie gehört hatte.

„In meinem Büro. Ich habe mich mit Miss Clay unterhalten.“ Er deutete auf Lorna, ohne wirklich in ihre Richtung zu sehen, als wüsste er genau, wo sie stand.

Sie sahen sie jetzt schärfer an, dann sagte der Detective, der mit Raintree gesprochen hatte: „Mein Partner wird ihre Aussage aufnehmen, während ich mich um Ihre kümmere, damit sparen wir Zeit.“

Klar, dachte Lorna sarkastisch. Und sie hatte ein Haus am Strand hier in Reno, das sie gern verkaufen wollte. Die Polizisten wollten sie von Raintree trennen, damit sie nicht mithörte, was er sagte und ihre eigene Aussage darauf abstimmen konnte. Wenn es schlecht um ein Geschäft bestellt war, versuchte der Besitzer manchmal, seine Verluste zu minimieren, indem er es abbrannte und die Versicherungsprämie kassierte.

Der andere Polizist trat neben sie. Raintree sah über seine Schulter. „Gehen Sie nicht zu weit weg. Ich will Sie in dieser Menschenmenge nicht verlieren.“

Was hatte er vor? fragte sie sich. Er hatte es klingen lassen, als seien sie zusammen oder so etwas. Aber als der Detective sagte: „Lassen Sie uns hier hinübergehen“, ging Lorna brav einige Meter neben ihm her, dann hielt sie auf einmal an, als könne sie keinen Schritt weiter.

„Hier?“, sagte sie, überrascht, wie rau und schwach ihre Stimme war. Sie hatte etwas gehustet, klar, aber ihre Stimme klang, als hätte sie seit Tagen Bronchitis. Sie war kaum hörbar über dem Lärm von den Löschfahrzeugen.

„In Ordnung.“ Der Detective sah sich um und stellte sich wie zufällig so hin, dass Lorna ihren Rücken zu Raintree wenden musste. „Ich bin Detective Harvey. Ihr Name ist …?“

„Lorna Clay.“ Wenigstens erinnerte sie sich dieses Mal an ihren Namen, auch wenn sie sich für den furchtbaren Bruchteil einer Sekunde nicht sicher gewesen war. Sie rieb sich noch einmal die Stirn, wünschte sich, dass ihre Kopfschmerzen endlich verschwinden würden.

„Leben Sie hier?“

„Im Moment ja. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich bleibe.“ Sie wusste, dass sie das nicht würde. Sie blieb nie lange an einem Ort. Einige Monate, sechs höchstens, und sie zog weiter. Er fragte nach ihrer Adresse, und sie stotterte sie. Wenn er sie überprüfte, würde er herausfinden, dass das schlimmste Vergehen, dessen sie schuldig war, ein Strafzettel für zu schnelles Fahren war, den sie vor drei Jahren bekommen hatte. Sie hatte die Strafe ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt, kein Problem also. Solange Raintree sie nicht wegen Betruges anzeigte, war alles in Ordnung. Sie wollte über ihre Schulter nach ihm sehen, aber sie wusste es besser. Nervös zu erscheinen oder, noch schlimmer, auszusehen, als würde sie sich mit ihm abstimmen, was sie antwortete, wäre fatal.

„Wo waren Sie, als das Feuer ausbrach?“

Er hatte gerade erst gehört, wie Raintree auf dieselbe Frage geantwortet hatte, dass sie bei ihm gewesen war, aber so arbeiteten Cops eben. „Ich weiß nicht, wann das Feuer ausgebrochen ist“, sagte sie, ein wenig gereizt. „Ich war in Mr Raintrees Büro, als der Alarm losgegangen ist.“

„Wann war das?“

„Ich trage keine Uhr. Ich weiß es nicht. Ich hätte sowieso nicht daran gedacht, auf die Uhr zu sehen. Feuer macht mir eine Höllenangst.“

Einer seiner Mundwinkel zuckte leicht, aber er brachte ihn schnell wieder unter Kontrolle. Er hatte ein nettes, verlebtes Gesicht, ein wenig hängende Wangen, faltig um die Augen. „Das ist okay. Wir können die Zeit im Sicherheitssystem überprüfen. Wie lange waren sie bei Mr Raintree, ehe der Alarm losgegangen ist?“

Das war mal eine gute Frage. Lorna erinnerte sich an die Panik, die sie in seinem Büro empfunden hatte, an die verwirrenden Halluzinationen, oder was immer sonst diese verstörende erotische Fantasie gewesen war. Nichts in diesem Raum war ihr normal vorgekommen, und auch wenn sie normalerweise ein gutes Zeitgefühl hatte, konnte sie es diesmal nicht einmal schätzen. „Ich weiß es nicht. Die Sonne ging unter, als ich hineingegangen bin. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“

Er notierte sich ihre Antwort. Der Himmel wusste, was er dachte, was sie getan hatten, dachte sie müde, aber sie konnte sich nicht dazu aufraffen, sich darum zu kümmern.

„Was haben Sie getan, als der Feueralarm losgegangen ist?“

„Wir sind ins Treppenhaus gerannt.“

„In welchem Stockwerk waren Sie?“

Das wusste sie, denn sie hatte sich die Zahlen angesehen, als sie im Fahrstuhl hochgefahren waren. „Im Neunzehnten.“

Auch das schrieb er sich auf. Lorna dachte bei sich, dass sie, sollte sie ein Gebäude anzünden wollen, sich bestimmt nicht im neunzehnten Stockwerk aufhalten würde, um auf den Alarm zu warten. Raintree hatte nichts zu tun gehabt mit dem, was auch immer das Feuer verursacht hatte, aber die Cops mussten alles überprüfen, sonst würden sie ihren Job nicht richtig machen. Obwohl … kamen Detectives eigentlich immer zu einem Brand? Ein Feuerwehrhauptmann oder wie auch immer man sie in Reno nannte, musste doch zuerst feststellen, dass es sich um Brandstiftung handelte, ehe man es wie ein Verbrechen behandelte.

„Was ist dann passiert?“

„Im Treppenhaus waren eine Menge Leute“, sagte sie langsam, versuchte, sich genau zu erinnern. „Ich erinnere mich an … viele Menschen. Wir konnten nur einige Stockwerke hinabgehen, ehe sich alle miteinander verkeilten, weil einige aus den unteren Stockwerken versuchten, hinaufzugehen.“ Der Rauch war auch schlimm gewesen, weil er das Sichtfeld einschränkte, die Leute hatten wie Geister ausgesehen … Nein. Das war später gewesen. Im Treppenhaus war zu der Zeit noch nicht so viel Rauch gewesen. Später – sie war sich nicht sicher, was später war. Die Reihenfolge der Geschehnisse war in ihrem Kopf vollkommen durcheinander, und sie schien keine Ordnung hineinbringen zu können.

