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Die Rache ist mein

Über den Autor

Jon Land, geb. 1960 in Providence/Rhode Island, schreibt erfolgreiche Thriller und Drehbücher. Wenn er nicht schreibt oder auf Recherche-Reise durch die Weltgeschichte gondelt, gibt das assoziierte Mitglied der US Special Forces gelegentlich Schreibkurse an Schulen und engagiert sich als Vize-Präsident der International Thriller Writers. Jon Land lebt nach wie vor in Providence.

JON LAND

DIE RACHE IST MEIN

THRILLER

Aus dem amerikanischen Englisch
von Holger Hanowell

BASTEI ENTERTAINMENT

Den Buchhändlern, überall, großen und kleinen.

Danke, dass es euch gibt.

Die Vergangenheit ist nicht tot.

Sie ist noch nicht einmal vergangen.

William Faulkner

Prolog

»Kein Mann, der Unrecht tut, kann gegen einen Mann bestehen, der das Recht auf seiner Seite weiß und unaufhaltsam näher kommt.«

Texas Ranger Captain Bill McDonald zu Albert Bigelow Paine

El Paso, Texas, in der Nähe der mexikanischen Grenze, 2004

»Sieht verdammt schlecht aus, Caitlin«, sagte Charlie Weeks und lehnte seinen Kopf an den Felsbrocken, hinter dem sie Schutz gesucht hatten. Eine Hand presste er auf sein Khaki-Shirt, auf dem sich ein roter Fleck ausbreitete, der in der Dunkelheit glänzte. In der freien Hand hielt er seine SIG P226R, die Standardwaffe eines Texas Rangers.

Caitlin Strong entfernte das leere Magazin aus ihrer Ruger-Halbautomatik und rammte ein neues in den Schacht. »Wenn du mir jetzt hier wegstirbst, Charlie, bring ich dich eigenhändig um, das schwöre ich dir«, erwiderte sie, während ihnen im Kugelhagel Felssplitter um die Ohren flogen. Scharfkantige Steine regneten auf sie herab.

»Der hat’s auf mich abgesehen!«, stieß Charlie hervor. »Die Sache geht schlecht aus, das hätten wir wissen müssen.«

»Die Sache ist erst vorbei, wenn der letzte dieser Bastarde am Boden liegt.«

»Bin der Dienstältere«, murmelte Charlie vor sich hin und schien nicht auf ihre Worte zu achten. »Hätte es besser wissen müssen.« Mit der Zunge fuhr er sich über die spröden Lippen. »Dein Dad wäre stolz auf dich, dein Großvater auch. Bist die erste Rangerin in der Familie und eine verdammt gute dazu. Hab ich dir das schon gesagt?«

»Kann ich gar nicht oft genug hören.«

Hitzeblitze zuckten über den Himmel und beleuchteten für einen kurzen Moment die übrig gebliebenen Schützen, die den Beschuss von der anderen Seite des ausgetrockneten Flussbetts aufrechterhielten. Im nächsten Augenblick war es wieder stockdunkel. Die Bastarde waren immer nur dann zu erahnen, wenn das Mündungsfeuer aufflammte, gefolgt vom stakkatoartigen Rattern der Sturmgewehre. Der frische Wind wehte den würzigen Geruch der Chaparral-Pflanzen und den charakteristischen Duft der Süßhülsenbäume herüber, durchsetzt mit Pulverdampf.

»Scheiße, was für ein Dreck!«, schimpfte Charlie Weeks und versuchte, seine SIG mit ruhiger Hand zu halten. Sein Atem kam nun schneller und hörte sich pfeifend an. Mit seinen sechzig Jahren war Charlie auf den Tag genau fünf Jahre jünger, als Caitlins Vater jetzt wäre, wenn er noch lebte. Doch die beiden hatte mehr verbunden als nur der Geburtstag am gleichen Tag.

Caitlin spähte hinüber zu den Mündungsblitzen und feuerte mehrere Salven aus ihrer Ruger ab. Jenseits der ausgetrockneten Senke, die die beiden Ranger von den Drogenschmugglern trennte, war ein Schrei zu hören. Es klang eher wie ein Tier als ein Mensch. Inzwischen lagen schon zwei der Bastarde am Boden, aber Caitlin und Weeks hatten es immer noch mit fünf Mann zu tun. Im Geiste ging Caitlin die Munition durch, die sie noch hatten: fünfzehn Schuss für die Ruger, achtzehn und ein Magazin plus ein halbes für die SIG. Charlies Halbautomatik hatte noch acht Patronen, aber für die Faustfeuerwaffe war ihm nur noch ein Schuss geblieben.

Caitlin wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Zwar war die Glutofenhitze des Tages einer kühlen Abendbrise gewichen, aber das änderte nichts daran, dass Caitlin nach wie vor das Hemd am Rücken klebte; ihre Jeans war durchgeschwitzt und schwer.

Man hatte die Texas Ranger alarmiert, nachdem Grenzpolizisten auf einen Tunnel gestoßen waren, der unter der Chihuahua-Wüste bis zur mexikanischen Grenze führte und groß genug war, um mit einem Auto hindurchzufahren. Der Aufwand, einen solchen Tunnel anzulegen, legte den Schluss nahe, dass es nicht um irgendeine Schmuggelware, sondern um Drogen ging. Die Vermutung hatte sich später bestätigt, als Caitlin den Tunnel fachmännisch untersuchte und tatsächlich Spuren von Marihuana fand, dazu ein Pulver, das sich als Black-Tar-Heroin erwies.

Entlang der texanisch-mexikanischen Grenze hatten die Grenzbeamten noch drei weitere Tunnel vergleichbarer Größe entdeckt, und die Ranger waren losgeschickt worden, das Ganze zu überwachen.

Im Verlauf der zurückliegenden acht Tage hatten Charlie Weeks und Caitlin ihren SUV im Schutz eines Felsvorsprungs abgestellt und sich in dem ausgetrockneten Flussbett versteckt. Stets hatten sie hundert Fuß voneinander entfernt Stellung bezogen, für den Fall, dass irgendein Fahrzeug aus dem Tunnel auftauchte. Auf diese Weise konnten sie die Schmuggler besser ins Kreuzfeuer nehmen. Als Dienstältester hatte Charlie es so haben wollen, obwohl sie in dieser Position keine Rückendeckung hatten und daher anfällig für einen Hinterhalt waren. Caitlin, die nie ein Blatt vor den Mund nahm, hatte Charlie von Anfang an darauf aufmerksam gemacht, aber er hatte ihre Bedenken in den Wind geschlagen. Denn wer sollte sie schon aus dem Hinterhalt erwischen, wenn sie doch bloß die Tunnel im Auge behielten, die dort unter dem Wüstenboden ausgehoben wurden?

Caitlin beobachtete gerade den Tunneleingang gegenüber von Charlie, als ihnen urplötzlich Gesteinssplitter um die Ohren flogen. Sie wusste sofort, dass sie unter Beschuss standen, doch da hörte sie bereits einen dumpfen Knall, gefolgt von einem Geräusch, als würde Luft aus einem Ballon entweichen. Charlie Weeks prallte gegen den Fels, sackte zu Boden und hielt sich die Seite.

Derweil feuerte Caitlin mit ihrer SIG aufs Geratewohl, weil sie dadurch Zeit bekam, zu ihrem Kollegen zu eilen. Schnell zerrte sie ihn hinter die drei Felsblöcke jenseits des Flussbetts. Dort brach Charlie kraftlos zusammen, während Caitlin neben ihm hockte, in der einen Hand die Waffe, in der anderen ihr Funkgerät.

»Beamter getroffen!«, berichtete sie der Highway Police und gab ihre Nummer und Position durch. Leider war kein Polizist in der Nähe des Geschehens gewesen, und das bedeutete, dass Caitlin und Charlie die Sache allein durchstehen mussten, es sei denn, die Ranger oder die Highway Police schickten einen Hubschrauber los.

Die Mischung aus Sommerblitzen und kühler Luft war ein Vorbote für Sturm, der über den gesamten Südwesten von Texas hinwegfegen würde. Und das wiederum stellte jeden Hubschrauberpiloten, der verrückt genug war, unter diesen Umständen in ein Feuergefecht zu fliegen, vor ernste Probleme.

Von der anderen Seite des Flussbetts wurde erneut geschossen. Caitlin ahnte, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Drogenschmuggler ihre zahlenmäßige Überlegenheit und Feuerkraft ausspielen würden. Kein Zweifel, sie würden Caitlin und Charlie einkreisen und in den Rücken fallen. Und das bedeutete, dass die Ranger jetzt handeln mussten, wenn sie das meiste aus der restlichen Munition herausholen wollten.

»Bist du bereit, das Versteck hier aufzugeben, Charlie?«, fragte sie den Texas Ranger, der Feuergefechte wie dieses schon Dutzende Male an der Seite von Caitlins Vater durchgestanden hatte.

»Ich hab mir gerade gewünscht, du würdest so was sagen.«

Er holte tief Luft, und ein Zittern lief durch seine Brust, als er wieder ausatmete. Caitlin half ihm, damit er sich ein wenig aufrechter an den Felsen lehnen konnte. Deutlicher als zuvor stieg ihr der leicht metallische Geruch des Blutes in die Nase, und der rote glänzende Fleck breitete sich weiter auf Charlies Bauch aus.

