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Die Räder der Welt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1.
  7. 2.
  8. 3.
  9. 4.
  10. 5.
  11. 6.
  12. 7.
  13. 8.
  14. 9.
  15. 10.
  16. 11.
  17. 12.
  18. Danksagungen

Über den Autor

Jay Lake (Joseph E. Lake Jr.), geboren 1964, wurde 2004 mit dem John W. Campbell Award als bester neuer Science-Fiction-Autor ausgezeichnet. Er hat mehrere Romane und weit über hundert Kurzgeschichten veröffentlicht, von denen einige für den Hugo Award und den World Fantasy Award nominiert wurden. Darüber hinaus ist er auch als Herausgeber von Anthologien und als Rezensent für die INTERNET REVIEW OF SCIENCE FICTION hervorgetreten. Er lebt in Portland, Oregon, und arbeitet als Produktmanager für eine Firma, die Sprachdienste für Unternehmen bereitstellt.

 

Für Kristine Kathryn Rusch, Dean Wesley Smith und Loren Coleman, die mich an einem Ort namens Lincoln City dazu brachten, mein Glück überhaupt erst zu versuchen.

1.

Der Engel erstrahlte im Schein von Hethors Lesekerze so hell wie eine Messing-Maschine. In irrationaler Hoffnung griff der junge Mann nach seiner abgenutzten Bettdecke, als könnten die zusammengenähten Baumwollreste ihn vor der Macht schützen, die in seine Dachkammer eingefallen war. Zitternd schloss er die Augen.

Sein Meister, der Uhrmacher Franklin Bodean, hatte Hethor gelehrt, den Mechanismen seiner Arbeit Gehör zu schenken, doch hatte er bald herausgefunden, dass er auch den Rhythmus des Lebens vernehmen konnte. Als Erstes hörte Hethor stets seine eigenen Atemzüge, auch wenn die Angst, die nun von ihm Besitz ergriffen hatte, seine Atmung langsam und schwer werden ließ.

Das alte Haus an der King George III Street in New Haven knarzte wie immer. Die Hufschläge eines Pferdes trappelten auf der Straße vorbei, begleitet vom Rumpeln der Räder eines Einspänners auf dem Kopfsteinpflaster. Weit draußen dröhnten dampfbetriebene Nebelhörner über den Long Island Sound, und die neuen electrischen Lampen zischten und knallten. Unter den Geräuschen der Stadt lag das beständige Ticken von Meister Bodeans Uhren, und darunter wiederum war das Rattern des Räderwerks der Welt zu vernehmen, wenn Hethor aufmerksam lauschte.

Doch er war allein im Zimmer und lag in seinem Bett. Niemand sonst atmete. Keine der Holzdielen knarzte unter dem Gewicht eines fremden Körpers. Es gab auch keine fremden Gerüche. Hethor roch nur seinen eigenen Schweiß, vermischt mit dem heißen Duft des Kerzentalgs, den Ölgerüchen des Hauses und den Geruch von Holz und Maschinen. Darunter mischte sich ein Hauch von Meeresluft, der vom nahen Meer herüberwehte.

War das ein Traum?

»Ich bin allein.« Die Worte waren teils Gebet, teils jene Art von Zauberformel, wie Hethor sie im Sommer in den Wäldern gesprochen hatte, um das geheime Wissen der Indianer, das Wort Gottes, die dunkle Magie der Südlichen Hemisphäre sowie die immerwährende Macht der steinernen Mauern und der die Erde bedeckenden Eichen anzurufen.

Schließlich schlug Hethor die Augen auf.

Der Engel stand noch immer vor ihm.

Nur schien er nicht mehr aus Messing zu sein. Er wirkte eher menschlich, sah man von seiner Größe ab, denn er schien sich bis zur Decke der Dachkammer zu erheben, gut zwei Meter hoch. Die mächtigen Flügel, die das Weiß von Schwanenfedern zeigten, umhüllten den Körper wie ein eng anliegender Umhang. Seine Haut war so blass wie die Hethors; das Gesicht wirkte schmal und herzförmig, das Kinn markant. Er funkelte Hethor aus schwarzen Augen an. Sein Profil war so klar geschnitten, dass es an eine klassische Statue erinnerte und sogar die Darstellungen der Heiligen in den großen Kirchen New Havens an Perfektion übertraf.

Hethor hielt den Atem an, denn diese Makellosigkeit bereitete ihm Angst. Und es war eindeutig kein Traum oder gar Albtraum, jedenfalls noch nicht.

Der Engel lächelte. Zum ersten Mal schien er mehr als nur eine Statue zu sein. »Sei gegrüßt, Hethor Jacques.«

Mit seiner Stimme wehte auch sein Atem zu Hethor herüber, dessen Geruch nun doch an eine Statue erinnerte – kalter Marmor und taunasser Stein. Zugleich erinnerte er an kostbares Metall, an den Mechanismus einer wertvollen Uhr zum Beispiel.

Hethor ließ die Decke los, um die Kette an seinem Hals zu ergreifen und das Räderwerk von Christus’ Räderung mit den Fingerspitzen nachzuzeichnen. »Sei g-g-gegrüßt ...«, stammelte er. »W-willkommen.« Auch wenn es eine Lüge war, fühlte er sich verpflichtet, diese Worte auszusprechen.

»Ich bin Gabriel«, sprach der Engel. »Und ich bin hier, um dir eine Aufgabe zu übertragen.«

»Eine Aufgabe.« Hethor sog zischend Luft in seine Lunge, die ihn mit einem schmerzhaften Stich daran erinnerte, dass er der ungewöhnlichen Umstände wegen den Atem angehalten hatte. »Aber mein Leben ist bereits von Aufgaben und Pflichten erfüllt, Herr.« Pflichten gegenüber Meister Bodean, dem Unterricht an der Lateinschule in New Haven, seinen verstorbenen Eltern, der Kirche und der Krone.

Doch der Engel schien Hethors Einwurf zu überhören. »Der Schlüssel der Ewigen Bedrohung ist verloren gegangen.«

Schlüssel der Ewigen Bedrohung? Hethor hatte noch nie davon gehört. »Ich ...«

»Die Antriebsfeder der Welt läuft ab«, fuhr der Engel fort. »Nur ein Mensch, der im Ebenbild des Tetragramms erschaffen wurde, kann sie wieder aufziehen. Nur du, Hethor.«

Hethors Hände ballten sich mit solcher Kraft zu Fäusten, dass die Sehnen hervortraten. Das Blut pulsierte in seinen Adern. Das konnte nur eine Finte sein, eine Falle, eine teuflische Torheit, die Bodeans schreckliche Söhne und ihre Freunde in Yale sich ausgedacht hatten. »Es gibt keine Engel«, sagte Hethor. »Nicht mehr.«

Gabriel streckte Hethor eine Faust entgegen und näherte sich ihm, wobei er sich nicht zu bewegen schien. Dann breitete er die Flügel aus und entblößte einen marmornen Körper, dessen Perfektion sich Hethor nun in seinem natürlichen Zustand darbot. Der Engel drehte die Hand nach oben und öffnete sie.

Auf der Handfläche lag eine kleine Feder, nicht viel größer als eine Gänsedaune in Hethors vielfach geflicktem Kopfkissen. Der Engel spitzte die Lippen und blies, was die Luft vor seinem Mund wie Sternschnuppen in einer Sommernacht funkeln ließ, doch der Eindruck verblasste sofort wieder. Ein gewaltiger Donnerschlag ließ Hethor beinahe taub werden. Als er sich schüttelte, um den Lärm aus dem Kopf zu bekommen, hörte er die Glocken des Hauses und die Uhren im Laden läuten und klingeln, scheppern und rasseln – Hunderte von Uhren, die gleichzeitig die himmlische Stunde schlugen.

Bald war Meister Bodeans schlaftrunkenes, lautes Fluchen aus dem Stockwerk unter ihnen zu hören, während die winzige Feder langsam zu der Stelle hinunterschwebte, an der eben noch der Engel gestanden hatte.

Hethor fing sie auf und schnitt sich dabei in die rechte Handfläche. Während er sich vor Schreck und Schmerz mit der Linken in die Kniehose griff, schaute er sich an, was er da gefangen hatte.

Die Feder war aus massivem Silber, und ihre Ränder waren messerscharf. Sie funkelte im Kerzenlicht. Hethor sah, dass die Schnittwunde in seiner Handfläche die Form eines Schlüssels besaß.

»Hethor!«, brüllte Meister Bodean von unten. »Lebst du da oben noch, Junge?«

»Komme schon, Sir«, rief Hethor zurück. Er legte die Feder auf sein Schreibpult, zog seine zwei Nummern zu kleinen Stiefel an, schnappte sich die eine Nummer zu kleine Jacke und stürmte durch die winzige Tür der Dachkammer die Treppe hinunter.

***

Es dauerte mehr als eine Stunde, um alle Uhren in Meister Bodeans Werkstatt zu beruhigen. Einige hatten sämtliche Stunden geschlagen – die heilige Zahl Zwölf –, und waren dann wieder in ihrem tickenden Schlummer versunken. Andere, vor allem die mit der kleineren und feineren Uhrwerksmechanik, waren in ein nervöses Klingeln verfallen, das nur unter sorgfältigem Einsatz weichen Polierleders und Gummihämmern beendet werden konnte. Hethor und Meister Bodean arbeiteten sich von Uhr zu Uhr und kümmerten sich um deren Messing- und Kupferherzen, auch noch, als es bereits zur elften Abendstunde schlug.

Schließlich blieben sie in der Werkstatt stehen. Die letzte Stunde und die viele Arbeit hatten sie erschöpft. Meister Bodean, ein rundlicher Mann mit rotem Gesicht, trug ein Nachthemd und einen grauen Pullover mit Zopfmuster. Er nickte Hethor zu und sagte: »Gute Arbeit, Junge.« Er war immer gerecht gewesen, auch wenn er Hethor bestraft hatte.

»Vielen Dank, Sir.« Hethor sah sich in der Werkstatt um. Die beruhigende, vertraute Ordnung hatte wieder Einzug gehalten: Ein kleiner Ofen, der erst seit Kurzem durch Electricität angetrieben wurde. Rohlinge. Werkzeuge – von Hämmern, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen waren, bis hin zu Schraubzwingen, mit denen man einem Mann den Schädel einschlagen konnte. Einzelteile in ihren Behältern: Federn und Zahnräder und Hemmungen sowie Messing, Stahl und Lagersteine in allen nur erdenklichen Größen und Formen.