„Weiter“, forderte Detective Harvey sie auf, als sie für ein paar Minuten still war.

„Mr Raintree hat ihnen gesagt – den Leuten, die die Treppe hinaufkamen –, dass sie zurückgehen müssen, dass es keinen Ausweg gibt, wenn sie weiter nach oben gehen.“

„Haben sie widersprochen?“

„Nein, sie haben alle umgedreht. Niemand ist in Panik ausgebrochen.“ Außer ihr selbst. Sie war kaum in der Lage gewesen, zu atmen, und das hatte nicht am Rauch gelegen. Ihre Erinnerung wurde langsam klarer, und sie war erstaunt, wie ordentlich die Evakuierung gelaufen war. Niemand hatte gedrängelt, niemand war gerannt. Die Leute hatten es eilig gehabt, das schon, aber sie waren nicht so leichtsinnig gewesen, ein Stolpern zu riskieren. Wenn sie jetzt im Nachhinein darüber nachdachte, war die ganze Sache ziemlich unnatürlich abgelaufen. Wie hatten alle so ruhig sein können? Wussten sie nicht, was Feuer anrichten konnte?

Aber sie selbst war auch nicht gerannt, fiel ihr ein. Sie hatte nicht gedrängelt. Sie war in gleichmäßigem Tempo gegangen, und Raintree hatte sie mit starkem Arm an seiner Seite gehalten.

Moment. Hatte er sie festgehalten? Sie konnte es sich nicht vorstellen. Er hatte ihre Taille berührt und sie ein wenig geführt, aber sie hätte jederzeit weglaufen können. Also … warum hatte sie es nicht getan?

Sie war wie alle anderen in einer ordentlichen Reihe dem Strom gefolgt. In sich drin hatte sie geschrien, aber nach außen schien sie die Kontrolle zu haben.

Kontrolle … keine Selbstkontrolle, eher kontrolliert wie eine Handpuppe, als hätte sie keinen eigenen Willen. Ihr Geist hatte gebrüllt, sie solle rennen, aber ihr Körper hatte einfach nicht gehorcht.

„Miss Clay?“

Lorna spürte, dass sie immer schneller atmete, während sie diese Momente noch einmal durchlebte. Feuer! Es kam näher und immer näher, sie wollte nicht gehen, sie wollte rennen, aber sie konnte nicht. Sie war in einem dieser Albträume gefangen, wo man versucht zu rennen, sich aber nicht bewegen kann; man versucht zu schreien, kann aber keinen Ton hervorbringen …

„Miss Clay?“

„Ich … was?“ Wie benebelt sah sie zu ihm auf. Aus der Mischung aus Ungeduld und Sorge auf seinem Gesicht konnte sie ablesen, dass er schon mehrmals ihren Namen gerufen hatte.

„Was haben Sie gemacht, nachdem Sie das Treppenhaus verlassen haben?“

Sie schüttelte sich, um sich zu sammeln. „Haben wir nicht. Ich meine, wir sind ins Erdgeschoss gekommen, und Mr Raintree hat die anderen nach rechts geschickt, in Richtung Parkdeck. Dann hat er … wir …“ Ihre Stimme versagte. Sie hatte dagegen angekämpft, hatte versucht, den anderen zu folgen, daran erinnerte sie sich. Dann hatte er gesagt: „Bleib bei mir“, und sie war geblieben, hatte nicht den Willen aufgebracht, etwas anderes zu tun, obwohl sie halb verrückt geworden war vor Angst.

Bleib bei mir.

Als er sich gesetzt hatte, hatte auch sie sich gesetzt. Als er aufgestanden war, war sie auch aufgestanden. Wenn er sich bewegte, bewegte auch sie sich. Bis dahin war sie nicht in der Lage gewesen, auch nur einen Schritt von ihm wegzugehen.

Erst vor einigen Augenblicken hatte er gesagt: „Gehen Sie nicht zu weit weg“, und dann war sie in der Lage gewesen, ihn zu verlassen – aber sie war nicht weit gegangen, ehe sie angehalten hatte, als stünde ihr eine Mauer aus Stein im Weg.

Ein schrecklicher Verdacht begann in ihr zu wachsen. Er kontrollierte sie auf irgendeine Art, vielleicht mit posthypnotischer Suggestion oder etwas in der Richtung, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wann und wie er sie hypnotisiert haben sollte. Alle möglichen merkwürdigen Dinge waren in seinem Büro geschehen. Vielleicht hatten diese blöden Kerzen ein Gift abgesondert, das sie betäubt hatte.

„Weiter“, unterbrach Detective Harvey ihre Gedanken.

„Wir sind nach links gegangen“, sagte sie, und begann zu zittern. Sie schlang ihre Arme um sich, zog die Decke fester zusammen, um ihre eigensinnigen Muskeln besser unter Kontrolle zu bekommen, aber trotzdem zitterte sie innerhalb von Sekunden von Kopf bis Fuß. „In die Lobby. Das Feuer …“ Das Feuer hatte sie angesprungen wie eine tollwütige Bestie, die vor Freude brüllte. Die Hitze war für den Bruchteil einer Sekunde unerträglich gewesen. Der Rauch hatte sie fast erstickt. Dann … kein Rauch, keine Hitze. Beides war einfach verschwunden. Sie und Raintree hätten innerhalb von Sekunden überwältigt werden sollen, aber das war nicht geschehen. Sie war in der Lage gewesen zu atmen. Sie hatte die Hitze nicht gespürt, auch wenn sie gesehen hatte, wie die hungrigen Zungen des Feuers über den Teppich nach ihr leckten. „Das Feuer ist irgendwie über die Decke gezogen, hinter uns, und wir waren gefangen.“

„Würden Sie sich gerne setzen?“, unterbrach er sein Verhör. Wenn man bedachte, wie sehr sie zitterte, glaubte er wahrscheinlich bloß, dass es besser war, wenn sie sich setzte, ehe sie zusammenbrach.

Das hätte sie vielleicht auch gedacht, wenn sich setzen nicht bedeutet hätte, sich auf den Asphalt zu setzen, der mit dem Schmutz und Dreck des Feuers bedeckt war und über den dreckige Wasserlachen liefen. Wahrscheinlich hatte er gemeint, dass sie sich irgendwo anders hinsetzen sollte. Das hätte sie auch gerne getan, wenn sie sich dazu in der Lage gesehen hätte, auch nur einen Schritt weiterzugehen als bis dort, wo sie gerade stand. Sie schüttelte den Kopf. „Es geht mir gut, ich bin nur nass, mir ist kalt und ich bin ein wenig aufgewühlt.“ Wenn es einen Preis gab für massive Untertreibung, hatte sie ihn sich gerade verdient.

