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Die Räder des Lebens

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Eins
  7. Zwei
  8. Drei
  9. Vier
  10. Fünf
  11. Sechs
  12. Sieben
  13. Acht
  14. Neun
  15. Zehn
  16. Elf
  17. Zwölf
  18. Dreizehn
  19. Vierzehn
  20. Fünfzehn
  21. Sechzehn
  22. Siebzehn
  23. Achtzehn
  24. Neunzehn
  25. Zwanzig
  26. Einundzwanzig
  27. Nachwort

Über den Autor

Jay Lake (Joseph E. Lake, Jr.), geboren 1964, wurde 2004 mit dem John W. Campbell Award als bester neuer Science-Fiction-Autor ausgezeichnet. Er hat mehrere Romane und weit über hundert Kurzgeschichten veröffentlicht, von denen einige für den Hugo Award und den World Fantasy Award nominiert wurden. Darüber hinaus ist er auch als Herausgeber von Anthologien und als Rezensent für die INTERNET REVIEW OF SCIENCE FICTION hervorgetreten. Er lebt in Portland, Oregon, und arbeitet als Produktmanager für eine Firma, die Sprachdienste für Unternehmen bereitstellt.

 

Für Elizabeth Bear und Jeff VanderMeer.
In einer Welt leuchtender Vorbilder wart ihr mir zugleich Geistführer und treue Freunde.

 

Dieses Buch wäre ohne die freundliche Unterstützung vieler Menschen, die ich hier nicht alle aufzählen kann, nicht möglich gewesen. Ich werde es aber dennoch versuchen und entschuldige mich im Voraus bei denjenigen, die ich in den folgenden Zeilen auslasse. Mein Dank gilt Kelly Buehler und Daniel Spector, Sarah Bryant, Michael Curry, Anna Hawley, Robin Hill, Sarah Hoyt, Carolyn Lachance und Brian Dewhirst, Botschafter Joseph Lake (aka Dad), Adrienne Loska, Lisa und Angel Mantchev, zusammen mit Elisa Aspert, Ruth Nestvold, Luís Rodrigues, Ken Scholes, Jeremy Tolbert und natürlich allen Teilnehmern meiner Live-Journal-Community in ihrer anmaßenden Pracht. Es gibt viele, die ich außer Acht gelassen habe, aber zweifelt nicht daran, dass ihr ebenso wichtig für mich seid.

Ich möchte an dieser Stelle auch die Gelegenheit nutzen, der Brooklyn Postfiliale hier in Portland, Oregon, der Fireside Coffee Lodge und Lowell’s Print-Inn für die geleistete Hilfe und Unterstützung zu danken. Ein besonderer Dank gilt Jennifer Jackson, Beth Meacham, Jozelle Dyer und Elliani Torri, die das Buch in seiner vorliegenden Form möglich gemacht haben, und mein Dank gilt auch Irene Gallo und Stephan Martiniere, die das Titelbild so wundervoll gestaltet haben, dass man das Buch in die Hand und mit nach Hause nehmen will. Wie immer sind sämtliche Fehler und Auslassungen ganz allein mir anzulasten.

Eins

Paolina

Die Boote im Hafen von Praia Nova hatten an Land gelegen, als die große Flut vor zwei Jahren über sie hereingebrochen war. Die Männer im Dorf hielten das für einen Segen, denn dieser Zufall hatte ihnen das Leben gerettet. Die Frauen hielten es aus demselben Grund für einen Fluch. A Muralha blieb so still und unerbittlich wie jeher, ein gigantisches Bollwerk aus Stein, Erde und Seltsamkeit, das sich fast 250 Kilometer in den Himmel erhob und die Nördliche von der Südlichen Welt trennte. Im Schatten der Mauer gab es danach noch weniger Nahrung als sonst, denn zuerst mussten Boote neu gebaut und Netze neu geknüpft werden; aber kein anständiger Kerl konnte auf eine ordentliche Mahlzeit verzichten. Also hungerten die Frauen und ihre Kinder schweigend, um den Schlägen der betrunkenen Männer zu entgegen.

Niemand wagte es, Paolina Barthes eine Mahlzeit zu versagen. Ob sie nun von Dämonen besessen oder von Gott ausersehen war, vermochte niemand zu sagen, aber sie hatte Praia Nova nach der Flut gerettet. Obwohl sie schmal wie ein Knabe gebaut war und ihre Tage noch nicht bekommen hatte, trug sie das schwarze Leinenkleid, das alle erwachsenen Frauen bevorzugten.

Die fidalgos verbrachten ihre Freitagabende in der großen Halle am Rande von Praia Nova. Die fidalgos hatten sich beim Bau dieses Gebäudes von sturer Entschlossenheit leiten lassen – eine Eigenschaft, die sie am stärksten auszeichnete –, denn bis Paolina sich einmischte, hatten weder Architekten noch Ingenieure ihre Hände im Spiel gehabt. Dickköpfig wie sie waren, hatten sie über Generationen hinweg ein Ungetüm aus Korallen erschaffen, die sie den Riffen am Fuß von a Muralha entrissen hatten. Unter großen Mühen und Qualen hatten sie Granit von der Mauer abgeschlagen und den Marmor bei heimlichen, angstvollen Streifzügen aus den Städten der Enkidus weit über ihnen entwendet. Das Resultat war eine Art Mischung aus einer Kathedrale und einem Geräteschuppen. Wie dem auch sei, es hatte die Beben überstanden, die die Flut mit sich gebracht hatte, im Gegensatz zu vielen der traditionell aus Lehmziegeln gebauten Häuser.

Es hatte auch gewisse Ähnlichkeit mit einem Harlekin. Die verschiedenen Baumaterialien und -stile hatten aus dem Ding im Lauf der Jahre Stückwerk werden lassen, dem bunten Mantel Josefs gleich, der den leuchtenden Vorbildern Praia Novas während ihrer sorgfältigen Beratungen Schutz gewährte.

Heute waren sie betrunken und verängstigt.

Paolina wusste es, wie sie die meisten Dinge wusste. Sie erkannte es an Gerüchen in der Luft, dem Rhythmus, in dem die Gläser auf den Tisch geschlagen wurden, und aufgrund der Tatsache, dass ein weiteres von Fra Bellicos Kindern an diesem Tag im harten, kargen Boden Praia Novas beerdigt worden war, 317 Stufen über dem Anlegesteg aus Korallen und dem gnadenlosen Meer.

Sie ging auf dem Weg zur großen Halle, den sie Rua do Rei – die Königsstraße – nannten. Tatsächlich hatten nur vier der Männer und eine Frau aus Praia Nova jemals eine Straße gesehen, und sie kannten keinen König außer dem Allmächtigen Gott. Die Rua do Rei war gerade breit genug, um zwei Ziegen aneinander vorbeigehen zu lassen, und ein Seil bot ein gewisses Maß an Sicherheit, wenn einer der schlimmen Stürme vom Atlantik her auf die Mauer zuraste. Auf der einen Seite fiel der Weg in eine Schlucht hinab, in die die Dorfbewohner den verschwindend geringen Anteil des Mülls warfen, den sie nicht zum wiederholten Male wiederverwendet hatten. Auf der anderen Seite erhob sich ein Stück von a Muralha.

Juan und Portis Mendes hatten einen Jungen gefunden, aber niemand hatte ihn zu ihr gebracht. Stattdessen hatten die Narren ihren Fang zu den fidalgos gebracht.

Sie hatte gehört, dass er Engländer und nicht wie alle anderen Bewohner Praia Novas über das Meer gekommen sei. Ganz im Gegenteil, er war auf dem östlichen Pfad aus den Ländern und Königreichen von a Muralha zu ihnen gekommen, auf dem Pfad, der in das mythische Afrika führte.

Paolina hasste es zutiefst, Dinge gesagt zu bekommen. Sie mussten sie nur sehen lassen, und sie würde eine Lösung finden. Als die Erdbeben die Quellen versiegen ließen, die Praia Nova früher mit Wasser versorgt hatten, hatte sie die pedalbetriebene Pumpe gebaut, die Wasser aus dem westlichen Bach nahe Meereshöhe zu ihnen hinaufschaffte. Als Jorg Penoyers Bein im Kohlenabbaustoß stecken geblieben war, hatte sie die Druckpunkte im Fels herausgefunden und ihn mittels eines Flaschenzugs befreien können, ohne ihm das Bein amputieren zu müssen. Sie verstand die Welt, und wenn die fidalgos auch manchmal vergaßen, dass sie ein Mädchen war, fiel ihnen das doch immer wieder ein.

Nur eins hasste sie mehr als Belehrungen: Wenn sie ihr sagten, sie sei ›bloß ein Mädchen‹, ja, noch nicht mal eine richtige Frau. Gott hatte sie nicht auf diese Nördliche Hemisphäre gebracht, um wie eine fruchtbare Zicke die Abkömmlinge irgendeines Rüpels auf die Welt zu bringen, neun Monate nachdem er sie bestiegen hatte. Frauen lebten nur um zu dienen, während der pila der Männer sie zu den Herren der Schöpfung machte.

Zur Hölle damit, dachte Paolina.

Sie blieb vor der großen Halle stehen und starrte gen Himmel. Das Messingband der Erdumlaufschiene zog sich als schillernde Linie über die Hemisphäre der Himmelswelten und bog sich nur wenig von a Muralha nach außen. Die Mauer wirkte so mächtig wie eh und je, der steinerne Muskel der Welt, größer als sich die Menschen vorstellen konnten.

Doch sie war die Ausnahme.

Paolina lächelte in der abendlichen Dunkelheit. Gott sollte ruhig seine Fallen aufstellen. Sie würde sie umgehen.

Das laute Stimmengewirr ließ sie weitergehen. Sie marschierte auf die Tür der großen Halle zu, die nun geschlossen war, um die nächtliche Kühle auszusperren – und unerwünscht Anwesende wie sie.

Drinnen taten die Männer, was sie immer taten: Sie taten so, als ob sie nicht da sei. Dom Alvaro, Dom Pietro, Fra Bellico, Benni Penoyer und Dom Mendes saßen eng beieinander um einen massiven Holztisch im Hauptraum. Zwischen ihnen stand eine Flasche bagaceira, die sie mit ihren Bläschengläsern geleert hatten. Der scharfe Schnaps hatte ihnen die Tränen in die Augen getrieben.

Der englische Junge – eher ein junger Mann – saß auf einer Bank an der Westwand. Über ihm war ein halbes, anzüglich grinsendes Gesicht in den Stein gerammt worden, das man von einer großen Schnitzarbeit der Enkidu abgebrochen hatte. Er wirkte blass und hatte sich einen Sonnenbrand zugezogen. Der Junge hatte helles, fettiges Haar und wirkte müde. Ihre Blicke trafen sich kurz, ohne dass er erkennbar auf sie reagierte. Nichts deutete darauf hin, dass es sich um einen Seelenverwandten handelte.

Also nur ein weiterer Mann, der seinen pila liebte und für den sie nicht mehr als ein Möbelstück war.

Dennoch wünschte sich Paolina, sie hätte ihn zuerst treffen können, bevor der Fremde dem durch Alkohol genährten Zorn der fidalgos ausgesetzt wurde. Er würde sie als ein Dorf voller Narren ansehen. Dieser Junge, der London oder gar Camelot gesehen haben musste, wusste, dass ihre Leute nicht mehr als ungebildete Esel in einem unausgemisteten Stall am Ende der Welt waren.

Paolina spürte, wie die Wut wieder in ihr aufstieg.

»Wir können ihn uns nicht leisten«, rief Dom Mendes. Er wirkte abgezehrt und war bis zu den Ellbogen eingestaubt, da er neue Boote baute. Oh, sie hatten ihre Meinung zu ihren Bemühungen nicht gerne gehört. »Der alte Kerl, der vor der Flut bei uns gelebt hat, war schon schlimm genug, und damals lebten wir noch im Überfluss. Jetzt haben wir zu viele Mäuler zu stopfen.«

»Eins weniger seit heute«, plärrte Fra Bellico, der noch nie eine Mahlzeit verpasst hatte, obwohl er seine Bibel praktisch nie aus der Hand legte.

»Meine Jungs sind auf der Jagd«, zischte Mendes.

Penoyer prustete. »Ja, und sie bringen nur neue Mäuler zurück.« Er war kein fidalgo; sein Großvater war nach einer gescheiterten Meuterei von einem englischen Schiff geflohen. Nur Edelleute erhielten in Praia Nova Ehrentitel.

Paolina trat schließlich in einer Mischung aus Wut und Verlegenheit an ihren Tisch. Sie zwängte sich zwischen Mendes und Pietro. »Seid ihr schon auf die Idee gekommen, dass er Portugiesisch versteht?«

Bellico winkte mit seiner plumpen Hand. »Er ist Engländer. Die Inselaffen lernen nie eine Fremdsprache, die reden nur ihren eigenen barbarischen Rotz.«

»Dann werde ich mit ihm auf Englisch sprechen«, teilte sie ihnen mit. »Vielleicht bringt er Wissen oder Werkzeuge mit, die ihn und andere ernähren könnten.«

Penoyer, der leichenblass war und hellrote Haare hatte, sah sie wütend an, bevor er ihr in dieser Sprache antwortete. »Das wird nichts nützen, Mädchen.«

Der Junge wurde kurz munter, sackte aber wieder in sich zusammen, als ihm die Worte klar wurden.

»Es kann wohl kaum schlimmer werden,« blaffte sie ihn, auch auf Englisch, an.

Lass es doch Penoyer den fidalgos erklären.

Paolina ging zu dem Jungen hinüber. »Komm mit«, sagte sie in seiner Sprache.

Er stand auf und folgte ihr nach draußen, ohne ein einziges Mal zurückzublicken. Das war auch kein großer Verlust, dachte sie. Draußen drehte sie sich zu ihm um. »Tut mir sehr leid.« Sie hielt kurz inne, um ihre nächsten Worte zu überlegen.

»No faz mal«, antwortete er überraschend. Das macht doch nichts.

Paolina musste gegen ihren Willen kichern. »Hast du alles verstanden, was sie gesagt haben?«

»Das meiste.« Wieder auf Englisch.

»Meine Mutter hat Brot.« Das war das Netteste, was sie im Augenblick für den Jungen tun konnte. Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn den Weg entlang, den sie die Königsstraße nannten, zurück zu den Häusern Praia Novas und den ruhigen, hungernden Frauen.

Um keine Kerze zu verschwenden, aßen sie auf der Hintertreppe der Hütte. Paolinas Mutter fegte und wusch die Steine täglich. Sie hatte ruhig dort gesessen und auf den mondhellen Atlantik hinausgeschaut, als Paolina sie um Brot gebeten hatte. Sie hatte nicht reagiert.

So war es schon seit Jahren, seitdem das Boot von Paolinas Vater ohne ihn zurückgekehrt war. Marc Penoyer war der Kapitän gewesen. Er und seine beiden Brüder hatten unabhängig voneinander so völlig gleichlautende Versionen der Geschehnisse an Bord erzählt, dass sie sich das zurechtgelegt haben mussten – selbst mit sechs Jahren wusste Paolina schon, dass zwei Menschen sich unmöglich bei einer Sache so einig sein konnten. Menschen verstanden nicht, was sich direkt vor ihrer Nase befand. Sie sahen nur das, was ihnen am Herzen lag.

Danach hatte ihre Mutter tagsüber gearbeitet und die Nächte mit Träumen verbracht. Manchmal sprach sie, manchmal nicht, aber Paolina hatte in jedem Fall immer ein Kleid. Sie hatte jeden Tag etwas zu essen bekommen.