Es schien, als wäre der Engel Gabriel – Erzengel?, fragte Hethor sich unvermittelt – aus dem Geist dieser Werkstatt auferstanden. Hethor hatte bei diesem Engel ein Gefühl des Erstaunens verspürt, das ihm sonst nur eine kostbare Uhr vermittelte; das Wesen hatte eine Aura der Akribie, Sorgfalt und Präzision besessen, gepaart mit einer Kraft, die an die schwere Mechanik einer großen, wuchtigen Turmuhr denken ließ.

»Alles in Ordnung mit dir, Junge?«, fragte Meister Bodean und unterbrach Hethors Gedanken. »Normalerweise bist du redseliger.«

Hethor widerstrebte es, den Engel zu erwähnen. Bodean würde ihn sicher für verrückt halten. Schon der Gedanke klang schrecklich wichtigtuerisch. Er musste erst darüber nachdenken und zu begreifen versuchen, was eigentlich geschehen war. »Es ... es war der Blitz, Meister. Er hat mir Angst gemacht.«

»Der Blitz, hm? Ja, das muss ein ganz schöner Einschlag gewesen sein. Habe noch nie ein Unwetter erlebt, das alle Uhren zum Läuten gebracht hat.« Bodean schüttelte den Kopf. »Blitze. Sie sind fürwahr eines der großen Geheimnisse unseres Herrn.« Er ging zu einem der verschlossenen Schränke und zog einen Schlüsselbund aus einer Nachthemdtasche, um einen kleinen Flachmann aus Zinn und zwei Gläser herauszuholen. »Hört sich an, als könntest du selbst einen kleinen Blitz vertragen, mein Junge.« Goldene Flüssigkeit gluckerte in beide Gläser. »Das hier wird dir beim Einschlafen helfen.«

Hethor hatte noch nie etwas Stärkeres getrunken als Tafelwein. Der Whiskey, oder was immer es sein mochte, reizte ihn nicht. Doch vor ihm stand Meister Bodean und hielt ihm lächelnd das kleine Glas entgegen. Hethor nahm es und schnupperte daran. Der scharfe Geruch nahm ihm fast den Atem.

»Das ist ein echter Blitz«, sagte Meister Bodean mit einem Grinsen, das seine schlechten Zähne zum Vorschein brachte. Er setzte das Glas an die Lippen und leerte es in einem schnellen Zug.

Hethor versuchte es Bodean gleichzutun. Ihm war, als würde er Feuer trinken. Er schaffte es gerade so, den Whiskey bei sich zu behalten, musste jedoch eine Hand über den Mund legen, um nichts davon auszuhusten. Der Whiskey schmeckte so, wie Hethor sich stets den Geschmack von Lampenöl vorgestellt hatte – scheußlich und scharf.

Lachend schlug Meister Bodean seinem Lehrling auf den Rücken, was dessen Husten nur verschlimmerte. »Keine Sorge, Bursche. Morgen früh wird das alles für dich nur ein Traum gewesen sein.«

Hethor wankte zurück in sein Bett. Ihm war heiß, und sein Schädel brummte. Unter seiner Decke wartete er darauf, Schlaf zu finden. Er hörte kaum, wie das Klappern der siderischen Mitternacht den Himmel erfüllte, hörte nicht, wie die Uhren des Hauses zur zwölften Stunde schlugen. Mit belegter Zunge und schwerem Kopf träumte er die ganze Nacht von Schlüsseln und Federn und Uhren mit Zähnen aus Stahl.

***

Mit dem Morgen kamen das Sonnenlicht, Kopfschmerzen und die Erkenntnis, dass er zu spät zum Unterricht an der Lateinschule in New Haven erscheinen würde. Hethor schlüpfte eilig in seine beste Hose und sein zweitbestes Hemd, während er den Kopf freizubekommen versuchte. Obwohl er in der Dachkammer keine Uhr hatte, wusste Hethor stets, wie spät es war; deshalb war ihm klar, dass er es nicht rechtzeitig zu Meister Sullivans Mathematikunterricht schaffen würde. Und da er Meister Sullivan kannte, wusste er obendrein, dass die Tür verschlossen sein würde und er bei Rektor Brownlee um Nachsicht bitten müsste.

Für einen einfachen Lehrling war das nicht ungefährlich. Niemand würde Brownlee maßregeln, wenn er einen Jungen von Hethors niederem Stand von der Schule verwies, selbst wenn er im letzten Jahr war. Hethor hatte es nur dem Wohlwollen Meister Bodeans und dem Rest des Geldes, das sein verstorbener Vater hinterlassen hatte, zu verdanken, dass er die Schule bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr besuchen konnte.

Hethor schlüpfte in seine Cordjacke – ein weiteres, in der Familie Bodean bereits getragenes Kleidungsstück. Er wollte gerade nach unten eilen, die Stiefel zwischen den Fingerspitzen gepackt, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Es war die kleine silberne Feder, die funkelnd auf seinem Schreibpult lag.

Die Erinnerung an die letzte Nacht war wie ein Schlag ins Gesicht: der Engel Gabriel, die Feder, die Uhren, der Schlüssel der Ewigen Bedrohung ...

Pflicht.

Er war nicht verrückt! Er hatte nicht geträumt! Aber er musste erst alles verstehen, bevor er es Meister Bodean oder jemand anderem erklärte.

Hethor ließ die Stiefel fallen, zog sie an, schnappte sich die Feder und trampelte die Treppe hinunter. Die Lateinschule in New Haven lag fünfzehn Gehminuten südöstlich von Meister Bodeans Uhrmacherwerkstatt (»Individuelle Anfertigungen Und Reparaturen Rund Um Die Uhr«). Stattdessen bog Hethor auf die King George III Street ein und dann nach links in Richtung Westen auf die Elm Street, zur Universität Yale, wobei er die weitere Verärgerung Rektor Brownlees in Kauf nahm.

Der Besuch des Engels war zu wirklich gewesen, um ihn zu ignorieren.

***

Meister Bodeans ältester Sohn, Pryce, studierte Theologie an der Berkeley School in Yale. Pryce war von Bodeans drei Söhnen derjenige gewesen, der Hethor seit seinem Einzug in die Dachkammer der Uhrwerkstatt im Alter von elf Jahren am wenigsten gequält hatte, was wohl auch damit zusammenhing, dass er Hethor kaum zur Kenntnis nahm. Bei den wenigen Gelegenheiten, als sie ein paar Worte miteinander gewechselt hatten, war Pryce rücksichtsvoll, wenn auch nicht wirklich freundlich gewesen.

Nun hoffte Hethor, dass der Älteste seines Meisters ihm einen Rat erteilen würde – wenn schon nicht aus christlicher Nächstenliebe, so doch wenigstens aus Loyalität seinem Vater gegenüber.

Pryce verbrachte den größten Teil seiner Studien in Fayerweather Hall, wie Hethor wusste, und er war zuversichtlich, dieses Hochschulgebäude zu finden, sobald er den Campus erreicht hatte. Es war ein schöner Morgen. Die Birken und Ulmen an der Elm Street standen in Blüte, die Blumenbeete erstrahlten in bunten Frühlingsfarben, und die Luft schmeckte nach Mai und kitzelte ihm in der Nase. Das Messingband der Erdumlaufschiene funkelte am wolkenlosen Himmel; vor dem strahlenden Blau erinnerte ihre Wölbung an zwei umgedrehte, golden glänzende Hörner. Es waren so wenige Leute auf den Straßen, dass es Hethor beinahe so vorkam, als gehörte der Tag ihm allein.

Electric-Straßenbahnwagen (Hethor hatte leider nicht das Geld für eine Fahrt) ratterten an ihm vorbei, und vereinzelte Reiter überholten ihn; ansonsten herrschte auf der Straße eine Stille wie am Morgen der Schöpfung. Nicht einmal die Kindermädchen mit ihren Schützlingen waren um diese Zeit unterwegs. Der Morgentau lag noch auf den Blättern und ließ einen schwülen Tag erahnen.

Das Universitätsgelände überraschte Hethor. Da er sich nur in New Haven aufhielt, um hier seine Lehre zu machen, was sieben Tage die Woche in Anspruch nahm, abgesehen von der Schule und dem Kirchengang, hatte er nie Gelegenheit gehabt, sich in der Stadt umzuschauen. Wenn er die Aufträge seines Meisters erledigte, hielt er den Blick gesenkt und sputete sich. Daher kannte Hethor nur wenige, regelmäßig begangene Strecken.

Yale hatte sich mitten ins Herz der Stadt eingeschlichen, als wäre die Universität ein lebenswichtiges Organ. Zuerst waren nur hier und da Gebäude zu sehen – eine Kirche, eine Studentenunterkunft –, die mit unauffälligen Schildern oder dem Universitätswappen gekennzeichnet waren. Dann aber tauchten vor Hethors Augen ausgedehnte Parkanlagen auf, in denen sich große rote Ziegelsteingebäude mit weißen Stuckverzierungen erhoben. Hethors Lateinschule in New Haven war nur eine armselige Kopie dieser ehrwürdigen, Lehre und Forschung geweihten Stätte.

Er entdeckte Fayerweather Hall, als er beinahe gegen einen Wegweiser rannte, auf dem der Weg zum Berkeley Oval ausgeschildert war. Fayerweather war eins von fünf Gebäuden an einer kreisrunden Zufahrt, die direkt von der Elm Street abging.

Hethor packte seinen Buchgurt fester und stieg die abgenutzten Marmorstufen hinauf. Mit ein wenig Glück würde Pryce Bodean sich irgendwo in diesem Gebäude aufhalten. Mit ein wenig mehr Glück würde Pryce sich bereit erklären, mit Hethor zu reden. Und mit noch mehr Glück konnte Hethor vielleicht an seine Schule zurückkehren, ohne vorübergehend suspendiert oder noch härter bestraft zu werden.

