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Die Rache des stolzen Griechen

1. KAPITEL

Clare war oben im ersten Stock mit Bettenmachen beschäftigt, als unten im Flur das Telefon klingelte. Bestimmt nicht für mich, dachte sie. Trotzdem lief sie zur Treppe für den Fall, dass Bruce, der ältere ihrer beiden Brüder, draußen war und das Klingeln nicht hörte.

Sie war gerade am Treppenabsatz angelangt, als das Klingeln aufhörte. „Hey, das ist eine super Idee!“, hörte sie Bruce einen Moment später ausrufen. „Zehn Tage, sagst du? Klar komme ich mit!“

Clare musste lächeln. Sie hing sehr an ihren beiden Brüdern Bruce und Kit und freute sich mit ihnen, wenn es eine gute Nachricht gab. Als sie sich umdrehte und wieder nach oben gehen wollte, fiel ihr jedoch auf, dass Bruce’ Stimme plötzlich resigniert klang.

„Tut mir leid, Rob, aber gerade ist mir eingefallen, dass ich doch nicht mitkommen kann. Meine Eltern sind verreist, und ich habe meinem Vater versprochen, verschiedene Arbeiten zu erledigen, bis sie zurückkommen.“

ClarerunzeltedieStirn. Arbeiten? Ihre Elternwaren zwar gestern nach Frankreich in Urlaub gefahren, aber Dad hatte Bruce ganz sicher nicht mit irgendwelchen Arbeiten beauftragt.

„Trotzdem besten Dank, Rob“, redete Bruce weiter. „Wär toll, wenn es ein andermal klappen würde.“

Rob Edmonds war der beste Freund ihres Bruders und ein ebenso leidenschaftlicher Höhlenkletterer wie er. Hatte er Bruce auf eine Höhlenwanderung mitnehmen wollen?

Bestimmt wäre Bruce gern mitgekommen, dachte Clare unglücklich, während sie wieder nach oben ging. Er und Kit hatten ebenso Urlaub wie ihre Eltern, denn das familieneigene Architekturbüro war für zwei Wochen geschlossen. Ihre Eltern hatten es so arrangiert, damit immer einer ihrer Brüder bei ihr zu Hause war.

Das alte Schuldgefühl regte sich wieder in ihr. Sie hatte die wundervollste Familie der Welt, und nach ihrem schrecklichen Erlebnis vor fünf Jahren, das ein so großer Schock für sie gewesen war, dass sie für längere Zeit ihre Sprache verloren hatte, war sie ihnen für ihre Unterstützung sehr dankbar gewesen. Doch jetzt war sie zum größten Teil darüber hinweg, und ihre Familie brauchte ihretwegen keine Opfer mehr zu bringen.

Bruce war sechsundzwanzig, Kit vierundzwanzig. Beide hatten ihren Freundeskreis und gingen gern aus, doch wenn es sich so ergab, dass beide Elternteile unverhofft wegfahren mussten wie damals, als Großvater starb, würde zumindest einer ihrer Brüder alle Pläne fallen lassen, damit Clare über Nacht nicht allein im Haus war. Und so wie es sich anhörte, hatte Bruce gerade ihretwegen abgelehnt, mit Rob auf eine längere Höhlenexpedition zu gehen, da ihre Eltern im Urlaub waren.

Nein, das konnte sie nicht zulassen! Entschlossen ging Clare nach unten. Bruce war in der Küche, wo er gerade die Kaffeemaschine füllte.

„Möchtest du auch eine Tasse, Clare?“

„Gern.“ Lächelnd blickte sie zu ihrem Bruder auf, der sie um mehr als einen Kopf überragte.

Innerlich zitterte sie jedoch ein wenig vor dem, was sie ihm sagen wollte. Ihr wurde bewusst, dass sie noch nie im Leben eine eigene Entscheidung getroffen hatte. Bisher hatte ihre Familie ihr immer alles abgenommen. Doch allmählich war es an der Zeit, dass sie sich abnabelte.

Sie ließ sich am Küchentisch nieder und sah zu, wie Bruce den Kaffee in zwei Tassen goss. „Hat Rob dich gefragt, ob du mit ihm Höhlenklettern gehen willst?“, erkundigte sie sich, nachdem er sich zu ihr gesetzt hatte.