Er betrachtete sie einen Moment lang, dann schien er zu entscheiden, dass sie wusste, ob sie sich setzen musste oder nicht. Er hatte es immerhin versucht, was ihn aus jeglicher Pflicht nahm. „Was haben Sie dann getan?“

Sie sagte ihm lieber nicht, dass sie sich von einer Art Schutzschild umgeben gefühlt hatte; sie waren schließlich nicht in „Star Wars“, er würde es vielleicht nicht verstehen. Sie sagte ihm lieber auch nicht, dass sie eine kühle Brise in ihrem Haar gespürt hatte. Sie musste unter Drogen gestanden haben, es gab keine andere Erklärung.

„Wir konnten nichts tun. Wir saßen in der Falle. Ich erinnere mich, dass Mr Raintree geflucht hat wie ein Kesselflicker. Ich erinnere mich, keine Luft mehr bekommen zu haben und auf dem Boden zu liegen. Dann sind die Feuerwehrleute gekommen und haben uns rausgeholt.“ Im Interesse der Glaubwürdigkeit hatte sie die Version der Ereignisse des Abends, an die sie sich erinnerte, extrem gekürzt, aber sie konnten sicherlich nicht sehr lange in der Lobby gewesen sein, kaum mehr als dreißig Sekunden. Ein Schutzschild, das sie sich eingebildet hatte, konnte kaum echten Rauch und echte Hitze abhalten. Die Feuerwehr musste die ganze Zeit schon nah bei ihnen gewesen sein, sie hatte nur zu viel Panik gehabt, um sie zu bemerken.

Da war noch etwas anderes. Wahrscheinlich diese beunruhigende, nagende Erinnerung, die sie nicht ganz festhalten konnte. Noch etwas anderes war geschehen. Sie wusste es, sie konnte sich nur nicht vorstellen, was es gewesen war. Vielleicht würde sie sich erinnern können, nachdem sie geduscht und die Haare gewaschen hatte – mehrmals – und zwanzig oder dreißig Stunden geschlafen hatte.

Detective Harvey sah über ihre Schulter und klappte dann sein kleines Notizbuch zu. „Sie haben Glück, dass Sie am Leben sind. Hat man Sie auf Rauchvergiftung untersucht?“

„Ja. Es geht mir gut.“ Den Sanitäter hatte ihr guter Zustand sehr überrascht, aber das sagte sie dem Detective nicht.

„Ich nehme an, Mr Raintree wird hier eine Weile zu tun haben, aber Sie können gehen. Haben Sie eine Telefonnummer, unter der man Sie erreichen kann, falls wir noch weitere Fragen an Sie haben?“

Sie wollte fragen was zum Beispiel?, stattdessen sagte sie: „Sicher“, und gab ihm ihre Nummer.

„Ist die von hier?“

„Das ist mein Handy.“ Sie machte sich nicht mehr die Mühe, einen Festnetzanschluss anzumelden, solange sie Empfang hatte, wo sie sich gerade niederließ.

„Haben Sie eine Festnetznummer?“

„Nein, tut mir leid. Ich sehe keinen Sinn darin, solange ich nicht weiß, ob ich hierbleibe.“

„Kein Problem. Danke für Ihre Unterstützung.“ Er nickte ihr kurz anerkennend zu.

Weil es das Richtige zu sein schien, gelang es ihr, sich zu einem kurzen Lächeln zu bewegen, während er zum anderen Detective zurückging, aber es verblasste schnell. Sie war ausgelaugt und dreckig. Ihr Kopf tat weh. Jetzt, wo Detective Harvey damit fertig war, sie zu verhören, wollte sie nur noch nach Hause.

Sie versuchte es. Sie versuchte mehrmals, einfach wegzugehen, aber aus irgendeinem Grund konnte sie sich nicht bewegen. Sie wurde immer frustrierter. Sie war gerade vor einigen Minuten dahin gegangen, wo sie jetzt stand, also gab es keinen Grund, warum sie jetzt nicht auch einfach weggehen konnte. Nur um zu sehen, ob sie überhaupt in der Lage war, sich zu bewegen, und ohne sich umzudrehen, trat sie einen Schritt zurück, näher zu Raintree. Kein Problem. Alle ihre Körperteile funktionierten genau so, wie sie sollten.

Probeweise setzte sie einen Fuß nach vorn und seufzte erleichtert, als ihre Füße und Beine ihr tatsächlich gehorchten. Sie war wirklich mehr als erschöpft, wenn ihr so etwas Einfaches wie Gehen so große Schwierigkeiten bereitete. Mit einem Seufzen setzte sie zu einem weiteren Schritt an.

Und konnte es nicht.

Sie konnte kein Stück weitergehen. Es war, als hätte sie das Ende einer unsichtbaren Leine erreicht.

Ihr wurde ganz kalt. Das war doch zum Verrücktwerden. Er musste sie hypnotisiert haben. Aber wie? Wann? Sie konnte sich nicht erinnern, dass er gesagt hatte „Sie werden schläfrig“, und sie war sich auch ziemlich sicher, dass Hypnose so gar nicht funktionierte. Es sollte eine tiefe Entspannung sein, nichts, was einen Dinge gegen den eigenen Willen tun ließ, egal wie Bühnenshows und Filme es darstellten.

Sie wünschte, sie hätte eine Uhr um, damit sie sehen konnte, ob ihr Zeit fehlte zwischen dem Betreten von Raintrees Büro und dem Läuten des Feueralarms. Sie musste herausfinden, wann das gewesen war, weil sie ungefähr wusste, wann die Sonne unterging. Sie war vielleicht eine halbe Stunde in seinem Büro gewesen … dachte sie jedenfalls. Sie konnte sich nicht sicher sein. Diese verstörenden Fantasien könnten länger gedauert haben, als sie es einschätzte.

Egal wie er es angestellt hatte, er kontrollierte ihre Bewegungen. Sie wusste es. Als er gesagt hatte „Bleib bei mir“, war sie geblieben, auch wenn sie sich einem Inferno gegenübergesehen hatte. Als er gesagt hatte „Gehen Sie nicht zu weit weg“, war sie nur in der Lage gewesen, ein kleines Stück zu gehen, und keinen Schritt weiter.