***

Der bejahrte Pförtner war beinahe freundlich zu Hethor. Er ließ ihn in einem staubigen Raum warten, der zum größten Teil mit den Reisigbesen vollgestellt war, mit denen man die Bürgersteige fegte. Hethor störte es nicht weiter. Er blickte aus einem der schmutzigen Fenster, das sich in einer merkwürdigen Ausbuchtung der Gebäudefassade befand, und rieb die silberne Feder zwischen seinen Fingern, wobei er darauf achtete, die scharfen Kanten nicht zu berühren.

Auf der Elm Street herrschte nur wenig Verkehr, und es war immer noch ruhig. Innerhalb der Mauern von Fayerweather Hall empfand Hethor beinahe eine Art inneren Frieden.

Beinahe.

Die Tür knarrte, als der Pförtner zurückkam und öffnete. »Mister Bodean erwartet dich im Empfangsraum«, sagte der alte Mann in einem Tonfall, aus dem zu gleichen Teilen Würde und Wichtigtuerei sprachen.

»Vielen Dank.«

Gemeinsam durchquerten sie einen Flur, dessen Glanz die generationenlange Arbeit unzähliger Reinemachfrauen erahnen ließ. Schließlich hielt der Pförtner ihm eine Tür auf, die wohl drei Meter hoch und zwei Meter breit war.

Noch nie hatte jemand Hethor eine Tür aufgehalten.

Im Empfangsraum gab es zwei Tische, an denen zu beiden Seiten Stühle standen. Die Wände verbargen sich hinter Bücherregalen. Hohe, schmale Fenster gaben den Blick auf Bäume frei. Pryce Bodean stand hinter dem zweiten Tisch. Seine Gestalt und seine Gesichtszüge ließen ihn als kleinere, schmächtigere Kopie seines Vaters erkennen. Meister Franklin Bodean hatte ein rötliches Gesicht und dichtes dunkles Haar mit ein paar silbernen Strähnen, doch sein Sohn war blass und grünäugig, und seine sandfarbenen Haare lichteten sich bereits. Die Farbe verdankte er seiner verstorbenen Mutter, Mistress Bodean, die Hethor nur ein Jahr lang gekannt hatte, bevor ein Schlaganfall sie ihrer Sprachfähigkeit beraubte und schließlich ins Grab beförderte.

»Bist du im Auftrag meines Vaters hier?«, fragte Pryce mit seiner klaren, ernsten Stimme, als übte er sich an einer Predigt. »Pförtner Andrew hat so etwas angedeutet.«

»Nein, Sir«, sagte Hethor bescheiden. Er musste vorsichtig sein, sonst würde Pryce ihn kurzerhand hinauswerfen und Meister Bodean eine Nachricht zukommen lassen, dass er sich herumtreibe, anstatt in der Schule zu lernen. »Ich brauche dringend einen Rat.«

»Ein Lehrling erhält seine Unterweisung von seinem Meister.« Pryce legte leichte Verärgerung in seine wohlklingende Stimme. »Sicher kann dir mein Vater bei all den belanglosen Dingen helfen, mit denen dein fauler Kopf sich beschäftigt.«

»Nicht in diesem Fall, Sir.« Hethor merkte, wie die Worte aus ihm herausplatzten, obwohl er sich geschworen hatte, vorsichtig zu sein. Außerdem spürte er, wie seine Abneigung gegenüber den Söhnen Meister Bodeans neuen Auftrieb erhielt. »Es handelt sich um ein ... ein himmlisches Problem.«

»Himmlisch?« Pryce bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. »Ha. Es ist schon schlimm genug, dass du nicht dazu fähig bist, in der Werkstatt meines Vaters zu arbeiten, und jetzt wirst du auch noch anmaßend! Was soll ein einfacher Lehrling denn schon über Göttlichkeit wissen? Bist du in letzter Zeit überhaupt zur Messe gegangen, Bursche?«

»Nicht oft genug, Sir, nein.« Hethor starrte auf seine vom Morgentau feuchten Stiefel. Er versuchte nicht an den Ärger zu denken, den er sich gerade einbrockte, und lenkte sich mit dem Gedanken ab, dass die Stiefel früher vermutlich Pryce gehört hatten. Aber wen sonst konnte er bei einem solchen Problem um Rat fragen?

Pryce seufzte, genauso gekünstelt und übertrieben wie der Klang seiner Stimme. »Gab unser Heiland auf Pilates’ Räderwerk sein Leben für einen wie dich? Den Lehrling eines Uhrmachers, der nicht einmal den einfachsten christlichen Verpflichtungen nachkommen kann und obendrein seine Arbeit vernachlässigt, indem er müßig durch die Stadt spaziert? Ich sollte dich melden, Bursche, aber es würde das törichte alte Herz meines Vaters brechen. Also sag schon, was willst du?«

Hethor überlegte, wie er sich herausreden konnte. Es war offensichtlich, dass Pryce ihn nicht ernst nahm. Doch er kam zu der Überzeugung, sich nun nicht mehr aus dem Gespräch zurückziehen zu können; es war besser, er versuchte es mit der Wahrheit und hoffte darauf, dass Pryce ihn verstand, als sich der Blamage zu stellen, für die der Sohn des Meisters ihn so gerne verantwortlich machen wollte. Hethor legte die silberne Feder auf den Tisch. Ihre scharfen Kanten waren noch dunkel von seinem Blut. »Dies ist ein Beweis, Mister Bodean, für eine ... eine Nachricht, die ich erhalten habe. Es geht um den Schlüssel der Ewigen Bedrohung.«

Pryce streckte die Hand nach der Feder aus und berührte sie mit einem Finger. »Und was genau soll deiner Meinung nach der Schlüssel der Ewigen Bedrohung sein, junger Lehrling Hethor?«, fragte er betont langsam.

Hethor bemerkte, dass Pryce ihn nicht mehr mit jedem Wort beleidigte. »Ich weiß es nicht, Sir«, sagte er leise und betete inständig zu Gabriel und Gott dem Allmächtigen, dass es kein Fehler gewesen war, hierher zu kommen. Würde es ihm nun wie Schuppen von den Augen fallen? Vielleicht war der ernste Tonfall, in dem Hethor seine Frage gestellt hatte, nicht spurlos an Meister Bodeans Ältestem vorübergegangen.

Pryce nahm die Feder auf und starrte Hethor an. Seine grünen Augen schienen eine neue Tiefe zu bekommen, als er innerlich mit seiner Ungeduld und seinen Gedanken zu kämpfen schien. Schließlich sagte er so langsam, als müsse er sich dazu zwingen:

»Es ist eine Legende, du dummer Junge. Albernes Geschwätz von der Südlichen Hemisphäre. Magischer Unfug, so wie das Gerede vom Stein der Weisen oder dem Heiligen Gral. Manche Menschen sehen Gottes Schöpfung vor ihren Augen, erblicken seine Spuren und Zahnräder hoch oben am Himmel und glauben, es müsse eine Möglichkeit geben, den Lauf der Sterne und Planeten zu beeinflussen. Das sind die Menschen, die an Dinge wie den Schlüssel der Ewigen Bedrohung glauben, an uralte Geheimnisse und verlorenes Wissen. Solche Menschen können auf gefährliche Weise unausgeglichen sein. Wer immer dir den Gedanken vom Schlüssel der Ewigen Bedrohung in den Kopf gesetzt hat, ist dir kein Freund gewesen, Hethor. Kein guter Freund.«

»Er hat mir das gegeben«, sagte Hethor, der nicht die Absicht hatte, sich von Pryce seinen persönlichen Augenblick göttlicher Erleuchtung ausreden zu lassen. »Ein Engel kam in der Dunkelheit zu mir, gab mir den Auftrag, nach dem Schlüssel der Ewigen Bedrohung zu suchen, und überreichte mir als Beweis seiner Worte diese Feder. Haben Sie schon einmal etwas Ähnliches gesehen?«

»Hethor, jeder Juwelierlehrling könnte eine solche Feder aus einer schlichten Gussform herstellen. Ich bin sicher, dass sogar du es könntest, hätte mein Vater die notwendigen Werkzeuge in seiner Werkstatt.« Pryce seufzte. »Engel mischen sich nicht in das Leben einfacher Jungen ein, erst recht nicht in das Leben von Königen oder Prinzen, denn diese leben in der Nördlichen Hemisphäre, wirklich und wahrhaftig, während ein Engel nur eine der Metaphern für Gottes Werk im Rahmen Seiner Schöpfung ist.«

»Den Engel gab es wirklich«, beharrte Hethor, der immer noch versuchte, Pryce für seine Ziele zu gewinnen. Doch er war auf der Verliererstraße, das wusste er. Und Pryce hielt die Feder in der Hand. »Egal was Sie sagen, Sir, der Engel war keine Metapher. Er war so echt, wie er nur sein konnte.« Auf gewisse Weise jedenfalls.

Pryce umrundete den Tisch, an dessen Ende Hethor stand, und ging zur Tür des Empfangsraums. »Du solltest dich jetzt lieber darum kümmern, dass es mit deiner Lehre vorangeht, Hethor. Ich lasse Pförtner Andrew eine kurze Mitteilung schreiben, dass du auf meine Anweisung hier gewesen bist. Das sollte dir Ärger ersparen.«

»Meine Feder ...«

»Ich werde sie meinem Vater zurückgeben.« Pryce schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass du sie ihm gestohlen hast, denn so dreist, sie mir dann auch noch zu zeigen, bist nicht einmal du. Aber ein Lehrling hat kein Recht darauf, solche Dinge zu besitzen.«

Die Tür schloss sich vor Hethor.

Trotz seiner sechzehn Jahre trieben ihm Wut und Enttäuschung Tränen in die Augen. Es gab nichts mehr zu sagen oder zu tun. Als Lehrling war er seinem Meister beinahe wie ein Sklave verpflichtet. Sollte Bodean beschließen, Hethor in den Stand eines Gesellen zu erheben, hätte er wesentlich größere Freiheiten und wäre vielleicht sogar auf dem Weg zu wahrer Unabhängigkeit. Doch im Augenblick war er so machtlos wie eine Frau oder ein Kind.

Man hatte ihn gerade wie einen verirrten Rotzbengel des Hauses verwiesen. Und nun hatte er nicht einmal mehr Gabriels kleine Feder, um das Erscheinen des Engels zu beweisen.

Hethor drehte die rechte Hand, um den Schnitt zu betrachten, den die Feder letzte Nacht verursacht hatte. Wo er Schorf oder vielleicht eine blutrote Linie erwartet hatte, war nur noch schwach die schlüsselförmige Narbe zu sehen.