Seine Miene verriet ihr, dass ihre Vermutung stimmte. Clare nahm ihren ganzen Mut zusammen und fuhr fort: „Bruce, dass du für Dad irgendwelche Arbeiten erledigen musst, war doch nur eine Ausrede. Ich habe genau gehört, wie er zu dir und Kit gesagt hat, dass es im Büro in den nächsten zwei Wochen nichts zu tun gibt, das nicht bis nach dem Urlaub warten könnte.“

Verblüfft schaute Bruce Harper seine Schwester an. Diesen bestimmten Tonfall kannte er ja gar nicht an ihr!

„Ach, Bruce!“ Sie stieß einen Seufzer aus. „Ich verderbe euch allen den ganzen Spaß. So ist es doch, oder? Ich merke genau, dass du nur meinetwegen Rob nicht begleiten willst.“

„Sei nicht albern, Clare. Ich hatte keine Lust und redete mich mit Arbeiten für Dad heraus, weil mir auf die Schnelle nichts Besseres einfiel.“

Sie schüttelte den Kopf. Sie dachte an die Begeisterung in Bruce’ Stimme, als er mit Rob am Telefon gesprochen hatte, und fragte sich im Stillen, auf wie viele Vergnügungen ihre Brüder ihretwegen schon verzichtet hatten.

„Ich glaube dir kein Wort. Wann will Rob fahren? Heute?“

„Gegen Mittag“, erwiderte Bruce überrumpelt.

„Dann ist noch genug Zeit“, entschied Clare. Sie warf einen kurzen Blick auf die Küchenuhr. „Jetzt ist es fünf nach zehn, und in einer halben Stunde hast du deine Kletterausrüstung leicht gepackt. Nun mach schon und ruf Rob zurück. Ich packe inzwischen deine anderen Sachen.“

„Hey, nicht so schnell!“, protestierte ihr Bruder, als sie aufstand.

Clare konnte ihm ansehen, dass er sich nicht überreden lassen wollte.

„Bitte, Bruce!“, drängte sie. „Ich bin doch so ziemlich über die Sache hinweg, das weißt du selbst. Außerdem ist Kit ja hier.“

„Ja, aber er könnte heute Abend etwas vorhaben“, wandte Bruce ein. Wobei er ungewollt zugab, dass sie alle sorgfältig darauf achteten, dass sie abends und nachts nie allein war.

Clare verzichtete darauf, deswegen eine Diskussion zu beginnen. „Dann kann er mich bei Tante Katy abliefern und auf dem Rückweg wieder abholen. Aber ich glaube kaum, dass er ausgehen will, denn er wollte heute sein Auto reparieren. Im Moment ist er unterwegs, um Ersatzteile zu besorgen.“

Clare ließ nicht locker und redete weiter auf ihn ein. Nachdem Bruce eingesehen hatte, wie scheußlich sie sich fühlen würde, wenn er um ihretwillen auf diesen Trip verzichtete, ging er schließlich, um Rob zurückzurufen und ihm zu sagen, dass er mitkommen würde.

Um Viertel vor zwölf war Bruce fertig. Doch er machte keine Anstalten, sich zu verabschieden, sondern hielt durchs Fenster Ausschau nach Kit.

„Wahrscheinlich hat er Schwierigkeiten, in Guildford die Teile zu bekommen, die er braucht“, meinte Clare. „Nun fahr schon endlich, und lass Rob nicht so lange warten.“

Rob wandte sich vom Fenster ab. „Ich hätte gern noch ein Wort mit Kit geredet, da ich nicht weiß, wo wir in North Yorkshire bleiben werden und wann ich Gelegenheit haben werde anzurufen.“

„Bruce Harper“, versetzte Clare streng. „Hast du vergessen, welche Mühe es uns gekostet hat, Mum und Dad zu überzeugen, dass sie während ihres Urlaubs uns und unser kleines Halesbridge vergessen und auch nicht anrufen sollen? Bitte erspar mir den Stress, bei dir das Gleiche tun zu müssen.“

„Du wirst ja richtig streng auf deine alten Tage“, zog Bruce seine neunzehnjährige Schwester auf, versprach jedoch, jedem Telefon aus dem Weg zu gehen.