Sie drehte den Kopf, um über ihre Schulter nach ihm zu sehen, und sah, dass er so gut wie alleine dastand. Offensichtlich hatte er die Fragen, die der andere Detective ihm gestellt hatte, ausreichend beantwortet. Er betrachtete sie mit ernster Miene. Seine Lippen bewegten sich. Die Hintergrundgeräusche machten es unmöglich, ihn zu hören, aber sie konnte seine Lippen deutlich genug lesen.

„Komm her!“

6. KAPITEL

S ie ging zu ihm. Sie konnte nicht anders. Ihre Kopfhaut juckte und kalte Schauer liefen ihr den Rücken hinunter, aber sie ging, ihre Füße bewegten sich fast automatisch. Ihre Augen waren vor Schreck weit aufgerissen. Wie machte er das? Nicht, dass das Wie wichtig gewesen wäre, wichtig war, dass er es überhaupt tat. Nicht in der Lage zu sein, sich selbst zu kontrollieren, zu wissen, dass er die Kontrolle über sie hatte – das könnte zu einigen unangenehmen Situationen führen.

Sie konnte nicht einmal um Hilfe bitten, weil niemand ihr glauben würde. Bestenfalls würden die Leute glauben, sie stünde unter Drogen oder sei geistig instabil. Alle würden auf seiner Seite sein, weil er gerade sein Kasino verloren hatte, sein Lebenswerk. Das Letzte, was er brauchen konnte, war eine Verrückte, die ihn bezichtigte, auf irgendeine Art ihre Bewegungen zu kontrollieren. Sie sah es regelrecht vor sich, wie sie rief: „Hilfe! Ich gehe und kann nicht anhalten! Er hat Schuld!“

Ja, klar. Das würde super funktionieren – nämlich überhaupt nicht.

Er schenkte ihr ein grimmiges, selbstzufriedenes kleines Lächeln, als sie näher kam, und das machte sie richtig sauer. Die Wut fühlte sich gut an, sie mochte es nicht, auf irgendeine Art und Weise hilflos zu sein. Sie hatte auf der Straße zu viel gelernt, um ihm zu zeigen, was sie vorhatte, deshalb behielt sie ihren erschreckten Gesichtsausdruck mit weit aufgerissenen Augen bei – auch wenn sie nicht wissen konnte, wie viel er durch den Ruß und den Dreck davon überhaupt sah. Sie hielt ihren rechten Arm eng an ihrer Seite, ihren Ellenbogen ein wenig gebeugt und spannte die Muskeln in ihrem Rücken und ihrer Schulter an. Als sie ihm nah genug war, so nah, dass sie ihn hätte küssen können, feuerte sie einen Aufwärtshaken auf sein Kinn.

Er hatte es nicht kommen sehen, und ihre Faust traf mit so einer Kraft von unten auf sein Kinn, dass seine Zähne zusammenschlugen. Schmerz schoss durch ihre Fingerknöchel, aber das befriedigende Gefühl, ihn geschlagen zu haben, machte das mehr als wett. Er taumelte einen halben Schritt zurück, gewann dann mit athletischer Eleganz seine Balance wieder. Er streckte seine Hand aus, um ihr Handgelenk mit seinen langen Fingern zu umfassen, ehe sie noch einmal zuschlagen konnte. Er benutzte seinen Griff, um sie an sich zu ziehen.

„Einen Schlag habe ich verdient“, sagte er, während er sie nahe an sich gepresst festhielt und so leise sprach, dass nur sie ihn hören konnte. „Einen zweiten lasse ich mir nicht gefallen.“

„Lassen Sie mich los“, sagte sie eisern. „Und ich meine nicht nur meine Hand.“

„Dann haben Sie es also herausgefunden“, bemerkte er gelassen.

„Es hat ein wenig gedauert, aber mitten in ein verdammt riesiges Feuer gezerrt zu werden, lenkt einen auch ein wenig ab.“ Sie war so sarkastisch wie sie nur konnte. „Ich weiß nicht, wie Sie das machen oder warum …“

„Das Warum sollte doch offensichtlich sein.“

„Dann fehlt mir wohl Sauerstoff, weil ich so viel Rauch eingeatmet habe – hm, ich frage mich, wessen Schuld das ist – für mich ist das nämlich überhaupt nicht offensichtlich!“

„Bloß diese kleine Angelegenheit, dass Sie mich betrogen haben. Oder haben Sie gedacht, ich würde das in der Aufregung vergessen?“

„Ich habe Sie nicht … Moment mal! Sie können mich nicht hypnotisiert haben, während wir neunzehn verflixte Stockwerke hinuntergegangen sind, und wenn Sie es getan haben, während wir noch in Ihrem Büro waren – da war das Feuer noch gar nicht ausgebrochen! Erklären Sie mir das, Sherlock!“

Er grinste, und seine weißen Zähne blitzten in seinem rußschwarzen Gesicht. „Soll ich jetzt sagen: Elementar, mein lieber Watson?“

„Es ist mir egal, was Sie sagen. Hören Sie einfach auf mit Ihrem Voodoozauber oder nehmen Sie Ihren Fluch von mir oder die Hypnose oder was Sie sonst gemacht haben. Sie können mich hier nicht so einfach festhalten.“

„Das ist eine ziemlich lächerliche Aussage, wenn man bedenkt, dass ich Sie gerade sehr wohl hier einfach so festhalte.“

Gleich würde ihr Rauch aus den Ohren steigen. Lorna war schon viele Male in ihrem Leben sauer gewesen und ein paarmal war sie wütend geworden – aber so zornig wie jetzt hatte sie sich noch nie gefühlt. Bis zu diesem Abend war das sowieso alles das Gleiche für sie gewesen, aber offensichtlich musste man für echten Zorn auch noch verzweifelt sein. Sie war hilflos, und sie hasste es, hilflos zu sein. Ihr ganzes Leben baute darauf auf, niemals hilflos sein zu müssen, nie wieder ein Opfer zu sein.

„Lassen. Sie. Mich. Gehen.“ Ihre Zähne waren zusammengebissen, ihre Worte fast geknurrt. Ihre Selbstkontrolle hing an einem seidenen Faden, der nur hielt, weil sie wusste, dass es ihr wirklich gar nichts bringen würde, ihn anzuschreien und sie dabei wie ein Idiot aussehen würde.

„Noch nicht. Wir haben noch einige Dinge zu besprechen.“ Ihre Wut schien ihm vollkommen egal zu sein, als er den Kopf hob, um sich das Maß der Zerstörung anzusehen. Der Rauch stank sprichwörtlich zum Himmel, und die blitzenden blauen und roten Lichter der Rettungsfahrzeuge hämmerten wie glühende Stachel gegen ihre Stirn. Flammenherde brachen in den qualmenden Ruinen immer noch in blutrotes Leben aus, bis die wachsamen Feuerwehrmänner sie mit ihren Schläuchen löschten. Die Schaulustigen drückten sich gegen das Absperrband, das die Polizei gespannt hatte, um den Bereich abzugrenzen.