Das war wohl die Abmachung, wie eine Kindheit auszusehen hatte. Als sie sich ihre Pfiffigkeit langsam zunutze machen konnte, hatte Paolina dafür gesorgt, dass sie immer ein wenig Mehl aus der bedauernswerten Mühle oberhalb der Stadt erhielten und von Zeit zu Zeit getrockneten Fisch, den die faulen Fischer mit ihren Angeln aus dem Meer holten.

Der Junge stellte keine Fragen zu ihrer Mutter, sondern aß den Brotkanten mit einer solchen Begeisterung, dass sehr deutlich wurde, wie lange er nichts Vernünftiges mehr zu essen gehabt hatte. Sie hatte ihm nur zwei kleine Stücke vom Laib abreißen und eine Hand voll getrockneter Sardinen geben können, aber Paolina wusste, dass es sich für zivilisierte Leute gehörte, dem Gast etwas zu essen anzubieten.

Er hatte London gesehen, rief eine Stimme in ihr. London. Selbst Dr. Minor war nicht dort gewesen.

In diesem Augenblick hasste sie a Muralha, Praia Nova und alles an ihrem Leben. Sie starrte auf das Messing am Himmel und fragte sich, wie sie es zerbrechen könnte, um die Erde und sich selbst zu befreien.

»Danke«, sagte der Junge.

»Hm?« Sie schluckte die schwierigeren Worte, die ihr auf der Zunge lagen, hinunter.

»Danke. Sie wollten mich aus dem Dorf werfen, nicht wahr?«

»Natürlich.« Paolina musste ihrer Wut zum Trotz lachen. »Du könntest ja etwas Gefährliches sagen oder tun. Nachrichten aus der weiten Welt helfen niemandem, sondern sie sorgen nur dafür, unsere Traditionen infrage zu stellen. Abgesehen davon verhungern wir.«

»Ich auch.«

Sie sah ihn sich genauer an. Der Junge trug einen Überwurf aus Leder, der auf seltsame Art zugeschnitten worden war – als ob Katzen ihn genäht hätten, die richtige Kleidung nur von Gemälden kannten. Darunter trug er ein dreckiges, zerrissenes Hemd und eine Leinenhose, die früher einmal weiß gewesen sein musste. Nackte Füße, das ließ sie zusammenzucken.

»Du bist doch bestimmt nicht von der Mauer hierhergelaufen?«, fragte sie ihn.

»Ich fiel von einem Schiff herunter.«

Sie zwang sich, nicht auf den Ozean weit unter ihnen hinabzusehen, aber er musste ihre Zweifel in ihrem Gesicht gelesen haben, denn er hob zu seiner Verteidigung die Hand. »Von einem Luftschiff. Ich fiel von einem der Luftschiffe Ihrer Kaiserlichen Majestät.«

Paolina war beeindruckt, und das geschah nur selten. »Für jemanden, der auf die Erde gestürzt ist, siehst du recht gesund aus.«

»Ich hatte einen Fallschirm.«

Das Wort sagte ihr nichts, aber sie würde ihn nicht um eine Erklärung bitten. Es musste sich offensichtlich um eine Vorrichtung handeln, mit der man seinen Sturz bremsen konnte. Das konnte man mit Stoff oder Bändern schaffen, aber bei seinem Gewicht mussten diese sehr weit ausgebreitet werden, damit eine ausreichende Oberfläche entstand und somit das Abbremsen ermöglichte. Im Hinterkopf stellte sie bereits Berechnungen an, wie die Formel für das Verhältnis zwischen der Größe des Stoffs und des zu tragenden Gewichts auszusehen hatte.

»Ich heiße Paolina Barthes«, sagte sie. »Dieses Paradies der Nördlichen Hemisphäre heißt Praia Nova.«

Er stand auf und verbeugte sich unbeholfen. »Clarence Davies, vor Kurzem noch Schiffsarzthelfer auf der Bassett, einem Luftschiff Ihrer Kaiserlichen Majestät.« Einen Augenblick später fügte er hinzu: »Vor Kurzem bedeutet in diesem Fall, dass ich vor zwei Jahren über Bord ging und meinen Fußmarsch entlang der Mauer begann.«

Nun war sie wirklich beeindruckt. »Du hast zwei Jahre lang ohne jede Hilfe überlebt?«

Er nickte, wirkte aber immer noch hungrig und gejagt. Es konnte für ihn nicht leicht gewesen sein – Praia Nova klammerte sich ans Leben, und hier konnten sich mehrere hundert Menschen zumindest theoretisch absprechen, um sich zu verteidigen und das zu teilen, was sie besaßen.

»Du scheinst zu wissen, wie man sich da draußen zurechtfindet«, sagte sie.

»Ich habe mich auf der Bassett zurechtgefunden.« Er senkte den Blick. »Kapitän Smallwood aus dem Weg gehen, auf alles hören, was der Doktor von sich gibt, wenn er mal nicht getrunken hat, auf die Schlaumeier wie Malgus und seinen Jungen achten.«

»Du bist kein – Schlaumeier?« Sie war enttäuscht. Er war Engländer. Sie waren die genialen Hexenmeister, die sich die Welt untertan gemacht hatten. Dr. Minor hatte ihr das beigebracht, bevor er in die Wildnis geflüchtet war.

Sie hatte von diesem alten Engländer so viel gelernt.

»Bin nur ein Junge«, sagte Clarence. »Die Offiziere und Divisionsdeckoffiziere kannten sich mit ihren Sachen aus. Al-Wazir, der war ein Zauberer. Der brachte einen Mann dazu, alles zu tun. Musste man wohl auch können, wenn es um die Reeperdivision geht.«

Die Macht des Zwangs. Das erklärte eine Menge, was das Britische Empire betraf.

Der Junge sprach weiter. »Smallwood auch. Die Wasserstoffdivision. Sie spazieren durch Gift, weißt du.«

»War die Bassett ein prachtvolles Schiff?«

Zum ersten Mal lächelte Clarence Davies. »Das Schönste von allen. Wie sie an einem Sommertag durch die Wolken schwebte und man auf die Wale und Haie und Krausköppe hinabsehen konnte …« Er senkte erneut den Blick. »Ich will wieder nach England. Zu Fuß ist es aber zu weit.«

»Du bist bis hierher durch die Luft geflogen, und jetzt kannst du nicht mehr nach Hause.« Etwas in Paolinas Innerem wurde schwach, von dem sie nicht gewusst hatte, dass es existierte. »Sie werden einen Monat lang meckern, die fidalgos, und zu keiner Entscheidung kommen. Also treffe ich jetzt die Entscheidung. Ich lade dich im Namen meiner Mutter ein. Wir werden eine Familie mit einem Jungen für dich finden, und ich sorge dafür, dass ein bisschen mehr Essen zur Verfügung steht.«

»Danke.« Seine Erleichterung war ihm anzusehen, und in seiner Dankbarkeit kam er offensichtlich zu einer Entscheidung. Er kramte in einer der Innentaschen seines Überwurfs. Clarence hielt ihr einen kleinen Beutel hin. »Hier. Ich brauche das nicht. Habe sie schon seit Monaten nicht mehr aufgezogen. Ein so intelligentes Mädchen wie du könnte damit vielleicht was anfangen.«

Das Ding war schwer, ein Brocken aus Metall oder Glas. Sie zog es hervor und korrigierte sich. Ein Brocken aus Metall und Glas. Ein rundes Ziffernblatt, auf dem die Stunden wie auf einer Sonnenuhr eingetragen waren, und ein massiver metallener Rand, der noch schwerer in der Hand wog. Auf dem Ziffernblatt befanden sich drei Metallpfeile. Auf seiner Oberfläche befanden sich noch kleinere Ziffernblätter, die ihrer eigenen Eichung folgten, und eine kleine Schnittzeichnung, die etwas unterhalb des Ziffernblatts zeigte.

Sie betrachtete sie genauer und sah den Himmel.

Zahnräder.

Es war Gottes Getriebe, der Mechanismus der Erde und des Himmels, das nun im Kleinformat in ihrer Hand lag. Sie fühlte sich auf einmal sehr leicht, denn sie wusste, dass sie sich an der Schwelle zu einer neuen Form des Bewusstseins befand. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt; dieses Ding faszinierte sie und bereitete ihr zugleich Angst. Sie hatte nicht gewusst, dass ein Mensch ein Modell der Welt erstellen und es mit sich herumtragen konnte.

»Es zählt die Stunden«, flüsterte sie mit zitternder Stimme und fahrigen Händen.

»Ja.« Er deutete auf eine kleine Kappe, die an einem Ende hervorstand. »Siehst du? Ein Aufzugsmechanismus. Ein Schiffschronometer, für den man keinen Aufzugsschlüssel mehr benötigt.«

Sie berührte das Rändel des Aufzugsmechanismus. Als er nickte, drehte Paolina ihn ganz sanft.

Das kleine Modell der Welt gab ein klickendes Geräusch von sich, genau wie es der Himmel um Mitternacht tat. Nichts Geringeres als die Schöpfung lag auf ihrer Hand. Die Engländer waren wirklich Zauberer.

Sehr zu ihrer eigenen Überraschung fing Paolina an zu weinen.

Praia Nova besaß sieben Bücher. Sie wurden in der großen Halle untergebracht, in einem Wandschrank, der auch die kostbaren Flaschen enthielt, in die Fra Bellico den bagaceira abfüllte, wenn er denn die Zutaten zum Brennen hatte. Auch der Wildblumenwein wurde hier untergebracht, den die Frauen herstellten, wenn Fra Bellico die Zutaten oder die Zeit dazu fehlten oder er einfach keine Lust hatte.

Es gab eine von Wasser beschädigte halbe englische Bibel: das Alte Testament bis etwa zur Hälfte des Buchs Ezechiel. Das Neue Testament mit seinen Erzählungen über die Römer und die Räderung Christi existierte in Praia Nova nur in Form einer Lederschriftrolle, die aus den handgekritzelten Erinnerungen verschiedener schiffbrüchiger Matrosen bestand, die ihre dem Glauben gegenüber doch recht gleichgültige Haltung seit Generationen in das Dorf mitgebracht hatten. Es war nicht von Bedeutung, was sie von den Propheten hielt oder von der schlechten Kopierarbeit vergangener Zeiten – die Bibel musste nicht erklärt werden. Dazu reichte ein Blick in den Himmel.

Die anderen Bücher waren eine ganz andere Geschichte. Ihr Liebling war Fiéis e Verdadeiros Segredos, die portugiesische Übersetzung eines Buchs, das von sich behauptete, ursprünglich auf Französisch erschienen zu sein und als Autor einen Comte de Saint-Germain nannte. Es war ein prächtiger Band, der in glattes, sanftes Leder eingeschlagen war – welches sie mit ziemlicher Sicherheit für menschliche Haut hielt. Der Titel war mit Blattgold und roter Farbe auf den Einband geprägt worden, aber beides war schon längst abgeblättert und verblasst. Der Inhalt bestand aus entsetzlichen Holzschnitten, die aufs Deutlichste Szenen verschwenderischer Ausschweifungen vergangener Tage illustrierten. Sie hatte sie sich schon oft genauer angesehen, aber die meisten immer noch nicht verstanden. Auf jeden Fall hielt Paolina das, was Saint-Germain über sich selbst und die Welt berichtete, für wenig glaubwürdig. Der Mann, wer immer er auch gewesen sein mochte, war aber auf jeden Fall ein außergewöhnlicher Geschichtenerzähler. Sie hoffte, eines Tags auf einen Juden zu treffen, um mit ihm einige der Fragen durchzugehen, die die Segredos aufwarfen.

Sie besaßen außerdem die Archidoxis Magica von Paracelsus. Sie war in Holz gebunden worden und hatte sehr unter Feuchtigkeit und ihrem hohen Alter gelitten. Es konnte Paolina auch niemand mit dem Lateinischen helfen. Es gab keinen zweiten Text, mit dem sie ihn hätte vergleichen können, um sich die Sprache anzueignen. Paolina hatte daher mit dem Buch sehr kämpfen müssen. In den Segredos hatte Saint-Germain behauptet, Paracelsus als Alchemisten und Arzt gekannt zu haben, aber das sagte ihr nur eins – ob er nun ein Betrüger oder ein Genie war, er hatte das Herz der Welt schlagen hören.

Das hatte sie inspiriert.

Drei der anderen Bücher waren beliebte Werke, zwei auf Englisch, eins auf Spanisch: Das Geheimnis des Edwin Drood von Charles Dickens, Mathias Sandorf von Jules Verne und Cartas Marruecas von José Cadalso. Sie besaßen außerdem einen Band, der in einem Alphabet geschrieben war, das auf verrückt machende Weise vertraut schien, aber dennoch keinen Sinn ergab. Paolina überraschte es bis heute, dass er nicht als Zunder geendet war. Sie hatte die englischen Texte mehrfach durchgelesen und sich zweimal durch Cadalso gekämpft.

Sie hatte herausgefunden, wie seltsam die Welt war, jenseits der a Muralha und den von Ziegenkot bedeckten Wegen Praia Novas. Und wie sehr sie es danach verlangte, an einem Ort in der Nördlichen Welt zu leben, einem Ort, wo es Druckerpressen und Bibliotheken und Buchläden gab.

Selbst Dr. Minors Besuch in Praia Nova hatte nur dazu geführt, ihre Unzufriedenheit anwachsen zu lassen; auch wenn er ihr Englisch um ein Vielfaches verbessert und ihre Kenntnisse der Welt vertieft hatte.

Nun allerdings besaß sie eine unschätzbare Kostbarkeit. Sie besaß eine Taschenuhr. Ein Schiffschronometer mit Aufzugsmechanismus, um genau zu sein.

Weder die Bibel noch Saint-Germain machten eine klare Aussage zu Uhren, obwohl beide Texte sich mit dem Uhrwerk an sich befassten – in der Bibel allerdings doch reichlich metaphorisch. Paracelsus war ihr überhaupt keine Hilfe und Cadalso auch nicht. Verne und Dickens hingegen schienen in einer Welt zu leben, in der Taschenuhren zum Alltag gehörten.

In den folgenden Tagen las sie die beiden Texte erneut sorgfältig durch. Der Zweck der Uhr wäre deutlich genug zu erkennen gewesen, auch wenn Davies ihn nicht erklärt hätte. Paolina interessierte sich vielmehr für ihre Bauweise und wie sie funktionierte. Sie hatte noch nie etwas gesehen, das nur annähernd einer Uhr glich. Es war leicht, Schlussfolgerungen zum Mechanismus zu ziehen, indem man sich Gottes Entwurf für das Universum ansah. Er hatte seinen Plan einfach in den Himmel gezeichnet.

Was Paolina wollte, war eine verständliche Bauanleitung.

Der Aufzugsmechanismus lag schwer in der Tasche ihres schlichten Kittels. Sie wusste, dass er existierte, so wie sie wusste, dass ihr Herz schlug. Wenn sie ihn aufzog, tickte er. Sein Ticken war ein Spiegelbild der Welt.

Im tiefsten Grunde aller Herzen schlägt die Zeit, dachte sie.

Es war eine dieser Ideen, die sie auf einen Gedanken brachte. Ein kleiner, aufblitzender Funke, der von großer Bedeutung war.

Gott hatte das Universum als Uhrwerk erschaffen. Die Welt tickte und drehte sich. Vor zwei Jahren war ihr regelmäßiger Lauf ins Stocken gekommen. Es hatte einige Sekunden zu spät Mitternacht geschlagen. Niemand verstand das, und es hätte auch keinen Sinn gehabt, das erklären zu wollen. Aber sie hatte es gewusst.