„Wahrscheinlich taucht Kit im selben Moment auf, in dem du die Straße entlangfährst“, drängte Clare, als Bruce immer noch zögerte. „Bitte geh endlich.“

Eine warme Augustsonne empfing sie, als sie ihrem Bruder hinaus zum Auto folgte und ihm eine gute Fahrt wünschte. Mit dem befriedigenden Gefühl, ihren Willen durchgesetzt zu haben, kehrte sie ins Haus zurück.

Clare beschloss, eine Ladung Wäsche zu waschen, und war dann froh, als die Stille im Haus von dem vertrauten Rumpeln der Waschmaschine unterbrochen wurde. Anschließend erledigte sie noch andere Hausarbeiten. Seit sie aus der Schule gekommen war, half sie ihrer Mutter, die den ganzen Tag im Immobilienbüro eingespannt war, im Haushalt. Zwar würde sie irgendwann eine Ausbildung beginnen müssen, aber darüber war im Familienkreis noch keine konkrete Entscheidung gefallen. Ihre Eltern und Brüder befürchteten, dass sie in der rauen Welt dort draußen nicht zurechtkommen könnte, und wollten sie so lange wie möglich zu Hause behalten.

Sie war ihnen dankbar für ihre Fürsorge, aber etwas in ihrem Inneren begann sich mehr und mehr gegen dieses isolierte Leben zu sträuben. Es war nicht nur das schlechte Gewissen, weil alle sich für sie verantwortlich fühlten.

Zwei Uhr! Kit verspätete sich ganz ordentlich. Sie warf einen Blick durchs Fenster, und im selben Moment sah sie seinen Spitfire Sportwagen in einer Staubwolke in die Einfahrt einbiegen.

Clare runzelte die Stirn. War etwas geschehen, dass er es so eilig hatte? Sonst fuhr er immer ziemlich vorsichtig.

Rasch lief sie nach draußen.

„Hey, Kit, was ist los?“, rief sie, kaum dass er den Motor abgestellt hatte.

Mit einem breiten Lächeln schaute er sie an. Er war ebenso hoch aufgeschossen wie sein älterer Bruder, doch im Gegensatz zu ihm hatte er blondes Haar wie Clare.

„Wie würde es dir gefallen …“, begann er und machte eine kleine Pause, um die Spannung zu erhöhen, „… wenn wir beide zwei tolle, unvergessliche Wochen in Athen verbringen?“

„Athen?“, wiederholte Clare verblüfft. „Griechenland?“

Aufgeregt berichtete Kit von dem Gespräch mit seinem Freund Peter Nolan, den er getroffen hatte, als er auf seine Ersatzteile warten musste. Peter und seine Verlobte Lynn hatten am Abend nach Athen in Urlaub fliegen wollen, doch dann war Lynn plötzlich an Masern erkrankt.

„Du erinnerst dich bestimmt noch daran, dass ich meinem alten Freund die Pläne für sein neues Haus umsonst erstellt hatte, damit er sich diesen Urlaub leisten konnte. Nun hat er mir seine beiden Tickets angeboten und auch das Ferienapartment, das er für diese zwei Wochen gemietet hat. Na, was hältst du davon? Wollen wir uns in dieses Abenteuer stürzen?“

Auch Clare spürte eine freudige Erregung in sich aufsteigen, als sie in Kits unternehmungslustig blitzende blaue Augen sah. Sie hatte schon viele Reisebücher gelesen, und Griechenland hatte es ihr besonders angetan. Kit schwärmte ebenfalls davon und war sogar schon drauf und dran gewesen, einen Urlaub dort zu buchen, aber dann hatte er das Geld in den Kauf seines Spitfire gesteckt.

Schwungvoll sprang Kit über die niedrige Tür seines Sportwagens. Während sie aufs Haus zugingen, hatte er den Arm lässig um Clares Schultern gelegt. Voller Begeisterung redete er von all den Dingen, die sie in Athen unternehmen konnten, ohne zu bemerken, dass seine Schwester immer schweigsamer wurde.