»Wir rennen gleich zum Auto, alter Mann.«

»Alter Mann? Jeder, der mich alter Mann nennt, sollte sich bewusst sein, dass er sich auf eine Prügelei gefasst machen kann. Das gilt auch für dich, Caitlin Strong.«

»Komme ich drauf zurück, sobald wir zu Hause sind.«

Charlie Weeks schaute an sich hinunter. »Ich kann nicht mehr laufen. Meine Beine sind ganz taub.«

»Dann trage ich dich.«

»Toller Plan. Hast du noch ein paar Hände übrig?«

»Ich mach’s trotzdem«, sagte sie unbeirrbar.

»Ist doch total verrückt.«

»Die Alternative ist schlimmer.«

»Wir haben noch Munition, halten sie weiter in Schach.«

»Die werden uns einkreisen und uns ins Kreuzfeuer nehmen, sobald sie kapiert haben, dass wir kaum noch Munition haben. Besser, wir greifen an, ehe sie uns angreifen.«

»Wer hat dir das beigebracht? Dein Dad oder dein Großvater?«

»Du, Charlie.«

Charlie Weeks lächelte, obwohl er Schmerzen hatte. »Haben sie dir je die Geschichte erzählt, als wir hinter diesen Schwarzbrennern her waren? Gottverdammt, ich glaube, da war ich nicht viel älter als du jetzt, ein verfluchter Anfänger, der sich neben zwei Rangerlegenden in Schwierigkeiten begab. Weißt du, was ich damals dachte?«

»Nein.«

»Ich dachte, wir tragen alle die gleichen Abzeichen. Die der Kollegen waren nur ein bisschen zerkratzter und matter, aber ansonsten sah meins gleich aus.«

»Hör auf, abzulenken, Charlie.«

Caitlin nahm die Halbautomatik in die eine Hand und die Ruger in die andere und testete das Gewicht der Waffen. Dann reichte sie Charlie ihre SIG.

»Bist du so weit, Ranger?«

»Aber klar«, erwiderte er, seufzte und verzog vor Schmerzen das Gesicht, als er die Knie an die Brust zog.

Caitlin schob sich vor ihn, sodass ihre Schultern auf Höhe seiner Brust waren. Charlie schlang ihr beide Arme um den Hals, in jeder Hand eine SIG, während Caitlin die Halbautomatik mit der linken und die Ruger mit der rechten Hand umfasste. Als sie sich langsam aufrichtete, spürte sie, wie Charlies Gewicht ihr auf die Wirbelsäule ging. Der SUV stand etwa zweihundert Yards entfernt: eine schier endlose Strecke, wenn man beladen war wie Caitlin in diesem Augenblick.

Sie hatten keine andere Wahl.

Caitlin spürte, wie ihr Charlies warmes Blut durch das schweißnasse Hemd sickerte. Sie machte beide Waffen klar.

»Es ist so weit, alter Mann.«

»Ich hab dich gewarnt, mich so zu nennen.«

Caitlin holte tief Luft und verließ den Schutz der Felsen. Die Drogenschmuggler schossen augenblicklich, doch Caitlin erwiderte das Feuer aus beiden Waffen, Charlies Halbautomatik und der Ruger Mini. Das Gewehr mit dem abgesägten Lauf machte einen Höllenlärm. Die Ruger feuerte Caitlin blindlings ab, eher als Ablenkung.

Die Kugeln flogen ihr um die Ohren wie lästige Moskitos in einer heißen Sommernacht. Caitlin spürte einen leichten Schlag oberhalb der Hüfte und wusste, dass sie getroffen war – vielleicht nur ein Streifschuss –, aber sie kämpfte sich weiter vorwärts. Der SUV war noch etwa hundert Yards entfernt. Bis zum westlichen Ufer des Flussbetts waren es noch fünfzig Yards.

Eine von Charlies Pistolen klickte, weil keine Patrone mehr drin war, die andere hatte nur noch ein paar Schuss, als Caitlin den SUV schon fest im Blick hatte. Leider wurde ihr linkes Bein langsam steif.

»Setz mich ab, verdammt!«, krächzte Charlie.

»Den Teufel werd ich tun«, gab Caitlin keuchend zurück und feuerte immer noch in die schwarze Decke der Nacht.

Ein dünnes Band aus Mondlicht brach durch die Wolken, sodass Caitlin die Drogenschmuggler sehen konnte, die sich aus ihren Verstecken gelöst hatten.

»Tötet die Bastarde!«, schrie einer von ihnen in perfektem Englisch.

Ein Amerikaner, der mexikanischen Drogenkurieren Befehle gab? Was war das denn, zum Henker?

Caitlin bemerkte, dass die Mündungsblitze der Gegner sich vor der dunklen Wüstenlandschaft bewegten. Offenbar hatten die Kerle beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen und zu stürmen. Caitlin versuchte sie mit den Salven der Halbautomatik und der Ruger zurückzudrängen.

Als die Wolken wieder etwas mehr Mondlicht durchließen, sah sie zu ihrer Erleichterung, dass der Geländewagen näher war, als sie gedacht hatte. Die letzten Yards vor Augen, schleppte sie sich weiter, als sie ein scharfes Stechen im Rücken verspürte, das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte.

Bahrain, 2008

Der Mann stand vor dem Flachglasfenster, an einem Ort, der den Schildern zufolge sowohl auf Englisch wie auf Arabisch »City Gardens« hieß. Der Mann blinzelte gegen das fast schmerzhaft grelle Licht und betrachtete das Spiegelbild, das ihm entgegenschaute. Verzweifelt versuchte er, die Reflexion einzuordnen, denn es war lange her, dass er überhaupt in ein Spiegelbild geblickt hatte. Der Raum, den er als sein Zuhause betrachtet hatte, besaß nämlich weder Fenster noch Spiegel – und sosehr er auch in seiner Erinnerung kramte, etwas anderes als diesen Raum kannte er nicht, allenfalls noch die Schale mit Wasser, die ihm zweimal am Tag jemand zum Waschen und Zähneputzen hinstellte.

Furcht ließ ihn schaudern, und dieses Gefühl lähmte ihn beinah, obwohl er sich nicht mehr erinnern konnte, was ihm Angst einjagte. Vor den Erinnerungen hatte es ein anderes Leben gegeben, und der Mann fragte sich, ob dieses Leben zu dem Gesicht gehörte, das ihn aus dem Fensterglas anblickte. Die Männer, die zu ihm in den Raum kamen, nannten ihn oft beim Namen. Aber es war nicht sein Name. Vielleicht war es einmal so gewesen, aber jetzt nicht mehr.

Er hatte keinen Namen. Das hatte er ihnen auch gesagt, aber sie wollten ihm nicht glauben.

Der Mann merkte, dass die Reflexion in der Scheibe ebenfalls erschauerte. Er drehte sich weg, spürte einen reißenden Schmerz in der Wirbelsäule und sah, wie sein Spiegelbild zusammenzuckte.

Wieder bewegte er sich. Seine schmerzenden Füße fühlten sich schwerer an, schlurften über die Straße … Der Mann war zu schwach, um die Füße richtig anzuheben. Seine Augen schmerzten im Sonnenlicht, aber sie verrieten ihm zumindest, dass es Tag sein musste. Nur, dass Tag und Nacht seit Langem keine Bedeutung mehr für ihn hatten. Diese Unterscheidung war genauso verschwommen wie sein ganzes Dasein.

Weitere Schilder sagten ihm, dass er sich an einem Ort namens Bab Al Bahrain befand, umgeben von Fremden auf einem Markt im Freien, wo Kunsthandwerk und Kaffeekocher aus Messing inmitten kunstvoll gewebter Teppiche feilgeboten wurden. Der Geruch von scharfen Gewürzen, die in der gleißenden Sonne dörrten, stieg ihm in die Nase.

Seine Beine pochten wie verrückt, bei jedem Schritt durchzuckten ihn heiße Stiche. Die Arme hingen ihm schlaff an den Seiten herab, und schon bei der kleinsten Bewegung schienen die Schultergelenke von den Muskelpartien losgelöst zu sein.

Dem Mann war bewusst, dass er verdutzte Blicke auf sich zog. Er machte eine schmerzhafte Drehung, wobei er damit rechnete, dass die Reflexion in der Fensterscheibe ihn wieder anstarrte. Man redete auf ihn ein, in Sprachen, die er nicht verstand, bis er in den Schatten eines Dachüberstands gelangte und spürte, dass der Schmerz seiner Haut sich in ein dumpfes Pochen verwandelte.

»Möchten Sie etwas davon?«

Der Mann drehte sich langsam um und sah einen Kaufmann in orientalischem Gewand, der ihm ein Glas darbot, das nach Minze duftete.

»Ja«, sagte der Mann, erkannte aber seine eigene Stimme nicht. »Danke.«

Er nahm das Glas entgegen, nippte daran und trank dann den süßlichen braunen Tee. Er konnte sich nicht erinnern, je etwas anderes als Wasser getrunken zu haben, das oft nach Seife oder Schlimmerem geschmeckt hatte.

Der Mann reichte dem Kaufmann das Glas, der es wieder füllte und dem Mann zurückgab.

»Haben Sie Geld?«, fragte der Verkäufer.