Dann war die Welt in Ordnung gebracht worden. Welche Zeit im Herzen der Erde auch schlug, sie war wiederhergestellt worden. Paolina hätte nur zu gern gewusst, wie das geschehen war. Eine Frage, die in allen Büchern gestellt wurde (abgesehen natürlich von der Bibel), war, ob Gott selbst Hand an die Welt legte oder ob er seiner Hände Werk einfach sich selbst überließ.

Etwas war in Ordnung gebracht worden.

Und in allen Herzen schlug weiterhin die Zeit. Das Schiffschronometer war ein Modell des Universums, nicht größer als ihre Handfläche, gerade mal zwei Finger breit, und mit seinem Ticken vergingen die Sekunden und Stunden, genau wie es bei der Schöpfung der Fall war.

Paolina hielt es sich ans Ohr und lauschte aufmerksam, die Worte Dickens’ und Vernes’ und die der Propheten des Alten Testaments im Hinterkopf. Das leichte Ticken des Geräts ließ sie an Ezechiel 24, 6 denken: O der mörderischen Stadt, dem Messing, da der Rost daran klebt und nicht abgehen will! Tue ein Stück nach dem andern heraus; und du darfst nicht darum losen, welches zuerst heraus soll.

Das war deutlich genug. Gott befahl ihr, die Uhr auseinanderzunehmen.

Paolinas größtes Problem war, einen sauberen, freien Arbeitsplatz zu finden. Die Zahnräder und Räderwerke in ihrer Taschenuhr waren kleine Spiegelbilder des Messings am Himmel. Sie benötigte einen windgeschützten Raum, der möglichst frei von Staub und Dreck sein sollte, und in dem ihre komplizierte Arbeit auch während ihrer Abwesenheit unbehelligt bliebe.

Die Innenräume der großen Halle, zwischen den Büchern und Flaschen, wären ideal gewesen. Aber selbst Paolina konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie die fidalgos damit zurechtkommen sollten. Sie würden das dumme Mädchen verprügeln und sie das Moos auf den Treppen unten am Wasser abkratzen lassen, wenn sie auch nur die Frechheit besäße, ihnen das vorzuschlagen.

Sie schlenderte durch das Dorf und sah sich die Häuser und Lagerräume an, aus denen Praia Nova im Wesentlichen bestand. Diejenigen, die nicht bewohnt wurden, waren baufällig. Paolina wollte sich nicht einmal vorstellen, welche Geduld man aufbringen musste, um eine verlassene Hütte wieder in Schuss zu bringen.

Als sie auf dem Oporto-Felsvorsprung entlangging, der zweiten Felsplatte oberhalb der Stadt, erkannte sie, dass die Antwort vor ihr lag – die Pilzschuppen. Man hatte sie mit gewachstem Segeltuch abgehangen, und dort war es ruhig. Es würde noch einen guten Monat dauern, bis die nächste Ernte eingebracht werden musste. Sie brauchte nur ein wenig Licht.

Das Beste war, dass die Frauen der Stadt für die Schuppen zuständig waren. Senhora Armandires war die Dame für die Pilze. Nachdem Senhor Armandires im letzten Jahr endlich ausgezogen war, hatte Paolina im Haus der Frau einen stark verbesserten Kamin eingebaut, und die Senhora war Herrin ihrer eigenen Entscheidungen. Die Dame würde keinen Einspruch erheben.

Genügend Licht war vielleicht ein Problem, aber man brauchte nicht wirklich viel, um die Uhr sehen zu können. Kerzenstummel gehörten zu ihren besten Freunden.

Paolina machte sich auf die Suche nach Clarence. Er konnte ihr dabei helfen, einen Tisch aus einem der verlassenen Häuser zu holen und ihn nach oben bis Oporto zu schleppen. Und eine Tischdecke.

Sie würde sich zu helfen wissen. Es ging darum, ein Problem zu lösen. Das konnte sie sehr gut.

Im Lauf der nächsten Tage öffnete Paolina die Rückseite der Taschenuhr, um die feinen Bewegungen des Mechanismus zu beobachten. Was sie sah, entmutigte sie sehr. Ihr fehlten die Werkzeuge, um solch winzige Dinge greifen zu können. Mit der Zeit könnte sie die vielleicht herstellen, mit Resten aus Alcides’ Schmiede. Sie müsste sich außerdem eine Linse besorgen, was in Praia Nova nahezu unmöglich schien. In jedem Fall handelte es sich um eine Aufgabe, die nur langsam und mit viel Geduld angegangen werden konnte. Sie blieb bei Zahnstochern und Hebeln, die sie aus Hartholzsplittern herstellte.

Clarence, der um sie herumgeisterte, half ihr ein wenig und beantwortete gelegentlich Fragen. Er verbrachte auch Zeit damit, nach nützlichen Dingen zu suchen und entfernte sich dabei weiter von Praia Nova, als es jeder der Einheimischen tun würde. Natürlich war er zwei Jahre lang an der Mauer entlanggegangen – der Junge hatte seltsamere Dinge überlebt als die glitzernden, gepanzerten Katzen, die zuweilen die Felsvorsprünge in der Umgebung unsicher machten, oder die strahlend hellen, eiskalten Felsen, die manchmal auf sie herabstürzten.

Am Abend ihres vierten gemeinsamen Tags kam er in den Pilzschuppen gerannt. Er keuchte und schwitzte, und im Licht ihres kleinen Kerzenstummels flackerte das Weiße in seinen Augen. »Die fidalgos suchen nach dir!«, rief er auf Portugiesisch.

Seine panisch klingende Stimme jagte ihr Angst ein, trotzdem antwortete sie ruhig: »Irgendjemand sucht immer nach irgendwem.«

Davies wechselte ins Englische. »Sie haben dich zu ihnen bestellt. Senhora Armandires streitet sich unten im Dorf mit Fra Bellico.«

Paolina seufzte und legte die Teakholzstocher zur Seite. Vorsichtig bedeckte sie die Taschenuhr mit einem Quadrat aus blasser Seide, das sie dem Leichnam eines Chinesen abgenommen hatte, der im Jahr vor der großen Flut in ihren Netzen gefangen worden war. »Was möchte der Pater von mir?« Sie wischte sich die Hände ab.

Clarence starrte peinlich berührt auf seine Füße. »Die fidalgos sind wütend.«

Die Antwort lag auf der Hand, aber die in ihr aufsteigende Wut ließ sie unwirsch werden. »Worauf sind sie wütend, Engländer?«

Als er hinter ihr die Segeltuchklappe durchschritt, die als Tür fungierte, murmelte er etwas, das sie nicht verstand.

»Wie bitte?« Jetzt war sie wirklich schlecht gelaunt.

»Dass du die Uhr erhalten hast.«

»Dass ich die Uhr erhalten habe«, flötete sie sarkastisch. Was hatte sie an diesem Idioten jemals gefunden? »Der Himmel öffnete seine Schleusen und spuckte eine Uhr aus, die von Gottes Gnaden natürlich nur in die Hände der Männer Praia Novas hätte gelangen dürfen, richtig?«

»Es tut mir leid«, murmelte er, aber sie rannte bereits den Weg hinab in Richtung des Lärms.

Die fidalgos waren betrunken und wütend. Was Paolina als Erstes auffiel war, dass sie sich am Wildblumenwein gütlich getan hatten. Der bagaceira war alle, und Fra Bellico hatte keine weiteren wild wachsenden Trauben und Zwetschgen gefunden, aus denen er seinen Tresterbrand hätte herstellen können. Kein Wunder, dass sie so wütend waren – sie waren gezwungen, ein von Frauenhand hergestelltes Gesöff zu trinken.

Die Fünf hatten sich wieder um ihren Tisch versammelt und starrten sie an: Alvaro, Pietro, Bellico, Penoyer und Mendes, der nachdenklich auf seinem Schnurrbart kaute. Der Rest schien einfach nur denselben, immer wiederkehrenden Zorn zu verspüren, der von den Männern des Dorfs Besitz ergriffen hatte, seitdem sie ohne ihre Fischerboote waren.

Sie vermissten es, ihre Meeresfrüchte bei den Enkidus und den Stämmen entlang des Wegs gegen andere Waren eintauschen zu können.

»Du!«, brüllte Bellico. »Du diebisches Mädchen! Wir sollten dich auf a Muralha verkaufen.«

»Ich habe nichts gestohlen«, sagte Paolina. »Ich habe euch alles gegeben und mehr als das. Was wollt ihr denn jetzt schon wieder?«

»Was uns zusteht«, sagte Mendes leise und warf den anderen Blicke zu. »Was der Junge dir fälschlicherweise übergeben hat.«

»Was er mir gegeben hat?« Ihre Stimme troff vor Verachtung, auch wenn diese Männer ihr in Wirklichkeit Angst einjagten. Nicht wegen dem, was sie waren, sondern wegen dem, was sie tun konnten. Die versammelten fidalgos, so wie sie hier und jetzt saßen, waren in Praia Nova gleichsam Richter und Henker. Selbst wenn es ihnen an einem Henkerbeil mangelte.

Noch nie hatten sie ein solch weitreichendes Thema zur Sprache gebracht.

»Die Uhr«, sagte Penoyer. Er war randvoll, das war sogar im Kerzenlicht zu erkennen. Er war eine Schande für das Dorf, ohne sich dessen zu schämen.

»Ihr wollt, dass ich euch meine Uhr gebe?« Genau wie bei Clarence wollte sie die Worte aus ihrem Mund hören.

»Ja!«, meldete sich Bellico erneut. »Das Dorf könnte mit diesem metallenen Schatz viel erreichen. Wir könnten damit handeln, oder diesen Reichtum für uns behalten. Auf gar keinen Fall sollte er durch die ungeschickten Hände einer jungen carapau de corrida wie dir verdreckt werden, die zu ehrgeizig für ihren kleinen Kopf ist!«

»Fra«, sagte Paolina langsam und bedächtig. »Wenn du mich noch einmal so nennst, werde ich dafür sorgen, dass dein Destillierapparat nur noch Essig herstellt und dein pilinha für den Rest deiner Tage jeden Morgen wie Feuer brennt.«

»Sie ist eine Hexe«, murmelte Alvaro. »War sie schon immer, die kleine Göre.«

»Genug«, sagte Mendes. Er war nicht der Schläger unter ihnen – das war Fra Bellico –, aber er war der einzige fidalgo mit genügend Verstand, dass Paolina es in Betracht zog, ihn vielleicht zu respektieren. »Das ist ohne Belang. Wichtig ist nur, dass du einen Gegenstand von großem Wert an dich genommen und versteckt hast, der von allen als Bergungsgut verstanden wird und daher auch allen gehört. Wie damit umzugehen ist, wäre die Entscheidung des Dorfs gewesen.«

»Du meinst eure Entscheidung.« Paolina konnte einfach den Mund nicht halten. Die Männer glaubten nicht nur, dass ihnen das zustand – es stand ihnen zu. Das überstieg ihren Verstand.

»Unsere Entscheidung ist die Entscheidung des Dorfs.« Mendes beugte sich vor, und Schweigen hatte sich auf den Raum gesenkt. Das flackernde Kerzenlicht ließ die Finsternis in seinen Augen nur deutlicher hervorstehen. »Deine Entscheidung ist es jedenfalls nicht.«

Und das war es. Das war es auch schon. Sie hätte sich eher mit a Muralha darüber streiten als gegen Generationen bestehender Traditionen standhalten zu können.

»Nein«, sagte Paolina. »Ihr könnt sie erst haben, wenn ich damit fertig bin.«

»Du wirst der Entscheidung der versammelten fidalgos nicht gehorchen?«, fragte Mendes langsam und betont.

Nun befand sie sich am Abgrund, aber sie konnte einfach nicht nachgeben. Wenn sie es jetzt tat, dann war alles verloren. »Nein.« Es war erstaunlich, wie leicht sie dieses Wort wiederholte.

Mendes sah Bellico direkt an. Der Pater atmete tief durch und nickte dann. »Nun gut. Da du mit fünfzehn Jahren alt genug bist, dem Willen des Dorfs zu gehorchen oder mit den Folgen leben zu müssen, bedaure ich lediglich, dass wir uns deiner nicht schon früher angenommen haben.«

Sie schoben quietschend ihre Stühle zurück und standen auf. Die großen, betrunkenen Männer schlurften zu ihr und kreisten sie ein.

Paolina bekam es mit der Angst zu tun. Sie kreischte, als sie sie packten. Obwohl sie sich in den Boden stemmte, schleiften die fidalgos sie in das Hinterzimmer, stießen sie in den Raum mit den Büchern und Flaschen und verschlossen die einzige Tür, die in ganz Praia Nova mit einem Schloss versehen war.

Es dauerte ein wenig, bis ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen, und noch ein wenig länger, bis sie zu schreien begann. Aber die Tür war aus massivem Holz gefertigt und verschlossen, so sehr sie auch darauf schlug und lauthals bettelte. Nach einiger Zeit löschten die Männer draußen ihre Kerze und verließen die Halle. Sie wusste nicht, ob der Wein zur Neige gegangen war oder ob sie einfach den Krach oder ihre Angst nicht mehr ertragen konnten.

Al-Wazir

Früher war Threadgill Angus al-Wazir Deckoffizier der Reeperdivision an Bord des Luftschiffs Ihrer Kaiserlichen Majestät, der Bassett. Das Luftschiff ging bei Kämpfen an der Mauer verloren. Jetzt kratzte er sich an seinem gestärkten Kragen. Das Zivilhemd schnitt ihm in den Hals wie die Klinge einer Hafenratte. »Das ist schlimmer als die Neunschwänzige«, murmelte er so, dass ihn niemand hören konnte, außer vielleicht die beiden, ganz in rot gekleideten Soldaten, die an der großen Doppelflügeltür Wache schoben, vor der er wartete.

Königliche Marineinfanteristen, die in Uniformen steckten, die schon zu seines Großvaters Zeiten getragen worden waren. Sie reichten nicht aus, um den laut brüllenden Pöbel abzuwehren, waren aber für den einfachen Wachdienst vor einer Tür übertrieben, egal, wie viele Admiräle und Mitglieder des Parlaments auf der anderen Seite saßen.

Manchmal bedauerte er es, unter der glühend heißen Atlantiksonne auf diesem arabischen Schiff nicht verhungert zu sein. Das war ein ehrliches Schicksal für einen vernünftigen Matrosen. Nichts im Vergleich zum Tod durch Schweiß und rasiermesserscharfe Kragen.

Und er trug Zivilkleidung. Nicht mal Uniform. Er hatte keine Zivilkleidung mehr getragen, seit er den Kindesbeinen entwachsen war. Selbst wenn er Freigang hatte, trug er immer eine Hose aus geteertem Leinentuch und eine alte Uniformjacke.

Der Raum war genauso schlimm wie die Kleidung. Die Rotröcke hätten genauso gut Möbel sein können; ihre Bajonette waren aus Silber und so blank poliert, dass er sich darin spiegeln konnte. Die Wände waren mit seltsamem Holz verkleidet, und in dem Holz befanden sich Paneele, die wie eingerahmte Bilder wirkten, allerdings aus demselben Holz. Ein Kronleuchter mit zu viel geschliffenem Glas glühte trotz schlecht verkabelter Electricität. Ein riesiges Gemälde des Uhrwerk-Zweideckers Vincent Leonard, dessen Untergang unter Nelsons Flagge den alten Aufziehmaschinen ein Ende bereitet hatte. Damals hatten sie sich wieder auf Segel verlassen, bis sie sich den Dampf nutzbar machen konnten. Ein weiteres Gemälde, diesmal vom siegreichen Admiral selbst, wie er Villeneuves Kopf in einer Hand hielt. Die Augen des alten Froschschenkelfressers wirkten so überrascht, wie es bei Toten immer der Fall war.