Sie sah die gleichen Details, die er sah, und die blitzenden Lichter erinnerten sie an einen Ball aus Feuer … nein, nicht aus Feuer … aus etwas anderem. Sie keuchte, ihr Kopf pochte schmerzhaft.

„Dann besprechen Sie schon“, fuhr sie ihn an, und legte ihre Hand gegen ihre Stirn, um den Schmerz instinktiv abzuwehren.

„Nicht hier.“ Er sah wieder zu ihr hinab. „Geht es Ihnen gut?“

„Mein Kopf zerspringt gleich. Ich könnte nach Hause gehen und mich hinlegen, wenn Sie nicht so ein Ekel wären.“

Er sah sie abschätzend an. „Aber ich bin nun mal ein Ekel, verklagen Sie mich doch. Und jetzt seien Sie still und bleiben hier, wie ein braves kleines Mädchen. Ich werde noch eine Weile beschäftigt sein. Wenn ich fertig bin, gehen wir zu mir nach Hause und unterhalten uns ein wenig.“

Lorna sagte kein Wort mehr, und als er wegging, blieb sie stehen, wo sie war. Verfluchter Bastard, dachte sie, als ihr Tränen der Wut in die Augen stiegen und ihre schmutzigen Wangen hinunterliefen. Sie wischte ihre Tränen hastig mit dem Handrücken weg. Wenigstens hatte er ihr gestattet, ihre Hände zu benutzen. Sie konnte nicht gehen und sie konnte nicht reden, aber sie konnte ihr Gesicht trocknen, und wenn die höheren Mächte wirklich gnädig zu ihr waren, dann konnte sie Raintree eine runterhauen, wenn er ihr wieder nahe genug kam.

Dann wurde ihr kalt, sie bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut. Die kurze Hitze ihrer Wut war verflogen, verweht von plötzlicher, betäubender Angst.

Was war er?

Ein Mann und eine Frau, die hinter dem Absperrband der Polizei standen und das riesige Feuer beobachtet hatten, drehten sich endlich um und gingen auf ihren Wagen zu. „Mist“, sagte die Frau düster. Ihr Name war Elyn Campbell, und sie war, abgesehen von ihrem Dranir, die mächtigste Feuermeisterin des Ansara-Clans. Alles, was sie über Dante Raintree wussten, und alles, was sie über Feuer wusste, war, unterstützt von ein paar mächtigen Zaubern, zusammengefügt worden, um zum Tode des Raintree-Dranirs zu führen. Stattdessen hatten sie auf ihrer Mission gar nichts erreicht.

„Ja.“ Ruben McWilliams schüttelte den Kopf. All ihre sorgsamen Berechnungen waren in Rauch aufgegangen – wortwörtlich. „Warum hat es nicht geklappt?“

„Ich weiß es nicht. Es hätte klappen müssen. Er ist nicht so stark. Niemand ist das, nicht einmal ein Dranir. Es war zu viel des Guten.“

„Dann ist er augenscheinlich der stärkste Dranir, den die Welt je gesehen hat – das, oder er hat einfach am meisten Glück.“

„Oder er hat früher aufgegeben, als wir dachten. Vielleicht hat er einen Rückzieher gemacht und ist weggerannt, statt das Feuer zu kontrollieren.“

Ruben seufzte tief. „Vielleicht. Ich habe nicht gesehen, wie sie ihn herausgebracht haben. Vielleicht stand er eine Weile irgendwo außer Sichtweite, bis ich ihn endlich finden konnte. Diese ganzen blöden Gerätschaften waren im Weg.“

Sie sah hinauf in den sternenklaren Himmel. „Wir haben also zwei Möglichkeiten: Entweder, er hat einen Rückzieher gemacht und ist weggerannt. Oder, und das ist leider auch das Wahrscheinlichste, er ist stärker, als wir erwartet hatten. Cael wird nicht gerade erfreut sein.“

Ruben seufzte wieder und stellte sich dem Unvermeidbaren. „Ich denke, wir haben es lange genug herausgezögert. Wir müssen ihn anrufen.“ Er zog sein Handy aus der Tasche, aber die Frau legte eine Hand auf seinen Arm.

„Benutz dein Handy nicht, es ist nicht verschlüsselt. Warte, bis wir zurück im Hotel sind und benutz da das Festnetz.“

„Gute Idee.“ Alles, was seinen Anruf bei Cael Ansara hinauszögerte, war eine gute Idee. Cael war sein Cousin mütterlicherseits, aber Verwandtschaft würde ihm keinen Bonus einbringen bei diesem Bastard – und das meinte er ganz wörtlich. Vielleicht war diese Verschwörung gegen den amtierenden Ansara-Dranir Judah nicht die beste Idee gewesen, die er je gehabt hatte. Auch wenn er mit ihm einer Meinung war, dass die Ansara jetzt, nach zweihundert Jahren des Wiederaufbaus, endlich wieder stark genug waren, den Raintree gegenüberzutreten und sie zu zerstören, hatte er sich vielleicht geirrt. Vielleicht hatte Cael unrecht.

Er wusste, für Cael würde klar sein, dass Dante Raintree ein Feigling gewesen war; die Möglichkeit, dass dieser Dranir stärker war, als sie es sich vorgestellt hatten, würde er einfach abtun. Aber was, wenn er wirklich so mächtig war? Der Coup, den Cael geplant hatte, würde ein Desaster werden, und die Ansara würden sich glücklich schätzen können, als Clan überhaupt zu überleben.

Cael würde nicht in der Lage sein, sich einen Fehler einzugestehen. Er würde nur zwei Möglichkeiten sehen: Entweder hatten Ruben oder Elyn den Plan nicht richtig ausgeführt oder Raintree war ein Feigling. Ruben wusste, dass sie keinen Fehler gemacht hatten. Alles war glattgegangen – bis auf das Ergebnis. Denn eigentlich hätte Raintree von den unkontrollierbaren Flammen verschlungen werden sollen. Es wäre eine herrliche Ironie gewesen; schließlich waren alle Großmeister durch eine seltsame Hassliebe mit der Kraft des Feuers verbunden. Stattdessen hatte er es unversehrt überstanden. Dreckig, verrußt und vielleicht ein wenig angesengt, aber im Grunde unversehrt.