»Geld?«

»Bargeld? Kreditkarten?«

Der Mann fasste an seine Hosentaschen, schob die Hände hinein. »Nein.«

Der Kaufmann zwinkerte ihm zu, spielte das Spielchen mit. »Mögen Sie den Tee?«

»Sehr sogar.«

»Wollen Sie einmal einen Blick auf meine Waren werfen? Ich habe wunderschöne Perlen aus Bahrain, ausgesuchten Schmuck für Ihre Frau. Ist sie auch hier?«

»Wer?«

»Ihre Frau.«

»Ich habe keine Frau.«

»Einen Mann, einen Jungen vielleicht?«

»Nein, keinen Mann, keinen Jungen.«

»Also nur Sie?«

»Wer?«

»Sie.«

»Nein, ich nicht. Es gibt mich nicht.«

Mit einem Mal fühlte sich das Glas schwer an, daher gab er es dem Kaufmann mit zitternder Hand zurück und schleppte sich weiter. Er machte sich bewusst, dass nun auch die Hand furchtbar schmerzte. Er hielt sie sich vors Gesicht, als wollte er nachsehen, woher der Schmerz kam, doch er sah nur, dass seine Finger krumm und geschwollen waren.

Ziellos schlurfte er weiter, als suche er einen Ort, wo der Schmerz nachlassen würde. Manchmal gelang es ihm, wenn er die Augen schloss und versuchte, seinen Geist vom Körper zu trennen. Aber jetzt konnte er die Augen nicht schließen, konnte nicht stehen bleiben, weil ihn ein unbestimmtes Gefühl antrieb, da draußen könne etwas sein, das schlimmer war als der Schmerz … und das ihn einholte, wenn er es zuließ.

Er erreichte eine Stelle, wo ihn Essensdüfte umgaben. Gebratenes an Spießen und auf Rosten. Die Speisen brutzelten und zischten im scharfen Sud aus Knoblauch und Zitrone. Verkäufer reichten ihren wartenden Kunden volle Teller, worauf die Kunden sich einen Platz an den Tischen im Schatten der vollen Veranda suchten.

Bei den köstlichen Düften drehte sich dem Mann der leere Magen um. Er versuchte sich zu erinnern, was er gegessen hatte, aber er entsann sich keines Bissens. Plötzlich fand er sich an einem freien Platz an einem der Tische im Schatten wieder und sah einen noch halb vollen Teller vor sich. Er stippte einen Finger in die Soße, die auf einer Hälfte des Tellers schwamm, führte die Hand zum Mund und leckte den Finger ab.

Er hustete, drohte zu ersticken, würgte. Sank auf die Knie.

Schon bald umstanden ihn Leute, schauten auf ihn herab und schienen ihn wahrzunehmen. Aber das war natürlich unmöglich.

Was gab es da schon zu sehen? Denn schließlich existierte er ja gar nicht.

Washington, D.C., 2008

Harmon Delladonne sah, dass Clayton kam, und sprang von der Bank auf, von der aus er die National Mall im Blick hatte. Der Stoff seiner Anzughose flatterte im Wind, und er fuhr sich mit den Händen durch das gegelte, nach hinten gekämmte Haar, ehe er die Straße hinunterging und darauf wartete, dass Clayton ihn einholte.

»Eine Viertelstunde zu spät, Clayton«, begrüßte Delladonne ihn und spürte den leichten Nieselregen auf Kopf und Schultern. »Eine Viertelstunde.«

»Ich bin so schnell gekommen, wie ich nur konnte, Sir.«

»Die Zeit gibt mir keiner zurück. Wertvolle Zeit, die verloren ist.«

»Wir hätten am Telefon reden können«, schlug Clayton leise vor. Mit seinen eins achtzig war er genauso groß wie Delladonne, hatte aber breitere Schultern, leicht hervorstehende Wangenknochen und eine wulstige Stirn, die an einen Neandertaler-Schädel erinnerte. »Meine Leitung ist sicher.«

»Verlassen Sie sich nie auf die Technik, Clayton«, ließ Delladonne ihn wissen. »Und benutzen Sie kein Handy. Man findet leicht heraus, wo ein Mann sich gerade aufhält. Ich weiß das, weil meine Firma darauf spezialisiert ist. Wir können jeden im Land orten. Jederzeit, überall. Einer von MacArthur-Rains vielen Regierungsverträgen.«

Delladonne wusste nur zu gut, wie die Technologie funktionierte, denn er hatte sie mit entwickelt. Deshalb wusste er, wie schnell man Opfer dieser Technologie werden konnte. Selbst im Freien war man nicht sicher, solange Überwachungskameras an jeder Straßenecke installiert waren, ganz zu schweigen von Abhörgeräten, die eine Unterhaltung auf eine Entfernung von einer Viertelmeile erfassen konnten. Aber solange man in Bewegung blieb und mit leicht gesenktem Kopf sprach, sodass die Lippen nicht zu sehen waren, konnte man sich einigermaßen sicher fühlen. Wann immer Delladonne in Washington war, hielt er nie ein Meeting in seinem Büro ab. Er traf sich mittags nie mit Leuten zum Essen und nahm an so wenigen Besprechungen wie möglich teil. Die einzige Ausnahme war die Anhörung im Senat, bei der er als Zeuge aussagen sollte. Doch im letzten Augenblick hatte ein Vertrauter seinen Namen – zumindest vorübergehend – von der Zeugenliste gestrichen. Bislang war der Tag gut verlaufen, bis Delladonne von dem Vorfall in Bahrain gehört hatte.

»Ich nehme an, Sie wollen einen dieser Verträge mit mir besprechen«, sagte Clayton.

»Ihr erster Bericht über Bahrain wurde bestätigt. Dann erzählen Sie mal, wie es dazu kam.«

Auf seinem Spaziergang hatte Delladonne die National Mall, das Kapitol und das Weiße Haus im Blick. Er mochte das Gefühl, alles sozusagen zu besitzen, auch wenn dieser Besitz im Augenblick vor die Hunde ging. Der Tag war grau, verhangen und trübe, es würde bald noch stärker regnen. In Houston war es noch heiß und schwül gewesen; Vorboten eines sengenden Sommers lagen in der Luft. Aber das alles war in der Trostlosigkeit Washingtons in weite Ferne gerückt – eine Stadt, die er inzwischen verabscheute.

»Unsere Agenten in Bahrain bekamen Panik«, berichtete Clayton. »Es hieß, ein Aufsichtsteam der US-Regierung werde kommen.«

»Regierungsaufsicht«, wiederholte Delladonne. »Ein Witz.« Doch er klang alles andere als belustigt.

»Die Einrichtung in Bahrain hätte nicht auf der Liste stehen dürfen, die der neuen Regierung vorlag. Denn sie war privat.«

»Sie waren alle in privater Hand, Clayton.«

»Aber ursprünglich gehörte das Gelände der CIA. Es gab zusätzliche Mittel, um die Wände schalldicht zu machen. Sie wissen doch, wie das läuft.«

»MacArthur-Rain ist nicht auf Ihre Dienste angewiesen, wenn Sie mir nur Dinge sagen, die ich schon weiß.«

Clayton schwieg und spürte Delladonnes durchdringenden Blick. Ein Mann wie Clayton verstand sich darauf, selbst diejenigen einzuschüchtern, denen er diente. Aber bei Delladonne war das anders. Dieser Mann mochte dünn sein und fast zerbrechlich wirken, aber er war der Erste – ob nun Feind oder Verbündeter –, der Clayton wirklich Angst einjagte.

»Darf ich offen sprechen, Sir?«

»Vorsicht, Clayton.«

»Meine Leute in Bahrain haben diesen Mann sechs Monate lang bearbeitet, um herauszufinden, was er in seinem Kopf verborgen hält. Sie haben versagt.«

»Sie meinen, Sie haben versagt.«

»Ja, Sir.«

»Dann sagen Sie es doch. Sagen Sie, dass Sie versagt haben.«

»Ja, ich habe versagt«, bekannte Clayton.

»Ein guter Anfang, wenn man Verantwortung für einen Misserfolg übernimmt. Was gibt es sonst noch?«

»Wir finden ihn.«

Delladonne blieb stehen und wandte sich Clayton zu. Seine Augen waren wie schwarze Dolche. »Was macht den 11. September zu einer solchen Tragödie, Clayton? Was fällt Ihnen als Erstes dazu ein?«

»Dass dieses Land angegriffen wurde. Und die vielen Toten.«

»Dieses Land wurde angegriffen, ja. Aber die wahre Tragödie war doch, dass es nicht genug Tote gab.«

Clayton sah ihn wortlos an.

»Wir wussten, dass es zu einem Angriff kommen würde«, fuhr Delladonne fort. »Das Land wäre bei einer Kosten-Nutzen-Analyse der Opfer mitgegangen. Als die ersten Berichte eintrafen und die Zahl der Todesopfer auf mehr als 20 000 geschätzt wurde, war es das Beste, was diesem Land hätte passieren können. Dann nämlich hätten die Menschen alles akzeptiert, was MacArthur-Rain noch über Nacht in Angriff nehmen wollte. Als sich dann aber herausstellte, dass nur dreitausend Tote zu beklagen waren, mussten wir zurückrudern. Dieser Tag hat zwar die Welt verändert, aber nicht so sehr, wie man es sich gewünscht hätte.«

Clayton machte keinen Hehl aus seinem Unmut. »Ich habe Freunde verloren, Sir. Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen.«

»Wir alle haben Freunde verloren. Und ich will Ihnen sagen, auf was ich hinauswill. Wir sind wieder an diesem Punkt angelangt. Unsere Gewinne kommen schrittweise, aber sie sind da. Und mit den Informationen, die dieser Mann, den Sie in Bahrain verloren haben, in seinem Kopf gespeichert hat, könnten wir alles das erreichen, was wir uns immer schon erträumt haben. Der Schlüssel für die Absicherung der Zukunft, Clayton, und damit übertreibe ich nicht.«

»Falls noch alles so in seinem Kopf gespeichert ist, Sir«, mahnte Clayton zur Vorsicht.