»Bei den Zahnrädern des Himmels«, murmelte er, »was hat das zu bedeuten?«

Pförtner Andrew reichte ihm auf seinem Weg nach draußen einen versiegelten Brief. Hethor schlurfte die Stufen zur Elm Street hinunter und fragte sich, was er Rektor Brownlee erzählen sollte, als er ein Schild entdeckte, das den Weg zur Bibliothek der Theologischen Fakultät wies.

In Bibliotheken gab es Bücher mit Bildtafeln, wie Hethor wusste. Irgendjemand musste im Lauf der Geschichte doch ein Bild von Gabriel gezeichnet haben!

Hethor war zuversichtlich, einen Beweis für seine Geschichte finden zu können. Zumindest einen Beweis für sich selbst.

Immerhin war es eine weitere Möglichkeit, eine Antwort zu erhalten.

***

»Mein Meister schickt mich, um Details auf Gemälden zu finden, die Gabriel zeigen, den Engel der Verkündigung«, sagte Hethor zum Bibliothekspförtner. Er wedelte mit der Mitteilung von Pförtner Andrew, hatte sie aber wohlweislich umgedreht, damit dessen Kollege in der Bibliothek nicht die Handschrift erkannte. Hethor wusste, dass er unbedeutend wirkte – ein schmalbrüstiger Junge mittlerer Größe mit sandfarbenen Haaren. Er sah aus wie etwa die Hälfte aller jungen Männer in New Haven. Nur die Mitteilung als Vorwand schützte ihn.

»Wer, sagtest du, war dein Meister?« Der Bibliothekspförtner war ein junger Mann mit weit auseinanderliegenden Augen und undeutbarer Miene.

»Meister Bodean, der Horologe.«

Der Pförtner starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an, sodass Hethor sich rasch verbesserte: »Uhrmacher. Mein Meister ist Uhrmacher.«

»Horo ... Horo ... warum muss sich denn ein Uhrmacher Bilder ansehen?«

Gute Frage. Der Bibliothekspförtner schien geistig doch nicht ganz so träge zu sein. »Nun ja, zurzeit reparieren wir ein bemaltes Ziffernblatt. Die Bemalung hat ziemlich gelitten. Deshalb will der Meister eine Vorlage, die er dem Künstler für die Restauration an die Hand geben kann.«

Der Pförtner überdachte Hethors Behauptung einen Augenblick. »Also gut, geh hinein und sprich mit Bibliothekarin Childress. Du findest sie an der schwarzen Theke, hinter dem zweiten Bogengang.«

Sie? »Vielen Dank, Sir.«

»Ich bin kein Sir«, murrte der Pförtner mit verletztem Stolz. »Ich arbeite für meinen Lebensunterhalt.«

Hethor grinste, machte eine kurze Verbeugung und eilte in den Bibliothekssaal.

***

Bibliothekarin Childress befand sich tatsächlich hinter dem zweiten Bogengang. Zwei spitz zulaufende Granitgewölbe erhoben sich über einem schwarz-weißen Marmorboden, auf dem stilisierte Darstellungen der zwölf Stationen der Räderung zu sehen waren, eine für jede geschlagene Stunde. Childress saß hinter einer hohen Bibliothekstheke, die der Kathedra eines Priesters ähnelte. Ihr ergrauendes Haar hatte sie so straff zusammengesteckt, dass es ihr auf den Kopf hätte gemalt sein können.

Hethor wusste wenig über Mädchen und schon gar nichts über Frauen, ging aber davon aus, dass Bibliothekarin Childress sogar älter war als Meister Bodean. Ihr Gesicht war runzelig, und kleine Falten lagen um ihre dunkelbraunen Augen. Ihre Lippen waren schmal und fast blutleer. Trotz allem strahlte sie etwas Verlockendes aus. Hätte Hethor sie auf der Straße getroffen, wäre er vielleicht stehen geblieben, um sie heimlich zu betrachten.

»Ich nehme an«, sagte Bibliothekarin Childress, »dass du dir eine phantasievolle Geschichte für den Pförtner ausgedacht hast, um hier hereinzukommen, anstatt wie ein kleiner Dieb einfach durch ein offenes Fenster zu steigen.« Ihr Tonfall war genauso kühl wie ihr Gesichtsausdruck.

»Äh ...« Hethor fühlte sich noch törichter als sonst.

»Die Studenten in Yale sind in der Regel nicht so jung wie du.« Childress schnupperte. »Und nicht einmal unsere Wunderkinder tragen Arbeitsstiefel«, fuhr sie fort. »Vor allem dann nicht, wenn sie so dreckig und abgewetzt sind wie deine. Außerdem trägst du drei Mathematik- und Geometrielehrbücher mit dir. Bücher, die jeder Student hier an der theologischen Fakultät längst hinter sich gelassen hat, sofern er Rationalhumanist ist. Oder die er niemals in die Hand genommen hat, falls er Spiritualist ist.«

»Nein, Madam«, sagte Hethor.

»Wie, nein?« Sie beugte sich vor. »Nein, du bist weder Rationalhumanist noch Spiritualist? Nein, du bist kein Yale-Student? Oder nein, du bist kein kleiner Dieb?«

Hethor wäre am liebsten im Boden versunken oder hätte sich wenigstens davongestohlen. »Nein, ich ...« Er nahm seinen Mut zusammen. »Ich habe eine Frage.«

»Dann frag. Zufällig kann ich einem kühnen jungen Lehrling wie dir ein paar Minuten widmen.«

Hethor hatte das Gefühl, Teil eines Gesprächs zu sein, zu dem er kein einziges Wort beigetragen hatte. »Wie machen Sie das?«

»Mit meinen Augen sehe ich, was vor mir steht und nicht das, was mein Verstand zu sehen erwartet. Also, wie lautet deine Frage?«

»Ich muss mir Bilder anschauen, die den Engel Gabriel zeigen.«

»Erzengel«, verbesserte ihn Bibliothekarin Childress. »Nun, vielleicht solltest du bei den Kunstgeschichtlern vorbeischauen. Das hier ist die theologische Bibliothek.«

»Bitte, Madam. Ich hatte schon ein Riesenglück, es überhaupt bis hierher zu schaffen. Ich glaube nicht, dass ich noch mal kommen darf.«

Bibliothekarin Childress seufzte und verschwand kurz hinter der Theke, bevor sie auf Bodenhöhe wieder erschien. Childress war dünn und klein – sie reichte Hethor nur bis ans Kinn –, wirkte aber größer. Sie trug ein knöchellanges schwarzes Kleid, das kein noch so winziges Detail ihres Körpers verriet. »Komm mit in den Lesesaal, junger Mann«, forderte sie Hethor auf.

»Möchten Sie nicht meinen Namen wissen?«, fragte er und folgte ihr durch eine Doppelflügeltür, die mit Szenen aus dem Leben eines Heiligen verziert war.

»Nein. Weil ich dann behaupten kann, noch nie von dir gehört zu haben. Du ziehst Ärger geradezu magisch an, nicht wahr?«

Sie betraten einen Raum, in dem hohe Bücherregale standen. Am anderen Ende schien das Tageslicht durch drei Fenster. Es roch nach Staub, Papier und Leder – nach Wissen und Studium.

»Nein!«, rief Hethor aus. »Ich meine ... vielleicht. Jetzt. Aber das passiert mir zum ersten Mal.«

Childress lachte. Ihre ernste Stimme klang auf einmal so hell und munter wie ein Bach, der sich seinen Weg durch die Dickichte von Hethors Kindheit bahnte. »Ein Junge auf der Schwelle zum Mannesalter? Du hast noch nie Ärger gehabt? Anscheinend hast du ein sehr behütetes Leben geführt, mein junger Lehrling.«

In diesem Augenblick kam Hethor zu dem Schluss, dass diese Frau wirklich seine Freundin war. Zumindest könnte sie es sein. »Vielleicht, Madam.«

Sie standen vor einem riesigen Tisch, der mit einer Glasplatte abgedeckt war und unter dem sich vergilbte Karten befanden; sie wirkten fast wie uralte Schmetterlinge aus exotischen Ländern. Bibliothekarin Childress klopfte leicht auf die Tischplatte. »Bitte, warte hier.«

Hethor beobachtete, wie sie verschwand. Ihre Lederstiefelabsätze pochten auf dem Marmorboden. Hethor stand einfach da – fünf, dann zehn Minuten –, bis er sich fragte, ob sie zum Bibliothekspförtner oder, noch schlimmer, zur Polizei von New Haven gegangen war. Oder hatte sie ihn einfach nur vergessen? Hatte sie ihn allein gelassen? Nein, sicher nicht. Ihrer raschen Auffassungsgabe und kritischen Art zum Trotz hatte sie ihn mit mehr Würde behandelt, als Pryce Bodean es jemals getan hatte.

Dann kam Bibliothekarin Childress zurück, wobei sie einen kleinen Wagen vor sich her schob, auf dem mehrere große, in Leder verschiedener Farben gebundene Bände lagen.

»Kunst«, stellte sie fest, »die so rechtschaffen ist, dass sie zwischen Buchdeckel gepresst und vor den Menschen draußen verborgen werden muss.«

Das erste Buch knallte mit einem dumpfen Laut auf den Tisch. Hethor las den Titel, Religiöse Bilder dieses Englischen Jahrhunderts, bevor Bibliothekarin Childress den Band aufschlug.

»Schau sie dir an«, sagte sie und griff nach dem nächsten Buch. »Du kannst doch lesen? Diese Schulbücher gehören doch nicht etwa jemand anderem, und du trägst sie nur zur Tarnung?«

»Oh, ich kann lesen, Madam. Englisch, Latein und ein wenig Französisch. Ein paar chinesische Zeichen kann ich auch entziffern.«

»Alle bedeutenden Sprachen der Nördlichen Hemisphäre. Ein wirklich fleißiger Lehrling.« Hethor hatte den Eindruck, dass Bibliothekarin Childress sein Wissen aufrichtig zu schätzen wusste. Das nächste Buch landete mit einem weiteren dumpfen Knall neben ihm. »Und hier sind die Italiener.«

Hethor begann das erste Buch durchzublättern, die englischen Maler. Es war voller Gemälde, die Menschen, Tiere und Engel zeigten, die meisten als Kupferstiche, von denen einige mit verschiedenen Farben nachkoloriert worden waren, um die ursprünglichen, in Öl oder Wasserfarbe gemalten Bilder nachzuahmen.