Eine Kugel im Kopf wäre effektiver gewesen, aber Cael wollte nichts tun, was den Clan der Raintree auf den Plan rufen würde – und ein offensichtlicher Mord würde das mit Sicherheit tun. Alles musste wie ein Unfall aussehen, was es natürlich schwieriger machte. Schließlich sollte die königliche Familie, die Mächtigsten des Raintree-Clans, vernichtet werden, ohne dass jemand einen Mord vermutete. Ein Feuer schien ideal zu sein. Alle würden an ein tragisches und auch bitteres Ende glauben, wenn sie ihren Dranir an das Feuer verlören, aber sie würden voll und ganz verstehen, dass er bis zum Ende gekämpft hatte, um sein Kasino und sein Hotel zu retten. Besonders das Hotel, in dem viele Gäste wohnten.

Doch dabei konnte alles Mögliche schiefgehen. Und heute Abend war etwas schiefgegangen.

Dante Raintree lebte noch. Schiefer hätte es gar nicht gehen können.

Der große Angriff auf Sanctuary, auf das Anwesen der Raintree, auf die Wiege des Clans, war für die Sommersonnenwende geplant, die in einer Woche stattfinden würde. Er und Elyn hatten eine Woche, um Dante Raintree umzubringen – oder Cael würde sie umbringen.

7. KAPITEL

Dante ging mit grimmigem Gesichtsausdruck zurück dorthin, wo er Lorna hatte stehen lassen. Er wollte noch nicht gehen, aber er wusste, dass er nichts mehr tun konnte. Als die Polizei mit ihren Fragen fertig war, hatte er nur noch nach seinen Angestellten sehen wollen, um herauszufinden, ob es Todesopfer gegeben hatte. Zu seinem größten Bedauern und so wütend es ihn auch machte, war bereits ein Toter aus den rauchenden Ruinen des Kasinos gezogen worden, und die Polizei arbeitete mit der Menschenmenge zusammen, um herauszufinden, ob Freunde oder Verwandte vermisst wurden. Das würde einige Zeit dauern. Für endgültige Zahlen würden sie mehrere Tage brauchen.

Er hatte Al gefunden, der eine Rauchvergiftung hatte, heiser war und hustete, aber sich trotzdem weigerte, sich ins Krankenhaus fahren zu lassen. Stattdessen half er dabei, die evakuierten Hotelgäste in Schach zu halten. Die Hotelangestellten machten ihre Sache erstaunlich gut. Das Hotel selbst hatte vergleichsweise wenig Schaden genommen. Am Schlimmsten war es in der Lobby, wo Hotel und Kasino miteinander verbunden waren. Dort hatte Dante seine Schlacht ausgefochten.

Inzwischen waren alle, die im Hotel gewesen waren, Gäste und Angestellte, evakuiert und in Sicherheit. Es gab einige kleine Verletzungen, verstauchte Knöchel und dergleichen, aber nichts Ernstes. Der Rauch hatte natürlich mehr Schaden angerichtet, und er würde das ganze Hotel grundreinigen lassen müssen, um den Gestank loszuwerden. Die gute Nachricht, falls man das so nennen konnte, war, dass das Parkdeck intakt war, und das Hotelgebäude hatte auch nichts abbekommen. Wahrscheinlich konnte er in zwei Wochen wieder eröffnen. Die Frage war: Warum sollte jemand dort übernachten wollen?

Denn das Kasino konnte er komplett abschreiben. Etwa zwanzig Fahrzeuge, die auf dem Parkplatz vor dem Eingang gestanden hatten, waren beschädigt worden und der Parkplatz selbst war das reinste Chaos. Zwanzig oder dreißig Leute hatten Verbrennungen verschiedener Grade davongetragen, noch einmal so viele hatten eine Rauchvergiftung; sie waren bereits alle in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert worden.

Die Medien waren selbstverständlich in Scharen bei ihnen eingefallen. Ihre ständigen Rufe und Unterbrechungen und ihre Bitten – oder besser: Forderungen – nach Interviews störten ihn dabei, seine Angestellten zu organisieren, den Hotelgästen andere Unterkünfte zu beschaffen und mit Al zu arrangieren, dass sie ihre Habseligkeiten aus dem Hotel holen konnten. Gleichzeitig musste er verhindern, dass sich Diebe als Gäste einschlichen. Er musste sich mit der Versicherung herumschlagen. Er musste Gideon und Mercy anrufen, um ihnen alles über das Feuer zu erzählen und sie wissen zu lassen, dass es ihm gut ging, ehe sie die ganze Geschichte in den Nachrichten sahen. Sie waren beide in der östlichen Zeitzone, also sollte er sich besser damit beeilen, sie anzurufen.

Letztendlich hatte er gemerkt, dass er in dieser Nacht nichts mehr tun konnte; seine Angestellten waren großartig, sie kümmerten sich gut um alles. Und außerdem war er telefonisch immer zu erreichen. Er konnte genauso gut nach Hause fahren und die dringend benötigte Dusche nehmen.

Damit blieb nur noch das Problem mit Lorna.

Diese Nacht war eine Nacht der ersten Male. Vor dieser Nacht hatte er noch nie das Bewusstsein anderer Menschen kontrolliert, hatte nicht einmal gewusst, dass er so etwas konnte. Er hatte keine Ahnung, was er getan hatte, wie er es getan hatte. Sein erster Gedanke, dass sein Adrenalinkick inmitten der Extremsituation den Anstoß gegeben hatte, musste falsch sein, schließlich hatte er Lorna auch nach der Evakuierung nur mit seinen Worten und Gedanken unter Kontrolle gehalten, also war Adrenalin nicht der Katalysator. Dante hatte neues Territorium betreten, und er musste seine Schritte vorsichtig setzen, weil diese besondere Kraft so leicht missbraucht werden konnte. Verflucht. Hatte er das nicht schon getan? Lorna würde dazu mit Sicherheit Ja sagen – wenn er sie sprechen lassen würde.

In dieser Nacht hatte er auch zum ersten Mal auf brutale Weise den Geist eines anderen Menschen übermannt und sich seine Kraft wortwörtlich gestohlen. Danach war sie wie betäubt, richtig teilnahmslos gewesen, und hatte sich nicht einmal an ihren Namen erinnern können, auch wenn man alle diese Symptome dem Schock zurechnen konnte. Wie weitreichend der Gedächtnisverlust war und wie zeitlich begrenzt, musste er jetzt einfach abwarten. Sie hatte ziemlich schnell begonnen, sich zu erholen, aber sie konnte sich an große Teile ihres Erlebnisses immer noch nicht erinnern – es sei denn, sie hatte ihr Gedächtnis wiedererlangt, während er nicht bei ihr gewesen war. In dem Fall sollte er sich wahrscheinlich lieber eine Rüstung zulegen, ehe er seinen Zwang von ihr löste.