»Was ich eigentlich damit sagen wollte … wenn wir die Informationen nicht bekommen können, müssen Sie dafür sorgen, dass auch niemand anders sie bekommt.«

Houston, 2008

»Möchtest du noch ein Sandwich, Davis?«

Die Stimme seiner Frau holte ihn aus seiner Starre. Davis S. Bonn schaute von seinem Rechner auf. Bonns zweiter Name war eigentlich Lewis, aber er hatte sich für das »S« entschieden, weil es besser aussah. »Ja, gern«, sagte er.

Seine Frau Tayanna versuchte einen Blick auf den Monitor zu werfen, um zu sehen, was Davis gerade schrieb, aber er setzte sich extra ein wenig anders hin und versperrte ihr die Sicht. Vor mehr als zehn Jahren hatten sie sich kennengelernt. Davis Bonn hatte damals für einen Bericht recherchiert, in dem es um die angebliche Invasion der Roten Khmer nach Thailand ging. Die Story war im Sande verlaufen, aber Davis hatte sich in seine Dolmetscherin verliebt und ihr letzten Endes ein Visum organisiert, damit sie mit ihm in die Staaten zurückkehren konnte.

»Ach, komm schon«, jammerte sie, »ich will nur mal gucken.«

»Erst wenn ich fertig bin. Du kennst die Regeln.«

»Ich dachte nur, diesmal wäre …«

»Nein, gerade jetzt geht es nicht«, erwiderte Davis und blieb hart.

Tayanna gab schließlich nach, ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal zu ihm um. »Solange du dir sicher bist.«

»Warum sollte ich mir dabei nicht sicher sein?«

»Weil das gefährliche Leute sind.«

»Ein Grund mehr, sie zu Fall zu bringen.«

»Immer noch auf Kreuzzug?«

»Ich bin Journalist, Anna.« Davis rang sich ein Lächeln ab, wie immer, wenn er sie Anna nannte. »Ein Journalist auf der Suche nach einem Verlag.«

»Solange du noch erlebst, dass dein Buch erscheint.«

»Und ich den Scheck einlösen kann.«

Ein Lächeln huschte über Tayannas Gesicht, als sie die Tür hinter sich zumachte. Sie hatte bereits den Hühnchensalat angerichtet und dafür gesorgt, dass das Toast genau so war, wie Davis ihn mochte. Der Salat war dünn geschnitten, das Sandwich lag auf einem Teller, umrahmt von Kartoffelspalten. Sie nahm den Teller, ging zurück zu Davis’ Büro und trat ein, ohne anzuklopfen.

»Hier kommt dein Sandwich …«

Tayanna blieb wie angewurzelt stehen. Der Teller fiel ihr aus der Hand und zersplitterte am Boden, während die beiden Hälften des Sandwichs in entgegengesetzte Richtungen flogen.

Davis Bonn lag verdreht und zuckend auf dem Boden. Seine herausquellenden Augen stierten an die Zimmerdecke, wo sich eine kleine Rauchsäule kräuselte.

»Davis«, schrie Tayanna.

Sie eilte zu ihm, ging neben ihm auf die Knie und versuchte, seine zitternden Arme und Beine zu beruhigen. Erst in diesem Moment sah sie, dass ihm ein dünnes Rinnsal Blut aus dem rechten Ohr sickerte.

»Davis!«, rief sie noch einmal, aber er erkannte sie schon nicht mehr. Seine weit aufgerissenen Augen wurden leer, Arme und Beine erstarrten. Tayanna beugte sich über ihn und versuchte eine Herz-Lungen-Wiederbelebung, bis Erschöpfung und Verzweiflung sie überwältigten.

Als sie endlich die Kraft aufbrachte, den Rettungsdienst anzurufen, waren bereits zwanzig Minuten vergangen. Davis war tot, und der Geruch von verschmorten Drähten, den Tayanna längst vergessen hatte, war verflogen.

Erster Teil

Um das Jahr 1823 kam es aufgrund von Überfällen der Komantschen, Tonkawa und Karankawa-Indianer zu ernsthaften Schwierigkeiten. Colonel Stephen Austin, der mexikanischem Gesetz unterstand, erhielt die Bevollmächtigung, eine Miliz ins Leben zu rufen, um die Indianerüberfälle abzuwehren, Verbrecher festzunehmen und um gegen Eindringlinge vorgehen zu können. Im Mai, als Austin in Mexico City war, stellte sein Lieutenant, Moses Morrison, auf der Basis dieser Bevollmächtigung einen Trupp Männer zusammen, die die texanische Küste gegen die Tonkawa und Karankawa-Indianer schützen sollten.

Nachdem Austin im August des Jahres nach Texas zurückgekehrt war, bat er um weitere zehn Mann, um Morrisons Einheit zu verstärken. Er forderte »zehn Mann … die als Ranger für die Verteidigung dienen sollen … Der Lohn, den ich besagten zehn Mann zahlen werde, beläuft sich auf fünfzehn Dollar im Monat, zahlbar in Naturalien«.

Diese beiden Einheiten gelten als die Vorläufer der modernen Texas Ranger.

Mike Cox, mit Ergänzungen aus der Texas Ranger Hall of Fame und freundlicher Unterstützung der Museumsangestellten: A Brief History of the Texas Rangers.

1

San Antonio, Gegenwart

»Aber Sie haben es geschafft«, sagte Rita Navarro, die Direktorin des Survivor Centers, des Zentrums für Opfer von Folter. Sie saß hinter ihrem Schreibtisch und hatte Caitlin zugehört, die soeben erzählt hatte, bei der zweiten Kugel zu Boden gegangen zu sein.

»Gerade noch«, erwiderte Caitlin.

»Und was ist mit dem anderen Ranger, Charlie Weeks?«

»Er hat’s leider nicht geschafft.«

Navarro rutschte ein wenig von der Kante ihres Stuhls zurück und ging noch einmal den Lebenslauf durch, als suche sie nach neuen Informationen. Das Licht in ihrem Büro – einst ein Behandlungszimmer der Klinik, die früher in diesem Gebäude untergebracht war – stammte von grellen Neonröhren. Tageslicht kam nur unzureichend ins Zimmer, da die Fenster von einer dicken Schmutzschicht überzogen waren. Irgendwann im Zuge der Umwandlung der Klinik in ein Behandlungszentrum hatte man das Gebäude so sehr verfallen lassen, dass inzwischen mehr Mittel für eine Sanierung nötig wären, als dem Träger zur Verfügung standen.

»Es freut mich, dass ich die Gelegenheit hatte, Sie einmal kennenzulernen, Rangerin Strong.«

»Ich bin keine Rangerin mehr.«

Navarro sah sie mit großen Augen an. »Aber was genau wollen Sie dann hier? In unserer Annonce stand nichts von einem Security-Spezialisten.«

»Ich weiß, Sie suchen einen Berater und Therapeuten. Und genau auf diese Stelle bewerbe ich mich.«

»Oh.« Es klang ein wenig herablassend. Navarro schlug die zweite Seite der Bewerbungsunterlagen auf. Caitlin beobachtete sie. Die Frau war jünger, als sie vermutet hatte. Dem Namen nach hatte sie lateinamerikanische Vorfahren, aber Caitlin glaubte eher, dass indianisches Blut in ihren Adern strömte. Diese Vermutung legten die hervorstehenden Wangenknochen, das schmale Kinn und das lange, glatte schwarze Haar nahe, das ihr bis auf den Rücken fiel. Sie hatte ein bezauberndes Lächeln, das Caitlin jedoch nur einmal zu sehen bekommen hatte, als Navarro ihr zur Begrüßung die Hand reichte. Caitlin war gleich aufgefallen, dass Navarro leichte Schwielen an den Händen hatte, was den Schluss nahelegte, dass diese Frau in der Freizeit gern im Garten arbeitete.

Caitlin schlug ein Bein über das andere, ehe sie wieder beide Füße auf den Boden stellte. Der Holzstuhl war furchtbar hart, sodass sie ein Stück nach vorn rutschte und ein wenig steif in den Schultern dasaß. Sie bedauerte es jetzt schon, die Jeans gegen eine gebügelte, leichte Stoffhose eingetauscht zu haben. In der Jeans kamen ihre Kurven besser zur Geltung, wobei ihre langen Beine nicht sofort ins Auge fielen. Mit ihren knapp eins achtzig war sie genauso groß wie ihr Vater und besaß den Körper eines Models, bis sie angefangen hatte, sich im Fitnessstudio Muskeln anzutrainieren. Das lockige, kastanienbraune Haar fiel ihr knapp bis über die Schultern; so lang hatte sie es noch nie getragen. Abgesehen von den Haaren sah Caitlin noch genauso aus wie vor fünf Jahren. Womöglich versuchte sie, die Zeit einzufrieren, um in Gedanken in jene Nacht zurückzukehren, in die texanische Wüste unweit der mexikanischen Grenze.