»Das ist er!«, rief Hethor unvermittelt aus und zeigte auf das Bild eines Engels, der sich über einen Rosenbusch beugte, um mit der Jungfrau Maria zu reden. Im Hintergrund zeichneten sich die Messingschienen der Erde deutlich vor einem blauen Himmel ab.

»Pssst«, machte Bibliothekarin Childress. »Das hier ist eine Bibliothek. Was schaust du dir an?«

»Dante Gabriel Rossetti.« Selbst der Name war offenbar von Bedeutung, auch wenn er in einem Buch über englische Maler fehl am Platze zu sein schien. »Dieser Engel ...«

»Erzengel. Was ist mit ihm?« Ihre Stimme klang freundlich.

Hethor hatte Pryce das Geheimnis bereits verraten. Es machte wenig Sinn, es nun vor Bibliothekarin Childress geheim zu halten, zumal sie vielleicht genügend wusste, um ihm weiterzuhelfen. »Gabriel ist mir erschienen«, lautete seine klägliche Antwort. »Letzte Nacht.«

Sie hob ihre Hand, um seine Wange zu streicheln. »Du armer, armer Junge. Was, in der Nördlichen Hemisphäre, wollte er von dir?«

Sie stellte die Frage auf eine Art, die Hethor jede Verschwiegenheit vergessen ließ. »Den Schlüssel der Ewigen Bedrohung«, antwortete er. »Ich soll den Schlüssel der Ewigen Bedrohung finden! Die Uhr der Welt geht falsch, und ich wurde auserwählt, das in Ordnung zu bringen.« Ihm blieb fast der Atem weg.

Bibliothekarin Childress schlug die Hand auf den Mund und sah ihn erschrocken an. »Grundgütiger! Solch eine Verantwortung! Woher wusstest du denn, dass es der Erzengel Gabriel war?«

Hethor war erleichtert, dass sie nicht lachte oder ihn für verrückt erklärte. »Er hat es mir gesagt.« Er wies mit einem Kopfnicken auf den Kupferstich. »Ich habe diesen Engel gesehen.«

Bibliothekarin Childress zog sich das Buch mit den italienischen Künstlern heran und blätterte es durch. »Es gibt noch mehr Darstellungen von Gabriel. Schauen wir uns noch ein paar an.« Sie überflog weitere Seiten; dann blickte sie zu Hethor auf. »Ich glaube dir deine Geschichte, aber deine Erinnerungen könnten dich trügen. Möglicherweise entsprechen sie nicht der Wahrheit. Der Schlüssel der Ewigen Bedrohung ist eine Legende, und zwar in mehrerer Hinsicht.«

»Nein, es ist die Wahrheit«, sagte Hethor. »Was geschehen ist, meine ich. Gabriel hat mir eine silberne Feder überreicht.«

»Wo ist diese Feder jetzt?«

»Pryce Bodean hat sie mir abgenommen. Er sagte, ich hätte es nicht verdient, sie zu besitzen, und hat mich praktisch beschuldigt, sie gestohlen zu haben.«

Bibliothekarin Childress schaute ausgiebig auf Hethors Stiefel hinunter, und die Bedeutung ihres Blickes war kaum misszuverstehen. »Niemand würde ihm einen Vorwurf machen, wenn er sich fragt, warum ein Lehrling Silber bei sich trägt – vor allem, wenn man ein Rationalhumanist wie Mister Bodean ist. Bei seiner Suche nach einer schonungslosen Wahrheit entgeht ihm nicht viel.«

»Was soll ich denn jetzt machen? Ich muss mir doch über meine Aufgabe im Klaren sein.«

»Wenn das alles stimmt, brauchst du Hilfe.« Bibliothekarin Childress hielt inne und betrachtete Hethor nachdenklich, während ihre Hand auf dem Buch über italienische Künstler lag. Sie wirkte wie ein Gemüsehändler, der dem Gewicht der letzten Fuhre Kohl misstraut. »Aber wenn es nicht stimmt, was du sagst, oder wenn du nur ein Dummkopf bist, der sich ein Fieber eingefangen hat, oder ein Narr mit lebhafter Phantasie, wäre ich verrückt, dir meine Hilfe anzubieten.«

Hethor war sich irgendwie sicher, dass die Frau etwas wusste. Dass sie wusste, was er zu tun hatte. Wie konnte er sie davon überzeugen, dass es der Wahrheit entsprach, was er erlebt hatte?

Die Narbe. Natürlich. Er öffnete die rechte Hand und hielt sie ihr hin. »Diese Narbe stammt von der Feder. Ihre Kanten waren messerscharf.«

Bibliothekarin Childress ergriff Hethors Hand an den Fingern und betrachtete die Narbe. »Sie ist alt und hat die Form eines Schlüssels.«

»Sie ist über Nacht verheilt. Und warum sie die Form eines Schlüssels angenommen hat, weiß ich nicht.« Hethor kam sich wie ein Narr vor, versuchte es aber weiterhin. »Es ist ein Zeichen, Madam. Ein Wunder, das ich verstehen muss.«

»Vielleicht ist es eine Erinnerung?« Sie lächelte ihn an, und zum ersten Mal wirkte ihr Lächeln aufrichtig. »Hör zu, mein Junge. Der Vizekönig Ihrer Majestät in Boston hat einen Hofmystiker, ein Mann namens William of Ghent, der sich selbst als Hexenmeister bezeichnet. Es besteht die Möglichkeit, dass du ihn von der Wahrhaftigkeit deiner Erscheinung überzeugen kannst. Wenn William dir glaubt, werden der Vizekönig und sein Hofstaat dir vielleicht helfen oder dir zumindest Rat erteilen.«

Hethor entzog ihr seine Hand und ballte sie zur Faust. »Glauben Sie mir?«

»Ich glaube, dass du die Wahrheit sprichst, so wie du sie siehst«, antwortete Bibliothekarin Childress vorsichtig.

»Aber Sie wollen die Silberfeder sehen. Als Beweis.«

Sie nickte. »Als Beweis. Auch William wird das wollen. Wenn er die Feder nicht untersuchen oder analysieren kann, ist deine Narbe zwar interessant, aber mehr auch nicht.«

»Ich weiß nicht, wie ich die Feder von Pryce Bodean zurückholen soll.«

»Ich aber.« Bibliothekarin Childress lächelte. »Überlass das mir.«

***

Als Hethor mit Childress im Belegschaftsraum der Bibliothek der theologischen Fakultät eine leichte mittägliche Mahlzeit zu sich nahm – Gurken-Sandwiches und Tee –, wurde ihm klar, dass er unwiderruflich einen ganzen Tag an der Lateinschule in New Haven verloren hatte. Aber es machte ihm gar nicht so viel aus: Gabriels Nachricht schien ihm mit jeder Stunde wirklicher zu werden, obwohl er nicht einmal mehr die Feder besaß. Vielleicht aber war genau das der Grund dafür, denn Hethor wurde sich bewusst, dass sein Glaube allein hätte ausreichen sollen – und nun schämte er sich dafür, um ein Zeichen gebeten zu haben.

»Wie kommt es«, fragte er mit vollem Mund, dem weißes Brot gänzlich unbekannt war, »dass Sie hier arbeiten? Ich dachte immer, nur Männer dürften nach Yale.«

Bibliothekarin Childress warf ihm einen unzufriedenen Blick zu, der aber rasch wieder verschwand. »Gott schuf die Frauen, um Kinder zu gebären. Das kannst du jeden Mann fragen. Intelligente Frauen gibt es nur, um intelligente Söhne zu zeugen. Ansonsten haben sie den Mund zu halten. Sagen wir einfach, dass ich kein Interesse daran hatte, intelligente Söhne in die Welt zu setzen.«

»Aber wie haben Sie ...«

»Lass uns davon ausgehen, dass auch deine Mutter kein Interesse daran gehabt hat, intelligente Söhne zu bekommen.«

Hethor verstummte und kaute auf Gurke und hellem Brot. Nach ein paar Augenblicken schluckte er den Bissen hinunter und sagte: »Ich bitte um Entschuldigung, Madam.«

Sie überraschte ihn, als sie antwortete: »Entschuldigung angenommen.«

Eine kleine Silberglocke über der Tür klingelte. Hethor sah auf und entdeckte mehrere Glockenreihen, die durch Ketten, die in der Wand verschwanden, zum Läuten gebracht wurden.

»Sie sind gestimmt«, sagte Bibliothekarin Childress. »Jeder Ton hat seine eigene Bedeutung. Folge mir bitte.«

Sie führte ihn in den Lesesaal zurück und deutete auf eine Leiter, die an den höchsten Regalen vorbei auf einer Schiene lief. »Siehst du die Nische da oben? Klettere hinein und bleib reglos wie eine Statue. Wenn du dich an die Holzvertäfelung hinter dir lehnst, wird dich von hier unten niemand sehen.«

Hethor kletterte hinauf und spürte, wie eine ungewohnte Aufregung Besitz von ihm ergriff. Staub bedeckte die Nische, und hier und da lagen Mäusekot und Holzsplitter. Es roch nach Schimmel. Irgendwie war die Anwesenheit von Mäusen in Yale beruhigend; zugleich machte Hethor sich Sorgen, wie nahe die kleinen Nager all den kostbaren Büchern waren.

Er lehnte sich zurück und konnte gegenüber nur ein Regal sehen sowie ein paar Fenster zu seiner Rechten, durch die die nachmittäglichen Sonnenstrahlen fielen. Einen Moment später knarrte eine Tür. Hatte Bibliothekarin Childress sie geschlossen, als sie den Raum verlassen hatte und er hinaufgeklettert war?