„Wo ist Bruce?“, fragte er, als sie die Küche betraten. „Er könnte doch nachkommen, falls er einen passenden Flug erwischt.“

Clares Begeisterung darüber, Athen als Touristin zu erleben, war bereits erloschen. Ihr war bewusst geworden, wie unfair es wäre, wenn sie mit Kit nach Griechenland flog, nachdem sie Bruce gerade zu einem Urlaub mit seinem Freund überredet hatte. Auch Kit hatte das Recht auf seinen eigenen Urlaub, ohne auf seine kleine Schwester aufpassen zu müssen. Angestrengt überlegte sie, wie sie Kit dazu bringen konnte, ohne sie zu fahren.

„Kit, sei mir bitte nicht böse, wenn ich dich nicht begleite“, bat sie. „Weißt du, ich habe mir vorgenommen, Mum und Dad bei ihrer Rückkehr mit neuen Vorhängen im Wohnzimmer zu überraschen. Mum hat bereits einen Stoff gefunden, der ihr gefällt, den werde ich besorgen.“

Ihr Bruder schaute sie verblüfft an. „Du willst mir doch nicht im Ernst weismachen, dass du lieber zu Hause bleibst und Vorhänge nähst, als mit mir nach Griechenland zu fliegen?“

Clare versicherte ihm so glaubwürdig wie möglich, dass sie das tatsächlich vorhatte. Sie musste es einfach schaffen, dass Kit ohne sie flog, bevor er herausfand, dass Bruce weggefahren war. Denn er würde sie auf keinen Fall allein lassen, das wusste sie.

„Mach doch keine Witze“, meinte Kit kopfschüttelnd. „Neue Vorhänge kannst du jederzeit nähen, aber die Gelegenheit zu einem beinahe kostenlosen Urlaub in Griechenland bietet sich so schnell nicht wieder.“

„Flieg nur allein“, beharrte Clare, während sie gleichzeitig überlegte, wie sie Bruce’ Abwesenheit erklären sollte. „Bruce ist ja auch noch da.“

Kit schien alles andere als überzeugt. „Wo steckt er überhaupt?“

„Er wollte sich mit Angela in Guildford treffen“, schwindelte Clare. „Er ist erst seit ein paar Minuten weg. Bist du ihm nicht begegnet?“

„Nein. Vermutlich hat er den anderen Weg genommen. Bis wann wollte er zurück sein?“

„Gegen sechs Uhr. Ganz bestimmt nicht später.“

„Das ist zu spät. Um diese Zeit muss ich schon am Flughafen sein.“

Dass er ‚ich‘ und nicht ‚wir‘ gesagt hatte, ließ Clare hoffen, dass sie doch noch ihren Willen bekam. Aber es kostete sie dann nicht weniger Mühe als bei Bruce, Kit zu überreden, ohne sie zu fliegen.

Die Stille, die nach Kits Abschied im Haus einkehrte, störte Clare nicht sehr. Doch als die Dunkelheit hereinbrach und sie vor allen Fenstern die Vorhänge zuzog und an beiden Haustüren die Sicherheitsketten vorlegte, bekam sie Angst vor der eigenen Courage.

Sie stellte den Fernseher an und war froh, als die vertrauten Geräusche den Raum füllten. Schlimm wurde es erst, als sie zu Bett ging. Ihre Nerven lagen so blank, dass sie mit dem Gedanken spielte, unten auf dem Sofa zu schlafen. Hier oben in ihrem Zimmer empfand sie die Einsamkeit besonders stark. Wenn sie doch nur Schlaftabletten hätte! Aber die hatte sie schon vor langer Zeit abgesetzt. Was wäre, wenn diese grauenvollen Albträume zurückkehrten? Daran hatte sie überhaupt nicht gedacht, als sie ihre Brüder wegschickte.

Clare ließ das Licht an und beruhigte sich damit, dass diese schlimmen Albträume sie nur noch ganz selten heimsuchten. Es musste schon mindestens sechs Wochen her sein, dass ihre Angstschreie die ganze Familie aus dem Bett getrieben hatten.

Sie versuchte zu lesen, doch bei jedem Geräusch im Haus huschte ihrBlickängstlichzurTür. Ärgerlich aufsichselbst, weil sie gar so ein Angsthase war, legte sie das Buch zur Seite und zog sich die Decke über den Kopf. Sollte sie nicht lieber ihre Tante Katy bitten, bei ihr so lange übernachten zu dürfen, bis Bruce wieder zurück war?