Caitlin war noch immer viel in der Sonne, aber dadurch war ihre Haut trocken und gespannt, was ihr gar nicht gefiel. Doch sie hatte einen frischen, dunklen Teint und immer noch die rosigen Wangen, für die sie als Kind geneckt worden war.

»Nachdem ich den Dienst bei den Rangers quittiert hatte, ging ich wieder aufs College und machte meinen Master im Studiengang Psychiatrischer Sozialdienst«, erklärte sie nun. »Ich habe ein Diplom in Krisenmanagement und Streitschlichtung, die passende Ergänzung zu meinem Vordiplom in Soziologie.«

Navarro blätterte wieder zur ersten Seite. »Sie waren … warten Sie, sieben Jahre bei der Highway Police, ehe Sie zu den Rangern wechselten.«

»Man braucht so viele Dienstjahre beim Texas Department of Public Safety, damit die Ranger einen zumindest in die engere Auswahl nehmen.«

»Wie ich hörte, wird nur einer von hundert Bewerbern genommen.«

»So in etwa. Da ich diese eine Bewerberin war, habe ich nicht weiter über das Auswahlverfahren nachgedacht.«

»Sie haben da eine Familientradition weitergeführt, wie ich sehe.«

»Ja, Ma’am. Mein Großvater war der letzte der echten Revolverhelden. Brachte eine ganze Gang, die vier Banken ausgeraubt hatte, auf offener Straße zur Strecke.«

»Ganz allein?«

»Zufällig trank er gegenüber von der Bank gerade einen Kaffee. Mein Vater traf aus hundert Yards von zehn Schüssen neunmal ins Schwarze. Und mein Urgroßvater und Ururgroßvater nahmen beide an einigen der berühmtesten Feldzüge der Ranger in der Geschichte teil.«

»Offenbar auch im Mexikanischen Krieg.«

»Das dürfte dann wohl mein Ururgroßvater gewesen sein. Er wird an Gefechten auf beiden Seiten des Rio Grande teilgenommen haben. Wie kommen Sie darauf?«

Navarro trommelte mit dem Zeigefinger auf den Schreibtisch und bedachte Caitlin mit einem Blick, der andeutete, die Bewerberin habe etwas verschwiegen. »Ich habe im Internet über Sie gelesen. Wie es scheint, waren Sie dabei, sich bei den Rangern ein eigenes Denkmal zu setzen. Eine Legende zu Lebzeiten, sozusagen.«

»Nein, so kann man das nicht sagen.«

»Aber Sie haben den Mann erwischt, der als der gefährlichste Verbrecher von Texas galt. McMasters oder so ähnlich.«

»Er heißt Masters. Cort Wesley Masters.«

»Das haben Sie in Ihrem Lebenslauf nicht erwähnt.«

»Es war nur eine Festnahme. Ich habe Dutzende andere hinter Gitter gebracht.«

»Sie waren bislang der einzige weibliche Ranger, stimmt’s?«

»Es gab da noch ein paar andere, aber keine der Frauen sah sich in der Lage, sich eine Waffe umzuschnallen, Ma’am.«

»Ich könnte mir vorstellen, dass das ein harter Job für eine Frau ist.«

»Um ehrlich zu sein, ein harter Job für jeden, aber einer Frau verlangt es schon einiges ab, ja. Insbesondere wenn man in ein texanisches Städtchen kommt und dem gewählten Sheriff klarmachen muss, dass man als Ranger einen Fall übernimmt, der eigentlich ihm gehört.«

»Das scheint Sie ja bei der Sache mit diesem Masters nicht sonderlich gekümmert zu haben.«

»War auch ein bisschen Glück im Spiel, Ma’am.«

Navarro ließ es dabei bewenden und schenkte Caitlin ein knappes Lächeln, mit dem sie offenbar andeuten wollte, dass es zu dieser Geschichte noch einiges zu sagen gäbe. Caitlin war ihr dankbar dafür, denn sie war nicht in der Stimmung, die Begegnung mit dem gefürchtetsten Mann von Texas wieder aufzuwärmen. Sie schaute jetzt nach vorn, nicht zurück.

Navarro ging die Seiten erneut durch, schneller als zuvor. »Sie haben eine Auszeichnung für den Vorfall an der Grenze erhalten, als Sie Ihren Partner gerettet haben.«

»Er hat nicht mehr lange gelebt.«

»Tapferkeitsmedaille, heißt es hier.«

»Die habe ich nicht verdient.«

»Wieso nicht?«

»Weil wir in einen Hinterhalt geraten waren. Ist irgendwie nicht richtig, wenn man eine Auszeichnung erhält, obwohl man in einen Hinterhalt geraten ist.«

»Und es war Ihr Wunsch, die Ranger zu verlassen?«

»Ja, Ma’am.«

»Nicht wegen Invalidität, wie es hier heißt.«

»Ich war nicht dienstunfähig.«

»Sechs Monate nach dem Gefecht, bei dem Sie verwundet wurden, haben Sie gekündigt.«

»Zuerst kam der Krankenhausaufenthalt.«

»Dauerte zwei Monate«, fasste Navarro zusammen, nachdem sie nochmals eine Seite konsultiert hatte. »Dort wurden die beiden Schussverletzungen behandelt.«

»So in etwa.«

»Die Reha kostete Sie zwei weitere Monate«, meinte Navarro. »Dann kehrten Sie für zwei Monate zu den Rangern zurück, ehe Sie den Dienst für immer quittierten.«

»Sie möchten gern wissen, was passiert ist.«

»Mich würden die Umstände schon interessieren, ja.«

»Wie viel möchten Sie hören, Ma’am?«

»Wie viel sind Sie bereit, zu erzählen?«

2

El Paso, Texas, in der Nähe der mexikanischen Grenze, 2004

Caitlin war bislang noch nie angeschossen worden. In dem Moment, als sie es erwischte, wusste sie, dass all die Geschichten, die sie über Schussverletzungen gehört hatte, der Sache nicht gerecht wurden. Nicht der Schmerz jagte ihr Angst ein; es waren die Hitze und der entsetzliche Gestank ihres eigenen verbrannten Blutes.

Doch sie hatte das Glück, in eine kleine Senke zu stürzen. Dadurch hatte sie den Schutz, den sie brauchte, um ihre Ruger in Anschlag zu bringen.

»Wo stecken die? Könnt ihr sie sehen?«

Wieder rief jemand auf Englisch. Diesmal war der Sprecher näher als zuvor.

Aus den Augenwinkeln sah Caitlin einen Gegner, der blindlings in ihre Richtung lief und sein Sturmgewehr auf Dauerfeuer gestellt hatte. Charlie Weeks streckte ihn mit den letzten Patronen aus der SIG zu Boden, die er noch in der Hand hielt. Charlie hatte schon etliche Bankräuber und entlaufene Sträflinge erwischt und brachte selbst jetzt noch einen beinahe unmöglichen Schuss zustande, denn er lag auf dem Rücken und blutete stark aus der Bauchverletzung.

Caitlin sah einen weiteren Drogenschmuggler heranstürmen und feuerte mit der Ruger Mini. Es waren unkontrollierte Schüsse, die jeder Regel widersprachen. Ihr Vater hatte ihr viel über die Reichweite von Schusswaffen beigebracht. Aber niemand hatte ihr bislang erklärt, wie man schoss, wenn man am Boden lag und eine oder mehrere Kugeln abbekommen hatte. Bei aller Erfahrung im Job verließ Caitlin sich letzten Endes auf ihren Instinkt. Vielleicht war es auch die Mischung aus Panik und genügend Munition, die es ihr ermöglichte, ihren Job zu Ende zu bringen.

Caitlin sah, wie der Gegner stürzte, als hätte ihm jemand die Beine weggeschlagen. Sie hörte, wie er etwas auf Spanisch rief und zu schreien begann. Als sie sich auf die Ellbogen stützte, entdeckte sie ihn und sah, dass er sich am Boden wand, geisterhaft beleuchtet vom Mondlicht. Eigenartigerweise bewegte er sich genau in dem Moment nicht mehr, als die Wolken sich wieder vor den Mond schoben.

Inzwischen hatte Caitlin den Überblick verloren, mit wie vielen Gegnern sie es zu tun hatte. Als sie erneut Stimmen hörte, schienen sie weiter entfernt zu sein; sie bewegten sich von ihr und Charlie weg. Caitlin zählte die Sekunden.

»Kommt schon! Kommt schon!«, schrie jemand in der Dunkelheit.

Ein Motor heulte auf. Reifen drehten auf Schotter durch, ehe Scheinwerfer den Tunneleingang beleuchteten und dann verschwanden.

»Ich glaube, sie sind weg, Charlie«, sagte sie und merkte, dass ihr Atem ein wenig ruhiger wurde. »Schätze, wir sind jetzt sicher. Charlie?«

Sie drehte sich zu ihm um und sah, dass Charlie die Augen geschlossen hatte; das Kinn war ihm auf die Brust gesackt.