Dann aber schallte die Stimme der Bibliothekarin zu ihm herauf. Sie klang sehr förmlich. »Vielen Dank, dass Sie sich so kurzfristig Zeit für mich genommen haben, Mister Bodean.«

»Es ist mir ein Vergnügen, Madam.« Hethor bemerkte mit einer gewissen Schadenfreude, dass Pryce gegenüber Mrs. Childress weniger selbstbewusst und überheblich klang, als es bei ihm der Fall gewesen war. »Äh ... Ihre Mitteilung deutete an, dass Sie im Auftrag von Dekan Holliday sprechen?«

»In der Tat. Er hat Gerüchte über eine Reihe von ... nun, nennen wir sie ›Erscheinungen in New Haven‹ untersuchen lassen. Mir wurden verschiedene Aufgaben übertragen, die das Büro des Dekans vor kleingeistigen Anschuldigungen bewahren sollen.«

»Anschuldigungen, die wir Rationalhumanisten vorbringen könnten?« Pryces Stimme troff nur so vor gespielter Fröhlichkeit.

»So ist es.« Childress hielt kurz inne, vielleicht aus Diskretion. »Ich habe gehört, dass heute etwas von möglicherweise großer Bedeutung von einem Handwerker an Sie übergeben wurde. Eine Art kleiner ... Gegenstand.«

Hethor war entsetzt, wie Bibliothekarin Childress’ Stimme von ihrer normalerweise scharfzüngigen Präzision zu jener Art lautstarker Prahlerei wechselte, die für Studenten so typisch war. Hethor fragte sich, ob Pryce bemerkte, dass sie sich über ihn lustig machte.

»Tut mir leid, ich weiß wirklich nicht, was ...«

Childress schnitt Pryce barsch das Wort ab und setzte diesmal ihre scharfsinnige Bibliothekarstimme ein. »Was Sie nicht wissen, würde diesen Raum sprengen, Mister Bodean, aber tun Sie uns beiden den Gefallen, kein Unwissen in der Sache vorzutäuschen, die ich angesprochen habe. Meine Informationen sind verlässlich und wesentlich umfassender als Ihre. Ich muss diesen Gegenstand untersuchen. Wenn er sich in Ihrem Besitz befindet, werde ich ihn anschließend gerne an Sie zurückgeben.«

»Ich bin tatsächlich im Besitz eines solchen ... ähem, Gegenstands«, sagte Pryce. Er klang wütend. »Er ge-gehört meinem Vater, Meister Bodean, dem Uhrmacher. Ich war gerade dabei, ihn zurückzugeben.«

Hethor klangen die Ohren. Schamesröte stieg ihm ins Gesicht. Pryce hatte Bibliothekarin Childress soeben erklärt, dass er ein Dieb sei – die Sorte Lehrling, die ihren Meister beraubte. Hethor wollte seine Unschuld beteuern, aus der Nische herunterspringen und seine Ehre verteidigen. Aber wenn er dabei erwischt wurde, wie er sich in der Dunkelheit versteckt hielt, um Gespräche zu belauschen, würde dies nur die schlechte Meinung bestätigen, die Pryce Bodean schon immer von ihm gehabt hatte.

»In diesem Fall«, sagte Bibliothekarin Childress, »werde ich dafür sorgen, dass der Gegenstand nach der Untersuchung mit einer umfassenden Erklärung an diesen Handwerker zurückgegeben wird.«

»Das wird nicht ...« Pryce hielt inne. Hethor hörte, wie er tief durchatmete. »Selbstverständlich, Madam. Und da dies auch Dekan Holliday von Nutzen ist, werde ich keinen weiteren Einspruch erheben.« Ein leises Klirren war zu hören, als ein kleiner metallischer Gegenstand auf eine Glasoberfläche gelegt wurde. Dann wurde rumpelnd ein Stuhl zurückgeschoben. »Ich gehe davon aus, dass ich – oder besser, mein Vater – den Gegenstand bald zurückerhält. Wenn das alles ist, würde ich mich jetzt gerne von Ihnen verabschieden.«

»Guten Tag, Mister Bodean. Ihr Entgegenkommen wird mit Dankbarkeit aufgenommen.«

»Das hoffe ich auch.«

Eine Tür fiel ins Schloss. Hethor verharrte regungslos in der Nische und hörte, wie Bibliothekarin Childress leise vor sich hin summte. Ungefähr eine Minute später wurde zweimal leise an die Tür des Lesesaals geklopft, aber niemand kam herein.

»Du kannst jetzt runterkommen«, sagte die Bibliothekarin. »Er ist fort.«

Hethor blieb kurz stehen, um sich den Staub abzuklopfen, bevor er auf die Leiter trat und hinunterstieg. Sobald seine Füße den Boden berührten, ging er zum Tisch.

Die silberne Feder lag vor ihm. An ihren Kanten klebte immer noch sein Blut.

»Libra Malachi«, sagte Childress. »Und setz dich bitte.«

»Das Buch Maleachi?«, übersetzte Hethor, als er sich mit einem kratzenden Geräusch einen Stuhl heranzog.

»Es wäre wohl korrekter, es als das Buch der Boten zu bezeichnen, im Sinne von Engel. Es stammt vom hebräischen Wort mal’ach, himmlischer Bote.«

»Gabriel«, sagte Hethor.

»Genau.« Bibliothekarin Childress zog zwar ein grimmiges Gesicht, doch an einem Mundwinkel zeigte sich die Spur eines Lächelns. Ihre Fingerspitzen zeichneten das Muster der Räderung auf ihrer Brust nach. »Der himmlische Bote, der Maria das Kommen unseres Messing-Christus überbrachte.«

»Und was hat das mit dem Buch zu tun?«

»Ich müsste die genauen Zeitangaben überprüfen, aber im Libra Malachi steht, dass es sich bei der Silberfeder um ein Zeichen handelt, das schon in früheren Zeiten erschienen ist. Die Feder wurde zahlreichen Generälen, Heiligen und Königen an entscheidenden Wendepunkten der Geschichte überreicht. In neuerer Zeit – und damit lange, nachdem dieses Buch geschrieben worden war – erhielt Lord Raglan die Feder an der Krim, kurz bevor er den Angriff der Leichten Brigade auf die chinesische Artillerie befahl. Von einem Engel, der sich als Michael ausgab.«

»Ausgab?«, fragte Hethor, den Childress’ Wortwahl verwirrte.

Die Bibliothekarin lächelte. »Du hättest Student werden sollen. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Dir wurde eine Aufgabe übertragen. Oder zumindest eine Gelegenheit verschafft. Was du daraus machst, liegt ganz allein bei dir.«

»Glauben Sie mir denn?«

»Ich habe dir von Anfang an geglaubt«, sagte Childress. »Genug, um stellvertretend für dich die Konfrontation mit dem Sohn deines Meisters zu suchen. Andere könnten dir dank dieser Feder Glauben schenken. Einige wenige können die Muster erkennen, die der Schöpfung zugrunde liegen. Jemand wie William of Ghent zum Beispiel, der nach einer kurzen Untersuchung sofort wüsste, dass diese Feder von einem Engel stammt. Es gibt nicht nur südlich der Äquatorialmauer Magie.«

Hethor starrte auf den Tisch. Er wünschte sich, die Welt wäre einfacher und verständlicher. Doch seine Wünsche konnten die Taten Gottes oder Seiner Engel nicht beeinflussen. »Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich auf der Suche nach Wissen war«, sagte er langsam. »Weil ich mithilfe von Büchern herausfinden wollte, was wirklich geschehen ist.« Er sah auf und erwiderte den Blick der Bibliothekarin, die ihn mit glänzenden dunklen Augen betrachtete. »Ich werde Ihrem Ratschlag folgen, diese Feder an mich nehmen und nach Boston gehen, um den Hof des Vizekönigs aufzusuchen und William of Ghent zu finden. Aber zuerst muss ich meinen Meister um Erlaubnis bitten, diese Reise unternehmen zu dürfen.« Hethor hatte schon eine Ahnung, wie Meister Bodeans Antwort ausfiel.

»Und wenn dein Meister dir die Erlaubnis versagt?«

Hethor rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. »Ich bin ihm als Geselle verpflichtet. Wenn er es mir verbietet ... nun. Zwar besitzt er meinen Körper nicht, wohl aber meine Zeit, meine Arbeitskraft und den Wert, den meine Ausbildung mir verschafft hat. Den Meister unerlaubt zu verlassen – und sei es nur, um hierher zu kommen –, ist eine Art Diebstahl. Das bringt mir vermutlich die Peitsche ein.«

»Der Schlüssel der Ewigen Bedrohung mag eine Legende sein«, warnte ihn Bibliothekarin Childress, »aber wenn die alten Geschichten stimmen, sind die im Schlüssel verborgenen Geheimnisse der Zugang zum wahren Kern unserer Welt.«

»Deshalb werde ich die Peitsche riskieren.«

Childress musterte ihn einen Augenblick lang. »Wir sind nur für unsere eigenen Seelen verantwortlich, mein Freund.«

»Vor Gott«, sagte Hethor. Er schlug das Zeichen der Räderung – ein Reflex, den er sich vor langer Zeit angewöhnt hatte und heute kaum noch bemerkte.

»So ist es. Vor Gott und unserem Gewissen. Welches von beiden uns strenger richtet, wirst nur du wissen. Aber ... ich werde für dich beten, und mit mir alle Bibliothekare der Nördlichen Welt.«

Hethor stand auf, nahm die Feder aus Childress’ Hand und verbeugte sich vor ihr. »Vielen Dank, Madam. Sie haben mir dabei geholfen, einiges von dem zu verstehen, was mir Sorgen bereitet.«

Auch die Bibliothekarin erhob sich. »Hör zu. Es mag Menschen geben, die dir helfen werden. Menschen, denen diese Dinge wichtig sind. Ich werde sie benachrichtigen. Wenn du glaubst, bei ihnen zu sein, frag sie nach dem Albino-Tukan.« Sie berührte ihn am Ellbogen und umarmte ihn dann. Ihre grauen Haare schmeichelten sein Kinn. Es war das erste Mal seit seinem elften Lebensjahr, dass Hethor berührt wurde, nicht um weggezerrt oder geschlagen zu werden, sondern einfach nur um der Berührung willen. Zum zweiten Mal an diesem Tag stiegen ihm Tränen in die Augen, brannten auf seiner Wange und ließen sein Gesicht rot anlaufen.

Dann riss er sich zusammen und schritt am Bibliothekspförtner vorbei in den Nachmittag New Havens. Als er nach links auf die Elm Street abbog, um zu Meister Bodeans Werkstatt zurückzukehren, glaubte er, Faubus Bodean zu sehen, Pryces groß gewachsenen, jüngeren Bruder. Aber Faubus studierte nicht Theologie, sondern Architektur.