Al-Wazir salutierte dem Franzosen. Es war praktisch ein letztes Aufbäumen ihrer alten Macht gewesen.

Unterhalb der Gemälde wurde der Raum merkwürdig – zerbrechlich wirkende Sofas mit Paisleymusterdecken, in denen er nicht mal einen Hund beerdigen würde, kleine Beistelltische, auf denen winziges Silbergeschirr stand, das die Größe von Brotkäfern hatte. Auf dem Boden lagen Teppiche, die aus dem Fernen Osten zu stammen und von sehr kleinen Fingern geknüpft zu sein schienen. Er hatte genügend nobles Zeug in den Puffs am Hafen gesehen, um sich das hier vorstellen zu können. Die Dinger in den Bordellen waren aber nur schlechte Kopien des Zeugs aus Aluminiumfolie und Baumwollstoff in diesem Raum. Hier hätte die Königin höchstpersönlich vom Parkettfußboden essen können.

Als Reeperbootsmann musste al-Wazir die geradezu zwanghafte Sauberkeit in diesem Raum bewundern, auch wenn er sich momentan nicht im aktiven Dienst befand. Er bezweifelte, dass hier selbst der pingeligste Handschuhträger bei einem Appell einen Fehler entdecken konnte, außer natürlich, einer der Infanteristen hätte sich in die Hosen gemacht. Aber so, wie er die Jungs kannte, hatten auch ihre Blasen stramme Haltung angenommen.

Er kratzte sich am Kragen und grinste die unbeweglichen Wachen böswillig an. Er trug schließlich keine Uniform; er würde sich verdammt noch mal kratzen.

Al-Wazir musterte sie eingehend. Ja, der auf der Linken hatte einen Schweißtropfen an seiner Nasenspitze. Er hatte nicht den Mumm, den Jungen ordentlich aufzuziehen, vor allem nicht, wenn jene Türflügel sich jeden Augenblick öffnen könnten und seine ungeteilte Aufmerksamkeit von der Admiralität beansprucht würde. Allerdings konnte er das Unbehagen des Anderen mit einem gewissen Maß an Unhöflichkeit genießen.

Al-Wazir wartete in einem Vorzimmer irgendwo im zweiten Stock des Ripley-Gebäudes, in dem die Admiralität untergebracht war. Er war sich der Ironie durchaus bewusst, sich an einem so erhabenen Ort zu befinden, nachdem er aus der königlichen Marine entlassen worden war – als Folge eines Prüfungsausschusses. Der Ruf nach London hatte ihn überrascht, gelinde gesagt. Al-Wazir reiste gerade in einem Zug nach Schottland, in der Tasche den Rest seiner letzten Heuer. Ein bleichgesichtiger Oberleutnant mit einem Trupp Marineinfanteristen in vernünftigen Wollklamotten hatte ihn recht entschlossen in Pemberton aus dem Zug geholt. Diesmal war es keine Verhaftung, nicht wie damals, als ihre Dau schließlich unter dem Gejohle der Hafenratten in Bristol anlegte. Stattdessen hatte man ihn in einen Erste-Klasse-Waggon gesetzt, in dem außer ihm und seiner Eskorte niemand saß.

Das war ihm recht gewesen. Al-Wazir hatte sich nicht wirklich darauf gefreut, seine Mutter wiederzusehen. Außerdem hatte er nicht den geringsten Plan, was er ohne Uniform als Nächstes tun sollte. Al-Wazir hatte eigentlich damit gerechnet, in der Luft zu sterben, aber als die Bassett unter dem Ansturm der Bestien und bei schlechtem Wetter zu Boden gegangen war, hatte der allmächtige Gott entschieden, ihn nicht gleichsam mit dem Schiff zu sich zu nehmen.

Also war er jetzt hier, gewaschen, rasiert, gebügelt und in diesen schwarzen Anzug gequetscht, auf einer kleinen Bank in einem Raum sitzend, in dem vor einer Stunde Premierminister Lloyd George an ihm vorbeigegangen war.

Du wirst es mal schaffen, hatte seine Mutter immer gesagt, und wirst es besser haben als ich. Sie hatte sich das vermutlich anders vorgestellt.

Al-Wazir schreckte auf, als sich die Türflügel knarzend öffneten. Ein schweigsamer, kleiner Mann in einem Anzug, der dem al-Wazirs ähnelte, nickte ihm zu.

Die Marineinfanteristen blieben ein Paar schweigende Holzköpfe. Es fühlte sich wie damals an, wenn er wegen des Unsinns irgendwelcher fauler Kerle aus der Reeperdivision vor den Kapitän zitiert wurde, nur, weil er gerade mal nicht aufgepasst hatte. Die Admiralität und selbst der Premierminister waren einfach nur größere Kapitäne.

Also folgte er dem schweigsamen Mann in einen sehr großen Raum, in dem ältere, gesetztere Männer mit beachtlichen Koteletten und roten Gesichtern um einen Tisch versammelt saßen, der die Größe eines Beiboots hatte, und auf eine verdammt riesige Karte starrten, auf der einige Inseln verzeichnet waren. Al-Wazir war ganz bestimmt noch nie dort gewesen; da war er sich sicher. Er nahm die ausdruckslose, in die Leere starrende Miene an, die Seeleute in der Anwesenheit von Offizieren aufzusetzen pflegen, seitdem die ersten Schilfboote auf den Euphrat hinausruderten.

Sein Begleiter verschwand zwischen anderen Männern, die sich ebenso wie er Notizen machten und durch rote Ordner blätterten, die an den dunklen Rändern des Raums standen. Es gab hier keine Fenster, nur im Vorzimmer, auch wenn einige mit Reif bedeckte Oberlichter den Raum mit einem finsteren Grau erhellten. Abgesehen davon spendeten electrisch betriebene Wandleuchter Licht, was die Luft leicht verbrannt riechen ließ. Wo früher vielleicht weitere Gemälde die Geschichte der Flotte dokumentiert hatten, hingen nun See- und Landkarten. Al-Wazir würde sich lieber auf die Zunge beißen, als sie anzustarren.

Hektisch. Es war sehr hektisch in diesem Raum. Auf eine nicht nachvollziehbare Weise erinnerte er ihn an ein Kanonendeck kurz vor der Schlacht. Die Männer schwitzten, und es herrschte eine angespannte Stimmung. Bloß weil hier keine Kanonen zu sehen waren, hieß das nicht, dass der Feind nicht vor der Tür stand.

»Bootsmann al-Wazir.« Er wurde von einem Mann mit vollem Gesicht und einem belustigten Funkeln in den Augen angesprochen. Er trug wie alle anderen Schwarz. Tatsächlich handelte es sich um den Premierminister – Lloyd George in Person.

»Sir, ja, Sir.«

»Der Mann mit dem interessanten Namen. Sie wirken auf mich genauso schottisch wie jeder andere Mann aus Lanarkshire. Zum Frühstück gibt es immer noch Haferflocken?« Der walisische Akzent in Lloyd Georges Stimme war kaum noch zu hören, aber der besondere Humor war immer noch deutlich. »Wenn es ihnen hilft, sollten sie mich einfach als Parlamentsmitglied aus Caernarfon ansehen. Was die anwesenden Gentlemen hier betrifft, so sind sie lediglich Personen, die sich dem Interesse der Krone verschrieben haben. Ihre Namen und Titel sollten für Sie ohne Belang sein.«

»Sir, nein, Sir.« Dennoch fragte er sich, warum ein Raum voll älterer Männer mitten im Hauptgebäude der Admiralität so wenig Anzeichen von Uniformen aufwies. Das traf auch auf ihn zu.

»Sagen Sie mir, Bootsmann …« Lloyd Georges Augen funkelten. »Haben Sie jemals von Chersonesus Aurea gehört?«

Von all den Fragen, die der Premierminister Ihrer Kaiserlichen Majestät ihm hatte stellen mögen, war dies vermutlich diejenige, die er sich selbst in seinen wildesten Träumen nicht hätte vorstellen können. »Noch nie, Sir.«

»Das war wohl zu erwarten.« Der Premierminister wirkte enttäuscht. »Alle anderen hier auch nicht. Ich nehme aber an, Sie kennen die Bucht von Benin und die Mauer?«

Al-Wazir merkte, wie sich ein Lächeln auf sein Gesicht stahl. »Ziemlich großes Stück Stein, Sir, ziemlich weit im Süden. Habe ein bisschen was von ihr gesehen, und bin dann von der Bucht über Dahomé und Mauretanien nach Hause gekommen.«

»Das hat man uns mitgeteilt.« Er umkreiste al-Wazir; ein Appell, auch wenn er nicht so genannt wurde. »Ich werde mich für Ihre Entlassungsanhörung in Bristol nicht entschuldigen, Bootsmann. Vorschriften sind Vorschriften.« Lloyd George tauchte wieder in al-Wazirs Blickfeld auf. »Aber wären Sie daran interessiert, im Dienste Ihrer Kaiserlichen Majestät an die Mauer zurückzukehren?«

»Mit meinem bisherigen Dienstgrad und den üblichen Bezügen, Sir?« Die Frage rutschte ihm raus.

»Wenn das das ist, was dafür notwendig ist. Oder als Zivilist … Nein, nicht als Zivilist.« Lloyd George nickte einem der schweigsamen Männer am Rand des Raums zu. »Ich gehe davon aus, dass Sie schon am nächsten Montag als Bootsmann tätig sein werden, wenn nicht früher.«

»Sir, ja, Sir.« Al-Wazir spürte, wie ihm der Schweiß den Rücken hinunterlief. Er fühlte sich jetzt so, wie der Marineinfanterist, den er im Vorzimmer insgeheim verspottet hatte.

»Kitchens«, sagte der Premierminister mit seiner kräftigen Stimme. »Die andere Karte, bitte.«

Einer der schweigsamen Männer verwendete eine lange Stange, an deren Spitze ein Metallhaken angebracht war, um die Inselkarte aufzurollen. Einen Augenblick später ersetzte er sie durch eine Karte der Bucht von Benin. Die massige Mauer war als dunkle Linie an ihrem südlichen Ende auszumachen.

»Ihr Schiff wurde hierhin abgetrieben, richtig?«

»Sir, ja, Sir. Sturm und Feindeinwirkung.«

»Ich habe den Bericht Ihres Kriegsgerichts gelesen. Eine Schande, Smallwood und so viele seiner Männer zu verlieren. Allesamt erfahrene Leute.«

Al-Wazir schauderte es bei dem Gedanken. Sie waren nun schon lange tot, seine alten Kameraden und Untergebenen, und aus dieser Entfernung konnte er nichts mehr für sie oder die Erinnerung an sie tun. »Ich war ziemlich überrascht, überlebt zu haben, Sir.«

Lloyd George musterte ihn eingehend. »Ich bin mir sicher, Bootsmann, dass es sich um eine faszinierende Geschichte handelt, aber ich werde vermutlich nie die Zeit haben, sie in ihrer Gänze zu hören. Ihre Erfahrungen haben Sie allerdings zu dem führenden Experten der Krone gemacht, was das Überleben an der Mauer betrifft. Wir haben mit Gordons Feldzug von 1900 schon zu viele Männer verloren.«

»Die Bassett scheiterte bei dem Versuch, diesen Feldzug zu unterstützen, Sir.«

»Natürlich.« Der Premierminister wirkte leicht überrascht. »Und dennoch hat dieses Inferno Sie hervorgebracht; ausgebildet und erfahren, gestählt unter der glühenden Sonne der Tropen.«

»Verbrannt ist vermutlich eine bessere Umschreibung, Sir.« Er war sich mit dem ›gestählt‹ nicht so ganz sicher.

»Es gibt eine Stadt namens Acalayong am Fuß der Mauer, am östlichsten Rand der Bucht. Ich möchte, dass Sie sich einschiffen und dorthin fliegen.«

»Sir, wenn ich wieder eine Uniform trage, dann habe ich die Order, das zu tun.« Al-Wazir konnte fühlen, wie sich die Schweißtropfen in Ströme verwandelten. Nervös, er war nicht nervös. Ein Bootsmann war das nie. »Die Marine Ihrer Kaiserlichen Majestät fragt ihre Matrosen nicht, was sie tun wollen.«

Lloyd George sah ihn prüfend und nachdenklich an. »In diesem Fall, Bootsmann al-Wazir, hätte ich gerne Ihr persönliches Einverständnis. Eine wissenschaftliche Expedition wird gerade vorbereitet, die unter kompetenter Beaufsichtigung steht. Ich habe eine Menge Männer, die meinen Befehlen folgen. Ich hätte aber gerne einen erfahrenen Mann dabei, bei dem ich auf ein gewisses Maß an persönlichem Vertrauen hoffen kann.«

»Sir …« Al-Wazir schluckte schwer. »Sie kennen mich kein bisschen. Ich bin ein Seemann, ein Schotte und zu einem Viertel Araber. Jeder Engländer wird Ihnen sagen, dass mich das mindestens zu einem dreifachen Lügner macht. Sie haben weder Anlass noch Grund, mir zu vertrauen. Nicht außerhalb der Befehlskette.«

»Ich sagte, ich würde auf ein gewisses Maß an Vertrauen hoffen«, erinnerte ihn der Premierminister. »Wir sind beide keine Dummköpfe. Wir wären beide schon längst zur Seite gedrängt oder dem Tod überlassen worden, wenn wir das wären. Ich habe gute und ehrliche Männer in dieser Expedition, die ganz offiziell und nicht so offiziell teilnehmen. Aber sie haben alle ihre Befehle, auf die eine oder andere Art. Sie, Sir …« Er atmete tief durch. »Sie haben an einem Ort überlebt, wo die meisten Männer spurlos verschwunden sind. Genau wie Ihr Vater damals, wie es scheint. Das ist eine ganz besondere Eigenschaft. Eine, die wahrscheinlich nicht zu einem Übermaß an Gehorsamkeit passt.«

Al-Wazir kam zur Sache. »Sie sind sich also nicht sicher, dass diese Expedition erfolgreich sein wird?«

»Nein. Das bin ich nicht.« Lloyd George wandte sich der Karte zu. »Ich hielte es nicht für angebracht oder auch nur möglich, hier von Gewissheit zu sprechen, unabhängig von dem Unsinn, den wir den Zeitungen erzählen. Wir befinden uns auf einer Jagd, Bootsmann. Der Jagd. Wir wollen untersuchen, wie wir einen Tunnel durch die Mauer graben können, um die Chinesen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Denn ob ich oder Sie jemals von Chersonesus Aurea gehört haben, ist völlig irrelevant. Der Himmlische Kaiser hat es aber.«

»Sie suchen nach einem Weg über die Mauer?«, fragte al-Wazir. Da könnte man genauso gut nach einem Weg zum Mond suchen. Es gab natürlich immer irgendwelche Schauergeschichten – der verloren gegangene Navigator der Bassett, Malgus, hatte selbst Anteil an diesen Dingen gehabt, und auch sein armer, todgeweihter Junge, Hethor –, aber es war eine andere Sache, ob ein mutiger Held Gottes Schutzwall wirklich erkletterte und auf die Königreiche der Südlichen Welt hinabblickte. Es war eine ganz andere Sache, wenn die Schlitzaugen genau dasselbe taten, mit ihren Zauberern und Priestern und Kulis und den endlosen Marschkolonnen gelber Soldaten unter ihren Himmelsstandarten.

Al-Wazir war entsetzt über diese Vorstellung.