»Jetzt stirb mir hier nicht weg, Charlie Weeks! Hörst du? Stirb mir hier nicht weg, verdammt noch mal!«

Caitlin wusste nicht, woher sie noch die Kraft nahm, aufzustehen und Charlie auf ihre Arme zu heben. Oder wie sie die letzten Meter zum SUV geschafft und Charlie auf die Rückbank gelegt hatte. Sie konnte sich nur noch erinnern, dass sie später Blaulicht sah, noch Meilen entfernt auf der Wüstenstraße, auf der Charlie und sie um ein Haar den Tod gefunden hätten.

In der Nacht täuschten die Entfernungen, und die Lichter waren noch viel weiter entfernt, als es zu Anfang den Anschein gehabt hatte. Wie sich später herausstellte, war Caitlin trotz der Schussverletzungen noch achtzig Meilen gefahren. Aber daran konnte sie sich nicht mehr erinnern, als wären die Bilder zusammen mit dem Blut aus ihrem Körper geflossen.

Die Sanitäter schoben Caitlin und Charlie auf Tragen nebeneinander in den Rettungswagen. Caitlin war sich sicher, dass ihr Kollege noch am Leben war, als sie das Bewusstsein verlor. Sie spürte, wie ihr die Lider schwer wurden. Und dann träumte sie, sie säße neben ihrem Vater, dem großen Jim Strong, unter einer Pappel, ganz in der Nähe ihrer Lieblingsbadestelle. Sie aßen Sandwiches mit Erdnussbutter und Banane und tranken Kräuterlimonade aus Flaschen, die sie in der Kühltasche aufbewahrt hatten. Ihr Vater erzählte ihr Geschichten über die berüchtigte Richterin aus Texas, Katherine Hansen, die für ihre unzähligen Todesurteile bekannt war.

Als Caitlin später im Krankenhaus aufwachte, war Charlie Weeks tot.

3

San Antonio, Gegenwart

An dieser Stelle beendete Caitlin ihre Geschichte und musterte Rita Navarro. Die Direktorin war blass geworden, als hätte sie schlagartig viel Blut verloren. Sie sah Caitlin anders an; zögerlicher diesmal, wie Caitlin meinte. Auch ein bisschen unsicher, beinahe ängstlich, sodass Caitlin es bereute, nichts ausgelassen zu haben.

Schließlich beugte Navarro sich vor und stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch. »Ich muss sagen, ich bin skeptisch. Ich habe meine Bedenken, dass jemand wie Sie geeignet sein soll, mit Leuten zu arbeiten, die Opfer von Gewalt geworden sind.«

»Weil ich Gewalt ausgeübt habe.«

»Das kann man wohl sagen.«

»Folter ist eine andere Art von Gewalt. Das ist mehr wie Vergewaltigung. Die Starken dominieren die Schwachen.«

»Wissen Sie viel über Vergewaltigung, Miss Strong?«

»Ich weiß eine Menge über Stärke und Schwäche, Miss Navarro.«

»Mrs. Navarro.«

»Oh, Entschuldigung.«

»Kein Problem.«

Caitlin spürte, dass die Anspannung im Raum ein wenig nachließ. Rita Navarros Blick war ein bisschen weicher geworden.

»Bei den Rangern hatte ich mit einigen Vergewaltigungsopfern zu tun«, erklärte Caitlin. »Steht zwar nicht in den Unterlagen, aber so war’s. Endete oft damit, dass ich dasaß, Händchen hielt und wartete, bis endlich der Sheriff oder die Highway Patrol auftauchte. Einmal musste ich im WC einer Tankstelle Untersuchungen vornehmen, ob eine Vergewaltigung vorlag.«

»Sie wollen diesen Job?«

»Ja.«

»Sie fühlen sich ausreichend qualifiziert?«

»Ja, Ma’am.«

Navarros Blick streifte erneut die Seiten, die vor ihr lagen. »In Ihrer Bewerbung ist vermerkt, dass Sie mit einem gewissen Peter Goodwin verheiratet sind. Aber Sie tragen keinen Ring.«

Caitlin lächelte dünn. »Wieder so eine alte Angewohnheit, fürchte ich. Mein Vater trug nie Schmuck, nicht mal eine Armbanduhr. Das einzige Metall, das er in der Nähe seiner Hand duldete, war sein Colt 1911 Kaliber 45. Alles andere störte ihn nur. Was meinen Mann Peter betrifft, er ist gestorben.«

»Das tut mir leid. Wie kam das?«

»Irak.«

»Er war Soldat.«

»Nein. Hatte mit Software zu tun und arbeitete für einen dieser privaten Unternehmer. Er arbeitete gerade an einem Kabelfernsehen-System für Bagdad, als eine unkonventionelle Sprengvorrichtung hochging.«

»Seinen Namen haben Sie nie angenommen?«, stellte Rita Navarro nüchtern fest.

»Schätze, ich hatte das Gefühl, meinen Dad zu enttäuschen. Meine Mutter starb früh und konnte ihm nicht mehr den Sohn schenken, den er sich wünschte. Deshalb blieb nur ich übrig, um den Familiennamen weiterzugeben.«

Navarro schob die Seiten von Caitlins Lebenslauf zurück in den Ordner. »Warum ausgerechnet Opfer von Folter, Miss Strong?«

Über diese Frage hatte sie lange nachgedacht, denn sie hatte geahnt, dass man sie ihr früher oder später stellen würde. Sie hatte sich sogar ein paar Antworten zurechtgelegt – nette und passende –, nur klang keine davon auch nur halbwegs überzeugend.

»Wie viel möchten Sie hören, Mrs. Navarro?«

»Das haben Sie mich schon einmal gefragt.«

»So viel ich bereit bin zu erzählen, haben Sie geantwortet. Sagen wir so: Ich habe beide Seiten von ein paar ziemlich hässlichen Sachen erlebt. Man hat etwas getan und muss damit leben, weil es zu einem gehört und immer noch zu einem gehören wird, wenn es Zeit ist zu gehen. Aber manchmal kommt das Ende schneller, als man denkt, und dann gefällt einem nicht, was man noch mit sich herumträgt.«

Rita Navarro erhob sich steif von ihrem Schreibtischstuhl. Caitlin rechnete schon damit, die Direktorin würde sich jetzt höflich von ihr verabschieden, stattdessen sagte sie: »Kommen Sie, Miss Strong, ich zeige Ihnen die Einrichtung. Schauen wir mal, ob es das ist, was Sie sich darunter vorstellen.«

4

Huntsville State Prison, Gegenwart

Cort Wesley Masters folgte dem Gefängniswärter T. Edward Jardine den langen Käfiggang hinunter in Richtung Freiheit.

»Wollte mich persönlich von Ihnen verabschieden, Mr. Masters«, sagte Jardine zu ihm.

»Eine ziemlich hohle Geste, finden Sie nicht?«, gab Masters scharf zurück. »Wenn man bedenkt, dass ich eigentlich nie hätte hier sein dürfen.«

Der stechende Geruch des Desinfektionsmittels, der sich mit dem Gestank von Urin und Fäkalien aus dem Zellenblock mischte, nahm immer weiter ab, je näher sie dem Ende des Gangs kamen. Masters hätte nie gedacht, dass er eines Tages den Klang seiner Stiefel auf dem verschlissenen Linoleum willkommen heißen würde. Die Stiefel waren das Einzige, das er mit in den Knast gebracht hatte und jetzt wieder mitnahm. Er bewegte die Zehen im Leder und fragte sich, wie viele Lebern, Nieren und Rippen wohl den metallverstärkten Kappen zum Opfer gefallen waren.

»Es ist nicht gut, wenn Sie gleich den ersten Tag Ihrer Freiheit verbittert beginnen«, sagte Jardine.

»Meine Verbitterung reicht länger zurück. Wollen Sie mir jetzt sagen, ich hätte keinen Grund dazu gehabt?«

Das hatte Jardine nicht vor. »Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?«

»Ist ’n freies Land, zumindest beim letzten Mal, als ich’s überprüft habe. Für die meisten jedenfalls.«

»Ich erwarte jetzt von Ihnen, dass Sie die nächste Phase Ihrer Rehabilitation nutzen.«

»Rehabilitation … so nennt ihr das also? Man hätte mich gar nicht einbuchten dürfen, verstehen Sie? Also gibt es da auch nichts, wofür ich mich rehabilitieren sollte. Hab ich recht?«

»Theoretisch, ja.«

»Bin froh, dass wir uns in diesem Punkt einig sind, Wärter. Der DNA-Test hat mich zweifelsfrei entlastet. Kein Freigang, keine Bewährung. Sie und ich, wir sind auf gleicher Augenhöhe, sprechen von Mann zu Mann. Wie ist der Ausblick von dort, wo Sie stehen?«

Jardines Oberlippe bebte kaum merklich. Masters sah, wie der Mann einen Blick über die Schulter warf, um nachzuschauen, wo der nächste Bulle stand. Masters grinste. Seine Zähne waren weißer als zu Beginn der Haft, eine Folge einer beinahe religiös-rituellen Einstellung, sich die Zähne zweimal am Tag zu putzen. Eins der Rituale, das er beibehalten hatte, um sich im Knast über die Runden zu retten.

»Keine Sorge, Wärter, ich tu Ihnen nichts«, sagte er und spürte, wie das enge Hemd sich über die hart antrainierten Muskeln seines Oberkörpers spannte. Die weit geschnittene Gefängnishose hing ein bisschen auf Taillenhöhe durch, und der Gürtel hatte nicht genug Löcher, um die Hose zu halten. Masters mochte diese Hosen nicht. Sie erinnerten ihn immer an die Latinos aus den Straßengangs, die ihre Hosen nie ganz hochzogen, weil es angeblich taffer wirkte, wenn man die Boxershorts sehen konnte.