Die Silberfeder brannte in Hethors Hand. An diesem Nachmittag waren die Straßen sehr belebt, und eine leichte Brise wehte unter einem perfekten Frühlingshimmel. Hethor ging nach Hause, und für kurze Zeit vergaß er Engel und Schlüssel und Albino-Tukane, sogar den Willen Gottes.

***

Als Hethor die King George Street erreichte, gingen auf der anderen Straßenseite zwei Polizisten vorbei. Ihr Anblick machte ihn nervös, denn sie erinnerten ihn daran, dass er die Verpflichtungen gegenüber seinem Lehrherrn missachtet hatte. Als er sich Bodeans Uhrmacherei näherte, fiel ihm ein Pferd auf, das vor dem Laden angebunden war und neben einem Taxameter-Cabriolet stand – eine dieser neuen electrischen, pferdelosen Kutschen, die seit Kurzem durch New Havens Straßen fuhren.

Kunden?

Oder Ärger?

Egal was es war, Hethor schuldete Meister Bodean eine Erklärung für seine heutige Abwesenheit. Außerdem hoffte er auf Bodeans Segen für seine Fahrt nach Boston. Er versuchte nicht daran zu denken, wie unmöglich sich die Geschichte für den Meister anhören würde, würde jemand anders sie ihm erzählen.

Fast wäre Hethor nach hinten zum Pferdestall gegangen, aber als er das Pferd und das Cabriolet vor der Uhrwerkstatt betrachtete, beschloss er, den Vordereingang zu benutzen. Der Fahrer des Cabriolets nickte ihm kurz zu und tippte an seinen Hut. Ermutigt legte Hethor die Hand auf die Klinke und betrat Meister Bodeans Verkaufsraum ...

... wo Faubus Bodean ihn so fest am Kragen packte, dass der alte Cordstoff unter seinen Fingern riss. Bodeans Sohn rammte Hethor gegen die Ladentür, dass sie mit lautem Krachen gegen das Holz stieß. Der Aufprall raubte ihm den Atem. Faubus riss ihn am Kragen hoch, bis Hethor gezwungen war, sich auf die Zehenspitzen zu stellen, die in den zu engen Stiefeln ohnehin schmerzhaft nach unten gebogen waren.

»Dieb«, zischte Faubus, dessen heißer, ein wenig nach Bier stinkender Atem auf Hethors Gesicht brannte. Dann blickte Faubus über die Schulter. »Vater«, sagte er, »der Verräter der Familie ist da.«

Hethor spähte über Faubus’ Schulter und erkannte Meister Franklin Bodean und Mister Pryce Bodean, Vater und Sohn, die seinen Blick erwiderten. Meister Bodean wirkte besorgt, während Pryces Gesichtsausdruck unaufhörlich zwischen unterdrückter Schadenfreude und bedauerndem Mitleid zu wechseln schien.

»Nun, Junge«, sagte Meister Bodean, »wie war heute die Schule? Du kommst ein wenig spät zurück.«

So vertraut diese Frage auch war, in dieser Situation wirkte sie unheimlich. Hethor schluckte schwer und rang nach Luft, weil Faubus ihn immer noch am Kragen in die Höhe zerrte. »Ich bin ... überhaupt nicht ... hingegangen ... Sir.«

»Aha, und das ist noch nicht mal gelogen«, sagte Bodean.

»Das nicht«, murmelte Faubus und funkelte Hethor aus wütenden Augen an.

»Nein, Sir ... Ich ... lüge nicht.«

»Und du bist ohne Erlaubnis nach Yale gegangen.«

»Ja ...«

»Um meinen Sohn zu sprechen.«

Hethor nickte und rang verzweifelt nach Luft.

»Dann heraus damit.«

Faubus ließ Hethor zu Boden fallen; dann schlug er ihn. »Du hast gehört, was Vater gesagt hat. Wo ist sie?«

Hethor rieb sich den Hals. »Was?«

»Die silberne Feder, die du meinem Sohn gestohlen hast«, sagte Meister Bodean.

»Was?« Wieder lief Hethors Gesicht hochrot an, und sein Kopf hämmerte und pochte, als wollte er jeden Moment explodieren. »Das ist meine Feder, und das weiß er!«

»Siehst du?«, sagte Pryce leise zu seinem Vater. »Ich habe dir ja gesagt, dass er verrückt ist.«

»Wie bist du an diese Feder gekommen?«, fragte Meister Bodean.

»Ich ...« Hethor wusste einen Moment nicht, was er sagen sollte; dann nahm er seinen Mut zusammen. »Der Erzengel Gabriel gab sie mir letzte Nacht. Bevor sämtliche Uhren zu schlagen begannen.«

Pryce und Faubus lachten, doch Meister Bodean wirkte einfach nur traurig. »Und du hast nicht daran gedacht, mir von dieser wundersamen Erscheinung zu berichten?«

Hethor starrte auf seine Stiefel. »Nein, habe ich nicht.«

»Ich werde dir diese Geschichte nicht abkaufen, Hethor. Ich kann mir nicht vorstellen, was dich dazu gebracht hat, meinen Sohn zu bestehlen, wo du doch ein so guter Lehrling bist. Aber himmlische Engel, die mit beiden Händen Schmuck verteilen, gehören ganz bestimmt nicht dazu.«

»So war es doch gar nicht!« Wieder brannten heiße Tränen auf Hethors Wangen. Sie waren seinem Stolz geschuldet und füllten seinen Kopf mit feurigem Rotz. »Er hat ihn mir weggenommen, und die Bibliothekarin hat ihn ...«

Hethor verstummte, doch Faubus verlangte nach einem weiteren Hieb: »Raus damit, Dieb, oder ich werde auf der Suche nach dem Ring deine Klamotten aufschlitzen, und dich gleich mit.«

»Sie kann es bezeugen«, widersprach ihm Hethor.

»Eine Frau«, lachte Pryce. »Und Sekretärin? Kein vernünftiger Mann würde bei einer solch wichtigen Angelegenheit ihrem Wort Glauben schenken. Ihr habt gemeinsame Sache gemacht, ist es nicht so?«

Hethor versuchte es ein letztes Mal und blickte Meister Bodean flehend an. »Ich sage die Wahrheit ...«

Faubus schlug ihn erneut und drehte ihm den rechten Arm auf den Rücken. »Rück die Feder raus, wenn du sie hast«, zischte sein Peiniger, »oder es wird dir wirklich leid tun.«

Zitternd holte Hethor mit der freien Hand die Feder aus seiner Hosentasche.

Faubus nahm sie ihm ab. »Hier ist sie, Vater, der Beweis für den Diebstahl.« Er zeigte Meister Bodean die Feder. »Soll ich die Polizei rufen, damit sie diesen Schurken ins Gefängnis wirft?«

»Nein«, antwortete Meister Bodean bedächtig, schaute Pryce an und sah das Funkeln in dessen Augen. »Ich werde den Burschen hinauswerfen. Das ist Strafe genug. Ihr zwei macht, dass ihr rauskommt.«

»Vater ...« Pryce berührte den alten Mann am Arm. »Bist du sicher?«

»Der Junge ist verzweifelt.« Faubus warf Hethor einen weiteren wütenden Blick zu. »Er ist zu allem fähig.«

»Er wird keine Stunde mehr hier sein«, sagte Meister Bodean. »Und das ohne Kampf, nicht wahr, Junge?«

Hethor nickte unglücklich und zitterte am ganzen Körper vor Wut und Scham.

»Raus mit euch beiden«, blaffte Meister Bodean.

Seine Söhne verließen den Verkaufsraum – Pryce mit breitem Grinsen, während Faubus Hethor so heftig zur Seite stieß, dass er fast zu Boden stürzte. Draußen legte das Taxameter-Cabriolet einen Gang ein und huschte davon, kurz darauf gefolgt von Hufgeklapper.

Hethor starrte Meister Bodean an, der seinen Blick erwiderte. Sie standen schweigend da, umgeben vom Ticken der Uhren, eine endlose mechanische Welle, die an eine Messingküste brandete.

»Es hätte dir eine Menge Ärger erspart, hättest du mir die Feder gestern Nacht gezeigt«, sagte Meister Bodean schließlich leise. »Ich bin zu alt, um noch einen Lehrling auszubilden.«

»Es war nicht seine ...«, setzte Hethor an, doch Meister Bodean hob Schweigen gebietend die Hand.

»Ich weiß, dass Pryces Behauptung nicht stimmt. Die ganze Wahrheit kenne ich nicht, aber das ist auch nicht wichtig, Junge. Mein Sohn ist ein gelehrter Mann, der bald zum Priester geweiht wird. Außerdem gehört er zur Familie. Aus diesen beiden Gründen muss ich seinem Wort mehr Glauben schenken als deinem. Selbst wenn irgendeine Bibliothekarin gegen ihn aussagt. Hätte er mich direkt darauf angesprochen, ohne Faubus hineinzuziehen, hätte ich die Wahrheit schon aus ihm herausbekommen. Aber ich kann meinen Ältesten nicht vor seinem Bruder als Lügner entlarven. Selbst wenn ich weiß, dass er lügt.«

»Und was ist mit mir?«, schrie Hethor. »Ich bin kein Lügner. Der Engel ist zu mir gekommen, mit einer Nachricht, und er hat mir diese Feder als Zeichen hinterlassen. Ohne dieses Zeichen wird niemand der Nachricht vertrauen.«

Meister Bodean wirkte noch trauriger. »Du sprichst von Vertrauen? Du, der mir nicht genug vertraut hat, um mir von dieser wunderbaren Botschaft zu erzählen? Ganz zu schweigen von dem Zeichen?«

»Ich ... ich habe die Botschaft nicht verstanden.« Hethor starrte wieder auf seine Füße. »Ich verstehe sie immer noch nicht. Aber wenn ich mehr darüber gewusst hätte, wäre ich nach Hause gekommen und hätte Sie um Erlaubnis gebeten, nach Boston gehen und den Vizekönig aufsuchen zu dürfen.«

»Dein Wunsch wird dir gewährt, Junge«, sagte Meister Bodean. »Du brauchst keine Erlaubnis mehr. Ich werde dich nicht auspeitschen lassen. Dein Vater hat für alles bezahlt.«

»Ich muss nach oben gehen und ...«, begann Hethor, doch Bodean unterbrach ihn.