Lloyd George räusperte sich. »Unserer Ansicht nach will er durch die Mauer. Was wir nicht erlauben können. Sollte China in der Südlichen Welt einen Fuß in die Tür bekommen, ohne dabei von Ihrer Kaiserlichen Majestät gehindert zu werden, dann wird es mit unserer Weltmachtstellung vorbei sein. Es gibt keinen höheren Einsatz.«

»Ihre Kaiserliche Majestät entsendet eine wissenschaftliche und technische Expedition unter der Leitung eines Ihrer deutschen Untertanen, dem Ingenieur Lothar Ottweill. Herr Professor Doktor Ottweill hat den Befehl über diese Mission. Ich hoffe, dass Sie die Verantwortung übernehmen werden, für ihr Überleben zu sorgen. Eintausend Mann oder mehr sind nichts im Vergleich zum mächtigen Konzept der Mauer.«

Die Mauer. Er hatte sie gehasst, sich vor ihr gefürchtet, auf ihr gelebt, war von ihr geflohen. Sie hatte seinem Vater vor vielen Jahren den Verstand geraubt. Der alte Mann war nach seiner Rückkehr nicht mehr derselbe. Sie hatte al-Wazirs Schiff und die meisten seiner Freunde und Kameraden verschlungen.

Sie war vermutlich das Einzige, abgesehen von dem Gedanken, endlich wieder auf einem Luftschiff dienen zu dürfen, das ihn wieder lebendig machen konnte.

Al-Wazir beugte sein Knie. »Sir«, sagte er und rang nach Worten. »Dafür werde ich Ihr Mann sein und darüber hinaus.«

»Stehen Sie auf.« Die Szene war dem Premierminister offensichtlich unangenehm. Es war fast so, als ob sie sich allein in diesem Raum der Karten und des Geflüsters befänden. »Mr Kitchens wird sich um Sie kümmern. Sie müssen viel über Professor Ottweill und seine Expedition lernen, bevor Sie uns verlassen. Meines Wissens nach reisen Sie in weniger als einer Woche ab.«

Al-Wazir stand auf. Kitchens stand zu seiner Überraschung direkt neben ihm. Diese Männer in ihren dunklen Anzügen waren der wahre Antrieb des Empires, nicht die laut brüllenden Esel im Unterhaus oder die prunkvollen Lords in ihrer standesgemäßen Kleidung.

Er versuchte, sich mit diesem Gedanken zu trösten, während er ohne ein Wort des Abschieds vom Premierminister weggeführt wurde.

Childress

Bibliothekarin Childress saß an ihrem Stehpult in der Day Missions-Bibliothek in der Berkeley Theologie-Fakultät der Yale University. Ihre Fersen befanden sich 23,5 Zentimeter über dem Boden, wenn sie hier auf ihrem Stuhl saß. Aus dieser Höhe war es ihr möglich, auf praktisch alle Studenten in Yale hinabzusehen. Was wiederum dabei half, ihre schlechtesten Eigenschaften in Schach zu halten.

Die meisten Leute besaßen die Intelligenz, Angst vor einer alten Frau mit stahlgrauem Haar und einem langen Lineal zu haben.

Der Tag schleppte sich dahin, und Staub schwebte in den hellen Lichtstrahlen, die durch die hohen Fenster fielen. Der omnipräsente Geruch von Leder und Leim und Papier, die Schritte der Studenten und Pförtner, das Schimmern der dunklen alten Eichenbretter unter Generationen von Holzpflegeöl bildeten wie immer das pulsierende Herz der Bibliothek.

Sie liebte diese Herbsttage, wenn das Semester gerade begonnen hatte, die Studenten sich aber noch nicht um ihre Arbeit sorgen oder Angst vor den Prüfungen zur Mitte des Semesters haben mussten. Die Bäume wechselten draußen ihre Farbe, während im Gebäudeinneren die schwindende Sommerwärme noch zu spüren war.

Die Uhr auf dem Verwaltungsgebäude schlug zur dritten Nachmittagsstunde, als eine Frau auf ihr Pult zukam. Das war ungewöhnlich – es gab in Yale keine Frauen, abgesehen von einigen Spezialistinnen wie ihr selbst. Die Pförtner hatten in der Regel eine sehr klare Haltung zum schwächeren Geschlecht.

Sie war keine Studentin. Vielleicht vierzig Jahre alt, hellbraune Haare und ein Gesicht, an das man sich nicht erinnern würde. Sie trug hohe Stiefel mit Knopfapplikationen und ein grünes Seidenkleid, dessen Reifrock leicht raschelte. Sie hatte sich einen weißen Pullover übergeworfen, um sich gegen mögliche Herbstkälte zu schützen.

Die Schritte der Besucherin hallten in einem kontrollierten Rhythmus wieder, der die Gedanken Childress’ zum Rasen brachte. Ihre Arme schienen ein wenig dick zu sein, vielleicht sogar muskulös, so viel ließ sich durch die Seide erkennen. Ihre Augen hatten dieselbe hellgrüne Farbe wie ihr Kleid. Sie schweiften kurz durch den Raum und richteten sich dann auf Childress.

Das war eine gefährliche Person, die es gelernt hatte, Gewalt auf eine Art und Weise anzuwenden, wie es Childress bisher nur selten bei Männern und schon gar nicht bei Frauen hatte beobachten können.

»Emily McHenry Childress.« Weder Frage noch Begrüßung. Nur eine Feststellung.

»Das wissen Sie bereits.« Ihre Stimme war so sanft, dass die Frau sich etwas bemühen musste, sie zu verstehen.

»Das mag sein.« Ihr Akzent ließ auf London schließen, mit einem Hauch von Europa dahinter. Die Frau hob ihren Arm und berührte den Rand von Childress’ hohem, schmalem Pult. Etwas klickte unter ihrer Hand. »Heute.« Ihre Stimme klang genauso sanft. »Long Wharf, bei Sonnenuntergang.«

Eine Feder aus feinstem Elfenbein blieb zurück, als sie sich entfernte.

Das brachte schmerzliche Erinnerungen an die silberne Feder zurück, die ihr ein Junge vor gut zwei Jahren gebracht hatte. Er hatte vor ihr gestanden, mit den Tränen gekämpft und sich gefragt, warum er einen Engel des Herrn gesehen hatte und niemand sonst es wusste oder sich darum scherte. Sie hatte ihn im Namen der avebianco, der weißen Vögel, weitergeschickt.

Sie hatte sich gefragt, wann sie an der Reihe war. Seit die Erdbeben aufgehört und die Zeit sich wieder beruhigt zu haben schien, hatte sie sich gefragt, ob sie gehen würde.

Auch ohne die unterschwellige Drohung der Botin wusste Childress, dass sie dem Ruf gefolgt wäre.

Im Lauf des Nachmittags durchschritt Childress die Hallen der Day Missions-Bibliothek. Sie brachte schweigend eine Entschuldigung nach der anderen vor, während sie von Raum zu Raum wanderte. Eine kurze Prüfung … ein verlorenes Buch … die Stärkung ihres Gedächtnistrainings. Im gewissen Maße sogar Nostalgie für die junge, überforderte Frau, die in ihrer ersten Anstellung nur wegen des Arbeitskräftemangels nach der Baumfällerrebellion geduldet wurde.

Childress war sich sicher, dass sie nicht zur Bibliothek zurückkehren würde, wenn sie sich bei Sonnenuntergang auf der Long Wharf einfand. Die Botin hatte es nicht so ausgedrückt, aber es leuchtete ein, dass die avebianco wohl kaum jemanden den weiten Weg von Europa nach New Haven entsandt hatten, um sich in aller Ruhe eine Tasse Tee und Sandwiches zu gönnen. Man musste sich in die Dinge einarbeiten, um sie zu verstehen. Die wahren Kräfte der Gesellschaft waren praktisch unsichtbar, ähnlich wie die Boten Gottes in einer mondlosen Nacht – gespürt, aber selten gesehen.

Ihr bisheriges Leben bestand aus wenig mehr als einem regelmäßigen Tagesablauf. Ihre größte Heldentat war vermutlich, den jungen Mann nach Boston geschickt zu haben. Sie könnte sich einfach auf denselben Weg begeben und schauen, wo er sie hinführte.

All dem hatte sie sich ja verschworen, als sie vor vielen Jahren Mitglied der avebianco geworden war.

Childress leerte ihr Stehpult. Wenn auch das gesamte Gebäude in gewisser Hinsicht ihr gehört hatte, so besaß sie doch selbst nur sehr wenig. Reverend Dr Dunleaveay war der Bibliotheksleiter, mit seiner Fellmütze und den Quasten und seinem Sitz in der Fakultät, aber es war Childress’ Aufgabe gewesen, neue Bücher zu entdecken, Spenden und Schenkungen entgegenzunehmen, zu katalogisieren, was sie neu erhielten und das, was in den Lagerräumen im Untergeschoss vor sich hin schimmelte. Sie hatte die Bücher ins Regal gestellt und umgestellt, wenn die sich verändernden Anforderungen der Studenten es nötig gemacht hatten.

Andere Angestellte kamen und gingen. Verkniffene Kerle mit heimlichen Gewohnheiten, die den verspielten Jungen beim Rugby draußen auf dem Hof zu lange zusahen. Die gelegentliche Frau, die auf einen Antrag hoffte, um endlich Frau und Mutter zu sein. Sie war hiergeblieben, mit der Bibliothek verheiratet, als Mädchen und als Frau, fast vier Jahrzehnte lang.

Und immer noch hatten die weißen Vögel sie bei sich behalten. Childress erinnerte sich daran, wie sie die erste Feder erhalten hatte – in einem dünnen Band eines unbekannten Dichters, der an sie adressiert gewesen war. Darin fand sie Vermerke, die auf Straßburg in den Deutschen Landen Ihrer Kaiserlichen Majestät hinwiesen. Im sechsten Jahr ihrer Arbeitszeit in der Bibliothek, 1877, hatte der Meister Humberto ihr endlich das Privileg eingeräumt, neue Bücher zu katalogisieren. Im selben Monat war dieser Band eingetroffen, als ob er als ein Zeichen gemeint war.

Was natürlich stimmte.

Bibliothekarin zu sein bedeutete, alles zu wissen, was es zu wissen gab. Es ging nicht sprichwörtlich darum, das gesamte Wissen der Menschheit auf Abruf zu halten – vermutlich war Newton der Letzte gewesen, der dies für sich hatte beanspruchen können. Aber zu wissen, was man wissen konnte, die Hinweise und Passwörter zu allen Geheimnissen der Schöpfung. Die Wissenschaft der Bibliotheken war die Wissenschaft der Wahrheiten, die sich in der Welt versteckten. Sie hatte sich sogar die Ars memoriae des Simonides von Keos beigebracht und die Bibliothek zu ihrem Gedächtnispalast gemacht.

Die Bibliothek und ihre Arbeit waren ihr Leben, nach innen und nach außen, abgesehen von dem Platz, den Gott in ihrem Herzen einnahm. In diese Welt waren die weißen Vögel eingedrungen, erst mit Knittelversen über die Eitelkeiten der Schöpfung und denjenigen, die sich an Gottes Stelle begaben. Später folgten weitere Bücher, Briefe, geflüsterte Worte. Die avebianco waren in Bibliotheken auf der ganzen Welt vertreten, von den Bürokraten des Kaiserlichen China in ihren smaragdgrünen Hüten über die ungehobelten Archivare von Schifffahrtsunterlagen bis hin zu den Universitätsbibliothekaren des Britischen Empire.

Childress sah auf und merkte, dass der Hauptpförtner sie aufmerksam musterte. Cletis Barrons düstere Miene wirkte zugleich besorgt. »Niemand hat mir gesagt, dass Sie gehen.« Seine Stimme klang so tief und sanft wie ein Schiffsnebelhorn draußen in der Meerenge.

Sie versuchte zu lächeln. »Mir hat das auch niemand gesagt.«

»Eine Frau, die ihre Federn und ihr Messer mit sich nimmt, die kehrt nicht zurück.«

»Ich werde Sie vermissen«, sagte Bibliothekarin Childress bestimmt.

»Wir werden Sie auch vermissen, Madam. Wir auch.«

Damit brachte er sie zur Tür. Als sie nach draußen trat, senkte sich bereits die abendliche Kühle auf die Stadt. Sie hatte ihren Mantel vergessen, aber Barron reichte ihn ihr. »Gehen Sie mit Stolz«, sagte er.

Sie nickte, und Worte, die sie aussprechen wollte, entwanden sich ihrem geistigen Griff wie Fische in einem klaren Bach, die sie nicht zu packen bekam. Sie machte sich auf den Weg zur Long Wharf. Sie fragte sich dabei, ob Reverend Dr. Dunleavey überhaupt bemerkte, dass sie nicht mehr da war.

Und das, so bemerkte Childress mit einem traurigen Zittern, war vermutlich die zutreffendste Zusammenfassung ihres Lebens.

New Haven war mit dem zweifelhaften Segen seichter Ankerplätze ausgestattet. Das Problem hatte man mit der Long Wharf gelöst. Das Bauwerk erstreckte sich von der Hafenwestseite über das Watt hinaus bis zum Tiefwasser. Sechs Luftschiffmasten standen recht nah an der Küste. Sie ragten zwischen den kleinen Booten, Skiffs und flachkieligen Fischerbotten auf, die an der Küste entlangfuhren und die Meerenge durchquerten. Nur an der Long Wharf konnten Dampfschiffe, Klipper und Schiffe der Royal Navy anlegen.

Vor einigen Jahren hatte ein Bündnis aus Handelsleuten und Spediteuren einen großen Landungssteg mitten in den Hafen gebaut, kurz vor dem Ende der Long Wharf, um das Löschen und Umschlagen der Ladungen zu erleichtern. Im Augenblick liefen Vorbereitungen, um beide Bauwerke zu verstärken und damit zu ermöglichen, dass Züge beide Teilbereiche erreichen konnten. Damit würde der teure Umschlag mit Hilfe von Pferden entfallen, die die Waren von den Schiffen zu den Frachtumschlagplätze und dem Hafenviertel transportierten.

Die Möwen flatterten in großen grauen Wolken durch die nahende Dunkelheit. Der Gestank ihres Kots hing wie feuchter Ammoniak in der Luft. Das Hafenviertel ist eine riesige Müllhalde, dachte Childress. Nur wurde hier der Müll nicht ordentlich untergepflügt, damit er wenigstens im Boden vermodern würde.

Es war purer Wahnwitz zu glauben, sie könnte auf der Long Wharf jemanden, irgendjemanden finden. Selbst jetzt, wo sich der Arbeitstag seinem Ende zuneigte, tummelten sich noch Hunderte Hafenarbeiter mit ihren Karren und Handkarren am Kai. Außerdem Pferde, Hunde, Matrosen und Marinesoldaten, Laufburschen, Essiggurkenverkäufer, Frauen von fragwürdiger Tugendhaftigkeit, Zollbeamte, stellvertretende Hafenmeister und all die anderen Leute, die jeder große Hafen anzieht. Childress hatte das schon immer gewusst.

Childress konnte niemanden entdecken, aber sie würden sie finden. Es war eine sinnvolle Annahme, dass die weißen Vögel über ein Schiff verfügten, das zu den Dutzenden an der Long Wharf gehörte. Ihr geheimes Reich aus unbezahlbarem Wissen würde dort gewinnbringend umgesetzt werden.

Die avebianco hatten alle ein gemeinsames Ziel – die unauffällige Förderung des Spiritualismus. An verschiedenen Orten firmierte die Bewegung unter verschiedenen Namen, selbst im Britischen Empire, aber der Zweck war immer derselbe: Gottes Werk auf der Welt anzuerkennen und zu bewahren, während die Anstrengungen der Menschen vorangebracht werden sollten. Die Rationalisten sahen diesen Blickwinkel als säkularen Spiritualismus an, während die Orthodoxen sie auslachten und sie für geistig und seelisch umnachtet hielten.