Nach einer schrecklichen Nacht, in der Clare jede Stunde auf die Uhr gesehen hatte, fiel sie im Morgengrauen endlich in einen tieferen Schlaf. Als sie um acht Uhr aufstand, fühlte sie sich ausgeruht und war stolz auf sich, dass sie es geschafft hatte, eine Nacht ganz allein im Haus zu verbringen. Jeder Gedanke, bei Tante Katy zu schlafen, war vergessen.

Die Nacht von Sonntag auf Montag verlief nicht anders. Stundenlang konnte Clare keinen Schlaf finden und war unendlich erleichtert, als es Zeit war, aufzustehen.

Am Montagabend um die Schlafenszeit wollte sie wieder aller Mut verlassen. Wäre es nicht schon so spät und draußen dunkel gewesen, hätte sie sich in den Mini gesetzt, der ihr und ihrer Mutter gemeinsam gehörte, und wäre zu Tante Katy gefahren.

Schlaflos wälzte sie sich im Bett hin und her. Als sie kurz nach Mitternacht plötzlich hörte, wie ein Auto in die Einfahrt fuhr, schoss sie alarmiert in die Höhe.

Jetzt wurde eine Wagentür zugeschlagen. Vor Furcht setzte Clare beinahe das Herz aus. Einen grauenvollen Augenblick lang konnte sie sich nicht einmal daran erinnern, wo das Telefon stand, um jemanden um Hilfe zu rufen. Ihr Gehirn schien vor Schreck ebenso gelähmt zu sein wie ihre Beine. Bis ihr dann wieder einfiel, dass das Telefon unten in der Diele stand. Doch auf keinen Fall würde sie jetzt die Treppe hinuntergehen.

Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Als es einen Moment später an der Haustür klingelte, unterdrückte sie einen Schreckenslaut. Vielleicht würde dieser Jemand wieder verschwinden, wenn sie sich nicht rührte. Doch da klingelte es zum zweiten Mal, und ihr wurde bewusst, dass man von unten das Licht in ihrem Zimmer sehen konnte. Sekundenlang blieb es still, dann hämmerte jemand mit den Fäusten gegen die Haustür.

Nervös kaute Clare auf ihrer Unterlippe. Obwohl sie vor Angst zitterte, fand sie schließlich den Mut, in ihren Morgenmantel zu schlüpfen und sich auf Zehenspitzen nach unten zu schleichen.

Als es erneut an die Haustür pochte, zuckte sie heftig zusammen. „Wer … wer ist da?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

Einen Moment lang herrschte Stille. Dann sagte eine tiefe männliche Stimme etwas von Kit – von Kit und einem Unfall.

Oh nein! Zu Clares Angst um ihre Sicherheit gesellte sich die Angst um ihren Bruder. In der Meinung, draußen stehe ein Polizist, knipste sie das Flurlicht und die Außenbeleuchtung an. Dann öffnete sie die Tür so weit, wie es die Sicherheitskette zuließ.

Es war jedoch kein Polizist, der draußen stand, zumindest kein uniformierter. Der Mann hatte schwarzes Haar, ein sonnengebräuntes Gesicht und war deutlich über einsachtzig groß. Erneut erfassten sie Angst und Misstrauen.

„Bitte verzeihen Sie die späte Störung“, sagte der Fremde in tadellosem Englisch, wenn auch mit leichtem Akzent. „Kann ich bitte Mr. Edward Harper sprechen? Es ist sehr dringend.“

Bei seinem charmanten Lächeln legte Clares Angst sich ein wenig. Aber sie hatte auch gelernt, keinem Fremden zu trauen.

„In welcher Angelegenheit?“, erkundigte sie sich. Dann fiel ihr ein, dass er etwas von Kit und einem Unfall gesagt hatte. „Mein Bruder! Sagten Sie, Kit habe …“

„Sie müssen Clare sein“, unterbrach er sie. „Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine gute Nachricht überbringe. Ihr Bruder hatte einen Unfall. Vor etwa einer Stunde erreichte mich in meinem Londoner Hotel ein Anruf von meinem Bruder in Griechenland. Da der Unfall auf meinem Grund und Boden passiert ist, wollte ich Ihre Familie persönlich darüber informieren.“

Alle Farbe war aus Clares Gesicht gewichen. „Er … Kit … er ist doch nicht etwa tot?“

„Nein, nein“, versicherte der Fremde rasch. „Sein Zustand ist ernst, aber nicht lebensbedrohlich.“ Er machte eine kleine Pause und blickte sie aufmunternd an. „Wenn ich kurz hereinkommen und mit Ihrem Vater sprechen dürfte?“

Die Angst um ihren Bruder ließ Clare alle Vorsicht vergessen. Sie musste wissen, was passiert war und was sie tun konnte, um Kit zu helfen.