»Ich will dich nicht mehr in meinem Haus sehen. Da oben findest du nichts, das nicht ohnehin mir gehört. Weil ich ein großzügiger Mann bin, darfst du die Sachen behalten, die du am Leib trägst, obwohl ich mir von Pryce deswegen einiges werde anhören müssen.«

»Oh.« Hethor kam sich dumm vor. Er stellte die Bücher ab.

»Hör zu, Junge«, sagte Bodean noch leiser und schlurfte durchs Zimmer auf Hethor zu. Er wirkte älter als je zuvor. »Wenn du ein ordentlicher Geselle geworden wärst und dich vernünftig angestellt hättest – und wir wissen beide, du hättest es gekonnt –, hättest du diesen Laden als Meister übernehmen können, wenn ich meine Arbeit einst niederlege. Jetzt werden meine Söhne das Geschäft bekommen, und sie können es nach Belieben vermieten oder verkaufen. Mein Geld wird dann ihnen gehören und nicht dir, verstehst du? Es gibt viele Gründe für alle Dinge, die auf der Welt geschehen. Du hast dich nie gefragt, warum ich dich nicht nach Yale geschickt habe, nicht wahr? Einer der Gründe war, dich vor dieser Habgier zu schützen.«

Er umarmte Hethor, der wie angewurzelt dastand, um dieser Geste der Zuneigung zu widerstehen.

Bodean flüsterte ihm ins Ohr: »Bring deine Nachricht nach Boston, und möge Gott mit dir sein. Was ich dir in die Jackentasche gesteckt habe, ist der Rest vom Geld deines Vaters. Du musst jetzt gehen. Ich bin mir sicher, dass meine Söhne jemanden darauf angesetzt haben, den Laden zu überwachen.«

Ohne ein weiteres Wort drehte Hethor sich um und verließ das Geschäft. Er zog die Jacke straffer, stapfte die King George III Street entlang in Richtung Norden und bog in die Landstraße nach Boston ab. Mit dem Geld in seiner Tasche konnte er sich vielleicht eine Zugfahrt leisten oder wenigstens einen Platz in einer Kutsche.

Zwei Querstraßen weiter trat Faubus unvermittelt aus einer Gasse hervor, begleitet von zwei Schlägern, die Hethor ein Bein stellten, sodass er auf den steinernen Bürgersteig stürzte. Faubus durchsuchte seine Taschen und fand eine Geldrolle, die mit einer Kordel zusammengebunden war. »Pryce hatte recht. Du bist ein Dieb! Stiehlst einem alten Mann sein Geld, wenn du sein Haus verlässt!«, zischte er. »Wenn ich dich noch ein einziges Mal sehe, bringe ich dich um.« Er trat Hethor in die Rippen und ließ ihn achtlos liegen.

Lange Zeit lag Hethor einfach nur da und zählte die Kopfsteine. Schließlich kniete sich eine junge Frau in der Uniform der Heilsarmee neben ihn und fragte, ob er Hilfe brauche.

»Nein, Madam«, sagte er und rappelte sich auf. »Ich muss nach Boston.«

»Da lässt du dir aber reichlich Zeit, wenn du auf dem Bürgersteig liegst«, sagte sie mit einem schwachen, aber hübschen Lächeln.

»Es wird ein langer Weg, mit Gottes Gnade.« Hethor dachte über göttliche Wunder nach, als er humpelnd der Dämmerung entgegenschritt. Hoch über ihm zeichnete sich die Messingschiene der Erde vor einem dunkel werdenden Himmel ab.

2.

Hethor schaffte es in der ersten Nacht gerade bis hinter die Grenze New Havens, bevor er auf feuchtem Schilf unter einer verfallenen Brücke sein Nachtlager aufschlug. Am zweiten Tag gelangte er über die Landstraße nach Cheshire. Die Nacht hatte er auf einer Kastanie verbracht. Am Morgen hatte ihm ein alter Mann mit einem Karren voll Mairüben angeboten, ihn mitzunehmen.

»Du wirst von New Haven nach Boston wohl gut hundertdreißig Meilen zurücklegen müssen«, sagte der Bauer, der Hethor seinen Namen nicht nannte. Er schnalzte seinen Pferden zu und zupfte an den Zügeln. Die beiden Tiere wieherten leise, trabten aber gleichmäßig weiter. Der Karren rollte auf einer der alten Landstraßen New Englands, eingepfercht zwischen uralten Steinmauern, die häufig unvermittelt in Wälder abbogen, als die Straße anstieg und wieder abfiel auf ihrem Weg über Hügelgrate, durch schmale, von Fels durchzogene Täler und schlammige Furten, an denen das Wasser seufzend vorüberströmte.

»Es werden anstrengende Meilen sein, Sir.« Der Karren war nicht viel schneller, als Hethor zu Fuß gewesen wäre. Immerhin hatte er jetzt einen Sitzplatz und konnte seine schmerzenden Beine ausruhen. Ein Essenskorb zu Füßen des Bauern verhieß außerdem eine Abwechslung von frischem Gras und den drei Rotkehlcheneiern, die Hethor hatte ergattern können.

Er würde sich lieber die Hand abhacken als Essen zu stehlen, und wenn es nur dazu gedacht wäre, das aufkommende Stechen in seinem Magen zu beruhigen. Nicht, nachdem ihn die Söhne Meister Bodeans wie einen Dieb aus New Haven verjagt hatten. Dank ihnen hatte er alles verloren, auf das er sich jemals Hoffnungen machen konnte: einen Lebensunterhalt, ein Dach über dem Kopf und eine Familie – sofern man Meister Bodean als Familie hatte bezeichnen können.

Die Ungerechtigkeit nagte an ihm.

»Ich werde die Rüben an einen Mann in Hartford verkaufen«, sagte der Bauer. »Kommen wohl noch heute Abend da an. Der Preis ist die Fahrt wert. Weiß zum Teufel nich’, wieso die da oben in Hartford nich’ ihre eigenen Rüben ziehen können.«

»Ich kann nicht behaupten, den Grund dafür zu wissen«, sagte Hethor höflich und versuchte, sich die Wut über seinen Kummer nicht anhören zu lassen. Er bewegte die Füße in seinen Stiefeln und überlegte, ob er die verdammten Dinger ohne allzu viel Aufwand ausziehen konnte. Er würde sie ziemlich bald wieder brauchen, da war er sicher.

Der Karren spulte die Meilen gemächlich herunter. Nach einiger Zeit versuchte der Bauer erneut ein Gespräch anzufangen. »Heutzutage nimmt man ja eher ’n Zug.«

»Ja, stimmt.« Hethor wurde klar, dass er die Stiefel nicht losbekommen würde. Selbst wenn er es schaffte, sie auszuziehen, hatte er Sorge, dass seine Füße anschwellen würden, und dann bekam er die Stiefel nie wieder an.

Einige Zeit verging. Ein kurzes Schnalzen der Zügel. »Züge kosten Geld.«

Hethor seufzte. Er konnte schwerlich vorgeben, jemand anders zu sein. »Ich bin pleite, Sir. Hatte ein bisschen Geld, wurde aber ausgeraubt. Ich muss dringend nach Boston, auch wenn ich glaube, dass die Dringlichkeit eher in meinem Kopf steckt.«

»Ha!« Mit breitem Grinsen blickte der Bauer zu Hethor hinüber. »Wahre Worte. Dringlichkeit steckt nur in den Köpfen der Menschen. Aber ob du’s nun eilig hast oder nicht, so ist doch offensichtlich, dass du kein Vagabund bist. Nicht bei den Stiefeln und der Jacke. Sind nicht abgenutzt genug. Aber der Kragen ist ziemlich ausgeleiert und an der Naht aufgerissen. Jemand hat dich hart angepackt, was?«

Hethor rieb sich übers Gesicht. Sämtliche Tränen der Wut, der Scham und der Enttäuschung schienen vergossen zu sein. »Könnte man so sagen.«

»Ich glaube, mein Mittagessen reicht auch für zwei, wenn du Hunger hast.«

»Ich kann leider nichts dafür anbieten«, sagte Hethor, ermahnte sich jedoch, beim nächsten Mal nicht so schnell zu antworten.

Wieder verging einige Zeit. Erneut erklang das Schnalzen. »Erzähl mir ’ne Geschichte. Aber nichts über Kühe oder Bauernhöfe oder die Steuereintreiber Ihrer Kaiserlichen Majestät.«

Hethor dachte an seine Unterrichtsstunden zurück, die ihm die großen Autoren der Vergangenheit nahegebracht hatten, räusperte sich und gab in freier Form das neunte Buch der Ilias Homers wieder.

***

Homer, Sophokles und die Aeneis des Vergil vertrieben ihnen bis zum Abend die Zeit, als sie Hartford erreichten. Auch das Mittagessen – kaltes, gebratenes Hühnchen und kräftiges braunes Brot – leistete seinen Beitrag. Der alte Mann trieb den Karren mit reichlichem Schnalzen auf den Hinterhof eines großen Wirtshauses, wo ein gutes Dutzend alter Männer wartete. Ein paar jüngere Burschen entluden lauthals den Karren, während die anderen vor den Ställen herumlungerten, denn ihre Pferde waren für die Nacht abgehalftert und untergebracht worden.

»Du kannst ordentlich Reden schwingen, junger Hethor«, sagte der Bauer, der schließlich doch seinen Namen genannt hatte: Thomas Mudge. »Fast wie ein Priester. Die Jungs da drüben treffen sich heute auf der Wiese hinter dem Hof zum Abendessen. Du kannst dich zu uns setzen und was zum Besten geben. Ich hätte nichts dagegen, wenn du ein paar von den griechischen Geschichten noch mal erzählst.«

»Vielen Dank, Sir, aber ich muss weiter.«

»Weiter? Wohin? In der Dunkelheit? Dann fällst du doch bloß in den nächstbesten Graben. Ich weiß, dass du keinen Cent für was Warmes zu essen oder ein sauberes Bett hast. Ich stell dich den Jungs vor. Könnte doch sein, dass einer von ihnen morgen einen leeren Karren hat, der nach Storrs oder Westford fährt, und sich über deine Gesellschaft freut. Gesetzt den Fall, er lernt dich heute Abend kennen. Bis dahin kannst du den Jungs bei meinen Rüben helfen.«

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