Das war für die weißen Vögel und ihre Verbündeten ohne Belang. Nur ein Dummkopf konnte die Messingarbeit am Himmel betrachten und Gottes Werk leugnen. Nur ein Idiot brachte es fertig sich die Messingarbeit im Himmel anzusehen und Gott als bedeutungslos zu bezeichnen. Childress und ihr kleiner Anteil am ruhigen Wissen der Bibliothekare war damit zufrieden gewesen anzustoßen, wo ein Schubs notwendig gewesen war, zu unterrichten, wo dem Unterricht gefolgt wurde und zu berichten, was bemerkenswert war.

Es drehte sich alles um Hethor und seine Feder, das wusste sie. Damals war die Welt in ihren Grundfesten erschüttert worden, und turmhohe Flutwellen hatten die Küstenlinien der Nördlichen Welt überschwemmt. Dass Neuengland ein schreckliches Schicksal erspart blieb, konnte man nur als Wunder bezeichnen, aber andernorts waren zahlreiche Engländer und Kolonisten getötet worden. Der Junge hatte sich auf die Suche nach William of Ghent gemacht und war aus ihrem Blick entschwunden. Das Echo seiner späteren Leistungen war jedoch bis zu ihr durchgedrungen, und sie wusste, dass er etwas erreicht hatte.

Er musste eindeutig erfolgreich gewesen sein, denn die Welt schien sich immer noch zu drehen, und die Zeitenbeschwörer hatten sich wieder darauf besonnen, das Los bestimmen zu lassen und Fiebererkrankungen bei Kindern vorherzusagen. William of Ghent hatte Boston mit einem geheimnisvollen Auftrag verlassen und war bis heute nicht an den Hof des Empires zurückgekehrt.

Sie versuchte, nicht darüber nachzudenken, dass ihre eigene Mitteilung an den Mann in Boston, der über entsprechende Spezialisten verfügte, die Dinge für Hethor schlimmer gemacht hatte. Phelps gehörte auch zu den avebianco, auf seine Weise.

Während sie sich all dies durch den Kopf gehen ließ, trommelten ihre Stiefel auf die Holzplanken, vorbei an Ballen, Netzen, Baumwolle und Segeltuch und größeren, sperrigeren Behältern – Weinfässer, Bottiche und Tonnen. Um sie herum herrschte hektische Betriebsamkeit, was auf ein Vokabular schließen ließ, das Worte in Taten umsetzte. Jedes Handwerk kannte seinen Jargon, ob es sich nun um Bibliothekare oder Freidenker handelte.

Die Männern sahen sie auch an. Childress wusste, dass nichts an ihrem Aussehen den Eindruck vermittelte, dass sie hier hingehörte. Sie war viel zu alt für ein Hafenluder, selbst für eine Puffmutter. Ihre schwarze Kleidung mit ihrem hohen Kragen erinnerte sehr an Trauerkleidung, war aber zu schlicht, um zu einer Kapitänswitwe oder der Witwe eines wohlhabenden Manns zu gehören. Die heraufziehende Dunkelheit, das Fackellicht und die großen Sturmlaternen würden die Falten auf ihrem Gesicht noch betonen und sie zur Märchenhexe werden lassen.

Es war keine Überraschung, als die avebianco sie fanden. Die Frau, die sie in der Bibliothek aufgesucht hatte, schaute unter einer flachen Matrosenmütze hervor, genau in dem Moment, als Meister Boyett von den Bibliotheken der University of Connecticut um einen Haufen breiter, niedriger Kisten herum auf sie zukam.

»Guten Abend, Bibliothekarin Childress«, sagte Boyett ruhig.

Ihr wurde bewusst, dass mindestens vier Matrosen in ihrer Nähe sich nicht um ihre Arbeit kümmerten, sondern sie vielmehr anstarrten.

Childress sprach mit kalter Stimme. Boyett war immer eine ziemliche Plackerei gewesen. »Ein ganz schön langer Weg von Storrs hierher, nicht wahr, Brian? Der allabendliche Gesundheitsspaziergang?«

Boyett bewegte seine Hände leicht im V- und X-Signal der weißen Vögel. »Ich bin hier als Zeuge …«

Es verschaffte ihr ein gewisses Maß an Befriedigung, dass er sich nicht dazu bringen konnte, sie mit ihrem Vornamen anzusprechen. Sie hatte ihm immer noch etwas voraus. Allerdings war dies ihr einziger Vorteil, und sie wusste nicht, wie sie ihn gewinnbringend einsetzen sollte. »Was sollst du bezeugen? Ich bin gerufen worden, und hier bin ich. Die meisten von uns verbringen ihr Leben damit zuzusehen und zu warten, ohne jemals in die Pflicht genommen zu werden.«

Die als Matrose verkleidete Frau packte sie am Arm. »Es ist Zeit zu gehen, Bibliothekarin.« Hätte Childress diese Frau vor einigen Stunden nicht in einem Kleid gesehen, dann hätte sie keinen Zweifel daran gehabt, dass nun ein Mann neben ihr stand.

»Unsinn«, antwortete Childress. »Die Ebbe dauert noch einige Stunden. Ihr Gefühl für hochdramatische Szenen beeinflusst ihr Urteilsvermögen.«

Die Frau packte sie noch fester am Arm. »Sie werden mich nicht so wie ihn täuschen.«

»Dann gehe ich. Ich bin doch gekommen, oder nicht?«

Boyett befiel ein Schaudern. »Es tut mir leid.«

»Weswegen?«, fragte sie, aber er antwortete nicht.

Dann führte die Frau sie den Steg hinauf zu einem schnellen Postschiff namens Mute Swan, das unter ihren Füßen zitterte, während tief im metallischen Rumpf die Maschinen tuckerten. Childress warf einen Blick zurück über ihre Schulter, als sie an Bord gingen. Boyett sah hinter ihr her.

»Was haben sie ihm gesagt?«, fragte sie ihre Entführerin.

»Die Wahrheit«, sagte die Frau. »Was Sie angeht, Sie gehen jetzt unter Deck.«

Childress sah zu den Messingbändern im Abendhimmel hinauf und fragte sich, ob der arme, verschollene Hethor für seinen Erfolg auch eine Belohnung erhalten hatte.

Zwei

Paolina

Paolina war klar, dass die fidalgos sie nicht einfach freilassen würden. Man hatte ihr weder Essen noch etwas zu trinken angeboten, seitdem sie sie in den Wandschrank gesteckt hatten. Die Reste des Wildblumenweins oder des bagaceira zu trinken, um ihren Durst zu stillen, kam nicht infrage. Aber sie waren noch nicht zurückgekehrt und sie hatten auch keine der Frauen geschickt, um sich um sie zu kümmern.

Das alles wegen einer Uhr? Entweder waren sie sehr wütend oder sehr verängstigt. Bei diesen Idioten war das praktisch dasselbe.

Sie verbrachte viel Zeit damit, sich die Taschenuhr vorzustellen und zu überlegen, welche Teile sie benötigte, damit sie auch in Zukunft vernünftig funktionierte. Es musste eine Möglichkeit geben, Energie zu speichern. Eine gewundene Feder schien ihr die einzig sinnvolle Lösung, wenn man die Form und die Größe des Geräts bedachte. Die Feder würde sich langsam abspulen und dabei eine Reihe von Zahnrädern antreiben, die ihre Drehbewegung auf die Zeiger übertrugen. Das Getriebe müsste sich der schwindenden Kraft der Zugfeder anpassen, sodass die Bewegungsgeschwindigkeit konstant blieb.

Natürlich würde noch viel, viel mehr zu berücksichtigen sein, aber das waren die Grundlagen.

Und so funktionierte auch die Schöpfung: Der Planet bewegte sich wie die Zeiger einer Uhr, verbunden mit der Erdumlaufschiene, während sie durch den Himmel wanderte. Alle Objekte umtanzten einander in regelmäßigem Rhythmus, eine mechanische Sarabande, die Gottes handwerkliches Geschick gewandter zu beschreiben wusste, als Worte in einem Buch es konnten; ob es sich nun um die Messingschlange handelte, die sich klappernd durch Eden gewunden hatte, oder um die Räderung Christi.

Es war alles da. Sie war dabei, die Geheimnisse der Erde in den Pilzschuppen zu lüften, bevor sie sie ihr weggenommen hatten. Nur die Engländer verstanden Gott wirklich, diese Zauberer der Bassett und der Dent-Uhrmacherei in ihrer Heimat. Clarence Davies war vermutlich ein Idiot, aber er war ein Idiot aus einem Volk von Zauberern.

Sie fragte sich, ob sie selbst eine Taschenuhr bauen könnte. Ihr eigenes Modell des Universums? Ganz bestimmt nicht mit Teakholzsplittern und sprödem Eisen.

Paolina Barthes saß in der klammen, atmenden Dunkelheit und stellte sich vor, wie sie aus dem unendlichen Reichtum menschlichen Wissens schöpfte. Die Rätsel der Welt konnten gelöst werden, und genau das würde sie tun. Es gab keinen anderen Weg.

Irgendwann später lag sie zusammengesackt und stinkend auf dem Boden, und ihr Mund fühlte sich trocken an wie vergammeltes Segeltuch. Paolina bemerkte, dass ein greller Lichtstrahl auf eine ihrer Hände fiel.

»Mädchen«, sagte jemand leise. Das Geräusch kratzte wie kleine Krallen über ihr Ohr. »Was haben sie dir angetan?«

Senhora Armandires, dachte Paolina. Sie ließ ihren Kopf zur Seite rollen, obwohl das Licht ihren Augen wehtat. »Sie …«

»Nein.« Die Frau kniete sich vor sie hin. »Sprich nicht.« Sie beugte sich vor und berührte Paolina am Hals. »Sie sind dumm und oft noch Schlimmeres als das, aber sie sind unsere Männer. Im Augenblick werden sie abgelenkt.« Senhora Armandires lagerte ihren Kopf hoch und drückte ihr einen feuchten Lappen auf den Mund. »Hier, beiß hinein.«

»Raus«, versuchte Paolina am Lappen vorbei zu sagen, aber das Wort war nicht viel mehr als ein Grunzen.

»So schnell wie möglich.« Die Senhora schob einen Sack neben sie. Die groben Fasern fühlten sich scharf wie Korallen an und verursachten eine blutende Wunde. »Drei Wasserschläuche und ein wenig Brot von deiner Mutter. Weich es ein, bevor du es isst. Dieser englische Junge lässt dir auch ein paar Dinge schicken.« Sie schob ihr einen Beutel hin. »Er ist verrückt nach dir. Er wäre wirklich sehr süß, wenn er nicht so unpassend wäre.«

Paoline ließ den Lappen herunterfallen. »Holt mich hier raus«, flüsterte sie.

»Das werden wir. Die fidalgos müssen es für ihre eigene Idee halten.«

»Sie w-w-wollen mich töten.«

»Wir leben alle auf dieser Welt. Sie wollen niemanden töten, sondern dich nur einschüchtern, um dich zur Vernunft zu bringen.«

Sie hatte keine Kraft für weitere Worte. Senhora Armandires schob Paolina eine Scheibe Mango in den Mund – wo hatte die Frau das herbekommen? –, richtete ihre Haare und küsste sie auf die Stirn. »Geduld und Gebete«, sagte sie. »Jemand wird dir später noch mehr Wasser bringen, aber geh trotzdem mit dem, was du hast, vorsichtig um.«

Sie nickte und hatte entsetzliche Angst vor der nahenden, erneuten Finsternis. Als Senhora Armandires die Tür schloss, blieb nur eine vertraute, allumfassende Stille. Nicht die Angst, vor der sich Paolina gefürchtet hatte.

Sie tastete in der Dunkelheit herum, bis sie Clarences Beutel fand. Es klickte. Was hatte er ihr geschickt?

Im Beutel fand sie Metall. Werkzeuge. Und Metallstücke. Nicht die Taschenuhr, nichts, was sie kannte. Nur Metall.

Er hatte also an a Muralha nach diesen Sachen gesucht, vielleicht sogar in den verlassenen Ruinen der Enkidus.

»Geduld, Gebete und der Entwurf einer Uhr«, teilte sie der Dunkelheit mit.

In diesem Augenblick hätte sie den Jungen lieben können, auch wenn er unbeabsichtigt für ihre Schwierigkeiten verantwortlich war. Stattdessen machte sich Paolina daran, die Dinge zu sortieren und vor ihren Knien auf dem Boden auszubreiten.

Gott hatte die Welt in völliger Dunkelheit erschaffen, nicht wahr? Bevor er das Feuer der Sonne entfachte? Das hier war viel unbedeutender.

Außerdem hatte sie in ihren Fieberträumen viel mehr erfahren, als es ihr vor ihrem unruhigen Schlaf möglich gewesen war.

Werkzeuge, Werkzeuge und Metall. Damit konnte jede intelligente Frau die Welt erneut erschaffen. Nichts weniger als das.

Eine Woche, vielleicht länger, lag Paolina in der Dunkelheit. Auf ihr Zeitgefühl konnte sie sich nicht verlassen, aber es schien ihr, als ob fast jeden Tag eine der älteren Frauen sie aufsuchte. Es konnte wohl kaum ein Geheimnis sein, dass sie sich um sie kümmerten, aber die Männer taten so, als ob sie nichts davon wüssten. Sie wusste nun, dass sie sie bald freilassen mussten – es konnte etwas mit einem der Brunnen passieren oder eine der Winden fraß sich fest, und dann bräuchten sie ihre Hilfe.

Sie erforschte die Logik ihrer Werkzeuge und die unerbittliche Vergänglichkeit der Zeit. Jedes Ticken jeder Sekunde jedes Tages war geistige Nahrung für sie. Sie hatte den Himmel schon vor Jahren vermessen und den Tanz der Sonne und des Monds und der Planeten vollkommen verstanden. Es war nun an der Zeit, sich zu vergegenwärtigen, wie Gott all diese Dinge in seinem Werk zusammengeführt hatte.

Alles, was sie tun musste, war zu kopieren. Sie musste nichts erfinden.

Also schnitt sie in der Dunkelheit, kratzte und feilte. Sie vermochte sehr kleine Dinge sicher in ihren Fingern zu halten, aber sie wusste, dass sie sie auch staubkörnchengroß hätte gestalten können, wären sie nur fest und sicher in passenden Zwingen fixiert gewesen. Die Späne wischte sie sorgfältig mit der Hand zur Seite und häufte sie nach der Beschaffenheit des Metalls auf, sollte sie sie für noch kleinere Federn benötigen. Auch abgeschnittene Scheibchen, die sich als Hebelscheiben für Drehungen verwenden ließen, die das bloße Auge kaum noch erkennen konnte. Die konnte sie hier in der Dunkelheit nicht bauen, nicht mit diesen Werkzeugen, aber sie konnte sich vorstellen, wie sie sie nutzen würde und wie sie funktionierten.

Es gab auch Enttäuschungen, als ihr einige Teile aus der Hand fielen und andere nicht mit der notwendigen Laufruhe eingepasst werden konnten. Wo Clarence Davies diese Sachen für sie gestohlen oder wie er sie eingetauscht hatte, wusste sie nicht, aber er war ein unwissendes Genie. Wann immer sie ein weiteres Lager benötigte, entdeckte sie ein passendes Stück Metall, eine zusätzliche Spitze, die sie abtrennen konnte.

Es war, als ob sie betete, nur dass sie in ihren Händen Metall hielt, nicht die losen Seiten aus den heiligen Schriften.