»Sie haben es geschafft, sich fast fünf Jahre aus allen Schwierigkeiten rauszuhalten, Mr. Masters. An einem Ort wie diesem ist das eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, was für einen Ruf Sie haben. Und ich würde es bedauern, wenn Sie diese Leistung in den Wind schießen.«

»Ist nicht meine Absicht, das können Sie mir glauben.«

»Die Versuchung kann groß sein.«

»Mit dem Trinken hab ich gleich aufgehört, als ich hier reinkam.«

»Ich habe nicht vom Alkohol gesprochen, Mr. Masters.«

»Ach, von was dann?«

T. Edward Jardines Blick fiel auf Masters’ Hemd, als könne er durch den Stoff auf die Tätowierung darunter sehen. »Von Ihrem Tattoo. ›Die Rache ist mein.‹«

»Yeah?«

»Sorgen Sie dafür, dass es nur ein Slogan bleibt und keine Prophezeiung ist. Die Leute, die fälschlicherweise ins Gefängnis wandern, müssen das Verlangen bekämpfen, sich an denen zu rächen, die ihnen die Jahre hinter Gittern eingebrockt haben.«

»Das Tattoo hatte ich schon, bevor ich hierherkam, Wärter.«

»Ich glaube, Sie wollen mich nicht verstehen.«

»Ach ja?«

Jardines Augen verengten sich, als wollte er seinem Gegenüber ein Geheimnis anvertrauen. »An Ihrer Stelle, Mr. Masters, würde ich sämtliche Rechtsmittel zu Ihren Gunsten nutzen. Verklagen Sie die Texas Ranger und das forensische Labor, das Ihre Blutprobe untersucht hat. Verklagen Sie alle, die sonst noch an der Geschichte beteiligt waren. Das nur unter uns. Wenn jemand fragt – ich hab das nie gesagt, klar?«

»Die Dinge regle ich lieber auf meine Art, Wärter. Und wenn jemand fragt, hab ich das nie gesagt.«

Sie gelangten an das erste von insgesamt drei Sicherheitstoren, durch die Masters gehen musste, ehe er sich wieder als freier Mann fühlen durfte. Jenseits dieser Tore warf die Sonne ein anderes Licht auf die Welt als auf den Gefängnishof, auf dem er im Verlauf der letzten fünf Jahre jeden Tag eine Stunde lang seine Runden gedreht hatte. Er konnte es kaum abwarten, die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht zu spüren.

»Sie wären besser dran, wenn Sie diese Gelegenheit nutzen würden«, meinte Jardine. »Lassen Sie die Vergangenheit hinter sich. Fangen Sie neu an.«

Masters blieb stehen, ballte die Hände zu Fäusten und machte sie dann wieder auf. Ganz langsam, denn er mochte das Gefühl, wenn seine Finger sich in seine Handflächen bohrten. »Haben Sie schon mal etwas verloren, das Ihnen wirklich was bedeutet hat, Wärter?«

Jardine wollte auf diese Frage nicht eingehen, aber als er den Blick in Masters’ Augen sah, fragte er sich, ob der Mann es ihm verübeln würde, wenn er nichts sagte. »Meine Frau ist vor drei Jahren an Krebs gestorben.«

»Und Sie werden sie nicht zurückbekommen. Ich wette, das macht Ihnen zu schaffen. Sie liegen nachts wach, starren an die Decke und sind sauer, weil Sie nichts mehr daran ändern können. So ist es auch mit den fünf Jahren meines Lebens, die ich verloren habe, Wärter. Die kriege ich auch nicht mehr zurück.«

»Wenn Sie von Ihrer Frau und Ihren Söhnen sprechen …«

»Sie ist nicht meine Frau.«

»Ich …« Jardine unterbrach sich. Der Rest des Satzes blieb ihm im Hals stecken.

»Das geht Sie nichts an«, fuhr Masters fort, und das Dunkle seiner Augen schien das Weiße zu verdrängen. »Lassen Sie’s einfach.«

»Ich kann nichts mehr daran ändern, dass meine Frau nicht mehr da ist«, sagte Jardine, als er seine Stimme wiederfand. »Und Sie können nichts mehr ändern an den fünf Jahren.«

»Das werden wir sehen.«

Jardine reichte ihm einen Umschlag, in dem sich die Entlassungspapiere und ein Texas-Scheck in Höhe von fünfzig Dollar befanden. Er streckte Masters die Hand entgegen.

Masters nahm sie nicht.

»Haben Sie wirklich so viele Menschen umgebracht, wie die Leute immer sagen, Mr. Masters?«

»Keine Ahnung, Wärter. Da müssen Sie die Leute fragen.«

5

Huntsville, Gegenwart

Vom Gefängnis aus ging Masters in der sengenden Sonne zwei Blocks durch die verschlafene Stadt Huntsville zur Greyhound-Busstation. Der Schweiß lief ihm den Rücken hinunter, das Hemd klebte ihm am Körper. In diesem Moment sehnte er sich nach einer kalten Dusche und einer Duschkabine, die er ganz für sich allein hätte … ohne sich mit dem Rücken an die Kacheln drücken zu müssen, aus Angst, von hinten angegriffen zu werden.

Er beschloss, ein Ticket nach San Antonio zu lösen, um möglichst nah an zu Hause zu sein. Er würde etwas von dem Kleingeld nehmen; den Fünfzigdollarschein hatte er zuvor in der örtlichen Bank gewechselt und sich eine Packung Marlboro Lights gekauft. Er rauchte drei Zigaretten hintereinander, versuchte dabei, ruhiger zu werden und sich Zeit zu nehmen, die Menschen in der Stadt zu beobachten, aber es wollte ihm nicht gelingen. Die innere Anspannung haftete an ihm wie ein Gestank, den er nicht abwaschen konnte. Er vermutete, es lag an der frischen Luft. Wenn man sich im Knast erst daran gewöhnt hatte, in einem Drecksloch zu hausen, nicht größer als ein Schrank, war der Duft von Blumen oder der Geruch von Grillfleisch, der aus den Ventilatoren der Restaurants strömte, fremdartig … wenn nicht gar angsteinflößend.

Masters wusste, dass es in Huntsville neun Staatsgefängnisse gab, von denen The Walls als das bei Weitem gefährlichste galt, vielleicht sogar als schlimmste und gefährlichste Strafanstalt in den USA. In diesem Knast mischten sich die Gangs der Latinos, der Asiaten und Afroamerikaner mit Nazis, Bikern und allen möglichen Gewalttätern, die ihre schrecklichen Verbrechen wie Orden mit sich herumtrugen. Masters hatte immer gewusst, wie man den verrücktesten Typen am besten aus dem Weg ging. Gefährlich waren die völlig Durchgeknallten, die sich keiner Gang angeschlossen hatten und kein Zusammengehörigkeitsgefühl kannten, das ihren Taten ein Gegengewicht hätte verleihen können.

Zuerst hetzten die Latinos ihm ein paar Loser auf den Hals, mit denen er schon im Osten von San Antonio Auseinandersetzungen gehabt hatte. Die dortigen Latino-Gangs wollten einfach nicht kapieren, wo ihr Territorium endete; sie meinten immer, es richte sich danach, wie viel sie anderen klauen konnten. Außerdem glaubten die Latinos, sie könnten alles mit ihren Waffen regeln. Masters hatte die Interessen des Branca-Clans vertreten, einer Familie, die nach Texas gekommen war, nachdem man sie aus Louisiana und Florida vertrieben hatte – teils aufgrund von Hurrikans, teils erbarmungsloser Gerichtsbarkeit wegen. Die Brancas hielten sich an die Regeln und erwarteten das auch von ihren Konkurrenten. Als diese Konkurrenten sich uneinsichtig zeigten, riefen die Brancas Masters zu Hilfe.

Ihm eilte ein gewisser Ruf voraus, der sich rasch unter den Latinos verbreitete. Vieles, was man über ihn erzählte, entsprach den Tatsachen, nur nicht die verrückten Storys: Angeblich hatte er schon ganze Familien ausgelöscht. Auf diese Weise entstanden Legenden, sodass er bei den Latinos gefürchtet war. Es war ohnehin nicht schwer, diesen Typen Angst einzujagen. Denn sie fühlten sich nur in der Gruppe stark und verließen sich immer darauf, dass die Seite gewann, die mehr Waffen hatte. Dauernd rekrutierten die Latinos Leute, halbe Kinder meistens, die eher durch ihre Tattoos auffielen als durch Mut. Sie ließen sich am ganzen Körper tätowieren, weil es ihrer Meinung nach zeigte, wie taff sie waren. Meistens klappte das auch – bis sie es mit Masters zu tun bekamen, der viel eindrucksvollere Bilder auf Körper malen konnte, allerdings nicht mit Tinte, sondern mit Blut. Wann immer er es auf einen Typen abgesehen hatte, erledigte er auch alle anderen, die gerade mit dem Betreffenden durch die Stadt zogen. Auf diese Weise schüchterte er die Latinos ein, bis sie teilweise übereinander herfielen.