„Einen Moment bitte.“ Rasch löste sie die Sicherheitskette. Dabei dachte sie mit keinem Gedanken daran, wie sie mit ihrem dünnen Morgenmantel und ihren zerzausten hellblonden Haaren auf ihn wirken mochte. Sogar ihre Schüchternheit war vergessen, die sie Fremden gegenüber normalerweise an den Tag legte, als sie jetzt die Tür öffnete und den Mann hereinließ.

Obwohl sie selbst ziemlich groß war, kam sie sich eher klein vor, als er an ihr vorbeiging. Er war schlank wie sie, doch seine breiten Schultern verrieten kraftvolle Muskeln. Für einen angstvollen Moment sah sie den Blick seiner dunklen Augen auf ihrem Haar ruhen, als könnte er nicht glauben, dass das helle Blond echt war. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle.

„Soll ich hier warten, während Sie Ihren Vater rufen?“, fragte er höflich.

Vor Verlegenheit fuhr Clare sich mit den Fingern durchs Haar, womit sie seine Aufmerksamkeit erneut anzog. Mit rotem Kopf bat sie ihn, ihr ins Wohnzimmer zu folgen, und bot ihm einen Platz in einem Sessel an.

„Mein Name ist Lazar Vardakas“, stellte er sich vor und setzte sich. „Wenn Sie Ihrem Vater bitte sagen würden …“

„Meine Eltern befinden sich auf einer Urlaubsreise durch Frankreich“, erklärte sie und setzte sich ihm gegenüber.

„Oh.“ Lazar Vardakas schien überrascht. „Aber soviel ich weiß, haben Sie noch einen anderen Bruder. Bruce, richtig? Vielleicht kann ich stattdessen mit ihm sprechen?“

Clare fand es ein wenig seltsam, dass er offenbar nur den männlichen Familienmitgliedern zutraute, mit schlechten Nachrichten fertig zu werden. Doch noch mehr wunderte sie sich darüber, dass dieser Lazar Vadarkas so gut über ihre Familie Bescheid wusste. Aber vielleicht hatte Kit sich mit dessen Bruder angefreundet und ihm ein wenig über sie erzählt.

„Bruce ist ebenfalls verreist“, erwiderte sie, was ihn noch mehr zu überraschen schien. „Sie sagten, Kits Zustand sei ernst?“

„Sie sind also ganz allein im Haus?“, wunderte er sich, ohne auf ihre Frage einzugehen.

Vor einer halben Stunde noch hätte die Vorstellung, dass sie in ihrem dünnen Morgenmantel mit einem wildfremden Mann im Wohnzimmer sitzen würde, den reinsten Horror in ihr ausgelöst. Seltsamerweise empfand sie jetzt nicht mehr die geringste Angst vor ihm.

„Ja, ich bin allein“, gab sie zu. „Kit weiß nicht, dass Bruce für mehrere Tage weggefahren ist. Ich habe ihm nichts davon gesagt.“ Zu ihrem Ärger wurde sie rot. Wie sollte sie diesem Fremden erklären, aus welchem Grund sie ihren Bruder beschwindelt hatte? Ihr war es ja selbst nicht ganz klar, außer dass sie schon seit einer Weile diesen Drang nach ein klein wenig Unabhängigkeit verspürte. Aber wie sehr wünschte sie jetzt, ihre Familie wäre bei ihr!

Lazar Vardakas schien ihr Erröten nicht zu bemerken. „Ich hätte lieber mit den Männern Ihrer Familie gesprochen“, sagte er mit seiner angenehmen Stimme. „Allerdings hatte ich gehofft …“ Er unterbrach sich und ließ offen, was er gehofft hatte. Stattdessen begann er, von Kits Unfall zu berichten.