Als Senhora Armandires kam, um sie herauszulassen, war Paolina fertig. Sie hatte ihre Werkzeuge und Geräte wieder in Clarence’ Beutel gepackt. In der Dunkelheit zu arbeiten hatte ihre Vorstellungskraft auf unvorstellbare Weise fokussiert und ihre Konzentration allein auf das zu erreichende Ziel gerichtet.

Jetzt musste sie eine Zeit lang schwer krank sein und in echtem, ehrlichem Licht schlafen. Dann würde sie den Beutel erneut öffnen und nachsehen können, was sie erschaffen hatte.

Draußen war alles so wie immer. Heuchelei, überall nur Heuchelei, wie der größte Teil des Lebens in Praia Nova. Sie ging langsam hinaus und stützte sich dabei auf Senhora Armandires Arm. Paolina sah, wie die Männer sie ignorierten, die Jungen sie anstarrten und die Frauen ihre Blick abwandten.

»Soll ich daraus eine Lehre ziehen?«, krächzte sie schließlich.

»Schweig, Mädchen. Du brauchst Ruhe in einem vernünftigen Unterschlupf. Wenn du über das redest, was geschehen ist, machst du es nur noch schlimmer.«

In diesem Augenblick wusste Paolina, dass sie nicht in Praia Nova bleiben würde. Es machte nichts, dass sie über kein Luftschiff verfügte, das sie hinterfragen konnte. Wenn dieser dumme Junge, Clarence, es über a Muralha geschafft hatte, dann konnte sie das auch. Es war nur eine Frage der Entschlossenheit.

Auch wenn es sicherlich eine gewisse Rolle spielte, auf dem Weg nicht getötet zu werden.

Sie schlief zwei Tage am Stück und wachte nur kurz auf, um sich zu erleichtern und ein wenig Fischsuppe zu sich zu nehmen.

»Sie haben die Netze ausgeworfen«, erklärte Senhora Armandires zwischendurch.

»Von einem Boot?« Paolinas Stimme quietschte fürchterlich.

»Von einem Floß.«

»Idioten«, murmelte sie und versank wieder in Schlaf. Sie träumte von den mächtigen Wogen des Atlantiks, die gegen den Fuß von a Muralha brandeten.

Als sie am dritten Tag schließlich aufwachte, fühlte sie sich fast wieder normal. Sie schien ihre Kraft zurückgewonnen zu haben, und ihre Augen schmerzten nicht mehr. Die Senhora saß am Fußende ihrer kleinen Pritsche in ihrem winzigen Haus. »Wir müssen reden.«

»Ich höre.«

Senhora Armandires spielte eine Zeit lang mit ihrer Mantille. Als sie zu ihrer Zufriedenheit festgestellt hatte, dass sie keine Fehler enthielt, sah sie Paolina an. In diesem Moment wurde dem Mädchen klar, wie alt die Senhora war. Nicht in Jahren vielleicht, aber in Bezug auf das, was die Sorgen aus ihrem Leben gemacht hatten. Sie hatte ein faltenreiches Gesicht, und ein Auge war milchig eingetrübt.

A Muralha tötete die Menschen, langsam oder schnell, aber sie machte sie alle zu Märtyrern. Praia Nova als Siedlung mochte sich vielleicht aus Flüchtlingen, Rebellen und Überlebenden von Schiffsuntergängen zusammensetzen, was sie mit einem gewissen Maß an Stolz erfüllte, aber sie sollten hier eigentlich nicht sein. Niemand sollte hier sein.

Nicht nur sie sollte von hier fortgehen.

»Die fidalgos werden das nicht sagen …« Die Senhora hielt inne und suchte erneut in Paolinas Blick nach irgendetwas. »Es ist so schwer ein Mann zu sein.«

Paolina musste lachen und erstickte fast daran.

»Nein, nein. Achte meine Worte. Sie müssen so vielen Erwartungen gerecht werden; gegenüber Gott, gegenüber ihren Ahnen und gegenüber sich selbst.« Senhora Armandires hörte sich an, als ob sie sich selbst zu überzeugen versuchte. »Sie werden lieber sterben als ihre Schwäche einzugestehen. Und sich bei einer Frau zu entschuldigen, ist eine Schwäche. Also müssen wir ihre Worte aus ihren Taten herauslesen. Die fidalgos haben dir vergeben und bedauern ihr vorschnelles Handeln. Untergrabe ihre Würde nicht weiter, indem du Fragen stellst, ob nun vor den Leuten oder hinter ihrem Rücken. Bitte.«

»Was ist kaputtgegangen?«

Die Senhora senkte den Kopf. Sie stieß einen langen, tiefen Seufzer aus, der erahnen ließ, was für ein Lügengebäude sie aufrechterhielt. »Die Pumpe funktioniert nicht mehr. Das Wasser wird knapp. Wir müssen jetzt jeden Schluck hinauftragen oder aus dem Bach an der Grenze zu den Enkidus holen.«

»Es ist ganz recht so, dass ich nicht in der Dunkelheit verhungert bin, wie sie es geplant hatten.«

»Ihr Stolz … du musst dich immer an ihren Stolz erinnern und ihn respektieren.«

Niemals, dachte Paolina, behielt das Wort aber für sich. »Ich werde die Pumpe reparieren. Dann erwarte ich, in Ruhe gelassen zu werden.«

Senhora Armandires’ Augen funkelten. »Du bist immer noch ein Mädchen –«

Paolina ließ ihren Zorn aufblitzen. »Ich bin die Einzige, die die Pumpe reparieren kann. Ich glaube, dass macht mich zu einem Mann ehrenhalber.«

Die Senhora stand auf, klopfte ihre Mantille ab und verbeugte sich leicht vor ihr. »Es tut mir leid«, sagte sie, als sie ihr eigenes Haus verließ.

Paolina fragte sich, ob das die einzigen ehrlichen Worte gewesen waren, die die Senhora heute zu ihr gesagt hatte. Im Endeffekt belog sie ohnehin mehr sich selbst als Paolina.

Sie holte Clarence’ Beutel hervor. Sie war noch nicht soweit, ihn zu öffnen. Der grobe, kratzende, selbst gesponnene Stoff verhieß ihr Großes; mehr als alles, was sie bisher in ihrem Leben erreicht hatte.

Paolina erinnerte sich, wie alles ineinandergriff. Wenn sie den Beutel öffnete und herausfand, dass sie in der Dunkelheit einfach nur Müll zu Staub zerrieben hatte, dann würde sie sich ins Meer stürzen.

Also hielt sie ihn einen Zeit lang in ihren Armen, wippte vor und zurück und lauschte den Wellen, wie sie sich unter ihr an der Küste brachen. Sie fragte sich, wie viele Männer und Jungen beim Fischen auf einem Floß noch ertrinken sollten, bevor sie ihre Hilfe annahmen und mit ihr gemeinsam Boote bauten. Schließlich wurde ihr klar, dass sie das nicht mehr interessierte.

Am nächsten Tag war Paolina wieder im Pilzschuppen. Sie hatte sich entschlossen, darauf zu warten, dass einer Männer sie darum bat, die Pumpe zu reparieren. Sie hatte dank der drei Wasserschläuche, die ihr Senhora Armandires gebracht hatte, noch genug zu trinken.

Hier war es auch ruhig und dunkel, aber es unterschied sich sehr vom Wandschrank im großen Saal. Sie hatte sich entschieden, sich hier aufzuhalten – eine große Verbesserung. Niemand verbarrikadierte die Tür. Auch die Dunkelheit war anders, denn in ihr ließ sich die zarte Beschaffenheit der Pilze erkennen, und ihren Gestank konnte man nicht ignorieren. Die Fäkalien des Dorfs wurden hier ausgebreitet und genutzt, um den hier wachsenden kleinen braunen Zuchtpilzen ein stinkendes Bett zu bereiten. Von Zeit zu Zeit wurde dieser Nährboden auf die Felder ausgebracht, um ihn als Dünger zu benutzen.

In anderen Worten war der Pilzschuppen wie die Feder im Herzen der Taschenuhr, die Energie speicherte und im Lauf der Zeit als Essen zum Verzehr ausgab, mit dem sie ihre Ernährung sicherstellen konnten.

Sie mochte die Idee. Es gab ihr das Gefühl einer sich mitteilenden Resonanz, und sie fragte sich, ob Gott eine Art himmlische Entsprechung für den Pilzschuppen hatte, in der Er am Uhrwerk seiner Schöpfung arbeitete.

Die Dinge, die sie in der Dunkelheit im Fieberwahn zurechtgeschnitten hatte, ließen sich nur schwer einordnen. Sie hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit Clarence Davies’ Taschenuhr, zumindest im Vergleich zu dem, was sie darüber hatte herausfinden können, bevor man sie eingesperrt hatte. Paolina hielt es für unwahrscheinlich, dass sie die Uhr zurückerhalten würde, nicht, solange es um den Stolz der fidalgos ging.

Unwichtig, dachte sie. Ihr Erinnerungsvermögen würde ausreichen. Sie machte sich daran, ihre Vision nachzubauen, wie die Energie der Schöpfung gesammelt und gespeichert wurde.

Es war nicht einfach. Ähnlich wie der Himmel war ihr Weg nur in sehr komplizierter Form und in filigranen Messingmustern vorhanden. Es gab eine Triebfeder, aber sie schien noch einige andere hergestellt zu haben, kleinere Federn, sowie eine Reihe winziger Zahnräder. Sie waren nicht so sauber geschnitten und gefeilt wie bei der ursprünglichen Taschenuhr, aber sie stimmten, auch ohne den schillernden Glanz.

Sie brauchte nicht alles von dem, was die Engländer benötigten. Wie Clarence ihr erklärt hatte, war sie mit den Uhren in einer Sternwarte außerhalb Londons in Gleichklang gebracht. Sie brauchte nur ein Modell der Welt. Der Himmel selbst gab demjenigen die Zeichen, die man benötigte, um die Zeit zu bestimmen. Sie machte sich nur Sorgen über die restliche Ordnung innerhalb der Schöpfung.

Paolina wollte nicht zur Bassett gehen und schon gar nicht den weiten Weg nach England, ohne etwas in der Hand zu haben. Diese großen Zauberer würden sich ihr Anliegen wohl kaum anhören, wenn sie nicht wenigstens ein Gesellenstück mitbrächte, um ihre Fähigkeiten zu beweisen.

Sie stellte sich vor, vor der Queen und ihrem Rat der Weisen und Zauberer zu stehen und ihr ihre eigene Taschenuhr zu zeigen, als Beweis, dass sie in die Fußstapfen Dents treten könnte, des Uhrmachers der Queen.

Hier war sie nicht viel mehr als ein Werkzeug für Pumpen und Hebel, und ansonsten ein lästiges Mädchen. Dort aber, nun ja … Wie würde ein Kaiserreich, das von einer Frau regiert wurde, nicht erkennen können, was sie zu leisten vermochte?

Wenn sie es ihnen nur zeigen könnte.

Paolina beugte sich zu ihren Teilen herab – langen, schmalen Hebeln mit gezahnten Arretierungen, abgeschrägten Rädern, kleinen Schneckengetrieben, Federn und Stiften. Aber in der Dunkelheit hatte sie eine Vision gehabt, und sie war mit ihrer Rückkehr ins Licht nicht gänzlich verschwunden.

Das erste Problem war, eine Platte oder einen Rahmen zu finden, auf dem sie ihre genialen Gedanken umsetzen konnte. Ihre Hand glitt erneut in Clarence’ Beutel voll gestohlener Schätze, um herauszufinden, ob es etwas gab, was in Größe und Gewicht dafür genutzt werden konnte. Es musste ein wenig größer als die Dent-Taschenuhr sein, denn ihre Werkzeuge waren nicht klein genug. Aber es würde etwas sein, was ein Mädchen in der Hand tragen konnte.

Am nächsten Morgen war Senhora Armandires schweigend um sie herumgewuselt, bevor sie Paolina mit ihren Gedanken alleinließ. Nachdem sie den dünnen Haferschleim zu sich genommen hatte, den die Senhora ihr auf den Tisch stellte, kehrte sie in den Pilzschuppen zurück, wo sie ihre Mutter und Clarence Davies vorfand, die auf sie warteten.

Clarence lächelte. Er wirkte ein wenig größer, ein wenig glücklicher. Vielleicht hatte er hier etwas gefunden, dachte sie, einen Sinn im Leben oder ein Zuhause. Praia Nova mochte erbärmlich sein, aber wenn man zwei Jahre in der Wildnis umhermarschiert war, mussten einfache Menschen, die zumindest einige Brocken Englisch beherrschten, ihm wie ein Geschenk Gottes erscheinen.

Ihre Mutter hingegen ließ ihre Schultern tiefer als sonst hängen. Die Jahre ohne ihren Vater hatten ihre Spuren bei Senhora Barthes hinterlassen. Paolina hatte merkwürdigerweise verpasst, dass ihre Mutter alt geworden war, aber es war unverkennbar – sie sah sie erschöpft an, und die zahllosen Falten ließen erkennen, dass die Zeit nicht spurlos an ihr vorübergegangen war.

»Me«, begann Paolina, hielt dann aber inne. Senhora Armandires hatte sie in der Dunkelheit aufgesucht, nicht Senhora Barthes. Sie nickte Clarence mit dem Hauch eines Lächelns zu. »Senhor Davies.«

»Tochter.« Ihre Mutter klang schwach, und ihre Stimme vermittelte dieselbe Anspannung, die in ihrem Gesicht zu sehen war. »Es freut mich, dass es dir gut geht.«

Clarence erwiderte ihr Lächeln.

Paolina fragte sich, was sie vorhatten. Es ging sicherlich um die Süßwasserpumpe, auch wenn sie sich entschieden hatte, nur von den Männern gefragt werden zu wollen. »Unter anderen Umständen würde es mir besser gehen.«

»Bitte.« Ihre Mutter hob eine zittrige Hand. Paolina bemerkte, dass sie dringend einen Gehstock brauchte. »Sprich nicht über das, was vergangen ist. Du musst dir das Vertrauen verdienen, Tochter. Wir haben nur noch wenig Wasser.«

»Lass sie doch Eimer tragen«, sagte sie verbittert. »Das hätten sie doch auch tun müssen, wenn ich nicht hier wäre.« Ihr Zorn kehrte zurück, die Wut über ihre Einsperrung. »Was bedeute ich den fidalgos schon?«

»Was bedeutest du den Mädchen, die diese Eimer schleppen müssen?«, fragte Clarence leise.

Es war seltsam, einen Mann überhaupt darüber sprechen zu hören, welche Arbeit die Frauen verrichteten. Als ob Clarence nie von der natürlichen Ordnung erfahren hatte, die Frauen und Männern ihre jeweiligen Plätze zuteilte. »Ich bin ein Mädchen mit einem Projekt.« Sie nickte in Richtung des Pilzschuppens hinter ihnen. Ein Mädchen mit Zielen, die weit über diesen Ort hinausgehen.

Die Welt war so klein hier. A Muralha erhob sich über ihnen wie die Mauern des Himmels, und der Atlantik erstreckte sich wie der Burggraben vor Gottes Festung. Und trotzdem hatten die Leute in Praia Nova nichts Besseres zu tun, als in ihren ermüdenden, angestammten Plätzen zu leben, Generation für Generation.

»Ich werde die Pumpe in drei Tagen in Ordnung bringen«, sagte sie. »Bis dahin werde ich im Pilzschuppen arbeiten. In der Zwischenzeit schlage ich vor, dass die Leute Eimer schleppen. Jeder von ihnen.«

»Das wird ihnen nicht gefallen«, flüsterte ihre Mutter. »Bitte sei nicht dumm. Sie werden dich wieder –«

»Nein«, blaffte Paolina. »Das werden sie nicht. Nicht, wenn sie von mir erwarten, jemals wieder einen Finger für dieses Dorf zu rühren.« Sie drängelte sich zwischen ihnen vorbei und bückte sich, um unter der Segeltuchklappe hindurch den Pilzschuppen zu betreten.