Die Wärter in brutalen Gefängnissen wie The Walls hatten die Vorgänge im Knast längst nicht mehr unter Kontrolle. Sie verwalteten praktisch den tödlichen Sinn für Ordnung, den die Gefangenen sich gegenseitig auferlegt hatten. In Wirklichkeit hatten die Insassen das Sagen und sprachen Recht über diejenigen, die gegen irgendeinen Kodex verstoßen hatten, der zu der Zeit gerade aktuell war.

Masters versuchte immer, für sich zu bleiben, und wurde meistens in Ruhe gelassen – abgesehen von den jungen Verrückten, die sich draußen einen Namen machen wollten, indem sie eine Texas-Legende auszuschalten versuchten.

Er rauchte weiter an der Bushaltestelle und erkannte ein paar junge Mexikaner aus dem Knast wieder, die offenbar ihre Papiere für den Freigang bekommen hatten. Aber die Mexikaner schauten nie ein zweites Mal in seine Richtung. Ein Blick von ihm genügte, um den Kerlen klarzumachen, dass sie sich von ihm fernhalten sollten. Wahrscheinlich hatte man die Typen wegen irgendeiner Drogensache eingebuchtet, und jetzt kamen sie kampferprobt wieder heraus, als lebensmüde Irre, deren Seelen genauso missbraucht worden waren wie ihre Körper.

Vielleicht war ich der einzige Unschuldige da drin, ging es Masters durch den Kopf.

Er hatte für die Ironie des Schicksals nie viel übrig gehabt, doch angesichts dieser absurden Vorstellung war selbst er verblüfft. Da war er mit seinen krummen Touren all die Jahre jedes Mal davongekommen, nur um dann für etwas eingebuchtet zu werden, das er gar nicht getan hatte.

Er schnippte die Zigarette in den Rinnstein und sah, wie die Kippe verglühte.

Damals hatten ihn die Texas Ranger hinter Gitter gebracht. Die verdammten Ranger, die früher auf ihren Pferden durchs Land geritten waren. Masters hatte immer gedacht, die Jungs würden inzwischen den Verkehr regeln, bis ihn eine Rangerin am Haken hatte, als er gerade für den Branca-Clan in einer Bar in El Paso Geld eintreiben sollte. Die Bilder standen ihm noch heute lebhaft vor Augen; er erinnerte sich sogar noch an ein Plakat neben der Straße, auf dem eine Band namens The Rats für ihr Konzert warb. Es hätte lustig mit der Frau werden können, hätte ihm nicht der Ausdruck in ihren Augen verraten, dass er keine Chance hatte. Offenbar war die Kleine nicht wie jeder andere von seinem Ruf beeindruckt.

Ausgerechnet eine Frau!

Er war froh, dass diese Schmach nicht bis in den Knast gedrungen war. Aber irgendwann erwischte es jeden Mal. Wenn nicht die Frau, hätte ihn früher oder später ein anderer erwischt. So einfach war das.

Aber das bedeutete nicht, dass man den anderen nicht auch irgendwann erwischte.

6

San Antonio, Gegenwart

»Fast alle unserer Patienten sind Flüchtlinge«, erklärte Navarro Caitlin und zog die Bürotür hinter sich zu. »Ausländer, die das Glück hatten, Asyl in den USA zu bekommen. Das mit dem Glück meine ich natürlich ironisch, weil viele dieser Leute ihre Familien zurücklassen mussten oder Schlimmeres durchlebt haben. Egal, wo sie waren, sie ließen ein Stück von sich zurück, im übertragenen wie wörtlichen Sinne. Verstehen Sie? Die Narben, die fehlenden Gliedmaßen, die Brandmale, der Schmerz in ihren Augen. Dann weiß man, welche körperlichen Qualen sie ertragen haben, unter denen sie oft immer noch leiden. Aber hier behandeln wir den mentalen Schmerz, die emotionalen Qualen.«

Caitlin nickte und betrachtete Navarro im düsteren Licht des Gangs. An der Decke, hinter den rechteckigen Glasabdeckungen, fehlten viele Lampen; die Glühbirnen waren durchgebrannt und nie ersetzt worden. Caitlin wusste, dass in vielen älteren Gebäuden die Fensterrahmen durch Feuchtigkeit aufgequollen waren und man deshalb kaum noch ein Schiebefenster aufmachen konnte. Oft zerbrachen die Scheiben, wenn man zu stark am Fenster riss.

»Diese Opfer leben in einem ständigen Albtraum, aus dem sie nicht erwachen können«, fuhr Navarro fort. »Die meisten leiden an einer Art von PTBS, einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das bedeutet, sosehr sie sich auch von ihrer Vergangenheit lösen wollen, sie können es nicht. Viele, wenn nicht alle, haben Angehörige verloren – Eltern oder Kinder, die wir ihnen auch in unserer Behandlung nicht wiederbringen können.«

»Wie sieht es mit Medikamenten aus?«

»Da gibt es verschiedene Herangehensweisen. Wir arbeiten viel mit Antidepressiva und Tranquilizern gegen die Angst, je nach Fall. Psychopharmaka werden als letztes Mittel verschrieben, wenn ein Patient in Gefahr schwebt, sich selbst etwas anzutun.«

Sie schlenderten weiter, schienen aber kein spezielles Ziel zu haben, als wäre es Navarros Absicht, dass Caitlin alles auf sich wirken ließ, was sie unterwegs zu sehen bekam. Sollte der Rundgang abschreckend wirken?, fragte Caitlin sich. In der Stellenausschreibung hatte Navarro nach einer »Beraterin/Therapeutin« gesucht, aber sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass eine Frau wie Caitlin Strong zum Vorstellungsgespräch erscheinen würde – mit diesen Referenzen.

Das Survivor Center – das Zentrum für die Opfer von Folter und Gewalt – war in einer ehemaligen offenen Anstalt untergebracht, in einer Straße, die ziemlich weit von San Antonios berühmtem Riverwalk entfernt lag. Dennoch konnte man von dort aus die Fassade des Alamo sehen. Nachdem die offene Anstalt für Straffällige geschlossen worden war, diente das Gebäude als Ambulanz, bis schließlich das Survivor Center dort einzog, ausgestattet mit beträchtlichen Stiftungsgeldern. Caitlin wusste, dass viele dieser Gelder von international tätigen Organisationen kamen, von UNICEF zum Beispiel, von katholischen und jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen und von Verbänden, die manche Länder nur deshalb ins Leben gerufen hatten, um sich von einer nationalen Schuld reinzuwaschen.

Am Ende des schäbigen Flurs blieb Rita Navarro vor den Treppen und dem Aufzug stehen. Die Türen zu beiden Seiten führten zu Behandlungsräumen, die im Augenblick besetzt waren. »Unserer Belegschaft gehören achtzig Mitarbeiter an, Angestellte und Selbstständige. Sie sind Psychiater, Sozialarbeiter, Anwälte, Ärzte und Dolmetscher. Die Dolmetscher sind besonders wichtig, da viele unserer Patienten schlecht Englisch sprechen, wenn überhaupt. Das Gute daran ist, dass eine ganze Reihe dieser Dolmetscher ehemalige Patienten sind.«

»Erfolgreiche Absolventen also«, sagte Caitlin und bereute die Bemerkung sofort.

»So etwas gibt es nicht«, erklärte Navarro. »Die Therapien von Folteropfern und Alkoholikern haben eins gemeinsam: Die Tatsache, dass man ein Opfer war, bleibt immer bestehen. Wenn man Glück hat, lernt man damit zu leben.«

»Verstehe.«

»Tatsächlich?«

»Ich habe mal im Zentrum für die Kriegsveteranen des Irakkriegs gearbeitet«, erklärte Caitlin.

Rita Navarros Miene verdüsterte sich. »Und Sie meinen, dass Sie das qualifiziert?«

»Das hoffe ich jedenfalls.«

»Sie irren sich. Nichts kann Sie für das qualifizieren, was Sie hier sehen und hören werden, wenn Sie überhaupt so lange durchhalten.«

»Ich steige nie schnell aus, Ma’am.«

»Warum sind Sie dann nicht mehr bei den Texas Rangern?«

»Eine simple Frage, auf die es wohl nur eine komplizierte Antwort gibt.«

»Lassen Sie hören.«

»Ich habe zu diesem Thema alles gesagt.«

»Dann sollten Sie sich vielleicht weiter für verwundete Kriegsveteranen engagieren.« Navarros Blick war so hart und stechend, dass Caitlin unweigerlich an einen hartgesottenen Kriminellen denken musste, der kurz davor war, zur Waffe zu greifen.

»Wie fühlt es sich an?«, fragte Navarro plötzlich und trat so dicht vor Caitlin, dass diese einen Schritt zurückwich.

»Was meinen Sie?«

»Hilflos zu sein. Wenn jemand anders da ist, der alles in der Hand hat.«

»Ma’am?«

»Was man unseren Patienten körperlich angetan hat, so abscheulich es auch gewesen sein mag, ist nichts im Vergleich zu dem, was man ihnen seelisch zugefügt hat, und damit müssen sie den Rest ihrer Tage leben. Sie haben Narben auf ihren Seelen. Falls Sie glauben, dass es reichen wird, diesen Leuten etwas vorzulesen oder Händchen zu halten, sind Sie hier falsch, Miss Strong.«

Caitlin straffte die Schultern, wie sie es als kleines Mädchen immer vor dem Spiegel getan hatte, um ...

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