War sie eine Ansara? Das war die brennende Frage, auf die er eine Antwort brauchte – und zwar bald.

Seine Gedanken gingen in beide Richtungen. Einerseits konnte sie auf keinen Fall zum verfeindeten Clan gehören, sonst hätte er ihren Geist nicht so schnell überwältigen können und sie wäre auch nicht so empfänglich dafür gewesen. Eine Ansara, die genau wie die Raintree von Geburt an darin ausgebildet war, ihre Fähigkeiten zu kontrollieren, hätte seiner Bewusstseinskontrolle automatisch Widerstand geleistet. Diese Fähigkeit war selten, so selten, dass er noch nie jemanden getroffen hatte, der sie anwenden konnte, allerdings besagte die Familiengeschichte, dass es vor sechs Generationen eine Tante gegeben hatte, die sehr gut darin gewesen war. Selten oder nicht, weil es die Fähigkeit überhaupt gab, wurden er und jeder andere Raintree darin ausgebildet, wie man mentale Schutzschilde aufbaute. Die Ansara waren den Raintree, was Fähigkeiten anging, ebenbürtig, also brachten sie ihren Leuten zweifellos ebenso bei, wie man sich schützte. Und das bedeutete, dass die vollkommen ungeschützte Lorna keine Ansara sein konnte.

Es sei denn …

Es sei denn, sie war so talentiert darin, ein Schild aufzubauen, dass er es nicht bemerkt hatte. Vielleicht tat sie ja nur so, als stünde sie unter dem Zwang seiner Gedanken. Er hatte seinen Willen laut ausgesprochen, also hatte sie gewusst, was er von ihr verlangt hatte. Wenn sie ebenfalls die Gabe hatte, Feuer zu kontrollieren, hätte sie das Flammenmeer unterstützen und das Feuer jedes Mal erneut entfachen können, wenn er es gerade eingedämmt hatte.

Nein. Diese Idee verwarf er. Wenn sie es gewesen wäre, die das Feuer gefüttert hatte, hätte es ihm gelingen müssen, es vollkommen zu löschen, nachdem er sich ihre Macht gestohlen hatte. Jemand anderes musste die Flammen genährt haben. Aber vielleicht war sie Teil eines Ablenkungsmanövers, und vielleicht hatte sie auch Teile seiner Macht abgewehrt.

War sie eine Ansara oder war sie es nicht? Bald würde er es wissen. Wenn sie es nicht war … dann hatte er einer Frau wirklich hart mitgespielt, die vielleicht keine Unschuldige war, aber doch weit davon entfernt, ein Feind zu sein. Er konnte sich allerdings auch nicht vorstellen, was er anders hätte machen sollen. Als er ihren Geist überwältigt hatte, war das ein Akt der Verzweiflung gewesen. Er hatte schlicht nicht die Zeit gehabt, ihr die Dinge zu erklären. Er musste vielleicht einiges wiedergutmachen, aber es tat ihm nicht leid, dass er so gehandelt hatte. Er war nur froh, dass sie da gewesen war, froh, dass sie besondere Fähigkeiten hatte und einen Vorrat an mentaler Energie, den er hatte anzapfen können.

Er ging an einem Löschfahrzeug vorbei, neben dem die Besatzung gerade die Schläuche auslegte, um sie zusammenrollen zu können, und stellte sich auf die Bordsteinkante. Jetzt konnte er sie sehen. Soweit er es sagen konnte, stand sie immer noch an exakt dem gleichen Punkt, an dem er sie zurückgelassen hatte. Wenigstens war das am Rand des Geschehens, sodass sie den Feuerwehrleuten nicht im Weg stand. Sie war schmutzig, ihr Haar verfilzt von der unglücklichen Mischung aus Rauch, Ruß und Wasser, und ihre Haltung schrie förmlich heraus, wie erschöpft sie war. Sie hatte sich immer noch in eine Decke gehüllt, die sie krampfhaft festhielt, und sie schwankte wortwörtlich auf der Stelle. Er spürte kurz Ungeduld in sich aufkommen, vermischt mit Mitleid. Warum hatte sie sich nicht hingesetzt? Davon hatte er sie nicht abgehalten.

Er sah sie an, zuckte kurz im Geiste zusammen, als er an die Sitzbezüge in seinem Auto dachte, und zuckte dann sofort mit den Schultern, weil er genauso dreckig war. Und was machte es schon? Leder konnte man reinigen lassen.

Als sie ihn sah, flammte unverhohlene Wut in ihren Augen auf, die die Müdigkeit vertrieb. Wenn er erwartet hätte, dass die Ereignisse sie eingeschüchtert hatten, wäre er enttäuscht worden. Denn wie es stand, spürte er nur, dass ihn eine gewisse Aufregung durchfuhr. Sogar nach allem, was sie durchgemacht hatte, ließ sie sich immer noch nicht unterkriegen. Er erinnerte sich an die riesigen Mengen Energie, die er in ihr vorgefunden hatte, als er sie angezapft hatte, und er fragte sich, ob sie überhaupt wusste, wie stark sie wirklich war.

„Kommen Sie mit mir“, sage er, und sie folgte gehorsam.

Es war allerdings nichts Gehorsames an der Art, wie sie seinen Arm packte und ihn zu sich umdrehte. Sie starrte wütend zu ihm hinauf und deutete mit einer harten, ungeduldigen Geste auf ihren Mund. Sie wollte reden, wahrscheinlich hatte sie sich eine Menge Dinge überlegt, die sie ihm an den Kopf werfen konnte.

Dante fing an, den Zwang von ihr zu nehmen, doch dann zögerte er und grinste. „Ich glaube, ich genieße die Stille noch ein wenig“, sagte er, weil er wusste, dass sie das richtig auf die Palme bringen würde. „Es gibt nichts, was nicht warten könnte, bis wir alleine sind.“

Al hatte diskret arrangiert, dass einer seiner Sicherheitsleute Dantes Wagen vom Parkdeck geholt hatte, wo ein Parkplatz neben seinem privaten Aufzug für ihn reserviert war. Der nachtschwarze Lotus Exige stand mit eingeschaltetem Standlicht und im Leerlauf am Ende des riesigen Kasino-Parkplatzes. Er war vor dem Großteil der gaffenden Menschenmenge gut versteckt hinter dem riesigen Knoten aus Rettungsfahrzeugen mit ihren blitzenden Blaulichtern. Dante führte Lorna am Rand des Parkplatzes entlang; als sie sich dem Auto näherten, ging eine der Türen auf und einer der Sicherheitsmänner stieg aus. „Bitte sehr, Mr Raintree.“

„Danke, Jose.“ Dante öffnete die Beifahrertür. Lorna bedachte ihn mit einem tödlichen Blick, als sie ins Auto stieg, und irgendwie gelang es ihr, ihm ihren Ellenbogen in die Rippen zu rammen. Er verbarg ein Zucken, schloss die Tür mit einem festen Klick hinter ihr und ging auf die andere Seite zur Fahrertür.