Das Geheimnis, ein Mann zu sein, war ziemlich einfach. Du musst dich nur so verhalten, als ob dir die Welt gehört und jeder dir verpflichtet ist.

Drinnen wartete die Taschenuhr auf sie, die auf ihrem Rahmen Gestalt annahm. Sie schien in der Dunkelheit schon zu glitzern, bevor sie auch nur einen Kerzenstummel anzündete.

In der Nacht des dritten Tags nahm sie ihre Taschenuhr mit, als sie den Pilzschuppen verließ. Clarence’ gestohlene Reste wurden wieder in den groben Beutel zurückgelegt und hinter einem der Betten versteckt. Sie wollte nichts mehr als ein eigenes Modell der Welt und die vernünftigen Stiefel, die sie gerade trug.

Draußen glänzte die Taschenuhr leicht im schwindenden Tageslicht. Sie hatte eine runde Fassung aus dem Enkidumetall hergestellt und ein Glasziffernblatt aus einer alten Laternenlinse. Das Gehäuse war um die Hälfte größer als die Dent-Uhr und damit zu groß für ihre Hände. Das Ziffernblatt hatte sie nicht beschriftet, denn sie kannte bereits die Zeit, aber sie hatte vier Zeiger hinzugefügt. Einen, um die Zeit zu bestimmen, die die Grundlage aller Existenz war, einen, um ihren Herzschlag zu messen, einen, um die Erdumdrehungen zu bestimmen und einen, mit dem sie beliebig all das messen konnte, wonach ihr gerade die Lust stand. Paolina hatte auch den für die englische Uhr typischen Aufzugsmechanismus nachgemacht. Er konnte in vier verschiedene Positionen gebracht werden, um jeden Zeiger zu verändern. Außerdem konnte man ihn ganz herausziehen, um die Antriebsfeder aufzuziehen.

Als sie sie in der Hand hielt, fühlten sich die Rückseite aus Enkidumetall und das gläserne Ziffernblatt warm an, fast samtartig – wie rasierte Haut. Es schien sich unter ihrer Berührung leicht zu bewegen, als ob sie ein zufriedenes, in kompakte Form gebrachtes Kind in der Hand hielte.

Der neue Aufzugsmechanismus, ihr Aufzugsmechanismus war wunderschön. Sie war so stolz auf ihre Errungenschaft, dass sie hoffte, mit dieser Schöpfung den Zauberern in England glaubwürdig zu erscheinen.

»Es wird Zeit, die Pumpe zu reparieren«, teilte sie der zunehmenden Dunkelheit mit.

Alles war ruhig in Praia Nova. Kerzen flackerten in der großen Halle. Kaminfeuer erhellte einige der Häuser. Der Atlantik brachte einen Wind mit sich, der nach Sturm roch. Sie konnte in der Ferne auf dem Wasser Blitze aufzucken sehen, obwohl sich im Norden noch Sterne zeigten.

Die Pumpe, die sie gebaut hatte, war zum Schutz in einem kleinen Gebäude nahe der Wassertreppen aufgestellt worden. Um sie zu bedienen, musste sich jemand an einen Pfosten lehnen und auf der Stelle gehen. Obwohl niemand im Dorf zuvor von einer Fußpumpe gehört hatte, war es für Paolina eindeutig gewesen, dass die Beine viel kräftiger als die Arme und daher viel besser geeignet waren, Wasser den Hang hinaufzupumpen.

Immerhin hoben sie den Körper vom Boden hoch, nicht wahr?

Die Rohre – Bambus, der mit Baumharz und Stofffetzen abgedichtet wurde – leiteten das Wasser in einen Trog. Sie hatte vorgeschlagen, mehrere Becken zu bauen, um mehr Wasser über einen längeren Zeitraum speichern zu können, aber die fidalgos hatten diese Idee wegen fehlender Materialien und fehlendem Interesse einfach übergangen.

Paolina lehnte sich an den Pfosten und trat in die Pedale.

Sie drehten sich wie gewohnt, und das gehämmerte Eisen der scherenartigen Konstruktion bewegte sich ganz normal, aber es kam kein Wasser herauf. Nach wenigen Schritten erhöhte sich der Widerstand. Unterdruck entstand in der Leitung.

Die Pumpe war völlig in Ordnung. Das Problem lag unten, am westlichen Bach.

Die Erdbeben hatten die Dorfbrunnen versiegen lassen. Das einzige Wasser, auf das Praia Nova noch zurückgreifen konnte, floss in diesem Bach. Wenn diese Quelle auch noch austrocknete, dann war das Dorf tot. Man konnte schlecht aus dem Atlantischen Ozean trinken.

Sie schritt die Wassertreppe hinab und begutachtete die zusammengebundenen Rohre.

Der Bach traf auf der 212. Stufe auf den Weg. Ein Gesims führte dort entlang, zu schmal, um dort ein Lager zu errichten oder als Fundament für ein Gebäude zu dienen, aber breit genug, um einer Person Platz zu bieten. Die Klippen unterhalb Praia Novas bestanden aus einer Reihe übereinander gestaffelter, seltsam geformter Felsvorsprünge wie diesem hier. Sie wirkten fast wie eine Mauer aus zerbröckelnden Ziegelsteinen – wenn jeder Ziegelstein die Größe eines Schiffs hätte.

Sie befand sich direkt über dem kleinen Strand im Schiefergestein und dem Steg, an dem Fischerboote anlegen konnten. Zwei zum Teil fertiggestellte Schiffsrümpfe lagen dort auf der Seite, aber niemand hier wusste, wie Boote gebaut wurden. Ihre Flotte, die sie bei der großen Flut verloren hatten, hatte aus Ausreißern, Bergungsgut und Schiffswracks bestanden – jedes Boot aus den Einzelteilen vorhergehender Generationen zusammengesetzt.

Die Männer Praia Novas bauten eine missverstandene Erinnerung verfälschter Boote nach. Ohne die richtigen Werkzeuge oder Schraubzwingen. Sie müssten zumindest ein Gestell bauen, um den Rumpf aufbocken zu können, aber sie waren nicht bereit gewesen, so viel Holz für einen scheinbar nutzlosen Versuch zu verwenden.

Dort lag auch ein Floß, das aus dem Holz bestand, das man dem Bootsprojekt entrissen und mit Schilfmatten bedeckt hatte.

Sie fragte sich, welcher Sturm das alles davontragen und die Männer noch wütender und zielloser machen würde.

Die Wasserquelle lag nur wenige Schritte von den Treppen entfernt. Hier befand sich auch ein Trog, der vor langer Zeit gebaut worden war, um genügend Wasser aufzunehmen, damit die Leute es sich hier holen konnten. Das hatten sie in den letzten Tagen auch getan. Sie war sich nicht sicher, seit wann die Pumpe nicht mehr funktionierte, aber der obere Trog war bereits ausgetrocknet.

Das Wasser floss reichlich; der Bach war nicht ausgetrocknet. Sie begutachtete die Konstruktion, die die Rohre verankerte und den Wassereinlauf ermöglichte. Um Moos und kleine Steine aus den Rohren zu halten, hatte sie ein Sieb aus geflochtenem Bambus erstellt, hinter dem grob gewebter Stoff den Sand herausfilterte.

Es war voller Dreck und Schlamm.

Paolina nahm das Sieb heraus und kratzte es mit ihren Fingernägeln sauber. Sie hatte den fidalgos und den Frauen gesagt, dass sie alle drei Tage ein Mädchen mit einer Bürste herunterschicken und das Rohrende reinigen lassen sollten. Es sah so aus, als ob dies seit drei Wochen nicht mehr geschehen wäre.

Diese offensichtliche Dummheit machte sie wütend. Warum konnten sie nicht einmal die einfachsten Dinge verstehen?

Sie setzte den Filter wieder ein und wollte gerade die Treppen hinaufsteigen, um die Pumpe erneut auszuprobieren, als sie überrascht aufschreckte, denn Clarence stand ihr im Weg.

»Du gehst weg, nicht wahr?«

Sie hatte sich dazu entschlossen, hatte es aber noch nicht in aller Deutlichkeit gesagt.

Die Worte schwebten für einen Augenblick in der Luft und versetzten ihr einen Stich. »Ja«, sagte sie schließlich. »Ich will nach England.«

»Hier ist es gar nicht so schlecht. Die Mauer ist …«

»Schwierig?« Sie schob ihn vor sich her, damit sie beide die Wassertreppe hinaufgehen konnten.

»Gefährlich.« Sie kletterten im Mondschein hinauf, während hinter ihnen in der Ferne Donner grollte. »Sehr lang. Du kannst es dir nicht vorstellen.«

»Das stimmt«, gab sie zu. »Aber hierzubleiben ist falsch für mich. Ich bin nur ein Mädchen und werde niemals mehr sein.«

»Niemand sonst, den ich bisher kennengelernt habe, hätte eine solche Pumpe bauen können.«

Sie lachte. »Du bist Engländer. Du entstammst einer Nation aus Zauberern, die die Welt beherrschen. Selbst wenn einige von euch durchgeknallt sind.«

»Ich bin kein Zauberer«, beschwerte er sich.

»Ich könnte einer werden.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Ich muss es versuchen. Ich muss es herausfinden.«

Oben probierten sie die Pumpe aus. Der Druck auf den Pedalen schien zu stimmen. Nach einigen Dutzend Tritten floss das Wasser. Sie stieg herab und ließ Clarence auf die Pedale steigen. Selbst im Mondlicht wirkte das Quellwasser schwarz. Es hätte auch Lampenöl sein können. Oder bagaceira. Die dunkle Flüssigkeit, die aus dem Bambusrohr hervorquoll, während die Pedale quietschten, war ganz gewiss das Lebensblut Praia Novas.

»Ich muss los«, sagte sie.

Er griff hinter den Schuppen und reichte ihr einen kleinen Segeltuchbeutel. »Senhora Armandires sagte mir, dass du das hier sicherlich haben wolltest.« Er lächelte schief im Mondlicht, das der nahende Sturm zu verdecken begann. »Ein zweites Kleid für die Reise, ein wenig Brot und ein Stahlmesser.«

Das waren wahre Schätze in Praia Nova, gerade, wenn sie von einer Frau stammten. »Kommst du mit mir mit?« Sie hatte ihn nicht fragen wollen, aber sein Lächeln hatte einen stechenden Schmerz in ihrer Brust hervorgerufen.

»N-nn-nein.« Nun standen ihm Schweißtropfen auf der Stirn, und sie musste lachen. »Die Senhora ist sehr nett zu mir. Sie ist –« Er hielt peinlich berührt inne.

Ein weiterer Mann also, der sich auf eine Frau warf, auch wenn die Senhora leicht seine Mutter hätte sein können. Paolina wusste nicht, ob sie enttäuscht oder erleichtert sein sollte. »Nun. Danke.« Sie winkte ihm mit dem Beutel zu. »Dafür, und für die Metalle und Werkzeuge, die du mir gebracht hast, als ich in der großen Halle eingesperrt war.«

»Das war das Werk der Senhora«, gab er zu. »Sie dachte, du wüsstest, was man tun könnte, wenn du nur die richtigen Sachen bekämst.«

»Nach Osten also«, sagte Paolina. »Um die Bassett zu finden oder Afrika, was auch zuerst kommen mag.«

»Hüte dich vor den Spinnen.« Er fröstelte, als ein klammer Windstoß sie erfasste und den Geruch von Regen und nahenden Blitzen mit sich trug. »Den Messingmenschen, die sich dazu herablassen mit dir zu reden, kannst du vertrauen. Sie halten ein Versprechen, wenn sie es geben.«

»Spinnen. Messingmenschen.« Der Wind frischte auf, feucht und seltsam kühl. Sie wollte sich auf den Weg machen, bevor der Sturm die Küste erreichte und Praia Nova mit einem Regenteppich und Böen überzog, vor denen sich alle Fenster schlossen. Auf der uralten, erodierten Oberfläche von a Muralha gab es mehr als genügend Spalten und Höhlen.

»Lebe wohl«, sagte er.

Sie gaben sich die Hand. Was kümmerte er sie? Senhora Armandires hatte den englischen Jungen in ihrem Bett willkommen geheißen. Es war süß, und für eine Frau ihres Alters hatte sie eine wundervolle Figur. Das alles ging Paolina nichts an – sie hatte bis heute noch immer nicht ihre Tage gehabt. Was sollte sie dann mit einem Kerl anfangen?

Sie drehte sich um und ließ Clarence stehen. Sie folgte dem Weg Richtung Osten, hinaus aus Praia Nova, hinein in die Wildnis der Mauer. Der Sturm hinter ihr würde etwas begraben, was niemand aus ihrer Geburtsstadt jemals wieder ausgraben würde.

Paolina wünschte sich nur, sie hätte sich von ihrem Vater verabschieden können.

Die Taschenuhr lag schwer in der Tasche ihres Kleids. Sie steckte eine Hand hinein und streichelte sie. Das gehörte ihr, das Gerät, mit dem sie die Welt bestimmen konnte. Bevor sie das Ende ihres Lebens erreichte, würde sie die gesamte Schöpfung vermessen haben, das schwor sie feierlich. Kein Mann würde je wieder über sie bestimmen.

Al-Wazir

Er verbrachte die nächsten Tage in der Admiralität damit, dass Mr Kitchens ihn von Konferenz zu Konferenz leitete. Es war furchtbar, nahezu unerträglich langweilig und erinnerte den Bootsmann daran, warum er nie auch nur das geringste Interesse an einer Karriere als Offizier gehabt hatte. Es war viel besser, auf dem Deck zu arbeiten, wo der Tagesbefehl die an diesem Tag zu erledigende Arbeit umfasste und jemand anders sich die über die Politik des Empire und das Seerecht Gedanken machte.

Aber immerhin behandelten Kitchens und seine schweigsamen Kollegen al-Wazir wie eine Art feinen Pinkel. Einen Pinkel in einem samtenen Gefängnis, der deutlich darauf hingewiesen wurde, nicht draußen rauchen zu gehen oder sich ein guten Schluck des frisch gebrannten Rums zu gönnen, den er ohne jeden Zweifel nur wenige Straßen entfernt bekommen konnte. Die Räume rochen immer nach Ölseife, gestärktem Leinen und etwas Saurem, mit dem sie sich die Ameisen vom Hals und den Geruch von Pisse aus der Nase hielten. Miserable Rohrleitungen waren nun einmal typisch für England.

Und so fand er sich in einem kleinen Raum wieder, um sich von einem alten Kerl der Royal Society, der vermutlich in seinem ganzen Leben noch nie einen Krauskopf gesehen hatte, einen Vortrag über die direkt unter der Mauer lebenden Stämme an der gabunischen Küste anzuhören. Dann wurde er zu einem anderen kleinen Raum geführt, wo drei Gentlemen aus Greenwich ausführlich über Luftmassen und Luftströmungen an der Mauer dozierten. Mit diesem Thema kannte sich al-Wazir bestens aus, denn er war Reeperbootsmann auf der Bassett gewesen, die diese Luftwege beflogen hatte. Ähnlich wie bei dem Anthrophagisten – zumindest glaubte al-Wazir, dass der alte Kerl diesen Titel für sich beansprucht hatte – hatten auch diese Klimatologen, oder wie immer sie sich auch nannten, überhaupt keinen praktischen Bezug zu ihrem Forschungsgegenstand.

Als er einen weiteren, mit Teppich belegten Flur mit Kitchens an seiner Seite entlangschritt und an Gemälden vorbeikam, ...

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