„Ich besitze eine kleine Insel, sie heißt Niakos, wo mein Bruder Aeneas ein paar Tage Urlaub machte. Wie und wo er Ihren Bruder kennengelernt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Anscheinend fand Aeneas ihn sympathisch, denn normalerweise laden wir keine Touristen auf die Insel ein. Jedenfalls hat Ihr Bruder besonderen Gefallen an einem der Pferde gefunden, die wir dort halten. Da Aeneas glaubte, er sei ein erfahrener Reiter, hat er ihm erlaubt, es zu reiten.“ Mit ernster Miene fügte er hinzu: „Ich bedauere es sehr, dass Ihr Bruder so schwer gestürzt ist.“

„Oh.“ Clare biss sich auf die Lippe. Armer Kit! Er ritt nur ganz selten, denn sein ganzes Interesse gehörte seinem Sportwagen. Sicher hatte er sich überschätzt, als er glaubte, ein fremdes, möglicherweise halb wildes Pferd reiten zu können. „Welche Verletzungen hat er genau?“

„Er hat eine schwere Gehirnerschütterung. Selbstverständlich wurde umgehend ein Arzt aus Athen geholt. Dieser meinte, Ihr Bruder habe großes Glück gehabt und würde ohne Komplikationen genesen. Das einzige Problem ist …“ Er sprach nicht weiter, als scheute er sich davor, ihr noch mehr Kummer zuzufügen.

Neue Angst um ihren Bruder stieg in ihr auf. „Das einzige Problem ist was?“

Eingehend studierte er das Muster des Teppichs zu seinen Füßen, bevor er den Kopf hob und sie ernst anblickte. „Nun, um Ihnen die Wahrheit zu sagen – Ihr Bruder scheint vor Sorge um Sie, seine kleine Schwester, zu vergehen, auch wenn er nicht richtig bei Bewusstsein ist.“

Clare hätte schreien mögen. Nur zu gut konnte sie sich vorstellen, wie Kit, der wie ihre restliche Familie ständig um sie besorgt war, hilflos dalag und nicht wusste, wie er sie beschützen sollte.

„In seinem Delirium hat er immer wieder von seiner Familie gesprochen, hauptsächlich von Ihnen. Die Sorge um Sie lässt ihn nicht zur Ruhe kommen und verzögert seine Genesung.“

„Armer Kit!“, sagte sie abermals, während sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Irgendwie spürte sie, dass Lazar Vardakas ihr längst nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte.

„Da der Unfall auf meinem Besitz und mit einem meiner Pferde passiert ist, fühle ich mich natürlich verantwortlich“, fuhr er fort. „Ich werde noch heute Nacht nach Griechenland fliegen und sehen, was ich tun kann.“

„Werden Sie denn um diese Zeit einen Flug bekommen?“, hörte Clare sich fragen, als hätte sie keine anderen Sorgen.

„Mein Privatflugzeug steht bereit“, erklärte er. Für ihn schien es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Wie gesagt, ich hatte gehofft, Ihren Vater oder Ihren anderen Bruder mitnehmen zu können. Haben Sie eine Adresse, unter der ich Ihre Eltern erreichen kann?“

Clare schüttelte den Kopf. Eine Idee war ihr gekommen, und sie fragte sich, ob sie den Mut aufbringen würde, ihn in die Tat umzusetzen. „Meine Eltern touren durch Frankreich. Ich habe keine Ahnung, wo sie sich gerade aufhalten.“

„Und Ihr Bruder Bruce? Haben Sie seine Urlaubsadresse?“

„Nein, leider nicht“, erwiderte sie, wobei sie wieder leicht errötete. Was musste dieser Mann von ihr denken? Sie hatte einmal gelesen, dass die Griechen einen ausgeprägten Familiensinn besaßen. „Ich weiß, es muss merkwürdig für Sie klingen, aber meine Familie hat keine Ahnung, dass ich ganz allein zu Hause bin. Ich … ich habe Kit angeschwindelt.“

Lazar Vardakas stand auf. Er schien sich über ihre Worte keine großen Gedanken zu machen. Aber sie konnte ihn jetzt nicht einfach gehen lassen. Irgendwie musste sie es schaffen, ihn zu fragen, ob er sie mitnehmen würde. Angst brauchte sie sicher keine vor ihm zu haben.

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