Der Lotus war tiefergelegt und nicht unbedingt bequem für seine muskulösen ein Meter neunzig, aber er liebte es, ihn zu fahren, wenn ihm der Sinn nach einem Fortbewegungsmittel mit Schneid stand. Wenn er es bequem wollte, fuhr er den Jaguar. Heute Nacht wäre er gerne durch die einsame Landschaft gefahren, um einfach aufs Gas zu treten, um seine Wut und die Trauer mit den scharfen Kanten durch die Geschwindigkeit und die Aggression zu lindern. Der Lotus schaffte es in elf Sekunden von null auf hundert, das war wirklich schnell. Es drängte ihn danach, jetzt hundert Meilen die Stunde zu fahren und den kleinen Hochleistungsmotor an seine Grenzen zu bringen.

Stattdessen fuhr er ruhig und bedacht, immer in dem Bewusstsein, dass er die kurze Leine, an der er seine Stimmung hielt, nicht loslassen durfte. Dass es Nacht war, half, aber sie waren zu nah an der Sommersonnenwende, als dass er etwas riskieren konnte. Verdammt – könnte er das verfluchte Feuer verursacht haben? War er verantwortlich für den Verlust mindestens eines Lebens?

Erste Befragungen hatten ergeben, dass das Feuer wahrscheinlich im Lager ausgebrochen war, aber es war dort noch zu heiß gewesen, als dass man es hätte überprüfen können. Wenn es ein Problem in der Elektronik gewesen war, dann hatte er nichts damit zu tun, aber er grübelte über die Möglichkeit nach, dass es von etwas vollkommen anderem verursacht worden war. Seine Kontrolle hatte kurz ausgesetzt, als er Lorna zum ersten Mal gesehen hatte. Ihr Haar hatte im letzten Sonnenlicht wie Feuer geglüht. Er hatte die Kerzen entzündet, ohne auch nur daran zu denken. Hatte er noch etwas anderes angezündet?

Nein, das hatte er nicht getan. Er war sich ganz sicher. Wenn er die Ursache gewesen wäre, wären über das ganze Hotel und Kasino verteilt Flammenherde entstanden, nicht nur an einem einzigen, weit entfernten Ort. Er hatte sich schnell wieder zusammengerissen und seine Macht unter Kontrolle gebracht. Das Feuer im Kasino war von etwas anderem verursacht worden; das Timing war nur Zufall gewesen.

Fast eine halbe Stunde verstrich, ehe er sein Eingangstor per Fernbedienung öffnete und den Lotus die kurvenreiche Auffahrt zu seinem dreistöckigen Haus am östlichen Rand der Sierra Nevada hinauflenkte. Ein anderer Knopf auf der Fernbedienung öffnete das Garagentor, und er stellte den Lotus an seinen Platz, wie ein Astronaut, der sein Shuttle an die Weltraumstation andockte. Dann schloss er das Garagentor hinter sich. Der silberne Jaguar glänzte auf seinem Platz neben dem Lotus.

„Kommen Sie“, sagte er zu Lorna, und sie stieg aus dem Wagen. Sie starrte stur geradeaus, als er zur Seite trat und ihr den Vortritt in seine sauber glänzende Küche ließ. Er gab seinen Code in das Sicherheitssystem ein, dann hielt er inne. Er zog kurz in Betracht, sie zurück in die Stadt zu fahren, nachdem er mit seiner Befragung fertig war, verwarf die Idee aber gleich wieder. Er war müde. Sie konnte hierbleiben, und wenn er musste – was er ohne Zweifel tat –, würde er einen Zwang benutzen, um sie hier bei sich zu behalten, wo sie außer Gefahr war. Wenn ihr das nicht gefiel, hatte sie eben Pech. Die letzten paar Stunden waren ein Albtraum gewesen, und ihm war nicht danach, noch einmal so weit zu fahren.

Mit diesem Entschluss im Hinterkopf stellte er die Alarmanlage neu ein und drehte sich zu ihr um. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, keinen Meter weit entfernt, ihre Schultern gerade, steif und, falls er die Haltung ihres Kopfes richtig deutete, das Kinn nach oben gestreckt.

Er bedauerte den Verlust der Stille bereits, als er sagte: „Okay, Sie können reden.“

Sie wirbelte zu ihm herum, und er wappnete sich für eine Flut von Beschimpfungen, als ihre Fäuste sich an ihren Seiten ballten.

„Badezimmer!“, brüllte sie ihn an.

8. KAPITEL

Die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck wäre zum Lachen gewesen, wenn Lorna in der Stimmung gewesen wäre. Als ihm dämmerte, was sie meinte, machte er große Augen und deutete schnell auf einen kurzen Flur. „Erste Tür rechts.“

Sie trat einen verzweifelten Schritt vor und erstarrte. Dieser verfluchte Kerl hielt sie immer noch fest. Der brennende Blick, den sie ihm zuwarf, hätte erledigen sollen, was das Feuer im Kasino nicht vermocht hatte, nämlich jedes Haar von seinem Kopf sengen. „Gehen Sie nicht zu weit“, sagte er knapp.

Lorna rannte. Sie knallte die Badezimmertür hinter sich zu, aber sie nahm sich nicht die Zeit, abzuschließen. Als sie es gerade noch rechtzeitig schaffte, war die Erleichterung so stark, dass sie unwillkürlich zitterte. Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut zu stöhnen.

Danach saß sie einfach mit geschlossenen Augen da und versuchte, ihre zermürbten Nerven zu beruhigen. Er hatte sie zu sich nach Hause gebracht! Was hatte er vor? Was immer es auch sein mochte, eines stand fest, er hatte sie in seiner Gewalt, und sie war vollkommen hilflos, konnte nicht ausbrechen. Die ganze Zeit, in der er sie alleine auf dem Parkplatz hatte stehen lassen, hatte sie versucht, nur einen einzigen Schritt zu gehen, ein Wort zu sagen – und sie konnte es nicht. Sie war halb verrückt geworden vor Angst, und die andere Hälfte war traumatisiert.

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